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Eine fast sakrale
Atmosphäre:
Beim Buchmachen
findet jeder Arbeitsschritt in einem
­anderen Zimmer
statt. Hier steht
­Stephan Burkhardt
in seiner Setzerei.
Altes Handwerk
Buchkunst
aus Vättis
Stephan Burkhardt und Hans-Ulrich Frey drucken in ihrer Offizin
Parnassia in Vättis SG im Taminatal Bücher wie zu Guten­bergs
Zeiten. Die bärtigen Männer sind Büchernarren. Buchstäblich.
Text Marcel Huwyler Fotos Romeo Polcan
116
117
Mit uralter Technik werden
moderne Buchwerke geschaffen
M
anchmal ist
das Zelebrieren
des Alten nur
mithilfe des
Modernen
­möglich. Ohne Computer, Internet
und Online-Auktionshaus Ebay
könnten sie ihr Kunsthandwerk
gar nicht ausüben, sagen die beiden
Männer. Die zwei Vollbärtigen.
­Stephan Burkhardt und HansUlrich Frey. Viele der Maschinen
und Materialien, die sie für das
Herstellen ihrer Bücher brauchen,
stöbern sie dank dem Internet
irgendwo auf der Welt auf: Giessmaschinen im amerikanischen
Nevada City, Druckmaschinen im
Berner Oberland oder Hanfpapier
in Nepal. Stephan Burkhardt, 50,
und Hans-Ulrich Frey, 54, fertigen
Bücher nach alter Tradition. Von A
bis Z machen sie alles selber: wählen
Texte aus, giessen Bleibuchstaben,
setzten diese, drucken die Seiten,
binden sie zu Büchern und vergolden
und prägen die Einbände. Ihre Werk­
stätte, ein altes Haus mit «so ungefähr fünfzehn Zimmern», ist eine
Mischung aus Atelier, Schatzhöhle
und Hexenküche. Sie selber nennen
es Offizin Parnassia Vättis. In einem
der Zimmer prangt ein Schild, das
Passion und Eifer der beiden Männer
118
Hans-Ulrich
Frey hebelt an
der Monotype
herum. Die alte
Maschine giesst
Bleibuchstaben.
stimmig zusammenfasst: «Wohl ist
dem, der dann und wann was ganz
Verrücktes machen kann.»
WO DRACHEN HAUSEN
Wo Vättis ist, ist Ruhe. Obwohl ein
Drache das Ortswappen ziert. Das
400-Seelen-Dorf ist der südlichste
Ort des Kantons Sankt Gallen
und liegt zuhinterst im Taminatal,
940 Meter über Meer, ob Bad Ragaz.
Schon vor 50 000 Jahren lebten hier
Druckerhimmel. In diesem Haus
in Vättis SG ist die gesamte
­Offizin Parnassia untergebracht.
Menschen oberhalb des Dorfes
in der Drachenloch-Höhle. Vättis
hat einen Armbrustschützen-Verein,
einen Skulpturenweg-Verein und
einen Skiklub; die «Gugga»-Musik
heisst Dracha-Fääger und der Dorfladen einfach nur «S Lädali».
DREHBUCH DES BUCHMACHENS
Allein über das alte, grauweisse
Haus – mehrstöckig, mit Fenster­
läden, von denen lindengrüne Farbsplitter blättern – könnte man ganze
Bücher schreiben, es steckt voller
Geschichte und Geschichten. In
jedem Zimmer wird ein Handwerk
verrichtet: Da sind Giesserei, Setzerei,
Druckerei, Buchbinderei und Vergolderei; jeder der beiden Männer
hat seine Talente und Aufgaben.
Ein neues Buchwerk beginnt mit
dem Giessen der Bleibuchstaben –
Hans-Ulrich Freys Domäne. Die
Maschine (erworben in Paris), die da
zischt und rattert, heisst Monotype,
ein mechanisch-pneumatisches Ungetüm, System 1895. Die Monotype
schmilzt Blei und giesst diese 380Grad-Suppe in winzige Förmchen,
Matrizen genannt. Das Ergebnis
sind Lettern, Bleibuchstaben. Offizin
Parnassia Vättis verfügt über fast
4000 verschiedene giessbare Alphabete, von überallher, aus allerlei Zeit­
Kein Museum – sondern ein
funktions­tüchtiges Atelier. Mit
allerlei Spann­en­dem: Man
beachte das alte Holztelefon.
119
und 24-Karat-Blattgold. Er experimentiere aber auch gern, sagt Frey.
Ein im Eigenverlag herausgebrachtes
Sagenbuch hat er mit sibirischer
Birkenrinde eingebunden. Selbst
halbdurchsichtige Polypropylenplatten hat er schon verwendet
oder Bergkristalle in den Buchdeckel
hineingearbeitet.
ihnen seine Einrichtung; dazu gabs
einen zweitägigen Crashkurs im
Buchdrucken. Den Rest brachten
sich Frey und Burkhardt selber bei,
in jahrelanger Tüftelei, mit Aus­
probieren, Scheitern und Gewinnen.
Und Sammeln. Das Haus ist gefüllt
mit Büchern, Gerätschaften und
allerlei Wunderlichem und Wunderbarem rund ums Buch.
Hans-Ulrich Frey sagt: «Ja, unsere
Sammlung wächst.»
Stephan Burkhardt sagt: «Nein,
unsere Sammlung wuchert.»
Frey ist eher der stille Typ.
Burkhardt redet … wie ein Buch.
HÜNDISCHE REVOLUCIÓN
BANKNÖTLI UND HANFPAPIER
Gut 4000 verschiedene Alphabete
stehen zur Verfügung (oben). Zwanzig Titel erscheinen in der haus­
eigenen Edition, auch Bilderbücher.
epochen. Das Schriftenverzeichnis
liest sich wie ein Abenteuerroman:
Latin Antique, Tamil, Goudy Heavy­
face, Van Dijck Small Caps, 20th
Century Ultrabold Roman, Braggadocio, Dante Italic, Kasseler Fraktur
Halbfette, Othello, Walbaum Italic.
Sogar die Oxford University – auf
der Suche nach historischen englischen Schriften – hat in Vättis schon
nachgefragt und bekam prompt
110 Kilogramm der gewünschten
Buchstaben zugeschickt. Und letzthin wurde Burkhardt und Frey eine
kroatische Kulturehrung verliehen,
weil sie die älteste slawische Schrift
mit ihrer Monotype wieder zum
Leben erweckten – Glagolitisch.
BIOLOGE UND THEOLOGE
Frey stammt aus Zürich, ist Biologe
und ETH-Dozent für Waldökologie.
Burkhardt stammt aus Winterthur,
studierte Theologie und machte eine
Lehre als Koch. Und beide lieben
Bücher über alles. Das gemeinsame
Werken nahm im Dezember 2000
seinen Anfang. Die Männer suchten
nach Setzkästen voller Buchstaben –
und bekamen gleich eine ganze
Druckerei. Ein Pensionär verkaufte
120
Die Buchkunstwerker fertigen
auf Kundenwunsch Briefpapier,
Visitenkarten, Todes- und Hochzeits­
anzeigen, Urkunden – und Bücher.
In Kleinstauflage. Und immer ausser­
gewöhnlich. Eben ist ein Sonder­
auftrag fertig geworden: Für einen
Schweizer Sherlock-Holmes-Fan
fabrizierten Frey und Burkhardt
vierzig Exemplare von «The Final
Problem» (jene Geschichte, in der
der Meisterdetektiv in den ­Berner
Reichenbachfällen stirbt) des britischen Autors Arthur Conan Doyle
von 1893. Und Frey und Burkhardt
wären nicht Offizin P
­ arnassia Vättis,
wenn sie den Auftrag «normal»
erledigt hätten. Gedruckt ist das
Buch in der pseudomittelalterlichen
englischen Treyford-Schrift, auf –
of course! – englischem Bütten­
papier. Die Bilder im Buch sind hand­
koloriert – «das beim Malen verwendete Wasser», jetzt strahlen und
feixen die Büchermacher, «stammt
von den Reichenbachfällen».
Solche Finessen, schelmischen
­Anspielungen, Neck- und Spielereien mögen Burkhardt und Frey.
So ist die Visitenkarte eines Winzers
auf dünnen Kork gedruckt. Und
­stehen zu wenig Kundenaufträge
ins Haus, produzieren sie an ihrer
eigenen Edition – mittlerweile
zwanzig Titel. Sie druckten ein Buch
zum Thema «Rausch» mit rotweinroter Farbe auf Hanfpapier, und
im handgeschöpften Einband von
Karl Marx’ «Kapital und Arbeit»
hats geschredderte Schweizer Banknötli drin.
Wertvolle Zierde.
Frey beim Vergolden
eines Einbandes.
Mit der Messingrolle
kerbt er Linien
ins Ziegenleder.
Der Hund ist ein
alter kubanischer
Revolutionär
GOLD UND HASENKNOCHEN
Ewig soll es
halten. Auf der
Heftlade wird jeder
einzelne bedruckte
Papier­bogen an
die Bänder genäht.
Netzwerk www.parnassia.org j www.vaettis.ch V www.typemuseum.org m
Stephan Burkhardt kümmert sich
um Textedition, das Setzen und
Drucken. Alles von Hand, jeder
Buch­stabe wird einzeln gesetzt,
jedes Blatt separat gedruckt.
Die frisch gegossenen Buchstaben
verwahrt er in den 130 Fächlein
­seines Setzkastens. Gern verwendet
er auch Ornamente und Holzschnitte. Es stimmt, sagt Burkhardt,
er und Hans-Ueli seien absolut
­vernarrt in Bücher und das Büchermachen. «Was wir hier tun, tun
wir mit unheimlich viel Lust. Schon
fast ein wenig irr, gell.»
Vielleicht haben die beiden Männer
darum dieses alte Schild aus weissem
Email aufgehängt, gleich beim Eingang, damit es jeder Besucher sofort
sieht und gewarnt ist. «Irrenanstalt.
Betreten auf eigene Gefahr! Mit Belästigungen muss gerechnet werden.»
Eine ächzende Holzstiege hinauf
in den ersten Stock, wo in zwei
Zimmern die nächsten zwei Arbeitsschritte passieren. Aus dem Bleibuch­staben-Giesser Frey wird jetzt
der Buchbinder und Vergolder.
Die bedruckten Blätter, Bogen für
Bogen, näht er zusammen und
heftet sie zu Buchblöcken. Der für
den Einband verwendete Klebstoff,
erklärt er, besteht aus Kleister und
Hasenknochenleim. Schliesslich
erhält das Buch einen Ledereinband
oder zumindest einen Lederrücken.
Verziert wird mit Marmor- oder
Zierpapier. Und es wird vergoldet:
mit Vergolderstempeln und -schriften
www.letterpress.ch g www.papiermuseum.ch d www.drucken-und-lernen.de
Die Männer betonen, sie strebten
bei ihrem Schaffen stets eine Einheit an: «Eine Einheit, bestehend
aus Text, ausgesuchten Materialien,
künstlerischem Gestalten und
­handwerklicher Fertigung.» Und
damit die beiden nicht ganz in
ihrem Wirken versinken, alles und
alle um sich herum vergessen und
am Ende gar weltfremd werden,
dafür sorgt Fidel, der Appenzellerhund. Ein braves Tier mit Sinn fürs
Historische: Auf das Kommando
seiner Herren «Fidel: Revolución!»
dreht sich der Hund auf den Rücken.
Revolución, erklären die Bücher­
macher, stamme aus dem Latei­ni­
schen und bedeute «Umdrehung».
Apropos Latein, Offizin Parnassia?
Das Wort Offizin bedeute Werkstätte, erklärt Frey, und Parnassia –
jetzt kommt der studierte Biologe in
Fahrt – stamme von «Parnassia
palustris», das Studentenröschen,
«eine Blume, die im Spätsommer
hier hinten blüht». Hier hinten –
zuhinterst im Taminatal, in Vättis,
wo Ruhe ist, wo man Zeit findet
und Musse hat; der richtige Ort,
um wieder einmal ein Buch zu
lesen. Oder eins zu machen. C
Mit Bart, Brille und Herzblut: die
Büchermacher Stephan Burkhardt,
50, (links) und Hans-Ulrich Frey, 54.
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Seele and Geist
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