close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Arbeitstitel: Wenn die große Heilung und die begrenzte - Isbus

EinbettenHerunterladen
Dietmar Pfennighaus
Arbeitstitel:
Heilungsteams
Wer nur ein paar Zeilen über meine aktuelle Befindlichkeit lesen möchte, findet diese auf der letzten Seite. Herzlichen Dank für die Anteilnahme.
Zum Umgang mit dem Text:
Zunächst sind es unlektorierte Notizen. Wöchentlich gibt es ein update. In diesem Prozess kann der
Text zwar gezielt weitergegeben, aber nirgendwo – auch nicht ausschnittsweise – veröffentlicht
werden. Er ist hier übrigens auch nur ausschnittsweise wiedergegeben. Wo (…. ) steht, sind das nur
redaktionelle Verweise.
Dass ich Euch an diesem Entstehungsprozess teilhaben lasse, erwächst aus der Verbundenheit, die
sich in den letzten Wochen und Monaten durch die Gebetsunterstützung vertieft hat. Dafür bin ich
unendlich dankbar. Ich stelle mir vor, dass Ihr im Geiste alle ein bisschen mitschreibt, indem ihr Anteil nehmt und es auch in eurem eigenen inneren Team zu heilsamen Bewegungen kommt. Dafür
bete ich gerne.
Rückmeldungen sind herzlich willkommen unter iboa@gmx.net.
1
Zum Verständnis der einzelnen Kapitel, die einfach die Wochenabschnitte bilden, sollte die Einführung ab
Seite 2 und die darauffolgende Teamvorstellung bekannt sein. Wie auch immer sich der Text erweitert auf der letzten Seite findet sich ein Überblick der aktuellen Gebetsanliegen.
Inhalt
Zum Umgang mit dem Text: ................................................................................................................................ 1
Einführung ........................................................................................................................................................... 3
Teamvorstellung .................................................................................................................................................. 4
1.
Woche: 09.-16.11. ....................................................................................................................................... 5
2.
Woche – 16.-22.11. ..................................................................................................................................... 7
Überblick und Gebetsanliegen .......................................................................................................................... 11
2
Einführung
Soviel Glück erschien mir schon fast zu groß. Seit meiner letzten Krise vor 8 Jahren wuchs es mehr
und mehr. Meine Liebe zu Gott, zu meiner Frau und anderen Familienangehörigen sowie einem
Freundeskreis u.v.m. ließ jeden Tag zu einem Geschenk werden. Noch dazu erfüllte mich zunehmend eine Begeisterung für meinen Dienst mit so vielen wunderbaren Menschen.
Es gibt auf dem Lebensweg eines jedes Menschen Risse, durch die das Licht Gottes in besonderer
Weise scheint – hörte ich. Doch es war bei mir doch auch ohne solche Schäden im Gewölbe meiner
Lebensfreude hell genug. Schnellkitt in diversen Varianten hatte ich bereitgestellt.
Im Juli ging ich in der Wahrnehmung bester Gesundheit und Befindlichkeit seit langem Mal wieder
zur Vorsorgeuntersuchung. Extrem zufällig erschienen auf den Innenaufnahmen meines Körpers
schwarze Löcher – unübersehbar und reichlich im Lymphsystem verteilt. Im Laufe der folgenden
zwei Monaten wurde nachgewiesen, dass es sich um ein Hodgkin-Lymphom – also Lymphknotenkrebs - handelt. Obwohl die Krankheit mir keinerlei Beschwerden macht, zog sie sich nun wie eine
Saugglocke über meine Aufmerksamkeit.
Soll ich die nun wirklich mit anderen teilen und nicht eher das Ganze für mich behalten? Zumal –
wie mir nun dämmerte – unter den gesundheitlichen Themen Krebs das wohl am stärksten angstauslösende ist.
Wir knüpfen unterwegs an folgende Geschichte von Michael Ende an: Jim Knopf und sein Gefährte
sehen in der Ferne eine Person, die für sie riesig aussieht. Erst mit viel Mut finden sie heraus, dass
es sich um einen Scheinriesen handelt, der umso kleiner und weniger bedrohlich wird, je mehr sie
sich ihm nähern.
Eine Entdeckungsreise des Kräftesammelns liegt vor uns. Ein paar erste Einblicke:
Die erste Frage eines Naturarztes, der das Blatt mit der Beschreibung des Befundes unbeachtet beiseite schob, lautete: „Was ist Ihr Ziel?“ Die naheliegende Antwort wäre natürlich, dass die Krebszellen verschwinden. Aber es war schon nicht mehr meine. Wir sprachen über meine Erwartungen für
mein Leben. Nicht nur im Hinblick auf die Länge sondern vielmehr was die Qualität – also die Tiefe –
betrifft.
Doch ist es wirklich möglich, den Blick über die Diagnose zu erheben? Wird diese körperliche Krise
ein Türöffner sein, damit Leib, Seele und Geist mehr eins sind? Das wäre ein umfassendes Heilsein.
Krankheit ist Ausdruck eines Konfliktes in der eigenen Persönlichkeit. In der Gesundung kommt es
zu einer guten Verbindung, vielleicht sogar zu einer Liebesbeziehung.
Auf diesem Weg sind die Anteile der eigenen Persönlichkeit wie ein Team, das gemeinsam Heilung
möchte, sozusagen ein inneres Heilungsteam. Drumherum gibt es natürlich ein äußeres Team auf
dem Weg der Heilung: die Menschen, die sich in irgendeiner Weise einsetzen.
3
Inwieweit nun tatsächlich etwas heil wird, hängt davon ab, wie fruchtbar all diese Teammitglieder
miteinander Kontakt aufnehmen, sich austauschen und kooperieren.
Solche hörbaren aber doch meist ganz stillen Teamgespräche in all den Erfahrungen sind in diesem
Tagebuch festgehalten. Schon während ich anfange, dieses Manuskript kurz vor Beginn der medizinischen Behandlung zu schreiben beginne, zeichnet sich ab, dass dieses Team schon am Werke
war. Ich werde nämlich den Eindruck nicht los, dass in mir etwas bereits heiler ist als je zuvor.
Wenn das äußere Team erklärt, dass ihr Werk getan ist und es sich auflöst, wird mein inneres zusammenbleiben und mehr gewappnet für alle kommenden Herausforderungen sein.
Teamvorstellung
Schauen wir uns zunächst um, wem wir auf dem freien Gelände des inneren Heilungsteam antreffen:
Herr Leibhaftig: Sein schlichter Name heißt Körper. Zu schlicht für meine Begriffe. Hört sich wie
etwas Lebloses an, nur ein Werkzeug, nur ein Stück vom Ganzen. Ein geringerer Name als Herr
Leibhaftig bliebe hinter seiner Heiligkeit zurück.
Er ist nicht nur Patient. Alle Heilungsschritte gehen auch von ihm aus.
Natürlich ist er wiederum ein Team in sich. So werden viele Glieder von Herrn Leibhaftig direkt zu
Wort kommen.
Der Kleine: Ich trage meist ein Foto mit mir herum, in der mir zu meinem 2. Geburtstag die Unbeschwertheit aus allen Knopflöchern quillt. Der Kleine – oder auch mein inneres Kind - ist alles andere als naiv. Ich lerne viel von ihm.
Der Angekommene: Er versteht sich mit dem Kleinen gut. Sie teilen diese große Leichtigkeit – auch
wenn es noch so eng wird. Vor allem dessen Leichtigkeit. Vom Angekommenen gibt es allerdings
kein Foto. Es ist der weise, reife Mensch, der voller Dankbarkeit auf seinen Lebensweg schaut und
aus der Kraft des Überwindens lebt. Der möchte ich gerne sein. Aber es muss reichen, wenn ich
darauf zusteuere – auf das unglaubliche Gefühl angekommen zu sein: weil nichts mehr fehlt und
erwirkt werden muss.
Frau Bange: Dass sie im Heilungsteam mitredet, ist ein Ärgernis. Sie steht für die Sorgen, die schnell
zu Ängsten werden. Natürlich produziert sie viel Krankheit. Doch ohne dass sie angeschaut wird,
gibt es auch keine Heilung. Frau Bange redet gerne. Aber die anderen scheren sich nicht drum.
Herr Medicus: Das ist die Medizin in mir – über die Venen und durch den Mund hineingekommen.
Wir werden miteinander über all die Wirkungen sprechen und hoffentlich unsere Konflikte austragen.
4
Frau L.: Sie in ihrer Schönheit zu beschreiben, ist kaum möglich. Das L steht für das Leben und die
Liebe. Es ist schwer zu entscheiden für wen mehr. Weil das eine ohne das andere nicht existiert –
wie hoffentlich sichtbar wird.
Adonai: Dieser Name für Gott aus dem Alten Testament, sei hier gewählt. Er verweist auf den Allmächtigen, aus dessen Hand ich vorgegangen bin. Weshalb er zum inneren Team gehört, muss
noch bewegt werden. Aber natürlich gehört er auch zum äußeren Kreis.
Auch an anderer Stelle verschwimmen die Grenzen zwischen innen und außen. Das geschieht ihnen
recht. Denn weshalb sollte man es trennen. So ist meine Frau Ruth Teil des äußeren Heilungsteams.
Aber sie ist auch innen mittendrin – sozusagen verinnerlicht - da ich ohne sie meist nicht denken
und fühlen kann.
Haben wir Herrn K. vergessen? Die Krankheit? Den Krebs? Ich glaube nicht. Ihn zu personifizieren
wäre zu viel der Ehre, der er ein zeitlich begrenzter Zustand ist. Gewiss: Herr Leibhaftig hat ihm
Gastrecht eingeräumt und kämpft mit ihm um dem Auszug. Verschmelzen – also ganz in ihm aufgehen – wird er jedoch nicht.
Eine Kraftquelle ist aber doch noch sehr wichtig: Was mache ich in meinem letzten Lebensdrittel –
außer mich um meine Gesundheit zu kümmern? Für mich ist das eng mit den fünf Buchstaben ISBUS verbunden. Hier geschieht viel Heilwerden durch Systemische Seelsorge. Diese Erfahrungen,
die Grundlage des hier Beschriebenen ist, verdient auch eine Person im Heilungsteam. Ich nenne sie
Visionia. Denn sie geht wie etwas Visionäres weit über das hinaus, was wir abzirkeln können.
Übrigens: Die Geschlechtsauswahl ist nach allem Überlegen schließlich willkürlich oder hat – ebenso zufällig – etwas mit meiner Männlichkeit zu tun.
So bin ich nun mit sieben Inspirationen für die Heilung unterwegs. Plus Frau Bange. Drumherum die
vielen Menschen, die sich einig sind, dass es mir gut gehen soll. Und Gott nicht zu vergessen.
1. Woche: 09.-16.11.
9. 11. Auf Befreiung eingestimmt
An diesem Sonntag würdigten wir gerade in einer Veranstaltung das 25. Jubiläum des Berliner
Mauerfalls. Morgen früh beginnt die ambulante Chemotherapie in der Praxis von Dr. Zielstrebig.
Mein behandelnder Onkologen bekommt diesen Namen, weil er dies zweifellos ist und auch sein
sollte.
Es wird eine Grenzerfahrung sein. Das beunruhigt mich. Aber Befreiung steht – wie damals am 9.
November - in Aussicht, auf die zu hoffen kaum jemand gewagt hat. Befreiung nicht nur vom Krebs.
5
10.11. Zusammenrücken
Mein Auto wälzt sich durch den morgendlichen Verkehr. Die meisten gehen ganz vertraute Wege
und wissen – oder glauben zu wissen – was heute auf sie zukommt. Für mich wird heute wenig vertraut sein. Zumindest das mulmige Gefühl, wenn mir zu viel fremd ist, kenne ich.
Herr Leibhaftig sagt mir: „Ich bin zusammengezuckt, als der Onkologe die Chemotherapie beschrieb, die nicht zu den leichtesten Varianten zählt. Ich werde von euch als Team alle Unterstützung brauchen, um mit all den ungewohnten Schwierigkeiten fertig zu werden.“ Mir wird mulmig.
Es wird leichter, als ich Herrn Leibhaftig ein paar Beispiele von unseren großartigen Erfahrungen
aufzähle. Wie er mir möglich gemacht hat, vor ein paar Monaten mich beim Windsurfen über das
Wasser tragen zu lassen. Aber auch das Prickeln auf der Haut vorhin unter der Dusche. Diese Würdigungen erfrischen.
„Sprich ruhig einzelne Teile von mir an.“, meint er noch. Mir fallen die Venen ein, denen die Therapie schwer zu schaffen machen kann. „Hallo, meine Venen“, versuche ich es mal. „Ich kremple
schon mal die Arme hoch. Schwerstarbeit steht bevor. Doch es ist auch ein Kompliment eingegangen. Noch nie hat jemand mein gutes Aussehen an euch Venen festgemacht. Die Arzthelferin
schon.“ „Danke. Ich werde mein Möglichstes tun. Es stärkt uns“, lassen mich meine Venen wissen,
„dass du sogar heute Morgen schon mit deinen Nordic-Walking-Stöcken unterwegs warst. So arbeiten wir gut zusammen.“
Ich bringe das Rezept in die Apotheke. Das Lächeln meines Gegenübers hellt die Situation ein wenig
auf. Zuvor hatte ich bei jemand anderes einen solchen Giftzettel abgegeben. Ihr Mitleid konnte mir
nicht entgehen - was ich gar nicht gebrauchen konnte. Es stellt sich heraus, dass es ein bisschen
dauern wird, bis alles fertiggestellt und in der Praxis angekommen ist.
Schnurstracks kommt der Kleine auf mich zu. „Gehst du mit mir spazieren, um noch ein bisschen
Freiheit zu schnuppern“, fragt er mich leise. So gehen wir an uralten Fachwerkhäusern vorbei. „Die
haben mit jedem Stockwerk ein Stück tiefer in die Straße gebaut“, fällt dem Kleinen auf. „Sie wollten ein Stückchen Raum gewinnen“, erkläre ich. „Ist das nötig?“ Diese Worte des Kleinen schluckt
die immer noch neblige Luft.
Weiter geht es am Fluss bis zu einem rauschenden Wehr. „Ist es für das Wasser schlecht, nicht aufgehalten zu werden?“ will der Kleine wissen. „Nein, es ist zu dem unermesslichen Ozean und ungeahnten Ufern unterwegs.“ In diesem Moment ist die Enge, die ich heute Morgen in meiner Brust
verspürte, verflogen.
Zurückgekehrt bittet der Kleine: „Gehst du jedes Mal, bevor die Therapie beginnst, mit mir diesen
Weg? Wir werden stets was Erfrischendes entdecken.“ „Mit Vergnügen.“ Gerade weil ich jetzt
fremdgesteuert einem Medikamenten- und Therapieplan folgen muss, tut Freigestaltetes so gut.
Theoretisch könnte ich jetzt noch zurück. Praktisch habe ich mich bereits entschieden. Was hilft
mir, die Klinke zum Therapieraum zu drücken? Dafür geht mein Blick nach oben – zu Adonai. „Hast
Du einen Eindruck, ein Bild für mich?“, frage ich ihn. „Du kannst dir ausmalen, wie sich meine Boten
6
mit Schulterschluss um deinen Platz aufgebaut haben“, antwortet er ganz sanft. „Sind sie dort besonders?“ „Wie du willst.“
12.11. Verbundenheit
Am dritten Tag ist es nicht leicht, aufzustehen. Wieder fünf oder mehr lange Stunden wird mir heute Tropfen für Tropfen die Infusion einverleibt.
Der Angekommene stupst mich an: „Es sind gerade Menschen aufgestanden, damit dir alles Nötige
heute zur Verfügung steht. Andere kommen noch hinzu.“ Ich frage nach: „Was hilft ihnen, aus dem
gemütlichen Bett zu kommen?“ „Der wirklich gewichtige Punkt fällt nicht so ins Auge“, antwortet
mir der Angekommene, „sie stehen für das Leben auf. Auch für dein Leben.“ Es streift mich ein Gefühl von Dankbarkeit über die Verbundenheit. Sie entsteht durch das gemeinsame Ziel, Leben zu
bewahren. Frau L. in meinem inneren Team hat dem nichts hinzuzufügen – außer ein Lächeln.
Vorgestern hat mich ein Freund gefragt: „Was gibt dir Kraft?“ Zuerst fiel mir meine 33jährig währende Liebe zu meiner Frau ein.
Ich höre, wie sie bereits in der Küche hantiert. In dieser Woche hat sie durch die Durchführung einer ihrer Kurse viel Arbeit. Mich durch die Chemotherapie zu lotsen, kommt obendrauf. Ich bin stolz
auf das, was sie mit Bravour tut. Aber es geht um viel mehr: Momente, in denen jegliche Leistungsanforderungen außergalaktisch erscheinen.
2. Woche – 16.-22.11.
17.11. Hallo, Frau Bange
Luther meinte, dass ein Grund für unsere Undankbarkeit in der Großzügigkeit Gottes läge. Bei unserer Geburt ist schon alles da. Wenn Arme und Beine erst später dazu kämen – was wäre das für ein
Jubel.
Wir lernen etwas nicht schätzen, solange es reibungslos funktioniert. Eines davon ist die persönliche Polizei-Schutztruppe in unserem Körper. Die weißen Blutkörperchen oder auch Leukozythen –
ich nenne sie Leukos – gehen ständig auf Streife und beseitigen für mich unbemerkt Störenfriede
meiner Befindlichkeit. Ihre übliche Truppenstärke liegt bei 6000 Mann. Davon sind mir nun eine
Woche nach Beginn des ersten Zyklus nur noch 200 geblieben. Das läuft auf ein Freudenfest für alle
Angreifer hinaus.
Ich werde darauf hingewiesen, dass sich in unser aller Mund Pilze befinden, die niemand gebraten
hat. Die Leukos haben das normalerweise im Griff, Wachstum und Ausbreitung zu stoppen. Bloß
bei mir gerade nicht.
7
Wirklich eng wird es, als Dr. Zielstrebig sicherheitshalber einen Überweisungsschein für das Krankenhaus ausstellt. Wenn ich Fieber bekomme, müsste ich mich einweisen lassen.
Wie auf Knopfdruck rutscht meine gesamte Befindlichkeit ab. Mir steht Schweiß auf der Stirn.
Angstschweiß, schätze ich. Denn gerade tritt Frau Bange auf den Plan. Lange Zeit ist sie nicht zu mir
vorgedrungen. Es hat mich selbst sehr verwundert, dass die Diagnose mir keine Angst gemacht hat.
Das ist nicht ihre Art. Sie ist irgendwie unsere Krankheit an sich und all die Symptome nur Folge.
Gewiss ich spüre nichts von ihr. Aber ich war mir manchmal unsicher, ob es vielleicht sogar fahrlässig ist, dem Krebs angstfrei zu begegnen. Es hatte sich in mir die Überzeugung zusammengetan,
dass die Heilungsteams dem allemal gewachsen sind. Das äußere natürlich. Und das innere noch
mehr.
Was allerdings die Therapie betrifft, liegen die Gefühle ganz anders. Dass das Spuren in mir hinterlässt, habe ich von Anfang an befürchtet.
Frau Bange sagt: „Du bildest dir nicht ein, ohne mich hindurchzukommen.“ Ich würde ihr gerne etwas erwidern, kann es aber nicht. „Was ist dein Szenarium?“ „Dass dich die Behandlung der Krankheit aus der Bahn wirft.“ In mir ist ein Trigger in Gang (…) Dann würde meine Chemotherapie eine
mit stärkeren Auswirkungen sein – und größeren Folgen für all meine Gesundheit für den Rest meines Lebens.
Doch ich schaue mich um in meinem Team. Und da finde ich einige vor (…). Am Abend kommen
Freunde zu uns, die inbrünstig für mich beten. Ein kleiner Teil derer, die zweifellos zu dem äußeren
Heilungsteam gehören. Und mich innerlich berühren. Ich habe mich – trotz der Beschwerlichkeiten
– gefangen.
Vor dem Schlafengehen denke ich noch mal über das Geschehen nach: Ich war wegen einer einzigen Zahl auf dem Bildschirm des Arztes emotional total abgestürzt. Dieser Wert schien mehr auszusagen als alles, was mir Herr Leibhaftig und all meine Seelenhelfer sagen könnten. Wie schräg und
leichtsinnig ist das eigentlich. (… frühere Erfahrungen mit dieser Spannung).
18.11. Stolz unter der Lupe
Auch bei äußerster Vorsicht und viel Arbeit für Herrn Medicus ringt der Körper mit mancherlei Beschwerden.
Ich stelle mir vor, wie ich in einer Schutzhülle stecke, damit zumindest von außen weniger abzuwehren ist.
Dabei denke ich an Adonai. Frau L. hat ihren Kopf auf seine Schulter gelegt. Könnte es sein, dass das Leben
ständig diesen Schutz um uns aufbaut? Und dass dies überlebenswichtig ist.
Die zentralste meiner Tätigkeiten besteht darin, ein Weiterbildungsinstitut zu leiten und die Kurse auch
selbst durchzuführen. Während ich viele andere Aufgaben hundertprozentig gestrichen habe, finde ich es
einfach inakzeptabel, dass Weiterbildungskurse in einem laufenden Ausbildungsprogramm ausfallen, weil ich
krank bin. Andere Trainerinnen werden mir vieles abnehmen. Eine dreitägige Kurseinheit in der nächsten
Woche aber kann nicht auf mich verzichten. Ich habe es einfach nicht geschafft, den Teilnehmern abzusagen.
Dr. ZIELSTREBIG hielt es für diese Woche durchaus für möglich – auch wenn ihm wohl der Aufwand nicht vor
Augen stand. Dass das während der Chemotherapie ziemlich verrückt ist – zumal ich auch noch 350 km da8
hin fahren muss, haben die anderen bloß nicht gesagt. Wahrscheinlich will ich damit der Therapie kämpferisch Raum abspenstig machen.
Jetzt ringe ich mit Adonai. Ich denke: Jeder Tag, an dem das Fieber nicht kommt, wird von ihm eine Bestätigung zu dieser Reise sein. Der Angekommene fragt mich: „Was bewegt dich?“ „Ich hasse es, Menschen etwas zuzusagen und dann nicht einhalten zu können. Manche warten schon sehr lange darauf, dass dieser
Kurs startet. Sie haben sich Urlaub genommen. Ich will niemanden enttäuschen. Das Leben enttäuscht schon
genug.“ Ganz bedächtig antwortet er: „Es ist dein Stolz, der meint, du könntest diese Menschen beschützen.“ Ich werde etwas ruhiger. Es ist mir klar, dass ich für alles offen sein muss. Aber ich kann noch nicht.
19.11. Grenzerfahrung
Jemand hatte mir gesagt: „Es wird wohl noch schlimmer kommen.“ Doch so etwas will ich nicht
hören. Selbst wenn es stimmt.
Früh um halb fünf werde ich sehr unruhig und messe Fieber. Mit 38,5 bin ich dicht an der kritischen
Marke von 39 Grad. Nun geht es mir noch wesentlich schlechter. Denn Frau Bange ist mir ganz nahe
gerückt. Ruth ist noch stärker von ihr beeindruckt.
Wir rufen um 5 Uhr einen Arzt unter unseren Freunden an. Ich nenne ihn Dr. B wie Beistand. Er hatte mir gesagt, dass wir das Tag und Nacht tun können. Das hat mich sehr bewegt – obgleich ich
dachte, dass das mit der Nacht nun wirklich nicht nötig sei.
Wir sollten doch lieber den Notdienst anrufen, meinte er. Die waren dann aber doch zögerlich zu
kommen. Zum Glück. Sonst hätten sie mich noch mitgenommen.
Als wir um 12 bei Dr. ZIELSTREBIG ankamen, war die Temperatur auf 38,1 heruntergegangen. Und
ich hatte mich halbwegs beruhigt. Und damit meine ich weniger Herrn Leibhaftig – auch wenn mit
aktuell 300 Leukos natürlich höchste Alarmbereitschaft angesagt ist.
20.11. Geschenk an einem Sparflammentag
Das Bild vom glimmenden Docht trifft meine körperliche Verfassung trefflich. Als die Mühseligkeit dieses
Tages ihren Höhepunkt erreicht hat, liegt ein Päckchen in meinen Händen. Die liebevolle Sorgfalt, mit der
jedes Detail für alle Sinne ausgewählt wurde, berührt mich sehr: die Worte, die Zutaten für die selbstgemachte Schokolade, die DVDs.
Meine Geschichte mit dem Absender begann an einem Nachmittag vor Jahren, als ich so frustriert war, weil
der Berg der unerledigten Büroaufgaben unüberwindlich erschien. Da kam eine Email von unserer Gemeindeleiterin, die gerade einige Zeit im Sudan war. Sie kenne eine junge Frau, die gerade auf Hawai lebt, die
mich gerne als Praktikantin unterstützen möchte. Wir entschieden uns damals für die Zusammenarbeit über
ein ganzes Jahr, ohne uns jemals gesehen zu haben.
9
Ich schaue mich in meinem Team um. Adonai ruft mir zu: „Ich sehe dich. Und ich möchte das Herz von Menschen anrühren, dass du es spürst. “ Ich denke noch ein bisschen, dass ER über Raum und Zeit steht. Dabei
weiß ich, dass ich das nicht verstehen werde.
22.11. Schmerz als Türöffner
Gestern wurden 900 Leukos gezählt. Das ist nur beeindruckend, wenn man die Verdreifachung in den letzten
beiden Tagen bedenkt. Doch ich merke, wie die Lebensgeister in mir wieder wach werden. Ich kann wieder
durch die Wiesen walken. Die Geburt der neuen Leukos ist wie ein Frühlingserwachen. Ganz leicht und beschwingt fühle ich mich.
Heute Nacht treten starke Schmerzen dort auf, wo ich die beiden Nieren vermute. Umgehend meldet sich
Frau Bange. Ich fürchte Schäden für dieses wichtige Organ. Zu Unrecht. Dr. Zielstrebig erklärt mir später,
dass diese Beschwerden ein gutes Zeichen sind. Im Knochenmark des oberen Beckenbereichs hat Herr Leibhaftig seine Leukoproduktion extrem hochgefahren. (Sorry für das Wort Produktion. Wir sprechen von Lebewesen.) 15000 (also das Zweieinhalbfahre des gesunden Menschen) werden übermorgen gemessen werden. Da ist nicht genug Platz, so dass es zu diesen Schmerzen kommt.
Ich frage Herrn Leibhaftig, ob er denn nicht durchgeknallt ist, mich so in Wallungen zu versetzen. „Ich zeige
dir, was ich alles kann. Zu deinem SchutZielstrebig“
Die letzte Packung Schmerztabletten hat bei uns ein historisches Verfalldatum. Nur neulich brauchte Ruth
mal welche. Es ist also auch hier alles vorbereitet und eine Tablette hilft. Danke, Herr Medicus.
Nun gibt es bei den anderen Bewegungen im Heilungsteam. „Darf der Schmerz nicht sein?“, fragt mich Adonai. „Muss er das denn?“ lautet meine Gegenfrage.
Frau L. erinnert mich: Im Allgemeinen beginnt das Leben mit Schmerz und endet damit. Was nicht gegen das
Leben spricht. Und ebenso wenig gegen den SchmerZielstrebig
Der Angekommene wendet sich an mich: „Wenn der Schmerz kommt, rennst du mit allen Mitteln gegen ihn
an. So vereinnahmt er dich sehr.“ Ich schaue ihn fragend an. „Du hast mal Judokämpfer beobachtet“, fährt er
fort. „Sie versuchen nicht, dem Angriff entgegenzustehen sondern lassen ihn zu. In dieser Zustimmung verstärken sie die Angriffsbewegung des Gegners und bringen ihn so zu Fall. Das ist das Prinzip – auch wenn es
sehr verschiedene Judogriffe gibt und wir mit einem konkreten Schmerz auch ganz einzigartig umgehen.“
Es erscheint mir verzwickt, wie der Schmerz ein Zeichen für Gesundung ist – eine Tür zu etwas Neuem, welches so wertvoll ist, dass es Bisherigen in den Schatten stellt.
Manchmal besteht die Verirrung in unserer Kultur darin, jeden Schmerz von Leib und Seele im Keim zu ersticken. Mit Schmerzen zu sprechen, kann sehr bedeutungsvoll, vielleicht sogar heilsam sein.
Herr Leibhaftig und ich sind nun ganz auf eine Erholungswoche eingestellt, in der wir auf Herrn Medicus
wohl fast vollständig verzichten können. Es geht also ans Kräftesammeln für den nächsten Zyklus in der
übernächsten Woche.
Ganz sicher bin ich mir nicht, ob wir Kraft überhaupt sammeln können – so wie man etwas aufspart. Ist es
nicht vielmehr so, dass wir unsere Portion Kraft in jedem Augenblick wie ein gerade entstandenes Schöpfungswerk Empfang nehmen?
10
Überblick und Gebetsanliegen
Für Schnellleser und als Ausblick für alle hier die aktuellen Anliegen zum Mitbewegen:
22.11.:
Die letzte Woche war körperlich sehr hart. Aber es tritt nun allmählich eine Erholung für Leib und Seele ein.
Anliegen:

Dank für das Hindurchtragen durch die letzte schwere Woche

Gute Erholung für den nächsten Zyklus ab 1.12.

Dass Gott seine Hand über die Teilnehmer des Kurses hält, den ich absagen musste

Dass mein Vater, der jetzt ganz akut im Sterben liegt, sich nicht so quälen muss

Nicht zuletzt: Dass die Erfahrungen dem Manuskript dienen und viele gute, gesegnete Impulse bewirken.
11
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
12
Dateigröße
655 KB
Tags
1/--Seiten
melden