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CDU sucht türkischstämmigen Kanzler - Cemile Giousouf

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Generalsekretär Tauber ermuntert Migranten zur Parteikarriere.
Merkel macht Mut: "Auch ich würde als ,Zonenwachtel' verspottet"
ROBIN ALEXANDER
Zwei
Wünsche
trug Peter
Tauber an die Bundeskanzlerin heran, als er vor gut einem Jahr CDU-Generalsekretär wurde. Ein großes
Treffen zur Internetpolitik will er mit
der Parteivorsitzenden ausrichten. Und
eines mit Migranten. Der
zweite
Wunsch ging am Mittwoch in Erfüllung.
Die Kanzlerin, die an diesem Tag keinen
Geringeren als den amerikanischen Außenminister zu Gast hatte, nahm sich
Zeit für die CDU-Mitglieder und -Sympathisanten, deren Eltern keine Deutschen, sondern Türken, Kurden, Afrikaner oder Sowjetbürger sind.
„Jünger, weiblicher und bunter" will
Tauber die CDU machen, an diesem Tag
ist sozusagen das „bunt" dran. Es gelingt eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Veranstaltung. Zuerst: Es
ging sehr fröhlich zu. Das ist erstaunlich, denn gewöhnlich, wird es im politischen Berlin ernst, wenn es um Zuwanderer oder ihre Kinder geht. Dann ist
schnell von Defiziten die Rede und davon, was die deutsche „Mehrheitsgesellschaft" alles falsch macht. Nicht so bei
den CDU-Migranten: Die feiern sich.
Stolze Abgeordnete aus Bundes- und
Landtagen sind da, junge Unternehmer
in Schlips und Kragen und Wissenschaftlerinnen in schicken Businesskostümen. Optisch sehen sie - trotz einiger
Kopftücher - genau so aus, wie man sich
die Junge Union früher vorstellte. Deren
frisch gewählter Bundesvorsitzender ist
übrigens im polnischen Stettin geboren.
Wer Christdemokrat wird, möchte
eher nicht das Leid der Welt betrauern,
sondern die Verhältnisse zum Besseren
wenden - gern auch zuerst die eigenen
den später stattfinstellen
denden Diskussionsrunden
gleich mehrere Teilnehmer unter großem Applaus fest, ein Engagement bei
der SPD sei für sie nie infrage gekomVerhältnisse. Bei
men, weil man dort „wie ein Opfer" behandelt werde.
Ganz anders Tauber, der die Haltung,
mit der die CDU den „Menschen mit
Zuwanderungsgeschichte" begegnet, so
zusammenfasst: „Du kannst einen Bei-
trag für unser Land leisten, und wir wären stolz, wenn du das bei uns machen
würdest!" So laut wurde im AdenauerHaus seit der Nacht nach der siegreichen Bundestagswahl nicht mehr geklatscht. Die programmatischen Ausführungen des Generalsekretärs gehen
hingegen eher unter: Zum „C" wie
christlich gehöre auch das „U" für Union, das alle Menschen anspreche, die
etwas „Verbindendes" suchen.
Sichtlich begeistert spricht hingegen
Cemile Giousouf, die 35-jährige Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des
„Netzwerks Integration" der Partei: „Es
ist ein großartiges Bild, es ist ein Traum,
es waren noch nie so viele Menschen
mit Migrationshintergrund im KonradAdenauer-Haus
herzlich willkommen!" Stolz listet die Rheinländerin islamischen Glaubens die Pioniertaten der
CDU in diesem Politikfeld auf: erste
Staatsministerin für Integration (Maria
Böhmer). Erster Landesminister für Integration (Armin Laschet). Erster Ministerpräsident mit Doppelpass (David
McAllister). Erste Ministerin mit türkischem Hintergrund (Aygül Özkan).
Kontroverses spart Giousouf auch
hier durchaus klassisch christdemokratisch komplett aus: Etwa dass die Partei noch 1999 eine harte Kampagne gegen den Doppelpass geführt hat. Oder
dass die CDU die Mitgliedschaft der
Türkei in der Europäischen Union lange
nicht nur wegen der dortigen Demokra-
-
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tiedefizite ablehnte, sondern auch, weil
ein islamisches Land per se nicht zu Europa passe.
Giousouf postuliert stattdessen: „Die
Front
verläuft nicht zwischen unter-
(c) Axel-Springer AG, Berlin
Die Welt, 23.10.2014
Deutscher Bundestag - Pressedokumentation
schiedlichen Religionen, sondern zwischen Demokraten und Fanatikern, die
unser Grundgesetz ablehnen." Wer hätte denn vor 25 Jahren gedacht, dass eine
ostdeutsche Frau Bundeskanzlerin werde, fragt sie rhetorisch und setzt dann
die Schlusspointe: In 25 Jahren könnte
ein Kanzler Younes Ouaqasse, Heinrich
Zertik oder Sylvie Nantcha heißen. Tosender Jubel im Saal, in dem auch die
Genannten sitzen. „Die Hautfarbe ist
uns egal, aber aus der CDU sollten sie
schon sein."
Merkel fällt es daraufhin leicht, das
entzückte Publikum weiter zu unterhalten. Man solle sich als Minderheit in der
CDU „von bestimmten Dingen nicht abschrecken lassen". Als „Mensch aus dem
Osten" sei sie auch einst als „Zonenwachtel" geschmäht worden. Die Kanzlerin wählt einerseits das Erlebnis der
deutschen Einheit als Beleg, dass Veränderung nützlich sei und Zusammenwachsen gelingen könne. Andererseits
stellt sie Taubers Öffnung hin zu den
Migranten in die Geschichte der CDU:
In der ehemals katholischen Partei
musste man „ein Netzwerk für evangelische Christen bauen, heute ein Netzwerk für Migrantinnen und Migranten".
Bei den Diskussionen später, werden
unterschiedliche Teilnehmer betonen,
dass die CDU als Schutzmacht der Familie für viele konservative Migranten
attraktiv sei. Als hätte sie dies geahnt,
sagt auch Merkel: „Familie ist da, wo Eltern für Kinder und Kinder für Eltern
dauerhaft Verantwortung übernehmen.
Familie ist eben nicht da, wo nur Kinder
sind." Anschließend wird die Kanzlerin
von den Gästen umringt, die alle ein Selfie, also ein Selbstporträt, mit Kanzlerin
in ihrem Telefon speichern wollen.
Diese Migranten fühlen sich erkennbar schon jetzt bei der CDU zu Hause.
Einen Eindruck davon, dass sich die Partei mit der neuen Vielfalt auch neue Wi-
dersprüche einhandelt, bekommt man
auf den Gängen. Da beschwert sich etwa
die kurdischstämmige Aras Marouf, die
schon Reden für die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer schrieb, über die rabiaten türkischen Netzwerke in der CDU. Ihr sei
auch die kritiklose Haltung gegenüber
dem radikalen Islam ein Dorn im Auge:
„Ich fühle mich angegriffen, wenn eine
Frau mit Kopftuch sagt, die CDU ist
meine Partei."
Wie unterschiedlich die Probleme der
Zugewanderten und ihrer Kinder sind,
wird auch in den Diskussionsrunden
deutlich. Da tauschen sich gebildete junge Frauen mit afrikanischem oder arabischem Hintergrund eloquent darüber
aus, ob man den Otto Normal-CDUWähler besser als „altdeutsch", „urdeutsch" oder „biodeutsch" bezeichne.
Zwei Christdemokraten, deren Eltern
aus Marokko einwanderten, streiten
sich miteinander, ob und in welcher
Form es islamischen Religionsunterricht
in deutschen Schulen geben solle.
Mengling Tang, die Geschäftsführerin
eines chinesischen Restaurants in Ber-
lin, die vor zehn Jahren Deutsche wurde, benennt die beiden größten Kränkungen ihres Nationalgefühls: Es habe,
erstens, bei ihrer Einbürgerungszeremonie keine Feier gegeben. Und zweitens
gehe sie im Wahlkampf immer an CDUInfoständen vorbei, ohne dass ihr jemand einen Flyer in die Hand drücke.
Eine ältere Dame sagt schließlich in
einem schönen Dialekt, den man heute
kaum noch hört, sie sei in einem deutschen Dorf in Kirgisien geboren und vor
vielen Jahrzehnten in die Bundesrepublik eingewandert: „Man kommt nach
Deutschland nach Hause. Oder man
kommt nach Deutschland, weil man ein
zu Hause will - egal."
(c) Axel-Springer AG, Berlin
Die Welt, 23.10.2014
Deutscher Bundestag - Pressedokumentation
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Seele and Geist
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