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China will wieder das Reich der Mitte werden - ePaper - Die Welt

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KU N D E N S E RVI C E 0 8 0 0 / 9 3 5 8 5 3 7
D 2,20 E URO
M I T T WO C H , 2 6. N OVE M B E R 2 014
KO M M E N TA R
Zippert zappt
Papst: Mittelmeer
darf kein „großer
Friedhof“ werden
D
THEMEN
Rede vor dem
Europaparlament
Wissen
So herrlich
gesund ist dunkle
Schokolade
Seite 20
Immobilien
London kippt
Seite 17
Feuilleton
Ist das Museum
Bern ein
würdiger Erbe?
Seite 21
Aus aller Welt
Thomas D. über
Drogen und das
Überleben in
einem Tsunami
Seite 9
uwe.schmitt@welt.de
Der erneute Ausbruch von Rassenunruhen in Ferguson folgt alten
Mustern von Gewalt und Gegengewalt. Druck auf Obama wächst
I
n der ersten Nacht gab es keine Toten bei den Aufständen in Ferguson,
Polizei und Nationalgarde hatten
keine scharfe Munition geladen, und
die Demonstrationen im Rest des
Landes verliefen weitgehend friedlich: Doch
niemand weiß, wie lange dieser brüchige
Waffenstillstand halten kann. Denn die
Plünderungen und Brandschatzungen werden weitergehen. Dutzende Häuser und Autos brannten in jener Nacht, mehr als 150
Schüsse will John Belmar, der Polizeichef
des Kreises St. Louis County, gehört haben.
Es brauchte nur einen Querschläger, und
die Zurückhaltung fände ein blutiges Ende.
Es ist müßig, darüber zu rechten, ob der
unbewaffnete schwarze Jugendliche Michael Brown am 9. August den Polizisten
Darrel Wilson mit gesenktem Kopf rammen wollte und mit einem Waffeneinsatz
in Notwehr rechnen musste. Dies hat die
Grand Jury über Wochen getan und befunden, dass es keine Handhabe gebe, Wilson
anzuklagen. Es zählt zu den Grundfesten
des Staatsverständnisses in den Vereinigten Staaten, dass jedermann das Recht auf
„seinen Tag vor dem Richter“ („his day in
court“) habe; es bedeutet auch, sich diesen
Tag zu ersparen.
Längst sind gesetzestreue Demonstranten in Gefahr, von einem Mob übermannt und benutzt zu werden. Es wächst
der Druck auf Präsident Barack Obama,
nicht zuletzt aus der „black community“,
EMPÖRTE MINISTERIN
Mit einer empörten Twitter-Botschaft hat Frankreichs schwarze Justizministerin Christiane Taubira reagiert. In
Anspielung auf ähnliche Fälle in den USA
schrieb sie auf Twitter: „Wie alt war Michael Brown? 18. Trayvon Martin? 17. Tamir
Rice? 12. Wie alt wird der Nächste sein? 12
Monate? ,Tötet sie, bevor sie groß werden‘, Bob Marley.“ Taubira sagte, sie wolle
kein Urteil über die US-Justizinstitutionen
fällen. Wenn aber das Gefühl der „Frustration“ in der Bevölkerung so stark sei,
müsse die Frage gestellt werden nach
dem Vertrauen in die Institutionen „und
die Fähigkeit der Institutionen, den sozialen Frieden zu sichern“.
Das Single-Gen
Im Plus
Entscheidet 5-HT1A über eine unglückliche Partnerschaft?
SANDRA KEIL
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„Expedition ins Tierreich –
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Kommentar Seite 3 und Seite 5
Deutschland
wächst schwach
OECD korrigiert die
Wirtschaftsprognose
D
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Dax
Seite 15
Punkte
Siehe Kommentar und Seite 8
Amerikas Zerreißprobe
Seite 23
DAX
PARIS – Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ihre Wachstumsprognosen für Deutschland und
die gesamte Euro-Zone deutlich nach
unten korrigiert. Die deutsche Wirtschaftsleistung werde im kommenden
Jahr um nur noch 1,1 Prozent wachsen, heißt es im OECD-Wirtschaftsausblick. Noch im Mai war die Organisation von einem Wachstum von 2,1
Prozent ausgegangen. Die Euro-Zone
sei weiterhin von einer „sehr, sehr
schwachen Entwicklung geprägt“. Die
OECD mahnte Deutschland, Regulierungen im Dienstleistungssektor abzubauen. Außerdem müsse der Staat
mehr in Verkehrsinfrastruktur und
Bildung investieren.
Ein Mann läuft in Ferguson an einem brennenden Haus vorbei. Er weiß natürlich, dass er fotografiert wird – und formt die Hand zur Pistole
mehr zu tun, als Respekt für den Rechtsstaat und Gewaltverzicht zu verlangen. Er
solle selbst nach Missouri fliegen und Frieden stiften. Die Verlegenheit Obamas, der
seit je peinlich darauf achtete, nicht der
Präsident der Schwarzen zu sein, wächst
mit jedem Tag. Er kann im doppelten Sinn
nicht aus seiner Haut. Schließlich machte
den Kandidaten Obama nicht zuletzt die
Rede zu den Rassenbeziehungen vom März
2008 in Philadelphia zum Favoriten bei der
Wahl. In keinem anderen Land des Erdkreises sei seine Geschichte denkbar, sagte
er damals und erläuterte die Ängste vieler
Erwartbare
Explosion
Weißer ebenso wie den Zorn der Schwarzen, der „real sei und machtvoll“. Amerika
habe die Wahl, das Beziehungsproblem nur
als „Spektakel“ und „Nachrichtenfutter“ zu
betrachten. Oder sich gemeinsam den
Schwächen wie Stärken der Nation zu stellen. Selbst Obamas politische Gegner feierten die lincolneske Rhetorik.
Nun bietet das lodernde Ferguson wieder nur spektakuläres Nachrichtenfutter.
Schwarze Proteste gegen weiße Staatsmacht: Die Bilder könnten, schwarz-weiß
entfärbt, aus den 60er-Jahren stammen.
Statt nur beide Seiten um Mäßigung zu bitten, könnte der Präsident versuchen, in
Ferguson selbst die Brände des Zorns zu
löschen. Wie einst Wahlkämpfer Robert
Kennedy am Abend des 4. April 1968 in Indianapolis. Stunden zuvor war Martin Luther King in Memphis erschossen worden.
Die Menge, die ihm im Schwarzen-Getto
der Stadt huldigte, wusste noch nichts.
Unter Lebensgefahr, so glaubte sein
Team, überbrachte Kennedy die entsetzliche Botschaft. Er könne den Hass nach dem
Mord verstehen, er selbst habe so gefühlt,
als ein Weißer seinen Bruder erschossen
habe. Er kondolierte und tröstete, bis er die
Leute bat, nach Hause zu gehen und zu beten. Für King und „noch wichtiger für euer
eigenes Land“. Es heißt, die Menge habe
sich still zerstreut. Mindestens 35 Menschen starben bei Unruhen, die in jener
Nacht in mehr als 100 Städten aufflammten. Nur in Indianapolis blieb es ruhig.
Papst Franziskus hat
die EU-Staaten eindringlich zu einer
stärkeren Zusammenarbeit in der
Flüchtlingspolitik aufgerufen. „Man
kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof
wird“, sagte er vor dem Europaparlament in Straßburg. Franziskus rief die
Europäische Union zugleich auf, zu
ihren Gründungsideen zurückzukehren. Er sprach von einem Kontinent,
der „Großmutter und nicht mehr
fruchtbar und lebendig ist“. Nach der
Rede im EU-Parlament hielt Franziskus im Europarat eine Ansprache zum
65. Gründungstag der Staatenorganisation. Am Nachmittag flog er nach
Rom zurück. Es war die kürzeste Auslandsreise in der Papstgeschichte.
Zur EU-Flüchtlingspolitik sagte der
Papst, die Menschen auf den Kähnen,
die täglich an den Küsten landeten,
bräuchten Aufnahme und Hilfe. Die
fehlende gegenseitige Unterstützung
der EU-Staaten führe zu „partikularistischen Lösungen“, die die Menschenwürde der Einwanderer nicht berücksichtigten. Europa solle zugleich die
eigene kulturelle Identität stärken, die
Rechte seiner Bürger schützen und
die Aufnahme von Migranten garantieren. Vor dem Europarat wies Franziskus auf die zahllosen Konflikte
weltweit hin und verlangte stärkere
Friedensbemühungen. „Es ist auch
hier in Europa, wo Spannungen nicht
aufhören.“ Das Wirken des Europarates bei der Suche nach politischen Lösungen sei „wichtig und ermutigend“.
STRASSBURG –
UWE SCHMITT
UWE SCHMITT
ie Zwangsläufigkeit in Ferguson
ist schmerzhaft: Auf den Anklageverzicht durch eine Jury, die
zu drei Vierteln aus Weißen besteht,
folgt der Racheaufstand in der Stadt,
in der siebzig Prozent Schwarze leben.
Barack Obamas beschwörender Appell, die „Herrschaft des Rechts“ zu
respektieren, dringt Minuten nach
dem Jury-Entscheid aus Washington
und prallt ab an der Wut des Mobs.
Hätte es eines Beweises bedurft, dass
die zweifache Wahl eines Schwarzen
ins höchste Staatsamt nicht versöhnt
hat, er wäre im Feuerschein von Ferguson erbracht. Das Unheil wird seinen Lauf nehmen. Wie immer. Es bedurfte des Beweises nicht. Wie 1991,
als vier Polizisten Rodney King in Los
Angeles um die Wette zusammenschlugen und zunächst straffrei davonkamen, werden die sieben Todesschüsse auf den unbewaffneten
Schwarzen in Ferguson als unabwendbar in die Geschichte der Rassenspannungen Amerikas eingehen. Unabwendbar sind sie im zynischen Sinne,
wo paramilitärisch überrüstete Polizeistreitmacht gegen Demonstranten
steht wie gegen Guerillakämpfer.
Es ist die Erwartung von bewaffneter Gegenwehr, die Polizisten in einen
Zustand permanenter gefühlter Notwehr versetzt. Und es ist die Gewissheit dieser Bewaffnung, die Gewaltbereitschaft stets aufs Neue sät. Diese
Spirale hat niemand auflösen können.
Kein Martin Luther King, der seine gewaltfreie Freiheitssehnsucht mit dem
Leben bezahlte, kein Rodney King, der
auf seine treuherzige Frage „Warum
können wir nicht einfach alle miteinander auskommen?“ nur sarkastische Antworten bekam. Die Bilder von
Ferguson wirken im Land so vernichtend wie in der Welt.
Doch während im Ausland Kopfschütteln ohne Überraschung vorherrscht, ob in Trauer oder Schadenfreude, scheinen viele Amerikaner immer wieder aufs Neue schockiert. Wie
kann so etwas, fragen sie, im Land der
Musterdemokratie, um die die ganze
Welt sie beneidet, geschehen? Wie
kann das fairste Justizsystem der Erde
im eigenen Land so missachtet werden? Manchmal scheint es, als verhindere eine blind behauptete Illusion
der Perfektion, die zum Gründungsmythos zählt, jede Selbsterkenntnis.
Diese müsste ansetzen bei der grotesken Überbewaffnung der Polizei wie
bei einem schwarzen Prekariat, das
nichts zu verlieren hat als einen destruktiven Rest „Black Power“. Sie hat
die Wirtschaftserholung nicht erreicht,
sie verrichten lausig bezahlte Jobs,
sind längst aus dem Arbeitsmarkt gefallen. Sie füllen die Gefängnisse in einer jede Proportion sprengenden Gewissheit. Für Gewalt gebe es niemals
eine Rechtfertigung, mahnt Präsident
Obama. Das Fatale ist, dass es für sie in
Amerikas schwelendem Rassenkonflikt
keine braucht, um auszubrechen.
REUTERS/JIM YOUNG
ie Verspätungen bei der
Bahn haben seit 2004
um 30 Prozent zugenommen. Im vergangenen
Jahr kamen 3.787.237 Minuten
Verspätungen zusammen. Viele
Bahnreisende fragen sich jetzt,
warum ausgerechnet sie mal
wieder in diesem Zug sitzen
mussten. 3.787.237 Minuten
sind 63.120 Stunden oder 2630
Tage, grob gesagt etwa 7,2
Jahre. Die Bahn befindet sich
also technisch gesehen im Jahr
2007, als Hartmut Mehdorn
gerade dabei war, das Unternehmen für die Börse kaputtzusparen. Dagegen befindet
sich Hartmut Mehdorn im
Moment ungefähr im Jahr
2020, wenn der von ihm geleitete Hauptstadtflughafen möglicherweise eröffnet wird. Mehdorn kann sich also eigentlich
niemals selber begegnen, es sei
denn, er fährt drei Jahre lang
mit dem Zug zum Arbeitsplatz.
Aber das nur nebenbei. Die
Frage ist: Wie kann die Bahn
diese Verspätungen jemals
wieder aufholen? Kann sie es
schaffen, dass die Züge im
nächsten Jahr 3,8 Millionen
Minuten zu früh kommen?
Vielleicht geht es, wenn die
Bahn konsequent darauf verzichtet, in Wolfsburg und in
Gütersloh anzuhalten, und die
Züge in Hamm nicht mehr teilt.
B **
S
ingles zerbrechen sich häufig stundenlang den Kopf, warum
sie keinen Partner haben – oft schon jahrelang. Jetzt könnte
eine Erklärung dafür gefunden worden sein, warum manche
Menschen eher allein sind und bleiben als andere. Forscher an
der Universität in Peking haben in einer Studie herausgefunden,
dass möglicherweise ein Gen mitverantwortlich für das SingleDasein ist. 579 chinesische Studenten wurden dafür untersucht.
Die Wissenschaftler konzentrierten sich auf ein Gen namens
5-HT1A, das einen direkten Einfluss darauf hat, wie viel vom
Glückshormon Serotonin im Körper produziert wird. Die Forscher unterschieden zwei Varianten des Gens: die C- und eine
G-Version. Letztere hemmt die Produktion von Serotonin. Wer
diese Version trug, war auch seltener in einer Beziehung – nur 39
Prozent der Träger hatten aktuell einen Partner. Die C-Version
hingegen fördert die Produktion des Hormons. Tatsächlich waren
50 Prozent der Befragten mit der C-Version in einer Beziehung,
ein statistisch bedeutsamer Unterschied.
Was aber hat das Serotonin-Level mit Partnerschaften zu tun?
Personen, in deren Körper weniger Serotonin im Umlauf ist,
verhalten sich in Beziehungen vermutlich anders und fühlen sich
in engen Beziehungen weniger wohl. Das zeigen Tierstudien, in
denen ein geringer Hormonspiegel mit Aggressionen gegenüber
potenziellen Partnern zusammenhing. Zudem haben frühere
Studien gezeigt, dass Träger der G-Version auch häufiger psychische Erkrankungen wie Depressionen oder eine BorderlineStörung entwickeln. Die Züge dieser Erkrankungen wie Pessimismus und emotionale Labilität sind hinderlich – für den Beginn
von Partnerschaften ebenso wie für die Zufriedenheit mit der
Beziehung. Die Forscher schlussfolgern, dass Personen mit der
G-Version eher zu Misserfolgen in Beziehungen neigen, weil es
ihnen schwerer fällt, Beziehungen zu beginnen und aufrechtzuerhalten.
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