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Die Neunte | 20-09-14 - Kammerorchester Basel

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Programm 20 - 0 9 -14
PROGRAMM
SAMSTAG | 19.30 Uhr | STADTCASINO Basel
EINFÜHRUNG 18.45 UHR
Maurilio Cacciatore (*1981)
Frammenti senza cornice (Fragmente ohne Rahmen)
Auftragskomposition, Uraufführung
Ludwig van Beethoven (1770 –1827)
Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125
Dieses Programm wurde ermöglicht dank der Unterstützung von
Informationen zu unseren Abonnements in der Saison 14 -15
erhalten Sie nach dem Konzert am Infostand.
Impressum
Herausgeber Kammerorchester Basel
Texte Maurilio Cacciatore (Übersetzung: Ursula Suwelack), Ursula Suwelack
Redaktion Ursula Suwelack
Design Stadtluft
Druck Schwabe AG
2
RACHEL HARNISCH Sopran
GERHILD ROMBERGER Alt
THOMAS MOHR Tenor
THOMAS E. BAUER Bariton
MDR RUNDFUNKCHOR LEIPZIG
GIOVANNI ANTONINI Leitung
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Programm 20 - 0 9 -14
Besetzung
wir spielen heute in folgender besetzung
1. VIOLINE Yuki Kasai
Barbara Bolliger
Matthias Müller
Valentina Giusti
Tamás Vásárhelyi
Irmgard Zavelberg
Kazumi Suzuki Krapf
Mirjam Steymans-Brenner
Yukiko Tezuka
Regula Schär
2. VIOLINE
Jana Karsko
Marianne Aeschbacher
Elisabeth Kohler
Vincent Durand
Regula Keller
Fanny Tschanz
Nina Candik
Betina Pasteknik
Cordelia Fankhauser
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VIOLA
Mariana Doughty
Bodo Friedrich
Renée Straub
Anna Pfister
Stefano Mariani
Robert Woodward
Anne-Françoise Guezingar
FLÖTE
Isabelle Schnöller
Matthias Ebner
Regula Bernath
CELLO
Christoph Dangel
Georg Dettweiler
Mara Miribung
Camille Bloch
Hitomi Niikura
Ekachai Maskulrat
KLARINETTE
Markus Niederhauser
Guido Stier
Etele Dósa (Cacciatore)
KONTRABASS
Stefan Preyer
Daniel Szomor
Burgi Pichler
Johannes Knauer
Peter Kosak
OBOE
Matthias Arter
Francesco Capraro
FAGOTT
Matthias Bühlmann
Claudio Matteo Severi
Povilas Bingelis
TROMPETE
Simon Lilly
Jan Wollmann
POSAUNE
Theo Banz
Adrian Weber
Norikazu Naoi
PAUKEN
Alex Wäber
SCHLAGZEUG
Thomas Herzog
Olivier Membrez
Julien Annoni
HORN
Olivier Darbellay
Mark Gebhart
Konstantin Timokhine
Silvia Centomo
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Programm 20 - 0 9 -14
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Der Dirigent und Flötist Giovanni Antonini ist Gründungsmitglied des Barockensembles Il Giardino Armonico, das er
seit 1989 leitet. Mit diesem Ensemble tritt er als Dirigent
und Solist in den wichtigsten Konzertsälen in ganz Europa, den
USA, in Südamerika, Kanada, Australien und Japan auf. Er
hat mit Künstlern wie Isabelle Faust, Kristian Bezuidenhout,
Viktoria Mullova und Giuliano Carmignola gearbeitet. Das
gemeinsame Vivaldi-Album mit Cecilia Bartoli brachte ihm
2000 den Grammy. Er ist gefragter Gastdirigent bei Orchestern wie den Berliner Philharmonikern, dem Concertgebouw
Orkest, Mozarteum Orchester, Tonhalle-Orchester und Gewandhausorchester Leipzig. Mit dem Kammerorchester
Basel verbindet Giovanni Antonini eine intensive wie erfolgreiche Zusammenarbeit. Dazu gehört auch die Einspielung
sämtlicher Beethoven-Sinfonien. Für die Interpretation der
Sinfonien 3 & 4 erhielten sie den ECHO Klassik 2008. Bis zum
Jahr 2032 werden abwechselnd Il Giardino Armonico und das
Kammerorchester Basel alle 107 Sinfonien Joseph Haydns
unter seiner Leitung aufführen und auf CD aufnehmen.
Gerhild Romberger studierte in Detmold bei Heiner
Eckels, Mitsuko Shirai und Hartmut Höll. Schwerpunkte
ihrer Arbeit sind der Konzertgesang, Liederabende unterschiedlichster Thematik sowie die Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik. Ihr Repertoire umfasst alle grossen
Alt- und Mezzo-Partien des Oratorien- und Konzertgesangs
vom Barock bis hin zur Literatur des 20. Jahrhunderts.
Wichtige Stationen in den vergangenen Jahren waren die
Konzerte mit Manfred Honeck, der sie u.a. für Mahlers
Symphonien, Beethovens «Missa solemnis», die Grosse
Messe von Walter Braunfels und Verdis «Requiem» einlud.
Daneben konzertiert sie regelmässig mit dem Leipziger
Gewandhausorchester unter Riccardo Chailly, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Thomas
Hengelbrock und Mariss Jansons, dem Israel Philharmonic
Orchestra unter Herbert Blomstedt, den Sinfonieorchestern
des WDR und MDR sowie mit den Berliner Philharmonikern.
Seit vielen Jahren ist sie eine gefragte Gesangsprofessorin
in Detmold.
Die Walliser Sopranistin Rachel Harnisch studierte Gesang bei Beata Heuer-Christen. Sie gastierte an Opernhäusern u.a. in Genf, München, Turin, Madrid, Glyndebourne,
Luzern und Mailand. Am Opernhaus Zürich war sie u.a.
als Contessa («Le Nozze di Figaro»), Micaela («Carmen»),
Sophie («Der Rosenkavalier») und Antonia («Les Contes
d’Hoffmann») zu hören. Daneben singt sie ein breites Konzertrepertoire von Bachs Passionen bis hin zu Luigi Nono
mit führenden europäischen Orchestern. Sie arbeitet mit
Dirigenten wie Claudio Abbado, Vladimir Ashkenazy, Philippe
Herreweghe, Kent Nagano, Nikolaus Harnoncourt, Christian
Zacharias, Christopher Hogwood, Antonio Pappano, Sir
John Eliot Gardiner und vielen mehr. Im Liedbereich war
sie zuletzt mit Hindemiths «Ein Marienleben» beim Lucerne
Festival zu hören. Es liegen mehrere CD-Einspielungen vor,
darunter Arien von Mozart und Pergolesis «Stabat Mater»
sowie ein DVD-Mitschnitt von «Fidelio» beim Lucerne
Festival 2010 unter Claudio Abbado.
Thomas Mohr erarbeitete zunächst als Bariton grosse
Opernpartien an der Oper Bonn. Eine rege Opern- und Konzerttätigkeit führte ihn an Opernhäuser wie die Bayerische
Staatsoper, das Opernhaus Zürich oder die Dresdner
Semperoper unter Dirigenten wie Kent Nagano, Nikolaus
Harnoncourt, Gerd Albrecht, Lorin Maazel, Antonio Pappano
und Sir Georg Solti. Vor einigen Jahren absolvierte Thomas
Mohr den Fachwechsel zum Heldentenor: 2005 feierte er an
der Kölner Oper grosse Erfolge als Idomeneo sowie als
Siegmund in Robert Carsens Inszenierung des «Ring des
Nibelungen». In den letzten Spielzeiten war er u.a. als
Parsifal in Erfurt und Malmö, als Eisenstein («Die Fledermaus») an der Bayerischen Staatsoper, als Loge («Rheingold») an der Oper Leipzig und als Max («Der Freischütz»)
in Köln und St. Gallen zu erleben. Im Konzertbereich sang
er u.a. Mahlers «Lied von der Erde» mit dem Gürzenich
Orchester Köln und Beethovens Neunte Sinfonie unter Sir
Roger Norrington. Seit 2002 ist Thomas Mohr Professor für
Gesang in Bremen.
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Programm 20 - 0 9 -14
Thomas E. Bauer konzertiert mit Orchestern wie Boston
Symphony (Bernard Haitink), Concentus Musicus (Nikolaus
Harnoncourt), Gewandhausorchester (Riccardo Chailly, Sir
John Eliot Gardiner), Tonhalle-Orchester Zürich (Sir Roger
Norrington), NDR Sinfonieorchester (Thomas Hengelbrock),
Concertgebouw Orkest (Philippe Herreweghe) und Akademie
für Alte Musik (René Jacobs). Eine besondere Zusammenarbeit
verbindet ihn mit Krzysztof Penderecki. Liederabende mit dem
Hammerflügel-Spezialisten Jos van Immerseel führten ihn zuletzt nach Basel, Dijon, Gent und Paris. Er ist Gründer und Intendant des Festivals «Kulturwald Festspiele Bayerischer Wald».
Der Schweizer Dirigent Nicolas Fink (Choreinstudierung)
arbeitet mit den führenden Chören Europas. Besonders geschätzt wird seine Klangarbeit bei zugleich hohem Anspruch
an Präzision. Seit 2012 ist er Künstlerischer Leiter beim
Edward Grieg Kor in Bergen. Sein besonderes Interesse gilt
neuen Aufführungsformen: 2014 war Nicolas Fink mit dem
Rundfunkchor Berlin und Tänzern und Perkussionisten des
taiwanesischen U-Theatre in der Uraufführung von Christian
Josts «Lover» zu erleben. Für Konzerte und CD-Aufnahmen
mit Dirigenten wie Sir Simon Rattle, Marek Janowski und
Thomas Hengelbrock hat er die Chöre einstudiert. Eine besonders enge Beziehung verbindet ihn mit dem Rundfunkchor Berlin, mit dem er 2014|15 u.a. Poulencs «Figure
humaine» aufführen wird. Daneben erarbeitet er Uraufführungen zweier Werke von Sofia Gubaidulina mit dem MDR
Rundfunkchor und Wilfried Maria Danner mit dem Chor des
Bayerischen Rundfunks.
Wenn grosse Orchester im In- und Ausland ein Werk mit Chorbeteiligung planen, steht der MDR Rundfunkchor auf der
Wunschliste ganz oben, denn er gilt als einer der besten der
Welt. Mit seinen 73 Sängerinnen und Sängern ist er zudem
der grösste Chor einer öffentlich-rechtlichen Medienanstalt.
Das Repertoire umfasst Chorsinfonik, A-cappella-Werke, Ensemblegesang sowie weltliche und geistliche Musik aus beinahe einem Jahrtausend Musikgeschichte. Neben den internationalen Auftritten tragen preisgekrönte CD-Einspielungen
sowie zahlreiche Ur- und Erstaufführungen zum Renommee
des traditionsreichen Chores bei. Von 1998 bis 2013 leitete
Howard Arman das Ensemble. Zurzeit sorgt Philipp Ahmann als
Erster Gastdirigent für dessen kontinuierliche Entwicklung.
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Maurilio Cacciatore
Frammenti senza cornice (Fragmente ohne Rahmen), 2014
Das Komponieren für ein Ensemble, das alle Register eines Orchester beinhaltet – Holzbläser,
Blech, Percussion und Streicher –, beginnt für mich häufig mit einer Frage: Betrachte ich
das Ensemble wie ein Kammerensemble oder wie ein kleines bzw. unvollständiges Orchester?
Beide Lösungen sind möglich, und die ihnen eigenen Charakteristika setzen gleichzeitig der
Strategie, der Balance, dem, was die Partitur den Musikern abverlangen kann, Grenzen.
In meinem Stück versuche ich, das Ensemble als Koexistenz von drei Gruppen (bzw. vier mit
der Elektronik) anzusehen. Zwölf Musiker spielen zusammen, aber sie entwickeln, je in ihren
Untergruppen, unterschiedliches Material zur selben Zeit. Die Energie der grossen Gruppe
wurde in kleinere Formationen aufgeteilt; die kleineren Ereignisse gewinnen gegenüber
dem grossen Aufbau. Wenn aber zwei (oder mehr) unterschiedliche musikalische Fragmente
zusammenkommen, komprimiert unsere Wahrnehmung sie zu einer einzigen Information.
So findet sich die Energie der Gruppe gewissermassen wieder zusammen, nicht dank der
Interaktion, sondern dank der Koexistenz.
Die Koexistenz geht davon aus, dass alle akzeptieren, dass sie gleichberechtigt sind. Was
ist dann die Rolle eines Komponisten, wenn er eine Koexistenz entwickeln will? Einfach
einige Ereignisse zu überlagen nach Art einer Collage ist zu weit entfernt von meiner kompositorischen Tradition. Doch Existenz und Aufmerksamkeit können voneinander abweichen:
Wir müssen nicht alles aufmerksam betrachten, das existiert. Also habe ich entschieden,
was ich wann ins Rampenlicht stelle: Mittels eines Prozesses der Subtraktion erlaube ich
mal die Aufmerksamkeit gegenüber meinem musikalischen Material, mal negiere ich sie.
Ich mag die Leichtigkeit, die dieser Prozess mit sich bringt, weil ich damit das Unwesentliche
beiseite lassen und das für mich Wichtige hervorheben kann.
Diese Art des Denkens ermöglicht noch eine weitere Besonderheit: Wenn wir nicht auf die
Ankunft eines Gedankens warten, hören wir auch nicht dessen Anfang und Ende. Anfang
und Ende sind zwei Stereotype, zwei erfundene Konzepte, die die Welt vereinfacht darstellen sollen. Im letzten Jahr habe ich das Stück «Radio racconti appena accenati» für Orchester
komponiert. Hier resultierte die gesamte Form aus fünf Miniaturen – drei Anfängen, einem
Ende und einem Mittelteil von fünf theoretisch längeren Stücken. In «Frammenti senza
cornice» gehe ich noch einen Schritt weiter: die Fragmente haben nicht nur weder Anfang
noch Ende, sondern sie beginnen, ohne ein Ende des vorhergehenden Materials abzuwarten. Diese Art zu arbeiten betrachtet das Endergebnis als ein mögliches unter mehreren;
die Kreation ist damit ein lebendiger Ausdruck dessen, was wir zeigen, was wir auslassen,
was wir verstecken.
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Programm 20 - 0 9 -14
Beethovens «Neunte»
Geschätzt und gefürchtet, verflucht und verehrt
Es sei erstaunlich, dass die Neunte Sinfonie nicht unter der Masse von Prosa, die sie provoziert habe, begraben worden sei: Claude Debussys Ausspruch ist beinahe so berühmt wie
das Werk, mit dem er sich beschäftigt. Nur kurze Zeit nach dem Verklingen des rauschenden Schlussapplauses brachen die Kritiken über den Komponisten und sein Werk herein.
Am letzten Satz entzündete sich eine Debatte, die bis heute anhält: Ist der Einsatz der
Singstimme ein Befreiungsschlag für die Instrumentalsymphonie? Das Finale genial? Oder
doch ein «Missgriff», wie der wagemutige Komponist selbst über seinen vierten Satz
gesagt haben soll?
Carl Czerny, einer der Lieblingsschüler Beethovens, schreibt wenige Tage nach der Uraufführung: «Allein die Idee den Chor mit Schiller’s Freudenlied eintreten zu lassen, war zwar
sehr schön gedacht und ebenso schön (doch zu lang) durchgeführt, würde sich weit eher für
eine besondere Fantasie eignen. Beethoven steht als Instrumental-Componist so gross und
einzig da, dass Menschenstimmen ihn mehr binden als heben können.» Etwas lapidarer
bringt Joseph Carl Rosenbaum, ein Beamter bei Esterházys, seinen Eindruck des Konzertes
mit Teilen der Missa solemnis und der Uraufführung der Neunten auf den Punkt: «Ouvertüre
– drey Hymnen mit Kyrie – Lied an die Freude. Schön, aber langweilig.» Geradezu vernichtend das Urteil des Komponisten, Dirigenten und Geigenvirtuosen Louis Spohr: «monströs und geschmacklos» sei die Sinfonie, die «Auffassung der Schillerschen Ode so trivial
[...], dass ich immer noch nicht begreifen kann, wie ihn ein Genius wie der Beethovensche
so niederschreiben konnte. Ich finde darin einen neuen Beleg zu dem, was ich schon in
Wien bemerkte, dass es Beethoven an ästhetischer Bildung und an Schönheitssinn fehlte.»
Sogar Richard Wagner erhebt zwar in seiner Schrift «Das Kunstwerk der Zukunft» die Neunte
zur «Erlösung der Musik aus ihrem eigensten Elemente heraus zur allgemeinsamen Kunst»,
bezeichnet aber in einem Brief an Franz Liszt den letzten Satz als «den schwächsten Teil».
Und der streitfreudige Dirigent Sergiu Celibidache beschimpfte vor nicht allzu langer Zeit
das Finale gar als «scheusslichen Salat».
Der heiss geführten Debatten um die Qualität der Sinfonie ungeachtet trat das Werk nach
Beethovens Tod einen Siegeszug durch die Konzertsäle an. Bis heute gibt es keine Sinfonie,
die auch nur annähernd so vielgespielt, vielbewundert, vielgebraucht, aber auch vielmissbraucht ist: sie hat so prominente Verehrer wie Otto von Bismarck, Adolf Hitler und Josef
Stalin. Die «Ode an die Freude» war die Hymne der rassistischen Republik Rhodesiens
und ist seit 1971 die Hymne der Europäischen Union. Im 19. Jahrhundert wurde die Sinfonie
bei Beethoven-Festen als bürgerliche, im 20. Jahrhundert als sozialistische «ErbauungsSinfonie» gespielt. Beim legendären Konzert zum Mauerfall erklang selbstverständlich die
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Neunte, und Dirigent Leonard Bernstein liess dabei kurzerhand das Wort «Freude» durch
«Freiheit» ersetzen, zur Feier des «Endes der mörderischen Grenze». Die Sinfonie existiert
in mehreren hundert CD-Einspielungen, jedes Jahr führen in der Symphony Hall Osaka
10 000 Laiensängerinnen und -sänger die «Daiku» («Grosse») auf. Sicherlich sollte niemand
so naiv sein, aus der Quantität der Aufführungen einen Rückschluss auf die Qualität der
Sinfonie zu ziehen oder sie danach zu beurteilen, wer sie wann für welchen Zweck eingespannt hat. Fest steht aber: Der Anziehungskraft von Beethovens Neunter kann sich offenbar niemand leicht entziehen.
Dies galt insbesondere für die Komponisten der nachfolgenden Generationen. Das übermächtige Vorbild Beethoven legte sich lähmend auf deren Sinfonieproduktion. Robert
Schumann formulierte es in einer Kritik zu Berlioz’ Symphonie fantastique: «Nach der
neunten Sinfonie von Beethoven, dem äusserlich grössten vorhandenen Instrumentalwerke, schien Mass und Ziel erschöpft.», Franz Schubert fragte bange: «Wer vermag nach
Beethoven noch etwas zu machen?». Johannes Brahms brauchte zwölf Jahre und komponierte dann für seine erste Sinfonie einen vierten Satz, bei dem laut eigener Aussage «jeder
Esel» die Analogie zu Beethoven merkt. Anton Bruckner schaute sich die Konstruktion langsamer Sätze und Techniken der Themengestaltung bei Beethovens Neunter ab, und Gustav
Mahlers Welt-erzählende und -deutende Symphonien weisen direkt auf Beethoven zurück.
Waren die Komponisten vor Beethoven durchaus in der Lage zur sinfonischen Massenproduktion – Johann Stamitz brachte es z.B. auf 69 Sinfonien, Leopold Hofmann auf 67,
Joseph Haydn bekanntermassen auf 107 und Mozart auf über 50 –, so wurde die Komposition
einer Sinfonie nach Beethoven ein häufig geradezu monumentaler Kraftakt: über die durch
Beethoven vorgegebene Neunzahl der Sinfonien kam keiner der Komponisten in der direkten
Beethoven-Nachfolge hinaus.
Ein unerhörtes Ereignis: Die Uraufführung
«Es kam zur Production. Ein glänzendes, äusserst zahlreiches Auditorium lauschte mit
gespanntester Aufmerksamkeit, und spendete enthusiastischen, rauschenden Beifall.
Beethoven dirigirte selbst, d.h. er stand vor seinem Dirigentenpulte und fuhr wie ein wahnsinniger hin und her. Bald streckte er sich hoch empor, bald kauerte er bis zur Erde, er schlug
mit Händen und Füssen herum, als wolle er allein die sämtlichen Instrumente spielen, den
ganzen Chor singen. [...] Beethoven feierte einen grossartigen Triumph.» Dass Beethovens
letzte Sinfonie Geschichte schreiben würde, war schon im Moment ihrer Uraufführung mit
Händen greifbar. Der Geiger Joseph Michael Böhm ist nicht der einzige, der die Uraufführung der Neunten als einen überwältigenden Erfolg beschreibt. Bereits während der ersten
drei Sätze brandete im Kärntnertortheater immer wieder unvermittelt Beifall auf, ja sogar
von Polizeieinsätzen wegen des Lärms der jubelnden Konzertbesucher wird erzählt. Der
Saal war überfüllt, das Publikum begeistert, nicht zuletzt wegen des berühmten Komponisten und seines exzentrischen Auftritts – die Musik, die an diesem Abend zum ersten Mal zu
hören war, war musikalisch beinahe schockierend neu.
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Programm 20 - 0 9 -14
Schon der Beginn des ersten Satzes läuft allem Erwartbaren zuwider. Scheinbar aus dem
Nichts kommend, blitzt das erste Thema zwischen den tremolierenden Streichern auf. Mit
einem Crescendo braut sich ein Unheil zusammen, das dann als Hauptthema des Satzes mit
gewaltiger Kraft und machtvollen Oktavschlägen im Orchester-Tutti hervorbricht. «Konflikt
und Kampf» könnte leitmotivisch über diesem ersten Satz stehen: Durch die Auseinandersetzung zweier widerstreitender Kräfte ereignet sich Katastrophe auf Explosion. Nur in
vereinzelten Momenten nimmt die Musik hoffnungsvolle Züge an. Der Satz endet ebenso
niederschmetternd wie er begonnen hat. In der Wiederkehr des Hauptthemas im Fortissimo
wird jeder Hoffnungsschimmer zunichte gemacht, in Trauermarsch-Anklängen wird die
Hoffnung quasi zu Grabe getragen. So katastrophal war nicht einmal der erste Satz von
Beethovens Fünfter, seiner einzigen weiteren Mollsinfonie, zu Ende gegangen!
Es folgt als «Tanz» an zweiter Stelle der Sinfonie alles andere als ein unbeschwertes,
leichtfüssiges Scherzo, sondern vielmehr ein atemloser Freudentaumel, eine mephistophelische Orgie. Ein kontrastierender Mittelteil, das Trio, greift die Hoffnungsschimmer aus
dem ersten Satz wieder auf und weist mit seiner unbeschwerten Melodie auf den letzten
Satz voraus. Der dritte Satz ist der Ruhepunkt der Sinfonie, ein in sich gekehrtes Gebet.
Beethoven verschränkt hier zwei Variationssätze, ein «Adagio molto e cantabile» im 4/4-Takt
und ein «Andante moderato» im 3/4-Takt, zu einer weltentrückten, in sich selbst versunkenen
Ganzheit. Bis eine schreiende Dissonanz den Zuschauer wachrüttelt: Die Fanfare zu Beginn
des vierten Satzes lässt mit einem Schlag die Schrecken des ersten Satzes wieder auferstehen. Und dann das Unerhörte: Die Musik bricht abrupt ab, es erklingt ein Rezitativ von
Kontrabässen und Celli, unterbrochen von Reminiszenzen an die ersten drei Sätze, darauf
folgt eine fröhliche, eingängige Melodie in den Bässen, zu der immer mehr Stimmen im
Orchester treten, bis die Melodie im Forte des gesamten Orchesters erklingt. Dann unterbricht die Schreckensfanfare erneut den musikalischen Fluss, und endlich wird durch den
Einsatz der Singstimme erklärt, was der Zuhörer soeben miterlebt hat: Nicht geringeres als
die Suche nach der Melodie, die geeignet ist, die gesamte Weltbevölkerung in Freude zu
vereinen. Nun, da sie gefunden ist – das, und nicht weniger, ist das Postulat dieses letzten
Satzes –, wird sie zelebriert. Alle stimmen ein: «Seid umschlungen, Millionen. Diesen Kuss
der ganzen Welt!», «Freude, schöner Götterfunken» und «Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt», bis zum Schluss gesteigert in Tempo, Tonhöhe und Lautstärke, undenkbar ohne den Gesang. Und spätestens nach diesem effektvollen und mitreissenden Ende der Sinfonie ist die Frage nach Befreiungsschlag, Genialität oder «Missgriff»
schlicht nicht mehr relevant.
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Ode an die freude
Bariton & Chor
O Freunde, nicht diese Töne!
Sondern lasst uns angenehmere
anstimmen und freudenvollere.
Freude! Freude!
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.
Soli
Wem der grosse Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!
Chor
Ja, wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!
Soli & Chor
Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur;
Alle Guten, alle Bösen
Folgen ihrer Rosenspur.
Küsse gab sie uns und Reben,
Einen Freund, geprüft im Tod;
Wollust ward dem Wurm gegeben,
Und der Cherub steht vor Gott.
Tenor & Chor
Froh, wie seine Sonnen fliegen
Durch des Himmels prächt’gen Plan,
Laufet, Brüder, eure Bahn,
Freudig, wie ein Held zum Siegen.
Chor & Soli
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Brüder, überm Sternenzelt
Muss ein lieber Vater wohnen.
Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Such’ ihn überm Sternenzelt!
Über Sternen muss er wohnen.
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Brüder, überm Sternenzelt
Muss ein lieber Vater wohnen.
Freude, schöner Götterfunken
Tochter aus Elysium!
Freude, schöner Götterfunken!
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Programm 20 - 0 9 -14
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03 -10 -14 | 12.30 Uhr | volkshaus Basel
Giovanni Antonini Leitung
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07-11-14 | 22.00 Uhr | ackermannshof Basel
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15 -11-14 | 19.00 Uhr | stadtcasino Basel festsaal
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FREUNDESKREISkammerorchesterbasel
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Ungenannte Mäzene und Förderer
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DIE GROSSZÜGIGE UNTERSTÜTZUNG DES
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In Zusammenarbeit mit
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Kanton Basel-Stadt, Ressort Kultur
Kanton Basel-Landschaft, Kulturelles BL
GEMEINDEN
Gemeinde Biel-Benken
Albert Roussel Sinfonietta für Streichorchester op. 52
Maurice Ravel Pavane pour une infante défunte
Bohuslav Martinu˚ Konzert für Streichquartett und Orchester H 207
Gabriel Fauré Masques et Bergamasques op. 112
Bohuslav Martinu˚ Sinfonietta «La Jolla» H 328
Juilliard String Quartet
Christoph Poppen Leitung
14
15
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