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In seinem Bericht - Kirche-Moers

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 Bericht des Superintendenten 2014
Teil A
Hohe Synode,
in meinem diesjährigen Bericht verzichte ich auf die Darstellung besonderer Ereignisse im Kirchenkreis Moers und in
den Gemeinden und gewichte meine Ausführungen zugunsten von drei Themenblöcken, die m. E. derzeit besonders
diskussionswürdig in Synode und Presbyterien sind.
Außerdem soll im Anschluss an meinen Bericht, dem Finanzbericht des Vorsitzenden des Finanzausschusses aus
konkretem Anlass ein angemessenes Zeitfenster geöffnet
werden.
Suizidbeihilfe
Die Mehrheit der Deutschen, zwei Drittel, wünschen sich
nach einer aktuellen Allensbachumfrage die Zulassung aktiver Sterbehilfe im Fall einer unheilbaren Krankheit. 60% sind
für die Zulassung von privaten Sterbehilfe-Organisationen.
Die Mehrheit der Bevölkerung steht damit gegen die Meinung der Mehrheit des Bundestages und der Kirchen.
Mit Nachdruck setzt sich die Ev. Kirche in Deutschland dafür
ein, dass jede organisierte und geschäftsmäßige Beihilfe zur
Selbsttötung unterbunden werden muss.
Auch wenn dies von außen gerne anders interpretiert wird,
die im Juli dieses Jahres in „Zeit“ und „Stern“ veröffentlichten
Interviews mit Nikolaus und Anne Schneider stellen diese
Position nicht infrage. Das haben der Rat der EKD, dessen
Vorsitzender Nikolaus Schneider ist, und er selbst in Fernseh-Interviews bestätigt.
Der Suizid darf zu keiner „normalen“ Option am Lebensende
werden. Das würde sich auf die Gesellschaft insgesamt
auswirken. Auf der einen Seite steht das von den Befürwortern einer aktiven Beihilfe zum Suizid angeführte Recht auf
Selbstbestimmung. Auf der anderen Seite würde seine Legalisierung den Suizid gesellschaftsfähig machen und Menschen unter Druck setzen können, die darunter leiden, dass
sie ihren Angehörigen Aufwand und unnötige Kosten verursachen. Das wäre das Gegenteil von Selbstbestimmung.
Sehr polemisch aber pointiert widerspricht Franz Müntefering
dem Plädoyer für die aktive Sterbehilfe und geißelt die Verfechter aktiver gewerblicher Sterbehilfe: „Hier soll aus Angst
vor dem unsicheren Leben ein sicheres Ende gesucht und
der präventive Tod zur Mode der angeblich Lebensklügsten
gemacht werden. ... . Wenn Altsein wirklich so trottelig und
wertlos ist und außerdem in seiner Massenhaftigkeit auch
recht kostenträchtig – muss man dann den Menschen nicht
rechtzeitig abraten davon und ihnen zum runden Geburtstag
einen kostenlosen süßen Auf-immer-Einschlaf-Trunk andienen? ... Die Würde des Menschen hat nichts damit zu tun, ob
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er sich selbst den Hintern abputzen kann. Nichts damit, ob er
bis 100 zählen kann und ob er sich erinnern kann. Es gibt
Menschen, die können das nie, ... Lebten sie nicht in Würde?“
Dennoch ist die Angst, vor Einsamkeit, vor Hilflosigkeit, vor
unwürdigen Pflegesituationen, vor einer Apparatemedizin,
die den Menschen nicht sterben lässt, sehr ernst zu nehmen.
An dieser Stelle sind die Palliativversorgung und Hospizarbeit zu nennen, die gegen die meisten dieser Ängste Hilfeleistung bieten. Hier ist umfassende Aufklärung nötig, was
bereits medizinisch möglich ist, damit Menschen in Würde
sterben können. Margot Käßmann bringt es auf den Punkt:
„Mir ist wichtig, dass Menschen an der Hand eines anderen
und nicht durch die Hand eines anderen sterben.“
Als Seelsorgerinnen und Seelsorger wissen wir aber, dass
trotz aller palliativmedizinischen Möglichkeiten, schwer erkrankte Menschen in Einzelfällen nicht weiterleben wollen.
In seiner Orientierungshilfe „Wenn Menschen sterben wollen“
hat der Rat der EKD bereits 2008 den Respekt vor Menschen in verzweifelten Situationen betont:
„Wenn das Evangelium den Menschen in der Freiheit des
eigenen Gewissens anspricht, dann schließt das Respekt
gegenüber der Sicht anderer auf ihr Leben ein, noch dazu,
wenn diese in Verbindung steht mit einer schweren, leidvollen Krankheit. Man wird dann aber auch zu respektieren haben, wenn ein anderer Mensch in einer solchen Lage zu der
Entscheidung gelangt, sein Leben zu beenden, und wenn
Dritte ihm dabei helfen, auch wenn man selbst dies nicht bejahen kann oder tun könnte.
Wer Situationen schweren Leids erlebt hat, der wird sich hier
jeden Urteils enthalten. Und vielleicht weiß er auch um den
schweren Gewissenskonflikt, der in solchen Situationen aus
der eindringlichen Bitte um Beistand bei der Beendigung des
eigenen Lebens erwachsen kann. Ja, es mag Grenzfälle geben, in denen sich Menschen um eines anderen willen genötigt sehen können, etwas zu tun, das ihrer eigenen Überzeugung und Lebensauffassung entgegensteht.“
Als Christinnen und Christen sind wir verpflichtet, keinen
Menschen, der in Not ist und Begleitung braucht, alleine zu
lassen. Die Begleitung von Menschen, die allein im Suizid
den Ausweg aus ihrer Not sehen, kann ausschließlich in
Form persönlicher Verantwortungsübernahme erfolgen und
sollte rechtlich nicht reguliert werden, so sinngemäß Prälat
Dr. Martin Dutzmann, als Bevollmächtigter der EKD des Rates der EKD bei der BRD vor der CDU/CSU Bundestagsfraktion am 24.9.2014.
Erst recht sind wir als Seelsorgerinnen und Seelsorger
gehalten, unsere Seelsorge und den Zuspruch der Gnade
unseres Herrn Jesus Christus auf entsprechende Anfrage
hin, auch wenn es sehr schwer fällt, nicht zu verweigern.
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Die Ev. Kirche sollte trotz des erheblichen Gegenwindes aus
der Mehrheit der Gesellschaft bei der Haltung bleiben, dass
die organisierte bzw. geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid
mit rechtlichen Mitteln unterbunden wird und dass es darüber
hinaus derzeit keiner Veränderung bestehender Gesetze
bedarf.
Stattdessen sollte sie sich dafür einsetzen, dass palliative
und hospizliche Versorgung gesetzlich festgeschrieben wird.
Ich rege außerdem an, dass wir auch im Kirchenkreis Moers
verstärkt das Gespräch mit Ärztinnen und Ärzten suchen. Sie
sehen sich in ihrer täglichen Arbeit und nicht bloß in theoretischer Reflexion Bitten um Hilfe zum Sterben ausgesetzt in
einem oft sehr persönlichen Arzt-Patienten-Verhältnis und
entscheiden in Einzelfällen nach ihrem Gewissen. Als ev.
Kirche sollten wir Ärztinnen und Ärzten, die das wünschen,
zur Seite stehen.
Ich denke, dass die Krankenhausseelsorge hierfür der Ort
ist, an dem solches auch bereits geschieht.
Es würde mich auch interessieren inwieweit das Thema in
stationären und ambulanten Pflegediensten die dort Pflegenden bewegt.
Einem Vortragsabend heute im St.Josef Krankenhaus in
Moers zum Thema „Palliativmedizin und Sterbehilfe“ scheinen ähnliche Überlegungen vorausgegangen zu sein. Er
nimmt die kontroverse Diskussion auf und zeigt die Möglichkeiten von Palliativmedizin und Hospizarbeit auf.
Es ist m.E. wichtig, dass Information und Diskussion in dieser gesellschaftlich wie kirchlich wesentlichen Frage auf geeigneten Foren fortgesetzt wird.
Frieden
Mit unvorstellbarer Brutalität wütet der IS mit seinem Terror
auf dem Gebiet Syriens und im Nordirak. Muslime, Christen
und Jesiden sind gleichermaßen betroffen von Vertreibung,
Massenmord, Vergewaltigung, Versklavung und Unrecht in
einer Weise und einem Ausmaß, wie ich es mir bislang nicht
vorstellen konnte.
Militärische Mittel erscheinen derzeit als die einzige verbleibende Möglichkeit, der Wucht der IS Truppen entgegenzutreten und sie zurückzuschlagen.
Die betroffenen Menschen hoffen auf internationalen Schutz.
Luftstreitkräfte fliegen Einsätze. Die kurdischen Kämpfer im
Nordirak, die Peschmerga, werden mit Waffen, auch aus
Deutschland, in ihrem Kampf gegen den IS unterstützt. Andere kurdische Gruppen, beispielsweise in Nordsyrien, erhalten diese Hilfe nicht. Das Bild ist sehr komplex, auch mit
Blick auf die Zuverlässigkeit möglicher Verbündeter und die
Rolle der Türkei.
Die Diakonie Katastrophenhilfe versorgt im Zusammenwirken
mit der Caritas und Hilfsorganisationen vor Ort Flüchtlinge im
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Nordirak. In den Gemeinden sammeln wir Kollekten und beten für die betroffenen Menschen und für den Frieden.
Die Kirchen setzen sich für eine Willkommenskultur Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten gegenüber ein und leisten
ihren Beitrag auch gegen immer lauter werdende Fremdenfeindlichkeit hierzulande.
Wie beziehen wir als Christinnen und Christen aber Position
in der Frage nach dem Einsatz von Waffengewalt, auch mit
deutschen Waffen?
In einer friedensethischen Stellungnahme des Rates der
EKD vom September 2014 wird an die Friedensdenkschrift
der EKD von 2007 angeknüpft und an das darin entwickelte
Leitbild des „Gerechten Friedens“. Zur Anwendung von militärischer Gewalt wird Satz 112 der Denkschrift zitiert: „Bei
Menschenrechtsverbrechen wie einsetzendem Genozid,
Massenmord an Minderheiten, Massakern an ethnischen
Gruppen und ethnischer Vertreibung, kollektiver Folter und
Versklavung kann militärisches Eingreifen gerechtfertigt sein,
wenn die Kriterien rechtserhaltender Gewalt erfüllt sind.“
Grundsätzlich hält der Rat der EKD einen militärischen Einsatz gegen den IS vor dem Hintergrund dieser Prüfkriterien
für legitim.
Allerdings fordert er auch ein UN-Mandat, eine Schutzzone
für Flüchtlinge und ein Konzept für eine zukünftige Friedensordnung in der Region.
Es wird ebenso ein Zusammenhang erkannt zwischen dem
Vorrücken des IS und dem Vorhandensein modernster Waffen in der Region, an denen sich der IS, über welche Kanäle
und mit welchem Geld auch immer, bedient.
Der Rat der EKD erinnert an seine seit Jahren geübte Kritik
an der gegenwärtigen Waffenexportpraxis in Deutschland.
Die Genehmigung von Waffenexporten in zahlreiche Länder,
sogar in solche, in denen Menschrechte verletzt werden, hat
dazu geführt, dass die Region voll Waffen in falschen Händen ist. Die Befürwortung Deutscher Waffenlieferungen an
die Peschmerga durch einige Ratsmitglieder widerspräche
dieser grundsätzlichen Kritik nicht. Wenn nun angesichts der
Bedrohung deutsche Waffen geliefert würden, sei aber die
Verantwortung umso größer, in Zukunft die Kanäle kommerziellen Waffenhandels auszutrocknen.
Die AGDF, „Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden“,
kritisiert am 27. September 2014 die Stellungnahme des Rates der EKD, weil hier der Fokus auf Waffenlieferung und
Militärintervention liege und diesbezügliches staatliches
Handeln kirchlich legitimiert würde, anstatt Beiträge zu ziviler
Krisenbewältigung auf der Basis des Leitbildes eines „gerechten Friedens“ zu leisten.
Der „Arbeitskreis Frieden der Ev. Kirche von Kurhessen
Waldeck“ schließt sich Anfang September 2014 dem Apell
der Vollversammlung des ökumenischen Rates der Kirchen
von 2013 für einen „Pilgerweg der Gerechtigkeit und des
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Friedens“ an und erinnert im Wesentlichen an die Impulse
christlicher Friedensethik basierend auf der Bergpredigt und
betont angesichts der deutschen Waffenexporte den Friedensethischen Grundsatz, der hinter dem Leitbild „Schwerter
zu Pflugscharen“ steht und fordert die Ausbildung internationaler Friedensfachkräfte.
Anlässlich der diesjährigen Friedensdekade, die am 9. November beginnt, mahnt Renke Brahms, der Friedensbeauftragte der EKD, an, zivile Mittel zur Konfliktlösung angesichts
der Gewalt im Nahen Osten nicht aus dem Blick zu verlieren.
Militärschläge oder Waffenlieferungen könnten nicht die einzige Lösung sein.
Ich begrüße es, dass sich der GMÖ - Niederrhein derzeit mit
friedenethischen Fragestellungen befasst, weil es schwer
fällt, mit Blick auf die stetig wachsende Komplexität der
Thematik eindeutig Position zu beziehen.
Auf der Suche nach theologischer Wegweisung angesichts
der aktuellen Herausforderungen stieß ich auf einen Vortrag
von Bischof Dr. Markus Dröge (EKBO) vom August 2014, der
an einen wichtigen Gedenktag in diesem Jahr erinnert, nämlich an die Rede Dietrich Bonhoeffers vor 80 Jahren, am 28.
August 1934, also „kurz nach Barmen“, anlässlich der ökumenischen Tagung von Fanö, Dänemark, die verantwortet
war vom „Weltbund für internationale Freundschaftsarbeit
der Kirchen“ und dem sich später die Delegierten von „Life
and Work“, dem „ökumenischen Rat für praktisches Christentum“ anschlossen.
Wichtig zu wissen ist, dass hier bereits drei Monate nach ihrer Verabschiedung die Theologische Erklärung von Barmen
internationale Bedeutung erlangte. Dietrich Bonhoeffer war
es, dem es gelang, dass die Bekennende Kirche als Stimme
des deutschen Protestantismus zu Gehör kam und nicht die
Deutschen Christen.
Bonhoeffer formuliert ganz unter dem Eindruck der Katastrophe des ersten Weltkrieges, dessen Ausbruch gerade einmal
20 Jahre her war und in dem die christlichen Völker Europas
auf grausamste Weise gegeneinander Krieg führten. Bonhoeffer in Fanö 1934: „Christen können nicht die Waffen gegeneinander richten, weil sie wissen, dass sie damit die Waffen auf Christus selbst richten...“ Und: „Warum soll Friede
sein? Weil Christus in der Welt ist.“
Dennoch gelangt Markus Dröge, genau wie vorher Eberhard
Bethge, der bedeutende Bonhoefferschüler, zu dem Ergebnis, dass man aus der Rede Bonhoeffers keinen prinzipiellen
Pazifismus Bonhoeffers ableiten könne, schon alleine deshalb nicht, weil Bonhoeffer in Fanö ganz und gar auf dem
Boden „Barmens“ stand. Dort erkennt die Bekennende Kirche in der 5. These das Recht des Staates an, „nach dem
Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens
unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und
Frieden zu sorgen.“ Demgegenüber steht aber die Pflicht der
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Kirche, den Staat an Gottes Reich, seine Gebote und seine
Gerechtigkeit und seinen Frieden und damit die Regierenden, die Regierten und die Gesellschaft an ihre Verantwortung für den Frieden zu erinnern.
„Wie wird heute Friede? Was würde Bonhoeffer sagen?“
fragt Dröge.
Die Kirche muss den Staat an seine Friedensverantwortung
erinnern und für Versöhnung eintreten. Dies mag in der aktuellen Lage vor allem für den Ukraine–Russland–Konflikt, in
dem sich christlich geprägte Länder, zumal in einem europäischen Kontext, gegenüberstehen, noch einleuchten.
Wie aber argumentieren wir mit Bonhoeffer, wenn ein Staat
entsteht, der wie der IS nicht auf das Friedensgebot Gottes
hören will?
Hier ist an Bonhoeffers anderen starken Satz zu denken:
Nämlich angesichts der Hitlerdiktatur „dem Rad in die Speichen zu fallen“. Das schloss bei Bonhoeffer den Tyrannenmord und Gewaltanwendung mit Waffengewalt ein und auch
die Übernahme von damit verbundener Schuld. Das war ihm
bewusst, als er sich dem Widerstand gegen die Nazis anschloss.
In der Folge ist ebenso der militärische Einsatz der Alliierten
zur Beendigung der Hitlerdiktatur, insbesondere die Invasion
an der Küste der Normandie, zu begründen.
Es stellt sich in dieser heutigen Grenzsituation möglicherweise nicht die Frage, ob um des Friedens willen auf den Einsatz militärischer Gewalt zu verzichten ist, sondern wie tötende Gewalt, nämlich die des IS, zu einem Ende gebracht
werden kann. Um dadurch immer schlimmere Menschenrechtsverletzungen zu verhindern, wäre dem Rad also in die
Speichen zu fallen.
Der Einsatz militärischer Gewalt ist die ultima ratio. Die Rede
von „der letzten Möglichkeit“, beinhaltet aber auch, dass zuvor andere Möglichkeiten nicht hinreichend wahrgenommen
wurden. Die Region des Nahen Ostens, insbesondere der
Irak, wurde waffenstrotzend alleine gelassen. Nach dem
Irakkrieg wurde ein Tohuwabohu hinterlassen, auf dem schiitische Gruppen und Eliten die Macht unter Ausschluss der
Sunniten an sich zogen. Auf diesem Nährborden wuchs sich
Hass und Gewalt hin zum IS aus. Solide Analysen hierzu
kann man in den renommierten großen deutschen Zeitungen
nachlesen. Ganz zu schweigen von den Interessen der Rüstungswirtschaft und der Ölindustrie. Viele tragen für die Entstehung der jetzigen Situation eine Mitverantwortung, auch
Deutschland.
Auch deshalb hat unser Land jetzt seinen Beitrag zu leisten.
Das Liefern von Hilfsgütern ist allererste Pflicht.
Waffenlieferungen aber werden vielfach kritisch gesehen. In
welche Hände geraten sie? Könnte nicht sogar die schwierige Frage erlaubt sein, ob in dem Fall nicht Deutschland auch
personelle Verantwortung für die Waffen übernimmt, also die
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Waffen selbst in die Hand nimmt, um sie vorübergehend basierend auf einem „robusten UN-Mandat“ gegen den IS einzusetzen und anschließend wieder mitzunehmen?
Dann aber wären wir in der Debatte über Auslandeinsätze
der Bundeswehr. Wir befinden uns in friedensethischer Hinsicht in einer „Komplexitätsfalle“, aus der uns keine einfachen Antworten herausführen. Das zeigt auch die aktuelle
politische Diskussion, die sich zwischen einem klaren Nein
zu einem Bundeswehreinsatz (Außenminister Steinmeier,
SPD) und der grundsätzlichen Möglichkeit sich als Teil von
UN-Truppen zu engagieren (Göring-Eckard, Grüne) bewegt.
Die Kirche muss m.E. jetzt erst recht wieder ihre Stimme für
weltweite Gerechtigkeit, für die Überwindung der Armut, für
die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen und für die
Einhaltung der Menschenrechte erheben, damit Krisen sich
gar nicht erst zu solch verhängnisvollen und zerstörerischen
Situationen auswachsen, aus denen es keinen guten Ausweg mehr gibt ...
...wenn es dafür nicht schon zu spät ist, der IS Terror in Afrika, Südostasien oder gar in Europa einfällt und wir selbst der
Spirale der Gewalt nicht mehr entrinnen können.
Kirchenaustritte, Relevanzkrise,
Presbyterial-Synodale-Ordnung
Der Anstieg an Austritten aus der Evangelischen Kirche wird
vielfach mit der Kirchensteuer auf Kapitalerträge in Verbindung gebracht.
Anscheinend ist nicht jedem Kirchenmitglied klar gewesen,
dass es sich hierbei nicht um eine neue Kirchensteuer handelt, sondern lediglich um eine bestehende Steuerpflicht, die
mit einem automatisierten Einzugsverfahren verbunden wurde.
Es ist leider nicht geglückt, dies auch transparent zu machen. Die KD-Bank z. B. informierte ihre Kunden sachgerecht. Andere Kreditinstitute taten das mit eher missverständlichen Texten über das neue Verfahren, sodass der Eindruck, es handele sich um eine neue Kirchensteuer, noch
verstärkt wurde.
Jetzt informiert die EKiR ihre Mitglieder mit einem Flyer
„Führt die Kirche eine neue Kirchensteuer ein?“ über die Hintergründe, spät, aber nicht zu spät, damit im kommenden
Jahr nicht wieder Kirchenmitglieder falsche Schlüsse ziehen,
wenn sie mit der Kirchensteuer auf Kapitalerträge konfrontiert werden.
Gleichzeitig erscheint ein weiterer Flyer der EKiR unter dem
Titel „Wir sagen Danke ... für ihre Kirchensteuern“. Hier wird
darüber informiert, wie die Kirche an ihr Geld kommt und wofür in der EKiR die Kirchensteuermittel verwendet werden.
Gut so!
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Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob der überproportionale
Anstieg der Austrittszahlen ursächlich auf die oben beschriebene Problematik zurückzuführen ist. Möglicherweise haben
Kirchenmitglieder die Konfrontation mit dieser Facette der
Kirchensteuer lediglich zum Anlass genommen, einen lange
geplanten Schritt, nämlich den Kirchenaustritt, zu vollziehen,
weil die Kirche, vielleicht sogar der Glaube, in ihrem Leben
längst keine Rolle mehr spielen.
Ich halte das für wesentlich beunruhigender, als den aus Ärger über Kirchensteuern vollzogenen Kirchenaustritt. Der
Präses der Rheinischen Kirche spricht offen und besorgt
über das Thema „Relevanzkrise“ der Ev. Kirche.
Es ist zu befürchten, dass viele Menschen Glauben und Religion nicht mehr unbedingt mit Kirche verbinden oder dass
ihnen beides schlicht egal ist. Dann müssten wir erkennen,
dass wir solche Menschen möglicherweise nicht mehr zum
Bleiben oder gar zum Wiedereintritt bewegen könnten.
Mit der sich verkleinernden Volkskirche wächst das Feld derer, die mit dem Evangelium noch nie in Berührung kamen.
Ein kurzer Blick in die neueste EKD-Mitgliedschaftsstudie:
Sie stellt fest, dass unter den über 60-Jährigen noch 83%
religiös erzogen wurden, unter den 30-Jährigen nur noch
55%. Dieser Abbruch religiöser Sozialisation wird sich in Zukunft gravierend auf die religiöse Landschaft auswirken. Elternhäuser fallen zunehmend als die wesentliche religiöse
Sozialisationsinstanz aus. Sie lassen ihre Kinder nicht mehr
taufen. Das verstärkt die Verluste durch Kirchenaustritte und
Demographie. Ein schleichender Prozess, der sich statistisch
nicht abbilden lässt, aber durchschlagende Wirkung haben
wird, wenn Kinder von einer Generation zur anderen einfach
nicht mehr getauft werden.
Der Studie zufolge wird als Grund für einen Kirchenaustritt
eine zunehmende Distanz zur Kirche genannt. Ausgetretene
fühlen sich wegen ihrer Areligiösität nicht mehr defizitär,
sondern im Kontext einer gesellschaftlichen Indifferenz gegenüber Religion und Kirche. Areligiös und nicht kirchlich zu
sein gilt im Unterschied zu früheren Generationen als der
Normalfall. Der demographische Wandel in Verbindung mit
gesamtgesellschaftlichem Wandel stellt einen prägenden
Kontext für innerkirchliche Veränderungen dar. „Die daraus
abzuleitenden Prognosen bieten keinen Anlass zu kirchlicher
Selbstberuhigung“, stellen die Verfasser der EKD-Studie
nüchtern fest.
Die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung stellt eine Polarisierung der Kirchenbindung fest. Der Anteil derer, die sich verbunden fühlen, ist leicht angestiegen. Der Anteil der wenig
Verbundenen, also derer, die nicht aus der Kirche austreten
würden und die Kirche durch ihre Kirchensteuern mitfinanzieren, ist deutlich geschrumpft. Hochverbundene haben hohe
Erwartungen an kirchliche Tätigkeit auch in Bildung, Kultur
und Politik. Die weniger Verbundenen, aber nicht austrittsbe-
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reiten Evangelischen beschränken ihre Erwartungen auf eine
biografisch orientierte Begleitung, wie z.B. durch Kasualien.
Es reicht nicht, kirchliche Angebote einzig an den Bedürfnissen der sog. Kerngemeinde zu orientieren. Die Menschen
am Rand der Gemeinde sind Gemeinde, genauso wie diejenigen, die sich hochverbunden fühlen. M.E. hat es sich demnach überholt, von Kerngemeinde und deren Rand zu sprechen, weil alle Mitglieder unserer Kirche Gemeinde bilden.
Die Hochverbundenen aber – und dazu gehören Sie alle als
ehrenamtliche Mitglieder der Presbyterien und der Synode –
sie geben der Kirche ihr Gesicht. Von ihrem Engagement
lebt Kirche. Dafür gebührt ihnen Dank!
Potentiale sieht die Umfrage in der Bedeutung der Pfarrpersonen, die selbst kirchenfernen Menschen in der Regel bekannt sind, in der Wertschätzung der Kasualien, in dem Vertrauen in die Diakonie und im sozialen Engagement, das
Protestantinnen und Protestanten, die sich ihrer Kirche verbunden fühlen, in die Gesellschaft einbringen und durch das
sie hier prägend wirken.
Die Bedeutung von Religionslehrerinnen und –lehrern und
der Schulpfarrerinnen und Schulpfarrern darf m.E. ebenso
nicht unterschätzt werden. Sie bedürfen unbedingt der Unterstützung der Kirchengemeinden.
Um es ganz deutlich zu sagen: Unsere Kirche macht auf allen Ebenen, insbesondere an der Basis in den Gemeinden
gute Arbeit. An kirchlichen Angeboten liegt es also nicht,
wenn Menschen ihrer Kirche den Rücken kehren. Diese Erkenntnis kann allerdings nicht beruhigen. Eher zeigt sie, dass
wir keine Stellschrauben kennen, die wir drehen könnten, um
Menschen am Kirchenaustritt zu hindern. Die Rede des Präses von der Relevanzkrise greift dies auf, indem sie nüchtern
konstatiert: Die Kirche wird kleiner werden, weil sich Menschen immer weniger mit ihr identifizieren.
Der Theologischen Erklärung von Barmen gedenken wir in
diesem achtzigsten Jahr nach ihrer Verabschiedung. Sie
wurde abgefasst und verstanden als ein deutliches Zeugnis
des Protestantismus in Zeiten der Anfechtung, als der Staat
sich in die inneren Angelegenheiten der Kirche durch ihre
Gleichschaltung einmischte und auf die Auslegung der heiligen Schrift durch die Mithilfe der Deutschen Christen (DC)
mit ihrer Blut-und-Boden-Theologie einwirkte.
Damals war die Frage: Was bedeutet das Bekenntnis zu Jesus Christus, als dem einen Wort Gottes in Zeiten der Bedrohung durch eine antichristliche Staatsideologie?
Müssen wir heute nicht stattdessen fragen: Was bedeutet
das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem einen Wort Gottes
in Zeiten des Pluralismus und einer gesellschaftlichen Beliebigkeit?
Sich hier aufzumachen, theologisch fragend, ekklesiologische Fundamente entwickelnd ohne Scheuklappen und
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Angst vor dem strukturellen Schrumpfen, könnte sich lohnen.
Wenn die Kirche auch als Organisation ihre Bedeutung zunehmend verliert, so besitzt sie doch die große Strahl-Kraft
des einen Wortes Gottes, das sie an alles Volk ausrichtet. An
alles Volk, auch das außerhalb einer Volkskirche und vermutlich in gänzlich neuen Strukturen.
Getreu nach Barmen 3:
Die Kirche „hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam,
mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung... zu bezeugen,
dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und
von seiner Weisung, in Erwartung seiner Erscheinung lebt
und leben möchte.“
Das tut die Ev. Kirche heute durch ihre Verkündigung, durch
ihre Seelsorge, ihre Diakonie, ihre Bildungsangebote und
durch die Wahrnehmung öffentlicher Verantwortung in Gesellschaft und Politik. Das ist und bleibt auch ihre Stärke im
Wandel.
Wir befinden uns in Zeiten des Wandels, des Abschieds von
alten und des Entdeckens von neuen Wegen.
Derzeit befassen sich die verantwortlichen Leitungsgremien
auf allen drei Ebenen unserer Kirche mit ersten Veränderungsprozessen, mit denen sie sich ihrem Kleinerwerden
stellt.
Und sogleich werden kritische Fragen laut, wenn Kürzungsvorschläge gemacht werden, wenn deutlich wird, dass wir
den Umfang und die damit verbundenen Kosten verschiedener Aufgaben in unserer Kirche nicht mehr aufbringen können.
Der Kirchenleitung (KL) gelingt es, an ihren aufgabenkritischen Überlegungen eine breite Basis zu beteiligen und eine
größtmögliche Transparenz walten zu lassen z.B. mit Veranstaltungen wie „Kirchenleitung im Gespräch“, von denen
auch eine im Kirchenkreis Moers stattfand. Laut Präses Rekowski geht es nicht darum, Vorschläge der KL synodal
durchzuboxen, sondern um die besten Vorschläge. Deshalb
die neue Beteiligungskultur.
Die Kritik an den Vorschlägen zur Strukturveränderung auf
allen Ebenen unserer Kirche ist ernst zu nehmen und zu hören, vor allem wenn es heißt, dass wir uns zu viel mit Strukturen und Geld beschäftigen statt mit Inhalten. Diese Kritik
kann man als pauschal abtun, aber sie ist trotzdem richtig.
Auf der Ebene des Kirchenkreises bleibt dem KSV wenig Zeit
und Kraft für inhaltliche Impulse. Aufgabenkritik, Pfarrstellenkonzeption, Gebäudestruktur, Neuordnung der Diakonie,
Verwaltungsstrukturreform, Kitaverbund binden das meiste
Potential und das neben den weiterlaufenden Aufgaben als
Aufsicht und Leitung eines nicht gerade kleinen Kirchenkreises mit den dazugehörigen, immer wieder aufflammenden
kleinen und großen Störungen und Konflikten.
In den meisten Presbyterien wird es Ihnen ähnlich gehen.
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Und trotzdem wird in den Gemeinden in aller Treue gute Arbeit geleistet von Ehren- und Hauptamtlichen. Es werden
schöne, inhaltlich tiefe, die Seele aufbauende Gottesdienste
gefeiert, Menschen getröstet, im Glauben unterwiesen. Es
wird gefeiert, gelacht, besucht, Glaube fröhlich gelebt, gestritten über Fragen der Zukunft der Gemeinde, über Finanzen und Gebäude.
Im Kirchenkreis Moers sind das Neue Evangelische Forum,
die Notfallseelsorge, die Ev. Beratungsstelle Duisburg /
Moers, die Diakonie, die Gehörlosenseelsorge, Telefon- und
Krankhausseelsorge, die Polizeiseelsorge, das Schulreferat,
die Schulpfarrämter und der Gemeindedienst für Mission und
Ökumene, der KDA, mit vielen Angeboten unterwegs.
Die Kritik, wir befassten uns zu viel mit Strukturen, kann ich
gut hören.
Weniger Verständnis habe ich aber, wenn denjenigen, die
sich bemühen, Strukturprobleme, die unbestreitbar da sind,
zu lösen, unterstellt wird, sie betrieben die Zentralisierung,
die Hierarchisierung und die Monetarisierung unserer Kirche.
So behaupten es einige Pfarrerinnen und Pfarrer unserer
Kirche, die sich als „Kirchenbunt“ zusammengeschlossen
haben. Behauptet wird, die Presbyterial-Synodale-Ordnung
(PSO) sei in Gefahr.
Ich werde versuchen, in der gebotenen Kürze darzustellen,
warum das m. E. nicht der Fall ist.
Die PSO ist in der EKiR grundlegend wichtig. Viele, auch ich,
würden alles gegen ihre Unterhöhlung oder gar ihre Abschaffung unternehmen.
Seit jeher aber befindet sich unsere Ordnung im Wandel.
Hier folge ich den Ausführungen des rheinischen Kirchenhistorikers Prof. Dr. Hellmut Zschoch in seinem Vortrag vor der
Landessynode der EKiR 2006. „Die presbyterial – synodale
Ordnung – Prinzip und Wandel“, der als download unter
www.ekir.de zu haben ist und dessen Lektüre ich Ihnen empfehle.
Prinzipieller Kern einer presbyterial-synodalen Ordnung, wie
sie sich seit der Reformationszeit herausgebildet hat, sind
die Ämter des Presbyters und des Pastors und die Gliederung in die drei kirchlichen Kompetenzebenen Ortsgemeinde-Kirchenkreis–Landeskirche.
Zur Wahrung der Ordnung gehört die Bindung an den Auftrag, den Christus selbst seinen Jüngerinnen und Jüngern
gegeben hat und für den er ihnen den Beistand des Heiligen
Geistes verheißen hat. Ordnung und Bekenntnis befinden
sich demnach in einem engen Bedingungsgefüge.
Die PSO hat sich im Wandel der Zeiten als besonders anpassungsfähig erwiesen. Nach dem bedeutenden Theologen
des 18. Jahrhunderts, Schleiermacher, erwies sich die PSO
in der Kirchengeschichte „als den Umständen gemäß so
mancher Modification fähig“.
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Was sich u.a. daran zeigt, wie flexibel sie sich im Laufe der
Geschichte z. B. in der Frage der Bestellung der Pfarrer zeigte. Zwar hat das Presbyterium nach der PSO das prinzipielle
Recht der Pfarrwahl, dennoch gab es in der Geschichte unserer Ordnung auch das Wahlrecht durch die Kreissynode. In
etwas abgeschwächter Form dessen bedurfte die Pfarrwahl
des Presbyteriums zeitweilig der Zustimmung durch die Synode.
Selbst der spätere Präses der EKiR, Joachim Beckmann, mit
dessen Name die Wertschätzung der PSO in der EKiR aufs
Engste verbunden ist, stellte anlässlich der Erarbeitung einer
KO für die EKiR auf der Basis der PSO nach dem 2. Weltkrieg fest, es sei nötig, dass die Gemeinde bei der verantwortlichen Berufung eines Pfarrer mit(!)-wirke. Gleichzeitig
habe die KL die Aufgabe, die vorhandenen geistlichen Kräfte
in rechter Weise einzusetzen.
Mit Blick auf die Gefährdung einer flächendeckenden pfarramtlichen Versorgung ab ca. 2020 im Kirchenkreis Moers
scheint dieser Gedanke als überaus aktuell, wie auch ein
Zitat aus den Regelungen der Emder Synode von 1571, das
auf Probleme kirchlicher Finanzstruktur reagiert.
„Ist die Armut einer Gemeinde so groß, dass sie den Pfarrer
nicht ernähren kann, so soll die Klassis (Anm: Synode) erwägen, ob nicht mehrere Gemeinden verbunden werden
können.“
Die PSO ist in enger Verflechtung mit politischen Ordnungsvorstellungen vor allem im 19. Jh weiterentwickelt worden
und hat trotz der konsistorialen Elemente einer rheinischwestfälischen KO jener Zeit im Prinzip Bestand gehabt. Immerhin hatte nach dieser KO der Landesherr durch den Generalsuperintendenten bestimmte Durchgriffsrechte.
Nicht, dass ich ein Befürworter einer in dieser Weise angepassten PSO wäre, ich stelle bloß fest:
Die Prinzipien der PSO, insbesondere die Rechte der Gemeinden, standen oft in Spannung zum real existierenden
Kirchenrecht. Trotz eines Konsistoriums mit einem Bischof
an der Spitze bemühten sich die Väter der rheinischwestfälischen KO, die Grundprinzipien der PSO zu bewahren.
Selbst in der reformierten Grafschaft Moers galt es – wenn
mich nicht alles täuscht - seit 1608, dem ersten Jahr seit dem
die Moerser Synode regelmäßig tagte, Elemente einer PSO
einem landesherrlichen Kirchenregiment, welches der Graf
ausübte, anzupassen. Der Graf achtete den Willen der Gemeinde, setze aber die Pfarrer ein.
Nach dem 2. Weltkrieg konnte in der EKiR zum ersten Mal
eine KO nach den Prinzipien der PSO frei von staatlichen
Einflüssen aufgebaut werden. Dies auch aus der Erfahrung,
die die Bekennende Kirche unter den Nazis gemacht hatte.
Es sollte im Rheinland keine Bischofskirche geben und keinen staatlichen Einfluss auf die Kirche. Das alte Bischofkreuz
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der rheinischen Kirchenprovinz wurde, so die Legende, unter
Verschluss genommen, damit kein rheinischer Präses je in
Versuchung geführt würde, es sich umzuhängen. Zugleich
wurden dem rheinischen Präsesamt bischöfliche Weihefunktionen verwehrt und den von der Kreissynode gewählten Superintendenten zugeordnet, beispielsweise die Ordination
und die Einführung von Pfarrerinnen und Pfarrern.
Seither spielt sich das Gegeneinander von staatlichem Einwirken und kircheninternem Entscheiden, das in früheren
Zeiten oft prägend war, oftmals zwischen den drei Ebenen
unserer Kirche ab. Das gilt vor allem dann, wenn es um Entscheidungen der Landessynode geht, die möglicherweise
Rechte der Gemeinden beschneiden. Manchmal wird nun die
Rechtmäßigkeit landessynodaler Beschlüsse bestritten, obwohl die Landessynodalen von der kirchlichen Basis, also
von unter her, durch Wahl legitimiert sind, allerdings guter
demokratischer Tradition folgend, keinem imperativem Mandat unterstehen. Dann entsteht der Eindruck, die Ordnung
würde als „presbyteriale“ Ordnung, ohne Bindestrich zu synodal, falsch verstanden, wenn behauptet wird, dass Beschlüsse einer Synode ohne Zustimmung aller rheinischen
Presbyterien ungültig wären.
Die Wahrung der PSO schließt nach Prof. Zschoch die Aufgabe ein, „Leitungskompetenz“ und „Bekenntnisidentität stets
neu ins Verhältnis zu setzen“ und zugleich unvermeidbare
Spannungen zwischen den Ebenen in „kreative Energie“ umzusetzen. Die bloße Forderung, presbyteriale Rechte zu
wahren, trägt gesamtkirchlich nichts aus.
Es ging und geht um Prinzip und Wandel, um Bewahrung
und Gestaltung, um Evangelium und Zeitgemäßheit, um Tradition und Kreativität und damit um die inhaltliche Gestaltung
dessen, was der Bindestrich zwischen presbyterial und synodal meint.
Wenn z.B. das neue Verwaltungsstrukturgesetz Verwaltungsaufgaben standardisiert und die Grundlage schafft,
dass sich die Presbyterien in ihrem Entscheiden auf dessen
Rechtmäßigkeit verlassen können, wenn Verfahren vereinfacht werden, um Presbyterien zu entlasten, wenn im Prinzip
das Presbyterium jede Entscheidung an sich ziehen kann
und weiterhin Leitung der Gemeinde ist und bleibt, dann
kann ich zwar einen Wandel erkennen, aber nicht, dass die
Prinzipen der PSO verlassen werden.
Wenn wir uns mit Strukturen beschäftigen müssen, dann erstens, weil deren Wandel notwendig ist und zweitens im Bewusstsein, dass die Prinzipien der PSO zu bewahren sind.
Die Unwandelbarkeit der Ordnung sollten wir auf keiner Seite
zum Prinzip erheben wollen. Dogmatismus schadet vor allem
dann, wenn er den Prinzipien keinen Raum lässt, sich im
Wandel der Zeit zu bewähren.
Ich glaube, dass wir mit der rheinischen KO, die auf den
Prinzipien der PSO gründet, die beste Grundlage haben, um
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in den Herausforderungen bestehen zu können, die in unserer Kirche derzeit zu gestalten sind.
Ich bitte Sie alle, in diesem Sinne an notwendigen Veränderungsprozessen mitzuwirken und als Kreissynode darauf zu
achten, dass die Prinzipien der PSO geachtet werden.
Dann jedenfalls habe ich keine Sorge, dass ein Bischof
durch die Hintertür den Raum betritt, der meint, er könne mit
der einsamen Entscheidung eines Einzelnen die Kreativität
und die Intelligenz der Vielen toppen.
Und ebenso bitte ich Sie, die vorgebrachten Argumente gegen die derzeitigen Veränderungsprozesse aufs Genaueste
zu prüfen, ob sie im Sinne einer gesamtkirchlichen Verantwortung zustande kamen.
Und im Übrigen bin ich denen gegenüber, die jetzt eine Solidarisierung der rheinischen Gemeinden gegen eine angebliche Top-Down-Strategie fordern, der festen Überzeugung,
dass die PSO rheinischer Art die beste aller Solidarisierungsmöglichkeiten der Gemeinde beinhaltet, nämlich die
Kreissynode und die Landessynode.
Ich hoffe jedenfalls zuversichtlich, dass wir auch auf dieser
Herbstsynode gewohnt kritisch diskutieren, in der Sache
streiten und am Ende einmütig entscheiden.
Kurzum: Den Kirchenkreis Moers leitet die Synode! Und das
ist gut so!
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Seele and Geist
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