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Gerbergasse18_H72_Tunnel57_vK-1 - Berlin Story

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hüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik
Ausgabe 3/2014 . Heft 72 . 3,50 €
Friedliche Revolution 1989
Wie Goldische im Glas
Über den Dienstalltag bei der früheren DDR-Staatssicherheit
Losungswort „TOKIO“
50 Jahre „Tunnel 57“ – 50 Jahre Tod des DDR-Grenzers Egon Schultz
Die Zeit ist noch nicht reif …
Zur (un-)kritischen Vergangenheitsaufarbeitung in Südkorea
Losungswort „TOKIO“
50 Jahre „Tunnel 57“ – 50 Jahre Tod des DDR-Grenzers Egon Schultz
Die Massenlucht durch einen Tunnel in Berlin war am 6. Oktober 1964 der Aufmacher in vielen bundesdeutschen und internationalen Zeitungen.
Foto: Klaus-M. von Keussler
Es ist kurz nach Mitternacht. In die nächtliche Stille im Hinterhof des Ost-Berliner
Hauses Strelitzer Straße 55, am Einstieg
eines Fluchttunnels unweit der Mauer,
peitschen plötzlich mehrere Schüsse.
Abgegeben hat sie der West-Berliner
Medizinstudent Christian Zobel. Der
NVA-Unterofizier Egon Schultz, Gruppenführer im Grenzregiment 33, wird an
der linken vorderen Brustseite getroffen
und bricht zusammen. Sekunden später
der Ausruf eines Stasi-Ofiziers: „Warum
schießt denn hier keiner?“ Soldat Maier,
seine Kalaschnikow im Hüftanschlag,
gibt darauf Dauerfeuer in die Dunkelheit ab. Er trifft seinen sich vor ihm
aufbäumenden Postenführer Schultz
mit insgesamt neun Schüssen zunächst
in den Rücken, dann in die Hüfte und
32 /
/ Ausgabe 3/2014
schließlich in den seitlichen Wadenbereich. Schultz stirbt wenig später auf
dem Weg ins Volkspolizei-Krankenhaus
Scharnhorststraße an inneren Verblutungen. Er ist 21 Jahre alt.
Es ist der 5. Oktober 1964. In den vorangegangenen zwei Nächten ist soeben
in diesem Hinterhof 57 Männern, Frauen und Kindern die dramatische Flucht
durch den Tunnel, der später als „Tunnel 57“ in die Geschichte einging, nach
West-Berlin gelungen.1
Fluchthilfe nach
dem Mauerbau
Mit dem Bau des „Tunnels 57“ hatten wir
im April 1964 begonnen. Wir, das waren
überwiegend West-Berliner Studenten
um den Feinoptiker und späteren Schauspielschüler Wolfgang Fuchs (1939-2001)
aus Jena, aber auch Handwerker und
jüngst gelüchtete DDR-Bürger. Fuchs,
fünftes Kind von insgesamt sechs Kindern des Autoschlossers Willy Fuchs,
arbeitete nach Abschluss seiner Lehre
beim VEB Carl Zeiss in Jena. Er wurde
von Seiten des Betriebes als äußerst zuvorkommender, hölicher und einsatzwilliger junger Mann eingeschätzt. 1957
begab sich Fuchs, der „bis zu seiner Republiklucht keinen schlechten Leumund hatte,
aber im Wohngebiet gesellschaftlich in keiner Weise in Erscheinung getreten war“2 zu
seinen Eltern nach Herford (Westfalen);
diese hatten schon einige Jahre vorher
die DDR über die „grüne Grenze“ verlassen.
Zeitgeschichte
Zusammen mit Fuchs waren wir entschlossen, eigenen Familienangehörigen, bedrängten Kommilitonen oder
politisch Gleichgesinnten zur Flucht in
den Westen zu verhelfen. Wir reagierten
auf das direkte Hilfeersuchen von Menschen, die nicht mehr länger im SEDStaat leben wollten. Wir handelten in der
Überzeugung, dass die Absperrungen
quer durch Berlin als menschenverachtendes Unrecht nicht tatenlos hingenommen werden dürften und dass konkreter Widerstand und Zivilcourage auch
durch humanitäre Fluchthilfe möglich
seien. In der Wahrnehmung von Marion
Detjen, die das grundlegende Werk zur
Geschichte der Fluchthilfe im geteilten
Deutschland geschrieben hat, „wurden
in dem Freundeskreis um Wolfgang Fuchs
auch die nationalen Motive der Fluchthelfertätigkeit diskutiert und relektiert. Die aus
Westdeutschland kommenden Studenten um
Klaus-M. v. Keussler betrachteten die Einheit und Freiheit Deutschlands als zusammengehörig und einander bedingend. Vor
allem verstanden sie die Nation im Sinne
einer historischen Verantwortungsgemeinschaft, die sie zur Solidarität mit den Opfern
der Teilung verplichtete.“3
„Kohlenplatztunnel“
Die Arbeiten am „Tunnel 57“ gingen
vom Haus Bernauer Straße 97 (West)
in Richtung Strelitzer Straße (Ost) aus
– von denselben Kellerräumen, in denen
wir Monate vorher schon einmal einen
Tunnel gegraben hatten („Kohlenplatztunnel“): Im Juni 1963 – kurz nach dem
Besuch des amerikanischen Präsidenten
John F. Kennedy in West-Berlin („Ich
bin ein Berliner“) – mieteten wir dort im
Souterrain eine stillgelegte Bäckerei für
monatlich 100 DM an. Dem massigen
Bäckermeister W. Roloff erklärten wir,
in den circa 120 Quadratmetern ungenutzten Backstuben ein Fotoatelier mit
Labor einrichten zu wollen. Wir begannen wenige Tage später mit Brecheisen,
Spitzhacke und Spaten vom Kellerboden
aus einen senkrechten Schacht von etwa
zehn Metern Tiefe zu graben. In der Regel wechselten sich vier bis fünf Mann
im Graben und Abtransport des Sandes
aus dem Tunnel ab. Die Erdmengen verteilten wir in den geräumigen Backstuben. Für Frischluft sorgte ein umgepolter Staubsauger. Aus Sicherheitsgründen
blieben viele von uns mehrere Tage und
Nächte hintereinander im Keller. Der
„Antifaschistische Schutzwall“ war nur
wenige zwanzig Meter vom Eingang zur
Bäckerei entfernt. Im Verlauf der nächsten Monate schafften wir mit einer Zahl
von vielleicht zehn bis 15 Helfern eine
Tunnellänge von rund 140 Metern.
Während wir unter der Erde arbeiteten, hatten über der Erde die Vertreter
der DDR und des West-Berliner Senats
das 1. Passierscheinabkommen am 17.
Dezember 1963 ausgehandelt. Die Folge:
Der West-Berliner Staatsschutz und der
Innensenator Alberts (SPD) untersagten
uns ultimativ, den Tunnel während des
bis zum 5. Januar 1964 laufenden Passierscheinabkommens zu öffnen. Die inzwischen vorsichtig begonnene „Politik
der kleinen Schritte“ sowie die übrigen
Versuche, das Schicksal des eingemauerten West-Berlins in Gesprächen mit
der DDR zu erleichtern, sollten nicht erschwert werden.
In den frühen Morgenstunden des 7.
Januar 1964 durchbrachen wir die Erdoberläche im Osten – indes: Wir waren
nicht in dem anvisierten Keller, sondern
auf einem Kohlengelände gelandet. Gegen Mitternacht gelang noch drei jungen
Frauen der Einstieg in den Tunnel. Am
nächsten Vormittag wurde der Tunnel
entdeckt. Angehörige der DDR-Staatssicherheit warfen in den Abendstunden
Gasgranaten in den Stollen. Die gewaltige Druckwelle drang mit Wucht bis in
den West-Berliner Bäckereikeller – sie
hätte auch tödlich sein können!4
„Tunnel 57“
Wenige Monate später begannen wir
von gleicher Stelle mit dem Bau des neuen Tunnels. Uns sind bis heute noch die
verschiedenen Bilder und Situationen
beim Tunnelbau im Kopf: Das Zusammenleben auf engstem Raum mit oft
fremden Menschen. Der kurze Schlaf auf
verdreckten Matratzen oder primitiven
Feldbetten. Die lehmverschmierte und
nach Schweiß riechende Kleidung, der
Uringeruch in den aufgehäuften Sandmassen. Das bis zu 20 Zentimeter hohe
Grundwasser auf der Schachtsohle. Die
über uns rumpelnden Doppeldeckerbusse auf der Bernauer Straße oder die
Schritte der Grenzer auf ihrem Kontrollgang. Die dünner werdende Luft im
Stollen. Die schmerzende Schulter beim
Einsatz eines elektrischen Bosch-Ham-
mers. Die verrutschten Knieschoner aus
Autoreifen. Das einzige, viele zu kleine
Waschbecken im Kellerdurchgang. Und
wie schon früher die leidenschaftlichen
Diskussionen, insbesondere auch mit
denen, die gelüchtet waren, über das
Wie?, Woher? und Warum?
Anfang Oktober 1964 kam der überraschende Augenblick des Durchbruchs
– die Tunnelgräber landeten völlig unerwartet in der Sickergrube eines nicht
mehr benutzten Toilettenhäuschens
auf dem Hinterhof des Hauses Strelitzer Straße 55. Und nun begann in den
Abendstunden des 3. Oktobers mit dem
vereinbarten Losungswort „TOKIO“
(Austragungsort der Olympischen Spiele
1964) die größte Massenlucht nach dem
Bau der Berliner Mauer – durch einen
Tunnel von ungefähr 145 Meter Länge,
der im Durchschnitt 60 bis 90 Zentimeter
hoch und breit war.
Unter den jungen Männern, die die
Flüchtlinge in den Tunneleinstieg einwiesen, war auch der Physikstudent
Reinhard Furrer (1940-1995), späterer
Astronaut in der US-Raumfähre „Challenger“. Furrer und Zobel sahen sich
plötzlich zwei Unbekannten gegenüber,
die das Losungswort nicht wussten. Sie
hielten die beiden Männer irrtümlich für
Flüchtlinge. Es waren jedoch Ofiziere
der Staatssicherheit. Den Stasi-Leuten
gelang es mit vorgespiegelten Behauptungen, den Hauslur wieder zu verlassen. Wenig später kehrten sie zurück –
gemeinsam mit bewaffneten NVA-Grenzern unter Führung von Unterofizier
Egon Schultz. Die Grenzer waren über
den eigentlichen Grund ihres Einsatzes
im Unklaren gelassen worden.
Maßgebliche, wenn auch zunächst
nur vage Hinweise zu diesem Fluchtunternehmen hatte das Ministerium
für Staatssicherheit (MfS) von einem
Inofiziellen Mitarbeiter „Drescher“ aus
Berlin-Köpenick sowie dem 31-jährigen
wissenschaftlichen Assistenten am IV.
Physikalischen Institut der HumboldtUniversität, Horst Lange, erhalten. Lange war nach eigenen fehlgeschlagenen
und aufgegebenen Fluchtversuchen im
März 1964 in das Visier der Stasi geraten. Unter dem Druck stundenlanger
Verhöre des MfS hatte sich Lange zur
Zuarbeit – als sogenannte Kontaktperson „Neumann“ – drängen lassen. In
der fraglichen Nacht gab Lange in einer
von ihm selbst offensichtlich nicht mehr
/ Ausgabe 3/2014 / 33
Losungswort „TOKIO“
beherrschten Situation den entscheidenden Tipp, der die Stasi-Ofiziere in die
Strelitzer Straße führte.5 Mit dem Erscheinen der Grenzsoldaten gerieten die
Fluchthelfer in eine ausweglose Lage,
die zu dem verhängnisvollen Schusswechsel führte.
Die Lüge wird auf
den Weg gebracht
Noch in der gleichen Nacht begann im
Auftrag des MfS der international renommierte Gerichtsmediziner an der
Ost-Berliner Charité, Prof. Dr. Otto Prokop (1921-2009), mit der acht Stunden
dauernden Obduktion des Erschossenen. Mit seinem jungen Mitobduzenten
Rudolf Meyer – heute Professor an der
Charité – kam er nach einer weiteren gutachterlichen Bewertung zu dem Schluss,
dass die unmittelbare Todesursache auf
die Schüsse aus der Kalaschnikow des
DDR-Grenzers Maier zurückzuführen
war.6 Dieses Sektionsergebnis passte
zwei Tage vor den Feiern zum 15. Jahrestag der DDR-Gründung überhaupt
nicht in das propagandistische Konzept
von SED und MfS. So wurde die Lüge
in Sachen Egon Schultz auf den Weg gebracht! „Die Wahrheit zu vertuschen, war
oberste Plicht des MfS“, erinnert sich später Stasi-Ofizier Günter Bohnsack.7
Egon Schultz, in Pommern geboren,
stammte aus einer Arbeiterfamilie und
durfte als jüngster Sohn am Lehrerbildungsinstitut in Putbus (Rügen) studieren. Im September 1963 begann er mit
einer 1. Klasse seine Lehrertätigkeit und
wurde wenig später zur NVA einberufen. Er verplichtete sich als Soldat auf
Zeit für drei Jahre und wurde im August
Kandidat der SED. Er zeigte sich nicht
nur innerhalb seiner Grenzkompagnie,
sondern auch gegenüber seinen ehemaligen Schülern als „klassenbewusster Bewacher der Staatsgrenze“.8
Nach einem Staatsbegräbnis mit militärischen Ehren wurde Egon Schultz in
der DDR durch eine beispiellose Kampagne zum Helden stilisiert und die Fluchthelfer als „Handlanger der Bonner Ultras“
gebrandmarkt. Am 4. Januar 1965, dem
22. Geburtstag von Egon Schultz, wurde am Haus der Strelitzer Straße 55 eine
Gedenktafel angebracht mit der Behauptung, er sei „bei der Ausübung seines
Dienstes zum Schutz der Staatsgrenze der
Deutschen Demokratischen Republik durch
34 /
/ Ausgabe 3/2014
Alexey J. Adschubey, langjähriger Chefredakteur der sowjetischen, regierungsamtlichen Tageszeitung
„Iswestija“ (deutsch: Nachrichten), gehörte zu den engsten Beratern seines Schwiegervaters Nikita Chruschtschow bis zu dessen Sturz im Oktober 1964.
Quelle: Archiv Klaus-M. von Keussler
Westberliner Agenten meuchlings ermordet
worden“. Die Strelitzer Straße wurde am
13. August 1966 in Egon-Schultz-Straße
umbenannt. Eine weitere Gedenktafel
hing seit dem 13. August 1981 am „Haus
des Lehrers“ (Alexanderplatz/Mitte).
Sorgsam und unermüdlich plegte das SED-Regime bis zum Fall der
Mauer die Märtyrerlegende: Mehr als
100 Militäreinheiten, Kollektive, Schulen, Kindergärten, Straßen, Kombinate,
Erholungsheime und sogar der Fahrdienst der Bildungsministerin Margot
Honecker wurden zum „ehrenden Andenken an den unvergesslichen Genossen“
nach Egon Schultz benannt. Das „Idol
und Vorbild für die Jugend“ erhielt in
der populären DDR-Reihe „Die kleinen
Trompeterbücher“ ein eigenes, mit haarsträubenden Ausführungen gespicktes Büchlein („für Leser ab 7 Jahren“);
verfasst von Herbert Mühlstädt (19191988), dem ideologisch maßgeblichen
Geschichtsmethodiker der DDR, der
immer und unbeirrt die Indoktrination
und Manipulierung Heranwachsender
in der Schule zum Ziel hatte. Zur Frage,
warum er, Mühlstädt, ohne Kenntnis der
Einzelheiten den Tathergang als bewusst
kaltblütig geplanten Mord geschildert
habe, antwortete er: „Das ist mein Klassenstandpunkt!“9
Kritische Nachfragen
zu Waffenbesitz
Der tragische Tod des jungen Grenzers
setzte dem spektakulärsten Fluchttunnel-Unternehmen im geteilten Berlin der
1960er Jahre nicht nur ein jähes Ende,
sondern leitete auch im Westen einen
Meinungsumschwung von Teilen der
Öffentlichkeit in der Beurteilung der
Fluchthilfe ein. Diskreditierende Zeitungsartikel mit Aspekten des Sensationsjournalismus, die es unter anderem
bis in die angesehene „Zeit“ schafften,
führten zu einem öffentlichen Abrücken
von den Fluchthelfern. Deren Aktionen
wurden zunehmend als störend gegen
die Politik des „Wandels durch Annäherung“ (Brandt/Bahr) empfunden. Insbesondere der Waffenbesitz führte zu kritischen Nachfragen.
Wir haben später mehrfach begründet,
warum wir auf die mitgeführten Pistolen nicht verzichten wollten: Wir wollten
im äußersten Notfall unsere Flüchtlinge
Zeitgeschichte
Klaus-M. v. Keussler bei der Arbeit am Tunnelschacht.
und uns verteidigen – entweder in Situationen, in der die Gefahr drohte, selbst
erschossen zu werden oder im Falle einer
mit Waffengewalt erzwungenen Festnahme mit anschließend jahrelanger Inhaftierung. Es gab ein unausgesprochenes
Einverständnis, die Waffe zunächst nur
für einen Warnschuss zu gebrauchen,
um einen potentiellen Angreifer abzuschrecken oder um den Angreifer lediglich kampfunfähig zu machen. Unserer
Einstellung zur Mitführung einer Waffe
lag die auch zu unserer Kenntnis gelangte Tatsache zugrunde, dass die SED- und
NVA-Führungskräfte in der Grenzbrigade Berlin durch rigorose Agitation versuchten, bei den Grenzern Skrupel zur
Tötung von Menschen abzubauen. Die
in den Jahren 1963 und 1964 an der Berliner Mauer erschossenen Flüchtlinge
Hans Räwel, Dieter Berger, Paul Schultz,
Adolf Philipp und Walter Heike waren
schreckliche Belege dafür.
Erinnerungskultur,
Geschichtsverständnis
und öffentlicher Raum
Seit 1992 und der damit eröffneten Möglichkeit, Einblick in die Stasi-Unterlagen
zu nehmen, sind die wahren Vorgänge
um den „Tunnel 57“, insbesondere das
Obduktionsgutachten, bekannt geworden. An sie ist seitdem immer wieder
in zahlreichen Publikationen, RadioFeatures und Fernsehdokumentationen
– auch polarisierend – erinnert worden:
1996 wurde nach kontroversen Debatten im Gemeinderat Höhnow/Berlin-Hoppegarten entschieden, einen Gedenkstein für Egon Schultz („Unser Vermächtnis – Vorbild der Jugend“) auf dem
Schulhof der Gebrüder Grimm-Schule
zu belassen. “Wir müssen lernen, mit unseren Denkmälern zu leben!“, setzte sich der
Bürgermeister gegenüber der Schulkonferenz durch.10 Bei einer Umgestaltung
des Schulhofs 2007 wurde der Gedenkstein nicht mehr aufgestellt.
Eine besonders eindrückliche Dokumentation gelang 2001 der jungen Berliner Regisseurin Britta Wauer, die als
Schülerin der Egon-Schultz-Schule in
Berlin-Mitte jahrelang mit der Legende
des erschossenen Unterofiziers lebte. In
ihrem mit dem Deutschen Fernsehpreis
ausgezeichneten Film „Heldentod – Der
Tunnel und die Lüge“ äußern sich auch
die Fluchthelfer Joachim Neumann und
Hubert Hohlbein, der Rostocker Schriftsteller Michael Baade sowie NVA-Angehörige, Stasi-Ofiziere und weitere Zeitzeugen.
Auf Anregung von Michael Baade,
dem Jugendfreund und Lehrerkollegen
von Egon Schultz, hat der Verfasser dieses Beitrags mit seinen Freunden 2003
die „INITIATIVE – Gedenktafel Egon
Quelle: Archiv Klaus-M. von Keussler
Schultz“ ins Leben gerufen. In einem
Brief im Mai 2005 hatte er an den älteren
Bruder Armin Schultz zur Begründung
geschrieben, es sei „darauf hinzuwirken,
dass an Ihren Bruder, der wie viele andere ein
beklagenswertes Opfer der Mauer geworden
ist, in einer würdigen und geeigneten Form
erinnert wird. Es geht im Wesentlichen darum, im vereinten Deutschland jemanden ein
Stück Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,
der unvermittelt und ohne eigenes Verschulden auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges
aus dem Leben gerissen wurde.“ Auf diesen Versuch eines Brückenschlages von
Seiten des „ehemaligen Klassenfeindes“
hat Armin Schultz leider nie reagiert.
Die Gedenktafel – ausschließlich mit privaten Mitteln von Fluchthelfern, Flüchtlingen und anderen Personen inanziert
– wurde zusammen mit dem früheren
Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde,
Joachim Gauck, am 4. Oktober 2004 enthüllt, genau vierzig Jahre nach der spektakulären Massenlucht. Die Tafel hängt
am Haus Strelitzer Straße 55.
Seit Oktober 2011 ist in der Bernauer Straße 97 auch eine Gedenktafel für
Wolfgang Fuchs zu sehen, die von seinen Freunden und dem Berliner Unterwelten e.V. gestiftete wurde.11
2012 stellte die Rostocker Schule, an
der Egon Schultz unterrichtet hatte, den
ursprünglich in Vergessenheit geratenen
Gedenkstein für den erschossenen Gren-
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Losungswort „TOKIO“
Foto-Dokument des MfS nach der Flucht. In der Dunkelheit war das Tunneleinstiegsloch im stillgelegten Toilettenhäuschen nur schwer zu inden. Quelle: BStU
zer auf dem Schulhof wieder auf. „Der
Name und der Gedenkstein gehören zur Geschichte der Schule“, betonte die Schulleiterin.12
Für die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ist das Kunstformat Comic – vom deutschen KulturMainstream lange geringschätzig als
typisches Genre der US-amerikanischen
Unterhaltungskultur eingestuft – kein
triviales Medium im Bereich der Geschichtsvermittlung. 2012 entstand mit
Stiftungsmitteln die Ausstellung „Geschichte im Untergrund“. Auf großformatigen Plakatwänden im U-Bahnhof
Bernauer Straße hatten vom 3. Oktober
bis Mitte Dezember 2012 die ComicKünstler Thomas Henseler und Susanne
Buddenberg die Ereignisse um die legendären Tunnel graisch umgesetzt. Dem
folgte 2013 ihre Publikation „Tunnel 57
– Eine Fluchtgeschichte als Comic“, die
neben Interviews und einem Beitrag zu
den historischen Hintergründen auch
ergänzende geschichtsdidaktische Materialien und Aufgabenstellungen für den
Schulunterricht enthält.
An die tragisch-dramatischen Vorgänge des Jahres 1964 wird auch im
Rahmen der jüngst in Berlin eröffneten
Sonderausstellung „Risiko Freiheit –
Fluchthilfe für DDR-Bürger 1961–1989“
erinnert. Die Ausstellung in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde behandelt in fünf Kapiteln die
verschiedenen Zeitphasen, Fluchtwege
und Fluchthilfemethoden.13 Die Ausstel-
36 /
/ Ausgabe 3/2014
lungsverantwortlichen setzen diese in
den jeweiligen politischen Kontext und
interpretieren Fluchthilfe auch als Freiheits-, Protest- und Widerstandsform.
50 Jahre „Tunnel 57“ – am Jahrestag
des 3. und 4. Oktober treffen sich Flüchtlinge, Tunnelgräber und Kuriere sowie
weitere Beteiligte an Fluchtunternehmen
in Berlin: Sie blicken gemeinsam zurück
auf die Zeiten des Kalten Krieges, als
sich an der Berliner Mauer, der Nahtstelle zweier unversöhnlicher Systeme,
Angst, Furcht und Verzweilung, aber
auch Hoffnung und menschliches Glück
in unvergesslicher Weise abspielten.
Klaus-M. von Keussler
Assessor iur., Erfurt
Die Geschichte des Tunnels und seiner Fluchthelfer, 2011 in 2. Aulage
erschienen.
Quelle: Berlin Story
Verlag
(www.berlinstory-verlag.de)
Quellennachweise / Anmerkungen
1 Literaturauswahl zum Thema: Arnold, Dietmar/Kellerhoff, Sven Felix: Die Fluchttunnel von
Berlin, Berlin 2008; Baade, Michael: Mein Freund
Egon. Leben und Sterben von Egon Schultz,
Rostock 2012 (demnächst als Neuaulage in der
Edition Berliner Unterwelten als: Der Tod des
Grenzsoldaten. Egon Schultz, der Tunnel und die
Propagandalüge, Berlin 2014); Detjen, Marion: Ein
Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe
im geteilten Deutschland 1961-1989, München
2005; Frotscher, Kurt/Liebig, Horst: Opfer der
deutschen Teilung. Beim Grenzschutz getötet,
Schkeuditz 2005; Hertle, Hans-Hermann/Nooke,
Maria: Die Todesopfer an der Berliner Mauer 19611989. Ein biographisches Handbuch, hrsg. vom
Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
und der Stiftung Berliner Mauer, 2. Aul., Berlin
2009; v. Keussler, Klaus-M./Schulenburg, Peter:
Fluchthelfer. Die Gruppe um Wolfgang Fuchs,
2., aktualisierte Aul., Berlin 2011; Müller, Bodo:
Faszination Freiheit. Die spektakulärsten Fluchtgeschichten, 4. Aul., Berlin 2001.
2 Stasi-Vermerk, BStU, MfS, Allg. P. 2470/78, Bl.
25 f.
3 Vgl. Marion Detjen, a. a. O., S. 148 f.
4 Einzelheiten bei v. Keussler/Schulenburg, a. a.
O., S. 130 ff. und 154 ff.
5 Gespräche des Verfassers, die er 2012 mit Dr.
Horst Lange geführt hat, siehe v. Keussler, KlausM.: Stasi-Spitzel, Lockvogel oder unglücklich Verstrickter?, in: Schattenwelt. Magazin des Berliner
Unterwelten e.V., Ausgabe 1/2013, S. 3-17; Lange,
Horst: Zwischen den Fronten – Wie es war, ins
Visier der Stasi zu geraten, in: Ebd., S. 17-21.
6 Obduktionsprotokoll des Gerichtsmedizinischen
Instituts der Humboldt-Universität, BStU, MfS,
AU 8795, Gerichtsakte, Bd. 1, Bl. 69 ff.
7 „Heldentod. Der Tunnel und die Lüge“, Dokumentarilm von Britta Wauer (2001).
8 Vgl. Hertle, Hans-Hermann/Nooke, Maria: Die
Todesopfer an der Berliner Mauer 1961-1989, a. a.
O., S. 457 mit Nachweisen.
9 Siehe Michael Baade, a. a. O., S. 190.
10 Vgl. Berliner Zeitung vom 26. Juni 1996.
11 Der Text indet sich in Döhrer, Constanze/
Hobrack, Volker/Keune, Angelika: Spuren der
Geschichte – Neue Gedenktafeln in Berlins Mitte,
Berlin 2012, S. 118 f.
12 Siehe Ostsee-Zeitung vom 31. März 2012.
13 Besucheradresse: Marienfelder Allee 66/80,
12277 Berlin. Die Ausstellung läuft noch bis zum
28. Juni 2015.
Zeitgeschichte
Berlin-Ost (Mitte) Berlin-West (Wedding)
Situation: 1964
Strelitzer Straße
56
55
54
53
52
51
Bernauer Straße
Stacheldraht
50
x
x
x
x
Tunneleinstieg
x
x
x
x
Postenhaus
x
x
x
x
Mauer
97
Y
Sichtblende
Tunnel 145 m Länge
Beginn Sperranlage
Tunnelausstieg
Ausgangspunkt des Fluchttunnels ist eine stillgelegte Bäckerei in der Bernauer
Straße 97 (Westen). Diese wurde schon einmal im Januar 1964 von Wolfgang Fuchs
für einen Tunnel genutzt, der auf einem Kohlenplatz in der Strelitzer Straße 54
(Osten) endete. 3 Frauen gelang damals die Flucht. Die Stasi entdeckte den Tunnel
und machte ihn unbrauchbar. Deshalb soll nun ein neuer Tunnel gegraben werden.
Der Tunnelplan im Querschnitt. Der Tunnel endete im Hinterhof der Bernauer Straße 57. Das eigentliche Ziel, ein Keller im
Haus Strelitzer Straße 55, wurde damals
verfehlt.
Graik: Andreas Springer
Strelitzer Straße
West-Berlin (Wedding)
© Andreas Springer
TUNNELANFANG
Bernauer Straße
Mauer
Zäune
Kontrollgang
Wachturm
Der Tunnel wird
145 Meter lang werden.
Circa 100 Menschen
wollen wir in die
Freiheit holen.
Strelitzer Straße
Seite aus „Tunnel 57 – Eine Fluchtgeschichte als
Comic“ von Thomas Henseler und Susanne Buddenberg (2013, 2. Aulage 2014).
Quelle:
Ch. Links Verlag (www.christoph-links-verlag.de)
Postenhaus
Hinterlandmauer
Kohlenplatz
TUNNELENDE
Strelitzer Str.
Ost-Berlin (Mitte)
Sichtblende
Rheinsberger Str.
/ Ausgabe 3/2014 / 37
Auf Initiative einiger Fluchthelfer wurde diese neue Gedenktafel im Jahr 2004, 40 Jahre nach dem dramatischen Ereignis 1964, enthüllt. Foto: Klaus-M. von Keussler
Porträt von Egon Schultz und Abbildung der ehemaligen Gedenktafel am „Haus des Lehrers“ (Alexanderplatz, Berlin-Mitte, 1981 enthüllt).
Quelle: Archiv Klaus-M. von Keussler
www.
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Seele and Geist
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