close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

LAG JAZZ - Ystad Sweden Jazz Festival

EinbettenHerunterladen
jazzzeitung
berichte
4 2 014 S e i t e 4
Eine Kleinstadt am Vater Rhein in Aufruhr
Auch schon neunzehn Jahre alt: „Bingen swingt“ mit den Facetten und Nebenlinien des swingin’ Jazz.
Was war angenehmer zu genießen: die
herrliche Aussicht von der Burg Klopp
auf das Rheintal oder die Blutdrucksteigernden Darbietungen der FunkSoul-Bands, die vor dieser imposanten
Burgkulisse spielten? Oder war die
rechtsrheinische, hintergründige Ruine Burg Ehrenfels, die der Gospelshow
am letzten Festivaltag eine fast theatralische Dimension verlieh, dort am
Rhein-Nahe-Eck, wo die Nahe sich mit
dem Vater Rhein vereinigt, das interessanteste Ambiente? Wie auch immer
diese Wahl ausgehen könnte, eines
steht fest: Kaum ein anderer Festivalort in Deutschland bietet dem Auge
des Jazzfreundes derartige mittelalterlich geprägte landschaftliche Kostbarkeiten.
rheintal“ Rheinromantik und Moderne
hüllte. Pünktlich auf die Minute starteten
vom Gypsy Guitar Summit eingebrachte
Lindy Huppertsberg & WitchCraft zogen
miteinander verknüpft, lockte die ty-
Echoes Of Swing das Festival mit ihrem
Gypsy-Swing zwischen Fachwerkhäusern
das Publikum mit dem „September Song“
pische Gospelshow am kühl-grauen Sonn-
unverkrampften Oldtime- und New Or-
servierte mit schnellen Fingern Jazz-
von Kurt Weill in den Bann und verlän-
tagmorgen noch einmal viele Besucher
leans-Jazz. Eingekreist vom Einzelhan-
standards in freier Interpretation. Hier
gerten die Begeisterung mit Bossa Nova.
an. Mit viel Hallelujah und Glory und Je-
del auf dem Speisemarkt schrubbte das
standen Gespräche mit Freunden und
Klaus Heidenreich und sein Quartett
sus, oh my lord bestand Dorothy Wilsons
Quartett die Töne zurecht, die am Anfang
Bekannten und der Verzehr von Wein
gaben Stücke ihres Tonträgers „Man On
Gospel Express auf der RWE-Bühne am
der Jazzgeschichte populär waren. „Am
und Snacks mehr im Fokus als die mitrei-
Wire“ zum Besten, behutsam und ent-
Rhein-Nahe-Eck die Konfrontation mit der
Freidhof“ in der Nähe der Basilika St.
ßende Gitarrenschlacht. Knallige Soulmu-
fesselt überzeugte das junge deutsche
wechselhaften Wetterlage, die mal den
Martin formierte sich aus der Hauptstadt
sik und scharfer Funk lieferte Jeff Casca-
Ensemble auch im Regen. Max Mutzke
traditionellen, mal den quirlig-spritzigen
kommend das Ensemble „Berlin 21“ des
ro, der aus voller Seele den das Publikum
ist längst ein vielbeachteter Stern am
Modern Jazz begleitete. Zum Finale erho-
Schlagzeugers Torsten Zwingenberger.
begeisternden Memphissound lebendig
Jazzhimmel, obwohl der Gewinner der
ben der seit ewigen Zeiten in die Schlage-
Etwas Regen begleitete das Set, nicht
und funkensprühend austeilte. Vor einem
„SSDSGPS“-Show von 2004 – nach sei-
recke gedrängte Bill Ramsey und Benny
lange, nicht heftig. Gut möglich, dass die
Jahr, erzählte Martina Eisenreich, ver-
nem Repertoire geurteilt – viel mehr der
Golson als Special Guest von Claus Reich-
dominant eingesetzte Gitarre von Patrick
passte sie den Auftritt in Bingen, weil
Popfraktion zugerechnet werden müsste.
stallers All@Jazz ihre durchdringenden
Farrant dafür sorgte, den swingenden
sie sechs Stunden hinter einem umge-
Doch mit seiner gewaltigen Stimme
Gesangs- und Saxophonstimmen.
Rhythmus (durch Zwingenberger und
kippten Kartoffellaster im Stau stand. Sie
macht er viel Furore, ein glänzender
„New Orleans“, „Swingvergnügen“ und
Bassist Martin Lillich) und die erstklas-
ragte mit extravaganten Geigenklängen
Entertainer ist er sowieso. Da war der
„Dixieland“ – ein ortsansässiges Back-
sigen Klavierklänge von Lionel Haas als
über das übliche Swingangebot hinaus.
Bürgermeister-Neff-Platz bis zum Bersten
haus hatte sein Angebot zielgerichtet
verschworene Einheit zu präsentieren.
Nils Wülker präsentierte Musik zum Zu-
gefüllt, und der stark einfallende Regen
auf das Jazzpublikum ausgerichtet. Die
Die schon seit sechzig Jahren bestehen-
hören – poetisch, klar, geheimnisvoll.
wurde kaum noch zur Kenntnis genom-
m „Land der Hildegard“ mit seinem
mit Putenbrust, Schafskäse oder Sala-
de Barrelhouse Jazzband mit Bandleader
Schon ab 13 Uhr ging samstags in Bingen
men. „Bingen swingt“ zeigte Rückgrat –
Mäuseturm und der denkmalgeschütz-
mi
verschönerten
Reimer von Essen zog am Winzerknaben
der Jazz vor die Türe. Das Frank Muschal-
musikalisch ausgewogen und als Event
ten Hindenburganlage, das innerhalb
Biss für Biss die beswingte Atmosphä-
sehr viel Publikum an; ihr gefälliger Sw-
le Trio überzeugte mit wuchtigem Boogie
im Oberen Mittelrheintal nicht zu toppen.
des UNESCO-Welterbes „Oberes Mittel-
re, die fast den gesamten Rheinort um-
ing hob die Stimmung spürbar an. Der
Woogie und Ausflügen in den Ragtime.
I
belegten
Brötchen
Klaus Hübner
„Klagelied einer Note“ und andere Persönlichkeiten
Chris Gall und Andreas Dombert: neues Projekt und CD
Beim diesjährigen Jazzfest in Bonn haben
ein wenig auf Kriegsfuß miteinander, gibt
kamen dann aber überein, „einen eigenen
Klangfarben entstehen lassen. Daraus
der Münchner Pianist Chris Gall und An-
Dombert zu bedenken, sowohl was die
Sound mit eigenem Material“ entwickeln
ergibt sich eine spürbare Ähnlichkeit zur
dreas Dombert, behender Gitarrist aus
durchkomponierten Teile angehe als auch
zu wollen. Mit dem Debütalbum, welches
Minimal Music, wobei sich Gall dagegen
Regensburg, ihr neues Duoprojekt vorge-
bei ideenreichen Improvisationen.
seit Juni auf „Acoustic Music Records“
wehrt, einseitig auf diese Schiene festge-
stellt. Nach der Pianistin Geri Allen spiel-
Kennengelernt haben sich die beiden
vorliegt, ist ihnen das ganz hervorragend
legt zu werden. Für ihn ist Musik aus an-
ten sie vor 800 Zuhörenden im Collegium
Musiker bei einer Bandprobe. Sie waren
geglückt. In knapp einem Dutzend Kom-
deren Kulturen extrem spannend: „Süda-
Leonium. Während das Publikum seiner
dafür unabhängig voneinander engagiert
positionen, darunter als einzige Fremd-
merika, Afrika, Indien – immer wenn ich
Begeisterung für die Debütanten freien
worden. „Wir haben sofort gemerkt, dass
komposition das unerbittlich kreisende
solche Musik höre, würde ich am liebsten
Lauf ließ, „war der Kritiker nicht angetan“,
wir auf einer Wellenlänge liegen“, erinnert
„Implacable“ des argentinischen Instru-
sofort in ein Flugzeug steigen und mit ein-
wie Dombert bei einem Cappuccino unge-
sich Dombert. Spontan vereinbarten sie
mentalisten und Bigbandleaders Guiller-
heimischen Musikern spielen.“ Das hat er
niert zugibt. „Er saß in der halligen Kirche
„mal zusammen etwas auszuprobieren.“
mo Klein, präsentieren Gall und Dombert
bereits des öfteren getan, unter anderem
aber auch ganz hinten“, fügt er illustrativ
Konkrete Vorstellungen gab es da noch
unterschiedliche Stimmungen und Ideen.
in einem langjährigen Duo mit dem brasi-
erklärend hinzu.
keine. Es dauerte dann noch ein Jahr, bis
Mit einem Hauch heroischer Melancholie
„Ernst und gehaltvoll“ erlebte Dombert
sie erneut aufeinandertrafen und sich zu
vollführt der „Puppenspieler“ (The Puppe-
„Die Einflüsse von Minimal sind für mich
einem Aufenthalt im südlichsten Teil des
das Ineinandergreifen der beiden Akkord-
einer ersten Probe verabredeten. Beide
teer) seine lyrischen Zauberstücke, poe-
sehr inspirierend“, führt er aus. „Im Tech-
amerikanischen Kontinents erzählen die
instrumente. Die stünden ja eigentlich
brachten sie bereits fertige Stücke mit,
tisch, liedhaft und verträumt. Aus dieser
no, Drum&Bass, Trance und Dancefloor
beiden Stücke „Valsa de Marco“, eine ru-
abgedrifteten Stimmung holt einen das
hat sich der Rhythmus als hypnotisches,
hige innige Klangnovelle, und das rockig-
originelle und witzige „Lament of a Single
immer wiederkehrendes Motiv etabliert.“
groteske „Avenida 9 de Julio“, das dem
Note“ in die rauhe Wirklichkeit zurück –
Bei dem 1975 im oberbayerischen Bad
angeblich breitesten Boulevard der Welt
nimmt Gall doch den abgedrehten Titel
Aibling im Zeichen des Krebs gebore-
in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires
seines Stücks wörtlich und hämmert mi-
nen Landei hat diese jugendliche Infil-
gewidmet ist.
nutenlang unnachgiebig auf eine Klavier-
tration „deutlich Spuren hinterlassen“.
In der selten zu hörenden Kombina-
taste ein. Derart malträtiert, entfaltet das
Auf akustische Instrumente übertragen,
tion
„Klagelied“ eine ähnlich hypnotische At-
beschreibt Gall seine kompositorische
bayerischen Künstler zu einer beein-
mosphäre wie andere Stücke Galls, in de-
Ideen, würden Motive, die sich so oft
druckenden musikalischen Symbiose ge-
nen er Formen der Minimal Music durch-
wiederholen, bis in jede kleinste Verän-
funden.
dacht und mit großer Wirkkraft einsetzt.
derung und Variation hinein, völlig neue
3(.1(AA -Preis
PU)H`LYUL=
Jilman Zilman
Gewinner des erstmals verliehenen LAG-Jazzpreis der Landesarbeitsgemeinschaft Jazz in Bayern e.V., einer Tour durch
Bayern. Junger Jazz, der die Menschen verblüfft und für sich
einnimmt, des Augsburgers Tilman Herpichböhm, zu hören in:
29.9.
1.10.
2.10.
3.10.
4.10.
Jazzclub Abensberg
Jazzclub regensburg
JazzGAP Garmisch
Jazzstudio Nürnberg
Birdland Jazzclub
Neuburg (LAG Treffen)
5.10. Brauereigaststätte stift
Kempten (Klecks e.V.)
Im Frühjahr 2015 finden weitere Jazzpreis-Konzerte auf Schloss Elmau, im Jazzclub Unterfahrt
und beim Jazz Zirkel Weiden statt - Termine tba
JZ-jazzpreis.indd 1
lianischen Gitarristen Pedro Tagliani. Von
Klavier/Gitarre
haben
die
zwei
Michael Scheiner
Das Bayerische Jazzweekend 2014
So weit ist es also schon gekommen:
Junge, ambitionierte Jazzer liefern,
nachdem sie einen Standard aus dem
American Songbook serviert haben,
eine Erklärung hinterher, die beinahe
wie eine Entschuldigung wirkt…
D
Um den famosen Lorenz Raab am Flü-
migen Wiederholungen immer weiter aus
gelhorn erweitert wurde bei ihrem dies-
und öffnet so Klang- und Spielräume.
jährigen Auftritt triotonic, die Formation
Insgesamt war das Weekend-Programm
rund um den Pianisten Volkhard Iglseder.
im
Die kleine Abkürzung „ft.“ für „featuring“
der Bayerische Rundfunk mitschneidet
war nicht übertrieben: Vom ersten Takt
(Ausschnitte in der Nacht zum 3. August
an schien der Ensembleklang komplett
auf Bayern 2), somit wieder einmal ein
abei hatten Pianist Stephan Ple-
auf Raabs balsamischen Flügelhornton
sehr gediegenes. Das meiste davon ver-
cher und sein Trio mit „It could
zuzulaufen. Nicht ohne Grund: Seine Soli
blasste aber sehr schnell, als Schlagwer-
happen to you“ gerade ihre bes-
sind
kerin Eva Klesse diese perfekte Open-Air-
ein
Musterbeispiel
melodischen,
Thon-Dittmer-Hof,
wo
traditionell
te, weil aus der konzentrierten Entspan-
formbewussten
Wenn
Location mit ihrem Quartett in Beschlag
nung heraus gestaltete Nummer beim
er einen Schlusston lange nachklingen
nahm. Von ihrem Drumset aus baut die
Jazzweekend in Regensburg abgeliefert.
lässt, hat die Gleichmäßigkeit des Ab-
Bandleaderin ein magnetisches Kraftfeld
Die eigenen Stücke entwickelten solche
schwellens fast irreale Züge.
auf, in dem sie und ihre Mitmusiker in
Selbstverständlichkeit eher selten. Keine
Dem Heimspiel-Erwartungsdruck nicht
permanenten Anzieh- und Abstoßbewe-
Frage, Stephan Plecher ist ein technisch
ganz standhalten konnte der mittlerwei-
gungen interagieren: Pianist Philip Frisch-
kompletter, ausdrucksstarker Pianist und
le in New York ansässige Regensburger
korn mit weit ausspannenden, glasklaren
bildet mit Benjamin Zalud am Bass und
Saxophonist Tobias Meinhart. Natürlich
Bogenkonstruktionen, Evgeny Ring mit
Peter Primus Frosch am Schlagzeug ein
ist er ein ausgezeichneter Instrumenta-
implodierenden Saxophongirlanden, Ro-
gut aufeinander hörendes Trio mit gro-
list mit dem gewissen etwas im Saxo-
bert Lucaciu am volltönenden, aber ab-
ßem Potenzial. Und wenn die Drei, wie in
phonsound. Seine Soli reizen das ganze
solut trennscharfen Fünfsaiter mit raum-
dem von einem Handyspiel inspirierten
tonale Spektrum seiner harmonisch mit-
greifender Bassarbeit.
Song „Headset“ eindrucksvoll gesche-
unter vertrackten Stücke aus. Und doch
„Kleine None, große Reise“ heißt da
hen, zu einer gemeinsamen Steigerung
wartete man den ganzen Auftritt über
zum Beispiel ein Stück, das zwar immer
ansetzen, geht von ihnen eine jugendli-
auf jene Momente, die diese leicht un-
wieder ins Freie auszufransen scheint,
che Wucht aus, die unmittelbar fesselt.
terkühlte Professionalität ins Expressive
gleichzeitig aber einer klaren, wie zufäl-
Während Stephan Plecher und seine Mit-
aufbrechen würden. Die kamen dafür
lig entstandenen Dramaturgie folgt. Eva
musiker also noch auf der Suche nach
von Pianist Lorenz Kellhuber, der in den
Klesse entlockt ihrem Drumset dazu die
ihrem Bandsound zu sein scheinen, hat
vergangenen Jahren eine erstaunliche
ganze Palette perkussiver Klangmög-
Tom Jahn diesen mit seinem Trio Puls
Entwicklung durchgemacht hat (bis hin
lichkeiten, zieht hörbar die Fäden, ohne
wohl schon gefunden: Rockig bis ins Pop-
zum ersten Preis bei der Montreux Jazz
sich auftrumpfend in den Vordergrund zu
pige hinein schiebt Jahn mit seinem Kla-
Solo Piano Competition, siehe Seite 2).
spielen. Ganz großer Jazz, der leider we-
vierspiel eine ordentliche Druckwelle vor
Von seinem tief gelegten Klavierhocker
gen einiger anfangs noch zu stimmender
sich her. Drummer Magnus Dauner und
aus verbeißt er sich in die überraschen-
Klaviertöne nur eine knappe Sternstunde
Frank Thumbach am E-Bass haben daran
den Phrasen, die er den Akkordfolgen
lang währte.
maßgeblichen Anteil.
ablauscht, reizt ihr Potenzial in spiralför-
17.07.14 21:18
Improvisierens.
Juan Martin Koch
jazzzeitung
portrait, bericht
4 2 014 S e i t e 5
HARFENRUNDFAHRT
Der Harfenist Edmar Castañeda
Das muss man erlebt haben, um es
zu glauben. Der Kolumbianer Edmar
Castañeda spielt wie niemand sonst
auf der Welt. Die Harfe gilt eigentlich als Engelsinstrument – er macht
Schluss mit diesem Image und spielt
trotz teuflischer Intensität himmlische
Musik auf dem Klangerzeuger, der wie
ein gigantischer Eierschneider aussieht.
auszutricksen.
siker, nach New York und ging dort auf
Seine kolumbianische Harfe, die deut-
eine musisch ausgerichtete High School.
lich kleiner ist als ihre in der klassischen
„Duke Ellingtons ‚Take The A Train‘ war
Musik eingesetzte große Schwester, hat
das erste Jazz-Stück, das ich je gehört
ihm erst Kopfschmerzen bereitet und
habe, gespielt von der Big Band der High
ihn dann herausgefordert. Das mit den
School. Ich dachte nur, wow, was ist
fehlenden Pedalen, mit denen sich die
das denn! Ich war schwer fasziniert und
Tonhöhe verändern lässt, hat er mittler-
wollte diese Art Musik sofort lernen. Ich
weile behoben. Ein französischer Her-
ahnte, dass das die Musik war, wegen
steller baute nach seinen Vorstellungen
der ich nach New York gekommen bin.“
und Ideen ein Spielgerät, das nun seine
Er hat dann aber auch mal Trompete stu-
n englischen Teestuben und Hotel-
Initialen trägt, die „EC Llanero Harp“. Mit
diert, um sich das Vokabular des Jazz, das
Lounges wird die Harfe gerne einge-
Kippschaltern, die an den Wirbeln sitzen,
sich mit der Harfe nicht spielen lässt, drauf-
setzt. Meist greift eine junge Dame
kann man Halbtöne erzeugen, wo vor-
zuschaffen. In New York war er ungezähl-
sanft in die Saiten, während Gurken-
her keine waren. „Bebop geht trotzdem
ten Einflüssen ausgesetzt. Erst dort ent-
Sandwiches und Earl Grey verzehrt wer-
nicht“, lacht Edmar Castañeda. „Es wäre
wickelte er sein Weltmusik-Konzept, das
den. In klassischen Orchestern spielt das
toll, wenn ich ‚Giant Steps‘ im Joropo-Stil
klangliche Elemente aus allen Gegenden
Instrument eine untergeordnete Rolle,
spielen könnte.“ Joropo ist eine in Kolum-
Mittel- wie Südamerikas und den wär-
darf bestenfalls verwunschene Schleier
bien sehr präsente, im 6/8-Rhythmus,
meren Regionen Europas nutzt, um sie
und Arpeggien zum Gesamtklang beitra-
meist von zwei Tänzern, Sänger, Harfe,
mit Jazz zu verschmelzen.
gen. In der Avantgarde kommt die Harfe
Cuatro (eine viersaitige Ukulele-artige
Seit Edmar Castañeda vor zwanzig Jahren
auch mal zum Einsatz, meist präpariert,
Gitarre), Maracas und manchmal Bass
nach New York ging, haben ihn Größen
damit auch ja nichts herkömmlich tönt.
aufgeführte Musik. Mit der ist Edmar in
wie Chico und Arturo O’Farrill, Wynton
Im Jazz bleibt sie ein Exot, vielleicht auch,
Bogota aufgewachsen. Selbst praktiziert
Marsalis, Paquito D’Rivera, Ed Simon, Ja-
weil sie gewissen Einschränkungen un-
hat er sie, als er mit 13 Harfe zu spielen
nis Siegel, Lila Downs, John Patitucci oder
terliegt. Genau die haben Edmar Casta-
begann. Drei Jahre später folgte er mit
Marcus Miller engagiert. Am besten aber
ñeda gereizt. Er suchte Wege, um sein
seiner Schwester dem Vater, einem Mu-
kommt Castañeda zur Geltung, wenn er
I
diatonisches
Monstrum
seine eigene Musik spielt, entweder im
22.–26. 10. 2014
Trio mit Posaune und Schlagzeug oder
in Duos, wie auf seinem Album „Double
Portion“, das er mit Partnern wie dem
Pianisten Gonzalo Rubalcaba, dem Saxophonisten Miguel Zenón oder dem Mandolinisten Hamilton de Holanda einspielte.
Man möchte vor Verzückung oder Erstaunen fast aufschreien, wenn man Edmar
Castañeda auf der Bühne erlebt. Die Saiten seiner Harfe müssen um ihr Leben
fürchten, so sehr langt der kleine Mann
aus Bogota hin. Er spielt mit links seine
eigenen, unfassbar groovenden Bassbegleitungen und mit rechts ist er so
schnell, so geschickt, dass man meint,
verschiedene Saiteninstrumente gleichzeitig zu hören. Der Rahmen seiner Harfe
kriegt schon mal heftige Schläge ab oder
muss für Rhythmen herhalten. Aber, sagt
Castañeda, es habe nicht nur mit seinem
Temperament zu tun, dass seine Musik so
sei wie sie ist. „Die Musik meiner Heimat
ist mit dem Flamenco verwandt. Und der
kann auch ziemlich wild sein.“
Text und Foto: Ssirus W. Pakzad
Mordslaune
OY | RICHARD DORFMEISTER | WILL CALHOUN
LE, ANDY SHEPPARD, MARYLIN MAZUR | LUCAS NIGGLI & ANDREAS
SCHAERER |
für Vormittagsswinger und Late-Night-
Aber nicht nur Legenden haben Platz in
Sessions für Nachtschwärmer.
Schweden – von den bis zu zehn Kon-
Fast
Programmauswahl
zerten pro Tag stehen viele im Zeichen
übertrieben. An anderen Orten würde
spannender skandinavischer Bands. So
man drei Festivals mit dieser Summe an
das hochmusikalisch und auffallend lo-
erscheint
die
großen Namen und Konzerten bestreiten.
cker dargebotene „Sacred Concert“ von
amstag, 23.15 Uhr, Ystad, Süd-
Sowohl das Quartett um Saxophonist
Duke Ellington. Die Marienkirche in Ystad
schweden. Zeit für Mord. Zumin-
Joshua Redman, als auch Gitarrenstar
bietet einen stimmungsvollen Ort dafür.
dest in den weltberühmten Krimis
John Scofield und seine Überjam Band
Das Kunstmuseum, der Skulpturen-Park
mit Kurt Wallander. Autor Henning Man-
beschließen in Ystad ihre mehrwöchigen
Marsvinsholm,
kell lässt den Kommissar in der schwe-
Europatourneen. Beide Konzerte sind
der Rathauspark sind andere atmosphä-
dischen Kleinstadt wohnen und Verbre-
überschwänglich,
rische Spielorte des perfekt organisierten
chen aufklären.
dass Kontrolle und Lässigkeit der Musik
Festivals.
Samstagnacht ist aber auch die Zeit
verloren gehen.
Saxophonist Håkan Broström bläst feu-
für etwas sehr Lebendiges. Im Theater
Sängerin und Pianistin Diane Schuur
rige Soli in den strahlend blauen Himmel.
Ystad, einem Schmuckstück aus dem
gibt ihr erstes Schweden-Gastspiel über-
Die Wahl-Dänin, Kontrabassistin und Sän-
Jahr 1894, tritt Trompeter Enrico Rava
haupt, Schlagzeugerin Marylin Mazur
gerin Kristin Korb aus Kalifornien swingt
auf die Bühne. Sakko, schulterlange Mäh-
bezaubert
afrikanisch-inspiriertem
mit Schlagzeuger Snorre Kirk und Pianist
ne, imposanter Schnurrbart, alles weiß.
Avantgarde-Jazz und Trompeter Roy Har-
Magnus Hjorth im pittoresken Innenhof.
Den Italiener begleiten vier junge Musi-
grove spielt überraschend reduziert und
Ganz junge Jazzfans und deren Eltern
ker und was dann passiert, sprüht so vor
gibt mit dünner, aber intensiver Stimme
dürfen Melodien aus den bekannten
Leben, dass selbst Wallanders gesetzlose
eine Gesangseinlage. Als Ehrengast kam
Kinderserien „Pippi Langstrumpf“ oder
Gegenspieler nichts dagegen ausrichten
Charles Lloyd mit seinem New Quartet
„Karlsson vom Dach“ mitsingen, darge-
könnten. Elastischer Swing, freie Passa-
nach Ystad. Die jungen Wilden um Pianist
boten von der Bohuslän BigBand unter
gen, Zirkusmusik, Zeitlupen-Walzer. Das
Gerald Clayton sind voll von Energie und
Mitwirkung des Komponisten der Stücke,
Enrico Rava Quintet und insbesondere
Ausdruckswillen. Lloyd-Momente, in de-
Bassist Georg Riedel, und seiner Tochter,
sein Posaunist Gianluca Petrella feiern
nen der Mystiker am Tenorsaxophon mit
der Sängerin Sarah Riedel.
den Jazz mit größter Leidenschaft in all
kontemplativer Ruhe seine unendlichen
In Ystad lebt der Jazz, das zeigt Enrico
seinen Formen und Farben.
Geschichten erzählt, gibt es allerdings
Rava auch zum Ende seines umjubelten
Ein Sinnbild für die 5. Ausgabe des „Ystad
selten.
Konzerts. Die obligatorische Rose, über-
Sweden Jazz Festival“: Jazz ist hier leben-
Solche Momente der Stille findet man im
reicht beim Schlussapplaus, wird nicht
dig und bunt. Der künstlerische Leiter,
Solokonzert des großen südafrikanischen
einfach irgendwo vergessen, nein, der
Pianist Jan Lundgren, schafft es, unter-
Pianisten Abdullah Ibrahim. Nach kurzer
Trompeter öffnet seine Wasserflasche
stützt von 120 Freiwilligen, internationale
Orientierungsphase erklingt ein Ibrahim-
und steckt die durstige Blume hinein. Le-
Stars und schwedische Szene zusam-
Ohrwurm nach dem anderen, „The Wed-
ben an allen Ecken und Enden, und das in
menzubringen – Jazz für Kinder, Big-
ding“, „Blues for a Hip King“ oder „Blue
dieser Stadt des Mordes.
bands, Kleinbesetzungen, Oldtime-Jazz
Bolero“ sind nur einige davon.
S
PAOLO FRESU, OMAR SOSA, TRILOK GURTU |
QUARTET | RITA MARCOTULLI EUROPEAN LEADERS FEAT. NGYEN
Zum Ystad Sweden Jazz Festival 2014
Das Ystad Sweden Jazz Festival feierte von 30. Juli bis 3. August 2014
seinen fünften Geburtstag mit Staraufgebot und bester Stimmung in der
ganzen Stadt.
LINE-UP:
mit
fast
zügellos,
ohne
Fachwerk–Karrees
oder
KARIN KROG & JOHN SURMAN
|
DIDIER LALOY MEETS KATHY ADAM | BLUE FLAMINGO |
MONIKA ROSCHER BIG BAND |
JOHN SCOFIELD TRIO FEAT.
STEVE SWALLOW & BILL STEWART | SONS OF KEMET
L´HIJAZ`CAR
|
LOUIS
SILK QUARTET
|
SCLAVIS
| NED ROTHENBERG MEETS
SAINKHO NAMTCHYLAK | TERENCE BLANCHARD „MAGNETIC“ |
AVISHA COHEN TRIO | NILS PETTER MOLVÆR
„SWITCH“ | HANNES LÖSCHEL FEAT. PHIL MINTON |
BILL
FRISELL „GUITAR IN THE SPACE AGE“ | MICHEL
PORTAL MEETS LOUIS SCLAVIS | KOENIGLEOPOLD | KITSCH
& GLORY |
DONAUWELLENREITER | MICHEL PORTAL MEETS
BOJAN Z | SALESNI, SCHABATA, PREUSCHL, JOOS | ROY
HARGROVE QUINTET | CHRISTINA BRANCO | HUGH
MASAKELA | GINA
SCHWARZ | U.V.A.
Ulrich Habersetzer
Anzeige_Jazz2014_111_415.indd 1
23.07.14 10:26
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
9
Dateigröße
759 KB
Tags
1/--Seiten
melden