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Das Antwerpener Motettenbuch Orlando di Lassos und seine

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Das Antwerpener Motettenbuch Orlando di Lasso's
und seine Beziehungen zum Motettenschaffen der
niederländischen Zeitgenossen
Sonderdruck aus der
Tijdschrift der Vereeniging voor N ederlandsche M uziekgeschiedenis
Deel XIV, 3e en 4e Stuk, Deel XV, Ie en 2e Stuk
Das
Antwerpener Motettenbuch
Orlando di Lasso's und seine
Beziehungen zum Motettenschaffen der niederländischen
Zeitgenossen
von
Eduard Lowinsky
11
HAAG
MARTINUS NIJHOFF
1937
ISBN 978-94-011-8249-2
ISBN 978-94-011-8928-6 (eBook)
DOI 10.1007/978-94-011-8928-6
Das Antwerpener Motettenbuch
Orlando di Lasso's und seine Beziehungen zum Motettenschaffen der niederländischen Zeitgenossen.
EINLEITUNG.
Der Anonymität des künstlerischen Schaffens im Mittelalter
steht die Verherrlichung des schöpferischen Individuums in
der Renaissance gegenüber. Ein Beispiel solcher fast ans
Phantastische grenzenden Verherrlichung ist der Ruhm. den
r I a n d 0 d i Las s o. einer der führenden musikalischen
Geister des 16. Jahrhunderts zeit seines Lebens in immer steigendem Masse genoss. Wenn ihn Verleger in Vorwort und
Dedication priesen. so mag das wenig besagen; mehr schon.
dass sie sich - seit dem op. 1 des Dreiundzwanzigjährigen I)
- allenthalben um seine Werke rissen; dass die Kompositionen des Dreiunddreissigjährigen über halb Europa verbreitet
waren. dass die Druckerzentren in Nürnberg. München. Antwerpen. Löwen. Venedig. Florenz. Neapel und Paris seine
Madrigale und Chansons. seine Motetten und Psalmen immer
wieder neu auflegen mussten; dass weltliche und geistliche
Würdenträger sich um seine Werke. um eine Dedication. um
seine Freundschaft bewarben. Herzog Albrecht V. von Bayern.
in dessen Dienst er sein ganzes Leben lang stand. liess mit
o
1) Auf Grund des von Sandberger (nBeiträge zur Geschichte der Bayerischen Hofkapelle unter Orlando di Lasso", Leipzig. Breitkopf & Härtel
1894. Buch I) veröffentlichten Tatsachenmaterials hat eh. van den Borren
in seiner Studie .. En quelle annee Roland de Lassus est-il ne?" (Bulletin
de la Societe .. Union Musicologique" sixil~me annee. premier fascicule 1926)
es m. E. vollkommen wahrscheinlich gemacht. dass Lasso 1532 geboren ist.
Man lese die Begründungen in dieser Studie. die ein Muster scharfsinniger
Beweisführung ist. nach!
DAS AN1WERPENER MOTETTENBUCH
herrlichen Miniaturen geschmückte Prachthandschriften be~
stimmter Kompositionen anlegen. Sein Sohn Wilhelm V. liess
auf eigene Kosten eine das ganze kirchenmusikalische Schaffen
des einundvierzigjährigen Meisters umspannende Werkreihe
in einer grossen Prachtausgabe und einer kleinen Ausgabe
zum praktischen Gebrauch erscheinen. Kaiser Maximilian 11.
schickte ihm kostbare Geschenke und hob ihn auf dem Reichs~
tag zu Speyer in den Adelstand. In beispielloser Weise wurde
er in Paris von Karl XI. empfangen und geehrt. Der Papst
Gregor XIII. ernannte ihn zum Ritter des goldenen Sporns.
Zeitgenössische Dichter überboten sich in Lobhymnen und
das Volk spann noch zu seinen Lebzeiten Legenden um die
wunderwirkende Kraft seiner Musik.
In merkwürdigem Gegensatz zu diesem zeitgenössischen
Ruhm steht das Schicksal. das Lasso in der modernen Musik~
geschichtschreibung erfuhr. Im Jahre 1894 lag die Neuaus~
gabe der Werke Palestrina·s. des grossen Zeitgenossen Lasso·s.
vollendet vor. Ein eigentümlicher Unstern waltete indess über
der Neuausgabe von Lasso's Werken. die bis heute erst ein
Drittel seines Schaffens umfasst. Während Palestrina's Werke
nach den Originaldrucken herausgegeben sind. ist das riesige
Motettenwerk Lasso's nach einer nachträglichen. von seinen
Söhnen besorgten. unkritischen Sammelausgabe ediert. welche
die Motetten. die in ausgezeichneten Erstdrucken vorlagen.
willkürlich nach Stimmenzahl ohne chronologische Ordnung
durcheinanderwirft. Mit Hilfe von chronologischen Tabellen
muss sich der Forscher in dem elfbändigen Motettenwerk
zurechtfinden. das ausserdem noch durch schlechte Lesarten
und hinterher veränderte Texte entstellt ist. Gründliche Unter~
suchungen über den Personalstil Lasso·s. seine Wurzeln. seine
Entwicklung. sein Verhältnis zu Vorgängern und Zeitgenossen
fehlen noch gänzlich I). Noch sind die grundlegendsten Fragen
nicht geklärt (vgl. Handb. d. Musikgeschichte. hrsg. v. Guido
Adler. 2. Auf!. 1930 I S. 335). Die erste grosse und bis heute
I) Es mangelt nicht an treffenden Bermerkungen und Einzelanalysen.
Wir verweisen etwa auf die Vorrede zu den einzelnen Bänden der Gesamtausgabe. die manches Interessante enthält oder auf das geistreiche Buch
Charles' van den Borren .. Orlandus de Lassus" Paris 1921, neben vielen
anderen Werken. die Lassos Schaffen streifen.
ORLANOO 01 LASSO's
5
noch nicht überholte Gesamtdarstellung des 16. Jahrhunderts
von Aug. Wilh. Ambros im 3. u. 4. Band seiner Musikge~
schichte widmet Palestrina 65 Seiten und der Zeit des Pale~
strinastils weitere 87 Seiten. Lasso dagegen wird auf 18 Seiten
abgehandelt. Diese rein äusserliche Feststellung ist sympto~
matisch. Welche Musikgeschichte wir auch aufschlagen. wir
werden dasselbe Verhältnis antreffen.
Als einziges grosses Positivum bleibt die mustergültige
Edition von Lasso' s weltlichen Werken durch Adolf Sand~
berger und die biographischen Arbeiten desselben Forschers.
dem wir eine ausgezeichnete Kenntnis von Lasso's Leben.
seiner Persönlichkeit. seinen Beziehungen zu Zeitgenossen und
vor allem seinem Verhältnis zur Literatur seiner Zeit ver~
danken. Wir hoffen. auch den letzten und zentralen Band der
Lasso-Monographie aus der Hand des Forschers entgegen~
nehmen zu dürfen.
Aus den objektiven Gegebenheiten ist das Schicksal. das
Lasso in der modernen Musikgeschichtschreibung erfuhr. nicht
zu begreifen. Die Musikgeschichte hat ihre eigene Psychologie.
Und nur aus der psychologischen Situation des vergangenen
Jahrhunderts ist die einseitige Palestrinarenaissance zu verstehen. der nicht nur Lasso zum Opfer fiel. die das ganze
16. Jahrhundert überhaupt in falscher. der historischen Wirk~
lichkeit nicht entsprechender Perspektive zeichnete. Die Vor~
urteile dieser Betrachtungsweise lasten heute noch auf unserer
Beurteilung des 16. Jahrhunderts und es ist eine der drin~
gendsten Aufgaben der Forschung. in langsamer. gründlicher
Arbeit diese Vorurteile zu widerlegen und die geschichtliche
Wirklichkeit wiederherzustellen.
Vorliegende Arbeit stellt den Versuch einer ersten Grund~
steinlegung zur stilistischen Erforschung des heute noch kaum
übersehbaren musikalischen Schaffens Orlando di Lasso's dar.
Das Thema lautete ursprünglich anders. Im Verlauf der Unter~
suchungen stellten sich eine ganze Reihe ungeahnter Fragen
und Probleme. In empfindlichster Weise machte sich der
Mangel an brauchbarer stilistischer Vorarbeit bemerkbar. In
kaum einem anderen Werk treffen so die verschiedenartigsten
Strömungen der Zeit aufeinander. kaum ein anderes gibt so
6
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
viel Rätsel auf. Sollte nicht neue Verwirrung in die Forschung
getragen werden. so war es nötig. sich unbedingte Beschränkung aufzuerlegen und aus dem grossen Problemkreis das
herauszuholen. was am dringendsten der ersten Klärung bedarf
und geeignet ist. einen festen Ausgangspunkt für die Lassoforschung zu bieten.
Ein Ueberblick über das gesamte Motettenwerk zeigte klar
die grundlegende Bedeutung der ersten Motettenpublikation
Lasso·s. Diese erste Motettensammlung erschien im Jahre 1556
bei den Antwerpener Verlegern Hubert Waelrant & Jean Laet.
nachdem Lasso zu mindest ein Jahr in Antwerpen weilte.
Hier finden wir in voller Eigenart und Reife den charakterischen Stil ausgebildet. den Lasso später in einer Fülle von
Schöpfungen in seinem ganzen Reichtum entfalten und weiter
entwickeln sollte. Dieser Tatsache glaubten wir die Berechtigung entnehmen zu dürfen. das Antwerpener Motettenbuch
in den Mittelpunkt unserer Betrachtung zu stellen. Obwohl
wir versuchten. die sich hier ergebenden Fragen nach Stileigenart. Stilherkunft. Vorbildern, persönlichen und lokalen
Beziehungen so vollständig wie möglich zu beantworten. sehen
wir am Schluss deutlicher. als wir es am Anfang ahnen konnten: Der vorliegende Versuch ist Fragment. Das Ideal. das
solch einer Untersuchung immer zugrunde liegt. ist eine möglichst vollkommene Rekonstruktion der Entstehung des Kunstwerks mit all seinen persönlichen und überpersönlichen Bedingtheiten. Dieses Streben scheitert nicht nur an der Unvollständigkeit der heute erhaltenen historischen Quellen. an der
notwendigen Beschränkung in der Materialauslese auf einen
bestimmten zeitlich-örtlichen Umkreis. sondern auch in wesentlicherem Sinn: Je intensiver man in das Wesen eines Künstlers
und seiner Schöpfungen eindringt. um so mehr wächst die
Einsicht, dass die Psyche des Schaffenden in ihrer Tiefe
undurchdringlich. dass der irrationale Prozess des Schaffens
nicht vollkommen darstellbar. dass das Kunstwerk selbst unerschöpflich ist. Was erreicht werden kann. ist jeweils nur eine
Annäherung. Dieser Einsicht steht das beglückende Erlebnis
entgegen. dass sich die Grenzen des Erforschbaren doch immer
wieder erweitern lassen.
ORLANOO Dl LASSO's
7
In der unaufhebbaren Spannung zwischen der jeweils neuen
und doch nie vollkommenen Befriedigung der ganz ihrem
Gegenstand hingegebenen Forscherleidenschaft liegt das ewig
forttreibende Moment für alle Forschung. Daraus schöpfen
wir die Hoffnung, dass auch die Lassostilforschung, wenn
einmal der erste Anstoss gegeben ist. aus dem Stadium der
Lethargie erwacht. in dem sie die moderne Musikwissenschaft
so zu Unrecht seit Jahrzehnten schon belässt.
Die niederländische Generation vor Lasso.
Lasso ist Niederländer. Wer ihn verstehen will. muss in
seine Heimat gehen und der Musik lauschen, die dort in den
Kirchen und Kathedralen erklang. als er aufwuchs, die er
selbst als Knabe im Kirchenchor mitsang. wo er wegen seiner
wunderbar schönen Stimme schon so früh auffiel. Betrachtet
man das Schaffen der Meister dieser Generation im Vergleich
zu dem grossen J 0 s q u i n. dessen Schüler ·und Enkelschüler
sie zum Teil sind. so fällt auf. wie einheitlich der Stil dieser
Komponisten ist I). Fast scheint das Motettenschaffen des
einen Josquin vielseitiger. formenreicher. gegensätzlicher als
das dieser ganzen Generation. Es gibt zweifellos Qualitäts~
unterschiede. personelle Eigentümlichkeiten. stilistische Unter~
schiede von unverkennbar starker Prägung; aber mögen diese
noch so gross sein, das Grundsätzliche ~ man möchte sagen ~
die musikalische Weltanschauung ist dieselbe. Bei ihnen allen
überwiegt das kirchliche Schaffen das weltliche; sie alle haben
grundsätzlich dasselbe Verhältnis zum heiligen Wort. dem
sie musikalische Gestalt geben; sie haben dasselbe Verhältnis
zu dem überkommenen Gesetz der Kirchentonarten; sie haben
dieselbe Auffassung vom Ernst der musikalischen Arbeit. Sie
1) Der folgenden Analyse liegen ausführliche Studien zugrunde. Dennoch
beschränken wir uns auf die Herausarbeitung der wesentlichsten Züge. Es
wird hier der Versuch gemacht. die innere Einheit dieser ganzen Epoche
begründend aufzuzeigen. Dies würde an sich eine ganz andere Ausbreitung
und analytische Durchdringung des Materials erfordern. als sie hier geleistet
wird. Wir können jedoch hierauf verzichten. da im Heidelberger Seminar
eine Darstellung dieses Stils am zentralen Werk Nicolaus Gombert's im
Entstehen ist. Ihrem Verfasser, Herrn Hans Eppstein. bin ich zu grösstem
Dank dafür verpflichtet, dass er mir seine Partituren bereitwilligst zum Studium überliess. Ueberdies verdanke ich dem Austausch von Meinung und
Beobachtung wertvollste Bestätigung.
8
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
haben - und das unterscheidet sie ganz im Grunde von
dem grossen Sucher Josquin - ein bestimmtes Ideal musi~
kaliseher Gestaltung, das sie zu entwickeln und zu vervoll~
kommnen suchen. Dieser niederländische Stil beschränkt sich
aber keineswegs auf die Niederlande. Zwei weitere charak~
teristische Zentren sind in Frankreich und Spanien. Aber
wir haben Dokumente, die seine Ausbreitung über das ganze
damalige gebildete musikalische Europa belegen.
Um in diesen Stil einzudringen, muss man von der Einzel~
stimme ausgehen. Ob man das Werk eines niederländischen,
französischen oder spanischen Motettenmeisters betrachtet, es
ist grundsätzlich dieselbe Art, wie die Einzelstimme verläuft:
langsam setzt die Melodie ein. entfaltet sich. steigert ihre
Bewegung und sinkt wieder zurück. Für den Ansatz des
Melodiezuges sind grössere Intervallschritte charakteristisch
(oft ein oder zwei Terzschritte. auch Quart und Quint): sie
schaffen die langsame Spannung. die sich - entsprechend der
rhythmischen Bewegungssteigerung -- in abfliessende melis~
matische Linien löst und wieder zur Ruhe kommt. Wir mögen
Werke verschiedenster Art. Motetten für Trauer~. Motetten
für Festzeiten heranziehen: trotz aller Unterschiede wird sich
dieses Gesetz der Melodieentfaltung als latent im Unter~
bewusstsein des Meisters ruhendes Ideal erweisen. das er
immer wieder zu gestalten versucht. das er in den verschie~
densten Möglichkeiten erprobt. das er ganz in keinem Werk
verleugnen kann.
All diese Melodiezüge sind ein Ganzes. getragen von einem
einheitlichen Spannungsverlauf. Sie zerfallen nicht in einzelne
Teile. aus denen sie sich durch Aneinanderreihung zusammen~
setzen lassen. Für sie ist charakteristisch jenes vielgerühmte
rhythmische Schweben. das durch ganz bestimmte Kunstmittel
erreicht wird: Sie vermeiden jede einheitliche Folge gleichgelagerter Schwerpunkte. Ihre synkopischen Ueberbindungen
nehmen das Gefühl eines metrisch und taktisch gebundenen
rhythmischen Verlaufs. Sie lassen den Höhepunkt der melodischen Entwicklung selten mit einem taktischen Schwerpunkt zusammenfallen. Sie vermeiden alle scharfen Akzente.
alle harten und auffälligen Sprünge. Sie lieben das diatonische
ORLANOO DI LASSO's
9
Durchgleiten des Tonraums. Ihr Fliessen ist von einer Ruhe
und Stille sondergleichen.
Betrachten wir die Art, wie einer solchen melodischen Linie
die Worte unterlegt sind. so zeigt sich hier gleichfalls eine
typische Erscheinung. Die ersten Worte werden meist Silbe
für Silbe gesungen; darauf folgen mehr oder weniger aus~
gesponnene Melismen über gehaltene Vokale. Die einzelnen
Sätze oder Satzteile werden mehrere Male wiederholt. Der
Wortwiederholung entspricht eine freie musikalische Wieder~
holung. die zumindest den Beginn der melodischen Phrase
beibehält.
Wir haben bisher nur von der Oberstimme gesprochen.
Betrachten wir in dem vier~ fünfstimmigen Ganzen einer
Motette die einzelnen Stimmen. so bemerken wir. dass alle
Stimmen mit demselben thematischen Material arbeiten, dass
das Thema. von einer Stimme intoniert. in gewissen Abständen
fugenartig von den anderen Stimmen aufgenommen und nach~
geahmt wird. Das ist es, was als durchimitierender Stil be~
zeichnet wird. Und schon hieraus ergibt sich, dass grund~
sätzlich für alle Stimmen gelten muss. was von der melodischen
Gestaltung der Oberstimme gesagt ist.
Die Einsatztechnik der Stimmen ist von einer Art regelmässiger Unregelmässigkeit. Dass die Stimmen in gleichen
Abständen aufeinander folgen. kommt kaum einmal vor; aber
die Art, wie einer solchen Regelmässigkeit aus dem Weg
gegangen wird, hat etwas Typisches. Charakteristisch ist etwa
eine Einsatzfolge wie diese: Takt 1 - Takt 2 Mitte Takt -4 - Takt 7 - Takt 8 Mitte. Aber auch hier sind die
verschiedensten Variationen üblich. Ohnehin anders spielen
sich die Einsatzfolgen ab. wenn das Thema gleich mit einem
Kontrapunkt verknüpft ist. Aber allgemein gilt, dass die ein~
zeinen Stimmen nicht zu rasch aufeinander folgen, dass eine
gewisse Ruhe und Klarheit die Imitationstechnik bestimmt.
Welches Verhältnis diese Musik zur Harmonik hat, ergibt
sich mit Notwendigkeit aus ihrem melodischen und polyme~
lodischen Ideal. Wo die Einzelstimme. ihr organischer Ver~
lauf und die kontrapunktische Verflechtung dieser Stimmen
so im Vordergrund steht. kann die Harmonik keine auto~
10
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
nome Stellung haben. Die Gesetze. nach denen die Stimmen
sich so entwickeln. dass ihr Nach~ und Ineinander zugleich
ein harmonisches Miteinander ergibt. enthält die Lehre vom
Kontrapunkt. Von Kontrapunkt spricht man. wenn die Har~
monik vom Aufeinandertreffen der selbständigen Linien ein~
zelner Stimmen bestimmt wird; von Harmonik. wo die Füh~
rung der Einzelstimmen vom Gang der Harmoniefolge abhängt.
Die Verdichtung der Stimmen zu einheitlichem harmonischem
Gang in der niederländschen Motette ist ein Charakteristikum
der Schlussbildungen. deren Hauptform die Kadenz. eine
Nebenform der Fauxbourdon ist. Beide Male sammeln sich
die sonst ganz eigen geführten Stimmen in einheitlicher Be~
wegung. das eine Mal als logische Konzentration aller Stimmen auf ein Ziel (Kadenz). das andere Mal als klangliche
Vertiefung einer hohen abkadenzierenden Stimme (Fauxbour~
don). das erste Mal vom Bass. das zweite Mal von der
Oberstimme ausgehend.
Tonale Grundlage für den ganzen musikalischen Ablauf ist
die jeweilige Kirchentonart. die weder melodisch noch har~
monisch durchbrochen wird (abgesehen von den durch die
.. Musica Bcta" legitimierten Freiheiten).
Was wir bisher für die niederländische Motette feststellten.
sind Gesetze rein musikalischer Natur. Die Einzellinie ent~
wickelt sich nach einem ganz bestimmten Ideal organischer
Entfaltung. die Verflechtung der einzelnen Linien nach dem
Gesetz der Imitationstechnik ; das Aufeinandertreffen der Einzelstimmen bestimmt die Lehre vom Kontrapunkt. Hier ist
kein Raum mehr. in dem der Textvorwurf als bestimmende
Macht wirken kann. In dieser Musik hat der Text keine
bestimmende. nur eine modifizierende Wirkungsmöglichkeit.
Er kann die Wahl der Kirchentonart. er kann die besondere
Weise der Melodieentfaltung. er kann die Stärke der Dis~
sonanz. die Art der Harmonik beeinflussen. Aber er kann
nicht nach eigenen Gesetzen in die Einheitlichkeit des musi~
kalischen Verlaufs eingreifen. Und damit haben wir das
Hauptcharakteristikum dieses Stils genannt: das Streben nach
durchgehender Einheitlichkeit. Wenn man von dieser Periode
gewöhnlich als von der Zeit des "durchimitierenden Stils"
ORLANDO DI LASSO's
11
spricht. so hat man hiermit nur ein Symptom bezeichnet. ein
sehr wesentliches zwar. aber doch nur ein Symptom. Die
Durchimitation ist ein Symptom für dieses Streben nach ein~
heitlicher Durchformung des musikalischen Verlaufs. Solch
ein Symptom ist auch das Streben nach der einheitlichen
gleichgewichtigen Durchbildung der melodischen Linie. ist
weiterhin die Einheit der Kirchentonart und ein solches noch nicht erörtertes - Symptom sind die verschiedenen
Themen. wie sie nach einander von den Stimmen durchge~
führt werden. Jedoch - es erweckt falsche Assoziationen.
wenn man von verschiedenen Themen spricht. Zum Begriff
des Themas gehört für uns eine bestimmte. charakteristische
melodische und rhythmische Ausprägung. Eine in diesem
Sinne charakteristische Physiognomie fehlt den Themenbil~
dungen dieser Musik. Ihnen allen ist dieselbe rhythmische
Unbestimmtheit eigen. und in allen wirkt offener oder ver~
borgener dasselbe Ideal melodischen Wachstums. Dazu kommt.
dass die verschiedenen Melodiezüge - diese Bezeichnung
ist eigentlich zutreffend - in mannigfacher Weise miteinander
verknüpft sind. Wie im einzelnen Melodiezug scharfe Ak~
zente. so werden im Nacheinander der melodischen Linien
harte Kontraste vermieden. Der Kontrast ist ein dieser Musik
innerlich fremdes Element.
Der grosse. ruhige Fluss der melodischen Linien. immer
wieder sich beruhigend im Sammelpunkt der Kadenz. an deren
scheinbarem Ende immer wieder neu aufsteigend. das leise
Sichablösen der Stimmen in der Intonation des Themas. die
unauffälligen Uebergänge von einem Melodiezug in den an~
deren. die Wahrung der Tonalität. sie schaffen einen musi~
kalis ehen Organismus von absoluter Einheitlichkeit. wie er
sich in den besten Werken der Epoche verkörpert.
Textrepertoire des Antwerpener Motettenbuches.
Um das Jahr 1556 starben drei Meister dieser Generation:
Gombert. Clemens. Crecquillon. Im Jahr 1556 er~
scheint das erste Motettenwerk. im Jahr zuvor die allerersten
12
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
Arbeiten von 0 rl a n d 0 d i Las s 0, der von einem zehnjährigen italienischen Aufenthalt wieder in seine nordische
Heimat zurückkehrt.
Es ist auffallend, in welcher Weise der junge Meister an
die Oeffentlichkeit tritt. Sein erstes Werk: ,,11 primo libro
dove si contengono Madrigali, Vilanesche, Canzon francesi,
e Motetti a quattro voci... in Anversa per Tilman Susato
1555 I) enthält, wie der Titel sagt, italienische Madrigale
und Vilanellen, französische Chansons und lateinische Motetten. Im selben Jahr erscheint ein Buch italienischer Madrigale bei Antonio Gardano und im folgenden ein Buch
lateinischer Motetten bei Hubert Waelrant und Jean Laet in
Antwerpen. Diese Art, sich der musikalischen Welt vorzustellen, ist bisher unerhört. Für die Meister der vergangenen
Generation ist es charakteristisch, dass sie mit einigen Kompositionen in grösseren Sammelwerken verschiedener Komponisten zum ersten Mal hervortreten. Es ist ein Ereignis,
das ein junger Musiker in so kurzer Zeit drei grosse Bände
mit ausschliesslich eigenen Beiträgen veröffentlicht, dass er
sich sogleich als Meister in allen Stilarten, allen Kompositionsformen vorstellt: im Madrigal, der Musik der italieni ..
sehen Gesellschaft, in der leichteren geistreichen französischen
Chanson, in der parodistisch-volkstümlichen Vilanelle und in
der ernsten religiösen Welt der lateinischen Motette. Die
repräsentative Absicht dieser ersten Veröffentlichungen ist
unverkennbar. Und unverkennbar, dass dem jungen Orlando
das Ideal des Renaissaneemenschen, des "uomo universale"
vorschwebt.
Den Höhepunkt dieser Veröffentlichungen bildet das Antwerpener Motettenbuch, das im Mittelpunkt unserer Untersuchung steht. 2). Die Sammlung besteht aus achtzehn Motetten
zu fünf und seehs Stimmen und ist An tonio Peren 0 t to,
I) Vgl. Eitner, Robert: Chronologisches Verzeichnis der gedruckten
Werke von Orlandus di Lassus, Berlin 1874, unter 1555a.
2) Die Untersuchung gliedern wir so, dass der Leser zuerst einen Eindruck
vom Werk selbst - Textrepertoire und Aufbau der Sammlung, musikalische
Haltung, Stil und Form - erhält und dann in das Milieu eingeführt wird, in
dem das Werk entstanden ist und zu dem es die verschiedenartigsten persönlichen, lokalen und musikalischen Beziehungen aufweist.
ORLANDO DI LASSO's
13
dem Bischof von Arras und Staatsmann Karls V .• gewidmet.
Die Widmung ist von Lasso selbst und in fliessendem Ita~
lienisch geschrieben - eine grosse Merkwürdigkeit: denn.
soweit Dedikationen üblich sind. werden sie meist vom
Herausgeber in lateinischer Sprache abgefasst. Wir erfahren
aus der sehr persönlich gehaltenen Widmung. dass Pere~
notto ein begeisterter Verehrer von Orlando's Musik ist und
ihn mit Gunstbeweisen überschüttet. Lasso bittet seinen Gön~
ner. er möge sich seiner erinnern. wenn er diese Werke
singen höre und fordert ihn auf. die Verse der ersten Motette
zu lesen. die - wenn auch nur ungenügend - seinen Ruhm
verkünden.
In der Tat eröffnet Lasso das Motettenbuch mit einer mu~
sikalischen Widmung an Perenotto I). Nach einer Anrufung
von Phoebus Apoll wendet sich der Komponist persönlich
an seinen Mäzen und nennt - in der Art humanistischen
Wortspiels -- seinen eigenen Namen: Musarum famulum
ne despice. sustine Lassum. unde tibi haec numeris ficta ta~
bella venit. (Den Diener der Musen verachte nicht. stütze
den Müden. der Dir dies Notenbuch sendet). Für die nieder~
ländischen Meister. die sich gerne in Gruppen zusammen~
schlossen. um ihre Werke gemeinsam herauszugeben. ist eine
gewisse unpersönliche Haltung charakteristisch. Ihre Namens~
nennung war z. T. so ungenau, dass der Musikhistoriker
oft ratlos steht vor dem Problem, wie er all die verschiedenen
Jachet's, Ivo's, Lupi usw. identifizieren soll. 2)
Welch eine andere Haltung spricht aus der Widmungs~
motette Lasso's. in die der Meister gleichsam seinen Namen
eingraviert!
Der Text der zweiten Motette 3) ist dem Buche Hiob ent~
nommen. Lasso nimmt sich die Stelle zum Vorwurf, wo die
ganze Verzweiflung des Unglücklichen aufbricht. der nicht
1) G. A. XI. 311. (Die römische Zahl bezeichnet stets den Band der
Gesamtausgabe von Lasso's Werken ~ Verlag von Breitkopf und Härtel
~ die arabische Zahl die ursprüngliche Numerierung im "Magnum opus
musicum", die in der Neuausgabe in Klammer vermerkt ist).
2) Vgl. die wertvol1e Untersuchung Kurt Huber's über "Die Doppe/meister im 16. Jahrh." (Sandberger-Festschr. 1918).
3) G. A., VII, 236.
DAS ANTWERPENER MOTETTEN BUCH
14
begreifen kann. warum ihm ein solch' furchtbares Geschick
aufgebürdet wird. der sich leidenschaftlich auflehnt gegen
seinen Gott. dem er doch in tiefster Seele anhängt.
Merkwürdig ist der Text der folgenden Motette I): "Stehe.
wer immer will. auf dem schlüpfrigen Gipfel höfischen Glücks I
Mich soll die süsse Ruhe erquicken. in der Verborgenheit
lebend ... " Dieser Text. der dem innersten Wesen des Meis~
ters so wenig entspricht - hat er doch fast sein ganzes
Leben am Hofe verbracht - ist vielleicht zu begreifen als
der Niederschlag jener stillen heimeligen Stimmung. die das
Leben im Norden und die Luft in den Antwerpener Patri~
zierstuben vor der höfischen Atmosphäre im Italien der Re~
naissance auszeichnen mochte.
Die folgenden Werke geben ein echteres Bild von der
unruhvollen spannungsreichen Natur Orlando·s. Die vierte
Motette 2) ist komponiert auf die Worte aus dem Psalm 131 :
"Herr. mein Herz ist nicht eitel und nicht übermütig sind
meine Augen ... " Die fünfte Motette 3) entnimmt ihren Text
dem Totenofficium: .. Wehe mir. Herr. wie habe ich gesün~
digt in meinem Leben I . .. Erbarme Dich meiner, wenn Du
kommst zum Jüngsten Gericht I" Die sechste Motette 4 ) spricht
die leise Hoffnung aus: .. Wenn ich durch Trauer und Trüb~
sal gegangen bin, wirst Du, Herr. mich wieder zum Leben
rufen ... " (Ps. 138). Die siebente Motette 5) gibt dem Ver~
trauen Ausdruck, dass Gott dem Sünder die wahren Wege
weise (Ps. 25). In der folgenden Motette 6) wird die Hoff~
nung zur strahlenden Gewissheit: .. Schmecket und sehet. wie
milde der Herr ist ... " (Ps. 34). Und nun. in dieser Stimmung
unbedingten Gottvertrauens, versenkt Lasso sich in das .. wun~
derbare Mysterium" von Gottes Menschwerdung 7).
Mit plötzlichem Ruck sehen wir in der zehnten Motette 8)
den Vorhang in die unruh volle Zeit - Mitte des Cinque~
G.
G.
G.
G.
5) G.
6) G.
7) G.
8) G.
I)
2)
3)
4)
A .•
A .•
A .•
A..
A..
A .•
A .•
A .•
XI. 301.
VII. 2'46.
IX. 251.
IX. 255.
IX. 282.
V. 181.
V, 165.
III. 153.
ORLANDO DI LASSO's
15
cento - aufgerissen: Dieses Werk - eine Huldigung an den
englischen Kardinal Reginald Pole - berichtet uns von den
Ketzerverbrennungen. die dieser in England veranstalten lässt.
Die beiden nächsten Stücke sind wieder über Psalmtexte
komponiert: .. Du hast mich erprobt und erkannt. Herr ... " I)
(Ps. 139). Und: .. Gott kennt die Gedanken der Menschen.
wie eitel sie sind ..... 2) (Ps. 94). Die dreizehnte Motette 3)
bringt die dramatische Szene der Wiedererweckung des Laza~
rus aus dem Johannesevangelium.
Nachdem wir Lasso soeben in Gedanken über die Eitel~
keit menschlichen Sinnens und Trachtens gefunden haben.
sehen wir ihn in der nächsten Komposition wieder einem
Grossen der Welt. Kaiser Karl V.. seine Huldigung dar~
bringen. 4)
Es ist nicht blosse Heldenverehrung. die Lasso hiezu be~
wegt. Karl V. ist auch der Herr seines Gönners und Karl V.
unterhält mehrere Kapellen; in sehr deutlicher Weise spricht
Lasso von der Liebe und Förderung. die er den Künstlern in
schwerer Zeit angedeihen lässt. Zweifellos ist der folgende
Huldigungsgesang. der keinen Namen nennt. nicht .- wie
Proske 5) meint. .- dem Bischof Perenotto sondern ebenfalls
Kaiser Karl dargebracht. Dafür spricht. dass dieser Gesang
gleich auf den anderen folgt. in dem Karl persönlich ange~
rufen wird. Ausserdem bezieht sich die Benennung .. Prin~
ceps bonus" vielleicht sinnvoller auf Karl V .• den Orlando
im vorigen Gesang als .. Heroum soboles" gefeiert hat. als
auf den Bischof von Arras. In diesem zweiten Gesang bittet
Orlando Karl V .• seine Huldigung gnädig aufzunehmen; und
wenn er im ersten Gesang vielleicht zu deutlich auf des Kaisers
mäzenatische Freigebigkeit hingewiesen hatte. versichert er
nun. dass ihm sein Lob genüge. (.. Ornatusque tuis laudibus
autor (I) abit ").
Uebersehen wir die Texte des ersten Motettenwerkes. das
Lasso in Antwerpen herausgibt. bis hieher. so müssen wir
I) G. A.• IX, 259.
2) G. A., IX, 278.
3)
G. A .• XV. 378.
4) G. A., XI, 321.
5) G. A.• XI. S. XI. Bem. zu Nr. 320
DAS ANTWERPENER MOTETIENBUCH
16
gestehen: das ist eine andere Textwelt. als wir sie je bisher
in einem niederländischen Motettenwerke finden konnten. Fünf
Stücke - fast der dritte Teil - sind weltlicher Natur (vier
Widmungs~ und Huldigungsgesänge an grosse Zeitgenossen
und die Antwerpener Idylle I) - wenn wir die Absage an
das höfische Leben so nennen dürfen.) Jedoch auch die übri~
gen Texte zeigen eine ausgesprochen charakteristische Wahl
der Vorwürfe und lassen uns einen tiefen Blick in das Innere
Orlando's tun. Deutlich ist das Alte Testament bevorzugt.
Und hier packt den jungen Niederländer vor allem die per~
sönliche Sprache der Psalmen. Ihn erschüttert der heisse Auf~
schrei aus bedrängtem Herzen. Auffallend ist es. wieviele der
Texte die charakteristische Ich~Sprache führen. Auf den ganz
persönlichen Bekenntnistexten. der religiösen Selbstbesinnung.
den unruhig wühlenden Selbstanklagen und inneren Ausein~
andersetzungen ruht der Hauptakzent der Sammlung.
Wenn der Anruf Gottes. des Schöpfers aller Dinge. und
die dreimalige Bitte um Frieden das Werk beschliessen (.. Da
pacem Domine" bildet den Beschluss der Motette Nr. 16 2)
und den Beginn der bei den Nr. 17 3) und 18 4). so dürfen
wir darin die Absicht des Autors erblicken. all den Zweifel.
alle Unruhe und Zwiespältigkeit in den Ruf um Frieden
ausklingen zu lassen.
Wer mit Lasso näher vertraut ist. wird manchen Zug be~
deutungsvoll finden. an dem man sonst vorübergehen mag.
Aber unverkennbar für jeden sind wohl innere Einheit und
Aufbau dieses Werkes. Welch plastisches Bild stünde vor
uns. besässen wir es als geschlossenes Ganzes im Neudruck!
Statt dessen sind die einzelnen Motetten durch sieben Bände
der Gesamtausgabe verstreut. Seit Jahren schon stockt die
Weiterführung der Neuausgabe von Lasso's Werken. Wir
hoffen. dass die künftige Edition die Einheit der Lasso'schen
Veröffentlichungen unangetastet lässt! 5).
I) G. A .• XI. 301.
2) G. A., XJII, 348.
3) G. A., XIII, 350.
4) G. A., XJII, 349.
5) Vgl. Sandbergers Vorrede zum Bd. XXI der G. A.!
ORLANOO DI LASSO's
17
Die Themenbildung+
Die Haltung, die Lasso's Textwahl zeigt, prägt sich auch
in seinem musikalischen Stil aus. Wir gehen hier wie beim
Versuch der Charakterisierung der niederländischen I) Motette
von der Einzellinie aus.
Durchblättern wir das Motettenbuch, überfliegen wir die
einzelnen Stimmen, so fällt sehr bald auf, dass wir hier ver~
gebens nach echter melodischer Entwicklung suchen. Die Cha~
rakteristica der niederländischen Melodiebildung - das lang~
same Sichentfalten der Linie, die Bewegungssteigerung in
wogenden Melismen, das Verebben der Bewegung - sie
fehlen gänzlich. Statt dessen finden wir den eigen willigen
Zug einer gleichsam holzgeschnittenen Linienprägung. Wir
begegnen grossen Sprüngen nach oben - auch ohne nach~
trägliche Ausfüllung des übersprungenen Raumes durch abflies~
sende Linien - plötzlichem Fall der Melodie, wir finden
unerwartete Einsätze der Stimmen --- etwa synkopischen
Einsatz einer Semiminima --- und ebenso unerwartetes Abbrechen einer Linie.
Sehr eigenartig ist die metrische und rhythmische Fassung
der Themen. Eine der bezeichnendsten Erscheinungen ist die
Akzentverlagerung : Lasso liebt es, eine Folge gleichartiger
Schwerpunkte durch eine Reihe andersgelagerter Schwerpunkte
zu unterbrechen, den Takt durch starke Akzentgebung zu
betonen, um dann sogleich ebenso starke Akzente auf den
schwachen Taktteil zu legen. Würde man eine Stimme aus
dem polyphonen Verband herausnehmen und sie nach unserer
Gewöhnung notieren, so würde sich ein kompliziertes Gefüge
immer wechselnder metrischer Einheiten ergeben. Ebenso viel~
fältig wie das metrische ist das rhythmische Bild. Auch hier
ist der häufige und oft unvermittelte Wechsel auffallend:
Zwischen langsamer und schneller Bewegung, zwischen ab~
sichtlicher Verzögerung und unerwarteter Beschleunigung,
zwischen gleichmässig getragenen und betont markanten
Rhythmen. Neu in der Häufigkeit und Akzentuiertheit ihrer
I) Der Begriff .. niederländisch" wird in dieser Arbeit für die Generation
zwischen Josquin und Lasso gebraucht.
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
18
Anwendung sind die punktierten Rhythmen. die Lasso gerne
in ganzen Reihen bringt.
In dieser rhythmischen Mannigfaltigkeit lässt sich ein
einheitliches Bewegungsgesetz nicht finden. Das Prinzip. das
hier waltet. entschleiert sich erst. wenn man den Text be~
achtet. Nun wird alles klar: Die eigenwillige Melodieführung.
die merkwürdigen Sprünge. der metrische Wechsel. die rhyth...
mischen Eigenheiten - sie alle sind vom Text inspiriert.
Mit einer der vorigen Generation unbekannten Strenge wird
der Deklamationsrhythmus des gesprochenen Wortes gewahrt.
Betonte Silben bekommen eine lange Note. unbetonte eine
kurze. Die für Lasso so charakteristischen punktierten Rhyth.
men sind haupsächlich auf die akzentgerechte Aussprache der
drei~ und viersilbigen Wörter zurückzuführen (wie: culmine...
lubrico~saturet~positus~perfruar~otio~pertacitum I). Und doch
ist Lasso's Rhythmik nicht das Ergebnis trockener Befolgung
humanistischer Sprachregeln. sondern seine persönlichste
Schöpfung. Denn seine eigene Sache ist es. ob er die Akzente
auf den guten oder schlechten Taktteil bringt. ob er sie dehnt
oder kürzt. ob er etwa die Semibrevis punktiert oder die
Minima. ob er einen charakteristischen Rhythmus durch Wie~
derholung der Worte betont. ob er den Akzent heraushebt.
indem er ihn auf einen melodischen Höhepunkt legt. ob er
den Rhythmus festhält durch Folge gleich gelagerter Schwer~
punkte oder ob er ihn verschleiert durch Wechsel des Me~
trums.
Die Anwendung dieser verschiedenen Mittel wird wieder~
um vom Text bestimmt: nun nicht vom Wortrhythmus. son~
dern vom Wortgehalt. So beobachten wir. dass die plötzlichen
Hemmungen im Rhythmus. die absichtlichen Verzögerungen
zum Ausdruck einer seelischen Hemmung und Bedrücktheit
dienen. Wir finden sie auf die Worte: .. Weh mir! "2) .. was
soll ich Unglücklicher tun?" 3); "Trauer und Trübsal"4);
.. Habe ich gesündigt? was tue ich Dir?" 5); .. ich bin mir
I) Alle diese Beispiele in der .. Antwerpener Idylle" (G. A. XI. 301. 1 p.)
2) G. A .• IX. 251. T. 13~14.
3) G. A .. IX. 251. T.
33~38.
5) G. A .• VII. 236. T.
3~12.
4) G. A .. IX. 255. T. 7 ~ 10.
ORLANDO DI LASSO's
19
selbst zur Last worden" I); "Schwer kommt ihn der Tod an" 2).
Kräftiges Fortschreiten in gleichmässiger Bewegung mit Beto~
nung des guten Taktteils - eine Art rhythmischen Martellato's
_ finden wir auf die Worte: "Und mein Aufstehen" 3) ;
"ich aber besinge seine Stärke" 4); "furchtbar und stark" 5);
"von nun an und in Ewigkeit" 6); "Du wirst mich ins Leben
zurückrufen" 7). Auch die Linienführung wird vom Wortsinn
beeinflusst: Schwer sinkt die Oberstimme herab bei den
Worten: "Und bin mir selbst zur Last worden" I); "im Staube
werde ich schlafen" 8); "unbekannt und alt werde ich ster~
ben" 9). Grosse Intervalle nach oben finden wir auf die Worte:
"Ich habe meine Seele erhoben" 10); "Du wirst Deine Hand
über mich breiten" 11); kleine Intervalle - so die kleine
Sekunde zur Darstellung der Demut und Zerknirschung auf die Worte: "Habe ich gesündigt?" 12); "verachte mich
nicht!" 13); das Intervall der kleinen Terz auf die Worte:
. , " 15) .
h .,,, 14) ;" er barme D'IC h melDer.
" W emIr.
Indem Wortrhythmus. Wortsinn und Wortausdruck bestimmenden Einfluss auf die melodische Gestaltung gewinnen.
entsteht ein S p r ach stil eigenartigster Prägung. Was die
Melodik an schönem Fluss und eigengesetzlicher Bewegtheit
verliert, das gewinnt sie an sprechender Kraft. Man kann
hier nicht mehr von Melodik im eigentlichen Sinne reden.
Denn zwiefach sind die Gebilde. die sich aus dem neuen
Prinzip ergeben: entweder klar profilierte thematische Bildungen oder eine Art Sprechgesang - eine historische Vorwegnahme des Rezitativs der kommenden Oper. Denn in der
G.
G.
G.
G.
G.
G.
G.
G.
G.
10) G.
11) G.
12) G.
13) G.
14) G.
15) G.
I)
2)
3)
4)
5)
6)
7)
8)
9)
A ..
A ..
A.,
A.,
A.,
A.,
A ..
A.,
A ..
A.,
A .•
A .•
A.,
A.,
A .•
VII. 236. T. 32-36.
XI, 301, 2. p. T. 27-32.
IX, 259, T. 34-35.
IX. 278. T. 31-38.
XIII, 348, T. 27-30.
VII, 246, 2. p. T. 43-49.
IX. 255, T. 16-18.
VII. 236. T. 59-62.
XI. 301, 2. p. T. 21-26.
IX. 282. 1. p. T. 4 und T. 11.
IX. 255. T. 36-41.
VII. 236. T. 3-5.
XI. 31 J, T. 65-67.
IX, 251, T. 3-4.
IX. 251. T. 48-50.
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
20
Tat -- betrachten wir die Oberstimmen einer ganzen Reihe
von Motetten. so nehmen wir wahr. dass die oft so trocken
klingende melodische Linienführung nichts anderes ist als eine
Nachbildung des Sprechtones: Daher das häufige Rezitieren
auf einem Ton. das Festhalten an einer bestimmten Tonhöhe.
um die sich die Stimme nur wenig auf und ab bewegt. Diese
Tendenz steigert sich mit zunehmendem Ausdrucksgehalt des
Textes. Sehr klar lässt sich das verfolgen an den Motetten:
.. Herr. Du hast mich erprobt und erkannt" 1); .. Wehe mir.
Herr. wie habe ich gesündigt!" 2); .. Habe ich gesündigt? Was
tue ich Dir. 0 Wächter der Menschen?" 3). In steigendem
Masse sehen wir hier den Sprechton gewahrt. der in der
letzten Motette noch in der kleinsten melodischen Wendung
schwingt und der leisesten inneren Regung nachgeht. Aber
auch die prächtige repräsentative Huldigungsmotette für
Karl V. zeigt diesen Sprachstil in vollendeter Ausbildung:
In feierlichem Rhythmus wird der Text Wort für Wort rezi~
tiert. Die Oberstimme weist nicht das kleinste Melisma auf.
Und doch fehlt es dem neuen Melodiestil nicht an Melis~
men. Aber das Melisma hat grundsätzlich andere Funktion
und andere Gestalt als in der niederländischen Motette vor
Lasso. In dieser ist es wesentliches Grundelement. dem die
Melodik ihren ungehemmten Fluss verdankt. Bei Lasso wird
es sparsam verwendet und mit bestimmter Absicht. Das Me~
lisma hat Illustrations~ und Ausdruckscharakter. Diese andere
Funktion gibt ihm andere Gestalt. Das Melisma in der nie~
derländischen Motette hat etwas Verfliessendes. Bei Lasso
schafft die darstellerisch~zeichnerische Absicht schärfere Um~
risse. charakteristischere Bewegung. Es wird aus wogender
Vokalise zu plastischer Figur. So finden wir Melismen auf die
. " 5) ; .. Iac hen "6) ;.. Gesang "7) .
W orte: .. sc hau dern .. 4) ; .. welOen
Aus unserer Betrachtung wird deutlich: es tritt bei Lasso
G.
G.
G.
G.
G.
6) G.
7) G.
I)
2)
3)
4)
5)
A.,
A ..
A .•
A ..
A ..
IX, 259.
IX. 251.
VII. 236.
XV. 378. I. p. T. 4.
XV. 378, I. p. T. 49-50.
A., III. 153, T. 24-25.
A .. XI. 311. T. 36--37.
ORLANDO DI LASSO's
21
nicht ein neues melodisches Ideal an die Stelle des alten
es liegt hier ein völliger Wechsel der Gesinnung vor. Die
niederländische Generation vor Lasso gibt sich ganz an die
objektive künstlerische Formung hin. Der Meister tritt zurück
hinter dem Kunstwerk. Lasso hingegen gehört mit Leib und
Seele der neuen - durch die Renaissance eröffneten - Welt
an, für die der Mensch Mittelpunkt aller Dinge, das Kunst~
werk Selbstdarstellung des Künstlers ist. Diese neue An~
schauung sieht das eigentliche Symbol des Menschen im
Wort. Durch das Wort bringt der Mensch die Welt und
sich selbst zum Ausdruck. Und dies ist die tiefste Tendenz
der neuen Bewegung. die sich auf allen Gebieten durchsetzt:
Darstellung der Welt und Selbstdarstellung des Menschen.
Von dieser Bewegung wird Lasso ergriffen. besser - er er~
greift sie mit der ganzen Leidenschaft seiner Natur. Hier
sind die Wurzeln des neuen Sprach~ und Ausdrucksstils in
Lasso's Thematik und für uns ist die Frage zu beantworten:
Wie wirkt sich diese neue Haltung in der Klangauffassung und
in der Organisation der Motette als Ganzem aus?
Der neue Klangstil.
Vergleicht man den Klangeindruck einer Lassomotette mit
dem einer Motette von Gombert. so fühlt man erst mit ganzer
Deutlichkeit. wie tief die Kluft ist. die beide trennt. In Lasso's
Klangwelt herrscht ein anderes Schwergewicht. Man spürt:
ob die Klänge ruhen. schreiten oder fliessen - sie haben
Grund unter sich. indessen Gombert' s Klänge schwergewicht~
los schweben. Untersucht man woher dieser Unterschied
kommt. so stellt sich heraus: Lasso' s Klänge sind auf dem
Grundton aufgebaut. der Bass hat grundsätzlich harmonie~
tragende Funktion. Gombert's Bässe dagegen sind linear. sie
sind melodisch und kontrapunktisch gedacht. Seine Klang~
welt entsteht aus dem Geflecht ineinanderfliessender. melo~
diseher Wellenzüge. Bei Lasso hingegen werden die Stimmen
-- vor allem der Bass - von einem überherrschenden Klang~
willen geformt. Während das Ineinanderschwingen melodi~
scher Linien. das Vermeiden von Haltepunkten. die zahl~
22
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
reichen Durchgangstöne der verschiedenen Stimmen bei Gom~
bert jedem kompakten Klangbilde entgegenwirken, komponiert
Lasso das Stimmenganze so, dass ein möglichst voller, warmer,
geschlossener Klang zustande kommt. Hierunter leidet der
melodische Fluss. Untersucht man aber die immerhin grosse
Beweglichkeit der Stimmen, so erkennt man, dass sie mehr
rhythmischer als linearer Art ist. Das Prinzip durchgehender
Bewegung gibt Lasso nicht auf, sondern sucht es mit dem
neuen Klangwillen zu vereinen. Charakteristisch hierfür ist
das Bild polyrhythmisch bewegter Stimmen bei gleichbleiben~
der Klanggrundlage.
Tritt man von dem einheitlich~gedämpften Hell~Dunkel der
Gombert'schen Klangwelt in Lasso's Harmonienreich, so über~
rascht der Glanz und die Fülle der Farben. Woher kommt
die Leuchtkraft der Lasso'schen Harmonien?
Lasso befreit sich von der Herrschaft der Kirchentonart, die
bisher melodisch und harmonisch das sichere Zentrum war.
Er liebt den vollen Durklang mit der leuchtenden Terz in
der Oberstimme und schon der Wunsch, auf möglichst vielen
Stufen den Durklang aufzubauen. führt zur Durchbrechung
der alten Tonalität. Indem er sich nun der Leitkraft der
grossen Terz im Durklang hingibt. kommt er zu einem Phä~
nomen, das ein durchaus sicheres Kriterium für die Unter~
scheidung vom Gombertstile bildet: zur Modulation. Die
einfachste und häufigste Form des Modulierens bei Lasso
ist das Gleiten im Quintenzirkel: so drängt fis als Leitton
in D~dur nach G~dur. dieses wiederum nach C~dur. C~ nach
F~ und dieses nach B~dur 1). Oft wird auch ein Glied im
Zirkel übersprungen - entweder ausgelassen 2) oder nach~
träglich eingefügt 3).
Dieses modulatorische Durchgleiten des Klangraumes ist
eine völlige Neuheit gegenüber dem Stile der Gombert~Gene~
ration. Es zeigt am deutlichsten, wieweit die einzelnen Stim~
men und Melodielinien ihr Eigenleben den Forderungen eines
I) G. A .• V, 165: T. 7-9. G. A., VII, 246: T.43-45. G. A., XI. 321;
T. 60-62.
2) G. A .• XI. 301; T. 22-28. G. A .• XI. 311: T. 21-22 u. T. 33-38.
3) G. A .. V, 181; T. 13-17.
ORLANDO 01 LASSO's
23
neuen Klangwillens unterordnen. Es zeigt aber auch. dass die
Geistigkeit des Hörens, die die Voraussetzung war für die
Aufnahme der streng polyphonen Kunst eines Gombert. einer
neuen Sinnlichkeit der Auffassung Platz macht. Der neuen
Musik entspricht eine neue Art des Hörens. Wi"e Lasso selbst
den neuen Klangstil empfindet. darüber gibt uns der Zusam~
menhang mit dem Texte Aufschluss. In der Motette .. Mirabile
mysterium" I) wird das .. wunderbare Geheimnis" durch das
Hinuntergleiten im Quintenzirkel von D~ nach B~dur versinn~
bildicht. In der Fronleichnamsmotette .. Gustate et videte" 2)
dient eine ähnliche klang weiche Modulation zur Darstellung
der göttlichen Milde (.. suavis "). Durch eine Modulation von
G~ nach F~. B~ und bei der Wiederholung von A~ nach G~.
C~. F~. B~dur wird die .. süsse Ruhe" in der Antwerpener
Idylle 3) symbolisiert.
Es ist kein Zufall. dass immer wieder die Worte .. suavis " •
.. dulcis " ... mirabilis" auftreten. Als .. weich". .. süss". .. wun~
derbar" wird der volle vier~ oder fünfstimmige Klang und
das Ineinanderfliessen und ~gleiten der Dur~Harmonien em~
pfunden 4). Eine neue Klangsinnlichkeit. eine neue Farbigkeit
bricht hier auf und tritt anstelle des strengen Linienstils der
Gombert~Generation.
Indessen fehlt es in Lasso's Klangwelt keineswegs an dunklen
Tönen. Im Gegenteil: seine Moll~Harmonien. seine Vorhalte.
seine Dissonanzen und Fauxbourdonpartien geben der düste~
ren Farben genug. Er sucht aber in ihnen nicht nur den
Klangkontrast. Die innere Kraft. die diese ganze Klangwelt
hervortreibt. ist der Drang. der Musik eine neue Ausdruck~
I)
2)
3)
4)
G. A .• V. 165.
G. A.• V. 181.
G. A .• XI. 301.
Die motette .. Alma nemes" aus Lasso's .. 11 primo libro. dove si contengono Madrigali. Vilanesche. Canzon francesi e Motetti a quattro voci . • .
in Anversa per Tilman Susato 1555" (G. A .• III. 138) enthält wohl das
sprechendste Dokument dafür. wie Lasso den neuen Klangstil empfand. Den
Schluss der Motette bildet eine kühne. herrlich klingende Modulation von
0- in chromatischem Schritte zum terzverwandten Fis-dur. von hier im
Quintenzirkel abwärts über H-. E-. A-. D- nach G-dur. von G- nach Eund A-dur. um im Plagalschluss a-moll. E-dur zu enden. Diese Klangfolge
ist komponiert auf die programmatischen Worte: .. duke novumque melos" •
..eine neue und süsse Musik!"
24
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
gewalt zu erschliessen. Der Klang wird Träger des Ausdrucks.
wird Transparenz für die Fülle seelischer Bewegung. Je lei~
denschaftlicher der Text ist. desto gewaltiger wird die klang~
liche Ausdruckskraft. Man betrachte etwa den Beginn der
Motette .. Heu mihi Domine" 1)1 Der Text stammt aus dem
Totenofficium. Es ist die Vorstellung vom Jüngsten Gericht.
die Orlando zu innerst aufwühlt. der Verzweiflungsschrei der
gequälten Seele: .. Weh mir. 0 Herr! Zu viel hab' ich ge~
sündigt in meinem Leben! Was soll ich Unglücklicher tun?
Wohin soll ich flüchten. wenn nicht zu Dir. mein Gott?
Erbarme Dich meiner. wenn Du kommst am Jüngsten Tag!"
Das Aufeinanderfolgen der verschiedenen Stimmen ist hier
nicht mehr ruhiges Hineingleiten in den Strom polyphonen
Fliessens, sondern dramatische Steigerung. mächtiges Crescendo
der Stimmen, die - im Abstand von einem Takte einander
folgend -- von der Tiefe zur Höhe andringen -- dem ersten
Tenor folgen Alt und Sopran .....- vom Einzelton zur Folge
leidenschaftlicher Mollakkorde sich entfaltend (g~c~g~D~c~d) 2).
Man beachte dabei die rhythmische Steigerung von der Brevis
über die punktierte Semibrevis zu punktierten Minimen! Dem
drängenden Ruf .. Heu mihi Domine" folgt ein rhythmisch
ermattendes Zurücksinken auf die Worte .. quia peccavi nimis",
die bei zweimaliger Wiederholung klanglich immer schärfer .....erst fauxbourdonartig und in fallender Akkordsäule mit klin~
genden Oktavenparallelen 3). dann in schmerzlichen Vorhalt~
dissonanzen dargestellt werden. Während die vier Unter~
stimmen im Septimvorhalte zu A-dur auf d~moll kadenzieren.
setzt der Sopran von neuem mit dem Ruf .. Heu mihi" ein und
in geradezu naturalistischer Weise hört man das Anschwellen
und erschöpfte Zurücksinken des Klagerufs : der lang ausgehaltene Ton des Soprans (a') erzeugt .....- zusammen mit der
harmonischen Entwicklung (A~3-d~B) und der melismatischen Bewegung des zweiten Tenors .....- eine intensive SpanI) G. A .• IX. 251.
2) Kleine Buchstaben deuten Moll. grosse Dur an.
3) "Klingende Oktaven _ und Quintenparallelen" nennen wir die bekannte
Erscheinung. dass die Parallelen zwar auf dem Papier - durch Stimmkreuzung z. B. - vermieden. aber beim Singen doch als solche gehört
werden.
ORLANDO DI LASSO's
25
nung, die ihren Höhepunkt findet auf dem Zielton (b'), der
melodisch und harmonisch den vollen Akzent hat. Dann ver~
rinnt die Bewegung: die Oberstimme sinkt herab; während
Ansatz~ und Zielton spannend gedehnt sind, verhaucht der
letzte Ton gleichsam atemlos auf einer Minima; B~dur löst
sich auf nach g~ und c~moll. die zwei tiefen Stimmen treten
weg; es bleibt nur der schwache Klang der drei hohen Stim~
men (N. b. 1). Ein reales Decrescendo ist die Wirkung 1).
Mit erstaunlicher Folgerichtigkeit gebraucht Lasso den Vor~
halt als Ausdruck des Schmerzes, wobei er alle Stufen und
Schattierungen bis zur schärfsten Vorhaltdissonanz verwendet.
Will Lasso tiefe Trauer zum Ausdruck bringen, so verwendet
er gerne den doppelten Vorhalt - so auf den Ruf .. Heu mihi"
und auf die Worte .. quid faciam miser" (N. b. 2). Selbst
verpönte Klänge und Klangfolgen scheut Lasso nicht, wenn
sie nur dem Ausdruck geben, was er meint. So verwendet
er zur Darstellung der Sünde einmal den Tritonusklang (a, c',
es', T. 19), ein andermal klingende Quintenparallelen (C~B~
dur; T. 24/25) 2).
In der Motette .. Domine, non est exaltatum cor meum" 3)
werden am Schluss des zweiten Teils zwei gegensätzliche
Stimmungen, die des Verzichtes und die der Hoffnung zu cha~
rakteristischem Klangausdruck gebracht. Ueberwiegendes Moll,
Vorhalt~ und frei eintretende Sekunddissonanzen (N. b. 3)
kennzeichnen die Verzichtstimmung. Auf die Worte .. Speret
Israel in Domino" löst sich die Harmonik langsam los von
den Dissonanzen und Mollklängen 4) und geht immer ent~
schiedener zu hellen Dur~Klängen über.
1) Welche Epoche das Crescendo und Decrescendo erstmalig bewusst in
ausdruckshaftem Sinne verwandte, ist umstritten. Gegenüber der klingenden
Aussage der Musik können wir auf die papierene der Theorie verzichten.
Hier haben wir ein deutliches Beispiel vor uns. wie Orlando ein Crescendo
und Decrescendo einfach auskomponiert.
2) Solche Stellen zu interpretieren, als ob Lasso - in witziger Anwandlung - das Sündigen durch eine kontrapunktische .. Sünde" darstellen wollte,
ist ein absolutes Missverständnis. Lasso meint das, was aus der "kontrapunktischen Sünde" resultiert, den ganz realen Klang in seiner Hohlheit und
Schärfe (Tritonusklang) oder seiner lastenden Schwere (sinkende Akkordsäulen mit Parallelen).
3) G. A .. VII, 246.
4) Dass Verzicht und Hoffnung nicht in statischen Kontrasten versinnbildlicht werden, ist ein sehr feiner psychologischer Zug, wie man deren soviele
26
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
Selbst die Wahl von Kreuz- und Be-Tonarten wird noch
zur Klangsymbolik verwandt. Es ist kein Zufall. dass der
Verzicht im harmonischen Umkreis von c-g- und d-moll. die
Hoffnung aber. sich lösend von d~moll nach A-dur. im Kreis
van D~G~C-dur dargestellt wird. Derselbe Klang- und Aus~
druckskontrast findet sich am Ende des ersten Teils derselben
Motette. wo der Gegensatz zwischen Demut und Seelenerhebung (..... humiliter sentiebam -- ... exaltavi animam meam ")
durch den Wechsel von B~dur. g~moll. Es~dur. c~moll. B~dur.
d~moll und A~D~G~C~F-B~g-D~G~C~mit schliesslicher Kadenz
auf D~dur (mit der grossen Terz in der Oberstimme) ver~
sinnbildlicht wird. Symbolisch gemeint ist auch die melodische
Kurve. die sich auf .. humiliter sentiebam" in der Tiefenregion
des Soprans bewegt. auf .. sed exaltavi" jedoch in die Höhe
geht und dort bis auf die Schlusskadenz verweilt. In ähnlicher
Weise wird in der Motette .. Si ambulavero" 1) der Gegensatz:
.. Wenn ich durch Leid und Trübsal gegangen bin. wirst Du
mich erquicken. Herr" symbolisiert durch eine Harmoniefolge
mit dem Zentrum d-moll und eine andere mit dem Zentrum
C~dur. Meist vereinigt Lasso die harmonischen Ausdrucksmittel mit den melodischen und rhythmischen -- so wird in
der Motette .. Dominus seit" 2) die Eitelkeit menschlichen
Sinnens und Trachtens (.. quoniam vanae sunt") in dreistimmigem. melismatischem Moll-Satz. die Stärke Gottes (.. ego
vero cantabo fortitudinem suam ") in syllabischer Deklamation.
gleichmässiger rhythmischer Betonung und Dur~Klängen ver~
sinnbildlicht. wobei der dreistimmige Satz in vier- und fünfstimmigen übergeht.
Aber nicht nur einzelnen Episoden. auch ganzen Werken
verleiht Lasso einen .. bestimmten". der Stimmung entsprechenden Klangcharakter. Zwei Werke ragen aus dem Antwerpener Motettenbuch hervor durch ihren düster~leidenschaft~
lichen Mollklang und die ausdruckshaft~betonte Verwendung
von Vorhalten und Dissonanzen: die Motette aus dem Toten~
bei Lasso findet: er stellt die Hoffnung dynamisch dar als werdende Stimmung. als Sichloslösen der Seele von der Betrübnis.
I) G. A .• IX. 255.
2) G. A .• IX. 278.
ORLANDO DI LASSO's
27
officium ..Wehe mir. Herr" 1) und die Hiobmotette .. Habe
ich gesündigt 1" 2). In heiterem Glanze strahlt die Fronleich~
namsmotette .. Schmecket und sehet wie milde der Herr ist" 3).
die mit hellem Dur~Motiv beginnt (c d e c e g ...) und sich
fast durchgehend in Durharmonien und ~modulationen be~
wegt. Die beiden Huldigungsmotetten an Kaiser Karl V. 4)
und den englischen Kardinal Reginald Pole 5) sind gleichfalls
in Dur. Besonders die erste zeigt eine souveräne Beherrschung
der Mittel: die feierlich gedämpfte Klangpracht des sechs~
stimmigen Chores vermeidet alle überraschenden Wendungen.
hält sich im nächsten Umkreis der Grundtonart F~dur. ent~
faltet hier aber eine strenge Grossartigkeit. die sie würdig in
die alte Tradition niederländischer Staats~ und Repräsentations~
motetten treten lässt. Gegenstück zu dem heroischen Klangstil
dieser Motette ist der in modulierenden Farben schillernde
Widmungsgesang an Antonio Perenotto 6).
Wir sahen bereits, dass Lasso das gleitende Modulieren
im Quintenzirkel gerne zum Ausdruck weicher und süsser
Stimmungen verwendet. Seine Modulationskunst feiert ihren
Triumph in der das Werk eröffnenden Widmungsmotette. In
dem zweifellos selbstgedichteten Texte - nennt er in dem
Gedichte doch seinen eigenen Namen - besingt OrIando
die bezwingende Macht Apolls, von dessen Munde ewiger
Nektar fliesst, der den Menschen Glückseligkeit schenkt
durch den Dreiklang der bildenden Kunst. der Musik und
der rein geistigen Künste 7). Dieser echte Renaissance~
hymnus - gleich charakteristisch für den Verfasser wie für
den Mäzen - ist in ein Gewand herrlichster. ineinander~
wogender Klangfarben gekleidet. ~entrum der harmonischen
Bewegung ist h~moll 8). Von hier aus wird nicht nur e~a~ und
fis~molt sondern der ganze Kreis der Dur~Harmonien in den
I)
2)
3)
4)
5)
6)
7)
G.
G.
G.
G.
G.
G.
A .•
A .•
A .•
A ..
A .•
A .•
IX. 251.
VII. 236.
V, 181.
XI. 321.
111. 153.
XI. 311.
.. • • • eoneentu triplici qui homines das esse beatos. forma oeulos.
aures voee. animosque animo .....
8) Wir geben die Tonartbezeiehnungen in Chiavetteumsehrift.
28
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
Kreuztonarten berührt. : C"G"D"A"E-H"Fis"dur. Die Modula"
tionen vollziehen sich in grösster Natürlichkeit. Fis"dur ist als
Dominante von h"moll gegeben. Von hier aus sind H"E"A"dur
leicht zu erreichen. G"dur ist Leitklang von h"moU - als
solcher tritt es gleich in den ersten Takten auf - und ermög"
licht die Verbindung nach C"dur und a"moll. Die wirklichen
Klangverbindungen vollziehen sich auf die mannigfaltigste
Weise. In eine Modulation von h"moll nach H"dur ist die
Klangfolge : h"fis"a"e 6 5"h"D"a"e '\ 3 "h"Fis" 4 3 "H 1) gebettet.
Die Süsse des ewigen Nektars wird durch die folgende Modu"
lation versinnbildlicht: Fis~h~G"e~A~D~C~a 5 6"G 2). Auf die
Worte .. ne despice sustine lassum" findet sich die Klangfolge :
G~C~A~D~h~H~E~a~H 4 3 _ e 3). Besonders bedeutsam ist das
Zusammenwirken der Harmonik und der expressiven Melodie~
führung der Oberstimme. Man sehe etwa die Stelle .. forma
oculos. aures voce" (N. b. 4). wo Lasso bildende Kunst und
Musik einander gegenüberstellt: dort ruhende Gestalt. hier
schwingende Bewegung; dort plastische. abgerundete Klänge.
klar voneinander abgehoben (Fis~E~D"dur). hier ein zartes
Melisma. dessen Töne harmonisch fortwährend umgedeutet
werden: das d" der Oberstimme von 0- nach G~dur und
wieder zurück nach D-dur. das a' von 0- nach A~dur. dieses
geht über in a~moll und löst sich von e- nach h~moll auf; das
Ganze ist von süss~melancholischem Reize.
Der neue Klangstil macht begreiflich. dass die Macht. die
die Orpheuslegende im 16. Jahrhundert über die musikalischen
Gemüter gewann. keiner humanistischen Spielerei. sondern den
Tiefen des musikalischen Zeitgeistes entsprang. Es war mehr
als poetische Redensart. \Venn das Orpheusbild in Preis- und
Grabgedichten. in Vorreden und Dedikationen. Huldigungsund Widmungsgesängen 4) immer und immer wiederkehrte.
bis es seine ideale Verklärung in Monteverdi' s .. Orfeo" fand.
nachdem schon Peri und Caccini sich an diesem Stoff versucht
hatten. Die antike Legende von Orpheus war für den Renais1) T.38-42
2) T. 13-18
3) T. 71-76
4) Auch Lasso spielt in der Widmungsmotette auf die Orpheuslegende
an mit den Worten: .. et nutu eripere. quos ferus oreus habet".
ORLANDO DI LASSO's
29
sancemusiker der Spiegel. in dem er sich selbst wiedererkannte.
Denn das sind die beiden neuen Züge im Bilde des Renaissancemusikers : er singt wie Orpheus von seinem eigenen
Lieben und Leiden und wie jener bezaubert er Menschen und
Naturmächte 1). Mit der Süsse und Ausdruckskraft seiner
Musik die Hörenden unter seinen Bann zu zwingen. das ist
sein ganz bewusstes Ideal. Der Zauber und die Leuchtkraft
der Lasso' sehen Harmonien. die überraschend aufglänzenden
Klangverbindungen. die Bewusstheit des Klangdenkens, die aus
der Verbindung von Klang und Text spricht. legen hiervon
entschiedenes Zeugnis ab 2).
Die Umschichtung im polyphonen Denken.
Angesichts der Tatsache. dass Wort und Ausdruck im
Zentrum von Lasso's musikalischem Denken stehen. steigt die
Frage auf: Warum brach Lasso nicht mit den traditionellen
Mitteln musikalischer Gestaltung? Warum gab er nicht die
niederländische Polyphonie auf? Warum schuf er nicht den
monodischen Stil. wenn es ihm doch nur auf Ausdruck ankam? Lag das wirklich daran. dass die .. technische Entwicklung" noch nicht soweit gediehen. dass die .. Zeit dafür
noch nicht reif war"? Diese Anschauung steht doch wohl
hinter der mehrfach geäusserten Meinung: Lasso wäre eine Generation später geboren - ein berühmter Opernkomponist geworden.
1) Dass die Zeitgenossen von der magischen Wirkungsmöglichkeit der
Musik zutiefst überzeugt waren. zeigt jenes Ereignis in München bei der
Fronleichnamsprozession im Jahre 1580. wo man das Verschwinden eines
schlimmen Unwetters und das Hervorbrechen der Sonne aus den Wolken
der Lasso'schen Musik -- es wurde gerade seine Fronleichnamsmotette (aus
dem Antwerpener Motettenbuch) angestimmt - zuschrieb. Den Originalbericht hierüber veröffentlicht Sandberger im 1. Band seiner .. Beiträge" S.112.
2) Kurz vor seinem Tode komponiert Lasso einen Hymnus auf die Musik.
der im Laufe des 16. Jahrhunderts immer wieder Musiker zur Vertonung
gestimmt hat. Er spricht die Gesinnung des Renaissancemusikers wohl am
deutlichsten aus. Der Hymnus lautet:
Musik -- der gütigen Gottheit Geschenk
bezwinget Menschen und Götter
sänftigt den Grimmigen
tröstet den Trauernden
bezaubert selbst Bäume und wilde Tiere.
Musik ist das Schönste für Gott und für Menschen.
30
DAS ANTWEPENER MOTETTEN BUCH
Beide Begründungen sind unbefriedigend. Die Monodie ist
in technischer Beziehung eher ein Zurück als ein Vorwärts,
insofern sie einen radikalen Abbau der technischen Mittel
bedeutet. Andererseits hat Lasso schon in so früher Zeit
Werke in homophon-deklamierendem Stile geschrieben, dass
nicht einzusehen ist, warum er in konsequenter Verfolgung
dieser Linie nicht hätte zum monodischen Stile kommen können, wenn wirklich seine Intention hierauf ging. Sind diese
Werke nur Randerscheinungen? Zeigt das Schaffen Lasso' s
also, dass er sich von dem niederländischen Traditionserbe
nicht losreissen konnte? Konnte Lasso nicht? Oder wollte
er nicht? Wenn er nicht wollte, was hielt ihn?
Um in diesen Problemkreis tiefer einzudringen, wenden wir
uns zwei Werken zu, die innerhalb der ersten Motettenpublikation Lasso's zentrale Bedeutung haben und zwei Pole
Lasso'scher Gestaltungsweise darstellen. Das erste Werk. dem
unsere Betrachtung gelten soll. ist die Huldigung an Kaiser
Karl V. 1) Der Text lautet: .. Spross der Heroen. Liebe
unseres Erdkreises. Carolus. bist Du allein, der Du in schwerer Zeit die Schüler der Musen ehrest und mit freigebiger
Hand beschenkest. Deshalb feiert Dich die göttliche Musik
gerne und hebet freudig Deinen Ruhm und Deine Verdienste
zu den Gestirnen. Lebe lang. Du beste und grösste Hoffnung
oesterreichischen Volkes!" 2) Dieses Werk ist ein Gesang
1) G. A. XI. 321.
2) Von wem stammt der Text? Wir sind - wie bei der Widmungsmotette an Antonio Perenotto - der Meinung. dass auch die beiden Huldigungsgedichte an Karl V. (G. A. XI, 320 und 321) von Lasso selbst
verfasst sind. Nicht nur, weil seine universelle Sprachbegabung - u. a.
durch seine Briefe - schon längst dokumentiert ist; nicht nur, weil er auch
in späteren Jahren nachweislich Huldigungsgedichte selbst verfasst hat (vgl.
Sandberger, Gesammelte Aufsätze zur Musikgeschichte, München 1921
S. 96 ff.), sondern in erster Linie wegen des persönlichen Tones, der alle
Lasso'schen Huldigungsgesänge vor den üblichen zeitgenössischen Widmungen auszeichnet. Man vergleiche etwa das folgende Gedicht an Kar! V.,
das Clemens und Crecquillon komponiert haben:
.. Quis te victorem dicat qui vinceris ipse
Invictus victo Caesar ab hoste tuo .... :.
(Vollständiger Text bei Bernet-Kempers: .. Die Motetten des Clemens
non Papa", Augsburg 1928, S. 34.)
Schon diese ersten Zeilen zeigen die Herkunft aus der routinierten Humanistenfeder, der sowohl die Eleganz des Distichons als die übliche geistreiche Spielerei mit dem Wort - hier mit dem Begriff des Siegers - zu Gebote
steht. Ueber beides verfügt freilich auch Lasso (vgl. G. A. XI, 320), aber ein
ORLANDO DI LASSO's
31
auf den Helden. Was es so ganz aus dem Rahmen der
übrigen heraushebt. ist seine absolute Gehaltenheit: nichts
Überschwängliches. Überströmendes - repräsentativ grosse
Darstellung einer heroischen Gestalt. ebenso beherrscht wie
gewaltig.
Wie prägt sich dies in der Musik aus? Es wurde schon
darauf hingewiesen. dass die Melodik in allen Stimmen von
knappster Gestaltung ist I). Bis auf den Schluss entbehrt die
Oberstimme aller Melismen 2). .. Melodik" ist ein irreführender
Ausdruck für diese Stimmführung.
Es ist feierlich gehobene strengste Deklamation. Die Haupt~
wirkung beruht auf einer Rhythmik. die von packender
Gewalt ist. Langsam und in starker Betonung der gleich~
gelagerten Schwerpunkte hebt der Gesang an. schafft neuen
Akzent durch kurzes synkopisches Verlagern des Schwer~
punktes. um ihn mit erneuter Kraft in ganztaktiger Betonung
wieder einzusetzen (N. b. 5).
In der weiteren Entwicklung erfährt die Rhythmik eine
gross angelegte Steigerung. Von den langen Notenwerten
des Beginns geht es zur Bewegung von Minimen und Semiminimen. Immer wieder gebraucht Lasso das Mittel. erst
einen bestimmten Rhythmus in gehämmerten Akzenten auf~
zustellen. um dann durch synkopische Verschiebung wider
grundlegender Unterschied bleibt: in den zeitgenössischen Produkten gehört
es zum guten Stile. dass der Sprechende in untertänigster Bewunderung ersterbe. dass er als Eigenperson zu existieren aufhöre. Lasso hingegen tritt
den Grossen der Welt als Mann entgegen. der sich seines Wertes bewusst
ist. Er wagt es. im Huldigungsgedicht vom Künstler und von sich selbst
zu sprechen. er wagt zu bemerken: wenn ihn. den Kaiser. die göttliche
Musik feiere und ehre. so geschehe das deshalb. weil er Kunst und Künstler fördere. Karls V. gewaltige politische Taten - die im Mittelpunkte
aller zeitgenössischen Huldigungen stehen - streift er kaum. Auch in dem
Gedicht (G. A. XI. 320). das in der Originalausgabe auf das vorliegende
folgt. spricht Lasso ausschliesslich von der Kunst und ihren Jüngern. Er
deutet auf die .. nova carmina" der Sänger hin. er nennt ihre Werke .. monimenta ingenii sui" - Kunstwerk als schöpferische Tat. echte Renaissanceauffassung _ er spricht wiederum den Kaiser persönlich an und bittet ihn.
seine Huldigung freundlich zu empfangen und mit heiterer Stirne zu lesen
und endet mit weltmännischer Verbeugung: schönster Lohn des Künstlers
sei das Lob aus dem Munde eines guten Fürsten.
I) Vgl. S. 20.
2) Dies wird man in einer Motette der Gombertgeneration niemals finden
können.
32
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
diesen Rhythmus anzulaufen und ihn in ein neues Mass zu
zwingen. Man vergleiche die Stelle" afHicto Musarum tempore
alumnos" und "propterea celebrat te Musica diva libenter".
die den Höhepunkt der Bewegung bringt. Zum Beschluss
kehrt die feierliche Gemessenheit des Anfangs wieder zurück.
Diese rhythmische Deklamation - gesteigert durch Gleich~
schritt oder Gegentakt und Komplementärbewegung anderer
Stimmen - erscheint im grossen Klange des sechsstimmigen
Chores. Knapp und zusammengehalten wie die Stimmführung
ist auch die Harmonik: die strenge Prächtigkeit des sechs~
stimmigen Chorklanges - wir haben bereits darauf hinge~
wiesen - hält sich ausschliesslich im nächsten Bereich von
F~dur. schöpft aber hier alle Möglichkeiten so aus. dass das
Ohr selbst im engen Raume stets gefesselt bleibt. Nur am
Schlusse erscheint eine Modulation. die jedoch nicht an die
Tonalität rührt. sondern die Tonika (F) durch eine Folge
von dominantischen Leitklängen zwingender gestaltet, um sie
im Plagalschlusse (B~F) endgültig zu festigen.
Wendet man den Blick dem Aufbau der Stimmen. der
Struktur der Motette zu. so verdichtet sich der Eindruck. in
welch entscheidender Weise hier schon die Grundsätze der
monodischen Kunst verwirklicht sind: keinerlei konstruktive
Bindung - Imitationen spielen überhaupt keine Rolle mehr das Ganze ist eine klanglich~rhythmische Konzeption. Lasso
bricht hier in der Tat mit dem polyphonen Stil. Die Poly~
rhythmik aber ist nicht etwa letzter Rest eines überwundenen
Stiles. sondern bewusst angewandtes Darstellungsmittel. Der
Höhepunkt des Textes (" ad sidera tollere") ist der Höhepunkt
der Bewegung. Indem der punktierte Rhythmus in allen Stim~
men nacheinander ergriffen wird. entwickelt der Gesamtrhythmus eine durchgehende Viertelbewegung. die nach zwei
Takten wieder verebbt und beim Glückwunsch für langes
Leben allmählich wieder in ausgehaltene Harmonien übergeht.
Aber auch die Polyrhythmik ist zurückgedrängt. Ein Drittel
des Werkes wird in homophonen Akkordsäulen deklamiert.
Feierliche Rezitation - gesteigert durch den Klang - ist die
beherrschende Idee des Ganzen. Dass dem jugendlichen Meister ein Werk solch höchster Beherrschtheit. Knappheit und
ORLANDO DI LASSO's
33
Präzision der Gestaltung gelingt. das zeigt. dass hier einem
ungewöhnlichen Temperament eine hohe geistige Kraft bändigend gegenübersteht.
Wie mit dem Wechsel des Gegenstandes auch die Darstellung ein anderes Gesicht bekommt. das erfahren wir noch
einmal von Grund auf. wenn wir uns - herkommend von der
feierlichen Pracht der Huldigungsmotette - in die düstere zu
innerst aufgewühlte Klangwelt der Hiobmotette I) versenken.
Der Text lautet: .. Habe ich gesündigt ? Was tue ich Dir.
o Wächter der Menschen? Warum hast Du mich hingestellt
Dir zum Anstoss. so dass ich mir selbst zur Last wurde?
Warum hebest Du nicht weg meine Sünde und tilgest nicht
meine Schuld? Siehe. nun werde ich im Staube schlafen und
wenn Du mich in der Frühe suchen wirst - ich werde nicht
mehr sein."
Von unerhörter Ausdruckskraft ist der Beginn (N. b. 6) wieder haben wir ein auskomponiertes Crescendo und Decrescendo vor uns: der Alt setzt ein. langsam und schwer folgen
die beiden Tenöre; die dunkle Farbe der Alt- und Tenorstimmen. der monotone Klang synkopisch auseinandergezogener Quinten versinnlichen die schwermütige Stimmung. Der
Sopran tritt hinzu. rhythmische wie harmonische Führung
legen den ganzen Akzent auf die kleine Sekunde. wieder sind
Ansatz- und Zielton spannend gedehnt und wieder erfolgt die
Auflösung auf dem schwachen TaktteiI. sofort aushauchend
und gleichsam den Atem verlierend. Fast schauerlich wirkt
die Harmoniefolge : die zwei entgegengesetztesten Klänge im
harmonischen Raum (fis-moll. C-dur 2) stossen hart aufeinander.
Nachträglich gibt sich C-dur als Vorhalt zu e-moll zu erkennen. e-moll dagegen sogleich wieder als Vorhalt zu h-moll 3).
Der Wortwiederholung ( .. peccavi ". .. quid faciam tibi") entI) G. A. VII. 236.
2) Die Tonartbezeichnungen sind in Chiavetteumschrift wiedergegeben.
3) Proske meint angesichts dieser Stelle. der kühne Querstand sei ein
.. Wortwitz" auf .. peccavi" (vgl. G. A. VII. S. XI. Anm. zu 236).
Wir wollen nur darauf hinweisen. dass in der 12 Jahre später erschienenen Motette .. 0 mors quam amara es" (G. A. XV. 387) die Bitterkeit des
Todes in anders gelagerten Akkorden. jedoch genau derselben Harmoniefolge
fis-moll. C-dur. e-moll) dargestellt wird. Im übrigen erinnern wir an das
oben Gesagte (vgl. Anm. 2 S. 25).
34
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
spricht musikalisch eine Steigerung. Lasso verfolgt nicht die
Worte. sondern was hinter den Worten an seelischer Erregung und Dynamik steht. Wenn Hiob zweimal dieselbe Frage
ausspricht. so sind die Worte dieselben. aber schon Tonfall
und Mimik sind andere. weil die Erregung sich steigert.
Darum lehnt Lasso das niederländische Gesetz. dass der Wortwiederholung musikalische Wiederholung zu entsprechen habe.
ab. Anstatt zu wiederholen. steigert er: durch Beschleunigung
der Bewegung. ansteigende Oberstimme und spannungschaf~
fende Harmonik (vgl. die dominantisch-Ieitkräftige Folge:
Fis.E~A~D~h~G-e~Fis~q~: T. 14~18).
Man muss die Oberstimme einmal für sich durchlesen. um
zu spüren. welche Gewalt in ihr lebendig ist. trotz ihrer
Monotonie. trotz ihrer - am niederländischen Melodieideal
gemessen -- reizlosen Trockenheit 1). Man muss den Text im
Rhythmus und im Tonfall dieser Stimme sprechen. um inne
zu werden. wie der Ton der erst bedrückten. dann aufflammenden und wieder verlöschenden Rede getroffen ist. Neben
der Linienführung schafft wiederum die Rhythmik die grosse
Wirkung: Dem schwerflüssigen Beginn folgt der scharfe
Ansatz des zweiten .. peccavi". Das gedehnte Rezitieren auf
.. quid faciam tibi?" zeigt das dumpfe Vorsichhinbrüten des
Verzweifelten. die Wiederholung in beschleunigter und dann
nachlassender Bewegung zeigt die erwachende und wiederermattende Erregung. Überhört man aber die Gesamtrhythmik.
so zeigt sich. dass die Bewegung der anderen Stimmen gleichfalls nur dem Ausdruck der seelischen Bewegung und der
Unterstützung der Oberstimme dient. Es ist bezeichnend. wie
jeweils bei der steigernden Wiederholung (von .. peccavi" und
.. quid faciam tibi ") die Mittelstimmen in melismatische Bewegung geraten.
Verfolgen wir die Oberstimme weiter! Zweimal wird die
Frage wiederholt: .. Quare me posuisti contrarium ti bi 1" und
jedes Mal steigt die Stimme -- entsprechend dem Frageton -einen Ton höher. Auch hier ist im dreimaligen Fragen musiI) Unwillkürlich wird man an die .. sechezza" der ersten monodischen
Versuche gemahnt.
ORLANDO DI LASSO's
35
kalisch keine Wiederholung. sondern der leidenschaftliche Anstieg und das Zurücksinken der inneren Bewegung gegeben.
Und nun folgt ein Höhepunkt der Ausdrucksgestaltung : auf
die Worte .. und bin mir selbst zur Last worden" steigt die
Oberstimme in grossen schweren Schritten nach oben und
sinkt in langsamer Bewegung zurück. auf dem Vorhalt zum
letzten Tone schmerzlich gehemmt. Die grosse Wirkung dieser
Stelle beruht jedoch auf dem Gesamtklang. Der Aufstieg
erfolgt im Wechsel zwischen D-dur. fis-moll und D-dur; dies
wird einen Takt lang festgehalten ; auf dem Höhepunkte wird
das d" der Oberstimme von 0- nach G-dur umgedeutet und
sinkt nun in ganzen Akkordsäulen schwer in die Tiefe. Wie
üblich werden Oktaven und Quinten verschleiert. Ein ausdrucksvolles Melisma im ersten Tenor gibt der Klangfolge
weicheren Fluss. kann aber doch nicht verhüllen. dass ursprünglich die reine Dreiklangsfolge - e-moll. D-dur. C-dur.
h-moll - konzipiert ist. Die Stelle ist wunderbar in ihrer
klanglich harmonischen Wirkung. Den Zug in die Tiefe. der
in der Oberstimme durch den Vorhalt gehemmt wird. setzt
der Tenor und - ihn ablösend - der Bass fort (N. b. 7).
Die folgende Frage .. Cur non tollis?" .. Warum nimmst
Du nicht von mir meine Sünde 1" stellt in der gesteigerten
Eigenbewegung aller Stimmen. in der erregten Wiederholung
der Frage durch ein kurzes Mollterzmotiv der Oberstimme.
das einmal transponiert. einmal wiederholt. aber rhythmisch
verändert wird. das Drängen und Hadern des Leidgetroffenen
in entfesseltster Bewegung dar. Dann verströmt die Erregung
in den Melismen der Mittelstimmen und eine deutliche Erschöpfung tritt ein. Das Nachlassen der Spannung dokumentiert sich schon in der Oberstimme. Hier ist die einzige Stelle
in der ganzen Motette. wo sich die leidenschaftlich rezitativische Deklamation in frei ausschwingende ausdrucksvolle
Melismen löst. Wieder wird der Frageton im Ansteigen der
Stimme zum Schlusse hin nachgebildet (N. b. 8). Und nun
höre man, wie Lasso ein Ritardando und eine Fermate auskomponiert: die Oberstimme schweigt; die tiefen Stimmen
gehen von der Bewegung in Minimen zu Semibreven und
schliesslich zu Breven über und bleiben auf dem dominan-
36
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
tischen Halbschluss stehen. Dieser einzige Ruhepunkt in der
ganzen Motette hat keinerlei architektonischen Sinn. Er ver~
sinnbildlicht nur den Punkt. an dem der seelische Prozess
angelangt ist. Bisher drängte eine Frage die andere: Was soll
ich tun? Warum bürdest Du mir Untragbares auf? Warum
hilfst Du mir nicht? -- Jetzt hört das Fragen auf und Hiob
sagt: .. Siehe. nun werde ich im Staube schlafen." Mit ruhigen
Akkorden wird das .. Siehe" eingeleitet. noch anschliessend
an die ausgehaltene Harmonie der letzten Episode. Das .. im
Staube" wird dargestellt durch ein abfallendes Quartmotiv
und das Schlafen durch ein allmähliches Hinuntersinken und
Langsamerwerden der Stimmen.
Ganz merkwürdig ist aber der Schluss. auch er -- im eigent~
lichsten Sinne -- unerhört. Wohl niemand vor Lasso dürfte es
gewagt haben. statt -- in der durch lange Generationen geübten
Weise -- von der Dominante zur Tonika. von der Molltonika
ohne Vermittlung zur gleichnamigen Durtonika zu wechseln.
in lang ausgehaltenen Harmonien 6s~moll nach Fis~dur aufzu~
lösen. Lasso wollte keinen Klangeffekt erzielen mit diesem
Schluss. Er wollte den Text darstellen und dieser lautet:
.. Siehe. nun werde ich im Staube schlafen. Und wenn Du
mich in der Frühe suchen wirst. ich werde nicht mehr sein."
Das Nichtmehrsein. das plötzliche Entrücktwerden ist es. das
Lasso in diesen Harmonien zu visionärem Ausdruck bringen
will (N. b. 9).
Wie harmonisch die übliche Kadenz. so fehlt melodisch die
traditionelle Klausel. Wenn wir noch einmal die Oberstimme
überfliegen. so können wir feststellen. dass der Sopran wäh~
rend seines ganzen Verlaufes nicht eine einzige der Schluss~
floskeln bringt. die für den melodischen Verlauf einer Stimme
bei den Niederländern so bezeichnend sind. Denn diese .. clau~
sulae" sind es eben. die allen Melodielinien ein so gleiches
Gesicht geben. die vor allem ein konsequentes Verfolgen des
Redetones unmöglich machen. So ergänzt sich das Positive -Nachbildung des Tonfalles -- negativ durch das Fehlen von
Klauseln. Bei aller Eigenbewegung der übrigen Stimmen ist
es doch die Oberstimme. deren beherrschende Stellung durch
ihren vorzüglichen Sprechcharakter unbestreitbar ist; alle Be~
ORLANDO DI LASSO's
37
wegung - melodisch. rhythmisch. harmonisch - ist letztlich
ihr dienstbar.
Besonders intensiv spiegelt die Harmonik den seelischen
Prozess wieder. der sich in der Motette abspielt. Der klagende Ausruf des Anfangs ist gekennzeichnet durch das Aufeinanderprallen entgegengesetzter Harmonien und schmerzlicher Vorhaltswirkungen. Schon in der Motette .. Heu mihi
Domine" fanden wir bewusst ausdruckshaft verwandte Vorhalte. Hier jedoch sind die Vorhalte womöglich noch häufiger. noch intensiver gebraucht. Ihre ungemein starke Ausdruckskraft beruht auf ihrer Verbindung mit Molleittonklängen (N. b. 6). wodurch eine doppelte Vorhaltswirkung. d. h.
ein weiteres Hinausschieben der Auflösung. ein Verstärken
der schmerzlichen Spannung erreicht wird. Charakteristisch
ist der Wandel der Harmonik im Verlauf des Stückes. Die
allmähliche Ermattung wirkt sich harmonisch so aus. dass
sowohl die schmerzlichen Vorhaltsbetonungen wie das unruhvolle Modulieren nachlassen. Im Schlussteil bewegt sich die
Harmonik in ruhigen Klangfolgen um das Zentrum h-moll.
Wir sind dem Werke in seinem ganzen Verlauf. in allen
Einzelzügen nachgegangen. Wesentlich ist aber. wie diese
Einzelzüge ineinandergreifen. um eine Ge sam t s tim m u n g
von intensivster Eindringlichkeit zu schaffen: In der rezitativisch ausdruckshaften Sopranführung. in der dichten klangschweren Akkordik. im Vorherrschen von Moll. in den melodischen und harmonischen Vorhalten. im schweren Flusse des
Ganzen. immer wieder in Bewegung gebracht durch die
dramatisch polyphone Führung der Stimmen, in den auskomponierten Accelerandi und Ritardandi, den Crescendi und
Decrescendi. in alle dem prägt sich die Stimmung aus, die
uns beim Lesen des Buches Hiob immer wieder erschüttert
und ergreift.
An diesem Werke ist nichts, das nicht völlig in die Einheit
des Ganzen eingeschmolzen wäre, nichts, das man als einen
traditionellen Rest bezeichnen könnte, der noch fremd und
unassimiliert im Ganzen stünde. Und wenn wir uns noch einmal auf die eingangs gestellte Frage besinnen: Warum greift
Lasso nicht zum Ausdrucksmittel des monodischen Stiles? so
38
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
muss auch hier fürs erste darauf hingewiesen werden. wie
stark der monodische Stil vorgebildet ist: im einwandfreien
Dominieren der Oberstimme. in ihrem rezitativischen -- der
Rede nachgebildeten -- Tonfall. in der Bassführung. die nicht
mehr selbständig ist wie bei den Niederländern. sondern in
erster Linie der harmonischen Fundamentierung dient und
schliesslich in der Ausdrucksbedeutung der Harmonik. Greifen
wir zu den programmatischen Äusserungen der Monodie~
bewegung am Ende des Jahrhunderts. hören wir Monteverdis:
.. L' orazione sia padrona delI' armonia e non serva ". vernehmen
wir. wie emphatisch Agazzari I) berichtet: "Man habe neulich
die rechte Art gefunden. die Wörter zu exprimieren. indem man
fast soviel als möglich ebenso singet. als wenn man sonsten
mit einem redete". so wird zumindest klar. dass die Leitidee
des musikalischen Schaffens bei Lasso schon 50 Jahre zuvor
dieselbe ist. Wie sehr sich dieses Schaffen selbst jedoch ge~
wandelt hat. erhellt aus jedem Beispiele monodischer Musik.
Vergleicht man etwa die .. Nuove Musiche" des Giulio Cac~
cini von 1602 oder Stücke aus der" Euridice" desselben Kom~
po nisten (N. b. 10) 2). so wird ohne weitere Erklärung sowohl
die Ähnlichkeit der Intention als auch der gewaltige Unter~
schied in der Ausführung deutlich und weist uns den Weg
zur Beantwortung der Frage. Es ist evident. dass Lasso die
Ausdrucksmittel solch einer Monodie niemals genügt hätten.
Er brauchte die ganze Vielfalt klanglicher. rhythmischer. poly~
rhythmischer. agogischer und dynamischer Nuancierung. die
ihm der polyphone Stil in seiner Umschmelzung zur Verfügung
stellen konnte - in seiner Umschmelzung: denn alles. was
die Generationen der Niederländer in mühevoller Arbeit an
polyphoner Technik zuwege gebracht hatten. sehen wir hier
umgedeutet und zu einem Ausdrucksmittel verwandelt. das in
der Mannigfaltigkeit seiner Möglichkeiten schier unerschöpflich
ist. Diesen Reichtum musikalischer Ausdrucksmittel brauchte
Lasso. um die vielfältige. wunderlich verschlungene. reiche und
gegensätzliche Welt seines Innern zur Darstellung zu bringen.
1) Ha a s. R. .. Musik des Barock" 1928. S. 1. u. 17. Hbd. d. Musikwiss.
hrg. v. E. Bücken. Athenaionverlag.
2) Beispiele ebenda S. 28 ff. und S. 36.
ORLANDO DI LASSO's
39
In der Tat ist der polyphone Stil. wie ihn Lasso ausprägt.
vielleicht seine eigenste und persönlichste Schöpfung. Seine
Polyphonie ist von einer Dichte. einer Konzentration und
Vielfältigkeit. wie wir sie bei keinem Zeitgenossen. keinem
Vorgänger noch Nachfolger finden. Sie ist von geradezu dra~
matischer Unruhe und Bewegtheit und folgt in Grad und Art
der Bewegung stets dem Ausdruckswillen des Ganzen.
Die Strenge der niederländischen Imitationsreihen wird auf
die mannigfaltigste Weise gemildert; sie löst sich gerne in
blosse Umrissimitation auf. häufig auch in ein rein rhythmisches
Imitieren -- beruhend auf der Gleichheit des Deklamations~
rhythmus -- die Imitationsfolgen werden im Laufe eines
Werkes immer freier und lockerer. oft gehen sie im bIossen
Klanggeschehen unter.
Ein besonderes Wort erfordert die Rhythmik. Denn sie
prägt in hervorragendem Masse die eigentümliche Physio~
gnomie der Lasso'schen Polyphonie. Sie ist sehr individuell und
akzentuiert und ergibt eine Vielfalt und ein Widerstreiten
rhythmischer Bewegungen und Akzente. ein charakteristisches
Wogen. eine ausgeprägte Polyrhythmik. der gegenüber der
Stil der niederländischen Vorgänger eine geradezu einfache
rhythmische und metrische Struktur aufweist. Wie kommt die
Rhythmik zu ihrer bedeutsamen Stellung in Lasso's Musik?
Im Gegensatze zu Josquin's klassischer Formenarchitektur
erhob die Gombertgeneration die durchgehende Bewegung
zum Gestaltungsprinzip. Die Freude an der endlos strömen~
den Bewegung scheint Lasso von der Gombertgeneration zu
übernehmen. Indess wirken drei Faktoren dem Bewegungs~
prinzip in seiner Musik entgegen:
1) die neue deklamatorisch verfestigte Thematik.
2) der neue - gleichfalls bewegungshemmende -- KlangstiI.
3) das Aufgeben der strengen Polyphonie.
Diesen drei bewegungshemmenden Momenten tritt die
Rhythmik entgegen. Sie übernimmt die Aufgabe des Aus~
gleichs. Deutlich ist der Schwerpunkt von melodischer auf
rhythmische Selbständigkeit der Stimmen gelegt. Ungleichzeitiger Einsatz oder rhythmische Wiederholung von Akkord~
tönen arbeitet wider die statische Wirkung des Klanges und
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
40
die Polyphonie wird weithin durch Polyrhythmik abgelöst.
Eine direkte Quelle der neuen Rhythmik haben wir im Rhythmus der Sprache und im Rhythmus der jeweils dargestellten
inneren Bewegung gefunden. Diese zweifache Funktion der
Rhythmik - als Kraft und Gegenkraft - weist ihr in Lasso's
Musik einen so bedeutsamen Platz an.
Es ist die Besonderheit der Lasso' sehen Polyphonie. dass
sie vom Klang her konzipiert ist und doch einen unendlichen
Reichtum mannigfacher Bewegung entfaltet. dass sie die einzelne Stimme der Harmonik unterordnet und ihr dennoch
ein Eigenprofil zu geben vermag. Man kann angesichts dieser
Struktur von klangbestimmter Polyphonie oder von polyphon
und polyrhythmisch bewegter Harmonik sprechen auf
jeden Fall ist dieser polyphone Stil eines der merkwürdigsten
Phänomene der Musik der Renaissance: Fasst man ihn zeitgeschichtlich. so ist er Symbol der Verschmelzung italienischer Klangsinnlichkeit mit niederländischer Polyphonie.
südlicher Farbenfreude mit nordischem Bewegungsdrange.
Betrachtet man ihn von rückwärts. so erkennt man, in welch
entscheidender Weise hier der Wechse! europäischer Führerschaft in der Musik - von niederländischer Polyphonie zu
italienischer Monodie - vorbereitet ist. Fasst man ihn personalistisch, so scheint er ursprünglichster Reflex einer Natur,
in der die ganze Fülle sowie die ganze Unruhe des Jahrhunderts lebt, dem sie entsprossen ist.
Das Problem der Form.
Wir haben die Untersuchung bis hieher geführt, ohne auf
die von Orel gestellte Frage J) einzugehen. ob es sich bei den
Motetten Lasso's um völlig freie Kompositionen handle oder
ob er seine Motive dem liturgischen Gesange entlehne. ob
seinen Kompositionen ein cantus firmus oder sonst ein technisches Gerüst zugrunde liege. Dieses Problem löst sich am
gegenwärtigen Punkte unserer Betrachtung von selbst. Eine
Musik, die - wie die eben gehörte - sich bis zum letzten
Tone nur dem Texte und der Ausschöpfung der Textstimmung
I)
Handb. d. Musikgesch. hrsg. von Guido Adler, 2. Auf!. 1930. Bd. 2
S. 335.
ORLANDO DI LASSO's
41
hingibt, die jeder seelischen Regung bis ins Letzte nachgeht
und selbst noch die dynamische Kurve ihres Verlaufes wieder~
spiegelt, solch eine Musik muss alle konstruktiven Fesseln
abgestreift haben. Und so ist es auch in der Tat. Alle bisher
besprochenen Werke Lasso's sind völlig frei komponiert, ohne
konstruktive Bindung, ohne Anlehnung an liturgisches Melo~
diengut 1). Aber nicht nur die Bindung an einen cantus prius
factus. auch die Gesetze, die eine ganze Generation von
Musikern vor ihm in langer mühevoller Arbeit für das musi~
kalische Kunstwerk der Motette aufgestellt hat, die Regeln
der Imitationstechnik sind durchbrochen. An die Stelle eines
rein musikalischen Ideals ist ein realistischer Ausdrucksstil
getreten, der sich zum Teil eine ganz neue musikalische
Sprache schafft, zum Teil aber auch die alten Vokabeln um~
prägt und mit neuem Inhalt füllt.
Angesichts der nach rein musikalischen Gesetzen aufgebauten
Motette der Gombertgeneration erhob sich die Frage, inwie~
weit solch eine Musik den Text berücksichtigen könne. Aus
dem Studium der Lasso' schen Motette. die jedes einzelne
Wort, jede Stimmung und Stimmungsänderung musikalisch
reflektiert, ergibt sich die umgekehrte Frage: inwiefern hier noch
rein musikalische und kompositionelle Formgesetze eine struk~
turbildende Rolle spielen können, inwiefern überhaupt in dieser
Musik noch Form und Struktur herrschen. Betrachtet man
die Hiobmotette oder das charakteristische .. Heu mihi Domine"
unter diesem Gesichtspunkte, so fällt allerdings auf, in welchem
Masse hier alle struktur bildenden Elemente fehlen. Von
streng~motivischer Arbeit kann kaum die Rede sein. Klare
Gliederung durch feste Kadenzpunkte wird möglichst ver~
mieden. Die Kadenzen lösen sich in Trugschlüsse auf, werden
im Weiterströmen beteiligter Stimmen illusorisch. Eines der
auffälligsten Merkzeichen ist jedoch das Fehlen fast aller
Wiederholungen. Das ist besonders darum merkwürdig, weil
in der niederländischen Motette vor Lasso neben der Imitation
die freie Wiederholung vorausgegangener Melodiezüge eines
1) Im Antwerpener Motettenbuche finden sich jedoch verschiedene Kompositionen. denen ein Kanon. ein Ostinato oder cantus firmus zugrundeliegt.
Von ihnen wird noch ausführlich die Rede sein.
42
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
der wichtigsten strukturbildenden Elemente ist. Die musikalische
Wiederholung knüpft an die Wortwiederholung an. Wir
haben gesehen. dass Lasso. auch wo derselbe Text wiederkehrt - Ausnahmen sind nicht häufig - musikalische Wiederholung vermeidet. Wenn Lasso gerade in seinem ersten
Motettenwerke diesen Wiederholungen so offensichtlich aus
dem Wege geht. so ist das ein weiteres Anzeichen dafür.
wie bewusst. wie grundsätzlich seine Abkehr vom niederländischen Motettenideal ist. Es liegt auf der Hand. dass die
sprechend dramatische Wirkung seiner Motetten mit auf dem
Wandel der ganzen Struktur beruht.
Indem Lasso alles aufgab. was der niederländischen Motette Klarheit und Einheitlichkeit verbürgte. war seine neue
Musik in Gefahr. ins Grenzenlose hinauszuwogen. Diese Gefahr
bestand in der Tat; verschiedene Anzeichen deuten darauf
hin: Lasso's Melodielinien verschmähen die niederländische
Gleichgewichtigkeit und Geschlossenheit; seine Rhythmik
wendet sich ab von dem niederländischen Ideale. den gleichmässigen Strom der Bewegung aus der Ruhe aufquellen und
in sie wieder zurückfluten zu lassen; sie entfaltet im Gegenteil
einen bisher ungekannten Reichtum vielfältiger und betont
gegensätzlicher Bewegung; seine Harmonik fliesst weit hinaus
über das tonale Bezugszentrum ; in den Folgen der Motive
fehlt die gliedernde Bezugnahme auf vorangegangene Motive
in Form der freien Wiederholung. Diese ganze Musik atmet
gleichsam in erregten dynamischen Wellenzügen. im Auf und
Ab von Crescendo und Decrescendo. Accelerando und Ritardando und für die Formgestaltung ergibt sich als brennendstes
Problem: wie soll man einen musikalischen Verlauf. der so
über alle Grenzen hinausfliesst. zum Stillstand bringen?
Das Antwerpener Motettenbuch zeigt mit absoluter Eindeutigkeit. dass der Beginn von Orlando' s Schaffen nicht
unter dem Problem der Form steht. Lasso kümmert sich
nicht um irgend welche Symmetrien. um klare Gliederungen.
Der Rhythmus. der in der Struktur der Motetten schwingt.
ist von der Textinterpretation geschaffen. er zeigt auch keineswegs Kurven von besonderer Symmetrie. sondern im Gegenteil oft sehr zackige Linien und scharf kontrastierende Teile.
ORLANDO DI LASSO's
43
die nicht angelegt sind. sich das Gleichgewicht zu halten.
Dieses erste Motettenwerk zeigt aber ebenso sicher. dass
Lasso deutlich das Missverhältnis empfunden hat. das zwi~
sehen dem Versuche bestand. einen seelischen Vorgang in
seinem Auf und Ab. Hin und Wider zu folgen. und der
Notwendigkeit. seiner Musik einen glaubwürdigen Abschluss
zu geben. An diesem Problem erwacht sein formgestaltender
Wille. Beim Schlusse der Hiobmotette ist allerdings noch kein
Hauch dieses neuen Formungswillens zu spüren. Hier will
aber Lasso gar nicht den Eindruck einer befriedigenden
Schlussläsung geben. weil sie im Widerspruch stünde zur
Textstimmung. Anders schon ist es beim .. Heu mihi Domine".
Auch hier fiel uns die leidenschaftliche Ausdruckskraft auf
und dementsprechend das Fehlen von polyphon-imitatorischer
Arbeit. von motivischer Wiederholung. von gliedernder Ver~
teilung der Kadenzpunkte. Bei der Schlussgestaltung I) aber
greift Orlando in der Tat zur motivischen Arbeit. zur Imitation.
zur Wiederholung. Aus dem Verlaufe der Oberstimme schon
wird klar. wie Lasso sich noch gegen das Wiederholen sträubt.
wie er - während die Schlussworte mehrere Male zurück~
kehren - die musikalische Wiederholung zu verschleiern
sucht. Dennoch - sie ist da und ganz klar ist die durch
alle Stimmen gehende Imitation des Tetrachordmotives. Das
aufgeregt leidenschaftliche Leben der Motette beruhigt sich
im abwärts steigenden Zuge dieses Motives. das in mehr~
facher Transposition und Wiederholung durch alle Stimmen
getragen wird. Auch die Harmonik bleibt nun bezeichnender~
weise im nahen Umkreis von g-moll. sodass der Schluss über~
zeugend in G~dur kadenziert.
Ähnlich - aber nicht so stark ausgeprägt - ist der Vor~
gang in der Widmungsmotette .. Delicire Phoebi" 2). In dem
grossen herrlichen Werke. das uns durch die Kühnheit seiner
wogenden Modulationen auffiel. findet man kaum Spuren moti~
vischer Arbeit. Gleichwohl setzen fast mit jedem neuen Zuge
die Stimmen nacheinander ein. Prüft man sie auf ihre moti~
I) Vgl. Ges. A. IX. 251. T. 51-69.
2) Ges. A. XI. 311.
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
vische Verbundenheit, so bleibt im besten Falle das, was wir
Umrissimitation nannten, übrig: häufig dagegen ist das schon
beschriebene bloss rhythmische Imitieren der Stimmen. Aber
auch hier wird am Schlusse ein kleines Motiv in mehrfachen
Wiederholungen imitativ durch die Stimmen geführt.
Mit weit grösserer Energie befasst sich Lasso mit dem
Problem der Schlussgestaltung in Werken, wo er vom Texte
nicht so intensiv in Anspruch genommen ist. Hiefür sind die
Motetten .. Gustate et videte" I) und .. Dominus seit cogita~
tiones hominum" 2) die aufschlussreichsten Beispiele. Man
muss den Schluss der zweiteiligen Fronleichnamsmotette im
Zusammenhange mit dem Ganzen sehen. Das Werk fällt in~
sofern auf, als die Harmonik gemässigt, der Ausdruck des
Ganzen von grosser Ruhe und die Gliederung von besonderer
Klarheit ist. Hier, wo die Kadenzen auch der formalen Akzen~
tuierung dienen, haben sie wirkliche Schlusskraft. Der erste
Teil der Motette zeigt vier klare Kadenzen (T. 20, 32,42, 68).
Die Schwerpunkte liegen jedoch auf Takt 32 und 68, sodass
sich zwei gleichwertige Abschnitte gegenüberstehen. Interes~
sant ist, dass dieser erste Teil eine deutliche Entwicklung hat,
deren Höhepunkt mit Takt 32 erreicht ist. Auf die Worte:
.. beatus vir qui sperat in eo" setzen die zwei tiefen Stimmen,
Bass und Tenor, ein, die sich in synkopischer Engführung
stufenweise nach oben drängen, unter allmählichem Einsetzen
der anderen Stimmen, die jeweils in langsamer breiter Steige~
rung die Linie nach oben fortführen. Der zweite Abschnitt
bringt demgegenüber in den vorzugsweise absteigenden Moti~
ven Ausgleich und Entspannung. Während der erste Teil sein
Hauptgewicht auf den Beginn, die allmähliche Entwicklung
und die Herbeiführung des Höhepunktes der Motette legt,
verlegt der zweite Teil sein ganzes Gewicht auf die Schluss~
gestaltung. Zwei Anfangsabschnitten von zusammen 20 Tak~
ten steht ein Schlussteil von 35 Takten gegenüber. Dieser
Schlussatz hat die ausgeprägteste Formung im Ganzen der zwei~
teiligen Motette. Er ist von einem einzigen Motive beherrscht,
das in immer neuen Wiederholungen durch alle Stimmen geht.
1) Ges. A. V, 181.
2) Ges. A. IX, 278.
ORLANDO DI LASSO's
45
Und hier wird nun auch wirklich die ganze Schlussepisode genau
wiederholt - in dieser Deutlichkeit das einzige Mal im ganzen
Opus - wobei nur erster und zweiter Tenor ihre Partien
vertauschen 1). Trotz der gemässigten Haltung und der beson~
deren Klarheit und Durchsichtigkeit der Struktur. die dieses
Werk auszeichnet 2), ist es keineswegs im niederländischen
Stile geschrieben, sondern ist ein echter Orlando. Es beginnt
imitierend, mündet aber alsbald in freie harmonische Bewegung;
setzt dann zu jener gross angelegten Steigerung an, die völlig
unniederländisch ist und geht im weiteren Verlaufe zu rein
klanglichen, ja sogar homophonen Partien über (" quoniam
non est inopia "). Ebenso unniederländisch und neuartig wie
die Steigerung im ersten ist die Schlussformung im zweiten
Teile. Hier zeigt sich Orlando's eigenste gestalterische Natur.
Ein Gombert oder Clemens greifen nicht aktiv ein in die Ent~
wicklung ihrer Musik, sie lassen sie sich selbst forttragen,
weiterspinnen, durch die Stimmen strömen und so hat auch
ihre Art zu schliessen etwas gleichsam Passives. Es ist ein
Ausströmen und Ausatmen. Charakteristisch hiefür ist jenes
in sinkenden Sequenzen in den Schluss Hinuntergleiten, wie
es die Motette "Cum deambularet Dominus" 3) von Thomas
Crecquillon oder die Marienmotette des Clemens ,,0 Maria
vernans rosa" 4) zeigt. Und nun vergleiche man Orlando' s
Schluss: statt gleitender Melismen steht ein rhythmisch scharf
geschnittenes Sprechmotiv da; statt in sinkenden Sequenzen
wird das Motiv in starren Wiederholungen gleichsam zu~
rechtgehämmert ; statt passiver Hingabe an den strömenden
I) Es muss aber darauf hingewiesen werden. dass diese Schlussgestaltung
wahrscheinlich nicht nur formalen. sondern auch textlich-symbolischen Sinn
hat. wird doch der umfangreiche Schlussteil fast ausschliesslich auf die beiden
Worte: .. non minuentur" gesungen.
2) Ist diese Motette vielleicht in Rom während Lasso's Tätigkeit an der
Laterankapelle entstanden? Dies scheint wohl möglich in Anbetracht der
Aufzeichnung im Lateranarchiv. der zufolge .. messer Orlanno maestro di
Capella di S. Giovanni" eine besondere Vergütung für seine Mitwirkung
an einer Fronleicbnamsprozession erhalten hat (vgI. RaffaeIe Casimiri:
"Orlando di Lasso. maestro di capella al Laterano ne11553" Roma 1920).
Für diese Prozession wird Lasso wohl eine Motette komponiert haben. Ist
es die vorliegende. so wäre der besondere Charakter dieses Werkes durch
den genius loci mitbestimmt.
3) Commer. Collectio operum musicorum Batavorum. Bd. X. N° 16.
4) ebenda. N0 10.
46
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
Atem setzt hier aktiver Gestaltungswille formend und model~
lierend an.
Diese andere Haltung ist auch unverkennbar dort, wo
scheinbar dieselben Mittel verwandt werden. In der Motette
"Dominus scit cogitationes hominum" 1) wird der Schluss in
Sequenzen gebaut. Und doch ist derselbe charakteristische
Unterschied wahrnehmbar: kein zusammenhängender Fluss
der Melismen, sondern ein kräftig konturiertes Sprechmotiv:
die Sequenzen nicht wie ineinanderfliessende Wellenringe,
sondern treppenartig gebaut. rhythmisch klar abgesetzt. durch
Pausen mehrfach getrennt. Auch hier findet eine -- durch
Zusammenziehung verschleierte - Wiederholung statt.
Vielleicht ist an diesen wenigen Beispielen klar geworden.
worum es sich im Grunde handelt. Wir haben versucht. die
Schwerpunkte so zu verteilen, wie sie OrIando' s Schaffen
selbst zeigt. Und da ist das Erste und Auffallendste jene
gewaltige Expansivkraft. die sich in den über die Dämme
der Kirchentonarten brechenden Klangfluten ebenso wie in
der Ausdruckskraft einer neuen Rhythmik und Motivik wie
in jenem neuen dynamischen Willen zu erkennen gibt. All
das ist aus dem Triebe nach unbedingter Wahrheit des Aus~
druckes geboren. Zwangsläufig ergibt sich nun die Proble~
matik, die noch keiner realistischen Kunst erspart blieb:
Genügt es. die Realität der Ereignisse in Aussenwelt und
Menschenseele mit dem unerbittlichsten Wahrheitwillen dar~
zustellen, genügt es. die eigene innere Welt gleichsam sich
selbst hinausschleudern zu lassen. damit eine künstlerische
Gestalt dastehe? Oder gibt es wirklich noch andere auto~
nome Forderungen des Kunstwerkes selbst? Wir sahen. wie
diese Forderungen an Lasso durch die Notwendigkeit. eine
in Gang gebrachte Bewegung zum Stillstande zu bringen.
herantraten und wie nun der expansiven Triebkraft seiner
Musik ein bändigender gestaltender Wille gegenübertritt.
Wir können vorwegnehmen: zwischen diesen bei den Polen
bewegt sich in immer lebendiger Spannung das ganze Schaffen
OrIando di Lasso' s. Diese Auseinandersetzung in allen Sta~
I) Ges. A. IX. 278.
ORL. DI LASSO's ANTWERP. MOTETTENBUCH
47
dien ihrer Entwicklung zu verfolgen und aufzuzeichnen: in
der verschlungenen Mannigfaltigkeit ihrer Äusserungen, in
der Bezogenheit auf die innere Entwicklung ihres Schöpfers
wie im Verhältnis zu Bewegungen, Strömungen, Ereignissen
und Personen seiner Zeit, das ist eine Aufgabe, die der
Lassoforschung harrt.
Das Antwerpener Motettenrepertoire.
Das erste Motettenbuch Lasso's zeigt uns den Stil des
Meisters bereits in ganzer Eigenart. Es ist eine Frage von
entscheidender Bedeutung, wo eigentlich Lasso dieses Werk
geschaffen hat: noch in Italien oder erst in Antwerpen? Der
Ort der Herausgabe besagt nichts über den Ort der Ent~
stehung. Wahrscheinlich hielt sich Lasso zur Zeit der Her~
ausgabe seines Motettenbuches - im Jahre 1556 - schon
eineinhalb Jahre in Antwerpen auf. Antwerpen war zu dieser
Zeit ein Mittelpunkt des blühenden niederländischen Musik~
lebens. Wenn Lasso's Werk in Antwerpen entstanden ist,
so haben die hier aufgenommenen musikalischen Eindrücke
sicher ihre Spuren hinterlassen. Unsere erste Frage lautet
darum : Welches war das Motettenrepertoire, das zur Zeit von
Lasso's Aufenthalt in Antwerpen gesungen und aufgeführt
wurde? Was hat Lasso hier an Motettenmusik gehört und
studiert?
. In den Jahren zwischen 1530 und 1550 wird das Motettenschaffen der Niederländer von den grossen Verlegern im
Auslande .- in erster Linie Frankreich, Deutschland und Italien - der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Jahre 1546
gibt Tieleman Susato, der älteste niederländische Musikver~
leger von Bedeutung, das erste Sammelwerk vier- und fünfstimmiger Motetten in den Niederlanden heraus. I) Aber am
1) Liber I-IV sacrarum cantionum ... vulgo moteta vocant. ex optimis
quibusque huius aetatis musicis selectarum ... Antwerpiae apud Tilemannum
Susato. 1546-47.
48
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
Anfang des neuen Jahrzehntes setzt eine mächtige Publika~
tionswelle auf dem Gebiete der Motettenmusik ein. Tieleman
Susato eröffnet den Reigen im Jahre 1553 mit einer vierzehn I)
Bücher umfassenden Sammlung vier~ und fünfstimmiger Mo~
tetten 2) .- 1555 sind bereits elf Bände veröffentlicht. Ihm folgt
Phalese, der zweite grosse Musikverleger der Niederlande,
mit einer acht Bücher enthaltenden Sammlung fünf~ sechs~
sieben~ und achtstimmiger Motetten 3), die 1554 und 1555
erscheint. Das Jahr 1554 gesellt diesen zwei grossen Musik~
verlegern einen Konkurrenten von Format: Hubert Waelrant,
der seine Tätigkeit mit einer fünf Bücher umfassenden Samm~
lung fünf~ und sechsstimmiger Motetten 4) beginnt, die im
Jahre 1556 abgeschlossen ist. Dieser Sammlung fügt er vermutlich in demselben Jahre 5) .- zwei Bücher vierstimmiger
Motetten 6) hinzu. Susato und Waelrant arbeiten in Antwerpen;
aber es ist sicher, dass Phalese' Löwener Ausgaben, die über
die ganzen Niederlande und weit darüber hinaus verbreitet
waren, auch in Antwerpen grossen Absatz fanden und zum
ständigen Repertoire gehörten. Unsere Untersuchung baut
sich auf den genannten niederländischen Sammelwerken auf,
die im ganzen ein Repertoire von 551 meist mehrteiligen
Motetten darstellen. 7)
Ein Vergleich der Sammelwerke von Susato, Phalese und
Waelrant ergibt ebenso charakteristische Gemeinsamkeiten
als Unterschiede. Im Mittelpunkte steht die fünfstimmige
I) Das dreizehnte Buch ist leider verschollen (vgl. R. Eitner, Bibliographie der Musik-Sammelwerke des XVI. u. XVII. Jhs. Berlin 1877
unter 1553).
2) Liber ... Ecclesiasticarum cantionum ... tarn ex Veteri quam ex Novo
Testamento . .. Antwerpiae... Tilemannus Susato... 1553.
3) Liber ... cantionum sacrarum ... Lovanii. Apud Petrum Phalesium 1554.
4) Sacrarum cantionum. .. ad veram harmoniam concentumque ab optimis quibusque Musicis in philomusorum gratiam compositarum... Antwerpiae ... Joannes Latius & Hubertus Waelrandus ... 1554.
5) Die bei den Bücher tragen keine Jahreszahl. Eitner setzt sie in das
Jahr 1556 (a. a. O. unter 1556 d, e).
8) Der Titel trägt denselben Wortlaut wie die fünf- und sechsstimmigen
Motetten von Waelrant und Latius. Er unterscheidet sich nur in der Angabe
der Stimmenzahl. Daher vermutlich auch die Datierung Eitners.
7) Hiervon entfallen auf Susatos Sammlung von 1546-47: 84, auf seine
Sammlung von 1553-58: 249, auf Phalese: 121, auf Waelrant's Sammlung
5- und 6stimmiger Motetten 69, auf seine Sammlung 4stimmiger Motetten:
28 Stücke.
ORLANDO DI LASSO's
49
Motette. Neben den Werken streng liturgischer Observanz
nimmt die Motette freieren allgemein religiösen Inhaltes einen
immer breiteren Raum ein. In allen Sammelwerken ist bei
fortschreitender Veröffentlichung der aufeinanderfolgenden
Bücher eine zunehmend moderne Tendenz zu beobachten.
Sehr bezeichnend ist die verschiedene Haltung der drei
Verleger. Tieleman Susato. der älteste von ihnen. zeigt sich
als der konservativste Geist. Seine Einstellung entspringt
offensichtlich keinem Grundsatze I) __ • sondern der wirklichen
Verwurzelung in niederländischer Tradition. Indessen scheint
der stark traditionelle Einschlag ein Zug der Antwerpener
Musikkultur zu sein. In Antwerpen wird der grosse und so
bedeutsame Chansonnachlass von Josquin veröffentlicht 2). In
der Motettensammlung von 1546/47 ist noch ein Stück 3)
von Mouton. dem Zeitgenossen und Schüler Josquin's zu
finden. Selbst das Andenken an Okeghem. den ehemaligen
Antwerpener Kathedralsänger ist noch lebendig. Susato ver~
öffentlicht im dritten Buch derselben Sammlung 4) -- eine Nänia
auf Okeghem von Jo. Lupi, die in ergreifenden Worten den
altniederländischen Meister betrauert 5). Dass den Komponisten
die Musik der Josquinzeit noch gegenwärtig war, zeigen ver~
schiedene Motetten aus Susato' s Sammlungen. die über alte
Chansontenöre aufgebaut sind: so eine Motette von Cab~
biliau .. Anima mea liquefacta est". 6) die den ersten Teil
des berühmten .. Fortuna desperata" als Ostinatogerüst be~
nützt und die Motette .. Aspice domine" 7) von Benedictus
(Appenzeller). die den Chansontenor .. Tart ara mon cueur" 8)
I) Tieleman veröffentlicht ja das erste Werk Lasso's (vgl. oben S. 12),
in dessen 4stimmigen Motetten die allermodernste Richtung zu Worte kommt.
2) Le septiesme livre ... Nouvellement imprime en Anvers par Tylman
Susato ... 1545. Vgl. Werken van ]osquin de Pres uitg. door Dr. A.
Smijers. Wereldlijke Werken. Deel I. 1925. S. VI.
3) L. IV. sacr. cant•... Nr. 20.
4) L. 111. sacr. cant.... Nr. 5.
5) Erasmus ist der ungenannte Verfasser des Gedichtes (vgl. v. d. Straeten
nLa musique aux Pays-Bas" I. 101).
&) L. IX. Eccl. cant.... Nr. 6.
7) L. XI. Eccl. cant.... Nr. 12.
8) Vgl. Kopenhagener Chansonnier hg. v. K. J eppesen. Leipzig 1927.
Nr. 8 u. D. T. Ö. XIV. Jahrgang 1. Teil: Isaac. weltliche Werke hg. v.
J. Wolf, Wien 1907. S. 107 (K. Jeppesen gibt irrtümlicherweise D. T.Ö.
XI. an).
50
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
- zur Grundlage hat. Man wird es wohl auch als lebendige
Erinnerung an lsaak auffassen dürfen, wenn Nie. Payenus,
der Kapellmeister Kaiser Karls V., den Text vertont, I) der
auf den Tod von Lorenzo gedichtet und von Isaak komponiert ist.
Ein anderer eigenartiger Zug weist gleichfalls auf die Verwurzelung in der Tradition hin: Susato ordnet seine Motettensammlung von 1553 -- mit Ausnahme der ersten vier Bücher nach Kirchentönen. Dem Titel der Motetten des 5. und
6. Buches fügt er die Bemerkung hinzu: .. Omnes primi toni".
Bei den folgenden Büchern schreibt er: .. omnes de uno
tono ".2) Susato's Sammlung von 1546 kennt keine Ordnung nach Kirchentönen. Aber jedes Buch dieser Sammlung
wird auf eine besondere Weise eingeleitet: das erste durch
einen Gruss an die Stadt Antwerpen 3), komponiert von
.. Tilemannus Susato ", das zweite 4) und dritte 5) durch einen
Mariengruss und das vierte 6) durch die Motette eines .. incertus author", die in ihrer Weltendstimmung und durch die
Warnung vor der Reformation ein bedeutsames Zeitdokument
darstellt.
Kennzeichnend ist auch Susato's Auswahl. Er nimmt in
seine Sammlung alles auf, was ihm der breite Strom der
niederländischen Überlieferung entgegenbringt: bekannte und
unbekannte Komponisten, grosse und kleine Meister. Wir
finden bei ihm eine beträchtliche Anzahl anonymer Stücke.
I) .. Quis dabit capiti meo aquam?" L. IV •.. 1547 Fo. lXv. Vgl. lsaak
a. a. O. S. 45.
2) Das 7. u. 8. Buch sind in transponiert äolisch. das 9. in äolisch
(original und transponiert). das 10. in transponiert jonisch komponiert (nur
das Schlusstück bringt den jonischen Ton in der ursprünglichen Lage). das
11. in jonisch (original und transponiert). das 12 .• in mixolydisch. das 14.
in äolisch (original und transponiert).
3) .. Salve quae roseo decora serto caeteras facile antecellis urbes. Salve
Antwerpia ... "
4) .. Beata es Maria" von Joannes Lupi.
5) Dass Susato bewusst jedem Buche eine Einleitungs- oder Grussmotette
voranstellt. zeigt dieses .. Ave Maria". das den zweiten Teil der Motette
.. 0 magnum mysterium" (Nr. 21 Fo. XVII) eines unbekannten Verfassers
bildet und von Susato gemäss eigenem Hinweis an den Beginn der Sammlung
gesetzt ist.
6) .. Juxta est dies domini... ecclesiam iam dolentem confortate. iam
errantem informate. iam divisam integrate. naufragantem ad portum reducite.
ne fiat illud scisma magnum. quod preambulum erit ante(!)-christi .....
ORLANDO DI LASSO's
51
Im 4. Buch seiner Sammlung von 1553 sind nicht weniger
als acht Stücke mit .. incertus autor" gezeichnet 1). Ausserdem
begegnen wir einer Fülle von kleineren Talenten. darunter
Namen. die uns nur durch die vorliegende Sammlung Susato's
bekannt sind und die weder bei Phalese noch bei Waelrant
einen Platz gefunden haben 2).
Peter Phalese nimmt eine ganz andere Haltung ein. Die
unbekannten Autoren verbannt er völlig aus seiner Samm~
lung 3). ebenso die Schar der kleinen Meister. Aus der Fülle
des zeitgenössischen niederländischen Schaffens greift er nur
das heraus. was höchste Qualität besitzt. Führend sind in
seinem Repertoire die grossen Meister: Clemens non Papa.
Crecquillon. Manchicourt. Gombert. Benedictus (Appenzeller).
Während Susato neben den zeitgenössischen auch Meister der
älteren Generation 4) zu Worte kommen lässt. beschränkt Pha~
lese sich ausschliesslich auf die Zeitgenossen. Die musikalischen
und sprachlichen Lesarten sind bei Phalese im allgemeinen 5)
besser als bei Susato. der offensichtlich ein sehr mittelmässiger
Humanist und Lateiner war. aber auch den Notentext nicht
mit der nötigen Sorgfalt korrigierte. Jedoch lässt bei Phalese
wie bei Susato die Textunterlegung zu wünschen übrig. Eine
Ordnung der Motetten. die derjenigen Susato' s nach Kirchen~
tönen entspräche, besteht nicht. Aber es lässt sich bei ihm als
neues Prinzip feststellen. dass jedes Buch mit einem .. mo~
1) In der Sammlung finden sich im ganzen 31 Stücke unbekannter Verfasserschaft.
2) Es handelt sich um niederländische und niederländisch-französische
Meister. wie Colin, Carolus Souliart. Lovys Pieton, Joannes Schelvius, Goesen
Jonckers, Petrus Messenus. Petrus Jordanus. Jeronimus Hecquest. Curingen.
Philippe de Vuildre, Cle. Morel, Joannes Claux. Brumen. Cohrise. Christophorus Potier. Joannes Lescuyr. Joannes Domin, Cabbiliau, Nicolaus Rogier.
Philippus Geens, Jaco. Bracqueniers. Jo. Hauweel.
3) Das kann u. a. auch damit zusammenhängen. dass Phalese über bessere
Quellen verfügt. So ist z. B. die Hoheliedmotette "Sicut lilium" bei Susato
(L. 11. sacr. cant.... 1546 Nr. 10) mit "incertus autor", bei Phalese (L. VI.
cant. sacr .. " 1554 Nr. 5) mit Crecquillon gezeichnet. In seinem achtbändigen Sammelwerke findet sich nur ein Stück ohne Autorangabp. (L. VI.. Nr. 14).
4) Um nur zwei bekannte Namen zu nennen: Joannes Lupi (gest. 1539)
und Lupus Hellinck (gest. 1541). VgL Hans Albrecht: Lupus Hellinck u.
Joh. Lupi (Acta Musicologica, redig. v. K. Jeppesen. Breitkopf & Härtel
1934 April/Juniheft).
5) Bernet Kempers weist auf einzelne Fälle hin. wo Susato bessere Lesarten hat (a. a. O. S. 43). Im allgemeinen aber fand ich Phalese' Ausgaben
sorgfältiger.
52
DAS ANTWERPENER MOTETTEN BUCH
dernen" Werke abschliesst. In den ersten drei Büchern sind
diese Schlusstücke die einzig modernen. In den folgenden
Bänden werden die modernen Kompositionen häufiger. Eine
Ausnahme macht das fünfte Buch. das nur Motetten von
Manchicourt enthält und vom Komponisten selbst redigiert ist.
In ihm finden sich keine modernen Tendenzen.
Waelrant war sich wohl bewusst. dass er etwas Besonderes
bringen musste. wenn er mit den beiden grossen Verlegern
in Wettbewerb treten wollte. Vergleicht man seine Aus~
gaben mit denen seines Antwerpener Mitbürgers Susato. so
bekommt man den Eindruck. er habe mit seinen Motetten~
drucken Musterausgaben schaffen wollen. Auffallend ist der
wunderbare grosse klare Druck sowohl der Noten als vor
allem der Worte. Die Textunterlegung ist makellos und gar
nicht zu vergleichen mit der des Susato und Phalese. Waelrant
hilft sogar dem Komponisten nach 1). wenn er die Textunter~
legung vernachlässigt. Sehr genau ist er in der Setzung der
Akzidentien. die er auch da anbringt. wo sie nach dem
Zeitusus dem ausübenden Musiker überlassen waren. Auf
der anderen Seite jedoch scheint Waelrant nicht über ein
ebenso grosses Repertoire zu verfügen als Susato und Pha~
lese 2). Aber er bringt eine sorgfältige Auswahl zeitgenös~
sischer Kompositionen und legt deutlich den Nachdruck auf
die modernen Werke.
Will man die Musikkultur Antwerpens studieren. so muss
man zu Susato's Drucken greifen. Will man die bedeutendsten
Schöpfungen der Niederländer auf dem Gebiet der Motette
um 1550 kennen lernen. so vertiefe man sich in Phalese' Aus~
gaben! Waelrant' s Drucke schliesslich zeigen. dass der Um~
schwung im musikalischen Denken der Niederländer auch
einen Umschwung in der Editionstechnik der Musikwerke
zur Folge hat. Was es mit diesem Umschwung eigentlich für
eine Bewandtnis hat, wird im folgenden Kapitel darzulegen
versucht.
I) Hierfür habe ich ein Beispiel gegeben in dem .. Beitrag zur Frage der
Deklamationsrhythmik in der a-capella-Musik des 16. Jhs." (Acta Musicologica, redig. v. K. Jeppesen. Breitkopf & Härtel. 1935 April/Juniheft).
2) VgL seinen Anteil am Antwerpener Motettenrepertoire S. 48. Anm. 7.
ORLANOO DI LASSO's
53
Die moderne Richtung
im Antwerpener Motettenrepertoire.
Die Analyse der Lasso'schen Motetten hat mit Sicherheit
ergeben. welche Stileigentümlichkeiten - im Gegensatze zum
Stil der vorangehenden niederländischen Generation - als
modern angesprochen werden dürfen. Wenn wir nun die
Werke aus dem Antwerpener Motettenrepertoire behandeln.
die modern gerichtet sind. so muss vorausgeschickt werden:
die Vertreter der alten sind auch die Vertreter der neuen
Richtung. Damit ist gesagt. dass es sich um eine Wand~
lung und Entwicklung handelt. die innerhalb der spätnieder~
ländischen Schule vor sich geht. Diese bisher nicht erkannte
Wendung im Schaffen der Spätniederländer wäre bedeutsam
genug. um im Rahmen einer selbständigen Arbeit behandelt zu
werden. Da Ausgangs~ und Zielpunkt unserer Untersuchung
Lasso' s Motettenschaffen ist. müssen wir uns mit einer sehr
konzentrierten Darstellung begnügen. Wir halten uns hierbei
an die Folge der Publikationen nach Verlegern. Man wird
bemerken. dass diese Folge zugleich die verschiedenen Sta~
tionen der Entwicklung wiedergibt.
Schon in Susato's erstem Motettensammelwerk von 154647 fallen einige vierstimmige Werke auf. in denen der Kom~
ponist mehr als sonst üblich seine Aufmerksamkeit dem Text~
vorwurf zuwendet und sich um deutliche Aussprache und
sinngemässe Hervorhebung der Worte bemüht. Es handelt
sich um die musikalische Wiedergabe zweier Szenen aus
dem Alten Testamente. einer Hiob~ 1) und einer Susannen~
erzählung 2) von Thomas Crecquillon und um zwei Motetten
desselben Meisters. die offensichtlich - Crecquillon war Kapell~
meister Karls V. - für den Gebrauch an der kaiserlichen
Tafel komponiert sind 3). Besonders auffallend sind in den
1)
2)
3)
.. Job tonso capite" (L. III. Fo. XIII).
.. Ingemuit Susanna" (L. 111. Fo. XIV).
Das erste Werk .. Benedicite" (L. IV. Fo. XIVv) ist ein Segenspruch.
bestimmt. vor dem Essen gesungen zu werden. Das zweite - ein Dankspruch - das als Ueberschrift .. Deo gratias" trägt und mit den Worten
.. Jubilate Deo" beginnt (L. IV. Fo. XV). wurde nach dem Essen gesungen.
Es zeigt in seiner Schlusswendung besonders deutlich die Zeit- und Zweckbindung des Textes: .. Da ... ecclesiae tranquillitatem. Imperatori victoriam ".
54
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
Tafelmotetten die eingestreuten langausgehaltenen - mit Fer~
maten bezeichneten - Harmonien. die in genauer Verbindung
mit dem Texte stehen. in dem drei Eleisonrufe und ein Teil
des Vaterunser aufgenommen sind. Die Anrufung des Herrn.
der Schluss vor und das Amen nach dem Vaterunser sind
mit solchen Fermaten ausgezeichnet. Hier wirkt wohl eine alte
Tradition nach. die sowohl in der Messe als in der Motette
lebendig war 1): .. modern" wird dieser Zug erst im Zusammen~
hang mit der Gesamterscheinung des Werkes. Die Worte
werden zum Teil in sehr guter Deklamation vorgetragen. das
klangliche Element steht durchaus im Vordergrund. Häufig
wird auf gleichbleibender Harmonie rezitiert. aber nie länger
als einen Takt. sodass der Klang wohl hervorgehoben. aber
immer in schöner Abwechslung erscheint. Beide Stücke vor allem aber das .. Benedicite" - zeichnen sich durch
schwungvolle Melodik aus.
Im dritten Buche seiner Motettensammlung von 1547 ver~
öffentlicht Susato ein Werk. das man ein Muster des modernen
Stiles nennen kann: die Didoklage in der Komposition des
.. Adrianus Willart" 2). Der Todessang der verlassenen Dido für vierstimmigen Chor gesetzt - ist ein völlig freier Ent~
wurf: Rhythmik. Melodik und Harmonienfolge sind aus~
schliesslich von Wort und Ausdruck bestimmt. Das Prinzip der
Durchimitation ist aufgegeben. Die Deklamation ist makellos.
Die Melodieführung schmiegt sich dem Redeton an. Klang~
disposition und Harmonik sind von vollendeter Meisterschaft.
Der Klang ist auf dem Grundton aufgebaut. der Bass ist
Träger der Harmonik. die - ohne je kühn und gewagt zu
sein - stets das Ohr gefangen hält. Erst bei Betrachtung
dieses Werkes wird deutlich. wie weit die zuvor erwähnten
Stücke noch entfernt sind von einer auch nur annähernd voll~
kommenen Beherrschung des modernen Stiles: gut deklamierte
Stellen stehen neben ungeschickt und falsch betonten: harmonisches und kontrapunktisches Wollen haben noch keinen
I) Vgl. H. Besseler: Musik des Mittelalters und der Renaissance.
Athenaionverlag 1931. S. 208 und O. Urs p run g: Katholische Kirchenmusik. Athenaionverlag 1931. S. 177.
2) .. Dukis (wieder ein Druckfehler Susato's statt "dukes ") exuviae"
Fo. lXv.
ORLANDO DI LASSO's
55
reinen Ausgleich gefunden: es sind erste Versuche in einer
freieren Kompositionsart mit allen Kennzeichen des ersten
Versuchs.
In Susato' s Sammelwerk von 1553 finden wir die nieder~
ländische Motette schon verschiedene Schritte weiter. Hier
wird der Übergang von der Vier~ zur Fünfstimmigkeit voll~
zogen. I) Mit der grösseren Stimmenzahl hängt es auch zu~
sammen. dass die polyphone Faktur dichter und engmaschiger.
der Klang geschlossener wirkt.
Das neunte Buch von 1554 bringt verschiedene Werke.
die unsere Aufmerksamkeit erregen. Voran steht eine Hiob~
szene 2) von Clemens non Papa. die denselben Text hat wie die
Hiobmotette von Crecquillon. An diesen beiden Werken kann
man den Fortschritt in der polyphonen Technik ermessen.
die in Clemens' fünfstimmigem Werk ungleich komplizierter
erscheint als in Crecquillon's vierstimmiger. hie und da in
zweistimmige Halbchöre aufgeteilter Motette. Mit dem poly~
phonen entwickelt sich auch das klangliche Bild zu grösserer
Dichte und Sättigung. Ein wunderbar lebendiger Ausdruck
beseelt das melodische und klangliche Geschehen. Jedoch lässt
der Textvortrag noch sehr zu wünschen übrig. Wohl ist der
Melismenreichtum. der Clemens' Werke besonders kennzeich~
net. wenigstens in der Oberstimme etwas eingeschränkt. aber
immer noch stören allzu häufige Wiederholungen von Worten
und Satzteilen. sowie die vielen falschen Wortbetonungen.
Besser ist die Deklamation in zwei gleichtextigen Motetten
desselben Buches. die wie im Wettbewerb geschrieben scheinen.
Susato druckt sie nacheinander ab. Jo. Crespel und Joannes
Louys komponieren RaheIs Klage 3). Beide Werke sind da~
durch merkwürdig. dass sie sich ganz in den Dienst des
1) Wohl ist die Fünfstimmigkeit auch schon früher in der Motette anzutreffen - übrigens sind die ersten zwei Bücher der Sammlung von 1546
fünfstimmig - wohl werden auch nachher noch vierstimmige Motetten komponiert. aber das Verhältnis verschiebt sich zu gunsten der Fünfstimmigkeit.
Das erhellt aus der Tatsache. dass Buch I-IV der .. Eccl. cant." vierstimmige.
Buch V-XIV fünfstimmige Motetten zum Abdruck bringen. während Phalese
und Waelrant in ihren grossen Sammelwerken ausschliesslich fünf- und mehrstimmige Kompositionen geben.
2) L. IX. Fo. VIII.
3) L. IX. Fo. VIIr und Fo. VII": .. Vox in rama audita est ploratus et
ululatus. Rachel plorans lilios suos noluit consolari. quia non sunt".
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
56
Ausdruckes stellen und auch vor den grössten Kühnheiten
nicht zurückschrecken. Louys stellt das Heulen und Klagen
durch Dissonanzen (Septimklang auf betontem Taktteil). leere
Quint~ Oktav~ und Quartparallelen I) dar. Crespel lässt am
Anfang die zweite Stimme im Quartintervall einsetzen und
gesellt dem ungewöhnlichen Beginn einen noch ungewöhn~
licheren Schluss. Der Text endet: .. quia non sunt". Um
diesen Worten plastisches Relief zu geben. schliesst Crespel
- indem er die Worte syllabisch auf Minimen deklamiert auf einer Minima. Dieser Schluss. plötzlich abbrechend. auf
Minimen aushauchend statt in die übliche Schlusslonga zu
münden, dürfte wohl in der niederländischen Motetten~
literatur einzig dastehen. Beide Komponisten widmen dem
Textvortrag besondere Aufmerksamkeit. CrespeI's Diktion
zeichnet sich durch Knappheit und Deutlichkeit aus. Doch
unterlaufen auch hier noch einzelne falsche Betonungen. Der
Klang erreicht in beiden Werken nicht die Fülle und den
Glanz des Clemens non Papa. aber ist mit Sorgfalt behandelt
und hat Momente von grosser Wärme.
In demselben Buche begegnen wir einer Motette von
.. Tyelman Susato". Schicken wir voraus: Susato's Talent
als Motettenkomponist ist mässig. Aber um so interessanter
ist sein Beitrag zeitgeschichtlich. weil er als Verleger in erster
Linie der Zeitströmung folgt. So merkwürdig es ist: Susato.
der als Herausgeber in Bezug auf sprachliche Lesarten und
Textunterlegung am wenigsten zuverlässig ist. bringt in seiner
Motette .. Peccata mea domine" 2) eine erstaunlich gute und
ausgesprochen moderne Deklamation. Er verwendet nicht nur
die scharfen punktierten Rhythmen auf mehrsilbige Worte.
sondern deklamiert sogar syllabisch auf kleinsten Notenwerten
wie Semiminimen. was die Niederländer durchaus verpönen.
Auch seine Klang behandlung hat moderne Züge: der Bass
ist Träger der Harmonie. der Klang wird betont durch Rezi~
tieren auf gleichbleibender Harmonie und auffallende har~
manische Wendungen 3).
1)
2)
3)
T.37-39.
L. IX. Fo. XVI.
Der Schlussteil .. sana me domine" wird eingeleitet mit der Sequenzie-
ORLANDO DI LASSO's
57
Eigenartig steht in der Umgebung ernster geistlicher Ge~
sänge ein weltliches Liebeslied im Stile Catull' s, das in motet~
tischer Form komponiert ist und als Verfasser den Namen
.. Joannes Louwys" zeichnet I): .. Dispereant 2) nisi sit dea
vera deumque propago, cum referet geminis sydera luminibus,
ventorum furias abigit, coelumque seren at vultibus et blando
mitigat ore fretum. Ite procul superi nostrisque abscedite
terris sola argilla deos occupat una deas" 3). Der durchimi~
tierende Stil der fünfstimmigen Motette ist in freier Weise
gehandhabt. Der Höhepunkt des Liedes: .. Argilla allein ersetzt
Götter und Göttinnen" wird hervorgehoben durch Tripeltakt,
homophone Deklamation und Wiederholung der Episode, die
durch die Transposition um eine Quart tiefer - wobei der
Sopran dem Alt die Oberstimmenführung überlässt - den
Eindruck der Gegenchörigkeit macht. Aber in dem ganzen
Werke wird in ungewohnter Weise der fünfstimmige Chor
in Gruppen zu zwei drei und vier Stimmen aufgeteilt, die mit
freien Wiederholungen gepaart gehen und einen konzertanten
Zug in die Motette tragen. Wieder begegnen wir ganzen
Reihen daktylischer Rhythmen. Die Motive sind zeichnerisch
plastisch entworfen. Die Deklamation ist in allen Stimmen
gleich vorzüglich.
Eine ähnliche Sorgfalt in der Textierung der verschiedenen
Stimmen treffen wir nur noch bei Willaert an, von dem drei
Stücke in der Sammlung aufgenommen sind. Das erste, ein
vierstimmiges .. Da pacem" 4) ist ein Frühwerk des Meisters:
Das zeigt die Struktur der Motette - wandernder verzierter
cantus firmus in durchimitierender Form - ebenso wie die
rung eines syllabisch deklamierten prägnanten Motivs, der eine harmonische
Sequenz entspricht. Kurz vor dem Schluss in a-moll findet eine ausdrücklich
vorgezeichnete harmonische Rückung nach Es- und B-dur statt, die durch
Wiederholung hervorgehoben wird. aber durch die Unbeholfenheit der Auflösung verrät, dass der Komponist noch wenig vertraut ist mit dem neuen
Klangstil.
I) L. VlII. Fo. IX.
2) Druckfehler statt: .. dispeream ...
3) .. Ich will des Todes sein, wenn sie keine wahre Göttin ist und Spross
der Götter: Ihre beiden Augen spiegeln das Licht der Sterne. sie verscheucht
die Windfurien. ihr Antlitz macht den Himmel heiter und mit schmeichelndem
Munde besänftigt sie die Brandung. Geht weit weg. ihr Himmlischen! Verlasset unsere Lande! Argilla allein ersetzt Götter und Göttinnen zugleich."
4) L. 11. Fo. XI".
58
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
Deklamation, die durch den Melismenreichtum unbeholfen
wirkt und der dürftige schwerfällige Klang des Ganzen mit
seinen unvollkommenen Harmonieen, der Teilung des vier~
stimmigen Chores in zwei Unter~ und Oberstimmen, den
häufigen Bicinien, paarigen Imitationen und dem Bass, der
- in typisch niederländischer Weise - Melodiestimme ist.
Das zeigt auch die Betrachtung verschiedener Werke des
Meisters aus Attaignant's ersten zwei Motettenbüchern von
1534, die zum Teil schon fortschrittlicher sind 1). Vergleicht
man diese frühen Publikationen mit einem Spätwerke, etwa
der grossartigen Sammlung von Motetten und Madrigalen:
der .. Musica Nova" von 1559, so kann man ermessen, welch
ungeheuren Weg der niederländisch~venezianische Meister
zurückgelegt hat und wie schwer er sich alles hat erarbeiten
müssen. Welch ein Schritt schon von dem fast primitiven
.. Da pacem" zu dem vierstimmigen .. Pater peccavi" 2) der
Susato' schen Sammlung mit seiner vorbildlich schönen Klang~
lagerung, der weisen Einschränkung der Melismen, der muster~
haften Deklamation. der freien Struktur des Ganzen - Imi~
tationen finden wir nur andeutungsweise - der reichen
Harmonik, die sich durch ausgiebigen Gebrauch der Parallel~
harmonien auszeichnet. aber auch schon den Modulationsweg
im Quintenzirkel - etwa von H~ über E~ A~ nach D~dur 3)
- kennt.
Altertümlich und modern zugleich erscheint die fünfstimmige
Motette .. Creator omnium deus" 4): altertümlich durch die
Technik - Tenor und quinta pars folgen sich im strengen
Kanon in der Oberquart - modern durch Text~ und Klang~
behandlung. Der ausgezeichnete Textvortrag erstreckt sich
bis auf den Kanon selbst. der ganz dem Rhythmus der Worte
gehorcht. Nur stellenweise übernehmen die freien Stimmen
Kanonmotive. Das Ganze ist klanglich~harmonisch konzipiert,
J) Herr Prof. A. Smijers, der die Neuausgabe dieser Motettensammlung
besorgt, gewährte mir Einblick in die Korrekturbogen, wofür ich ihm zu
herzlichem Danke verpflichtet bin.
2) L. I. Fo. XVI".
3) Die Harmonien sind entsprechend der Chiavetteumschrift angegeben.
Die betreffende Stelle befindet sich am Schluss der prima pars auf die Worte:
.. Fac me sicut unum."
4) L. XII. Fo. XIV",
ORLANOO DI LASSO's
59
nicht polyphon~kontrapunktisch, Der Bass ist Träger der
Harmonie. die auch hier die Kennzeichen von Willaert's
harmonischem Stile trägt: reichen Gebrauch der Parallelen
und Zwischendominanten.
Durch dieselbe Verbindung altertümlicher Technik und
moderner Wort~ und Klangauffassung zeichnet sich die fünf~
stimmige Klagemotette : .. Aspice domine. quia facta est deso~
lata civitas" I) von Benedictus Appenzeller aus. die für vier~
stimmigen Männerchor und einen Sopran gesetzt ist. Dieses
Werk ist über einen alten Chansontenor komponiert. dessen
Textanfang .. Tart ara mon cueur sa plaisance" 2) in der
Tenorstimme neben dem durchlaufenden lateinischen Texte
vermeldet ist. 3) Der Bass ist weithin Harmonie~ und Grund~
tonträger. Die vier tiefen Stimmen geben einen warmen
Klanguntergrund für die ausdrucksvollen Melismen der Ober~
stimme. deren Führung aufmerksam den Worten angepasst
ist. Frei eintretende Dissonanzen (grosse und kleine Septim~
klänge). Mollharmonien. Sinken der Oberstimme bis in die
Altlage wirken zusammen. um das Trauerbild einer vom
Schicksal getroffenen Stadt zu geben. Bei den Worten .. plorans
ploravit in nocte" steigt der Bass bis zum ~ sonst fast nie
gebrauchten ~ D hinunter. Was den Komponisten veranlasst
hat. diesem Werke der tiefen Trauer eine Chanson melodie
zu Grunde zu legen 4). bleibt freilich rätselhaft. Man wird
wohl nichts anderes dahinter suchen dürfen als eine Anknü~
pfung an die alte niederländische Praxis. geistliche Werke.
in besondere Messen. über weltliche Liedmelodien zu schrei~
ben 5). wie wir dies im vorangehenden Kapitel andeuteten.
Obwohl Phalese seine Motettensammlung zur gleichen Zeit
1)
2)
L. XI. Fo. XI.
Vgl. S. 49 Anm. 7.
3) Von einer guten Textierung der Tenorstimme kann natürlich keine Rede
sein bei der künstlichen Anpassung der Chansonmelodie an einen lateinischen
Text und bei der ausserordentlichen Dehnung der Notenwerte. Hier ist also das
moderne Prinzip noch nicht wie bei Willaert bis zum Tenor vorgedrungen.
4) Appenzeller übernimmt den Tenor der Chanson .. Tart ara" genau Note
für Note. Er bringt ihn sogar in der Originalnotation im tempus perfectum im
Gegensatze zu dem tempus imperfectum diminutum der übrigen Stimmen, sodass
man ihn bei der Uebertragung in doppelt so lange Notenwerte auflösen muss.
5) V gl. die Deutung. die H. Be s sei e r in seiner .. Musik des Mittelalters . .. " S. 239 6'. gibt.
60
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
herausgibt wie Susato. sind die .. modernen" Werke aus seinem
Repertoire zweifellos jüngeren Datums. Zwischen ihnen und
den entsprechenden Motetten aus Susato's Sammlung müssen
mehrere Jahre liegen. An Phalese' Ausgaben lässt sich erken~
nen. dass die Wendung im musikalischen Schaffen. die sich
in Susato's Drucken kundgibt. von grundsätzlicher und blei~
bender Art ist und die spätniederländischen Meister zu ganz
grossen Schöpfungen geführt hat. Deutlich heben sich nun
die führenden Persönlichkeiten ab und wir können die in
Frage kommenden Werke in drei Hauptgruppen besprechen:
Motetten von Crecquillon. Clemens non Papa und Waelrant.
Um die Einheitlichkeit dieser drei Gruppen zu wahren. ziehen
wir für Crecquillon und Clemens non Papa wenige Motetten
heran. die Waelrant herausgegeben hat.
Von Crecquillon haben wir eine Reihe von Werken. die
sich durch den Textvorwurf als zusammengehörig erweisen.
Wir wollen sie als Staatsmotetten bezeichnen. Es sind einer..
seits die Werke. die Crecquillon zur Verherrlichung Karls V.
geschrieben hat. andererseits diejenigen. die über Krieg und
Frieden handeln. Den Grabgesang auf einen gefallenen Helden.
das .. Epitaphium Comitis Burensis" nehmen wir gleichfalls
in diese Reihe.
Im ersten Buche seiner Sammlung veröffentlicht Phalese
zwei Motetten von Crecquillon zum Lobe Karls V.: .. Carole
magnus erat ... Carolus ille. cui sua sors magni nomen habere
dedit. Tu vero hoc sis major ... " 1) und: .. Quis te victorem
dicat ... " 2). Wenn in diesen beiden fünfstimmigen Motetten
der Versuch. zu einer gedrängteren Schreibweise zu kommen.
noch in den Anfängen steckt. so findet man in einer sechs~
stimmigen Motette. die Waelrant herausgegeben hat 3). ein
Werk von grosser Knappheit und Schlagkraft. Der Text mit Vorbedacht so gewählt - besteht aus nur zwei Disti~
chen. 4 ) Die einzelnen Satzteile werden wohl wie immer wieder~
I) L. I. Fo. VIv.
2) L. I. Fo. VIIv vgl. S. 30. Anm. 2.
3) L. I. S. XXIV (die Numerierung nach Folio oder Seiten richtet sich
nach der Vorlage).
4) Caesaris auspiciis magni memoranda peregi: Africa Germanus Gallia
testis erit. Martia non potuit virtus depellere fatum: hic igitur iaceo fama
superstes erit".
ORLANDO DI LASSO's
61
holt. aber nicht mehr als zwei Mal. Das rankende Melismen~
werk - so kennzeichnend für den Stil der Gombertgeneration - ist kräftig beschnitten. Der grössere Teil des Textes
wird streng Silbe für Silbe vorgetragen. Das grosse Melisma
auf .. magni" am Beginn der Motette. das schwungvoll den
Raum einer None durcheilt. ist Sinnbild des .. Caesar magnus."
Aus den fliessenden Melodielinien formen sich jetzt kräftig
konturierte Themen und ausdrucksvolle motivische Gesten.
Angesichts der starken Akzente. der langen Reihen von punktierten Rhythmen und der vorwiegenden Syllabik möchte man
fast von einem geharnischten Deklamationstile sprechen. Am
Prinzip der Durchimitation hält Crequillon jedoch unverbrüchlich fest. Erst am Schlusse. wo die besiegten Nationen ihr
.. hic igitur jaceo" aussprechen. lockert sich der sechsstimmig~
polyphone Klang und tritt in zwei dreistimmige Halbchöre
auseinander. um sich dann wieder zur vollen. durch Homophonie unterstrichenen Sechsstimmigkeit zu vereinen. Die
Harmoniefolgen halten sich streng im nächsten Umkreis von
g-moll. Der Klang ist von besonderer Härte durch die Häufung von Dissonanzen und Vorhalten.
Dass dieser Klangstil Absicht ist. erhellt aus dem Vergleich mit der fünfstimmigen Motette .. Domine Deus conteris
bella" 1). die gleichfalls durch die Häufung von Dissonanzen
auffällt. Eine ganze Kette von Vorhaltdissonanzen (grosser
und kleiner Septimen~ sowie Nonen- und Septimenvorhalt
zusammen) versinnbildlichen die Härte des Krieges. 2) Die
strenge Deklamation wird hier noch häufig durch eingestreute
Melismen gelockert. Die Motive auf die Worte .. Hebe Deinen
Arm" und .. Wirf zu Boden" haben plastische Kraft.
Auch in dem .. Epitaphium Comitis Burensis" 3) - ein echter
Grabspruch der Renaissance in seiner Mischung antiker und
christlicher Elemente 4) - finden wir scharfe Vorhaltdissonan~
Phal. L. VIII. Fo. V. (steht auch in Susato's L. VIII. Fo. lXv).
.. bella" T. 25-27.
W aelr. L. 11. S. XVII.
4) Einerseits enthält er eine Anklage gegen die Parzen. die altrömischen
Schicksalsgöttinnen. und einen Vergleich des gefallenen Helden mit .. Maximus Emilianus" - dem Zerstörer von Karthago - andererseits wird der
Held nicht in den Olymp. sondern in Abrahams Schoss geführt.
1)
2)
3)
62
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
zen (grosse und kleine Sekunde. verminderter Dreiklang mit
Verdoppelung des Leittones) zur symbolischen Darstellung der
Todessichel. Aber durch weiche Harmoniefolgen in vollem
fünfstimmigem Satze (F';~P~C8~C8~g5~g5~d3~d3~PS~F8~CJ~C3) I)
wird der Friede in Abrahams Schosse versinnbildlicht. Der
Klang des Ganzen ist von ausserordentlicher Wärme und
Schönheit. die sich im zweiten Teile der Motette steigert.
Die Harmonik macht reichen Gebrauch von den Parallel~
klängen der Tonika und der Dominanten. Die Klänge erschei~
nen meist im Grundtonaufbau. Diesen Kennzeichen des neuen
Stiles gesellt sich der gute - oft syllabische - Vortrag der
Worte.
Einen Höhepunkt im Schaffen Crecquillon's bedeutet die
sechsstimmige Motette .. Congregati sunt inimici nostri .. 2).
Das Werk ist eine Zusammenfassung von drei Entwicklungs~
stadien der niederländischen Motette: der cantus firmus-Arbeit.
des durchimitierenden und des neuen Klang~ und Wortstiles.
Ihm liegt die liturgische Melodie des .. Da pacem" zugrunde.
die im ersten Teil durch den Tenor. im zweiten Teil eine
Quint höher durch den zweiten Sopran in den üblich langen
Notenwerten gesungen wird. Die fünf freien Stimmen sind
gebaut wie eine durchmitierende Motette mit eigenen Moti~
ven. die sich nur an den wenigen Stellen dem cantus firmus
angleichen. wo die Worte der Tenormelodie auch im Text
der freien Stimmen erscheinen 3). Zugleich aber ist dieses
ausserordentlich kunstvoll gebaute Werk eine Manifestation
des neuen Stiles. Mit höchster Eindringlichkeit und ausge~
zeichneter Wort betonung wird der Text vorgetragen. Bei der
Bitte um Vernichtung der Feinde begegnen wir wieder dem
geharnischten Deklamationsstile. jener Verbindung von Syl~
1) Die Zahlen bezeichnen die Lage der Oberstimme.
2) L. VII. Phal. Nr. XII.
3) Der Text lautet: .. Congregati sunt inimici nos tri et gloriantur in
virtute sua; contere fortitudinem illorum domine et disperge illos, ut cognoscant, quia non est alius, q u i pu 9 ne t pro no bis ni s i tu d e u s
nos t er". 2. pars: .. Tua est potentia tuum regnum domine tu es super
omnes gentes; da pacem domine in diebus nostris; creator omnium deus terribilis et fortis; justus et misericors, da pacem domine in diebus
nostris." (Angleichung der freien Stimmen an den Tenor findet an den durch
Sperrung hervorgehobenen Stellen statt).
ORLANDO 01 LASSO's
63
labik und prägnantester Rhythmik. Der Bass strebt deutlich
von der Funktion: Melodiestimme zur Funktion: Harmonie~
träger. Die überwiegende Anzahl Grundtöne ist hiefür symp~
tomatisch. Noch ist nicht das ganze Werk gleichermassen
harmonisch konzipiert - dazu ist die polyphone Bindung zu
stark - aber einzelne Teile - so das Mittelstück der prima
pars - tragen vorzugsweise klanglichen Charakter. Immer
wieder erscheinen jene gleitenden klangschönen Harmonie~
folgen - Verbindungen der Grundklänge mit ihren Parallelen
- die so kennzeichnend sind für den neuen Stil.
Wer einen noch offenSichtlicheren Beweis begehrt für Crec~
quillon' s Anschluss an den neuen Stil. der greife nach dem
Schluss der zweiteiligen Motette .. Domine deus exercituum",
die Waelrant im zweiten Buch seiner vierstimmigen Motetten~
sammlung 1) herausgegeben hat. Die Lobpreisung Gottes, des
Herrn der Heerscharen, des Schöpfers von Himmel und Erde
wird verbunden mit der Bitte um Rettung aus den Händen
der Feinde .. ut cognoscant omnia regna terrae, q u i a tue s
d e u s sol u s" 2). Diese letzten Worte werden in prächtiger
Klangfolge vorgetragen, die von C~ nach As~dur moduliert,
um in F~dur zu kadenzieren (N. b. 11). Diese Modulation, deren
schöner Aufbau und natürliche Auflösung bemerkenswert ist,
ist allerdings das kühnste Bekenntnis zum modernen Klangstil,
dem man bei Crecquillon begegnen kann.
Es ist ein weiter Weg von dem lyrisch~melodischen Stile
Crecquillon's bis zu dem dramatisch-konzentrierten Altersstil
seiner Staatsmotetten. Obwohl er die höchste kontrapunktische
Kunst entfaltet - der moderne deklamatorisch~harmonische
Stil ist es, dem er die neue Prägnanz, die rhythmische
Schwungkraft der Themen sowie die Fülle des Klanges ver~
dankt. Er hat mit diesen Werken einen Typus geschaffen in
einer Vollendung, die keiner seiner Altersgenossen in den
Niederlanden erreichte oder gar übertraf. Nur einer steht
ihm gleich - aber auf einem anderen Gebiet der Motettenmusik : Clemens non Papa. Sind Crecquillon's Werke Sinn~
1) S. 18.
2) Beachte die Aehnlichkeit zwischen dem Textschluss dieser Motette und
dem Schluss des ersten Teiles der Motette .. Congregati sunt"!
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
64
bilder des Staatsgedankens. wie er sich in der Person Karls V.
verkörperte. gibt er uns in seinen Kriegs~ und Friedens~
motetten zugleich ein Bild der äusseren Zerrissenheit des
Zeitalters. so führt Clemens non Papa uns mit seinen grossen
Psalm motetten und biblischen Szenen in die innere Welt seiner
Zeit und ihre religöse Unruhe und Aufgewühltheit. Es ist der
Ruf der Zeit. der in seiner sechsstimmigen Motette .. Deus
in adiutorium meum intende" 1) aufklingt: .. Hilf mir. 0 Herr!
Eile. mich zu stützen! Siehe. im Dunkel sitze ich; das Licht
des Himmels sehe ich nicht. Was soll ich Unglücklicher tun?
Wohin fliehen, wenn nicht zu Dir. mein Gott!" Eine unge~
wohnte melodische Eintönigkeit kennzeichnet dieses Werk.
die ihre Ursache hat in dem Streben. das Wort in rezitati~
vischer Eindringlichkeit hörbar zu machen. Daher die häufigen
Tonwiederholungen. die syllabischen Wortvortrag voraussetzen und die sparsamer gebrauchten Melismen umso ausdrucksvoller hervortreten lassen. Die klangliche Struktur des
Werkes steht im Zusammenhang mit der melodischen. Den
Tonwiederholungen entsprechen Klangwiederholungen. Über~
haupt hat das Werk den Charakter einer Klangstudie. Sieben~
mal bringt Clemens im ersten Teil der Motette den Bittruf
.. Domine ad adiuvandum me festina" in der Form eines
Rezitierens auf Klangsäulen, die nur leicht kontrapunktisch
aufgelockert sind. Er vermeidet jede harmonische Besonder~
heit. Aber wie gross wirken die wenigen Grundharmonien.
welche Abwechslung bedeutet der Wechsel von Dur und
Moll - zwischen zwei Durpartien am Anfang und dreien
am Schluss erscheint der Ruf zweimal in Mollharmonien. Die
Freude am reinen Phänomen des Klanges wirkt sich ebenso
im zweiten Teil der Motette aus, wo ein und dieselbe Har~
moniefolge (G5_d8_a 3_C8_G3) nicht weniger als zehnmal nach~
einander erscheint - darunter nur dreimal leicht variiert.
Das hiemit verbundene freie Duettieren zwischen den zwei
Sopranstimmen einerseits, den beiden Bässen andererseits
erweckt den Schein zweier korrespondierender Chöre. Dieser
Eindruck wird verstärkt am Ende dieses Teiles, wo sich auf
1)
L. VIII. Phal. X. Neudruck: Commer, Collectio ... I S.14.
ORLANDO DI LASSO's
65
die Worte .. ubi fugiam" ein -- wohl vom Text inspiriertes -enggeführtes Echospiel zwischen erstem und zweitem Sopran.
Tenor und Alt. erstem und zweitem Bass entfaltet. das auf
die folgenden Worte .. nisi ad te deus meus" fortgesetzt wird
und -- als Ganzes wiederholt -- den Abschluss der Motette
bildet.
Einer ähnlichen Erscheinung begegnen wir in der Motette
.. Iubilate deo omnis terra" 1). welche die gleiche Bezetzung
von zwei Sopranen. zwei Bässen. Alt und Tenor aufweist.
Hier findet auf die Worte .. introite portas eius" ein wechsel~
seitiges Imitieren im doppelten Kontrapunkte statt zwischen
erstem und zweitem Sopran. Tenor und Alt sowie erstem
und zweitem Bass. das gleichfalls die Illusion zweier sich
antwortender Chöre erweckt. Dies wiederholt sich in freierer
und ein thematischer Form im weiteren Verlaufe der Motette.
bis wir zum Schlussteil gelangen und feststellen. dass er sich
in fast wörtlicher Übereinstimmung mit dem soeben beschrie~
benen Schlussatze der Motette .. Deus in adiutorium ... " be~
findet. Das zeigt. dass die beiden Werke in unmittelbare
Nachbarschaft zueinander gehören. Man darf die feine Text~
beziehung zwischen den beiden musikalisch gleichlautenden
Stellen nicht übersehen. die wahrscheinlich den Meister ge~
leitet hat bei dem seltenen Vorgehen. zwei verschiedenen
und in sich selbständigen Werken denselben Schluss zu geben.
Das erstemal ist die Seele auf der .. Flucht zu Gott". das
zweitemal ist die Rede von dem. was sie bei Gott findet:
.. das ewige Erbarmen" 2). Das erste Werk gibt der tiefsten
Trauer Ausdruck. das zweite der frohen Zuversicht.
Was in diesen beiden Stücken angestrebt wird. findet seine
Vollendung in einem grossen achtstimmigen Chorwerke. das
die Heimkehr des verlorenen Sohnes -- ein von den Zeit~
genossen vielkomponierter Text -- zum Gegenstande hat 3).
Mit diesem Werke beschliesst Phalese seine hervorragende
Motettensammlung. Und es verdient diesen Ehrenplatz. Grösste
I)
2)
3)
L. VI. Phal. Nr. xv. Neudruck: Commer. Collectio ... III. S. 62.
.. in aetemum misericordia eius".
.. Pater peccavi" L. VIII. Nr. XIV. Neudruck: Commer. Collectio ...
I. S. 29.
66
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
kontrapunktische Kunst. gesättigter Klang. ausdrucksvolle
Harmonik und die neue architektonische Struktur des Ganzen
durch Gegenüberstellung von hohen und tiefen Klanggruppen
machen dies Werk zu einer der bedeutsamsten Schöpfungen
in seiner Sammlung. War in den bei den sechsstimmigen
Motetten das Auseinandertreten des einheitlichen Klangkörpers
in zwei Hälften noch unter der Oberfläche der polyphonen
Vollstimmigkeit vor sich gegangen. so geschieht es jetzt ganz
offen und unverhüllt. Die Worte .. vocari filius tuus" (1. pars)
werden im Wechsel durch einen hohen und tiefen vierstim~
migen Chor 1) gesungen. Der zweite Chor setzt erst ein.
wenn der erste abkadenziert. Die Wiederholungen werden
nicht mehr durch Engführung verhüllt. Während der eine
Chor singt. schweigt der andere. Genau demselben Vorgang
begegnen wir bei den Worten .. fac me sicut unum" 2). .. ex
mercenariis tuis" 3) und .. abundant panibus" ;,) (2. pars). Der
zweite Teil der Motette wiederholt den Schlussatz des ersten
.. fac me sicut unum ... ". so dass das Stück im Ganzen acht
"doppelchörige" Partien aufweist.
Um den harmonisch-modernen Stil zu kennzeichnen. genügt
es. eine Stelle zu zitieren. die wunderbar ist im achtstimmigen
Klang der ineinander gleitenden Harmonien - Ausdruck der
Seelenstimmung des heimkehrenden Sohnes. der in bitterer
Reue bekennt: .. Pater peccavi in celum et coram te". Die
Harmoniefolge bewegt sich von c~moll über Es-dur. B~dur.
d~moll. a-moll. C-dur. g-moll. B~dur nach F-dur.
Nicht einwandfrei gelungen ist die Deklamation in diesem
Werke. Wir müssen uns darüber klar werden. dass die
Beachtung des Deklamationsrhythmus in einem kontrapunktisch
aufgebauten Werke ein kompositionstechnisches Problem
ersten Ranges darstellt. Es handelt sich darum. die Länge
der verschiedenen Töne nicht nur nach kontrapunktisch~imita~
1) 1. Chor: 1. und 2. Sopran. 2. Mezzosopran. 1. Tenor; 2. Chor:
1. Mezzosopran. 2. Tenor. 1. u. 2 Bass.
2) Hier sogar zweimal mit verschiedenen Motiven. Auch diesmal tritt
jeweils einer tiefen eine hohe Klanggruppe gegenüber. Die Wiederholung
findet eine Oktave höher statt.
3) Hier wird der achtstimmige Chor in zwei vierstimmige Chöre mit
gleicher Besetzung aufgespaltet.
ORLANDO DI LASSO's
67
torischen Gesichtspunkten zu bestimmen. sondern nun auch
nach der verschiedenen Silbenlänge der ihnen unterlegten
Worte. Nur so kann man begreifen. warum die Beachtung
des Deklamationsrhythmus den Spätniederländern auch nach
ihrer Zuwendung zum neuen Stil soviel Schwierigkeiten be~
reitet. dass wir kaum einem ihrer modern gerichteten Werke
begegnen. das nicht ungeschickte. ja falsche Betonungen
aufwiese I).
Im Zusammenhang mit den besprochenen Werken müssen
wir zu einer Beurteilung der siebenstimmigen Motette .. Ego
flos campi" 2) kommen. die sich von der unterscheidet. die
Bernet Kempers in seiner Arbeit über .. Clemens non Papa
und seine Motetten" gibt 3).. Auch dieses Werk weist Chor~
teilung auf. Am prägnantesten tritt sie in Erscheinung auf
die Worte .. Sicut lilium inter spinas" 4). Hier wechselt ein
dreistimmig~hoher Chor mit einem vierstimmig~tiefen. um dann
in voller Siebenstimmigkeit zusammenzutreten. Es ist Bernet
Kempers entgangen. dass andere Werke in anderer Weise
I) So deklamiert Clemens dreimal .. vocari filius tUus ". aber zum viertenmal in neuem kontrapunktischem Zusammenhange .. v6cari filius tuus" (1.
pars. T. 56-60).
2) L. VIII. Phal. Nr. XIII. Neudruck: Commer. Collectio ... I. S. 23.
3) Wenn wir uns im Folgenden kritisch mit dieser Arbeit auseinander.
setzen. so tun wir das im Bewusstsein der Verdienste ihres Verfassers.
der den Grund gelegt hat zur Erforschung des Motettenschaffens von
Clemens non Papa.
4) Bernet Kempers weist auf die interessante Tatsache hin. dass diese
Worte den Wahlspruch der .. Illustre lieve Vrouwe Broederschap" zu Her·
zogenbusch darstellen und er macht es auf Grund der nachgewiesenen Beziehungen von Clemens zu dieser Bruderschaft sehr wahrscheinlich. dass die
Motette der Bruderschaft gewidmet ist. Bis dahin können wir seiner Dar·
legung folgen. Wir nehmen auch gerne an. dass die betreffende Stelle der
Bruderschaft zuliebe so besonders hervorgehoben ist. Wenn aber Bernet
Kempers weiter folgert. dass hiemit der Gebrauch der homophonen Wechsel.
chöre erklärt sei. so ist das offenbar ein Fehlschluss. Er sagt hierüber
das Folgende (a. a. O. S. 34): ..... es leuchtete Verf. nie recht ein. warum
diese Worte so durchaus Dicht im Sinne Clements (er schreibt sonst fast nie
so akkordisch deklamierend) betont wllrden. Jetzt bringt Einsicht in die
Entstehungsgeschichte die Erklärung: .. Sicut lilium inter spinas" war und ist
noch der Wahlspruch der .. I. 1. V. Broederschap" zu Herzogenbusch .....
Aber die Frage lautet doch so: wie kommt es. dass Clemens zu dem neuen
Mittel des homophonen Wechselchores greift bei einer Stelle. die nach niederländischer Tradition gewönlich ganz anders - mit ausgehaltenen Harmonieen nämlich - vertont wird. Diese Frage kann nur in Zusammenhang
mit dem Ganzen der vorliegenden Motette und weiter im Zusammenhang mit
dem gesamten Motettenschaffen von Clemens und dem seiner niederländischen
Altersgenossen beantwortet werden.
68
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
dasselbe Mittel anwenden - das haben wir im Voran~
gehenden gezeigt - und dass die Motette "Ego flos campi"
eine Struktur aufweist. die sich überhaupt prinzipiell unter~
scheidet von der durchschnittlichen Haltung Clement'scher
Motetten. In ganz auffallender Weise spart Clemens in dieser
Motette mit Melismen. In der Hauptsache deklamiert er den
Text homophon~syllabisch und beobachtet fast durchgehend
den Deklamationsrhythmus der Worte auf das genaueste 1).
Homophonie und korrespondierende Teilchöre verbunden mit
echoartiger Wiederholung kennzeichnen aber nicht nur die
Stelle. die Bernet Kempers hervorhebt. sondern das ganze
Stück. Man kann diese Erscheinung so verstehen. dass die
Imitation der Einzelstimmen - altes Gesetz niederländisch~
musikalischer Gestaltung - zur Imitation von einzelnen Grup~
pen wird. die sich frei aus dem bisher einheitlichen Klang~
körper loslösen. Solche Gruppenimitationen finden statt auf
die Worte "sic amica mea" 2). "fons hortorum" 3) und "et
puteus aquarum viventium" 4).
Wir haben - so viel ist deutlich - mit einem Wandel
der motettischen Struktur zu tun. Das pausenlose Ineinander~
fliessen selbständiger Stimmen. das Überströmen aller Halte~
punkte. das kunstvolle Unsichtbarmachen jeder äusseren Form
war Strukturgesetz für die Motette der nachjosquinischen
1) Hierbei macht er von dem typisch modernen Mittel Gebrauch. dreiund mehrsilbige Wörter. bei denen der Akzent auf der drittletzten Silbe
liegt. in punktierten Rhythmen zu deklamieren. Man kann diese Erscheinung
als eines der sicheren Kriterien für den modernen Stil nur dann ansehen.
wenn sie nicht nur vereinzelt. sondern als Prinzip wahrnehmbar ist. Das
ist hier der Fall. Kein einziges drei- oder mehrsilbiges Wort mit Akzent auf
drittletzter Silbe tritt auf. das nicht ein oder verschiedene Male punktiert
deklamiert wird.
2) Erste Gruppe: 2. Sopran. 2. Tenor. 2. Bass: zweite Gruppe: 1. Sopran.
Alt. 1. Bass.
3) Der Gehörseindruck ist ein dreimaliges echoartiges Hin und Wieder
eines kurzen prägnanten Motivs. Er kommt zustande durch die kunstvolle
engführende Imitation zwischen 2. u. 1. Sopran. Alt u. 2. Tenor. 2. u. 1.
Bass. während der 1. Tenor. für den kein Partner mehr übrig bleibt. sein
Motiv allein wiederholt.
4) Diese Stelle ist mindestens so auffallend wie die andere wsicut lilium ... "
Der Gehörseindruck ist eine genaue Wiederholung einer überwiegend homophonen syllabisch deklamierten vollstimmigen Partie. In Wirklichkeit findet
eine genaue wechselseitige - also im doppelten Kontrapunkte geschriebene Imitation zwischen 2. u. 1. Sopran. 1. u. 2. Tenor. 1. u. 2. Bass statt. während
dieses Mal der Alt ohne Partner bleibt u. allein seine Partie genau wiederholt.
ORLANDO DI LASSO's
69
Generation. Was wir hier wahrnehmen, ist aber eine Rück~
kehr zum Josquin'schen Prinzip des architektonischen Aufbaus
und seiner Mittel: Chorteilungen, Wiederholungen, echoartige
Wirkungen, Gegenüberstellung hoher und tiefer Klanggruppen
und das alles auf der Basis eines mehr harmonisch als kontra~
punktisch entworfenen Satzes.
In anderen zeitgenössischen Werken treffen wir ähnliche
Erscheinungen an. Wir haben bereits auf den Schluss der
CrecquilIon' sehen Motette .. Caesaris auspiciis" gewiesen. Die
Stelle entspricht mit ihren beiden korrespondierenden Teil~
chören und der Zusammenfassung im Ganzchor der Vertonung
des Wahlspruchs der Bruderschaft, welcher Clemens seine
Hoheliedmotette gewidmet hat. Auch in der Komposition
des einzigen weltlichen Liebesliedes im Antwerpener Reper~
toire sind wir diesem Verfahren begegnet, den Höhepunkt des
Stückes durch Homophonie und Chorteilung hervorzuheben.
Zitieren wir noch eine Partie der sechsstimmigen Motette
.. Congregati sunt inimici" I) eines anderen niederländischen
Zeitgenossen: Josquin Baston. Der Chor ist mit zwei Sopranen,
Mezzosopran, Alt und zwei Tenören besetzt. Die durch diese
Besetzung gegebene Möglichkeit zu duettieren, Motive in
gleicher Lage hin und herzuwerfen, nützt Baston reichlich
aus. Aber auffallend ist die Stelle .. ut cognoscant, quia non
est alius, qui pugnet pro nobis". Baston bildet aus den sechs
Stimmen vierstimmige Teilchöre mit wechselnder Besetzung.
Und auch er benützt die Verbindung von syllabischer De~
klamation, Homophonie und Wiederholung in Wechselchören,
um dieses Kernstück des Textes hervorzuheben, Die Wieder~
holung findet eine Quint tiefer statt, hierauf wieder in der
Originallage, dann noch einmal eine Quint tiefer, um in der
Originallage zu kadenzieren, Als ganz ungewohnt für diese
Generation muss man es aber bezeichnen, dass die Wieder~
holung auf einen neuen Text stattfindet 2), Dass dieses Werk
als Ganzes dem modernen Stile angehört, beweist seine aus~
I) L. VIII. Phal. Nr. IX.
2) Der erste Teilchor singt .. quia non est alius". der zweite antwortet
.. qui pugnet pro nobis", Vgl. Bernet Kempers a. a. O. S. 38: .. Bei
element finden wir diese Wiederholung von ganz kurzen homophonen insichgeschlossenen Sätzchen mit neuem Text nie".
70
DAS ANTWERPENER MOTETIENBUCH
gezeichnete Deklamation I) und die klangliche Einkleidung der
Anrufung des Herrn 2).
Wir können die Besprechung von dem Anteil Clemens' an
der neuen Richtung nicht beenden. ohne eines Werkes zu
gedenken. das einen Gipfel der Ausdruckskunst im Schaffen
der Spätniederländer bezeichnet. Es ist die Szene aus dem
Johannesevangelium. wie Jesus den toten Lazarus wieder ins
Leben ruft. Schon die Struktur der sechsstimmigen Motette
.. Fremuit spiritus Jesu" 3) fällt auf. Durch das ganze Stück
zieht sich der vom zweiten Sopran ostinat wiederholte jeweils zwischen hexachordum molle und hexachordum naturale
wechselnde - Ruf Jesu' .. Lazare veni foras." Clemens baut
das Ganz~ nicht auf dem cantus firmus auf. sondern ordnet
ihn in den primären Entwurf des Ganzen ein. Die Notenwerte
des Ostinato werden nach Belieben verkürzt und verlänyert.
Die übrigen Stimmen sind weder an den cantus firmus noch
untereinander durch Imitation verbunden 4). Nur hie und da
tauchen leichte Andeutungen einer Na~hahmung auf. die aber
nie konstruktive Bedeutung bekommen. Wir haben also mit
einem freien Entwurf zu tun. in den der Auferweckungsruf
eingefügt ist. In der Führung der Oberstimme konzentriert
Clemens seine ganze melodische Kunst. Weiche ausdrucksvolle
Melismen wechseln mit rezitativähnlichen dem Tonfall der
Sprache abgelauschten Wendungen 5). grosse Intervalle (besonders auffallend wird der Quintschritt nach unten und oben
verwandt 6)) mit chromatischen Stellen zum Ausdruck des
Schmerzes (c-h-c-des-c-b-g-as-f-g-7)). Betrachten wir die ande1) Die Stelle "contere fortitudinem illorum" erinnert ganz an die schneidige Art. mit der Crecquillon dieselben Worte vertont. Auch hier wieder
die punktierten Rhythmen!
2) Die langausgehaltenen und durch Wiederholungen hervorgehobenen
Harmonieen bewegen sich von g-moll nach C-F-B-dur (Quintenzirkel).
3) L. II. Phal. NI'. XV (Schlussnummer).
4) Bernet Kempers sagt hierüber a. a. O. S. 43: .. Während in den
erstgenannten Motetten die Stimmen dem cantus firmus in keiner Hinsicht
tributpflichtig sind. haben sie in der letztgenannten (.. Fremuit ... ") ihre Selbständigkeit zum Teil eingebüsst". Das ist ein Irrtum. Das Stück beginnt
wohl mit einer Vorimitation des cantus firmus. ist aber in seinem weiteren
Verlauf keineswegs an ihn gebunden.
5) So bei der Frage Jesu' .. ubi posuistis Lazarum?"
6) Z.B. der suggestive Ruf Jesu' .. Lazare. Lazare!" (la la sol ut ut ut).
7) Auf diese merkwürdige Stelle werden wir sogleich zu sprechen kommen.
ORLANDO DI LASSO's
71
ren Stimmen. so wird deutlich. dass aller Ausdruck sich in
die Oberstimme geflüchtet hat. Die Mittel~ und Unterstimmen
sind nicht mehr gle!ichberechtigt. sie entbehren trotz stellen~
weiser melismatischer Eigenbewegung des melodisch~logischen
Zusammenhangs. Sie dienen vorzüglich der Klangfüllung. Der
Bass ist Träger des Grundtones und Fundament der Harmonie
geworden in einem Masse. wie das in Clemens' Werken vor
dieser Stilwende nie der Fall war.
Die Harmonik ist modern: einerseits durch den prinzipiel~
len Grundtonaufbau. der ein sicheres Kennzeichen des neuen
Stiles ist. andererseits durch den erweiterten Umkreis. Immer
wieder begegnen wir in den Werken der neuen Richtung
jenen gleitenden Harmoniefolgen. die durch die Verbindung
der dominantverwandten und der Parallelklänge zustande
kommen. Wir zitieren aus der vorliegenden Motette: G~C~
a~d~B~F 1);
F~d~B~Es~C~a~d~D43~g~B-F 2);
B~g~Es~C~F~d~B~
3). Das Revolutionärste jedoch ist die fol~
gende chromatische 4) Wendung: G43~c~f~b~Des~As~c_f56~As43~
As6~G43~C 5). eine Stelle. die wunderbar ist mit ihren langausgehaltenen Klängen und dem natürlichen Fluss der Modulation von c~moll zum Höhepunkt Des-dur und zurück nach
C~dur. Wie aber kommt die Modulation zustande. da doch
weder .. as" noch .. des" vorgezeichnet sind bei der bekannten
Scheu der Niederländer vor der Setzung der Akzidentien 1
Der Ostinatoruf -- sol mi mi mi fa re ut -- bisher immer zwischen
hexachordum molle und hexachordum naturale wechselnd.
wird hier plötzlich -- das einzigemal im Verlauf der ganzen
Motette - einen Ton tiefer transponiert. Er setzt auf bein
und lautet also: b~g~g~g~as~f~es. Gehen wir von den Tönen
des Ostinato als dem Sicherstehenden aus. so ergibt sich die
beschriebene Harmoniefolge aus den Gesetzen des Zusammen~
klanges mit unumgänglicher Notwendigkeit (N. b. 12). Anderer~
seits finden wir in dieser kühnen Modulation den Grund dafür.
F43~B~F~B~F4323
1) 2. pars. T. 25-30: .. lachrimatus est".
2) 1. pars, T. 5-10: .. fremuit spiritus Jesu".
3) Schluss der 2. pars: .. Lazare veni foras".
4) Bernet Kempers ist offenbar diese Stelle entgangen. Er schreibt a. a. 0,
S. 70: " ... es gibt in allen Werken elements keine einzige chromatische
Stelle ".
5) 1. pars, T. 66-72: n Et lachrimatus est Jesus".
72
DAS ANTWERPENER MOTETIENBUCH
warum Clemens den Wechsel zwischen den Hexachorden
unterbricht und den Ostinato an dieser einzigen Stelle einen
Ton tiefer transponiert. Hier wird evident. dass nicht der
cantus firmus das Ganze. sondern das Ganze den cantus firmus
beherrscht. Clemens benützt den geradezu raffinierten Einfall.
um ohne Akzidentiensetzung die chromatische Harmoniefolge
zu bekommen. Betrachten wir den Text. so erhält diese grossartige Freiheit ihren tieferen Sinn: sie soll das Weinen Jesu'
um den Tod des Lazarus darstellen 1).
Mit der Beschreibung des Stilwandels in den Werken des
Clemens non Papa haben wir zugleich den Altersstil des
Meisters charakterisiert 2). Bedeutsam ist der Gleichtakt. in
1) Es hat den Anschein. dass Clemens in der letzen Periode seines Lebens -- gerade die vorliegende Motette gibt Anlass zu dieser Vermutung -stark unter den Eindruck der genialen Spätwerke von Josquin kommt. Abgesehen von dem allgemeinen Stilwandel. der sich in Clemens' Spätwerken
zeigt und der eine starke Verwandtschaft mit Josquin's Auffassung von
Wort und Klang zeigt, wäre auf zwei bestimmte Werke hinzuweisen, die
man in die Ahnenreihe der Motette .. Fremuit spiritus Jesu" setzen darf. Ich
meine die beiden berühmten Davidklagen: .. Planxit autem David" (" Werken
van josquin des Pres" uitgeg. door Dr. A. Smijers: Motetten, Bundel
IlI, Nr. 20.) und .. Absalon fili mi" (Publik. ält. prakt. u. theor. Musikwerke.
herausg. v. R. Eitner Bd. VI, S. 57). Nur einige Andeutungen: In Clemens'
Motette finden wir jene fallenden Terzschlüsse, die für Josquin so charakteristisch sind, die Clemens aber gewöhnlich nicht verwendet. Der Anfang
des .. Fremuit spiritus" ... weist starke Entsprechungen auf zum Beginn von
Josquin's .. Planxit autem David ". Im Alt, Bariton und Bass finden wir das
Anfangsmotiv der Davidklage (sol sol mi ut) in geänderter Form (sol mi mi
ut) und Rhythmus wieder. Josquin führt im weiteren Verlauf der Komposition
in freier Weise den liturgischen Ton der Lamentationen (ut re mi fa mi re
mi: mi mi mi re ut re ut) ein (T. 55 ff.): ut re mi mi mi mi mi mi re mi
fa mi re mi ... Dasselbe tut Clemens (T. 6 ff.): ut re re re mi mi mi fa mi
re ut re mi ut ut. Den zweiten Abschnitt des Lamentationstones zitiert er bei
Jesu Frage: .. ubi posuistis Lazarum?" und am Beginn des zweiten Teiles:
.. Videns dominus flentes sorores Lazari" (mi mi re re re ut ut ut ut ut re
re ut). Die wunderbare und kühne Modulation, mit der Clemens Jesu' Weinen
ausdrückt, hat ihr erstes und frühestes Vorbild in Josquin's Motette .. Absalon
fili mi ". Hier wird -- ein genauer Parallelvorgang -- Davids Weinen um
Absalon (.. sed descendam in infernum plorans ") mit der folgenden Modulation zum Ausdruck gebracht: F- d- B- Es- c- As- Desö65 _ C~ 6545_ f65. Man
kann sich ein Bild von der gewaltigen Strahlkraft von Josquin's Genius
machen, wenn man bedenkt, dass etwa ein halbes Jahrhundert zwischen ihm
und Clemens non Papa liegt. Um die Jahre 1540--50 wird eine solche Fülle
seiner Werke neu aufgelegt, dass man fast von einer Josquinrenaissance
sprechen möchte. Welche Wirkung diese Josquinverehrung aut das zeitgenössische Schaffen und auf den hier beschriebenen Stil wandel gehabt hat, ist
heute noch nicht zu übersehen. Der Abschluss der Neuausgabe von Josquin's
Werken und eingehende Untersuchungen über das Schaffen der Spätniederländer werden in diese Frage noch Licht bringen müssen.
2) Hiemit ist die Frage von Bernet Kempers beantwortet a. a. O. S. 33:
ORLANDO DI LASSO's
73
dem si.ch der Stilumschwung bei Crecquillon und Clemens
vollzieht. Beide Komponisten. die sowohl qualitativ als quan~
titativ I) das Antwerpener Motettenrepertoire beherrschen.
scheinen bei der Stil wende führend vörangegangen zu sein.
Eine künftige Untersuchung wird unbedingt die beiden Meister
zusammen nehmen müssen, Vielleicht wird sie den vorläufi~
gen Eindruck bestätigen. dass Clemens -- in der früheren
.. lyrischen" Epoche seines Schaffens -- Crecquillon überlegen
ist. dass er ihn auch später noch übertrifft. was Intensität des
Ausdruckes angeht. dass aber Crecquillon wiederum seinem
Altersgenossen in den Werken der Spätzeit formal überlegen
ist durch die grössere Konzentration seiner Schreibweise.
Bevor wir Phalese verlassen. müssen wir noch eines Werkes
von Willaert Erwähnung tun. das den Beschluss des sechsten
Buches seiner Sammlung bildet. Es ist eine sechsstimmige
Komposition über den Text .. Creator omnium deus". den wir
bei Susato in einer anderen fünfstimmigen Vertonung des~
selben Meisters kennen gelernt haben. Auch diese Komposition
ist über einen Kanon gebaut: die sexta pars folgt dem Tenor
in der Unterquint. Wieder steht ein Werk des venezianischen
Meisters in niederländischer Umgebung als Musterbeispiel
des modernen Stiles -- das sechsstimmige Werk übertrifft das
fünfstimmige noch an reifer Schönheit und Fülle des Klanges
sowie an plastischer Kraft der Themen. Wie gemeisselt stehen
die syllabischen Motive auf .. terribilis et fortis" da -- und
im Gegensatz dazu weiches melismatisches Fliessen auf die
"Auch die Frage, ob innerhalb der Kunst Clements ein geistiges Wachstum
oder ein technischer Fortschritt zu beobachten ist, muss ungelöst bleiben. da
das Fehlen von genauen Angaben über die Entstehungszeiten der einzelnen
Werke deren chronologische Anordung unmöglich macht". Vorliegende
Arbeit erhebt nicht den Anspruch. die tiefgehende Wandlung im Schaffen
der Spätniederländer und die damit verbundene Frage nach dem Stilwandel
im Schaffen der einzelnen Persönlichkeiten erschöpfend zu behandeln. Sie
will nur durch klares Herausarbeiten der Stilkriterien den Grund legen für
die notwendige weitere Forschungsarbeit auf diesem Gebiete.
I) In Susato's Sammlung von 1546 ist Clemens mit 9. Crecquillon mit
14 Stücken vertreten: in seiner Sammlung von 1553 Clemens mit 52. Crecquillon mit 20 Stücken: in Phalese' Ausgabe Clemens mit H. Crecquillon
mit 21 und in Waelrant's Ausgabe Clemens mit 20. Crecquillon mit 9: in
seiner Ausgabe 4st. Motetten Clemens mit 9. Crecquillon mit 2 Kompositionen. Auf Clemens fällt fast der vierte. auf Crecquillon fast der achte. auf
beide zusammen mehr als der dritte Teil des ganzen Repertoires.
DAS ANTWERPENER MOTE'ITENBUCH
Worte .. iustus et misericors". Willaert's Reifestil ist gekenn~
zeichnet durch eine letzte Sorgfalt und meisterliche Ausarbeitung sowie durch eine weise Mässigung im Gebrauch der
modernen Klangmittel. Mit Tonika. Dominanten. Parallelen.
Leittonklängen und Zwischendominanten haben wir den Um~
kreis seiner Harmonik in den Grundzügen bestimmt. Aber
auf einzigartige Weise versteht er hieraus ein stets fesseln~
des klangschönes Ganzes zu entwerfen. Vorliegendes Werk
ist das einzige. das Phalese von Willaert zum Abdruck bringt.
aber es ist ein Werk der Reife. das den Stil des Meisters
beispielhaft verkörpert.
Während eine ganze Reihe der Werke von Clemens non
Papa und Crecquillon uns ein deutliches Bild von ihrem Rin~
gen um den neuen Still) geben. kann bei Hubert Waelrant
von einem Übergang keine Rede sein. Unter den V erleger~
komponisten im 16. Jahrhundert ist er einer der Begabtesten.
Er verfügt nicht nur - im Gegensatz zu Susato - über eine
ausgezeichnete Technik. sondern hat auch etwas Eigenes zu
sagen. Wohl ist in seinen Werken eine Entwicklung wahr~
zunehmen. aber in einheitlicher Linie. denn er steht von An~
fang an auf dem Boden des neuen Stiles. Das beweisen die
frühesten Arbeiten. die wir von ihm kennen: eine fünfstimmige
Motette .. Domine exaudi orationem meam" 2) und eine sechs~
stimmige .. Verba mea auribus percipe" 3). Sie sind im moder~
nen Deklamationsstile geschrieben. Ihre Themen zeigen jene
festumrissene Gestalt. die ihre Erscheinungsform dem neuen
Verhältnis zum Worte verdankt: dem Wunsch. das Wort
deutlich vernehmbar zu machen. den Tonfall nachzubilden. in
dem es gesprochen wird und es musikalisch sinnbildlich dar~
zustellen. Diese beiden Werke sind jedoch nur ein Beginn.
In ihrer harmonischen Struktur unterscheiden sie sich noch
wenig von den Werken im durchimitierenden Stil.
I) Die notwendige Raumbeschränkung veranlasst uns. eine beträchtliche
Anzahl von Werken des Clemens und Crecquillon - darunter die in Frage
stehenden Uebergangswerke - weiter von Benedictus. Crespel. Wismes u. a.
unerwähnt zu lassen. die gleichfalls dem modernen Stile zuzurechnen sind.
2) Psalmorum selectorum ... 4. 5. 6 v. Tomus I-IV norib. 1553 I. Montanus & U. Neuberus. Neudruck: Commer, Collectio ... I. S. 57.
3) L. III. Phal. S. XXVII (Schlussnummer). Neudruck: Commer. Collectio . " I. S. 63.
ORLANDO DI LASSO's
75
Auf der Höhe seines Könnens und seiner Ausdruckskraft
zeigen ihn erst die Motetten. die er in seinen bei den eigenen
Sammlungen veröffentlicht. Da ist vor allem das prächtige
sechsstimmige "Confitebor tibi domine. quoniam exaudisti
me" I). geschrieben für zwei Soprane. zwei Tenöre. Alt und
Bass. Anstelle der strengen Durchimitation tritt freie harmo~
nisch-bestimmte Polyphonie. die sich häufig dem homophonen
Stile nähert - nicht nur in der grossen Tripeltaktepisode
"exultemus et laetemur". sondern immer wieder im Verlauf
des Stückes. Einmal finden wir sogar wieder die Verbindung
von Homophonie. Chorteilung und Wiederholung 2). Auch
dieses Stück zeichnet sich durch den deutlichen. vorwiegend
syllabischen Vortrag der Worte aus. unterscheidet sich aber
von den beiden vorangehenden durch seine glanzvolle Har~
monik. Der Bass ist Grundtonträger. Der ganze Umkreis der
Tonika wird einbezogen. aber auch erweitert durch Modu~
lation 3). Das Stück ist ausserordentlich lebendig: auf eine
breite Eingangsimitation folgt die harmonische Entfaltung ver~
bunden mit leichtem Duettieren zwischen den beiden Sopranen
und anderen Stimmen. den Höhepunkt bildet die bewegte
Tripeltaktepisode und den Schluss ein jubelndes. straff rhyth~
misiertes Allelujah -- eine Art rhythmisch~motivischer Stretta.
die mit Austausch der Stimm paare wiederholt wird.
Dieser Freudenmotette stellt Waelrant zwei Trauermotetten
gegenüber. die zweifellos das Modernste sind. was im Antwer~
pener Repertoire zu finden ist. In ihnen ist bereits der chroma~
tische Stil bewusst gebraucht. Mit der Chromatik erreicht
Waelrant eine letzte Verfeinerung im melodischen Ausdruck.
eine letzte Schmeidigung und Biegsamkeit im Tonfall des
Sprechenden. Flehenden. aus seiner Bedrängnis Rufenden.
Zugleich bekommt die Harmonik etwas Schillerndes. Irisie~
rendes. das vor Waelrant bei keinem Niederländer zu finden
ist und sich in erstaunlicher Weise Lasso's Stile nähert.
Während wir bei den anderen Niederländern und auch bei
1) L. V. Waelr. S. XXIV.
2) .. et est mirabilis _ in oculis nostris."
3) Die Modulationen vollziehen sich hauptsächlich in der Richtung des
Quintenzirkels: A-D-G-C (.. et factus es "): E~-A-D-h-G-D-a-e (.. a domino
est factum istud. ")
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
76
Waelrant selbst 1) immer wieder jene Harmoniewiederholun~
gen antrafen. die die reine Klangerscheinung plastisch heraus~
arbeiten wollen. offenbart sich hier der entgegengesetzte Wille.
Klänge wie Farben ineinander überfliessen zu lassen und ihre
Grundbeziehung zu verunklären. Kennzeichnend hiefür ist.
dass die Kadenzen. die etwa in der Motette .. Et veniat super
me misericordia tua" 2) vorkommen. sämtlich in Trugschlüsse
münden 3). dass gerne von Wechselklängen - ineinander
Übergehen von gleichnamigem Dur und Moll - Gebrauch
gemacht wird. dass überhaupt an die Stelle logisch~harmoni~
scher Entfaltung plötzliche. unerwartete Rückungen treten: so
von H~dur in fallender Klangsäule mit klingenden Quinten~
und Oktavenparallelen nach A-dur 4). von a~ nach fis-moll 5)
und von fis~ nach a-moll 6). von D- nach Fis~dur 7). Aber das
Rezitieren auf Klangsäulen ist nicht ganz verschwunden. wir
finden es noch an Stellen. die der Komponist hervorheben
will. so auf die Worte .. verbum veritatis" 8) verbunden mit
der bekannten Folge von Dominant~ und Parallelklängen :
D8~D5~a3~C8_C5_G8. Genau dieselbe Klangfolge komponiert
Waelrant in der zweiten Trauermotette .. Afflictus sum et
humiliatus sum nimis" 9) auf die Worte .. (rugiebam) a gemitu
cordis (mei)" 10). Ein Parallelvorgang ist auch die Vertonung
der ersten Anrufung Gottes in den beiden Motetten: in der
ersten geschieht sie auf jene fallende Akkordsäule von H~ nach
A~dur 11). in der zweiten in klingender Dreiklangparallele von
H~ nach C-dur 12). In dieser letzten Motette verwendet Wael~
rant den Fauxbourdon zum Ausdruck des Schmerzes auf die
mannigfaltigste Weise: einmal über dem Orgelpunkt des aus~
In seiner Motette "Confitebor tibi domine."
L. IV. Waelr. S. XXIII.
Hier die Folge der Kadenzschlüsse : Fis~~-e; D43_C; E43_D; Fis 43_G;
E43_D; E.j"_A:>43_D. Die Tonartbezeichnungen werden für diese und die folgende Motette in Chiavettenumschrift wiedergegeben.
4) T. 10-11.
5) T. 36.
6) T. 31.
7) T. 20-21.
8) T. 54-58.
9) L. V. Waelr. S. VII.
1)
2)
3)
10)
11)
12)
T. 18-20.
T. 10-11.
T. 22-23.
ORLANDO DI LASSO's
77
gehaltenen Basstones I). einmal mit darüber gesetzter Ober~
stimme. zu der er sich in Vorhaltdissonanzen bewegt 2). einmal
halbchromatisch 3) und wo er nicht in reiner Form auftritt.
ist er doch oft das klangliche Grundgerüst. Die Herrschaft der
Oberstimme ist in beiden Werken unbestritten. Sie ist Die~
nerin von Wort und Ausdruck und meidet fast alles Melis~
mieren 4).
In merkwürdiger Weise kommt die Hingebung an das
Wort. die Waelrant' s musikalische Diktion kennzeichnet. in
der Wahl seiner Texte zum Ausdruck. Sie haben durchgehend
das menschliche Wort zum Gegenstande: die menschliche Rede
zu Gott in allen Stufungen vom einfachen Sprechen bis zum
flehenden Ruf. vom jubelnden Dank bis zum Aufschrei des
Verzweifelten. Blättern wir noch einmal die Motetten durch I
In der ersten heisst es .. Herr. erhöre meine Rede. mein Ruf
dringe zur Dir ... ··; in der zweiten .. Vernimm meinen Ruf.
lausche der Stimme meiner Rede..... Die dritte Motette ist
Ausdruck des Jubels. dass der Ruf erhört ist. In der vierten
bittet Waelrant .. lass meinem Munde nicht ferne sein das
Wort der Wahrheit zu allen Zeiten." In der fünften lesen
wir .. ich schrie auf aus der Bedrängnis meines Herzens. mein
Stöhnen ist Dir nicht verborgen."
Der Wandel im Textrepertoire der Motette ist von tiefge~
hender Bedeutung. Er spiegelt die Verlagerung des weltanschau~
lichen Mittelpunktes wieder. um den die Motettenmusik kreist.
War früher das göttliche Wort. die Heilgeschichte. die Anbe~
tung und Verehrung der göttlichen Personen. die Feier der
Feste im Zentrum gestanden. so verschiebt sich jetzt das
Schwergewicht auf die Seite des Menschen. der - aus seiner
Glaubenssicherheit aufgerüttelt und zutiefst beunruhigt - um
eine neue und unmittelbarere Beziehung zu Gott ringt. In den
szenischen Motetten wird uns immer wieder der Mensch in
')
2)
T. 9-10 (.. humiliatus sum "),
T. 12-13.
T. 32-34 (.. gemitus meus ").
In seinen zwei Büchern vierstimmiger Motetten veröffentlicht Waelrant
noch vier eigene Kompositionen, die eine weitere Bestätigung für seine einzigartige Beherrschung der modernen Deklamations- und Klangtechnik sind:
.. Videntes autem stellam" L. I. S. VII; .. Recumbentibus undecim discipulis"
L. I. S. X; .. Si peccaverit" L. 11. S. V; .. Venit fortior post me" L. 11. S. XXI.
3)
4)
78
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
seiner tiefsten Not vor Augen gestellt: Hiob, der verlorene
Sohn, die unschuldig zum Tode verurteilte Susanna, Rachel
klagend um ihre Kinder, die verlassene Dido, die vom Schick..
sal heimgesuchte Stadt und in zahllosen Beispielen der ver..
zweifelte Ruf des Psalmisten. Sie sind Sinnbilder der inneren
Situation einer Zeit, die aus den Fugen einer scheinbar sicher
gegründeten Welt gehoben wurde. So wird die Motetten..
musik vom Ausdruck einer singenden Gemeinschaft zum Aus..
druck des sprechenden Menschen, vom Klangsymbol einer
sicher in ihrer Glaubenswelt verankerten Gemeinde zum
Sprachrohr der suchenden Einzelseele.
Werfen wir einen Blick auf die Entwicklung, die die nie..
derländischen Meister bei der schrittweisen Aneignung des
modernen Stiles zurückgelegt haben: es ist ein schönes Stück
Weges von den vierstimmigen Tafelmotetten Crecquillon's
bis zu seinen sechsstimmigen Staatsmotetten, von der Hiob..
szene des Clemens non Papa bis zur Vertonung der Heimkehr
des verlorenen Sohnes und der Auferweckung des Lazarus, von
den ersten gut deklamierten Stücken Waelrant's bis zu seinen
chromatischen Motetten. Zugleich sehen wir, dass diese Ent..
wicklung in aufsteigender Linie von Susato über Phalese zu
Waelrant und in die unmittelbare Nähe Lasso's führt. Es
wird dem Leser nicht entgangen sein, dass Phalese' Samm..
lung die eigentlich zentrale Stellung einnimmt, während Susato
und Waelrant Anfang und Ende des Weges bezeichnen.
Beziehungen zwischen den niederländischen und
Venezianer Motettendrucken.
Bei der Betrachtung der modernen Werke im Antwerpener
Repertoire, begegnen wir mehrfach dem Namen des venezia..
nischen Altmeisters Adrian Willaert. Die Tatsache, dass seine
Motetten sich als erstaunlich reife und vollendete Beispiele
des modernen Stiles darstellen, um den seine Landsleute in
den Niederlanden erst noch ringen, veranlasst uns, auf sein
und seiner Schule Motettenschaffen näher einzugehen.
Eine der grössten und bedeutsamsten Publikationen Wil..
laert' s, die einen Blick über die Weite seines Schaffens ge..
ORLANDO DI LASSO's
79
stattet. ist die von seinem Schüler Francesco Viola bei Antonio
Gardano herausgegebene Sammlung von 33 vier~ bis sieben~
stimmigen Motetten. 22 vier~ bis sechsstimmigen Madrigalen
und 4 sechsstimmigen .. Dialoghi". Diese Sammlung betont ihre
moderne Einstellung schon durch den Titel .. Musica Nova".
Hierunter verbirgt sich aber - abgesehen von den welt~
lich~italienischen Stücken eine Fülle der verschiedenartig~
sten Werke: von cantus firmus~Arbeiten und streng kanonisch
gebauten bis zu ganz frei entworfenen Motetten. Die Samm~
lung wird eröffnet durch das vierstimmige. für tiefen Chor
geschriebene Werk .. Domine quid multiplicati sunt qui tribu~
lant me". in dem wir den Typus der modernen, von allen
technischen Bindungen befreiten Motette erkennen. Mit pein~
licher Sorgfalt sind alle Stimmen textiert. auf das genaueste
passen sie sich dem Rhythmus der Worte an; die Melismen
sind auf ein Mindestmass beschränkt; die Imitationen haben
sich zu biossen Andeutungen verflüchtigt; im homophonen
Tripeltakt schliesst das Werk, das sich auch durch seinen
klanglichen Aufbau und seine Harmonik 1) als modern zu
erkennen gibt. Als Beispiel für eine Gruppe anderer Werke
nennen wir die für sechsstimmigen Männerchor geschriebene
grossartige Klagemotette .. Aspice domine quia facta est deso~
lata civitas". Hat Benedictus Appenzeller denselben Text über
den Tenor einer alten Chanson komponiert, so baut Willaert
sein Werk über einem strengen zweistimmigen Kanon auf.
Trotz dieser Bindung ist die Motette ganz auf Ausdruck
angelegt: der dunkle gesättigte Klang des sechsstimmigen
Männerchores, die Vorzeichnung von zwei b. der Gebrauch
des düster klingenden f~moll und As~dur 2). das vorwiegende
Moll. die expressive Führung der Stimmen. die sich dem De~
klamationsrhythmus der Worte anschmiegt, der harmonische
Stil, der Willaert auf der Höhe seines Könnens und seiner
klanglichen Ausdruckskraft zeigt. beweisen das zur Genüge.
Die .. Musica Nova" vertieft und bereichert den Eindruck.
1) Vgl. die Tripeltaktepisode und das halbhomophone .. exurge domine .. "
im 2. Teil: G5_0_ a 6_D3_G8_GS_C3_a5_l)8_G5_0_F5_B5 a6-G~_O ..
2) Wir haben schon darauf hingewiesen. dass Trauer und Freude in der
Klangsymbolik der Renaissance ihren Ausdruck auch in der Wahl von
Kreuz- und Be-tonarten finden.
80
DAS ANTWERPENER MOTETIENBUCH
den wir von den ausgewählten Motetten Willaert's im Ant~
werpener Motettenrepertoire bekommen haben. Aber sie kann
uns keine Antwort geben auf die Frage nach der zeitlichen
Entstehung der Werke __ sie ist 1558 datiert I) -- so wenig
wie auf die andere Frage. wie weit der Einfluss Willaert's
und seines neuen Motettenstiles in Italien geht. Darum greifen
wir nach einer Sammlung. deren erstes und zweites Buch rund
zehn Jahre vor den grossen Antwerpener und Löwener Druk~
ken erschienen sind: den drei Motettenbüchern von Cipriano
de Rore. die A. Gardane in den Jahren 1544. 1545. 1549 her~
ausgegeben hat 2). Während das zweite Buch ausschliesslich
Cipriano de Rore gewidmet ist. finden wir im ersten und
dritten Buch auch Motetten von Willaert. Jachet (da Mantua).
Leonardus Barre. Zarlino. Francesco de la viola. Giovan
Nasco. Ferabosco. Pierreson. Gardane u. a. Der Hauptanteil
der drei Bücher fällt auf Cipriano de Rore 3).
Kennzeichnend für das venezianische Repertoire ist das
häufige Auftreten weltlicher Motetten. Wir finden in der
Sammlung eine Hochzeitsmotette von Jachet 4). zwei weltliche
Liebeslieder von de Rore 5). eine Reihe von Staatsmotetten
aus der Feder von Cipriano 6). Giovan Nasco 7) und Jachet 8).
der u. a. einen Lobgesang 9) auf -- die schnellen Pferde
seines Herrn. des Herzogs Gonzaga von Mantua verfasst und
schliesslich eine entzückende -- von Cipriano in Musik ge~
setzte -- Erzählung 10). wie Venus auf einem Streifzug durch
Italien vor dem Venusbild eines italienischen Malers in Tränen
I) Vgl. die Vorrede.
2) Cipriani Musici Eccelentissimi cum quibusdam aliis doctis authoribus
Motectorum .. Liber primus quinque vocum. Venetiis apud A. Gardane.
1544. - Cypriani Rore .. Motetta .. 5v. apud A. Gardane. 1545. - Il Terzo
Libro di Motetti a cinque voci di Cipriano de Rore [, de altri eccellentissimi
Musici nuovamente ristampato. con una buona gionta de Motetti nuovi.
Venetia A. Gardane. 1549.
3) Von seinen 33 Motetten sind vier zweimal abgedruckt: im 1. Buch von
1544 u. im darauffolgenden von 1545.
4) .. Formoso vermi formosa Camilla" L. I. Nr. V.
5) .. Pulchrior italicis formosa arzilla" L. II. S. X ... Despeream nisi sit
Dea vera" L. III. Nr. XII.
6) .. Itala que cecidit" L. 1. Nr. H.
7) .. Melpomene cantus" L. III. Nr. XI.
8) .. Iam nova perpetuo redeunt fulgentia vere regna .. " L. I. Nr. XVIII.
9) .. Enceladi ceique soror" L. III. Nr. XV.
10) .. Hesperie cum leta suas inviserat urbes" L. III. Nr. IV.
ORLANOO DI LASSO's
81
der Eifersucht ausbricht: Was nützt es. eine Göttin zu sein.
wenn die Irdischen meine Schönheit so Zug für Zug nachbilden
können I Schwerlich wird eine reizvollere Verherrlichung der
zeitgenössischen Malerei aus dem Munde eines Renaissance~
musikers zu finden sein. Im übrigen ist das Textrepertoire
durch den freien Ton des Hohen Liedes und vor allem durch
den persönlich~bekenntnishaften der Psalmen beherrscht.
Vertiefen wir uns in den musikalischen Stil der Werke. so
ergibt sich mit Sicherheit das Folgende: der moderne Dekla~
mations~ und Klangstil Willaerts liegt um 1540 in seinen
Grundlagen vollkommen ausgebildet vor. Dass er noch frü~
heren Datums ist. machen schon die vorliegenden Motetten~
bücher wahrscheinlich. Sie erfassen hauptsächlich die Werke
eines Kreises von Schülern. Freunden und Verehrern des
.. Adriano" - so nennt ihn die Sammlung kurzhin. Das ist
das Faszinierende an diesem Repertoire: ob wir ein Werk
von Cipriano. von Zarlino. von Francesco de la viola. Jachet.
Giovan Nasco. Leonardus Barre. Ferabosco studieren überall finden wir ein erstaunliches Niveau. eine vollkommeri
gefügige Technik vor. Hieraus darf man schliessen. dass lange
Lehrjahre vorangegangen sind. Man bekommt den Eindruck.
dass Willaert eine Lehrerpersönlichkeit von aussergewöhn~
lichem Format gewesen ist. Was in diesem Zusammen~
hange aber das Bedeutsamste ist: es unterliegt angesichts
dieser Veröffentlichungen aus dem Kreise Willaert's keinem
Zweifel mehr. dass Venedig die Geburtstätte des neuen Stiles
ist. Die neue venezianische Kunst hat nicht nur langsam ganz
Italien erobert. sondern strahlt aus bis nach den Niederlanden.
Alle Merkmale des Stilumschwunges in de~ Niederlanden
sind Kennzeichen des Venezianerstiles : die Herrschaft des
Wortes. seine peinlich genaue Deklamation. die tadellose
Textunterlegung in allen Stimmen. die Beschränkung der Melis~
men. die damit zusammenhängende schärfere Profilierung der
Themen. die freiere Behandlung der Polyphonie und ihr
klanglich~harmonischer Charakter. der harmonische Stil selbst.
dessen Wärme und Ausdruckskraft an die Farbenglut vene~
zianischer Maler erinnert 1). So reizvoll es wäre - wir müssen
1)
Allzu laut wird Willaert vom Ruhme seiner Doppelchöre verfolgt.
82
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
es uns an dieser Stelle versagen, näher auf die einzelnen
Meister und ihre Werke einzugehen. Der Venezianer Kreis
interessiert uns hier nur, insoweit er für das Schaffen der
Spätniederländer von Bedeutung ist. Wir begnügen uns damit,
einige Zitate aus verschiedenen Motetten zu geben, die be~
weisen mögen, dass die harmonischen Phänomene, die in
Verbindung mit dem allgemeinen Stilumschwung in den Nie~
derlanden wahrzunehmen waren, schon ein Jahrzehnt zuvor in
Venedig ein Kennzeichen der dortigen Klangsprache waren.
Zwei Erscheinungen waren es, die in den verschiedenartigsten
Abwandlungen und Vermischungen immer wieder auftauchten:
Verbindung von dominantverwandten und Parallelklängen
und Modulation im Quintenzirkel. Gerade diese beiden Klang~
wege lieben die Venezianer ganz besonders. Cipriano kom~
poniert das Lob des Herrschers am Schluss seiner Motette
.. Itala que cecidit" auf die Harmoniefolge : G~C~a~d~B~
Es~c .. I), hervorgehoben durch Klangwiederholungen. Adriano
beschliesst seine Motette .. Laus tibi sacra rubens" 2) mit der
Harmoniefolge : G~C~F~d~g~C: C~g~B~d~C~B~F~Es~c~d~B~g~
a56~B56~A43~D .. Ferabosco lässt den ersten Teil seiner Mo~
tette .. Usquequo domine oblivisceris me" 3) in E~dur schliessen
und den zweiten von A~ über D~G~ nach C~dur weiter
modulieren. Auf die Worte .. secundum misericordiam tuam",
die den ersten Teil der Motette .. Omnia que fecisti nobis" 4)
beschliessen, moduliert Francesco de la viola so: A 43~d~D~
G~C~F~B~g~d~A. Cipriano vertont die Lobpreisung Gottes
im zweiten Teil der Motette .. Nunc cognovi domine, quia
verus est sermo" 5) auf die Klangfolge : F3~B5~g3~C5~a3~
Mindestens ebenso bedeutsam für die Geschichte der Musik war der neue
Motettenstil, ja schon die Entwicklung der harmonischen Logik allein, die
Josquin in die Wege geleitet und Willaert folgerichtig weitergeführt hat.
I) Genau denselben Weg - aber in umgekehrter Richtung - geht Clemens
non Papa in der Motette" Pater peccavi": c-Es-B-d-a-C-g .. (VgI. S. 66).
2) L. I. Gard. 1544. S. XI-XII. Diese Motette ist offenbar der Basiliuskirche von Brügge gewidmet, (2. pars: "Basilij felix edes felicia b r u g e
menia .. "). Sie weist darauf hin, dass Willaert auch in seiner Venezianer
Zeit noch Beziehungen zu seiner Heimatstadt unterhielt. Vielleicht hat er das
Werk auf einer seiner niederländischen Reisen - etwa 1542 - der Basiliuskirche als Geschenk angeboten.
3) Ebenda S. XXV.
4) L. III. Gard. Nr. VII.
5) L. 11. Gard. 1545. S. XXXVI-XXXVII.
ORLANDO DI LASSO's
83
In seiner Venuserzählung versinnbildlicht er die
stürzenden Tränen der Göttin durch Abwärtsbewegung aller
Stimmen auf folgende Harmonieen: C-a~F~d-B-g-d.
Es bedarf in diesem Zusammenhange keines besonderen
Beweises mehr. dass die strukturelle Wandlung. die wir in
Verbindung mit dem allgemeinen Stilwandel bei den Spät~
niederländern - insbesondere bei Clemens non Papa wahrnahmen: jene fortschreitende Lockerung des Klangkörpers
durch duettierende Stimm paare bis zur Teilung in zwei Gegen~
chöre gleichfalls ihren Ursprung in Venedig und seiner Praxis
der .. cori spezzati" hat.
Zwischen den Antwerpener und Venezianer Motettbüchern
bestehen auch im Einzelnen Beziehungen. die wir wenigstens
andeuten wollen. Die sechsstimmige Staatsmotette des Crecquillon zur Verherrlichung der politischen Taten Karls V .
.. Caesaris auspiciis" hat ihren Vorläufer in Giovan Nasco's
fünfstimmiger Motette .. Melpomene cantus", die gleichfalls
Karl V. besingt. Hier herrscht derselbe strenge Sprachstil. der
Melismen nur selten und meist illustrativ verwendet und durch
seine Syllabik und die daktylischen Rhythmen auf mehrsilbige
Worte den thematischen Bildungen Prägnanz verleiht. Auch
in dieser Motette finden wir eine Andeutung von gegenchörighomophoner Deklamation bei der Nennung des fürstlichen I)
Namens im zweiten Teil der Motette.
Die sechsstimmige Motette Crecquillon' s .. Congregati sunt
inimici .. scheint von einer fünfstimmigen Motette aus dem
ersten Buche von 1544 2) inspiriert zu sein. Leonardus Barre's
.. Congregati sunt inimici" ist ein höchst eigenartiges Werk.
Es ist aufgebaut über dem Anfangsmotiv der liturgischen
Melodie .. Da pacem domine" (d c d f g f). das auf die Worte
.. in diebus nostris" jeweils eine Quint höher genau wiederholt wird. Die Stimme notiert am Beginn dieses Ostinato g.
Die gleichmässig in Breven hin schreitende Melodie wird also
das erstemal im tempus perfectum. das zweitem al im tempus
imperfectum gesungen. Die übrigen vier Stimmen. die symmeD5~G3_C8.
I) .. Carole flos croij". Die Motette ist möglicherweise zur Gehurtfeier
des Charles de Croy (geh. 1. Sept. 1549) komponiert. des Patenkindes von
Karl V .. der gleichfalls in ihr verherrlicht wird.
2) S. XIV.
84
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
trisch um den Tenor gruppiert sind, sind im tempus perfectum
-- eine in der Motettenmusik des 16. Jahrhunderts seltene
Erscheinung - und .. a note negre" notiert. Die .. note negre"
waren eine noch ganz junge Errungenschaft der Madrigal~
musik, die also bereits so früh auf die Motette übertragen
wurde. Der Ursprung dieser merkwürdigen Verbindung spät~
mittelalterlicher mit modernster Technik liegt offenbar in der
symbolischen Absicht des Komponisten, mit den kleinsten
Notenwerten und der rhythmischen Unruhe der .. note negre"
das Gewimmel der Feinde, durch die Ruhe und Gesetzmässig~
keit des Tenors aber den Frieden darzustellen, der in Gottes
Hand liegt. Die vier Aussenstimmen sind durch freie Imitation
eigener Motive miteinander verbunden. Trotz der strengen
Bindung gibt Barre ein erstaunlich schönes warmes Klang~
ganzes auf der Grundlage der modernen Harmonik. Alle
Stjmmen sind mit peinlichster Sorgfalt deklamiert. Bezeichnend
ist das fast völlige Fehlen von W ort~ und Satzwiederholungen
ausser am Anfang und am Ende. Die Textierung der kurzen
Notenwerte (Semiminimen) erzeugt eine Art ParlandostiI. der
durch den sparsamen Gebrauch der Melismen an Eindring~
lichkeit gewinnt. Das Werk -- entworfen mit mathematischer
Strenge, ausgearbeitet mit der Konzentration und der Sorg~
falt eines Miniaturisten - ist ein Kabinettstück venezianischer
Motettenkunst mit ihrer kennzeichnenden Mischung von
handwerklicher Treue und artistischer Virtuosität. Man kann
begreifen, dass es auf Crecquillon einen ungewöhnlichen Ein~
druck gemacht hat. Jedoch steht Crecquillon' s Werk offenbar
auch unter dem Einfluss der sechsstimmigen Motette .. Creator
omnium" von Willaert. Er verbindet nämlich den Text .. Con~
gregati sunt", der im ersten Teil vertont ist. mit dem Text
.. Creator omnium". der genau in der Willaert' sehen Fassung
den Beschluss des zweiten bildet 1). Crecquillon deutet aus~
1) Genau genommen handelt es sich um eine Verbindung von nicht
weniger als vier Texten (vgl. S. 62. Anm. 3): 1.) Congregati sunt (1. Teil)
2.) Tua est potentia (2. Teil. 1. Hälfte) 3.) Creator omnium (Schluss des 2.
Teiles) 4.) Da pacem (Tenor). Das Ganze wird nicht nur musikalisch. sondern
auch sinngemäss durch den Tenor zusammengehalten. Alle Texte laufen auf
den Da pacem-Text aus. Weitere Anspielungen an liturgische Melodien etwa an die Antiphon: Tua est potentia (Liber antiphonarius pro diurnis
horis. Romae 1924 S.551) - sind nicht vorhanden.
85
ORLANDO DI LASSO's
drücklich auf Willaert's Werk hin, indem er die Anfangstöne
von dessen Kanonmelodie bei der Vertonung der Worte
.. creator omnium" zitiert 1).
Ein bedeutsames Dokument für die Begegnung der Nieder~
länder mit den Italienern haben wir im dritten Buch von
Cipriano's Motetten. Schon das erste Buch von 1544 brachte
eine niederländische Motette: .. Ave sanctissima Maria" von
Cornelius Canis 2). Es war das einzige Werk eines N ieder~
länders und schien wie durch Zufall in die Gesellschaft der
Italiener und Franzosen 3) gekommen. Aber das dritte Buch
zeigt, dass man sich in Italien wirklich für die niederländischen
Zeitgenossen interessiert. Es enthält zwei Werke von Crec~
quillon, ein Werk von Clemens non Papa und eines von
Josquin Baston. Andererseits hat man in den Niederlanden
Kenntnis von dieser Veröffentlichung genommen. T. Susato
druckt zwei Werke aus diesem Buche nach: das fünfstimmige
.. Creator omnium" von WilIaert 4) und - wie wir zu unse~
rem Erstaunen entdecken - unter dem falschen Namen von
Joannes Louwys das weltliche Liebeslied .. Despeream nisi sit
dea vera" von Cipriano de Rore 5). Wie Susato zu der
Namenverwechslung kommt, bleibt schleierhaft. Die beiden
Redaktionen des Werkes gehen in Kleinigkeiten auseinander.
Susato setzt im Gegensatze zu Gardane keine Akzidentien, er
ändert häufig die Klauselendungen und fügt der quinta pars fünf
Töne hinzu, um einen gemeinsamen fünfstimmigen Abschluss
I) Willaert' s Kanonmelodie beginnt: d e f g g e f d: Crecquillon zitiert
d e f 9 9 f d. Solche Zitate kommen auch sonst vor. Gardane veröffentlicht
im ersten Motettenbuch von 1544 zwei Kompositionen über denselben Text
(" Tribularer si nescirem ") von Jachet und Cipriano hintereinander. Im 1.
Teil seiner Motette zitiert Cipriano das Anfangsmotiv des zweiten Teiles
der Motette von lachet (a dca) eine Quart tiefer. Auch Zitate einer liturgischen Melodie kann man häufig finden. Besonders beliebt ist das "Salve
regina ", dessen Anfangsmotiv T. Susato in seiner Begrüssungsmotette an
die Stadt Antwerpen (" .. salve Antwerpia "), Manchicourt in seiner Widmungsmotette an Perenotto (2. Teil: "Salve pontificum iubar ") und Zarlino
in seiner Hoheliedmotette Adiuro vos filie" (L. III 1549 Nr. IX) zitieren letzterer mit symbolischer Absicht bei der Stelle" Que est ista, que ascendit".
Auf das Zitat des Lamentationstones bei )osquin und Clemens non Papa haben
wir bereits hingewiesen, auch auf Clemens' Zitat von Josquin's "Planxit David".
2) S. XVIII.
3) Certon, Iarsin u. Ihan de Billon sind mit je einer Motette vertreten.
4) L. XII, Fo. XIV'", bei Gardane (L. III. 1549) die SchJussnummer,
5) S. XXIII: vgl. die Besprechung dieses Werkes S. 57.
H
86
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
zu erzielen, vor allem aber gibt er an einigen Stellen einen
anderen und -- das ist das Merkwürdige -- einen besseren
Text I). Bedeutsam ist auf jeden Fall die Feststellung, dass
ausser den fünf Motetten von Willaert auch eine Motette
von de Rore im Antwerpener Repertoire zu finden ist.
Bezeichnend ist die Auswahl, die Gardane unter den nieder~
ländischen Motetten getroffen hat. Er sucht nach dem, was
italienischem Geschmack und Stil am meisten entspricht. Von
Clemens non Papa wählt er die Hiobszene 2), die den Meister
auf der Höhe seiner klanglichen und melodischen Ausdrucks~
kraft zeigt, aber noch vor der Wendung zum modernen Stile,
das beweist die ausserordentlich ungeschickte Textierung. Es
ist geradezu rührend, zu sehen, wieviel Mühe Gardane sich
gibt, um die schlechte Deklamation in den verschiedenen
Stimmen zu verbessern. Der Vergleich mit Susato's Fassung
ist sehr aufschlussreich. Gardane erlaubt sich noch tiefere
Eingriffe in die Komposition als wir das an anderer Stelle 3)
bei Waelrant's Versuch, eine Motette von Crecquillon besser
zu textieren, wahrgenommen haben. Er spaltet grosse Noten~
werte in kleinere, zieht kleine zu grossen zusammen, löst
Ligaturen auf und fügt neue Ligaturen ein, streicht kleine
Figuren und bringt anderweitig wieder neue an. In ebenso
resoluter Weise hat er schon im ersten Buch die Redaktion
und Textierung der Marienmotette von Cornelius Canis be~
sorgt 4).
I) Während Gardane die Worte .. Ventorum furias abigit" auf ein neues
Motiv wiederholt, fährt Susato im Texte fort .. Coelumque serenat vultibus",
was sowohl deklamatorisch als ausdrucksmässig weit besser zur Musik passt.
Statt Gardane's unverständlichem .. et blando mitigatio fretu" textiert Susato
sinn voll und deklamatorisch besser .. et blando mitigat ore fretum". Wie
es kommt, dass Susato eine bessere Textierung eines venezianischen Werkes
gibt als Gardane, kann mit Sicherheit nicht gesagt werden. Gardane gibt
auf dem Titelblatt ausdrücklich an, dass das Motettenbuch von 1549 ein
Neudruck ist (vgl. S. 80, Anm. 2.) - damit wäre auch der grosse Abstand
1544-45-49 begründet. Es wäre immerhin möglich, dass der Erstdruck die
richtige Textierung dieser Motette gebracht und Susato sich an ihn gehalten
hätte. Man könnte dann wohl annehmen, dass die niederländischen Werke
erst in der 2. Auflage hinzukamen u. Gardane sie meinte mit der Bemerkung
.. con una buona gionta de Motetti nuovi".
2) Nr. III. Vgl. S. 55.
3) V gl. den .. Beitrag zur Frage der Deklamationsrhythmik " a. a. O.
4) Das zeigt der Vergleich mit der Fassung in Susato's L. VII. Eccl.
cant. Fo. XII.
ORLANDO DI LASSO's
87
"Crechillon" ist mit zwei Werken vertreten 1), in denen er
sich offensichtlich Mühe gibt, die Melodie nach den neuen
Grundsätzen den Worten anzupassen. Die Verwirklichung
gelingt ihm noch nicht immer vollkommen. Es ist aber besonders bei der zweiten Motette - interessant zu be~
obachten, wie die Melodik sich bei diesem Versuche ändert.
Noch immer gibt es melismenreiche Stellen. Aber vielfach
machen die üblichen langen Melodiezüge kürzeren Motiven
Platz, die teilweise genau dem Wortrhythmus folgen 2). Die
ne\1en melodischen Gebilde verdanken ihre Festigkeit der
vorwiegend syllabischen Deklamation und den häufigen T on~
wiederholungen verbunden mit daktylischem Rhythmus. Crec~
quillon konzentriert sich so sehr auf die Deklamation, dass
Klang und Ausdruck ganz in den Hintergrund treten. Es ist
schon hier deutlich. dass Clemens und Crecquillon - rein
technisch gesehen - sich von verschiedenen Seiten dem
modernen Stile näheren: Clemens von der Seite des Klanges,
Crecquillon von der Seite des Wortes. Folgerichtig kommt
Crecquillon zu seinen streng geformten Staatsmotetten und
Clemens zu den gewaltigen Klangschöpfungen der Lazarus~
szene und seines "Pater peccavi".
Sehr merkwürdig ist ferner. dass Josquin Baston seinen
beiden grossen Landsleuten weit voran ist. Seine Motette
"Confitebor tibi domine" 3) zeigt. dass dieser niederländische
Meister schon im Jahre 1549 den modernen Stil der vene~
zianischen Schule vollkommen beherrscht. Klang. Ausdruck,
Textvortrag - alles ist ihm gelungen. Fast wäre man ver~
sucht, auch hier eine Namenverwechslung anzunehmen. Da~
gegen spricht aber zweierlei: Baston haben wir im Antwerpener
Motettenrepertoire als einen der Meister kennen gelernt, die
sich der neuen Richtung zugewandt haben. Bei genauer Be~
trachtung ergibt sich ferner eine weitgehende Ähnlichkeit dieser
Motette mit dem Stil der Didoklage von Willaert. Melodischer
1) .. Expurgate vetus fermentum" Nr. XVII: .. Dirige gressus meos
Nr. XVIII.
2) So das wiederholte .. dirige gressus meos··. n in semitis tuis". .. vide
domine ". .. et deduc me". .. doce me facere voluntatem tuam".
3) Nr. V.
88
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
Duktus, Klang und Harmonik weisen auf die Vorbildschaft
dieses Werkes hin 1). Nun hat Susato dies Werk bereits 1547
publiziert. So lässt sich Baston's Leistung begreifen 2).
Auf Grund der vorangehenden Darlegungen scheint mir die
Vermutung nicht ungerechtfertigt, dass die erste bedeutsame
Begegnung der Spätniederländer mit den Venezianern in das
Jahr 1549 fällt 3).
Noch ein Wort über Gardanes Ausgaben. Sie sind ein Be~
weis dafür, dass eine musikalische Bewegung ihren Widerhall
auch in der Art ihrer Herausgabe findet. Susato's Unachtsam~
keit dem Texte gegenüber spiegelt die Haltung des Musiker~
kreises wieder, den seine Sammlungen vertreten. Waelrant's
Reform ist Symptom des Stilwandels, der inzwischen vor sich
gegangen ist. Die Aufmerksamkeit, die der venezianische Kreis
dem Worte, der Textunterlegung und der Akzidentienfrage
widmet, findet ihren entsprechenden Ausdruck in Gardane' s
vorbildlich genauer Textierung und Akzidentiensetzung. Seine
Ausgaben lassen wiederum erkennen, dass Waelrant als Her~
ausgeber ganz unter seinem Einfluss steht.
Von Waelrant sagt eine alte Tradition, er habe bei Wil~
I) Die Ähnlichkeit geht bis in einzelne melodische und harmonische Wendungen. Ich zitiere: 1. pars T. 31-33 geht der Sopran von g' über a' h'
nach c" begleitet von der Harmoniefolge : e56-F_d.G_C. Bei Willaert T.
11-13 geht der Sopran gleichfalls von g' -c" auf die Harmoniefolge : G-CF-d-G-C. Aber auch andere harmonische Wendungen: a-d-G-C-F-B-F-g-a
usw. sind ganz in Willaert's Geist.
2) Immerhin schiene mir das Eine nicht ausgeschlossen. dass die Akzidentiensetzung. die etwa aus dem Anfangsthema e g a .. e gis a und aus e-moll.
a-moll usf. E-dur und A-dur machen. von Gardanes Hand stammen. Die
Akzidentien geben dem Klange einen besonderen Glanz. können aber überall
auch weggelassen werden. Auch sonst setzt Gardane die Akzidentien. wo
Susato und Phalese nichts vorzeichnen. so vor allem bei den Schlüssen.
Das ändert aber nichts an der Grundsätzlichkeit der modernen Haltung bei
Baston.
3) Schon Bernet Kempers hat auf die merkwürdige Tatsache aufmerksam
gemacht (a. a. O. S.33). dass Waelrant die Motette .. De Sancta Anna" von
Clemens. die sein Sammelwerk eröffnet ... 1549" datiert. Mit Recht nennt er
dieses Vorgehen .. sehr befremdend. ein ganz seltener Fall". Fassen wir alle
Umstände ins Auge - Waelrant's prinzipiell moderne Einstellung als Herausgeber wie als Komponist. die Tatsache des venezianischen Einflusses auf
die Niederländer. die erste Begegnung zwischen heiden Richtungen im Jahre
1549 - so scheint uns die folgende Annahme nicht zu kühn: Waelrant will
nicht nur die betreffende Motette datieren. sondern er gibt mit der Datierung
zu erkennen. dass er das Jahr 1549 für ausserordentlich bedeutsam hält u.
seine Sammlung unter den Stern dieses Jahres stellt.
ORLANDO DI LASSO's
89
laert in Venedig studiert 1). 1544 hat er sich in Antwerpen
niedergelassen. Angesichts seiner Tätigkeit als Komponist und
Herausgeber scheint mir ein Zweifel an dieser Tradition aus~
geschlossen. Ob seine Person zu der Begegnung zwischen
Niederländern und Italienern beigetragen hat, kann im ein~
zeinen nicht nachgewiesen werden. Im Ganzen hat er sicher
die moderne Bewegung beschleunigt.
Man hat bisher einen Einfluss der Italiener auf die Spät~
niederländer nicht angenommen, ja ihn sogar ausdrücklich
bestritten 2). Wir wissen von dem regen Handelsverkehr
zwischen Antwerpen und Venedig, von dem Einfluss vene~
zianischer Handwerkskunst und der italienischen Malerei auf
die Niederlande - und das schon im Beginn des Jahrhunderts.
Wir wissen ferner von der ausserordentlichen Musikliebe in
den Häusern gerade der Männer, die mit dem Auslande in
dauernder Beziehung standen: der Patrizier, der Bankiers und
Kaufleute in Antwerpen 3). Antwerpen aber war die inter~
nationalste Stadt der Welt im 16. Jahrhundert. Es beherbergte
unter anderen eine bedeutende italienische Kolonie. Vollkommen natürlich fügt sich in dieses Gesamtbild der Austausch
von Musikwerken zwischen Antwerpen und Venedig, der
uns durch Susato's und Gardane's Drucke bezeugt wird sowie
der Einfluss, der um 1550 von der venezianischen auf die
niederländische Musik ausstrahlt.
1) Vgl. u. a. Edm. v. d. Straeten. La musique aux Pays-Bas. Tome
VI. 1882. p. 268. der dieser Tradition die folgenden skeptischen Worte
widmet: .. Waelrant a-t-il ete s' instruire aupres de Willaert ä Venise? Rien
de bien certain ä cet egard. Reservons notre jugement et laissons provisoirement ä Fetis la responsabilite de ce qu'il avance. .. Le fait. dit-il, parait
certain ". Certain, d' apres qui ou quoi?"
2) So sagt Bernet Kempers (a. a. O. S. 31), dass .. Willaert für die Kunst
Oements am wenigsten in Betracht" komme. An anderer Stelle (S. 24) betont er das Fehlen von italienischen Einflüssen bei Clemens.
3) Verf. behält sich vor, in einer besonderen Studie über das .. Musik·
leben in Antwerpen" hierüber mehr mitzuteilen.
90
DAS ANTWERPENER MOTE'ITENBUCH
Die Beziehungen zwischen Lasso's Motettenbuch
und den niederländischen und venezianischen
Motettendrucken.
Die Grundlagen von Lasso's musikalischem Sprach~ und
Klangstil sind in der venezianischen Motettenkunst vorgebildet.
Die Beziehungen Lasso' s zu den Venezianer Drucken sind
rein stilistischer Natur und bedürfen nach der vorangegan~
genen Analyse keiner weiteren Ausführung. Anders steht es
mit den Beziehungen zum niederländischen Repertoire. Hier
wird uns ein eingehender Vergleich beweisen, dass Lasso' s
Buch in Antwerpen entstanden ist.
Schon Titel und Widmung haben in den niederländischen
Publikationen ihre Vorgänger. Der Titel kündigt uns fünf~
bis sechsstimmige Motetten an. Fünf~ und Sechsstimmigkeit
sind im Antwerpener Repertoire die Regel. Lasso widmet
sein Werk Antonio Perenotto. Diesem Manne ein Werk der
Kunst oder Gelehrsamkeit zu widmen, scheint in den N ieder~
landen sehr üblich gewesen zu sein. Susato dediziert seine
riesige Sammlung .. Ecclesiasticarum cantionum ,. dem .. Reve~
rendissimo Atque Illustri domino D. Anthonio Perenoto Epi~
scopo Atrabatensi S. Cesareae Majestatis consiliario status
primario. Sigillorumque servatori ". Manchicourt widmet sein
Motettenbuch I) gleichfalls Antonio Perenotto und betont in
der Vorrede, dass die meisten Künstler und Gelehrten der
Zeit ihre Werke Perenotto widmen 2).
Manchicourt ist Lasso auch in der Komposition einer
Widmungsmotette 3) an Perenotto vorangegangen. Die bei den
Werke verkörpern in beispielhafter Weise den alten und den
neuen Motettenstil 4). Dass dennoch Lasso flüchtig andeutend
am Beginn seiner Motette Manchicourt' sAnfangsthema zitiert
1) L. V. cant. sacr. 5 & 6 v ... Lov. apo P. Phalesium. 1554.
2) .. Cum plerosque mortaleis ingenuarum artium studiosos. partim suas partim aliorum lucubrationes ... tibi Reverendissime praesul. velut omnium studiosorum praecipuo fautori ac patrono certatim dedicare animadverterem ... "
3)
.. 0 decus. 0 patriae lux .. Antoni. ." L. V. cant. sacr... Phalese No. 1.
4) Nicht alle niederländischen Komponisten schliessen sich der neuen Richtung an. Dafür ist Manchicourt. der sich in der Vorrede zu seinem Motettenbuche Phonascus an der Kathedrale zu Tournay nennt. ein deutliches Beispiel.
Er lehnt den neuen Stil selbst da ab. wo er naturgemäss am Platze wäre:
bei Hohelied- und selbst bei Widmungsmotetten.
ORLANOO DI LASSO's
91
(a d d f: bei Lasso: a d d d f) ist ein Akt der Courtoisie dem
älteren Meister gegenüber.
Die Textwahl Lasso's zeigt weitgehende Verwandtschaft
mit dem Antwerpener Repertoire. Einer Hiobszene sind wir
bereits bei Crecquillon und Clemens begegnet. Die Lazarus~
szene sowie die Texte" Domine non est exaltatum cor meum" 1)
und "Domine probasti me" 2) hat schon Clemens komponiert.
Den Text" Heu mihi domine" 3) finden wir in der Vertonung
eines "incertus autor" bei Susato. Die beiden Karl V. ge~
widmeten Gesänge haben zahlreiche - wenngleich anders
textierte - Vorbilder. Der von Lasso zweimal komponierte
Text "Da pacem" findet sich gleichfalls in verschiedenen
Vertonungen in den niederländischen Drucken. die auch zwei
Fassungen des "Creator omnium" überliefern. das Lasso
komponiert hat.
Indem Lasso das "Da pacem" komponiert. reiht er sich
in eine alte niederländische Tradition ein. Seit der Wende
des 15. Jahrhunderts wurde dieser Text und die dazu gehörige
liturgische Melodie immer wieder Messen und Motetten zu~
grunde gelegt. Im Antwerpener Repertoire gibt es zwei V er~
tonungen des" Da pacem ". eine vierstimmige von Willaert 4)
und eine fünfstimmige von Benedictus 5). die beide die litur~
gische Melodie benützen. Dieselbe liegt auch der sechsstim~
migen Komposition Crecquillon' s "Congregati sunt" zugrunde.
Diesen Kompositionen schliesst sich Lasso an. wenn er das
"Da pacem - sogar zweimal - komponiert. Die erste
Motette 6) führt die liturgische Weise im Tenor und zwar
in der Art. wie sie Lasso auch künftig in cantus firmus~Kom~
positionen gebraucht: unverziert in gleichmässiger rhythmischer
Bewegung. meist in Semibreven. In der zweiten Komposition 7)
befreit er sich von den Fesseln des cantus firmus und lässt
1) Susato L. 11. 1546 Fo. VIII und L. VII. 1553 Fo. III.
2) Waelrant L. II. 1555 S. VI. Jedoch ist nur der Textanfang gleich.
Die Motette. die zu den modernen Werken des Clemens zählt. fällt durch
die sorgfältige Deklamation und den Klangausdruck auf.
3) L. VIII. Fo. XV.
4) Vgl. S. 57.
5) Phalese. L. VII. Nr. I.
6) G. A.. XIII. 350.
7) G. A.• XIII. 349.
92
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
die liturgische Melodie nur hie und da anklingen. Der alte
Kirchenton der gregorianischen Melodie hatte seiner Freude
an modulatorischer Harmonik Grenzen gesetzt. Jetzt kann
sich der neue Klangstil ungehindert entfalten und es genügt
auf den grossartigen Schluss hinzuweisen, der von Fis~dur I)
den ganzen Quintenzirkel herab: H~E~A~D~ bis G~dur modu~
liert, um über a-e~moll, H~dur in E~dur zu kadenzieren 2).
Dieses klangschöne Stück, mit dem er sein Buch abschliesst,
hat Lasso doch nicht bewegen können, das erste .. Da pacem"
auszuschalten. Zwei andere sechsstimmige Werke zeigen, wie
ernst es ihm ist mit dem Bemühen, den Anschluss an die
niederländische Tradition zu finden.
Seine Komposition der Auferweckung des Lazarus ist eine
Nachahmung des Clemens non Papa und seiner Behandlung
des gleichen Vorwurfes. Lasso übernimmt von Clemens die
sechsstimmige Chorbesetzung (zwei Soprane, Alt, Tenor, Bass:
nur statt des Bariton ein zweiter Tenor), die Gliederung in
zwei Teile und den Ostinatoruf (.. Lazare veni foras" sol mi
mi mi fa re ut). Während Clemens die Szene breit und
ausladend darstellt, bemüht Lasso sich um dramatische Knapp~
heit und Kürze. Die 83 Takte des ersten Teiles bei Clemens
zieht Lasso in 65 Takte zusammen, die 66 Takte des zweiten
Teiles in 56. Dass Clemens' Motette zu lang sei.- wie die
meisten Motetten dieses Meisters .- betonte schon Bernet
Kempers 3). Der Vergleich mit Lasso zeigt, welches die Ur~
sachen der Clemens'schen Längen sind. Beim ersten Einsatz
des Ostinato hält Lasso sich genau an die rhythmische Fassung
seines Vorbildes. Dann aber beginnt er rücksichtslos die
1) Die Tonartbezeichnungen sind in Chiavetteumschrift wiedergegeben.
2) Auf der Münchener Staatsbibliothek. die an Prachthandschriften und
Drucken Lasso'scher Werke so reich ist. liegt u. a. ein Chorbuch (Mus. Ms. 20).
das offenbar sofort nach Lasso' s Ankunft in München zum praktischen Gebrauch für die Kapelle angelegt wurde. Denn bis auf vier Stücke besteht
sein Repertoire aus den Werken des Antwerpener Motettenbuches. Es fehlt
darin die Widmungsmotette an Perenotto. Ausserdem genügte für den Gebrauch eine .. Da pacem "-Motette. Dass Lasso hiefür die zweite freie Komposition auswählte. mag man als ebenso kennzeichnend für ihn als für den
musikalischen Geschmack am Münchener Hofe ansehen. Ich möchte nicht
versäumen. an dieser Stelle Herrn Geheimrat Dr. Leidinger. der mir das
Studium der kostbaren Werke ermöglichte. herzlich zu danken.
3) A. a. O. S. 43.
ORLANDO DI LASSO's
93
Notenwerte zu kürzen. Clemens bringt im ersten Teil den
Ostinato siebenmal und braucht dazu einen Raum von 66 1/ 2
Takten: Lasso bringt ihn sechsmal in einem Raum von 48 Tak~
ten. Im ~weiten Teil bringt Clemens den Ostinato viermal
im Raum von 52 Takten. Lasso benötigt nur 51 Takte und
bringt den Ostinato sechsmal. Zählen wir zusammen. wie oft
einzelne Satzteile in den beiden Motetten auftreten 1). so
kommen wir im ersten Teil bei Clemens auf die Zahl 22. bei
Lasso auf 18. Im zweiten Teil bei Clemens auf 16. bei Lasso
auf 12 1/ 2 2). Zählen wir die melismatischen Töne der Ober~
stimme in den bei den Werken. so erhalten wir in Clemens'
erstem Teil die stattliche Summe von 86. bei Lasso nur 29;
im zweiten Teil hingegen finden wir bei Clemens nur 33.
bei Lasso 32 vokalisierende Töne 3). Der erste Teil hat den
Schmerz Jesu' über den Tod des Lazarus. der zweite Teil
die Auferweckung zum Gegenstand. Der erste Teil ist mehr
lyrischer. der zweite mehr dramatischer Natur. Die zahlen~
Q1ässigen Feststellungen ergeben. dass Clemens diesen Unter~
schied deutlich fühlt und ihm gerecht zu werden versucht.
dass Lasso ihn aber auch im zweiten Teil noch an Konzen~
tration und Kürze übertrifft. Lasso verrät seine dramatische
Auffassung weiterhin durch die Führung der Oberstimme.
Vom einfachen Ton der Rede (.. veni et vide ") und Frage
(.. ubi posuistis ...") bis zum Weinen (ausdrucksvolles Melisma
auf .. lacrimatus est" T. 49ff.). Schreien (.. clamabat" mi sol
ut) und dem suggestiven Ruf (.. Lazare veni foras "). der in
grossartiger Steigerung den Schluss der Motette bildet. durch~
läuft die Oberstimme die verschiedenartigsten Schattierungen
menschlicher Äusserung. 4)
1) Wir nehmen hiefür den ersten Sopran als die Hauptstimme.
2) Clemens wiederholt ziemlich gleichmässig jeden Satzteil einigemale.
während Lasso die Wiederholungen hauptsächlich an den Anfang und den
Schluss setzt, im Verlauf des Stückes aber mit Wiederholungen sehr sparsam ist.
3) In diesen heiden Dingen: den vielen Wort- und Satzwiederholungen
und dem oft endlosen Melismieren liegen die Ursachen für die grossen Längen
bei Clemens im allgemeinen.
4) Eine der bezeichnenden genialen Kühnheiten des jungen Lasso finden
wir am Schlusse des ersten Teils .. lacrimatus est Jesus ". In lang ausgehaltenen Klängen geht hier d-moll in B-dur über. Anstatt aber, wie der Hörer
erwartet, sich nach F-dur aufzulösen oder sich durch eine Kadenz zu be-
94
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
Dass der junge revolutionär gestimmte Feuerkopf seine
Freude hatte an jener kühnen chromatischen Stelle des Clemens,
ist begreiflich. Er lässt es aber nicht dabei bewenden, den
Kunstgriff des älteren Meisters nachzuahmen und im ersten
Teil gleichfalls einmal den Ostinato in Es~dur zu bringen I),
er muss sein Vorbild überflügeln und bringt den Ostinatoruf
sogar in As~dur. Diesen Trumpf spart er sich in weiser Be~
rechnung bis zum Schlusse auf, während Clemens den seinen
bereits im ersten Teile ausspielt. Der erste Sopran wiederholt
in immer intensiverer Steigerung den Ruf "Lazare veni foras",
bis er am Ende dem zweiten Sopran die Führung übergibt,
der erst auf b' einsetzt, nach dem ersten "Lazare" (b' g' g')
aber das hohe es" intoniert und von hier aus den Ruf in
As~dur singt (es c c c des b as). Das Stück schliesst von
C~ F~dur nach b~moll übergehend in düsterem f~moll.
Lasso übertrifft Clemens technisch in jeder Hinsicht. Er
ist diesem auch an dramatischer Ausdruckskraft weit überlegen.
Er erreicht jedoch sein Vorbild nicht in der Innigkeit und
Wärme, die vor allem den lyrischen ersten Teil der Motette
auszeichnet. Zur Zeit von Lasso' s Antwerpener Aufenthalt
war Clemens auf dem Höhepunkte seines Schaffens und seines
Ruhmes angelangt. Es ist begreiflich, dass der junge Lasso
sich ein Werk dieses Meisters zum Vorbild nimmt. 2 ) Jedoch
möchte ich eine andere Möglichkeit nicht unerwähnt lassen.
Man ist nicht mit Sicherheit über das Todesdatum des Clemens
non Papa unterrichtet. Mit Wahrscheinlichkeit kann man
annehmen, dass sein Tod 1555 oder 1556 also in den Jahren
festigen, bleibt B-dur stehen oder besser gesagt - in der Luft hängen musikalische Wiedergabe eines verhaltenen Schluchzens. Während vier
Stimmen den Schluss erreicht haben, kommen erster Sopran u. zweiter Tenor
im Intervall der Undezime hinterher. Dieses "threnodische" Intervall bildet
also den eigentlichen Schluss des ersten Teils (vgl. Th. Kroyer, Die threnodische Bedeutung der Quart i. d. Mensuralmusik. Basler Kongressbericht 1925).
1) T, 38-45. Hiebei kommt es zu folgender Modulation: G-C-f-Des-fc-G-c ...
2) Ein Zeichen übrigens, dass diese Motette auch von anderen Zeitgenossen geschätzt wurde - zugleich ein Zeichen für die schnelle Verbreitung
niederländischer Musikdrucke im Auslande - ist die Tatsache, dass Hermann
Finck das 1554 veröffentliche Werk des Clemens in seiner "Practica Musica"
von 1556, deren Niederschrift wohl schon 1555 beendet war, als Beispiel
für den lydischen Ton zitiert (im 4. Kapitel: De Tonis). 1558 wurde die
Motette in dem grossen Sammelwerk von J. Montanus und U. Neuberus
"Novum et insigne opus musicum" neugedruckt.
ORLANDO DI LASSO's
95
von Lasso's Antwerpener Aufenthalt erfolgt ist I). Wenn
Lasso sich die Lazarusszene zum Vorbild nimmt. in deren
Mittelpunkt der Schmerz Jesu' um den gestorbenen Freund
steht. so bedeutet dies vielleicht ein musikalisches Totenopfer.
dargebracht dem eben heimgegangenen niederländischen
Meister.
In seiner sechsstimmigen Komposition .. Creator omnium
deus" hat sich Lasso das gleichnamige Werk von Willaert
zum Vorbild gewählt 2). Lasso übernimmt aus Willaert' s
Komposition die Chor besetzung und den Kanon. Aber seine
immer bewegte Phantasie ist zu stark. um sich genau an
das Vorbild zu binden. Wie den niederländischen. so muss
er auch den venezianischen Meister überflügeln. WiIlaert' s
Harmonik bewegt sich zwischen B~ und G~dur. Lasso er~
weitert den harmonischen Umkreis von B- bis A-dur. Jener
lässt die beiden Kanonstimmen im Abstand von vier Takten
aufeinander folgen.' Lasso spielt mit den kanonischen Kom~
binationen und entdeckt. dass man den Kanon auch im Ab~
stand von einem Takte gebrauchen kann. Also baut er einen
.. Canon in subdiapente post unum tempus". Der Kanon zerfällt bei Willaert - und Lasso ahmt das nach - in einzelne
durch Pausen unterbrochene Motive. die das erste Kanonmotiv variieren. An dies erste Kanonmotiv Willaert's hält
Lasso sich streng. Dann ändert er teils um den Kanon
.. post unum tempus" zu ermöglichen. teils auch. um den
Motiven sprachähnlichere Gestalt zu geben. wahrt aber doch
die Hauptumrisse des Willaert'schen Kanons bis zum Schluss.
Selbst den so konzentriert arbeitenden Willaert übertrifft
Lasso noch an Knappheit. Willaert's Motette hat 79 Takte:
Lasso zieht sie auf 66 zusammen. Die Mittel sind die gleichen
wie bei Clemens. Den Kanon. der bei Willaert 54 Takte
beansprucht. zwingt Lasso in 44 1/ 2 Takte. Die Oberstimme
bei Willaert weist 35 melismatische Töne auf. bei Lasso 26.
Die Textierung der Oberstimme bei Willaert bringt die verschiedenen Satzteile im ganzen 20 1/ 2 , bei Lasso 17 mal 3).
I) Bernet Kempers nimmt das Jahr 1555 an (a. a. O. S.21).
2) Vgl. die vorangegangene Besprechung dieses Werkes S. 73.
3) Auch hier setzt Lasso die meisten Wiederholungen im Gegensatze zu
Willaert an den Anfang und das Ende.
96
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
Lasso übertrifft Willaert aber auch an Plastik der Themen
und an Ausdruckskraft und Reichtum der Harmonik. Ein
Meisterstück ist schon der Beginn. Willaert setzt mit dem
Quintklang ein und lässt aus ihm die vollen Harmonieen
hervorgehen. Lasso's Beginn ist wie ein mächtiges Crescendo
aufgebaut. Langsam setzt eine Stimme nach der anderen ein.
Die beabsichtigte Klangdürftigkeit unvollständiger fauxbourdon~
artiger Harmonieen, die sich in allmählich gesteigerter Be~
wegung nach oben drängen. gibt den Hintergrund. von
dem sich die Klangpracht modulierender Dur~Harmonieen
(A~ D~ G~ C). die den Eintritt des Kanons feierlich begleiten.
strahlend abhebt.
Die beiden Motetten von Clemens und Willaert. die Lasso
sich zum Vorbild gewählt hat. gehören der Sammlung von
Phalese an. Dies beweist. dass Lasso diese Sammlung. die
die bedeutendsten Werke der niederländischen Zeitgenossen
vereinigt. besonders geschätzt und studiert hat. Mit sicherem
Griff holt der junge Meister aus der Fülle der Kompositionen
zwei Werke. die einerseits das Modernste darstellen. was
ihm die Sammlung bietet und die ihm andererseits das Studium
der alt niederländischen cantus firmus~ und Kanontechnik er~
möglichen. Die alte Technik wird vollkommen in den neuen
Stil eingeschmolzen 1). Das Problem ist für Lasso die Durch~
führung eines primär freien Entwurfes t rot z aufgenommener
konstruktiver Bindung.
Die Beziehungen zwischen Waelrant und Lasso können
nicht restlos aufgehellt werden. Wir haben auf die starke
Stilverwandtschaft zwischen den beiden chromatischen Trauer~
motetten Waelrant's und gewissen Werken Lasso's hinge~
wiesen. Der Beginn bei der Motetten erinnert an den Be~
ginn von Lasso's Hiobmotette (vgl. N. b. 13 und 6). Hat
I) Das sehen wir auch an einem anderen c. f. Werk aus dem Antw.
Motettenbuch, an der zweiten Huldigungsmotette für Karl V. (G. A. XI.
320) Die sechsstimmige Motette führt im zweiten Alt einen Ostinato mit
dem Motto .. Aequabit laudes nulla camena tuas". Dieser Ostinato, der
jeweils von der originalen Lage nach der Unterquint wechselt, wird streng
im gleichen Rhythmus durchgeführt. Lasso schreibt im Ostinato Akzidentien
vor, was die Niederländer bei einem cantus firmus im allgemeinen verpönen.
Das Cis in der Originallage und das Fis in der Unterquinttransposition
ermöglichen ihm die freie Entfaltung des neuen modulatorischen Klangstiles.
ORLANDO DI LASSO's
97
Lasso nun die beiden Waelrant' schen Motetten zum Vorbild
genommen? Diese Frage kann mit Sicherheit nicht beant~
wortet werden. Denn das eine der zwei Werke ist im vierten
Buch der Waelrant'schen Motettensammlung erschienen.
Dieses Buch trägt aber dasselbe Datum wie Lasso' s Motetten~
buch: 1556. Das andere ist im fünften Buch derselben Samm~
lung veröffenlicht und dies Buch trägt gar kein Datum, ist
aber auf jeden Fall noch später erschienen. Die beiden Bücher
vierstimmiger Motetten, die weitere moderne Werke von
Waelrant enthalten, sind gleichfalls nicht datiert. Es scheint
fast, als hätte Waelrant selbst die Spuren hinter sich ver~
wischen wollen.
Mein persönlicher Eindruck ist folgender: Waelrant stand
bereits vor Lasso's Ankunft in Antwerpen auf dem Boden des
modernen Stiles. Das hat sich mit Sicherheit aus der voran~
gehenden Untersuchung ergeben. Da er 1544 in Antwerpen
eingeschrieben ist, muss er Venedig spätestens in diesem Jahre
verlassen haben. Die chromatische Richtung breitete sich in
Italien aber erst nach 1550 aus I). Lasso kam eben von Italien
und hat bereits 1555 bei T. Susato einige Motetten im chro~
matischen Stile herausgegeben, von denen es ausdrücklich
hiess "faictz ä la nouvelle composition d'aulcuns d'Italie".
Nach dem grossen Erfolg, den Lasso mit seinem Opus I in
Antwerpen hatte, verstand Waelrant es, sich das folgende
·Opus zu sichern, das "Antwerpener Motettenbuch". Was ist
natürlicher als anzunehmen, dass Waelrant, der Verfechter der
modernen Richtung, sich sogleich mit Feuereifer des Neuen
bemächtigte, das ihm der junge Lasso brachte I Es ist auffal~
lend, dass Waelrant, von dem 1554 und 1555 je eine Motette
veröffentlicht ist, im Jahre 1556 plötzlich eine ganze Reihe von
Motetten herausbringt. Auch eine andere Publikation Wael~
rant's - vom Jahre 1558 - erregt unsere Aufmerksamkeit:
"Di Huberto Waelrant 11 Primo Libro de Madrigali & Can~
zoni Francezi a cinque voci. De Hubert Waelrant Le Premier
Livre de Chansons Francoyses & Italianes a cinq voix. En
Anvers. Per Hubert Waelrant & loan Latio 1558." Alles
I) Vgl. Th. Kroyer. Die Anfänge der Chromatik im ital. Madrigal
ds. 16. Ihs. Leipzig 1902.
98
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
in diesem Werke
angefangen von der Zusammenstellung
italienischer Madrigale und französischer Chansons. von dem
zweisprachigen Titel und der italienischen Vorrede bis zu dem
modernen Klang~ und Ausdruckstil des Werkes - weist auf
die Vorbildschaft Lasso's und seines Opus I.
Man wird sich vorstellen dürfen. dass die persönlichen Be~
ziehungen zwischen Lasso und Waelrant sehr lebhaft waren.
Beide waren erfüllt vom Geiste der neuen Musik. Lasso war
glücklich. einen Verleger zu finden. der ihn ganz und gar begriff und seinem Werke das entsprechende drucktechnische
Gewand geben konnte. Waelrant war hocherfreut. das neue
Werk des genialen jungen Komponisten herausgeben zu dürfen
und alles spricht dafür. dass er zu jenen Männern gehörte.
von denen Quickelberg rund zehn Jahre später in seiner
biographischen Notiz über Lasso sagte: .. Antwerpiae mansit
duobus annis. inter viros ornatissimos. doctissimos et nobilis~
simos. quos undique in Musicis excitavit. a quibus
etiam summe adamatus veneratusque fuit" 1).
Was von aussen her auf Lasso' s Motettenstil bildend eingewirkt hat. lässt sich zusammenfassen in den Namen der
beiden Städte: Venedig und Antwerpen. Die freie persönliche
Haltung. die vom Geist der Sprache geprägte Melodik. den
glanzvollen Klangstil. das hat Lasso der venezianischen Musik
zu danken. Tief religiöser Ernst und ein realistischer. vor
keiner Klanghärte zurückscheuender Ausdruckswille verbunden
mit einer hohen polyphonen Kultur. das trat Lasso in Antwerpen entgegen. Dass Lasso. in dem die Musikgeschichte
den grössten Meister der Motette erblickt. gerade zu dem
Zeitpunkte nach den Niederlanden zurückkehrte. als die niederländische Motettenmusik auf ihrem Gipfelpunkte angelangt
war. als drei grosse Verleger das Motettenschaffen der letzten
Jahrzehnte in seinem ganzen Reichtum der breiten Öffentlichkeit
zugänglich machten. als die niederländischen Musiker eben
im Begriffe waren. sich das Neue. das von Italien kam. in
schöpferischer Synthese anzueignen - das ist eine jener
Schicksalsfügungen. die nur begreiflich werden durch den
Magnetismus. der starken Geistern eignet und sie mit rätsel1)
Sandberger. Beiträge ... I. S. 58.
ORLANDO DI LASSO's
99
hafter Kraft in die Richtung leitet. die sie für ihre Entfaltung
brauchen.
In gedrängter Form ist ein bedeutsames Stück niederlän~
discher Musikgeschichte an uns vorbeigezogen. Ausgehend
von der reinen polymelodischen Form der Motette. die ihre
vollkommenste Ausbildung bei Gombert erfährt. erlebten wir
jene Stilwende im Schaffen der Niederländer. die - von innen
gesehen - durch den immer stärker werdenden Drang nach
Aussprache. von aussen gesehen - durch die venezianische
Musik herbeigeführt wurde. In Venedig strahlte uns der
Glanz einer einzigartigen Form- und Klangkultur entgegen.
Dort ist Adrian Willaert der Mittelpunkt eines grossen Kreises
bedeutender Schüler und Freunde. In den Niederlanden sind
Clemens non Papa und Crecquillon die unbestrittenen Führer~
persönlichkeiten I). denen sich eine Reihe grosser und kleiner
Meister anschliesst, Keiner Schule sich unterwerfend. aber
dem venezianischen Kreise in hohem Masse verpflichtet und
im übrigen alles in sich aufnehmend. was die Zeit bietet. zeigt
Lasso in seinem ersten Werke bereits jene Synthese zwischen
nordischer und südlicher Kunst. alter und neuer Technik. die
I) Beim Abschluss dieser Arbeit kommt die Studie .. Nicolas Gombert als
Motettenkomponist .. von H. Eppstein (Würzburg 1935) in meine Hände.
Der Verfasser bezweifelt nach Analyse der v. d. Straeten'schen Dokumente.
dass Gombert jemals in Spanien war. Er hält es für ebenso gut möglich.
dass Gombert in den Niederlanden gelebt und gewirkt habe. Uebersieht man
das niederländische Motettenrepertoire. so kann man dieser Vermutung nicht
beipflichten. Es ist undenkbar, dass der bedeutendste Vertreter der niederländischen Polyphonie an der Hauptpflegestätte der polyphonen Kultur. in
in den Niederlanden selbst gewirkt und dabei im einheimischen Motettenrepertoire einen so geringen Widerhall gefunden habe. In seinem ersten
Sammelwerke von 1546 druckt Susato. der doch mitten in der niederländiscihen Ueberlieferung steht. kein einziges Werk von Gombert. In seinem
zweiten Sammelwerke finden wir in 13 Büchern zwei Motetten. bei Waelrant
drei und bei Phalese fünf Werke von Gombert. Man vergleiche diese spärliche
Auslese mit dem. was von Clemens und Crecquillon zur Veröffentlichung
gelangt! Dass Phalese die meisten Stücke von Gombert bringt. weist auf
einen interessanten Zusammenhang hin; er veröffentlicht auch weitaus die
meisten Stücke von Manchicourt. der sich - genau wie Gombert - abseits
hält von dem allgemeinen durch die venezianische Musik angeregten Stilwandel. Nun ist bezeugt (vgl. die genannte Studie S. 14). dass Gombert
1552 Kanonikus in Tournay war. Wir haben aber schon darauf hingewiesen.
dass Manchicourt an der Kathedrale zu Tournay Phonascus war. Man
kann also annehmen. dass der alte Gombert in seine Heimat zurückgekehrt
ist. dass Phalese. der - via Manchicourt - besonders gute Beziehungen
zu Tournay hat. sich auch für Gombert interessiert und weiterhin. dass
Manchicourt's Haltung durch den Einfluss Gombert's wesentlich bestimmt ist.
100
DAS ANTWERPENER MOTETTENBUCH
sein gesamtes Schaffen kennzeichnet. Hinter dieser ganzen
Entwicklung aber steht der gewaltige Geist Josquin's, der
sowohl durch die eigenartige Erscheinung der "Josquinrenais-sance" als durch die Person seines Schülers und Nachfolgers
Willaert wirkt.
Nachwort.
In unserem Versuche, in Umrissen zu skizzieren, welche
geschichtliche Entwicklung auf Lasso hinführte, fehlt ein
wesentliches Moment: die italienische Madrigalmusik zwischen
1540 und 1555. Hier muss eine neue Untersuchung einsetzen,
mit der der Verfasser bereits seit längerer Zeit beschäftigt
ist. Sie wird in manchen Punkten neue Aufschlüsse geben.
Es ist jedoch unmöglich, jetzt schon irgend etwas Bestimmtes
auszusagen, da zur Beantwortung der entscheidenden Fragen
die italienischen Quellen unentbehrlich sind. Der Verfasser
hofft, diese Untersuchung zu Ende zu führen, sobald es ihm
möglich sein wird, den Quellen in Italien selbst nachzugehen.
Vorliegende Arbeit ist aus meiner Heidelberger Disser~
tation herausgewachsen. Meinem hochverehrten Lehrer Herrn
Prof. H. Besseler, der mich zu dieser Arbeit angeregt hat,
danke ich von Herzen für alle Förderung, die ich während
meines ganzen Studien weges von ihm erfahren durfte. Mein
wärmster Dank gilt ferner Herrn Prof. A. Sm ij e r s, dessen
Verständnis und besonderem Entgegenkommen es allein zu~
zuschreiben ist, dass die Arbeit veröffentlicht werden konnte.
Gerne nenne ich die Namen der Bibliotheken, die mir das
Quellenmaterial zur Verfügung stellten: StaatsbibI. Berlin,
StaatsbibI. München, StadtbibI. Köln, BibI. zu Wolfenbüttel.
UniversitätsbibI. Upsala. Besonderen Dank schulde ich Herrn
Dir k Bai f 00 r t, dem Konservator des Scheurleermuseums
(jetzt: musikhist. Abteilung des Gemeindemuseums in Den
Haag).
Eduard Lowinsky.
INHALT
S.
Einleitung .
3
7
Die niederländische Generation vor Lasso .
Textrepertoire des Antwerpener Motettenbuches
11
Die Themenbildung
17
Der neue Klangstil
21
Die Umschichtung im polyphonen Denken
29
Das Problem der Form
Das Antwerpener Motettenrepertoire
Die moderne Richtung im Antwerpener
repertoire
.
.
40
47
Motetten~
53
Beziehungen zwischen den niederländischen und
Venezianer Motettendrucken
78
Die Beziehungen zwischen Lasso' s Motettenbuch
und den niederländischen und venezianischen
Motettendrucken
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Nachwort.
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Notenbeispiele.
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Seele and Geist
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