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Frau Ministerin - BDK Niedersachsen

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Frau Ministerin
Frauke Heiligenstadt
Kultusministerium Hannover
Leuchtturm statt Grundversorgung – nicht mit uns!
Ach, Frau Ministerin Heiligenstadt!
Wie stolz und vollmundig kündigen Sie eine Re-Reform der Oberstufe mit der Wieder-Einführung
von dreistündigen Grund- und fünfstündigen Leistungskursen als Fortschritt an, die doch letztlich
nur das Eingeständnis ist, dass das System vor der letzten Reform eben sinnvoller war. Nun, wir
haben es damals schon gewusst. Wie leider so oft, ging es damals wie heute vor allem ums
Sparen, einen „Sinn“ argumentiert man dann hinterher mit Ach und Krach, mit Biegen und Brechen
dazu.
Die nächste Reform soll jetzt Kultur, wenn nicht ganz weg-, so doch kleinsparen, die Kulturfächer
gekürzt werden. Die Einzelheiten haben wir und andere Fachkolleginnen und -kollegen bereits in
gesonderten Protestschreiben und Aktionen zum Ausdruck gebracht. Ist Ihnen eigentlich klar, dass
auch Kunst, Musik und Theater Sprachen sind? Und „Kulturtechniken“?
Haben Sie schon mal davon gehört, dass Lernen dann am besten funktioniert, wenn man auf
möglichst vielen Ebenen - also auch auf ästhetischen - wahrnehmen, denken und kommunizieren
übt? Nein? Oder „doch, macht aber nix“? Nun, dann sind Sie zwar leider bildungspolitisch in
überparteilich reicher Gesellschaft, aber das ändert nichts an der fatalen Verarmung der Bildung in
unseren Schulen.
Kunst und Kultur machen aus halben Portionen ganze Persönlichkeiten, heißt es. Das scheint sich
die Politik nur dort auf die Fahnen zu schreiben, wo der Etat gerade mal für Kultur reicht - in der
Regel bei Prestige-Objekten, die Image fördernd im Feuilleton besprochen werden.
Ach, Frau Ministerin Heiligenstadt!
Da kommt Ihnen wohl sehr gelegen, dass die Stiftung Mercator rettend in die Image-Bresche
springt. Schulen können sich jetzt bewerben, um eine von 40 Projekt - “Schulen mit Kulturellem
Profil“ zu werden, in denen Kultur „verankert“ wird. Wir Schulen sollen jetzt die Ellenbogen spitzen
und mit einander in Konkurrenz treten, um in diesen harten, auf uns zukommenden Zeiten, zum
Pool der „Auserwählten“ gehören zu dürfen? Ein Wettschwimmen zur Arche der Kultur, bevor
Kürzungssintflut sie komplett ersäuft? Zu fragen wäre zudem, ob dann die Schulen „auserwählt“
werden, die es wirklich nötig haben, oder nicht am Ende die, die besonders clevere und sowieso
schon sehr aktive Antragsteller und Koordinatoren abstellen können - also Pushen von Elite statt
echter Förderung.
Gegen die Stiftung ist nichts zu sagen, deren Ziele sind ehrenwert, hier ein Zitat vom InternetAuftritt (Hervorhebungen von mir):
„Die Stiftung Mercator hat das Ziel, kulturelle Bildung als festen Bestandteil des formellen
Bildungssystems bis 2025 in allen Bundesländern zu verankern. Bildung nimmt eine
Schlüsselrolle ein, um unsere Gesellschaft zukunftsfähig zu gestalten. (…) Die Bedeutung
kultureller Bildung für Wissenserwerb, für Persönlichkeitsbildung, Kreativität und Nachhaltigkeit
wird dabei noch häufig unterschätzt. Unser Ziel ist es, Kunst und Kultur stärker in unserem
Bildungssystem zu verankern und es damit im Hinblick auf eine neue Lehr- und Lernkultur zu
verändern.“
Klingt eigentlich ganz gut. Und welches Ziel hat die Kultus(sic!)ministerin? Outsourcing und
Förderung von Leuchtturmprojekten! Liest man die geplante Kooperation im Zusammenhang mit
den Kürzungen, erscheint die segensreiche Hilfsaktion eher wie ein Feigenblatt für die
Unverschämtheit, mit der die Bildungspolitik ihren eigenen Auftrag zu ignorieren bereit ist. Den
eigenen Job anderen überlassen und das als Leistung verkaufen. Wir sind empört.
Wir leisten an unserer Schule seit vielen Jahren Pionierarbeit, haben Schwerpunkte in den
Kulturfächern, machen Projekte, die Kunst, Musik und Theater mit den anderen Fächern
hochgradig vernetzen. Es wäre schön, wenn diese Arbeit von Seiten der Landesregierung die
verdiente Wertschätzung erführe, z.Bsp., indem sie selbst sich bemüht „Kunst und Kultur stärker
in unserem Bildungssystem zu verankern“ (Dank an Mercator für die Formulierungshilfe. Die
schreiben das ja auch nicht umsonst, sie halten es offenbar für schwer nötig.)
Ach, Frau Ministerin Heiligenstadt!
Wir sind als Kunst-, Musik- und Theaterlehrer/innen jeden Schultag (und sehr oft darüber hinaus!)
bemüht, Bildung in unseren Schulen zu verankern und haben dabei viel Gelingendes gesehen und
gehört. Und gefördert! Wir proben an Wochenenden, gehen für Präsentationen raus aus der
Schule, oder laden dazu in die Schule ein, holen Experten von draußen, gehen selber in die
Vernetzung mit anderen. Wir wollen nicht sparen, wir haben einen Auftrag!
Also: lassen sie den Lernenden die Möglichkeit sich zu bilden. Es heißt nämlich nicht „Lernung",
„Wissung", „Faktung" oder „Denkung", das Wort Bildung kommt von „Bild“. Das Fach Kunst nennt
man auch „bildende Kunst“. Und die Theatermenschen entwickeln bei jeder Vorstellung
Vorstellungskraft, ebenso Ensemble-Geist. Im Takt mit anderen sein und Zuhören lernt man durch
Musik. Nur mit allen Sinnen wird Sinn erzeugt. Und so weiter…
Zugegeben: ja, wir könnten jeden Cent für unsere Kulturarbeit brauchen. Dennoch werden wir uns
nicht um eine Förderung durch Mercator bewerben. Wir wollen dieser Feigenblatt- und LeuchtturmFörderpolitik keinen Vorschub leisten. Alle Fachkollegien und Schulen werden von uns aufgerufen,
sich nicht bestechen zu lassen und diese Kleinsparerei nicht zu unterstützen.
Ein Vorschlag zur Güte: Kürzen Sie nicht! Dann, und nur dann überlegen wir uns, ob wir bei
Mercator ein gutes Wort für uns einlegen möchten. Bis dahin sagen wir Ihnen: Kümmern Sie sich
bitte, bitte, bitte
um die Stärkung des REGEL-Unterrichts in den Fächern der musisch-kulturellen Bildung an allen
Schulen.
Dann, und nur dann bekommen sie von uns ein fettes DANKE!
Mischa Drüner (früher lange Jahre in der freien Theaterarbeit tätig, seit 2000 Lehrer für Kunst und
Darstellendes Spiel, Personalrat an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule Göttingen, Ausbilder für
Theaterlehrer am Studienseminar und in der Weiterbildung)
für den Fachbereich Musisch-Kulturelle Bildung
der Geschwister-Scholl-Gesamtschule Göttingen
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Bildung
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