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Christen in der Löwengrube - Sonntag

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François Hollande
und seine präsidialen Fauxpas
Ein Bild aus besseren Tagen: François Hollande, Kandidat der Sozialisten, als Volksbeschwörer im Wahlkampf um die Präsidentschaft
im April 2012 in Clermont­Ferrand.
als françois Hollande im Mai 2012 in den Pariser Präsidentenpalast zog, rief der joviale sozialist eine «mustergültige republik» aus und versprach eine tadellose
staatsführung. Zwei Jahre und einen sommer später
herrscht Katerstimmung: Die grossen Worte liegen wie
scherben auf dem weinroten spannteppich des ÉlyséePalasts, und frankreichs staatschef ist zum unpopulärsten Präsidenten seit Charles de gaulle abgesunken.
inzwischen wünschen sich gerade mal noch vier Prozent
der Bevölkerung, dass Hollande 2017 für eine zweite
amtszeit kandidieren soll. eine Zwischenbilanz.
von Esther Elionore Haldimann aus Paris
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Nr. 47/2014
«I
ch bin stolz, neue Hoffnung zu
entfachen», ruft François Hol­
lande am 6. Mai 2012 über den
Dorfplatz von Tulle. Sein Gesicht strahlt.
Heiser klingt seine Stimme, so laut
muss der Sozialist sprechen, um die Be­
zeugungen von Freude zu übertönen.
Soeben haben ihn 51,1 Prozent der fran­
zösischen Stimmbürger zum neuen
Präsidenten erkoren. Neunzehn Jahre
sind verstrichen, seit der letzte sozialis­
tische Präsident, François Mitterand,
das Élysée verlassen hat. Hier im
Hauptort der Corrèze am Rande des
Massif central vertrat der in Nordfrank­
reich und Paris aufgewachsene Städter
Hollande als Departementspräsident
jahrzehntelang das Landvolk. Der ein­
zigartige Moment der Verbundenheit
aus l a n d
Staatschef im Regen
Schon am Tage der Machtübergabe ist
sein «peuple de France» perplex. Obwohl
es in Strömen regnet, fährt Hollande sei­
ne Ehrenrunde im offenen Cabriolet
über die Champs­Élysées. Niemand hat
an einen Schutz oder zumindest einen
Regenmantel gedacht. Sein Anzug trieft.
Dreimal muss sich Frankreichs neuer
Präsident an diesem ersten offiziellen Re­
gierungstag umziehen. Kurz darauf
fliegt er zum Treffen mit Angela Merkel
nach Deutschland, wo der stets Verspä­
tete mit eineinhalb Stunden Verzöge­
rung eintrifft, denn das Pech ist von An­
fang an «au rendez­vous»: Sein Flugzeug,
ein Falcon­Jet, wird unterwegs von ei­
nem Blitz getroffen, Hollande muss um­
kehren und umsteigen. Dafür hat Frau
Merkel natürlich volles Verständnis.
Doch während der französische Staats­
chef anschliessend mit der Kanzlerin die
nationale Ehrenrunde über den roten
Teppich abschreitet, tritt er mehrmals
daneben. Angela Merkel muss ihn regel­
recht führen, und die Franzosen denken:
«Was haben wir da für einen Tollpatsch
gewählt?»
Zwei Jahre später eskaliert sein «Rain
Man»­Image in der Bretagne: Einmal
mehr steht Hollande im Regen. Wäh­
rend seiner Rede zum Siebzig­Jahr­Ge­
denken an den Zweiten Weltkrieg pras­
selt es vom Himmel. Hinter ihm tost der
Ozean. Seine Brille ist beschlagen. Halb
Frankreich macht sich über seinen wehr­
losen Staatschef lustig. «Ein bisschen Er­
habenheit, Herr Präsident», verlangt ein
politischer Gegner. Hollande aber er­
klärt wenige Tage später demütig: «Hät­
te ich mich schützen sollen, während alle
Fotos: Keystone
mit Tulle wird jedoch nur von kurzer
Dauer sein, denn die jubelnde Menge
überhört Hollandes Hauptziele: «Sanie­
rung der Produktion» und «Reduktion
des Staatsdefizites». Ohne seine Partei­
kameraden, ohne «seine» Frauen und
ohne seine vier Kinder singt der Sechzig­
jährige nur wenige Stunden später allein
in Paris die Marseillaise auf der Bühne
der Place de la Bastille. Allein wird er
auch regieren. Nie werden die anderen
wissen, was er wirklich denkt.
Präsident François Hollande demonstriert am 10. Asien­Europa­Gipfel Mitte
Oktober in Mailand aufgeräumte Entschlossenheit.
anderen, die am Zweiten Weltkrieg be­ sprecher Stéphane Le Foll im Januar 2014
teiligten Veteranen, ebenfalls im Regen dann doch zugeben. 10,5 Prozent der
erwerbstätigen Franzosen suchen wei­
standen?
terhin Arbeit, und Hollande erlebt mit
Frappante Kommunikationsdefizite einer verlorenen, ungeschickt inszenier­
Keine Frage, Hollande ist ein sozial ten Wette seine grösste politische Blama­
denkender Mensch. Auch der Kampf ge­ ge, die ihm das Land nicht verzeiht.
gen die Jugend­ und Seniorenarbeits­ Trotz seines Humors und seines Scharf­
losigkeit liegt dem Präsidenten beson­ sinns kommuniziert der Staatschef
ders am Herzen. Deshalb erlässt er für schlecht. «Er hört auf niemanden, nicht
diese beiden Kategorien besondere Ar­ einmal auf seine Kommunikationsbera­
beitsverträge und reformiert das Schul­ ter», hält ein naher Beobachter fest. So
system. Energisch unterstreicht Hollande hat Hollande als Kandidat fürs Präsiden­
im September 2012 am Fernsehen: «Die tenamt etwa geschworen, in der EU vor­
Regierung muss innert eines Jahres da­ stellig zu werden, um den Fiskalpakt
für sorgen, dass die Arbeitslosenkurve durch eine Investitionsklausel zu ergän­
umkehrt.» Fortan bürgt der Staatschef zen. Heute meinen die Franzosen, er
persönlich für dieses Ziel. «Wir konnten bücke sich in Brüssel und vor Angela
die Arbeitslosenzahl stabilisieren, nicht Merkel, obwohl seine Wünsche mit dem
aber reduzieren», muss Regierungs­ 2013 verabschiedeten Wachstumspakt
Nr. 47/2014
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aus l a n d
Fotos: Keystone
nach Singapur überwiesen hat. Obwohl
der Staatschef Cahuzac umgehend zum
Rücktritt zwingt und alle Minister sofort
ihre Vermögen öffentlich angeben müs­
sen, ist das Land schockiert.
Eine weitere, pikante Episode trifft ei­
nen nahen Berater: Der rassige, 52­jäh­
rige Aquilino Morelle zählt zum engsten
Freundeskreis des heutigen Premier­
ministers Manuel Valls, mit dem er auch
die spanische Herkunft teilt. Morelle
schrieb Hollandes Wahlkampfreden
und wurde anschliessend sein Kommu­
nikationschef. Der eitle Berater des «nor­
malen» Präsidenten lässt sich allerdings
seine Schuhe von einem ins Élysée geru­
fenen Diener polieren. Darüber kann
man auf den Stockzähnen lachen, nicht
aber über den Interessenkonflikt, den
die angesehene Homepage «Mediapart»
aufdeckt: Als Chefbeamter und Arzt
machte Morelle früher Consultings für
ein dänisches Pharmalabor. «Du trittst
zurück oder ich stelle dich vor die Tür»,
soll Hollande seinem langjährigen Mit­
arbeiter sogleich diktiert haben. Nur we­
nige Monate später muss der Staatschef
einen weiteren Minister hinauskompli­
mentieren, weil dieser keine Steuererklä­
rungen ausfüllt und weder seine Miete
noch seine Stromrechnungen bezahlt.
Hollandes «tadellose Staatsführung»
und sein Image eines «normalen» Men­
schen lösen sich in Luft auf.
Frankreichs Staatschef und die Frauen: François Hollande mit der Journalistin Valérie Trier­
weiler schon auf Distanz (Bild oben) – vor Bekanntwerden der Affäre mit der französischen
Schauspielerin Julie Gayet (Bild unten links). Zuvor war Hollande mit Ségolène Royal liiert,
die er inzwischen zur Umwelt­ und Energieministerin ernannt hat.
realisiert, dem Volk aber nie erklärt wor­
den sind. «Die Finanz ist mein grösster
Feind», war einer seiner entscheidenden
Wahlslogans. Als er dann aber im Janu­
ar 2014 mit seinem Verantwortungspakt
den Arbeitgebern Subventionen zukom­
men lässt, damit sie Stellen schaffen, und
die Steuern der Mittelschicht massiv er­
höht, um das Staatsdefizit zu reduzieren,
fühlen sich viele Franzosen betrogen.
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Nr. 47/2014
Sodann zertrampeln mehrere Skanda­
le Hollandes «mustergültige Republik»:
«Ich hatte nie ein Konto im Ausland,
weder heute noch gestern», lügt Jérôme
Cahuzac faustdick im Parlament. Nur
wenige Monate später wird Hollandes
Budgetminister dennoch gerichtlich
nachgewiesen, dass er bis 2010 ein
schwarzes Konto bei der UBS in Genf be­
sessen und anschliessend sein Guthaben
Harsche Kritik im eigenen Lager
Schliesslich platzt seine Vision der
«pluralen Linken» im Laufe des Jahres
2014. Zuerst wird Hollandes Verantwor­
tungspakt als zu liberal empfunden,
denn der linke Flügel der sozialistischen
Partei will nicht die Arbeitgeber fördern,
sondern die Steuern des Volkes herab­
setzen. Dann verlieren die Sozialisten
die Gemeinde­ und Europawahlen, was
Hollande dazu zwingt, eine neue Regie­
rung zu bilden. Zu diesem Zeitpunkt
ist Manuel Valls der beliebteste Politiker
im Lande. Dem Staatschef bleibt deshalb
nichts anderes übrig, als den autoritären,
am rechten Flügel der Sozialisten an­
gesiedelten Innenminister zu seinem
Premierminister zu machen.
Deshalb verlassen nicht nur die Grü­
nen die Regierung. Auch der linke Flü­
gel der sozialistischen Abgeordneten
ruft eine Fronde (das Wort bedeutet ur­
sprünglich «Wurfschleuder») aus, die
Madame Trierweilers Gnadenstoss
Hollandes schwarzer Sommer 2014
bringt noch ganz andere, versteckte
Charakterzüge zum Vorschein. Als Ab­
geordneter und Sozialistenchef kennen
die Franzosen ihren Präsidenten seit
zwanzig Jahren nicht nur politisch, son­
dern auch privat. Seine Idylle mit der po­
pulären Präsidentschaftskandidatin von
2007, Ségolène Royal, und die Geburten
ihrer vier gemeinsamen Kinder füllten
regelmässig die Seiten der Boulevard­
presse. Entsprechend haben alle deren
Trennung vor sieben Jahren miterlebt.
Von Beginn weg verachten deshalb viele
Franzosen Hollandes neue Lebenspart­
nerin, die Journalistin Valérie Trierwei­
ler. «Sie sollten sich von ihr trennen.
Denn wir mögen sie nicht», rät ihm eine
Bürgerin sogar vor laufender Kamera.
«Ach so?», antwortet der sonst immer zu
einem Scherz aufgelegte Staatschef ver­
dutzt. Die Bevölkerung wirft der Pre­
mière dame vor, aus Eifersucht Ségolène
Royal nicht in Hollandes Nähe zu dulden.
Deshalb sieht er auch seine Kinder nicht
mehr. Trierweiler bringt Hollandes Ex­
partnerin während der Parlamentswah­
len im Frühsommer 2012 überdies poli­
tisch zu Fall, indem sie Royals bürgerli­
chen Gegner in einem Tweet unterstützt.
Über Hollandes Affäre mit der Schau­
spielerin Julie Gayet schmunzelt dann
das Land der Liebe zuerst. Doch sein
Kommuniqué, das die offizielle Tren­
nung von der durch einen Nervenzu­
sammenbruch oder gar Suizidversuch
Foto: Esther Elionore Haldimann
sich bis heute nicht beruhigt und zwei
Minister den Kopf gekostet hat. Ende
August 2014 lädt der lässige Wirtschafts­
minister Arnaud Montebourg zur «Fête
de la rose» in die Bourgogne ein. «Ich
werde ihm eine Flasche zukommen las­
sen, die Cuvée der Sanierung», schäkert
der Sozialist mit Bezug zu Hollande
beschwingt und verlangt eine Verlang­
samung der Defizitreduktion, obwohl
gar keine regelrechte Sparpolitik ange­
wendet wird. Hollande reagiert zuerst
gelassen. Als dann aber Erziehungs­
minister Benoît Hamon im «Parisien»
nachsetzt und Angela Merkel als «euro­
päische Minderheit» bezeichnet, entlässt
Hollande die beiden jetzt konsternier­
ten Querschläger. Diese Autorität hatte
man dem «weichen» Hollande nicht zu­
getraut.
Steifes Stelldichein: François Hollande bei seinem Treffen mit Bundespräsident Didier
Burkhalter Ende Oktober in Paris.
weilers Anschuldigungen nicht über­
prüfen lassen und alle begriffen haben,
dass die Cholerikerin aus Eifersucht Gift
spuckt, hat Hollande seinen letzten
Trumpf, den Ruf eines guten Kerls, aus­
gespielt.
Hollandes Schlamassel ist indes weit
mehr als bloss privater Art: Das Wirt­
schaftswachstum (0,5 Prozent) stagniert
weiterhin. Die Kaufkraft wird als sin­
kend empfunden. Für 2015 sind weitere
21 Milliarden Euro an Einsparungen ge­
plant. Der Schuldenberg von 2000 Mil­
liarden Euro lässt sich trotzdem kaum
abtragen. Vor allem haben Hollande und
seinen Ministern bisher innovative Ideen
Die Hoffnung stirbt zuletzt
gefehlt. Zuversichtlich hofft Frankreichs
Nach Tagen des Stillschweigens muss Präsident auf neue Impulse dank der
sich der Gepeinigte während eines Nato­ Energiewende – Ségolène Royal ist mitt­
Gipfels rechtfertigen – seine Züge haben lerweile Umwelt­ und Energieministerin,
sich verhärtet, seine Unbefangenheit ist die Schulreform reift und der Massnah­
verschwunden: «Ich lasse mir meinen menkatalog des neuen, jungen Wirt­
Einsatz für Frankreich und vor allem für schaftsministers und Exbankiers Em­
die Schwächsten, die Bescheidensten, die manuel Macron klingt vielversprechend.
Armen, nicht nehmen. Denn in ihrem Nur schwarz ist die Zwischenbilanz
Dienste stehe ich. Sie sind der Grund demnach nicht, doch bleiben die Fran­
meiner Existenz.» Auch wenn sich Trier­ zosen hartnäckig skeptisch.
n
geschwächten Première dame besiegelt,
wird als kaltblütig und taktlos empfun­
den: «Ich habe meinem gemeinsamen
Leben mit Valérie Trierweiler ein Ende
gesetzt.» Basta. Die Rache lässt nur eini­
ge Monate auf sich warten. In Trierwei­
lers Bestseller «Merci pour ce moment»
verliert Hollande sein Gesicht und seine
Gutmütigkeit. Denn die einstige Pre­
mière dame enthüllt zu viel Intimes und
bezeichnet den als locker bekannten
Hollande als angespannt, schroff, ent­
menschlicht, ja gar kalt; als jemanden,
der die Armen verachte, die er als «zahn­
los» bezeichne!
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