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Kanalisation - Kein Werk für die Ewigkeit - ISS Kanal Services AG

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AARGAUER ZEITUNG
DONNERSTAG, 23. OKTOBER 2014
Kanalisation
Kein Werk für die Ewigkeit
AARGAU 25
Sohn sticht mit Messer
auf seine Mutter ein
Prozess Ein junger Mann attackiert die Mutter mit einem Rüstmesser.
Warum er trotz ihrer schweren Verletzungen nicht ins Gefängnis muss
VON MANUEL BÜHLMANN
Unsere
5 Milliarden
Franken
unter der
Erde
«Hoi Mami.» Küsschen links, Küsschen
rechts. Mutter und Sohn begrüssen
sich. Eine ganz gewöhnliche Familienszene – wären da nicht die Fesseln an
Hand- und Fussgelenken des jungen
Mannes. Am Bezirksgericht Kulm treffen sich an diesem Nachmittag Mutter
und Sohn, Opfer und Täter.
Am Abend des 10. Juni 2013, kurz vor
20 Uhr, stach Arben (Name geändert)
mit einem Rüstmesser auf seine Mutter
ein. Er verletzte sie dabei am rechten
Ohr, am Hals, an der rechten Schulter,
an der Brust, am Rücken und an den
Armen. Die Halsschlagader verfehlt er
um fünf Zentimeter. «Ich wollte ihr
nichts antun, sie hat mir ja auch nichts
getan», sagt der 24-jährige Kosovare.
Ob er sich denn noch an den Abend
erinnern könne, will Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs wissen. «Ja, leider.» Links, rechts, links, rechts dreht
er den Stuhl. Er habe Stimmen gehört,
Todesangst gehabt. «Wie in Trance» sei
er gewesen. «Ich wollte das nicht, es ist
einfach passiert.»
Die Stimmen im Kopf
Endstation Kläranlage: Jürg Kaufmann, Sektionsleiter der Abteilung Umwelt, ist darum besorgt, dass alles Schmutzwasser hier
eintrifft und nicht unterwegs durch undichte Rohre entweicht.
JIRI REINER
Unwetter
Abwasser Die Kanalisation ist in die
Jahre gekommen. Nicht alle Leitungen sind noch dicht. Riesige Investitionen stehen an – auch bei Privaten.
Sturm «Gonzalo»
brachte Orkanböen
Mann in der Leitung: Grosse Rohre werden von Hand geflickt und kontrolliert.
VON ALINE WÜST
Wenn jeder Aargauer dreimal am Tag
aufs WC geht, wird im ganzen Kanton
rund zwei Millionen Mal täglich auf
den Spülknopf gedrückt. Ja, da
kommt einiges zusammen.
Vom stillen Kämmerchen rauscht
der WC-Inhalt dann auf Nimmerwiedersehen über den Hausanschluss ins
öffentliche Kanalisationsnetz. Das gesamte unterirdische Kanalwerk hat eine Gesamtlänge von rund 10 700 Kilometern. Unsere Leitungen reichen also locker bis nach Südafrika. Und
auch wenn durch dieses Labyrinth
nur Stinkendes rauscht, die Nase zu
rümpfen ist falsch. Denn diese Infrastruktur ist wertvoll: Fünf Milliarden
würde es kosten, dieses Werk im Aargau neu zu bauen.
Neu gebaut werden muss das Abwassernetz nicht. Der Sanierungsbedarf ist allerdings gross. Denn die
Rohre sind in die Jahre gekommen.
Einige feiern dieses Jahr bereits ihren
70. Geburtstag. Die Zeit hat Spuren
hinterlassen. Die Leitungen sind verkalkt, haben Risse oder sind eingedrückt. Sorgenkinder sind die Anschlüsse an die Kanalisationsrohre.
Die sind häufig undicht. Das heisst, es
kann Grundwasser in die Rohre eindringen – oder noch schlimmer: dreckiges Wasser entweichen, das dann
das Trinkwasser verschmutzt.
Der falsche Weg
Was passiert, wenn der Inhalt des
WCs nach dem Spülen nicht auf Nimmerwiedersehen verschwindet, erlebten diesen Sommer die Bewohner der
Überbauung Rösslimatt in Buchs.
Gleich zweimal innert zwei Monaten
trat das Schmutzwasser nach einem
Gewitter in der Kanalisation den Retourweg an. Die Folge: Fäkalwasser
drang über Toiletten in die Keller der
Wohnungen ein. Das Wasser war
zwar durch den Regen verdünnt; es
stank aber trotzdem fürchterlich. Der
Schaden war gross. Allein im Keller
eines Büros entstand ein Sachschaden von 100 000 Franken. Bei der
Das psychiatrische Gutachten hält
fest: Arben leidet an paranoider Schizophrenie. Es sei unbestritten, dass die
Tat unter dem Einfluss einer akuten
Psychose geschah, sagt die Gerichtspräsidentin. Das heisst: Arben war zum
Zeitpunkt der Tat nicht schuldfähig.
Daran zweifelt auch die Staatsanwaltschaft nicht. Unbestritten ist deshalb,
dass eine stationäre Massnahme nach
Artikel 59 des Strafgesetzbuchs nötig
ist. Diese ist für psychisch schwer gestörte Täter vorgesehen. Sie werden
therapiert, um die Rückfallgefahr zu
verkleinern. Die ist im Fall von Arben
hoch, warnen die Gutachter. Zumindest dann, wenn er die Medikamente
aussetzen und wieder kiffen würde.
Gemeinde Buchs will man nichts davon wissen, dass der Unterhalt der
Kanalisation vernachlässigt oder zu
viele Häuser an die Kanalisation angehängt wurden. Investitionen ins Abwassernetz stehen aber an: 7,7 Millionen Franken sind für die nächsten 10
Jahre budgetiert. Die Sanierung der
Kanalisation an der Rösslimatte habe
aber nicht oberste Priorität, sagt Raoul Kuprecht, Projektleiter Tiefbau
der Gemeinde Buchs.
Abwassergebühren erhöhen
Wie schlimm steht es nun also um
unsere Kanalisation? Wissen muss
das Jörg Kaufmann. Er ist Sektionsleiter der Abteilung Umwelt beim Kanton. Zusammen mit sechs Mitarbeitern hat er die Aufsicht über diese unsichtbare Infrastruktur. Er sagt: «Die
Kanalisation ist nicht marode.» Sie sei
sogar in einem erstaunlich guten Zustand. Kaufmann sagt aber auch: «In
den nächsten Jahren kommen riesige
Investitionen auf die Aargauer Gemeinden zu, weil das Leitungsnetz in
«Einige Gemeinden
werden die Abwassergebühren erhöhen müssen,
um die Investitionen
stemmen zu können.»
Jürg Kaufmann, Sektionsleiter Abteilung
Umwelt Kanton Aargau
die Jahre gekommen ist.» Finanziert
werden diese Investitionen aus den
Einnahmen für die Anschlussgebühren von Neubauten und aus Abwassergebühren. Diese Gebühren sind in
den 213 Gemeinden des Kantons ganz
unterschiedlich. Zwischen weniger
als einem Franken und bis zu fünf
Franken bezahlen die Aargauer pro
1000 Liter abgeleitetes Abwasser. Im
Vergleich mit einem Glas Mineral im
Restaurant kaum der Rede wert.
Doch Kaufmann sagt: «Einige Gemeinden werden die Abwassergebühren erhöhen müssen, um die Investitionen stemmen zu können.» Trotzdem: Der Aargau ist ein vorbildlicher
Kanton, was das Abwassernetz betref-
FOTOS: ISS KANAL SERVICES
Maus in der
fe, sagt Roland Brühlmann, Geschäftsführer der ISS Kanal Services
AG mit Sitz in Boswil. Die Firma filmt
mit ihren Kameras den Zustand der
Kanäle – in HD-Qualität selbstverständlich. Brühlmann hat also eine
Ahnung vom Untergrund. Er sagt:
«Die Probleme liegen in der Zukunft.»
Viele Gemeinden seien sich nicht bewusst, was auf sie zukommen wird an
Sanierungsbedarf. «Anders als beim
Auto leuchtet in der Kanalisation keine rote Lampe, wenn der Service ansteht.» Und anders als bei der Strasse
spürt der Bürger auch nicht, wenn
die Infrastruktur beschädigt ist. «Wer
sich jetzt nicht um die Kanalisation
kümmert, der hat bald ein Riesenproblem», sagt Brühlmann.
Noch tiefer ins Portemonnaie als die
Gemeinden müssten allerdings die Privaten greifen. «Die Privatanschlüsse
von den Häusern zur öffentlichen Kanalisation sind in einem viel schlechteren Zustand als die Leitungen der Gemeinden.» Mancher Hausbesitzer werde darum in den nächsten Jahren ein
Leitung: Kleinere Rohre werden mit Kanalfernsehen auf Schäden kontrolliert.
paar tausend Franken unter dem Boden investieren müssen, statt damit in
die Ferien zu fahren, sagt Brühlmann.
Das lohne sich. «Die Investition in ein
dichtes Abwassernetz ist eine Investition in unsere Zukunft.» Wasser sei
heute schon wertvoll – in Zukunft werde es Gold wert sein.
Wenige schwarze Schafe
Angst ums Trinkwasser muss niemand haben. Alle Gemeinden müssen
in einem Entwässerungsplan nach Prioritäten festlegen, was wann saniert
oder erneuert werden muss. Alle fünf
Jahre will der Kanton von den Gemeinden wissen, was getan wurde. Die
meisten Gemeinden kämen ihrer Verpflichtung nach, sagt Kaufmann. Es gebe aber auch schwarze Schafe.
Das ist nicht Neues. Nach der Choleraepidemie 1854 in Aarau drohte
der Regierungsrat, der Stadt den Regierungssitz zu entziehen, falls Aarau
sich nicht besser um den Abfluss der
Fäkalien kümmere und damit die
Trinkwasserqualität verbessere.
5
Milliarden Franken wert ist
das Abwassernetz des
Kantons Aargau.
Die Ausläufer des Orkans «Gonzalo»
fegten in der Nacht auf Mittwoch mit
Windgeschwindigkeiten von über 100
km/h über das Mittelland. Die heftigen
Orkanböen haben auch im Aargau Spuren der Zerstörung hinterlassen. Insgesamt sind bei der Polizei 90 Schadenmeldungen eingegangen, wie Mediensprecher Bernhard Graser auf Anfrage
sagt. Mehrere Bäume fielen dem Sturm
zum Opfer, 28 verschiedene Feuerwehren waren im Einsatz.
Aber es hätte schlimmer kommen
können. Der Polizei sind keine Meldungen von verletzten Personen bekannt,
zu grösseren Sachschäden ist es auch
nicht gekommen. Die Höhe aller Schäden lässt sich noch nicht beziffern.
Neben umgeknickten Bäumen hat der
Wind auch bei Baustellen Schäden angerichtet und Werbe- sowie Verkehrstafeln weggeweht, die Polizei registrierte 40 entsprechende Meldungen.
«Einige Leute hatten grosses Glück,
dass ihnen nichts passiert ist, als Äste
auf ihr Auto fielen», sagt Bernhard Graser. Im Waldgebiet zwischen Schafisheim und Wildegg, auf der Aaretalstrasse, krachte ein herunterfallender
Ast auf die Frontscheibe eines vorbeifahrenden Autos. Auf der Strecke zwischen Etzgen und Schwaderloch fiel
kurz vor 20 Uhr ein Baum direkt vor
ein herannahendes Auto. Der Baum
streifte das Fahrzeug noch, wodurch
dieses vorne beschädigt wurde. (JGL)
Tele-M1-Beitrag zum Sturm
auf www.aargauerzeitung.ch
Mehrmals stach der Angeklagte auf seine Mutter ein (Symbolbild).
Hundertprozentig hätten seine psychischen Probleme mit den Drogen zu
tun, sagt Arben vor Gericht. Der erste
Joint rauchte er als 13-Jähriger. Härtere
Drogen folgten – «ich probierte alles
aus». Er arbeitete temporär, machte
ein Praktikum in einer Garage. Kein
Schulabschluss. Keine Ausbildung.
Kein Zukunftsplan. «Seit dieser Sache»
sei er nun aber clean.
Die Therapie zeigt Wirkung. Jeden
Tag holt er im Büro seine Tabletten ab.
Aus Holz fertigt er Laternen, Grillanzünder, Seifenschalen. Seit einiger
Zeit darf er gemeinsam mit einem Pfle-
«Sie haben einen langen
Weg vor sich. Wir hoffen,
dass Sie den Tritt im Leben
finden werden.»
Yvonne Thöny Fäs, Gerichtspräsidentin
ger auf dem Areal spazieren. Er sei froh
um die Hilfe, sagt Arben. «Es geht mir
gut in der Klinik.» Wie lange er dort
bleiben wird, ist offen. Sein Anwalt fordert, die stationäre Massnahme auf
drei Jahre zu beschränken. Das Gericht
INSERAT
FOTOLIA
lehnt ab: Eine Befristung sei weder
vorgesehen noch sinnvoll. Die Dauer
hänge von der Entwicklung ab.
Das Gesetz schreibt eine zwingende
Überprüfung spätestens nach fünf Jahren vor. Die Massnahme kann danach
beendet oder um maximal fünf Jahre
verlängert werden.
Der lange Weg zurück
Er habe grosse Ziele für die Zukunft,
sagt Arben. Automonteur-Lehre, Heirat, Kinder. Und: «Zu meinen Eltern
schauen, wenn sie alt sind, so wie sie
zu mir geschaut haben, als ich klein
war.» Mutter und Vater sitzen hinter
ihrem Sohn, verfolgen den Prozess, der
über seine Zukunft entscheidet. Das
Urteil nehmen Eltern und Sohn gefasst
entgegen: eine stationäre therapeutische Massnahme.
Bis ein Gericht deren Aufhebung
beschliesst, wird Arben in Therapie
bleiben. Er habe einen langen Weg vor
sich, sagt Gerichtspräsidentin Yvonne
Thöny Fäs zum Angeklagten. «Wir hoffen, dass Sie den Tritt im Leben finden werden.» Arben und sein Anwalt
akzeptieren das Urteil.
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