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Der Aufruf (1974) Ich bin die Frau (1983) Umsturz

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A 2 Lyrik als Ausdruck von Subjektivität
Ulla Hahn
Ich bin die Frau (1983)
Ich bin die Frau
die man wieder mal anrufen könnte
wenn das Fernsehen langweilt
5
Ich bin die Frau
die man wieder mal einladen könnte
wenn jemand abgesagt hat
Ich bin die Frau
die man lieber nicht einlädt
zur Hochzeit
10
Frida Kahlo: Die Zeit fliegt (1929)
15
Friederike Mayröcker
5
Umsturz (1977)
5
plötzlich aufgerufen bei meinem Namen
steh ich nicht länger im windstillen Panorama
mit den bunten schimmernden Bildern
10
sondern drehe mich wie ein schrecklich
glühendes Rad
einen steilen Abhang hinunter
aller Tabus und Träume von gestern entledigt
auf ein fremdes bewegtes Ziel gesetzt:
Ich bin die Frau
die keine Frau ist
fürs Leben.
Ursula Krechel
Der Aufruf (1974)
Mein Leben:
ein Guckkasten mit kleinen Landschaften
gemächlichen Menschen
vorüberziehenden Tieren
wohl bekannten wiederkehrenden Szenerien
Ich bin die Frau
die man lieber nicht fragt
nach einem Foto vom Kind
10
Von heut an stell ich meine alten Schuhe
nicht mehr ordentlich neben die Fußnoten
häng den Kopf beim Denken
nicht mehr an den Haken
freß keine Kreide. Hier die Fußstapfen
im Schnee von gestern, vergeßt sie
ich hust nicht mehr mit Schalldämpfer
hab keinen Bock
meine Tinte mit Magermilch zu verwässern
ich hock nicht mehr im Nest, versteck
die Flatterflügel, damit ihr glauben könnt
ihr habt sie mir gestutzt. Den leeren Käfig
stellt mal ins historische Museum
R
Abteilung Mensch weiblich.
ohne Wahl
aber mit ungeduldigem Herzen
1. Was verändert sich an der Aussage der Gedichte, wenn das Personalpronomen „ich“ durch die 2. oder
3. Person Singular ersetzt wird?
2. a) In zwei der drei Gedichte ist die Sprecherin eindeutig als Frau zu identifizieren. Welche Hinweise können
Sie feststellen?
b) Erörtern Sie, ob für Mayröckers „Der Aufruf“ auch ein Mann als Sprecher-Ich denkbar ist.
3. Welche Vorstellung haben Sie von den Ich-Sprecherinnen in den Gedichten? Skizzieren Sie eine Personenbeschreibung, z. B. Alter, Aussehen, Familienstand, Beruf, Charaktereigenschaften.
Machen Sie sich bewusst, welche sprachlichen Signale diese Vorstellungen in Ihnen ausgelöst haben.
4. Vergleichen Sie eines der Gedichte mit Frieda Kahlos Selbstbildnis.
40
A 5.1 Kommunikationsprobleme in Alltagssituationen
5 Kommunikation und Sprache – Wie Verständigung
gelingen kann
5.1 Kommunikationsprobleme in Alltagssituationen
Loriot
Garderobe (1981)
Sie sitzt vor ihrer Frisiertoilette und dreht
sich die Lockenwickler aus dem Haar. Er
steht nebenan im Bad und bindet sich seine
Smokingschleife.
5
10
15
20
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30
SIE: Wie findest du mein Kleid?
ER: Welches ...
SIE: ... das ich anhabe ...
ER: Besonders hübsch ...
SIE: ... oder findest du das Grüne schöner ...
ER: Das Grüne?
SIE: Das Halblange mit dem spitzen Ausschnitt ...
ER: Nein ...
SIE: Was ... nein?
ER: Ich finde es nicht schöner als das, was du
anhast ...
SIE: Du hast gesagt, es stünde mir so gut ...
ER: Ja, das steht dir gut ..
SIE: Warum findest du es dann nicht schöner?
ER: Ich finde das, was du anhast, sehr schön,
und das andere steht dir auch gut ...
SIE: Ach! Dies hier steht mir also nicht so
gut!?
ER: Doch ... auch ...
SIE: Dann ziehe ich das lange Blaue mit den
Schößchen noch mal über ...
ER: Ah-ja ...
SIE: ... oder gefällt dir das nicht?
ER: Doch ...
SIE: Ich denke, es ist dein Lieblingskleid ...
ER: Jaja!
SIE: Dann gefällt es dir doch besser als das,
was ich anhabe und das halblange Grüne
mit dem spitzen Ausschnitt ...
ER: Ich finde, du siehst toll aus in dem, was du
anhast!
SIE: Komplimente helfen mir im Moment
überhaupt nicht!
ER: Gut ... dann zieh das lange Blaue mit den
Schößchen an ...
SIE: Du findest also gar nicht so toll, was ich
anhabe ...
ER: Doch, aber es gefällt dir ja scheinbar
nicht ...
SIE: Es gefällt mir nicht? Es ist das Schönste,
was ich habe!!
ER: Dann behalte es doch an!
SIE: Eben hast du gesagt, ich soll das lange
Blaue mit den Schößchen anziehen ...
ER: Du kannst das lange Blaue mit den
Schößchen anziehen oder das Grüne mit
dem spitzen Ausschnitt oder das, was du
anhast ...
SIE: Aaha! Es ist dir also völlig Wurst, was ich
anhabe!
ER: Dann nimm das Grüne, das wunderhübsche Grüne mit dem spitzen Ausschnitt ...
SIE: Erst soll ich das hier anbehalten ... dann
soll ich das Blaue anziehen ... und jetzt auf
einmal das Grüne?!
ER: Liebling, du kannst doch ...
SIE: (unterbricht) ... Ich kann mit dir über
Atommüll reden, über Ölkrise, Wahlkampf
und Umweltverschmutzung, aber über ...
R
nichts ... Wichtiges!!
1. Beschreiben Sie das Kommunikationsproblem zwischen Mann und Frau. Woran scheitert die Verständigung?
2. Die Sprachwissenschaftlerin Deborah Tannen (୴ S. 399 ff.) vertritt die Auffassung, dass Männer anderen
Gesprächsregeln folgen als Frauen. Überprüfen Sie diese These anhand des vorliegenden Dialogs.
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35
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C 5 Literatur nach 1945
5.2 Deutschsprachige Literatur nach 1989
Mit den politischen Veränderungen nach der Maueröffnung 1989 und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 ist auch eine neue Situation für die Literatur entstanden. Während
sich die Autorinnen und Autoren in den 80er-Jahren nur sporadisch mit aktuellen politischen
Themen auseinander setzten, entstand nach der so genannten Wende eine Fülle von Literatur
zur Wiedervereinigung, die in der Öffentlichkeit bisweilen zu lebhaften Kontroversen führte,
allen voran GÜNTER GRASS’ Fontane-Roman „Ein weites Feld“ (1995).
Das aktuelle Thema der Wiedervereinigung wurde zum Teil verknüpft mit historischer Erinnerung, so z. B. in den Romanen „Die Verteidigung der Kindheit“ (1991) von MARTIN WALSER und
„Nicolaikirche“ (1995) von ERICH LOEST; zum Teil bot die Vereinigung auch Anlass zu (auto-)
biografischem Schreiben, z. B. für GÜNTER DE BRUYN („Zwischenbilanz“, 1992), MONIKA
MARON („Stille Zeile Sechs“, 1991), WOLFGANG HILBIG („Ich“, 1993) oder wiederum Martin
Walser („Ein springender Brunnen“, 1998, ୴ S. 358). In zahlreichen Prosatexten nach 1989
werden Lebensgeschichten vorgeführt, deren Protagonisten auf der Suche nach ihrem Platz in
der heutigen Gesellschaft sind, oft in postmodernem Schreibstil wie z. B. in SIBYLLE BERGs
Episodenroman „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ (1997, ୴ S. 35) oder in
ZOË JENNYs Roman „Das Blütenstaubzimmer“ (1997, ୴ S. 15).
Als postmodern gilt auch der Rückgriff auf Geschichte und Mythos wie in ROBERT SCHNEIDERs
verfilmtem Bestseller „Schlafes Bruder“ (1992, ୴ S. 360), der eine fiktive Musikerbiografie des
19. Jahrhunderts entwirft, oder in MARCEL BEYERs „Flughunde“ (1995, ୴ S. 414 f.), wo der
Nationalsozialismus aus aktueller Perspektive beleuchtet wird.
So ist neben einer wieder stärkeren Verklammerung von Literatur, Politik und Moral und einer
Hinwendung zum historisch-biografischen Schreiben die Vielfalt der Formen und Schreibstile
ein Kennzeichen der gegenwärtigen Literatur.
Reaktionen auf die „Wende“
5
Heinz Czechowski
Adelheid Johanna Hess
Die überstandene Wende
(November 1989)
Verfehlt (1991)
Was hinter uns liegt,
Wissen wir. Was vor uns liegt,
Wird uns unbekannt bleiben.
Bis wir es
Hinter uns haben.
5
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Wir
Fanden
Zusammen
Aber
Trafen uns
Nicht
Der Blick
In des andern
Augen
Sah nur
Uns selbst
Unser Reden
Kein Verstehen
Unser Schweigen
Kein Erkennen
Die Mauer
Im verkopften
Herz
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Seele and Geist
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