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DIPLOMARBEIT
Titel der Diplomarbeit
„Sklaverei in Nepal – Das Kamaiya-System
als Form der „Neuen Sklaverei“?“
Verfasserin
Julia Seiler
angestrebter akademischer Grad
Magistra (Mag.)
Wien, 2014
Studienkennzahl lt. Studienblatt:
A 057 390
Studienrichtung lt. Studienblatt:
Individuelles Diplomstudium Internationale
Entwicklung
Betreuer:
Univ. -Prof. Dr. Martin Gaenszle, M.A.
2
Ein herzliches Dankeschön an alle, die mich in der Zeit
meines Studiums, vor allem in der schwierigen Phase des
Abschlusses, unterstützt haben, indem sie mir stets mit
Rat und Tat zur Seite standen, immer ein offenes Ohr
hatten oder mir in irgendeiner Weise Kraft gaben.
3
4
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ......................................................................................................................... 7
2 Menschenrechte.............................................................................................................. 12
2.1 Historischer Hintergrund ......................................................................................... 12
2.2 Menschenrechte heute ............................................................................................. 14
2.2.1 Generationen der Menschenrechte ...................................................................15
2.2.2 Grundsätze der Menschenrechte ...................................................................... 17
2.2.3 Umsetzung von Menschenrechten ................................................................... 18
2.3 Kontroversen rund um Menschenrechte...................................................................19
2.4 Aussicht - Basisrechte als Lösungsvorschlag........................................................... 22
3 Theoretischer Zugang zum Sklavereidiskurs.............................................................. 24
3.1 Begriffschaos „Sklaverei“........................................................................................ 25
3.2 Sklaverei im internationalen Recht ..........................................................................26
3.3 „Neue Sklaverei“ nach Kevin Bales......................................................................... 31
3.3.1 Definitionssache ...............................................................................................31
3.3.2 Die „Neue Sklaverei“?...................................................................................... 32
3.3.3 „Alte“ versus „Neue Sklaverei“........................................................................35
3.3.4 Formen „Neuer Sklaverei“................................................................................37
3.3.5 Sklaverei in der Welt – Sklaverei für die Welt .................................................39
3.3.6 Sklaverei beenden............................................................................................. 41
3.3.7 Kritik................................................................................................................. 43
3.4 Watson als Ergänzung ..............................................................................................45
3.5 Fazit.......................................................................................................................... 48
4 Sklaverei in Nepal – Das Kamaiya-System auf dem Prüfstand ................................49
4.1 Nepal im Profil ........................................................................................................ 49
4.1.1 Geographie........................................................................................................49
4.1.2 Politische Geschichte ....................................................................................... 51
4.1.3 Bevölkerung......................................................................................................55
4.1.4 Nepals Wirtschaft .............................................................................................58
4.1.5 „Entwicklung“ und „Unterentwicklung“.......................................................... 59
5
4.1.6 Land und Besitzverhältnisse in Nepal ..............................................................61
4.2 Sklaverei und Ausbeutung in Nepal......................................................................... 62
4.2.1 Gesetzlicher Rahmen zu Sklaverei und Sklavenähnlichen Formen in Nepal...64
4.2.2 Aktuelle Formen der Ausbeutung und Sklaverei.............................................. 66
4.3 Die Tharu ................................................................................................................. 66
4.4 Das Kamaiya-System - historisch und aktuell..........................................................69
4.4.1 Traditionelle Form von Kamaiya...................................................................... 71
4.4.2 Historische Entwicklungen .............................................................................. 74
4.4.2.1 Veränderungen in der Shah-Zeit – Aufbau einer Nation ..........................75
4.4.2.2 Rana-Herrschaft – Macht und Ausbeutung............................................... 78
4.4.2.3 Konstitutionelle Monarchie – Aufbruchsstimmung.................................. 81
4.4.2.4 Panchayat – Die große Migrationswelle................................................... 82
4.4.2.5 Die 1990er – Extreme Disparitäten ..........................................................84
4.5 Zwischenbilanz – Moderne Form des Kamaiya-Systems........................................86
4.5.1 Erfahrungsberichte ...........................................................................................91
4.5.2 Zusammenfassende Aussagen und Unterschiede zwischen damals und heute.92
4.6 Gegeninitiativen........................................................................................................93
4.6.1 Die Stimme der Zivilgesellschaft......................................................................93
4.6.2 Staatliche Interventionen.................................................................................. 95
4.7 Die Situation nach dem Verbot des Kamaiya-Systems ............................................97
5 Abschließende Ergebnisse............................................................................................101
6 Glossar .......................................................................................................................... 105
7 Bibliographie.................................................................................................................106
7.1 Bücher.....................................................................................................................106
7.2 Internet.................................................................................................................... 110
8 Anhang...........................................................................................................................116
8.1 Zusammenfassung ................................................................................................. 116
8.2 Abstract................................................................................................................... 118
8.3 Lebenslauf...............................................................................................................119
6
1 Einleitung
Das weltweite Aufsehen um Sklaverei wurde in den letzten Dekaden wieder lauter und
obwohl sie eigentlich als Relikt vergangener Zeiten gilt, ist sie nach wie vor in allen Teilen
der Erde auf die eine oder andere Weise vertreten. Heutzutage wird in diesem
Zusammenhang häufig von „Modernen Sklaverei“ oder „Neuer Sklaverei“ gesprochen.
Diese Begriffe umfassen verschiedene Ausprägungen von Sklaverei die sich jedoch von
„Alten Formen“, die in der Vergangenheit praktiziert wurden, abgrenzen. Sklaverei ist laut
der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ verboten und einer Reihe weiterer
Maßnahmen wurden Ergriffen um sie auszumerzen. Durch ihre Wandlungsfähigkeit passte
sie sich den Gegebenheiten immer wieder an und besteht aus diesem Grund noch immer.
Die Auffassungen, die Universalität der Menschenrechte und ihrer globalen Anwendbarkeit
betreffend, sind sehr unterschiedlich und die Auseinandersetzungen damit breit gefächert.
Eine kritische Reflexion von Menschenrechten sowie dem Sklavereidiskurs ist im Rahmen
dieser Arbeit unumgänglich, um einen verklärten, idealistischen Blick auf andere, nichtwestliche Gesellschaften zu vermeiden.
In
Nepal
sind
Sklaverei
und
sklavenähnliche
Formen
wie
Zwangsarbeit,
Schuldknechtschaft und Menschenhandel, weit verbreitet. Die Grenzen zwischen diesen
Phänomenen sind dabei oft verschwommen. In der vorwiegend traditionell geprägten
Gesellschaft Nepals, geben historische Entwicklungen der vergangenen 200 Jahre
traditionellen Arbeitsverhältnissen neue, zum Teil prekäre Ausprägungen die vielerorts als
Form der Sklaverei bezeichnet werden.
Das Kamaiya-System, eine traditionelle Arbeitsform, ist in Nepal unter der Volksgruppe
der Tharu weit verbreitet. Heute ist es zunehmend in den Verruf geraten als
Schuldknechtschft eine Form von Sklaverei darzustellen, denn die Betroffenen unterliegen
einer extremen Form der Ausbeutung, die durch das Kamaiya-System organisiert ist.
Dieses ist einerseits von Kontinuität der Traditionen und gesellschaftlichen Verhältnissen
und andererseits vom Wandel der verschiedenen politischen, wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Einflüssen geprägt.
In dieser Arbeit soll untersucht werden ob es sich dabei um eine Form von „Neuer
Sklaverei“ nach Bales handelt und welche Umstände dazu geführt haben. Zu diesem
Zweck ist das Verständnis von Sklaverei zu definieren und gegebenenfalls zu hinterfragen.
7
Auch eine genaue Analyse der historischen Entwicklungen, regionalen Besonderheiten und
kulturellen Eigenheiten, die das Kamaiya-System beeinflussten, ist erforderlich.
Folgende Forschungsfrage soll für die Arbeit maßgebend sein:
Warum hat sich das Kamaiya-System, eine Form von Schuldknechtschaft in Nepal, im
Laufe der Zeit von einem traditionellen Arbeitsverhältnis hin zu einer Form „Neuer
Sklaverei“ entwickelt?
Die Thesen die dazu behandelt werden lauten:
•
Ein universeller Menschenrechtsdiskurs ist in Frage zu stellen, da er westliche
Werte idealisiert und auf regionale und kulturelle Gegebenheiten keine Rücksicht
nimmt.
•
Mit einer immer stärker globalisierten Welt muss man auch Konzepte wie Sklaverei
neu überdenken und mitunter anpassen.
•
Das Kamaiya-System war nicht immer eine Form der Sklaverei.
•
Es zeigt sich, dass die Moderne traditionelle Arbeitsverhältnisse nicht ablöst, wie
vielerorts angenommen, sondern ihnen neue, oft prekäre Ausprägungen verleiht.
•
Der Mangel an alternativen Lebens- und Arbeitsformen erhält traditionelle
Arbeitssysteme wie das Kamaiya-System aufrecht.
•
Beim Kamaiya-System kann man heute nur noch begrenzt von Tradition sprechen.
Das System hat im Laufe der Zeit viele Veränderungen erfahren und besitzt somit
einen großteils neuen Charakter.
•
Ethnizität stellt bis heute den Hauptgrund für Ungleichheiten in der nepalesischen
Gesellschaft dar.
8
Dieses Thema wird in Form einer Literaturarbeit, bei der breites vorhandene Ressourcen
und Studien einen wichtigen Input darstellen, aufgearbeitet. Ziel ist die ausführliche
Darstellung der vergangenen wie aktuellen Ausprägung der Arbeitsverhältnisse im
nepalesischen Kamaiya-System, sowie die Ereignisse die zu dessen Veränderung geführt
haben, um am Ende beurteilen zu können, ob der eingangs präsentierte theoretische Ansatz
auf diesem Gebiet anwendbar ist. Die Arbeit wurde dazu in zwei Abschnitte gegliedert,
einer der dem Leser die Theorie näher bringt und einer der die Verhältnisse vor Ort
detailliert darlegt.
Die Diskussion um die Praxis des Kamaiya ist erst in den letzten beiden Dekaden verstärkt
aufgetreten. Dabei wurde sie vielerorts als grobe Menschenrechtsverletzung dargestellt und
als Sklaverei bezeichnet ohne dabei näher darauf einzugehen oder zu hinterfragen ob und
warum es sich dabei um diese Ausbeutungsform handelt. Diese Aufgabe soll in den
folgenden
Kapiteln
abgearbeitet
werden,
indem
im
ersten
Kapitel
der
Menschenrechtsdiskurs in den Blick genommen wird. Die historische Entwicklung sowie
seine aktuelle Charakteristik werden dargestellt, sowie auf Kritikpunkte eingegangen.
Besonderes Augenmerk soll auf ihre Anwendbarkeit in verschiedenen kulturellen
Kontexten gelegt werden.
Das zweite Kapitel wird sich ausführlich der Sklaverei widmen, als erstes auf die
dazugehörigen Gesetzen sowie deren historische Entwicklung einzugehen, um im
Anschluss mit Hilfe von Kevin Bales Theorie der „Neuen Sklaverei“ einen theoretischen
Rahmen für die Diplomarbeit zu bieten. Diese Herangehensweise wurde gewählt, weil sie
einen jungen, gelungenen Ansatz darstellt, aktuelle Ausbeutungsverhältnisse zu
untersuchen. Bales bietet eine eigene Definition von Sklaverei, geht auf die Entstehung
und Ursachen ihrer aktuellen Ausformung ein und zeigt die Unterschiede zur
Vergangenheit auf.
Der Hauptteil widmet sich dann intensiv der Sklaverei und Ausbeutung in Nepal. Das
Land, dessen Geschichte, Geographie, gesellschaftliche Verhältnisse und aktuelle
Gegebenheiten werden kurz dargebracht, um das Thema für jeden verständlich zu
gestalten. Im Folgenden wird die Volksgruppe der Tharu näher beschrieben, um daraufhin
das Kamaiya-System vorzustellen, ausführlich darzulegen welche Ereignisse über die Zeit
hinweg darauf eingewirkt haben die ihm schlussendlich seine veränderte Form verliehen.
Auch auf Gegenmaßnahmen, von zivilgesellschaftlicher und staatlicher Seite wird Bezug
genommen, bevor schlussendlich die jüngsten Entwicklungen dargebracht werden.
9
Die Ergebnisse der Arbeit, eine Beantwortung der Forschungsfrage sowie die Abhandlung
der Thesen werden im Schlusswort präsentiert.
Zur angewendeten Methodik der Literaturarbeit, muss noch angemerkt werden, dass
vorhandene Materialien in sehr unterschiedlichem Ausmaß vorhanden sind. Es lässt sich
erkennen, dass es ab den späten 1990er Jahren eine wahre Flut an Informationen zum
Kamaiya-System in Nepal gibt. Diese Entwicklung steht vermutlich in Verbindung mit der
teilweisen Demokratisierung und Öffnung des Landes, der Arbeit verschiedener
humanitärer Organisationen sowie einer emanzipierenden Zivilgesellschaft, die vermehrt
auf die Umstände vor Ort aufmerksam machte. Die Forschungslage ab diesem Zeitraum ist
sehr gut, sie geht jedoch historisch wenig in die Tiefe. Zudem wäre eine aktuelle,
überregionale Studie der derzeitigen Situation der Tharus wünschenswert. Was die
Datenlage vor diesem Zeitraum betrifft, ist die vorhandene Literatur eher rar gesät. Nur
wenige beschäftigen sich mit traditionellen Arbeitsverhältnissen in Nepal, beziehungsweise
gehen auf Entwicklungen ein, die diese veränderten.
Die Zahlen und Daten zu Ausbeutungsformen und Sklaverei weisen allgemein große
Differenzen auf. Das zeigt einerseits den amorphen Charakter dieser Thematik, wie schwer
es ist die Grenzen zwischen verschiedenen Formen zu ziehen und wie ungleich diese oft
definiert werden. Andererseits ist es schwer die Ausmaße jener Arbeitsverhältnisse zu
beziffern, da der Großteil im Verborgenen stattfindet und undokumentiert bleibt. Somit
muss man sich zum Teil mit weit divergierenden Schätzungen und Hochrechnungen
begnügen. Andere Angaben sind wiederum regional sehr eingeschränkt und besitzen daher
auch nur eine begrenzte Aussagekraft. Es wurde versucht die verschiedenen Daten und
Fakten möglichst objektiv zu interpretieren.
Auch die vielen Nepali-Wörter, die zu dem Thema gezwungenermaßen Erwähnung finden,
sind in der Literatur in verschiedensten Schreibweisen wiederzufinden. In der Arbeit wurde
versucht, diese möglichst korrekt wiederzugeben. Um Verständnisschwierigkeiten zu
vermeiden, befindet sich im Anschluss der Arbeit ein Glossar, in dem die Begriffe
alphabetisch aufgelistet sind. Die Transliteration der Begriffe wird bei der erstmaligen
Erwähnung, inklusive Diakritika, korrekt durchgeführt und kursiv gekennzeichnet. Um den
Textfluss zu gewährleisten, werden im Nachfolgenden diese Wörter verdeutscht und ohne
weitere Hervorhebung verwendet. Gängige Eigennahmen, wie Ortsbezeichnungen oder
Volksgruppen, werden nicht transliteriert, lediglich bei Bedarf näher erklärt und sind im
Glossar nicht angeführt.
10
Zu guter Letzt wird darauf hingewiesen, dass unter vollem Bewusstsein der Wichtigkeit
einer gendergerechten Formulierung, in der vorliegenden Arbeit darauf verzichtet wurde.
Diese Vorgehensweise wurde gewählt, weil die großteils englische Literatur nur in seltenen
Fällen Auskünfte über das Geschlecht der Akteure verrät. Zudem würde deren Erwähnung
bei der Abhandlung unterschiedlicher Herrschafts- und Arbeitsverhältnisse, den Lesefluss
erheblich stören. Aus diesem Grund sind sämtliche Personenbezeichnungen im Folgenden
geschlechtsneutral zu verstehen.
11
2 Menschenrechte
Das Konzept der Menschenrechte verfolgt die Idee, dass weltweit ein gewisses Maß an
moralischen Werten herrschen sollte, das allen Menschen unabhängig von Herkunft,
Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion oder politischer Ausrichtung zukommen soll. In
der westlichen Welt besteht grundsätzlich die Meinung, Menschenrechte sollten für alle
Menschen auf dieser Erde universelle Gültigkeit besitzen. Zudem sind heute nahezu alle
Staaten und Menschen bereit, Menschenrechte als gemeinsame moralische Ordnung
anzunehmen, auch wenn diese in unterschiedlichem Ausmaß umgesetzt wird. Doch lassen
sich die westlich geprägten Werte, die sich in den Menschenrechten widerspiegeln, mit
unterschiedlichen moralischen Traditionen und kulturellen Kontexten verbinden? Kann ein
ursprünglich europäisches Konzept für alle Menschen geltend gemacht werden, ohne damit
andere Kulturen und Traditionen zu vereinnahmen?
2.1 Historischer Hintergrund
Menschenrechte besitzen Wurzeln die lange zurückreichen und sind somit kein
ausschließliches Produkt der Moderne. Zwar wird der Begriff „Menschenrechte“ erstmals
in der Neuzeit benutzt, doch sind die ihm zugrunde liegenden Ansätze viel älter (vgl.
Hamm 2003:15). Unterschiedliche Zivilisationen der Vergangenheit waren bereits bestrebt
eine moralische Ordnung, wie sie heute die Menschenrechte darstellen, zu entwickeln. Als
Vorreiter
der
Menschenrechte
finden
sich
Ansätze
in
den
verschiedensten
Glaubensrichtungen und Kulturen in unterschiedlichen Regionen der Welt wieder (vgl.
Koenig 2005:16).
Für die Entstehung der Menschenrechte in Europa waren vor allem die Ideen der
griechischen und römischen Antike grundlegend, welche später zum Teil ins Christentum
aufgenommen und weiterentwickelt wurden. Aus dem Kontext der Antike entstammt auch
die Begründung des Naturrechts sowie des positiven Rechts. Ersteres ist von Natur aus
gegeben, letzteres wurde von Menschen geschaffen (vgl. Herrmann 2009). Es wird davon
ausgegangen Menschen seien grundsätzlich gleich und dieses Recht sei jedem anderen
Recht übergeordnet. Allerdings war in früheren Zeiten keineswegs immer klar, wer als
Mensch zu zählen ist und wer nicht. Somit war mitunter Sklaven, Angehörigen bestimmter
Ethnien und lange auch Frauen dieser Status nicht zuteil (vgl. Koenig 2005:17).
12
Ab dem ausgehenden Mittelalter haben christliche Protestbewegungen, verschiedene
Unrechtserfahrungen durch Herrscher in ganz Europa und sich allmählich verändernde
Machtbeziehungen zwischen Herrschern und Beherrschten zu einem Umdenken geführt
(vgl. Hamm 2003:16). Dies fand einerseits Ausdruck im Humanismus und seinem
erklärten Ziel, die Wissenschaft und Kunst aus kirchlichen Fesseln zu befreien,
andererseits in der Entstehung der Renaissance und ihrer Wiederentdeckung antiker Werte.
Allerdings waren es nun die weltlichen Herrscher und ihre Rechte, die im Zentrum standen
(vgl. Herrmann 2009). Erst zu Beginn der Neuzeit kam es allmählich zum Niedergang des
Feudalismus sowie des Absolutismus und zum Aufstieg des Bürgertums und der
Nationalstaaten. Die Betonung des Individuums, individueller Rechte und deren
Herauslösung aus feudalen Zwängen ist kennzeichnend. Zunehmend werden politische und
ökonomische Rechte durch Bürger eingefordert (vgl. Hamm 2003:17).
Ganz besonders ausschlaggebend in der Entwicklung der Menschenrechte war die
Aufklärung ebenso wie das revolutionäre Gedankengut der Französischen Revolution,
welche die Menschen- und Bürgerrechte endgültig ins Zentrum politischen Denkens stellte
und zur ihrer Institutionalisierung führte (vgl. Herrmann 2009, Koenig 2005:19, 26ff.).
Thomas Hobbes (1588-1679), John Locke (1632-1704), Jean-Jaques Rousseau (17121778) und Immanuel Kant (1724-1804) waren die großen Denker dieser Zeit, um nur die
wichtigsten zu nennen (vgl. Koenig 2005:19ff.). Damit einhergehend wandelte sich in der
Philosophie die Vorstellung vom Naturrecht hin zum Vernunftrecht. „Im festen Vertrauen
auf die Kraft der menschlichen Vernunft wollte die Aufklärung die Menschheit aus den
Ketten religiöser und staatlicher Bevormundung lösen.“ (Herrmann 2009) Dieses Recht ist
nicht nur von Natur aus gegeben, sondern unterliegt der menschlichen Vernunft und muss
durch keinen Staat gewährt werden. Zudem haben sich die Ideen auch im aufkommenden
politischen Liberalismus niedergeschlagen (vgl. Hamm 2003:17).
Ausgehend von Europa breiteten sich diese Werte auch schnell auf andere Weltregionen
aus und dienten mitunter zu Protest- und Legitimationszwecken verschiedener
Unabhängigkeitsbewegung ehemaliger Kolonien. Bekanntestes Beispiel hierzu stellen die
Vereinigten Staaten dar, wo Menschen- und Bürgerrechte schon früh Fuß fassten und auch
weiterentwickelt wurden (vgl. Koenig 2005:32, 35). Aber auch andere kolonialisierte
Nationen begründeten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ihre Unabhängigkeitskämpfe,
sowie ihre Unabhängigkeit selbst, auf Werten der Menschenrechte. Zudem wird heute
verschiedensten Unrechtserfahrungen weltweit im Namen der Menschenrechte begegnet.
13
Durch neue Ereignisse unterstehen sie, wie schon in der Vergangenheit, auch heute noch
ständigen Veränderungen. Damit handelt es sich bei der Entwicklung der Menschenrechte
nicht um einen abgeschlossenen Vorgang, sondern um einen dynamischen Prozess (vgl.
Hamm 2003:21f.).
2.2 Menschenrechte heute
Menschenrechte haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts verfestigt und sind heute aus der
internationalen Politik nicht mehr wegzudenken. Im Zuge der Aufklärung wurden sie in
verschiedenen nationalen Verfassungen umgesetzt, aber erst im Völkerrecht und
schließlich im Menschenrechtsabkommen der Vereinten Nationen erhielten sie ihren
internationalen Charakter. Internationale Organisationen, Staaten sowie unzählige NGOs
(„non-governmental Organisations“ – Nichtregierungsorganisationen) legitimieren ihr
Handeln durch sie. Nach Koenig hat dies zur Entstehung einer solidarischen
Weltgesellschaft1 geführt, womit sich Menschenrechte heute von ihren europäischen
Wurzeln lösen konnten (vgl. Koenig 2005:52).
Der Begriff der Menschenrechte ist sehr geläufig und in vieler Munde. Doch was ist
darunter zu verstehen? „Menschenrechte bezeichnen Freiheits- und Autonomieansprüche
(Rechtsinhalt), welche Menschen (Rechtsträger) allein Kraft ihres Menschseins gegenüber
Herrschaftsinstanzen (Rechtsadressaten) mit Rekurs auf sanktionierende legale oder
moralische Autoritäten erheben und durchsetzen können.“ (Koenig 2005:12)
Menschenrechte wie wir sie heute kennen sind in der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte der Vereinten Nationen (UN) von 1948 festgehalten. Nach den
Erfahrungen und Verbrechen gegen die Menschheit während des Zweiten Weltkrieges war
man sich einig, auf internationaler Ebene einen gemeinsamen Standard an moralischen
Werten durchzusetzen. Dieses Ziel wurde nicht nur von westlichen Staaten verfolgt
sondern auch durch Nationen aus weniger betroffenen Gebieten unterstützt (vgl. Huhle
2008).
Die Allgemeine Menschenrechtserklärung, die keinen völkerrechtlich bindenden Vertrag
darstellt, ist sehr allgemein formuliert, um möglichst universell zu sein und so eine breite
Zustimmung unter den UN-Mitgliedstaaten zu finden. Dies gelang ihr auch dadurch, dass
1 Der soziologische Begriff der „Weltgesellschaft“ soll deutlich machen, „dass sich Strukturen jenseits des
Nationalstaats nicht auf das zwischenstaatliche System [ ] beschränken.“ (Koenig 2005:107)
14
sie liberale und soziale Rechte gleichrangig auf eine Stufe stellte. Denn schon vor der
Verabschiedung der Erklärung hat dies zu Kontroversen zwischen Ost und West geführt
(vgl. Herrmann 2008a). Für Widersprüche sorgte auch, dass große Teile der
Weltbevölkerung in Asien und Afrika noch kolonialisiert waren und deren Länder somit
keine eigenen UN-Mitgliedstaaten waren um Einfluss auf die Entwicklung der
Menschenrechtserklärung nehmen konnten. Trotzdem waren die Menschenrechte oft ein
wichtiges Legitimationsinstrument in unterschiedlichsten Unabhängigkeitsbewegungen
jener Nationen (vgl. Bielefeld 2011:87).
Die Menschenrechtskommission, die schon die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
erarbeitete, hatte nach Abschluss der Allgemeinen Menschenrechtserklärung die Aufgabe,
einzelne Rechte zu präzisieren und in Konventionen zu fassen, um ihnen völkerrechtliche
Verbindlichkeit zu verleihen (vgl. Herrmann 2008a). Dieser Prozess wurde vom Kalten
Krieg sowie den unterschiedlichen Meinungen zu Menschenrechten begleitet. Die
Ausarbeitung der Menschenrechte spiegelt somit die politische Wirklichkeit jener Zeit
wieder (vgl. Hamm 2003:37f.). Als Lösung des Problems wurden zwei Pakte, die auf
selber Ebene stehen, getrennt voneinander präsentiert (vgl. Hamm 2003:39). 1966 wurde
schließlich der internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte (Zivilpakt) sowie
der internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (Sozialpakt)
präsentiert und traten erst 1976 in Kraft. Zusammen stellen sie die „Bill of Human Rights“
dar, die den Kern der Menschenrechte verkörpert (vgl. Hamm 2003:26). Im Laufe der
Jahre wurde sie durch eine Vielzahl an weiteren Erklärungen und Konventionen ergänzt,
was heute einen umfassenden Katalog an Menschenrechten darstellt (vgl. Koenig
2005:70).
2.2.1 Generationen der Menschenrechte
Heute lassen sich so drei Generationen an Menschenrechten unterscheiden. Die erste
Generation sind Abwehrrechte bzw. Freiheitsrechte und setzen sich aus den politischen und
bürgerlichen Rechten zusammen. Sie sind vorstaatliche, unveräußerliche Rechte des
Individuums, die durch den Staat gewährt werden müssen. Beispiele dafür sind das Recht
auf Leben und körperliche Unversehrtheit, das Verbot der Folter und Sklaverei, Rechte auf
Gewissens-, Meinungs- und Redefreiheit sowie das Recht auf Religionsfreiheit (vgl.
Hamm 2003:39, Hinkmann 2000:86).
15
Die zweite Generation bilden die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte welche
als Anspruchs- und Teilhaberechte bezeichnet werden. Dabei muss der Staat die Teilhabe
eines jeden am Materiellen, Sozialen und Kulturellen ermöglichen. Beispiele dafür sind
das Recht auf Arbeit, soziale Sicherheit, Bildung sowie das Recht auf die Teilnahme am
kulturellen Leben der Gemeinschaft (vgl. Hamm 2003:39, Hinkmann 2000:86f.).
Unter der dritten Generation versteht man schließlich Solidarrechte die sich aus
verschiedenen kollektiven Rechten zusammensetzen. Sie zeichnen sich nicht durch ihren
individuellen Anspruch aus, sondern durch ihren solidarischen Charakter. Dabei handelt es
sich beispielsweise um das Recht auf Frieden, auf Entwicklung, auf eine intakte Umwelt
oder um das Recht auf Wasser und Nahrung. Mit der Entstehung der dritten Generation ist
eine Tendenz vom Individuum hin zum Kollektiv zu erkennen und somit rücken in
jüngerer Zeit zunehmend kollektive Rechte ins Zentrum (vgl. Hamm 2003:39, Hinkmann
2000:86f.).
Diese drei Generationen stehen theoretisch auf gleicher Ebene nebeneinander.
Fälschlicherweise wird in der Einteilung in Generationen oft eine zeitliche Abfolge oder
eine Prioritätensetzung vermutet. Wie auch die Unteilbarkeit der Menschenrechte besagt,
bedingen diese Rechte einander und sind somit gleichwertig zu behandeln (vgl. Hamm
2003:39). In der Praxis stellt sich das jedoch als schwierig dar. Wie bereits erwähnt,
werden
die
Rechte
der
ersten
und
zweiten
Generation
bereits
in
der
Menschenrechtserklärung 1948 festgehalten und wurden im Kontext des Ost-WestKonflikts konkretisiert, um ihnen mit den zwei Pakten einen völkerrechtlich verbindlichen
Charakter zu verleihen. Bereits diese Entwicklung ging nicht reibungslos vonstatten. Die
Entstehung der Rechte dritter Generation wurde vor allem von Ländern der Dritten Welt
beeinflusst, die sich ab den 1960ern formierten und zunehmenden Einfluss im Rahmen der
UN hatten. Sie hatten wiederum eigene Vorstellungen und begannen Einfluss auf die
Gestaltung der Menschenrechte zu nehmen. Rechte, die sie einforderten waren zu einem
großen Teil sozialer Natur und werden heute als Menschenrechte dritter Generation
bezeichnet. Diese Forderungen wurden zwar in die Menschenrechte aufgenommen, sind
jedoch umstritten und ihre Umsetzung erweist sich als sehr problematisch. Menschenrechte
dritter Generation sind kaum verbindlich und meist nur appellativer Natur (vgl. Herrmann
2008b, Hinkmann 2000:87f.).
16
2.2.2 Grundsätze der Menschenrechte
Menschenrechte werden grundsätzliche Eigenschaften zuteil. Sie sind universell,
unveräußerlich und unteilbar. Ganz zentral ist ihre Universalität. Menschenrechte werden
allen Menschen zuteil, allein durch ihr Mensch sein. Das wird auch im ersten Artikel der
Menschenrechtserklärung ausdrücklich festgehalten. „All human beings are born free and
equal in dignity and rights.“ (OHCHR 1948) Wichtig ist zudem, dass diese Rechte für
jeden gültig sind. So heißt es im zweiten Artikel „Everyone is entitled to all the rights and
freedoms set forth in this Declaration, without distinction of any kind, such as race, colour,
sex, language, religion, political or other opinion, national or social origin, property, birth
or other status.“ (OHCHR 1948) Menschenrechte sind grundsätzlich individueller Natur.
Nur
in
wenigen
Fällen
werden
Rechte
an
benachteiligten
oder
gefährdeten
Personengruppen, wie zum Beispiel indigene Völker, Frauen und Kinder, gewährt (vgl.
Hamm 2003:28f.). Die Universalität kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass jegliche
Erwähnung einer theologischen oder philosophischen Begründung vermieden wird (vgl.
Koenig 2005:62). Die Verfasser der Menschenrechtserklärung setzten sich aus Vertretern
verschiedener Weltregionen, mit je unterschiedlicher kultureller Prägung zusammen, die
sie auch in den Entwurf der Menschenrechtserklärung mit einfließen ließen. Aus diesem
Grund wiesen sie von Beginn an kritische Stimmen zurück, die ihnen eine
eurozentristische oder christliche Sichtweise vorwarfen (vgl. Koenig 2005:61f.).
Ein weiterer Aspekt der Menschenrechte ist ihre Unteilbarkeit. Das bedeutet, „dass die
unterschiedlichen Typen von Rechten einen Zusammenhang bilden und sich wechselseitig
bedingen.“ (Koenig 2005:63) Man spricht deshalb auch von einer Einheit der politischen,
wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte. Erst wenn all diese Rechte zutreffen
kann von einer zufriedenstellenden Umsetzung der Menschenrechte gesprochen werden
(vgl. Hamm 2003:28, Koenig 2005:63).
Menschenrechte sind zudem unveräußerliche Rechte, die es durch die internationale
Staatengemeinschaft zu schützen gilt und nicht abgetreten werden können. Dies wird im
Artikel 22 festgehalten. „Everyone, as a member of society, has the right to social security
and is entitled to realization, through national effort and international co-operation and in
accordance with the organization and resources of each State, of the economic, social and
cultural rights indispensable for his dignity and the free development of his personality.“
(OHCHR 1948) Der Schutz der Menschenrechte soll durch internationale Kooperation und
vor allem durch die einzelnen Nationalstaaten gewährleisten werden. Menschenrechte sind
17
heute nicht an eine Staatsbürgerschaft gebunden, sondern werden international garantiert
(vgl. Hamm 2003:30, Koenig 2005:64f.).
2.2.3 Umsetzung von Menschenrechten
Menschenrechte sind nicht nur im Rahmen von Nationalstaaten institutionalisiert, sondern
auch auf internationalem Feld. In der Umsetzung sind jedoch nach wie vor die
Nationalstaaten gefordert, sowie ihre Kooperation untereinander. „Zwar besitzen der UNSicherheitsrat, die UN-Generalversammlung und die internationalen Gerichtshöfe
exekutive,
legislative
und
judikative
Funktionen,
die
Ausübung
legitimer
Herrschaftsgewalt liegt aber nicht bei einem Weltstaat, sondern weiterhin bei den
souveränen Territorialstaaten.“ (Koenig 2005:85) Staaten müssen Konventionen und
Verträge unterzeichnen, sie müssen für ihre Umsetzung im eigenen Territorium sorgen und
sie können Sanktionen und Maßnahmen setzen um dem Ganzen mehr Nachdruck zu
verleihen. Menschenrechte haben sich zwar einerseits von Nationalstaaten losgelöst, sind
jedoch andererseits ohne sie und ihre Zusammenarbeit nicht umzusetzen (vgl. Koenig
2005:85).
Die Verträge, Normen, Vereinbarungen, Regeln, Instrumente und Einrichtungen welche in
der internationalen Kooperation rund um Menschenrechte maßgebend sind, werden
zusammengefasst als Regime bezeichnet. „Regime sind Zweckbündnisse, in die Staaten
eintreten, weil sich ein bestimmtes Problem am besten international und gemeinsam lösen
lässt.“ (Hamm 2003:87) Regime gibt es zu unterschiedlichen Themen, wie zum Beispiel
das CO2-Regime, um die weltweite CO2-Ausstoßung zu regulieren oder das
Welthandelsregime,
Institutionalisierung
um
von
internationale
Belange
Menschenrechten
der Wirtschaft
hat
auch
zu
zu
regeln.
einem
Die
eigenen
Menschenrechtsregime geführt (vgl. Koenig 2005:85) .In Regimen spiegeln sich je auch
internationale Machtbeziehungen wieder (vgl. Hamm 2003:85, Koenig 2005:86).
Nach Koenig legt das Menschenrechtsregime aktuell kein gutes Zeugnis ab und wird als
wenig effizient bezeichnet. Zwar konnten durchaus Verbesserungen in unterschiedlichen
Bereichen, wie der Überwachung und Förderung von Menschenrechten, konstatiert
werden, doch wird ihre Durchsetzung insgesamt als unzureichend eingeschätzt (vgl.
Koenig 2005:88f.).
18
2.3 Kontroversen rund um Menschenrechte
Menschenrechte sind heute weltweit verbreitet, aber nicht unumstritten. Kritiker gab es
von Beginn an. So waren vor allem christliche Kirchen in Europa keineswegs
einverstanden mit dem revolutionären Gedankengut und seiner säkularen Prägung (vgl.
Koenig 2005:36). Auch von Seiten der Konservativen kamen Einwände, da sie ihre
Traditionen in Gefahr sahen (vgl. Koenig 2005:36f.). Der individuelle Charakter von
Menschenrechten wurde ebenso früh zum Ziel der Kritiker, welche die Individualisierung
als Gefahr für das Gemeinwohl betrachteten (vgl. Koenig 2005:38f.).
Heute
richtet
sich
die
Kritik
an
Menschenrechten
vor
allem
gegen
ihren
Universalitätsanspruch. Denn „der weltweite Geltungsanspruch der Menschenrechte steht
für manche Kritiker im Widerspruch zu ihren ideengeschichtlichen und philosophischen
Wurzeln im abendländischen Europa und zu ihrer historischen Herausbildung in Europa
und den USA.“ (Hamm 2003:15) Meinungen dazu reichen von grundsätzlicher
Universalität bis hin zu partikularer Selbstbehauptung einzelner Kulturen (vgl. Di Fabio
2008:66). Im Allgemeinen lassen sich zwei unterschiedliche Lager erkennen. Die einen
vertreten den Universalismus wohingegen andere zum Relativismus zu zählen sind.
Zwischen diesen beiden Lagern lassen sich viele Abstufungen und unterschiedliche
Positionen erkennen, die zu behandeln, an dieser Stelle zu weit führen würde. Vertreter des
Universalismus gehen davon aus, die Universalität der Menschenrechte nicht vollends
anzuerkennen bedeute ebenso die Gleichheit aller Menschen zu verneinen (vgl. Pollmann
2012:331). Relativisten hingegen nehmen in einer fundamentalen Sicht eine grundsätzliche
Ungleichheit der Menschen an. Weniger radikale Meinungen sehen zwar die Gleichheit
aller Menschen, denen auch allesamt Menschenrechte zukommen sollen, jedoch nicht
unbedingt dieselben. Denn sie erkennen zwar die Menschenrechte grundsätzlich an,
relativieren diese aber (vgl. Pollmann 2012:331f). Das bedeutet, „trotz aller individuellen
Unterschiede ist jeder Mensch weltweit als menschenrechtlich gleich zu achten.“
(Pollmann 2012:332) Ein starker Relativismus oder auch Kulturrelativismus verneint
hingegen, dass jedem dieselben allgemeinen und unteilbaren Menschenrechte zustehen. Er
geht davon aus, dass diese durch die Kultur bedingt veränderbar sein müssen, da Werte und
Normen vom jeweiligen Kontext abhängen und universelle Standards somit nicht möglich
sind (vgl. Hinkmann 2000:89).
Ein zweiter Konfliktpunkt ist der Vorwurf des Eurozentrismus von Menschenrechten, der
sich wiederum auf ihren ideengeschichtlichen Wurzeln begründet, eng mit der Kritik am
19
Universalismus verbunden ist und in Menschenrechten ein westliches Produkt sieht.
Demnach können sie nicht ohne weiteres auf andere Kulturbereiche angewandt werden, da
diesen andere historische Erfahrungen zugrunde liegen (vgl. Hinkmann 2000:89, Pollmann
2012:333).
Kritiker unterstellen universellen Menschenrechten auch, dass sie die kulturelle Vielfalt,
sprich den globalen Pluralismus, zerstören. Im Zuge der Menschenrechte werden westliche
Werte und Vorstellungen, darüber wie man zu leben hat, zwangsexportiert (vgl. Pollmann
2012:333).
Weiters richten sich viele kulturrelativistische Einwände auch gegen den individuellen
Charakter der Menschenrechte. Denn in nicht europäischen Kulturkreisen, wie in Asien
oder Afrika, ist es durchaus üblich, kommunale, kommunitaristische Ansprüche der
Gemeinschaft über individuelle einzuordnen (vgl. Pollmann 2012:333). So versuchen zum
Beispiel Kritiker aus Asien eine Alternative zu bieten, indem sie „asiatische Werte“
forcieren, in denen Menschenrechte als Rechte der Gemeinschaft anstatt des Individuums
an Beachtung gewinnen (vgl. Hamm 2003:23, Lohmann 2010:39f.). „Debatten über
Menschenrechte in unterschiedlichen Kulturen und über die Unvereinbarkeit der
Menschenrechte […] mit nicht-westlichen Wertesystemen [werden oft] vorgeschoben und
von eigenen Interessen geleitet.“ (Hamm 2003:23f.) Es soll an dieser Stelle auch darauf
hingewiesen werden, dass mit der ständigen Erweiterung der Menschenrechte immer mehr
Gruppenrechte mitaufgenommen werden und der Einwand gegen den Individualismus der
Menschenrechte zusehends weniger Bestand hat.
Ein letzter großer Kritikpunkt besteht im Vorwurf des Imperialismus. Die von der UNO
und einzelnen Großmächten betriebene Menschenrechtspolitik ist demnach ein Ausdruck
eines imperialistischen Machtstrebens. Diese verhalten sich dabei oft floskelhaft und
greifen selbst zu menschenrechtswidrigen Mitteln. Dahinter stehen häufig Eigeninteressen
wie globaler Machtgewinn und wirtschaftliche Vorteile (vgl. Pollmann 2012:333). Obwohl
die realpolitische Umsetzung der Menschenrechte zum Teil zu wünschen übrig lässt, soll
das nicht bedeuten, dass die Idee der Menschenrechte an sich imperialistisch ist.
Es gibt auch einige Argumente, die gegen den Kulturrelativismus sprechen. So ist es zum
Beispiel schwierig, kulturelle Identität begreifbar zu machen. Es ist heikel Kriterien
festzulegen, welche die Zugehörigkeit zu einer Kultur bestimmen. Laut Hinkmann sind
diese zum Teil willkürlich gewählt und sehr exklusiv oder nicht trennscharf und verlieren
damit wieder an Aussagekraft. Zudem muss beachtet werden, dass Kulturen wie
20
Menschenrechte nicht statisch und eindimensional zu denken sind, sich entwickeln und
Veränderungen unterliegen. Auch darf man nicht aufgrund der bloßen Vielfalt von
Kulturen davon ausgehen, dass dies ein Muss ist. „Es fehlt der Maßstab der Beurteilung,
warum etwa ein kultureller Pluralismus einer uniformen Globalkultur vorzuziehen ist.“
(Hinkmann 2000:89f.)
Für den Universalismus spricht auch die Behauptung Bielefelds, der meint es sei falsch
davon auszugehen, dass aufgrund der Entstehung der Menschenrechte im europäischen
Kontext diese nicht universell anwendbar sind und somit nicht auf andere Kulturräume
übertragbar sind. „Es wäre ein Fehlschluss, wollte man daraus ableiten, dass die
Menschenrechte entweder exklusiv an den europäischen Kulturraum gebunden wären oder
nur im Zuge einer kulturellen 'Verwestlichung' der Welt eine globale Durchsetzungschance
hätten.“ (Bielefeld 2011:80)
Beim Streit zwischen Universalisten und Kulturrelativisten ist zu bemerken, dass dieser
vorwiegend auf theoretischem Feld stattfindet. Die Praxis hinkt der Theorie um einiges
nach. „Fast alle Befürworter des Universalismus übersehen, dass es sich um einen
Geltungsanspruch handelt, den es erst noch einzulösen gilt. Die Menschenrechte sind nicht
schon universell gültig, aber sie wollen universell gültig werden.“ (Pollmann 2012:337)
Das heißt, Menschenrechte stehen erst vor der Aufgabe sich universell durchzusetzen. Es
handelt sich dabei um keinen abgeschlossenen Vorgang, deshalb sind sie anpassungsfähig
und nicht von vornherein abzulehnen. Das richtige Verständnis von Universalismus muss
interkulturell offen gehalten werden. Bisherige Formulierungen von Menschenrechten, wie
die Pakte, dürfen nicht als fester Bestandteil angesehen werden, sondern lediglich als ein
wichtiger Teil im ganzen Prozess der Universalisierung (vgl. Pollmann 2012:337).
Es scheint, als würden beide Ansätze, der Universalismus sowie der Kulturrelativismus,
beachtenswerte Punkte aufgreifen. Zum einen ist ein universeller, moralischer Standard
durchaus positiv zu bewerten, zum anderen ist es wichtig die kulturelle Vielfalt
wahrzunehmen und anzuerkennen. Somit wäre ein Konsens zwischen Universalismus und
Kulturrelativismus, das heißt universelle Menschenrechte bei gleichzeitiger Achtung
unterschiedlicher Kulturen, erstrebenswert (vgl. Hinkmann 2000:90).
21
2.4 Aussicht - Basisrechte als Lösungsvorschlag
Bereits vor der Allgemeinen Erklärungen der Menschenrechte kam es zu einer
fortlaufenden Ausweitung jener Rechte die allgemein als Menschenrechte bezeichnet
wurden. Einerseits wurden sie auf alle Menschen ausgedehnt, unabhängig ihrer Hautfarbe,
ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder Staatsbürgerschaft, andererseits
kam es auch zu einer Ausweitung ihres Inhalts aufgrund vieler unterschiedlicher
Unrechtserfahrungen, die wiederum zu neuen Inhalten geführt haben (vgl. Gosepath
2010:20). Dieser Prozess ist auch heute nicht abgeschlossen und führt dazu, dass
Menschenrechte immer umfassender werden. Eine Ausweitung unterstützt zwar die
universelle Anwendbarkeit der Rechte, jedoch befürchten Kritiker ihre Verwässerung
sowie einen inflationären Gebrauch. Heute ist wohl die Ansicht relativ verbreitet, dass
Menschenrechte nicht mehr als rein westliches Produkt angesehen werden, jedoch besteht
in unterschiedlichen Weltregionen eine je unterschiedliche Sicht darauf (vgl. Lohmann
2010:33). Zudem gibt es, wie bereits erwähnt, aus kulturrelativistischer Sicht eine Reihe
von Einwänden.
Aus diesem Grund wird heute vielerorts eine Konkretisierung auf einen harten Kern an
Menschenrechten gefordert. Dabei soll es sich um Basisrechte handeln, die als
Voraussetzung für die Umsetzung weiterer Menschenrechte dienen (vgl. Hamm 2003:36).
Basisrechte sollen menschliches Leben schützen und nicht darüber hinausgehen. Sie sollen
so elementar gehalten sein, dass sie auch transkulturell unumstritten anwendbar sind. Erst
in ihrer Umsetzung in verschiedenen Regionen sollen sie ausgeformt werden und dem
jeweiligen kulturellen Kontext angepasst werden. „Menschenrechte sichern (nur) die
Bedingungen für eine friedliche und minimal gerechte Koexistenz von Menschen sowie
die Bedingungen der Möglichkeit guten Lebens, aber nicht das gute Leben selbst.“
(Gosepath 2010:20) Dies wird auch als „zivilisatorisches Minimum“ bezeichnet.
Basisrechte müssen unterschiedliche Moralauffassungen weltweit auf einen minimalen und
trotzdem übergreifenden Nenner bringen. Dabei darf es sich nicht lediglich um einen
Kompromiss handeln, sondern es sollte ein umfassender Konsens über die Inhalte
herrschen. Nur wenn vollständige Akzeptanz gegenüber dieser Übereinkunft herrscht und
diese keine umstrittenen Annahmen enthält, können menschenrechtliche Basisrechte „eine
stabile und gerechte Grundlage für eine plurale Weltgesellschaft“ (Gosepath 2010:25)
bieten. Gosepath bezeichnet Basisrechte auch als die Schnittmenge transkultureller Moral,
die jedoch nicht von einer bestimmten philosophischen oder religiösen Auffassung
22
abhängig ist. Vielmehr setzen sich die Basisrechte aus einer Vielzahl unterschiedlicher
kultureller Hintergründe zusammen und lassen sich aufgrund dessen auch mit der
weltweiten, kulturellen Vielfalt vereinbaren. Um die Voraussetzung für Stabilität und
Gerechtigkeit auf globaler Ebene zu geben, reicht eine partikulare Übereinstimmung auf
politischer Ebene (vgl. Gosepath 2010:24ff.). „Begründungen der Menschenrechte sollten
möglichst ohne 'starke', d.h. metaphysische oder religiöse Prämissen auskommen. Da sie
für alle Menschen auf der Welt akzeptabel sein müssen, sollten sie möglichst 'sparsam'
sein.“ (Lohmann 2010:34) Verschiedene kulturelle Besonderheiten müssen unbeachtet
bleiben und dürfen sich auch nicht auf Menschenrechte auswirken. Nach Habermas muss
ein Menschenrechtsdiskurs, der global und interkulturell Anerkennung finden will, so
geführt werden, dass alle Stimmen Gehör finden und im Idealfall in einem übergreifenden
Konsens wiedergegeben werden (vgl. Habermas 1999:218, Koenig 2005:141).
Eine Weltgesellschaft ist demnach unter der Voraussetzung einer übergreifenden
Übereinstimmung auf kleinstem Nenner möglich. Koenig geht sogar weiter und behauptet,
dass diese Weltgesellschaft bereits besteht und weiterhin im Entstehen begriffen ist.
Menschenrechte haben sich demnach immer mehr von ihrem europäischen Kontext gelöst
und
durch
ihre
zunehmende
Institutionalisierung
eine
globale,
solidarische
Weltgesellschaft gebildet (vgl. Koenig 2005:52). „Die Entwicklung deutet darauf hin, dass
Strukturen moderner Gesellschaft, die sich zunächst im nationalstaatlichen Rahmen
entwickelt hatten, im 20. Jahrhundert globalisiert worden sind. Menschenrechte können
dabei als eine Form der Inklusion von Individuen und anderen Akteuren in
weltgesellschaftliche Ordnungen begriffen werden.“ (Koenig 2005:107)
23
3 Theoretischer Zugang zum Sklavereidiskurs
Das Verbot von Sklaverei stellt heute ein elementares Menschenrecht dar. Dies wurde
bereits in der Allgemeinen Menschenrechtserklärung von 1948 festgehalten und ist schon
lange international verbreitet (vgl. OHCHR 1948). Sklaverei wird generell meist mit längst
vergangenen Zeiten verbunden. Die Realität sieht jedoch anders aus. Es gibt rund um den
Globus nach wie vor unzählige Menschen die von Sklaverei betroffen sind (vgl. van den
Anker 2004:15). Moderne Formen der Sklaverei greifen immer mehr um sich und betreffen
mehr Menschen denn je zuvor (vgl. Miers 2003:xiii). Üblicherweise wird Sklaverei in der
Vergangenheit verortet und als abgeschlossen betrachtet. Sogar die Wissenschaft
beschäftigt sich großteils mit diesbezüglichen Vorgängen des 18. und 19. Jahrhunderts (vgl.
Bales 2005:40). Die sogenannte „chattel slavery“2, wie traditionelle Sklaverei genannt
wird, wurde in Folge von Reformen der Sklavereibewegung im 18. Jahrhundert
abgeschafft und nur noch selten praktiziert. Sie stellt heute nicht mehr das typische Bild
eines Sklaven dar. Gegenwärtig findet man auf allen Kontinenten der Erde neue, subtilere
Formen der Sklaverei die aber nicht weniger grausam sind als traditionelle (vgl. van den
Anker 2004:18, Welch 2009:71).
Orlando Patterson, einer der ersten, der aktuelle Formen von Sklaverei im 20. Jahrhundert
in den wissenschaftlichen Diskurs einführte, hielt bereits 1982 fest, „[that] there is nothing
notably peculiar about the institution of slavery. It has existed from before the dawn of
human history right down to the twentieth century, in the most primitive of human
societies and in the most civilized.“ (Patterson 1982:vii) Im Kontext der Arbeit unzähliger
Menschenrechtsaktivisten und NGOs der vergangenen Dekaden, aber vermehrt auch im
wissenschaftlichen Kontext, erlebt die Diskussion um Sklaverei einen regelrechten
Aufwind.
3.1 Begriffschaos „Sklaverei“
Bei Sklaverei denkt man an ausgebeutete Sklavenarbeiter vergangener Zeiten, vor allem
den transatlantischen Sklavenhandel, Sklaven aus der Antike oder dem alten Ägypten.
Aber auch Zwangsprostitution, Menschenhandel, Kinderarbeit, Kinderpornographie,
2 „Mit dem Begriff Chattel Slavery ist das absolute, legale Besitzrecht an einer Person gemeint,
einschließlich des Rechts, diese Person zu kaufen, zu verkaufen und ihren Körper jedweder Nutzung
zuzuführen.“ (Finzsch 2007:33)
24
Schuldknechtschaft, Zwangsarbeit, Kindersoldaten, Organhandel, Inzest, Gefängnisarbeit,
Migrantenarbeit u.v.m. werden zunehmend mit Sklaverei in Verbindung gebracht (vgl.
Allain, Hickey 2012:918, Bales 2005:57f.). Dabei wird der Begriff zum Teil regelrecht
inflationär benutzt, oft unzureichend oder überhaupt nicht definiert und unreflektiert
übernommen.
Eine Definition von Sklaverei, und somit das richtige Maß an Inklusion und Exklusion zu
finden, ist schwierig und umstritten. Es gibt Stimmen die sich dafür einsetzen den
Terminus nur in Zusammenhang mit dem transatlantischen Sklavenhandel zu verwenden,
um dessen Grausamkeit hervorzuheben. Es macht durchaus Sinn, eine Abgrenzung zu
anderen Ausbeutungsformen vorzunehmen, doch zeigt die aktuelle, prekäre Lage
unzähliger Menschen weltweit, viele Gemeinsamkeiten diese zur Vergangenheit besitzen.
Aus diesem Grund ist es plausibel von Sklaverei zu sprechen, um so auch mehr Beachtung
zu erlangen und unmenschliche Arbeitsformen besser bekämpfen zu können (vgl. van den
Anker 2004:19).
Definitionen von Sklaverei gibt es in großer Zahl. Sie weisen viele Ähnlichkeiten auf,
stimmen jedoch keinesfalls zur Gänze überein und hinterlassen ein recht schwammiges
Bild in das vieles interpretieret werden kann. Aus diesem Grund stellt sich die Frage was
darunter eigentlich zu verstehen ist und wie sie sich von anderen ausbeuterischen
Arbeitsformen abgrenzt?
Grundlegend ist, dass es die eine und wahre Bedeutung von Sklaverei, die für alle Zeiten
und unterschiedliche Regionen angewandt werden kann, nicht gibt. Sklaverei muss immer
in einem größeren Zusammenhang gesehen werden. Man muss sich stets bewusst sein,
dass Definitionen in einem historischen Kontext stehen und sich in diesem entwickelt.
Somit muss man davon ausgehen, dass ein angemessener Begriff der Sklaverei sich mit
seiner immer wieder veränderten Umgebung ebenfalls weiterentwickelt (vgl. Quirk
2006:566). Nicht nur der zeitliche Kontext ist ausschlaggebend, sondern auch der regionale
Kontext,
dessen
Kultur,
Religion
und
gesellschaftlichen
Gegebenheiten
und
Veränderungen, welche die Ausbeutungsform beeinflussen (vgl. Bales 2005:8). Ein
weiterer Beleg für diese Vielschichtigkeit ist, dass Sklaverei nicht nur in unterschiedlichen
Regionen sondern auch in verschiedenen „Zeiten und Sprachen ganz unterschiedliche
Dinge bedeuten konnte und dass das, was wir als Sklaverei bezeichnen, zu verschiedenen
Zeiten und in verschiedenen Regionen nicht Sklaverei genannt wurde.“ (Meissner, Mücke,
Weber 2008:270)
25
Schon lange gibt es Bestrebungen eine Definition von Sklaverei zu finden, was angesichts
der Fülle an verschieden Aspekten, die zu beachten sind, kein leichtes Unterfangen
darstellt. Definitionsversuche gehen mit der Entwicklung von Gesetzen gegen Sklaverei
einher. Um gegen Sklaverei effektiv vorzugehen, bedarf es einer klaren aber dennoch breit
gefassten Definition. Diese Aufgabe wurde zwar mehrmals angestrebt, aber dennoch
herrscht nach wie vor Verwirrung. Gerade in jüngerer Zeit haben besonders NGOs großen
Druck ausgeübt, eine weit angesetzte, international gültige Definition zu implementieren
und vor allem auch am Sklavereiverbot intensiver mit Regierungen und der Öffentlichkeit
zusammenzuarbeiten (vgl. Welch 2009:97f.). Bei der Festlegung auf einen abgegrenzten
Begriff von Sklaverei stellt sich die Frage, welchen Ausbeutungsformen der Status
Sklaverei zugeschrieben werden kann und welchen nicht. In vielen Fällen ist es „difficult
to identify the point where particular circumstances 'cross a line', and therefore be
described as forms of slavery.“ (Quirk 2006:566) Zudem ist dieses Anliegen sehr offen für
Interpretationen und politische Manipulation (vgl. Quirk 2006:566). Es gibt bis heute kein
klares Verständnis von Sklaverei. Die gegenwärtig allgemein anerkannte Definition geht
bereits auf das Jahr 1926 zurück. Der Begriff erfuhr in den letzten Jahrhunderten eine
Ausdehnung und wird heute zum Teil in einer so großen Bandbreite benutzt, dass die
Sinnhaftigkeit dabei verloren geht und oft missinterpretiert wird (vgl. Allain, Hickey
2012:915f., Bales 2005:43, Miers 2003:xiii). Im Laufe der Zeit ist eine grundlegende
Veränderung im Verständnis von Sklaverei zu entdecken die zunehmend für Verwirrung
sorgt und die es zu klären gilt. Noch ist man sich nicht im Klaren wie eine neue Definition
aussehen soll. Einerseits wird eine neue Definition gefordert, um sich wieder auf das
Wesentliche zu konzentrieren und gezielt gegen Sklaverei vorzugehen, andererseits macht
es jedoch auch Sinn eine etwas weitere Definition zu akzeptieren, um so effektiv gegen
Ausbeutungsformen vorzugehen die heute laut Definition, nicht zur Sklaverei zählen (vgl.
Miers 2003: 130,453; Allain, Hickey 2012:918).
3.2 Sklaverei im internationalen Recht
Bewegungen gegen Sklaverei reichen bis ins späte 18. Jahrhundert zurück, als sich im
Zuge der Aufklärung die Einstellung gegenüber Sklaverei innerhalb der westlichen Welt
grundlegend änderte. Auch die Entstehung der Abolitionismusbewegung, auch
Antisklavereibewegung genannt, fällt in diese Zeit. Besonders die Briten waren hier
federführenden, doch waren auch viele andere Nationen involviert (vgl. Miers 2003:xiii).
26
Die Abolitionisten setzten ihr Ziel zu Beginn vor allem in die Abschaffung des
Sklavenhandels, um auf diesem Weg der Sklaverei Herr zu werden (vgl. Bales 2005:41).
Aus der Bewegung geht auch die 1839 gegründete, älteste und wohl wichtigste NGO im
Kontext der Sklaverei, Anti-Slavery, hervor, die auch auf globalem Level bis heute
maßgebend ist (vgl. Welch 2009:72). Nach und nach kam es zu einer Standardisierung in
Form von nationalstaatlichen, bilateralen und internationalen Gesetzen und Abkommen. Im
Kampf gegen Sklaverei und sklavenähnlichen Formen ist auf internationaler Ebene vor
allem die Staatengemeinschaft des Völkerbundes, die in Folge des Ersten Weltkrieges
gegründet wurde, zentral (vgl. Bales 2005:41).
Das wichtigste Abkommen des Völkerbundes, das zugleich die noch heute gängige
Definition von Sklaverei beinhaltet, stellt hier das „Slavery, Servitude, Forced Labor and
Similar Institutions and Practices Convention of 1926“ (Bales 2005:43), kurz
Sklavereiabkommen, dar. Es soll ausdrücklich Sklaverei in all ihren Formen weltweit zu
einem Ende verhelfen, sowie den Handel mit Sklaven unterbinden (vgl. Bales 2005:44,
OHCHR 1926). Im Artikel 1 des Abkommens findet man folgende Definition: „Slavery is
the status or condition of a person over whom any or all of the powers attaching to the right
of ownership are exercised.“ (OHCHR 1926) Das Abkommen war eine enormer Schritt im
Kampf der Gegner. Es wurde von einer temporär eingesetzten Kommission ausgehandelt,
die einen sehr fortschrittlichen, breiten Ansatz im Sinn hatte, jedoch ebenso von nationalen
Interessen bestimmt wurde. Aus diesem Grund wurde eine breite Definition durch die
Interessen der Kolonialmächte eingeschränkt, die zu ihrem eigenen Vorteil in den Kolonien
das Verbot nicht so weit bzw. genau definiert sehen wollten (vgl. Bales 2005:45, Welch
2009:89). Das Abkommen verbietet zwar alle Aspekte der Sklaverei, was jedoch genau
darunter zu verstehen ist, sprich die Natur der Sklaverei, wird in dem Abkommen nicht
näher behandelt (vgl. Miers 2003:130, 446). Auch das erwähnte Besitzrecht („right of
ownership“) wird nicht erläutert. Nach der Veröffentlichung des Abkommens wurde
kritisiert, dass das Verständnis von Sklaverei zu eng gefasst sei, das heißt zu wenige
Ausbeutungsformen in die Definition mitaufgenommen und diese nicht näher erläutert
würden (vgl. Quirk 2006:568, Welch 2009:89). Ein großes Manko war auch, dass es
keinerlei Überwachung über dessen Einhaltung vorsah (vgl. Bales 2005:45, Welch
2009:89). Es gab keine Verpflichtung, zu unterzeichnen, noch wurden Instrumente zur
Überwachung eingerichtet. So musste auf die Moral einzelner Staaten gezählt werden.
Diese Vereinbarung stellte somit nur einen gesetzlichen Rahmen dar, der die Praxis nur
27
bedingt beeinflusste (vgl. Miers 2003:130). Zudem wurde Sklaverei bei der Ausarbeitung
des Abkommens eher historisch betrachtet und nicht alle damals aktuellen Formen in den
Blick genommen. Gerade der Anfang des 20. Jahrhunderts populäre Diskurs der „white
slavery“3 wurde hier nicht beachtet (vgl. Bales 2005: 46, Quirk 2006:568).
Die Vereinten Nationen (United Nations - UN) haben nach dem Zweiten Weltkrieg die
Aufgaben des Völkerbundes übernommen. Auch sie setzen sich zum Ziel, entschieden
gegen Sklaverei vorzugehen. Somit stellt die Allgemeine Menschenrechtserklärung von
1948 den nächsten wichtigen Punkt dar (vgl. van den Anker 2004:17, Bales 2005: 41). In
dieser Erklärung wurde das Verbot der Sklaverei in all ihren Formen, sowie das Recht in
Freiheit von Sklaverei und anderen Ausbeutungsformen zu leben, als fundamentales
Menschenrecht aufgenommen (vgl. UN 1948). Eine eigene Definition von Sklaverei ist
nicht zusätzlich enthalten (vgl. Bales 2005:49).
1956 haben sich die Vereinten Nationen dann entschlossen, dem Verbot der Sklaverei
erneut Ausdruck zu verleihen und es zudem auch erweitert. Es wurde ein Zusatzabkommen
zur Konvention von 1926, die „Supplementary Convention on the Abolition of Slavery, the
Slave Trade, and Institutions and Practices Similar to Slavery“ (OHCHR 1956),
beschlossen, indem weitere Ausbeutungsformen miteinbezogen wurden, die Sklaverei in
vielen Punkten gleichkommen (vgl. Quirk 2006:569). Dazu wird in Artikel 1 des
Zusatzabkommens auf ausgewählte sklavenähnliche Praktiken eingegangen. „The
definition of slavery now firmly included peonage, debt-bondage, forced marriages, and
adoption for expoitation.“ (Miers 2003:331) Diese näher definierten Praktiken, sind wie
Sklaverei zu behandeln, zur Gänze verboten und ihre Ausübung soll unterbunden werden
(vgl. Bales 2005:47, OHCHR 1956). Mit der Aufnahme weiterer Formen der Ausbeutung
in das Verbot von Sklaverei erfuhr der Begriff Sklaverei eine Erweiterung und folgt somit
dem allgemeinen Trend, der Praxis etwas näher zu kommen. „By designating (these
practices) analogous, or similar in certain respects, to slavery, they opened the door to
allowing other relationships, situations, and institutions to be classified as 'forms' of
slavery.“ (Bales 2005:48) Mit diesem Schritt soll gezielt gegen eine größere Bandbreite an
Ausbeutungsformen vorgegangen werden. Der Nachteil dabei ist jedoch, dass dadurch
auch vermehrt Unklarheit über die Definition von Sklaverei entstanden ist, denn die
hinzugefügten Ausbeutungsformen werden nicht explizit als Sklaverei bezeichnet. So ist es
3 Der Begriff entwickelte sich im 19. Jahrhundert in Anlehnung an den Sklavenhandel und verweist darauf,
dass auch Weiße von Sklaverei betroffen sind. „White Slavery“ wurde vor allem in Bezug auf weiße
Frauen, die zur Sexarbeit gezwungen wurden, verwendet (vgl. Nautz 2012:126).
28
Auslegungssache, ob man sie der Sklaverei gleichsetzt oder sie davon unterscheidet und
sie nur als sklavenähnlich einordnet (vgl. Quirk 2006:569). Weiters wird kritisiert, dass
kulturelle Aspekte nicht bedacht würden. So spricht man zum beispielsweise von
Kinderarbeit bis zu einem Alter von 18 Jahren, obwohl dies in vielen Ländern der Welt
anders gehandhabt wird (vgl. Bales 2005:48). Auch verschiedene Praxen der
Zwangsverheiratung sind kulturell einzubetten und können nicht ohne gründliche
Reflexion verboten werden. Neben kulturellen Punkten wird auch bemängelt, dass der
Begriff „serfdom“ für Verwirrung sorge. Es handelt sich hierbei eher um einen historischen
Ausdruck, der mit der Zeit des Feudalismus in Europa in Verbindung gebracht wird (vgl.
Welch 2009:99f.).
Als Nächstes wurden 1966 zwei Pakte als Zusatz zur Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte beschlossen (siehe voriges Kapitel), die ebenso Forderungen und Rechte,
die für das Verbot der Sklaverei relevant sind, enthalten. Der Pakt über wirtschaftliche,
kulturelle und soziale Rechte legt in Artikel 6 das Recht der freien Berufswahl fest (vgl.
OHCHR 1966b). Im Pakt über bürgerliche und politische Rechte wird in Artikel 7 erklärt,
dass niemand grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung ausgesetzt sein
soll und Artikel 8 geht dann erneut auf Verbot von Sklaverei, Sklavenhandel,
Leibeigenschaft und Zwangsarbeit ein (vgl. Bales 2005: 48f., OHCHR 1966a).
In jüngerer Zeit ist das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofes der
Vereinten Nationen von 1998 zu erwähnen. Es sieht Sklaverei als ein Verbrechen gegen die
Menschlichkeit, das bei einem Vergehen vor dem internationalen Strafgerichtshof
behandelt wird. Mit dem Römischen Statut erfährt die Bedeutung von Sklaverei eine
wichtige Erweiterung, indem nun ebenfalls Menschenhandel miteinbezogen wird (vgl.
Internationaler Gerichtshof 2011:4). Ein eigenes „Anti-Trafficking Protocol“ tritt dann im
Jahr 2000 in Kraft (vgl. Bales 2005:49ff.).
Die wichtigsten Akteure in diesem Feld sind die Vereinten Nationen. Sie haben seit 1975
eine eigene Arbeitsgruppe zu aktuellen Formen der Sklaverei eingerichtet. Auch die ILO
(International Labour Organisation), eine Sonderorganisation der UN die 1919 gegründet
wurde, arbeitet intensiv daran, weltweite Standards für Arbeiter zu schaffen und geht dabei
auch entschieden gegen unfreie und ausbeuterische Arbeitsformen vor. In über 180
Konventionen setzt sich die ILO entschieden für die Rechte von Arbeitern ein und versucht
damit weltweite Standards zu setzen. ILO-Konventionen besitzen nur für jene Staaten
Gültigkeit, die sie auch ratifiziert haben. Ausgenommen davon sind ein Bündel zentraler
29
Menschenrechte, wozu auch Sklaverei und Zwangsarbeit zu zählen sind (vgl. Cleveland
2001:207, Welch 2009:122). Die wichtigsten ILO-Konventionen im Kontext von Sklaverei
und Ausbeutung sind die „Forced Labour Convention“ (Nr.29) aus dem Jahr 1930, und die
„Abolition to Forced Labour Convention“ (Nr.105) von 1957. Während erstere
Zwangsarbeit nicht grundsätzlich verbietet und lediglich zu deren baldmöglichsten
Abschaffung verpflichtet, beinhaltet die Konvention Nr.105 eine gänzliche Abschaffung
von Zwangsarbeit. Auch die Konvention Nr.182, die Kinderarbeit in ihren schlimmsten
Formen verbietet, ist in dem Zusammenhang von großer Bedeutung (vgl. Vega 2013:85f.,
Welch 2009:121ff.).
Nicht zu unterschätzen ist schlussendlich die Rolle unzähliger NGOs, die sich weltweit für
Menschenrechte und gegen die Sklaverei einsetzen. Neben der bereits erwähnten NGO,
Anti-Slavery-International, gibt es noch eine große Anzahl anderer, die besonders auf
zivilgesellschaftlicher Ebene wichtige Arbeit leisten und den Diskurs um Sklaverei
vorantreiben (vgl. Welch 2009:114ff.).
Die internationalen Verträge und der weitgehende Konsens Sklaverei zu verbieten, lassen
an dessen Wichtigkeit nicht zweifeln, doch hinterlassen sie ein Bild der Unklarheit (vgl.
van den Anker 2004:17). „They opened a definitional morass in discussing 'servitude' and
'contemporary forms of slavery'.“ (Welch 2009:71) Während es klar ist, dass traditionelle
Sklaverei („chattel slavery“) in all ihren Facetten verboten ist, bleibt die Debatte um andere
Formen oder sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse offen (vgl. Welch 2009:71). Das heute
gängige Verständnis von Sklaverei beinhaltet oft eine verkürzte Darstellung, welche
einerseits dazu tendiert, die historische Vergangenheit nicht oder nur wenig zu beachten
oder andererseits einen scharfen Schnitt zwischen Vergangenheit und Gegenwart macht.
Wichtig ist festzuhalten, dass die heutigen Formen von Ausbeutung und Sklaverei häufig
eine lang zurückreichende Geschichte haben. „Slavery did not come to an end in the
nineteenth century, as commonly supposed, but continues today in different forms.“ (Quirk
2006:566) Neue Formen von Sklaverei unterliegen zwar veränderten oder neuen
Einflüssen wie zum Beispiel Globalisierung, aber viele Aspekte sind nicht neu, sondern
haben ihre Wurzeln in der Vergangenheit und sind tief in gesellschaftlichen Normen und
Werten verankert (vgl. Quirk 2006:565f., Welch 2009:72). Dazu entstehen unter neuen
Bedingungen aber auch noch nie dagewesene Ausbeutungsmethoden (vgl. Miers
2003:453f.). Auch wenn die Definition von Sklaverei bis zum heutigen Tag noch nicht
abgeschlossen ist, herrscht Einigkeit darüber, „[that] Justice requires an end to slavery in
30
all its forms. There is global consensus on this between governments who have ratified the
necessary international conventions, activists lobbying governments to implement these
obligations and victims organizing in many parts of the world.“ (van den Anker 2004:28)
Nun liegt es an den Akteuren, im Kampf gegen Sklaverei neue Schritte zu setzen, um der
Zeit gerecht zu werden.
3.3 „Neue Sklaverei“ nach Kevin Bales
Ein relativ junger theoretischer Ansatz zur Sklavereiforschung stellt die „Neue Sklaverei“
des amerikanischen Soziologen Kevin Bales dar. Mit der Veröffentlichung von Bales Buch
„Disposable People“ im Jahr 1999, gewann dieser besonders an Relevanz, seine Theorie
soll ein breites Verständnis von Sklaverei bieten. Mit seinem Ansatz verweist er auf die
Aktualität von Sklaverei, weil diese nur zu oft in Vergessenheit gerät und in der
Vergangenheit verortet wird. Obwohl sie heute weltweit verboten ist, gibt es Bales
Schätzungen zufolge 27 Millionen Sklaven rund um den Globus. Der Soziologe beschäftigt
sich seit Anfang der 1990er mit aktuellen Ausbeutungsformen. Am Beginn seiner Arbeit,
war die Tatsache, dass Sklaverei nicht nur in der Vergangenheit praktiziert wurde, sondern
auch sehr aktuell ist, nur wenig verbreitet. Literatur war demnach kaum zu finden und
Bales sammelte in jahrelanger Feldarbeit Informationen um schlussendlich seine Theorie
zur „Neuen Sklaverei“ zu verfassen (vgl. Panzarella 2012:6).
3.3.1 Definitionssache
Was unter dem Begriff Sklaverei zu verstehen ist, ist nicht immer ganz eindeutig, wie auch
der vorangegangene Abschnitt über die Gesetzeslage zu diesem Thema beweist. Wenn
Bales von Sklaverei spricht, geht er nicht von der international verbreiteten Definition von
1926 aus. Seine Definition ist etwas breiter gefasst und versucht sich heutigen
Gegebenheiten anzupassen und somit „a more dynamic and universal definition of
contemporary slavery“ (Bales 2005:40) zu bieten. Als ganz Entscheidend sieht Bales vor
allem die Art und Weise des Herrschens von einem Menschen über einen anderen. „It is not
about owning people in the traditional sense of the old slavery, but about controlling them
completely.“ (Bales 1999:4) Das erste und wichtigste Mittel um Herrschaft über einen
anderen Menschen zu erlangen ist Gewalt. Die völlige Kontrolle über die Arbeit und das
Leben von Sklaven wird durch Gewalt, oder deren Androhung, gewährleistet. Zweitens ist
31
der Verlust des freien Willens entscheidend. Über das Handeln der Sklaven entscheidet
ausschließlich der Sklavenhalter4. Sklaven müssen sich dem unterwerfen, ansonsten droht
Gewalt. Sie haben zudem keinerlei Schutz, Einrichtungen, Personen oder dergleichen, an
die sie sich wenden können. Als drittes Merkmal des Herrschens ist die wirtschaftliche
Ausbeutung zu nennen. Um den größtmöglichen Gewinn zu erwirtschaften wird die
Arbeitskraft der Sklaven bis zum Äußersten ausgebeutet und sie erhalten als Gegenleistung
meist nur das Nötigste zum Leben. Es gibt viele Formen der Ausbeutung, doch nur wenn
die drei genannten Aspekte, Gewalt, der Verlust des freien Willens und wirtschaftliche
Ausbeutung, allesamt zutreffen, handelt es sich um Sklaverei (vgl. Bales, Cornell
2008:8f.). Wichtig ist aber auch festzuhalten, „[that] these attributes are embedded in a
wide variety of forms reflecting curtural, religious, social, political, ethnic, commercial,
and psychological contexts.“ (Bales 2005:9) Somit werden sich einzelne Fälle in der Praxis
immer unterscheiden und nie völlig ident sein. Zusammenfassend hält Bales fest „Slavery
can […] be defined as a relationship in which one person is controlled by another trough
violence, the threat of violence, or psychological coercion, has lost free will and free
movement, is exploited economically, and is paid nothing beyond subsistence.“ (Bales,
Trodd, Williamson 2009:31) Diese Definition lässt zu, unabhängig von Raum und Zeit,
verschiedene Formen der Ausbeutung miteinzubeziehen, was entscheidend ist, da
Sklaverei immer wieder Veränderungen unterworfen ist (vgl. Bales, Cornell 2008:9).
3.3.2 Die „Neue Sklaverei“?
Kennzeichnend für Bales Arbeit ist die Trennung zwischen „Alter Sklaverei“ und „Neuer
Sklaverei“. Doch was ist so neu an der Sklaverei, besteht sie doch bereits seit Menschen
Gedenken? Sklaverei verschwand in all der Zeit nie, sie nimmt nur andere Formen an,
entsprechend den jeweiligen Gegebenheiten.
Bales stellt wesentliche Kriterien fest, die für eine Verschiebung von alter hin zur neuen
Sklaverei verantwortlich sind. Erstens ist das enorme Bevölkerungswachstum, beginnend
mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ausschlaggebend. Zwar war Sklaverei davor schon
weit verbreitet, aber betraf eher kleine Bevölkerungsgruppen. Erst ein Ansteigen der
Bevölkerung machte ihre Ausdehnung möglich (vgl. Bales, Cornell 2008:43). Dies war das
4 Bales zieht den Begriff Sklavenhalter dem Sklavenbesitzer vor. Er begründet dies damit, dass in der
modernen Sklaverei in den meisten Fällen kein Besitzverhältnis vorliegt und die Bezeichnung
Sklavenhalter demnach passender sei (vgl. Bales 1999:5).
32
Ergebnis „of many positive events, including the control of infectious disease, better health
care for children, and a prosperity that provided sustenance for the coming billions.“
(Bales, Trodd, Williamson 2009:53) Besonders viel Zuwachs hat es in den Ländern des
Südens gegeben, in denen heute die meisten Sklaven zu beobachten sind. Das große
Bevölkerungswachstum
führt
vielerorts
zu
Arbeitslosigkeit,
die
viele
an
ihr
Existenzminimum führt und Armut vorantreibt. Aber vor allem dort wo Sklavenarbeit seit
langem
ein
fester
Bestandteil
der
traditionellen
Gesellschaft
war,
hat
die
Bevölkerungsexplosion einen neuen Aufschwung in Sachen Sklaverei gebracht (vgl. Bales
1999:12f.).
Der zweite Faktor ist der schnelle soziale und wirtschaftliche Wandel, der sich ebenfalls
nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog und mit dem Ende des Kalten Krieges zusehends
verstärkt wurde (vgl. Greider 1997:37). Fast zeitgleich mit dem Bevölkerungswachstum
brachte er wiederum eine Verstärkung der Armut mit sich, wobei die Spanne zwischen arm
und reich immer größer wird. Weit angelegte Plünderungen der natürlichen Ressourcen
unterstützt durch die Eliten, Bürgerkriege, die Verschuldung vieler Länder etwa durch
Aufrüstung sowie eine breit angelegte Veränderung der Landwirtschaft sind ebenfalls dem
wirtschaftlichen und sozialen Wandel zuzuschreiben. Die Grüne Revolution 5 und die
Ausrichtung der Landwirtschaft auf Cash Crops6 brachte traditionelle Arbeits- und
Lebensformen allmählich zum Erliegen. Diese dienten jedoch seit jeher nicht nur als
Einkommensquelle oder zur Selbstversorgung, sondern auch als soziales Sicherheitsnetz in
Krisenzeiten, das mit deren Verschwinden ebenso wenig gegeben ist (vgl. Bales 1999:12f.).
Diese Entwicklungen werden durch nationale und internationale politische Maßnahmen
initiiert und vorangetrieben. Zum Beispiel werden oft Bauern subventioniert, um sie
wettbewerbsfähig zu machen. Mit den so entstehenden niedrigen Preisen können andere
dann nur schwer mithalten (vgl. Bales, Cornell 2008:13). Immer mehr Menschen geraten
auf diese Weise in die Armutsfalle. Oft verlassen sie auf der Suche nach Arbeit und
Sicherheit ihre gewohnte Umgebung und landen schlussendlich in einem der zahlreichen
Elendsviertel, die viele Großstädte heute auszeichnen. Ohne ihr soziales Sicherheitsnetz
durch die Familie oder die Dorfgemeinschaft sind diese Menschen hier in größerer Gefahr
5 Radikale Veränderungen in der Landwirtschaft bei der die Steigerung der Produktivität durch neue
Anbaumethoden, intensive Bewirtschaftung und dem Einsatz von Hochertragssorten maßgebend sind.
Kleinbauern werden dabei vorwiegend durch große landwirtschaftliche Betriebe ersetzt (vgl. Nohlen
2002:346f.).
6 Cash Crops werden landwirtschaftliche Produkte genannt, die in großen Mengen für den Weltmarkt
erzeugt werden und weniger der Versorgung der heimischen Bevölkerung dienen (vgl. Nohlen Hg.
2002:146).
33
der Sklaverei zum Opfer zu fallen als anderswo. (Bales, Trodd, Williamson 2009:55ff.)
Als dritten wesentlichen Faktor, der die Entstehung moderner Sklaverei begünstigt, gibt
Bales Korruption an. Zwar werden Menschen nicht allein durch das Vorhandensein von
Korruption zu Sklaven, jedoch ist es in einem Staat, in dem die Staatsgewalt nicht mehr
allein bei ihm liegt und die Gesetzeshüter korrupt sind, einfacher, Menschen der Sklaverei
zu unterwerfen. Sie macht es leichter, Gesetzen zu entgehen beziehungsweise bringt
Kriminalität auf den Vormarsch (vgl. Bales, Cornell 2008:13f.; Bales 2005:15f.). „Because
slavery is now illegal everywhere, the complicity of crooked police is a fundamental
requirement for slavery to take root and persist.“ (Bales, Trodd, Williamson 2009:60) Die
genauen Hintergründe sind aber in jedem Land verschieden.
Gründe die zusätzlich zu einem Anstieg der „Neuen Sklaverei“ führen können, sind zum
Beispiel Krieg oder Umweltkatastrophen. Denn „Konflikte und Katastrophen bereiten den
Weg für Kriminelle, die mithilfe von Gewalt und Betrug Menschen versklaven.“ (Bales,
Cornell 2008:15) Ebenso fatal kann sich Umweltzerstörung auswirken. Ironischerweise
werden Sklaven oft dazu benutzt, Umwelt zu zerstören, beispielsweise zum Bau von
Großprojekten. Umgekehrt begünstigt das wiederum den Anstieg von Armut und
potenziellen
Sklaven.
Durch
die
Vernichtung
und
den
Verlust
natürlicher
Lebensgrundlagen sind Menschen besonders betroffen (vgl. Bales 2005:19f.).
Nicht nur Korruption lähmt die Funktion eines Staates, sondern auch schlechte
Regierungsführung, Missmanagement, sowie der Verlust der Kontrolle über das
wirtschaftliche Geschehen. Auch machthungrige Diktatoren oder Eliten, die ihren Gewinn
aus dem Verkauf nationaler Ressourcen ziehen, sind daran beteiligt. Viele Staaten hinken
zudem noch den Folgen von Bürgerkriegen oder langwährenden Auseinandersetzungen
gegen Kolonialmächte hinterher (vgl. Bales, Trodd, Williamson 2009:55). So ist auch ein
Schuldenüberhang dieser Staaten keine Seltenheit, was bedeutet, dass „Schulden aus der
Vergangenheit […] die Aussicht auf zukünftiges Wachstum [vernichten].“ (Sachs 2005:78)
Neben der Schuldentilgung bleiben meist keine Mittel übrig, um gegen Formen der
Sklaverei vorzugehen oder ihr entgegenzuwirken, indem etwa in den Aufbau der
Wirtschaft investiert wird (vgl. Bales, Cornell 2008:18f.).
Heute gibt es durch das so entstandene gesellschaftliche und wirtschaftliche Klima mehr
potenzielle Sklaven als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. „The economic
transformation of first modernization and then globalization have driven many people in
the developing world […] into serious social and economic vulnerability.“ (Bales, Trodd,
34
Williamson 2009:55) Durch ihre bloße Zahl sind diese Menschen somit zu Wegwerfware
geworden (vgl. Bales, Cornell 2008:15). Ausschlaggebend für die „Neue Sklaverei“ sind
Gewalt und Armut. Gewalt als Grundlage der Herrschaft eines Menschen über einen
anderen und Armut als Garant von Nachschub an besonders gefährdeten Menschen (vgl.
Bales, Cornell 2008:18).
3.3.3 „Alte“ versus „Neue Sklaverei“
Die „Neue Sklaverei“ unterscheidet sich in mehreren Punkten von jener in der
Vergangenheit. Der erste Punkt bezieht sich auf den Wert eines Sklaven, denn heute ist
dieser viel niedriger als früher. Der Preis wird durch Angebot und Nachfrage bestimmt und
weil es eine so große Zahl verfügbarer Sklaven gibt, ist ihr Wert gesunken. Beginnend mit
dem Ende des Zweiten Weltkrieges „a glut of potential slaves has entered the marked and
the average price for a human life has plummeted to a historic low.“ (Bales, Trodd,
Williamson 2009:51) Investitionen werden heute eher in Landbesitz gemacht als in
Arbeitskräfte. Sklaven stellen keinen hohen Kostenaufwand dar, besonders betroffen ist die
große Zahl an Menschen die unter einem Dollar am Tag 7 leben müssen. In vergangenen
Zeiten verhielt sich das genau umgekehrt. Der Wert lag bei den Menschen und nicht beim
Land, das zu Genüge vorhanden war. Weil der Wert der Sklaven gesunken ist, wird ihre
Arbeitskraft enorm ausgebeutet, ohne auf längere Sicht zu denken und die Kraft und
Gesundheit der Arbeitskräfte zu erhalten. Wenn ein Sklave nicht mehr die gewünschte
Arbeitsleistung bringt, beziehungsweise. man ihn nicht mehr benötigt, wird er umgehend
ersetzt oder entlassen, da es ein Leichtes ist, jederzeit neue, vitale Sklaven billig zu
erwerben (vgl. Bales 1999:14). Menschen in der Sklaverei sind somit heute zu „completely
diposable tools for making money“ (Bales 1999:4) geworden. Zudem ist der Gewinn aus
einem Sklaven heute um ein Vielfaches größer als früher. Das spiegeln die niedrigen
Investitionskosten sowie die Anwendung neuer, rentablerer Wirtschaftsformen wieder (vgl.
Bales 1999:17f.; Bales, Cornell 2008:20ff.).
Ein weiterer Unterschied zur „Alten Sklaverei“ ist die Zeitspanne, in der sich eine Person
in Sklaverei befindet. Diese ist von Region zu Region sehr unterschiedlich. Durch die
heute günstigen Anschaffungskosten eines Sklaven ist es gängige Praxis geworden,
7 Von der Weltbank eingeführte Armutsgrenze. Wer weniger als einen Dollar pro Tag nach Kaufkraftparität
verdient, gilt als absolut arm. Diese Grenze wurde im Jahr 2005 auf 1,25 US Dollar erhöht (vgl. Springer
Gabler Verlag, Nuscheler 2005:144f.).
35
Menschen nur solange zu versklaven, wie sie auch einen unmittelbaren Nutzen bringen.
Früher war ein Sklave eine große Investition die sich bezahlt machen musste. Somit war
Sklavenhalter daran gelegen, sie lange am Leben zu erhalten, was nicht heißt, dass sie
deshalb bessere Behandlung erfuhren. Außerdem spielte damals aus Kostengründen die
Reproduktion der eigenen Sklaven noch eine große Rolle. Üblicherweise wurde ein
Mensch ein Leben lang versklavt. Heute geschieht das nur noch dort über einen längere
Dauer, wo noch traditionelle Sklaverei praktiziert wird (vgl. Bales 1999:15f.).
Für den Besitz eines Sklaven hatte man in der traditionellen Sklaverei in der Regel auch
einen Besitznachweis. Da heute der Wert der Sklaven nicht mehr so groß ist, ist es nur
noch von geringer Bedeutung seinen Besitz nachzuweisen. Man „entledigt“ sich ihrer ohne
jedes mit einem Besitz einhergehendes Verantwortungsgefühl (vgl. Bales, Cornell
2008:21). In manchen Fällen sind gefälschte Dokumente vorzufinden, die jedoch mehr
zum Schein existieren (vgl. Bales 1999:17). Das Verhältnis zwischen Sklavenhalter und
Sklaven war in der „Alten Sklaverei“ zudem stark rassistisch geprägt. Der ethnische
Unterschied war sogar ausschlaggebend und diente mitunter zur Legitimierung der
Sklaverei. Heute, kann die ethnische Herkunft eine Rolle spielen, muss sie aber nicht. Der
größte Unterschied zwischen den beiden Parteien liegt inzwischen vor allem bei Reichtum
und Macht, was den ethnischen Aspekt in den Hintergrund rücken lässt (vgl. Bales
1999:17). Zwar gibt es ethnische Unterschiede in manchen Ländern nach wie vor, doch
hängt die Vulnerabilität von Menschen nicht primär davon ab, sondern reflektiert sie
lediglich (vgl. Bales 1999:11). „While slavery may be linked to religion in one country, to
caste or 'race' in a second country, and to gender in yet anther country, it always reflects
differences in economic and social power. Slavery is no longer based on broad categories
of 'race'.“ (Bales 2005:10) In wesentlichen Punkten hat Sklaverei heute ein anderes Gesicht
als in vergangenen Zeiten. Diese stellt Bales in der folgenden Grafik gegenüber:
Alte Sklaverei
Neue Sklaverei
Besitzrecht juristisch abgesichert
Besitzrecht vermieden
Hoher Kaufpreis
Äußerst geringer Kaufpreis
Niedriger Profit
Sehr hoher Profit
Knappheit an potentiellen Sklaven
Überschuß an potentiellen Sklaven
Langfristiges Besitzverhältnis
Kurzfristiges Besitzverhältnis
Sklaven werden behalten
Man entledigt sich der Sklaven
Ethnische Unterschiede wichtig
Ethnische Unterschiede unwichtig
Alte und Neue Sklaverei (Bales 2001:26)
36
3.3.4 Formen „Neuer Sklaverei“
Mit Hilfe der erläuterten Kriterien lassen sich nun drei grundlegende Formen moderner
Sklaverei festhalten. Ihr Kern, Verlust des feien Willens, Gewalt und wirtschaftliche
Ausbeutung, ist dabei immer gleich, ihre Ausformung jedoch sehr komplex und überall
unterschiedlich (vgl. Bales, Cornell 2008:45). Die gängigsten Arten von Sklaverei sind
demnach Leibeigenschaft, Schuldknechtschaft und Vertragssklaverei.
Leibeigenschaft ist am ehesten mit traditioneller Sklaverei vergleichbar. Dabei befindet
sich eine Person in ständiger Knechtschaft, in die sie geboren, verkauft, gefangen oder
gelockt wurde. Dies ist häufig auch mit einem Besitznachweis belegbar. Sie wird heute nur
noch in wenigen Regionen, in Nord- und Westafrika sowie im arabischen Raum, praktiziert
und stellt somit nur einen geringen Anteil moderner Sklaverei dar (vgl. Bales 1999:19;
Bales, Trodd, Williamson 2009:33).
Schuldknechtschaft, die zweite gängige Praxis, findet weltweit die größte Verbreitung.
Dabei begibt sich eine Person, um den Unterhalt für die Familie zu bestreiten oder in
Krisenzeiten, gegen den Erhalt eines Kredits in Form von Geld oder Naturalien in
Schuldknechtschaft. Ihre Arbeitskraft gehört so lange den Kreditgeber bis sie oder ihre
Familie den Kredit abbezahlt haben. Mitunter kann das ein Leben lang dauern und sich
auch auf zukünftige Generationen ausdehnen (vgl. Bales 1999:19f.; Bales, Trodd,
Williamson 2009:33f.). Weit verbreitet ist diese Ausbeutungsform vor allem in
südasiatischen Staaten, wie Indien und Nepal. Schuldknechtschaft wird schon seit
tausenden von Jahren praktiziert, aber vielerorts nicht als Sklaverei betrachtet, sondern als
traditionelle Arbeitsbeziehung (vgl. Bales, Cornell 2008:54f.), sie findet heute aber nicht
nur in traditioneller Form statt. „New forms of bondage spread slaves and slave-based
activities around the globe.“ (Bales, Trodd, Williamson 2009:48)
Drittens ist die Vertragssklaverei zu nennen. Ausbeutung wird dabei unter dem Deckmantel
legaler Arbeitsbeziehungen vertuscht. Menschen werden mit konventioneller Arbeit
gelockt, was auch in Arbeitsverträgen festgehalten wird, im Endeffekt müssen sie aber als
Sklaven dienen. Die Verträge dienen nur dazu die Ausbeutung zu tarnen und der
Versklavung den Anschein von Legalität zu geben. Diese Form der Sklaverei erzielt heute
die größten Wachstumsraten und ist besonders in Südostasien und Brasilien verbreitet, aber
auch in einigen arabischen Regionen und in Südasien zu finden (vgl. Bales 1999:34; Bales,
Trodd, Williamson 2009:34). Besonders aktuell sind die Vorfälle rund um den Bau der
37
Anlagen für die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Qatar. Dabei werden Tausende
nepalesische Migranten ausgebeutet, viele davon sterben sogar infolge der harten
Arbeitsbedingungen. (vgl. Pattisson 2013)
In diese Kategorien gefasst, wird eine klare Abgrenzung der Ausbeutungsformen
vorgetäuscht, doch die Realität ist sehr komplex, verwirrend, dynamisch und in keinem
Fall so eindeutig. Somit handelt es sich hier lediglich um Kategorien, denen gemeinsame
Merkmale zu Grunde liegen (vgl. Bales 1999:19). Ausserdem sind diese Formen nicht
voneinander zu trennen, zumal sie sich mitunter auch vermischen können (vgl. Bales
1999:20). Es gibt neben den genannten, gängigsten Formen auch noch weitere, weniger
verbreitete Sklavereipraktiken, die meist charakteristisch für bestimmte Regionen sind oder
nur temporär durchgeführt werden. Beispiele hierfür sind Kriegsversklavungen,
Kindersklaven, rituelle Sklaverei oder Sklaverei im Namen der Religion (vgl. Bales
1999:20ff., Bales, Trodd, Williamson 2009:35).
Oft wird Menschenhandel8 als weitere Form der Sklaverei missinterpretiert. Dieser ist
jedoch lediglich eines von vielen Mitteln um Menschen zu versklaven. Obwohl der Handel
an Menschen heute weltweit am Vormarsch ist, sind nur etwas unter 10% aller Sklaven
davon betroffen. Der überwiegende Teil stammt aus der jeweiligen Region selbst. (Bales,
Trodd, Williamson 2009:35)
Verwirrungen gibt es genauso um den Begriff der Zwangsarbeit, die häufig ebenfalls als
Form der Sklaverei dargestellt wird. Doch handelt es sich bei jeder Art der Sklaverei um
Zwangsarbeit, die demnach nicht als eigenständige Form gezählt werden kann. (Bales,
Cornell 2008:56; Bales, Trodd, Williamson 2009:34) Bales hält fest „while all slavery is a
kind of forced labor, this term specifically means slavery that is practiced not by a person,
but by a government or some other 'official' group.“ (Bales, Trodd, Williamson 2009:34)
Als Beispiele hierfür stehen unzählige, durch die Kolonialmächte des 19. Jahrhunderts zur
Arbeit gezwungene Bürger. Arbeit in Gefängnissen ist ebenfalls dazu zu zählen. In China
ist es durchaus gängig, staatliche Strafvollzugsanstalten in Fabriken umzuwandeln, in
8
38
Die Definition von Menschenhandel der Vereinten Nationen, die unter dem UN-Protocol to Prevent,
Supress and Punish Trafficking in Persons herausgegeben wurde, lautet wie folgt:
„Trafficking in persons” shall mean the recruitment, transportation, transfer, harbouring or receipt of
persons, by means of the threat or use of force or other forms of coercion, of abduction, of fraud, of
deception, of the abuse of power or of a position of vulnerability or of the giving or receiving of payments
or benefits to achieve the consent of a person having control over another person, for the purpose of
exploitation. Exploitation shall include, at a minimum, the exploitation of the prostitution of others or
other forms of sexual exploitation, forced labour or services, slavery or practices similar to slavery,
servitude or the removal of organs. (UN 2000:2)
denen die Insassen dann Zwangsarbeit leisten müssen. Ein weiteres Beispiel stellt das
Militär in Burma dar, das Bürger lange gezwungen hat, für sich zu arbeiten (vgl. Bales,
Cornell 2008:56f.). Neben dieser Art von Zwangsarbeit, die von Bales als Sklaverei
deklariert wurde, hat die ILO zwei weitere Formen festgelegt, die im Kontext der Sklaverei
irreführend sein können. Dies sind zum einen der Zwang zur kommerziellen Sexarbeit,
sowie andere Formen der Zwangsarbeit, welche durch Privatpersonen verübt wird. So
definiert wird der Begriff Zwangsarbeit häufig als Synonym zu Sklaverei benutzt und
weniger als eine Ausprägung dieser dargestellt (vgl. Bales, Trodd, Williamson 2009:34).
Obwohl Bales eine Kategorisierung vornimmt, betont er doch, dass Sklaverei in
unterschiedlichsten Formen zu Tage tritt und ein Fall nie völlig einem anderen gleicht.
3.3.5 Sklaverei in der Welt – Sklaverei für die Welt
Sklaverei beschränkt sich also nicht auf die Vergangenheit, sondern ist auch heute
besonders aktuell. Zudem ist sie auf der ganzen Welt verbreitet und existiert praktisch in
jedem Land. Der Großteil von Bales geschätzten 27 Millionen Sklaven, etwa 15 – 20
Millionen, lebt in südasiatischen Ländern. Auch in Südostasien, Nord- und Westafrika und
in Regionen Südamerikas ist Sklaverei weit verbreitet. Aber der Rest der Welt ist davor
ebenfalls nicht gefeit und somit findet Sklaverei genauso in westlichen Ländern statt, wenn
auch in geringerem Ausmaß (vgl. Bales 1999:8f.; Bales, Cornell 2008:7f.).
Sklaverei wird nicht nur weltweit praktiziert, sondern betrifft auch beinahe jeden einzelnen
Menschen, ob bewusst oder unbewusst. Durch die Globalisierung9 trägt Sklaverei auch
einen Teil zur weltweiten Wirtschaftsleistung bei. Zwar werden die meisten Sklaven für
einfache, handwerkliche oder landwirtschaftliche Arbeiten eingesetzt, aber auch in anderen
Bereichen sind sie zu finden. Durch Sklaverei gefertigte Erzeugnisse sind meist für den
heimischen Markt gefertigt, doch von Sklaven produzierte Waren gelangen ebenso in alle
Welt (vgl. Bales 1999:9). Täglich kaufen Konsumenten Produkte wie Kleidung,
Lebensmittel oder Einrichtungsgegenstände, die durch Sklavenarbeit geschaffen sein
könnten und anschließend auf direktem Weg in den Welthandel kommen. Noch viel
schwieriger nachzuvollziehen ist indirekte Sklavenarbeit am globalen Markt. So wird z.B.
der Ofen, welcher Stahl für den Export schmilzt, mit Kohlen geheizt, die unter Sklaverei
9 „Mit dem Begriff Globalisierung werden Tendenzen einer zunehmenden weltweiten wirtsch., pol. Und
kulturellen Verflechtung beschrieben, die weitreichenden Veränderungen […] zur Folge haben.“ (Nohlen
2002:332)
39
abgebaut wurden. Die Nahrungsmittel, von denen sich Fabriksarbeiter ernähren, wurden
durch Sklavenarbeit produziert oder die Fabrik, in der Kleidung für den Welthandel
produziert wird, ist aus Ziegeln erbaut, die von Sklaven hergestellt wurden (vgl. Bales
1999:3f.). Zudem sind Warenketten einzelner Produkte heute enorm lang und mitunter auf
verschiedenste Herkunftsländer verstreut. „There are numerous steps and parts that go into
making a product and slavery can creep into any one of them.“ (Bales, Trodd, Williamson
2009:49) All diese Schritte bis ins Detail nachzuvollziehen und auf Sklaverei zu
untersuchen ist schier ein Ding der Unmöglichkeit. Schwierig ist dies auch, weil der Anteil
von Sklavenarbeit in der Wertschöpfungskette eines Produktes meist verschwindend klein
ist, und zudem im Verborgenen stattfindet und deshalb nicht leicht zu eruieren ist (vgl.
Bales, Cornell 2008:88, 93).
Man sieht wie leicht sich Sklaverei direkt oder indirekt in den globalen Markt einschleicht
und auch auf diese Weise verbreitet wird. Ausschlaggebend hierfür ist, „that slaves
constitute a vast workforce supporting the global economy we all depend upon.“ (Bales
1999:22) Die Konsumenten wollen Waren immer billiger kaufen und somit muss die
Industrie auch immer günstiger produzieren. Sklaven stellen in diesem Bezug nun einmal
die billigsten Arbeitskräfte dar, um diese Anforderungen zu meistern und sind zu einem
beinahe unersetzlichen Wirtschaftsfaktor geworden (vgl. Bales, Cornell 2008:89f.). Der
genaue Anteil, den Sklavenarbeit an der Weltwirtschaft leistet, ist schwer zu bestimmen, da
nur unzureichende Informationen zu den meisten Sklavenverhältnissen existieren und
somit lediglich ungefähre Angaben möglich sind. Bales errechnete einen jährlichen Anteil
der Sklavenarbeit am weltweiten Wirtschaftsgewinn von 13 Milliarden Dollar. Dabei
bezieht er sich auf den Wert, den Sklaverei direkt am Welthandel zu erwirtschaften vermag.
Wie oben beschrieben, liegt der indirekte Marktanteil jedoch um einiges höher. (Bales
1999:22f.) Durch „Neue Sklaverei“ lässt sich die größte wirtschaftliche Effizienz erzielen.
Sklaven stellen dabei einen Gebrauchsgegenstand dar, den man sich mittels Gewalt
aneignet und in die Produktion integriert (vgl. Bales 1999:25).
Eine weitere Entwicklung einer globalisierten Welt ist, dass nicht nur Waren über Grenzen
hinweg vermehrt gehandelt werden, sondern auch Sklaven selbst, die dann in aller Welt
zum Beispiel als Dienstboten oder Sexarbeiter eingesetzt werden. „Especially women, are
dispersed as slaves all around the globe.“ (Bales, Trodd, Williamson 2009:47)
Durch die Globalisierung hat sich Wirtschaft heute überall auf der Welt angeglichen. Dies
gilt auch für die Sklaverei. Durch das weltweite Verbot der Sklaverei haben sich die
40
Methoden der Sklavenhalter überall angenähert. Sie müssen zum Beispiel weltweit ähnlich
vorgehen, um Gesetze zu umgehen und Menschen zu versklaven (vgl. Bales, Cornell
2008:90; Bales, Trodd, Williamson 2009:48). „Mirroring modern economic practice,
slavery in this respect is being transformed from culturally specific forms to an emerging
standardized or globalized form.“ (Bales 1999:25)
Durch all diese Indizien lässt sich schlussendlich sagen, dass Sklaverei heute globalisiert
ist und somit eine der Kehrseiten von Globalisierung darstellt. Sie hat sich über
Jahrhunderte hinweg bis heute veränderten Bedingungen immer wieder angepasst und
damit einhergehend auch selbst weiterentwickelt (vgl. Bales, Trodd, Williamson 2009:48).
3.3.6 Sklaverei beenden
Heute gibt es mehr Menschen in Ausbeutung als jemals zuvor. Aufgrund ihrer
Anpassungsfähigkeit hat sich Sklaverei auch in der Moderne erfolgreich durchgesetzt. In
der Vergangenheit ist es schon zu Abolitionismusbewegungen gegen die Sklaverei
gekommen. Wäre es nicht erneut an der Zeit gezielt dagegen vorzugehen und die
Bemühungen vergangener Tage weiterzuführen und voranzutreiben?
Bales geht davon aus, dass gerade jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen sei, Sklaverei
endgültig zu beseitigen. Obwohl andere Wissenschaftler, wie zum Beispiel Miers, der
Ansicht sind, diesem Ziel ferner zu sein als je zuvor (vgl. Miers 2003:xiii), ist Bales der
Meinung, dass heute „günstige gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche
Verhältnisse gute Voraussetzungen dafür bieten.“ (Bales, Cornell 2008:117) Aufgrund von
Entwicklungen, die bereits in der Vergangenheit stattgefunden haben, befinden wir uns
heute in einer guten Ausgangslage. Folgende vier Vorraussetzungen sind bereits gegeben
(vgl. Bales, Cornell 2008:117ff.):
•
Sklaverei wird heute auf der ganzen Welt moralisch verurteilt. Dies untermauert
auch die allgemeine Menschenrechtserklärung von 1948, in der Sklaverei
ausdrücklich verboten ist.
•
Aus wirtschaftlicher Sicht ist es nicht mehr notwendig Sklaverei zu betreiben. Zwar
profitieren Sklavenhalter dabei, aber im Gegensatz zu vergangenen Zeiten kann
Sklavenarbeit heute nur noch einen geringen Anteil zum wirtschaftlichen
Wohlstand einer Nation beitragen. Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht gibt es
41
deshalb keinen Grund daran festzuhalten.
•
Gesetze gegen die Sklaverei sind bereits weltweit vorhanden. Mitunter müssen sie
erneuert oder verschärft werden, aber ausschlaggebend ist, dass Sklaverei bereits
überall verboten ist. Zwar räumt Bales ein, dass es ein langwieriger Prozess sein
kann, Korruption, die in vielen Ländern verbreitet ist und diesen Vorgang hemmt,
zu beseitigen, doch ist die erfolgreiche Durchsetzung der Gesetze ein wichtiger
Schritt, Sklaverei entgegenzutreten.
•
Der vierte Punkt besteht darin, dass dank moderner Forschung in der
Humangenetik, heute die Gleichheit aller Menschen aus biologischer Sicht belegbar
ist. Diese Erkenntnis hat mittlerweile globale Verbreitung erfahren und immer
weniger Menschen vertreten eine rassistische Weltsicht. Somit kann „Rasse“ nicht
mehr als Leitimitation für Sklaverei dienen.
Wie in den vorangegangenen Ausführungen zu sehen ist, spielen verschiedene Faktoren
zusammen um Sklaverei entstehen zu lassen. Vorwiegend finden sich diese in „Ländern
des Südens“ wieder, wohingegen in „Ländern des Nordens“ diese weniger gegeben sind
und Sklaverei zwar vorzufinden ist, aber in einem weitaus geringeren Ausmaß.
Ausschlaggebend für die Verbreitung von Sklaverei ist allen voran Armut, denn „[w]hen
most of the population has a reasonable standard of living and some financial security […],
slavery can't thrive.“ (Bales 1999:31)
Generell muss bedacht werden, dass Sklaverei nicht nur auf der nationalen Ebene zu sehen
ist, sondern heute globalisiert und damit auch international verwoben ist. Aus diesem
Grund dürfen Maßnahmen nicht nur auf einen Staat beschränkt sein. Zudem sind die
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten von Land zu Land unterschiedlich,
weshalb Strategien gegen die Sklaverei nie ident sein können. Doch laut Bales lassen sich
einzelne Punkte hervorheben die im Kampf gegen die Sklaverei besonders wichtig sind
und sich auch auf spezifische Fälle adaptieren lassen. „By understanding the social,
cultural, political, economic, and sometimes religious packaging that is wrapped around
slavery in different countries, we can adapt general patterns to each unique setting.“ (Bales,
Trodd, Williamson 2009:145)
Bales sieht die besten Möglichkeiten um Sklavenarbeit zu beenden darin, an deren Wurzel
anzusetzen. Kurzfristig betrachtet ist die Befreiung der Sklaven vorrangig. Ihnen müssen
42
zudem Schutz, Unterkünfte und Alternativen geboten werden. Dieser Aufgabe nehmen sich
zumeist Aktivisten vor Ort an, oft fehlen den Organisationen, die sich darum annehmen,
jedoch die Mittel. Investitionen wären erforderlich, um diese Aktionen zu erweitern. Zwar
lässt sich Sklaverei durch das Befreien einzelner Sklaven nicht beenden, doch sieht Bales
darin den ersten Schritt, während in einem zweiten viel tiefer greifende gesellschaftliche,
politische und wirtschaftliche Veränderungen angestrebt werden. Erst durch solche
Veränderungen kann garantiert werden, dass Menschen früher oder später nicht erneut in
ausbeuterische Arbeitsverhältnisse geraten. Dabei muss bedacht werden, dass diese
Veränderungen nicht von heute auf morgen vonstatten gehen, sondern „liberation, and
more importantly all the work that comes after liberation, it's not an event, it's a process. It
is about helping people to build lives of dignity, stability, economic autonomy [and]
citizenship.“ (zitiert nach Panzarella 2012:6) Sklaverei auf der ganzen Welt ein Ende zu
bereiten erfordert allen voran den Willen der betroffenen Staaten, sowie die
Zusammenarbeit und Unterstützung internationaler Organisationen und wohlhabenderer
Nationen. (Bales 2005:15; Bales, Cornell 2008: 123ff.)
3.3.7 Kritik
Bales hat dem Sklavereidiskurs mit seiner Theorie zur „Neuen Sklaverei“ einen
Aufschwung gegeben. Obwohl sie vielerorts Erwähnung findet, sind nur wenige kritische
Stimmen gegen Bales zu finden. Seine Arbeit wird in vielen wissenschaftlichen
Publikationen
zitiert,
wo
zahlreiche
Wissenschaftler
mit
seinen Ausführungen
einverstanden sind, sofern sie diese überhaupt reflektieren. Denn in den meisten Fällen
wird die Theorie lobenswert hervorgehoben und vielfach zitiert, doch in den seltensten
Fällen kritisch betrachtet. Bales hat wohl die Gedanken vieler ausgesprochen und damit
den Zahn der Zeit getroffen. Denn mit der sich verändernden Welt hat sich auch Sklaverei
weiterentwickelt, und somit war es nur eine Frage der Zeit, dass auch das Verständnis zu
diesem Thema aktualisiert wird.
Obwohl sich nicht viele die Mühe machen, in die Tiefe zu gehen gibt es doch einige
Kritikpunkte an Bales Theorie. So wird er zum Beispiel bemängelt einen zu breiten Ansatz
zu haben, ohne dabei in die Tiefe zu gehen. „What Bales offers is arguably more of a
general framework than a detailed mode of explanation applicable without amendment to
all situations.“ (Menzo 2005:527) Er gibt aber auch selbst an, dass es sich bei seinen
43
Ausführungen mehr um einen generellen Rahmen handelt und man in die Tiefe gehen
muss, um einzelne Beispiele zu behandeln (vgl. Bales 1999:19).
Der größte Vorwurf liegt wohl in der angeblich, fehlenden Historizität von Bales Arbeit. So
kritisiert Manzo, dass Bales' Ausführungen erst mit dem Zweiten Weltkrieg beginnen, er
aber früher ansetzen sollte, da die Entwicklungen die heute ihre Auswirkungen, unter
anderem in der modernen Sklaverei zeigen, spätestens mit dem Kolonialismus beginnen.
Schon damals wurden kapitalistische und moderne Einflüssen, die laut Bales bei der
Entstehung „Neuer Sklaverei“ mitwirken, auf der ganzen Welt verbreitet (vgl. Manzo
2005:528). Außerdem sieht Manzo den Grund für die heutige Veränderung der Sklaverei
nicht wie Bales im Bevölkerungswachstum, dem sozialen und wirtschaftlichen Wandel und
der Korruption, sondern darin, dass sie verboten wurde. „The changing character of slavery
is rooted […] in its formal abolition.“ (Manzo 2005:524) Obwohl Quirk in vielerlei
Hinsicht mit Bales übereinstimmt und seinen Ansatz als wertvoll erachtet, wirft auch er
ihm vor, die Geschichte nicht ausreichend zu beachten und bezeichnet Bales Theorie als „a
conceptual framework with limited space for historical reflection.“ (Quirk 2006:580)
Zudem sieht er es als einen Fehler, zwischen „Alter“ und „Neuer Sklaverei“ eine Trennung
vorzunehmen. Aktuelle Formen der Sklaverei ließen sich nicht auf Entwicklungen jüngerer
Zeit reduzieren, sondern besitzen eine lange Vorgeschichte die nicht außer Acht gelassen
werden darf (vgl. Quirk 2006:579). Friman stellt sogar fest, dass es sich bei den Beispielen
die in Bales Büchern behandelt werden, zumeist um Fälle handelt in denen sich
traditionelle Sklaverei lediglich in eine modernere Ausprägung verändert hat (vgl. Friman
2002:339). Ein weiteres Problem bei der Gegenüberstellung „Alter“ und „Neuer Sklaverei“
sieht Quirk darin, dass Bales als Basis für seine Arbeit das Verständnis von Sklaverei
nimmt, wie sie in den USA vor deren Abschaffung praktiziert wurde. Sie dient ihm als
Beispiel für die „Alte Sklaverei“ und lässt damit viele Aspekte außer Acht. Da Sklaverei in
der Vergangenheit auch in anderen Regionen der Erde auf unterschiedlichste Weise
praktiziert wurde, stellt Bales eine verkürzte Sichtweise dar (vgl. Quirk 2006:579).
Ein weiterer Kritikpunk betrifft Bales Methodik. Es werden ungenaue Angaben,
Hochrechnungen und unzufrieden stellende Quellen bemängelt (vgl. Friman 2002:339).
Bales hat absichtlich versucht auf ein globales Geschehen einzugehen und nicht nur einen
bestimmten Fall von Sklaverei zu untersuchen. Er gibt selbst Defizite seiner Arbeit zu. So
schreibt er zum Beispiel „I felt trepidation at publishing these estimates, as i knew how
'mushy' […] they were.“ (Bales 2005:103f.) Um genauere Angaben zu machen bittet er
44
sogleich andere Experten um Korrektur und neue Informationen, um seine Daten
brauchbarer zu machen. Allgemein meint Bales, dass es ein recht schwieriges Unterfangen
darstelle, Sklaverei zu messen und genaue Angaben darüber zu machen, da sie einerseits
im Verborgenen stattfindet und andererseits verschiedenen Messmethoden auch
manipuliert werden können (vgl. Bales 1999:8, Bales 2005:96). Einen zweiten
methodischen Fehler sieht Friman darin, dass Bales zu wenig Literatur anderer
Wissenschaftler zitiert und in seine Arbeit mit einbaut. Vor allem beim Thema
Globalisierung wird dies hervorgehoben. Frimen ist allgemein der Meinung, Bales Arbeit
„needs greater methodological rigour.“ (Friman 2002:339)
Als Letztes soll die enge Beziehung, die Bales zwischen „Neuer Sklaverei“ und
Globalisierung sieht, in Augenschein genommen werden. Es wird bemängelt, dass Bales
die Rolle, die Globalisierung bei der Zunahme der Sklaverei einnimmt, nicht nachweisen
könne (vgl. Friman 2002:340). Bales Einstellung zur Globalisierung kann auch von Quirk
nicht geteilt werden. Seiner Meinung nach finden sich die meisten Sklaven dort, wo
Globalisierung bisher nur wenig Einfluss hatte (vgl. Qurik 2006:580).
Trotz einiger Kritikpunkte sind sich die meisten Wissenschaftler einig, dass Bales
„sociologically-based understanding of slavery pervades recent legal discourse, and is
taken to provide a normative basis for modern slavery.“ (Allain, Hickey 2012:922) Somit
wird Bales Arbeit durchwegs auch positiv bewertet. Die Historikerin Suzanne Miers hebt
zum Beispiel die Art und Weise wie Bales den Lesern das Thema näher bringt, nie
langweilig und rein theoretisch zu sein, besonders hervor. „Bales avoids this with clear
writing and organization, enlivened with examples drown from life.“ (Bales 2005:Cover)
Bales Arbeit wird generell als unumgängliche Lektüre zu aktueller Sklaverei bezeichnet
und er selbst als führende Figur im Sklavereidiskurs betrachtet.
3.4 Watson als Ergänzung
An dieser Stelle wird kurz auf James Watsons vielzitierte Theorie zur Sklaverei
eingegangen. Dieser Ansatz soll helfen, besser auf historische Entwicklungen von
Sklavereiverhältnissen in verschiedenen Kulturräumen zu achten und dient so als
Ergänzung zu Bales globaler Theorie der „Neuen Sklaverei“.
Watson hat seine Ausführungen zur „Offenen“ und „Geschlossenen Sklaverei“ erstmals
1980 in dem Artikel „Slavery as an Insitution. Open and Closed Systems of Slavery“
45
publiziert. Er befasst sich darin mit afrikanischen und asiatischen indigenen Formen der
Sklaverei und deren Definitionen, denn einer seiner größten Kritikpunkte am damals
gängigen Sklavereidiskurs war die Definition von Sklaverei. So stellt auch er fest, dass
viele Wissenschaftler den Begriff sehr unterschiedlich auffassen, ihn nur einseitig
betrachten oder sich zum Teil mit Sklaverei beschäftigen ohne diese überhaupt zu
definieren (vgl. Watson 1980:2ff.). Obwohl er die Schwierigkeit, den Terminus
zufriedenstellend zu definieren, durchaus eingesteht, kritisiert er, dass bestehende
Definitionen nicht weitreichend genug sind und macht den Versuch eine eigene zu
erarbeiten.
Watson geht davon aus, dass Sklaverei kulturübergreifend ist, da bestimmte Eigenheiten,
wie zum Beispiel die Herrschaft über einen Menschen, in verschiedenen Ausprägungen der
Sklaverei wiederzufinden sind und diese auch ersichtlich sind. Er hält jedoch auch fest,
dass Sklaverei nicht überall dieselben Eigenschaften aufweist, bzw. kein Idealbild der
Definition von Sklaverei erstellt werden kann. „The relationship characterised by no means
universal but it is 'special' in the sense that, wherever and whenever it appears, slavery is
distinguishable from other forms of exploitation in the same society.“ (Watson 1980:3)
Watson schlägt vor, von einer komplexen sozialen Institution zu sprechen, die in
verschiedenen Kulturen in unterschiedlichen Ausprägungen wiederzufinden ist (vgl.
Watson
1980:4).
Das
durch
ihn
erarbeitete
Verständnis
von
Sklaverei
soll
kulturübergreifend und unabhängig von lokalen Unterschieden und historischen
Ausprägungen sein. Seine Definition eines Sklaven lautet folgendermaßen: „Slaves are
acquired by purchase or capture, their labour is exacted through coercion and, as long as
they remain slaves, they are never accepted into the kinship group of the master.“ (Watson
1980:8) Die Sklaverei stellt die Institutionalisierung dieses Beziehungsgeflechts dar und
beinhaltet drei Dimensionen. Die wichtigste Dimension stellt der Besitz dar. Erst die
Tatsache, dass Sklaven als Besitz gelten, grenzt Sklaverei von anderen Ausbeutungsformen
klar ab. Der zweite Aspekt liegt in der Anwendung von Gewalt, der mitunter recht
komplexe Ausmaße annimmt. So handelt es sich hierbei nicht rein um physische Gewalt,
sondern meist um subtilere Formen. Die dritte Größe, die es zu beachten gilt, sind
ethnische
Differenzen.
Der
Sklave
und
der
Sklavenhalter
befinden
sich
in
unterschiedlichen sozialen Gruppen, zumindest für die Dauer der Versklavung. Erst danach
besteht die Möglichkeit, wieder eine Rolle in der Gesellschaft und der dominanten sozialen
Gruppe zu spielen (vgl. Watson 1980:8f.).
46
Innerhalb der Institution Sklaverei ist wiederum zwischen zwei Ausprägungen zu
unterscheiden,
dem
„Offenen“
und
dem
„Geschlossenen
Sklavereisystemen“.
Ausschlaggebend ist der Wert von Menschen und Land in einer Gesellschaft. In einem
„Geschlossenen System“ ist Land knapp und begehrt, die Arbeitskraft von Menschen
jedoch reichlich vorhanden. In solch einem Umfeld liegt der Wert im Besitz von Land. Als
Beispiel für „Geschlossene Systeme“ nennt Watson Gesellschaften Asiens, wie sie zum
Beispiel in China und Indien vorzufinden sind, da hier Land meist nur begrenzt zur
Verfügung steht und hohe Bevölkerungszahlen üblich sind. Sklaven befinden sich in
„Geschlossenen Systemen“ in einer separaten, sozialen Gruppe, welche zumeist ethnisch
begründet ist und keine Möglichkeit besteht aufzusteigen. Auch wenn es für einen Sklaven
möglich ist Freiheit zu erlangen, zum Beispiel indem er sich freikauft, ist es nur
unwahrscheinlich in die dominante soziale Gruppe aufzusteigen, da diese sehr exklusiv ist
(vgl. Ward 2011:169f., Watson 1980:9f.).
Bei „Offenen Systemen“ hingegen ist Land reichlich vorhanden, wodurch der Wert beim
Menschen liegt. Typischerweise ist diese Form in afrikanischen Gesellschaften zu finden.
Aus sozialer Sicht ist hier die Grenze zwischen Sklaven und Nicht-Sklaven weniger
eindeutig, denn es besteht die Möglichkeit, nach Beendigung des Sklavendienstes, in die
höhere gesellschaftliche Gruppe aufzusteigen. Gesellschaften mit „Offenen Systemen“ sind
veränderbar und offen, Außenstehende aufzunehmen (vgl. Ward 2011:170, Watson
1980:10). Der Kern von Watsons Ansatz liegt in der Offenheit der Gesellschaften.
Zusammenfassend kann somit festgehalten werden, dass „in 'open' systems, slaves could
be freed and fully assimilated into society, whereas in 'closed' systems, slaves remained a
separate group even after manumission and were barred [from the rest of the society].“
(Scheidel 2005:6)
Beiden Systemen sind die drei Dimensionen, Besitz, Gewalt und ethnische Differenzen
inhärent und somit sind „open and closed modes are equally to be regarded as systems of
slavery.“ (Watson 1980:8) Jedoch sind sie unterschiedlich in ihrer Intensität und Offenheit.
So lässt zum Beispiel ein hoher Grad an Offenheit auf ein weniger dauerhaftes System
schließen, da die Möglichkeit von Sklaverei loszukommen hier weitaus höher ist (vgl.
Scheidel 2005:6). Im Gegenteil dazu sind in „Geschlossenen Systemen“ Positionen im
Gesellschaftssystem strikt zugeschrieben. Nicht nur die Dauer der Versklavung ist zu
differenzieren, auch deren Intensität ist eine andere. Sklaven in „Geschlossenen Systemen“
haben weit weniger bis keine Kontrolle über ihr Leben, als jene im „Offenen System“ (vgl.
47
Kendall 2010:215f.). Zuletzt muss angemerkt werden, dass es sich hierbei um Idealtypen
handelt, die in der Praxis mitunter anders vorzufinden sind (vgl. Kendall 2010:215, Watson
1980:11), beziehungsweise sich nicht um statische Modi handelt, sondern um veränderbare
Prozesse. Somit kann sich in einer Region die Art des Sklavensystems durchaus verändern
(vgl. Ward 2011:169).
3.5 Fazit
Im vorangegangenen Kapitel wurde ersichtlich, dass Sklaverei kein abgeschlossenes
Kapitel ist, sondern noch immer Aktualität besitzt. Aus diesem Grund muss das
Verständnis von Sklaverei, das der Zeit weit hinterherhinkt, angepasst werden. Besonders
wichtig ist, die Definition zu aktualisieren, damit sie heutigen Gegebenheiten entspricht.
Denn mit einer sich wandelnden Welt verändern sich auch Formen der Ausbeutung und
Sklaverei. Nur weil sie heute nicht in derselben Art und Weise wie in vergangenen Zeiten
praktiziert werden, sondern neue Formen angenommen haben, bedeutet dies nicht, dass sie
weniger bedenklich sind. Wie bereits deutlich wurde, ist es zwar schwierig eine Grenze zu
ziehen, wann von Sklaverei gesprochen werden kann und wann nicht, doch gibt es
Ausbeutungsformen, die aufgrund ihrer Intensität mit Recht als „aktuelle Form der
Sklaverei“ oder „Neue Sklaverei“ bezeichnet werden können. Deshalb ist Bales Arbeit ein
bedeutender Beitrag, den Sklavereidiskurs zu aktualisieren und stellt einen wichtigen
Schritt im Kampf gegen Sklaverei dar.
48
4 Sklaverei in Nepal – Das Kamaiya-System auf dem Prüfstand
Im Laufe der 1990er rückte Nepal immer mehr ins Zentrum verschiedener NGOs und
Menschenrechtsaktivisten. kamaiyā, eine traditionelle nepalesische Arbeitsform, welche
die Volksgruppe der Tharu praktiziert, wird zunehmend als Form der Sklaverei verurteilt
und ihre Abschaffung vermehrt bekämpft. Der populäre Diskurs, setzt die universelle
Menschenrechte als oberstes Ziel. Das bedeutet Freiheit von allen sklavenähnlichen
Bedingungen unter dem Kamaiya-System und die damit einhergehende Abschaffung
traditioneller Arbeitsbedingungen. Dabei wird das Kamaiya-System als vorkapitalistisches,
nicht-freies Arbeitsverhältnis betrachtet. Die freie Marktwirtschaft unter demokratischen
Bedingungen gilt als Voraussetzung für die Erlangung von Freiheit. Dieser Standpunkt
zeugt von einer starken westlichen Prägung und berücksichtigt andere Lebensweisen und
kulturelle Gegebenheiten vor Ort nicht. In einem adäquaten Freiheitsdiskurs müssen diese
jedoch miteinbezogen werden (vgl. Rankin 1999:27f.).
Aus diesem Grund soll im folgenden Kapitel untersucht werden, inwiefern es sich bei der
Arbeitsform des Kamaiya um eine Form der Sklaverei handelt. Zum besseren Verständnis
und als Grundlage soll vorweg eine Einführung in das Untersuchungsgebiet gegeben
werden. Sowohl Nepal als Ganzes, als auch die Volksgruppe der Tharu werden vorgestellt,
um sich anschließend dem Thema Kamaiya und Sklaverei in Nepal ausführlich zu widmen.
Die Ausführungen begrenzen sich vorwiegend auf den Zeitraum zwischen der Gründung
des nepalesischen Staates Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit.
4.1 Nepal im Profil
4.1.1 Geographie
Nepal ist ein südasiatischer Binnenstaat, der von asiatischen Großmächten umgeben ist. Im
Norden grenzt er an China, genauer gesagt an die chinesisch regierte, autonome Region
Tibet, im Osten, Süden und Westen ist Nepal von Indien umgeben. Das Agieren, umgeben
von diesen zwei, konkurrierenden, asiatischen Großmächten, ist nicht immer einfach.
Nepal stellt einen lang gezogenen Landstreifen entlang des südlichen Himalaya dar, mit
einer ungefähren Länge von 800 km und einer Breite von 200 km. Dieser ist von drei
49
Landschaftstypen geprägt.
Im Süden des Landes befindet sich die Tiefebene des Terai. Es handelt sich hierbei um
ursprünglich dicht bewaldetes Schwemmland, das zur Gangestiefebene zu zählen ist und
lange Zeit als eine Art Schutzschild gegenüber Eindringlingen fungierte. Das Gebiet wurde
aufgrund der weit verbreiteten Malaria gemieden und nur von den Tharu, die gegen diese
Krankheit immun waren, besiedelt. Erst mit der erfolgreichen Bekämpfung der
gefürchteten Krankheit wurde die Region zu einem beliebten Siedlungsgebiet. Mit seinen
fruchtbaren Böden stellt das Terai heute die Kornkammer Nepals dar (vgl. Donner
1990:9f., Kramer 2000:9). Unter dem inneren Terai sind Hochebenen zu verstehen, die
durch das unwegsame Chure-Gebirge, auch Siwalik genannt, vom restlichen Terai getrennt
sind (vgl. Stiller 1999:2).
Im Norden folgt dann die Bergregion (auf 600 – 2000 m Höhe), die traditionell das
Hauptsiedlungsgebiet Nepals darstellt. Hier befindet sich auch die Hauptstadt Kathmandu.
Die Landschaft ist geprägt von Gebirgen des Vorderhimalaya und den dazwischen
liegenden, intensiv bewirtschafteten und stark besiedelten Flusstälern (vgl. Kramer
2000:9).
Noch weiter nördlich liegt schließlich die Hochgebirgsregion des Himalaya. Sie ist nur
spärlich besiedelt und eine Bewirtschaftung ist nur sehr eingeschränkt möglich (vgl.
Kumar 2007:8, Stiller 1999:4ff.).
Nepals Landschaft ist geprägt durch seine Gebirge. Im Ost-West Verlauf sind das vor allem
die Gebirgszüge Siwalik, Mahabharat und der Himalaya. Zusätzlich wird Nepal noch durch
vier große Flüsse (Karnali, Gandak, Bagmati und Kosi) in südliche Richtung durchquert.
Die Strukturierung des Landes durch schwer zu überwindbare Berge und Flüsse hat die
Kommunikation der Bevölkerung über lange Zeit stark eingeschränkt (vgl. Kumar 2007:8).
Zusätzlich zur Gliederung des Landes nach Landschaftstypen, lässt sich Nepal auch in fünf
große Verwaltungseinheiten, jeweils durch die großen Flüsse getrennt, einteilen (vgl.
Shrestha 2001:8). Besser lässt sich die Beschreibung auf Abbildung 1 beobachten.
Aufgrund der topographischen Gegebenheiten weist Nepal auf relativ kleinem Raum viele
unterschiedliche Klimazonen auf. Angefangen bei subtropischen Verhältnissen im Terai,
über gemäßigte Temperaturen in der Hügel- und Bergregion bis hin zu arktischen
Bedingungen im Hochgebirge. Zusätzlichen Einfluss übt der Monsun aus, der aus
südöstlicher Richtung auf den südasiatischen Subkontinent vordringt (vgl. Kramer
50
2000:10, Stiller 1999:1).
Abbildung 1: Nepals ökologische Zonen (UN 2000)
4.1.2 Politische Geschichte
Der Staat Nepal entstand in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Bereits davor gab es
Königreiche in der Region, die jedoch nie das Ausmaß des heutigen Gebietes erreichten,
beziehungsweise nur lose untereinander verbunden waren (vgl. Whelpton 2005:18). Prithvi
Narajan Shah, der Herrscher eines kleinen Gorkha-Königreichs, das in der HimalayaBergregion gelegen war, brachte in einem Eroberungsfeldzug ab 1744 zahlreiche
Fürstentümer im Norden des indischen Subkontinents unter seine Herrschaft, was unter
seinen Nachfolgern weitergeführt wurde. Somit brachten die Shah das Gebiet des heutigen
Nepals in ihre Gewalt und Nepal wurde erstmals zu einem zusammenhängenden
Staatsgebiet (vgl. Kramer 2000:10, Stiller 1999:15f.). Eine einheitliche Besiedlung des
nepalesischen Gebiets, vor dieser Zeit, kann empirisch nur schwer nachgewiesen werden,
obwohl dies von Nationalisten immer wieder versucht wird (vgl. Whelpton 2005:2).
Mit der Bezeichnung „Nepal“ war ursprünglich nur eine Region im Kathmandutal
51
bezeichnet, welche in der Shah-Zeit dann auf das gesamte Königreich übertragen wurde
(vgl. Kramer 2000:10). Damals siedelten die Herrscher zudem ins Kathmanduthal was
dieses zum Zentrum des Reiches avancieren ließ (vgl. Whelpton 2005:1).
Die militärische Expansion des Gurkhareiches endete damit, dass Nepal sich 1792/1793 in
einem Krieg gegen China geschlagen geben musste. Weiters dämmten Gegenschläge von
britisch-indischer Seite zwischen 1814 und 1816 die Ausdehnung des nepalesischen
Reiches ein. Der Vertrag von Segauli, aus dem Jahr 1816, legte schussendlich die Grenzen
Nepals fest, die danach nur mehr wenig verändert wurden und heute noch nahezu gleich
verlaufen. Trotzdem Nepal von den Briten besiegt wurde, blieben sie unabhängig und
wurden nicht kolonialisiert (vgl. Kramer 2000:10, Stiller 1999:62f.).
Zu Beginn ihrer Herrschaft waren die Shah erfolgreich, doch im 19. Jahrhundert verloren
sie zunehmend das Vertrauen des Volkes und immer mehr Gegner traten zutage.
Misswirtschaft und Machtkämpfe um die Thronfolge standen auf der Tagesordnung. 1846
änderte sich daraufhin die Politik im Land grundlegend. Im Massaker von Kot, das Jung
Bahadur Rana initiierte, wurden viele führende Persönlichkeiten jener Zeit ermordet (vgl.
Donner
1990:35f.,
Stiller
1999:78ff.).
„Unmittelbar
danach
wurde
er
zum
Ministerpräsidenten ernannt, maßte sich wenig später die Regelung der Thronfolge an und
führte eine Familienautokratie ein.“ (Donner 1990:36) Die politische Macht lag von nun in
den Händen der Rana, bei denen das Amt des Premierministers innerhalb der Familie
weitervererbt wurde. Die Shah blieben nur noch symbolisch als Monarchen bestehen (vgl.
Kramer 2000:10f., Whelpton 2005:1). Das vorwiegende Ziel in der Herrschaftszeit der
Rana war es, nicht durch die Briten kolonialisiert zu werden, so wurde das Land
überwiegend in ihren eigenen Interessen regiert und blieb lange isoliert und abgeschottet
gegenüber der Außenwelt. Vermutlich konnte dies einerseits koloniale Übergriffe
verhindern, andererseits brachte es aber auch eine wirtschaftliche und gesellschaftliche
Stagnation des Landes mit sich, die erst Jahre später ihre Auswirkungen zeigt (vgl.
Shrestha 2001:14, Whelpton 2005:1).
Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Rana-Dynastie schließlich zu Fall gebracht.
Angehörige der Königsfamilie konnten sich gemeinsam mit einigen politischen
Intellektuellen, die für eine Modernisierung und gleichzeitige Demokratisierung des
Landes einstanden, durchsetzen. Unterstützt wurden sie in ihrem Vorgehen vom jungen,
unabhängigen Indien. So erlangte 1951 König Tripuvan die Macht und strebte eine
konstitutionelle Monarchie, also eine Kombination von Monarchie und Parlament, an.
52
Auch eine leichte Öffnung des Landes gegenüber äußeren Einflüssen ging mit dem
Machtwechsel einher. Schon bald aber brachten unterschiedliche politische Interessen und
gegensätzliche Vorstellungen über den zukünftigen Verlauf des Landes die demokratische
Phase zu Fall (vgl. Kramer 2000:11, Whelpton 2005:1). 1960 wurde in Folge eines
königlichen Staatsstreichs das Parlament aufgelöst, Parteien verboten, um die Macht allein
beim König zu zentralisieren. Die absolute Herrschaft des Königs wurde durch die
Panchayat-Verfassung von 1962 festgelegt. Der Grundgedanke des Panchayat10 ist, „daß
eine in der Mitwirkung unerfahrene Bevölkerung schrittweise an dies verantwortungsvolle
Aufgabe herangeführt werden muß.“ (Donner 1990:39) In der Praxis wurde diese
Vorstellung jedoch nie umgesetzt. Die Verwaltungsstruktur wurde durch den König
bestimmt und lag somit in Händen der Elite. Es gab, bis auf kommunaler Ebene, keine
direkten Wahlen (vgl. Donner 1990:37ff., Kramer 2000:11).
Widerstand gegen dieses repressive System blieb nicht aus. Parteien agierten aus dem
Untergrund und allmählich entstand auch in der Bevölkerung, vor allem im urbanen
Bereich, ein politisches Bewusstsein. Gesellschaftlicher Wandel und politische
Fehlentscheidungen trugen auch dazu bei, dass sich schließlich Koalitionen und politische
Interessensgruppen ,die gegen das Panchayat-System vorgingen, herausbildeten. Mehrmals
kam es vor allem in der Landeshauptstadt, aber auch im ganzen Land zu Unruhen. Nach
Massenprotesten mit breiter Unterstützung des Volkes wurde 1990 schließlich nach dem
Einlenken des Königs die Demokratie unter einem Mehrparteiensystem eingesetzt. Die
vorangegangenen Proteste waren nicht nur gegen die Art der Regierungsführung gerichtet,
viele Einwände kamen auch seitens ethnischer und religiöser Minderheiten, sowie
Angehöriger niedriger Kasten, die sich politisch unterrepräsentiert sahen und die
wirtschaftliche Vormachtstellung der Eliten anprangerten (vgl. Kramer 2000:12, Whelpton
2005:86f.)
Aber auch die neu gewonnene Demokratie konnte keine stabile Regierung aufrecht
erhalten. Die Regierung schaffte es nicht, gegen wirtschaftliche und soziale Probleme
vorzugehen, was großen Unmut in der Bevölkerung hervorrief. Das politisch offene Klima
ließ zunehmend oppositionelle Gruppierungen entstehen, die immer häufiger auch ethnisch
und linguistisch geprägt waren. Die wichtigste Gruppe bildeten die Maoisten, die sich ab
1996 in einem langwährenden Bürgerkrieg gegen die Regierung auflehnten. „A civil
conflict began in February 1996 in which the Communist Party of Nepal (Maoist) killed,
10 Beim Panchayat handelt es sich ursprünglich um einen direkt gewählten Dorfrat.
53
expelled, and threatened government officials, landlords, and others it charged with
economic and political oppression of Nepalis.“ (United States Library of Congress 2005:4)
Besonders unter der einfachen Bevölkerung in oft armen und rückständigen Gebieten des
Landes, fanden die Maoisten in den folgenden Jahren immer mehr Unterstützer.
Zustimmung fanden sie einerseits weil sie gegen den Staat, die weit verbreitete Armut und
das Kastensystem vorgingen, andererseits verbreiteten sie ihren Einfluss auch unter Einsatz
von Gewalt. Whelpton hält jedoch fest, dass „many in the affected areas regarded both
sides (state and Maoists) as unwelcome intruders, but the Maoists as less disruptive.“
(Whelpton 2005:202ff.)
2001 ereignete sich ein einschneidendes Ereignis der jüngeren nepalesischen Geschichte.
Am 1. Juni erfolgte die Ermordung des Königs und eines großen Teils der Königsfamilie.
Verübt wurde das Attentat von Kronprinz Dipendra. Als Hintergrund werden starker
Drogenkonsum und Streit vermutet, so die offiziellen Angaben, doch die Spekulationen, ob
nicht ein anderer Grund oder andere Drahtzieher dahinter stecken, reichen weit (vgl.
Whelpton 2005:211ff.). Die Maoisten wussten die politisch instabile Situation nach diesem
Massaker geschickt zu instrumentalisieren und konnten so ihren Einfluss weiter ausbauen.
Zudem nahm ab 2001 die Welle der Gewalt wieder zu. Staatliche Streitkräfte kämpften
gegen maoistische Rebellen, die durch Milizstreitkräfte unterstützt wurden (vgl. Whelpton
2005:216ff.). Die Maoisten hatten sich 2002 bereits auf zwei Dritteln des Landes verbreitet
(vgl. United States Library of Congress 2005:5).
Allgemein waren Versuche, eine Demokratie umzusetzen, bereits seit dem Ende des
Pancayat-Systems immer wieder gescheitert. Die Probleme im Land konnten nicht gelöst
werden, somit wurde 2002 sowie 2005 vom König der Ausnahmezustand ausgerufen und
die Demokratie musste zum wiederholten Male der Monarchie weichen (vgl. Kumar
2007:266, 263; Einsiedel 2012:24).
Nach Jahren der andauernden Auseinandersetzungen und geschätzten 15.000 Toten,
wurden die Konfliktparteien schließlich des Kampfes müde und sahen im offenen Kampf
keinen Ausweg mehr. Aus diesem Grund strebten sie 2006 Friedensgespräche an. Die
Tatsache, dass beide nun ein gemeinsames Interesse, nämlich gegen den König und dessen
steigende Unpopularität vorzugehen, hatten, begünstigte ihre Zusammenarbeit und ein
ernst zu nehmender Friedensprozess konnte in Angriff genommen werden. Im Zuge dessen
wurde 2007 ein Verbot gegen die Monarchie ausgesprochen. In den letzten Jahren wurden
mehrmals Wahlen angesetzt, eine länger andauernde Regierung konnte daraus allerdings
54
nicht entstehen (vgl. BBC 2013, Einsiedler 2012:24). Destabilisierend wirkten vor allem
die zusehends stärker werdende ethnisch geprägte Politik und das Aufkommen neuer
Parteien. Am stärksten kam dies ab 2007 zum Ausdruck, als im Rahmen der MadheshiBewegung unzählige Menschen, in teilweise gewaltsamen Protesten, auf die Straße gingen.
Sie forderten größere Berücksichtigung ihrer Belange in politischen Entscheidungen.
Besonders betroffen ist das Gebiet des Terai. 2008 wird Nepal zur Republik und unter
einem demokratischen Mehrparteiensystem regiert, das jedoch sehr fragil ist. Um den
Frieden zu wahren und Stabilität ins Land zu bringen hat die neue, heute ethnisch geprägte
Politik nun die Aufgabe, die Belange vieler unterschiedlicher Gruppen in einem
gemeinsamen Regierungsmodell zusammenzubringen. Der Ausgang dieses Vorhabens
scheint noch ungewiss (vgl. Auswärtiges Amt 2013, BBC 2013, Einsiedler 2012:25ff.,).
4.1.3 Bevölkerung
Der multiethnische Staat Nepal beheimatet nach dem letzten Zensus 2011 26.494.504
Menschen. Das Bevölkerungswachstum konnte, nach anhaltend hohen Zuwächsen seit den
1950ern, in den letzen Jahren gedrosselt werden und liegt heute bei einer jährlichen
Wachstumsrate von 1,35% (vgl. CBS 2012:5). Bestimmt durch die Topographie des
Landes ist die Bevölkerungsverteilung im Land regional sehr unterschiedlich. So leben
2011 im Terai 50,27%. Die Gebirgsregion, mit den traditionell stark besiedelten Tälern
beheimatet 43% und im Hochgebirge leben nur 6,73% der Nepalesen (vgl. CBS 2012:3).
„Knappheit des fruchtbaren Bodens, fehlende Arbeitsmöglichkeiten außerhalb der
Landwirtschaft sowie die allgemeine Verschlechterung der Lebensbedingungen“ (Kramer
2000:25) in den traditionellen Siedlungsgebieten der Bergregionen haben seit Mitte der
1970er große Migrationsbewegungen in das Terai und urbane Gebiete hervorgerufen.
Neben Binnenmigranten gibt es auch viele Inder, die über die offene Grenze nach Nepal
einwandern. Im Osten des Landes sind nepalesisch-stämmige Flüchtlinge aus Bhutan
angesiedelt. Zudem gibt es tibetische Flüchtlinge, die auf die chinesische Besetzung Tibets
Ende der 1950er zurückzuführen sind. Die Migrationsbewegung und steigende
sozioökonomische Probleme aufgrund der großen Bevölkerungszuwächse, rufen
zunehmend fremdenfeindliche Tendenzen hervor und lassen vermehrt politische Gruppen
entlang ethnischer Linien entstehen (vgl. Kramer 2000:25f.).
55
Die Formation der heute multiethnischen Gesellschaft reicht weit zurück. Das Land war
schon lange vor der Vereinigung zu einem zusammenhängenden Gebiet besiedelt. Die
ersten Belege einer Besiedelung des Kathmandutals sowie des Terais reichen 100.000
Jahre zurück (vgl. Whelpton 2005:15). In der frühen Geschichte Nepals fanden
Wanderungen unterschiedlicher ethnischer Gruppen in die Region statt. „The Hill region
was once a meeting ground (…) for peoples and cultures fom both the south and north of
the Nepal borders.“ (zitiert nach Shrestha 2001:75) So diversifizierten verschiedene
Migrationsbewegungen die Bevölkerung zunehmend. Es gab mehrere Wanderbewegung
mongolischer und tibetischer Gruppen aus dem Norden. Sehr wahrscheinlich waren die
Hügelregionen aus klimatischer und ökonomischer Sicht einladend für Migranten aus
dieser Richtung. Daneben kamen auch indo-arische Migranten aus dem Süden. Ab dem 10.
Jahrhundert waren besonders höherkastige Hindus unter den indischen Migranten (vgl.
Shrestha 2001:75, Whelpton 2005:10f.). Sie flüchteten vor muslimischen Eroberern, die zu
jener Zeit immer weiter auf den indischen Subkontinent vordrangen. Die Ankunft der
Hindus hatte großen Einfluss auf die vorhandene gesellschaftliche Struktur, weil sie
schnell die Dominanz über die bereits beheimaten ethnischen Gruppen erlangten. „The
Aryans increasingly asserted their socioeconomic dominace (…) through social, cultural,
educational, and political control over the last 500-1000 years.“ (Shrestha 2001:76) Das
hatte auch zur Folge, dass sich der Hinduismus im Land zunehmend ausbreitete und
animistische und buddhistische Glaubensrichtungen überlagert wurden (vgl. Donner
1990:46). Diese Religionen werden nicht exklusiv gelebt, sondern überlappen immer
wieder, jedoch ist der Hinduismus, seitdem sich die indo-arischen Einwanderer im Land
behaupten konnten, bestimmend. Religion spielt eine wichtige Rolle in der sozialen
Organisation Nepals (vgl. Whelpton 2005:28ff.). Demnach ist die nepalesische
Gesellschaft heute streng nach dem Kastensystem geordnet (vgl. Kramer 2000:28). Das
Kastensystem das in Nepal heute vorzufinden ist, ist nicht rein hinduistisch, sondern hat
seine Wurzeln auch im Buddhismus (vgl. Whelpton 2005:30f.). Neben dem Hinduismus,
Buddhismus und indigenen Glaubensformen finden sich auch Muslime, Christen und
weiter kleine Gruppen anderer Glaubensrichtungen in Nepal (vgl. CBS 2011:4).
Die Gesellschaft wird nach dem nepalesischen Kastensystem hierarchisch geordnet. Die
Zuordnung der einzelnen Gruppen wurde nach Entstehung des nepalesischen Staates
festgeschrieben und hat sich so immer mehr verfestigt. In der ersten allgemeinen
Gesetzgebung von 1854, dem sogenannten Muluki Ain, wurde die nepalesische
56
Gesellschaft systematisch organisiert. Die multiethnische Bevölkerung wurde von nun an
in das Modell des Kastensystems eingeordnet (vgl. Guneratne 2002:73). Rituelle Reinheit
spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Sie ordnet nicht nur die Gesellschaft, sondern
regelt auch ihren Umgang untereinander. Folgende Kasten sind zu unterscheiden (vgl.
Caplan 1980:177f., Guneratne 2002:73ff.):
•
Ganz oben in der Hierarchie befinden sich die Tagadhari Jat, die nach dem
Hinduismus „Zweimalgeborenen“. Sie besitzen absolute Reinheit und viele der
reichen und einflussreichen Elite des Landes sind hierzu zu zählen.
•
Die zweite Gruppe ist die Matwali Jat. Dabei handelt es sich um Menschen die
Alkohol zu sich nehmen und von denen man Essen und Trinken annehmen kann
ohne rituelle Unreinheit zu erfahren, da sie als rein betrachtet werden. In dieser
Kaste sind zahlreiche indigene Gruppen zu finden, die durch das Muluki Ain in das
Kastensystem integriert wurden. Die Matwali Jat lässt sich zudem in eine Gruppe
der „versklavbaren“ und in eine Gruppe der „nicht-versklavbaren“ Kasten einteilen.
•
Die dritte Kategorie besteht aus verschieden Gruppierungen, die als unrein
betrachtet werden, jedoch nicht als unberührbar gelten.
•
Die letzte Gruppe stellen die Unberührbaren dar. Sie gelten als unrein und werden
deshalb in vielen Situationen gemieden. 11
Die Vorgeschichte, sowie das unwegsame Gelände Nepals, das Interaktionen der
Bevölkerung erschwerte, hat heute zu einer stark stratifizierten Gesellschaft beigetragen.
So beheimatet Nepal heute eine große Zahl an unterschiedlichen ethnischen Gruppen und
Kasten. „The distinction between an ethnic group and a caste is not really recognised in
colloquial Nepali, which uses jāt (perhaps best translated as 'decent group') for both.“
(Whelpton 2005:8)
Der Staat zählt laut dem letzten Zensus 2011 126 Kasten und ethnische Gruppen. Die
Chhetri stellen mit 16,6% die größte ethnische Gruppe dar, gefolgt von Brahmanen
(12,2%), Magar (7,1%), Tharu (6,6%), Tamang (5,8%), Newar (5%), Kami (4,8%),
Musalman (4,4%), Yadav (4%) und Rai (2,3%) (vgl. CBS 2011:4). Der Lebensraum, vor
allem der kleineren Gruppen, ist zum Teil regional sehr begrenzt, sie sind nicht im ganzen
Land beheimatet (vgl. Donner 1990:46f.). Dabei werden die tibeto-mongolischen Gruppen,
die schon am längsten die Region besiedeln als indigene Bevölkerung betrachtet. Arisch
11 Einen Überblick der ethnischen Gruppen und Kasten bietet Guneratne 2002:75
57
stämmige Brahmanen und Chhetris stellen die Elite im Land dar, wohingegen „die
verschiedenen indigenen ethnischen Gruppierungen ebenso wie die niederen Hindukasten
politisch unterrepräsentiert sowie wirtschaftlich und sozial benachteiligt [sind].“ (Kramer
2000:28)
In dieser diversifizierten Gesellschaft, mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, gibt
es auch eine Vielzahl verschiedener Sprachen. 123 Muttersprachen und unzählige Dialekte
sind zu zählen. Die indo-arische Sprache Nepali ist die Nationalsprache und wird von
knapp der Hälfte der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen (vgl. CBS 2011:4).
4.1.4 Nepals Wirtschaft
„Nepal once had a self-sufficient, tough subsistence, economy.“ (Shrestha 2001:9) Nepals
Wirtschaft war früher charakterisiert durch eine auf Subsistenzwirtschaft und
Heimproduktion basierende Produktionsweise. Das hieß zwar einerseits, dass die
Bevölkerung fast ausschließlich für den Eigenverbrauch produzierte und nicht für den
Markt, doch andererseits war das Land dadurch nur in geringem Maße abhängig von
anderen. Heute hat sich die Situation stark gewandelt. „The economy is completely
dependent on external development resouces.“ (Shrestha 2001:10) Dies ist zurückzuführen
auf eine schnell wachsende Bevölkerung, sowie auf die geringe Entwicklung Nepals (vgl.
Kramer 2000:38, Shrestha 2001:9f.).
Mit dem Ende der Rana-Herrschaft erfolgte eine leichte Öffnung und Liberalisierung des
Landes. Davor war es wirtschaftlich eher isoliert aber eigenständig. Ab 1951 war die
wirtschaftliche Entwicklung zwar durch den Staat gelenkt, jedoch nicht unter dessen
völliger Kontrolle. Nach ursprünglich sowjetischem und indischem Vorbild verfolgte auch
Nepal Fünf-Jahres-Plänen um die Entwicklung des Landes zu fördern. Trotz vieler
Versuche gelang eine wirtschaftliche Reform nicht. Die landwirtschaftliche Produktion
konnte zwar stark gesteigert werden, doch geschah dies überwiegend durch
Landgewinnung und weniger durch Produktivitätssteigerung. „Nepals agriculture went
from being the most productive in the region at the start of the period [1951] to least
productive at its end [in 1991].“ (Whelpton 2005:140) Erfolge konnten nur in der
Bekleidungs- und Teppichindustrie verzeichnet werden. Alle übrigen Versuche verliefen
schlecht und Nepal verwandelte sich Ende der 1980er vom Nettoexporteur zum
Nettoimporteur. Nepal ist heute komplett abhängig von ausländischen Hilfen (vgl. Shrestha
58
2001:10, Whelpton 2005:123ff.). Die zunehmende Liberalisierung des Landes konnte nicht
genügend Wirtschaftswachstum erzeugen und so hat sich die Situation nur verschärft und
immer größere soziale Gegensätze hervorgebracht (vgl. Kramer 2000:38). Nepal hat eine
von der Agrarwirtschaft geprägte Gesellschaft. Nur wenige Fortschritte ließen sich in
anderen Sektoren verzeichnen (vgl. Shrestha 2001:10). Besonders in jüngerer Zeit wurde
die wirtschaftliche Entwicklung durch den lang andauernden Konflikt gehemmt (vgl.
UNDP 2009:31). Im Jahr 2012 betrug das Bruttonationalprodukt 19,41 Milliarden Dollar.
Somit zählt Nepal laut Weltbank zu den Ländern mit niedrigem Einkommen („low income
country“) (vgl. The World Bank Group 2013).
4.1.5 „Entwicklung“ und „Unterentwicklung“12
Was unter Entwicklung zu verstehen ist, differenziert je nach Betrachtungsweise. In dieser
kurzen Darstellung der Entwicklung Nepals soll hauptsächlich auf Daten der Vereinten
Nationen Bezug genommen werden. An erster Stelle steht hier der Human Development
Index (HDI) des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (United Nations
Development Programm, UNDP), der den Wohlstand einer Nation misst und die
Dimensionen
Lebenserwartung,
Bildungsniveau
und
Bruttoinlandsprodukt
(BIP)
berücksichtigt. Dadurch bietet er einen vergleichsweise breiten Ansatz (vgl. UNDP
2009:31f.).
Nepal hatte im Jahr 2012 einen HDI von 0,463 13 (UNDP d) und ist im Vergleich mit den
südasiatischen Nachbarländern (Indien, Bangladesh, Bhutan, Pakistan) an letzter Stelle. Im
weltweiten Vergleich liegt Nepal nur an 157. Stelle (vgl. UNDP c, UNDP d). In jüngerer
Zeit ist vor allem der Konflikt zwischen Staat und Maoisten verantwortlich für den
niedrigen Wohlstand des Landes, und besonders für die Hemmung der wirtschaftlichen
Entwicklung (vgl. UNDP 2009:32).
Es gibt auch große sozioökonomische und kulturelle Unterschiede. „A persons's status in
Nepal is determined largely by her or his birthplace, sex, age, and cast/ethnicity, apart from
education and income.“ (UNDP 2009:31) Zudem divergiert der HDI je nach Region stark.
Große Unterschiede gibt es zwischen urbanem und ländlichem Bereich, sowie zwischen
12 An dieser Stelle soll angemerkt werden, dass das Konzept von Entwicklung und Unterentwicklung
durchaus kritisch zu betrachten ist. Aus Platzmangel wir hier nicht näher darauf eingegangen. Siehe dazu
Fischer, Karin (u.a.) (2004): Entwicklung und Unterentwicklung. Eine Einführung in Probleme, Theorien
und Strategien. Wien: Mandelbaum Verlag.
13 Der Wert des HDI wird zwischen 0-1 angegeben, wobei 1 absolute Entwicklung darstellt.
59
den einzelnen Entwicklungsregionen und topographischen Bereichen (vgl. Kramer
2000:26f., UNDP 2009:33).
Herausgestrichen werden muss, dass in Nepal eine stark ausgeprägte Ungleichbehandlung
von Frauen und Mädchen vorherrscht. Diese schlägt sich in der vergleichsweise geringeren
Lebenserwartung, Bildung, Ernährung usw. von Frauen und Mädchen nieder. Diese
Verhältnisse werden im GDI (Gender-related development Index) dargestellt, der in Nepal
einen Wert 0,545 hat.(vgl. UNDP a). Dabei werden die Dimensionen des HDI inklusive der
geschlechtsbezogenen Unterschiede bewertet (vgl. Kramer 2000:27).
Der Wohlstand der Bevölkerung kann auch am Human Poverty Index (HPI) abgelesen
werden. Das UNDP geht davon aus, dass Armut nicht nur am Einkommen gemessen
werden kann. „People are poor not only because of low income, but also because of their
low access to opportunities or their participation in them.“ (UNDP 2009:41) In Nepal
beträgt der HPI im Jahr 2006 32,114 und zählt somit zu den Ländern mit hoher Armut (vgl.
UNDP b). Die Armut ist in den ländlichen Gebieten sowie in der Gebirgsregion im Westen
des Landes besonders groß. Noch größer als die regionalen Unterschiede sind die
Unterschiede zwischen einzelnen Kasten und ethnischen Gruppen (vgl. UNDP 2009:41,
43).
Die
Gründe
für
die
hohen
Armutsraten
liegen
heute
im
langsamen
Wirtschaftswachstum, in ungleicher Einkommensverteilung und generell niedrigen
Löhnen, im begrenzten Zugang zu Ressourcen, in einer hohen Arbeitslosenrate sowie in
der Verschuldung vieler Menschen (vgl. Kramer 2000:28). Die Ursachen sind jedoch
komplex und liegen zum Teil weit in der Vergangenheit.
Ein grundsätzlicher Faktor, der Nepals Entwicklung erschwert, ist, dass das Land eine sehr
fragmentierte Landschaft aufweist und es eine große Hürde darstellt eine erfolgreiche
Wirtschaft aufzubauen. Das Land besteht eher aus separat agierenden Einheiten, denn als
ein Ganzes. Durch Barrieren, bestehend aus hohen Gebirgen und großen Flüssen, wurden
in der Vergangenheit, aber zum Teil auch noch heute Kommunikation und Transport
erschwert (vgl. Shrestha 2001:11f). Zudem wird die periphere Stellung Nepals im
kapitalistischen Weltsystem von vielen ebenfalls als Grund für geringe Entwicklung
genannt. Früher wie heute hat Nepal nur eine geringe Teilhabe am regionalen wie
internationalen kapitalistischen Geschehen (vgl. Mishra 2007:49ff.).
Historisch gesehen, wurde die heutige „Unterentwicklung bereits in der Shah- und
14 Der Wert des HPI wird zwischen 0-100 angegeben, wobei 100 absolute Armut darstellt.
60
besonders während der Rana-Herrschaft eingeleitet. Diese Zeit gilt als frühe Phase des
Kapitalismus, in der er sich weltweit immer mehr ausbreitete. Der Staat hat es verabsäumt,
vorhandenes Potenzial produktiv umzusetzen und schottete sich eher ab. Zudem sind die
veränderten Besitzverhältnisse und Landvergaben jener Zeit mitverantwortlich, bei denen
vor allem die Eliten profitierten und die einfache Bevölkerung zunehmen in Abhängigkeit
geriet (vgl. Shrestha 2001:73f.).
Nach der Rana-Zeit wurde großer Wert auf die Entwicklung des Landes gelegt. Dem Staat
war es wichtig den Lebensstandard der Bevölkerung zu heben. Besonders in den Bereichen
Gesundheitswesen, Bildung und Infrastruktur gab es große Fortschritte. Jegliche Erfolge
wurden jedoch vom Bevölkerungswachstum überschattet. Die Entwicklung konnte mit den
Zuwachsraten, die seit 1950 stark stiegen, nicht Schritt halten (vgl. Whelpton 2005:123ff.).
Auch die Unterstützung anderer Staaten und internationaler Organisationen, die in dieser
Zeit immer größer wurde, konnte nicht viel ausrichten. Im Gegenteil, Nepal war dadurch
zunehmend von Hilfsleistungen anderer abhängig (vgl. Shrestha 2001:19, Whelpton
2005:128ff.).
Die Armut sowie die gesamte Entwicklung des Landes konnten zwar im Laufe der letzten
beiden Dekaden, trotz einer konfliktreichen Zeit, zurückgedrängt werden, diese Vorgänge
verliefen jedoch je nach Kaste und Ethnie sehr unausgeglichen. Gruppen (Dalits, Muslime
und Indigene) die ohnehin nur wenig entwickelt und arm waren konnten vergleichsweise
wenig aufholen (vgl. UNDP 2009:45, 49).
4.1.6 Land und Besitzverhältnisse in Nepal
Der Besitz von Land spielt in Nepal eine wichtige Rolle. Die ungleichen diesbezüglichen
Verhältnisse haben heute auch einen großen Einfluss auf die Ausbeutung großer Teile der
Bevölkerung. Land dient als Einkommensquelle, ist ein Status- und Machtsymbol, wirkt
identitätsstiftend und teilt Menschen in Klassen ein (Landbesitzer und Landlose) (vgl.
Karki 2002:201). „In agrarian societies of Asia, the issue of poverty intrinsically revolves
around the man-land relations of production in which landownershop and land occupy a
central position.“ (Shrestha 2001:104) Land ist, und war es auch in der Vergangenheit, der
wichtigste Produktionsfaktor in der nepalesischen Wirtschaft. Wirtschaftliche und
politische Macht hängen stark von Landbesitz ab. „Patterns of landownership shape the
patterns of social relations [in Nepal].“ (Shrestha 2001:204)
61
Heute ist in Nepal Land sehr knapp, was auf das hohe Bevölkerungswachstum und auf die
staatliche Vergabe von Land zurückzuführen ist. Es herrscht zudem eine große
sozioökonomische Ungleichheit über die Besitzverhältnisse. Es gibt viele Landlose und
eine relativ kleine Elite, welche die Kontrolle über das Land, die Landwirtschaft und die
Leute die dort leben und arbeiten, hat (vgl. Karki 2002:201). „The top 5 per cent of the
population controls 40 per cent of agricultural land and the bottom 60 per cent controls
only 20 per cent. (Giri 2009:604) Der Großteil der Bevölkerung besitzt zudem meist sehr
kleine Landflächen (50% besitzen weniger als 0,5 Hektar), von denen es sich nur schwer
leben lässt. Die heutigen Besitzverhältnisse gehen auf Entwicklungen der vergangenen
Jahrhunderte zurück. „As kingdoms were established, the elder system was gradually
superseded by the concept of the king as ultimate owner of the land.“ (Whelpton 2005:26)
Erst mit der Formierung des Staates fiel die Macht über das Land an den König und die
Elite des Landes, davor wurde Land als Besitz einzelner Gruppen betrachtet. Diese
Entwicklungen werden zu einem späteren Zeitpunkt noch näher erörtert.
In den Besitzverhältnissen spiegelt sich auch die Relevanz des Kastensystems in der
nepalesischen Gesellschaft wider. Ethnische Gruppen, Angehörige niedriger Kasten und
Kastenlose sind beim Zugang zu Land sehr benachteiligt. Allgemein lässt sich sagen, dass
Land, Macht und Reichtum seit der Gründung Nepals zusehends in den Händen einer
kleinen Elite konzentriert war (vgl. Karki 2002:204).
Ebenso prägend wie das Kastensystem sind Geschlechterdifferenzen. Nach hinduistischem
Vorbild, haben Frauen und Mädchen grundsätzlich einen geringeren gesellschaftlichen
Status als Männer. Auch in rechtlicher Hinsicht herrscht hier eine große Disparität. Frauen
besitzen nicht die selben Rechte im Zugang zu Land und sind somit noch mehr von Armut
und Landlosigkeit betroffen als Männer (vgl. Karki 2002:204f.).
4.2 Sklaverei und Ausbeutung in Nepal
In Nepal finden sich verschiedene Formen der Ausbeutung wieder, die zum Teil
historischen Ursprungs, zum Teil aber auch durch moderne Einflüsse entstanden sind. Die
Hintergründe zur Entstehung von Ausbeutung sind bis heute nicht ganz klar. Mit hoher
Wahrscheinlichkeit geht Sklaverei in dieser Region bis ins Mittelalter zurück als indische
Migranten Richtung Norden wanderten und dort auf die ansässige Bevölkerung trafen.
Beim Entstehen des nepalesischen Staates, Mitte des 18. Jahrhunderts war traditionelle
62
Sklaverei (kamārā-kamārī) bereits eine gängige Praxis (vgl. Caplan 1980:171). „Slavery
[…] probably entered the Nepalese Himalayas from India, and developed its special form
partly because of the Hindu ideology at the foundation of the Kingdoms social system.“
(Caplan 1980:180)
Hauptherkunftsgebiet der Sklaven, sogenannter kamārā oder kamāro, war die westliche
Gebirgsregion Nepals (vgl. Whelpton 2005:28). Von dort aus war auch der
Menschenhandel nach Indien und Tibet bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts ein
florierendes Geschäft (vgl. Caplan 1980:172, Whelpton 2005:53)
Personen gelangen zu jener Zeit auf verschiedenste Weise in die Sklaverei und andere
Ausbeutungsformen. Es gab viele Fälle von Entführungen, doch der Großteil der Opfer
kam auf anderen Wegen in derartige Verhältnisse. Armut spielte hier schon in der
Vergangenheit eine große Rolle und so kam es vor, dass Menschen sich selbst in die
Sklaverei verkauften. Gängig war auch, dass Familienmitglieder, vor allem Kinder,
verkauft wurden, um etwas zu erwirtschaften. Sklavenhalter konnten völlig über Sklaven
bestimmen und behandelten diese zum Teil wie Tiere. Zudem galten sie als Besitz der
gekauft und verkauft werden konnte. „Slaves were inherited along with land and other
property.“ (Caplan 1980:172) Obwohl Sklaven als wertvolles Eigentum für Sklavenhalter
galten und viele auch stark in das Leben ihrer Besitzer integriert waren, war die
Anwendung von Gewalt gängige Praxis (vgl. Caplan 1980:172ff.).
Ferner spielte auch der Staat selbst eine Rolle bei der Versklavung von Menschen. So kam
es zum Beispiel als Strafe auf Verbrechen wie Inzest, Ehebruch, Rebellion gegen den Staat
oder bei Steuerschuld zu Versklavung (vgl. Caplan 1980:172). Zudem war Zwangsarbeit
durch den Staat, wobei Arbeiter zum Beispiel zum Bau von Straßen oder zur
Kriegsversorgung eingesetzt wurde, gängige Praxis (vgl. Caplan1980:174).
Anfang des 19. Jahrhunderts wurden schließlich die ersten Maßnahmen von staatlicher
Seite ergriffen, den Sklavenhandel einzudämmen. Man wollte nicht nur den Handel mit
Sklaven verringern, sondern auch Sklaverei an sich. In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab
es ein Gesetzt, das „free persons from selling themselves into slavery or parents from
disposing of their children“ (Caplan 1980:172) verbot. Zwar wurden erste Gesetze gegen
Sklaverei implementiert, jedoch nur unzureichend umgesetzt. Laut Angaben wurde der
Umfang der Sklaverei mit zunehmender Regulierung geringer (vgl. Caplan 1980:172f.).
Das Ausmaß der Sklaverei jener Zeit kann jedoch nur geschätzt werden. Zu Beginn des 20.
Jahrhunderts gab es eine beachtliche Anzahl von ca. 60.000 Sklaven bei einer
63
Gesamtbevölkerung von über 5,6 Mio. Darunter befanden sich auch viele in
Schuldknechtschaft (vgl. Miers 2003:189).
Das Bewusstsein über das Problem der Sklaverei war in Nepal ansatzweise schon früh
vorhanden, erstmals gänzlich verboten wurde traditionelle Sklaverei 1924 unter
Premierminister Maharajah Chandra Shumsher Rana (vgl. Chhetri 2005:39). Chandra
Shumsher forcierte das Ende der Sklaverei. Betroffene wurden befreit, ihnen wurde Land
zugesprochen und den Sklavenhaltern wurden Entschädigungen für ihren Verlust
ausbezahlt. Die Umsetzung dieses Vorhabens verlief jedoch weniger erfolgreich. Das
Gesetz wurde nicht ausreichend verfolgt, Rehabilitationsmaßnahmen wenig effektiv
durchgeführt und viele befreite Sklaven kehrten zu ihren ehemaligen Besitzern zurück (vgl.
Miers 2003:188f.). „In spite of the abolition of the practice of slavery, Kamaiya and similar
forms of unpaid or underpaid bonded labour system seem to have prevailed in the country
until recently.“ (Chhetri 2005:39)
4.2.1 Gesetzlicher Rahmen zu Sklaverei und Sklavenähnlichen Formen in Nepal
Nepal hat in der Vergangenheit zahlreiche unterschiedliche Menschenrechtskonventionen
unterzeichnet und viele nationale Gesetze, die Sklaverei und sklavenähnliche Formen
betreffend, eingeführt. Das Land ist seit 1955 Mitglied der Vereinten Nationen (vgl. UN
2013) und seit 1966 Mitglied der internationale Arbeitsorganisation (vgl. ILO 1996-2012).
Im Folgenden werden international sowie national relevante Gesetze kurz aufgelistet:
Internationale Ebene:
•
1955 Nepal tritt den Vereinten Nationen bei und bindet sich an die
Allgemeine Menschenrechtserklärung von 1948, die sich deutlich gegen
Sklaverei richtet (vgl. ILO 2002:11).
•
1963 Das Sklavereiabkommen der Vereinten Nationen von 1926 sowie
dessen Zusatzabkommen von 1956 wurden von Nepal unterzeichnet (vgl.
Quirk 2011:202).
•
1966 Nepal tritt der ILO bei. Die Konventionen Nr. 29 und Nr. 105 zur
Abschaffung von Zwangsarbeit sowie dessen Verbot treten dadurch in Kraft
(vgl. GEFONT 2007:32).
64
Nationale Ebene:
•
1954 Der „Civil Rights Act“ bietet allgemeine Rechte für die Bürger
Nepals. Das wären fogende Rechte: „Right to equality; right against
discrimination; right to personal liberty; right to life; right against forced
labour and prohibition of child labour.“ (GEFONT 2007:32)
•
1964 Die allgemeine Gesetzgebung soll verschiedene Formen von
Ausbeutung, wie Sklaverei, Schuldknechtschaft, Zwangsarbeit, und
transnationalen Menschenhandel, Einhalt gebieten und regulieren (vgl.
GEFONT 2007:32, Siddharth 2012:268).
•
1990 Das Verbot der Zwangsarbeit, das sowohl Zwangsarbeit als auch
Menschenhandel verbietet, wird in die Verfassung aufgenommen (vgl.
Siddharth 2012:268).
•
1991 Der „Labour Act“ wird eigeführt. Dieser soll auf nationaler Ebene
einen Standard für Arbeitsrecht bieten. Er bezieht sich auf Sicherheit,
Gesundheit, Arbeitszeiten und Lohnuntergrenzen (vgl. Siddharth 2012:268).
•
2000 Das Kamaiya-System wird verboten (vgl. Siddharth 2012:268).
•
2000 Der „Child Labour (Prohibition and Regulation) Act wird eingeführt.
Dieser verbietet das Arbeiten von Kindern unter 16 Jahren in verschiedenen
gefährlichen Beschäftigungsfeldern. Zudem werden Arbeitszeiten und
Dauer der Arbeit für Kinder unter 16 neu definiert. Kinderarbeit unter einem
Alter von 14 wird gänzlich verboten (vgl. Siddharth 2012:268).
•
2002 Der „Kamaiya Labour Prohibition Act“ tritt in Kraft. Er dient zur
Unterstützung des Verbots und soll durch Rehabilitationsmaßnahmen
ehemaligen Kamaiyas Hilfe bieten (vgl. Siddharth 2012:268).
4.2.2 Aktuelle Formen der Ausbeutung und Sklaverei
Trotz Bemühungen Sklaverei in Nepal zu unterbinden, wird sie nach wie vor praktiziert.
Vor allem von humanitärer Seite werden verschiedene Formen der Sklaverei häufig
kritisiert. Die Grenze, ob es sich dabei um Sklaverei oder eine andere Form der
Ausbeutung handelt, ist dabei nicht immer eindeutig. Im aktuellen nepalesischen Kontext
65
wird vor allem die Schuldknechtschaft als Form der Sklaverei angeprangert. Diese findet
sich auf vielfältige Weise wieder. Einerseits basieren viele Praktiken auf Tradition, andere
wiederum sind erst in jüngerer Zeit entstanden. Vor allem der in Nepal weit verbreiteten
Schuldknechtschaft wird Sklaverei häufig vorgeworfen. Es gibt verschieden Formen die sie
dabei annimmt. Nicht nur das im Anschluss besprochene Kamaiya-System, jene
Ausprägung die am meisten von Ausbeutung begleitet ist, zählt hierzu (vgl. Lowe 2001).
Ebenso als Art der Schuldknechtschaft gelten „the ‘haliya’, ‘haruwa’, ‘hali’, ‘charuwa’,
‘bhunde’ and ‘chakari’ […]. In the non-agricultural sector, human trafficking and domestic
service especially child domestics carry debt bondage.“ (GEFONT 2007:19)
4.3 Die Tharu
Die Tharu stellen die indigene Bevölkerung der Terai-Tiefebene, sowie des Inneren Terai
dar. Ihre Verbreitung in der Region ist über 1000 Jahre zurück nachweisbar. Heute werden
sie weitgehend als eine ethnische Gruppe bezeichnet (vgl. Krauskopff 1995:190f.). Im
nepalesischen Kastensystem stehen die Tharu am unteren Ende der reinen Kasten und
Ethnien und zählen zur Matwali Jat (vgl. Guneratne 2002:61). Somit sind sie auch im
nepalesischen Zensus als eigene Gruppe mit insgesamt 1.731.470 Mitgliedern oder 6,6%
der Gesamtbevölkerung, angeführt (vgl. CBS 2012:6). Die meisten von ihnen sind im
westlichen Terai beheimatet. Was die Menschen dieser Gruppe miteinander verbindet, ist
jedoch lediglich ihre Bezeichnung als Tharu und ihr gemeinsamer Lebensraum. „The
Tharu are thus identified and grouped together by their attachment to a particular region
and an associated way of life.“ (Guneratne 2002:20) In dem langgezogenen Gebiet des
Terai, gab es in der Vergangenheit auch nur wenig Kommunikation und kein
Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen der ansässigen Bevölkerung. Näher betrachtet
handelt es sich daher um unterschiedliche endogen Gruppen, die weder eine gemeinsame
Kultur noch die selbe Sprache teilen. So bezeichnet das Ethnonym Tharu unzählige
Untergruppen. (Guneratne 2002:42ff, Krauskopff 1995:185)
Sie waren immer dafür bekannt, sich im unzugänglichen, malariaverseuchten Terai als
Viehhirten zu betätigen, betrieben Landwirtschaft in kleinem Rahmen und lebten auch vom
Fischfang (vgl. Guneratne 2002:39). Ihre Leistung, das Terai zu kultivieren, ist nicht außer
Acht zu lassen. „The Tharu have been great pioneer cultivators and creators of rich
farmland“ (Krauskopff 2000:35) und zwar vor und nach der Vereinigung Nepals zu einem
66
Königreich. Ihre Arbeitskraft stellte schon immer eine wichtige Ressource dar, das Land
agrarisch zu nutzen (vgl. Krauskopff 2000:35). Auch heute sind Tharu vorwiegend im
landwirtschaftlichen Bereich tätig. Im Gegensatz zu früher sind viele unter ihnen heute
jedoch landlos und bewirtschaften das Land anderer (vgl. Chhetri 2005:31).
Charakteristisch für das Terai ist, dass es schon immer eine gewisse Pufferzone zwischen
Herrschern aus dem Norden und jenen aus dem Süden darstellte und als eine Art
Schutzschild
diente.
Ausschlaggebend
war
die
unwegsame
Dschungel-
und
Sumpflandschaft und vor allem die im Terai weit verbreitete Malaria, die viele abhielt, in
das Gebiet vorzudringen, denn nur die indigene Bevölkerung war immun dagegen (vgl.
Guneratne 2002:20). Die gesamte Region wurde deshalb von Außenstehenden gemieden.
Ein weiterer Grund war auch, die Bezichtigung der Teraibewohner, der Zauberei und
Hexerei mächtig zu sein (vgl. Guneratne 2002:39).
Viele sind der Meinung, die Tharu wären ein Volk, das bis in jüngster Zeit separat und
zurückgezogen lebte. Lange wurden sie als wildes Urvolk des Terai bezeichnet. Nur
wenigen ist bewusst, dass die Volksgruppe seit mindestens 2000 Jahren immer wieder in
verschiedene Herrschaftsgebiete, die rund um das Terai entstanden und zerfielen, integriert
waren. Aufgrund der Malaria wurde über lokale Vertreter mit den ansässigen Tharu agiert,
die Bevölkerung hatte zwar „very few day-to-day relationships with non-residents. But
they had one with an external political power.“ (Krauskopff 1999:51) Somit hatten die
Menschen zwar nur begrenzt Kontakt mit anderen, doch vor allem die Tharu-Elite war
schon immer aktiv in die Geschehnisse rund um ihren Lebensraum involviert (vgl.
Krauskopff 1999:51, Krauskopff 2000:29, 35). In geringem Maße gab es auch immer
wieder Kontaktsituationen des einfachen Volkes mit anderen Ethnien. Vereinzelt besuchten
Händler und Reisende die Region in der Trockenzeit, die neue Einflüsse und Ideen in die
Region brachten (vgl. Srivastava 1999:13).
Spätestens mit der Entstehung des Staates Nepal waren die Tharu ein integraler Bestandteil
des Herrschaftsgebietes, die als größte Bevölkerungsgruppe im Terai dieses kultivierten.
Kontrolliert wurde es jedoch vom Zentrum aus, denn die landwirtschaftliche Produktion
des Gebietes war von großer Bedeutung für die Machthaber. Außerdem haben Angehörige
der Elite im Norden, Mitglieder des Militärs und Verwaltungspersonal ihren Einfluss in der
Region ausgeweitet (vgl. Guneratne 2002:53f.). Mit der Vereinigung Nepals zu einem
Königreich setzte „the gradual waning of the power of the local gentry and the growing
bureaucratization of its rights and duties“ (Krauskopff 2000:29) ein.
67
Über die Herkunft der Bezeichnung Tharu herrscht Uneinigkeit. Sie geht vermutlich auf
das tibetisch-stämmige Wort mtha'ru zurück, das sich auf jene Menschen bezieht, die die
Grenzregion zwischen der Himalaya-Bergregion und der Ganges-Tiefebene bewohnen.
Wahrscheinlich ist, dass der Name Tharu „became a status summation for the various
peripheral aboriginal groubs that accupied the Terai.“ (Guneratne 2002:40) Auf diese
Weise wurde die Gruppe von außen betrachtet, wie bereits erwähnt heißt dies nicht, dass
sie sich selbst als gemeinsame Ethnie sehen. Erst in jüngerer Zeit gab es Tendenzen die zu
mehr Zusammenhalt unter den Tharu führten. „Modern Tharu identity is not received from
the past but has emerged from the conditions of modernity, the outcome of the organizing
efforts of people whose life experiences are being transformed through modernization and
state building.“ (Guneratne 2002:2)
Die Ursachen die zur Identitätsbildung beigetragen haben, liegen erstens darin, dass sie
vom Staat als eine Gruppe festgehalten wurden. Mit der zunehmenden Formalisierung des
nepalesischen Staates wurden unter anderem alle Kasten und Gruppen im Muluki Ain von
1854 kodifiziert, und damit die Ordnung der nepalesische Bevölkerung aufgezeichnet und
verfestigt (vgl. Caplan 1980:178, Guneratne 2002:73). Aufgrund ihrer marginalen Stellung
hatten die Tharu im Vergleich zur Gesamtbevölkerung einen niedrigen gesellschaftlichen
Status. Sie wurden in die Gruppe der Matwali Jat eingeteilt, deren Versklavung laut Muluki
Ain erlaubt war (vgl. Guneratne 2002:32).
Zweitens haben sich die großen sozialen und ökonomischen Veränderungen seit der
Formierung des nepalesischen Staates im 18. Jahrhundert zugetragen. Verstärkt wurden
diese Tendenzen während der Rana-Zeit. Ganz besonders große Auswirkung hatten jedoch
Eingriffe, die sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts im Terai zugetragen haben. Zum
einen wurde, im Rahmen eines weltweiten Anliegens der WHO (World Health
Organisation) ein Programm zur Ausrottung der Malaria, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts
als Schutzschild diente, erfolgreich umgesetzt. (vgl. Giri 2009:603, Krauskopff 1995:186,
Srivastava 1999:12). Zum anderen kam es zu umfassenden Landreformen durch die
Regierung, von denen die Tharu nur wenig profitieren konnten. In Folge all dieser
Veränderungen fand, durch den Zuzug vieler Menschen aus der Bergregion, ein großer
demographischer Wande im Terai statt (vgl. Guneratne 2002:4). „They forcefully occupied
the Tharu land in large measure pushing the meek Tharus towards less fertile areas.“
(Ranjan 2010:70) Dies hat weiters dazu geführt, dass Tharu heute im Vergleich zur
nepalesischen Gesamtbevölkerung „very poor, lagging behind literacy and awareness“
68
(Ranjan 2010:70) sind. Dies gefährdet sie besonders, noch weiter in die Armutsfalle zu
geraten. Große Veränderungen der Besitzverhältnisse im Terai und ihre heutige Stellung in
der Gesellschaft haben das Verhältnis der Tharu zur restlichen Bevölkerung Nepals neu
definiert. Die politische, kulturelle und ökonomische Dominanz der zugewanderten
Bevölkerung hat dazu geführt, dass „Cultural identity becomes political identity in the
context of the confrontation over … land.“ (zitiert nach Guneratne 2002:5)
Zudem hat auch Bildung zur weiteren Identitätsstärkung beigetragen. Einige Elite-Tharu
erhielten ihre Ausbildung im nahe gelegenen Indien. Ab 1951 setzte die nepalesische
Regierung auch vermehrt auf die Bildung der gesamten Bevölkerung, die bis zum Ende der
Rana-Regentschaft vernachlässigt wurde. Genau diese Bildungseinrichtungen dienten den
Tharu aus unterschiedlichen Regionen zunehmend als Treffpunkte, in denen reger
Austausch stattfand und Beziehungen aufgebaut wurden (vgl. Guneratne 2002:5f.,
Srivastave 1999:13). Neue Herausforderungen im Zuge demographischer Veränderungen,
wirtschaftliche Ausbeutung, sowie eine zunehmende Interaktion untereinander haben zu
einem neuen Selbstbild der Tharu geführt. Obwohl das Bewusstsein über das Bestehen
eigener Gruppen nach wie vor besteht, „it seems that the previous tendency to
overemphasise differences between sub-groups has faded away in favour of a search for a
Tharu pan-ethnic unity.“ (Krauskopff 1995:186)
4.4 Das Kamaiya-System - historisch und aktuell
Das Kamaiya-System ist eine Form von Schuldknechtschaft und wird unter den Tharu seit
langem praktiziert, jedoch ist seine genaue Herkunft unklar. Vermutlich hängt sie mit
ähnlichen Entwicklungen in Indien zusammen (vgl. Giri 2009:601). Vor der Vereinigung
des nepalesischen Staates lebten und kultivierten die Tharu ihr Land selbstständig auch
unter Anwendung des Kamaiya-Systems. „Labour arrangements involving a kamaiya as a
yearly agricultural worker existed in the traditional Tharu society.“ (Giri 2009:603) Klar ist
jedoch, dass massive Einschnitte in den Lebensraum der Tharu ab dem 18. Jahrhundert zu
nachhaltiger Veränderung traditioneller Bedingungen führten (vgl. Chhetri 2005:35). Somit
nimmt das Kamaiya-System heute völlig neue Formen an und hat sich von einer alt
bewährten Überlebensstrategie hin zu Sklaverei entwickelt. Aus einstigen Landbesitzern
wurden landlose Arbeiter, die großer wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ausbeutung
ausgesetzt sind (vgl. Ranjan 2002:71). „A combination of social, econommic and political
69
processes that operated in Nepal during the past three hundred years or so seem to have
given rise to and the then nurtured the Kamaiya practices which became known in recent
years as a form of 'veiled slave trade'.“ (Chhetri 2005:35) Bis zu seinem Verbot war das
Kamaiya-System vor allem in den westlichen Terai-Bezirken Dang, Banke, Bardiya,
Kailali and Kanchanpur verbreitet, wie auf der Abbildung im Anschluss zu sehen ist.
Obwohl auch wenige Angehörige anderer Ethnien im Kamaiya-System beschäftigt sind,
zählen in den genannten Regionen über 95% der Kamaiya zur Ethnie der Tharu (vgl.
Chhetri 2005:33, Ranjan 2010:69f.).
Die ursprüngliche Bedeutung des Tharu-Wortes Kamaiya bedeutet „hart arbeitender
Mensch“ und besitzt keinerlei negative Konnotation. In der Vergangenheit benannte es alle
Personen, die in der Landwirtschaft eines anderen beschäftigt waren. Diese Übersetzung
spiegelt jedoch die Wirklichkeit des Kamaiya-Systems nur zum Teil wieder. Vor allem in
jüngerer Zeit geht die Arbeit als Kamaiya meist mit massiver Ausbeutung vieler Tharu
einher. „The entry of the element of bonded labour and slavery as features had turned the
person who worked very hard into some sort of 'a commodity' to be owned, bought and
sold, and exploited to the extent possible.“ (Chhetri 2005:32) Durch diese Veränderungen
ist die Bezeichnung Kamaiya nicht länger neutral zu sehen, besitzt einen negativen
70
Beiklang und wird für Personen die in Schuldknechtschaft stehen, benutzt (vgl. Chhetri
2005:32, GEFONT 2007:16).
Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Ausprägungen von Kamaiya. Im heutigen Diskurs
wird es fälschlicherweise häufig als ein singuläres System dargestellt, differenziert
allerdings je nach Tharu-Subgruppe, Region und Zeitraum. Die unterschiedlichen Bräuche
weisen jedoch allesamt ein gemeinsames Grundmuster auf. In der Vergangenheit gab es
nur eine geringe Zahl an Untersuchungen über die Tharu und der Praxis des Kamaiya, was
eine genaue Rekonstruktion erschwert (vgl. Chhetri 2005:34, Krauskopff 1995:185,
Rankin 1999:29).
4.4.1 Traditionelle Form von Kamaiya
Laut Rankin lässt sich an der Untergruppe der Rana-Tharu, die in den westlichen Bezirken
Kailali und Kanchanpur leben, ein Idealbild des traditionellen Kamaiya am besten
rekonstruieren. Sie lebten sehr abgeschieden, unterlagen nur wenigen Einflüssen von außen
und konnten sich so ihre kulturelle Eigenständigkeit lange bewahren. In einigen Dörfern
wird das traditionelle Kamaiya-System nach wie vor praktiziert (vgl. Rankin 1999:28f.,
34). Es handelt sich hierbei um ein Idealbild traditioneller Arbeitsbeziehungen, in anderen
Kontexten und Tharu-Gruppen sind zum Teil abweichende Ausprägungen zu finden.
Unter der traditionellen Form des Kamaiya ist ein Arbeitsverhältnis 15 zwischen einem
kisān, ein Bauer der selbst Landwirtschaft im kleinen Rahmen betreibt, und einem
Kamaiya, der sich gegen den Erhalt eines Lohns im Voraus in seinen Dienst begibt, bis
dieser Vorschuss abgearbeitet ist. Das Arbeitsverhältnis besteht in diesem Kontext
zwischen zwei Angehörigen der selben Ethnie (vgl. Guneratne 2002:96, Rankin 1999:29).
„Kisans and kamaiyas were traditionally linked by a shared ethnicity and often ties of
kinship, and both participated in a common moral economy.“ (Guneratne 2002:96) Diese
besitzen jedoch, solange die Arbeitsbeziehung aufrecht ist, nicht den selben
gesellschaftlichen Stellenwert. In den meisten Fällen dient der Kisan auch als Kreditgeber.
Der Erhalt eines Kredits (sauki) verlängert die Dauer des Arbeitsverhältnisses
dementsprechend. Ein Landarbeiter wählt diese Form der Dienstleistung meist aus
finanzieller Not oder um zusätzliche Ausgaben zu decken (vgl. Guneratne 2002:96, Rankin
15 Um vorweg Objektivität zu bewahren und Neutralität zu vermitteln, wird in diesem Kontext der Begriff
Arbeit anderen Bezeichnungen vorgezogen.
71
1999:29). In seltenen Fällen dehnt sich die Anstellung über mehrere Jahre hinweg aus.
Berichte über eine lebenslange Dauer gibt es nicht. Auch Angaben, dass sich Schulden
über Generationen hinweg aufrecht erhielten, liegen nicht vor. Viele Kamaiyas sind nur für
einen kurzen Zeitraum für einen Kisan tätig. Zum einen benötigen manche Kisans nur in
der Hochsaison oder zur Erntezeit zusätzliche Arbeitskräfte, zum anderen wurden oft nur
geringe Summen geliehen um finanzielle Engpässe zu überwinden, die in einem relativ
kurzen Zeitraum abgearbeitet oder abbezahlt werden konnten. „A typical strategy for
financing large expenses is to temporarily serve as a kamaiya in another kisan's
household.“ (Rankin 1999:31) Beispiele hierfür sind größere Ausgaben, wie für
Hochzeiten oder unvorhergesehene Ereignisse, wie Ernteausfälle. Im traditionellen
Kontext sind Alternativen, ein Zusatzeinkommen zu generieren oder einen Kredit
aufzunehmen, rar. Nachdem die Schuld abgearbeitet ist und das Dienstverhältnis beendet,
wird der Kamaiya wieder in die Gesellschaft integriert (vgl. Rankin 1999:29, 32), sein
Leben ist nicht weiter vom Status eines Kamaiya betroffen und es ist grundsätzlich
möglich selbst als Kisan zu fungieren (vgl. Chhetri 2005:36).
Der Kisan hat über die Dauer der Beschäftigung für seinen Angestellten zu sorgen. Im
Idealfall wird eine Parzelle Land zur Verfügung gestellt, die zur eigenen Bewirtschaftung
dient. Auf diese Weise lässt sich die Selbstversorgung sichern und zusätzliches Einkommen
generieren, um etwaige Schulden abzubezahlen. Zum Unterhalt des Kamaiyas zählen auch
Nahrung und Kleidung. Handelt es sich um einen landlosen Kamaiya ist der Kisan dazu
verpflichtet, ihm eine Unterkunft in Form einer kleinen Hütte oder in seinem eigenen
Zuhause, bereitzustellen (vgl. Rankin 1999:29).
Ein Kisan beschäftigt typischerweise ein bis zwei Kamaiyas, deren Einsatzgebiete weit
gestreut sind und vielfältige Aufgaben in der Landwirtschaft und im Haushalt des
Dienstgebers betreffen. „Kamaiyas work on any and all tasks related to maintaining the
kisan's family farm, whether in the fields, household compound, grazing pastures, or
nearby forest.“ (Rankin 1999:29) Üblicherweise handelt es sich bei einem Kamaiya um
einen männlichen Erwachsenen, es gibt jedoch auch Frauen, sogenannte kamlārī, die in
diesem System arbeiten und meist die Ehepartnerinnen der Kamaiyas sind. Nur wenige
von ihnen stehen voll im Dienst eines Kisans, zumeist geschieht das lediglich auf
temporärer Basis. Sie arbeiten ebenso wie ihr männliches Pendant in der Landwirtschaft
oder verrichten verschiedene Aufgaben im und rund um den Haushalt des Kisans. Vor
allem unter armen Familien ist es verbreitet, dass auch Kinder und Alte in das Kamaiya72
System integriert sind. Sie sind meist nur wenige Stunden am Tag beschäftigt und werden
typischerweise als Viehhirten oder im Haushalt eingesetzt. Frauen, Kinder und Alte
verdienen nur etwa die Hälfte eines Kamaiya. Lediglich in seltenen Fällen arbeitet eine
ganze Familie für einen Kisan. Die Bezeichnungen für Kamaiyas sind vielfältig, hängen
von ihren Aufgabenbereichen ab und divergieren von Region zu Region (vgl. Rankin
1999:30, Purwaningrum 2012:12) Daher finden sich in diesem Zusammenhang in der
Literatur viele weitere Ausdrücke.
Neue Arbeitsverhältnisse werden, ebenso wie bereits bestehende, einmal im Jahr
ausgehandelt. Die saṃjhautā (Vertragsverhandlung) findet in der ersten Woche des
nepalesischen Monats Magh16 im Rahmen eines Festes statt. Die Arbeit eines Landarbeiters
wird hier mit seinem Lohn und eventuellen Krediten aufgewogen, die ihn an seinen Kisan
binden. Sie können auf unterschiedliche Weise ausbezahlt und zurückgezahlt werden,
sprich in Naturalien oder Geld. Der Vertrag ist nach westlichen Vorstellungen nicht
formell, sondern lediglich eine mündliche Vereinbarung. Die Verhandlungen finden in der
Öffentlichkeit unter Zeugen statt. In diesem Rahmen werden Rechte und Pflichten beider
Seiten, des Kamaiyas sowie des Kisans, besprochen. Die Gespräche finden jedoch nicht
auf selber Augenhöhe statt. Der Kisan hat gegenüber dem Kamaiya einen klaren Vorteil, da
er wirtschaftlich besser situiert ist (vgl. Purwaningrum 2012:11, Rankin 1999:30). Zudem
grenzt sich der gesellschaftliche Status des Kamaiyas deutlich von dem des Kisans ab. Es
besteht eine klare Unterordnung des Kamaiyas. Obwohl beide derselben ethnischen
Gruppe angehören, oft sogar aus der eigenen Verwandtschaft kommen, stehen sie nicht auf
gleicher Ebene. Kamaiyas zählen zum Besitz des Kisans und werden von diesem
„gehalten“ (kamaiyā rākhne), was in diesem Kontext aber auch als „sich um jemanden
kümmern“ übersetzt werden kann. Im Dorfverband verlieren sie jegliches Stimmrecht in
politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Angelegenheiten. Erlaubt ist ihnen nur die
Teilnahme an religiösen Aktivitäten im selben Ausmaß wie anderen Mitgliedern der
Gesellschaft. Das gemeinsame Leben und Arbeiten von Kisan und Kamaiya wird trotzdem
relativ ausgewogen beschrieben. Ähnlich wie Familienmitglieder „they work, rest and take
their meals together, and often sleep under the same roof.“ (Rankin 1999:31) Die
Beziehung zwischen den beiden wird nicht allein durch Sauki aufrecht erhalten. Ebenso
wichtig sind „affective ties woven in daily pracice through generous patronage.“ (Rankin
1999:33) Das Kamaiya-System dient beiden Parteien als eine Art Sicherheitsnetz.
16 nach gregorianischem Kalender ca. Mitte Jänner bis Mitte Februar
73
„Kamaiya families would have access to food that came in the form of shares/wages
annually while their landlords did not have to worry about shortage of labour during peak
agricultural activities every year.“ (Chhetri 2005:36) Das bedeutet Kamaiyas begeben sich
zum einen in den Dienst des Kisans, um finanzielle Lücken zu füllen, zum anderen ist es
aus wirtschaftlicher Sicht für sie sicherer als Kamaiya zu dienen, als sich anderswo Arbeit
zu suchen. Da auch der Kisan auf Stabilität angewiesen ist, bietet die Beschäftigung eines
Kamaiyas auch ihm mehr Sicherheit als ein temporärer Lohnarbeiter. (vgl. Rankin
1999:33).
Berichte über die Ausübung physischer Gewalt gegenüber der Kamaiyas im traditionellen
System gibt es kaum, jedoch wird, im Sinne von Bourdieu, „symbolische Gewalt“
ausgeübt. Bei Bourdieus „symbolischer Gewalt“ oder „symbolischer Macht“ handelt es
sich um keine bestimmte Art der Gewalt, vielmehr bezieht er sich dabei auf einen Aspekt,
der vielen sozialen Interaktionen innewohnt. Dieser ist jedoch nicht offensichtlich, sondern
bleibt im Verborgenen. Aus diesem Grund wird symbolische Gewalt, anders als physische
Gewalt, meist missinterpretiert und nicht als solche erkannt (vgl. Bourdieu, Thompson
1991:23). Im traditionellen Kamaiya-System kommt es zwar kaum zu Akten physischer
Gewalt, doch wird symbolische Gewalt durch die klare gesellschaftliche Unterordnung und
die beschränkte Verhandlungsbasis des Kamaiyas angewendet. Es handelt sich daher auch
im traditionellem Sinne um kein idyllisches und völlig friedvolles Arbeitsverhältnis, wie es
auf den ersten Blick eventuell den Anschein hat (vgl. Rankin 1999:31, 33). Daher sollte es
eher als zweckmäßige Beziehung beschrieben werden, die grundsätzlich in gegenseitigem
Interesse stattfindet und nicht zur Ausbeutung einer Person dient (vgl. Chhetri 2005:38).
4.4.2 Historische Entwicklungen
Die Herrschaftsverhältnisse in Nepal führten in den vergangenen Jahrhunderten zu
Veränderungen der Besitzverhältnisse und wandelten damit auch die Grundzüge des
Kamaiya-Systems. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Nepal unter der ShahDynastie vereint und der Lebensraum der Tharu in das Herrschaftsgebiet miteinbezogen.
Pacht- und Steuersysteme gab es in der Region schon bevor die einzelnen kleinen Staaten
zu einem großen vereint wurden. Mit der Regentschaft der Shah verfestigten sich diese
jedoch und waren zunehmend ökonomisch orientiert (vgl. Stiller 1999:65). Die Ursprünge
der noch heute im ganzen Land verbreiteten Besitzverhältnisse gehen auf diese Zeit zurück
74
(vgl. Joshi, Mason 2007:400). Infolge dieser Machtübernahme kam es zu enormen
Veränderungen in der Gesellschaft. In Nepal wird Land traditionell als Besitz des Staates
angesehen, welches als raikar bezeichnet wird. Der Staat fungiert als Großgrundbesitzer
und er allein hat das Recht es zu verkaufen, verschenken oder zu verpachten. Mehrere
Subsysteme haben sich rund um das Raikar-System entwickelt, die birtā, guṭhī, jāgir u.a.
beinhalten (vgl. Karki 2002:205, Regmi 1976:16).
Das Land der Tharu, auf dem sie lange ihre Autonomie besaßen, wurde vom Königreich
eingenommen und dessen Einfluss sukzessive verstärkt. Im Laufe der Zeit wurden die
Tharu als Landbesitzer abgelöst. „The land owning Tharus slowly turned into landless
people.“ (Chhetri 2005:31) Damit haben sich auch die wirtschaftlichen und sozialen
Verhältnisse vor Ort verändert (vgl. Guneratne 2002:91). Durch diese Neugestaltung wurde
„an entirely different set of kamaiya practices […] generated by taxation and resettlement
policies of the Nepalese state during the early Shah, Rana and the Panchayat regimes.“
(Rankin 1999:28)
4.4.2.1 Veränderungen in der Shah-Zeit – Aufbau einer Nation
Als sich Nepal formierte, erkannte der neue Staat den wirtschaftlichen und politischen
Wert des Landes und machte ihn sich zunutze. Zwar wurden die Ressourcen des Terai, wie
Holz oder landwirtschaftliche Produkte, schon davor von verschiedenen Machtzentren aus
dem Terai bezogen, dies änderte sich jedoch dahingehend, dass das Terai vermehrt als eine
Art Kolonie, die es auszubeuten gilt, behandelt wurde (vgl. Alden Wily, Chopagain,
Sharma 2008:94f.). Das Terai musste das Zentrum mit seinen Ressourcen versorgen und
diente dazu den politischen Einfluss des Königs auszubauen und das Land
zusammenzuhalten (vgl. Chhetri 2005:35). Denn Prithvi Narayan Shah, der erste König
Nepals, erkannte den Wert des Landes nicht nur in seiner wirtschaftlichen Funktion
sondern nutzte es geschickt für seine Belange, denn Mitgliedern der Elite sowie der Armee
wurde Land zugesprochen. Auf diese Weise konnte er die Loyalität dieser Leute gewinnen
und ihnen die Idee eines gemeinsamen Staates vermitteln. Prithvi Narayans Strategie war
sehr erfolgreich, er konnte sein Einflussgebiet enorm ausbauen. Hilfreich dabei war auch,
dass er einerseits ein starker und repräsentativer Monarch war und andererseits wusste auf
die Bedürfnisse der gesamten Bevölkerung einzugehen (vgl. Stiller 1999:22). Er schaffte es
verschiedene Kulturen und Traditionen in einem gemeinsamen Staatsgebiet zu vereinen,
75
indem „he accepted, respected and worked with the regional cultural, social and fiscal
institutions he found.“ (Stiller 1999:23)
Das Land im Terai wurde einerseits in Form von Jagir vergeben, Grundstücke die an
Regierungsbedienstete, vor allem Angehörige des Militärs, für ihre Dienste und ihre Treue
vergeben wurden. Andererseits bekamen die Eliten der einzelnen Regionen, Angehörige
des Königshauses, sowie hohe Offiziere Land, sogenanntes Birta, zugesprochen, um deren
politische Unterstützung zu gewinnen. Im Vergleich zu Jagir, das nicht vererbbar war,
konnte Birta an Erben weitergegeben oder auch verkauft werden und war zudem von
Steuern befreit (vgl. Alden Wily, Chopagain, Sharma 2008:95, Joshi, Mason 2007:400,
Stiller 1999:36, 38). Die Begünstigten dieser Ländereien waren größtenteils nicht im Terai,
in dem sie das Land zugesprochen bekamen, beheimatet und somit keine Tharu. In der
Literatur werden sie daher oft als abwesende Großgrundbesitzer („absentee landlords“)
bezeichnet (vgl. Rankin 1999:34). Indem sie dessen Ressourcen nutzten und es an
Ansässige verpachteten diente das Land in diesem Fall vor allem zur wirtschaftlichen
Absicherung oder als Statussymbol (vgl. CSRC 2009:6). Die neuen Landbesitzer erhielten
die Rechte über die Ländereien sowie deren Bewohner (vgl. Regmi 1976:104). Im Falle
des Terai war es, allein aufgrund der vorherrschenden Malaria, schwer möglich, als nicht
Indigener, ganzjährig anwesend zu sein. Um das Land vor Ort unter Kontrolle zu halten,
wurden Funktionäre, sogenannte chaudharī, eingesetzt. Chaudharis waren Ansässige, die
je für einen bestimmten Verwaltungsraum (parganna), der mehrere Dörfer umfasste,
zuständig waren. Ihr Aufgabenbereich beinhaltete das Eintreiben der Steuern, sich um
staatliche Belange in ihrem Verwaltungsraum zu kümmern und als Brückenkopf zum
Zentrum zu dienen. Besonderes Augenmerk wurde auf die Erschließung und Kultivierung
von Neuland gelegt. Chaudharis waren in der Regel selbst Tharu. Diese Art der Verwaltung
war auch schon vor der Vereinigung des nepalesischen Staates gängige Praxis (vgl. Chhetri
2005:36f., Krauskopff, Shrestha 2000:118f., Rankin 1999:34, Regmi 1976:104f.). „The
Gorkhali rulers contiued to utilize the services of these local functionaries during the
period after unification.“ (Regmi 1976:105) Weil sich das Königreich zusehends
vergrößerte, wurde zu verschiedenen Zeitpunkten, in unterschiedlichen Teilen des Landes
zusätzliche, überregionale Verwaltungsebenen, zwischen Zentrum und Dorf, eingeführt
(vgl. Regmi 1976:105). Sogenannte subbās waren für einen ganzen Verwaltungsdistrikt,
der aus mehreren Pargannas bestand, zuständig. Sie hatten pauschale Steuerabgaben an den
Staat zu leisten und erhielten im Gegenzug das Recht, in diesem Gebiet Steuern von den
76
ansässigen Bauern einzufordern (vgl. Stiller 1999:107f.). In der Zeit der Shah-Herrschaft
verfestigte sich dieses Verwaltungssystem und wurde zunehmend zu einem Mittel, die
ländliche Bevölkerung auszubeuten.
Der Reichtum des Staates lag im Besitz von Land. Aus ökonomischer Sicht war der Staat
von der wirtschaftlichen Leistung der Bauern abhängig. „The land was wealth, but without
farmers, the land was sterile and without meaning.“ (Stiller 1999:18) Die
Verwaltungsbasis, die Prithvi Narayan geschaffen hatte, funktionierte bis zu seinem Tod
1775 hervorragend. Unter seinen Nachfolgern änderte sich dies jedoch. Machtkämpfe um
den Thron sowie die Tatsache, dass das Land lange ungeeignete, unerfahrene Herrscher an
seiner Spitze hatte, brachten fragile Verhältnisse mit sich (vgl. Stiller 1999:23f.). Das
Vertrauen des Volkes in die Führung des Landes schwand zunehmend und obwohl das
Staatsgebiet ausgedehnt wurde, kam nur wenig an Steuereinnahmen zurück in die
Staatskassen. Eine stärkere Kontrolle und Veränderungen im Steuersystem sollten das
Problem lösen. Die Steuern wurden erhöht um die wachsenden Staatsausgaben zu decken,
was eine immer größere Ausbeutung der Bauern mit sich brachte (vgl. Stiller 1999:28ff.).
Der Krieg gegen China, Anfang der 1790er Jahre, unterstützte diese Tendenz. Für die
einfachen Bauern, welche die hohen Steuern zu tragen hatten, wurde die Situation
belastend. Besonders betroffen war das Terai, was einige Ansässige zum Migrieren nach
Indien bewegte (vgl. Stiller 1999:39).
Eine steigende Zahl an Militärmitgliedern, die es zu entlohnen galt, bedeutete zugleich,
dass immer mehr Jagir benötigt wurde. Da Land aber nicht unbegrenzt zur Verfügung
stand, wurde bereits vergebenes Land zum Teil verkleinert und aufgeteilt. Die Landbesitzer
übertrugen ihren Verlust in Form der Steuern und anderen Forderung (Dienstleistungen,
Lebensmittel) auf ihre Pächter. Die Motive der nepalesischen Elite veränderten sich
zunehmend (vgl. Stiller 1999:43ff.). „Whatever their motives during Prithvi Narayan
Shah's time, they were now interested in prosperity for themselves and their families.“
(Stiller 1999:44)
In Folge des Krieges mit Britsisch-Indien (1814-1816) und dem daraus resultierenden
Vertrag von Segauli, verlor Nepal nahezu ein Drittel seines Staatsgebiet, was nur schwer zu
verkraften war, da der Reichtum des Staates im Grund und Boden lag. Die Staatsgrenzen
wurden fixiert und eine neuerliche Expansion somit unterbunden (vgl. Stiller 1999:56ff.).
Ohne das erforderliche Land, um mittels Jagir und Birta die Stimmen der regionalen Eliten
zu gewinnen, war die politische Stabilität fraglich. „Nepal's leaders would have to find
77
something to replace the army as a means of social mobility [and] make the Tarai produce
crops and revenue.“ (Stiller 1999:63) Die Ausbeutung der Landpächter war schon zu jener
Zeit groß. Viele konnten die hohen Steuern nicht mehr abbezahlen und so häuften sich die
Schulden. „Individual farmers suffered impoverishment, bondage, and even slavery.“
(Stiller 1999:68)
4.4.2.2 Rana-Herrschaft – Macht und Ausbeutung
Nachdem Jung Bahadur Rana 1846 die Herrschaft über Nepal an sich riss, wurde das
Pacht- und Steuersystem, als Mittel, das Land zu kontrollieren, weitergeführt. Der
Staatsapparat, sowie der maßlose Lebensstil der über hundertjährigen Rana-Dynastie,
wurden durch Steuereinnahmen aus dem ganzen Herrschaftsgebiet finanziert (vgl. Joshi,
Mason 2007:400). „Shah and Rana governments of Nepal financed national unification and
consolidation by extracting agricultural surpluses from the peasantry.“ (Rankin 1999:34)
Der erste Rana-Premierminister legte sein Augenmerk auf die Finanzpolitik, insbesondere
auf die Steuerpolitik, sowie das Rechtssystem. Die Administration eines so großen Reiches
bedurfte größerer Kontrolle und Effizienz sowie der Loslösung von traditionellen
Verhältnissen (vgl. Stiller 1999:82ff.). Jahrzehnte lang wurden Regierungsbedienstete
durch den Erhalt von Land entlohnt, doch als nicht mehr genug Raikar übrig war, musste
dieses System überdacht werden (vgl. Stiller 1999:88). So wurde das Land- und
Besitzrecht, vor allem aber das Jagir-System, überarbeitet. Traditionell hatten Jagir-Halter
das Recht, Steuern auf alles was sich auf ihrem Jagir befand, einzuheben, sowie sich um
rechtliche Angelegenheiten zu kümmern. Wie bereits erwähnt, änderte sich das mit der Zeit
dahingehend, dass sie über die Bewohner ihres Landes regelrecht herrschten und diese
ausbeuteten. Dem sollte ein Ende gesetzt werden, weniger zum Wohle der
Landbevölkerung, sondern eher, weil die Großgrundbesitzer immer mächtiger wurden und
eine Bedrohung für die nationale Einheit darstellten (vgl. Stiller 1999:107).
Das bisherige Steuersystem sollte 1861/62 zudem neu organisiert werden. Der Fokus lag
vor allem in der Verwaltung des Terai, die zu diesem Zeitpunkt überaus ineffizient war
(vgl. Stiller 1999:107). Es wurde an der Basis, der Dorfebene, angesetzt, um allgemeine
Erfolge zu erzielen und die Fläche kultivierten Bodens auszudehnen. Das jimidārī-System
ersetzte das bisher gängige Verwaltungssystem und war fortan typisch für das Terai.
jimidārs waren private Großgrundbesitzer und erhoben zugleich Steuern auf dem Land das
78
ihnen zustand (vgl. Regmi 1976:106). Zu Beginn waren auch sie, wie die Chaudharis,
Angehörige der Tharu (vgl. Rankin 1999:34). Der Einflussbereich der Jimidars sollte auf
Dorfebene bleiben. Über ihnen, in der Rangordnung der staatlichen Administration,
standen Chaudharis, an die sie zunächst die Steuern für den Staat abzuliefern hatten (vgl.
Regmi 1976:108, 110; Stiller 1999:108). Die Aufgaben des Jimidars waren klar
abgegrenzt. Er besaß keine administrativen oder judikativen Funktionen. Vielmehr war er
dafür zuständig die Steuereinnahmen für den Staat zu sichern, neues Land zu
bewirtschaften, um so die landwirtschaftliche Produktion im Terai auszudehnen, sowie für
die ländliche Bevölkerung zu sorgen und sie mit Krediten, Materialien, Samen u.v.m.
auszustatten (vgl. Krauskopff, Shrestha 2000:120f., Rankin 1999:34, Regmi 1976:108,
111f.). Die Reform und die Einführung des Jimidari-Systems „appears to have been to
tighten land-tax collection arrangements while simultaneously creating a rural aristrocracy
capable of injecting capital investment and entrepreneurial ability into the field of
agriculture.“ (Regmi 1976:108)
Grundsätzlich konnte jeder Jimidar werden, wenn er dazu bereit war, unbenutztes, neues
Land urbar zu machen (vgl. Regmi 1976:108). Jedoch wurde aufgrund der dünnen
Besiedlung des Terai der Zuzug aus anderen Gebieten von staatlicher Seite forciert.
„Occupation of Tarai grew steadily […], largely implemented by private entrepreneurs.“
(Alden Wily, Chopagain, Sharma 2008:95) Erste Versuche dazu gab es bereits während der
Shah-Zeit, aber erfolgreich war dies erst in Kombination mit dem Jimidari-System. Aus der
Bergregion Nepals, nördlich des Terai, fanden sich zunächst nur wenig bereitwillige
Migranten. Dies sollte sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Bevölkerungsdruck
im Norden größer wurde, in großem Ausmaß ändern. Viele Leute aus dem Norden
schreckte insbesondere das humide Klima ab (vgl. Rankin 1999:34, Regmi 1976:109f.).
Aus diesem Grund fand zunächst reger Zuzug aus den benachbarten Gebieten Indiens statt,
der erst in den 1920er Jahren unterbunden wurde. Fortan fand die Besiedlung nur noch
durch Nepalesen aus der Bergregion, auch Pahari genannt, statt (vgl. Alden Wily,
Chopagain, Sharma 2008:89, Regmi 1976:109).
Lohn für seine Verwaltungsdienste stand dem Jimidar nicht zu. Für seinen Besitz musste er
dem Staat jährlich einen adäquaten Anteil an Steuern abliefern oder sein Land wurde ihm
wieder entzogen. Um dies zu verhindern verpachtete er Parzellen seines Landes an
Kleinbauern, die es bewirtschafteten und Steuern an den Landbesitzer abliefern mussten,
sodass dieser seine Steuerabgaben an den Staat erfüllen konnte. Zusätzliche Gewinne
79
ließen sich erwirtschaften, indem auf seinem Land mehr produziert wurde, als die
Regierung forderte (vgl. Krauskopff, Shrestha 2000:120f., Regmi 1976:111f., Stiller
1999:108). Es war ihm auch erlaubt den Bauern auf seinem Land unbezahlte Arbeit
abzuverlangen (vgl. Rankin 1999:34, Stiller 1999:108). Zwar ließen sich auf diese Weise
große Gewinne erzielen, jedoch war der Steuereintreiber und Landbesitzer durch die
Gefahr sein Land wieder an den Staat zu verlieren selbst betroffen. Diese Vorgehensweise
brachte den Regenten sichere Steuereinnahmen (vgl. Regmi 1976:111).
Für den Jimidar gab es Sonderregelungen die ihm den Start erleichtern sollten. Da die
Kultivierung von unberührtem Land sehr kostenintensiv und aufwendig war, wurden dem
Landbesitzer in den ersten 10 Jahren die Steuern gänzlich erlassen. Danach stand ihm ein
kleiner Teil des Landes als steuerfreies Birta-Land zu und der Rest wurde besteuert. Für die
Pächter galten diese Vergünstigungen nicht. Dem Jimidar stand es frei, den Zeitpunkt,
Steuern zu erheben, zu bestimmen (vgl. Regmi 1976:108, Stiller 1999:109).
Zu Beginn war das Jimidari-System sehr vielversprechend und durchaus erfolgreich.
Positiv anzuerkennen ist erstens die Erleichterung des Steuersystems und zweitens die
Absicherung der Versorgung der ländlichen Bevölkerung mit Krediten und verschiedensten
agrarischen Materialien. Drittens schaffte es der Staat durch die Reform eine ländliche
Schicht zu schaffen, die an der Intensivierung der Landwirtschaft interessiert war und so
die Erträge steigen ließ (vgl. Regmi 1976:114). Leider brachte die Reform einen enormen
Anstieg der Steuern mit sich, die auf die Kleinbauern übertragen wurde (vgl. Stiller
1999:108). Außerdem war es problematisch, dass das Jimidari-System nach einiger Zeit
nicht mehr korrekt umgesetzt wurde und sich daraus ein Mittel entwickelte, die ländliche
Bevölkerung wie noch nie zuvor auszubeuten. Jimidars konzentrierten sich im Endeffekt
nur noch auf ihren eigenen Profit und erfüllten lediglich ihre Funktionen als Kreditgeber
und Steuereintreiber. Ihre zusätzlichen Aufgaben als Arbeitgeber und Versorger der
Landbevölkerung, um so landwirtschaftliche Entwicklung zu fördern, verkamen
zusehends. Die Landbesitzer konzentrierten immer mehr Macht und Einfluss und konnten
die Bevölkerung so in vielerlei Hinsicht ausnutzen. „The Jimidari system was consiered
one of the most expoitative of labour and tenants and smallholders.“ (Alden Wily,
Chopagain, Sharma 2008:89) Nicht selten verschafften sie sich durch Lug und Trug ihre
Vorteile (vgl. Alden Wily, Chopagain, Sharma 2008:89, Regmi 1976:115ff.).
Diese Entwicklung ging jedoch nicht allein von den Jimidars aus. Sie waren zwar
zweifellos an ihren eigenen Vorteilen interessiert, jedoch agierten sie nicht anders als es
80
ihnen der Staat vormachte. Eben dies führte dazu, dass das „Jimidari system gradually
became more a tool utilized by the Rana regime to squeeze surplus agricultural production
from the peasantry than an institution aimed at fostering agricultural growth.“ (Regmi
1976:120) Spätestens ab dem 20. Jahrhundert wurde dieses System für das einfache Volk
am Land unerträglich (vgl. Regmi 1976:118ff.).
4.4.2.3 Konstitutionelle Monarchie – Aufbruchsstimmung
Zu Beginn der Rana-Herrschaft lag die Entwicklung des Landes im Vordergrund. Es stellte
sich jedoch heraus, dass die Machthabenden mehr an ihrem eigenen Profit interessiert
waren, als am Wohl Nepals und seiner Bevölkerung. Während ihrer Regentschaft
stagnierte die Entwicklung zusehends, die Misswirtschaft rief Gegner auf den Plan und
führte 1951 zum politischen Umbruch. Die Shah, unter König Tripuvan, waren wieder an
der Macht und der Versuch einer konstitutionellen Monarchie wurde gestartet (vgl. Kramer
2000:11, Whelpton 2005:1).
Die Besiedelung des Terais wurde unter der neuen politischen Führung fortgesetzt. Durch
das Ausmerzen der Malaria im Terai war es für Paharis nun erstmals möglich, ohne die
Gefahr einer Erkrankung die Region ganzjährig zu bewohnen. Im Rahmen eines
Sozialprogramms wurden neue Besiedlungen geplant, um abermals die landwirtschaftliche
Produktion zu steigern und den Bevölkerungsdruck in der Bergregion zu verringern.
Dieses Vorhaben war allerdings auf den Zuzug einigermaßen wohlhabender Bauern
ausgerichtet und nicht auf die unzähligen landlosen Landarbeiter (vgl. Alden Wily,
Chopagain, Sharma 2008:96).
Die Sozialmaßnahmen sollten auch beinhalten, dass Bauern berechtigt waren ihr Land, das
sie bestellten und für das sie Steuerabgaben leisteten, für sich zu beanspruchen. Doch
genau das Gegenteil traf ein, denn Großgrundbesitzer lieferten die Steuern der einzelnen
Pächter in ihrem eigenen Namen ab und nutzten so die Gunst der Stunde, um das Land für
sich registrierten zu lassen (vgl. Guneratne 2002:95, Joshi, Mason 2007:401). „Instead of
improving the lives of peasant farmers and distributing [the land], this act fortified the
landlords' legal claim to the land and created a landed elite that was more permanent than
had ever been the case under the Ranas.“ (Mason 2007:401)
Eine Reihe von Gesetzen wurde in dieser Zeit verabschiedet, die allesamt auf
Modernisierung ausgerichtet waren. Eine leichte Liberalisierung ließ es zu, dass sich der
81
Privatsektor langsam zu entwickeln begann und erste ausländische Investoren ins Land
kamen (vgl. Alden Wily, Chopagain, Sharma 2008:99,101). Auch die traditionellen
Landrechte sollten überholt werden, indem „all rights brought into a single private-public
land holding regime and turning Raikar and Birta holdings into full-fledged and private
property.“ (Alden Wily, Chopagain, Sharma 2008:98) Dies geschah in der Absicht, den
Großgrundbesitzern ihre Privilegien zu entziehen und ihnen so Einhalt zu gebieten. Auf der
untersten Ebene, also bei den Pächtern, hatten diese Reformen keine Auswirkungen. Gegen
das Jimidari-System, das vom Staat als „symbol of immoral exploitation“ (Regmi
1976:121) bezeichnet wurde, erließ man schließlich ein Verbot. Leider wurden kaum
Maßnahmen unternommen, dieses umzusetzen und so änderten sich die Verhältnisse nur
wenig. „[The Jimidars] thus been able to preserve their status as landowners, but without
the power and authority that characterized the jimidari system in the past.“ (Regmi
1976:122) Dass der Fokus der Regierung auf die Landrechte gerichtet war, lag nicht zuletzt
daran, dass Anfang der 1950er sich unzählige Bauern im gesamten Terai gegen die
Großgrundbesitzer auflehnten (vgl. Regmi 1976:121).
4.4.2.4 Panchayat – Die große Migrationswelle
Nach dem Scheitern der konstitutionellen Monarchie nahm der König die Macht wieder an
sich, verbot alle Parteien und rief die Panchayat-Regierung aus. Diese legte 1962 einen Akt
zur Landreform fest, und hatte eine grundlegende Veränderung des Agrarsystems im Auge.
Das Ziel war „diverting inactive capital and manpower from the land to other sectors of the
economy in order to accelerate the pace of national development, and improving the
standard of livig of the peasant through equitable land distribution and the provision of
agricultural know-how and recources.“ (Regmi 2002:179) Stufenweise sollte dies in den
folgenden Jahren umgesetzt werden. Die wichtigsten Erneuerungen waren erstens, dass
wie auch schon in den 1950ern das Land besser verteilt werden sollte. Dazu strebte der
Staat an, Teile von Grundstücken zu konfiszieren, wenn der Besitz über 16,4 Hektar groß
war. Zweitens sollten Schulden der Landarbeiter zum Teil erlassen und in Zukunft günstige
Kredite angeboten werden. Der letzte wichtige Punkt zielt auf eine generelle Verlagerung
der Produktionsfaktoren hin zu nicht-agrarischen Sektoren ab (vgl. CSRC 2009:6f., Joshi,
Mason 2007:403f., Regmi 2002:179).
In vielerlei Hinsicht verfehlte die Reform ihr Ziel bei Weitem, bewirkte das Gegenteil und
82
„served to perpetuate the agrarian status quo and protect the landed gentry.“ (Joshi, Mason
2007:405) Kontraproduktiv war zum Beispiel, dass sie in mehreren Phasen umgesetzt
wurde. So konnten die Großgrundbesitzer die Zeit nutzen, ihren Besitz unter den
Verwandten aufzuteilen, um so kein Land zu verlieren. Gesetzlich war es Pächtern
neuerlich gestattet, einen Teil dessen, was sie in Kultur nahmen, für sich zu beanspruchen.
Meist war das jedoch nicht möglich, da die Pachtverhältnisse nur selten dokumentiert
waren. Auch die Umsetzung der Kreditvergabe ging schleppend voran. Grundsätzlich war
es für das einfache Volk weniger Aufwand, einen Kredit bei lokalen Landbesitzern
aufzunehmen. Die Verbindlichkeit musste in jedem Fall beglichen werden, doch dem Staat
gegenüber war er verpflichtet diese in Bargeld zurückzuerstatten, was für viele Leute
schwierig war. In traditioneller Hinsicht dagegen konnte sie auch auf andere Weise (z.B.
mit einem Teil der Ernte) abgegolten werden (vgl. Joshi, Mason 2007:405).
Eine weitere Entwicklung im Zuge der Landreform war, dass eine Bewegung der
Landlosen in das Terai entstand und die Abwanderung in das Gebiet noch nie dagewesene
Dimensionen erreichte (vgl. Rankin 1999:35). Einerseits migrierten viele im Rahmen eines
staatlichen Umsiedlungsprogrammes, das eingerichtet wurde, um Menschen aus
überbevölkerten Gebieten zum Umzug zu bringen und um vertriebene, heimkehrende
Nepalesen aus Burma und Indien unterzubringen. Mit diesem Programm wurden jedoch
abermals nicht die landlose Bevölkerung angesprochen, sondern jene die im Besitz von
Land waren und nicht völlig mittellos (vgl. Alden Wily, Chopagain, Sharma 2008:96,
Rankin 1999:35). Zudem legten viele hochkastige Pahari das Gesetz so aus, dass sie es zu
ihrem Vorteil nutzen konnten, um an Land im Terai zu gelangen (vgl. Rankin 1999:35).
Neben offiziellen Siedlern migrierte eine noch viel größere Zahl nicht registrierter,
landloser und verarmter Menschen aus dem Norden ins Terai. „A World Bank Report in
1978 estimated that 7,000 families were spontaneously relocating to the Terai every year.
Two resettlement officers reported that there were at least 10,000 landless and spontaneous
settler households in each of the 20 Tarai Districts.“ (Shrestha 2001:158) Regulierungen,
diese Flut an Neuankömmlingen aufzufangen gab es kaum. Eine Erhebung von 1973
bestätigt, dass durch das Scheitern der Landreform Migration ins Terai gefördert wurde,
anstatt diese zu unterbinden, um einen nationalen Ausgleich zu schaffen. Insgesamt
erhielten vergleichsweise wenig Siedler Grundstücke von staatlicher Seite. Zudem konnten
viele das ihnen zugesprochene Land nicht halten und wurden, oft begleitet durch
Verschuldung, neuerlich landlos (vgl. Alden Wily, Chopagain, Sharma 2008:97f., 99).
83
Wie Shrestha feststellte, waren die Umsiedlungsprogramme im Grunde darauf ausgelegt,
beide Seiten zu befriedigen, die Großgrundbesitzer und die Landlosen. „It allows the state
to avoid executing any meaningful land redistribution policy and hence rupturing large
landowners’ power base [and] provide the landed class with an opportunity to acquire land
in new areas, thereby geographically expanding their hold on power.“ (Shrestha
2001:159f.) Außerdem sah die Regierung in ihrem Vorhaben vorerst auch einen taktisch
klugen Zug, um Unterstützung durch die vielen Landlosen zu gewinnen (vgl. Shrestha
2001:158f.).
Die immer prekärer werdenden Verhältnisse für einen großen Teil der Nepalesen, ließen in
den 1970ern jedoch langsam Unmut gegenüber des Panchayats aufkommen. „Landed elites
– loyal to the king and committed to preserving the existing land tenure system – were able
to manipulate a majority of the rural population“ (Joshi, Mason 2007:406) und konnten sie
so noch eine Weile besänftigen. Im Untergrund baute sich jedoch schon damals eine
Gegenbewegung auf, die erst Anfang der 1990er in offenen Protesten zu Tage kam. Ebenso
wie die Zivilbevölkerung, waren auch die Parteien im Verborgenen aktiv (vgl. Joshi,
Mason 2007:406f.).
4.4.2.5 Die 1990er – Extreme Disparitäten
1990 musste das Panchayat aufgrund von Massenprotesten gegen die Regierung weichen
und ein demokratisches Mehrparteiensystem wurde eingeführt. Dem Staat war die
missliche Situation der einfachen Bevölkerung durchaus bewusst und er setzte neuerlich
ihr Augenmerk auf ähnliche Reformen, wie sie schon in den 1960ern eingeführt wurden.
Doch lag ihr Focus nun deutlich bei der großen Zahl von Landlosen und nicht bei jenen,
die im Besitz von Land waren. Auch das Bewusstsein über die Existenz von
Schuldknechtschaft war jetzt vorhanden. Vor allem der Einsatz vieler NGOs hatte dazu
beigetragen. Die neue Landreform „laid down new ambitions, with lowered ceilings,
abolition of tenancy altogether, conversion of most Guthi into private land, liberation of
bonded labourers, and an approach which located redistribution much more firmly within a
wider agricultural investment and development programme.“ (Alden Wily, Chopagain,
Sharma 2008:100) Leider wurden nur wenige Vorhaben umgesetzt und das zumeist erst
Jahre später (vgl. Alden Wily, Chopagain, Sharma 2008:100, 106).
Auch all die Reformversuche der vergangenen Jahrzehnte konnten die starren
84
Besitzverhältnisse kaum auflockern und sorgten für enorme Disparitäten (vgl. Shrestha
2001:104). Dies unterstütze auch den Erfolg der Maoisten, die sich die Umstände zu nutze
machten. Tharu, insbesondere Kamaiyas, waren jedoch nicht in großem Maße an deren
Bewegung beteiligt (vgl. Fujikura 2007:348). Zu Beginn der Folgedekade „the persistence
of traditional landlord-peasant relations is very much evident [in 2001].“ ( Joshi, Mason
2007:410) Im nationalen Zensus wurde damals festgestellt, dass 5% aller Haushalte
insgesamt 37% des kulturfähigen Landes besitzen. Im Gegenzug dazu besitzen 47% der
Nepalesen nur 15%. Ganze 25% der Haushalte sind völlig Landlos. Der Anteil von
Minderheiten unter Letzteren ist besonders groß. Dies ist ein Beweis dafür, dass
Besitzverhältnisse auch ethnisch bedingt sind (vgl. Joshi, Mason 2007:410).
Die Tharu sind eine ethnische Minderheit, die besonders betroffen war und ist. Durch die
ständig steigende Kolonisation des Terai sind sie zum Ende des 20. Jahrhunderts stark
marginalisiert. „The older Rana administrative policies, thus, transformed a few local
Tharu into powerful landlords or elite functionaries for absentee Pahari landlords, while
the eradication of malaria enabled an unrelated group of Pahari to expand their agricultural
enterprises
onto
Tarai
lands.“
(Rankin
1999:35)
Im
Zuge
von
Strukturanpassungsprogrammen in den 1980er und 1990er kam die Intensivierung und
Kommerzialisierung der Landwirtschaft, sowie die zunehmende Liberalisierung Nepals
erschwerend hinzu. Um am Weltmarkt bestehen zu können, bedarf es billiger Arbeitskräfte,
was die Ausbeutung vor Ort weiter verstärkte (vgl. Rankin 1999:35). So wurde das
ursprünglich indigene Volk von ihrem Land verdrängt, es verlor seinen Grund und Boden,
wurde zu Landlosen und verarmte zusehends. Ohne Alternativen sahen viele keinen
anderen Ausweg als sich in Schuldknechtschaft zu begeben (vgl. Alden Wily, Chopagain,
Sharma 2008:96). Somit wurde 1995 im westlichen Nepal festgestellt, dass „every bonded
labourer […] is Tharu and […] approximately 97% of the landlords are Brahmans, Chetris
or Thakuris.“ (zitiert nach Guneratne 2002:95)
4.5 Zwischenbilanz – Moderne Form des Kamaiya-Systems
Die Veränderungen die im vorangegangenen Abschnitt beschrieben wurden, haben nicht
nur dazu geführt, dass in Folge dessen viel mehr Tharu als Kamaiya dienen als zuvor, sie
sind Grund dafür, dass sich das ganze Kamaiya-System völlig wandelte. Dieser Tage ist es
als eine extreme Form der sozioökonomischen Ausbeutung bekannt, in dem Menschen in
85
Schuldknechtschaft leben, die vielfach als Form der Sklaverei bezeichnet wird (vgl.
Chhetri 2005:34f., Rankin 1999:35). Anders als früher handelt es sich bei der neuen Form
des Kamaiya meist um eine lebenslange, oft generationsübergreifende Verpflichtung, denn
„the combination of labour, credit, and land contacts together made it virtually impossible
for the Kamaiya to get out of the vicious circle.“ (Chhetri 2005:34)
Trotz großer Wanderbewegungen sind die meisten Kamaiya nach wie vor Angehörige der
Tharu. Es stellte sich sogar heraus, dass „the term Kamaiya today seems to be
synonymously used to refer to a poor Tharu who is/was made to work as a slave for a
landlord for his own and his family's survival.“ (Chhetri 2005:33) Laut einer Studie haben
im Jahr 1995 116.309 Kamaiyas in den Hauptsiedlungsgebieten der Tharu gelebt (vgl.
OMCT 2010:6). Insgesamt gibt es auch wenige Mitglieder anderer Volksgruppen, die von
dieser Art der Schuldknechtschaft betroffen sind, je nach Region und gesellschaftlicher
Stratifikation. Den Tharu-Kamaiyas gegenüber stehen die Landbesitzer, die Grund
verpachten, Kredite vergeben und nahezu alle Paharis sind. Unter ihnen befinden sich
einige Großgrundbesitzer, die meisten betreiben jedoch kleine bis mittelgroße
Landwirtschaften (vgl. OMCT 2010:5).
Kamaiyas der heutigen Zeit, sind grundsätzlich von mehr Ausbeutung und Diskriminierung
betroffen, denn ihre Arbeitsbedingungen haben sich gravierend verändert. Die
landbesitzende, dominante Schicht im Terai stellt heute nicht mehr die indigene
Bevölkerung dar, sondern die zugewanderten Paharis, die seinerzeit ihre Besitztümer in
Form von Jimidari, Birta oder Jagir von der Regierung zugesprochen bekamen (vgl.
Guneratne 2002:97). Dies hatte das Entstehen zweier Gruppen zur Folge, die hartnäckig in
ihrem Bestehen sind und deren Zugehörigkeit kaum zu überwinden ist. „The creation of
landlord class by the state thus resulted in the formation of anoter 'fixed' class – the
Kamaiya.“ (Chhetri 2005:37)
Der Landbau im Terai beschränkt sich heute nicht ausschließlich auf Subsistenzwirtschaft,
sondern nimmt häufig die Form von landwirtschaftlichen Betrieben an, die auf hohem
Einsatz der Arbeitskraft, niedrigem technologischen Standard und großen Kulturflächen
basieren (vgl. Rankin 1999:37). Obgleich moderne Formen der Bewirtschaftung und neue
Technologien Einzug gehalten haben, ist die Resistenz, die das Kamaiya-System aufweist,
erstaunlich. Die Neuerungen „are simply being absorbed into the kamaiya framework – a
trend that highlights the ways in which domination may persist, even in the presence of a
labor market.“ (Rankin 1999:36)
86
Grundsätzlich muss der Arbeitgeber, der umgangssprachlich als Kisan, mālik oder Jimidar
bezeichnet wird (vgl. Giri 2010:154, Rankin 1999:35), für die Angestellten sorgen, und
ihnen, sofern kein eigener Besitz vorhanden ist, oft gemeinsam mit ihren engsten
Angehörigen, Hütten bereitstellen. Jährlich steht einem Kamaiya neue Kleidung zu, was
oft gar nicht mehr umgesetzt wird oder lediglich verschlissenes Gewand beinhaltet und als
täglichen Lohn und zur Versorgung erhalten sie eine Ration Getreide oder Reis (masyūrā)
(vgl. Rankin 1999:36). Eine andere Form der Entlohnung ist, dem Kamaiya einen kleinen
Teil an Grund zuzusprechen, den er zu seinem eigenen Gewinn bewirtschaften kann. Meist
handelt es sich dabei jedoch um wenig ertragreichen Boden. Sollten die Familienmitglieder
ebenfalls als Kamaiya dienen, erhöht sich dessen Lohn etwas, anstatt ihnen einen eigenen
Anteil zu gewähren. Dies geschieht jedoch nicht immer, und wenn, sind die Rationen meist
zu
klein
um
alle
zu
versorgen.
Um
sämtlichen
Familienmitgliedern
eine
Nahrungsgrundlage zu bieten und für andere Notwendigkeiten, wie beispielsweise
Gesundheitsversorgung, ist es oft nötig, zusätzliche Kredite aufzunehmen (vgl. GEFONT
2006:18, 21f.).
Im Durchschnitt werden drei bis vier Kamaiyas auf einem Anwesen beschäftigt, oft aber
auch viel mehr (vgl. Lowe 2001, Rankin 1999:35), von denen längere Arbeitszeiten und
eine größere Bandbreite an Aufgaben erwartet werden. „[They] are obliged to do any work
requested by their [landlords] – in their fields, hosehold, mill, factory or any other
enterprise.“ (Rankin 1999:35) Typischerweise handelt es sich bei Kamaiyas um Männer,
die hauptsächlich für die harte Arbeit, gewöhnlich am Feld, zuständig sind. Zusätzlich
werden auch ihre Angehörigen häufig integriert. Je nachdem welche Tätigkeiten sie
verrichten, haben sie unterschiedliche Bezeichnungen, die sich Rankin zufolge zum Teil
überschneiden und nicht immer eindeutig sind. Frauen werden als bukrahī (Feldarbeit und
Haushalt), orgānī (Haushalt) oder kamlārī (Reinigungskraft in und um das Haus)
bezeichnet. Kinder oder Alte werden für einfachere Tätigkeiten eingesetzt. Ein stetes
Zusatzeinkommen für die Tätigkeiten der Frauen, Kinder und Alten ist oft nicht zu
erwarten (vgl. Rankin 1999:36).
87
In die Schuldknechtschaft gelangt man zunächst ähnlich wie in traditionellen
Verhältnissen. Zusätzlich beeinflusst wird dies heute jedoch durch weit verbreitete Armut,
hohe Arbeitslosigkeit und Mangel an Alternativen. Abbildung 3 zeigt einen Überblick der
häufigsten Einstiegsgründe (vgl. Kvalbein 2007:56f.). Menschen begeben sich, oft landlos
aber manchmal auch in Besitz von kleinen Grundstücken, auf der Suche nach
Verdienstmöglichkeiten, in den Dienst eines Großgrundbesitzers (oft ehemalige Jimidars).
Im Gegenzug dazu erhalten sie einen jährlichen Lohn oder auch zusätzliche Kredite
(Saunki), die meist in Naturalien und nur selten in bar ausbezahlt werden. Dies bindet sie
und ihre Arbeitskraft bis zu deren Ausgleich an den Geber (vgl. GEFONT 2006, Rankin
1999:36). Moderne Kamaiyas besitzen typischerweise viel höhere Schulden als jene im
traditionellen Modell. Diese sind nur schwer wieder abzubezahlen, berauben sie über Jahre
hinweg, wenn nicht ihr ganzes Leben, der Freiheit und beeinflussen das Leben ihrer
Nachkommen nachhaltig (vgl. Lowe 2001, OMCT 2010:4). „Where debt accumulates over
generations, children born into bondage may have simply no hope of ever becoming free.“
(Rankin 1999:37) Kreditgeber scheuen nicht davor zurück, unlautere Mittel einzusetzen,
um die Summen zu erhöhen. Typische Vorgehensweisen sind, falsche Aufzeichnungen über
die genaue Höhe des Saukis zu machen, beliebig hohe Zinssätze festzulegen oder Strafen
für geringfügige, oft nichtige Vergehen oder Erkrankungen der Angestellten zu verhängen.
Da die meisten Betroffenen Analphabeten sind, ist es ihnen nur schwer möglich, etwaige
Aufzeichnungen über die Höhe der eigenen Schulden zu verfolgen (vgl. Rankin 1999:36f.).
Möglichkeiten, die Schulden abzubezahlen gibt es wenige. Mit dem Lohn, den die
Kamaiyas das Jahr über erhalten, können sie kaum sich und ihre Familie ernähren,
geschweige denn, etwas sparen. Manche versuchen ihre finanzielle Lage durch das
Bewirtschaften eigener Pachtgrundstücke im adhiyā-System, bei dem man die Pacht durch
88
die Hälfte der Ernte entrichtet, aufzubessern. Aber auch hier sind die Machtverhältnisse
sehr ungleich verteilt und von Ausbeutung begleitet (vgl. Rankin 1999:38). Einem
Nebenerwerb darf der Kamaiya nur nachgehen, wenn es ihm erlaubt wird (vgl. GEFONT
2006:21). Wenn es nicht gelingt die Schulden zu tilgen, ist er sein Leben lang in diesem
System gefangen und überträgt es auch auf weitere Generationen. Die einzige Möglichkeit,
seine missliche Lage zu verbessern ist der Versuch, zu einem anderen Kreditgeber zu
wechseln und zu hoffen, dort in bessere Verhältnisse zu geraten oder im Extremfall über
die Grenze nach Indien zu fliehen (vgl. Rankin 1999:39).
Im Rahmen der Samjhauta, der jährlichen Vertragsverhandlungen, werden in einem
Zeremoniell Lohnbedingungen sowie der Umfang des Kredits besprochen und neu
verhandelt, wobei nicht selten gefeilscht wird. Im Zuge dessen werden mündliche Verträge
ausgesprochen. In dem Zusammenhang wird die ungleiche Beziehung zwischen den
beiden deutlich zu Tage gebracht und verfestigt. Begleitet von Ritualen, werden neue
Verträge geschlossen. Es ist jedem Angestellten möglich, bei Bedarf nun einen neuen
Besitzer zu suchen, aber nur wenn ein anderer bereit ist, seine Schulden zu übernehmen.
Sollte die Last zu hoch sein, um übernommen zu werden, ist der Kamaiya gänzlich seiner
Freiheit beraubt und an seinen gegenwärtigen Malik gebunden. Im Falle eines Wechsels
erfolgt eine direkte finanzielle Transaktion zwischen den beiden Arbeitgebern, was dem
Handel mit Menschen gleichkommt (vgl. GEFONT 2006:18, 20; OMCT 2010:4, Rankin
1999:37).
Die Beziehung zwischen Kamaiya und Pahari ist zutiefst ungleich, rein auf die
Gewinnmaximierung des Überlegenen und nicht auf die Bedürfnisse des Untergebenen
ausgerichtet. Anders als in vergangenen Zeiten dient das Kamaiya-System nicht mehr als
Sicherheitsnetz für alle Beteiligte. Einerseits gehören beide nicht der selben Ethnie an, die
eine moralische Bindung schaffen würde und andererseits teilen sie die Tradition indigener
Arbeitsbeziehungen nicht. Paharis haben diese lediglich übernommen und sich zu Nutze
gemacht (vgl. Guneratne 2002:97). In modernen Zeiten bindet den Kamaiya ausschließlich
die Schuld an seinen Malik, wohingegen früher der finanzielle Aspekt eine Facette von
vielen in der Kisan-Kamaiya Beziehung war (vgl. Rankin 1999:42). Durch den Wandel der
Besitzverhältnisse veränderte sich das Verhältnis zwischen den beiden Lagern zusehends.
„The combination of profit motive and unchallenged power have given jamindars
completely free reign to control and enslave kamaiya labor through overtly as well as
symbolically violent means.“ (Rankin 1999:37) Aus diesem Grund kann der Kisan über
89
seinen Kamaiya, dessen Leben, Freiheit und Familie verfügen. Allerdings sind nicht alle
Kamaiyas in gleichem Ausmaß von Ausbeutung und Unterwerfung betroffen. Die
Intensität ist großteils davon abhängig, ob der Betroffene landlos ist oder nicht. Zudem hat
auch nicht ausnahmslos jeder in dem System Schulden angehäuft (vgl. Lowe 2001, OMCT
2010:4). “The indebted Kamaiya familiy without land and house are more vulnerable
because of weak bargaining power compared to those without any debt and with the
ownership of land and house.“ (GEFONT 2006:22)
Alle Kamaiyas sind von Gewalt betroffen, sei es symbolische Gewalt, die auch schon
früher dem System inhärent war, oder physische Gewalt, die in manchen Fällen enorme
Ausmaße annehmen kann. Sie reicht von alltäglicher Unterdrückung, bloßen Drohungen,
Strafen bis hin zu Schlägen und anderen böswilligen Handlungen. Diese Mittel werden
angewendet, um Unterdrückung aufrecht zu halten, sich Gehör zu verschaffen und vor
allem um die Untergebenen bei mutmaßlichem Fehlverhalten zu bestrafen. Kamaiyas
wagen es nicht, sich gegen ihre Widersacher aufzulehnen, aus Angst vor weiteren
Bestrafungen. Aufgrund der oft hohen Schulden befinden sie sich in absoluter
wirtschaftlicher Abhängigkeit, was sie fest an die Besitzer bindet und zu einem
permanenten Status als Kamaiya führt (vgl. Lowe 2001, Rankin 1999:39). „Where the
landlord's control of land and money has become the basis of the bond, then, kamaiyas
may be effectively bought and sold as chattel, subjected to extreme abuses, and have no
hope of ever repaying their loans.“ (Rankin 1999:39) In einem System, in dem die Fronten
so verfestigt sind, ist ein Statuswechsel nicht denkbar, das bedeutet, einem Kamaiya wird
es nie möglich sein, selbst zum landbesitzenden Kreditgeber zu werden. Umgekehrt ist der
Wechsel eines Großgrundbesitzers hin zum Kamaiya ebenfalls äußerst unwahrscheinlich.
Nicht nur die ökonomische Situation verhindert dies, sondern auch die ethnischen
Differenzen (vgl. Rankin 1999:38f.). Beide besitzen einen permanenten gesellschaftlichen
Status, der nicht überwunden werden kann. In vielen Fällen nimmt dies Ausmaße an, die
einem sozialen Tod17 gleichkommen (vgl. Lowe 2001). Nicht nur im Haushalt ihres Kisans
besitzen sie eine niedrige Stellung, sondern auch unter dem restlichen Volk. In
Öffentlichkeit, Schulen, Behörden und Ämter stehen Kamaiyas und ihre Angehörigen oft
Vorurteilen und Feindseligkeit gegenüber, die ihr Leben zusätzlich erschweren (vgl. Giri
2010:149).
17 Anlehnung an Orlando Patterson. Wenn ein Mensch davon betroffen ist, gilt er als sozialer Außenseiter
und wird von der Gesellschaft nicht als vollwertiges Mitglied akzeptiert (vgl. Patterson 1982).
90
4.5.1 Erfahrungsberichte
Erfahrungsberichte sollen einen kleinen Einblick in den Lebensalltag der Kamaiyas und
ihren Familien geben und helfen, diesen besser zu veranschaulichen. Sie zeigen wie
unterschiedlich die Verhältnisse zu Tage treten, dass das Kamaiya-System gute wie auch
schlechte Seiten besitzt und das Verhältnis zwischen Malik und Kamaiya nicht in jedem
Fall ausschließlich negativ ist. Eine gesellschaftliche Unterlegenheit bleibt trotzdem immer
bestehen. Die meisten Berichte schildern jedoch nicht nur soziale Ungleichheit, sondern
auch Diskriminierung, Perspektivlosigkeit, Gewalt und Ausbeutung.
In the beginning I had a lot more work and life was hard. But now I am old – I only have the
garden and goats. Life is easier. Every year I get paid one thousand rupees, two pairs of clothes
and the food I eat in the landlord's kitchen. […] He never gets angry with me. […] I don't have
my own house and I only have one son of my own. My wife died […]. So I feel that I am part
of the landlord's family. (Lowe 2001)
My grandfather took a loan and my father repaid it by working as a kamaiya. So now we have
no loan. But I continue to work as a kamaiya because we don't have any land of our own where
we can build a house or grow food. (Lowe 2001)
The landlord made my whole familiy work for him. Even my small children. But he only paid
me for my work. The others got no wages. I had to feed us all from my wages. My income was
very low. When our food was used up the landlord would give us food. This food became our
loan again. (Lowe 2001)
I think that I will be a kamaiya my whole life. I have no land and no place to live. I am always
trying to think of some alternatives, but I have none. My children will also be kamaiyas. (Lowe
2001)
When the landlord is angry he beats us. Some kamaiyas have suffered broken limbs and others
were beaten unconscious. (Lowe 2001)
Around the time of bhumisudhar [Land Reform Act 1964 AD], my father was persuaded by a
district officer to transfer all our land to his name... The man offered a lavish feast of daru
[homemade alcohol], chicken meat, sweets, etc., and when my father’s drunken eyes started to
spin like a wheel, he gave lyapche [thumb print] on the loan agreement form... He later said he
only took some NRs 60, but the form contained NRs 6,000 debts and each bigha [0.676
hectare] of our land was priced at NRs 2,000... He didn’t believe he borrowed so much
money... I went to the court for a few years, but failed because no one helped me... In the end,
the officer enjoyed drinks as well as our land, while my father died of guilt, as we couldn’t
acquire any land ever since. (Giri 2010:149)
Die Familienmitglieder der Kamaiya sind den Landbesitzern oft wehrlos ausgeliefert.
Besonders gefährdet, Opfer von Übergriffen zu werden sind die Frauen und Mädchen im
Kamaiya-System. Die Position einer Frau ist doppelt belastet. Zur Tatsache, dass Frauen
den Männern in Nepal generell untergeordnet sind, kommt hinzu, dass sie durch ihren
Status als Kamaiya in der gesellschaftlichen Ordnung weiter sinken. Besonders
bedrückend sind sexuelle Übergriffe, denen die Frauen ausgeliefert sind (vgl. Lowe 2001).
91
My parents had land but the river swept most of it away. […] So my father gave us as kamaiyas
to the landlord. He took a loan of five thousand rupees […]. The landlord gave us no wages
apart from food and lodging and one set of clothes each year. I was 10 years old. I wanted to go
to school but i was forced to work. I had to wash dishes, collect fodder and firewood from the
forest, wash the clothes, clean the house and help with farm work. I was too young to do the
work properly. So the landlady beat me (Lowe 2001)
The Landlord tried to rape me, […] but I was strong and shouted 'I don't want to go with you.'
Some of the other girls were not so strong. (Lowe 2001)
As a daughter of Kamaiya parents, I have entered into Kamaiya system at the age of 6-7years.
[…] I was beaten several times by the landlord while I was [young]. I was sexually harassed by
them several times. Even after I got married and started to work as Bukrahi, several time
landlords sent my husband to the field for "irrigating farm land" and came to me to sexually
exploit at night. I had always fought back and did not accept such attitude of landlords. But
there were many like me, who became victims of such behaviour of landlords. This is not only
the case of women, I have also noticed that wives and daughters of landlords also abused and
sexually exploited Kamaiyas... We spent most important time of our life under threat and terror.
(Lowe 2001)
4.5.2 Zusammenfassende Aussagen und Unterschiede zwischen damals und heute
Nach Betrachtung des modernen Kamaiya-Systems ist deutlich zu erkennen, dass es zu
einer allgemeinen Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen für die
Betroffenen gekommen ist. Obwohl die einzelnen Fälle teils große Unterschiede
aufweisen, besitzen sie dennoch viele Gemeinsamkeiten. Generelle Differenzen zu
früheren Kisan-Kamaiya-Beziehungen sollen hier kurz zusammengefasst werden:
•
Die Arbeitszeiten sind viel länger. Angestellte müssen in vielen Fällen von früh
morgens bis spät in die Nacht hinein ihre Pflichten erledigen.
•
Kamaiyas müssen eine größere Bandbreite an Aufgaben erfüllen. Früher waren sie
hauptsächlich am Feld und im Haushalt beschäftigt. Durch den Einzug der
Moderne, kommen sie heute auch in anderen Produktionssektoren zum Einsatz.
•
Im Gegensatz zur Vergangenheit gehören Arbeitgeber und Angestellter heute nicht
derselben ethnischen Gruppe an. Eine emotionale Bindung oder gemeinsame
Traditionen sind nicht vorhanden.
•
Einst haben sich nur selten Schulden angehäuft. Die geliehenen Summen waren
geringer und konnten in einem angemessenen Zeitraum abgearbeitet werden.
Aufgrund der prekären wirtschaftlichen Situation vieler Tharu, summieren sich die
Rückstände heute schnell und sind nur schwer zu begleichen. Erschwerend kommt
hinzu, dass Kreditgeber, unter Vortäuschung falscher Tatsachen, zusätzliche
92
Aufschläge machen.
•
Die Dauer der Anstellung hat sich um ein Vielfaches erhöht. Handelte es sich
vergangener Tage um kurze Zeiträume, so befinden sich Kamaiyas heute meist
Jahre, wenn nicht ihr Leben lang in dieser Situation. In vielen Fällen wird die
Schuldknechtschaft sogar an die Folgegenerationen weitergegeben.
•
Kamaiyas sind in jüngerer Zeit einem höheren Maß an Erniedrigung und Gewalt
ausgesetzt.
•
In der Vergangenheit diente das Kamaiya-System als Sicherheitsnetz für beide
Parteien,
wohingegen
aktuell,
unter
Ausbeutung
der
Angestellten,
die
Profitmaximierung der Vorgesetzten im Vordergrund steht.
•
Der Ausschluss aus der Gesellschaft war in traditionellen Beziehungen nur
temporär, heute ist dieser stets präsent.
•
Die Beziehung zwischen Malik und Kamaiya ist im Gegensatz zu früher
ausschließlich von Geld bestimmt.
4.6 Gegeninitiativen
4.6.1 Die Stimme der Zivilgesellschaft
Aufgrund der tendenziell schlechter werdenden Situation der Tharu und dem Desinteresse
der Regierung, diese zu ändern, bildete sich in der Bevölkerung selbst allmählich
Gegenwehr. Die heute erfolgreiche soziale Bewegungen BASE (Backward Society
Education), die zugleich eine NGO darstellt, geht auf diese Zeit zurück. 1985 haben im
westlichen Terai 34 junge Tharu zusammengefunden, um unter der Führung von Dilli
Bahadur Chaudhary, der bis heute eine der Führungspersönlichkeiten darstellt, die
Lebensumstände ihres Volkes zu verbessern und dem Problem des Kamaiya
entgegenzutreten. Die meisten unter ihnen waren selbst schon direkt oder indirekt von
dieser Ausbeutungsform betroffen. Obwohl starke Gegenwehr lokaler Politiker und
Großgrundbesitzer aufkam, bildete sich eine soziale Bewegung, die nach und nach an
Mitgliedern gewann (vgl. Fujikura 2007:329f., Ødegaard 1999:67).
Auf unterster Ebene planten sie soziale Projekte, rund um Aufklärung, Bildung und
93
Landwirtschaft, die helfen sollten, die Armut vor Ort zu reduzieren und den
Bildungsrückstand der Betroffenen zu verkleinern. Ziel war „a broad-based movement
against landlords: one that works to educate the Tharu, end corvee labor and debt bondage,
and provide the Tharu with sources of income independent of land.“ (Guneratne 2002:99)
Zum Teil wurden die Aktivitäten vom Know-how und der finanziellen Unterstützung der
staatlichen Entwicklungsorganisation der USA (USAID) begleitet. Obwohl vor allem
Tharu, insbesondere Kamaiyas, die Zielgruppe darstellten, sprachen diese Projekte alle
Bedürftigen an (vgl. Fujikura 2007:330, Guneratne 2002:99).
Unter demokratischen Verhältnissen gelang es 1991, aus dieser Bewegung heraus eine
NGO zu gründen. Nach mehrfacher Umbenennung nahm die Organisation und zugleich
die gesamte Bewegung, den Namen BASE an (vgl. Fujikura 2007:331, Guneratne
2002:102). Die Anerkennung als NGO wurde vom Staat lange unterbunden, war jedoch
sehr wichtig, um finanzielle Unterstützung im Rahmen der Entwicklungshilfe zu erlangen.
Nicht nur BASE setzte sich für die Bedürfnisse des Volkes und die Rechte der Kamaiyas
ein, infolge der politischen Wende, haben sich viele nationale und internationale NGOs
etabliert. Sie dienten als Netzwerk, der Zivilgesellschaft Rückhalt zu bieten und
Emanzipation zu fördern (vgl. Guneratne 2002:104, Ødegaard 1999:63, 68).
Die 1990er Jahre waren sehr projektorientiert und BASE konnte, mit Hilfe externer
finanzieller Unterstützung und unter Einsatz von Spendengeldern, ihre Aktivitäten regional
als auch inhaltlich enorm ausdehnen. Unter dem Motto „the creation of exploitation-free
society“ (Fujikura 2007:332) hatten sie in dieser Zeit einen großen Zulauf an Mitgliedern.
Zu Beginn der nächsten Dekade zählte die Organisation ganze 30.000 Mitglieder, unter
denen nicht ausschließlich Tharu vertreten waren (vgl. Fujikura 2007:332, 334f.).
Obwohl seitens mehrerer Parteien Versuche unternommen wurden, BASE für sich zu
instrumentalisieren, legte sie immer großen Wert darauf als soziale Bewegung und NGO
ohne jeglichen politischen Hintergrund zu fungieren. Es gelang ihnen jedoch nicht immer
diesen Grundsatz gänzlich umzusetzen (vgl. Fujikura 2007:333f.).
Im Jahr 2000 bildete sich schließlich unter der Führung von BASE die Freiheitsbewegung
der Kamaiya („kamaiya freedom movement“). Es begann mit friedlichen Protesten von
sieben bis achttausend Teilnehmern im westlichen Terai, die von Intellektuellen und
Mitglieder verschiedener Menschenrechtsorganisationen in Kathmandu unterstützt wurden
(vgl. Fujikura 2007:321, Guneratne 2002:104). Neben dem Hauptziel, der Freiheit aller
Kamaiyas, waren auch Arbeitsrechte, Schuldenerlass und Rehabilitationsmaßnahmen
94
wichtige Forderungen der Bewegung. Die gewaltlosen Proteste erlangten, nicht zuletzt
durch rege mediale Berichterstattung, großes Aufsehen und fanden auf diese Weise noch
mehr Teilnehmer. Der Aufruhr gipfelte im Sommer desselben Jahres in fünf Tage
andauernden Protesten vor dem Parlament in Kathmandu, zu deren Ende die meisten
Teilnehmer inhaftiert wurden (vgl. Fujikura 2007:342ff.). Die Freiheitsbewegung hatte
jedoch nicht nur emanzipatorische Wirkung für viele Kamaiyas, darüber hinaus vermochte
sie es, eine politische Auseinandersetzung in Gang zu bringen, die letztendlich zu
gesetzlichen Maßnahmen gegen die Praxis des Kamaiya führte (vgl. Chhetri 2005:39).
Heute besteht BASE nicht nur als NGO, sondern stellt nach wie vor eine ansehnliche
soziale Bewegung dar, an der sich, laut letzten eigenen Angaben, 2009 über 200.000
Menschen beteiligten und 29.000 im aktiven Dienst tätig waren (vgl. BASE Nepal 2009).
4.6.2 Staatliche Interventionen
Bereits in den 1990ern waren der nepalesischen Regierung die gesellschaftlichen
Verhältnisse im Lande bewusst und sie versuchten mit Reformen dagegen vorzugehen. Die
Vorhaben wurden aber lediglich schlecht oder überhaupt nicht umgesetzt. Unter
finanzieller Mithilfe der ILO wurden Untersuchungen über die Praxis des Kamaiya
durchgeführt, die ergaben, dass „the kamaiya system […] not only represented a clear
violation of human rights, but was also an outcome of socio-economic and cultural
conditions.“ (Fujikura 2007:322) Erst unter Druck der nationalen und internationalen
Öffentlichkeit wurden diesbezüglich Maßnahmen gesetzt. (vgl. Fujikura 2007:322).
Am 17. Juli 2000 wurde schlussendlich ein Verbot gegen das Kamaiya-System
ausgesprochen. Schulden, die viele Menschen an ihre Arbeitgeber gebunden haben,
wurden darüber hinaus für nichtig erklärt (vgl. Chhetri 2005:39). Von einem Tag auf den
anderen waren unzählige Kamaiyas frei, leider ohne, dass die Regierung weitere Schritte
zur Begleitung des Geschehens gesetzt hätte. „The […] ban […] was made without
sufficient programs and resources for the transition of former kamaiya to lasting freedom,
which has devastating consequences.“ (Siddharth 2012:61) Viele verließen ihre Besitzer
unverzüglich, einerseits um endlich frei zu sein und andererseits weil sie von deren
Anwesen vertrieben wurden (vgl. Kvalbein 2007:62). Betroffene standen, trotz
gewonnener Freiheit, plötzlich vor dem Nichts, ohne Unterkunft und Arbeitsplatz hatte
sich ihre Situation im Vergleich zu früher in vielen Fällen sogar verschlechtert. „Most of
95
the Kamaiyas who (…) depended on the landlords for food, shelter and work were driven
away by angry landlords following the declaration of freedom.“ (GEFONT 2006:48) Dies
führte vielerorts zu informalen Landbesetzungen, die der Staat in manchen Fällen nicht
gewähren ließ. Die Lebensbedingungen in diesen Massensiedlungen waren extrem
schlecht. Einige Befreite kehrten auch zu ihren Besitzern zurück um, meist unter noch
schlechteren Bedingungen als zuvor, erneut für diese zu arbeiten. Die Regierung ergriff nur
schleppend Maßnahmen, Notunterkünfte für die Mittellosen zu errichten und deren
Grundbedürfnisse (Verpflegung, medizinische Versorgung) zu befriedigen. Auch nationale
und internationale NGOs arbeiteten von Beginn an intensiv daran, geeignete Ressourcen
zur Rehabilitation bereitzustellen (vgl. Alden Wily, Chopagain, Sharma 2008:124, Fujikura
2007:349, GEFONT 2006:48).
Nach einer staatlichen Erhebung infolge des Verbots wurden 18.400 ehemalige KamaiyaHaushalte festgestellt, diese Zahl wurde von vielen Seiten als zu gering eingeschätzt.
Problematisch an den Angaben war, dass es erstens nach wie vor Personen gab, die als
Kamaiyas dienten und von ihren Besitzern nicht freigelassen wurden, zweitens waren viele
Analphabeten unter ihnen, denen es nicht möglich war, die erforderlichen Formulare
auszufüllen, um sich zu registrieren und drittens mussten die ehemaligen Arbeitgeber für
eine Erfassung deren Dienst mit einer Unterschrift belegen, was etliche verweigerten (vgl.
Kvalbein 2007:60, Siddharth 2012:61). Abhängig von ihrem Besitz, wurden die ExKamaiyas in vier Gruppen eingeteilt (vgl. GEFONT 2006:19, Kvalbein 2007:60).
•
Gruppe A: Landlose Ex-Kamaiyas
•
Gruppe B: Landlose Ex-Kamaiyas, die temporär eine Bleibe auf öffentlichem Land
errichten konnten
•
Gruppe C: Ex-Kamaiyas die in Besitz eines Hauses und weniger als zwei kaṭṭhās
Land waren
•
Gruppe D: Ex-Kamaiyas die in Besitz eines Hauses und zwei oder mehr Katthas
Land waren
Den
Betroffenen
wurden
anhand
dieser
Einteilung
verschiedene
Rehabilitationsmaßnahmen zugesprochen, wobei der Focus primär bei Gruppe A lag (vgl.
Fujikura 2007:348). In den ersten sechs Monaten passierte gar nichts und auch danach ging
die Hilfe nur zögerlich voran. Finanzielle Unterstützung gab es kaum, Hütten, die errichtet
wurden, überdauerten kaum den nächsten Monsun und berufliche Schulungen (Schneider,
96
Frisör, Tischler, Maurer, usw.) die eine berufliche Alternative bieten sollten, wurden nicht
ausreichend durchgeführt. Land bekamen die ersten (Angehörige der Gruppen A und B)
überhaupt erst im Jahr 2002 (vgl. Siddharth 2012:61f.). Um das Verbot zukünftig
abzusichern wurde es in diesem Jahr außerdem gesetzlich manifestiert. „The Kamaiya
Labour (Prohibition) Act, 2002 has been enacted after the abolition of the kamaiya system
to provide a legal back-up to the freed of Kamaiyas.“ (GEFONT 2006:36) 2003/2004
waren 12.019 ehemalige Kamaiyas in Rehabilitationsmaßnahmen der Regierung, begleitet
von unzähligen, allerdings unkoordinierten NGO-Einsätzen, involviert (vgl. Alden Wily,
Chopagain, Sharma 2008:124f., GEFONT 2006:58). Obwohl die Befreiung der Kamaiyas
kein Misserfolg war, verläuft Kritikern zufolge die Umsetzung des Gesetzes eher lasch und
somit wird der ganze Vorgang als „haphazard, inhuman and careless […] process of
freeing“ (Chettri 2005:41) beschrieben. Zudem kann ehemaligen Kamaiyas nur wenig
Schutz geboten werden, neuerlich in Ausbeutungsverhältnisse zu geraten. Es fehlt an
Zusammenarbeit verschiedener Zugehörigkeiten und oft stehen nach wie vor die Interessen
der Eliten des Landes im Vordergrund. Somit kann festgehalten werden, dass die
Implementierung eines Gesetzes zwar Veränderungen gebracht hat, nämlich die Befreiung
vieler Kamaiyas, doch das grundlegende Problem, ihre missliche sozioökonomische Lage,
konnte dadurch nicht gelöst werden (vgl. GEFONT 2006:35, 40f.).
4.7 Die Situation nach dem Verbot des Kamaiya-Systems
Durch die abrupte Abschaffung des Kamaiya-Systems unter geringer Begleitung
unterstützender Maßnahmen, hatten die Befreiten einen schweren, von großer Unsicherheit
begleiteten, Start in ihr neues Leben. Die staatlichen Interventionen hatten positive wie
negative Entwicklungen zur Folge und für eine Menge Betroffener hat sich die
Gesamtsituation verbessert. Vor allem jene die vom Staat etwas Land bekommen haben,
konnten ihre Lebensumstände aufwerten und sind dementsprechend weniger gefährdet, in
irgendeiner Form ausgebeutet zu werden. Problematisch war und ist jedoch die Umsetzung
der Landvergabe. Bis zum Jahr 2004 hatte die Mehrzahl der Gruppen A und B die
versprochenen Grundstücke, in der Größe von 2-5 Katthas, erhalten, doch der Prozess
verlief nur schleppend und ist bis heute nicht abgeschlossen, da es noch immer wartende
Familien gibt. (vgl. GEFONT 2006:58, Giri 2009:600, The Himalayan Times 2012).
Zudem werden immer wieder neue Kamaiyas registriert, wobei sich dabei auch andere
Menschen als Ex-Kamaiya ausgeben, um von den Regierungsmaßnahmen zu profitieren.
97
In
gewisser
Weise
ist
dieser
Schritt
sogar
nachvollziehbar,
denn
mit
den
Regierungsmaßnahmen wurden ausschließlich ehemalige Kamaiyas angesprochen, andere,
wirtschaftlich schlecht situierte Bevölkerungsteile blieben jedoch unberücksichtigt. Die
Rehabilitationsmaßnahmen „created a feeling among the other poor and deprived group
that they are being discriminated.“ (GEFONT 2006:58) Dies führte zunehmend zu
Spannungen zwischen Begünstigten und jenen, die leer ausgingen. (GEFONT 2006:58, 61)
Kritisch zu betrachten ist außerdem, dass die erhaltenen Ländereien in vielen Fällen wenig
wirtschaftlichen Wert besaßen und sich damit nur schwer zufriedenstellende Erträge
erzielen lassen. Zudem lagen diese meist nicht im ursprünglichen Lebensraum der
Empfänger,
sodass
ein
Umzug
sie
aus
ihrem
sozialen
Netzwerk
riss,
Beschäftigungsmöglichkeiten minimierte und den Neustart somit erschwerte (vgl.
GEFONT 2006:58, Siddharth 2012:61f.).
Eine wichtige positive Entwicklung vollzog sich im Bereich der Bildung. Ein Schulbesuch
war früher fast undenkbar, was allgemein einen sehr niedrigen Bildungsstand und eine
extrem hohe Analphabetenrate zur Folge hatte. Nach 2000 setzte die Regierung auf
Initiativen für Kinder und Erwachsene, dem entgegenzutreten. Dies bewirkte, dass 2004
lediglich 41,2% Analphabeten waren und heute viele Kinder regelmäßig die Schule
besuchen (vgl. GEFONT 2006:51).
Der Großteil der Befreiten ist, wie schon früher, in der Landwirtschaft tätig, was auch
daran liegen mag, dass trotz begleitender Bildungsmaßnahmen vielen das nötige Können
und Wissen fehlt, in andere Bereiche einzusteigen (vgl. Chhetri 2005:40f.). Insgesamt 41%
versuchen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, indem sie Land pachten wobei die Hälfte
des Ertrages wieder an den Verpächter geht (Adhya-Pacht). In vielen Fällen ist es
schwierig, den geforderten Pachtzins aufzubringen und die Familie muss versuchen,
zusätzliche Einkommen zu generieren oder neuerliche Kredite aufzunehmen, die nur
schwer wieder abzubezahlen sind und sie abermals in Schuldverhältnissen gefangen halten
(vgl. Kvalbein 2007:62, Siddharth 2012:62). In den letzten Jahren hat sich diese Form der
Pach, mehr noch als zuvor, zu einem weiteren Ausbeutungsverhältnis entwickelt. Zum
Beispiel müssen viele, um das Pachtverhältnis aufrecht zu erhalten, Landbesitzern ihre
Arbeitskraft frei zur Verfügung stellen und die ehemaligen Kamaiyas sind „trapped in other
forms of bondage and exploitation.“ (GEFONT 2006:61)
Aufgrund mangelnder Alternativen blieben einige Betroffene nach ihrer Befreiung sogar
weiterhin bei denselben Landbesitzern, um in Form von Lohnarbeit, oft nur auf temporärer
98
Basis, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Andere wiederum suchten sich in gewerblichen
Betrieben in der Region Beschäftigung oder siedelten in der Hoffnung auf Arbeit in urbane
Gebiete
(vgl.
Chhetri
2005:41,
Kvalbein
2007:62f.).
Obwohl
die
Beschäftigungsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft zu Beginn noch gering waren
und nur bei 9,9% lagen, lässt sich eine Tendenz beobachten, die langsam von diesem
wegführt. Einige ehemalige Kamaiyas geben unabhängig ihres Arbeitsfeldes an, nach der
Befreiung insgesamt mehr zu verdienen, vermutlich mitunter die Konsequenz von
Regulierungen des Staates, denn dieser ergriff Maßnahmen, Mindestlöhne und maximale
Arbeitszeiten festzulegen (vgl. GEFONT 2006:53ff.).
Es zeigt sich, dass das Leben der Menschen nach ihrer Befreiung aus dem KamaiyaSystem auch nicht problemlos vonstatten geht. So lassen sich Vor- und Nachteile für beide
Situationen feststellen. Einer Befragung zufolge bot die Beschäftigung als Kamaiya
Sicherheit, Unterkunft, Verpflegung oder medizinische Versorgung waren im Normalfall
gewiss. Auch die Möglichkeit, über Landbesitzer an Kredite zu gelangen, wurde als positiv
bewertet. Als besonders negativ erachteten sie die harte Arbeit und die langen
Arbeitszeiten, sowie die Behandlung und eingeschränkte Lebensweise durch den Kisan.
Nach der Befreiung wurde die Tatsache, dass sie nun weniger Stunden beschäftigt waren,
weniger hart arbeiten mussten und dafür mehr Zeit für sich hatten, positiv bewertet. Vor
allem aber die Freiheit, Entscheidungen selbst zu treffen, die Möglichkeit eine Anstellung
zu wählen und nicht unter der Kontrolle eines anderen zu stehen, wurde als Vorteil
erachtet. Weniger erfreulich ist jedoch, dass es oft schwierig ist, genug Einkommen zu
generieren, um eine ganze Familie zu ernähren. Als Kamaiya waren die Menschen zwar
schlechter bezahlt, hatten allerdings das ganze Jahr über eine Anstellung, während es am
freien Markt schwierig ist, permanente Beschäftigung zu finden. Der Mangel an
Alternativen, Perspektivlosigkeit und nicht zu wissen, wie man die Familie ernähren soll,
lässt noch immer einige Menschen als Kamaiya arbeiten, allerdings nicht zuletzt auch
wegen der genannten positiven Aspekte. Vor allem alte Menschen profitieren dabei, denn
für sie ist es andernfalls schwer ihren Lebensunterhalt zu bestreiten (vgl. Lowe 2001,
Kvalbein 2007:64f.). Etliche sind nach ihrer Befreiung auch ins Kamaiya-System oder
ähnliche Verhältnisse zurückgekehrt, weil sie kaum Unterstützung durch den Staat
erhielten. Denn beinahe alle Maßnahmen beschränkten sich auf Angehörige der Gruppen A
und B, was jedoch nicht bedeutet, dass die Restlichen nicht hilfsbedürftig waren. Dies hatte
zur Folge, dass die nicht Begünstigten umso gefährdeter waren, neuerlich ausgebeutet zu
99
werden (vgl. GEFONT 2006:62).
Die schlimmsten Auswirkungen hatte die Befreiung der Kamaiyas für unzählige Kinder.
Denn die Tatsache, dass viele Ehemaligen es schwer haben, ihre Familie zu ernähren,
beziehungsweise bereits erneut in Abhängigkeitsverhältnisse geraten sind, hatte zur Folge,
dass ihre Kinder heute im Kamaiya-System arbeiten müssen (vgl. GEFONT 2006:61).
Indem Eltern ihre Kinder verpflichten, erhalten sie im Gegenzug deren Lohn, einen Kredit
oder ein Pachtrecht auf ein Grundstück. „Child labour under the Kamaiya-System […] is
generally linked to the labour relationships of the childs parents with landowner.“ (Herath,
Sharma 2007:140) Zwei Drittel der betroffenen Kinder sind nicht älter als 14 Jahre (vgl.
Herath, Sharma 2007:140). Zwar waren Kinder auch früher schon oftmals an der Seite
ihrer Eltern in das Kamaiya-System involviert, doch in einem wesentlich geringeren
Ausmaß. Im traditionellen nepalesischen Kontext ist es durchaus üblich, dass auch Kinder
in einem gewissen Umfang, die Familie unterstützen, jedoch müssen sie heute die
Aufgaben übernehmen, die früher von Erwachsenen erledigt wurden und sind größeren
Belastungen (längere Arbeitszeiten, anstrengendere und vielfältigere Aufgaben, Gewalt)
ausgesetzt (vgl. Giri 2009:600, 606ff.).
Allein die Tatsache, die Praxis des Kamaiya zu einer Straftat zu machen, hat nicht den
gewünschten Erfolg gebracht. Der Staat hat sie zwar per Gesetz verboten und
Rehabilitationsmaßnahmen
Hintergrund
ernsthaft
ergriffen,
zu
doch
betrachten.
Menschenrechtsaktivisten der Meinung
ohne
Aus
dabei
diesem
den
sozioökonomischen
Grund
sind
zahlreiche
„that [kamaiya practice] remain, and in fact,
children's bondedness has rapidly increased even though a very little empirical research
exists
on
this
issue.“
zivilgesellschaftlichen
(Giri
2012:519)
Maßnahmen
das
Somit
konnten
Kamaiya-System
die
zwar
staatlichen
verändern,
und
doch
vermochten sie es nicht, dieses zu beenden. Die Praxis des Kamaiya selbst hat sich
gewandelt, betrifft heute weniger Erwachsene, sondern vielmehr deren Kinder, die oft in
Schuldknechtschaft dienen müssen. Aber auch die ehemaligen Kamaiyas sind noch lange
nicht vollständig rehabilitiert. Weit verbreitete Armut und Arbeitslosigkeit machen sie
gefährdeter
denn
je,
von
unterschiedlichsten
Formen
der
Ausbeutung,
wie
Menschenhandel, Zwangsarbeit oder einer anderen Art der Schuldknechtschaft, betroffen
zu sein. Schlussendlich kann das Verbot lediglich einen Teilerfolg erzielen, denn „[the]
failure of the government of Nepal to emancipate the kamayia effectively is nothing short
of a human rights catastrophe.“ (Siddharth 2012:62)
100
5 Abschließende Ergebnisse
An dieser Stelle sollen, unter Bezugnahme auf vorangegangene Kapitel, einerseits die
anfangs gestellte Forschungsfrage beantwortet und andererseits die aufgestellten Thesen
behandelt werden. Zu Beginn wird deshalb auf die Frage eingegangen, warum sich das
Kamaiya-System von einem traditionellen Arbeitsverhältnis zu einer Form der
Schuldknechtschaft entwickelt hat und es aus diesem Grund eine Form der „Neuen
Sklaverei“ darstellt.
Bei der Praxis des Kamaiya kann nur noch begrenzt von Tradition gesprochen werden, da
sich das System über die letzen Jahrhunderte hinweg sehr verändert hat, deshalb einen
großteils neuen Charakter aufweist und somit heute vielfach als Sklaverei bezeichnet wird.
Die Frage ist, ob diese Behauptung wirklich zutrifft, oder es sich dabei lediglich um eine
andere Art der Ausbeutung handelt. Laut Bales Definition von „Neuer Sklaverei“, die von
den Kriterien Gewalt, Verlust des freien Willens sowie wirtschaftlicher Ausbeutung
ausgeht, lässt sich die bejahen. Denn wie die Literatur gezeigt hat, geht das ursprüngliche
Arbeitsverhältnis, das einst zur Absicherung beider Beteiligten diente, in der modernen
Zeit mit großer wirtschaftlicher Ausbeutung einher. Auch Gewalt, physische wie
symbolische, spielt eine größere Rolle und bestimmt die Beziehung zwischen Kamaiya und
Kisan maßgeblich. Die Kontrolle, die dabei ausgeübt wird, führt meist sogar soweit, dass
den Angestellten freie Entscheidungen und Handlungen nicht gestattet sind. Die Freiheit ist
auch eingeschränkt, weil im Gegensatz zu früher viele Kamaiyas große Schulden bei den
Landbesitzern angehäuft haben, die sie mitunter ihr Leben lang an diese binden. Die Praxis
des Kamaiya stellt laut Bales somit heute eine Form der „Neuen Sklaverei“ dar, jedoch hat
sich gezeigt, dass einzelne Fälle eine derart unterschiedliche Ausprägung besitzen, dass
diese Feststellung nicht pauschal gemacht werden kann, sondern situationsbedingt ist, aber
in vielen Fällen zutrifft.
Ein Umstand, der zu einer neuen Ausformung der Arbeitsbeziehungen geführt hat, ist allen
voran der sozioökonomische Wandel in der Region. Dieser setzte nicht, wie bei Bales
Theorie angeführt, zur Zeit des Zweiten Weltkrieges ein, sondern ging mit der
Konsolidierung des Staates einher und begann bereits im 18. Jahrhundert. Veränderungen
in Herrschafts- und Besitzverhältnissen haben sich im Laufe der Zeit auf den Lebensraum
der indigenen Bevölkerung des Terai ausgewirkt. Sukzessive wurden die Tharu, die
ursprünglich in Besitz von Land und Macht vor Ort waren, verdrängt. Diese
101
Entwicklungen haben Einfluss auf die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse
genommen und zu einer Umformung der vorhandenen Arbeitsbeziehungen geführt.
Das Bevölkerungswachstum ist ebenfalls für die Entstehung „Neuer Sklaverei“
ausschlaggebend und geht im Terai überwiegend auf nationale Siedlungsprogramme sowie
spontane Migrationsbewegungen zurück, die der Staat initiierte, um die Agrarproduktion
anzukurbeln, beziehungsweise die durch die Überbevölkerung anderer Teile Nepals
ausgelöst wurden. Ein wichtiger Schritt, der es ermöglichte, dass die Siedlungsdichte in der
Region beachtlich zunahm, war die Ausrottung der Malaria im Terai zur Mitte des 20.
Jahrhunderts. Zusätzlich haben im selben Zeitraum eine verbesserte medizinische
Versorgung,
sowie
eine
Steigerung
der
Nahrungsmittelproduktion
landesweite
Zuwachsraten ergeben.
Beides, das Bevölkerungswachstum und der sozioökonomische Wandel, hat einen enormen
Anstieg der Armut bewirkt, der die Schere zwischen arm und reich immer weiter
auseinanderklaffen ließ. Im Terai ist vor allem die indigene Bevölkerung davon betroffen,
die so zusehends gefährdet ist, ausgebeutet zu werden (vgl. Chhetri 2005:44). Die schiere
Not und der Mangel an alternativen Lebens- und Arbeitsformen lässt viele am KamaiyaSystem festhalten und produziert eine beträchtliche Zahl potenzieller Sklaven. Etliche
Betroffene
sind
durch
die
Anhäufung
von
Schulden
in
ein
lebenslanges
Abhängigkeitsverhältnis geraten, aus dem auszubrechen sehr schwierig ist. Die Zeitspanne,
in der sich die Menschen in Schuldknechtschaft befinden, dauert somit, im Gegensatz zu
früher, oft ein ganzes Leben und widerspricht der anfangs besprochenen Theorie, bei der es
sich genau umgekehrt verhält.
Obwohl es, auf den ersten Blick betrachtet, erscheint, als seien die Ungleichheiten ethnisch
bedingt, ist dem nicht so. Menschen, die als Kamaiya dienen, gehören zwar großteils
derselben Volksgruppe an, jedoch liegt dem Problem eher die soziale als die ethnische
Differenz zugrunde. Um Kamaiya zu werden ist, nach Rankin, die Zugehörigkeit zu einer
bestimmten Klasse weit ausschlaggebender als jene der ethnischen Verbundenheit (vlg.
Rankin 1999:44). Dies geht auch mit Bales Ansicht einher, denn „the criteria of
enslavement today […] focus on weakness, gullibility, and deprivation. […] Their caste or
religion simply reflects their vulnerability […]; it doesn't cause it.“ (Bales 1999:11)
Korruption ist ein weiterer Anlass, der zur Gefährdung mancher Bevölkerungsgruppen
beiträgt, wobei Nepal in einem internationalen Ranking mit Platz 116 von 177 gelisteten
Ländern relativ schlecht abschneidet (vgl. Transparency Interantional 2013). Das zeigt sich
102
in der Praxis beispielsweise daran, dass Berichten zufolge Kamaiyas von Seiten der
Behörden oft wie Menschen zweiter Klasse behandelt und andere Teile der Bevölkerung
bevorzugt werden. Zusätzliche Faktoren, die laut Theorie aktuelle Ausbeutungsformen
verursachen und auch auf die Region zutreffen, sind Umweltzerstörung, Konflikte,
schlechte Regierungsführung und Missmanagement.
Es ist zu erkennen, dass die Praxis des Kamaiya-Systems in vielen Punkten mit Bales
Ansatz zur „Neuen Sklaverei“ übereinstimmt, sich in manchen jedoch vom aufgezeigten
Idealtypus abhebt. Der entscheidende Unterschied zur Theorie liegt daran, dass Kamaiya
als Form der Sklaverei an sich nicht neu ist, sondern in Nepal eine traditionelle
Arbeitsbeziehung darstellt, die schon seit Jahrhunderten praktiziert wird. Betrachtet man
dies aus Watsons Sichtweise, handelt es sich bei der alten wie der neuen Variante um
Sklaverei. Beide Formen werden in einem gewissen Ausmaß bestimmt von Besitz, Gewalt
und sozialer Differenz (drei Dimensionen die laut Watson Sklaverei definieren), doch
jeweils in unterschiedlichem Ausmaß. Beim traditionellen Kamaiya, das praktiziert wurde,
bevor all die Veränderungen nach und nach über das Land hereinbrachen, handelt es sich
um ein „offenes System“ der Sklaverei, in dem Land zu Genüge vorhanden ist und der
Wert in den Menschen gesehen wird. Hier ist es Betroffenen möglich, das
Ausbeutungsverhältnis zu beenden und ihren ursprünglichen gesellschaftlichen Status, den
auch die übrige Bevölkerung hat, wieder einzunehmen. Zwar unterscheidet die Beteiligten
in diesem Kontext keine ethnische Differenz, durchaus jedoch eine strenge soziale
Unterscheidung. Die Verhältnisse in Nepal haben sich über die Zeit hinweg dahingehend
verändert, dass sich aus der Praxis des Kamaiya ein „geschlossenes Sklavereisystem“
entwickelt hat, in dem der gesellschaftliche Wert nicht weiter in den Menschen, deren
Arbeitskraft reichlich vorhanden ist, sondern im immer knapper werdenden Grund und
Boden liegt. In diesem Zusammenhang sind gesellschaftliche Positionen fest
zugeschrieben und es ist nicht denkbar, in der Hierarchie aufzusteigen. Grund dafür ist
auch, dass die Beteiligten nun unterschiedlichen Ethnien angehören. Darüber hinaus ist
hier mit einer längeren Dauer der Versklavung, mehr Kontrolle und Gewalt zu rechnen.
Es hat sich gezeigt, dass Veränderungen und der Schritt in die Moderne, traditionelle
Arbeitsverhältnisse nicht ablösen, sondern ihnen lediglich eine andere, oft prekäre
Ausprägung verliehen. Die Praxis des Kamaiya kann schlussendlich der „Neuen Sklaverei“
zugeordnet werden, jedoch mit dem Vermerk, dass sie nicht ausschließlich erst in letzter
Zeit entstanden ist, sondern weitreichende Wurzeln in der Vergangenheit besitzt, allerdings
103
dieser Tage eine neue Form angenommen hat.
Die Beschäftigung mit der Materie hat zudem gezeigt, dass das Konzept der Sklaverei im
internationalen Kontext in die Jahre gekommen ist und dringenden Überarbeitungsbedarf
hat. Definitionen, Theorien, Gesetze und der übrige Diskurs zu diesem Thema sollten sich
vermehrt aktuellen Situationen widmen, anstatt an der Vergangenheit festzuhalten, um so
effektiv gegen verschiedenste humanitäre Verstöße vorgehen zu können. Um zu bestimmen
ob es sich tatsächlich um solche handelt, ist weiters wichtig, sich auch mit dem
Menschenrechtsdiskurs intensiv auseinanderzusetzen. Trotz eines universellen Anspruchs,
ist er in vielen Aspekten sehr westlich geprägt und auf andere kulturelle Kontexte nur
bedingt anwendbar. Weder der Universalismus noch der Kulturrelativismus stellten in dem
Zusammenhang eine zufriedenstellende Lösung dar. Ein vielversprechender Ansatz wird in
der Anwendung von Basisrechten gesehen. Sie sollen als Voraussetzung dienen, unter
Beachtung kultureller Besonderheiten weitere, dem Kontext angepasste Menschenrechte
umzusetzen. In einer sich ständig ändernden Welt müssen auch gewachsene Strukturen,
wie eben Menschenrechte oder die Definition von Sklaverei, weitergedacht werden, um
Anwendung finden zu können und Effektivität zu beweisen.
104
6 Glossar
adhiyā –
halber Anteil, Pachtsystem bei dem man die Pacht durch die Hälfte der
Ernte entrichtet
birtā –
Land, das vom Staat an Individuen vergeben wird und nicht besteuert wir
bukrahī –
weibliche Kamaiya, die je nach Bedarf auf dem Feld und im Haushalt
beschäftigt ist
chaudharī –
regionaler Verwaltungsbeamter, typisch für das Terai
guṭhī –
Land das als religiöse Stiftung oder zu einem Wohltätigen Zweck vergeben
wird
jāgir –
Land, das als Belohnung oder Bezahlung an Angestellte des Staates
vergeben wird
jimidār –
Landbesitzer und Steuereintreiber, typisch für das Terai
jimidārī –
Land eines Jimidar
kamaiyā –
traditionelles Arbeitsverhältinis, hart arbeitender Mensch, in
Schuldknechtschaft lebender Landarbeiter
kamārā-kamārī – traditionelle Sklaverei in Nepal
kamārā/kamāro – Sklave
kamlārī–
weibliche Kamaiya, die heute of als Reinigungskraft in und um das Haus
dient
kaṭṭhā –
nepalesisches Flächenmaß, entspricht 0,068 Hektar
kisān –
Bauer
mālik –
Besitzer (eines Kamaiya)
masyūrā –
täglicher Lohn eines Kamaiyas in Naturalien
orgānī –
weibliche Kamaiya, die ausschließlich Tätigkeiten im Haushalt verrichtet
pargannā –
Verwaltungsgebiet das mehrere Dörfer umfasst
raikar –
Land in staatlichem Besitz
rākhne –
hier: etwas/jemanden halten, sich um etwas/jemanden kümmern
saṃjhautā –
Vertragsverhandlungen zwischen Kisan und Kamaiya
sauki –
kleine Kredite
subbā –
Verwaltungsbeamter für einen ganzen Steuerdistrikt, dem Chaudhari
übergeordnet
105
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115
8 Anhang
8.1 Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Kamaiya-System, einem traditionellen
nepalesischen Arbeitsverhältnis, das eine Form der Schuldknechtschaft darstellt. Erst in
den letzten beiden Dekaden setzen sich Wissenschaftler und Organisationen vermehrt mit
dem Thema auseinander. Dabei wird es aus menschenrechtlicher Sicht meist aufs Gröbste
verurteilt und in vielen Fällen sogar als Sklaverei bezeichnet, ohne zu berücksichtigen,
dass es sich bei Kamaiya um eine alt bewährte Arbeitsform handelt, die seit Generationen
praktiziert wird und im Laufe der Zeit gewissen Veränderungen unterlegen ist.
Problematisch dabei ist, dass diese Praxis nicht, ohne Beachtung der historisch
gewachsenen Strukturen und der Kultur vor Ort, als Sklaverei und Verletzung gegen die
Menschenrechte verurteilt werden kann.
Aus diesem Grund stellen die Menschenrechte, ihre Entwicklung und universelle
Anwendbarkeit in unterschiedlichen kulturellen Kontexten, den Ausgangspunkt der
vorliegenden Arbeit dar. Als Lösungsvorschlag wird hier die Anwendung sogenannter
Basisrechte, die den Kern der Menschenrechte darstellen und weltweite Gültigkeit
besitzen, vorgeschlagen. Erst in ihrer Umsetzung in verschiedenen Regionen sollen sie
ausgeformt werden und dem jeweiligen kulturellen Kontext angepasst werden.
Als theoretische Grundlage wird Kevin Bales Konzept der „Neuen Sklaverei“ vorgestellt.
Der amerikanische Anthropologe will auf die Aktualität von Sklaverei aufmerksam machen
und stellt einen breiten Ansatz vor, aktuelle Ausbeutungsverhältnisse näher zu betrachten.
Laut
Bales
waren
Gegebenheit
des
vergangenen
Jahrhunderts,
wie
enormes
Bevölkerungswachstum, große wirtschaftliche und soziale Veränderungen und Korruption,
die Hauptfaktoren für die Entstehung neuer Formen von Sklaverei die von traditionellen
Ausprägungen zu unterscheiden sind. Die gängigsten Arten aktueller Sklaverei sind
demnach Leibeigenschaft, Schuldknechtschaft und Vertragssklaverei. Ergänzend zu Bales
globaler Theorie wird James Watsons Modell vorgestellt, der zwischen „offenen“ und
„geschlossenen Sklavereisystemen“ unterscheidet, mithilfe derer es einfacher ist, auf
einzelne Kulturräume einzugehen.
Im Hauptteil wird schließlich das Kamaiya-System untersucht, um festzustellen, ob es sich
116
über die Zeit hinweg von einem traditionellen Arbeitsverhältnis zu einer Art der Sklaverei
entwickelt hat und welche Kräfte diese Veränderung bewirkt haben. Dazu wird die
Volksgruppe der Tharu und deren Lebensraum vorgestellt sowie ausführlich auf die
historischen Entwicklungen eingegangen, um schlussendlich auf die moderne Ausprägung
des Kamaiya einzugehen. Auch staatliche und politische Gegeninitiativen werden
vorgestellt, die im Jahr 2000 zu einem Verbot von Kamaiya geführt haben. Abschließend
wird auf die aktuellen Verhältnisse ehemaliger Betroffener eingegangen.
Auf Basis der präsentierten Theorie wird im Fazit darauf eingegangen, ob es sich beim
Kamaiya-System nun um Sklaverei handelt oder nicht. Hier wird auf die Forschungsfrage
der Arbeit beantwortet sowie die aufgestellten Thesen behandelt.
117
8.2 Abstract
This diploma thesis deals with the Kamaiya-system, a traditional nepalese labor
relationship which represents a form of bonded labor. In the last few decades more and
more scientists and organizations deal with this topic. From a human rights point of view it
is identified as inhuman and most of the time labeled as a form of slavery. In doing so, the
majority do not respect the historical background of the Kamaiya-system that is not a new
phenomenon, but a long standing tradition that over the time was modified. So it is
important to recognize the historical and social structures in Nepal to discuss the issue.
Human rights and their universal use in different cultures are an essential point for the
thesis. Therefore, the first part is about the development of these rights and the actual
discussion around them. The favored solution lies in the concept of “basic human rights”,
which focuses on some universal core rights as a foundation. Locally they have to be
molded to fit into different regions and cultures.
The theoretical framework for the analysis deals with Kevin Bales approach on “New
Slavery”. Bales's aim is, to keep people in mind that slavery didn't end in the past but is
still existing. Events in the last century like the fast population growth, rapid economic and
social changes as well as corruption, are the main factors for the increase in contemporary
slavery. Nowadays it popular modes are serfdom, debt bondage and contract slavery. It is
important to differ between old and new forms of slavery. To complete the discussion on
slavery James Watson's scheme on slavery would be presented. In his opinion it is helpful
to distinguish between “open” and “closes systems of slavery” in order to analyze different
cultures.
The main part of the thesis focuses on the research of the Kamaiya-system in a historical
perspective to analyze if it had changed from a traditional working condition to a form of
“new slavery”. The first step is to introduce the Tharu, the ethnical group which practice
this tradition, and their living environment. Then, particular attention will be paid to
historical developments of the ruling classes and the land tenure. Their changes had
effected the Kamaiya-system insofar that in modern times a completely different mode is
prevalent. Therefore, this new style, counteractive measures and some recent events would
be described.
The conclusion represents the combination of the presented theory and the historical
background information, which allows to answer if the Kamaiya-system is nowadays a
form of “New Slavery” or another form of exploitation.
118
8.3 Lebenslauf
Julia Seiler, geboren am 27. September 1984 in Güssing, aufgewachsen im Bezirk
Fürstenfeld, Steiermark und seit 2005 wohnhaft in Wien.
Nach der Pflichtschulausbildung absolvierte ich die Höhere Bundeslehranstalt für Mode
und Design in Oberwart. Nach Abschluss der Matura im Juni 2005 arbeitete ich im
Rahmen eines Praktikums als Schneiderin in der Kostümwerkstätte am Landestheater
Innsbruck (Oktober-November) und ab März Vollzeit als Ankleiderin und Schneiderin in
der Kostümabteilung der Vereinigten Bühnen Wien. Seit Anfang 2006 bin ich im
Publikumsdienst des selben Betriebes beschäftigt, wo ich im Herbst 2012 stellvertretende
Oberbilleteurin wurde.
Im September 2005 inskribierte ich für das Studium der Indologie und wechselte ein Jahr
später auf das Fach der Internationalen Entwicklung. Während des Studiums habe ich mich
im Rahmen der Wahlfächer intensiv mit Themen der modernen Südasienkunde beschäftigt
sowie in Sachen Migration und Integration mein Wissen erweitert.
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