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Himmel und Erde - Ndr

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Himmel und Erde
Montag bis Freitag, 9.15 Uhr (NDR 1 Niedersachsen)
20. bis 24. Oktober 2014 - Leben mit Aussicht
Von: Karl Asbrock, Pastor in Schledehausen bei Osnabrück
In den Bergen, in einem Café, in einem Gottesdienst hat der Mensch eine
besonders Aussicht - auf die Schöpfung, den Mitmenschen und auf Gott. Pastor Karl Asbrock aus Schledehausen schaut genau hin.
Redaktion: Jan von Lingen
Evangelische Kirche im NDR
Redaktion Hannover
Knochenhauerstr. 38-40, 30159 Hannover
Tel: 0511 – 32 76 21
www.ndr.de/kirche
Der Autor
Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für private Zwecke des
Empfängers benutzt werden. Jede andere
Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder
Aufführung in der Öffentlichkeit, Vervielfältigung, Bearbeitung, Übersetzung) ist nur mit
Zustimmung der Ev. Kirche im NDR zulässig.
Die Verwendung für Rundfunkzwecke bedarf
der Genehmigung des NDR.
Montag, 20. Okt. 2014: „Im Café“ / Vom Altwerden
Wir treffen uns so ab und an in einem Café in der Stadt. Er ist schon Ruheständler
und hat Zeit. Er sieht aus wie 65. Seine neue Brille fällt mir sofort auf. Sie betont sein
braungebranntes Gesicht. Kaum Falten. Es ist ein warmer Tag. Er hängt sein Sakko
über die Stuhllehne und krempelt während er Platz nimmt die Ärmel seines Hemdes
bis zum Ellenbogen hoch. Er lächelt mir zu. „Weißt du eigentlich, dass ich letzte Woche Geburtstag hatte“, beginnt er diesmal unser Zusammensein. „Mensch, keine
Ahnung“, sage ich. „Glückwunsch nachträglich“. Und noch ehe ich nach der Zahl
fragen kann, schießt es aus ihm heraus. „76, ich sage dir. Das macht mir arge Probleme. Da ist die 80 in Sichtweite.“ Puh, denke ich, der legt ja gut los.
Zum Glück kommt die Bedienung und fragt forsch dazwischen, was wir denn gerne
hätten. Er nimmt einen Weißwein, trocken, ich einen großen Pott Kaffee. „Du bist
doch noch fit wie ein Turnschuh so wie du aussiehst.“ Und tatsächlich. Die wenigen
grauen Haare auf seinem Kopf kann man zählen. Die Haut schier und glatt. „Ja, ja,
das ist äußerlich. Hier“, er klopft sich mit der Faust ans Herz, „hier drin sieht das anders aus. Da weiß ich, wie alt ich in Wahrheit bin.“ Er sagt das alles mit einem Lächeln auf dem Gesicht und seine Augen strahlen wie die von einem kleinen Jungen.
„Na ja, um ehrlich zu sein, ich komme gerade von einer Kreuzfahrt zurück. Die geht
mir noch nach. Da waren viele alte Menschen, denen ich zum Seelsorger wurde.
Und die Gespräche drehten sich immer nur um das Altwerden und um die Zeit, die
noch bleibt. Es ist wohl eine Kunst, das richtig zu leben.“ Sagt es und nimmt einen
kräftigen Schluck aus dem Weinglas. „Und“, frage ich, „was hast du den Leuten geraten?“ „Na, das, was ich mir selbst vornehme für die kommenden Jahre, nämlich die
Zeit klug zu nutzen.
In der Bibel heißt es: Kaufe die Zeit aus! Ich glaube, das bedeutet nicht, möglichst
viel hineinzustopfen, damit man ja nichts verpasst.“ „Sondern“, frage ich, „was heißt
es für dich?“ „Es heißt, dass Gott mir Zeit schenkt. Weißt du, Zeit ist wie ein Raum,
wie eine Wohnung, die ich einrichten kann, wie es mir gefällt. Gott setzt Anfang und
Ende. Alle Zeit dazwischen gehört mir. Und sie wird im Alter immer wertvoller. Das
spüre ich.“
Dienstag, 21. Okt. 2014: „Ora et labora“ / Stille Zeit?
Ora et labora – bete und arbeite. Das heißt es bei den Benediktinern seit 1.500 Jahren. In den Benediktinerklöstern betet man bis heute siebenmal am Tag. Dazwischen
arbeiten die Mönche in normalen handwerklichen, landwirtschaftlichen oder pädagogischen Berufen. Bete und arbeite, das rief der Ordensgründer Benedikt von Nursia
seinen Klosterbrüdern immerfort zu. Er wollte, dass vor der Arbeit, vor dem Tagwerk
das Gebet, die Zwiesprache mit Gott steht. Bete und arbeite - die Reihenfolge war
ihm wichtig.
Wenn ich am Morgen versäume, Zeit mit Gott zu verbringen, trägt der Teufel unter
Tag viele Siege davon.“ Ich mag dieses Wort. Es wird Martin Luther zugeschrieben.
Es will sagen: Fang deinen Tag mit einem Wort der Bibel an. Oder mit einem Gebet,
in dem du für den Tag dankst und du alles, was kommen mag an diesem Tag, ihm,
Gott, anbefiehlst. Bevor das Orchester das Konzert beginnt, stimmen die Musiker
ihre Instrumente. Nicht danach. An einem Tag, der mit einer stillen Zeit am Morgen
beginnt, hat der Teufel - wie Luther sagt - keine Chance. Aus der Mönchsregel ist
eine Lebensregel geworden. Viele Menschen praktizieren die sogenannte Stille Zeit
und sie halten diese Zeit meistens am Morgen - so sind ja auch diese und andere
Radioandachten entstanden. Am frühen Morgen, am Rande des Tages, bevor das
eigentliche Tagwerk beginnt.
Evangelische Kirche im NDR – www.ndr.de/kirche
„Morgenstund hat Gold im Mund“ sagt der Volksmund. Wenn das so ist, sollte die
Morgenstunde Gott gehören. Ich möchte ohne meine stille Zeit am Morgen nicht
mehr sein. Ich brauche sie, wie mein Auto die Tankfüllung. Es ist Wegzehrung, wie
ein gut gefüllter Rucksack bei einer Wanderung. Proviant für die Seele. Geistliche
Nahrung für den Tag. Ora et labora. Bete und Arbeite. Wenn ich aus der Stille in den
Tag und an die Arbeit gehe, geht mir alles leichter von der Hand.
Mittwoch, 22. Okt. 2014: In den Bergen
Meine Frau und ich waren im Sommer in den Bergen. Die Bergwelt war anders, als
wir sie vom jährlichen Skiurlaub gewohnt waren. Ein Freund, der dort Zuhause ist,
nahm uns mit auf eine Hüttentour. Schon weit vor dem Berg konnten wir den Weg
erkennen, den wir bis ganz zum Gipfel gehen würden. Erst ging es durch dichten
Wald, dann über sanfte Almwiesen und schließlich einen felsigen Steig hinauf. Auf
dem Weg wurde es ganz schnell still um uns herum. Kein Automotor, keine Musik
aus Lautsprechern. Nur ab und an einzelne Stimmen, wenn Wanderer oder Kletterer
sich in der Ferne oder Nähe etwas zurufen. Und das Läuten der Kuhglocken. Nichts
lenkt ab von der Erfahrung des Berges, der sich unter unseren Füßen hinaufzieht.
Und sehe das Kreuz, das oben auf uns wartet.
Und während wir gehen, denke ich an andere Bergerlebnisse. In Sizilien auf dem
Ätna am Rande des Kraters, im Nebel auf dem Monte Baldo am Gardasee. Oder auf
dem Moseberg in der Sinaiwüste. Wir machten uns damals mit der Gruppe morgens
um drei Uhr auf den Weg zum Gipfel. Stockdunkle Nacht. Der Berg war nicht zu sehen, nur zu ahnen. Der schmale Weg schlängelte sich nach oben. Schritt für Schritt.
Kehre um Kehre. Der Aufstieg brauchte Stunden. Und er musste zügig gehen, denn
man sollte vor dem Sonnenaufgang oben sein. Warum? Weil es mit Worten nicht zu
beschreiben ist, was wir dann erleben durften. Wir standen ganz oben, mitten in der
Gebirgswüste Sinai. Hier hat Mose nach dem Alten Testament die Zehn Gebote von
Gott empfangen. Und hier hat er die Sonne aufgehen sehen - so wie wir an jenem
Tag. Und es ist, als würde man selbst Gott näher sein, nahe sein.
Der Moseberg gehört zu den Höhepunkten einer Israelreise. Genau wie der andere
Berg, der keiner mehr ist. Er liegt mitten in Jerusalem, der „heiligen“ Stadt. Hier ist
die Gruppe nicht länger für sich. Hier wuseln Tausende in der Grabeskirche, die
man darüber errichtet hat. Tausende, um ihn zu sehen: Golgatha, den Felsen, in den
sie das Kreuz gerammt haben, an dem Jesus von Nazareth starb. Und wieder bin ich
dort zwischen den Vielen allein. Allein mit ihm, Gott. So wie ich das auf jedem Berg
erfahren kann.
Donnerstag, 23. Okt. 2014: „Bertha von Suttner“- Gedenkjahr
Wissen Sie eigentlich, wer den Friedensnobelpreis erfunden hat? Alfred Nobel werden Sie sagen. Stimmt auch, er hat ihn gestiftet, finanziert. Erfunden hat er ihn nicht.
Das war Bertha von Suttner, eine Freundin und Weggefährtin Nobels. Bertha von
Suttner starb vor 100 Jahren. Als geborene Gräfin Kinski entsprach sie in keiner
Weise dem Bild einer Frau ihrer Zeit. Dreimal verlobte sie sich mit wohlhabenden
Männern. Dreimal ging die Sache schief. In Wien verliebte sie sich schließlich in
Arthur. Er war der Sohn von Baron von Suttner, in dessen Haus Bertha als Gouvernante Dienst tat. Als das Verhältnis aufflog, musste sie das Haus und die Stadt verlassen. Sie ging nach Paris und wurde von Alfred Nobel als Sekretärin und Hausdame angestellt. Beide mochten sich vom ersten Augenblick an und blieben Zeit ihres
Lebens enge Freunde.
Die Liebe aber zu Arthur blühte heimlich weiter. Sie heirateten, verließen Paris und
flohen zusammen in den Kaukasus nach Georgien.
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Dort war die Liebe groß aber das Leben hart und entbehrungsreich. Mit Artikeln für
Zeitungen und eigenen Romanen hielt sie sich über Wasser. Aber das, was sie
schrieb, ließ auch die Gesellschaft in Berlin, Paris und Wien aufhorchen. Sie war zu
einer überzeugten Pazifistin und bekannten Frau geworden.
Als sie nach fast zehn Jahren zurück nach Wien kam, stand ihr Lebensziel fest: Die
weltweite Friedensbewegung. Sie schrieb das Buch „Die Waffen nieder“. Ein Werk
über die Schrecken des Krieges aus der Sicht einer Ehefrau. Der Roman schockierte durch eine bis dahin nicht gekannte realistische Schilderung des Krieges. Ein
Skandalbuch und gleichzeitig ein Welterfolg. Bertha von Suttner wurde über Nacht
berühmt. Von da an organisierte sie in aller Welt Aktivitäten in Sachen Frieden. Hielt
flammende Reden und galt als anerkannte Vorreiterin der Emanzipation und gesellschaftlichen Stellung der Frau. Nach dem Tod ihres Mannes reiste sie noch mehr in
der Welt umher, um die Politiker der führenden Staaten unter anderem auch den
Präsidenten der USA von ihrer Idee eines Weltfriedens zu überzeugen. Aber der
Friede, für den sie zeitlebens gekämpft hatte, blieb aus. Vor 100 Jahren, wenige Tage vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor dem sie wiederholt gewarnt hatte, starb
Bertha von Suttner. Den Friedensnobelpreis hatte sie da schon lange erhalten.
Freitag, 24. Okt. 2014: Was ist mir heilig?
Samstagabend. 18.30 Uhr. Gottesdienst in einer Landgemeinde zwischen Abendessen und Tagesschau. Beate hat sich von der Familie frei genommen. Nun sitzt sie in
der Kirche und schmunzelt über Karikaturen, die ein Beamer vorne an die Leinwand
wirft. Das sieht man einen Mann im Garten grillen und die schwarze Rauchsäule
steigt bis zum Himmel. Da räkelt sich ein Mann auf dem Sofa während der Frau die
Zunge aus dem Hals vor lauter Arbeit hängt. Lustig, denkt Beate, gar nicht typisch für
Kirche. Und sie betrachtet die Leute, die zum Gottesdienst kommen. Ein Ehepaar mit
Tochter setzt sich in ihre Bank. Wahrscheinlich eine Konfirmandin mit ihren Eltern.
Die Kirche füllt sich, die Combo mit Schlagzeug, Gitarre und Keyboard empfängt die
Besucher mit swingender Musik. Als die Glocken ausläuten sind rund 100 Menschen
in der Kirche beisammen. Das Licht ist warm gedimmt. Kerzen flackern in den Fensternischen. Schön hier, findet Beate. Schade, dass Andreas nicht mitgekommen ist.
Aber ihm ist ja die Sportschau heilig.
Heilig? Was ist mir eigentlich heilig im Leben? Komisch, dass ich jetzt darüber nachdenken muss. Sie lässt die vergangene Woche Revue passieren. Da war viel Ärger
im Kindergarten, den sie leitet. Wie gut ihr diese Stunde und dieser Raum hier tun.
Ja, das ist es, was ich jetzt brauche, denkt sie. Und schaut sich um: In diesem Gottesdienst, der so ganz anders ist als der am Sonntagmorgen, ist alles da: Glocken,
Kerzen, andächtige Menschen und der Pastor. Der begrüßt die Besucher allerdings
nicht im Talar, sondern im flotten Sommeranzug. Sechs Männer stellen sich im Altarraum auf. „Wann ist der Mann ein Mann“ - so das Thema dieses Gottesdienstes und
das Lied schallt aus tiefen Männerstimmen durch die Kirche. Einige singen mit, andere wippen mit den Füßen den Takt. Applaus. Dann singen alle vom Liedblatt: Sag
mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben. Sag mir, wo die Männer sind, was ist
gescheh‘n ...
Fast andächtig füllt das Lied den großen Raum. Beate dreht den Kopf zur Seite. Der
Mann und die Frau neben ihr singen mit. Die Tochter liest die Zeilen stumm vom
Blatt ab. Dann gehen drei Männer nach vorne, prosten sich mit Bier zu und kommen
ins Klönen. Es geht um das, was die Frau nicht hat, sagen sie: das Y-Chromosom.
Beate lacht wie die anderen Besucher auch. Kirche einmal ganz anders, denkt sie.
Schade, dass Andreas nicht mitgekommen ist, das hätte ihm auch gefallen.
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