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Alt -Start nach dem Mauerfall

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Foto: privat
Als die DDR zusammenbrach, fand nicht nur moderne Medizintechnik den Weg
nach Ostdeutschland. Die Bundesrepublik exportierte leider auch veraltete
Strukturen in das Gesundheitswesen der neuen Länder, meint Hartmut Reiners.
Der Zusammenbruch der DDR fällt in meinen Erin- Man beschränkte sich damals jedoch auf die technerungsbildern nicht mit dem 9. sondern mit dem nische Modernisierung der Einrichtungen und
4. November 1989 zusammen. An diesem Samstag übertrug mit dem Einigungsvertrag leider auch die
fand auf dem Alexanderplatz in Berlin die legendä- reformbedürftigen Strukturen des westdeutschen
re Kundgebung statt, auf der so unterschiedliche Gesundheitswesens eins zu eins auf die neuen LänGeister wie der Schriftsteller Stefan Heym, der der. Die starre Abgrenzung in ambulante und staGeheimdienst-General Markus Wolf und der Pfar- tionäre Versorgung wurde dabei ebenso übernomrer Friedrich Schorlemmer mit ihren Reden das Ende men wie die Einzelarztpraxis als Regelform der
der DDR einläuteten. Die Fernsehbilder von diesem ambulanten Versorgung, obwohl Fachleute diese
bewegenden Ereignis sah ich in einem Hotel in Bad Segmentierung bereits als zentrale Schwachstelle
Neuenahr, wo sich die Enquetedes westdeutschen GesundheitsKommission zur Strukturreform
wesens diagnostiziert hatten. Das
der gesetzlichen KrankenversiPolikliniken galten als DDR-Gesundheitswesen bot
cherung, deren Mitglied ich war,
hingegen mit einem abgestuften
Auslaufmodell – heute System von Ambulatorien sowie
zur Redaktion ihres Endberichtes
traf.
Kreis- und Bezirkspolikliniken
sind sie Vorbild.
Mir schossen zwei Gedanken
gute Ansatzpunkte für eine Modurch den Kopf: „Das war’s wohl
dernisierung der Versorgungsmit der DDR!“ Und: „Für den Enquete-Bericht wird strukturen. Der Virchow-Bund, ein Anfang 1990
sich niemand mehr interessieren.“ So kam es denn gegründeter Zusammenschluss von DDR-Ärzten,
auch. Die DDR löste sich auf und die „zweite Stufe sprach sich für den Erhalt dieser Grundstruktur aus.
der Gesundheitsreform“, die dem zum 1. Januar Die Kreis- und Bezirkspolikliniken sollten in eigen1989 in Kraft getretenen Gesundheits-Reformgesetz ständig wirtschaftende Gesundheitszentren um­
folgen sollte, wurde ausgesetzt.
gewandelt und die Ambulatorien entweder als
Die Einrichtungen des DDR-Gesundheitswesens Gesundheitszentren oder als fachübergreifende
waren 1989 in einem maroden Zustand. Die Kran- Gemeinschaftspraxen geführt werden.
kenhäuser hatten ein Durchschnittsalter von über
Aber davon wollten die meisten Politiker, Ärzte60 Jahren. Jedes Fünfte von ihnen wies so schwere und Kassenfunktionäre nichts wissen. Die Poli­
Baumängel auf, dass man es eigentlich hätte schlie- kliniken wurden abgewickelt und nicht saniert.
ßen müssen. Auch die Ausstattung der Kranken- Nur Brandenburgs Gesundheitsministerin Regine
häuser und Polikliniken war total veraltet. Experten Hildebrandt verfolgte einen anderen Kurs. In ihrem
schätzten den medizintechnischen Investitionsbe- Auftrag entwickelte das Berliner IGES-Institut ein
darf auf fünf Milliarden D-Mark.
Konzept zum Umbau der Polikliniken in wirtschaftDie in den 1990er Jahren mit Milliardenaufwand lich arbeitende Gesundheitszentren, in denen sowohl
erfolgte Sanierung des Gesundheitswesens der angestellte als auch niedergelassene Ärzte praktizieneuen Länder hatte messbare Folgen. Das Max- ren konnten. Diese neuen Polikliniken erhielten
Planck-Institut für demografische Forschung hat vom Land Brandenburg Kredite für Investitionen
errechnet, dass 2011 ohne die deutsche Einheit die und entwickelten sich, wie das „Deutsche Ärzteblatt“
ostdeutschen Männer im Durchschnitt 6,2 Jahre Ende 2001 feststellte, vom „Auslaufmodell zur Alund die Frauen 4,2 Jahre früher gestorben wären. ternative“. Sie wurden zur Blaupause für die 2003
Das hat zwar vor allem mit den verbesserten Lebens- mit dem GKV-Modernisierungsgesetz bundesweit
bedingungen zu tun, aber auch mit der medizini- eingeführten Medizinischen Versorgungszentren.
schen Versorgung etwa bei Schlaganfällen, Herzin- Gute Ideen setzen sich eben irgendwann durch, auch
farkten und Krebserkrankungen.
wenn es manchmal etwas länger dauern kann. √
Ausgabe 10/14, 17. Jahrgang
Einwurf
Alt-Start nach dem Mauerfall
Hartmut Reiners, Jahrgang 1945,
war bis zur Pensionierung in
den Gesundheitsministerien von
Nordrhein-Westfalen und Brandenburg zuständig für Reformen in der
gesetzlichen Krankenversicherung
und die Abstimmung mit dem
Bund und den Ländern. Heute
verarbeitet der Ökonom und JazzLiebhaber sein Wissen über die
Gesundheitspolitik in Büchern
(„Die Reformfibel“, „Mythen der
Gesundheitspolitik“). Demnächst
erscheint eine von ihm gemein­
sam mit Franz Knieps verfasste
„Geschichte der Gesundheits­
reformen“ im Huber Verlag.
Kontakt:
hartmut-reiners@t-online.de
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