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1 Bericht des Superintendenten Dr. Jörg Weber gemäß Art. 120 Abs

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Bericht des Superintendenten Dr. Jörg Weber gemäß Art. 120 Abs. 1d KO zur Kreissynode des Evangelischen Kirchenkreises Trier am 8.11.2014 in Schweich Teil 2 Einleitung Hohe Synode, meine sehr geehrten Damen und Herren! Sixten Braun ist ein Manager, den sein Beruf in der Welt herumtreibt. Irgendwann explodiert auf einer seiner Reisen in Taiwan ein Wal. Ein Innenteil trifft ihn, befördert ihn ins Krankenhaus und beschert ihm eine kurze Liebe zu seiner Ärztin. Auf dem Rückflug stürzt sein Flugzeug ab, er gehört zu den wenigen Überlebenden. Sein altes Leben nach seiner Rückkehr nach Deutschland ist nicht weniger turbulent: Heirat, Einsteigen in die Firma seines Schwiegervaters und die anschließende Trennung von beiden lässt den erfolgreichen Manager irgendwann zum Bademeister werden. Dort findet er seine Bestimmung. Aber die höchst denkwürdige Lebensgeschichte geht weiter: er bekommt fast gegen seinen Willen ein asiatisches Adoptivkind, dessen Sprache kein Dolmetscher zu sprechen weiß und das klettern und zeichnen kann wie ein Weltmeister. Im Traum begegnet er seiner bereits verstorbenen Schwester und philosophiert mit ihr über die Existenz Gottes und den Glauben an Gott. „Im Endeffekt gehörte Gott zu den Dingen, deren größter Reiz darin bestand, sich auf sie freuen zu dürfen. Ein Gutschein, dessen Einlösung leicht zu einer Enttäuschung führen konnte. Weil die Dinge selten so großartig waren, wie man sie sich dachte. Nein, im Gutschein selbst lag das größte Glück. Gott mochte tatsächlich existieren, aber seine schönsten Blüten trieben in unserer Vorstellung.“1 Heinrich Steinfests Roman „Der Allesforscher“ erzählt in spannenden, fast surreal wirkenden Bildern eine unglaubliche Geschichte. Sie endet mit einer Bergtour, die im Schneegestöber eines Wettersturzes endet und ihn kurz vor der rettenden Hütte in einen Sturz in eine Schneewehe treibt, der ihn daran denken lässt, dass man nicht tiefer als in Gottes Hand fallen kann. Steinfest thematisiert auf sehr alltägliche Weise menschliche Fragen nach Gott und bettet sie natürlich in seinen Roman mit einem zeitgenössischen Protagonisten ein. Wir brauchen solche Fragen nach Gott in solchen Kontexten. In Kunst, Kultur, Öffentlichkeit und im Alltag. Kirche ist nämlich immer Kirche in der Öffentlichkeit. Wir sind Teil der Öffentlichkeit. Glaube ist nicht nur privat. Unser Auftrag ist ein öffentlicher. Da legt schon der so genannte Missionsbefehl Mt 28 nahe. Die Bekenntnisschriften der Evangelischen Kirche sehen in der Erfüllung dieses Auftrags und damit in der Verkündigung des Evangeliums ein entscheidendes Kennzeichen reformatorischer Kirche (CA VII, Barmen 6). In den reformatorischen Bekenntnisschriften wird demnach das Kirche-­‐Sein an die Erfüllung des Auftrags zur öffentlichen Verkündigung gebunden. Auch unsere Kirchenordnung bezieht sich in ihrer Grundlegung auf „die lautere Verkündigung des Wortes Gottes“ (KO Art. 1) und die „öffentliche Wortverkündigung“ (KO Art. 2). Und genau deshalb werden wir das, was wir als Kirche zu sagen haben, weiter öffentlich tun. Auch wenn die Stimmen sich mehren, dass Kirche sich in das private Feld zurückzuziehen habe. Die Debatten über Finanzen, Staatsdotation, Trennung von Kirche und Staat haben das 1
Heinrich Steinfest, Der Allesforscher, München 2014, S. 286. 1 hinreichend deutlich gemacht. Insofern ist das, was ich Ihnen heute in meinem Jahresbericht zur Synode vorlege ein Blick auf das, was uns als Kirchenkreis Trier aus meiner Sicht in diesem Jahr bewegt hat und bewegt. Ich konzentriere mich auf drei Themen: 1. Das 500-­‐
jährige Reformationsfest 2017, 2. politische und ethische Herausforderungen anhand der Beispiele Flüchtlingsarbeit und der Diskussion um die Sterbehilfe sowie 3. die Frage, wie wir inhaltlich mit Leitungsfragen umgehen in Zeiten vieler komplexer Prozesse. 1. 500 Jahre Reformationsfest 2017 "Die einzige Rekonstruktion der Vergangenheit, die heute Lebendigkeit beanspruchen kann, ist ihre kongeniale Neuschöpfung.“2 Was ein Rezensent zum neuen Schillerfilm bemerkt hat, kann gut als Leitmotiv über dem stehen, was ich zum 500-­‐jährigen Reformationsfest 2017 ausführe. Wir haben in diesem Jahr nicht nur zum ersten Mal auch öffentliche Diskussionen zum Ereignis des Jahres 2017 wahrgenommen, es wurde zudem kräftig und konfliktfreudig gestritten. Das ist erst einmal zu begrüßen, denn damit ist das Thema in der Öffentlichkeit wahrnehmbar. Das alleine ist schon ein Erfolg. Es verwundert auch nicht, dass 500 Jahre Reformation kontrovers betrachtet werden müssen. Und die Fragen wie wir feiern sollen, ob wir überhaupt feiern sollen, wie man das ganze nennt und was eigentlich gefeiert wird, sind natürlich zu stellen. Die EKD hat innerhalb von zwei Jahren erneut einen Text herausgegeben, der öffentlich auf Widerspruch gestoßen ist. Die Druckerschwärze des Grundlagentextes „Rechtfertigung und Freiheit“ war noch nicht abgetrocknet, da haben die beiden Historiker Schilling und Kaufmann der EKD ein ideologisches Luther-­‐Bild und eine dogmatische Geschichtsdeutung unterstellt.3 Damit war die EKD ein zweites Mal nach ihrer Orientierungshilfe zum Thema Ehe und Familie angezählt. Der Kritik schlossen sich aufgrund eines nicht zu erklärenden handwerklichen Fehlers einige an, die anscheinend an einer Reformationsfeier wenig Interesse hatten. Der Fehler war, dass der Text die ökumenische Erklärung zur Rechtfertigung von 1999 mit keinem Wort erwähnt hat. Das ist natürlich bedauerlich, kann aber nicht dazu dienen, gleich alles in Frage zu stellen. Diese Reaktionen machen aus meiner Sicht eines sehr deutlich: Es wird offensichtlich von unterschiedlichen Stellen aus versucht, die Deutungshoheit zu gewinnen. Problematisch ist auch, dass evangelischerseits viel zu lange zu wenig passiert ist. Es wäre hilfreich gewesen, schon früh ein gemeinsames Motto und eine gemeinsame inhaltliche Ausrichtung vereinbart zu haben. Das ist aber ausgeblieben. Auch, dass die rheinische Kirche zwar eine Richtung, aber bisher immer noch keine definitiven Festlegungen vorgenommen hat, ist nicht vorteilhaft. An welcher Stelle wir als Steuerungsgruppe Reformationsjubiläum im Kirchenkreis arbeiten, habe ich Ihnen im ersten Teil meines Berichts zur Kenntnis gegeben, der mit den Unterlagen verschickt wurde. Wir werden jetzt inhaltlich und dann in Bezug auf die Formate und 2
Tobias Kniebe, SZ 30.7.2014 zum Schillerfilm von Dominik Graf, http://www.sueddeutsche.de/kultur/die-­‐
geliebten-­‐schwestern-­‐im-­‐kino-­‐dreieck-­‐mit-­‐dichter-­‐1.2067888 3
http://www.welt.de/debatte/kommentare/article128354577/Die-­‐EKD-­‐hat-­‐ein-­‐ideologisches-­‐Luther-­‐
Bild.html?config=print# 2 Veranstaltungen für das Festjahr arbeiten. Ich danke der Kreissynode vom Frühjahr dafür, dass sie weitreichende und wertvolle Vorarbeit geleistet hat für das, was wir jetzt konkretisieren müssen. Für die inhaltlichen Vorbereitung für das Jahr 2017 gibt es gute Texte, die aus meiner Sicht wahrgenommen werden sollten. Rheinische, westfälische und lippische Landeskirche haben in gemeinsamer Arbeit der Ökumenereferenten von evangelischer wie katholischer Seite ein Papier herausgegeben mit dem Titel „Christusfest 2017. Ökumene der Profile – Ökumene der Gaben – Ökumene der Umkehr“. Darin wird deutlich, dass in Anknüpfung an die positiven Erfahrungen der Christuswallfahrt 2012 in Trier auch das Reformationsfest 2017 als Christusfest gefeiert werden soll. Darin wird aus meiner Sicht ein zentrales Anliegen der Reformation, das solus christus – allein durch Christus, aufgenommen. Insofern müssen unsere Veranstaltungen auf alle Fälle auf Christus hinweisen und Jesus Christus zum Thema haben. Auch das Buch „Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-­‐katholisches Reformationsgedenken 2017“, das evangelischerseits vom Lutherischen Weltbund verantwortet wird, ist zu nennen. Dort ist z. B. die deutliche Positionierung zu finden, immer von der Perspektive der Einheit und nicht der Spaltung auszugehen, um zu stärken, was bereits an Gemeinsamkeiten vorhanden ist.4 Und natürlich ist die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 noch einmal zu erwähnen. Ich finde, der aktuelle Grundlagentext der EKD, „Rechtfertigung und Freiheit“ ist durchaus Ernst zu nehmen, auch wenn er die eben erwähnte Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre nicht explizit aufnimmt. Dieser Text will „wesentliche theologische Einsichten der Reformationszeit im aktuellen Kontext“ erläutern.5 Er versucht, in heutiger Sprache und auf dem Hintergrund aktueller Fragestellungen die Einsichten der Reformation von vor 500 Jahren zu aktualisieren. Dazu nimmt er zwei Voraussetzung vor: „Im Zentrum der Reformation stand die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zu Gott“. Und: „Bei einem Reformationsjubiläum am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts muss deutlich gemacht werden, inwiefern die religiösen Einsichten der Reformation auch eine Antwort auf Fragen heutiger Menschen darstellen.“6 Es geht also konkret um die Aktualisierung der reformatorischen Theologie. Ohne sie bliebe ein Feiern von 500 Jahren Reformation bloßes Geschichtsgedenken. Das kann durchaus spannend sein, wird aber kaum jemanden außerhalb eines engen Fachkreises interessieren. Es bedarf der Anstrengung, die Einsichten der Reformation zu aktualisieren und für heutige Menschen fruchtbar und verständlich zu machen, die Aktualität der Reformation sozusagen „auf den Boulevard zu bringen“, auf das Forum, den Marktplatz heutiger Wahrnehmungen. Aus alledem ergeben sich aus meiner Sicht folgende Grundeinsichten für das Reformationsfest 2017, die ich in fünf Thesen zusammenfasse. 1. Das Reformationsfest wird ökumenisch begangen. Insofern ist es ein Christusfest. 4
Vom Konflikt zur Gemeinschaft, Leipzig/Paderborn 2013., S. 95. Rechtfertigung und Freiheit, Gütersloh 2014, S. 8 6
Rechtfertigung und Freiheit, S. 12f. 5
3 2. Ein Christusfest wird gefeiert. Die kursierenden Label „Jubiläum“ oder „Gedenken“ sind nicht zentral. Insofern ist und bleibt das Reformationsfest ein Fest. 3. Zum Fest gehört, dass wir als Evangelische Kirche dazu einladen und einladend sind. Insofern muss den Eingeladenen klar werden, warum sie eingeladen sind. 4. Die Einsichten der Reformation müssen für die Eingeladenen aktualisiert und verständlich zur Sprache kommen. Insofern müssen das Fest und sein Anliegen auf den Boulevard gebracht werden. 5. Person, Werk und theologische Einsichten Martin Luthers sind von hoher Bedeutung für das Reformationsfest. Aber auch andere Reformatoren sind in den Blick zu nehmen. Insofern wird kein Lutherjubiläum gefeiert, sondern ein Reformationsfest. Ich will in den kommenden drei Jahren versuchen, an dieser Stelle jeweils zentrale Einsichten reformatorischer Theologie ansatz-­‐ und ausschnittsweise in die Gegenwart zu übersetzen. In diesem Jahr, was die Reformatoren mit den bekannten Bestimmungen „sola gratia“ und „sola fide“ – allein durch Gnade, allein durch Glauben zum Ausdruck gebracht haben. Die Einsicht war die, dass der Mensch ohne Zutun menschlicher Werke allein aufgrund der freien Gnade Gottes und alleine durch den Glauben an Gott, den Gott selbst dem Menschen schenkt, zu Gott, also zum Heil kommt.7 Diese Einsicht der Reformatoren nimmt biblisch-­‐theologische Gedanken auf, die vor allem durch den Apostel Paulus im Römer-­‐ und Galaterbrief, aber z. B. auch schon durch die Theologie des Propheten Deuterojesaja vorbereitet ist. Nämlich dass Gerechtigkeit vor Gott -­‐ und damit das Geschehen der Rechtfertigung des Menschen – kein forensisches, kein juristisches Geschehen ist, sondern ein Heilsgeschehen im Sinnes eines Aktes der feien Gnade Gottes, der den Menschen aus sich heraus zum Heil bringt, ohne dass der Mensch sich das verdienen könnte. Was heißt das aber für uns Menschen des 21. Jahrhunderts in unserem Kontext heute? Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Ich bin mir im Klaren darüber, dass es natürlich nicht ohne Leistung und Arbeit geht. Das kann und soll mich ja auch erfüllen und Freude machen. Und mir ist klar, dass natürlich auch in unserer Kirche Leistung notwendig ist. Die Frage ist aber, ob ich mich und andere über die erbrachte Leistung und am Ende über immer neue Leistungssteigerungen definiere. Ob die Summe meiner Leistungen mich als Mensch ausmacht? Ob für meine Person die Gesetze des Marktes, eben der notwendigen Leistungssteigerung, der Zuwachsraten, der Gewinne gelten. Die reformatorische Entdeckung ist doch die: Ich bin aus der Gnade Gottes heraus befreit. Ich bin mit Glauben beschenkt, ohne dass ich selbst etwas dazu getan hätte. Ich komme ohne eigene Leistung in Beziehung zu Gott, indem Gott als Jesus Christus Beziehung zu mir als Mensch tritt. Dieses von Gott geschenkte Leben erfahre ich als erneuernd und heilsam. Diese Erkenntnisse sind für heute zu aktualisieren. Die Bibel und vor allem die reformatorischen Einsichten zur Gnade Gottes und zum Geschenk des Glaubens machen uns deutlich, dass dies bei Gott so nicht gilt. Dass ich keine Leistung erbringen muss, um das Gute, das Gott mir zukommen lässt, erfahren zu dürfen. 7
Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre (GE), 1999, GE 25-­‐27. 4 Dass ich keiner Leistung bedarf, um im Frieden mit Gott zu leben, um an ihn zu glauben. Alles ist reines Geschenk, ohne Vor-­‐Leistung, eben gratis. Wenn wir uns verdeutlichen, welchen Gesetzmäßigkeiten und welchem Leistungsdruck viele Menschen heute ausgeliefert sind, wird uns die Dimension dieser Einsichten klar. Wenn z. B. Kinder von Allein-­‐Erziehenden krank werden, kann der Elternteil nicht einfach zu Hause bleiben. Arbeit orientiert sich immer noch vorwiegend an den Bedürfnissen der Arbeitsstätten, der Leistung, die zu erbringen ist, weniger an den Bedürfnissen der Mitarbeitenden. Ich könnte diese Beispiele um Leistungen im Sport – immer schneller, weiter, höher – bei Leitungspositionen – immer mehr Arbeit, immer länger unterwegs, immer verdichteter – oder auch in den Familien – immer spannenderer Urlaub, leistungsstärkere Kinder, immer mehr Prestigeobjekte – beliebig erweitern. Die reformatorische Einsicht lehrt: den Menschen und sein Verhältnis zu Gott macht eben nicht die Summe seiner Leistungen aus, sondern allein das, was Gott ihm schenkt. Diese Einsicht gilt es uns selbst, aber auch unserer Gesellschaft und unserer Kirche immer wieder klar zu machen. Es ist eine Einsicht, die hochaktuell ist. Also lassen sie uns das Geschenk des Glaubens dahin als Schatz der Reformation heben, als dass wir inhaltlich zum Reformationsfest unter die Leute bringen, dass die Haltung des Glaubens, das Vertrauen auf Gott, uns gut tut. Und bereichert in einem Sinn, der weit mehr für uns und unser Leben bedeutet, als es Leistung kann. Ich finde, wir können dies alle in Gesprächen mit Freunden und Bekannten, in Gottesdiensten, in Bildung und Diakonie, an unseren Schulen, überall da, wo wir Verantwortung in dieser Gesellschaft tragen, leben und davon reden. Wir sollten öffentlich darüber sprechen, was das ganz konkret für uns persönlich heißt. Davon kann eine Kraft ausgehen, die wir alle brauchen, davon bin ich zutiefst überzeugt. Was heißt das für mich: ganz gleich in welcher Lebenslage ich bin, ich bin in meinem Inneren zutiefst davon überzeugt, dass das, was ich täglich an Leistung erbringe, zwar zu mir gehört, mich aber nicht ausmacht. Mein Menschsein hängt nicht daran. Nicht an Titeln, nicht am Bankkonto, nicht an Ämtern und öffentlicher Wertschätzung. Ich empfinde mich getragen von Gott. Ich erfahre das in der Zuwendung von anderen, die mir nahe stehen. Die mich so nehmen, wie ich bin, mit allen Stärken aber auch Schwächen. Und wenn mir alles unter den Händen zu zerfließen drohen würde, diese Würde des Menschseins und der geschenkte Glaube an Gott würden mir bleiben. Ich habe das gerade in den schwersten und problematischsten Stunden meines Lebens so erfahren. Das trägt mich. 2. Politische Herausforderungen und ethische Dilemmata Die letzten Wochen haben vor allem öffentlich noch einmal deutlich gemacht, welch große Herausforderung der erhebliche Flüchtlingsstrom in diesem Jahr für uns hat. Es ist gut zu wissen, dass unser Diakonisches Werk unserer beiden Kirchenkreise nicht nur seit 20 Jahren in der ökumenischen Flüchtlingsberatung tätig ist, sondern auch aktuell eine Menge in der schwierigen Situation tut. Die rheinische Landeskirche hat über den Präses in den letzten Wochen noch einmal dazu aufgerufen, sich auch als Kirchenkreise und Kirchengemeinden verstärkt des Themas anzunehmen. Ich will dies gerne tun und der Synode vorschlagen, Mittel aus dem Budget des Kirchenkreises aus den Haushalten 2015 und 2016 für pastoral-­‐
5 seelsorgerliche und diakonische Arbeit im Kirchenkreis für Flüchtlinge einzusetzen. Der Kreissynodalvorstand hat mich darin unterstützt, diesen Gedanken in die Synode einzubringen. Wenn diese Idee auch in der Synode Unterstützung findet, dann wird sich der Kreissynodalvorstand umgehend mit der inhaltlichen und organisatorischen Detailarbeit in enger Abstimmung mit Herrn Stumpenhorst und dem Diakonischen Werk befassen. Der Krieg in der Ukraine und vor allem der Terror der so genannten IS im Nahen Osten haben uns in den letzten Monaten ebenso erheblich beschäftigt. Die Friedensfrage und der Umgang mit Waffenlieferungen in Krisengebiete ist wieder aktuell in die ethischen Debatten gekommen. Ich will darauf nur kurz eingehen und sie vor allem auf die aktuellen Papiere von EKD8 und EKiR9 hinweisen. Für mich ist zweierlei wichtig: 1. Es gibt keine Alternative zum Frieden. Frieden ist die erste und beste Option. Für den Frieden einzutreten ist dann notwendig, bevor die ersten Waffen eingesetzt werden. 2. Wir befinden uns in einem ethischen Dilemma. Die Frage, ob in der derzeitigen Situation z. B. Waffenlieferungen an Kurden ethisch zu rechtfertigen sind, ist eine Dilemmafrage. Klar ist, dass ganz gleich, wie entschieden wird, am Ende Schuld auf sich geladen werden könnte. Und deshalb ist noch einmal deutlich hervorzuheben: zu einem nachhaltigen Frieden gibt es keine Alternative. Auf die ethisch beherrschende aktuelle Debatte, die auch seit Monaten in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird, gehe ich ausführlicher ein: das Thema Sterbehilfe. Der Suizid der Amerikanerin Britanny Maynard am letzten Wochenende und ihre Botschaften über das Internet sind weltweit wahrgenommen worden. Der Bundestag debattiert ab nächster Woche über die Frage der Legalisierung von Sterbehilfevereinen, 2015 will er Entscheidungen treffen. Ebenso wirken die Umfragen, die es dazu ebenso seit Monaten gibt und die durch die Medien immer wieder angeführt werden nahe, dass dies für unsere Gesellschaft drängende Fragen sind. Geht man von Umfragen aus, so ergibt sich ein deutliches Bild: 77 Prozent der Bundesbürger sprechen sich für eine ärztlich assistierte Selbsttötung aus. 70 Prozent würden selbst davon Gebrauch machen, wenn sie unheilbar krank wären. Ebenso deutlich ist mit 77 Prozent das Nein zum Verbot von Sterbehilfeorganisationen.10 Die Medien berichten, dass es in Bezug auf die Frage, ob das Verbot der Tötung auf Verlangen fallen soll, bisher keine Gesetzesvorlagen gibt. Die in der öffentlichen Debatte sehr deutlich wahrnehmbaren Interventionen der Kirchen in dieser Frage haben sicher auch dazu beigetragen, dass es in diesem Punkt bisher keine Änderung geben soll. Debattiert wird meiner Wahrnehmung nach noch Folgendes: Soll es Ärzten zukünftig rechtlich erlaubt sein, im Falle des Wunsches eines medizinisch eindeutig diagnostizierten Todkranken Beihilfe zum Tod zu leisten? Es geht also im Kern präzise gesagt um Beihilfe zum Suizid. Die evangelische Kirche und ihre Repräsentanten haben in der gegenwärtigen Debatte zu Recht darauf verwiesen, dass Tötung auf Verlangen sowie die Legalisierung von kommerzieller Sterbehilfe aus christlicher Sicht ethisch nicht vertretbar sind. Die EKD hat 2008 aber eine rechtliche Regelung der assistierten Beihilfe durch Ärzte abgelehnt, also 8
http://www.ekd.de/download/friedensethik.pdf http://www.ekir.de/www/downloads/ekir2014gewaltfreiheit_als_prima_ratio.pdf 10
Emnid-­‐Umfrage für Bild am Sonntag: http://aktuell.evangelisch.de/artikel/110357/evangelische-­‐kirche-­‐lehnt-­‐
aerztliche-­‐beihilfe-­‐zur-­‐selbsttoetung-­‐ab 9
6 gewisse Situationen der Gewissensentscheidung und der Moral überlassen, ohne sie in Gesetzestexte einfließen zu lassen. Dem entspricht, dass Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider in einem Interview dafür plädiert hat, Hilfe beim Suizid bei der Begleitung Sterbender aus dem engsten Beziehungskreis nicht zu verbieten.11 Denn etwa die Überlassung tödlicher Medikamente an einen Sterbewilligen ist in Deutschland grundsätzlich nicht verboten. Diese Position der Evangelischen Kirche ist deutlich und klar akzentuiert. Sie wehrt sich gegen kommerzialisierte Sterbehilfe. Sie schiebt die Debatte nicht auf die Ebene „mein Tod gehört mir“, sondern plädiert an allen Stellen für den Ausbau von Palliativmedizin, den Einsatz von Hospizen und der menschenwürdigen Sterbebegleitung. Sie lässt aber auch einen engen moralischen Spielraum bei Gewissensentscheidungen offen. Ich habe diese ethische sehr bedrückende Fragegestellung in meinen Jahresbericht aufgenommen, weil ich glaube, dass uns diese Frage überall in unseren Gemeinden vor Ort, in unseren Familien-­‐ und Freundeskreisen berühren kann. Zuerst einmal ist mir wichtig, dass wir als evangelische Christen der Fragestellung mit offenen Ohren begegnen. Wenn eine große Mehrheit sich für die Freigabe der legalisierten Sterbehilfe ausspricht, weist das auf ein drängendes Problem hin. Und es weist darauf hin, dass unser Verständnis von Leben und Tod längst nicht mehr deutlich zur Sprache kommt, nachvollzogen wird und als lebenstauglich erkannt wird. Damit rede ich nicht der Mehrheitsmeinung das Wort, sondern will die drängende Frage ernst nehmen. Wir haben als Kirche also die Aufgabe, an den Stellen, an denen wir es können, mit den Menschen, die von dieser Frage betroffen sind, in ein offenes Gespräch zu kommen und die gute Botschaft vom Gott des Lebens auf verständliche Weise zur Sprache zu bringen. Dass wir Menschen beistehen und für das christliche Verständnis von Leben und Tod plädieren.12 Unsere Hoffnung über den unvermeidlichen Tod hinaus ist, das Gott uns auch im Tod nicht fallen lässt. Dass Gott trotz des Todes, der das Ende aller Beziehungen bedeutet, seine Beziehung zu uns aufrecht erhält. Das ist eine Hoffnung über den Tod hinaus. Diese Hoffnung gründet in der Befreiung vom Tod durch den gekreuzigten und auferstandenen Christus. In ihm wird deutlich, dass Gott zu Toten in Beziehung tritt und aus seinem Tod heraus Leben entstehen lässt. Paulus beschreibt den Tod als der Sünde Sold, also als das, was notwendigerweise aus der Sünde, der Beziehungslosigkeit zwischen Gott und Mensch folgt, die nur durch Gott selbst aufgehoben werden kann. Ich zitiere Wolfgang Huber aus seiner Ethik: „Wer im Leben die Befreiung aus dieser Selbstabschließung erfahren hat, braucht die Beziehungslosigkeit nicht zu fürchten, die ihn im Tod erwartet. Denn er vertraut darauf, dass die Beziehungen, die er als Toter nicht mehr von sich aus aufrecht erhalten kann, dennoch lebendig bleiben. Es wird Menschen geben, die sich an ihn erinnern, und auch im Tod wird er nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“13 Leben ist ein Geschenk Gottes, das nicht in unserer Verfügung steht. Diese Erkenntnis ist gegen die teilweise propagierte Selbstbestimmung in Fragen des Todes deutlich zu artikulieren. Für evangelische Ethik gilt aber auch: „Keine Rechtsverordnung kann 11
epd Meldung vom 19.9.14, http://www.unserekirche.de/kultur/aktuell/ekd-­‐ratschef-­‐assistenz-­‐beim-­‐suizid-­‐
muss-­‐erlaubt-­‐sein_11520.html 12
Vgl. dazu Huber, Ethik 2014, S. 272ff. 13
Huber, Ethik 2014, S. 273. 7 einen Menschen daran hindern, aus freier Selbstbestimmung den Tod und nicht das Leben zu wählen. Doch ... folgt daraus keine Gleichwertigkeit der Entscheidung für das Leben oder für den Tod.“14 Es ist Verdienst von Nikolaus Schneider, dass er die entscheidenden Fragen in einer Reflexion der ethischen Grundlagen und seiner persönlichen Situation öffentlich gemacht hat. Dadurch wurde eine zum Teil sehr komplexe Diskussion konkret. Er sei gegen Sterbehilfe, werde aber seine Frau im Falle des Falles in die Schweiz begleiten, wenn sie zur Erkenntnis käme, sie wolle sterben. Er werde zwar versuchen, sie davon abzubringen, aber er werde sie trotz anderer Einstellung nicht im Stich lassen. Ich habe ebenso Respekt vor der Einstellung von Frau Schneider, die ihren Wunsch öffentlich gemacht hat, im Falle der Unheilbarkeit und nicht mehr zu ertragender Schmerzen den Tod suchen zu wollen. Anne Schneider hat in dem berühmten Zeit-­‐Interview mit ihrem Mann folgendes gesagt: Anne Schneider: "Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden": Diese biblische Bitte heißt für mich auch, dass ich mein Ende aktiv gestalten kann in der Verantwortung vor Gott. Zur Gottesebenbildlichkeit des Menschen gehört für mich eine Gestaltungsfreiheit von Anfang bis Ende dazu. ... so sehe ich es als Teil meiner Verantwortung, dass ich auch entscheiden darf: Jetzt gebe ich mein von Gott geschenktes Leben dankbar an ihn zurück.“15 Ich nehme diese Sätze und ihre theologischen Anfragen sehr ernst und will sie mit hohem Respekt in die Debatte einbringen. Ich finde, wir haben über diese Fragestellung theologisch zu diskutieren. Jenseits der notwendigen Debatte im Bundestag brauchen wir dieses theologische Ringen, das Gespräch und vor allem die Begleitung Betroffener. Kirche ist dazu da, Menschen in dieser Situation zu begleiten. Gott lässt niemanden alleine, auch nicht im Tod. Davon auf unsere Weise zu reden und danach zu handeln steht uns als Kirche vor allem zu. 3. Die Frage nach der „geistlichen“ Leitung unserer Kirche In unseren Gremien wird immer wieder die Frage gestellt, wie wir überhaupt oder besser „geistlich“ leiten könnten. Was aber wirklich mit „geistlicher Leitung“ gemeint ist, bleibt für mein Empfinden zum Teil mindestens diffus. Es kommt dabei der Wunsch zum Ausdruck, sich weniger mit dem oft als leidig empfundenen alltäglichen Verwaltungsgeschäft beschäftigen zu wollen und vielmehr theologischen oder geistlichen Austausch zu pflegen. Es ist wahrnehmbar, dass sich Leitungsgremien zunehmen mit Verwaltungsvorgängen, Personal-­‐ und Bauangelegenheiten beschäftigen müssen, die gefühlt mehr geworden sind. Und es gibt eine Sehnsucht nach dem, was Kirche eigentlich ausmacht. Ich finde diese Situation zuerst einmal dahingehend herausfordernd, da in ihr zum Ausdruck kommt, dass sich Menschen mit Verantwortung in unserer Kirche für inhaltliche Arbeit jenseits des Alltagsgeschäfts interessieren. Schaut man in die Kirchenordnung, so wird deutlich, dass die Aufgaben, die dem Leben der Kirchengemeinde in Gottesdienst, Seelsorge und Bildung dienen ebenso umfangreich sind wie diejenigen, die der anderen 14
Huber, Ethik 2014, S. 277. http://www.zeit.de/2014/30/nikolaus-­‐schneider-­‐ehefrau-­‐krebs
15
8 Geschäftstätigkeit der Kirchengemeinde wie Haushalt, Bau-­‐ und Personalangelegenheiten oder Satzungen und der Arbeit in Ausschüssen dienen (KO Art. 16. Alleine daran wird deutlich, dass die Arbeit der Presbyterien sowohl von geistlichen als auch weltlichen Dingen geprägt ist. Ein weiterer Passus der Kirchenordnung führt aus, dass die Presbyterien für ihren Dienst geistliche Zurüstung, fachliche Unterstützung sowie alle erforderlichen Informationen erhalten (KO Art. 43, Abs. 2). Die Presbyterien arbeiten in der Kirche gemäß ihrer Gaben und Kräfte mit (KO Art. 43, Abs. 1). Zum Dienst der Kirchengemeinde führt die Kirchenordnung in Artikel 1, Abs. 1 grundlegend aus: „Gebunden an Jesus Christus, den Herrn der Kirche, und in der darin begründeten Freiheit erfüllt die Evangelische Kirche im Rheinland ihre Aufgaben, wacht über die Lehre, gibt sich ihre Ordnungen und überträgt Ämter und Dienste.“ Dieser Dienst wird in Art. 42, Abs. 1 folgendermaßen beschrieben: „Aufgrund der Taufe sind alle Christinnen und Christen zum Zeugnis und Dienst in der Welt berufen. Der Erfüllung dieses Auftrags dienen alle Dienste der Kirchengemeinden, die ehrenamtlich oder beruflich ausgeübt werden. Diese Dienste stehen gleichwertig nebeneinander.“ Die Kirchenordnung hebt damit zweierlei grundsätzlich hervor: 1. Es gibt innerhalb der Dienste einer Kirchengemeinde wie wir sie in unserer verfassten Kirche derzeit vorfinden keine bevorzugten Dienste. Diese Passagen stammen allesamt aus den Texten über die Kirchengemeinde und die Arbeit der Presbyterien. 2. Die Dienste der Kirchengemeinde dienen der Erfüllung des Auftrags zum Zeugnis in der Welt, das wir aufgrund der Berufung durch die Taufe haben. Damit nimmt die Kirchenordnung in Aufnahme biblisch-­‐
theologischer Vorstellungen eine entscheidende theologische Bestimmung der Dienste der Kirchengemeinde vor, für die Dienste des Kirchenkreises gilt das analog (KO Art. 95, Abs. 2 und 5).16 Was unter Leitung innerhalb der Kirche zu verstehen ist, erschließt sich meines Erachtens also präzise aus diesen Bestimmungen. Alle Dienste der Kirche, auch die in der Leitung der Kirche, haben demnach gebunden an das Zeugnis von Jesus Christus und der darin begründeten Freiheit zu geschehen. Das ist eine biblisch begründete und durch und durch reformatorische Erkenntnis. Wir stehen damit an der Stelle, die ich vorhin in meinem Bericht über die reformatorischen Bestimmungen des solus christus, sola gratia und sola fide ausgeführt habe. Damit aber ergibt sich eine klare Beschreibung dessen, was wir mit unserem Leitungshandeln tun, unter welchem Vorzeichen es steht und welchen Grundsätzen wir zu folgen haben. Kirche ist nicht nur Kirche im Feiern von Gottesdiensten. Da ist sie es in besonderer, hervorragender Form. Aber es gibt auch den „Gottesdienst im Alltag der Welt“. Und der kann sich durchaus in gefühlt banalen Entscheidungen ausdrücken. Es ist doch ein Unterschied, ob ich über eine Personalangelegenheit unter dem Vorzeichen entscheide, dass Christus mich und alle Menschen befreit hat oder nur von einer leidigen Abstimmung ausgehe. Kirche ist also auch Kirche in Verwaltungsvorgängen, in Leitungsentscheidungen und ganz normalen Abstimmungen. Ich spitze um der Klarheit willen zu: Wir leiten immer unter diesem theologischen Vorzeichen oder wir leiten nicht. Sonst wären wir nicht Kirche. 16
In Verbindung mit den Passagen in KO Art. 98 und 114, analog auch die Dienste der Landeskirche, KO Art. 126, Abs. 2. 9 Und deshalb sollten wir uns auch bei den als banal empfundenen Dingen, mit denen wir uns alltäglich beschäftigen müssen, klar machen, was es heißt, theologisch zu leiten. Wir haben uns die theologischen Kriterien zu verdeutlichen, mit denen wir Entscheidungen treffen. Was uns eben darin zur Kirche macht. Ich sehe keinen Unterschied zwischen geistlichen und weltlichen Dingen. Das wäre nicht evangelisch. Deshalb halte ich den Begriff der theologischen Leitung für den präziseren. Wir müssen also auch in unserer Gremienarbeit theologischen Grundsätzen folgen. Kirche ist Kirche auch in Gremienarbeit. Auch dabei gilt es die gute Botschaft vom befreiten Leben durch Christus ans Licht zu bringen. Ein weiteres kommt hinzu: theologische Leitung ist ein eminent hermeneutischer Vorgang. Es bedarf des Verständnisses und der Erläuterung und Interpretation, warum die entsprechenden Vorgänge Relevanz für uns haben. Neben der verwaltungsfachlichen Vorbereitung bedarf es dann der Frage, was diese Vorgängen elementar mit dem zu tun haben, was Kirche angeht und ausmacht. Und es bedarf der Zuspitzung auf den Kern der Fragestellung des Vorgangs, der von einem Leitungsgremium dann eben auch theologisch zu beurteilen ist. Dass dies zwar die Kompetenz und die Denkweise von Theologen bedarf, darin bin ich mir sicher. Aber das heißt nicht, dass nicht auch die nicht-­‐theologischen Mitglieder unserer Leitungsgremien in dieser Weise denken und entscheiden könnten. Sie können es natürlich. Es war und ist nämlich auch an dieser Stelle ein Kennzeichen evangelischen Selbstverständnisses und evangelischer Kirchenstruktur, dass Ehrenamtliche und Hauptamtliche gemeinsam auch theologische Fragestellungen beurteilen können. Unsere kirchliche Bildungsarbeit dient ja auch dazu. All das bestärkt mich in der Meinung, dass unsere Entscheidungen theologisch begründet sein müssen und dass Leitung einen eminent theologischen Grundaspekt beinhaltet. Klar ist aber auch, dass man Wortungetüme wie Arbeitsrechtsregelungsgesetz nicht theologisch überhöhen sollte. Mir ist an der Beschäftigung mit dieser Frage klar geworden, dass die vermeintlich lästigen Verwaltungsfragen innerhalb unserer Kirche eben auf ihre kirchliche Fragestellung hin elementarisiert werden müssen und wir mit theologischer Kompetenz die Dinge zu beurteilen haben. Es geht darum, theologisch zu leiten. Sonst wären wir nicht Kirche. Kirche ist also auch da Kirche, wo sie sich mit Verwaltungsvorgängen befasst. Abschluss Meine Arbeit auf Ebene des Kirchenkreises war von unzähligen Personalgesprächen geprägt. Ich habe mir bewusst viel Zeit dazu genommen und werde das auch weiterhin tun. Denn jenseits von Strukturmaßnahmen, die z. B: auch in den Debatten um die Haushaltskonsolidierung der Landeskirche eine Rolle spielen, sind mir die Menschen, die in unserem Kirchenkreis haupt-­‐ und ehrenamtlich arbeiten, vor allem anderen wichtig. Mir für ihre Arbeit, ihre Sorgen und Nöte Zeit zu nehmen, ist für mich eine prioritäre Entscheidung. Denn ich glaube, dass die Begleitung unseres Personals eine der wichtigsten Aufgaben in unruhigen Zeiten ist. Dazu gehören auch die regelmäßigen Gespräche auf Leitungsebene, die wir eingeführt haben. Die Mitgliedschaftsstudie der EKD in diesem Jahr hat ergeben, dass der Traditionsabbruch und der schwindende Kontakt zur Kirche weiter gehen, auch wenn es an vielen Stellen eine 10 hohe Akzeptanz des Glaubens gibt. Zum einen wurde eine zunehmende Indifferenz bei Kirchenmitgliedern festgestellt, die zu Abschmelzungsprozessen führt. Ein Beispiel aus dem Bereich Gottesdienste: „Ein Blick auf die Altersverteilung offenbart die Brisanz dieser Zahlen für die kirchliche Entwicklung. Während bei den wöchentlichen Kirchgänger/innen die über 60-­‐jährigen überwiegen, besucht von den unter 45-­‐jährigen die Hälfte aller Befragten höchstens einmal im Jahr einen Gottesdienst. Bei den unter 30-­‐jährigen gibt sogar ein Drittel an, nie in die Kirche zu gehen. Für die Zukunft des gesamten gottesdienstlichen Lebens zeichnen sich hier beträchtliche Herausforderungen ab.“17 Dennoch will ich an ein paar Stellen deutlich machen, dass es in unserem Kirchenkreis erfreuliche Beispiele für eine lebendige Kirche gibt: Im Mai durfte ich bei der Eröffnung der mobilen Kirche in Daun mitwirken. Dieses Modell ist landesweit als leuchtendes Beispiel für eine öffentliche Kirche wahrgenommen worden, auch bei Landtagsabgeordneten, sogar der Landrat des Vulkaneifelkreises war zugegen. Der Gottesdienst war geprägt von Offenheit und Vielfalt. Mitte Oktober war ich Zeuge der Einweihung von zwei weltweit einzigartigen Achatfenstern in der Kirche in Stipshausen. Das Zusammenspiel von Kirche, Künstlern, Sponsoren und dörflicher Öffentlichkeit war hervorragend. Auch hier durfte ich einen Gottesdienst erleben, der geprägt war von vielfältigem Engagement und Offenheit. Beide Ereignisse ließen mich beglückt nach Hause fahren und wahrnehmen: das ist meine Kirche. Kirche, für die ich stehe und in der ich gerne arbeite. Ich will noch erwähnen, dass es auch regionale Ereignisse gibt, die Ausstrahlungskraft haben. In der Region Hunsrück-­‐Saar wurde ein Konficamp über die Gemeindegrenzen hinweg etabliert und eine Konzeption dafür erarbeitet. Das ist ein Beispiel dafür, dass sich auch in schwierigen Zeiten gute Inhalte einen Namen machen und Ausstrahlung haben. Deshalb danke ich allen, die in diesem Jahr dazu beigetragen haben, die gute Botschaft vom guten Gott auf vielfältige Weise in die Öffentlichkeit hinaus zu tragen. Vielfältiges haupt-­‐ und ehrenamtliches Engagement steckt dahinter. Auch dafür bin ich dankbar. Insbesondere natürlich den Menschen, die in meinem unmittelbaren Arbeitsfeld tätig sind: der Assessor als mein verlässlicher Stellvertreter, Frau Ihlenfeldt in der Superintendentur, die Mitarbeitenden des Referats für Bildung, Kommunikation und Medien, Herr Nagel mit seinem Team in der Verwaltung und die Mitglieder des Kreissynodalvorstands. Ohne sie alle wäre auch das kreiskirchliche Engagement so nicht leistbar. Ohne ihre Impulse wäre unserer Kirchenkreis nicht so, wie er ist. Öffentliche Kirche muss sich nicht verstecken. Sie darf mit heiterer Glaubensgewissheit ihren Weg gehen, auch dann, wenn es schwieriger wird. Wir haben mit dem bevorstehenden Reformationsfest eine gute Gelegenheit, dafür weiter auf unsere Art hinzuweisen. Selbstbewusst, mit eben jener heiteren Gewissheit, die sich aus dem Geschenk des Glaubens speist. In Heinrich Steinfests Roman „Der Allesforscher“, den ich eingangs zitiert habe, wird Gott als Gutschein bezeichnet, in dem selbst das ganze Glück liegt. Für mich sagt er damit in alltäglicher Sprache: Gott beschenkt uns mit Glauben. Darin liegt das Glück unseres Lebens. Sage ich es zum Schluss mit der Jahreslosung: „Gott nahe zu sein, ist mein Glück“ (Ps 73,28). Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. 17
Engagement und Indifferenz, V. EKD-­‐Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2014, S. 54. 11 
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