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4 Pflanzenschutz - Ulmer

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4 Pflanzenschutz
4.1 Nichtparasitäre Wachstums- und Qualitätsstörungen
Ungünstige Wachstumsbedingungen durch
spezielle Witterungseinflüsse oder schwierige Bodenverhältnisse kommen in der
Praxis immer wieder vor und verursachen
große Ausfälle in Ertrag und Qualität. In
vielen Fällen stehen geeignete, vorbeugend durchzuführende Gegenmaßnahmen
zur Verfügung, um die Ausfälle auf ein
Minimum zu begrenzen.
4.1.1 Stangenmissbildungen
Ovale, innen hohle Stangen treten unter
bestimmten Anbaubedingungen verstärkt
auf und stellen ein erhebliches Qualitätsproblem dar. Ein Anteil von 1 bis 3 % gilt
als normal. Sortenunterschiede werden
beobachtet. Auch sind in der Regel junge,
starkwüchsige Anlagen mit großen Knos-
penanlagen stärker betroffen. Während
der Erntezeit lassen sich zwei Phasen mit
einem stärkeren Auftreten unterscheiden.
Nach kalten, trockenen Wintern und sehr
schneller Bodenerwärmung im Frühjahr,
z. B. gefördert durch Folieneinsatz, können
Anteile von 15 bis 20 vereinzelt auch bis
zu 70 % hohle Stangen in den ersten beiden Erntewochen auftreten. Die zweite
Phase ab etwa Ende Mai bis Anfang Juni
steht häufig in Verbindung mit einer Hitzewelle. Hierbei treten zusätzlich im Kopfbereich „keulig“ verdickte Stangen auf. Die
Wasseraufnahme der Sprosse ist maßgeblich durch die Temperatur in der Zellstreckungszone bedingt, das erklärt das
unterschiedliche Dickenwachstum. Beiden
Erntephasen gemeinsam sind vorausgehend erhebliche Temperaturunterschiede
(> 4 bis 10 K) zwischen dem Wurzel- bzw.
Kronenbereich und dem oberen Dammbereich. Nur durch rechtzeitige Abkühlung
des oberen Dammbereichs (z. B. Drehen
auf die weiße Folienoberseite, Abnahme
Tab. 23 Einfluss verschiedener Bedeckungssysteme und Bewässerungsmaßnahmen
auf die Entwicklung der Anteile an hohlen Spargelstangen in % (Sorte:
‘Gijnlim’ im 4. Standjahr, Bewässerungsgabe: 15 mm)
BewäsUnbeBedeckung
Temperatur- % Früh- Unbewässert wässert sert
ertrag
gradient
% hohle % hohle % hohle
(1 bis 9, 9 = bis
30. April Stangen Stangen Stangen
sehr hoch)
08. bis
08. bis
01. bis
07. April 14. April 14. April
Schwarzweiße Taschenfolie
+ Vlies (breitflächig über
5
100
11,9
8,1
4,8
5 Dämme)
Schwarzweiße Taschenfolie
6
105
14,4
10,6
6,2
+ Thermoextrabreit flach
Thermoplus +
7
118
17,8
11,5
6,2
Thermoextrabreit flach
Schwarzweiße Taschenfolie,
darüber Kleintunnel mit
8
133
26,1
17,1
6,4
Thermoextrabreit
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Pflanzenschutz
der Doppelbedeckung, Abnahme der Bedeckungen über Nacht) und Verbesserung
der Wärmeleitfähigkeit der Dämme durch
Beregnung (Wassergabe von 15 bis
20 mm) lassen sich diese Stangenanomalien reduzieren (Tab. 23, Seite 59). In Anlagen mit Bodenheizung werden wegen
der günstigeren Wärmeverteilung bei Erntebeginn weniger hohle Stangen beobachtet.
4.1.2 Verholzte Stangen
Spargelstangen neigen in älteren Anlagen
mit ungenügenden Dammhöhen über der
Krone (< 35 cm) und bei langsamem Stangenwachstum zur stärkeren Faserbildung
mit anschließender Verholzung der Stangenbasis. Sortenunterschiede sind zu beachten. Folieneinsatz vermindert dieses
vorrangig zu Erntebeginn auftretende Problem.
4.1.3 Stangenberostung
Fleckig braune, berostete Stangen, wie
auch rostbraune Seitenschuppen- und
Kopfschuppennekrosen sind in sehr kühlen, feuchten Spargeldämmen standortund sortenabhängig ein komplexes Problem, das vermutlich mehrere Ursachen
hat (siehe Farbtafel 5, ganz oben links).
Häufig werden Bodenpilze, wie Phialophora, Rhizoctonia, Fusarium oder Stemphylium, gefunden, die meist an mechanischen Schäden ansetzen. Als Gegenmaßnahmen mit Teilerfolgen werden in
abnehmender Reihenfolge diskutiert: Einsatz von schwarzer Mulchfolie, richtige
Standortwahl (geringe Grobsandanteile),
Verwendung weniger berostungsanfälliger Sorten, sehr gute Kalkversorgung,
Einarbeitung von KMg-Dünger (z. B. 5 dt
Kalimagnesia/ha) oder Spargelsalz (NaCl
+ Mg) in den Spargeldamm vor dem Aufdämmen, sehr gute Zerkleinerung und
Einarbeitung der Spargelernterückstände
und strukturschonende Dammbearbeitung der gut abgetrockneten Winterdämme. Berostete Stangen ohne Kopfrost sind
durch Schälen aufzuwerten.
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4.1.4 Verkorkungen
In seltenen Fällen kann es zu korkartigen
Wucherungen mit nachfolgenden Verbräunungen der unteren Stangenpartien kommen. Betroffen sind vorwiegend grobsandreiche und zu feucht bearbeitete Spargelböden. Mikroverletzungen der Epidermis
führen über Wundreize zu kallus- bzw.
korkartigen Wucherungen. Marktfertig aufbereitete Stangen wirken schnell grau und
stumpf.
4.1.5 Gefärbte Stangen
Rechtzeitige Ernte, gut abschließende und
gepflegte Spargeldämme sowie rechtzeitige Qualitätsbewässerung können blaue
oder rosa gefärbte Köpfe auf dem Feld auf
ein Minimum reduzieren. Je ruhiger die
schwarzen Taschenfolien bei Wind auf den
Dämmen liegen, desto geringer ist der Anteil schwach rot gefärbter Spargelköpfe.
Empfohlen werden Folienstärken von mindestens 100 μm und breite Dämme. Weiterhin tritt Rosafärbung an Kopf und Stange auch durch Verfahrensfehler im Nacherntebereich auf (vgl. Kap. 5.3.1, Seite
95). Zu gelblichen, „hitzegeschädigten“
Spargelköpfen oder sogar „verbrannten“
Spitzen kommt es dagegen erst bei großer
Hitze (> +44 °C) bzw. längerer Berührung
mit den Folien. Gegenmaßnahmen sind
rechtzeitiges Ernten und frühzeitiges Drehen der schwarzweißen Taschenfolien auf
die weiße Seite.
4.1.6 Lockere Köpfe
Die Kopfschuppen öffnen sich bei überhöhten Dammtemperaturen vorzeitig. Richtig
„aufgeblühte“ Stangen sind nur noch mit
Mühe und erheblichen Preiszugeständnissen zu vermarkten. Es bestehen große
Sortenunterschiede. Je nach Sortenempfindlichkeit sollten Bodentemperaturen
von +20 bis +22 °C in 20 cm Dammtiefe
möglichst nicht überschritten werden.
Schwarzweiße Taschenfolien und permanente Temperaturkontrolle durch Foliendrehen werden empfohlen.
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Virosen
4.1.7 Triebspitzenwelke und
Kopffäule
Die Triebspitzenwelke oder „Spazierstockkrankheit“ tritt in intensiven Wachstumsphasen auf. Die Symptome werden häufig
mit Wiesenwanzenbefall verwechselt. Die
jungen nachschiebenden Triebe welken
plötzlich und die Spitzen krümmen sich
nach dem Durchstoßen spazierstockartig
nach unten. Diese Symptome sind hauptsächlich ab Juli zu beobachten, niemals
beim Erstaustrieb nach der Ernte. Sie können auf einen relativen Ca-Mangel in den
jungen Sprossen zurückgeführt werden.
Kalzium breitet sich in der Pflanze nur passiv über Transpirationssog und Wurzeldruck aus. Da die jungen Triebe in starker
Konkurrenz zu den voll entwickelten, stark
transpirierenden Trieben stehen, vermag
nur der nächtliche Wurzeldruck ausreichende Ca-Mengen in die wachsenden Triebspitzen zu pumpen. Wind und hohe Temperaturen in der Nacht sind daher besonders gefährlich. Erhöhter Stress besteht
auch, wenn der Boden im unmittelbaren
Kronenbereich (> 600 hPa) zu trocken ist,
denn in diesem Bodenbereich müssen die
den neuen Sprossen zugehörigen Wurzeln
ihr Wasser mit den darin gelösten Ca++-Ionen aufnehmen. Selbst in Anlagen mit relativ gleichmäßiger Wasserversorgung gelingt es nicht, diese Ca-Mangelerscheinungen vollkommen zu verhindern. Kurz
aufeinander folgende Bewässerungsgaben
in den Austriebsphasen zeigen jedoch recht
gute Erfolge. Bei guter Gesamttriebzahl
sind geringe Triebverluste ohne Auswirkung auf den nächstjährigen Ertrag.
Mit steigenden Tagesdurchschnittstemperaturen über +15 °C nimmt bei erntefähigem Grünspargel das Risiko an Ca-Mangel bedingten Gewebeschäden in den
Kopfschuppen (engl. „tiprot“) zu. In der
Lagerungs- und Vermarktungsphase können die geschädigten Sprosse durch bakterielle Sekundärinfektionen unangenehme
Fremdgerüche entwickeln. Als Gegenmaßnahmen werden häufigere Ernteintervalle
empfohlen und die Erntesprosslänge ist
von 25 auf 20 cm zu verkürzen.
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4.2 Virosen
Die Auswirkungen eines Virusbefalls in
Spargel werden gemeinhin aufgrund fehlender virusspezifischer Krankheitssymptome unterschätzt. Untersuchungen belegen mit zunehmender Standzeit eine starke
Durchseuchung der Anlagen. Virusbefall
führt zu erheblichen Qualitäts- und Ertragsminderungen in Form von verminderter
Stangendicke und -zahl. Manche Viren erhöhen zudem die Anfälligkeit der Pflanzen
für Wurzelfusariosen und stellen deshalb
einen bedeutenden Faktor für die multifaktoriell bedingte Abbauerscheinung („decline“) und die vorzeitige Alterung der
Spargelanlagen dar. Ertragsverluste von 18
bis 30 % wurden bei Infektionen mit einem
Virus ermittelt, bei Virusmischinfektionen
kann er auch bis zu 70 % betragen. Folgende Viren werden in Deutschland häufig
nachgewiesen: Asparagus virus-1 (AV-1,
Potyvirus), Asparagus virus-2 (AV-2, Ilarvirus), Cucumber mosaik virus (CMV), To-
Tab. 24 Übertragungswege der wichtigsten Spargelviren
(nach Büttner 2004)
Variante
Mechanisch Samen Pollen Vektoren**
(z.B. StechInsekten Nemamesser)
toden
(z.B.
Blattläuse)
Arabis mosaic +
?*
+
–
+
virus (ArMV)
Asparagus vi- +
–
–
+
–
rus-1 (AV-1)
Asparagus vi- +
+
+
–
–
rus-2 (AV-2)
Asparagus vi- +
+
–
–
–
rus-3 (AV-3)
Tobacco stre- +
+
+
+
–
ak virus (TSV)
–
+
–
+
?*
Cucumber
mosaic virus
(CMV)
*
**
keine Angaben zu Spargel;
im Fall AV-2 wurde auch eine Übertragung via Sporen des Spargelrostes
nachgewiesen
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Pflanzenschutz
bacco streak virus (TSV, Ilarvirus) und Arabis mosaic virus (ArMV, Nepovirus). Alle
Viren haben neben Spargel auch andere
Wirtspflanzen, wie Gemüse- und Unkrautarten. Ziel zukünftiger Bemühungen muss
es sein, die Virusübertragung und -ausbreitung bei Neuanlagen so weit wie möglich
hinauszuzögern. Tabelle 24 (Seite 61) zeigt
die verschiedenen Übertragungswege auf.
Vorbeugende Maßnahmen, wie virusfreie
Samen und Jungpflanzen, ca. 500 m Abstand der Neuanlagen zu älteren Feldern,
intensive Blattlausbekämpfung und mit Beginn der Stechzeit häufiger Messerwechsel
und -desinfektion, erscheinen wichtig.
4.3 Pilzkrankheiten an
Wurzel und Spross
Pilzkrankheiten spielen eine große Rolle
im Spargelanbau. Während Wurzelkrankheiten nur durch entsprechende Hygienemaßnahmen und gute Feldauswahl und
-vorbereitung zu kontrollieren sind, müssen die wichtigen Blattkrankheiten in der
Regel vorbeugend und direkt mit chemischen Mitteln bekämpft werden. Resistente Sorten stehen nicht zur Verfügung.
4.3.1 Fusarium-Wurzelfäulen
Faser- und Speicherwurzeln sowie unterirdische Stängelteile können unter ungünstigen Wachstumsbedingungen durch eine
Vielzahl verschiedener Fusarium-Arten
(ca. 20) befallen werden. In deutschen
Anbaugebieten werden vorwiegend Fusarium oxysporum f. sp. asparagi, F. redolens
und F. proliferatum nachgewiesen, in
südlicheren Ländern gilt F. moniliforme
als bedeutender Schaderreger. Bodenverdichtungen, Staunässe, Humusmangel, pH
< 6,0, Magnesium- und Wassermangel erhöhen das Infektionsrisiko beträchtlich.
Der Krankheitsverlauf ist schleichend, mit
Beginn der Spargelernte (2. oder 3. Standjahr) sind erste Schwächen im Austrieb
und der Ausfall von Einzelpflanzen erkennbar. Sind solche Ausfälle bereits in
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Neupflanzungen erkennbar, dann kommen
auch infizierte Jungpflanzen in Betracht.
Jungpflanzen-Zertifizierungssysteme, basierend auf Boden- und Pflanzenbiotestverfahren, können das Einschleppungsrisiko vermindern. Der Standortwahl, Saatgut- und Pflanzenhygiene in Vermehrungsbetrieben ist Rechnung zu tragen. Trotzdem können auch äußerlich symptomfreie
Pflanzen systemisch durch Fusarium sp. infiziert sein. Längere Lagerungszeiten und
ungünstige Pflanzbedingungen bei zu kaltem und nassem Boden sind unbedingt zu
vermeiden. Sehr problematisch ist in diesem Zusammenhang der Nachbau von
Spargel nach Spargel. Direkte Versuche
mit in den Boden eingearbeitetem Natriumchlorid (NaCl) zur Reduzierung des Fusarium-Wurzelbefalls waren bei der salztoleranten Spargelpflanze wenig erfolgreich. Bisher ebenso erfolglos blieb der
Einsatz von antagonistischen Pilzen oder
Bakterien bei Jungpflanzen. Bei der Sortenwahl bleibt die bisherige Empfehlung
bestehen, nur regional geprüfte und klimatisch angepasste Sorten zu pflanzen.
4.3.2 Rhizoctonia-Wurzelfäule
Der Violette Wurzeltöter Helicobasidium
purpureum Pat. (Rhizoctonia crocorum,
R. violacea) ist ein gefährlicher Wurzelfäuleerreger mit zunehmender Bedeutung.
Er kann neben Spargel viele weitere Wirtspflanzen befallen, z. B. Luzerne, Möhren,
Zucker-/Futterrübe und Kartoffeln. Befallene Spargelpflanzen zeigen einen schwachen Austrieb. Speicherwurzeln und Triebteile im Boden werden mit violettschwarzem Mycel umsponnen, auf dem sich
schwarze Mycelhöcker bilden, die zur
mehrjährigen Überdauerung (3 bis 20 Jahre) dienen (siehe Farbtafel 5, ganz oben
rechts). Ein befallener Wurzelstock wird
sehr rasch, meist innerhalb eines Jahres abgetötet. Durch Wurzelkontakt weitet sich
der Befall im Bestand in kurzer Zeit mit
etwa 1 bis 2 m Radius pro Jahr aus. Der Pilz
ist im Boden weit verbreitet, da er vorwiegend saprophytisch lebt. Infektionsgefahr
besteht nach älteren Literaturhinweisen
12.02.2008 11:27:05 Uhr
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