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Autor: Hörburger, Christian.
Titel: Krieg im Fernsehen. Didaktische Materialien und Analysen für die Medienerziehung.
Quelle: Christian Hörburger: Krieg im Fernsehen. Didaktische Materialien und Analysen
für die Medienerziehung. Tübingen 1996. S. 1-154, S. 177-189.
Verlag: Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V..
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Christian Hörburger
Krieg im Fernsehen
Didaktische Materialien und Analysen für die
Medienerziehung
Inhaltsverzeichnis
EINFÜHRUNG.......................................................................................................................3
MEDIENERZIEHUNG - VORSCHLÄGE FÜR DEN UNTERRICHT......................................6
Vom Ereignis zum Bericht..........................................................................................................................................6
Didaktische Hinweise ................................................................................................................................................6
Materialien ....................................................................................................................................................................7
Der Korrespond ent vor Ort.....................................................................................................................................13
Didaktische,Hinweise ..............................................................................................................................................13
Materialien ..................................................................................................................................................................14
Normen der Berichterstattung ...............................................................................................................................2 7
Didaktische Hinweise ..............................................................................................................................................2 8
Materialien ..................................................................................................................................................................28
Manipulation und Zensur .........................................................................................................................................3 6
Didaktische Hinweise ..............................................................................................................................................37
Materialien ..................................................................................................................................................................38
Die An- und Abmoderation im Fernsehen ........................................................................................................4 1
1
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Didaktische Hinweise ..............................................................................................................................................4 1
Materialien ..................................................................................................................................................................42
Die Macht der Bilder: Krieg als Medienspektakel ...........................................................................................5 1
Didaktische Hinweise ..............................................................................................................................................51
Materialien ..................................................................................................................................................................52
Der »elektronische« Krieg .......................................................................................................................................5 7
Didaktische Hinweise ..............................................................................................................................................57
Materialien ..................................................................................................................................................................58
Der Krieg und die Opfer...........................................................................................................................................6 5
Didaktische Hinweise ..............................................................................................................................................65
Materialien ..................................................................................................................................................................66
Krisennachrichten für Kinder................................................................................................................................6 9
Didaktische Hinweise ..............................................................................................................................................70
Materialien ..................................................................................................................................................................70
Fernsehen hilft Helfen ..............................................................................................................................................7 5
Didaktische Hinweise ..............................................................................................................................................7 6
Materialien ..................................................................................................................................................................77
Friedensarbeit im Krieg ............................................................................................................................................8 3
Didaktische Hinweise ..............................................................................................................................................8 3
Materialien ..................................................................................................................................................................84
Das andere Afrika - die anderen Medien ...........................................................................................................88
Didaktische Hinweise ..............................................................................................................................................8 9
Materialien ..................................................................................................................................................................90
Methodische Filmanalys e .........................................................................................................................................97
BESCHREIBUNG AUSGEWÄHLTER FILMSEQUENZEN..............................................105
1. »Die Welt im Griff «: Die An und Abmoderation .....................................................................................1 05
Ablauf der Filmsequen z .......................................................................................................................................106
2. »Krieg als Medienspektakel«: Die Landung in Mogadischu .................................................................1 08
Ablauf der Filmsequen z .......................................................................................................................................1 08
3. »Der elektronische Krieg«: Die NATO greift im Balkan ein................................................................110
Ablauf der Filmsequen z ......................................................................................................................................1 11
4. »Schrecken des Fremden«: Sharia und Fundamentalismu s .................................................................113
2
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Ablauf der Filmsequen z ......................................................................................................................................1 14
5. »Betroffenheit und Ohnmacht«: Die Krüppel von Sarajevo ................................................................115
Ablauf der Filmsequen z ......................................................................................................................................1 16
6. »Ästhetik des Greuels«: Tod in Slow Motion............................................................................................1 18
Ablauf der Filmsequen z .......................................................................................................................................118
7. »Krisennachrichten für Kinder«: Deutsche Soldaten in Somalia.......................................................119
Ablauf der Filmsequen z .......................................................................................................................................119
8. »Die Sicht der Opfer«: Kinder im Krieg .......................................................................................................1 20
Ablauf der Filmsequen z .......................................................................................................................................121
9. »Fernsehen hilft Helfen«: Sarajevo soll leben..........................................................................................1 22
Ablauf der Filmsequen z .......................................................................................................................................1 23
10. »Friedensarbeit im Krieg«: Die schwarzen Frauen von Belgrad......................................................124
Ablauf der Filmsequen z .......................................................................................................................................1 25
11. Afrika mit anderem Blick. Kritische Anmerkungen eines Korrespondenten .............................127
Ablauf der Filmsequen z .......................................................................................................................................127
ANALYTISCHE NACHBETRACHTUNG..........................................................................131
Gewalt in den Medien - Die Krise als Dauernachricht...............................................................................1 31
Bad news is good news ........................................................................................................................................1 31
Personale, strukturelle und kulturelle Gewalt...............................................................................................1 32
Die Katharsis - und die Inhibitionst hese .........................................................................................................1 34
Der Imitationsa n s a t z ............................................................................................................................................1 35
Der bedingte Einfluß des Mediums ..................................................................................................................1 36
Medien und Kommunikation in internationalen Krisen.............................................................................1 39
»Fiktive« Gewalt und »reale« Gewalt in den Nachrichten ..........................................................................140
Hinweis auf den Begleitfilm:
Zu diesem Buch ist ein Begleitfilm erschienen, dessen Einsatz bei der Unterrichtsgestaltung als
Ergänzung zu dem vorliegenden Buch empfohlen wird. Der Videofilm (VHS, 34 min.) kann käuflich
erworben oder ausgeliehen werden bei:
Verein für Friedenspädagogik Tübingen e.V. Bachgasse 22, 72070 Tübingen.
Telefon: 07071/(21312, FAX: 07071/21543 E-Mail: f-paed@gaia.de
3
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Einführung
Der große Einfluß des Fernsehens auf die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit ist
unbestritten. Viele Menschen in der Bundesrepublik beziehen ihre Kenntnisse und
Einschätzungen über Krisen und Kriege in der Welt aus den Informationskanälen der
bewegten Bilder. Das elektronische Medium bestimmt damit maßgeblich den Blickwinkel
und die Einschätzung, die man sich über nationale und internationale Konflikte angeeignet
hat. Wie das Medium seine Informationen selektiert, filtert und journalistisch gestaltet, ist
demgegenüber nur wenig und wenigen bekannt. Nicht zuletzt aus breiten der Unkenntnis
über das Medium Fernsehen, seine Verfahrens- und Arbeitsweise im journalistischen
Alltag, resultiert die hohe Akzeptanz und Glaubwürdigkeit, die eine breite
Zuschauerschicht der politischen und gesellschaftlichen Information entgegenbringt.
Dabei wäre es äußerst wichtig, mehr über die »Archetypen« der Fernsehberichterstattung
in Erfahrung zu bringen, um sich eine Position als kritischer Fernsehnutzer zu eigen zu
machen. Eine medienpädagogische Begleitung des Zuschauers, die diesem Anspruch
gerecht werden könnte, ist erst in Ansätzen sichtbar.
Die hier vorliegende Handreichung beschreibt die Kriegs- und Krisenberichterstattung des
Fernsehens in einigen wesentlichen Aspekten. Sie soll im Zusammenhang mit dem
Begleitfilm »Krieg im Fernsehen« den Nutzer befähigen, sich ein eigenes, kritisches Bild
über die Berichterstattung aus Ex-Jugoslawien und der sogenannten Dritten Welt zu
schaffen. Das Material ist so geordnet, daß es Einblicke in den Produktionsprozeß des
Fernsehens ermöglicht und darüber hinaus auch die übrigen Massenmedien hinreichend
berücksichtigt. Die weitere Eingrenzung auf die Konfliktherde Ex-Jugoslawien und
Somalia dient vor allem der Übersichtlichkeit und ermöglicht den Vergleich zwischen einer
»Süd-Berichterstattung« im Fernsehen und der Reportage über Kriege, die direkt vor
unserer Haustüre sich abspielen oder abgespielt haben. Der Berichtszeitraum 1991 - 1995
fand besondere Berücksichtigung. Buch und Film untersuchen nur Fernsehsendungen
aus öffentlich-rechtlichen Anstalten (ARD und ZDF). Das private Fernsehen kennt bislang
keine einschlägige eigene journalistische Auslandsberichterstattung, so daß hier keine
Untersuchung in Betracht kam. Das Buch referiert und diskutiert an ausgewählten
Beispielen Fragen der »Manipulation«, der »Information« und »Desinformation«, der
4
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Vermittlung von Gewalt und Ohnmacht im Fernsehen und gibt in einem ausführlichem
Didaktik-Teil den Nutzern stets die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Die Kritik
an der Kriegsberichterstattung des Fernsehens kann an ausgewählten Beispielen ebenso
überprüft werden wie die Vorhaltung, ARD und ZDF bedienten in ihren Berichten aus der
»Dritten Welt« weiterhin eurozentristische Vorurteile. Der notwendigen Kritik sind
Beispiele gegenübergestellt, die durchaus Anlaß zur Ermutigung geben. Einige
Auslandskorrespondenten haben in Originalbeiträgen ihre Erfahrungen und
Einschätzungen mitgeteilt und für das Projekt zur Verfügung gestellt. Dies erleichtert den
Einstieg in das Thema entscheidend.
Der Begleitfilm mit einer Spieldauer von 35 Minuten läßt sich vor allem im Schuluntericht
der Sekundarstufe II und in der außerschulischen Bildungsarbeit einsetzen. In elf
Sequenzen werden Ausschnitte aus Fernsehsendungen wie ZDF-Auslandsjournal, ARDBrennpunkt, Weltspiegel, ZDF-logo und Tagesschau präsentiert, die das
Kriegsgeschehen in Somalia oder in Ex-Jugoslawien zum Thema haben. Dabei können
typische Bauformen der Krisenberichterstattung des Fernsehens deutlich werden.
Blickwinkel wie Nachricht, Kommentar und Infotainment lassen sich ebenso besprechen
und abhandeln wie die klassischen Fragen nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und
Objektivität, nach Zensur und Manipulation. Den Sendeanstalten der ARD und dem ZDF,
die das Projekt mit vielfältiger Hilfe unterstützt haben, sei hier ausdrücklich gedankt.
» Jeder Fernsehreporter weiß, daß er, wo immer er mit seiner Apparatur erscheint, auf die
Störungen in der Gesellschaft und die unruhigen Kräfte, die als ihre Verstärker auftreten, eine
nachgerade magnetische Anziehungskraft ausübt. Ganz ohne eigenes Zutun steht er plötzlich,
für einen reibungslosen Betrieb bestens gerüstet, mitten in einer chaotischen Situation. Er ist
gekommen, um über ein Geschehen zu berichten - und muß feststellen, daß er selbst plötzlich
zu einem Bestandteil eben dieses Geschehens geworden ist. «
Klaus Kreimeier
5
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Medienerziehung - Vorschläge für den Unterricht
Vom Ereignis zum Bericht
Die Arbeitsweise des Auslandskorrespondenten ist so unterschiedlich wie die Länder, die
er zu betreuen hat. Die technische Ausstattung der Journalisten vor Ort variiert ganz
erheblich. Auf alle Fälle sind im Ausland Kreativität und Anpassungsfähigkeit
Grundvoraussetzungen für die Arbeit unter schwierigen Bedingungen. In der Medienpraxis
kann nur das zum Medienereignis werden, wovon der Journalist Kenntnis erlangt und worüber er berichtet. Umgekehrt fokussiert das Fernsehen Ereignisse und Dinge, die erst
durch den Transfer in das Medium zum Gegenstand der Diskussion werden. In diesem
Sinne findet eine »permanente Zensur« statt. Nach gängiger Definition darf sich als
Journalist (Korrespondent) bezeichnen, »wer hauptberuflich, produktiv oder dispositiv,
Informationen sammelt, auswertet und / oder prüft und unterhaltend, analysierend und /
oder kommentierend aufbereitet, sie in Ton, Schrift und Bild über Medien an die
Öffentlichkeit vermittelt oder den öffentlichen Medien zu dieser Übermittlung bereitstellt«.
Bundesanstalt für Arbeit (Hrsg.): Blätter zur Berufskunde. Journalist/Journalistin. Nürnberg
1989 (8.Auft.), S. 6.
Video-Empfehlung: Filmsequenz 2
siehe Seite 95
Didaktische Hinweise
1. Die Schüler bereiten eine Reportage / Feature vor. Auftraggegeber ist je nach Interesse
und Ausstattung der Schule die örtliche Zeitung, ein Rundfunksender oder eine
Fernsehstation. Das Lernziel besteht in der Einschätzung und Vorbereitung zu einer
möglichen Publikation in Zeitung, Radio oder Fernsehen. Bereiten Sie das geplante
Feature so genau wie möglich vor. Erarbeiten Sie ein kleines Ton- oder Bildfeature (15
Minuten Länge) über die Bewohner eines Altenheims. Befragen Sie die BewohnerInnen
nach ihren Erinnerungen an das Kriegsende 1945.
-
Sprechen Sie das Projekt entsprechend M 2 in einem Rollenspiel zwischen
Sender und Reporterteam ab
6
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-
Machen Sie eine Planungsskizze. Was ist Ihr inhaltliches Ziel, welche Fragen
werden Sie stellen? Machen Sie zu Übungszwecken eine Probe mit den übrigen
Teilnehmern.
-
Wenn sie darüber hinaus Aufnahmen und Interviews durchführen konnten, so
diskutieren Sie vor dem Schnitt über das Rohmaterial, Was soll gesendet
werden, auf was kann verzichtet werden?
2. Der ARD-Auslandskorrespondent Robert Hetkämper kritisiert bestimmte Aspekte des
Fernsehens. Erstellen Sie eine Übersicht über die genannten Kritikpunkte. Welche
Auffassung vertreten Sie (M 1)?
3. Teilen Sie die Auffassung des WDR-Intendanten Fritz Pleitgen (M 4)? Nennen Sie
weitere Gründe, warum von dem Inhalt der Nachrichten nur wenig im Gedächtnis haften
bleibt.
4. Formulieren Sie die dpa-Meldung (M 5) um, so daß sie leicht verständlich und
übersichtlich wird.
5. Machen Sie Vorschläge, welche Art von Bildmaterial Sie für eine Illustrierung der
Meldung (M 5) als Fernsehnachricht einsetzen würden (Filmsequenzen aus Bosnien,
den USA etc.).
Materialien
M1
Der fremde Blick
Auslandskorrespondenten in einer sich wandelnden Welt
Stammeskriege, Hungersnöte und Despotismus hat es Tausende von Jahren auf dieser
Erde gegeben. Sie gehören zur Lebenserfahrung aller Völker. Daß reiche Gesellschaften
heute zumindest so etwas wie Mitleid mit den weniger Privilegierten empfinden, ist ein
relativ junges Phänomen. Die Entwicklung der Massenmedien hat dazu einen gewaltigen
Beitrag geleistet: durch die Verfügbarkeit eindrücklicher Bildberichte. Auf der Grundlage
vermittelter Fakten und auf der Basis eines beispielsweise christlichen Weltbildes eine
Verpflichtung reicher Industriestaaten gegenüber armen Agrargesellschaften zu erkennen,
ist legitim. Auch der moralische Medien-Appell zum Handeln. Aber einen generellen
Auftrag an »die Medien«, für die Belange der Dritten Welt zu »kämpfen«, halte ich für
nicht akzeptabel. Es gibt weder in Deutschland, noch in Europa, noch in der Weit,
7
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einschließlich der Dritten, einen Konsens über ein eindeutiges Erklärungsmuster für die
Misere, in der sich weite Teile dieser Erde heute ganz zweifellos befinden. Und es gibt
keine unbezweifelbare Strategie zur Beseitigung dieser Misere.
Journalisten sind verpflichtet zu Wahrheit und Objektivität, zur Achtung und Wahrung
demokratischer Prinzipien und der Würde des Menschen. Ich halte das für Grundsätze,
die sich selbst dann nicht ändern dürfen, wenn es dafür keine gesellschaftlichen
Mehrheiten mehr gäbe. Sich auf der Basis dieser Grundsätze publizistisch für -eine
Sache« zu engagieren, ist journalistisch legitim: für den Einsatz von Kernenergie zum
Beispiel. Oder dagegen. Der Grad der zulässigen Parteilichkeit hängt ab von der Funktion
des jeweiligen publizistischen Organs. Zum Glück darf in der Bundesrepublik jeder äußern
und auch publizieren, was er will, solange er damit nicht gegen Gesetze verstößt - auch
wenn es sich um blanken Unsinn handelt.
Robert Hetkämper.- Der fremde Blick. In: ARD Jahrbuch 95. Frankfurt a. M. 1995, S. 126.
M2
Vom Drehort zur Sendung
1. Der Korrespondent
vor Ort macht einen
Vorschlag für die
Redaktion in Deutschland.
2. Die Redaktion übermittelt dem Korrespondenten vor Ort einen
konkreten Vorschlag
für einen aktuellen
Bericht.
oder
3.Der Korrespondent liefert eine Ideenskizze. Die Redaktion soll daran die Intention des
Beitrags erkennen können. Sie ist für die Redaktion eine Entscheidungshilfe.
4.Zwischen Redaktion und Korrespondent kommt es zur endgültigen Absprache.
5.Der Korrespondent stellt sein Team zusammen.
6.In aller Regel besteht es aus dem verantwortlichen Redakteur, einem Kameramann,
einem Techniker, gegebenenfalls kommt ein Übersetzer hinzu.
7.Das Bildmaterial wird geprüft.
8.Getextet wird während des Schnitts.
8
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9.Überspielung an den Sender.
10.Der Sender prüft den Beitrag.
11.Der Sender nimmt eventuell Kürzungen vor.
12.Die Anmoderation wird erstellt.
12.Der Beitrag wird ausgestrahlt.
9
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M3
Vom Drehort zur Sendung: Die Technik
Die technische Ausrüstung umfaßt:
- Kamera, Recorder oder Camcorder, Wiedergabemonitor, Mikrofone, Mischpult,
Lichtkoffer (Handlicht).
- Window-Unit, Dies ist ein Sender mit Signalverstärker, Dabei wird mit Hilfe einer
Parabolspiegelanlage ein Umsetzer zur direkten Übertragung angepeilt. Der Reporter
kann sich mit Window-Unit auch in eine laufende Sendung einschalten
Mit Fly-away-Einheiten eröffnet sich der Fernsehberichterstattung eine neue Dimension:
Dies ist eine mobile Erdfunkstation, die mit einer faltbaren Parabolantenne ausgerüstet
ist, Es wird ein Fernsehsatellit im Orbit angepeilt, der seinerseits die Daten an die
Sendeanstalt weiterleitet. Das Satellitentelefon gehört mittlerweile zur Grundausrüstung
leistungsfähiger Fernsehteams.
10
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M4
Fernsehen und Wirklichkeit
»Fernsehwelt und politische Wirklichkeit« - beide haben viel zu häufig wenig, oft sogar
nichts miteinander zu tun. Wenn ich die Fernsehnachrichten betrachte, dann beschleicht
mich nicht selten ein ungutes Gefühl. Strenggenommen müßten die Verantwortlichen
mancher Sendungen wegen Irreführung und Verdunkelungsgefahr belangt werden. Daß
das Publikum den größten Teil der Informationen bereits beim Abspann vergessen hat, ist
inzwischen von der Medienforschung mehrfach nachgewiesen worden. »Selbst schuld«
könnte man der verehrten Kundschaft vorhalten. Für ein paar Minuten sollte sie ihre
Gedanken wohl beieinanderhalten können!
Doch die Ursache für das Dilemma ist beim Absender, nicht beim Empfänger zu suchen.
Die Sprache wirkt oft unpräzise und abgegriffen, die Präsentation läßt gelegentlich die
Sinne des Betrachters schwinden, und die dauernde Diskrepanz zwischen Bild und Text
überfordert selbst die Konzentrationsfähigkeit von Top-Schachspielern. Es handelt sich
nicht um aktuelle Entwicklungen! Diese Defizite werden schon seit langem beklagt, neu
daran ist: sie haben sich verschärft.
Die Gründe für die unerfreuliche Entwicklung liegen im Wettbewerb und in der
Technologie, Um nicht zu spät zu kommen, wird hastig geliefert. Außerdem macht die
Technik Druck. Heute können Bilder ohne Verzug aus allen Weltecken direkt in die
Sendung geliefert werden. Zeit zum Recherchieren oder zur Informationsüberprüfung gibt
es nicht mehr. Der notwendige Gegencheck entfällt. So ist der Berichterstatter zumeist auf
eine Quelle allein angewiesen. Da diese Quelle häufig auch noch ein Betroffener ist, fällt
seine Information entsprechend einseitig aus. Wenn ehrlich mit dem Publikum
umgegangen würde, müßte eigentlich regelmäßig eingeblendet werden: »Alles ohne
Gewähr.«
Fritz Pleitgen: Fernsehen und Wirklichkeit. In: Wilhelm von Stemburg (Hrsg.): Tagesthema
ARD. Der Streit um das Erste Programm. Frankfurt a.M. 1995, S. 54f.
11
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M5
dpa-Meldung 0095. 28. November 1995 USA/Bosnien Clinton ruft Amerikaner zur
Unterstützung für Bosnien-Einsatz auf.
Washington (dpa) - US-Präsident Bill Clinton hat die skeptische amerikanische
Öffentlichkeit eindringlich aufgerufen, die Entsendung von 20.000 US-Soldaten zur
Friedenssicherung in Bosnien gutzuheißen.
In der nationalen Fernsehansprache an das Volk sagte Clinton am Montag abend
(Ortszeit) in Washington, der Einsatz der US-Soldaten als Teil der NATO-Streitkräfte in
Bosnien »kann den Unterschied zwischen Krieg und Frieden« ausmachen. »Nirgendwo ist
heute der Bedarf an amerikanischer Führung umfassender und unmittelbarer als in
Bosnien«, sagte er und forderte dazu auf, »den Frieden zu wählen.« »Wir können nicht
alles machen, aber wir müssen tun, was wir können«, warb Clinton um Unterstützung für
seine Bosnien-Politik. Die USA müßten mithelfen, »aus dem Augenblick der Hoffnung
eine dauerhafte Wirklichkeit zu machen.« Die Mission werde »begrenzt, konzentriert und
unter dem Kommando eines US-Generals« ablaufen.
Gleichzeitig warnte Clinton mögliche Angreifer in Bosnien, daß US-Truppen bei ihrem
Dienst zurückschießen würden. Ein Einsatz von 20.000 Soldaten sei nicht risikolos, sagte
er, »aber ich werde die volle Verantwortung für jeden Schaden übernehmen. «
Clinton hatte seine bevorstehende Europa-Reise wegen der Ansprache um einen Tag
verschoben. Er läßt Außenminister Warren Christopher in Washington zurück, der
Konsultationen mit dem zurückhaltenden Kongreß über dessen Zustimmung zu dem
Bosnien-Einsatz führen soll.
12
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Der Korrespondent vor Ort
Die Arbeitsweise der Korrespondenten vor Ort ist sehr unterschiedlich und von den
jeweiligen Lebensmöglichkeiten in den Gastländern abhängig. Ein einheitliches
Berufsprofil ist kaum zu erstellen, da die unterschiedlichen Krisenherde ein
unterschiedliches Arbeiten der Journalisten zur Voraussetzung haben. Das hier
abgedruckte Material, die Gespräche und Interviews, vermitteln etwas von dem aktuellen
Selbstverständnis der Auslandskorrespondenten.
Video-Empfehlung: Filmsequenzen 2 und 11
Siehe Seite 95, 112
Didaktische,Hinweise
1. Vergleichen Sie an einem bestimmten Abend die 19-Uhr-Nachrichten Ihres örtlichen
Radio-Senders mit der ZDF-Sendung heute und der Tagesschau um 20 Uhr. Worüber
sprechen jeweils die ersten drei Auslandsmeldungen? Was ist die letzte Meldung in den
Nachrichten? Überlegen oder »erfinden« Sie sich eine zusätzliche »gute Nachricht«, die
gemeldet werden sollte.
2. Der Auslandskorrespondent Albrecht Reinhardt berichtet (M 2) von der Erschießung
eines Somaliers und von dem Auftrag, den Vorfall vor Ort zu recherchieren. Welche
Personen hätten Sie nach Möglichkeit zu dem Vorfall befragt und interviewt?
3. ZDF-Korrespondent Peter Kunze berichtet von demselben Ereignis (M 3). Welche
Eigenschaften der Somalier werden hervorgehoben, wie wird der afrikanische Kontinent
charakterisiert?
4. Nennen Sie vier Probleme aus der Arbeit der Südeuropa-Korrespondenten Verica
Spasovska (M 1) und Detlef Kleinert (M 4). Als Fernsehdirektor kennen Sie die Nöte
»Ihrer« Mitarbeiter. Welche konkreten Vorschläge zur Verbesserung der Arbeit vor Ort
möchten Sie machen? Führen Sie ein entsprechendes Rollenspiel
(Fernsehdirektion/Korrespondent) durch.
5. Welche Perspektive betont Friedhelm Brebeck (M 5)? Können Sie das Gesagte anhand
eigener Seherfahrung bestätigen? Vergleichen Sie Filmsequenz 5.
13
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Materialien
M1
Wie wirklich sind Kriegsberichte?
Wer als Reporter in einem Krisengebiet arbeitet und recherchiert wird zwangsläufig mit
Ereignissen konfrontiert, deren Wahrheitsgehalt er überprüfen muß. Dabei stößt man
häufig nicht auf die Unterstützung der beteiligten Konfliktparteien, die an der für sie
günstigsten Version der Ereignisse interessiert sind. Ein Beispiel: Im Sommer 1995 hielt
ich mich in Tuzla für Reportagen über die Situation der Flüchtlinge aus Srebrenica und
Zepa auf. Plötzlich brachten die Nachrichtenagenturen Meldungen, es gäbe
Satellitenphotos von Massengräbern. Meine Redaktion erteilte mir den Auftrag, diese
Meldungen zu überprüfen. Aus der Sicht meiner Kollegen war ich ganz »nah am
Geschehen«. Für mich war es indessen unmöglich, in das von Serben besetzte
Srebrenica zu reisen - dazu brauchte man eine Akkreditierung aus Belgrad und Pale - und
mich vor Ort mit eigenen Augen von den Massengräbern zu überzeugen. Ich berichtete
also, was mir die Flüchtlinge über den Verbleib der vermißten Männer schilderten, bekam
bei internationalen Organisationen die Auskunft, man könne nichts bestätigen, solange
man die Situation in Srebrenica nicht in Augenschein genommen habe, und setzte aus
diesen Informationen einen Bericht zusammen, der den Schluß zuließ, daß es mit großer
Wahrscheinlichkeit zu Massenerschießungen gekommen ist. Beweise hatte ich nicht,
mein Bericht war mit einem großen Fragezeichen versehen. Wiedergeben konnte ich
lediglich einen Mosaikstein der Wirklichkeit.
Das Dilemma des Reporters vor Ort, an »harte« Informationen heranzukommen und
gleichzeitig so aktuell und umfassend wie möglich zu berichten, die Forderung der
Redaktionen, den Hörer / Zuschauer brandheiße News zu bringen, solange ein Konflikt in
den Schlagzeilen ist, die Frage, was unter diesen Bedingungen an wirklichen
Informationen geliefert wird - das sind Punkte, über die man kritisch diskutieren muß.
Verica Spasovska, Deutsche Welle, Südosteuropa-Redaktion; Originalbeitrag.
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M2
Aus dem Tagebuch eines Korrespondenten
Freitag, 22. Januar 1994. 14.00 Uhr
» Pepo, Pepo -Wind, Wind, komm.«
Mit sehnsüchtigen Rufen beschwört Omar den Passat - auf Kisuaheli »Pepo« - mit ganzer
Kraft in das Segel unserer Dau zu fahren.
Für die ARD-Sendung »Weltreisen« sind wir auf einem dieser traditionellen Segelschiffe
unterwegs. Auf den Spuren von kühnen Entdeckern, wagemutigen Kaufleuten, finsteren
Sklavenhändlern wollen wir mit unserer »Königin der Winde« die Wogen des Indischen
Ozeans durchpflügen. So haben wir es uns wenigstens vorgestellt. Doch seit Stunden
dümpeln wir vor der Hafenstadt Malindi und unsere Windsbraut läßt schlapp das Segel
hängen.
16. 00 Uhr
Endlich. Pepo hat ein Einsehen gehabt. Unsere Dau macht jetzt gute Fahrt. Schon kommt
das mächtige Vasco-da-Gama-Kreuz im Hafen Malindis in Sicht. Nach zwei Nächten unter
freiem Himmel und nach verstohlenen Sitzungen auf einem an der Bordwand
ausklappbaren Donnerbalken freuen wir uns auf ein weiches Hotelbett, eine heiße
Dusche, ein ordentliches Klo und einen guten Drink. Am nächsten Morgen soll es auf
unserer Dau nach Mombassa weitergehen.
Albrecht Reinhardt:»Unser Mann in Afrika«. WDR/arte: 5.10.1995
15
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16.30 Uhr
Wir checken im Hotel ein. Der Empfangsherr überreicht mir eine eilige Nachricht.
»Urgent message. Please, Mister Reinhardt contact German Television.« Die Tagesschau
in Hamburg. Deutsche Bundeswehrsoldaten haben in Belet Huen einen Somalier
erschossen, erfahre ich von den Kollegen. Die Tagesschau und Tagesthemen erwarten
für den nächsten Tag Berichte von uns aus dem somalischen Belet Huen.
17.30 Uhr
Meine Kollegin in Nairobi hat eine Chartermaschine organisiert. Sie soll uns am nächsten
Morgen in Malindi abholen. Vom Segelschiff ins Turboprop-Flugzeug.
18.00 Uhr
Die Tagesschau-Kollegen in Hamburg haben unser Kommen beim deutschen
Kommandeur in Belet Huen angekündigt. Solche Kontakte laufen über das Bonner
Verteidigungsministerium. Unser Transport vom Militärflughafen in Belet Huen ins
Bundeswehrcamp scheint gesichert zu sein.
20. 00 Uhr
Unsere Dau-Crew ist informiert, daß die Weiterfahrt nach Mombassa auf Sonntag
verschoben ist. Über Malindi hat sich die tropische Nacht gesenkt. An der Bar unter dem
Palmendach nehme ich einen sehr kurzen Drink. Das Team reinigt die Kamera und packt
die Ausrüstung für den morgigen Tagestrip.
Samstag, 22. Januar 1994. 8.00 Uhr
Das Flugzeug aus Nairobi ist pünktlich gelandet. Wir können dennoch nicht starten. Der
Zöllner, der die Ausfuhr der Kamera beglaubigen muß, ist nicht erschienen. Ohne die
Ausfuhrgenehmigung aber dürfen wir die Kamera bei unserer Rückkehr nicht wieder nach
Kenia reinbringen. Ein Flughafenangestellter ist in die Stadt gefahren, um den Zöllner zu
suchen, Wir warten.
9.30 Uhr
Zoll erledigt. Wir sind in der Luft. 12.30 Uhr
16
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Ankunft in Belet Huen. In einer halben Stunde würden wir mit der normalen Ablösung ins
Camp gefahren, lautet die Auskunft des Flughafenkommandanten. Extratouren macht die
Bundeswehr für Journalisten nicht.
Ich nütze die Wartezeit. Vor der Absperrung des Platzes stehen junge Somalier mit
japanischen Geländewagen. Für 60 Dollar miete ich ein Fahrzeug mit Fahrer, für 40 Dollar
heuere ich einen somalischen Übersetzer an. Beide brauche ich, weil ich in Belet Huen
auch die Familie des Opfers besuchen will.
Unser Zeitrahmen ist eng. Ab jetzt zählt jede Minute, wenn wir heute abend noch in die
Tagesschau und in die Tagesthemen mit unseren Berichten kommen wollen.
13.30 Uhr
Deutsches Militärcamp.
Unsere somalischen Begleiter müssen draußen warten. Der Presseoffizier erzählt, warum
die deutschen Soldaten die tödlichen Schüsse abfeuerten. Zwei Somalier hätten gegen
2.00 Uhr nachts den Stacheldrahtzaun durchschnitten und sich dem Treibstofflager
genähert. Warnrufe und -schüsse hätten einen Somalier verjagt, den zweiten aber nicht
beeindruckt. Da hätten die deutschen Soldaten keine andere Wahl gehabt. Der
Presseoffizier wörtlich: »Die Somalis haben eine eigene Meinung zu diesen Vorfällen.
Nach ihren Vorstellungen, die vom Islam geprägt sind, ist es eben so: Wenn man fremdes
Eigentum betritt, muß man damit rechnen, daß man zu Schaden kommt.« Kommandeur
Oberst Kammerhoff, fügt er hinzu, habe mit den Clanältesten sofort die Lage beraten.
Unseren Wunsch, mit dem Schützen zu sprechen, erfüllt die Bundeswehr nicht. Erlaubt
sind lediglich noch Interviews mit Soldaten und Unteroffizieren der Presseabteilung. Im
Camp selbst dürfen wir uns nur in Begleitung eines Presseoffiziers bewegen. 14.30 Uhr
Belet Huen. Wir haben das deutsche Lager verlassen und suchen in der Stadt das Haus
des erschossenen Somaliers. Die von uns engagierten Somalier kennen aber die Familie
nicht. Vielleicht haben wir am Flughafen die Leute vom falschen Clan gewählt. Schließlich
erklären sie uns, daß wir nur mit dem Chef der Großfamilie sprechen können. Uns bleibt
keine andere Wahl, denn die Zeit drängt. In einer guten halben Stunde müssen wir
spätestens wieder starten. Chief Hassan Hussein klagt die Deutschen an.
17
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»Selbst wenn Abdulei Farah« - so heißt der Getötete - »etwas stehlen wollte, ist das kein
Grund, ihn zu töten. Einen Dieb verhaftet man, man schießt ihn nicht gleich tot.«
Der Großfamilienchef folgt ganz und gar nicht der Vorstellung, die der deutsche
Presseoffizier als muslemische Rechtsauffassung bezeichnet.
Bisher habe ihm gegenüber kein Deutscher sein Bedauern über den Tod des jungen
Mannes ausgedrückt, fügt Hassan Hussein noch hinzu.
15.15 Uhr
Abflug von Belet Huen. 16. 00 Uhr
Zwischenlandung in Mandera, einer Stadt in Dreiländereck von Kenia, Somalia und
Äthiopien. Hier müssen wir nachtanken. Wir kreisen dreimal über der Stadt. Für den
Treibstoffhändler ist es das Zeichen, daß Kundschaft kommt. Wenn wir Glück haben,
macht er sich jetzt mit seinem Tankwagen auf den Weg zum Rollfeld. Wenn wir Pech
haben, ist unsere Dienstfahrt in Mandera zunächst zu Ende. Dann wird es auch keine
Berichte in Tagesschau und Tagesthemen aus Belet Huen geben.
16.30 Uhr
Wir haben aufgetankt und starten wieder. 18.30 Uhr
Ankunft auf dem Wilson-Airport in Nairobi. 19. 00 Uhr
Schnittbeginn im Studio. 20. 00 Uhr
Der Tagesschau-Beitrag ist fertig. Unser Techniker bringt ihn zum kenianischen
Fernsehen. Fahrtzeit circa 25 Minuten. Wir müssen immer eine halbe Stunde vor der
Überspielung beim kenianischen Fernsehen sein.
21.30 Uhr
Überspielung nach Hamburg. In Deutschland ist es jetzt 19.30. Ohne den Zeitunterschied
von zwei Stunden zwischen Kenia und Deutschland hätten wir es gar nicht geschafft.
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22.30 Uhr
Fertigstellung des Beitrags für Tagesthemen. Erneut macht sich unser Techniker zum
kenianischen Fernsehen auf.
Sonntag, 23. Januar 1994. 10.00 Uhr Abflug von Nairobi nach Malindi.
P.S.: Am gestrigen Tag waren wir gut 16 Stunden auf den Beinen und haben etwa 2.300
Kilometer zurückgelegt. Die Ausbeute betrug knapp vier Sendeminuten, der Einsatz hat
um die 7.000 Mark gekostet.
Albrecht Reinhardt, Auslandskorrespondent des WDR, Originalbeitrag.
M3
Das ZDF in Somalia
Von Farah Mohamed und seinem toten Sohn Abdullah
Farah Mohameds Sohn starb in der Nacht und in Schande. Sein Brustkorb wurde von
einer Kugel aus einem deutschen Gewehr durchbohrt. Abdullah Mohamed war ein Dieb.
Sein Tod im Bundeswehr Belet Huen vielleicht ein Unglücksfall.
In Belet Huen sind die Wände zum Nachbarzelt dünn. Die Zweifel im Gespräch zwischen
Soldaten bleiben nicht verborgen. Hätte man den tödlichen Schuß vermeiden können?
Auf ihren staubigen Pritschen diskutieren Bürger in Uniform bis tief in die Nacht.
Am Journalistentisch unter der verblichenen olivgrünen Plane streiten sich Offiziere und
Kollegen einen Abend lang. Darf die Bundeswehr ein Menschenleben kaufen, indem sie
für einen toten Somali - das erste Opfer während ihres Hilfseinsatzes in Afrika - bezahlt?
Ist es ein Schuldeingeständnis, wenn man sich auf die traditionelle Kompensation für
einen gewaltsamen Tod einläßt?
Der junge Mann war ein Eindringling, angelockt vom Materialüberfluß im Lager des
deutschen Afrikacorps. Die Wachtposten schossen auf der Grundlage von Gesetz und
Befehl. Für die Somalis allerdings ist Sühne wichtiger als die Rechtslage.
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Unsere Kamera hat Somalia einen über den anderen Abend in deutsche Wohnzimmer
transportiert. Soviel Aufmerksamkeit hat Afrika jahrelang nicht erfahren. Auch wenn die
Innensicht, der politische Streit um die Stationierung deutscher Soldaten, die Somalis oft
nur zu Statisten degradiert hat: Wir haben die Gelegenheit genutzt, in unseren Berichten
die afrikanische Welt näher zu beschreiben. Das geht am besten, wo sich Kulturen
aneinander reiben.
Ein deutscher Soldat schickt mit der »Feldpost« Belet Huen einen kunstvoll verzierten
Gehstock nach Hause. Er hat ihn auf dem für die fremden Helfer errichteten
Andenkenmarkt gekauft. Vielleicht haben die Verwandten daheim durch Presse und
Fernsehberichte schon begriffen, daß dieser Stock mehr ist als ein Mitbringsel, Er
symbolisiert ein Stück somalischer Kultur, drückt Einfluß und moralische Integrität der
Clanältesten aus.
ZDF-Korrespondent Peter Kunz. ZDF-Jahrbuch 93. Mainz 1994, S. 119.
Freilich, Lebensweise und Moralvorstellungen der Somalis haben mit unserer wenig
gemein. Deswegen wartet Farah Mohamed, der Kameltreiber, drei Wochen nach dem Tod
seines Sohnes Abdullah immer noch auf das Totengeld. Zu verschieden sind die
Vorstellungswelten. Später werden die Deutschen widerwillig zahlen.
Aus Ahnungslosigkeit hat die Bundeswehr einen Teil ihrer gutgemeinten und preußisch
organisierten Hilfe in Somalia sprichwörtlich in den Sand gesetzt. Ein Wasserhahn in der
Wüste macht Sinn. Solange er funktioniert. Danach gibt es keinen Klempner.
Die Welt ist, wo wir sie zu kennen glaubten, so unübersichtlich geworden, daß sie aufs
neue erklärt werden will. Flüchtige Modelle taugen dafür wenig. Geschichten sind wieder
wichtig. Geschichten aus Afrika erzählt das Team im Studio Nairobi; von einem Kontinent,
der sich Nachrichtensplittern und austauschbaren Bild- und Tonfragmenten verweigert.
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Noch arbeiten wir dabei für einen Sender, der die Wirklichkeit nicht ausschließlich in 1
Minute 30 preßt.
Im Wettrennen um technische Zivilisation ist Afrika abgedrängt worden, schnappt
ökonomisch nach Luft, liegt zwischen Krieg und Verzweiflung im Fieber. [..,]
In Afrika, wo Chaos und Anarchie vielfach Ordnung und Tradition abgelöst haben, bewegt
sich ein ausländisches, weißes Fernsehteam auf schmalem Grat. Herzlichkeit und Wärme
wechseln mit Brutalität und Menschenverachtung. 100 Millionen Menschen werden in
Afrika am Ende dieses Jahrhunderts noch ärmer sein, als sie es jetzt schon sind. Armut
und Überlebenskampf verschütten die Menschlichkeit im Umgang miteinander.
In der kleinen Nomadenhütte von Farah Mohamed in Somalia, zwischen den Abfallbergen
der kamerunischen Hauptstadt Yaoundö, vor einem verkohlten Leichenberg im
bürgerkriegserschütterten Burundi: Überall geht es um nackte Existenz. Weit weg von
Börsenkursen an der Wall Street und doch eng damit verbunden, Und überall
beschäftigen die Menschen die fundamentalen Fragen wie Selbstverwirklichung, Freiheit
und Liebe.
Auch Afrika erlebt nach den politischen Erdbeben zwischen Ost und West seine
Umbruchphase. Die Saat für eine demokratische Entwicklung liegt in vielen Ländern aus,
geht aber noch nicht auf. Solidarität orientiert sich an Clangrenzen und an den Zweigen
des Familienstammbaums. Staatswesen auf der Grundlage gemeinschaftlicher
Verantwortung bleiben beängstigend konturlos. Die Idee Demokratie steht auf dem
Prüfstand.
Wenn wir aktuell und schnell aus Afrika berichten, dann stellt uns das vor immense
technische und logistische Probleme. Während Kollegen in der lateinamerikanischen
Provinz schon vor Jahren auf ein Telefon oder ein Minimum an Infrastruktur zurückgreifen
konnten, bedient man sich südlich der Sahara weiterhin aus den Baukästen Zufall und
Improvisation.
Für die Berichterstattung aus Somalia wurde im letzten Jahr ein halbes Dutzend Mal teure
Satellitentechnik aus Deutschland herbeigeschafft, für ausführliche Berichte in heute,
heute-joumal oder auslandsjoumal. Wie sehr Ausrüstung und Personal dabei durch Hitze,
21
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Sand, Ungeziefer oder andere afrikanische Alltäglichkeiten zermürbt werden, weist die
Statistik nicht aus.
Das ZDF unterhält ein Studio in Nairobi, um aus einer der unwirtlichsten Regionen der
Erde zu berichten. Unser Arbeitsgebiet ist bald 30mal so groß wie die neue
Bundesrepublik. Reportieren aus Afrika bleibt Abenteuer, Entdeckung, Mühsal.[ ... ]
Peter Kunz: Geschichten aus Afrika. In: ZDF-Jahrbuch 93. Mainz 1994, S. 1 18f.
M4
Der Südosteuropa-Korrespondent Detlef Kleinert im Gespräch
Ich bin Anfang 1991 in das ARD-Studio nach Wien gekommen. Ich war 1989/90 schon
einmal dort, aber nur für eine kurzfristige Abordnungen, weil ich im Bayerischen Rundfunk
als Jugoslawienspezialist bekannt war. Ich betreute dann hauptberuflich, dieses
Konfliktfeld. Damals war ich natürlich auch noch voller Idealismus. Und als der Krieg dann
ausbrach, als ich die ersten schlimmen Bilder zu übermitteln hatte - ich kann mich noch
erinnern an dieses grauenhafte Massaker in Borovo Selo (Mai 1991, C.H.), wo 12
kroatische Polizisten von den serbischen Leuten auf die schlimmste Weise massakriert
worden sind, mit ausgestochenen Augen und abgehackten Hälsen - da entwickelte sich
bei mir die Idee: Du mußt diese furchtbaren Dinge schon deshalb reportieren, um die
Menschen, und natürlich auch die Politiker, in Deutschland aufzurütteln, damit sie etwas
tun, dies zu unterbinden. Menschen können doch nicht tatenlos zuschauen, so meine
naive Vorstellung, wenn du solche Bilder übermittelst. Ich habe dies dann wirklich in der,
wie ich finde, angemessenen Deutlichkeit getan.
C.H.: Wie der Kollege Friedhelm Brebeck?
So ungefähr, Aber nicht mit dem Kriegston, den er drauf hat. Er spielt ja ganz bewußt den
Haudegen. Ich versuche, mich etwas gepflegter auszudrücken, denn die Sprache des
Frontsoldaten, das ist nicht meine Art. Aber ich sage schon auch sehr deutlich, was ich
meine. Im Laufe des Krieges, besonders des Bosnien-Krieges, entstand dann bei mir eine
große Depression dadurch, daß ich gesehen habe, was auch immer man versucht zu
übermitteln, die Öffentlichkeit und besonders auch die Politiker legen eine Ignoranz an
22
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den Tag, so daß jedes Wort eigentlich überflüssig ist. In einigen Phasen dieses Krieges
hatte ich den fatalen Eindruck, wir vom Fernsehen haben sogar ein bißchen was dazu
beigetragen, daß sich dieser Krieg verschärft hat. Die Bilder, die wir notgedrungen liefern
mußten, waren angetan, die serbische Seite in ihrem Siegesrausch zu bestärken, und
damit natürlich auch der serbischen Bevölkerung den Eindruck zu vermitteln, Serbien sei
die unbesiegbare Macht hier. Ich hatte zunächst gehofft, daß unsere Arbeit
kriegsmindernd wirken könnte. Diese Hoffnung hab ich inzwischen überhaupt nicht mehr.
ARD-Osteuropa-Korrespondent Deltlef Kleinert.
Man bekommt viele Briefe, man bekommt Anrufe. Im wesentlichen natürlich von
Menschen, die in diesen Krieg selber involviert sind, Flüchtlinge, die jetzt in Deutschland
leben. Nur ein Beispiel: Kürzlich, als die Belagerung von Bihac aufgebrochen worden ist,
da rief mich jemand an, bei dem hatte ich vor anderthalb Jahren mal übernachtet als ich in
Bihac war, und der erzählte mir dann, daß sein kleines Hotel inzwischen verwüstet
worden ist. Und natürlich wollte er - ein Abdic Anhänger - mich instrumentalisieren, gegen
die Regierungstruppen aufhetzen. Es sind zumeist Reaktionen von Betroffenen, die uns
erreichen, Reaktionen der »Normal«-Zuschauer sind eher selten. Ein weiteres Beispiel:
Ich habe ein Buch geschrieben über meine Erfahrungen in diesem Balkankrieg, Dieses
Buch wird von allen Kritikern in den höchsten Tönen gelobt, aber es verkauft sich
ausgesprochen schlecht. Man sieht, die Öffentlichkeit hat diesen Krieg entweder nie in
der ganzen Konsequenz zur Kenntnis genommen, was auch wieder ein Grund ist für uns
Fernsehmacher zu überlegen, ob wir alles richtig gemacht haben, oder aber in der
Gesellschaft war eine Grundstimmung vorhanden, die wir nicht durchbrechen konnten,
weil verschiedene Institutionen - Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Friedensgruppen
usw. - diesem Krieg zu wenig Beachtung geschenkt haben.
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Ich erinnere mich an den Golfkrieg, da hat man gemeint, die deutschen Städte seien
unmittelbar bedroht, damals gingen die Menschen auf die Straße mit Lichterketten und so
weiter. Der Fasching mußte ausfallen, das war 1991. Wir stehen jetzt vor einem Krieg, der
uns viel unmittelbarer betrifft und bedroht, nicht nur durch diese grauenhaften Bilder,
sondern auch durch das Flüchtlingselend. Und zwar in doppelter Weise: Durch das
Flüchtlingselend dort, das wir mitfinanzieren müssen, und durch die Flüchtlingsströme, die
zu uns kommen und die in Deutschland ein unglaubliches Gewaltpotential bedeuten. Das
sind Menschen, die haben die letzten Jahre gelernt, daß man Konflikte nur mit der Waffe,
oder mindestens mit dem Messer oder mit der Faust austrägt. Und mit diesem
Gewaltpotential kommen diese Menschen nach Deutschland. Auch dies hat man bisher
meiner Ansicht nach viel zu wenig gesehen. Dazu noch eine Anmerkung: Wie wir jetzt
sehen, ging es den Friedensgruppen damals beim Golfkrieg offenbar weniger um den
Frieden als um die Polemik gegen die Amerikaner.
C.H.: Wie kommen Sie an Ihr Bildmaterial?
In aller Regel arbeiten wir mit den internationalen Teams eng zusammen, auch mit den
Agenturen. In vielen Fällen ist es nun so, daß man da überhaupt nicht mehr fragen kann,
was für ein Bild nehme ich. Da sind so wenige Bilder vorhanden, daß man das nehmen
muß, was überhaupt da ist. Das ist das zentrale Problem unseres Mediums, des
Fernsehens, daß wir immer Bilder brauchen, um unsere Nachricht zu transportieren. Wir
können nicht sagen, o.k., jetzt nehm' ich ein Foto, und auf dieses Standfoto erzähl' ich
jetzt in 1. 30 meinen Beitrag. Wir brauchen Bilder, und wo es keine Bilder gibt, bzw. was
nicht in Bilder zu pressen ist, das existiert für uns nur am Rande. Dann gibt's diese
berühmte Bild-Text-Schere, die gute Reporter vermeiden und deshalb ist man in vielen
aktuellen Fällen froh, wenn man eigene Bilder hat. Für Brennpunkt oder Weltspiegel, da
gehen wir schon mit dem eigenen Team raus, um eine ganz eigene Story, möglicherweise
sogar abseits der Aktualität, zu finden. Bei den Aktualitäten dagegen, also bei
Tagesschau oder Tagesthemen kann es eng werden. Wunderbar, wenn man da eigene
Bilder hat. Nur wenn man die nicht hat, dann geht man in den Pool und sagt zu den
Kollegen: »Was habt ihr denn heute gedreht?« Und wenn's dann 1.30 hergibt, dann ist
man manchmal heilfroh. Ich finde das überhaupt nicht ehrenrührig, wenn ich Ihnen das
sage, aber es ist nun mal die Praxis.
24
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C.H.: Es ist ja auch die Frage, was kann ein Team riskieren?
Ich will uns da nicht besser machen, als wir sind. Ja, das sag ich Ihnen ganz offen. Ich
habe jedem meiner Teams gesagt: Im Zweifelsfall ein Schritt zurück. Kein Bild der Weit ist
ein Leben wert. « Da bin ich ganz cool. Mich hat noch niemand auf ein Defizit
angesprochen, im Gegenteil. Von unserer Seite, von der Seite der Fernseh-Gewaltigen
aus, hab ich da für diese Haltung immer großes Verständnis gezeigt bekommen.
C. H.: Wo arbeiten Sie, wenn Sie von einem Krisenpunkt berichten? Wie sind da die
Arbeitsbedingungen?
In Sarajevo haben wir eine Art Studio, da steht eine Schneideeinheit. Wir haben in Zagreb
einen Raum angemjetet beim kroatischen Fernsehen. In diesen Raum wird dann eine
mobile Schnitteinheit gebracht. Dann haben wir seit einem dreiviertel Jahr noch die
Möglichkeit, mitten in der Prärie zu schneiden und zu senden. Ich hab' beispielsweise
Direktübertragungen aus Bihac gemacht, oder eine Direktübertragung, da waren wir an
der Front. Damals existierte noch die Krajna, und da haben uns die Kroaten so ein
bißchen gezeigt, was sie alles an Militär inzwischen aufzufahren haben, und da haben wir
also live aus diesem Frontgebiet Berichte gemacht. Das sind journalistische Highlights.
Detlef Kleinert im Gespräch mit dem Autor.
M5
Friedhelm Drebeck - Ein Portrait
Die Beiträge werden über die Sendeanlagen der European Broadcasting Union (EBU)
abgesetzt, eine Zensur findet nicht statt, was laut Brebeck daran liegt, daß die bosnische
Regierung genau wisse, daß die EBU ihre Anlagen bei Zensurmaßnahmen stillegen
würde. Wenn aber keine Bilder mehr aus Sarajevo nach Mitteleuropa und Amerika kämen,
verflüchtigte sich das internationale Interesse am Bosnienkrieg und an einer Lösung des
Konflikts rasch. »Wenn wir Pech haben, liefern wir an einem Tag Beiträge für das
Morgenmagazin, das Mittagsmagazin, für die Tagesschau, die Rundschau, für den
Brennpunkt und die Tagesthernen. Dazu kommen diverse Hörfunkgeschichten.
25
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Der Tag beginnt oft vor sechs Uhr morgens, er endet zwischen Mitternacht und zwei Uhr
früh. Das fünfköpfige Team arbeitet, kocht und schläft im Studio; die Hälfte der Zeit und
Energie wird gebraucht, um für das tägliche Leben zu sorgen. Brot muß besorgt werden,
Kartoffeln und Kohl zu akzeptablen Preisen, Diesel für den Ofen und das Stromaggregat,
Ersatzteile für die technischen Geräte und den Wagen wollen gefunden, Mechaniker
ausfindig gemacht und bezahlt werden, selbst Kugelschreiber und Papier sind nur mit viel
Mühe aufzutreiben. Thomas Roth, ARD-Korrespondent in Moskau, schilderte im
Presseclub, daß sich in den vergangenen Jahren das Risiko für Kamerateams und
Reporter in den Kriegsgebieten vervielfacht hat, weil das Bildmaterial, das im
Frühstücksfernsehen gezeigt wird, am Mittag bereits verbraucht sei und von den
Reportern frische Bilder erwartet würden. Brebeck teilt diese Einschätzung, er selbst aber
zeigt sich in dieser Hinsicht dickfellig. -Wenn ich keine Bilder habe, gib's keine. Und es
gibt kein Bild, das es wert wäre, mein Leben oder das meiner Leute zu riskieren.«
Brebeck bemängelt eine gewisse Unehrlichkeit der ARD-Redaktionen im Umgang mit
drastischem Bildmaterial. »Hinter den blutigen Bildern von Massakern und anderen
Dingen ist die ARD genauso her wie die anderen auch.« Das sei auch legitim, nur solle
»man dann nicht so tun, als sei man besonders sorgfältig und wäge sorgsam ab.«
Allerdings werde seine Art, den Tod zu filmen, von der Tagesschau und den
Tagesthemen verstanden und respektiert. Er vermeidet bekanntlich allzu nahe
Aufnahmen der Opfer, verzichtet im Angesicht des Sterbens auch auf Text, schwenkt die
Kamera und versucht, Zusammenhänge herzustellen. Ihm scheint das weniger eine
moralische als vielmehr eine handwerkliche Qualität zu sein. Über die formal plumpen
Berichte der amerikanischen Kollegen - Sekundenschritte, nur frontale Bilder, nie ein
Schwenk - kann er sich denn auch heftig ärgern. Das Grauen angesichts zerfetzter und
verstümmelter Leichen, hat Brebeck einem Reporter der Süddeutschen Zeitung
gegenüber erzählt, bekommt er nicht mit, wenn er filmt. Erst später am Schneidetisch im
Studio sieht er genau hin. Als Gradmesser des Erträglichen dienen ihm dann sein Cutter
und sein Kameramann: »Wenn die sich die Hände vors Gesicht schlagen, weiß ich: Das
ist die Grenze.« Sich selbst sieht er abgeklärter. Er habe schon mit elf Jahren im Ruhrpott
verbrannte Kriegsopfer wegräumen müssen, »das macht mir alles viel weniger aus als
meinen jüngeren Kollegen.«
26
http://www.mediaculture-online.de
Klaus Haas: Friedheim Brebeck. In: Medium Magazin 2 / 95.
ARD-Osteuropa-Korrespondent Friedhelm Brebeck in Sarajevo
Normen der Berichterstattung
Bis heute gibt‘s kein einheitliches Bundes-Presserahmengesetz, wohl aber
Pressegesetze der Bundesländer. Im Grundgesetz Artikel 5 sind die Grundlagen der
Presse- und Meinungsfreiheit, auf die sich auch die Fernsehberichterstattung beruft,
geregelt. Das Gesetz sichert formal die Freiheit der Berichterstattung und schließt eine
Zensur ausdrücklich aus. Die Freiheit der Berichterstattung findet freilich ihre Grenzen im
Schutz der Jugend und der individuellen Persönlichkeit. In den verschiedenen
Rundfunkgesetzen der Bundesrepublik (WDR, SDR, SR, ZDF u.a.) sind die Aufgaben und
Grenzen der journalistischen Berichterstattung näher beschrieben. Der Deutsche
Presserat hat darüber hinaus einen Pressekodex erlassen, der der fairen journalistischen
Berichterstattung dienen soll. Die Organisation Media Watch fördert zudem die kritische
und vorurteilsfreie Berichterstattung über die »Dritte Welt« und wendet sich gegen eine
rassistische oder eurozentristische Berichterstattung. Ähnliche Ziele verfolgt der
Verhaltenskodex des Bensheimer Kreises. Zu einem konstruktiven Dialog zwischen den
öffentlich-rechtlichen Institutionen und diesen privaten Verbänden ist es indessen noch
nicht gekommen.
Video-Empfehlung: Filmsequenz 6
27
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Siehe Seite 104
Didaktische Hinweise
1. Szenario: Mit Ihrem Fernsehteam, das sich in einem Kriegsgebiet befindet, machen Sie
die Entdeckung von einem Massengrab. Wie würden Sie entscheiden?
-
Soll die Entdeckung veröffentlicht oder verschwiegen werden? Entscheiden Sie dies
alleine oder würden Sie zuvor die politisch Verantwortlichen unterrichten?
-
Soll der Kameramann Ihres Fernsehteams Nahaufnahmen von den Opfern drehen
oder nur eine »Totale«?
2. Erstellen Sie mit Hilfe der Materialien (M 1 bis M 6) Richtlinien für die journalistische
Arbeit in einem privaten Fernsehsender. Weiche Richtlinien würden Sie am höchsten
bewerten, welche am wenigsten?
3. Untersuchen Sie den Filmbeitrag »Ästhetik des Greuels« (6) unter den Gesichtspunkten
des Deutschen Presserats (M 2).
4. Suchen Sie in der Tagespresse nach Überschriften, die sich Ihrer Meinung nach nicht
mit den Richtlinien des Presserats decken. Vergleichen Sie M 3.
5. Entwickeln Sie eigene Grundsätze für die Berichterstattung über die »Dritte Welt«. Was
sollte stärker beachtet werden (Vgl. M 4 und M 6)?
6. Was kritisiert die Karikatur M 5?
Materialien
M1
Vorschriften für das Fernsehprogramm des ZDF (Auszug)
§ 5 Gestaltung der Sendungen
(1)In den Sendungen des ZDF soll den Fernsehteilnehmern in Deutschland ein objektiver
Überblick über das Weltgeschehen, insbesondere ein umfassendes Bild der deutschen
Wirklichkeit vermittelt werden. Die Sendungen sollen eine freie individuelle
Meinungsbildung fördern.
(2)Das Geschehen in den einzelnen Ländern und die kulturelle Vielfalt Deutschlands sind
angemessen im Programm darzustellen.
(3)Das ZDF hat in seinen Sendungen die Würde des Menschen zu achten und zu
schützen. Es soll dazu beitragen, die Achtung vor Leben, Freiheit und körperlicher
Unversehrtheit, vor Glauben und Meinung anderer zu stärken. Die sittlichen und
religiösen Überzeugungen der Bevölkerung sind zu achten. Die Sendungen sollen dabei
28
http://www.mediaculture-online.de
vor allem die Zusammengehörigkeit im vereinten Deutschland fördern sowie der
gesamtgesellschaftlichen Integration in Frieden und Freiheit und der Verständigung
unter den Völkern dienen.
§ 6 Berichterstattung
(1)Die Berichterstattung soll umfassend, wahrheitsgetreu und sachlich sein. Herkunft und
Inhalt der zur Veröffentlichung bestimmten Berichte sind sorgfältig zu prüfen.
(2)Nachrichten und Kommentare sind zu trennen; Kommentare sind als persönliche
Stellungnahme zu kennzeichnen. j
§ 8 Unzulässige Sendungen, Jugendschutz
(1) Sendungen sind unzulässig, wenn sie
1. zum Rassenhaß aufstacheln oder grausame oder sonst unmenschliche
Gewalttätigkeiten gegen Menschen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder
Verharmlosung ausdrückt oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in
einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellt (§ 131 StGB),
2. den Krieg verherrlichen,
3. pornographisch sind (§ 184 StGB),
4. offensichtlich geeignet sind, Kinder oder Jugendliche sittlich schwer zu gefährden,
5. Menschen, die sterben oder schweren körperlichen oder seelischen Leiden ausgesetzt
sind oder waren, in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellen und ein
tatsächliches Geschehen wiedergeben, ohne daß ein überwiegendes berechtigtes
Interesse gerade an dieser Form der Berichterstattung vorliegt; eine Einwilligung ist
unbeachtlich.
§ 15 Eingaben, Beschwerden
(1)Jedermann hat das Recht, sich mit Eingaben und Anregungen zum Programm an das
ZDF zu wenden.
(2)Das ZDF stellt sicher, daß Programmbeschwerden, in denen die Verletzung von
Programmgrundsätzen behauptet wird, innerhalb angemessener Frist schriftlich
beschieden werden. Das Nähere regelt die Satzung. [ ... ]
§ 20 Aufgaben des Fernsehrates
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(1)Der Fernsehrat hat die Aufgabe, für die Sendungen des ZDF Richtlinien aufzustellen
und den Intendanten in Programmfragen zu beraten. Er überwacht die Einhaltung der
Richtlinien und der in den §§ 5,6,8 bis 11 und 15 dieses Staatsvertrages aufgestellten
Grundsätze. Zitiert in: Rechtsvorschriften für das ZDF, Mainz 1995, S. 30 ff.
M2
Die publizistischen Grundsätze des deutschen Presserats (Pressekodex)
Beim Deutschen Presserat (gegründet 1959) kann sich jeder über Veröffentlichungen in
deutschen Zeitungen und Zeitschriften beschweren und einen Verstoß gegen den
Pressekodex geltend machen. Im Beschwerdeausschuß sitzen je zur Hälfte Mitglieder der
IG Medien, des DJV und der Verlegerverbände. Die Wirksamkeit des Presserates, ein
Instrument der freiwilligen Selbstkontrolle, ist allerdings umstritten. Adresse: Deutscher
Presserat, Thomas-Mann-Straße 54,53111 Bonn.
Die im Grundgesetz der Bundesrepublik verbürgte Pressefreiheit schließt die
Unabhängigkeit und Freiheit der Information, der Meinungsäußerung und der Kritik ein.
Verleger, Herausgeber und Journalisten müssen sich bei ihrer Arbeit der Verantwortung
gegenüber der Öffentlichkeit und ihrer Verpflichtung für das Ansehen der Presse bewußt
sein. Sie nehmen ihre publizistische Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen,
unbeeinflußt von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen, wahr. Diese
publizistischen Grundsätze dienen der Wahrung der Berufsethik; sie stellen keine
rechtlichen Haftungsgründe dar.
1. Achtung vor der Wahrheit und wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste
Gebote der Presse.
2. Zur Veröffentlichung bestimmte Nachrichten und Informationen in Wort und Bild sind mit
der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Ihr
Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch
verfälscht werden. Dokumente müssen sinngetreu wiedergegeben werden.
Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu
machen. Bei Wiedergabe von symbolischen Fotos muß aus der Unterschrift
hervorgehen, daß es sich nicht um dokumentarische Bilder handelt.
3. Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, die sich nachträglich als falsch
erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in
angemessener Weise richtigzustellen.
30
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4. Bei der Beschaffung von Nachrichten, Informationsmaterial und Bildern dürfen keine
unlauteren Methoden angewandt werden.
5. Die bei einem Informations- oder Hintergrundgespräch vereinbarte Vertraulichkeit ist
grundsätzlich zu wahren.
6. Jede in der Presse tätige Person wahrt das Berufsgeheimnis, macht vom
Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch und gibt Informanten ohne deren ausdrückliche
Zustimmung nicht preis.
7. Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, daß redaktionelle
Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter beeinflußt
werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine
klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen
Zwecken. Werbetexte, Werbefotos und Werbezeichnungen sind als solche kenntlich zu
machen.
8. Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen. Berührt jedoch
das private Verhalten eines Menschen öffentliche Interessen, so kann es auch in der
Presse erörtert werden. Dabei ist zu prüfen, ob durch eine Veröffentlichung
Persönlichkeitsrechte Unbeteiligter verletzt werden.
9. Es widerspricht journalistischem Anstand, unbegründete Beschuldigungen,
insbesondere ehrverletzender Natur, zu veröffentlichen.
10.Veröffentlichungen in Wort und Bild, die das sittliche oder religiöse Empfinden einer
Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können, sind mit der
Verantwortung der Presse nicht zu vereinbaren.
11.Auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt und Brutalität soll
verzichtet werden. Der Schutz der Jugend ist in der Berichterstattung zu
berücksichtigen.
12.Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer rassischen,
ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.
13.Die Berichterstattung über schwebende Ermittlungs- und Gerichtsverfahren muß frei
von Vorurteilen erfolgen. Die Presse vermeidet deshalb vor Beginn und während der
Dauer eines solchen Verfahrens in Darstellung und Überschrift jede einseitige oder
präjudizierende Stellungnahme. Ein Verdächtiger darf vor einem gerichtlichen Urteil
nicht als Schuldiger hingestellt werden. Bei Straftaten Jugendlicher sind mit Rücksicht
auf die Zukunft der Jugendlichen möglichst Namensnennung und identifizierende
Bildveröffentlichungen zu unterlassen, sofern es sich nicht um schwere Verbrechen
handelt, Über Entscheidungen von Gerichten soll nicht ohne schwerwiegende
Rechtfertigungsgründe vor deren offizieller Bekanntgabe berichtet werden.
14.Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessene sensationelle
Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim
Leser erwecken könnte. Forschungserkenntnisse, die sich in einem frühen Stadium
befinden, sollten nicht als abgeschlossen dargestellt werden.
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15.Die Annahme und Gewährung von Vorteilen jeder Art, die geeignet sein könnten, die
Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion zu beeinträchtigen, sind mit dem
Ansehen, der Unabhängigkeit und der Aufgabe der Presse unvereinbar. Wer sich für die
Verbreitung oder Unterdrückung von Nachrichten bestechen läßt, handelt unehrenhaft
und berufswidrig.
16.Es entspricht fairer Berichterstattung, vom Deutschen Presserat öffentlich
ausgesprochene Rügen abzudrucken, insbesondere in den betroffenen
Publikationsorganen.
Zitiert nach: Deutscher Presserat: Jahrbuch 1994, Bonn 1995, S. 195ff.
M3
Der Deutsche Presserat entscheidet
Eine Boulevardzeitung berichtet über die Explosion einer serbischen Granate auf dem
Marktplatz von Sarajevo. Dabei wurden mindestens 68 Menschen getötet. In dem Bericht
kommen verschiedene Politiker mit ihren Meinungen zu dem tragischen Vorfall zu Wort.
Als Überschrift wählen die Autoren folgende Formulierung:
»Empörung über Sarajevo-Blutbad: Bombt die Mörder nieder!«
Ein Leser des Blattes wendet sich an den Deutschen Presserat. Die Schlagzeile
appelliere an niedere Instinkte. Wer mit Waffengewalt einschreiten wolle, um das
fürchterliche Geschehen zu stoppen, dürfe den vermeintlichen Gegner bekämpfen,
besiegen, entwaffnen, vor ein ordentliches Gericht bringen, aber er selbst dürfe nicht
bestrafen oder rächen. Die Zeitung entgegnet, sie habe in griffiger Form die Meinung
hochgestellter Politiker wiedergegeben. Damit spiegele die Forderung nicht die Meinung
der Zeitung, sondern die der Weltöffentlichkeit wider (1994).
Der Presserat erklärt die Beschwerde für begründet (Ziffer 11 des Pressekodex) und
erteilt der Zeitung einen Hinweis. Die Formulierung -Bombt die Mörder nieder! « ist eine
Aufforderung zur Gewalt. Gerade in zugespitzten Kriegszeiten muß in der
Berichterstattung der Medien ein Höchstmaß an Sensibilität gelten. Der Presserat hält es
nicht für förderlich, wenn in derart angespannten Situationen durch eine solche Wortwahl
bei den Lesern zusätzliche Emotionen geschürt werden. Er empfiehlt der Redaktion,
künftig genauer auf die Wortwahl in Überschriften zu achten.
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Deutscher Presserat (Hrsg.): Jahrbuch 1994, Bonn 1995, S. 49.
M4
Die Ziele von Media Watch
Fehlinformationen und Irreführungen in den Medien versetzen Leser-, Hörer- und
ZuschauerInnen mit dem stereotypen Bild der Bedrohung des Nordens durch den Süden
zusehends in Angst und Schrecken. Das führt oftmals zu Fremdenfeindlichkeit.
-
Media Watch hat es sich zur Aufgabe gestellt, diese Berichterstattung in den Medien
kritisch zu beobachten.
-
Media Watch meldet sich zu Wort, wenn Fehleinschätzungen in den Medien zu
vernehmen sind wie z.B.:
– »Die Bevölkerungsexplosion im Süden ist eine Existenzbedrohung für den
Norden.«
– »Die Schuldenkrise stellt eine Bedrohung des internationalen Finanzsystems dar. «
– »Regionalkonflikte im Süden sind Keimherde für übergreifende Krisen. «
– »Der Süden ist der größte UmweItzerstörer.«
– Media Watch strebt einen Austausch mit ausländischen JournalistInnen in
Deutschland wie auch in den Ländern des Südens an, um eurozentristische
Denkmuster und Überzeichnungen in der Berichterstattung zu überwinden.
– Media Watch stellt ebenso die Frage, nach welchen Kriterien Korrespondentenstellen
im Süden besetzt werden und welche Rollen einheimische Reporter aus den
betreffenden Ländern bei der Auslandsberichterstattung spielen.
– Media Watch will nach dem Prinzip von »Bürger beobachten«, den Initiativen aus den
Demokratiebewegungen in Osteuropa, über den Kreis kritischer Journalistlnnen und
engagierter Gruppen eine breite Öffentlichkeit für eine Medienkritik gewinnen, um das
Recht auf eine Grundversorgung mit Informationen und Kultur durch die Medien zu
sichern.
– Die Initiative will eine breite Skala von Aktionsformen entwickeln, angefangen bei
Leserbriefen, Kettenbriefen, direkten Gesprächen mit Autorinnen und verantwortlichen
RedakteurInnen bis hin zu öffentlichen Streitgesprächen, Pressekonferenzen und
Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und in den Medienrubriken der
Tageszeitungen.
– Mitglieder übernehmen ehrenamtlich eine laufende Beobachtung von diversen Medien
und artikulieren ihre Kritik nach Kriterien wie:
33
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– eurozentristisch
– ausländerfeindlich - rassistisch
– militaristisch
– chauvinistisch - frauenfeindlich - oberflächlich
– nepotistisch
– subaltern
Sie machen einer siebenköpfigen Jury Vorschläge, wo und wie Media Watch mit seiner
Kritik bei den Medien und in der Öffentlichkeit vorstellig werden soll. Um Einseitigkeiten zu
vermeiden, wird die Jury zu einzelnen Fällen noch ergänzende »Schlechtachten« von
Experten einholen. Auch größere Recherchen sind geplant, bei denen
Medienwissenschaftler beteiligt werden. Alle aufgegriffenen Fälle und »Schlechtachten«
werden in einem medienkritischen Jahrbuch veröffentlicht.
Media Watch: Informationsbroschüre 1995.
34
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Karrikatur aus: Industriegewerkschaft Medien (Hrsg.): Ausbildungswege zum
Journalismus, Stuttgart 1993, S. 54.
M6
Verhaltenskodex des »Bensheimer Kreis«
1. Allzu idyllische oder Katastrophenstimmung verbreitende Bilder und Inhalte, die nur
Mitleid erregen und letztlich der Gewissensberuhigung dienen, anstatt zum Nachdenken
über Ursachen aufzufordern, sollten vermieden werden.
2. Menschen sollten immer im Kontext ihres sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen
Umfeldes dargestellt werden, damit ihre kulturelle Identität und Würde bewahrt bleibt.
Die gewachsene Kultur eines Landes sollte als integraler Bestandteil einer jeden
Entwicklung betrachtet und präsentiert werden.
35
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3. Berichten Betroffener sollte stets der Vorzug gegeben werden vor Darstellungen Dritter.
4. Die Fähigkeit der Menschen, ihr Leben in eigener Verantwortung selbst gestalten zu
können, sollte hervorgehoben werden.
5. Inhalte sollten so formuliert werden, daß sie Verallgemeinerungen im Bewußtsein der
Öffentlichkeit vermeiden.
6. Die internen und externen Hindernisse, die Entwicklung erschweren oder unmöglich
machen, sollten aufgezeigt werden.
7. Das Geflecht der gegenseitigen Abhängigkeit und daher die gemeinsame
Verantwortung zur Überwindung von Unterentwicklung sollten hervorgehoben werden.
8. Die (politischen, strukturellen oder natürlichen) Ursachen von Armut sollten deutlich
gemacht werden, so daß in der Öffentlichkeit ein Bewußtsein entstehen kann von der
heutigen Situation der Dritten Welt, aber auch von der Geschichte und dem strukturellen
Gefüge dieser Länder vor der Kolonialisierung. Ausgehend von der Situation heute und
im Wissen um den historischen Kontext müssen mögliche Wege der Überwindung von
extremer Armut und Unterdrückung gefunden werden. Machtkämpfe und
opportunistisch verfolgte Eigeninteressen sollten bloßgestellt und Ungerechtigkeit
angeprangert werden.
9. Inhalte oder Formulierungen, die in irgendeiner Hinsicht, sei es kulturell, religiös,
ethnisch, sexuell, sozioökonomisch oder in anderer Weise als diskriminierend
verstanden werden könnten, sollten vermieden werden.
10.Die Vorstellung von den armen, abhängigen und machtlosen Menschen der Dritten
Welt wird vor allem auf die Frauen dort angewendet, die stereotyp als abhängige Opfer
dargestellt werden, oder schlimmer noch, überhaupt nicht in den Blick kommen. Wo
also bestimmte Darstellungen in Materialien zur Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit der
Korrektur bedürfen, muß vor allem auch das von den Frauen in der Dritten Welt
gezeichnete Bild verändert werden.
11.Bei der Formulierung von Texten für die Bewußtseinsbildung und Öffentlichkeitsarbeit
sollten Partner aus den Ländern des Südens zu Rate gezogen werden.
Bilder und Botschaften, Praktische Leitlinien. Herausgegeben von dem Bensheimer Kreis,
einem Zusammenschluß verschiedener Nichtregierungsorganisationen der
Entwicktungszusammenarbeit, Bensheim 1991.
Manipulation und Zensur
In Massenmedien kann in vielfältiger Weise manipuliert werden. Anders als bei der rein
technischen und handwerklichen »Manipulation« dient das Weglassen oder hinzufügen
von Bildern und Informationen im politischen Medienalltag nur zu oft der Durchsetzung
36
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partikularer politischer Interessen. Durch Manipulation in Bild und Ton sind Kriege
legitimiert oder verharmlost worden. Die moderne Computertechnik der virtuellen
Bildanimation hat hier der Manipulation und Verschleierung ganz neue Wege und
Möglichkeiten eröffnet.
Video-Empfehlung: Filmsequenz 3
Siehe Seite 97
Didaktische Hinweise
1. Lesen Sie die Pentagon-Vorschriften (M 3). Anschließend wird das Papier in einer Pround-Kontra-Runde verteidigt oder kritisiert. Ein Diskussionsleiter und maximal 2 x 5
Personen beteiligen sich daran.
2. Analysieren Sie das »Manipulationsraster« (M 1). Fügen Sie weitere Möglichkeiten
hinzu,
3. Erörtern Sie die Definition von »Zensur« in M 2. Nennen Sie Beispiele von Zensur in
Politik und Kunst.
4. Unterlegen Sie das Bild (M 4) nacheinander mit einer »serbischen« und einer
»kroatischen« Unterschrift. Das Bild wurde im Februar 1995 in Sarajevo aufgenommen.
37
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Materialien
M1
»Manipulationsraster«
Manipulation im Fernsehen entsteht durch ...
–Unterschlagung von Bildern / Hinzufügung von Bildern
–Zu schnelle Schnittfolge / zu langsame Schnittfolge
–Kommentar und Bild stimmen nicht überein
–Ungenügende Recherche
–Überfrachtung durch Information
–Unterschlagung zugänglicher Informationen
–Eingriff in das Bildmaterial
–Tendenziöse Sprechweise
–Falschmeldungen
–Falsche O-Töne zum Bildmaterial
–»Propagandistische« Musik
–Falsche Übersetzung aus der Fremdsprache
–Vorzensur durch Sender / Nachzensur
–Bildmonopol durch Presseoffiziere (Militär)
–»Schere im Kopf« des Redakteurs
–Vermittlung von Feindbildern
M2
Was heißt »Zensur«?
Zensur ist die mit Machtmitteln versehene Kontrolle menschlicher Äußerungen. Sie führt
bei Bedarf zu rechtsförmigen und außerrechtlichen Sanktionen. Beispielsweise zur
38
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Behinderung, Verfälschung oder Unterdrückung von Äußerungen vor oder nach ihrer
Publizierung.
Durch die Bedrohung der beruflichen/bürgerlichen Existenzen zielt Zensur auf die
Internalisierung von Herrschaftsansprüchen. Selbstzensur ist das Resultat erfolgreicher
Zensur. Zensurmaßnahmen sollen die öffentliche Meinung vor Äußerungen schützen,
welche die bestehende Ordnung gefährden könnten: die Herrschafts-, Autoritäts- und vor
allem Eigentumsverhältnisse. Dabei wird die Unmündigkeit und das Schutzbedürfnis
bestimmter gesellschaftlicher Gruppen gegenüber solchen Äußerungen unterstellt. Von
dieser Vorstellung ausgehend, zielt Zensur auf die Entmündigung der Mehrheit der
Bevölkerung. Zensurmaßnahmen sollen die öffentliche Erörterung von Konflikten
einschränken, um Autoritäts- und Loyalitätsverluste einzudämmen und rückgängig zu
machen.
Michael Kienzle / Dirk Mende: Zensur in der BRD. München1Wien 1980, S.231.
M3
Pentagon-Vorschriften zur »Operation Wüstensturm«
beim Zweiten Golfkrieg 1991
Grundregeln
Über Nachfolgendes darf nicht berichtet werden, da eine Veröffentlichung oder Sendung
Operationen aufs Spiel setzen oder Menschenleben gefährden könnte:
(1)Bei US-Streitkräften oder Einheiten der Verbündeten Zahlenangaben über
Truppenstärke, Flugzeuge, Waffensysteme, Vorräte oder Versorgungsgüter (z.B.
Artillerie, Tanks, Radar, Raketen, Lastwagen, Wasser) sowie die Menge der zu
Verfügung stehenden oder vorrätigen Munition oder des Kraftstoffes bei Versorgungsund Kampfeinheiten. Die Truppenstärke sollte allgemein beschrieben werden mit
»Kompaniestärke«, »Multibataillon«, »Multidivision«, »Marinesondereinheit« und
»Transporttruppe«. Genaue Zahlen und Mengenangaben über Ausrüstung und Vorräte
sollen allgemein beschrieben werden mit »reichlich«, »wenig« oder »viel«.
(2)Jegliche Information über Einzelheiten künftiger Pläne, Operationen oder Luftangriffe
einschließlich abgesagter Operationen.
39
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(3)Informationen, Fotografien oder Bilder, auf denen die Stellungen der Militärstreitkräfte
erkennbar wären oder die den Sicherheitsstandard von Militäreinrichtungen und Lagern
zeigen würden. Stellungen können wie folgt beschrieben werden:
Berichte über die Kriegsmarine können den Namen des Schiffes enthalten, dem sich der
Bericht widmet, und angeben, daß der Bericht vom »Persischen Golf-, vom »Roten Meer«
oder vom »Nordarabischen Meer« kommt. Berichte aus Saudi-Arabien können
eingegrenzt werden mit »Östliches Saudiarabien«, »in der Nähe der kuwaitischen
Grenze« usw. Für spezielle Länder außerhalb Saudi-Arabiens gilt, daß der Bericht aus der
Region des Persischen Golfes kommt, es sei denn, das Land hat seine Teilnahme
bestätigt.
Richtlinien
Informationen über Verluste, die die nächsten Angehörigen betreffen, sind als höchst
sensibel zu betrachten. Die nächsten Angehörigen der Soldaten bei sämtlichen
militärischen Einrichtungen müssen persönlich von einem uniformierten Mitglied der
entsprechenden Einrichtung unterrichtet werden. Es ist schon vorgekommen, daß die
nächsten Verwandten vom Tod oder von der Verwundung eines Angehörigen zuerst durch
die Medien erfahren haben.
Das Problem ist besonders schwierig für visuelle Medien. Fotografien von Verwundeten,
auf denen man ein Gesicht, Namensschild oder ein anderes Identifikationsmerkmal
erkennen kann, sollten nicht veröffentlicht werden, bevor die nächsten Angehörigen
verständigt wurden. Den großen Schmerz, den ein plötzliches Wiedererkennen bei den
Angehörigen auslösen kann, wiegt den Nachrichtenwert der Fotografie, des Films oder
Videobands bei weitem nicht auf.
Die Berichterstattung über Verwundete in medizinischen Einrichtungen erfolgt streng nach
Anweisung der Ärzte und der Verantwortlichen in diesem Bereich.
Für Einzelpersonen der Medien, die sich Zutritt zum US-Kampfgebiet verschaffen
möchten, gilt folgende Regel: Vor oder bei Beginn von Kampfhandlungen werden
Medienpools eingerichtet, um Vorsorge für eine erste Kampfberichterstattung der USStreitkräfte zu treffen.
40
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Zitiert in: Heimo Schwilk: Was man uns verschwieg. Der Goltkrieg in der Zensur. Berlin
199 1, S. 69ff. - Hervorhebung C. H.
Foto dpa. Sarajevo – »Schuljungen spielen Fußball«
Die An- und Abmoderation im Fernsehen
Die Moderatorin oder der Moderator sind im aktuellen Fernsehprogramm »Verkäufer« der
Ware Nachricht, Feature oder Information. Sie sitzen während der Sendung meist live im
Studio und führen den Zuschauer in die einzelnen Berichte, stellen Zusammenhänge her,
deuten auf Hintergründe der folgenden Berichte. Im Falle des Weltspiegels oder des
Auslandjournals sind die Moderatoren der Sendung sehr oft auch selbst
Auslandskorrespondenten gewesen und kennen damit die journalistische Arbeit vor Ort.
Der Moderator ist Mittler zwischen Publikum und dem Medium Fernsehen.
Video-Empfehlung: Filmsequenz 1
Siehe Seite 93
Didaktische Hinweise
1. Die Materialien M 4 und M 5 enthalten Beispiele von An- bzw. Abmoderationen. Die
Texte werden in der Klasse vorgelesen. Die Schüler sollen danach versuchen, das
Gehörte so genau wie möglich schriftlich wiederzugeben. Was ist »hängengeblieben«,
was nicht?
41
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Vergleichen Sie die beiden Moderationen. Was ist gelungen, was ist zu kritisieren?
Benennen Sie sprachliche Besonderheiten.
2. Erstellen Sie das Idealprofil eines Moderators, welche Eigenschaften muß er haben (M
1).
3. Welche Moderatorinnen und Moderatoren, Korrespondentinnen und Korrespondenten
haben Sie schon einmal auf dem Bildschirm gesehen? Versuchen Sie, die auf Seite 56
abgebildeten Korrespondenten und Moderatoren zu identifizieren.
4. Vergleichen Sie die Aussagen von Kurt Stenzel und Nikolaus Brender und
unterstreichen Sie die Kritikpunkte der »Macher« (M 6 und 7). 5. Erstellen Sie eine
eigene Anmoderation zum Filmausschnitt »Ästhetik des Greuels« (Filmsequenz 6).
Materialien
M1
Der Moderator
-
gestaltet die An- und Absage;
-
gibt Hinweise auf die Konfliktherde, die in der Sendung angesprochen werden;
-
schafft eine geographische Orientierung; - erläutert Besonderheiten der Sendung;
-
gibt Hinweise auf die weitere Entwicklung; - trägt zusätzliche Fakten nach;
-
überbrückt oder glättet Schwächen des Beitrags,
-
muß über das angesprochene Thema sehr gut vorinformiert sein.
Die Moderation im Kommunikationsprozeß läßt sich schematisch wie folgt darstellen:
42
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Zeichnung aus: Jürg Häusermann/Heiner Käppeli: Rhetorik für Radio und Fernsehen.
Aarau/Frankfurt a.M. 1986, S.154.
Das gängige Modell der Kommunikation geht von einem Sender-Empfänger-Modell aus,
es hat Einbahnstraßencharakter. Beim Moderieren politischer Magazine geht man heute
von einer differenzierteren Vorstellung aus, die im Idealfall zur Interaktion der Rezipienten
führt. Der Moderator versucht die Welt »begehbar« zu machen und lädt den Zuschauer
zur Interaktion ein. Die rein sachliche Mitteilung des Moderators wäre demnach
aufgehoben zugunsten des persönlichen Kommentars, der handlungsorientiert sein kann,
in dem z.B. Änderungen oder Verbesserungen angemahnt werden. Die gelungene
Moderation schafft Orientierung, motiviert zum Zuschauen, macht komplexe Vorgänge
transparent, schafft den persönlichen Kontakt zwischen dem Sender und dem Publikum.
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M2
Der ideale Moderator
Der »ideale« Moderator ist ein Übermensch, heißt es. Er ist ein Profi, der zudem noch die
Eigenschaft besitzen muß, daß man es ihm nicht anmerkt, sondern ihn als vertrauten,
klugen Freund empfindet. Das bedeutet: Den idealen Moderator gibt es allenfalls
annäherungsweise: Er soll entspannt, aber nicht lässig wirken; ruhig, aber nicht langweilig
sein, überlegen, aber nicht arrogant: sprachgewandt, aber nicht maniriert, gut gekleidet,
aber nicht geckenhaft. Kurz: ein Mensch (ob männlich oder weiblich), den man gern
neben sich auf der Wohnzimmercouch wüßte.
Wie ein Programm beim Publikum ankommt, steht in direktem Zusammenhang mit der
Aufnahme des Moderators. Zuschriften in großer Zahl belegen, daß die Sendung mitsamt
ihren in Form und Inhalt sehr unterschiedlichen Beiträgen akzeptiert wird, wenn der
Moderator anerkannt wird. Wird er dagegen - aus welchen Gründen auch immer
abgelehnt, haben es auch noch so gute Beiträge schwer, »überzukommen«.
Gerhard Schult/Axel Buchholz (Hrsg.): Femsehjoumalismus. Ein Handbuch für Ausbildung
und Praxis. München 1993, S. 300.
M3
Auslandskorrespondenten (ARD)
Algier: ..................................
Gerd Böhmer (SWF)
Amman: ...............................
Jörg Kaminski (WDR)
Ankara: ................................
Michael Matting (SWF)
Brüssel: ...............................
Rolf-Dieter Krause (WDR)
..............................................
Udo Lielischkies (WDR)
..............................................
Helga Märthesheimer (WDR)
..............................................
Peter Pistorius (SFB)
..............................................
Irmtraud Richardson (BR)
..............................................
Hans Linketscher (SWF) u.a.
Buenos Aires: ......................
Jochen Nuhn (SWF)
44
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Genf: ....................................
Gerhard Irmler (SWF)
Istanbul: ..............................
Dieter Sauter(BR)
Johannesburg: .....................
Veit Lennartz (SDR)
Kairo: ...................................
Andreas Chichowicz (SDR)
London: ................................
Rolf Seelmann-Eggebert (NDR)
..............................................
Johanna Hüsch (NDR)
Madrid: ................................
Fritz Pfeiffer (HR)
Mexico-City: ........................
Peter Puhlmann (SWF)
Moskau: ...............................
Sonia Mikich (WDR)
..............................................
Ina Ruck (WDR)
Nairobi: ...............................
Hans-Josef Dreckmann (WDR)
..............................................
Hans Max Hübner (WDR)
Neu Delhi: ...........................
Matthias Woestmann (MDR)
..............................................
Harald Händel (MDR)
New York: ...........................
Petra Lidschreiber (WDR)
Paris: ...................................
Heiko Engelkes (WDR)
..............................................
Tina Hassel (WDR)
Peking: ................................
Marcus Lesch (NDR)
Prag: ....................................
Thomas Baumann (MDR)
Riga: ....................................
Michael Kipp-Thomas (NDR)
Rom: ....................................
Michael Mandlik (BR)
Singappur: ..........................
Patricia Schlesinger (NDR)
Tel Aviv: ..............................
Friedrich Schreiber (BR)
Tokio: ..................................
Robert Hetkämper (NDR)
Warschau: ...........................
Hardy Kühnrich (ORB)
Washington: ........................
Jochen Schweizer (WDR)
..............................................
Werner Sonne (WDR)
..............................................
Claus Kleber (WDR)
..............................................
Tom Buhrow (WDR)
Wien (Südosteuropa): ........
Peter M. Dudzik (BR)
..............................................
Detlef Kleinert (BR)
45
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Stand des Überblicks: Dezember 1995.
M4
Anmoderation (1)
»Wer Beirut gemocht hat, wird Mogadischu lieben.« - Mit diesem Satz ist ein
amerikanischer Botschafter im Nahen Osten berühmt geworden. Wie recht er doch hatte!
Der Libanon und Somalia sind Länder, wo man mit kurzatmigen Militäraktionen nur
scheitern kann. Am 18. März hat der letzte deutsche Blauhelm-Soldat Mogadischu
verlassen. Unsere Beteiligung war immer umstritten, politisch wie juristisch. Am 12. Juli
wird das Bundesverfassungsgericht entscheiden, ob der Einsatz verfassungskonform war.
Was rechtens ist, muß noch lang nicht politisch klug sein, kann es aber
selbstverständlich. Uns interessiert heute die schlichte Frage, was der
Bundeswehreinsatz den Menschen vor Ort gebracht hat. Christoph Maria Fröhder aus
Belet Huen.
Abmoderation
Traurig, aber wahr. Wieviele gute Vorsätze sind in Somalia regelrecht versandet!
Kurt Stenzel, SDR-Weitspiegel vom 3. 7. 1994.
46
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Fotos:Nikolaus Brender, Friedhelm Brebeck, Rolf Seelmann-Eggebert, Johanna Hüsch
47
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M5
Anmoderation (2)
Szenenwechsel. Unser Dauerthema Bosnien. Die einzige Konstante in dieser Tragödie ist
die Ungewißheit, wie es weitergeht. Wie oft haben wir in den letzten Jahren das Wort
entscheidend gehört. Der entscheidende Durchbruch, die entscheidende Schlacht, die
entscheidende Konferenz. Allen Entscheidungen gemeinsam war dann allerdings die
späte Erkenntnis, daß die Lage nachher noch verworrener war als vorher. Wir stehen
wieder vor einem derartig entscheidenden Schritt. Die Kontakt-Gruppe, bestehend aus
den USA, Rußland, Frankreich, Großbritannien und Deutschland, hat einen Friedensplan
vorgelegt, der Bosnien - und das ist der Knackpunkt - im Verhältnis 51 zu 49 Prozent
zwischen der muslimisch-kroatischen Föderation und den Serben aufteilt. Das heißt
konkret: Die bosnischen Serben, die heute 70 Prozent kontrollieren, müssen erobertes
Land zurückgeben, und das wollen sie unter keinen Umständen. Da ihre serbischen
Brüder in Belgrad, als letzte Verbündete, einen radikalen Kurswechsel vollzogen und
gegenüber den Serben in Bosnien ein Embargo verhängt haben, stehen sie hier mit dem
Rücken zur Wand. Allein gegen den Rest der Welt. Bunkermentalität macht sich breit.
Ulrich Schramm berichtet. [,,.]
Abmoderation
In Bosnien wurde in den letzten Jahren so viel getrickst, getäuscht, gelogen und betrogen,
daß jedes Urteil einem Va-banque-Spiel gleicht. Ist der Riß zwischen Belgrad und Pale,
zwischen Milosevic und Karadzic echt oder doch nur wieder eine neue Variante in einer
raffinierten Doppelstrategie? Ich glaube, es gibt Konflikte, die kann man außen kaum
verstehen, die kann man vielleicht nur verstehen, wenn man dort lebt. Der Bürgerkrieg in
Bosnien gehört dazu, ebenso der Krieg in Nordirland [ ... ].
Kurt Stenzel, SDR-Weitspiegel vom 14. 8. 1994.
M6
Nikolaus Brender über Moderation
48
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Das Anmoderieren gehört zum Schwierigsten, was es gibt. Und ich muß Ihnen sagen, als
ich den Weltspiegel abgegeben habe, da hat es mir auf der einen Seite Leid getan, weil
ich die Sendung sehr mochte und auch die Themen mochte. Auf der anderen Seite war
ich auch ganz froh, weil nach einer 30-Sekunden-Anmoderation können Sie sich immer
sagen: Ich habe den größten Mist erzählt. Die Verdichtung auf 30 Sekunden ist im Grunde
nicht zu schaffen. Das heißt, Sie können im Grunde dann nur mit Ihren eigenen
Erfahrungen operieren. Sie können auch mit sich selbst »hausieren« gehen, um den
Versuch zu machen, den Leuten, die Sie als Weltspiegel-Gemeinde vor sich haben, etwas
so zu verkaufen, daß sie Ihnen das abnehmen. Das wird sicher immer in die Hosen
gehen, und das merkt man auch an den Zuschauern, Zuschauerbriefen und Reaktionen,
wenn die Leute das Gefühl haben, der hat das Problem sowieso nicht kapiert oder hat es
persönlich auch gar nicht erfahren, und der erzählt dann irgendwelche angelesenen und
dann einfach selbst übersetzte Dinge. Das ist schwierig, aber der Moderator ist im Grunde
in dem Bereich ein Verkäufer. Das Wichtigste ist der Film, und der Moderator muß
vielleicht mit seinem Gesicht und seiner Persönlichkeit so überzeugend wirken, daß er so
die Rutschbahn zu diesem Beitrag schafft und die Zuschauer darauf einstimmt. Und er hat
natürlich auch eine technische Funktion. Er muß unterschiedliche Beiträge, die ja - wenn
man keine Schwerpunktsendung macht - aus allen Ecken der Welt kommen, so
zusammenbinden, daß es noch ein organisches Produkt ergibt. Für mich war der beste
Weltspiegel-Moderator Dagobert Lindlau, obwohl er ja nie Auslandskorrespondent war. Er
hat sich völlig freigemacht von gängigen Klischees, die er in den Zeitungen hätte finden
können. Er hat sich die Stücke wirklich angeguckt und damit intensiv beschäftigt. Danach
hat er das, was er unmittelbar empfand, dem Zuschauer vermittelt. Seine persönlichen
Zweifel und Fragen hat er immer mitvermittelt. Und das, denk ich, ist auch in der
gesamten Auslandsberichterstattung zunehmend wichtiger.
Nikolaus Brender im Gespräch mit dem Autor.
M7
Kurt Stenzel über Moderation
49
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Die Anmoderation der einzelnen Weltspiegel-Beiträge ist für mich nicht nur einfaches
Reinplaudern. Sie soll den folgenden Film einordnen und den geistigen, kulturellen und
politischen Hintergrund vermitteln, in dem man den Bericht sehen muß.
Ich lese mich vor jeder Sendung gründlich in die Thematik der Filme ein. Diese Zeit
nehme ich mir, das ist notwendig. Das heißt auch, daß ich jedesmal mit dem
Korrespondenten spreche, der den Film gemacht hat. Von ihm erhalte ich weitere
Einzelheiten zum Thema. Durch die vier Weltspiegel-Redaktionen und die zahlreichen
verschiedenen Korrespondenten ergibt sich eine Pluralität, die ich sehr interessant finde.
Also wie gesagt, ich bereite mich gründlich auf jede Moderation vor.
Für die Anmoderation habe ich durchschnittlich etwas mehr als eine Minute Zeit. Das
bringt Probleme mit sich und fordert den Moderator heraus. Er muß in dieser Minute
Zusammenhänge herstellen, das Interesse der Zuschauer wecken und den historischen
und internationalen Hintergrund vermitteln. Dies muß freilich so geschehen, daß sich
möglichst viele Menschen angesprochen fühlen und daß es von ihnen verstanden wird.
Die damit verbundene Verkürzung ist nicht einfach und hat ihre Tücken.
Bei der Abmoderation geht man aus naheliegenden Zeitgründen entweder gleich zum
nächsten Film über oder man kann von Fall zu Fall das Thema noch erweitern. Das haben
wir in jüngster Zeit aus aktuellem Anlaß auch getan. Es war ein Beitrag über islamische
Probleme. Wir hatten viel über Terror und Fundamentalismus berichtet. Ich dachte sagen
zu müssen, daß Fundamentalismus keine islamische Spezialität ist. Ich wollte damit dem
Neuaufkommen eines Feindbildes ein bißchen entgegensteuern. Es wird immer stärker,
wir müssen da aufpassen. Sicher, es gibt Eiferer und Terroristen. Aber der Moderator
muß sich dann eben auch bemühen zu erklären, warum der Fundamentalismus überhaupt
eine Chance hat. Ich habe in meiner Abmoderation versucht zu differenzieren. Bei dem
fraglichen Bericht ging es um Niger, wo islamischer Fundamentalismus einen sehr
negativen Touch hat. Ich habe in der Tat das Gefühl, daß in unserer Gesellschaft der
Islam in eine Rolle gedrängt wird, die falsch ist, Der Islam ist an sich eine sanfte Religion,
über Jahrhunderte, und ist es in überwältigender Mehrheit heute noch. Wo Terrorismus
mit dem Islam allzu salopp verbunden wird, da versuche ich z.B. in der Abmoderation
entgegenzusteuern. Ich glätte nicht, aber unter Umständen gewichte ich in der
Abmoderation neu.
50
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Kurt Stenzel im Gespräch mit dem Autor.
Die Macht der Bilder: Krieg als Medienspektakel
Die Kriegsberichterstattung im Bild und mit Bildern läuft nahezu parallel zur
Filmgeschichte. Das Bild, so will es scheinen, duldet zunächst keinen Widerspruch. Es hat
absoluten Charakter und gibt sich zunächst immer »objektiv«, weil es über seine
Entstehung, Auswahl und Arrangement nur sehr wenig »erzählt«. Das zwanzigste
Jahrhundert gilt zu Recht als durch die Optik geprägt. Wir leben heute in einer extrem
visualisierten Gesellschaft, die sich in starkem Maß auf den bildlichen Eindruck verläßt.
Die moderne Fernsehgesellschaft hat diesen allgemeinen Trend nochmals erheblich
verschärft. Die Krisen- und Kriegsberichterstattung ist ein ganz wesentlicher Bestandteil
des Fernsehens geworden. Das belegte nicht nur die Berichterstattung über den Zweiten
Golfkrieg, auch der Somalia-Einsatz der UNO und die Bilderflut aus dem ehemaligen
Jugoslawien bestätigen dies. Die Bilder bedienen allzu oft sensationelle Bedürfnisse und
signalisieren den knallharten Wettbewerb des Fernsehens um die blutigsten Bilder von
den Schlachtfeldern. Der Krieg hat sich für den Zuschauer zumindest tendenziell - auf den
Bildschirm verflüchtigt. Konflikte degenerieren zum Reality-Spektakel. Der behutsame
Hintergrundbericht hat es da schwer, die Analyse, die hinter die Oberfläche leuchtet, ist
die Ausnahme.
Empfehlung: Filmsequenzen 2 und 3
Siehe Seite 95, 97
Didaktische Hinweise
1. Die Materialien M 1 und M 2 enthalten Bilderfolgen aus zwei Fernsehberichten über
Somalia. Unter den - jeweils sechs - Bildern stehen die Originalzitate aus den
Fernsehsendungen.
-
Vergleichen Sie die beiden Bilderfolgen vom Bildmaterial und den Untertiteln her.
Worin sehen Sie Unterschiede hinsichtlich der dabei vermittelten Informationen
und Eindrücke über Somalia und die dort lebenden Menschen?
-
Bildergeschichten: Wenn die Fotos ohne die Originalunterschriften kopiert und
verteilt werden, können dazu neue »Bildergeschichten« erfunden und
51
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aufgeschrieben werden. Für die Bilderfolge M 1 (Landung der amerikanischen
Soldaten in Somalia) bieten sich unterschiedliche Perspektiven an: Schreiben Sie
eine Bildergeschichte aus Sicht des Reporters, aus Sicht eines der Soldaten (z.B.
in Form eines Briefes an seine Eltern in den USA) oder aus der Sicht eines
Somaliers.
-
Entwickeln Sie Schlagzeilen, die die Landung zum Thema haben, aus
unterschiedlichen Blickwinkeln (Befürwortung der Intervention in Somalia,
Ablehnung der Intervention) und für Zeitungen in verschiedenen Ländern
(Deutschland, USA, Somalia).
2. Erläutern Sie in freier Rede (1 Minute) den Somalia-Einsatz der UNO. Was waren die
Gründe? Nennen Sie kritische Aspekte des Einsatzes.
3. Was bewirkt die Bilderflut des Fernsehens im Extremfall (M 3 / M 4)?
Materialien
M1
Bilder von der Landung der US-Soldaten in Somalla
(ZDF-spezial, 9.12.1992)
»Sie sitzen da wie Models ...
...zum Abschuß für die Fotografen.«
»Drei Clanmitglieder...«
»Scheinbare Routine in Mogadischu,
als ginge ein ganz gewöhnlicher
Soldatentag zuende.«
52
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»Ratlosigkeit verbindet die amerikanischen Soldaten mit den Somalis.«
(Alle 5 Bilder aus ZDF-spezial: 9.12.1992)
M2
Bilder aus Somalia (NDR-Weltspiegel, 23.5.1993)
53
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»Der Chef des Ostclans empfängt uns«
»Niemals zuvor traf ich einen
somalischen Führer, der sich ohne
bewaffnete Leibgarde bewegte«
»Für die Bewässerung brauchen wir
Pumpen und Generatoren.«
»So viele Fremde, so viele Vertreter der
Hilfsorganisationen sind gekommen und
haben uns so viel versprochen.«
»Den Schwangeren und Gebärenden
fehlen Ärzte und Medizin.«
»Wenn der Regen Hiiran ergrünen läßt,
haben die Clans hier keine Probleme.
Es gibt keinen Streit zwischen ihnen.«
Alle 6 Fotos: Weltspiegel: 23.5.1993.
54
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M3
Schwarze Statisten
Nach dem Desaster in Somalia stürzten sich die westlichen Medien auf die Verhältnisse in
Ruanda. Alle denkbaren menschlichen Tragödien, die sich in beiden Ländern abspielten,
wurden bis ins kleinste Detail ausgeschlachtet. Die Berichte waren mit Zahlen von
blutigen Opfern vollgestopft. Bis auf ganz wenige Ausnahmen blieben die Opfer anonym.
Über die Europäer, die in Gefahr waren, erfuhr man Genaueres. Der bekannte Dritte-WeltJournalist Walter Michler hat verbittert festgestellt: »Schwarze Tote zählen weniger. «
Informationen und Nachrichten über Afrika widersprechen sich häufig. Je nach Haltung
und Sympathie des Korrespondenten werden Systeme und Regimes gerechtfertigt oder
verdammt. Politische Konflikte oder bewaffnete Auseinandersetzungen, deren historische
Zusammenhänge ein Journalist nicht begreifen kann, werden als »sinnlos« bezeichnet.
Die eigene Unwissenheit kaschiert sich dabei häufig hinter Zynismus. Der nigerianische
Schriftsteller Chinua Achebe hat es frühzeitig erkannt: »Das erste Beispiel für den
Fluchtversuch der Weißen vor einem wahrhaften Dialog ist der Auslandskorrespondent.«
Man muß lange nach Berichten und Reportagen über Afrika suchen, die nicht mit
Begriffen wie »Bürgerkrieg«, »Stammesfehde«, »Armut«, »Flucht«, »Seuchen« und
»Aids« übersät sind. Formulierungen wie »Bevölkerungsexplosion«, »Flüchtlingsstrom«
oder »Schwärme« suggerieren Bedrohung. Überfall, Angst. Viele Journalisten messen die
Menschenwürde mit zweierlei Maß. Allzu häufig fehlt es an Respekt und Toleranz
gegenüber anderen Kulturen, Nationalitäten, hautfarben. Die Diskriminierung findet
gleichermaßen in Wort, Ton und Bild statt. Journalisten und Journalistinnen müssen sich
die Frage gefallen lassen, wieviel ihre Berichterstattung zum Fremdenhaß und Rassismus
der Deutschen beiträgt.
Wenn es um negative Beschreibungen von Afrikanern geht, sind westliche Reporter und
Korrespondenten mit den Superlativen gar nicht sparsam. Doch wenn es gilt, Stärken und
Erfolge dieser Menschen hervorzuheben, scheinen die wortgewaltigen Europäer plötzlich
sprachlos zu sein. Es ist nicht zu leugnen, daß man aus Afrika kaum wirtschaftliche
Erfolgsstories vermelden kann und wenn, dann sind europäische Journalisten meist auf
55
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einem Auge blind. In einem Bericht der Frankfurter Rundschau über Eritrea, in dem
konsequent und minutiös das Image des Landes demontiert wird, erfahren die Leser
ausführlich, was Weiße für die Schwarzen tun und nicht tun. Dagegen werden die
durchaus vorzeigbaren Aufbaubemühungen und –erfolge der Eritreer in ihrem vom Krieg
zerstörten Land verschwiegen oder ignoriert.
Mekonnen Mesghena: Schwarze Statisten. In: journalist 1195, S. 20f.
M4
Kriegsbilder - Bilderkrieg
Im Wettbewerb hat die Nase vorn, der den Krieg zum reality tv verharmlost, mit 70 cm
Diagonale und dann Stopp. Den Schrecken an die Wand, d.h., auf den Bildschirm, zu
malen heißt, ihn dort zu bannen und zu lassen. Die immer wiederholten gleichen Bilder
von verschiedenen Schauplätzen erfüllen ihre Funktion nicht mehr. Daher der Zwang zum
exceptionellen, exklusiven Bild, weil andernfalls in der ersten Reihe zum Konkurrenzkanal
hinübergezappt wird. Es braucht die Nahaufnahme, um glauben zu machen, direkt
dabeizusein. Dies birgt ein doppeltes Risiko, sagt der Regisseur Franco Giraldi, nämlich
hypnotisiert zu werden vom »Reiz des Schreckens« und den Kontext zu verlieren. In
beiden Fällen besteht das »Risiko der Unwirklichkeit«. Die nahe, manchmal intime
Aufnahme kann Bände sprechen; im kommerziell erzwungenen Übermaß jedoch läßt sie
Zusammenhang und Übersicht verlorengehen.
Schlichter: Da, wo geschossen wird, ist nur ein Ausschnitt des Krieges zu sehen. Der
fängt lange vorher in den Köpfen an und kann in seinen Auswirkungen, die über
Generationen Gewicht haben, am allerbesten bei den Opfern erkannt werden. Sie und
ihre Schicksale sollten im Zentrum der Berichterstattung und jedweden politischen Kalküls
stehen. Das könnte die Ratlosigkeit brechen, jedenfalls das fürchterliche und gefährliche
Nichtstun überwinden und gleichzeitig blinden Aktionismus vermeiden helfen - ein Ansatz
für Friedensarbeit, wie sie von vielerlei gesellschaftlichen Gruppen probiert wird. [ ... ]
Schon in vielen Fällen hat allein die Anwesenheit von Journalisten Kriegshandlungen,
Mord und Leid ausgelöst, weil die Täter auf Multiplizierung der propagandistischen
Wirkung zählten. Bei dem balkanischen Massaker gibt es keine unschuldigen Zuschauer
56
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mehr; auch keinen Freispruch für die professionellen Beobachter. Medien spielten eine
üble Rolle schon vor dem offenen Krieg, der wohl ohne die systematische Aufhetzung von
Volksgruppen nicht ausgebrochen oder schnell zu Ende wäre: in Bosnien keine Bombe
ohne Medienkrieg.
Zwischen Krieg und Medien herrscht eine ambivalente, manchmal obszöne Beziehung.
Ob mit Selbstkontrolle und manchen Korrekturen ein verhängnisvolles Verhältnis
vermieden werden kann?
Roman Arens: Kriegsbilder - Bilderkrieg. In: Frankfurter Rundschau, 1. 2. 1994.
Der »elektronische« Krieg
Spätestens seit dem Zweiten Golfkrieg von 1991 wissen wir um die großen Gefahren der
Manipulation am Bildschirm. Es gab zwar nach Hundertausenden zählende Opfer, doch
der Krieg wurde dem Zuschauer als ein makabres »Videospiel« präsentiert, als ein asept:
sches Bildschirmereignis, das die Opfer weitgehend verschwieg. Möglich war dieser
»virtuelle« Krieg am häuslichen Bildschirm freilich erst durch die Integration perfekter
Zensurtechniken in den Medien. Was mit den Menschen geschah, wurde nicht zur
Kenntnis genommen oder bewußt verschwiegen. Beim NATO-Einsatz im ehemaligen
Jugoslawien Ende August 1995 gab es ganz ähnliche Fernsehbilder wie im Golfkrieg.
Auch hier dominierte Technikeuphorie in den Nachrichtensendungen. Nach den Opfern
fragte das Fernsehen nur ganz am Rande.
Empfehlung: Filmsequenz 3
Siehe Seite 97
Didaktische Hinweise
1. Was zeigen die Fernsehbilder, was verschweigen sie (M 1)?
2. Analysieren Sie die Karikatur M 2 anhand des Analysebogens (M 3).
57
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3. Welche Kritik äußert Nikolaus Brender am deutschen Fernsehen? Unterstreichen Sie
Kernaussagen (M 4).
4. Untersuchen Sie die Nachrichtensprache der Tagesschau. Gibt es Anzeichen für eine
»parteiliche« Sichtweise; was spricht für einen »objektiven« Standpunkt (M 5)?
5. Diskutieren Sie Glosse aus der Süddeutschen Zeitung (M 6). Was prangert sie an?
6. Gewichten Sie die Wörter (M 7) und deuten Sie ihre sprachliche Funktion.
Materialien
M1
Bilder vom NATO-Luftangriff
(Tagesschau, 31. 8. 1995)
Tagesschau: 31.8.1995.
58
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M2
Karikatur: Der Nebelspalter
M3
Frageraster für die Analyse von Karikaturen
Was sieht man? Welches Problem / Ereignis ist dargestellt? Welche Personen sind zu
erkennen? In welchen Lebenssituationen? Welcher Widerspruch wird aufgedeckt?
Was fällt besonders auf? Welche Mittel verwendet der Karikaturist? Auf weiche Weise
spricht er uns an? Wie werden Personen dargestellt? Welche Typisierungen werden
verwendet?
Wer hat die Karikatur gezeichnet? In wessen Diensten? Was ist überden Karikaturisten
bzw. seinen Auftraggeber bekannt? Welche Ziele verfolgt der Karikaturist? Welche bzw.
wessen Partei ergreift er?
Wann ist die Karikatur entstanden? Wo ist sie entstanden? Was wissen wir aus anderen
Quellen über diese Zeit?
59
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Was will der Karikaturist erreichen? Wen (was) greift er an und warum tut er das?
Welche Emotionen löst die Karikatur aus?
Wie wirkt die Karikatur
– auf die Zeitgenossen (Zielgruppen - Gegner - Nichtbetroffene)?
– auf uns?
– auf andere?
– Wie wird die Karikatur verbreitet (Zeitung, Flugblatt, Fernsehen usw.)?
– Wem gehört das Kommunikationsmittel? - Wer entscheidet über die Plazierung der
Karikatur?
Vgl. H. Uppendahl: Die Karikatur im historisch-politischen Unterricht. Freiburgl Würzburg
1978.
M4
Nikolaus Brender über Realität und Fiktionalität im Fernsehen im Golf-Krieg
Wir stellten am 17. Januar 1991 fest: Da ist Krieg, und es gibt keine Bilder. Also: Was
muß das für ein schlimmer Krieg sein, der keine Bilder liefert. Von allen Kriegen der Welt
hatten wir ja zumindest Bilder. Man konnte sie einschätzen.
Wieso sind Sie der Faszination der Bilder vom Krieg so erlegen?
Sie haben die Bilder ja selber gesehen: eine völlig neue elektronisch gesteuerte Technik:
die fernlasergesteuerten Bomben, was mit den Menschen direkt nichts mehr zu tun hatte,
von irgendwoher gelenkt war und ein Ziel traf, das sie nicht kannten. Es war kein Erster
oder Zweiter Weltkrieg mehr, wo man den Soldaten sah, der schoß, und den Menschen,
der starb. Das war eine Faszination. Auch die Sprache im Fernsehen gab das wieder. Die
Korrespondenten sprachen - als die ersten Bomben ins Ziel trafen - nicht mehr über die
furchtbaren Ereignisse, sondern waren nur noch fasziniert und fast gelähmt von dieser
neuen Technik. An Kriegen war in unserer Redaktion niemand beteiligt. Wir wußten nicht,
was Krieg ist. Wir waren eingebunden in das Spektakel Deutsche Einheit - ein
60
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Livespektakel. Die vielen Kriege, über die wir berichtet haben, das Massaker an den
Kurden oder der Krieg in Kambodscha waren sehr viel weiter weg. Der einzige Krieg, der
uns tangierte, war der Kalte Krieg. Aber der zeigte ja keine Bomben, der zeigte keine
Verletzten, der zeigte keine Toten.
Es gibt den Vorwurf an die Medien, zu sehr aus der Sicht der Täter berichtet zu haben.
Das ist richtig. Bei allen Kriegen gab es eine Pressezensur, nur das wollte man jetzt nicht
mehr wahrhaben. Das Medium Fernsehen, so wie es sich jetzt manifestiert, gibt sowohl
dem Zuschauer als auch dem Journalisten eine Art von Eigeneinschätzung der Virtualität.
Ich kann alles recherchieren, ich kann alles durchblicken, ich kann alles vernünftig
abwägen und überlegen, und ich kann alles zur Sendung bringen. Alles stimmt nicht. Ich
konnte nicht recherchieren, ich konnte nicht abwägen, ich konnte nicht vernünftig
nachdenken und ich habe alles, was ich nicht konnte, zur Sendung gebracht. Es war
totales Fernsehen mit null Informationen und trotzdem haben wir mitgemacht, Wir waren
von den Einschaltquoten fasziniert. Die Leute haben alles gesehen, haben geguckt wie
die Verrückten. Obwohl jeder wußte, da kommt nicht viel an Information. Es wurde
unglaublich oft wiederholt, Bilder wurden wiederholt, Aussagen wurden wiederholt, und
trotzdem haben die Leute geguckt.
Interview mit Nikolaus Brender.- » Wir haben unseren eigenen Krieg ausgefochten«. In:
Martin Löffelholz (Hrsg.): Krieg als Medienereignis. Opladen 1993, S. 172f.
M5
Tagesschau vom 30.8.1995 (Auszug)
Im Hintergrund eine Karte von Bosnien-Herzegowina. Schrift-Einblendung: »Militärschläge
gegen Serben« und »Sprecher- Joachim Braune«..
Guten Abend, meine Damen und Herren! Die Vereinten Nationen und die NATO haben in
Abkehr von ihrer bisherigen Bosnienpolitik jetzt massiv militärisch eingegriffen.
Kampfflugzeuge der westlichen Allianz fliegen im UN-Auftrag seit der vergangenen Nacht
Angriffe gegen serbische Stellungen. Hauptziel sind Stützpunkte im Raum Sarajevo. In
61
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der Stadt, die UN-Schutzzone ist, hatten die Serben am Montag ein Blutbad unter der
Zivilbevölkerung angerichtet.
Schnitt auf eine weitere Landkarte mit den Städten Sarajevo, Pale, Gorazde und TüzIa.
Der Bergzug Igman bei Sarajevo ist im Schaubild besonders markiert. Serbische Gebiete
und die moslemisch-kroatische Föderation sind farblich unterschieden,
An der Militäraktion beteiligt sich die Schnelle Eingreiftruppe, die an den Igman-Bergen
stationiert ist. Bombardiert wurden auch serbische Stützpunkte in der Nähe der
Schutzzonen Gorazde und Tuzla sowie in der Umgebung des Serben-Hauptquartiers
Pale. Deutsche Tornados sind bislang offenbar bislang nicht angefordert worden.
Schnitt: Himmel im Feuerschein. Geschütze donnern.
Es war etwa zwei Stunden nach Mitternacht, als eine gewaltige Explosion die Menschen
in Sarajevo weckte.
Schnitt: Grün erleuchteter Himmel. Schrift: »Bericht: Peter Dudzik.«
Dann ein riesiger Feuerball im Norden. NATO-Kampfflugzeuge hatten ein serbisches
Munitionsdepot in die Luft gejagt. Im Morgengrauen dann eine zweite Angriffswelle, ihr
Ziel: Radaranlagen, Luftabwehrstellungen, Kommandoposten der Serben.
Die Kamera verfolgt zwei Kampfflugzeuge, die ein Luftmanöver vollziehen. Im
Gegenschnitt zwei Kinder, die in den Himmel sehen, Der Schnitt suggeriert, daß die Kinder
die gezeigten Jets im Auge haben.
Freude sicher bei vielen Bewohnern der Stadt, aber auch Nachdenklichkeit und Angst.
Man fürchtet, daß die Serben noch gewaltiger zurückschlagen werden, als in den
vergangenen vierzig Monaten.
Kamera verfolgt auf der Straße fliehende Menschen, Sirene heult.
Nur wenige Menschen verlassen die Häuser. Die Serben nehmen verstärkt die Altstadt
mit Granaten unter Beschuß. Über Rundfunk werden die Bewohner von Sarajevo
aufgefordert, die Häuser nicht zu verlassen. Bei den Blauhelmen der UN wird die höchste
der Alarmstufen »Rot« ausgerufen, und als Vergeltung feuern die Serben mehrere
Granaten auf mehrere Stellungen der UN, Und auch die Schnelle Eingreiftruppe schießt
62
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zurück. 600 bis 700 Granaten werden von französischen, britischen und niederländischen
Soldaten abgefeuert. Fünfzehn Ziele haben sie im Visier. In Sarajevo wird es ruhiger.
Erster militärischer Erfolg: die serbische Artillerie rund um Sarajevo ist ernsthaft reduziert.
Bis zum Abend sind die NATO-Flugzeuge zum fünften Mal über Bosnien im Einsatz, 60
Maschinen insgesamt. Und um 17 Uhr 15 wird eine französische Maschine von einer
Boden-Luft-Rakete der Serben getroffen, in der Nähe der Serben-Hochburg Pale.
M6
Haßwort der Woche: »Hochburg«
Was unterscheidet den Serben denn nun wirklich von seinen balkanischen Gegnern?
Ganz recht, sein Heim ist's, nicht der Glaube oder die Politik. Denn der Serbe wohnt
offensichtlich recht gern in Burgen. Zugig mögen sie sein und kalt - Hauptsache, sie sind
hoch gelegen, des besseren Überblicks halber. Von der Zwingburg aus blickt der Serbe
des Hochmuts voll herab aufs einfache Völkchen der von ihm geknechteten Muslime und
Kroaten. Sie haben keine Hochburg und müssen deshalb - der Schluß drängt sich auf - in
geduckten Katen hausen. Ergreifend schlicht und übersichtlich wird die Welt gestaltet:
Überall verschanzt allein das Böse sich in der Hochburg - ob es nun Serben sind,
Fundamentalisten oder Rebellen. Sie ziehen die Zugbrücke hoch und stellen sich taub
und stur. Ein Glück, daß man die Hochburg stürmen, nehmen, schleifen kann. Da
schwingt ein wenig Bastille-Romantik mit, und auch bei Banja Luka drückt kein schlechtes
Gewissen.
Anonym. In: Süddeutsche Zeitung, 23. 9. 1995.
M7
Begriffe aus der Mediensprache
Wie werden die Begriffe im Lexikon erklärt?
Was verschleiern die Wörter in den Medien?
Wer verwendet sie?
Welche Synonyme gibt es?
63
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Bevölkerungsexplosion
Clan
Freischärler
Heckenschütze
Hochburg
Islamist
Fundamentalist
Kalter Krieg
Kampfgeschwader
Säuberung
Separatisten
Tarnkappenbomber
Terrorist
Vielvölkerstaat
64
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Der Krieg und die Opfer
Das Fernsehen zeigt in seiner Kriegs- und Krisenberichterstattung häufig Bilder von
Opfern der Kriege und der Hungersnöte. Dieses Bildmaterial kann die Zuschauer affektiv
berühren und ansprechen. Es kommt dabei sehr darauf an, in welchem Kontext diese
Bilder und Impressionen gezeigt werden. Der Zuschauer muß die Frage stellen, inwieweit
die Sequenzen über Tod, Hunger und Elend nur dazu dienen, voyeuristische Interessen
zu bedienen oder sich ein echtes und unmittelbares Interesse an den Opfern daran
ablesen läßt. Weiter ist die Frage nach der Perspektive zu stellen. Zeigt die Kamera auch
Bilder und Sequenzen von der »anderen« Seite oder wird solches wenigstens
angesprochen? Was wäre eine »serbische«, eine »kroatische« oder »somalische« Sicht
auf die Opfer?
Empfehlung: Filmsequenzen 5,6,7
Siehe Seite 101, 104, 105
Achtung: Bei Einsatz des Filmbeitrags 6 (Ȁsthetik des Greuel) der unter anderem
auf die Technik der Slow Motion abhebt, ist wegen des extremen Bildmaterials
eine besonders sorgfältige Abwägung durch die Pädagoginnen angezeigt.
Didaktische Hinweise
1. Wie verhalten sich Text und Bild in M 1 zueinander?
2. Schreiben Sie der elfjährigen Zlata aus Sarajevo einen Brief (M 2). Stellen Sie dar, wie
Sie den fernen Krieg über Radio und Fernsehen erleben, erlebt haben (25 Zeilen).
3. Was haben Sie über Vergewaltigungen im ehemaligen Jugoslawien gehört? Wie spricht
die Redakteurin über die Verbrechen? Wie informiert die Sendung (der Ausschnitt) M 3?
65
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Materialien
M1
»Die Krüppel von Sarajevo« (Weltspiegel, 15. 5.1994)
»Und auch die da sind
Beschädigte einer
Elitegesellschaft: junge
Vorzeigekrüppel, die
auch rauskommen ins
Ausland zur Therapie,
und immer haben sie
moderene Krücken.«
»Achmed aus Mostar.
32 Jahre, eine Mine. In
Sarajevo krückt er sich
durch die Strassen.«
M2
Tagebuch der Zlata Fillpovic
Donnerstag, 5. März 1992
Mein Gott! Jetzt ist es auch in Sarajevo losgegangen. Am Sonntag hat eine kleine Gruppe
bewaffneter Zivilisten (laut Fernsehen) bei einer Hochzeit einen serbischen Gast getötet
und einen Priester verletzt. Am 2. März waren überall in der Stadt Barrikaden aufgebaut.
Es sollen »Tausende« gewesen sein. Wir hatten kein Brot. Um sechs Uhr hatten die
Leute genug von der Ungewißheit und sind auf die Straßen gegangen. In einem Zug sind
sie von der Kathedrale aus losgezogen. Sie sind an der Nationalversammlung
vorbeigekommen. Dann sind sie durch die ganze Stadt gelaufen. In der Nähe der Kaserne
66
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»Marschall Tito« sind einige Menschen verletzt worden. Die Leute sangen und schrieen
»Bosnien, Bosnien«, »Sarajevo, Sarajevo«, »Wir werden zusammenleben« und »Haut
endlich ab«. Zdravko Grebo hat im Radio gesagt, das wäre ein historischer Augenblick.
Gegen acht Uhr haben wir gehört, wie eine Straßenbahnglocke bimmelte. Die erste
Straßenbahn, die wieder durch die Stadt fuhr. Sie brachte das Leben zurück, und die
Leute sind massenweise auf die Straße gegangen und haben gehofft 'daß so etwas nicht
wieder passiert'. Wir haben uns dem Friedensmarsch auch angeschlossen. Als wir nach
Hause kamen, haben wir ruhig schlafen können, Am nächsten Tag war alles wie immer.
Die Schule, die Musik ... Am Abend haben wir jedoch erfahren, daß 3000 Tschetniks aus
Pale unterwegs wären, um Sarajevo anzugreifen, vor allem die Bascarsija, das alte
türkische Viertel, Melica hat erzählt, daß vor ihrem Haus neue Barrikaden gebaut worden
sind, und daß sie diese Nacht nicht zu Hause schlafen werden. Sie sind zum alten Nedjad
gegangen. Später dann gab es ein Chaos im »JUTEL« [jugoslawisches
Fernsehprogramm]. Radovan Karadzic und Alija Izetbegovic haben beide geredet und
sich gestritten.
Ziata Filipovic: Ich bin ein Mädchen aus Sarajevo. Bergisch Gladbach 1994, S.28f.
M3
Protokoll der Mona-Lisa-Sendung vom 15. November 1992
Maria von Weiser
ML Mona Lisa heute aus unserem Bonner Studio. Guten Abend. Dabei stocke ich aber
eigentlich schon, denn ein guter Abend wird es sicherlich nicht werden, wenn Sie diese
Sendung angesehen haben. Bei den Vorarbeiten zu unserer ursprünglich vorgesehenen
Sendung »Asylgrund Frau« entdeckten wir nämlich, daß sich hinter dem Drama im
ehemaligen Jugoslawien ein schreckliches Horrorszenario für Frauen verbirgt: die
ständige systematische Vergewaltigung von Frauen, geplant von perfiden Kriegsführern
mit dem Kriegsziel, die muslimischen Frauen zu erniedrigen, ihre Persönlichkeit zu
zerstören, und eine klare Botschaft von Mann zu Mann, von Sieger zu Besiegtem: »Deine
Frau ist jetzt auch mein Besitz!« Die Frau also als Kriegsbeute. Von zigtausend Frauen ist
67
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da die Rede, interniert in sogenannten Vergewaltigungslagern - jeden Alters, aller
Nationen. Dreißigtausend dieser Frauen seien schwanger. Ja, und jetzt werden Sie
vielleicht zu Hause sagen, dieses Grauen ist bis jetzt nur Behauptung, noch nie bewiesen.
Wir können es in Mona Lisa jetzt beweisen - leider oder Gott sei Dank.
[...]
Sibylle Bassler hatte durch die Unterstützung der bosnischen Muslimin Aniza erstmals für
das Fernsehen die Möglichkeit, mit vergewaltigten muslimischen Frauen vor laufender
Kamera zu sprechen. Eines möchte ich aber noch sagen: Die Aussagen der Frauen sind
nicht unbedingt etwas für Kinder, auch wenn schon zwölfjährige Mädchen zu den Opfern
gehören.
Aniza:
Es ist egal, ob ich schweige oder nicht. Ich mußte ihn oral befriedigen. Vier oder fünf
Stunden lang. Und ich kann sagen, es war wirklich fürchterlich, weil, wenn ich es nicht
schaffte, daß er steif wird, und wenn ich es nicht schaffte, daß er zum Höhepunkt kam und
ich es schluckte, habe ich Prügel am Kopf und am Rücken bekommen und Ohrfeigen, so
daß mein Mund am nächsten Morgen durch diese Qualen geschwollen war. Psychisch
und alles, ich wußte nicht, was ich tun soll. Vierzehn Tage dauerte es, Tag und Nacht, so
daß mir von vierundzwanzig Stunden zwei bis drei Stunden zum Schlafen blieben.
Zagreb, 9. November 1992. Eine Flugstunde von München entfernt. Mitten in Europa. Wir
gehen den Meldungen nach, daß fünfzigtausend Frauen von Serben systematisch
vergewaltigt, mißhandelt, physisch und psychisch zerstört werden. In diesem
Flüchtlingslager sagt uns Aniza, vierunddreißig Jahre:
Aniza:
Manchmal passierte es, daß er zum Höhepunkt kam und mein Magen würgte und ich das
Sperma nicht schlucken konnte. Es rann aus meinem Mund. Dann hat er mich wieder
geprügelt und mir befohlen, es aufzulecken.
Aniza war neun Monate in serbischer Gefangenschaft, in einem Lager in Begeda, danach
im Militärgefängnis in Belgrad. Ein grauenhaftes Einzelschicksal oder ein Beweis für
systematische Massenvergewaltigung? Wir treffen Sorica und Asja. Es sind zwei Frauen,
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die sich in Eigeninitiative um Frauen kümmern, die in serbischen Gefangenenlagern
festgehalten und mißhandelt wurden.
Sibylle Bassler:
Sorica, sind die Vergewaltigungen Einzelaktionen von ein paar betrunkenen Tschetniks,
oder was ist es?
Sorica:
Es sind sehr oft bzw. fast immer Vergewaltigungen auf Befehl. Es sind
Massenvergewaltigungen bzw. massenhafte Vergewaltigungen. Es gibt auch Einzelfälle,
das will ich gar nicht bestreiten, Aber es sind Vergewaltigungen auf Befehl. Auf Befehl von
oben nach unten bzw. Befehl vom Oberst nach unten.
[...]
Maria von Weisen Am Ende wünschst du dir nur noch den Tod. Die Massenvergewaltigungen
im Krieg auf dem Balkan. München 1993, S. 67ff.
Krisennachrichten für Kinder
Kinder sind bekanntlich neugierig und wissenshungrig, doch nimmt das Fernsehen im
allgemeinen nur unzureichend auf die Interessen der Kinder und Jugendlichen Rücksicht.
Die Nachrichten- und Informationssendungen für Erwachsene werden gleichwohl von
Kindern angesehen, weil sie wie die Großen am Außergewöhnlichen und Spektakulären
teilhaben möchten. Das Gesehene kann nur in seltenen Fällen von den Kindern
selbständig verarbeitet werden. Die Bilderflut über Kriege, Entführungen und
Katastrophen stürzt auf die Kinder ungeordnet ein. Es gelingt dem jungen Fernsehklientel
nur schwer, Ordnung in Bild- und Höreindrücke zu bekommen. Auch Kinder mit günstiger
Sozialisation und breitem Vorwissen, das belegen neueste Untersuchungen, können die
Weltnachrichten nur unvollkommen verstehen, zumal die drastischen Bilder die
persönliche Einschätzung der Nachricht stark behindert. Kinder mit ungünstigen
Dispositionen sind fast nur dem Bildmaterial ausgeliefert. Es ist das primäre Angebot, das
von ihnen genutzt wird.
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Eine kindgerechte Medienpädagogik hat darauf zu achten, daß im Fernsehen selbst mehr
Informationsangebote für Kinder und Jugendliche zur Ausstrahlung kommen. Ein
»Kinderfernsehkanal«, der in der Diskussion ist, könnte hier Abhilfe schaffen, auch die
ZDF-Kindernachrichten am Nachmittag unter dem Sendetitel logo bemühen sich um die
spezifische Ansprache des jungen Publikums mit unterschiedlichem Erfolg.
Empfehlung: Filmsequenz 7
Siehe Seite 105
Didaktische Hinweise
1. Die Materialien M 2 und M 3 enthalten Informationen über die Kindernachrichtensendung logo.
-
Der ZDF-Presse-Text (M 2) gibt Einblick in die Intention der Sendung logo. Verfolgen
Sie im Fernsehen einige logo-Sendungen und bewerten Sie vor diesem Hintergrund
den eigenen Anspruch des Senders.
-
Erstellen Sie ein »ideales« Profil für Kindernachrichten: Welche Vorgaben würden Sie
einem Sender geben, der regelmäßig Nachrichten für Kinder ausstrahlen möchte?
Berücksichtigen Sie dabei die von Ihnen gesehenen Sendungen sowie den Text M 4
und das Interview mit Stefan Aufenager (M 5). Verwenden Sie als Hilfe bei der
Bearbeitung M 1.
2. Weichen Stellenwert räumt der inzwischen verstorbene Pädagoge Bruno Bettelheim
dem Fernsehen ein (M 6)? Teilen Sie diese Meinung?
Materialien
M1
Profil für Kinder-/ Jugendnachrichten
- Wortanteil:
Gering?
Hoch?
- Schnittfolge:
Rasch?
Langsam?
70
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- Themen:
Vielfältig?
Begrenzt?
- Schaubilder:
Viele?
Wenige?
- Musikanteil:
Hoch?
Niedrig?
- Identifikationsmuster:
Viele?
Wenige?
- Fremdwörter:
Viele?
Wenige?
- Erklärende Hinweise:
Viele?
Wenige?
– Welche Themen sollen die Nachrichten aufgreifen, welche nicht?
– Weiche Bilder (z.B. von Kriegsopfern, notleidenden Kindern) sollen gezeigt werden,
welche nicht?
– Wie lang sollen die einzelnen Berichte sein?
– Wer soll die Nachrichten sprechen? Männer? Frauen? Kinder? Jugendliche?
– Um wieviel Uhr sollen die Nachrichten plaziert werden?
– Sollen die Sendungen mehrsprachig sein?
– Was sollen die Sprecherin oder der Sprecher im Studio beachten (Kleidung, Wortwah
– Was ist bei Berichten über Krieg besonders zu beachten?
M2
ZDF-logo im Spiegel der Redaktion
Daß auch im nachmittäglichen Kinderprogramm die jüngsten Zuschauer durch
kindgerecht aufbereitete Nachrichten an die Geschehens- und Erlebniswelt unserer Zeit
herangeführt werden, gehört zu denjenigen Aufgaben einer öffentlich-rechtlichen
Fernsehanstalt, die mit am sensibelsten zu handhaben sind. In einer Zeit des aggressiven
Medienwettbewerbs, da selbst Kinder für kommerzielle Programme und deren
Werbestrategien instrumentalisiert werden, versucht das ZDF mit logo, Kinder - im
wörtlichen Verständnis von »Pädagogik« verantwortungsbewußt zu führen, nicht sie durch
die Suggestivkraft des Mediums zu verführen. Dies bedeutet auch, ihnen mit
angemessenen Mitteln die selten rosarote Realität der Erwachsenenwelt behutsam
näherzubringen. Kinder dürfen nicht unvorbereitet und unvermittelt mit den wirklichen,
nicht einmal mit den fiktionalen Realitäten des Mediums - Stichwort Gewaltdarstellung konfrontiert werden. Noch mehr als bei Erwachsenen muß Kindern eine dunkle,
71
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undurchsichtige und verwirrende Realität möglichst verstehbar erschlossen werden.
Informieren bedeutet hier nicht: Angst machen, sondern vor allem: erklärend Angst
nehmen - Kindernachrichten als Informationen gegen Angst. Denn je größer die
Geheimnisse, desto unvermeidbarer auch die Angst vor dem Ungewissen, desto
ungeheurer die damit verbundenen Vorstellungen, Träume und Alpträume derer, die
unsere Hoffnung für die Zukunft sind.
Das Problem gilt im übrigen aber nicht nur für Kinder, sondern für alle: Junge wie alte
Zuschauer wollen von den Programmachern ernst genommen werden, um auch ihrerseits
das Programm ernst nehmen zu können. Eine ständig neu auszubalancierende
Gratwanderung zwischen Ernst und Leichtigkeit gilt für das Gesamtprogramm des ZDF.
Es muß einerseits bunt und locker sein, darf aber andererseits nicht oberflächlich und
seicht werden; es muß einfach, aber anspruchsvoll, beruhigend und dennoch
herausfordernd, ermutigend und trotzdem realitätsgerecht sein. Fernsehen, zumindest im
öffentlich-rechtlichen Verständnis, ist primär kein fiktionales Heimkino, sondern ein
Fenster zur Welt. Es gibt nicht nur Einblicke in die bestehende Welt, sondern zeigt auch
Perspektiven auf, wie diese Weit zu gestalten und zu erhalten ist, wie düstere Realitäten
uns nicht abschrecken, sondern auffordern sollen, möglichst von klein auf mitzuarbeiten
an einer besseren, zumindest aber lebenswerten Welt von morgen.
Anonymus: logo. in: ZDF-Schriftenreihe. Heft 47. Mainz 1994, S. 24.
M3
logo berichtet über die Heimkehr der deutschen Soldaten aus Somalia
Kommentar (Frauenstimme):
In Somalia gab es kaum etwas zu essen, als die UNO-Soldaten kamen. Die Menschen
verhungerten, weil die verschiedenen Stämme sich einen schlimmen Bürgerkrieg lieferten
und es nicht genug Nahrung gab. Deshalb schickte die UNO-Truppen nach Somalia, die
Nahrungsmittel verteilten und für Ordnung sorgen sollten. Deutschland schickte auch
Soldaten für die UNO-Mission. Die Bundeswehr Soldaten waren in Belet Huen, im Süden
Somalias, stationiert. Dort bauten sie Straßen und bohrten sie Brunnen. Jetzt ist die
Mission für die deutschen Soldaten beendet. Die letzten von ihnen sind heute mittag nach
72
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Deutschland zurückgekehrt. In Somalia aber geht der Bürgerkrieg immer noch weiter,
denn den konnten auch die UNO-Truppen, zu denen auch die deutschen Soldaten
gehörten, nicht stoppen.
ZDF-logo vom 23. 3. 1994.
M4
Kinder und Fernsehinformation
Zu einem Problem gerät Fernsehinformation insbesondere für die Kinder, deren Eltern
einen unkritischen und undifferenzierten Zugang zu den Informationsangeboten bzw. ein
eingeschränktes Welt- und Menschenbild haben, was zwei Seiten der gleichen Münze
darstellt. Sie nehmen die angebotenen Pseudoinformationen an und erliegen dem Schein,
das Infotainment und das Reality-TV bildeten die reale Welt ab. Diese Haltung geben sie
an ihre Kinder weiter, was diesen die Möglichkeit versperrt, die Realität mit einem
weiteren Blick zu erfassen und deren mediale Vermittlung zu diskriminieren. Ihr
Gesichtsfeld wird eingeengt auf Bedrohungen und Gefahren.
[...]
Kinder sind neugierig und interessiert an der Welt und sie haben Fragen, auf die sie die
Antworten suchen. Die Informationsangebote des Fernsehens helfen ihnen kaum, ihren
Horizont zu erweitern. Im Gegenteil, sie sind für die meisten kontraproduktiv, weil zu
komplex, zu drastisch oder zu banal. Die Nachrichten bleiben den meisten Kindern
unverständlich oder verschrecken sie. Infotainment und Reality-TV bieten ihnen
vordergründig Verständliches; das aber ist letztlich inhaltsleere Information über eine
spektakuläre und gewaltdurchsetzte Welt, die die Kinder verwirrt und ihnen falsche
Vorstellungen andient.
Helga Theunert und Bernd Schorb: »Mordsbilder«: Kinder und Fernsehinformation. Berlin 1995,
S. 215 und 217.
M5
73
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Ein SPIEGEL-Gespräch mit dem Medienpädagogen Stefan Aufenanger
Spiegel:
Und was ist mit jenen Filmen, in denen Gewalt als Lust präsentiert wird? Immerhin sind im
deutschen Fernsehen pro Tag 70 Morde zu sehen...
Aufenanger:
Problematisch ist aus unserer Sicht eher die Gewalt im realen Kontext. Etwa in
Nachrichtensendungen, in denen die grausamen Bilder aus dem ehemaligen Jugoslawien
gezeigt werden. Davon sind Kinder wirklich geschockt, Ich finde, solche Bilder mit echtem
Blut und echten Leichen dürften in der Tagesschau nicht gezeigt werden.
Spiegel:
Ausgerechnet wenn das Fernsehen seinem Informationsauftrag nachkommt, würden Sie
den Jugendschutz bemühen?
Aufenanger:
Ist es wirklich eine Information, eine Kinderleiche in einer Blutlache zu zeigen? Das geht
doch viel mehr aufs Emotionale, man versucht ein Erlebnis zu schaffen. Die Frage ist, wie
Kinder damit umgehen, und wir wissen, daß sie Angst davor haben. Das ist richtiggehend
ein traumatisches Erlebnis, Der Informationswert solcher Bilder ist geringer als der
Schaden für die Kinder.[...]
Gerade in sozialen Problemlagen fehlt leider häufig die Auseinandersetzung über das
Gesehene. Da wird das Fernsehen dann zum Teufelskreis, weil die Kleinen immer mehr
schauen, um sich aus der Realität zu flüchten. Und dann hilft ihnen niemand mehr, das
Gesehene zu verarbeiten.
Spiegel.
Wäre es nicht Aufgabe der Schule, sich damit auseinanderzusetzen?
Aufenanger:
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Leider wird die Medienerziehung in den Schulen und Kindergärten ziemlich
vernachlässigt, nicht zuletzt wegen der medienfeindlichen Einstellung vieler Lehrerinnen
und Lehrer, die sich damit der Medienwelt verschließen. Wenn da einer ankommt und
sagt: »Eh, boah, ich hab' Rambo angeguckt«, dann heißt es gleich: »Was, so'n Mist
schaust du an, darüber wollen wir gar nichts hören. «
Spiegel-Special-Interview mit Stefan Aufenanger, Nr. 811995, S. 131f.
M6
Bruno Bettelheim: Kinder und Fernsehen
Es gibt kaum eine Sendung, aus der ein Kind nicht vieles lernen könnte, sofern ein
verantwortungsbewußter Erwachsener die notwendigen Instruktionen gibt. Selbst
Sendungen mit gewalttätigen Szenen sind keine Ausnahme, doch darf das Kind nicht so
verängstigt oder so wütend sein, daß es vom Geschehen völlig überwältigt wird. Es ist für
Kinder sehr wichtig, daß sie die richtigen Einstellungen zur Gewalt entwickeln; die Augen
vor existierender Gewalt zu verschließen, kann wohl kaum als konstruktive Haltung
gelten. Jedes Kind muß lernen, was an der Gewaltanwendung falsch ist und aus welchem
Grund, warum es Gewalt gibt und wie man mit ihr bei sich selbst und bei anderen
umgehen soll.
Bruno Bettelheim: Kinder und Fernsehen. In: Ders.: Zeiten mit Kindern. Freiburg 1994 (2.Aufl.),
S. 75f.
Fernsehen hilft Helfen
Das Fernsehen ist ein Medium, das sich von Anbeginn der tätigen sozialen Hilfe
verpflichtet hat. Zahllose Lotterien, Glücksspiralen und Benefizveranstaltungen legen ein
beredtes Zeugnis für dieses Engagement ab. Das ZDF zum Beispiel erwirtschaftete den
Trägern gemeinnütziger Einrichtungen in der Bundesrepublik im Verlauf von 30
Fernsehjahren rund 2,19 Milliarden Mark an Einkünften. Auch auf dem Sektor der
internationalen Katastrophenhilfe hat sich das Medium oft eingeschaltet, sei es bei der
Unterstützung Hilfsbedürftiger bei Überschwemmungen oder Erdbeben, sei es bei
caritativen Aktionen für die Eingeschlossenen von Sarajevo. Ein solches Hilfs-Programm
75
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startete beispielsweise das ZDF im Winter 1993. Die Instrumentalisierung der Kriegsnot
im Dienste der Unterhaltung kann dabei nicht immer exakt von der real geleisteten
materiellen Hilfe unterschieden werden. Das Fernsehen macht hier oft eine
Gratwanderung zwischen inszeniertem Reality-TV und objektiver Hilfe. Das Medium
provoziert dabei oft Mitleid, wobei nicht immer sicher ist, ob die menschliche Teilhabe im
Vordergrund steht oder die nackte Fernsehshow, die Sensation als
Einschaltquotenfänger. Der Zuschauer hat dieses Spannungsfeld zu durchmessen, um
dann zum eigenen Urteil zu gelangen. Die ZDFspezial-Sendung »Sarajevo soll leben!«
vom 12. 12. 1993 führte diese heikle Problematik vor Augen.
Empfehlung: Filmsequenz 9
Siehe Seite 108
Didaktische Hinweise
1. Die Materialien M 2 bis M 4 enthalten Informationen über die ZDF-Sendung »Sarajevo
soll leben«.
-
Gestalten Sie eine Jugend-Sondersendung »Hilfe für Kriegsopfer«. Entwerfen Sie den
Ablauf und Inhalt einer fiktiven Fernseh-Sondersendung zugunsten einer im Krieg
eingeschlossenen Stadt. Die Sendung soll speziell Jugendliche ansprechen und zum
Engagement ermutigen. Was sollte die Sendung beinhalten, wie könnten die einzelne
Programmteile aussehen? Sollten Personen des öffentlichen Lebens auftreten? Wenn
ja, welche? Welche Musiktitel sollten gespielt werden? Gibt es eine Live-Schaltung in
die betroffene Region? Was wird abgesehen von Spendensammlungen noch als
mögliche Hilfsaktion angeboten? Als Unterstützung können Sie M 1 verwenden.
-
Briefaktionen: Schreiben Sie aufgrund der Vorgaben M 3 und M 4 einen Brief an das
ZDF und machen Sie konkrete Vorschläge für Hilfsmaßnahmen, die das Fernsehen
veranlassen kann. Formulieren Sie einen Forderungskatalog an die UNVollversammlung mit der Bitte um konkrete Hilfe für Sarajevo.
2. Was beklagt der Journalist Zeljko Vulkovic in seinem Bericht (M 6)? Können Sie die
Kritik nachvollziehen? Welche Konsequenzen sollten aus der Kritik für die Live-Berichte
aus Kriegsgebieten gezogen werden?
76
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Materialien
M1
Programmvorschläge für eine Sondersendung
1. Interviews mit Eingeschlossenen.
2. Musik.
3. Gespräch mit UN-Soldaten.
4. Telefonaktion mit aktuellem Spendenkonto.
5. Streitgespräch zwischen einem »Pazifisten« und einem »Bellizsten« - militärisches
Eingreifen ja oder nein?
6. Sportler äußern ihre Meinung.
7. Direktschaltung zum UN-Generalsekretär.
8. Zuschauerbefragung.
9. Diskussion mit deutschen und betroffenen ausländischen Bürge über eine
Friedensordnung.
10.Patenschaften werden vermittelt.
11.Musik.
12.Weitere Vorschläge.
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ZDF-spezial: 12.12.1993
M2
Pressemittellung (1)
Zur Hilfsaktion »Sarajevo soll leben« rufen ZDF und DRK auf, um mit Spenden das Elend
in Bosnien zu lindern. »Wir wollen nicht nur berichten, wir wollen »Helfen«, so begründete
Chefredakteur Klaus Bresser die Aktion. Zahlreiche Prominente, Politiker und Künstler
setzen sich dafür ein. Es sei nicht das erste Mal, erklärt Bresser, daß sich das ZDF für
eine solche Aktion entscheide. Neben der ständigen »Aktion Sorgenkind- war es im
Winter 1990/91 »Helft Rußland« sowie zwei Jahre später »Menschen in Not« für die
Bürgerkriegsopfer im ehemaligen Jugoslawien.
ZDF-Jahrbuch 1993, S. 37.
M3
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Pressemittellung (2)
Sendung »Sarajevo soll leben« am 12.12.1993
– ZDF und DRK rufen gegen das Elend in Bosnien zu Spenden auf.
– Prominente unterstützen die Hilfsaktion.
– Chefredakteur Bresser: »Berichten allein reicht nicht mehr aus.«
– Wir wollen nicht nur berichten, wir wollen helfen«, so begründete Chefredakteur Klaus
Bresser die Aktion »Sarajevo soll leben«, die das ZDF gemeinsam mit dem Deutschen
Roten Kreuz begonnen hat.
Seit einer Woche läuft die Hilfsaktion, am Sonntag werden die Zuschauer in zwei
Sendungen direkt aus Sarajevo noch einmal zu Spenden aufgerufen werden - in Ruprecht
Esers Gesprächsrunde »halb 12« um 11.30 Uhr und in der Sondersendung »Sarajevo soll
leben« um 18.15 Uhr, die von Maria von Welser und Eser moderiert wird.
»Wer diesen Krieg, die Brutalität und das Elend solange schon verfolgt«, so Bresser, »der
muß sich über die tägliche Berichterstattung hinaus engagieren. Wir versuchen das mit
dieser Aktion.«
Eine große Zahl von Prominenten, Politikern und Künstlern setzen sich für die
gemeinsame Hilfsaktion von ZDF und Deutschem Roten Kreuz ein. In kurzen Spots
werben sie seit einigen Tagen für Spenden.
Bundeskanzler Helmut Kohl, Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth, Außenminister Klaus
Kinkei und Arbeitsminister Norbert Blüm unterstützen die Aktion ebenso wie der SPDParteivorsitzende Rudolf Scharping und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident
Johannes Rau.
Künstler aus dem Osten wie aus dem Westen Deutschlands rufen zur Hilfe auf, darunter
Inge Meysel, Gunther Emmerlich, Horst Tappert, Fritz Wepper, Carolin Reiber, Max
Schautzer, Ron Williams, Claus-Theo Gärtner und Brigitte Mira. Sowohl die
Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden, als auch der Zentralverband des Deutschen
Baugewerbes spendeten bereits je 50.000 Mark für die Opfer in Bosnien, die dem DRK im
Rahmen der WISO-Sendung am 16. Dezember übergeben werden sollen.
79
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M4
Interview aus Sarajevo mit Ruprecht Eser
Das ZDF widmet zwei Sendungen am kommenden Sonntag, 12. Dezember 1993, der
gemeinsamen Hilfsaktion mit dem Deutschen Roten Kreuz »Sarajevo soll leben«. Zur
Vorbereitung der Sendungen »halb 12 - Eser und Gäste« und »ZDF-spezial: Sarajevo soll
leben« halten sich derzeit die ZDF-Moderatorin Maria von Welser und Ruprecht Eser in
der bosnischen Hauptstadt auf. Die folgenden Antworten übermittelte Ruprecht Eser auf
Fragen der Leipziger Volkszeitung. Mit deren Einverständnis stellte das ZDF das folgende
Interview der Presse allgemein zur Verfügung (Nennung der Leipziger Volkszeitung
erwünscht).
1. Zunächst bitte eine kurze Beschreibung der aktuellen Situation Wasser, Strom und
Temperaturen et cetera, was gehört zur Sicherheitsausrüstung, wie wohnen Sie im Hotel
wenige hundert Meter entfernt von der Frontlinie?
Eser:
Manchmal gibt es Wasser - zur Zeit gibt es keines, auch in unserem Hotel nicht. Ich hatte
nach Ankunft einen 10-Liter-Kanister im Keller organisiert, und Maria von Welser hat sich
am nächsten Morgen eine Feldflasche voll geholt.
Strom gibt es im Augenblick - sicher ist nur, daß er bald wieder ausfällt, und die
Temperaturen sind nicht ganz so schlimm wie sie schon waren. Aber wer hinter
zerschossenen Fenstern in naßkalten Betten liegt, der findet auch keinen Schlaf, und
dieser Winter wird noch Opfer fordern, die erfrieren.
Die täglichen Toten gibt es sowieso, Feuer von Heckenschützen, Granateinschläge - das
klingt lapidar, und viele Menschen nehmen es so - äußerlich. heute waren wir auf einem
Friedhof, da waren neue Gräber ausgehoben, auch wenn noch keiner weiß, wer hier
liegen wird. Die Opfer leben noch, die Gräber gibt es schon. Die Frontlinie ist 200 Meter
vom Hotel entfernt, wir wohnen auf der Rückseite, vorn ist alles zerschossen.
2. Wie fühlt man sich als Journalist in solch einer Situation? Was überwiegt - allein Angst
oder etwa doch das Gefühl, in seinem Job endlich mal das Optimale tun zu können?
Eser:
80
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Wie fühlt man sich? Man fühlt jeden Augenblick. Es überfällt einen heulendes Elend in
einem Klassenzimmer, das von einer Granate getroffen wurde - drei Kinder und die
Lehrerin wurden getötet. Dann geht man trotz des Feuers der Heckenschützen und
Granateinschägen durch die Stadt und hat kaum ein Gefühl der Bedrohung, weil es so
unglaublicher Wahnsinn ist, daß man für Sekunden hofft, das alles sei nicht wahr.
3. Gab es in Ihrem Berufsleben vergleichbare Einsätze?
Eser:
Es gab sie nicht, noch nie habe ich soviel Leid, soviel stille Würde und soviele tote
Gesichter von Lebenden gesehen. Die Menschen schreien nicht mehr, und die Stille
macht den Hilfeschrei für uns Journalisten nur noch lauter, die wir doch nur Zaungäste
dieses Krieges sind.
4. War das allein Ihre Entscheidung, nach Sarajevo zu gehen? Was sagt ihre Familie
dazu?
Eser:
Jeder von uns - die Kameramänner Baldur Freek und Hermann Engel, die Kolleginnen
Maria von Welser und Anja Stoy, Producer Klaus Schneller und die anderen Kollegen
-jeder weiß, warum er hier ist und redet nicht groß darüber. Ich habe zuhause mit meiner
Frau gesprochen. Ihr ist nicht wohl (wie mir auch), aber sie weiß, warum ich hier bin.
5. Darf man sich solch einen Einsatz zumuten? Wie weit darf der persönliche Ehrgeiz
gehen - Sie setzen ja trotz aller vermeintlichen hundertprozentigen Sicherheit Ihr Leben
aufs Spiel?
Eser:
Es ist für keinen von uns persönlicher Ehrgeiz, schon gar nicht für unseren Wiener
Korrespondenten Bernhard Lichte, der ständig hier ist. Zwar gibt es Helm und
kugelsichere Westen, aber eine Lebensversicherung ist das nicht, und manchmal
schämen wir uns vor den Menschen, die in Hemd und Jacke unterwegs sind.
6. Journalisten begeben sich an die Front - vermissen Sie solches Engagement bei den
Politikern? Sind deren Statements aus dem sicheren Heimatstudio nicht viel zuwenig?
81
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Eser:
Wir sind nicht besser als Politiker. Wir machen unseren Job, und wir versuchen, ihn
ordentlich zu machen. Aber manchmal wäre es schon gut, wenn Politiker das hier sehen
würden - man wird wortlos und darf trotzdem nicht schweigen. Deshalb sind wir hier, denn
»Sarajevo soll leben«, es muß überleben.
Leipziger Volkszeitung. Dezember 1993.
M5
Das Potemkinsche Sarajevo
Wer wenigstens einmal für ein paar Stunden während des Krieges in Sarajevo gewesen
ist, müßte wissen, daß es zwei Sarajevos gibt. (Diese Information ist zwingend, weil sich
der uninformierte Gast sonst unversehens an der Frontlinie wiederfinden könnte, die
durch das Zentrum der Stadt verläuft...) Der eine Teil Sarajevos ist unter der Kontrolle der
Truppen Izetbegovics, der andere wird von Karadzics Armee kontrolliert. Warum ist es
wichtig zu wissen, daß es zwei Sarajevos gibt? Weil dieses andere Sarajevo, das
verschwiegen wird, genauso von Granaten zerstört worden ist, weil auch in diesem
Sarajevo Zivilisten durch Heckenschützen, Handgranaten oder andere Waffen starben
und immer noch sterben. Über diese Opfer schweigt man, obwohl sie genauso unschuldig
sind wie jene aus dem »bekannten« Sarajevo. Warum schweigt man? Weil es das Bild
über Sarajevo zerstören würde, jene Darstellung, die von der Stadt und ihren Bewohnern
als den Opfern von nur einer Kriegspartei berichtet. Damit aber wird ein Verbrechen durch
ein anderes amnestiert. Das bedeutet - es wird auch unterstützt! Eine Rechtfertigung
dafür kann es auch dann nicht geben, wenn man auf die Qualität der Verbrechen verweist
bzw. auf die Tatsache, daß Karadzics Armee das viel größere Verbrechen begangen hat.
Denn für beide Armeen sind die Stadt und ihre Zivilbevölkerung bewußte Ziele gewesen.
Somit kann vom Töten zum Zwecke der Selbstverteidigung keine Rede sein.
Über die Existenz des anderen Sarajevos, das - was die Lebensumstände anbelangt - das
gleiche Schicksal teilt wie jenes erste, bekannte, spricht man auch deshalb nicht, weil es
die allenthalben etablierte Vorstellung zerstören würde, die Bewohner der Stadt würden
gegen »Barbaren, die aus anderen Gegenden kommen« Krieg führen. Wenn
82
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man über das andere Sarajevo spräche, würde deutlich werden, daß auch dort
Einheimische leben und kämpfen. [...]
Zeljko Vukovic: das Potemkinsche Sarajevo. In: Klaus Bittermann (Hrsg.): Serbien muß
sterbien, Berlin 1994, 2. Aufl., S. 167f.
Friedensarbeit im Krieg
Über die friedliche Beilegung von Konflikten berichtet das Fernsehen nur selten, es sei
denn, diese Aktivitäten sind von den Eliten und Politikern vorbereitet worden. Dies kann
daran liegen, daß es in der Tat weniger Friedensprozesse im Vergleich mit kriegerischen
Auseinandersetzungen zu verzeichnen gibt; es mag aber auch sein, daß das Medium die
unspektakulären Friedensbemühungen von Gruppen, Sektionen und Initiativen allzu leicht
übersieht und in die eigene Berichterstattung nur selten miteinbezieht.
Empfehlung: Filmsequenz 10 und 11
Siehe Seite 110, 112
Didaktische Hinweise
1. Versuchen Sie einen aktuellen Bericht aus dem auslandsjournal oder dem Weltspiegel
nach den Kriterien M 1 zu überprüfen. Prüfen Sie in dieser Hinsicht auch die
Filmausschnitte 10 und 11.
2. Was erfährt der Zuschauer im Filmausschnitt 10 über die Frauen in Schwarz.
Verwenden Sie ergänzend M 2. Sind die Informationen ausreichend?
3. Ergänzen Sie die Vorschläge M 3 um wenigstens drei weitere Punkte.
4. Überprüfen Sie die »Acht Prinzipien für eine Konfliktlösung« (M 4) für die Praxis der
Fernsehberichterstattung. Wo wird es Schwierigkeiten bei der Umsetzung geben?
Weiche der genannten »Prinzipien« können mit einfachen Mitteln umgesetzt werden?
5. M 5 schildert den (erfolgreichen) Versuch einer friedlichen Konfliktbearbeitung im Krieg
durch das Engagement betroffener Bürger im ehemaligen Jugoslawien. Wie könnte
diese Story in einem Filmbeitrag umgesetzt werden? Erstellen Sie einen Drehbuch.
Was muß im Bild gezeigt werden? Wer sind die Interviewpartner? Welche
Hintergrundinformationen müssen geliefert werden?
83
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Materialien
M1
Fragen zum Umgang mit im Fernsehen gezeigten Konflikten
– Worum geht es? Was ist die Streitfrage?
– Wer sind die Konfliktparteien?
– Wie ist der Konflikt entstanden ?
– Wird die Streitfrage in Teilproblemen dargestellt?
– Wie könnte eine Schlichtung aussehen; wird sie formuliert?
– Welchen Beitrag leistet der Fernsehbericht zu einem Friedensprozeß?
– Soll das Fernsehen im Konfliktfall Partei ergreifen?
– Wie könnte das geschehen?
M2
Demonstrierende Frauen in Belgrad
Weltspiegel: 28.2.1993
84
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M3
Zehn Vorschläge für eine andere Kriegsberichterstattung
1. In jedem Krieg sollte der Journalist sich bemühen, seine Story von allen Seiten zu
beleuchten.
2. Im Krieg sollten die Medien darauf drängen, Zugang zu Ereignissen, Menschen und
Themen zu bekommen.
3. Um eine umfassende Berichterstattung zu gewährleisten, sollten Journalisten Eliten
nicht übermäßig als Quellen nutzen, sondern bestrebt sein, verschiedene »Autoritäten«
und »Experten« ausfindig zu machen.
4. Es wäre vernünftig, wenn die Medien in ihrer Kriegsberichterstattung eine Glorifizierung
der Technologie vermeiden würden.
5. So inhuman es auch scheinen mag, die Medien sollten nicht darauf verzichten, auch
drastisch-anschauliches Material (»blood-and-guts« Stories) zu verwenden, nur weil
einige so etwas als abstoßend empfinden.
6. Die Medien sollten sinnvolle und gut geschriebene Berichte über »normale Leute«
anbieten. Denn damit können sie eine personalisierte Darstellung des Krieges
präsentieren, die auch angebracht ist.
7. Die Medien können eine Vielzahl von Stories anbieten - und das schließt
Hintergrundberichte ausdrücklich ein.
8. Die Medien müssen sich bewußt sein, daß »Nachrichtenmacher« versuchen, sie zu
manipulieren.
9. Es ist eine Gefahr, wenn Medien oder Journalisten selbst zur Nachricht werden. Das
Problem liegt in der Ablenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit von den wahren
Problemen des Krieges.
10.Es ist wichtig, daß Nachrichtenmedien in ihrer Berichterstattung Friedensinitiativen
thematisieren und fördern. Die Presse kann eine zentrale Rolle bei
Konfliktlösungsversuchen spielen und friedliche Lösungen fördern.
Nach Richard C. Vincent/Johan Galtung: Krisenkommunikation morgen. Zehn Vorschläge für
eine andere Kriegsberichterstattung. In: Martin Löffelholz (Hrsg.): Krieg als Medienereignis,
Grundlagen und Perspektiven der Krisenkommunikation. Opladen 1993, S. 177 ff.
M4
Acht Prinzipien für eine Konfliktlösung
85
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MitarbeiterInnen der Stiftung für Friedens- und Zukunftsforschung in Schweden haben
angesichts des Krieges im ehemaligen Jugoslawien acht Prinzipien entwickelt, um
Konflikte zu verstehen und zu lernen, gewaltfreie Lösungsmöglichkeiten zu finden.
1. Interessen: Versuche Interessen zu erkennen und begnüge Dich nicht mit offiziellen
Erklärungen!
2. Menschen: Unterscheide zwischen den Menschen und den Problemen!
3. Optionen: Überlege Dir viele Handlungsmöglichkeiten, bevor Du Dich entscheidest, was
zu tun ist. Durchdenke nicht nur Deinen eigenen Schritt, sondern eine Reihe von
möglichen Schritten und Gegenbewegungen!
4. Kriterien: Achte darauf, daß das Ergebnis allgemein verbindlichen Kriterien genügt!
5. Wahrheit: Es gibt mehrere Wahrheiten: Deine, ihre und vielleicht eine weitergehende.
6. Mittel: Beachte die Einheit von Mittel und Ziel!
7. Prämissen: Halte Dich an Prinzipien und baue darauf Deine eigene Strategie auf.
Verfolge nur solche Ziele, die sowohl für Dich wie für die andere Seite gut sind, auch
wenn die andere Seite sich nicht entsprechend verhält!
8. Macht: Macht ist die Fähigkeit, die eigenen Ziele zu erreichen, nicht andere zu
bestrafen!
Marta Henricson-Cullberg u.a.: After Jugoslavia what? Report by a Conflict-Mitigation Mission to
Croatia, Slovenia and Serbia. o. O. 1991.
M5
Franjo Starevie, Gemeindevorsteher des kroatischen Dorfes Mrkopalj, erinnert sich
Im November oder Dezember 1991, als der Krieg in Kroatien voll im Gang war, habe ich
mich entschieden, in unser Nachbardorf Jasenak zu gehen, welches ganz serbisch ist und
sich auf der anderen Seite eines Berges, der Bjelolasica, befindet. Zwischen den beiden
Dörfern, die rund 30 km von einander entfernt sind, besteht eine traditionelle
Freundschaft. Es gab früher viele kroatische und serbische Dörfer, die eng verbunden
waren, aber diese Freundschaft ist zerbrochen, und zwar sehr brutal zerbrochen. In
Jasenak ist unsere dreiköpfige Delegation wie immer sehr gastfreundlich empfangen
worden. Gastfreundschaft ist eine nationale Eigenschaft der Serben. Ich habe den Leuten
aus dem Gemeinderat gesagt, daß es sehr dumm ist, jetzt im 20. Jahrhundert mit Waffen
gegeneinander zu kämpfen.
86
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In diesem Gespräch war natürlich die Schwierigkeit, daß es schon auf beiden Seiten
Barrikaden gab. Wir haben damit angefangen, weil wir eine Offensive der Jugoslawischen
Volksarmee befürchteten. Wir hatten zehn Bäume auf die drei Verbindungsstraßen
Richtung Jasenak gelegt. Darauf haben die Serben auch auf ihrer Seite Straßensperren
errichtet. Und sie hatten viel mehr Waffen als wir. Aber ich habe versprochen, daß wir
unsere Barrikaden wegräumen.
Als ich zurückgekommen bin, habe ich alles das unserem Bürgermeister erzählt und auch
in unserer Provinzstadt Delnice darüber berichtet. Und wir waren uns einig, daß diese
Aktion richtig war und daß man sie ausweiten muß. Vorher waren meine Leute sehr
skeptisch und dagegen, daß ich nach Jasenak fahre. Sie hatten geglaubt, daß es
gefährlich und unsinnig ist, zu den Serben zu gehen. Aber jetzt sahen alle, daß es
erfolgreich war.
Nach etwa zwei Monaten, zu Beginn des Jahres 1992, bin ich ein zweites Mal nach
Jasenak gefahren. Diesmal war ich alleine unterwegs. Vorher haben wir unsere
Barrikaden weggeräumt, um ihnen zu demonstrieren, daß wir es ehrlich meinen. Ich muß
gestehen, daß die Stimmung gespannter war und die Leute sich mißtrauischer als früher
zeigten. Wir sprachen wieder über Frieden, Vertrauen, davon, daß wir nicht von den
Waffen Gebrauch machen sollten und von wechselseitigen Besuchen. Es waren
schwierige Gespräche, und diesmal bin ich länger geblieben. Wir sind als Freunde
geschieden. Und dann, vielleicht nach einem Monat, haben auch die Serben ihre
Barrikaden weggeräumt. Und unsere Beziehungen sind besser und besser geworden. Im
Mai war ihre Delegation bei uns, und jetzt können wir diese guten Beziehungen
fortsetzen.
Auf unserer Seite des Berges gibt es auch Serben, und wir haben sie auch besucht, und
jetzt besteht zwischen uns Frieden. Als Symbol für diesen Frieden wollen wir auf dem
Berg zwischen unseren Dörfern, auf der Bjelolasica, ein Denkmal bauen. Niemals mehr
soll zwischen uns Haß und Feindschaft sein.
Zit. nach: Werner Wintersteiner: Zusammenleben ist möglich: Serben und Kroaten in Gorski
Kotar. In: Jahrbuch Frieden 1994, München 1993, S. 225f.
87
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Das andere Afrika - die anderen Medien
Die Einseitigkeit, die bei der Afrikaberichterstattung auch im öffentlich-rechtlichen Bereich
immer wieder zu beobachten ist, wird von vielen Medienkritikern, Entwicklungsdiensten
und den Kirchen beklagt. In diesem Zusammenhang startete die katholische Kirche im
Herbst 1995 die Aktion »Good News From Africa« und machte auf die Schieflage der
Fernsehberichte aus der »Dritten Welt« aufmerksam, Die kritische Auseinandersetzung
mit der Afrikaberichterstattung ist vielfach begründet und läßt sich unschwer untermauern.
Um so wichtiger scheint es freilich, jene journalistischen Arbeiten im Fernsehen auch zu
verfolgen, die sich selbstkritisch zum Thema der Afrikaberichterstattung äußern. Es gibt
gelegentlich erfreuliche Nischen, die im Alltag des Massenmediums allzu rasch übersehen
werden, sie differenzieren den alten Manipulationsverdacht, den Verdacht planvoller und
gesteuerter Desinformation im Fernsehen.
Empfehlung Filmsequenz 11
Siehe Seite 112
Didaktische Hinweise
1. In einer gemeinsamen Aktion kritisieren die katholische Jugendorganisation Bund
Deutscher Katholischer Jugend (BDKJ) und das Hilfswerk Misereor die
Berichterstattung des Fernsehens über Afrika.
– Analyse: Diskutieren Sie die Afrika-Berichterstattung von ARD und ZDF: Sind die
vom BDKJ und von Misereor erhobenen Vorwürfe (M 1 / M 2) nach Ihren
bisherigen »Fernsehen-Eindrücken« berechtigt? Verfolgen Sie zur Kontrolle und
Vertiefung im Fernsehen die diesbezügliche Berichterstattung (Nachrichten,
Magazine, Sondersendungen) im Verlauf einer Woche.
– Plakatentwurf: Mit welcher Zielsetzung würden Sie eine Kampagne hinsichtlich der
Verbesserung der Fernsehberichtererstattung über Afrika starten? Entwickeln Sie
hierfür einen eigenen Slogan und ei . n eigenes Plakat (M 1).
– Briefaktion: Schreiben Sie einen persönlichen Brief an den Intendanten eines
Senders, dessen Berichterstattung über Afrika Ihnen gefallen / nicht gefallen hat.
Was glauben Sie wird Ihnen geantwortet? Mit welchen Argumenten könnte Ihre
mögliche Kritik zurückgewiesen werden (M 3)?
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2. Schreiben Sie eine Pressemitteilung (10 Zeilen) über Intention und Absicht des Films
von Albrecht Reinhardt »Unser Mann in Afrika«.
3. Übersetzen Sie das »andere Gedicht« (M 4) und gestalten Sie in der Gruppe einen Rap
(rhythmisierter Sprechgesang).
4. Erstellen Sie einen konkreten 10-Punkte-Plan für Fernsehnachrichten und die
Berichterstattung über »Dritte Welt«. Was soll sich ändern, was muß sich ändern (M 5)?
89
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Materialien
M1
Aktionsplakat vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (ODKJ) und von
Misereor
Plakat zur Misereor/BDKJ Jugendaktion 1995 »Du sollst nicht nur vom Töten berichten«.
Gestaltung: Werbe Neun, Essen. © 1995, Misereor Medienproduktion und Vertriebsgesellschaft
mbH, Achen
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M2
Kritik des BDKJ an der Afrikaberichterstattung
Du
Sollst
Nicht
Nur vom
Töten
Berichten!
GOOD NEWS
FROM AFRICA
MISEREOR-BDKJ
Jugendaktion 1995
Aktion zur Afrika-Berichterstattung in ARD und ZDF
Wer die Afrika-Berichterstattung der deutschen Medien kritisch beleuchtet, kommt zu dem
Ergebnis, daß ein äußerst negatives Bild dieses Kontinents verbreitet wird: Hunger,
Bürgerkriege, Korruption und Flüchtlingsströme liefern nicht nur Schlagzeilen, sondern
sind Ausgangspunkt für eine oft undifferenzierte Berichterstattung. »Afrika = Chaos und
Gewalt« - dieses Vorurteil wird durch einen vielfach anzutreffenden »KatastrophenJournalismus« weiter verstärkt.
Auch in den Fernsehprogrammen von ARD und ZDF kommt eine differenzierte
Berichterstattung, die den unterschiedlichen Ländern und Regionen Afrikas gerecht wird,
viel zu kurz.
Mit dieser Unterschriftenaktion an den Vorsitzenden der ARD und den ZDF-Intendanten
will der BDKJ dazu beitragen, daß insbesondere in den Fernsehnachrichten eine
umfassendere, differenziertere, Ursachen und Folgen von Problemen beschreibende
Berichterstattung wesentlich verstärkt wird.
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Eine vornehmlich an Katastrophen orientierte Informationspolitik muß geändert werden.
Dies bedeutet nicht, Katastrophen zu verschweigen oder Probleme zu verniedlichen:
Vielmehr sollen Aufbrüche und Rückschläge, positive und negative Entwicklungen
differenziert dargestellt werden. Dies gilt auch und gerade für die Nachrichtensendungen
Tagesschau und heute.
Wie läuft die Aktion?
Nach entsprechender inhaltlicher Diskussion und Vorbereitung zum Thema AfrikaBerichterstattung wird entschieden, ob Ihr Euch bei dieser Unterschriftenaktion beteiligen
wollt. In der hier abgedruckten Unterschriftenliste können sich alle Unterzeichner bzw.
Unterzeichnerinnen mit Vor- und Zuname, Anschrift und Unterschrift eintragen.
Gegebenenfalls könnt Ihr auch weitere Listen in der BDKJ-Bundesstelle anfordern. [ ... ]
Macht also mit bei dieser Aktion - zeigt den Fernsehverantwortlichen, daß viele
Jugendliche und junge Erwachsene in Gruppen, Verbänden, Gemeinden und Schulen
eine andere Afrika-Berichterstattung fordern! Nach Abschluß der Aktion werden wir über
die Beteiligung an dieser Aktion und die Reaktionen der ARD- und ZDF-Verantwortlichen
informieren.
M3
Afrika-Berichterstattung: ZDF lehnt Gespräch mit Kritikern ab
Auf große positive Resonanz ist die diesjährige Jugendaktion »Good news from Africa«
gestoßen, die das bischöfliche Hilfswerk Misereor und der Bund der Deutschen
Katholischen Jugend (BDKJ) im März starteten: 15.224 Menschen hatten bis Ende Juni
eine Unterschriftenliste unterzeichnet, mit der die Organisatoren von ARD und ZDF
umfassendere und differenziertere Nachrichten über Afrika forderten, die auch über
positive Entwicklungen informieren.
Über 90 Prozent der Unterschriften seien aus Kirchengemeinden gekommen, berichtete
Karl-Heinz Feldbaum, Referent für Entwicklungsfragen beim BDKJ. Aber auch in Schulen,
Gewerkschaften und von kritischen Journalisten sei die Aktion positiv aufgenommen
worden. Viele Pastoren und Lehrer hätten den Unterschriftenlisten Begleitbriefe beigelegt,
92
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in denen sie begrüßten, daß endlich einmal »die menschenunwürdige AfrikaBerichterstattung« kritisiert werde. Verschiedene Jugendgruppen und Schulklassen haben
die Berichterstattung ihrer Lokalzeitung analysiert. Junge Katholiken aus der Diözese
Speyer drehten einen Videofilm »Hallo, Afrika«, in dem sie zeigen, wie man gute
Nachrichten über den Kontinent zusammenstellen und präsentieren kann.
Mit den vielen Arbeiten aus den Gruppen, die sich an der Jugendaktion beteiligten, und
den kritischen Analysen anderer Organisationen zur Afrika-Berichterstattung wollen BDKJ
und Misereor ZDF-Intendant Dieter Stolte und den ARD-Vorsitzenden Albert Scharf
konfrontieren. Scharf hat sich bereit erklärt, die Unterschriftenlisten entgegenzunehmen
und mit dem BDKJ zu diskutieren. Stolte ließ dagegen mitteilen, das ZDF sehe dafür keine
Notwendigkeit. Der Sender berichte sehr »umfangreich und problemorientiert« über
Afrika. BDKJ-Bundespräses Rolf-Peter Cremer sprach darauf von einem »Affront gegen
die Willensbildung der Bürgerinnnen und Bürger« und rügte den »schlechten und
arroganten Stil« des ZDF.
epd-Entwicklungspolitik 14/15/95 (Juli).
M4
Das »andere Gedicht«
When I'm born, I'm black
When I grow up, I'm black
When I'm sick, I'm black
When I go out in the sun, I'm black
When I'm cold, I'm black
When I die, I'm black.
But you!
When you are born, you're pink
When you grow up, you're white
When you're sick, you're green
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When you go out in the sun, you're red
When you're cold, you go blue
When you die, you're purple
and you have the fucking nerve to call me coloured!!!
Anonym: In: DED-Brief 1/ 1994.
94
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M5
Forderungskatalog an alle Meinungsführer
1. An die Medien:
Wir Journalisten müssen endlich lernen, der Verlockung des Sensationellen zu
widerstehen; gerade im Falle Schwarzafrikas müssen wir damit aufhören, unsere Arbeit
mit Katastrophenmeldungen zu betreiben. Die in der Tat sehr schwierige
Entwicklungssituation dieses Kontinents erfordert mehr Seriosität.
Katastrophenmeldungen dürfen nicht, nur weil sie einmal gedruckt worden sind, zu
Selbstläufern werden. Im Bewußtsein unserer Öffentlichkeit ist Schwarzafrika zu einem
Synonym für Chaos und Unterentwicklung geworden. Weil uns allen nur die Katastrophe
und das Außergewöhnliche eine Schlagzeile wert ist, wurde diese ohnehin vorhandene
Vorurteilshaltung anstatt abgebaut perpetuiert.
2. An alle, die Berichte verfassen:
Wir sind hörig geworden gegenüber den Meldungen von UN-Organisationen; wir müssen
deren Zahlen und Behauptungen mehr als bisher prüfen und sie gegebenenfalls als
Fehlmeldungen entlarven; das dient den wirklichen Bedürfnissen der Masse der
Bevölkerung in Schwarzafrika. Das heißt aber auch: Weg davon, Verlautbarungen
afrikanischer Regierungen und Organisationen als Tatsachen zu melden. Wir müssen in
diesem Zusammenhang ferner begreifen, daß die Übertreibung ebenso unverantwortlich
ist wie die Untertreibung.
3. An die Verantwortungsträger der Medien:
Es müssen mehr finanzielle Mittel als bisher für die Recherche vor Ort zu Verfügung
gestellt werden. Millionenhohe Investitionen in moderne Kommunikationsnetze bleiben
sinnlos, wenn die Qualität der eingespeisten Information nicht ebenfalls verbessert wird.
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Das derzeitige Mißverhältnis zwischen Technologie- und Rechercheausgaben ist
unerträglich.
4. An die Intendanten der ARD und des ZDF:
Bei der dringend notwendigen Image-Korrektur über Afrika und der Beschaffung besseren
Datenmaterials haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten eine besondere Aufgabe und
Verpflichtung. Private Medien verfügen jedenfalls derzeit nicht über die finanziell
notwendigen Mittel, die Berichterstattung über die Dritte Welt auf breiter Front zu
verbessern. Das Korrespondentennetz bedarf einer Ausweitung. Warum müssen ARD
und ZDF in Südafrika jeweils eigene Korrespondenten unterhalten (und der Hörfunk noch
einen weiteren), wenn es in Westafrika (wo ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents
lebt) nicht einen einzigen mit festem Sitz und Büro gibt. Ferner: Kein Korrespondent ist in
der Lage, zwanzig und mehr Staaten abzudecken, was bei manchen allerdings ihr Auftrag
ist. Trotzdem glaubt der Fernsehzuschauer, seine Anstalten seien auch über die
Vorgänge in diesen Großregionen bestens informiert.
5. An die Hilfswerke:
Sie müssen lernen, den Medien zu widersprechen, müssen deren Sensationshunger
widerstehen, selbst auf die Gefahr hin, wegen einer nicht gemeldeten Katastrophe auf
zusätzliche Spenden verzichten zu müssen. Außerdem müssen sie ihre eigene
Informationspolitik verbessern. Anstatt ihren Eigenbröteleien zu frönen, sollten sie den
vorhandenen Sachverstand in gemeinsam erstellten Dokumentationen über zentrale
Probleme zusammentragen.
6. An die afrikanischen Politiker:
Sie sollten endlich damit aufhören, mit falschen Zahlen und Daten ihren Kontinent und die
Anstrengungen ihrer Bevölkerung zu verleumden.
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7. An unsere Politiker:
Sie beteiligen sich am Geschäft mit der Katastrophe; sie stimmen
Nahrungshilfelieferungen zu, auch wenn diese nicht unbedingt benötigt werden. Sie
müssen damit aufhören, mit kurativen Mitteln zu helfen, wo langfristige
Strukturveränderungen erforderlich sind und wo außerdem eine Korrektur unserer
Außenwirtschaftspolitik geboten ist.
8. An Schulbuchautoren und Bildungsverantwortliche:
500 Jahre nach dem Anbruch des Kolonialzeitalters sollten sie endlich in der Lage sein,
die kolonialistische Brille abzulegen. Daß Afrikaner in unseren Schulbüchern immer noch
als »Eingeborene« bezeichnet werden, ist nicht mehr zu entschuldigen. Außerdem sollten
sie begreifen, daß die »Dritte Welt« drei Viertel der Welt umfaßt und daß ihr deshalb mehr
Platz in den Schulbüchern und der universitären Ausbildung gebührt. Wenn Afrika in
etlichen Unterrichtswerken nur auf einer Seite oder kaum mehr auftaucht, dann ist dies
nur mit unserer eurozentristischen Überheblichkeit zu erklären, deren Ergebnis eine
bruchstückhafte Information oder genauer eine Verbildung ist.
9. An den Bürger und Leser:
Nein, Sie sind nicht ohnmächtig. Sie müssen die Medien und Hilfswerke unter Druck
setzen. Schreiben Sie! Stornieren Sie Gebühren, wenn weiterhin so schlecht recherchiert
berichtet wird. Und die Hilfswerke werden ohne Druck des Spenders nie zu größerer
Gemeinsamkeit in den zentralen Bereichen ihrer Öffentlichkeitsarbeit kommen.
Walter Michler Weißbuch Afrika. Bonn 1991 (2. Aufl), S. 36f.
Methodische Filmanalyse
Die Stellung der Kamera
Sie ist entscheidend für die Perspektive und die Aussage des Bildes. Man unterscheidet1:
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– Aufsicht (Vogelperspektive)
– Obersicht
– Normalsicht (Augenhöhe)
– Untersicht
– Froschperspektive
Ein jeweils gleicher Gegenstand oder ein Mensch erfahren durch die unterschiedliche
Perspektive eine unterschiedliche Akzentuierung. Die Froschperspektive kann einen
großen Mann ins Lächerliche ziehen und dient oft der Karikierung. Andererseits wirken
aus der Froschperspektive gezeigte Bilder von Soldaten oft monströs oder auch überhöht.
Der Mensch verliert sein »Normalmaß«, die Kamera »manipuliert« die durchs Objektiv
erfaßte Weit nachdrücklich. Die Aufsicht verkleinert das Gezeigte und wird gelegentlich
bei Schwenks über viele Menschen (Bilder von Flüchtlingslagern) genutzt. Die Augenhöhe
bietet in aller Regel ein optisches »Normalmaß«.
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Zeichnung: Rolf Pausch:Materialien zur Film- und Fernsehanalyse. Köln 1993, S. 44.
Einstellungsgrößen
Bei der Kameraeinstellung unterscheidet man weiter zwischen:
Detail
Aufnahme aus kurzer Distanz; Gesichtsausschnitt, Detail eines Gewehres, Fliegen auf
einem Körper etc. Die natürliche Sicht ist aufgehoben, es wird stark akzentuiert.
Auf dem Fernsehschirm kommt das Detail gut zur Geltung. Es erzeugt Intimität, unter
Umständen auch suggestive Nähe.
Groß
Die Aufnahme zeigt einen Ausschnitt, der bei Personenaufnahmen an ein PaßbildAusschnitt erinnert (Schulter aufwärts). Die Großaufnahme wird beim Fernsehen gerne
zur Auflockerung in einem Interview verwendet. Da das Bild sehr direkt und suggestiv
wirkt, wird diese Technik nur zeitweise eingesetzt. Auf Dauer wirkt das Bild »zudringlich«,
es durchbricht gewissermaßen die persönliche Aura. Bei Diskussionsrunden wird das
Verfahren zur Auflockerung eingesetzt.
Nah
Es entspricht einem Brustbild. Der Hintergrund ist noch erkennbar. Die Mimik ist noch gut
zu erkennen.
Halbnah
Diese Einstellung zeigt die Menschen etwa ab den Knien aufwärts. Der räumliche Kontext
ist nicht ausdifferenziert.
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Halbtotale
Die Einstellung zeigt die Menschen in ihrem Umfeld. Sie ermöglicht dem Zuschauer eine
örtliche Orientierung. Im Fernsehehen ist sie wichtig weil, der »kleine« Bildschirm hier, auf
dem Weg zur Totalen, eine ästhetische Grenzziehung markiert. Darüberhinaus geht die
Intimität des Fernsehens verloren oder wandelt sich doch ganz entscheidend.
Totale
Sie ermöglicht den Überblick über eine ganze Szene oder Situation. Vieles läßt sich
erkennen und auch - dank eigener Erfahrung - einordnen. Die Totale erlaubt ein »VorUrteil«, doch unterschlägt sie auch notwendigerweise viele Einzelheiten. Die Totale aus
dem Hubschrauber über einem Flüchtlingscamp deutet nur grob etwas an. Das Leid wird
dabei nicht »hautnah« sichtbar. Unangenehmes läßt sich aus dieser Distanz diskreter
einfangen, der Schrecken wird so entschärft. Im Fernsehen ist die Totale wegen geringer
Auflösung auf kleinem Bildschirm stets ein Kompromiß.
Weit
Die Einstellung läßt sich mit einem Weitwinkelobjektiv erreichen. Es ist eine Optik mit
kurzer Brennweite, die einen besonders »weiten« Blickwinkel auf Landschaften, Städte
etc. eröffnet. Die Tiefenwahrnehmung ist verstärkt, die Ränder sind jedoch verzerrt. Für
Eigenproduktionen des Fernsehens ist das Verfahren nicht geeignet. Umgekehrt verlieren
Spielfilme, die mit weiten Einstellungen operieren bei Abspielung über den Bildschirm.
Kamerabewegungen
Die stationäre Kamera kann sich um drei Achsen bewegen und damit das Bild bestimmen
-
waagrecht (Schwenk)
-
senkrecht (Neigen)
-
Querachse (Rollen).
100
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Kameraposition
Die unterschiedliche Kameraposition erfaßt jeweils einen unterschiedlichen
Wirklichkeitsausschnitt und setzt sich zu dem Gezeigten in ein bestimmtes Verhältnis, Die
getroffene Entscheidung des Kameramannes ist damit keine »beliebige« und manipuliert
ganz absichtsvoll..
Kamerafahrt (echte Fahrt)
Die Kamerafahrt auf dem Schlitten (Auto, Kran, Dolly) vermittelt die Vorstellung von einer
Bewegung im Raum. Diese Technik ermöglicht u.a. konstante Nähe zu einer Person. Für
die dokumentarische Filmarbeit ist das Verfahren jedoch in aller Regel zu aufwendig.
Stattdessen wird die optische Fahrt mit dem Zoom realisiert.
Vgl. James Monaco: Film verstehen. Reinbekc bei Hamburg 1980, S. 90.
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Zoom (optische Fahrt)
Durch stufenlose Veränderung der Brennweite entsteht eine scheinbare Fahrt vor- oder
rückwärts. Die perspektivische Wirkung ist eine andere als bei der echten Fahrt: Im Zoom
verändert sich das Verhältnis von Hintergrund zur Person.
Freie Kamera
Sie wird bei der aktuellen Berichterstattung häufig verwendet, weil der technische
Aufwand gering ist. Frei geschultert wird die Kamera zum engagierten Beobachter, der
seinen Gegenstand verfolgt. Das möglicherweise unscharfe Bild durch Verwackeln ist
dabei gleichzeitig ein Zeugnis vermeintlicher oder tatsächlicher Aktualität. Die freie
Kamera ist die Grundlage der aktuellen Reportage.
Bildschnitt und Montage
»Erst wenn man im Schneideraum ist, erkennt man die Bedeutung genauer Überlegungen
während der Dreharbeiten. Denn bevor man sein Material nicht von innen heraus
verstanden hat, kann man nicht hoffen, daß man es zum Leben erwecken wird. Kein noch
so großer Aufwand beim Schnitt wird Einstellungen Bewegung einhauchen, wenn man
nicht während des Drehens auf seine Bilder geachtet hat.« (Paul Rotha)2
Mit der Bearbeitung des filmischen Rohmaterials, dem Aussondern und Selektieren, greift
das technische Produktionsteam aktiv in den filmischen Interpretationsprozeß ein.
Überflüssiges oder störendes Filmmaterial wird ausgesondert. Dabei dient der Schnitt
auch der Zeitverkürzung und greift »ordnend« in den Produktionsprozeß ein. Der Wechsel
von Bildgröße und Bildwinkel konstituiert das filmische Ergebnis und interpretiert das
Gezeigte aus einem ganz spezifischen Blickwinkel.
Ton-, Sprech- und Sprachmaterial
Die Reportage lebt in vielfacher Hinsicht von dem Zusammenspiel der optischen
Botschaft mit dem akustischen Klangteppich. Dieser wird in aller Regel aus Originaltönen
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(O-Ton) vom Drehort bestehen (Straßenlärm, Kinder spielen, Kriegslärm). Unter
Umständen muß der O-Ton vom Drehort nachvertont werden, was im allgemeinen für den
unterlegten Kommentar ohnehin gilt. Durch die Wahl der akustischen Mittel können
emotionale Aspekte betont werden. Der erst im Studio unterlegte populäre Drina-Marsch
oder Musik aus Somalia suggerieren sicherlich eine affektive Nähe zu den Themen Krieg
in Ex-Jugoslawien oder Hunger am Horn von Afrika. Der nonverbale musikalische Zugriff
kann ein ausdrucksstarkes Mittel im Kontext der Reportage sein. Mit Musik schafft man
insbesondere3
-
Atmosphäre: Kinder singen, Musik erklingt von einem Dorffest, Soldaten machen
Marschmusik.
-
Zäsuren, Auftakte und Schlußakzente.
-
Leitmotive. Die schaffen fast immer eine Kommentierung. Ereignisse, Personen und
Dinge unterliegen der Wertung.
-
Integration von widersprüchlichen Bildern. Schnittstellen lassen sich unauffälliger
überdecken. Ein affektives Kontinuum läßt sich aufbauen.
-
Akustische Abbildung der Bildinhalte. »Verdoppelung« des Bildes durch die Musik.
Dramaturgisch problematisch, weil das tautologische Verfahren wenig überzeugend
ist.
-
Retrospektiven. Der Blick in die Vergangenheit kann durch Musik »verkürzt« werden.
Assoziation dominiert. Die ausladende Diskussion läßt sich »verkürzen«.
Im zeitgenössischen Dokumentarfilm wird Musik jedoch sparsam umgegangen. Die
Gefahr der falschen Akzentuierung oder der Parteilichkeit ist gegeben.
Sehen und Hören
»Bild oder Ton - das ist nicht die Frage. Je nach Inhalt und Darstellungsform hat zuweilen
das Bild, zuweilen der Ton die größere Aussagekraft. Grundsätzlich stehen beide
gleichberechtigt nebeneinander. Nur das sinnvolle Zusammenführen von Bild und Ton
ergibt das, was gutes Fernsehen ausmacht.
Auf dem Gebiet der Vertonung sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. Die Ambivalenz
ihrer Einsatzmöglichkeit erschwert das Festlegen von Regeln, Intuition, Gespür für das
Wesentliche und Subtilität in der Handhabung sind gefragt. Wer das erkennt und bereit
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ist, auch mit dem »Ton« bewußt und gezielt umzugehen, hat ein hervorragendes Mittel an
der Hand, seinen Beiträgen die gebührende Akzeptanz zu verschaffen. «4
Der Kommentar in der Reportage
Der Kommentar in einer Reportage, Feature oder aktuellem Bericht steht immer in
Konkurrenz zur vermittelten Bildersprache. Es kann gefragt werden:
-
Decken sich Bild und gesprochenes Wort? Stehen beide in einem eindeutigen
Verhältnis?
-
Was belegen die Bilder, was belegt die Sprache?
-
Erscheint der Reporter neutral, unbeteiligt, überlegen, nicht betrotfen oder engagiert?
-
Beantwortet er Fragen - hat er auf alles eine Antwort parat?
-
Wie werden Verweise zur Geschichte hergestellt; eher im Bild? Mehr durch den
Kommentar?
-
Bedient sich der Kommentar vieler Floskeln und »geflügelter Begriffe«? (SerbenHochburg; Bevölkerungsexplosion, Fundamentalisten, Kriegstreiber etc.)
In großer Strenge könnte man folgern, daß die Reportage kein Kommentar sei und
umgekehrt. In der Praxis läßt sich freilich die Trennung kaum aufrechterhalten. Der
Auslandskorrespondent vor Ort kommentiert fast immer indem er berichtet oder reportiert.
Er ordnet ein, interpretiert und gibt Meinungen wieder. Das Publikum, das Tausende von
Kilometern vom Brennpunkt des Geschehens lebt, erwartet mit Fug und Recht den
»ordnenden« Kommentar, die Hilfestellung des Journalisten bei der Einschätzung von
Konflikten. Das Sozialprestige der Auslandskorrespondenten ist ganz erheblich. Dem
einsamen Journalisten am Horn von Afrika oder auf dem Balkan hat das Publikum
idealtypisch die Meinungsführerschaft übertragen. Daher ist es notwendig, sich immer
wieder nach den rhetorischen Implikationen der Berichte zu fragen, ihre Strukturen zu
beschreiben. Nedad Pejic, der ehemalige bosnische Fernsehdirektor, erklärte, es sei
unmöglich, in Kroatien oder Serbien ohne Fernsehen Krieg zu führen. »Wenn man einen
Krieg will, dann braucht man Fernsehen, braucht man ein Beeinflussungsinstrument«.5
Auch der umgekehrte Fall der humanitären Hilfe, ausgelöst durch das Fernsehen, ist
denkbar, wie in Somalia. Aber immer steht das Fernsehen mit seinen Bildern und seiner
Sprache dazwischen.
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Anmerkungen
1
Vgl. James Monaco: Film verstehen. Reinbek bei Hamburg 1980; Karel Reisz / Gavin
Millar: Geschichte und Technik der Filmmontage. München 1988; Werner Faulstich /
Hans-Werner Ludwig (Hrsg.): Einführung in die Filmanalyse. Tübingen 1980.
2
Paul Rotha: Documentary Film. London 1936, S. 198.
3
Vgl. Gerhard Schult/ Axel Buchholz (Hrsg.): Fernsehjournalismus. München / Leipzig
1993, S. 101f.
4
Ebd., S. 106.
5
Zitiert in: Detlef Kleinert: Inside Balkan, Opfer und Täter, Wien und München 1993, S. 45.
Beschreibung ausgewählter Filmsequenzen
Hinweis
Die in diesem Kapitel beschriebenen Filmsequenzen sind in dem Videofilm »Krieg im
Fernsehen- enthalten (siehe S. 3).
1. »Die Welt im Griff «: Die An und Abmoderation
SDR-Weltspiegel (3.7. 1994)
Anmoderation
Im Studio: Kurt Stenzel
SDR-Weltspiegel (28.3. 1993)
Anmoderation
Im Studio: Ernst Elitz
105
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SDR-Weltspiegel (14. 8.1994)
Abmoderation
Im Studio: Kurt Stenzel
Ausschnitt: 2:20 Min.
In beiden Anmoderationen dominiert der feuilletonistische Zugriff, auch das geflügelte
Wort oder Zitat. Die Anmoderation versperrt sich auf diese Weise dem Thema, in das
eingeführt wird. Die Moderatoren unterstreichen mit erheblichem rhetorischem Aufwand
großes Fachwissen, das sie als Experten ausweisen soll.
Im zweiten Beispiel werden die Kriegsparteien - ganz nach europäischer Vorstellung - als
wilde, undefinierbare Stammeshorden charakterisiert. »Chaos« und »Anarchie« in
Somalia entfesseln auch die Sprache des Moderators. Auffallend auch die Wendung von
den Kämpfenden, die sich »ineinander verbissen haben«. Das Bild ist aus dem Tierreich
entlehnt und definiert unterschwellig die qualitative Abstufung zwischen Weiß und
Schwarz. Ein latent rassistischer Einschlag - wie fern er auch immer dem Moderator
gelegen haben mag - kommt zum Tragen. Die Abmoderation (3. Beispiel) signalisiert die
Kapitulation des Moderators vor dem eben Gezeigten, der Zeitgeschichte und ihren
Hintergründen. Orte, Namen und Fremdwörter stiften abschließend neuerliche Verwirrung.
Widersprüchliches wird relativ beliebig feuilletonistisch zusammengewürfelt.
Ablauf der Filmsequenz
1. Beispiel: Anmoderation (03.07.94) mit Kurt Stenzel
»Wer Beirut gemocht hat, wird Mogadischu lieben. « - Mit diesem Satz ist ein
amerikanischer Botschafter im Nahen Osten berühmt geworden. Wie recht er doch hatte!
Der Libanon und Somalia sind Länder, wo man mit kurzatmigen Militäraktionen nur
scheitern kann. Am 18. März hat der letzte deutsche Blauhelm-Soldat Mogadischu
verlassen. Unsere Beteiligung war immer umstritten, politisch wie juristisch. Am 12. Juli
wird der (verspricht sich) wird das Bundesverfassungsgericht entscheiden, ob der Einsatz
verfassungskonform war. Was Rechtens ist, muß noch lang nicht politisch klug sein, kann
106
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es aber selbstverständlich. Uns interessiert heute die schlichte Frage, was der
Bundeswehreinsatz den Menschen vor Ort gebracht hat. Christoph Maria Fröhder aus
Belet Huen.
2. Beispieh Anmoderation (28.03.93) mit Ernst Elitz
[...] Bei uns im Weltspiegel aber geht es jetzt um Somalia. Heute haben sich die Anführer
von 15, in Worten: fünfzehn,
Elitz hebt bedeutungsvoll den Zeigefinger.
Kriegsherren auf ein Ende der militärischen Auseinandersetzung geeinigt. Seit dem Sturz
des korrupten Staatschefs Siyad Barre - vor zwei Jahren war das - versank das Land in
Chaos und Anarchie, es gab keine Regierung mehr, und jeder kämpfte gegen jeden. Die
Kriegsherren haben nun beschlossen, daß ihre Verbände innerhalb von 90 Tagen die
Waffen niederlegen sollen, aber da ist Skepsis angebracht. Und gerade ein Blick auf die
Hafenstadt Kismaayo, die unser Reporter Albrecht Reinhardt besucht hat, macht deutlich,
wie sehr sich die Kämpfenden ineinander verbissen haben. Diese Stadt wird belagert von
den Soldaten des Clanführers General Morgan. Seine Leute haben sich aber auch im
Zentrum der Stadt, in der Polizeistation und im Krankenhaus verschanzt. Dazwischen
aber
Elitz macht eine erläuternde Kreisbewegung mit den Fingern.
stehen die Trupps eines anderen Clans von Oma Jess. Die Frage ist nur: Wer erdrückt
wen? Und wie lange können ein paar verlorene belgische UNO-Soldaten das
Blutvergießen noch aufhalten?
3. Beispiel: Abmoderation (14. 8. 1994) mit Kurt Stenzel
In Bosnien wurde in den letzten Jahren so viel getrickst, getäuscht, gelogen und betrogen,
daß jedes Urteil einem Va-banque-Spiel gleicht. Ist der Riß zwischen Belgrad und Pale,
zwischen Milosevic und Karadzic echt oder doch nur wieder eine neue Variante in einer
107
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raffinierten Doppelstrategie? Ich glaube, es gibt Konflikte, die kann man von außen kaum
verstehen, die kann man vielleicht nur verstehen, wenn man dort lebt [ ... ].
2. »Krieg als Medienspektakel«: Die Landung in Mogadischu
ZDF-spezial (9. 12. 1993)
Autor: Joachim Holtz
Ausschnitt 2:05 Min.
Nur um Stunden zeitversetzt mit dem realen Ereignis am Horn von Afrika berichtete das
Fernsehen in Deutschland über die erwartete Landung der US-Soldaten am Morgen des
9. Dezembers 1992 in Somalia. Wie schon im Zweiten Golfkrieg spielten dabei die
amerikanischen Medien eine entscheidende Rolle und inszenierten der Fernsehwelt mit
hohem technischen Aufwand den Aufmarsch der amerikanischen Truppen in Somalia. Die
meisten Bilder, die von der Landung zu sehen waren, wurden dem deutschen Fernsehen
direkt von amerikanischen Agenturen angeboten. Die Reportage ist diktiert von
spektakulären Einstellungen. Das amerikanische Militär mit seinen großen Gerätschaften
steht im Mittelpunkt der Bilder, und es gibt keine Zeit, die Begründung der Aktion in
Worten nachzuliefern. Dennoch gibt sich der deutsche Berichterstatter betont
medienkritisch: Er kritisiert das Spektakel und seine militärischen »Darsteller«.
Das UNOSOM-Unternehmen von 1992 / 93 galt der Eindämmung der somalischen
Hungerkatastrophe, der Errichtung geschützter Korridore für die Hilfslieferungen. Die
Bilder von der Landung unterstreichen signifikant die militärische Überlegenheit der
amerikanischen Helfer. Die gespenstische nächtliche Szenerie, ausgeleuchtet mit
Scheinwerfern und zuckenden Blitzlichtern, betont fast ausschließlich die gigantische
militärische Stärke der westlichen Führungsmacht.
Ablauf der Filmsequenz
Bild. Mond, Wolken fliegen an ihm vorbei. Musik. Dann Titel
»Die Landung in Mogadischu«
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Bild: Nächtliche Szenerie, unscharf. Tower. Großaufnahme: Ein Mann mit Feldstecher
blickt durch sein Glas.
Kommentar Gegen Null Uhr 30 vergangene Nacht ist der Tower am Flughafen von
Mogadischu hell erleuchtet. Kamerascheinwerfer, die Presse hat den Ausguck besetzt.
ZDF-spezial:9.12.93
Bild: dunkle Schattenrisse.
Dann sind sie entdeckt. Camouflage, die Tarnung hilft den Gls des Vorauskommandos
nichts mehr,
Bild, Soldaten nur halb ausgeleuchtet durch die Scheinwerfer.
sie sitzen da wie Models zum Abschuß für die Fotografen.
Bild: Pressefotografen schießen Blitzlichtbilder von den Soldaten.
O-Ton eines Fotografen in Englisch:
»Die armen Jungs müssen sich furchtbar fühlen. Das sind sicher gute Soldaten, und so
wirken sie einfach lächerlich. Dieser Platz ist doch völlig sicher, sonst hätte man uns nicht
hierher gelassen.«
Bild: Panzer fährt aus dem Wasser.
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Die Landung der Amerikaner um 4 Uhr 30, ein Medienspektakei,
Bild: Blitzlichtgewitter bei der Anlandung des Panzers.
Rechtzeitig vor der Primetime, der Hauptnachrichtenzeit an der amerikanischen Ostküste,
schieben sich die Amphibienfahrzeuge die Dünen zum Flughafen hoch - durch das
Blitzlichtsperrfeuer der Journalisten. Der Vormarsch mit schwerem Gerät wird den ganzen
Tag anhalten.
Bild: Landung weiter im Bild. Hubschrauber.
Unterstützung aus der Luft. Am Boden schwärmen Kommandos aus, zwischendurch
Verkehrsstau am Landungspunkt für die Journalisten.
Bild / O-Ton: Zwei US-Soldaten bedrohen zwei am Boden liegende Schwarze. Ein GI ruft
»Hands up! Hands up!«
Dann wird es dramatisch. Die Soldaten scheinen in dieser Situation überbewaffnet,
wissen aber auch nicht, was sie erwartet. Die humanitäre Hilfsaktion bekommt rauhe
Züge.
Bild/ Ton: Schreiende Gis, die die Schwarzen einschüchtern.
3. »Der elektronische Krieg«: Die NATO greift im Balkan ein
ARD-Tagesschau-Ausschnitte (30. und 31. 8. 1995)
Ausschnitt: 3:50 Min.
Der Zweite Golfkrieg von 1992 ist vielfach als eine Zäsur bei der Kriegsberichterstattung
im Fernsehen verstanden worden. Die amerikanischen Militärs diktierten damals fast
vollständig die Bedingungen des Medienmarktes und entschieden, was gesendet werden
durfte oder nicht. Der Krieg wurde in Bildern abgelichtet, die in ihrer großen Abstraktion
keinen Einblick in die tatsächliche Zerstörung und Vernichtung erlaubten. Faktisch wurde
das Fernsehpublikum mit Bildern abgespeist, die den Krieg als ein »sauberes« Videospiel
definierten. hinzu kam das neue Phänomen, den Krieg jetzt am Bildschirm in »Echtzeit«
als Infotainment miterleben zu können. Bei dem Luftwaffeneinsatz der NATO im
110
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Spätsommer 1995 bei Sarajevo waren im deutschen Fernsehen nahezu identische Bildund Sprachmuster in den Tagesschauen (30. und 31.8.95) zu verfolgen. Nochmals
zeigten Fernsehbilder mit Raketen und lasergesteuerten Bomben ein aseptisches
Szenario ohne Menschen und Kriegsopfer. Wie das Bildmaterial die Wahrnehmung
steuern und im gewünschten Sinne manipulieren kann, belegen die Ausschnitte.
Ablauf der Filmsequenz
Tagesschau vom 30.8.1995
Bild: Grün erleuchteter Himmel. Schrift: »Bericht. Peter Dudzik«
Kommentar: Es war etwa zwei Stunden nach Mitternacht, als eine gewaltige Explosion die
Menschen in Sarajevo weckte. Dann ein riesiger Feuerball im Norden. NATOKampfflugzeuge hatten ein serbisches Munitionsdepot in die Luft gejagt. Im
Morgengrauen dann eine zweite Angriffswelle, ihr Ziel: Radaranlagen,
Luftabwehrstellungen, Kommandoposten der Serben.
Bild, Die Kamera verfolgt zwei Kampfflugzeuge, die ein Luftmanöver machen. Im
Gegenschnitt sind zwei Kinder, die in den Himmel sehen. Der Schnitt suggeriert, daß die
Kinder die gezeigten Jets im Auge haben,
Freude sicher bei vielen Bewohnern der Stadt, aber auch Nachdenklichkeit und Angst.
Man fürchtet, daß die Serben noch gewaltiger zurückschlagen werden, als in den
vergangenen vierzig Monaten.
Bild: Kamera verfolgt auf der Straße fliehende Menschen, Sirene heult.
Nur wenige Menschen verlassen die Häuser. Die Serben nehmen verstärkt die Altstadt
mit Granaten unter Beschuß. Über Rundfunk werden die Bewohner von Sarajevo
aufgefordert, die Häuser nicht zu verlassen. Bei den Blauhelmen der UN wird die höchste
der Alarmstufen »Rot« ausgerufen, und als Vergeltung feuern die Serben Granaten auf
mehrere Stellungen der UN. Und auch die Schnelle Eingreiftruppe schießt zurück. 600 bis
700 Granaten werden von französischen, britischen und niederländischen Soldaten
abgefeuert. Fünfzehn Ziele haben sie im Visier. In Sarajevo wird es ruhiger. Erster
militärischer Erfolg: die serbische Artillerie rund um Sarajevo ist ernsthaft reduziert. Bis
111
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zum Abend sind die NATO-Flugzeuge zum fünften Mal über Bosnien im Einsatz, 60
Maschinen insgesamt. Und um 17 Uhr 15 wird eine französische Maschine von einer
Boden-Luft-Rakete der Serben getroffen, in der Nähe der Serben-Hochburg Pale.
Tagesschau vom 31.08.95
Sprecher: Joachim Brauner
Bild: Hintergrund: Karte von Bosnien-Herzegowina mit Sarajevo.
Die NATO ist entschlossen, die Belagerung Sarajevos durch die Serben endgültig zu
beenden. Die Angriffe gegen serbische Stellungen, so hieß es am Nachmittag in Brüssel,
würden so lange weitergehen, bis der Flughafen und die Zufahrtstraßen der Stadt offen
seien. Auch heute waren Kampfflugzeuge über Bosnien-Herzegowina in der Luft. Erst
gegen Abend wurde bestätigt, daß sie wieder Ziele bombardiert hätten. Erstmals sind, wie
vor wenigen Minuten aus Bonn bekannt wurde, auch deutsche Tornadokampfflugzeuge
angefordert worden. Dieser erste Einsatz sei aber an technischen Problemen gescheitert.
Eine Bilanz der Einsätze von gestern zog am Vormittag das NATO-Kommando SüdEuropa.
Bild: US-Admiral Smith im Bild. Mit englischem O-Ton. Es folgt die Übersetzung.
Unsere NATO-Piloten haben 300 Einsätze auf 23 Zielobjekte geflogen, sagte Admiral
Laton Smith im NATO-Hauptquartier in Neapel, und über 90 Einzelziele bekämpft. Videos
wurden gezeigt
Bild: Einblendung von entsprechenden Aufnahmen mit Time-Code. Schrifteinblendung:
»Bericht: Michael Mandlik. «
mit dem Hinweis, daß innerhalb der ersten 24 Stunden der NATO-Angriffe zahlreiche
serbische Artillerie- und Raketenstellungen, aber auch Kommandobunker und
Munitionsdepots von den NATO-Kampfjets zerstört worden seien. Auch die Artillerie der
schnellen Eingreiftruppe auf dem Berg Igman bei Sarajevo habe 700 schwere Granaten
auf die serbischen Stellungen abgefeuert, die wiederum auf NATO-Flugzeuge
geschossen hätten.
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Bild: Kamera zeigt Adria-Karte und Admiral Smith.
Die deutschen Tornados, so der Admiral, seien aufgrund der speziellen Vorgaben nicht
beteiligt gewesen, aber jederzeit einsatzbereit, sollten es die Bedingungen künftig
erfordern.
Bild. Schnitt auf Flugzeugträger. Startende Jets.
Unterdessen wurden noch den ganzen Tag über, wie hier vom US-Flugzeugträger
»Theodore Roosevelt«, Kampf- und Überwachungseinsätze über bosnischem Gebiet
geflogen. Wie schon zuvor werden die Maschinen auch weiterhin mit lasergesteuerten
Raketen bestückt. Nach der Ankündigung des NATO-Generalsekretärs, die
Militäroperationen eventuell sogar zu verstärken, war auch auf der »Roosevelt« gegen
Abend wieder die uneingeschränkte Kampfbereitschaft hergestellt worden.
Bild: Jet hebt vom Flugzeugträger ab.
Auch künftige Lufteinsätze erfolgten in Abstimmung mit der Schnellen Eingreiftruppe in
Bosnien. [...]
4. »Schrecken des Fremden«: Sharia und Fundamentalismus
WDR-Weitspiegel (9.10.1994)
Titel: »Die Richter Allahs«
Bericht von Klaus Werner
Ausschnitt:2:20 Min.
Dies ist ein persönlicher Erlebnisbericht aus Somalia nach Abzug der UN-Truppen. Der
»Schrecken« einer fremden Weltreligion wird an einem Detail ins Bild gesetzt. Die
Stichworte heißen Islam und Sharia, ihr Symbol eine blutige Gerichtsbarkeit und
abgeschlagene Glieder. Der Kommentar wirkt emotionsfrei. Sachlichkeit bestimmt ihn,
doch das Arrangement des Bildkontextes fördert eine weitere Aussage zutage: Schieres
Entsetzen über den Islam und seine angeblich blutrünstigen Mahdis wird gefördert. Die im
Bild tradierten »Vorurteile« gegenüber der fremden Kultur bedienen eine eurozentristische
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Weltsicht. Das Fremde ist suspekt. Der Beitrag läßt keinen Raum zur Diskussion und
diskreditiert dadurch das islamische Selbstverständnis.
Ablauf der Filmsequenz
Bild: Die Kamera zeigt einen Deliquenten mit verbundenen Augen. Er wird ausgepeitscht.
Kommentar: Die Hiebe sind sehr schmerzhaft, am Ende platzt die Haut auf, der Rücken
völlig zugeschwollen. Nach der Tortur ist ihm vergeben, er hat keine Schuld mehr.
»Gerechte Buße für eine schlimme Buße«, so zitiert das Gericht den Koran.
Scheich Shariff Mohidin ist sicher, daß die Sharia mit all ihrer Härte die einzige Lösung für
Somalia bedeutet. Politik hat keine Chance mehr. Nur die Besinnung auf islamische
Werte, auf den Koran, bringt das somalische Volk wieder zusammen.
Bild: Verbundener Beinstumpf Großaufnahme.
Auch das gehört zur Sharia. Bei Raub mit der Waffe werden ohne Betäubung die rechte
Hand und der linke Fuß abgeschnitten.
Bild: Ein Schwarzer ist auf dem Krankenbett in Halbtotale zu sehen.
Er hat mit vorgehaltener Maschinenpistole eine Uhr geraubt.
Bild: Werner interviewt den Arzt.
Auf die Frage, wie groß die Schmerzen seien, meint der Arzt:
»Er leidet nicht. Sicherlich hat er Wundschmerzen. Wir machen eine korrekte
Nachbehandlung. Und wie Sie jetzt sehen, ist er jetzt glücklich. Das einzige, was er sich
jetzt wünscht, sind Prothesen für seine verlorenen Glieder.« Ich frage nach, wie man in
diesem Zustand glücklich sein kann.
»Er ist glücklich, weil er sich bewußt ist, daß er Schlechtes getan hat und dafür die
gerechte Strafe bekommen hat. Er hat versprochen, so etwas nie wieder zu tun. Leider
müssen wir ohne Narkose nachbehandeln. Das ist ein Problem. Die Glieder sind nicht
korrekt abgetrennt, deshalb müssen wir noch einmal nachamputieren. «
Bild: Das verkürzte Bein, der Stumpf
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Fühlen sich alle Täter gleich nach ihrer Amputation?, frage ich einen andern Arzt?
»Nur einer von ihnen fühlt sich nicht gut, weil er sich unschuldig glaubt, ob er recht hat,
wissen wir nicht.«
Kann diese harte Bestrafung nach islamischen Gesetz wirklich zu einer friedlichen Lösung
in Somalia führen?
» Ich glaube, das ist die beste Lösung für Somalia«
5. »Betroffenheit und Ohnmacht«: Die Krüppel von Sarajevo
WDR- Weltspiegel (15. 5. 1994)
Titel: »Die Krüppel von Sarajevo«
Ein Zwischenruf von Friedhelm Brebeck
Ausschnitt: 2:22 Min.
Der Film versteht sich als ein subjektiver Beitrag des Fernsehlkorrespondenten Friedhelm
Brebeck und ist als »Zwischenruf« tituliert. Dieses könnte darauf hinweisen, daß die
übliche Distanz im Bericht aufgegeben und pointiert formuliert werden soll. Wer
dazwischenruft, verletzt die Spielregeln im allgemeinen und wird sehr leicht als
Störenfriedangesehen - und das scheint hier beabsichtigt. In der Tat beginnt der Bericht
mit der Durchbrechung eines sprachlichen Tabus. Brebeck spricht von »UNOvergessenen Dörfern am Arsch der bosnischen Bergwelt«. Die Aufmerksamkeit des
Zuschauers wird wachgerufen. Später heißt es von Achmed, einem Versehrten: »In
Sarajevo krückt er sich durch die Nebenstraßen«. Auch diese ungewöhnliche Wendung
läßt aufhorchen, schließlich spricht Brebeck vom »Waffenstillstandsrausch«, den er nicht
stören will. Unklar bleibt dabei freilich, wie das gemeint ist, und was der Zuschauer sich
darunter vorstellen soll.
Der Krieg selbst kommt nur eingangs ins Bild durch Schüsse, Rauch und Qualm und
zerschossene Häuser. Dann wendet sich der Film den schrecklichen »zivilen« Folgen zu,
den Krüppeln und ihrem Alltag in Sarajevo. Die Zusammenstellung der Bilder ist so
arrangiert, daß der Zuschauer am Bildschirm zu Hause absichtsvoll geschockt wird. Der
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Einblick in die Prothesenfabrik, die Sicht auf Stümpfe und Kunstbeine zeigt eine
furchtbare Facette des Krieges in Ex-Jugoslawien.
Schließlich setzt der Beitrag die »Überlebenden und die Kriegsschikkeria« ins Bild, die
Reichen mit »Sonnenbrillen« werden gegen die Gesellschaft der Krüppel abgesetzt. Aber
es gibt nach Brebeck auch »Vorzeigekrüppel«, die ins Ausland zur Therapie können und
mit den »besten aller Kunstbeine« versorgt sind. Der polemisch akzentuierte Beitrag zeigt
einen Ausschnitt aus dem Alltag in Sarajevo. Die Sprache ist über weite Strecken zynisch
akzentuiert, die Kamera unterstreicht das Grauen.
Ablauf der Filmsequenz
Bild: Schüsse, Rauch und Qualm. Zerschossene Häuser. Ein Mann mit Gewehr bringt
sich rennend in Deckung.
Kommentar: So war das zwei Jahre lang in Sarajevo, und so ist das immer noch in Bihac,
in Bresco und in den UNO-vergessenen Dörfern am Arsch der bosnischen Bergwelt. Fast
144.000 Tote und Tausende ohne Arme und Beine.
Bild: Aus der Froschperspektive. Ein Krüppel. Im Bild nur die Krücken, das versehrte und
das gesunde Bein, kein Körper, kein Gesicht.
Weltspiegel: 15.5.1994
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Achmed aus Mostar. 32 Jahre, eine Mine. In Sarajevo krückt er sich durch Nebenstraßen.
Ich will die Leute in ihrem Waffenstillstandsrausch nicht stören.
Bild: Mehrere Menschen mit und ohne Krücken stehen zusammen. Bild immer noch ohne
Gesichter.
Zwei Krücken, sechs Beine und eines davon bis zur Hüfte aus Holz.
Bild: Jetzt sind die Gesichter der drei Männer zu sehen.
Sie waren in einer Brigade, halten noch ein bißchen zusammen. Mehr als zehntausend
sind in diesem Krieg zu Krüppeln zerschossen. In Sarajevo liegen 200 in einer
Grundschule auf Feldbetten. Keine Familien, keine Wohnung, Die Armee verweigert
Dreherlaubnis und Interviews. Ihre monatliche Invalidenrente
Bild: Zwei Invalide geben sich Feuer.
verdampft in zwei Zigaretten. Alle drei Monate schickt ihre alte Einheit ein Paket, das von
der Front abgespart wird.
Bild: Durch ein Fenster sind Kinder zu sehen.
Die Kinder vor der Prothesenfabrik.
Bego Kapo ist 32 und Bauingenieur und er weiß nicht, ob die Regierung seinen
Arbeitsplatz garantiert. Das war eine Mine.
Bild: Die Prothese und das zerstörte Bein, das gesunde Bein im Bild angeschnitten.
Die Werkstatt für Kunstbeine ist primitiv, kein Material, keine moderne Technik. Die UNHilfe kümmert sich um Diesel für Abschleppfahrzeuge falsch geparkter
Schwarzmarktautos. Kapitano V. ist die Prothese gebrochen, er versucht eine neue. Die
meisten Beine müssen alle drei Monate gewechselt werden. Die miserable Ernährung
schrumpft die Stümpfe immer mehr zusammen und so viele Kunstbeine gibt es nicht, und
die Kriegskrüppel sind verbittert.
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6. »Ästhetik des Greuels«: Tod in Slow Motion
ZDF-Reportage (15. 1. 1993)
Titel: »Der Wahnsinn. Die Gefangenen, die Kinder, die Frauen«
Redaktion: Claudia Ruete
Ausschnitt: 1:50 Min.
Es ist ein Film, der vor allem durch das Arrangement der Bilder und die Rhythmisierung
des gezeigten Materials auffällt. Immer wieder gibt es lange wortlose Passagen, die in
Slow Motion (Zeitlupe) das Kriegsgeschehen für Augenblicke retardieren, anhalten und
zur Reflexion einladen. Die Verlangsamung zieht eine Intensivierung der Bildeindrücke mit
sich. Der Kommentar ( im Videoausschnitt nicht enthalten) tritt immer wieder zurück hinter
ein Bildmaterial, das dem Entsetzen durch die Tempiwechsel eine intensive nonverbale
filmische Variante entlockt. Es entsteht durch diesen Kunstgriff eine filmische
Metasprache, die über den üblichen »Krisenbericht« des Fernsehens hinausweist. Es hat
den Anschein, als leuchte der Bericht durch seinen eindringlichen Schnitt in die
verborgenen Nischen des Krieges. Die Verschränkung von Musik und Bild ist suggestiv
und eindringlich. Die Reportage hat eine Gesamtsendelänge von 28:29 Minuten.
Ablauf der Filmsequenz
Bild: Ein Mensch liegt am Boden, Ein anderer beugt sich über ihn, hebt ihn hoch.
Eindringliche Musik. Eine Blutlache wird sichtbar. Slow Motion. Blick auf weitere Verletzte
oder Tote, Überblendungen, Zerschossene Autotür. Schnitt. Beerdigung, Trauernde,
Musik weiter und Slow Motion. Weinende Frau mit gefalteten Händen. Großaufnahme auf
einen Männerkopf. Der Mann wischt sich eine Träne weg, er raucht.. Frauenkopf, Tränen.
Überblendung auf einen halbstarren, tot wirkenden Menschenkopf Die Hand greift nach
Nahrung. Schnitt: Verwesende Leichen, Fliegen an Kopf und Körper. Schnitt: Ein Schuh;
Kamera fährt den Körper hoch. Dieser liegt tot in einer Schubkarre zusammengefallen.
Schnitt: Toter Mensch liegt mit dem Kopf im Wasser.
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7. »Krisennachrichten für Kinder«: Deutsche Soldaten in Somalia
ZDF-logo (23. 3. 1994)
Im Studio Alexander Antoniadis
Ausschnitt: 0:55 Min.
logo ist eine ZDF-Nachrichtensendung, die sich, plaziert im Nachmittagsprogramm,
speziell an Kinder und Jugendliche wendet. Die Sendung soll in leicht verständlicher Form
auch über komplexe Geschehnisse in der Welt berichten. In der Sendung wird zur
Veranschaulichung regelmäßig mit Schaubildern und Graphiken gearbeitet. Die
Schaubilder dienen zur Verdeutlichung des Hungerproblems in Somalia, für das der
Beitrag dann eine Einschätzung gibt. Der Bericht läßt Kritik an dem Somaliaeinsatz
anklingen.
Ablauf der Filmsequenz
Bild: Hungernde Kinder, sie starren in die Kamera. Fliegen an einer leeren Schüssel.
Kommentar: In Somalia gab es kaum etwas zu essen, als die UNO-Soldaten kamen.
Bild: Es wird Essen an Kinder verteilt. Ein Kind trinkt aus einer Schüssel. Vorbeifahrender
Sattelschlepper mit Hilfsgütem. Entladung des LKW Kinder tragen Säcke mit
Nahrungsmittel. Bewaffnete Soldaten vertreiben Somali von LKW Gruppe deutscher
Soldaten im Zelt. Somalia-Karte. Deutsche UN-LKWs und Planierfahrzeuge beim
Straßenbau in Wüstengelände. Soldat trägt Ausrüstungsgegenstand, Soldaten verlassen
das Flugzeug und steigen die Gangway herab. Begrüßung der Soldaten durch den
Vorgesetzten mit Händedruck. Soldaten steigen in den Bus.
Die Menschen verhungerten, weil die verschiedenen Stämme sich einen schlimmen
Bürgerkrieg lieferten und es nicht genug Nahrung gab. Deshalb schickte die UNO
Truppen nach Somalia, die Nahrungsmittel verteilten und für Ordnung sorgen sollten.
Deutschland schickte auch Soldaten für die UNO-Mission.
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Bild: Somalia - Karte wird auf das Bild aus Somalia als Kontur eingeblendet.
Die Bundeswehr-Soldaten waren in Belet Huen, im Süden Somalias stationiert. Dort
bauten sie Straßen und bohrten sie Brunnen. Jetzt ist die Mission für die deutschen
Soldaten beendet. Die letzten von ihnen sind heute mittag nach Deutschland
zurückgekehrt. In Somalia aber geht der Bürgerkrieg immer noch weiter, denn den
konnten auch die UNO-Truppen, zu denen auch die deutschen Soldaten gehörten, nicht
stoppen.
ZDF-logo:23.03.1994
8. »Die Sicht der Opfer«: Kinder im Krieg
WDR-Weltspiegel(2. 5. 1993)
Titel: »Bosnien. Kinder im Krieg«
Bericht von Paul Martin
Ausschnitt: 2:40 Min.
Der Krieg der Erwachsenen in Bosnien wird aus der Sicht der Kinder gezeigt, seine
Folgen, seine Schrecken. Die Perspektive arbeitet in hohem Maße mit Identifikation und
darf mit der Aufmerksamkeit des Zuschauers rechnen. Der Berichterstatter (Paul Martin)
kann hier die übliche Zurückhaltung und ein Abwägen zwischen Parteien und Frontlinien
vernachlässigen. Die subjektive Sicht der Kriegsfolgen ist die Stärke des Beitrags. Dabei
werden mehrere Kinderschicksale verfolgt und kurz beschrieben. Der Film arbeitet bewußt
affektiv und klammert kognitives Argumentieren und Abwägen aus.
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Ablauf der Filmsequenz
Kommentar: Vom Balkon des Hotels aus kann man die Moscheen sehen, die die
Bombardements der Serben überstanden haben. Die Kinder hier im Hotel wissen ganz
genau, wo die serbischen Geschütze stehen: überall um sie herum.
Bild: Auf einem Tisch liegt ein Riesenhaufen mit Medaillen.
Diese Medaillen gehören der 14-jährigen Milena und ihren zwei Schwestern,
Schwimmerinnen. Für Bosnien wollte Milena im Ausland an einem Wettbewerb
teilnehmen. Sie galt als olympische Hoffnung. Auf dem Weg zum Flughafen geriet sie
unter serbisches Kreuzfeuer, sie kann nicht mehr schwimmen.
Bild: Im Fotoalbum wird geblättert, Bilder von Wettkämpfen. Milena spricht Englisch.
»Ich saß hier mit vielen anderen Kindern, die haben gespielt, als die Schüsse fielen.«
Bild: Eine Ärztin hält ein Röntgenbild ins Licht:
»24 Granatsplitter haben ihren Körper getroffen, 3 davon sind noch in ihrer Brust.«
Ihre behandelnde Ärztin sagt, daß sie einen Teil der Lunge und die linke Brust verloren
hat. Sie benötige dringend einen chiroplastischen Eingriff, den könne man aber hier in
keinem Falle vornehmen.
Das olympische Dorf, oder das, was davon noch übriggeblieben ist. Vier Granaten sind
hier eingeschlagen. Dabei wurden vier Kinder getötet. Eines davon starb in diesem Auto.
Bild: Durchsiebtes Auto. Dann: Foto: Helfer transportieren einen Schwerverletzten.
Der 15-jährige Alen starb 10 Minuten, nachdem er ins Krankenhaus eingeliefert wurde.
Am 5 April 1993, auf den Tag genau ein Jahr, nachdem der Krieg hier sein erstes Opfer
forderte.
Alens Vater. Er hat an der Front gekämpft. Er steht immer noch unter Schock. Neben dem
Foto von Alen hat er die Uhr angehalten, als er starb, um 17 Uhr 15.
Bild: Foto mit Trauerschleife, die Wanduhr.
Geburtstagsfeier für Victor. Er ist ein Jahr alt geworden, geboren als die ersten Schüsse
in Sarajevo fielen. Die Eltern sind Serben, zwei von 8000, die hier in Sarajevo noch leben.
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Bild: Kinder singen, - Bild von zwei toten Kindern.
»Helft Bosnien und den Bosnieren«, so der Text des Liedes der Kinder. Ein Hilfeschrei.
9. »Fernsehen hilft Helfen«: Sarajevo soll leben
ZDF-spezial(12. 12. 1993)
Titel: »Sarajevo soll leben«
Redaktion: Maria von Weiser und Joachim Holtz
Ausschnitt: 1:45 Min.
Die Sendung (Gesamtlänge: 43 Minuten) lief zur Weihnachtszeit und diente vor allem
dazu, die Zuschauer zu einer regen Spendentätigkeit für die belagerte Stadt Sarajevo zu
animieren. Die Moderatoren vor Ort (Eser und von Weiser) sind von der Situation der
eingeschlossenen Stadt Sarajevo tief betroffen. Ihre Aussagen und persönlichen
Einschätzungen sind im Kontext der Spendenaktion zu sehen. Die Sprache weist die
Moderatoren als Profis aus, die vor allem ihr Publikum zu Hause im Auge haben. Die
Hilfsaktion via elektronischem Medium intendiert gleichzeitig die positive Selbstdarstellung
des Fernsehens, seiner Fähigkeit, auch in der Krisenregion tatkräftig zu helfen.
Der Bildausschnitt erfaßt die Schlußphase der Sendung und gibt ein Resüme aus Sicht
der Moderatoren. Es hat den Anschein, als sei das Moderatorenpaar letztlich überfordert,
das Leben in der belagerten Stadt argumentativ zu beschreiben. Stattdessen wird mit
fragwürdigen sprachlichen Mitteln »Betroffenheit« inszeniert. Die Menschen selbst, ihr
Leiden und Leben rücken zumindest in diesem Ausschnitt nicht mehr ins Blickfeld. Die
»Fernsehsprache« verweigert sich hier den gemeinten Menschen und dient allenfalls
einer unverbindlichen, zur Schau gestellten Traurigkeit. Ruprecht Eser überrascht mit dem
Hinweis auf die unterschiedlichen Geräusche, die er in der Stadt wahrnimmt - die Stille
einerseits und dann das »surrende Geräusch heranrauschender Granaten.« Die
Ästhetisierung des Krieges ist hierbei evident. Auch seine Sprache bleibt der
oberflächlichen Beschreibung verhaftet.
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Ablauf der Filmsequenz
Bild: Konferenzschaltung mit Sarajevo. Links im Bild Ruprecht Eser und Maria von
Weiser, rechts die ZDF-Redaktion und die Moderatorin.
In perspektivischer Großschrift der Titel der Sendung
»Sarajevo soll leben«
Moderatorin:
[ ... ] So seh ich Sie auch. hallo Maria, Sie können mich hören?
Maria von Weiser:
Ja, ich kann Sie wunderbar hören, Petra.
Moderatorin:
Maria, Sie können ja nun die eingekesselte Stadt bald wieder verlassen, die andern
müssen dableiben. Was geht da in Ihnen vor, mit welchen Gefühlen verlassen Sie
Sarajevo?
Bild: Maria von Weiser und Ruprecht Eser.
ZDF-spezial:12.12.1993
Maria von Weiser:
Ich verlasse Sarajevo mit einem sehr unguten, einem sehr mulmigen Gefühl und ich bin
auch sehr, sehr traurig.
Bildunterschrift: »Maria von Weiser live in Sarajevo«.
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Maria von Welser:
Sicherlich, heute war erstmals seit langen Wochen ein ruhigerer Tag. Die Serben haben
anscheinend dritte Adventspause eingelegt. Es war ein wenig überzuckert, die Hügel,
dann eine strahlende Sonne, eine Wintersonne glänzte über der Stadt. Es hätte alles so
schön sein können. Aber ich habe auch gesehen, daß immer wieder Hunderte von
Menschen angestanden sind, auch an diesem Sonntag, nur für ein paar Hilfsgüter. Daß
die Menschen sehr, sehr traurig sind, deprimiert sind, daß es an Holz fehlt, an den
wenigsten, geringsten Lebensmitteln, Nahrungsmitteln. Sie haben das ja in der Sendung
gesehen, und ich gehe sehr, sehr traurig, und ich habe Angst um Sarajevo, um die
Menschen hier.
Moderatorin:
Ruprecht Eser, was war für Sie das eindrucksvollste Bild dieser Woche?
Bild: Ruprecht Eser; Bildunterschrift,- »Ruprecht Eser live in Sarajevo«.
Ruprecht Eser:
Ja vielleicht waren's die Geräusche mehr als die Bilder, soweit man das in der Kürze
sagen kann. Wenn man hier als Fremder in die Stadt kommt, dann ist es die Stille, die
beeindruckt, wenn man Krieg erwartet, diese Stille, die dann plötzlich zerrissen wird durch
das Geräusch, das surrende Geräusch heranrauschender Granaten, durch das Geratter,
das die Nacht zerreißt der Maschinengewehre, woran man sich gewöhnen muß, damit
man eben erst einmal lernt, wie die Gefahr ist, wie der Abstand ist derer, die hier als
Heckenschützen auf die Menschen schießen. Vielleicht nur so viel als eine kleine letzte
Impression. Wir möchten uns verabschieden aus Sarajevo mit Bildern unserer Kollegen
aus dieser Woche.
Maria von Weiser:
Und auch mit einem sehr wehen Herzen.
10. »Friedensarbeit im Krieg«: Die schwarzen Frauen von Belgrad
NDR- Weltspiegel (28. 2. 1993)
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Titel: »Kriegsopposition der Frauen«
Beitrag von Ulrich Fiedler
Ausschnitt: 3:10 Min.
Der Beitrag hat den Charakter eines Features, das heißt der Film gibt einem spezifischen
Vorgang ein »Gesicht«, zeigt die persönliche Einschätzung des Journalisten in Belgrad.
Der nackte Nachrichtenstil ist aufgegeben zugunsten pointenreicher Schilderung, die
bewußt mit der Antithese in Bild und Wort arbeitet. Der vermeintliche Frieden in der
Metropole wird mit raffinierten Schnitten als brüchig definiert. Das Thema ist u.a. die
Opposition gegen den Krieg, die in einigen Aspekten beleuchtet werden kann. Die Frauen
in Schwarz signalisieren einen wichtigen Protest im Innern der vermeintlich
monolithischen Gesellschaft. Das Schlagwort von den serbischen »Kriegstreibern« wird
indirekt Lügen gestraft.
Müllsäcke werden als Symbol des Wohlstandes in Belgrad gezeigt. Es wird betont, daß in
Belgrad mit dem Krieg Geld zu verdienen ist. Teure Autos unterstreichen im Bild diese
Vermutung, Das Arrangement der Bilder und Schnitte dient dazu, das »Serbische« zu
charakterisieren. Es werden ganz allgemein der serbische Nationalismus und der
Kriegsfanatismus benannt. Auf der anderen Seite nimmt die Kamera die stummen, gegen
den Krieg protestierenden Frauen in den Blick. Hier wird ganz unvermutet Opposition
gegen den Krieg gezeigt; ein wichtiges Bilddokument, das den Zusammenprall von
Kriegszustand und Friedenssehnsucht belegt. Beide Komponenten sind in der Stadt
Belgrad anzutreffen und stehen unvermittelt nebeneinander.
Ablauf der Filmsequenz
Kommentar wird von einer Männerstimme gesprochen.
Kommentar: Dunst liegt über Belgrad, zu deutsch: die weiße Stadt. Belgrad ist mittlerweile
grau geworden.
Bild: Müllsäcke werden in ein Müllauto getragen
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Spuren eines Arbeitstages, Abfall vor florierenden Geschäften. Weltstadt Belgrad,
serbische Metropole. Der Krieg ist 100 Kilometer entfernt auf dem Land. In Belgrad wird
damit kräftig Geld verdient - von einigen. Trotz des Embargos. Wegen des Embargos.
Bild: Ein Mercedes steht geparkt am Straßenrand; Schnitt in ein Cafe, mondäne Gäste im
Blickfeld.
Ob schön, ob reich - sie drängen dahin, wo die Mächtigen sind. Sie arrangieren sich mit
der Macht, um etwas abzubekommen vom großen Kuchen. Die neue Elite denkt positiv,
das heißt serbisch. Das ist dem staatlichen Belgrader Fernsehen immer eine Nachricht
wert. Und damit das so werden konnte, wurden über 1000 Mitarbeiter zwangsbeurlaubt.
Blick ins Aufnahmestudio des Fernsehens; Nachrichtensendung des Fernsehens.
Das serbische Weltbild muß sauber bleiben, die Tagesschau als Propagandainstrument.
Fahnenappell serbischer Kämpfer. Heilige serbische Erde bedroht von Feinden. Die
ganze Welt gegen Serbien. Der Krieg ist Verteidigung.
Bild: Ende des Fernsehens. Dann demonstrierende schwarz gekleidete Frauen
»Wer gegen diesen Krieg ist, ist eine Schande für das serbische Vollk«, sagt dieser junge
Mann. »Wir sind dabei, bis zum Sieg zu kämpfen, und diese Frauen demonstrieren gegen
den Krieg.« Jeden Mittwoch stehen diese Frauen in Schwarz hier. Opposition in Belgrad.
Bild: Ein älterer Mann mit Schiebermütze spricht.
»Warum gehen die nicht nach Zagreb, Sarajevo, nach Deutschland und Amerika und
sagen dort, was sie zu sagen haben?«
Frauen in Schwarz gegen den Krieg, letzte sichtbare Opposition auf den Straßen gegen
Milosevic. Nach den Wahlen vor zwei Monaten haben sich Resignation und Furcht
breitgemacht in der Opposition.
Die Belgrader Universität im Griff von Milosevic. [ ... ]
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Die Frauen in Schwarz bleiben. Stummer Protest, einziger Protest.
Bild: Interview mit einem Passanten.
»Ich glaube diese Frauen sind in Gefahr. Wir müssen alle helfen, irgendwie. Aber wer bin
ich schon? «
Bild: Ältere Frau - unmittelbar vor den Frauen in Schwarz.
»Mich erinnert das hier an Deutschland, als die Faschisten unter Hitler schon mit
parlamentarischen Mitteln an die Macht gelangt waren. Die Menschen haben Angst, sind
unfähig, sich zu widersetzen. Ich glaube, sie fühlen sich wie damals die Juden in
Deutschland. Nicht protestieren, nicht auffallen. Vielleicht, wenn wir schweigen, werden
wir verschont.«
11. Afrika mit anderem Blick. Kritische Anmerkungen eines
Korrespondenten
Themenabend arte (5. 10. 1995)
Titel: »Unser Mann in Afrika«
Dokumentation von Albrecht Reinhardt. arte / WDR
Ausschnitt: 6:50 Min.
Eine öffentliche Selbstreflexion des Mediums über die eigene Berichterstattung aus der
»Dritten-Welt« findet heute nur noch ganz am Rande statt. Das hängt u.a. auch mit dem
neu entstandenen Konkurrenzdruck zu den privaten Anbietern zusammen. Selbstkritik
scheint unter diesem Vorzeichen zur Ausnahme abzuflachen. Doch es gibt immer wieder
einmal in den Nischenprogrammen für Minderheiten kleine Features zu entdecken, die der
Frage nach dem Selbstverständnis des Mediums nachgehen. Der europäische
Kulturkanal arte berichtete im Herbst 1995 im Rahmen eines Themenabends über die
Entwicklung des Fernsehens in Afrika und über die europäische Afrikaberichterstattung. In
der fraglichen Sendung diskutierte der WDR-Auslandskorrespondent Albrecht Reinhardt vorsichtig und behutsam - die eigene Arbeit als Afrikakorrespondent, insbesondere
127
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während des UN-Einsatzes von 1992 / 93 in Somalia. Der Bericht wirft Fragen auf, die das
Fernsehen ansonsten ausklammert
Ablauf der Filmsequenz
Bild: Landung der Amerikaner.
Als Korrespondent mußte man einfach bei dieser nächtlichen Strandparty in Mogadischu
dabeisein. Und was gab das für Bilder! Die US-Marines zelebrierten ihren Auftritt als
heroische Retter Somalias im Dezember 92. Vor dramatischem Bühnenbild mit schweren
Requisiten. Afrikanische Bilder drehten wir hier nicht. Afrikaner kamen gar keine vor. Aber
es waren an diesem Tag unsere Bilder aus und von Afrika. Andere hätte uns in
Deutschland gar niemand abgenommen.
Bild: Somalier fassen Wasser.
Lange vor dem amerikanischen Militäreingriff hatten wir über die Hungerkatastrophe im
Bürgerkrieg Somalias berichtet. Wir hatten Vertriebene gesucht, Flüchtende gezeigt, Tod
und Sterben aufgenommen. Mit diesen Szenen wollten wir deutsche Zuschauer auf das
Leiden in Somalia aufmerksam machen.
Hatten diese Bilder, hatten unsere Reportagen tatsächlich den Blick der Deutschen auf
Somalia gelenkt? Ja, lautete die Antwort. hatte das aber auch den Somaliern geholfen?
Eine Antwort darauf ist sehr viel schwieriger. Vor Ort bei der Arbeit stellte ich mir diese
Frage nur selten. Vor allem wollten wir zeigen, was um uns herum geschah. Wie hier zum
Beispiel, als Hungernde in ihrer Not versuchen, die Essensausgabe zu stürmen.
Bild: Einspielung aus einer alten Somalia-Reportage mit kurzem O-Ton.
Meine Kollegen und ich hatten alle Hände voll zu tun, unter einfachsten Bedingungen, in
improvisierten Schneideräumen Tagesschau-Berichte herzustellen. Hotels gab es im
Bürgerkrieg Mogadischus nicht. Somalier halfen uns die Widrigkeiten des ungewohnten
Lebens zu bestehen. Sie besorgten Lebensmittel, sie kochten für uns. Immerhin die
Duschen funktionierten in unserer angemieteten Dienstvilla. Ein bißchen Hygiene für
weiße Berichterstatter, von denen dennoch viele krank wurden. Und immer wieder
Termindruck. Der Satellit wartete nicht.
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Für unsere journalistische Arbeit unersetzlich: die somalischen Helfer.
Bild: Reinhardt mit Achmed Ibrahim auf einem offenen Wagen.
Achmed Ibrahim fing bei uns als Übersetzer an, bald wurde er zum wichtigsten Vertrauten
und kundigen Führer durch die verwüstete Stadt. Mogadischu ein Heereslager Goliaths.
Trotz ihrer gewaltigen Kampfmaschinen beherrschten die Fremden das Land und die
Stadt nur scheinbar.
Bild: Kinder schlendern durch Trümmer.
David hätte Somalier gewesen sein können. Außerdem blühte hier die Kleinkriminalität.
Achmed warnte uns: »Gangster sammeln sich an der sogenannten grünen Grenze
zwischen Mogadischu-Nord und Mogadischu-Süd. Hier müßt ihr gut auf eure Kameras
aufpassen.« Wir hatten auch dank Achmeds Hilfe mehr Glück als die 40 Teams, denen
tatsächlich die Kameras geklaut wurden.
Welche Informationen lieferten wir nun mit unseren Beiträgen? Stellten wir die Somalier
nicht nur als Bettler und Bittsteller dar, die sich auf fremde Hilfe verließen? Verstärkten
wir, wenn auch ungewollt, rassistische Vorurteile? Wir suchten und fanden Beispiele
somalischer Selbsthilfe.
Dahabo Issah, eine junge Somalierin, organisierte für das Rote Kreuz die öffentlichen
Küchen in Mogadischu. »Nur dank Dahabos Arbeit können wir die Hungersnot wirksam
bekämpfen«, sagten uns weiße Mitarbeiter internationaler hilfsorganisationen. Hatten wir
den somalischen Engel von Mogadischu entdeckt? So erschien sie uns. Eine, die dem
Verhungern nicht tatenlos zusah.
Bild: Dahabo Issah unter den Hungernden.
»We bring the people here to take care.« »Wir bringen die Leidenden hierher, denn nur
hier bekommen sie zu essen. Wir wollen mit eigenen Augen sehen, daß sie auch wirklich
etwas in den Bauch kriegen.« Erst essen dann lernen!
Ein halbes Jahr später besuchten wir Dahabo wieder. In der ehemaligen Küche hatte sie
jetzt eine Schule eröffnet. Böse Zungen in Mogadischu behaupteten, daß sie mit all
diesen Einrichtungen nur sich und ihrem Clan Vorteile verschaffte. Wahrheit oder
Gerücht? Wie konnten wir das herausfinden?
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Bild: Reinhardt im Studio.
Albrecht Reinhardt. »Unser Mann in Afrika« arte / WDR 5. 10. 1995
Tatsächlich weiß ich es bis heute nicht. Aber als Berichterstatter mußte ich mich für oder
gegen Dahabo Issah entscheiden. Ich entschied mich für sie. Hatte ich doch mit eigenen
Augen gesehen, welche Arbeit die junge Frau in den Lagern leistete. Ob sie sich dabei
bereichert, Vetternwirtschaft betrieben oder Hilfsgüter verschoben hatte, ich konnte es
nicht überprüfen. In Mogadischu arbeiteten damals viele mit Gerüchten und
Anschuldigungen. Propaganda wurde im großen Stil betrieben, erst recht von den
kämpfenden Parteien. [...]
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Analytische Nachbetrachtung
Gewalt in den Medien - Die Krise als Dauernachricht
Bad news is good news
Das Fernsehen habe durch die Ablichtung der fiktionalen und nonfiktionalen
Gewaltdarstellung im Sendeprogramm die Bereitschaft zu kriegerischen Konfliktlösungen
in der Gesellschaft erheblich gesteigert. Dies ist eine populäre These über die
Wirkungsweise des Fernsehens. Sie übersieht freilich die komplexen
Wirkungsmechanismen, die einer linearen Wechselbeziehung zwischen
Fernsehgesellschaft und Konfliktgesellschaft entgegenstehen. Die Suche nach simplen
und handgreiflichen Erklärungsmustern ist verständlich, doch ist der Zusammenhang
zwischen dem »Hunger«, des Mediums nach der gewaltigen und auch gewalttätigen
Sensation und der zunehmenden Gewaltbereitschaft wesentlich differenzierter
anzusetzen. Auf alle Fälle läßt sich aber die Katastrophe als Dauernachricht - sei es als
Bericht oder Meldung über Regionen der ~>Dritten Welt-, als Schreckensbericht über das
Blutbad in Ex-Jugoslawien - bestätigen. Um den Nachweis der Folgenlosigkeit der
elektronisch produzierten Bilder sind andererseits immer wieder die Fernsehanstalten
selbst bemüht. Gelingt ihnen - ob privater oder öffentlich-rechtlicher Veranstalter ist dabei
zunächst sekundär - der Nachweis der strukturellen Harmlosigkeit des Fernsehens, dann
wären alle Bemühungen um eine reflektierte und ergebnisorientierte Berichterstattung
vergebens. Die »andere« von interessierter Seite propagierte These von der Arglosigkeit
der Bilder und der Nachrichten setzt nicht ohne Grund auf den unreflektierten Erhalt des
status quo. Dieser Weg ist der bequemste und läßt ganz nebenbei die außer acht, über
die berichtet werden soll: die Kinder, Frauen, Hungernde und Kriegskrüppel, die ein oft
voyeuristisches Kameraobjektiv im Namen der freien und demokratischen Presse häufig
scham- und morallos abgelichtet hat. Was immer mehr zu zählen scheint, ist die
vordergründige Bildsensation, arrangiert für die Atemlosigkeit der Fernsehsekunde, die
nicht hinter die Faktoren der Fakten dringt. Der ehemalige Bundespräsident Richard von
Weizsäcker bemerkte in diesem Zusammenhang: »Wie wir Gewalt heute wahrnehmen,
wird wesentlich von den Medien bestimmt. Nachrichtensendungen und Magazine
präsentieren uns eine beliebige Auswahl von Kriegsschauplätzen und Gewalttaten, oft
131
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ohne verständlichen Überblick über Ursachen und Folgen. Der Zuschauer bleibt mit dem
Eindruck zurück, von sinnloser Gewalt umgeben zu sein. Man vermittelt uns diese Bilder
und Nachrichten, übergangslos eingefügt zwischen Parteitagsberichten und den neuesten
Sportergebnissen. Menschlichkeit kommt dabei eben oft zu kurz, Mitgefühl wird kein
Raum gegeben.«1
Personale, strukturelle und kulturelle Gewalt
In der Diskussion um die Abbildung und Darstellung von Gewalt lohnt es sich, die
grundlegenden Unterschiede für einen Moment vor Augen zu führen: Wir unterscheiden
auch für das Medium Fernsehen drei wesentliche Aspekte der angewandten oder
vermittelten Gewalt, die personale, strukturelle und kulturelle. Unter personaler Gewalt
oder Aggression läßt sich im wissenschaftlichen Diskurs die beabsichtigte physische oder
psychische Schädigung von Menschen, Sachen oder Lebewesen verstehen.2 Demnach
wohnt den abgebildeten Kriegen und äußeren Konflikten immer auch der Aspekt einer
»personalen Gewaltübermittlung« inne. Die Ursachen dieser Konflikte haben sehr
unterschiedliche Gründe.
Sie allein auf Triebfaktoren, ethnische oder religiöse Hintergründe zu reduzieren, dürfte
nicht ausreichend sein. Desweiteren transferieren die Bilder des Fernsehens vielfach
Symptome der »strukturellen Gewalt«. Unter diesem Gewaltpotential versteht man eine
»indirekte« Gewalt, die unabhängig von Personen existieren kann.3 Eingeschränkte
Lebenschancen, wie sie durch Armut oder Hunger hervorgerufen werden, sind in diesem
Sinne Ausdruck einer strukturellen Gewalt, die von den Opfern nicht einmal direkt so
empfunden werden muß, weil die eingeschränkten Lebensnormen bereits internalisiert
sein können. Das Fernsehen berichtet tagtäglich in einer breiten Palette über
Erscheinungsformen der strukturellen Gewalt, ohne daß sich der Zuschauer freilich
darüber Rechenschaft ablegt. Filmnachrichten über latente oder offene Ungleichstellung
der Frau gehören hier ebenso dazu, wie Berichte über Kinderarbeit oder Prostitution.
Allem gemeinsam ist das Abbild ungleicher Lebenschancen und ungleicher
1 Richard von Weizsäcker bei der Eröffnung des 73. Fürsorgetages in der Rheingoldhalle in Mainz am 20.
Oktober 1993. In: Bulletin, 27.10.1993, S.1031.
2 Vgl Michael Kunczik: Gewalt und Medien. Köln/Weimar/Wien (2, Auf 1.) 1994, S. 11 f.
3 Vgl. Johan Galtung: Gewalt, Frieden und Friedensforschung. In: Dieter Senghaas (Hrsg.): Kritische
Friedensforschung, Frankfurt a.M. 1971 (4. Aufl.), S. 55ff.
132
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Machtverhältnisse. Darüber hinaus läßt sich mit Johan Galtung zusätzlich auch der
Komplex einer »kulturellen Gewalt« unterscheiden. Darunter wird jede Eigenschaft einer
Kultur bezeichnet, mit deren Hilfe direkte oder oder strukturelle Gewalt legitimiertwerden
kann. Diese Form der Gewalt tötet nicht oder macht niemanden zum Krüppel, aber sie
trägt zur ideologischen und kognitiven Rechtfertigung bei, Die nationalsozialistische
Ideologie von der rassischen Vorherrschaft der Arier, dem »Herrenvolk«, ist ein solches
Beispiel für kulturelle Gewaltherrschaft.4 Als ein weites Spektrum der kulturellen Gewalt im
Medium Fernsehen ist an eine Vielzahl von Sportsendungen zu denken, in denen unter
anderem der Sieg des einzelnen gegenüber seinen Konkurrenten mit durch und durch
gewalttätigen Mustern ins Bild gesetzt wird. Solche Muster herrschen, zum Beispiel,
traditionell in der Feier der audiovisuell übertragenen Formel-1-Rennen vor. Das Medium
Fernsehen kalkuliert die Sensation, auch die blutige Karambolage auf der Rennstrecke
mit ein und unterstreicht das Bild von einer Männergesellschaft, die im Namen des Sports
zur Not auch Tote hinterläßt. Das Argument, es werde nur über Sport berichtet, ist in
diesem Zusammenhang nicht korrekt. Das Fernsehen schafft sich hier die eigene
elektronische Arena und bedient die Theoreme der kulturellen Gewalt, die ihrerseits für
die Legitimation und Ausübung der strukturellen und personalen Gewalt dienen können.
Immer ist dabei zu bedenken, daß die triadisch strukturierten Gewaltaspekte - strukturelle
Gewalt, kulturelle Gewalt, direkte oder personale Gewalt - sich zur direkten (Gewalt-)
Aktion transformieren können. Wenn strukturelle Gewalt institutionalisiert ist und kulturelle
Gewalt verinnerlicht, dann steigt die Gefahr, daß sich auch die persönliche und direkte
Gewalt verfestigen, unterstreicht Galtung.5
Kriegsberichterstattung oder Krisenberichterstattung hat im engeren oder weiteren Sinne
mit der Abbildung der drei benannten Gewaltpotentiale zu tun. Freilich gibt sich der
Zuschauer nur in Ausnahmen darüber Rechenschaft. Die Fernsehforschung, das kommt
erschwerend hinzu, hat sich fast immer nur mit den Aspekten der personalen Gewalt in
Fernsehsendungen (in fiktiven oder non-fiktiven Genres) beschäftigt. Der Medienforscher
Jo Groelbel hat berechnet, daß in 48 Prozent aller Fernsehsendungen Aggression
auftaucht. 70 Morde sind täglich auf dem Bildschirm zu sehen, 2745 Gewaltszenen
4 Vgl. Johan Galtung: Cultural Violence. In: Journal of Peace Research, vol. 27, no.3/1990, S. 291ff.
Deutsch: Johan Galtung: Kulturelle Gewalt. In: Der Bürger im Staat, 2/1993, S. 106 -112.
5 Vgl. ebd.
133
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flimmern in einer Woche über den Bildschirm, mit 14.000 Fernsehmorden ist ein
Zwölfjähriger im Durchschnitt in seinem jungen Leben schon konfrontiert worden. Die
Durchsetzung staatlicher, politischer und auch humanitärer Interessen durch nationale
Polizisten, Soldaten oder supranationale Friedenstruppen wird landläufig nicht als die
Ausübung von Gewalt verstanden. Immerhin spiegeln aber viele Berichte aus Afrika, der
übrigen ~>Dritten Welt« und aus Ex-Jugoslawien die Allgegenwart einer latent
gewalttätigen Welt. Ob diese Bilderwelt ihrerseits die Rezipienten zu gewalttätigen
Handlungen stimulieren kann oder andererseits gegenüber dem Elend der Welt
abstumpfen läßt, das ist weiterhin nicht gesichert. Es ist zu berücksichtigen, daß die
Wissenschaftler in aller Regel die Wirkung fiktionaler Sendungen im Auge hatten, erst in
zweiter Linie den Bereich der Nachrichtensendungen und politischer Magazine. Dennoch
haben die Forschungsergebnisse grundsätzliche Bedeutung, auch für den non-fiktionalen
Bereich der Nachrichten und die Krisenberichterstattung aus der »Dritten Welt«.
Die Katharsis- und die Inhibitionsthese
Sie besagt, es gebe im Sinne der Dramentheorie von Aristoteles kathartische und damit
»reinigende« Prozesse beim Anblick von Bildern der Gewalt in den Medien. Durch das
Nachvollziehen der Gewaltakte besonders im Bereich des Spielfilms - im fiktionalen
Geschehen nehme die Bereitschaft des Zuschauers ab, selbst gewalttätig zu handeln. Die
Behauptung freilich, jede Fantasieaggression habe auch eine kathartische Funktion läßt
sich nach Michael Kunczik nicht länger aufrechterhalten6 »eine durch das Ansehen
violenter Medieninhalte bewirkte Aggressivitätsminderung aufgrund des Abfließens des
Aggressionstriebes erfolgt nicht«, betont der Medienexperte. Obwohl die Katharsisthese
weitgehend widerlegt scheint, dient sie immer wieder zur Rechtfertigung von
Gewaltdarstellung besonders im fiktionalen Bereich, »Violence is a catharsis for kids. It's
no accident that there's violence in fairy tales and horror movie«, unterstreichen T.F.
Balwin und C. Lewis. »It's a way they learn to deal with a portion of their environment.«7
6 Vgl. Michael Kunczik: Gewalt und Medien, a.a.O., S. 59.
7 T.F. Baldwin und C. Lewis: Violence in television. The industry looks at itself. In:Television an social
behavior, Washington 1972, S. 342~
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Eng verbunden mit der Vorstellung einer kathartischen Wirkung des Fernsehens ist die
Inhilbitionsthese. Sie besagt, daß violente Darstellungen im Medium in der Tat potentiell
zu aggressiven Impulsen bei den Zuschauern führen können. Doch werde diese durch die
Angst vor elterlicher Gewalt unterdrückt oder doch kanalisiert. Kriegsspiele der Kinder auf
der Straße, durch das Fernsehen inspiriert und angeregt, können in diesem Kontext
gesehen werden. Die aggressionshemmenden Faktoren sind jedoch weniger in der
Fernsehdarstellung als in der Umweltreaktion des Zuschauers auf die dargestellten
Gewaltszenen zu suchen.8 Bruno Bettelheim formulierte in diesem Zusammenhang eher
optimistisch: »Es gibt kaum eine Sendung, aus der ein Kind nicht vieles lernen könnte,
sofern ein verantwortungsbewußter Erwachsener die notwendigen Instruktionen gibt.
Selbst Sendungen mit gewalttätigen Szenen sind keine Ausnahme, doch darf das Kind
nicht so verängstigt oder so wütend sein, daß es vom Geschehen völlig überwältigt wird.
Es ist für Kinder sehr wichtig, daß sie die richtige Einstellung zur Gewalt entwickeln; die
Augen vor existierender Gewalt zu verschließen, kann wohl kaum als konstruktive Haltung
gelten. Jedes Kind muß lernen, was an der Gewaltanwendung falsch ist und aus welchem
Grund, warum es Gewalt gibt und wie man mit ihr bei sich selbst und bei anderen
umgehen sollte.«9
Der Imitationsansatz
Dieser Ansatz geht auf die Untersuchungen von Albert Bandura zurück10 und unterstreicht
den unmittelbaren Zusammenhang von Gewaltdarstellungen des Fernsehens und
Nachfolgetaten von Jugendlichen. »Vor allem bei Kindern wurden entsprechende
Handlungen beobachtet, und diese reine Imitation der Motorik aggressiven Verhaltens
läßt sich bei Kleinkindern nach wie vor feststellen. Auf Erwachsene allerdings ist dieses
Modell weniger gut anwendbar.«11 Nach Jo Groebel stellt das inzwischen
weiterentwickelte Modell einen interessanten Ansatz dar, das heißt: »Wenn gehäuft
aggressive Problemlösestrategien angeboten werden, nicht aggressive viel seltener
8 Vgl. Günter Gugel: Erziehung und Gewalt. Waldkirch i, Br. 1983, S. 76.
9 Bruno Bettelheim: Kinder und Fernsehen, In: B.B.: Zeiten mit Kindern. Freiburg/Basel/Wien 1994, S. 75f.
10 Albert Bandura: Social learning through imitation, in: M.E. Jones (Hrsg.): Nebraska symposium on
motivation, Lincoln 1962,
11 Jo Groebel und Uli Gleich: Gewaltprofil des deutschen Fernsehprogramms. Opladen 1993, S. 21.
135
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vorkommen und gleichzeitig entsprechende Alltagserlebnisse fehlen, entwickeln
besonders Vielseher ähnliche (aggressive) Wahrnehmungsmuster, die in entsprechenden
Situationen auch in Verhalten umgesetzt werden können.«12 Doch Skepsis und Vorsicht
ist geboten, denn einen linearer Zusammenhang zwischen Fernsehsendungen und
Nachfolgelaten scheint nur ausnahmsweise gegeben, zum Beispiel bei Gewaltaktionen
militanter Gewaltverbrecher. Michael Kunczik unterstreicht dabei: »Eins ist sicher: Die
Beziehung zum Terrorismus, da kann man, auch wenn die Datenbasis häufig nicht so gut
ist, doch sagen »the media are the terrorist' best friends«, weil terroristische Akte
Medienspektakel sind. Und das ist sehr gut dokumentiert worden im Zusammenhang
übrigens mit dem algerischen Befreiungskampf. Die FLN hat ihre Taktik geändert vom
Wüstenkrieg hin zur Medienberichterstattung, wobei dann das Problem auftrat, dessen
sich die CBS bewußt geworden ist, daß durch überzufällige Wahrscheinlichkeiten die
Reporter immer gerade dann da waren waren, wenn irgendeine Bombe explodierte oder
ein Anschlag auf französische Soldaten erfolgte. In diesem Zusammenhang ist es
zweifellos so, daß auch die Anwesenheit von Reportern natürlich Gewaltakte stimulieren
kann, und es ist sogar denkbar [ ... ], daß eine sich selbst erfüllende Prophezeiung
erfolgen kann, wenn die Berichterstattung bestimmte Formen annimmt.«13
Der bedingte Einfluß des Mediums
Von einer bedingungslosen Folgenlosigkeit der Darstellung von Gewalt, Terror und Krieg
im Medium Fernsehen wird heute nicht mehr ausgegangen. Fernsehen hat nicht nur eine
Kurzzeitdimension, indem Gewaltdarstellungen beim Zuschauer verstärkt aggressive
Tendenzen hervorrufen können, sondern auch eine Langzeitdimension, indem
Bewußtseinsstrukturen geprägt werden und so gesellschaftliche Gewaltverhältnisse
(personale, strukturelle und kulturelle) als immer vorhanden und deshalb als »normal<~
vermittelt werden. Die Verherrlichung der Gewalt im Fernsehen als Normalzustand hat
gravierende Folgen auch für die non-fiktionalen Berichte und Reportagen:
12 Ebd.
13 Michael Kunczik: Live in die Gewalt. Grenzen der Berichterstattung, In: Reinhold Kopp (Hrsg.) Politische
Kultur und Fernsehen. Beiträge zu den 1. Saarbrücker Medientagen, Berlin 1991, S. 166f.
136
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-
die Normalität der Gewalt im fiktionalen Fernsehprogramm färbt auch auf die
Nachrichtensendungen, Magazine und Features ab. Krieg wird als die nachgerade
entscheidende Dominante im Weltmaßstab vermittelt, physische Gewalt als die
wichtigste Konstante in der »Dritten Welt« vorgeführt.
-
Es besteht heute die Gefahr weniger darin, »daß es bei Gewaltdarstellungen zu
direkten Nachahmungstaten kommt, als vielmehr darin, daß (erfolgreich erscheinende)
aggressive Modelle ganz allmählich Werte, Normen und Einstellungen gegen Gewalt
verändern, daß sie gegen Gewalt desensibilisieren und Gewalt als
Problemlösungsmittel anbieten. Es ist also nicht in erster Linie das konkrete
aggressive Verhalten in den Filmen zu fürchten als vielmehr der (Un)Geist, der in
Gewaltdarstellungen ausgestrahlt wird, mit seinen Zerrbildern vom Menschen. «14
-
Die Armut der Zweidrittelwelt - ohne den Kontext der strukturellen und kulturellen
Gewalt - kann durch die Perpetuierung im Programm als unveränderbar erlebt werden.
Eurozentristische Berichterstattung, soweit sie sich im Fernsehprogramm artikuliert,
hat mit der Vermittlung von Gewalt zu tun, ohne daß dies stets definitiv so erlebt wird.
Ob dadurch auch eine akute Desensibilisierung beim Zuschauer erreicht wird, muß
vorerst offen bleiben, ist aber wahrscheinlich.
14 Herbert Selg: Fördern Medien die Gewaltbereitschaft? In: Der Bürger im Staat, 43 (1993), H. 2, SA 16.
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Gewalt und Fernsehen: Wirkungsmodelle
These
Inhalt
Medienpädagogische
Katharsis-
Durch das Mitvollziehen
these
fiktiver Gewaltakte vermindert
Relevanz
eher gering
sich die Bereitschaft, selber
Inhibitions-
Gewalt auszuüben.
Das Fernsehen regt zu Gewaltakten
these
potentiell an; die Angst vor elterlicher
eher gering
Betrafung verhindert die
Imitations-
Umsetzung.
Das Fernsehen provoziert zu
these
gewalttätigen Nachfolgetaten im
Habitualisie-
privaten und politischen Bereich.
Die Gewöhnung an reale oder fiktive
rungsthese
Gewaltakte führt zu Abstumpfung des
graduell gegeben
graduell gegeben
Zuschauers. Entscheidend ist die
Kultivations-
Sozialisation des Zuschauers.
Hoher Fernsehkonsum führt zu einer
relativ plausibel
these
verzerrten Sicht der gesellschaftlichen
und im Experiment
These
Realität.
Nicht die direkte Nachfolgetat ist
nachweisbar
hoch und
von der
entscheidend, sondern die
nachweisbar.
bedingten
weitreichende Desensibilisierung des
Wirkung des
kritiklosen Vielsehers für humane und
Fernsehens
ethische Normen im gesellschaftlichen
Kontext.
138
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Medien und Kommunikation in internationalen Krisen
Nur wenn die Medien den Rezipienten andere Länder so zeigen, daß wir uns mit unseren
Fähigkeiten in den anderen wiedererkennen können, werden internationale Konflikte eine
andere, weniger tödliche Gestalt annehmen. Diese These über die Rolle der Medien als
Friedensstifter hat Tradition: Sie basiert auf der Vermutung, daß mehr und andere
Informationen übereinander dazu führen, daß Differenzen friedlich ausgetragen werden.
Auf der anderen Seite wird jedoch auch vermutet, daß Medien in internationalen Krisen
keineswegs friedenserhaltend, sondern wegen ihrer festen Verankerung in ein
kybernetisches System der politischen und ökonomischen Machterhaltung eher als
Verstärker zwischenstaatlicher Konflikte wirken. In der Informationsgesellschaft, die auch
auf einer Globalisierung von Kommunikation beruht, verändert allein die Existenz eines
globalen öffentlichen Kommunikationssytems die Qualität politischer Handlungen. Eine
»Weltgesellschaft« hat sich konstituiert, ohne jedoch die für nationale Gesellschaften
traditionelle Basis politischer und normativer Integration zu erreichen. Transnationale und
transkulturelle Kommunikation haben transnationale Kulturen entstehen lassen, zu denen
- neben politischen und ökonomischen Institutionen - auch die global orientierten Medien
gehören. Internationale Kommunikation hat Außenpolitik damit um ein neues Konfliktfeld
erweitert, neue Erwartungen über die Rolle von Kommunikation im Krieg und für den
Frieden geschaffen sowie neue Erwartungsstrukturen in Form von Propagandaapparaten
und Kriegsberichterstattung institutionalisiert.
Martin Löffelholz: Krisenkommunikation. In: Ders. (Hrsg.): Krieg als Medienereignis Opladen
1993, S. 25f.
-
Die Permanenz der Echtzeitberichte von den Kriegsschauplätzen auf dem Balkan und
anderswo entstellt den Europakrieg zu einem elektronischen Importartikel. Krieg und
Gewalt erscheinen am Bildschirm als prinzipiell steuerbar, da sie mit einem FernEreignis verbunden sind. Mit Paul Virilio läßt sich formulieren: »Bei der Offensive der
Direktübertragungen ist alles wahr, »wahr« im instrumentellen Sinn des Wortes, das
heißt, operativ und unmittelbar wirkungsvoll. Die audiovisuelle Landschaft wird zu einer
» Kriegslandschaft<~, und der Bildschirm zu einem quadratischen Horizont, der den
Videosalven genauso ausgesetzt ist und durch sie überbelichtet wird, wie das
Schlachtfeld den unzähligen Raketeneinschlägen ausgesetzt ist.«15
15 Paul Virilio: Krieg und Fernsehen: München 1993, S. 16.
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»Fiktive« Gewalt und »reale« Gewalt in den Nachrichten
Jo Groebel und Uli Gleich haben in einer umfassenden Analyse des privaten und
öffentlich-rechtlichen Fernsehens (Basisjahr: 1991) das Potential aggressiver oder
gewalttätiger Sequenzen im Programmalltag untersucht und sind dabei zu dem Ergebnis
gelangt, daß in Spielfilmen und Serien die reine Gewaltdarstellung - ohne Exposition und
dramaturgische Zusammenhänge - zwischen 2,3 % (ARD-Programm) und 3,3% (Pro 7)
der Spielzeit betragen kann.16 Beim Sendervergleich ergaben sich folgende Werte:
ARD
2,3%
ZDF
2,6%
ARD/ZDF (Vormittagsprogramm)
1,2%
SAT1
2,6%
RTL
3,1%
Tele 5
3,4%
PRO 7
3,3%
Die Medienwissenschaftler fanden im übrigen ihre These eindeutig bestätigt, daß in
Spielfilmen und Serien aus den USA aggressive Szenen häufiger zu beobachten sind als
in europäischen Produktionen. Im Verlauf einer Fernsehwoche zeigen die einschlägigen
Fernsehsender nahezu 500 Mordszenen, das heißt im einzelnen und pro Tag:
– bei PRO 7 rund 20 Mordszenen, oder fast stündlich eine
– Tele 5 und RTL zeigen jeweils 13 Mordszenen am Tag
– SAT1 präsentiert neun Morde
– das ZDF zeigt 7 Mordszenen täglich
– die ARD zeigt 6
– das Vormittagsprogramm von ARD und ZDF zeigt 2 Morde.
In absoluten Wochenzahlen ergibt sich folgendes Schaubild
16 Vgl. Jo Groebel und Uli Gleich: Gewaltprofil des deutschen Fernsehprogramms. Opladen 1993, S. 70.
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Am 30. Oktober 1938 strahlte der New Yorker Sender CBS den SF Roman »The War of
the Worlds« nach einer Vorlage von H.G. Wells aus. Die realistische Inszenierung - sie
besorgte Orson Welles machte Tausende von Menschen glauben, daß an diesem Abend
geheimnisvolle Marsmenschen in Amerika gelandet seien. Eine Massenhysterie war die
Folge, die zu Recht noch heute als einschlägiger Beleg für die Wirkung der
Massenmedien dient . In dem Hörspiel war u.a. zu hören: »Der Feind ist jetzt in Sicht ...
141
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fünf gewaltige Maschinenmenschen ... Der erste kommt durch den Hudson auf New York
zu ... Er durchwatet den Fluß wie ein Mensch einen Bach. Man reicht mir eine Meldung ...
im ganzen Land gehen Marszylinder nieder. Jetzt steht der erste am Ufer ... blickt um sich
... Sein Kopf ist in Wolkenkratzerhöhe ... Er stößt Rauch aus ... Die Menschen fallen wie
die Fliegen. Jetzt zieht der Rauch über die Sixth Avenue heran ... jetzt über die Fifth
(Husten) ... noch hundert Meter ... noch fünfzehn.«17 Obwohl es zahlreiche Hinweise auf
die Fiktionalität der Radiosendung gab, ließ sich die Massenhysterie zunächst nicht
eindämmen. Die Menschen verließen panikartig die Häuser und verstopften auf ihrer
»Flucht« die Straßen,"18 der Weltuntergang schien programmiert. Gewiß, die
Glaubwürdigkeit der Massenmedien, auch ihre Suggestivkraft ist heute geringer
einzuschätzen als vor sechzig Jahren. Immerhin signalisiert dieses fiktional Radioereignis
die Potenzen und die dramatischen Möglichkeiten, die in den Medien stecken können.
»Die Tatsache, daß etwas wirklich passiert oder passiert ist«, folgert Claudia Wegener,
»der Verweis auf Authentizität bewirkt beim Zuhörer oder -seher anscheinend eine
bestimmte Rezeptionshaltung und das wird sich bis heute nicht geändert haben.«19
Entgegen der landläufigen Erwartung, daß die Nachrichtensendungen des Fernsehens
von Mitteilungen und Bildern über Mord und Totschlag nur so strotzten, ergeben neuere
Untersuchungen ein entgegengesetztes Bild: Weniger als 10% aller im Fernsehprogramm
vorkommender Gewaltakte - wobei das Problemfeld der strukturellen Gewalt freilich
unberücksichtigt bleibt -entfallen auf den Bereich der Nachrichten, wobei vor allem
kriegerische und politische Auseinandersetzungen dominieren.20 Schon 1965 hatten Marie
Holmboe Ruge und Johan Galtung das Spektrum der Nachrichten, die über das Ausland
verbreitet werden, untersucht.21 Dabei ergab sich:
17 Zitiert in:Jean Harker Burns: Der Tag, an dem die Marsmenschen kamen. Wie ein Hörspiel vor dreißig
Jahren in Amerika eine ungeheure Panik auslöste. In : Das Beste aus Reader's Digest, 1970, H. 2, S.
156.
18 Vgl. Hadley Cantril: The Invasion from Mars. A Study in the Psychologie of Panic. With the complete
script of the famous Orson Welles Broadcast, New York 1966 (Reprint der Ausgabe von 1940);
desweiteren: Byron Haskin: »Kampf der Welten« / »War of the Worlds«. Transcript von Werner Faulstich.
Tübingen 1982. Vgl. »Martialisches Märchen«. In: Der Spiegel 28 / 1976, S. 127~
19 Claudia Wegener: Reality TV. Fernsehen zwischen Emotion und Information. Opladen 1994, S. 40f.
20 Vgl. Jo Groebel und Uli Gleich a.a.O., S. 101.
21 Johan Galtung und Marie Holmboe Ruge: The structure of foreign news, In: Journal of Peace Research,
2 / 1965.
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1. Negative Ereignisse entsprechen besser dem sogenannten Frequenz-Kriterium als
positive Ereignisse. Die Frequenz ist die Zeitspanne, die ein Ereignis zu seiner
publizistischen Ausbreitung benötigt.
2. Je klarer und eindeutiger ein Ereignis ist, desto eher wird darüber berichtet.
3. Je mehr Ereignisse den Erwartungen des Publikums entsprechen, desto eher kann
daraus eine Nachricht formuliert werden.
4. Negative Ereignisse treten im Vergleich zu positiven Ereignissen zumeist unerwartet
und plötzlich ein, soweit es Ereignisse aus einem »eingeschliffenern«
Erwartungshorizont betrifft.22
Der Tatbestand, daß in Nachrichtensendungen, Features und auch bei der direkten
Auslandsberichterstattung, das Thema Aggression und Gewalt im Vergleich mit fiktionalen
Sendungen eine untergeordnetere Rolle spielt, könnte zu dem Trugschluß ihrer
»Harmlosigkeit« oder »Bedeutungslosigkeit« führen. Da gerade Informationssendungen
des Fernsehens auf eine hohe Akzeptanz und auch Glaubwürdigkeit beim Zuschauer
stoßen, ist die Wirkung der Informationssendungen und Nachrichten nicht zu
unterschätzen.
Die allmähliche Identifizierung der »Dritten Welt « als Dauerkrisenherd von
ausgehungerten Desperados, die in ihrem Unglück forsch, unbedacht und rücksichtslos
zur Waffe greifen, solche Krimis in bewegten Fernsehbildern verzerren auf Dauer die
politische und kognitive Urteilskraft des Fernsehzuschauers und haben möglicherweise
Folgen für eigenes Intervenieren oder die Unterlassung von Handlungen. Die
undifferenzierte Berichterstattung über kritische Brennpunkte läßt die Vermutung
aufkommen, daß diese Elendsbilder zur Tatenlosigkeit abstumpfen und einen frustrierten
und handlungsunwilligen Zuschauer zurücklassen. Gleiches läßt sich auch von einer
mitteleuropäischen Kriegsberichterstattung (Ex-Jugoslawien, Tschetschenien) vermuten,
in der das krude Faktum Tod, Blut und Krieg höher wiegt als ein Blick hinter die Ursachen
entstellter Menschlichkeit. Eine durch das Fernsehen bewirkte oder gar institutionalisierte
Gleichgültigkeit wäre nur auf den ersten Blick harmlos. Immerhin hätte dieses
Zuschauerverhalten auch etwas mit »struktureller Gewalt« zu tun, weil es die
Ungleichgewichte in der Welt in somnambuler Beschränkung stützte. Die direkte
Nachahmung kriegerischer Auseindersetzung scheint auf den ersten Blick in der Tat nicht
die zentrale Gefahr zu sein. Dagegen könnte ein gewalttätiges, bellizistisches und allein
22 Vgl. Michael Kunczik: Gewalt und Medien, a.a.O., S. 197.
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krisenorientiertes Weltbild, wie es das Fernsehen in Teilen seines Programms offeriert,
unsere Einstellung zur Gestaltung der Welt doch auf Dauer beeinflussen. Solches könnte
heißen: »Es ist also nicht in erster Linie das konkrete aggressive Verhalten in den Filmen
zu fürchten als vielmehr der (Un)geist, der in Gewaltdarstellungen ausgestrahlt wird, mit
seinen Zerrbildern vom Menschen. «23
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung
außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des
Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,
Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in
elektronischen Systemen.
23 Herbert Selg: Fördern Medien die Gewaltbereitschaft? a.a.O., S. 116.
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