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Die kirchenslawische Urkunden - von Daniel Ursprung

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BALKAN-ARCHIV
NeueFolge
ISSN 0170-8007
Herausgegeben von
Wolfgang Dahmen
und
J ohannes Kramer
Band 30/31/32
2005/2006/2007
WISSENSCHAFTLICHER V ERLAG A. LEHMANN
Veitshochheim
Daniel Ursprung
(Zürich)
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzlei­
sprache der Fürstentümer Walachei
und Moldau (14. -17. Jahrhundert)
Balkan-Archiv
N.F. 30-32,2005-2007
Spielte das Latein nicht nur in Westeuropa, sondem auch im õstlichen
Mitteleuropa bei Tschechen, Ungam und Polen im Mitte1alter eine wich­
tige Rolle als Liturgie- und Urkundensprache, so trifft dies auf die Ru­
manen, die selber eine auf das Latein zurückzuführende Sprache spre­
chen, nicht zu. Erste schriftliche Belege des Rumanischen stammen erst
1
Danach sollte es aber noch ein gutes
aus dem frühen 1 6 . Jahrhundert.
weiteres Jahrhundert dauern, bis sich das Rumanische als Liturgie- und
Schriftsprache in den beiden Fürstentümem Walachei und Moldau durch­
gesetzt hatte. Fand das Rumanische im letzten Jahrzehnt des 1 6 . Jahr­
hunderts in der Walachei noch in weniger als 1 0
% der Falle Verwen­
dung als Urkundensprache, so betrug dieser Anteil zu Beginn der 1 63 0er
Jahre schon gut zwei Drittel und um die Mitte des 1 7 . Jahrhunderts rund
90
%.2 In der Mo1dau stieg der Anteil des Rumanischen a1s Urkunden­
sprache von knapp der Ha1fte aller Dokumente in der zweiten Ha1fte der
1 63 0er Jahre auf rund drei Vierte1 Anfangs der 1 640er Jahre. 3 In den
ersten drei Jahrhunderten ihrer Existenz herrschte in den Kanzleien und
Schreibstuben der beiden im 1 4. Jahrhundert am Unterlauf der D onau
südlich und õstlich des Karpatenbogens entstandenen FÜfstentümer
damit eine Sprache vor, die sich deutlich von der Volkssprache unter­
schied.
Aufgrund des Entstehungskontextes und der nachfolgenden
kulturellen Orientierung wurde als Urkundensprache in der Walachei
und der Moldau eine Weiterentwicklung des im 9. Jahrhundert entstan­
denen Altkirchenslawischen verwendet, dessen alteste schriftliche B ele­
ge an die Wende vom 9. zum 1 0. Jahrhundert zurückreichen.
l Edition erhaltener rumãnischer Texte des 16. Jahrhunderts mit umfangreichen
Faksimiles bei Alexandru Mare� et. al. (Hg.): Documente �i insemnãri române�ti
din secolul al XVI-Iea. Bucure�ti 1979.
2 Gemãss den Angaben in: Documenta Romaniae Historica (im Folgenden:
DRH). B: Tara Româneascã, Volumul XI (1593-1600). Hg. von Damaschin
Mioc, �tefan �tefãnescu et. al. Bucure�ti 1975, S. IX (im Folgenden DRH B XI);
DRH. B: Tara Româneascã, Volumul XXln (1630-1632). Hg. von Damaschin
Mioc. Bucure�ti 1969, S. V.; DRH. B: Tara Româneascã, Volumul XXXIV
(1649). Hg. von Violeta Barbu, Gheorghe Lazãr, Oana Rizescu. Bucure�ti 2002,
S. V (im Folgenden DRH B XXXIV).
3 Gemãss den Angaben in: DRH. A: Moldova, Volumul XIX (1626-1628). Hg.
von Haralambie Chirca. Bucure�ti 1969, S. V (im Folgenden DRH A XIX);
DRH A: Moldova, Volumul XXVI (1641-1642). Hg. von I[oan] Capro�u. Bucu­
re�ti 2003, S. VII.
190
Daniel Ursprung
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
19 1
Das A1tkirchenslawische als alteste kodifizierte Form einer slawi­
Entstehung
Der Begriff "A1tkirchenslawisch" (engl.
:u;epKoBHO-CJIaB5IHCKI:I:Ü 5I3bIK, mmanisch
Old Church Slavonic, mssisch
slavã veche bisericeascã, die
beiden letzteren heute ungebrauchlich) deutet bereits an, dass es sich
dabei um eine spatere, ab dem 1 8 . Jahrhundert belegte Fremdbezeich­
nung handelt. 4 Der umschreibende Begriff "Kirchenslawisch" trifft inso­
schen Sprache geht auf die zweite Halfte des 9. Jahrhunderts zurück, als
eine von Byzanz initiierte Missioniemng die B ekehmng der heidnischen
Slawen zum Ziel hatte. D er Ausgangspunkt der Missionstatigkeiten der
beiden aus Thessaloniki stammenden und vom byzantinischen Kaiser
beauftragten Brüder Konstantin (als Mõnch: Kyrill, ca. 826-869) und
Michael (Method, 8 1 6-885) bei den Slawen lag zunachst im Einzugsbe­
fem zu, als diese Sprache im Umfeld der Slawenmission ihren Urspmng
reich der Herrschaft des mahrischen Fürstentums (dem so genannten
wendung fand. Das Attribut "alt" bezieht sich einerseits auf den Um­
niemng ver1agerte nach dem Tod der beiden Brüder und der Vertreibung
schen Sprache handeIt und unterscheidet es andererseits von den
mahrisch-pannonischen Raum ihren Schwerpunkt nach Südosteuropa,
hatte und zumindest anfànglich insbesondere innerhalb der Kirche Ver­
stand, dass es sich um die alteste schriftlich belegte Form einer slawi­
"Grossmahrischen Reich"). Die von etwa 863 bis 885 dauemde Missio­
ihrer Schüler aufgmnd der veranderten machtpolitischen Verhaltnisse im
weiterentwickelten Formen des Mittel- und Neukirchenslawischen. Ge­
wo slawisch besiedelte Gebiete praktisch bis vor die Tore von Konstan­
Sprachraumes und besonders in den einst sozialistischen Landem sind
Byzanz liegenden Ersten Bulgarischen Reiches war derart stark slawisch
brauchliche
Bezeichnungen
der
Sprache
ausserhalb
des
deutschen
daher auch Namen, die wõrtlich mit "A1tslawisch" zu übersetzen waren
(mssisch CTapOCJIaB5IHCKHH 5I3bIK, .n;peBHeCJIaB5IHCKHH 5I3bIK, mmanisch
tinopel reichten. Das Gebiet des in unmittelbarer Nachbarschaft von
besiedelt, dass die turksprachige Führungsschicht (die so genannten
zum Teil auch so1che, die wõrtlich "Buch-" bezie­
Protobulgaren) schliesslich sprachlich an ihre slawische Umgebung
assimiliert wurde. 6
deuten. Dabei ist j edoch das A1tkirchenslawische oder eben "Altslawi­
Namen Michael, 852-889) um 865 erõffnete sich den ca. 885 aus dem
limba slavã veche),
hungsweise "Schriftslawisch" (bulgarisch KHH)KHOCJIaB5ICKH e3HK) be­
sche" nicht zu verwechseln mit dem Urslawischen (mmanisch
comunã, strãslavã, protoslavã,
slava
teils auch paleoslavã, letzteres wird aber
auch für das Altkirchenslawische verwendet), der rekonstmierten hypo­
Nach der Taufe des bulgarischen Chans Boris (mit christlichem
Grossmahrischen Reich vertriebenen Schülem Konstantin-Kyrills und
Michael-Methods im Bulgarischen Reich die Mõglichkeit zu missionie­
ren. Sie konnten sich dabei auf die Vorarbeiten ihrer Lehrer stützen, die
thetischen Wurzel al1er slawischen Einzelsprachen, vergleichbar dem
zum Zwecke der Missioniemng der Slawen im Mahrischen Reich Über­
die germanischen Sprachen oder dem schriftlich belegten Latein im
Falle der romanischen Sprachen. 5 Vielmehr handelt es sich beim Altkir­
war die Schaffung eines eigenen, "slawischen", Alphabetes, der so ge­
ebenfal1s nur per Rekonstruktion erschliessbaren Urgermanischen für
chenslawischen um eine in Ansatzen bereits herausgebildete slawische
Einzelsprache, we1che die typischen Züge der südslawischen Gmppe
aufweist und sich daher allenfalls mit der B edeutung des Gotischen als
einer germanischen Einzelsprache der õstlichen Gruppe für die Sprach­
geschichte der germanischen Sprachen vergleichen liesse.
setzungen liturgischer Texte in der "Volkssprache", also in einem slawi­
schen Idiom, angefertigt hatten. Eine wesentliche Errungenschaft Kyrills
nannten Glagolica (von glagolü
I
['''''['M1:\.:
Wort). Damit konnten im
Slawischen verbreitete Laute wiedergegeben werden, für die weder das
griechische nach das lateinische Alphabet Grapheme zur Verfügung
stellten. Über die Herkunft der glagolitischen Schrift, die kaum Ãhn­
lichkeiten mit den beiden vorgenannten Alphabeten aufweist, ist viel
spekuliert worden, eine abschliessende Antwort steht aus. Neben verein­
zelten Fallen, wo mit der Anlehnung an andere, vor allem orientalische,
4 Nikolaos H. Trunte:
Gi\OR1wb.CK'b.H �b.IK'b.. Ein praktisches Lehrbuch des Kir­
chenslavischen in 30 Lektionen. Zugleich eine Einführung in die slavische Phi­
5
lologie. Band I: Altkirchenslavisch. München 2003 , S. XII (=Slavistische Bei­
trage, 264; Studienhilfen, 1). Im Folgenden: Trunte 1.
5 Zur Terminologie und Bezeichnung des Altkirchenslawischen siehe I. D. Ne­
grescu: Limba slavã veche. Perioada slavonã la romini, texte paleoslave �i romi­
no-slave, glosar slavo-romin. Bucure�ti 1961, S. 40-41.
Alphabete argumentiert werden kann, wird auch auf die Verwendung
6 Daniel Ziemann: Vom Wandervolk zur Grossmacht. Die Entstehung Bulgari­
ens im frühen Mittelalter (7. - 9. Jahrhundert). Koln, Weimar, Wien 2007, S.
413, 420-421.
192
Daniel Ursprung
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
193
christlicher Symbole (Kreuz, Kreis, Dreieck) sowie auf die Mõglichkeit
der freien Erfindung der einzelnen Buchstaben verwiesen. 7
Wesentlichen an die griechische Majuskelschrift angelehntes, verein­
Method waren also zweierlei: die Schaffung eines slawischen Alphabe­
wurden übemommen. Dieses wesentlich vereinfachte Alphabet wird als
Die Errungenschaften der Brüder Konstantin-Kyri1l und Michael­
fachtes Alphabet entworfen. Einige Grapheme der Glagolica für typisch
slawische Laute, für die das griechische Alphabet keine Zeichen hatte,
tes sowie einer auf der Grundlage der slawischen V olkssprache im Um­
Kyri11ica bezeichnet, obschon es nicht von Kyri1l selbst, sondem von
Schriftsprache. Damit wurde die Missionierung der Slawen in ihrer
sche, Bulgarische und andere Sprachen (mit kleinen Varianten) verwen­
land von Thessaloniki, der Heimat der beiden Brüder, basierenden
seinen Schülem geschaffen worden ist. Das heute noch für das Russi­
Muttersprache ermõglicht. Da die gesprochenen slawischen Idiome der
dete Alphabet ist im Wesentlichen mit diesem Ende des 9. / Anfang des
dass sie untereinander nicht mehr verstãndlich gewesen wãren, konnte
ge in der Form der so genannten "bürger1ichen Schrift" (grazdanka) .
damaligen Zeit sich noch nicht so stark auseinander entwickelt hatten,
1 0 . Jahrhunderts geschaffenen Alphabet identisch, wenn auch heutzuta­
die Volkssprache der Slawen aus dem südlichen Makedonien in Form
Diese stellt eine unter Peter dem Grossen für das Russische eingeführte
dabei, in welchem Ausmass auch Elemente aus mãhrischen Dialekten in
Alphabet angepasst und durch das Weglassen einiger Grapheme verein­
sind. 8 AIs Schriftsprache zur Wiedergabe eines kIar umrissenen Text­
sche (bzw. in der Sowjetunion auch für eine Reihe nichtslawischer)
einer Schriftsprache auch in Mãhren Verwendung finden. Unklar ist
die von den beiden Brüdem geschaffene Schriftsprache eingeflossen
korpus (1iturgische Texte wie Evangelien und Psalter) wies das Altkir­
Form des kyrillischen Alphabetes dar, die graphisch an das lateinische
facht wurde. Spãter wurde die bürger1iche Schrift auch für andere slawi­
Sprachen übemommen, so dass die heute noch in Gebrauch stehenden
chenslawische allerdings Besonderheiten auf, die es von der zeitgenõssi­
kyrillischen Alphabete im Wesentlichen Varianten der grazdanka dar­
Syntax etc. mussten dem Textkorpus und dem Verwendungskontext
nommen. Bis zur um 1 83 0 einsetzenden schrittweisen Übemahme des
chend eng ans Vorbild des Griechischen an, welches nicht nur in prakti­
bet mit geringfügigen Ãnderungen Verwendung. 9 Eine Ausnahme bilde­
schen gesprochenen slawischen Sprache unterschieden. Terminologie,
angepasst werden. Wortbildung und Satzbau lehnten sich dementspre­
scher Hinsicht als Orientierungspunkt diente, sondem auch über das
Prestige einer "kanonischen" Schriftsprache verfügte, der nachzueifem
stellen. Das Rumãnische hingegen hat die bürgerliche Schrift nie über­
lateinischen Alphabetes fand ausschliesslich das alte kyri11ische Alpha­
te lediglich die in der Sowj etunion entwickelte Variante der rumãni­
schen Schriftsprache, die unter dem Begriff "moldauische Sprache"
das Streben der j eweiligen Übersetzer war. Das Altkirchenslawische war
primãr in der Moldauischen Sowj etrepublik Verwendung fand und wo­
schrãnkte "Kunstsprache", die sich von der gesprochenen Volkssprache
Schrift zum Einsatz kam.lO
daher von Anbeginn an eine auf wenige Verwendungskontexte be­
unterschied. Gerade dadurch aber konnte es, ãhnlich wie Luthers Bibel­
übersetzung, zur Grundlage der Vermittlung des christlichen Glaubens
über dialektale Differenzen hinweg werden.
Die ab Mitte der 880er Jahre im Reich des Bulgarenchans wirkenden
für eine am Russischen orientierte Orthographie mit der bürger1ichen
Die von Kyri11, Method und ihren Schülem entwickelte und verbrei­
tete kirchenslawische Schriftsprache wurde im Ersten Bulgarischen
Reich gegen Ende des 9. Jahrhunderts zur Liturgie- und vermutlich auch
Schüler Kyri1ls und Methods konnten bei der Missionierung der Slawen
auf diesen Vor1eistungen ihrer Lehrer aufbauen. Schon bald j edoch
erwies sich das von Kyri11 geschaffene glagolitische Alphabet mit seinen
rund 40 Graphemen als zu kompliziert. Anstelle dessen wurde ein im
7 Georg Tschemochvostoff: Zum Ursprung der Glagolica. In: Studia Slavica
Finlandensia 1 21 1 995, S. 1 4 1 - 1 49.
8 Jos Schaeken, Henrik Bimbaum: Die altkirchenslavische Schriftkultur. Ge­
schichte - Laute und Schriftzeichen - Sprachdenkmãler (mit Textproben, Glos­
sar und Flexionsmustem). München 1 999, S. 1 6 (=Altkirchenslavische Studien,
2).
9 Für eine Übersicht über das kyrillische Alphabet siehe Emil Vlrtosu: Paleogra­
fia româno-chirilicã. Bucure�ti 1 968, v. a. S. 1 0 1 - 1 02; Negrescu: Limba slavã
veche, S. 50-5 1 ; KarI Tagliavini: Rumãnische Konversationsgrammatik. Heidel­
berg 1 93 8, S. 432-433. Die wichtigsten Ãnderungen im Alphabet betreffen die
Einführung der Grapheme LI\. .IJ\ (in, i oder n im Anlaut) I) ... (stimmhafte
Variante von Y v) sowie die Schreibung � tI anstelle von Oy oy.
10
Klaus Heitmann: Das Moldauische im Zeichen von Glasnost' und Perestrojka.
In: Wolfgang Dahmen (Hg.): Zum Stand der Kodifizierung romanischer Klein­
sprachen. Romanistisches Kolloquium V. Tübingen 1 99 1 , S. 3 -28, hier S. 9
(=Tübinger Beitrãge zur Linguistik, 348).
194
Danie1 Ursprung
zur Kanzleisprache. 1 1 Auf der Volkssprache des Umlandes von Thessa­
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
195
wendung, die sich bei der Christianisierung an Byzanz orientiert hatten.
loniki basierend war es an den in dieser Gegend gesprochenen Dialekt
Neben dem kirchlichen B ereich etablierte sich das Altkirchenslawische
diesem j edoch nicht identisch. Zwar weist das Altkirchenslawische be­
densprache. Im Laufe der Zeit entstanden so aufgrund des grossen rãum­
steht damit von den heutigen Schriftsprachen dem Bulgarischen und
durch die relativ geringe Distanz zwischen Volks- und Schriftsprache.
dementsprechend eher "altbulgarisch" oder "altmakedonisch" war, ist
wo sich Volks- und lateinische S chriftsprache deutlich voneinander
angelehnt, als für liturgische Zwecke geschaffene Schriftsprache mit
reits charakteristische Merkmale der südslawischen Gruppe auf und
hier in der Regel auch als Ausgangspunkt für die Kanzlei- und Urkun­
lichen Verbreitungsgebietes lokale Varianten. Begünstigt wurde dies
Makedonischen am nãchsten. Die Frage danach, ob Altkirchenslawisch
Anders als etwa im polnischen, bõhmischen oder ungarischen Bereich,
j edoch müssig, da bereits die Fragestellung anachronistisch ist. Die
unterschieden (und sich dennoch lokale Besonderheiten des Latein fin­
moderne bulgarische und makedonische Schriftsprache sind Produkte
des 19. und 20. Jahrhunderts, die Vereinnahmung des Altkirchenslawi­
schen für das bulgarische bzw. makedonische Nationalbewusstsein so­
mit ein ausserlinguistisches Problem. Die zeitgenõssische B ezeichnung
der Sprache war schlicht "Ci\OE'kH�CWh.", "slawisch". 1 2 Zum Entstehungs­
den lassen), führte die Verwendung einer der slawisehen Umgangsspra­
ehe sehr ãhnliehen Sehriftspraehe zu hãufigen Interferenzen zwischen
beiden Spraehformen. Faktiseh herrsehte eine Art Diglossie-Situation, in
we1cher sieh das Kirehenslawisehe im kultisehen und liturgisehen wie
allgemein im schriftliehen B ereich und die lokale slawische Sprache in
zeitpunkt des Altkirchenslawischen existierte weder eine bulgarische
der mündlichen Alltagskommunikation gegenüberstanden. Die Grenzen
Reihe schriftlich nicht belegter südslawischer Dialekte, aus denen erst
gesetzlich bedingte Verãnderungen fanden eine Widerspiegelung im
dierung der verschiedenen Dialektgebiete geschah dabei nicht auf lin­
Elementen angereiehert, und zum Teil hielten aueh morphologisehe
noch eine makedonische Sprache im modernen Sinne, sondern eine
viel spãter "national" konnotierte Einzelsprachen entstanden. Die Arron­
zwisehen beiden Spraehformen waren j edoeh nicht undurchlãssig. Laut­
Sehriftbild, Syntax und Pragmatik wurden mit umgangsspraehliehen
guistischer, sondern auf politischer Grundlage. Eine direkte Genealogie
Varianten Einzug in die S ehriftspraehe. Auf diese Weise entstand eine
Insofern beschreibt der synthetische Kunstbegriff "Altkirchenslawisch"
wertneutral den Charakter der damit bezeichneten Sprache.
wickelten Formen bezeiehnet man denn in Abhebung vom klassischen
Altkirehenslawiseh als "Mittelkirehenslawiseh" (rumãniseh slavonã). 14
der Folge nicht allein im Bulgarischen Reich Verwendung, sondern
in etwa auf die Wende vom 11 . zum 12. Jahrhundert festzusetzen, so
des Altkirchenslawischen erstellen zu wollen ist daher wenig sinnvoll. 1 3
Als erste slawische Schriftsprache fand das Altkirchenslawische in
wurde in verschiedenen slawischen Gebieten benutzt. Dies betrifft ins­
besondere den Einzugsbereich der sich im Laufe der Zeit immer deutli­
cher vom rõmischen Katholizismus abhebenden Orhodoxie. Wãhrend
sich im Katholizismus die Lehre von den drei heiligen Sprachen durch­
setzte, der gemãB nur Hebrãisch, Griechisch und Latein als Schriftspra­
chen anerkannt wurden, zeichneten sich die deutlich lockerer miteinan­
der verbundenen orthodoxen Gebiete durch die Verwendung diverser
Schriftsprachen auf volkssprachlicher Grundlage aus. So fand das Alt­
Reihe von Redaktionen des Altkirehenslawischen. D iese weiterent­
Die chronologisehe Grenze zwisehen Alt- und Mittelkirehenslawiseh ist
dass das Altkirehenslawisehe für den Zeitraum von etwa 863 bis 1100
mit einem Schwerpunkt ab der 2 . Hãlfte des 10. Jahrhunderts anzusetzen
ist, aus dem allerdings nur vergleiehsweise wenige Texte überliefert
sind. 1 5 Im serbischen Bereieh fand das Kirehenslawisehe ab dem spãten
12. Jahrhundert Verwendung, in der Kiever Rus' schon kurz naeh der
Annahme des Christentums 988. 1 6 Die bulgarisehe Redaktion des Kir­
ehenslawisehen wird aueh als mittelbulgarisch bezeiehnet und lõste im
kirchenslawische primãr in den slawischen Herrschaftsbereichen Ver-
11 Schaeken, Bimbaum: Die altkirchenslavische Schriftkultur, S. 1 3.
12 Hans Holm Bielfeldt: Altslawische Grammatik. Ein:führung in die slawischen
Sprachen. Halle / Saale 1 96 1 , S. 20 (=Slawistische Bibliothek, 7).
13 Zum Problem der Identitãt von Sprachen siehe Norbert Boretzky: Ein:führung
in die historische Linguistik. Hamburg 1 977, S. 63-65.
14 Zum Hintergrund dieser Entwicklung siehe Emst Hansack: Das Kirchenslavi­
sche des 14. Jahrhunderts. In: Ders., Walter Koschmal, Norbert Nübler et. al.
(Hg.): Festschrift :für Klaus Trost zum 65. Geburtstag. München 1 999 (=Die
Welt der Slaven, Sammelbãnde, 5).
15 Zur chronologischen Eintei1ung siehe Schaeken, Bimbaum: Die altkirchensla­
vische Schriftkultur, S. 1 3 -26.
1 6 Ebd., S. 54-55.
196
12. Jahrhundert das Altkirehenslawisehe ab.
Daniel Ursprung
17
Im Moskauer Reich und
in den õstliehen, von orthodoxen Ostslawen besiedelten Gebieten des
polniseh-litauisehen Reiehes entstand dureh diverse Normierungen wãh­
rend des 1 6 . und 1 7 . Jahrhunderts eine reformierte Form des Kirehensla­
1
visehen, das sogenannte Neukirehenslawiseh. 8 Aueh als Synodalkir­
ehenslawiseh bezeiehnet war es fortan die Spraehe der Liturgie der
russiseh-orthodoxen Kirehe.
Die mittelkirehenslawisehen Redaktionen bildeten aueh die Grund­
lage für die ab der zweiten Hãlfte des 14. Jahrhunderts in den Fürsten­
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
biet südlieh der Donau, im makedonisehen Raum identifiziert.
197
19
Dem­
entspreehend gehen in der Historiographie aueh die Meinungen über den
Zeitraum auseinander, auf den sieh das slawisehe Sehrifttum in der ru­
mãnisehen Kultur zurüekführen lasse. Die Angaben sehwanken zwi­
sehen dem 9. (also praktiseh zeitgleieh mit der Entstehung der altkir­
ehenslawisehen Sehriftspraehe) und dem 14. Jahrhundert. Die ãltesten
sehriftliehen Belege des Kirehenslawisehen auf dem heutigen Territori­
um Rumãniens stammen aus der Dobrudseha, wo die Rumãnen j edoeh
tümern Walaehei und Moldau verwendete Urkundenspraehe. Die genau­
noeh bis ins 19. Jahrhundert nur einen vergleiehsweise geringen Bevõl­
kerungsanteil stellten.20 Ãhnlieh wie bei der Frage naeh dem bulgari­
im Dunkeln. Die starke slawisehe Bevõlkerung auf dem Gebiet der spã­
die Fragestellung naeh dem Alter der kirehenslawisehen Einflüsse in der
der rumãnisehspraehigen Bevõlkerung zum südosteuropãisehen Raum
haftet, dass sie von modernen Vorstellungen einer gesehlossenen natio­
en Umstãnde der Übernahme des kirehenslawisehen Sehrifttums liegen
teren Fürstentümer Walaehei und Moldau wie aueh die engen Kontakte
sehen oder makedonisehen Charakter des Altkirehenslawisehen seheint
rumãnisehen Kultur mit dem grundlegenden methodisehen Mangel be­
südlieh der Donau bilden den Hintergrund dieser Entwieklung. Die
nalen Kultur ausgeht. Zweifellos kamen im Ver1aufe der Jahrhunderte
bzw. ihrer Vor1ãufer gesehah, angesiehts des weitgehend vom Latein
19 Auf diese Kontroverse kann hier nicht eingegangen werden. Stellvertretend sei
aus der umfangreichen Literatur nur auf folgende Werke verwiesen: Gottfried
Schramm: Ein Damm bricht. Die rõmische Donaugrenze und die Invasionen des
5.-7. Jahrhunderts im Lichte von Namen und Wõrtem. München 1 997
(=Südosteuropãische Arbeiten, 1 00); Elemér I1lyés: Ethnic continuity in the
Carpatho-Danubian area. Boulder 1988 (=East European monographs, 249), die
beide :für einen süddanubischen Entstehungsraum der rumãnischen Sprache
argumentieren. Bündig zusammengefasst werden die Argumente gegen den
norddanubische Entstehungsraum bei W olfgang Dahmen: Exteme Sprachge­
schichte des Rumãnischen. In: Gerhard Emst et alii (Hg.): Romanische Sprach­
geschichte. Ein intemationales Handbuch zur Geschichte der romanischen Spra­
chen. 1 . Teilband. Berlin, New York 2003, S. 727-746, hier S. 730-736. Für die
These des norddanubischen Entstehungsgebietes der rumãnischen Sprache siehe
unter anderem Alain Ruzé: Ces Latins des Carpathes: preuves de la continuité
roumaine au nord du Danube. Bem etc. 1 989; Grigore Brâncu�: Das Rumãni­
sche. In: Uwe Hinrichs (Hg.): Handbuch der Südosteuropa-Linguistik. Wiesba­
den 1 999, S.26 1 -276 (=Slavistische Studienbücher. Neue Folge, 1 0); Ligia
Bârzu: Der Fortbestand der Rumãnen im ehemaligen Dazien. Bukarest 1 98 1 ;
Dumitru Protase: Der Forschungsstand zur Kontinuitãt der bodenstãndigen
Bevõlkerung im rõmischen Dazien (2.-3 .Jh.). In: Hildegard Temporini, Wolf­
gang Haase (Hg.): Aufstieg und Niedergang der rõmischen Welt. Geschichte
und Kultur Roms im Spiegel der neueren Forschung. Teil II: Principat, sechster
Band. Berlin, New York 1 977, S. 990- 1 0 1 5 .
20 Detaillierter Überblick über die Forschungskontroverse bei Ví:rtosu: Paleogra­
tia româno-chirilicã, S. 2 1 -30; zu frühen Belegen kirchenslawischer Texte r.
MMXaMJI3: KHM)I(HOCJIaBjlHCKOe BJIMj{HMe Ha pyMbIHCKMH JIMTepaTypHbIH j13bIK
(JIeKCMKa). In: Romanoslavica 9/1 963, S. 23-4 1 , hier S. 25-26.
Übernahme des Christentums dureh die Trãger der rumãnisehen Spraehe
hergeleiteten ehrist1iehen Grundwortsehatzes, wohl nieht aussehlieBlieh
über slawisehe Vermittlung. Im Bereieh der Liturgie ist j edoeh der sla­
wisehe Wortbestand wesentlieh stãrker vertreten. Es ist daher davon
auszugehen, dass Spreeher des Rumãnisehen vor der Gründung der
Walaehei und der Moldau zumindest teilweise einer slawisehspraehigen
Kirehenorganisation unterstanden. In diesem Rahmen werden sie mit
dem Kirehenslawisehen als Spraehe der Liturgie in Kontakt gekommen
sein. Die Klãrung dieser Umstãnde wird j edoeh wesentlieh kompliziert
dureh die Tatsaehe, dass die Frage naeh dem Ort der Ethnogenese oder
prãziser: dem Entstehungsgebiet der rumãnisehen Spraehe naeh wie vor
ãusserst umstritten ist. Je naeh Standpunkt wird als Entstehungsgebiet
der rumãnisehen Spraehe der Raum nõrdlieh der Donau, also im We­
sentliehen das Gebiet des modernen rumãnisehen Staates, oder ein Ge1 7 Dora Ivanova-Mirceva: Die bulgarische Literatursprache des 1 3 ./14. Jahrhun­
derts - die dritte klassische Sprache im mittelalterlichen Europa. In: Bulgarien.
Intemationale Beziehungen in Geschichte, Kultur und Kunst. Symposium vom
1 9.-24. Mai 1 982 in Ellwangen. Hg. von Wolfgang Gesemann, Kyrill Haralam­
pieff, Helmut Schaller. Neuried 1 984, S. 73-82 (=Bulgarische Sammlung, 4;
Südosteuropa-Studien, 35).
1 8 Nikolaos H. Trunte: Ci\dEiHCKiH ..a3�Wh.. Ein praktisches Lehrbuch des Kir­
chenslavischen in 30 Lektionen. Zugleich eine Ein:führung in die slavische Phi­
lologie. Band 2: Mittel- und Neukirchenslavisch. München 1 998, S. 324-325
(=Slavistische Beitrãge, 370; Studienhilfen, 9). Im Folgenden: Trunte 2.
198
Daniel Ursprung
immer wieder Sprecher der rumanischen Sprache in Kontakt mit dem
Altkirchenslawischen als Liturgie- und Schriftsprache, ohne dass sich
daraus schon zwangslaufig eine generelle und endgültige Durchsetzung
dieser Sprache als Kultsprache bei al1en Sprechem des Rumanischen
herleiten liesse. Was einzig konkret festgestellt werden kann, ist der
Gebrauch des Kirchenslawischen in bestimmten institutionellen Kontex­
ten, also etwa die Verwendung in Liturgie und Gottesdienst oder die
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
199
sowie dem S erbischen Reich. So waren es neben griechischen vor allem
auch Mõnche aus diesen Landem, in deren Handen der Aufbau der
kirchlichen Organisation und des Klosterwesens beider Fürstentümer zu
Beginn fast ausschliesslich lag. Als Schriftkundige brachten sie die
kirchenslawische Schriftsprache in Form der j eweiligen Redaktionen in
die Walachei und die Moldau, wo sie in der Folge auch zur Sprache von
Liturgie und Urkunden wurde. Parallel dazu wurde auch die Landesver­
Einführung als Kanzleisprache in der Walachei und der Moldau. Hier
waltung nach dem Vorbild der umliegenden südosteuropaischen Reiche
zweiten Halfte des 1 4. Jahrhunderts, und zwar aus dem Jahre 1 3 74 für
1
die Walachei und 1 3 88 für die Moldau.2 Erst gegen Ende des 1 6. Jahr­
Hofámter zeugen, die über südslawische Vermittlung in die Walachei
und die Moldau gelangten. Vor allem die weit verbreitete Kenntnis des
ein Prozess, welcher im Grossen und Ganzen um die Mitte des 1 7. Jahr­
und deren enge B eziehungen zum südslawischen Raum dürften also den
Wende vom 1 8. zum 19. Jahrhundert blieb das Kirchenslawische in
leisprache gegeben haben. Denn sie ermõglichte auch den Anschluss an
stammen die frühesten bekannten kirchenslawischen Dokumente aus der
hunderts begann das Rumanische das Kirchenslawische zu verdrangen,
hunderts abgeschlossen war. In der darauf folgenden Periode bis zur
bestimmten Kontexten, etwa in Texteinschüben und stereotypen Text­
passagen wie etwa Titulatur des Wojwoden, erhalten, um danach võllig
aufgebaut, worauf etwa eine Reihe von byzantinischen Termini für hohe
Kirchenslawischen unter den Schriftkundigen in beiden Fürstentümem
Ausschlag für die Verwendung dieser Sprache als Liturgie- und Kanz­
die orthodoxen Lander und die Rezeption liturgischer Schriften aus
diesem Raum, setzte andererseits aber auch eine klare Abgrenzung ge­
zu verschwinden.
genüber dem machtigen ungarischen Kõnigreich, welches unter anderem
scher Sprache sind im Kontext der historischen Hintergründe der Herr­
nie über den Raum südlich und õstlich der Karpaten von Siebenbürgen
Die Ursachen für die Einführung des Kanzleiwesens in kirchenslawi­
über die katholische Missionierungstatigkeit versuchte, seine Hegemo­
schaftsbildung zu suchen. Nach ihrer Entstehung orientierten sich die
aus auszubauen.
begründeten Ursachen nach einer anfánglichen Phase des Schwankens
ab der zweiten Halfte des 1 4. Jahrhunderts kam es zudem zu einer Ver­
thodoxie schliesslich in kirchlicher und kultureller Hinsicht an Byzanz
beziehungsweise der Orthodoxie.22 Enge kulturel1e B indungen etwa über
herrschten Gebieten. Geistliche suchten Zuflucht in orthodoxen Landem
den beiden direkt benachbarten Reichen, dem zweiten Bulgarischen
kirchenslawischen Schriftsprache verstarkt. Dieser in der russischen
Fürstentümer Walachei und Moldau aus diversen, auch machtpolitisch
zwischen der Annahme des Katholizismus und der Bekennung zur Or­
dynastische Verbindungen der Herrscherfamilien bestanden auch mit
21 DRH B: Tara Româneascã, Volumul 1 ( 1 247- 1 500). Hg. von P[etre] P. Panai­
tescu, Damaschin Mioc. Bucure�ti 1 966, Nr. 6, S. 1 7- 1 8 (im Folgenden DRH B
I); Virtosu: Paleografia româno-chirilicã, S. 263 .
22 Viorel Achim: Ecc1esiastic Structures and political structures in 1 4th century
Wallachia. In: Maria Crãciun 1 Ovidiu Ghitta (Hg.): Church and Society in Cen­
tral and Eastern Europe. Cluj-Napoca 1 998, S. 1 23- 1 3 5 . Flavius Solomon: Das
moldauische Fürstentum und das Problem der christlichen Einheit (Ende 1 4. 1
Anfang 1 5 . Jh.). In: Maria Crãciun 1 Ovidiu Ghitta (Hg.): Church and Society in
Central and Eastern Europe. Cluj-Napoca 1 998, S. 1 36- 1 55 ; IIeHbo PyceB,
IIaBJHIHa OOHbQeBa: ,lJ;eJIo EBqHfMIUI TblpHoBcKoro H pa3BHTHe u;epKoBHo­
KyJIbTypHbIX HHCTHryTOB B YrpoBJIaXHH H MOJI.n;oBe. In: Études balkaniques
1 4/1 978, Nr. 4, S. 5 3-56, hier S. 55.
Aufgrund der osmanischen Eroberung grosser Teile Südosteuropas
lagerung der Schriftkultur aus den einst serbisch und bulgarisch be­
und insbesondere im Moskauer Reich, einige liessen sich aber auch in
der Walachei und der Moldau nieder. Somit wurde der Einfluss der
Sprachgeschichte als "Zweiter südslawischer Einfluss" bezeichnete
Vorgang hatte vielfáltige Auswirkungen auf die russische Sprache.23 Die
Verdrangung ostslawischer durch südslawische Formen war so nachhal­
tig, dass sie sich auch in der heutigen russischen Sprache in mannigfalti­
4
ger Weise finden lassen.2 In feierlichen Kontexten sind sie als Refle­
xion
der
einstigen
liturgischen
B edeutung
des
Kirchenslawischen
besonders pragend, wenn auch der kirchlichen Konnotation komplett
23 Trunte 2, S. 239-242.
24 August Leskien, Otto A. Rottmann: Handbuch der altbulgarischen (altkir­
chenslavischen) Sprache. Grammatik, Texte, Glossar. Heidelberg 112002, S. 931 06.
Daniel Ursprung
200
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
201
schen kann man etwa daran ermessen, dass selbst die kirchenfeindlich
walachischen beziehungsweise moldauischen Variante des Mittelkir­
chenslawischen erhalten. 2 6
im FaHe von Leningrad, Stalingrad oder Kaliningrad die südslawische
Mittelbulgarischen. Ab dem frühen 1 5 . Jahrhundert kam es zu einer
grad, Blagoevgrad etc.) bei der Wortbildung anstelle der ostslawischen
telkirchenslawischen. 27 Als Gründe dafür wurde u. a. der Untergang des
entkleidet. Die Bedeutung der südslawischen Beeinflussung des Russi­
eingestellten Kommunisten bei der Umbenennung von Stãdten wie etwa
Komponente "grad" (befestigter Ort bzw. Stadt, vergleiche etwa B el­
Diese kirchenslawische Schriftsprache basierte zunãchst auf dem
deutlichen Verschiebung zugunsten der serbischen Redaktion des Mit­
Form "gorod" (wie etwa Novgorod, Belgorod etc.) heranzogen.
bulgarischen Reiches Ende des 1 4. Jahrhunderts angeführt, wãhrend
ders dar, als kirchenslawische Schriftsprache und rumãnische Volks­
standen und sich daher ein Teil der slawischen Schriftkultur dorthin
Für den rumãnischen Bereich ste11te sich die Lage insofern etwas an­
sprache sich relativ kIar voneinander unterschieden. Die starken (süd-)
serbische Fürstentümer noch bis weit ins 1 5 . Jahrhundert hinein fortbe­
ver1agerte. Doch auch unter Osmanischer Herrschaft kam dem S erbi­
slawischen Komponenten der rumãnischen Sprache sind nicht in erster
schen eine gewisse Bedeutung in der Verwaltung über den engeren
Kanzleisprache zurückzuführen, sondern sind integraler Bestandteil der
der wachsende serbische Einfluss auf die Urkundensprache der WaIa­
Linie auf den Einfluss der kirchenslawischen Sakral-, Liturgie- und
Entstehungsgeschichte der rumãnischen Sprache, die sich im Kontakt
und Austausch der im südõstlichen Europa verbreiteten Form des Vul­
gãrlateins mit Sprechern südslawischer Idiome entwickelte. Im Folgen­
den so11 j edoch nicht von dem in der rumãnischen Sprachgeschichte viel
serbischen Kernbereich zu. Auf der rein sprachlichen Ebene lãsst sich
chei und der Moldau aber auch zurückführen auf die zunehmende Ab­
weichung der bulgarischen Sprache vom klassischen Sprachzustand des
Kirchenslawischen. Ab dem 1 5 . Jahrhundert trat das Bulgarische von
der mirtel- in die neubulgarische Phase. 2 8 Insbesondere der Schwund der
thematisierten slawischen Einfluss auf die rumãnische Sprache die Rede
nominalen Flexion zugunsten von analytischen Konstruktionen er­
findende Kirchenslawische im Zentrum. AIs Schriftsprache in den über­
Bulgarischen eine zuver1ãssige Orientierungshilfe zu finden. Das S erbi­
deutung
Vorbild herangezogen werden. 29 Auch im Bereich der Lexik lassen sich
sein. Vielmehr steht das in der Moldau und der Walachei Verwendung
wiegend rumãnischsprachigen Fürstentümern kommt ihm auch eine Be­
für die rumãnische
Sprachgeschichte zu.
Da rumãnische
Sprachdenkmãler vor dem 1 6. Jahrhundert fehlen, sind die slawischen
Texte des 1 4 . bis 1 6 . Jahrhunderts wertvo11e Zeugnisse, die Rückschlüs­
se auf den Sprachzustand des Rumãnischen zulassen. Einerseits finden
sich in ihnen rumãnische Toponyme und Anthroponyme, aber auch in
schwerte es den S chreibern nun in Zweifelsfâ11en, im zeitgenõssischen
sche hingegen bewahrte die synthetische Flexion und konnte daher als
in der walachisch-moldauischen Urkundensprache viele Einflüsse des
Serbischen, aber auch ostslawisch-ukrainischer Dialekte, des Rumãni­
schen sowie anderer Kontaktsprachen ausmachen. 3 0
anderen Bereichen wie der Syntax spiegeln sich rumãnische Einflüsse
wieder. Dies beruhte einerseits auf den Fehlern der Schreiber selber,
sofern sie rumãnischer Muttersprache waren, lassen sich aber auch durch
die Übersetzung und Übertragung von mündlich diktierten rumãnischen
Inhalten in geschriebene, kirchenslawische Texte erklãren. Aus einigen
Beispielen geht hervor, dass der Fürst persõnlich den Inhalt von Urkun­
den diktierte. 25 Insgesamt sind schãtzungsweise 7000 Urkunden in der
25 Soveja, Maria: Contributii la cunoa�terea problematicii pe care o ridicã cerce­
tarea documentelor din timpul lui Matei Basarab ( 1 632-1 654). In: Revista arhi­
velor 35 (50)/ 1 973, Nr. 2, S. 1 82- 1 87, hier S. 1 85 - 1 86.
26 Damian P. Bogdan: Diplomatica slavo-rominã. In: Documente privind istoria
Rominiei. Introducere, Vol. lI. Bucure�ti 1 956, S.3-224, hier S. 1 0; ,D;opa
IiBaHoBHa-MllpqeBa, IIBaH XapanaMIIlleB: IICTOpll51 Ha 6'bJIrapCKIllI e311K.
BeJIllKO T'bpHOBO 1 999, S. 254.
27 Zur Charakterisierung der serbisch / kroatischen Redaktion und des Mittelbul­
garischen und den jeweiligen Neuerungen gegenüber dem A1tkirchenslawischen
siehe Trunte 2, S. 82-83, 1 1 3 - 1 17; Pande1e Olteanu et. al.: Slava veche �i slavo­
na româneascã. Bucure�ti 1 975, S. 239-255; Stjepan Damjanovié: Starolsavenski
jezik. Cetvrto, popravljeno i dopunjeno izdanje. Zagreb 2003 , S. 48-55.
28 IIBaHoBHa-MllpqeBa, XapanaMIIlleB: IIcTopIlll Ha 6'bJIrapCKll'b5I e311K, S. 48.
2 9 Trunte 2, S. 1 37 - 1 3 8 .
30 Für ein Glossar, das einen wesentlichen Teil des Wortschatzes der walachi­
schen und moldauischen Urkundensprache umfasst siehe Negrescu: Limba slavã
veche, S. 29 1 -457.
202
Daniel Ursprung
Im Folgenden sol1 eine Charakterisierung anhand ausgewãhlter Merk­
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
203
ziertes Regelwerk fehlt, handelt es sich bei der Festsetzung des klassi­
male der in der Walachei und der Moldau vom 1 4 . bis 1 7. Jahrhundert
schen Altkirchenslawischen um einen idealisierten Zustand, der auf
schrãnken sich strikt auf die Urkundensprache der beiden Fürstentümer.
Jahrhunderts beruht. Ãhnliches gilt in noch grõsserem Ausmass für die
der Mahnreden des walachischen Wojwoden N eagoe Basarab an seinen
Es ist daher letztlich Definitionssache, ob der Sprachzustand der kir­
wird nicht betrachtet, genauso wenig wie das Kirchenslawische Schrift­
eigene "rumãnische" Redaktion des Kirchenslawischen anzusehen ist
verwendeten Kanzleisprache getroffen werden. Die Ausführungen be­
Schõngeistige Literatur wie etwa die Kirchenslawische Originalfassung
Sohn Theodosie, eines Fürstenspiegels nach byzantinischem Vorbild,
einer Auswahl und Normierung von kanonischen Texten des 1 0 . und 1 1 .
einzelnen Redaktionen des Kirchenslawischen ab dem 1 2. Jahrhundert.
chenslawischen Sprachdenkmãler der Walachei und der Moldau als
tum der Rumãnen aus Siebenbürgen Thema der vorliegenden Zeilen
1
sind. 3 Die spezifische Situation der Urkundensprache, ihre aufgrund der
oder ob nicht eher von lokalen Varianten anderer (mittelbulgarischer,
der Rechtsprechung, der Verwaltung oder der Beurkundung vergleichs­
dauischen Variante mit den übrigen Redaktionen des Kirchenslawischen
Zweckbestimmung zur Beschreibung von konkreten Sachverhalten aus
serbischer) Redaktionen auszugehen ist.
Gegen eine Gleichsetzung der walachischen beziehungsweise mol­
weise starke Affinitãt zur Umgangssprache bringt es mit sich, dass sich
spricht, dass die Einf1üsse des Rumãnischen als einer nicht-slawischen
sischen slawischen Sprachen wie aus dem Rumãnischen) in grõsserem
ren als im Falle der serbischen, bulgarischen oder russischen Sprache.
sprache ist daher besonders gut geeignet, Rückschlüsse auf die Sprachsi­
schiedlichen F ormeninventars beider Sprachen kaum statt, wãhrend die
Innovationen und volkssprachliche Elemente (sowohl aus den zeitgenõs­
Umfange als in liturgischen Texten nachweisen lassen. Die Urkunden­
tuation in ihrem Entstehungskontext zu ziehen.
Angesichts des knappen Rahmens kõnnen die folgenden Zeilen nicht
Sprache auf die slawische Schriftsprache viel weniger tief greifend wa­
Morphologische Interferenzen fanden aufgrund des komplett unter­
Generalisierung des Nominativ / Akkusativs als casus generalis im Bul­
garischen wie auch serbische oder russische Flexionsmorpheme einen
viel mehr sein als ein Überblick über einige besonders charakteristische
klaren Niederschlag in den j eweiligen Redaktionen gefunden haben, wie
Varianten kann dabei nur am Rande eingegangen werden. Vielmehr sol1
chen mit dem Kirchenslawischen, eine der wichtigsten Voraussetzungen
Erscheinungen der Urkundensprache. Auf chronologische und regionale
der Fokus auf denj enigen Elementen liegen, welche die Kanzleisprache
vom klassischen Altkirchenslawischen unterscheidet. 32 Da ein kodifi-
31 Zu den Mahnreden siehe die kommentierte Edition mit Faksimile aller erhal­
tener Originalfragmente von Gheorghe Mihãi1ã: Invã1ãturi1e lui Neagoe Basarab
cãtre fiul sãu Theodosie. Edi1ie facsimilatã dupã unicul manuscris pãstrat. Bucu­
re�ti 1 996; eine Übersicht zur religiõsen und historischen Literatur in kirchen­
slawischer Sprache bei Virtosu: Paleografia româno-chiri1icã, S. 258-262; zu
Siebenbürgen siehe etwa die Faksimi1e-Edition des zweisprachigen kirchensla­
wisch..rumãnischen Evangeliars aus Sibiu (Hermannstadt) von Emil Petrovici, L.
Demény (Hg.): Evangheliarul slavo-român de la Sibiu 1 55 1 , 1 55 3 . Bucure�ti
1 97 1 sowie llaH,n:eJle OJlT5.lHy: HeKaTophle oc06eHHocTH CJlaB�HCKoro �3hIKa
TpaHCHJlhBaHHH. In: Romanoslavica 2/1 95 8, S. 77- 1 14.
32 Zum Zustand des klassischen Altkirchenslawischen der kanonischen Texte
sind eine Reihe von Grammatiken und Übersichtswerken verfügbar. Siehe etwa
Trunte l ; Leskien, Rottmann: Handbuch der altbulgarischen (altkirchenslavi­
schen) Sprache; David Huntley: 01d Church Slavonic. In: Bemard Comrie,
Greville G. Corbett (Hg.): The Slavonic languages. London, New York 1 993, S.
125-1 87; S[unray] C[ythna] Gardiner: Old Church Slavonic: an Elementary
Grammar. Cambridge 1 984; T. A. llBaHoBa: CTapOCJlaMHCKHM �3hIK. MocKBa
zu zeigen sein wird. Die Kompatibilitãt der slawischen Umgangsspra­
für Interferenzen, war wesentlich hõher als im Falle des Rumãnischen.
Der Einf1uss des Rumãnischen fand dementsprechend vor allem im
Bereich der Syntax, der materiellen W ortentlehnungen in der Lexik oder
als Lehnprãgungen statt. S omit war auch der Einf1uss der zeitgenõssi­
schen slawischen Sprachen (bulgarisch, serbisch, ostslawisch / russisch)
entsprechend gross, da sie im Unterschied zum Rumãnischen als Orien­
tierungshilfe beim Schreiben herbeigezogen werden konnten. Wãhrend
die Einf1üsse der einzelnen slawischen Sprachen auf die j eweiligen Re­
daktionen des Kirchenslawischen so die Auseinanderentwicklung der
betreffenden Sprache dokumentieren und eine Annãherung von Um­
gangs- und Schriftsprache darstellen, kõnnen die rumãnischen Elemente
weniger als Folge einer solchen Interferenz als vielmehr als Zeichen
1 977; William R. Schmalstieg: An Introduction to 01d Church Slavonic. Cam­
bridge 1 976; André Vai1lant: Manuel du vieux slave. Paris 1 964 (=Collection de
manuels publiée par l'Institut d'Études slaves, 6); Bielfeldt: A1tslawische
Grammatik; Horace G. Lunt: 01d Church Slavonic grammar. Leiden 2 1 959;
Grigore Nandri�: Old Church Slavonic Grammar. London 1 959 (=Handbook of
01d Church Slavonic, l ).
204
Daniel Ursprung
nachlassender Kenntnisse des Kirchenslawischen gedeutet werden. Da­
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
205
her ist es wohl sinnvoller, die Urkundensprache der beiden Fürstentümer
teilweise aber auch auf die kirchenslawischen Texte aus, was gerade bei
der linguistischen Arbeit mit diesem Textkorpus bedacht werden muss.34
serbischen (vor allem in der Walachei) und der russischen (in der Mol­
logische und graphematische Aspekte, auf Morphologie und Syntax
als spezifische lokale Varianten der mittelbulgarischen, tei1s auch der
dau) Redaktion des Mittelkirchenslawischen zu verstehen. Sie zeichnet
Die nachfolgenden Ausführungen gehen dabei auf phonetische, phono­
sowie schliesslich auf materielle Übemahmen und Calques aus dem
sich demnach vor a11em durch zwei Merkmale aus: einerseits die spezifi­
Rumanischen ein. Damit kann nur eine unvollstandige, grobe und stati­
sich je nach zeitlichem und geographischem Kontext andert, und ande­
im Einzelnen natür1ich weitaus facettenreicher darstellt.
sche Konste11ation der Über1agerung verschiedener Redaktionen, die
rerseits die Einflüsse des Rumanischen. Angesichts dieses recht hetero­
genen Gesamtbildes liesse sich eine eigenstandige Variante des Kirchen­
slawischen in der Walachei und der Moldau wohl nur geographisch
beziehungsweise institutione11 über die Schriftstücke ausfertigenden
Institutionen definieren, kaum wohl aber linguistisch über ein einheitli­
sche Charakterisierung des Sprachzustandes skizziert werden, die sich
Phonetische, phonologische und graphematische Aspekte
Einige Abweichungen vom klassischen Altkirchenslawischen lassen sich
an einer haufigen, stereotyp immer wieder aufgenommenen F ormulie­
ches Bündel gemeinsamer sprachlicher Merkmale. Daher wird im Fol­
rung wie
ein Begriff wie "Rumanisch-Kirchenslawisch" beziehungsweise einer
taucht in verschiedenen orthographischen Varianten auf. So findet sich
genden für die Urkundensprache dieser zwei Fürstentümer auch nicht
der im Rumanischen verbreiteten Ausdrücke "slavonã româneascã" oder
"slavo-românã" verwendet. Anste11e davon sol1, im Sinne einer pragma­
tischen Lõsung, mit der generischen Bezeichnung "Kirchenslawisch"
(rumanisch
gearbeitet werden. Der Vortei1 dieses B egriffs liegt
IFh.C'RM"h. KTO
HA
HfMb.
0Y�9HT'b. HAH Ero VT\)VH OyCAb.IWHT"h.
(allen, die es sehen oder lesen hõren) dar1egen?5 Diese Formulierung
etwa anstelle von R'b.c'kM"h. auch R"h.CA\M'b., also eine Ersetzung des iat
durch ein kleines iUS?6 Diese Altemanz lasst sich auch bei anderen Wõr­
tem feststellen, nicht nur innerhalb des gleichen Schriftstücks, sondem
darin, dass er die verschiedenen auftretenden Redaktionen mit umfasst
manchmal sind sogar innerhalb des gleichen S atzes zwei orthographi­
sche Varianten desselben Wortes wie n9'kA und n9A\A anzutreffen.3 7
am nachsten kommt. Dementsprechend wird hier also vom geographi­
von
der Sprachzustand anhand eines bestimmten Genres (der Urkunden), die
34 Zur Kritik an der Editionstechnik rumãnischer Quellenpublikationen kirchen­
slawischer Texte siehe etwa Reinhold Wemer: Sprachwissenschaftlich uner­
schlossenes Textmaterial: Slawisch und Rumãnisch in walachischen und mol­
dauischen Inschriften aus dem XVlI. und XVlII. Jahrhundert. In: Günter Holtus,
Edgar Radtke (Hg.): Rumãnistik in der Diskussion. Sprache, Literatur und Ge­
schichte. Tübingen 1 986, S. 56-69, hier S. 58 (=Tübinger Beitrãge zur Lingui­
stik, 259); Petru Caraman: Cum nu trebuiesc editate vechile manuscrise slavo­
române. Studiu critico-lingvistic asupra editiei Pomelnicului de la Bistrita �i
asupra unor editii de documente slavo-române. In: Revista de istorie socialã
111 996, S. 563 -5 9 1 und 2-31 1 997-1 998, S. 479-506; zur Problematik rumãni­
scher Texteditionen siehe Wolfgang Dahmen: Editionsprobleme bei Balkanica.
In: Martin-Dietrich GleBgen, Franz Lebsanft (Hg.): Alte und neue Philologie.
Tübingen 1 997, S. 3 7 1 -3 84, hier S. 378-3 82 (=Beihefte zu Editio, 8).
35 DRH A: Moldova, Volumul III (1487-1 504). Hg. von C. Cihodaru, Ioan Ca­
pro�u, N. Ciocan. Bucure�ti 1 980, passim, etwa Nr. 1 5 1 , S. 279, Zeile 2-3 ( 1 0.
Januar, ante 1 495) (im Folgenden DRH A IU).
36 DRH A lII, etwa Nr. 145, S. 274, Zeile 2 ( 1 1 . Mãrz 1 494).
37 Ebd., Nr. 1 5 1 , S. 279, Zeile 6 ( 1 0. Januar, ante 1 495).
slavonã)
und daher dem rein sprachlichen Charakter des Untersuchungsobj ektes
schen Ansatz (Einbezug der Walachei und Moldau) ausgegangen und
in der Regel in den Kanzleien und Schreibstuben des W ojwoden, des
Klerus und der Landesverwaltung entstanden sind, charakterisiert.
Das Textkorpus dieser rund 7000 Schriftstücke umfassenden kir­
chenslawischen Urkunden aus den beiden Fürstentümem liegt zu einem
guten Tei1 publiziert vor in der seit 1966 erscheinenden Dokumentenedi­
tion "Documente Romaniae Historica"
(DRH). Die
in kyri11ischer
Schrift gesetzten Originaltexte, die von rumanischen Übersetzungen
begleitet werden, weisen jedoch einige gerade für linguistische Zwecke
nicht unerhebliche Editionsmangel auf. 33 Diese Mangel betreffen zwar
vor allem die transkribierten rumanischen Originaltexte, wirken sich
33 Siehe Rezensionen von Daniel Ursprung zu verschiedenen Bãnden der Reihe
in: Südost-Forschungen 59-60/2000-200 1 , S. 795-798 sowie 63-64/2004-2005,
S. 886-889. Demir Dragnev, Ion Gumenâi: Paleografia slavo-românã �i româno­
chirilicã. Chi�inãu 2003, S. 89-92.
Die Verwechslung geht darauf zurück, dass die einst nasale Aussprache
A\
als
I�I schon relativ früh ver10ren gegangen ist und sich daher
Daniel Ursprung
206
kaum noch von der Aussprache von
'R
als lei unterschied.
�
stellte somit
eine graphische Variante des iat dar und konnte damit auch fiir Iâ stehen,
an dessen Stelle ebenfalls 'R treten konnte?8 Eine weitere orthographi­
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
R'hC'RMh 44
207
vorkommen. Da aber die den ã1teren Bãnden beigegebenen
Fotokopien einiger Originalhandschriften zu kIein bzw. zu grob gerastert
sind, um den feinen Unterschied zwischen
'h
und
h
zu identifizieren,
sche Variante in obigem Beispiel stellt 0Y�pH'I''h dar, das anstelle von
R'h�pH'I''h 39 steht. Der Wandel R'h > oY kann sowohl auf ostslawischen
kann hier die originale Schreibweise nicht rekonstruiert werden. 4 5
Beispiel aus der Moldau anzunehmen ist, kommt aber auch in der WaIa­
0YC"hIUJH'I''h (hõrt, 3. Person SinguIar)
Y'I'�YH hingegen müsste reguIãr
(Kurzform Nominativ feminin SinguIar) Yh'l'iYi.LJ.1H (von YHC'I'H: Iesen)
Iauten. Der Ausfall des vorderen reduzierten Vokals (h) ist allgemein­
(ukrainischen) Einf1uss zurückgefiihrt werden, was in vorliegendem
chei vor und ref1ektiert dort serbische Beeinf1ussung. 4 0 Ãhnliche Bei­
spieIe des Wandels
R'h
>
oY
Iassen sich in den Urkunden oft finden, so
Um wieder auf das eingangs erwãhnte Beispiel zurückzukommen, so
Iassen sich daran noch weitere Innovationen gegenüber dem A1tkirchen­
slawischen zeigen. Das Prãdikat
ist reguIãr, das Partizip Prãsens Aktiv
hãufig bei den von RhCh (alle) abgeleiteten Formen etwa als C'h CHMH
(mit allen). 4 1 Auch die Prãposition R'h seIber taucht in der Form oy
auf. 4 2
weichungen einzelsprachIiche ErkIãrungen notwendig sind. Der Wandel
Fãllen nachvollzogen werden kann, betrifft die VerwechsIung der beiden
werden. 4 6 Beim Wandel von LJ.1
Einen Unterschied, der in der Dokumentenedition DRH nicht in allen
ier
('h
und
h).
Da die beiden reduzierten Vokale, die mit
'h
und
h
wie­
dergegeben wurden, nach dem HavIik'schen Gesetz an schwacher Posi­
tion schon früh j egIichen Lautwert eingebüsst hatten, fieIen sie sozusa­
gen in einer phonologischen Nullstelle zusammen, wurden aber unter
slawisch zu erkIãren (schwache Position), wãhrend fiir die anderen Ab­
li..
>
�
kann lautgesetzIich sowohl serbisch als auch ostsIawisch erkIãrt
rechnen, da
> Y ist mit ostsIawischem Einf1uss zu
für diesen der Ref1ex lei auf ursprüngIiche Verbindung von
*Itl und *Ij l charakteristisch ist, wãhrend im kIassischen Altkirchensla­
wischen der südslawische Ref1ex *tj
>
s t auftritt. Die *tj-Verbindung
dem Druck der Tradition weiter geschrieben. Weil sie aber keinen
geht dabei auf das indogermanische Morphem *-nt- zur Bildung des
Partizips Prãsens Aktiv zurück, wobei es um j erweitert wird. 47
insbesondere am Wortende) praktisch beIiebig austauschbar. Es Iassen
Jahrhunderts unverãndert auftauchenden Partizip
Phãnomen
Serbisch-Kirchen­
die es kIar vom aIt- und mitteIbulgarischen Sprachzustand unterschei­
chend gut in den Urkunden verfolgen. Da sie j edoch in einzeInen Bãn­
die KanzIeisprache der Moldau, was sicher nicht zuIetzt auch darauf
Lautwert mehr aufwiesen, wurden sie nun in schwacher Position (und
sich demnach als freie Varianten zu betrachtende Paare finden. Dieses
ist
ein
Charakteristikum sowohl des
slawischen wie auch des Mittelbulgarischen und Iãsst sich dementspre­
den der DRH entsprechend ihrem grammatikaIischem Wert interpretativ
gesetzt wurden, Iãsst sich diese Neuerung gegenüber dem kIassischen
AItkirchensIawischen nicht überall verfolgen. 4 3 Zweifellos ist j edoch
davon auszugehen, dass hier ebenso wie in anderen B ãnden, die sich
dieser Editionstechnik nicht bedienen, freie Varianten wie
R'hC'RM'h
und
Bei dem in der grossen Mehrheit der moldauischen Texte des 1 5 .
Y'I'�YH
ãussert sich der
ostsIawische Einf1uss also gleich an zwei Iautgesetzlichen MerkmaIen,
den. Daran zeigt sich der Einf1uss ostsIawischer DiaIekte zumindest auf
zurückzufiihren ist, dass des Russischen beziehungsweise Ukrainischen
Kundige als Schreiber in der Moldau tãtig waren.
Neben der *tj - weist auch die *dj-Verbindung spezifische Ref1exe
der slawischen Einzelsprachen auf und kann daher Hinweise auf al1fàlli­
ge B eeinf1ussungen der Urkundensprache geben. OstsIawisch zu erkIã­
> �, wie er etwa im Wort 'l'dKO�e4 8
ren ist demnach der Wandel *dj
38 .n;aMMIH TI. EOr,Z1.aH: <POHeTMQeCKMe oco6eHHocTM 5I3bIKa CJIaB5IHO-pyMbIHCKMX
rpaMOT XIV BeKa. In: Romanoslavica 2/1 958, S. 55-75, hier S. 57-59; Lucia
Djamo-Diaconitã: Limba documentelor slavo-române emise in Tara Româ­
neascã in sec. XIV �i XV. Bucure�ti 1 97 1 , S. 35.
39 DRH A lII, Nr. 1 63, S. 300, Z. 3 ( 1 2. Januar 1 495).
40 Djamo-Diaconitã: Limba documentelor, S. 87-88; 01teanu et. al.: Slava veche,
S. 272.
4 1 DRH A lII, Nr. 73, S. 1 3 5, Zeile 9 ( 1 5. Mãrz 1 490).
42 Ebd., Nr. 73, S. 1 3 5 , Zeile 1 7 ( 1 5. Mãrz 1 490).
43 Ebd., S. XlI.
beIegt ist, das klassisch Altkirchenslawisch (südsIawisch)
dem Ref1ex *dj
>
'l'dKO�"V
Mf�H
zd) lauten müsste. Auch Formen wie
(mit
oder
44 DRH, A: Moldova, Volumul II (1449- 1 486). Hg. von Leon �imanschi, Bucu­
re�ti 1 976, Nr. 1 3 8, S. 1 96, Zeile 2 (9. Juli 1 466) und ebd., Nr. 200, S. 3 0 1 , Zeile
2 ( 1 7. Aprill475) (Im Folgenden DRH A lI).
45 Zu den beiden ier siehe EOr,Z1.aH: <PoHeTMQeCKMe oco6eHHocTM, S. 63.
46 01teanu et. al.: Slava veche, S. 266.
47 Trunte 1 , S. 1 2 1 .
48 DRH A lII, Nr. 29, S. 46, Zei1e 1 2 (29. Februar 1 488).
Daniel Ursprung
208
i'UnoHl)ifwUI
wicklung.49
zeigen diese für die ostslawischen Dialekte typische Ent­
Einen weiteren Einfluss des Ostslawischen stellt der Erhalt des 1
epentheticum dar, das im Bulgarischen geschwunden ist, in moldaui­
schen Texten j edoch in der Regel erhalten blieb. 5 0 So ist in der Titulatur
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
209
auf Polnoglasie zurück, ist CTOpO)K (Wache) doch die ostslawische Form
des altkirchenslawischen
C'I'pdiKd.
In den Urkundentexten der Moldau
lassen sich viele Beispiele für Polnoglasie finden wie etwa
mpfA
oder
(aber auch
S epff'h. 56
np'kA
C'I'OpWH'b.,
cepfAh
mit Liquidametathese im gleichen Text! ),
Formen von Polnoglasie sind zwar haufig, quantitativ
der moldauischen Wojwoden das l epentheticum meist vorhanden in der
Form focnoAdp'b. �fMi\H M.Oi\AdRCKOH (Herr des Moldauischen Landes). 5 1
jedoch überwiegen die südslawischen Varianten mit Liquidametathese,
scher Reflex des Mittelbulgarischen der Schwund des l epentheticum in
Urkundensprache belegt. Polnoglasie ist insbesondere bei Ortsnamen
In der Walachei finden sich, zumindest in frühen Urkunden, als typi­
einer analogen Formulierung:
R'b.CEH �fMH Uf'pORi\dx'iHCKOH
(des ganzen
Ungrovlachischen Landes). 52 Erst in spateren walachischen Texten fin­
det sich das epenthetische 1 wieder
53
(R'b.CfH �fMi\H Uf'pORi\dX"iHCKOH) ,
diesmal aber als Reflex des zunehmenden serbischen Einflusses auf die
Urkundensprache.
Einer der markantesten lautgesetzlich bedingten Unterschiede zwi­
schen ost- und südslawischen Sprachen betrifft die Art der Silbenõff­
nung in Verbindung mit Liquidalauten. Wahrend die typisch ostslawi­
sche Entwicklung geschlossene Silben der Art Vokal-Liquida (VL)
durch Silbenverdoppelung, so genanntes Polnoglasie, õffnete (VL
VLV), kam es im Südslawischen zur Liquidametathese: VL
>
L V. Aus
ren ist, wahrend Polnoglasie den Einfluss des Ostslawischen auf die
belegt, was zeigt, dass die auf dem Gebiet der Moldau verbreiteten sla­
wischen Dialekte ost- und nicht südslawische Charakteristika aufwiesen. 5 7
Ãhnlich verhalt es sich auch mit der Bildung von Sprossvokalen bei
silbischem Ir/. Unter ostslawischem Einfluss lasst sich so der Übergang
zu lerl wie in
RepXd
finden, aber auch die klassische Schreibweise
Rp'b.X'b.
lasst sich manchmal im selben Schriftstück belegen. 5 8 Im Falle dieses
Dokumentes fmdet sich eine ungewõhnliche Haufung von Polnoglasie
und anderer ostslawischer Einflüsse: mpeXOAH'I''b., AOi\f'Of'O,
YfpeCh,
AOpOf'H , MEiKH etc. 59 Dass es dabei um die Abgrenzung eines Markt­
fleckens im Gelande geht, lasst auf eine funktionale Verteilung der ost­
im Südslawischen
und der klassisch süd- beziehungsweise altkirchenslawischen Formen
kator von ostslawischer Beeinflussung, da sowohl das Serbische als auch
wenn ein praktischer Bezug zur Lebenswelt gegeben war, wahrend süd­
weisen. In der Moldau lassen sich Falle von Polnoglasie schon in den
frühesten Urkunden aus dem spaten 14. Jahrhundert belegen. 54 Als Be­
gepragten und stark standardisierten Kontexten auftauchten.
*gardi1
ergibt sich im Ostslawischen daher
>
was wohl zu einem guten Teil auf den Druck der Tradition zurückzufüh­
dagegen
gradi1.
gorodi1,
Falle von Polnoglasie sind daher ein zuverlassiger Indi­
das Bulgarische anstelle davon die Resultate der Liquidametathese auf­
zeichnung für Bezirk oder Distrikt taucht so in moldauischen Urkunden
haufig der ostslawische Begriff ROi\OC'I''b. auf. 5 5 Auch das Toponym
G'I'OpOiKH H U-I (Kd )
(heute StoroZynec' bei Czemowitz in der Ukraine) geht
49 Ebd., Nr. 1 5 1 , S. 280, passim, z. B. Zeile 2 1 von unten bzw. 8 von unten (ante
1 0. Januar 1 495); Ebd. Nr. 8, S. 1 1 , Zei1e 4 (6. Mãrz 1 487).
5 0 EOr,I(aH: <PoHeT1PleCKI1e oco6eHHocTH, S. 7 1 ; Olteanu et. al.: Slava veche, S.
27 1 .
5 1 Siehe etwa DRH, A: Moldova, Volumul I ( 1 3 84- 1 448). Hg. von C . Cihodaru,
I. Capro�u, L. �imanschi. Bucure�ti 1 975, Nr. 1 32, S. 1 85, Zeile 1 -2 ( 1 2 . Juli
1 434).
52 DRH B I, Nr. 38, S. 80, Zeile 3 ( 1 0. Juni 1 4 1 5).
53 Ebd., Nr. 1 1 1 , S. 1 93 , Zeile 3 (4. Oktober 1 453).
54 EOr,I(aH: <PoHeTHQeCKI1e oco6eHHoCTH, S. 73.
5 5 Etwa DRH A 111, Nr. 73, S. 135, Zeile 17 ( 1 5 . Mãrz 1490).
schliessen. Demnach traten ostslawische F ormen vor allem dann auf,
slawische F ormen unter dem Druck der Tradition mehrheitlich in sakral
Interessant sind Falle, wo hyperkorrekt das südslawische Schriftbild
mit Liquidametathese gewahrt wird, wie etwa beim offensichtlich
"Hermann" lautenden Namen
Hd).
60
Xp'b.MdHd
(vergleiche daneben
X'b.pMd­
Hier behandelte der S chreiber das Irl wie ein silbenbildendes r, das
56 Ebd, Nr. 1 63 , S. 300, Zei1e 12 (12. Januar 1 495); Nr. 8, S. 1 1 , Zei1e 12, 1 5 (6.
Mãrz 1487), Nr. 283, S. 504, Zeile 23 ( 1 7 . November 1 502) bzw. Nr. 1 5 1 , S.
280, Zei1e 2 (ante 1 0. Januar 1 495).
57 Emi1 Petrovici: Toponimice slave de est pe teritoriul Republicii populare
Romine. 11. Toponimice cu polnoglasie. In: Romanoslavica VI/1 962, S. 5- 1 7,
hier S. 1 6- 1 7.
5 8 Etwa DRH A 111, Nr. 1 5 1 , S. 280, Zei1e 2, 27 (ante 10. Januar 1495); siehe
auch Olteanu et. al.: Slava veche, S. 270.
5 9 DRH A 111, Nr. 1 5 1 , S. 280, Zeile 8- 1 0 (ante 1 0. Januar 1 495).
60 Ebd., Nr. 29, S. 46, Zei1e 25 (29. Februar 1 488); Nr. 1 63, S. 300, Zei1e 1 7 (12.
Januar 1 495); Nr. 8, S. 1 1 , Zeile 24 (6. Mãrz 1487).
Daniel Ursprung
210
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
21 1
er
und 111\11 7 1 auf, die auf russischen Einfluss hindeuten, wo bei fehlendem
Platz 11 durch 'i ersetzt wurde. 72
lerl als silbisches Irl identifiziert und den in diesem FaHe gültigen Or­
schrãnkt blieben, lassen sich serbische Einflüsse in Phonologie und
normalerweise unter dem Druck der Tradition mit Liquidametathese als
p'h.
geschrieben wurde, wãhrend der Übergang von si1bischem r
>
ostslawischer Einfluss iSt. 6 1 Offensichtlich hat der Schreiber die Lautung
thographieregeln unterworfen. Umso erstaunlicher ist deshalb, wenn im
np'h.KMdR62
Wãhrend ostslawische Einflüsse in der Regel auf die Moldau be­
Orthographie insbesondere in der Walachei verfolgen. Vor allem im
(u.a. Schulze,
Verlauf des 1 5 . Jahrhunderts nahmen hier die S erbismen deutlich zu und
erscheint. Hier dürfte der Schreiber nach dem Gehõr seiner rumãnischen
Wojwoden an. S erbische B eeinflussung liegt, neben den bereits erwãhn­
die Tatsache, dass à fiir ã stehen kann, ã und â aber erst in jüngerer Zeit
im Rumãnischen zwei unterschiedliche Phoneme bildeten. 6 5 Auch beide
these kt
gleichen Dokument anstatt des sonst üblichen
rum. Pârcãlab
<
ung. Porkoláb
<
mhd. burcgrâve63 ) plõtzlich
ndpKMdRd 64
Muttersprache geschrieben haben. Diese Annahme wird bekrãftigt durch
Formen
(ndpKMdRd
und
np'h.KMdR'h.)
in einem einzigen Dokument lassen
sich finden, was die Unsicherheit des Schreibers über die korrekte
Schreibweise anzeigt. 66 In diesem Zusammenhang kõnnte vermutet
werden, dass der Schreiber rumãnischer Muttersprache war. Ãhnlich
gelagert ist der Fan des Anthroponyms
Cp'h.IHCK�I\'h.
(Sârbescul, "der
Serbe"), we1ches hier klassisch-altkirchenslawisch mit Liquidametathese
erscheint und interessanterweise den rumãnischen bestimmten Artikel
aufweist. 6 7
Eine fast durchgãngig anzutreffende Neuerung in der Urkundenspra­
che betrifft den Schwund des intervokalischen j und somit F ormen mit
Doppelkonsonanten wie
AddHTd. 68
Wohl als Einfluss der polnischen
Orthoepie sind einige Fãlle des Wandels o > oy in moldauischen Ur­
kunden zu deuten. 6 9 Auf diese Weise kõnnen etwa ROy l\WU und
ml1CKoy n'h. erklãrt werden. 70 Graphematisch fallen Alternationen wie I11\T
zeigen den Statusverlust des Mittelbulgarischen in der Kanzlei des
ten Formen, etwa in denVarianten
K'T'O
und
'T'KO
vor, we1che die Meta­
tk als typisch serbischen Reflex erkennen lãsst und die sich in
beiden Varianten sogar in ein- und demselben Dokument finden lãsst. 7 3
>
Ebenda lãsst sich die serbische F orm
fpE
fiir das Relativpronomen
fiKf
belegen. 74 Serbismen treten also hãufig, wenn auch nicht immer konse­
quent in den Urkunden auf. Der Gebrauch klassisch-altkirchensla­
wischer Formen ist durch den Druck der Tradition und das Prestige der
klassischen F ormen gegeben.
Morphologie, Syntax
Der bereits weiter oben erwãhnte Schwund der nominalen Flexion be­
ziehungsweise das Zusammenfallen der diversen grammatikalischen
Fãlle in einem
casus generalis
und damit die Ersetzung der morpholo­
gisch-synthetischen Ausdrucksweise zur Kennzeichnung der Beziehun­
gen zwischen verschiedenen Obj ekten durch syntaktisch-analytische
Konstruktionen gilt als eines der zentralen Merkmale des so genannten
Balkansprachbundes. 7 5 Unter dieser Bezeichnung werden eine Reihe
von Erscheinungen zusammengefasst, die sich auf gegenseitige Beein­
flussungen genetisch nicht verwandter südosteuropãischer Sprachen
61
01teanu eto al.: Slava veche, S. 270.
62
Etwa: DRH A III, Nr. 73, S. 1 36, Zeile 4 und 3 von unten ( 1 5 . Mãrz 1 490).
63
Lajos Tamás: Etymologisch-historisehes Wõrterbueh der ungarischen Elemen­
te im Rumãnisehen. London ete. 1 967, S. 6 1 9-620.
64 DRH A III, Nr. 29, S. 46, Zeile 26 (29. Februar 1488) oder Nr. 288, S. 5 1 2,
Zeile 1 3 (26. August 1 503).
65
Djamo-Diaconitã: Limba doeumentelor, S. 42.
66
DRH A III, Nr. 20, S. 34, Zeile 1 0, 4 ( 1488).
67
Ebd., Nr. 1 2, S. 1 9, Z. 4.
68
Ebd., Nr. 1 63, S. 3 0 1 , Zeile 7 (12. Januar 1 495).
6
9 Olteanu eto al.: Slava veehe, S. 270; Trunte 2, S. 295.
7 0 DRH A III, Nr. 72, S. 1 33, Zeile 4 von unten ( 1 5 . Mãrz 1 490) und Nr. 73, S.
1 35, Zeile 12 ( 1 5 . Mãrz 1 490).
zurückfiihren lassen. Die Gesamtheit dieser typologischen Gemeinsam­
keiten stellt den Idealtypus einer Balkansprache dar. In den einzelnen
Sprachen sind diese Gemeinsamkeiten aber in unterschiedlichem Aus-
7 1 DRH A III, Nr. 73, S. 1 3 5, Zeile 5 ( 1 5 . Mãrz 1 490) und Nr. 1 04, S. 207, Zeile
25 (2. November 1 49 1 ).
72 Trunte 2, S. 1 85 .
7 3 Djamo-Diaeonitã: Limba doeumentelor, S. 84; DRH B I , Nr. 259, S . 4 1 9,
Zeile 3, 5 und 6 (ea. 1 5. September 1495 - 1 500).
74 Olteanu eto al.: Slava veehe, S. 272; DRH B I, Nr. 259, S. 4 1 9, Zeile 1 1 (ea.
1 5. September 1 49 5 - 1 500).
75 Zuzanna Topolinska: Convergent evolution, ereolization and referentiality. In:
Prague linguistie eirc1e papers 1 / 1 995, S. 239-246, hier S. 244.
212
Daniel Ursprung
mass ausgepragt. Insbesondere das Albanische, Bulgarische, Makedoni­
213
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
gewõhnlich und tritt als Zeichen des fortschreitenden Verlustes der no­
sche, Aromunische wie auch das Rumanische werden als zentrale Ver­
minalen Flexion haufig auf. 79 Auch in Verbindung mit der Praposition
bische oder das moderne Griechische weisen ebenfal1s einzelne Ele­
Beispiel W'1'
treter dieses Sprachbundes betrachtet, andere Sprachen wie das Ser­
W'1' steht oft der Nominativ anstelle des zu erwartenden Genitivs, wie im
G'1'dtNtM,
C�I H � .G.OHHOR W'1' CDKHEX H WTf'
AdH
H .G.A�KOyA
mente auf. Das Türkische oder Ungarische teilen zwar einige Erschei­
W'1'
Altkirchenslawischen lassen sich vereinzelt bereits einige Balkanismen
stehen hier im Nominativ. Gerade rumanische beziehungsweise rumani­
Merkmale der Balkansprachen sind etwa der schon erwahnte Schwund
tem Artikel) dürften sich der Anpassung an die klassischen Flexionsmu­
lung beziehungsweise Wideraufnahme von Objekten, die Existenz eines
Namen, auch wenn hier selbst der Name Dan im casus generalis auf­
nungen des Balkansprachbundes, gehõren selber aber nicht dazu. Im
identifizieren, ohne aber systematisch ausgepragt zu sein. Wichtige
der synthetischen Kasusflexion, der Ersatz des Infinitivs, die Verdoppe­
nachgestel1ten bestimmten Artikels oder die analytische B ildung des
Futurs mit dem Hilfsverb "wollen", daneben aber auch Parallelen im
phonologischen System und in der Wortbildung, etwa Lehnpragungen. 7 6
Die kirchenslawische Urkundensprache der Walachei und der Mol­
dau weist, anders als das Altkirchenslawische, wo Merkmale des Bal­
rMA
(von Stanciul, Sohn des Voinea von Ocna und von Dan und
Vâlcul aus Glod). 80 Alle Namen, mit Ausnahme von Voinea und Ocna,
sierte Namen wie Stanciul oder Vâlcul (mit dem rumanischen bestimm­
ster des Altkirchenslawisch leichter entzogen haben als slawische
taucht. Es lassen sich jedoch auch Falle finden, in denen eine regular zu
erwartende Flexion eintritt nach dem Muster \.\7'1' ne'1'�M (von Petre). 8 1
Offensichtlich stellte also die Kasusflexion immer noch die angestrebte
Norm dar, aufgrund schwindender Kenntnisse dieser Norm und unter
dem Einfluss des zeitgenõssischen Bulgarischen kam es aber haufig zu
kansprachbundes nur vereinzelt und unvollstandig ausgebi1det auftreten,
Abweichungen davon.
hungsweise der Übergang zur analytischen Kasusbildung ist als typi­
interessante Varianten finden: so ist
anstel1e des Genitivs stillschweigend der Nominativ oder der Akkusa­
tiv. 77 Dies demonstriert das folgende Beispiel, wo der Name Vlad im
iKHRO'1''k8 4, die sich durch Lautwandel oder graphematisch erklaren las­
viele typische Balkanismen auf. Der Schwund der Kasusflexion bezie­
sches Merkmal des Mittelbulgarischen haufig anzutreffen. So tritt oft
Für das 1 7 . Jahrhundert lassen sich etwa in moldauischen Urkunden
no HdWHM iKHRO'1'�82 (richtig ware:
HdWfM�
iKHROTf'e) zu finden, aber auch
sen, im Falle von
HdWfMg
no HdWfMg iKHRO'1''k8 3 o der no HdWfM
durch den falschen Gebrauch von
no mit Dativ.
Nominativ, das attributive Adj ektiv "gross" dagegen im Genitiv steht:
CHH� RAdA Rfi\H KdPO (Sohn Vlads des Grossen). 7 8 Die fehlende Überein­
Trotz der offenkundigen Schwierigkeit, die korrekte F orm zu finden,
76 Zu den charakteristischen Merkmalen des Balkansprachenbundes siehe etwa
dert ein Bedeutungsrückgang des casus generalis feststellen. Taucht er
stimmung zwischen Adj ektiv und Substantiv ist im Weiteren nicht un-
01ga Miseska Tomié: The Balkan Sprachbund properties. Introduction. In: Dies.
(Hg.): Balkan syntax and semantics. Amsterdam etc. 2004, S. 1 -55 (=Linguistik
aktuell, 67); Uwe Hinrichs: Die sogenannten "Balkanismen" als Problem der
Südosteuropa-Linguistik und der allgemeinen Sprachwissenschaft. In: Ders.
(Hg.): Handbuch der Südosteuropa-Linguistik. Wiesbaden 1 999, S. 429-462,
hier v. a. S. 432-433 (=Slavistische Studienbücher. Neue Folge, 1 0); Norbert
Reiter: Grundzüge der Balkanologie. Bin Schritt in die Eurolinguistik. Berlin
1 994; Emanuele Banfi: Linguistica balcanica. Bologna 1 985, hier v. a. S. 45- 1 1 1
(=Biblioteca linguistica, 1 5); Georg Renatus Solta: Einführung in die Balkanlin­
guistik mit besonderer Berücksichtigung des Substrats und des Balkanlateini­
schen. Darmstadt 1 980, hier v. a. S. 1 80-23 1 ; Helmut Wilhelm Schaller: Die
Balkansprachen. Eine Einführung in die Balkanphilologie. Heidelberg 1 975, S.
1 0 1 - 1 02 (=Sprachwissenschaftliche Studienbücher).
77 Djamo-Diaconitã: Limba documentelor, S. 1 14.
7 8 DRH B I, Nr. 204, S. 328, Zeile 1 (13. Juni 1 478).
haben sich also die Schreiber sichtlich bemüht, die Kasusflexion auf­
recht zu erhalten; der Gebrauch des casus generalis ware hier viel einfa­
cher gewesen. Ganz allgemein lasst sich im Vergleich zum 1 5 . Jahrhun­
doch einmal auf, scheint es oft versehentlich passiert zu sein: np'kA
HdWH
ROi\'kpH RfAHKHX H MMH (vor unseren grossen und kleinen Bojaren) und
ahnlich : C'h R'hCfM AOXOAOM H C'h RPOA (mit den ganzen Einkünften und
mit der Furt) 8 5 , oder C'h R f C npHxoA (mit den ganzen Einkünften)86 , wo
anstelle des Instrumentals der casus generalis steht. 87
79 Djamo-Diaconitã: Limba documentelor, S. 1 1 2-1 1 3 .
80 DRH B I, Nr. 2 1 0, S. 335, Zeile 8-9 (4. Februar 1 48 8).
81 DRH B I, Nr. 1 42, S. 237, Zeile 5 (28. Juli 1472).
82 Olteanu et. aL: Slava veche, S. 282; DRH A XIX, Nr. 1 63 , S. 203, Z. 3 von
unten.
83 DRH A XIX, Nr. 1 68, S. 2 1 3, Zeile 23 (20. Mãrz 1 627).
84 Ebd., Nr. 2 1 3, S. 295, Zeile 2 von unten (22. Mai 1 627).
85 Ebd., Nr. 1 1 7, S. 1 39, Zeile 2 und 13 (5. September 1 626).
214
Daniel Ursprung
Ein a11gemeiner Verzicht auf die Kasusflexion, wie sie rur das Neu­
bulgarische charakteristisch ist, lasst sich daher rur die Urkundensprache
in der Walachei und der Moldau nicht feststellen. Vielmehr ruhrte der
215
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
mittelbulgarischer
Merkmale
schõn
MOH4\CTHp� (vom Erbgrund des
CR'kTOM� MOH4\C'T'Hp� (des Heiligen
aufzeigt:
WT
Heiligen Klosters).
WYHHf
CR'k'T'OM�
Der Ausdruck
Klosters, steht hier im Dativ) ist ein
tümer zu vermehrten Anlehnungen an serbische und teils auch ostslawi­
Beispiel rur den recht haufigen Dativus possessivus, der rur das Mittel­
bulgarische kennzeichnend iSt. 93 Ein possessiv verwendeter Dativ liegt
klassische Flexionsparadigma ausgelõst zu haben. Ostslawischen Ein­
Stolnic Frunte�u) vor. 94 A11erdings kann es auch bei der Verwendung
verstarkte serbische Einfluss in den Schreibstuben der beiden Fürsten­
sche Flexionsparadigma, ja scheint teils gar eine Rückbesinnung auf
auch bei
fluss zeigt etwa der Genitiv Plural auf -eH wie in dem B eispiel pO,4,HTfAEH
H4\WHX'b. (unserer Eltem). 88 Ebenso kann die Adj ektiv-Genitiv-Endung
Adj ektiv kommen: H
auf ostslawischen Einfluss verweisen, was
allerdings auch ein Zug des Mittelbulgarischen ist. 8 9 Ostslawische Be­
-01"0
(altkirchenslawisch
-4\1"0)
einflussung liegt aber wohl aufgrund der geographischen Lage der
zugrunde liegenden Ortsnamen in der nõrdlichen Moldau etwa in fol­
genden Fallen vor:
YOpTOpWRCKOPO, XOTHHCKOPO, COY4\RCKOpO. 90
Hier han­
o'{' p�K H "4\H� (Jlp�H'f'fW� CTO"HHK� (in den Handen des Herrn
des D ativus possessivus zu Inkongruenzen zwischen Substantiv und
"4\K ,4,4\ M� fCT CRh\TOM� MOHdCTHp RHWf "HC CfAO
rpfYH WT H� ,4,OA R4\pOW WT E.�K�pf4JH (Und weiter so11 dem Heiligen
Kloster das weiter oben geschriebene Dorf Greci unterhalb der Stadt
Bukarest gehõren). 95 Für das Kloster (MOH4\CTHp) findet der casus genera­
lis Verwendung, wahrend das dazugehõrige Adjektiv noch im Dativ
steht. Auch R4\pOW, eine Übemahme des ungarischen "város" (Stadt) 9 6,
delt es sich um Herkunftsbezeichnungen, die als Eigennamen bezie­
steht im casus generalis.
wische Endung primar bei derartigen Herkunftsbezeichnungen auftritt,
das Kirchenslawische nur noch selten Verwendung fand, demonstriert
hungsweise in einer Aufzahlung verwendet werden. Wenn die ostsla­
kann von einer funktionalen Verteilung der beiden Varianten der Geni­
tiv-Endungen (klassisch altkirchenslawisch
-4\1"0,
ostslawisch
-01"0)
aus­
gegangen werden, zeigen sich die jeweiligen Texte doch ansonsten sehr
konservativ mit B eibehaltung der alten Endung
Dieses aus der Mitte des 1 7 . Jahrhunderts stammende Beispiel, als
auch die bereits weit fortgeschrittene Anreicherung der Urkundenspra­
che mit Balkanismen. Zur Verdeutlichung des Obj ektes tritt hier noch
das Pronomen
M�
hinzu (wõrtlich etwa "Und weiter so11 ihm dem Klo­
ster . . . "). Diese doppelte Aufnahme des Obj ektes ist ein typischer Bal­
-4\1"0 : R�IWf "HC4\H4\rO
WT mOEN "p4\R4\pO H nHTOM4\pO �pH K4\ (von
kanismus, dessen Funktion darin besteht, durch Redundanz die Ver­
Recht haufig finden sich in walachischen Urkunden bereits im 1 5 .
Vera11gemeinerung des casus generalis wurde das Bedürfnis, den Ob­
(oben geschriebenen) oder
seinem rechten und eigenen Erbbesitz). 9 1
standlichkeit zu fõrdem. Mit dem Zurücktreten der Kasusflexion und der
von femininen a­
j ektbeziehungen auf andere Weise Ausdruck zu verleihen, natürlich
das letztere Beispiel ist ein Beleg, der die Überlagerung serbischer und
aufnahme des Objektes gut belegt ist, wie etwa das Beispiel "Pârvului
Jahrhundert etwa Genitiv Singular-Endungen auf
-f
Stammen, wie sie das Serbische anstelle der klassisch altkirchenslawi­
schen Form auf -� kennt, so etwa WT WYHHf (vom Erbgrund). 92 Gerade
86 Ebd., Nr. 334, S. 457, Zeile 8 und 17 (5 . April I 628).
8 7 Djamo-Diaconitã, S. 1 1 1 - 1 12; DRH, A XIX, Nr. 228, S. 3 66, Z. 1 6 .
8 8 DRH A IU, Nr. 73, S. 1 37, Z. 8 ( 1 5 . Mãrz 1 490), siehe auch Olteanu et. al.:
Slava veche, S. 275 .
8 9 Djamo-Diaconitã: Limba documentelor, S. 1 27-1 28, Olteanu et. al.: Slava
veche, S. 276.
9 0 DRH A IU, Nr. 29, S. 46, Zeile 28 (29. Februar 1 488); Nr. 1 63, S. 300, Zeile 2
von unten ( 1 2. Januar 1 495); Nr. 283, S. 504, Zeile 7-8 ( 1 7. November 1 502).
9 1 Ebd., Nr. 288, S. 5 1 2, Zeile 10 (26. August 1 5 03); Nr. 8, S. 1 1 , Zeile 5 (6.
Mãrz 1 487).
92 Olteanu et. al.: Slava veche, S. 275; DRH B I, Nr. 228, S. 3 66, Zeile 16 (3 .
September 1491).
grõsser. Hier ist durchaus auch eine B eeinflussung durch das Rumani­
sche in Betracht zu ziehen, rur das in dieser Zeit eine derartige Wieder­
nu i se-au cãzut a cumpãra" (wõrtlich etwa: "Pârvu ihm stand es nicht
zu, zu kaufen") zeigt. 9 7
93 Olteanu et. al.: Slava veche, S. 274.
94 DRH A IU, Nr. 20, S. 34, Zeile 1 1 - 1 2 ( 1 488).
9 5 DRH B XXXIV, Nr. 209, S. 1 79, Zeile 3 (September-Dezember 1 649).
96 Zu den ungarischen Wõrtern siehe Tamás: Etymologisch-historisches Wõrter­
buch.
97 DRH B: Tara Româneascã, Volumul XXXU ( 1 647). Hg. von Violeta Barbu,
Gheorghe Lazãr, Oana Rizescu. Bucure�ti 200 1 , Nr. 1 3 5, S. 1 45, Zeile 1 3 ( 1 0.
Mai 1 647).
21 6
Daniel Ursprung
Obj ektverdoppelung liegt auch bei
nOYf'l'E'I'
'l'oro
rocnOA'h.
HOr'h. A"
rd
(wõrtlich etwa: "diesen sol1 Gott ihn beschenken") vor. 9 8 In
anderen Texten lassen sich Beispiele derselben Formulierung ohne Ob­
jektverdoppelung finden:
'l'oro rocnoA� HOr'h. A" nOYf'l'f'l'. 99
Schon im
folgenden Satz jedoch tritt uns in einer ãhnlichen Konstruktion eine
Objektverdoppelung entgegen: 'l'oro rocnoA� HOr'h. A" �}d�OpH'I' ero . 100
Auch hier zeigt sich, dass der Gebrauch von archaisierenden Sprachele­
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
im FaHe von
W'I' n o R'h.C X0'l'''P
217
(wõrtlich etwa: "von auf ganz Gemar­
kung", im Sinne von: "von der ganzen Gemarkung"; nach dem rumãni­
schen Muster: "de peste tot hotarul,,). 1 03 Das Voranstellen einer Prãposi­
tion ging j edoch nicht automatisch mit einer Aufgabe der synthetischen
Kasusflexion einher. Vielmehr finden sich Beispiele wie
K'h. H"WfM� MOHdC'I'Hp�,
A" CA�X"�'I''h.
(dass sie unserem Kloster gehorchen) wo trotz
Gebrauchs der Prãposition
K'h.
das Objekt
H"W fM� MOH"C'I'Hp�
regelkon­
menten im Einzelnen keineswegs immer nachvollziehbar ist, wenn sich
form im Dativ steht. 104 Hier überlagern sich altkirchenslawischer (Ka­
sprachliche Elemente nur zõgerlich und oftmals wohl unbewusst in die
sition) Einfluss. In der Moldau, woher dieses Beispiel stammt, ist auch
auch gewisse Tendenzen abzeichnen. Das S chwanken zeigt, dass volks­
Schriftsprache übernommen wurden.
Die Wiederaufnahme einer Nominalphrase im Akkusativ Plural nach
ihrer Erweiterung mit einem Objekt im Instrumental durch das Prono­
men
'l'd
C nonH
wird von folgendem Beispiel demonstriert:
�CH 'l'O'l'H 4p'h.KRH H
(wõrtlich etwa: "Alle diese Kirchen mit den Po­
pen haben wir sie gegeben,,). 1 01 Grammatikalisch stimmen die einzelnen
'1'''
fCMH AdAH
Elemente nicht überein (nur
4p'h.KRH
ist im Akkusativ Plural; die anderen
Verdoppelungspronomen
bezieht sich streng genommen auf ein Sub­
Formen wohl durch Analogie an die Endung
'1'''
-H
angepasst), und auch das
susflexion) mit mittelbulgarischem (analytische Konstruktion mit Prãpo­
das O stslawische als Orientierungshilfe für eine korrekte Kasusflexion
in B etracht zu ziehen, ãhnlich wie im Falle der Walachei diesbezüglich
dem S erbischen eine wichtige Rolle zukam.
In B ezug auf die Flexionsmuster zeigt sich neben deren Schwund
und der Übernahme serbischer Vorlagen auch das Phãnomen des Zu­
sammenfalls von Deklinationsmustern. Als mittelbulgarische Innovati­
on, die jedoch im Altkirchenslawischen bereits vereinzelt reflektiert
wurde, ist die Übernahme und Verallgemeinerung der Pluralendung
stantiv im Akkusativ Plural neutrum, nicht feminin. Eine praktisch iden­
tritt auch die Endung
halb ohne Obj ektverdoppelung vorhanden : fl
liesse sich hier
tische Konstruktion ist im gleichen Dokument nur wenige Zeilen ober­
-ORf
der u -Deklination auch auf die o-Deklination zu nennen. Als Variante
-ORH auf, welche
auf die Pluralbildung auf -li der
0-
Deklination zurückzuführen iSt. 10 5 Als ein B eispiel für die u -Stãmme
aufnimmt, ein anderes Mal nicht. Die Obj ektverdoppelung als Merkmal
C'h. CHHORH (mit den Sõhnen, anstelle von regulãr zu
C'h. CHH'h.MH) anführen. 1 06 Das Übergreifen auch auf die 0Stãmme begegnet in W'I' KHf�OR (von den Knesen, anstelle von regulãr
zu erwartendem W'I' KHf � �) . 1 07 Beim Beispiel W'I' H"wero pOA� (von
unserem Geschlecht) müsste der korrekte Genitiv pOA" heissen, hat sich
konsequent angewandt, was auf den konservativen Charakter und den
gular auf -� aufweisen) gebildet. 1 08
nonH fCMH AdAH
W fC'I'� 4p'h.KRH H C'h.
S
(Sechs Kirchen aber mit 6 Popen haben wir gege­
ben). 102 Dies zeigt die Unsicherheit des Schreibers, der in einem ver­
gleichbaren Kontext einmal das Obj ekt durch ein Pronomen wieder
des Mittelbulgarischen wie auch der rumãnischen Sprache wurde nicht
Druck der Tradition der Sakral- und Kanzleisprache zurückzuführen ist.
Im weiter oben zitierten Beispiel des Dorfes Greci bei Bukarest las­
sen sich noch weitere Balkanismen identifizieren. Dazu gehõrt etwa die
Kumulation von Prãpositionen wie
W'I' H� AOA RdPOW
(unterhalb der
Stadt, wõrtlich etwa "von aus unten Stadt"). Hãufig lassen sich hier
Calquierungen rumãnischer Ausdrücke erkennen, so etwa anzunehmen
9 8 DRH B I, Nr. 2 1 2, S. 3 39, Zeile 7 ( 1 7. ApriI 1 488).
99 Ebd., Nr. 2 1 4, S. 343, Zeile 13 ( 1 489).
100 Ebd., Nr. 2 14, S. 343, Zei1e 1 4- 1 5 ( 1489).
101 DRH A III, Nr. 73, S. 1 3 6, Zeile 1 1 ( 1 5. Mãrz 1 490).
102 Ebd., Nr. 73, S. 1 36, Zeile 8 ( 1 5. Mãrz 1 490).
erwartendem
aber vermutlich per Analogie mit den u -Stãmmen (welche Genitiv sin­
Interessant ist auch der folgende Fall einer im Genitiv stehenden
Nominalphrase: W'I''h.
Wohlwollen). 1 0 9 Der
R'h.CEh\ H"Wfh\ AOHPOh\ ROAEh\ (aus unserem ganzen
Genitiv singular von ROAItI würde klassisch-
103 DRH B: Tara Româneascã, Volumul VI (1 566- 1 570). Hg. von �tefan �tefà­
nescu, 01impia Diaconescu. Bucure�ti 1 985, Nr. 1 50, S. 1 84-1 85, Zeile 4/1 (6.
Juni 1 569).
104 DRH A III, Nr. 73, S. 1 36, Zeile 20 ( 1 5. Mãrz 1 490).
10 5 Djamo-Diaconitã: Limba documentelor, S. 1 0 1 - 1 02.
106 DRH B I, Nr. 204, S. 328, passim, etwa Z. 9 ( 1 3 . Juni 1487).
107 Ebd., Nr. 205, S. 330, Zei1e 10 (3 1 . Juli 1 487).
10 8 DRH A III, Nr. 29, S. 46, Zei1e 8 von unten (29. Februar 1 48 8).
10 9 Ebd., Nr. 73, S. 1 35, Zeile 7 ( 1 5. Mãrz 1 490).
218
Daniel Ursprung
altkirchenslawisch
RMIti\ lauten. Offensichtlich in Analogie zu den Artri­
R'b.Cfhl (korrekt R'b.CICIti\) und HdWh > HdWfhl (korrekt
HdW ICIti\) wurde nun auch RMIt1 zu ROt\fhl, geanuso wie AOHpOhl, das kor­
rekterweise AOHphl1ti\ (weibliches bestimmtes Adj ektiv im Genitiv singu­
buten
R'b.Ch
>
lar) lauten müsste. Die Angleichung des Substantivs und des Adj ektivs
"gut" an das Pronomen und das Adj ektiv "ganz" per Analogie zeigt,
dass der S chreiber keine Sicherheit bezüglich der klassischen Deklina­
tion verfügte und dies mit der Angleichung der Endungen zu kompensie­
ren versuchte. Mõglicherweise stand hier das Rumãnische Pate, wo der
grammatikalische Akkord zwischen Substantiv und Attributen ebenfalls
verbreitet war und wo vor1iegendes Beispiel "din toatã bunãvoia no­
astrã" gelautet hãtte (vergleiche die rumãnische Übersetzung des obigen
Beispiels).
Morphologische Innovationen gegenüber dem klassisch altkirchen­
slawischen Sprachzustand lassen sich j edoch auch bei den Verben fm­
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
Ci\�S'k HdWfM�
2 19
(habe ich meinem Diener gegeben und bestãtigt). 1 1 5 Diese
Art des Perfekts ist sehr hãufig in den untersuchten Texten und gerade
im hier zitierten Kontext sehr oft anzutreffen. Dieses nicht-analytische
Perfekt geht auf ostslawische Beeinflussung zurück. 1 16
B etreffend des Futurs ist festzustelIen, dass es traditionsgemãss
durch die Prãsensform vomehmlich perfektiver Verben gebildet wird
und nicht periphrastisch:
KTO c'k HM'b. H�HfpfT
(wer ihnen zugehõren
wird). 1 1 7 Doch in den Urkunden gerade aus der Walachei sind Formen
analytischen Futurs mit Formen des Hilfsverbs
X:0T'kTH hãufig anzutref­
qHT HHTH ; KE CTOdTH; ce KE
HdHT H ; 4 HT WCTdTH; X:TeT HHTH ; YE HdHTORdTH; im Negativ: Cf Hmf
RdpyRdTH (in diesem Text tauchen dicht nebeneinander die Formen [Hf] Kf,
X:TfT und I.J.IfT als Futurpartikel auf! ) y 8 Die Form Ke findet sich heute in
fen, von denen hier einige aufgezãhlt seien:
der makedonischen Schriftsprache als zur Futurpartikel ,,:Ke" erstarrte
den. Ein mittelbulgarisches Charakteristikum ist in diesem Zusammen­
Form der dritten Person Singular Prãsens von X:0T'kTH, analog dazu von
I.J.IfT im Bulgarischen die Futurpartikel II(e. 1 1 9 Bei den Varianten handelt
der Endung
wicklung der Verbindung tj . Bei den Formen mit
hang die von den athematischen Verben ausgehende Verallgemeinerung
-M
für die erste Person Singular auf andere Verben; Bei­
spiele dafiir finden sich in den Texten in grossen Mengen, etwa in der
hãufigen Einleitung �HdMmHTO YHHHM'b. (wir machen bekannt). 1 10 Ty­
pisch mittelbulgarisch sind FãlIe von sigmatischem Aorist wie etwa
npHAoWd (von npHTH, gehen). 1 1 1 Klassischerweise wurde das Vergangen­
heitstempus des Aorist von diesem Verb mit dem Wurzelaorist gebildet,
das npi"HAf lautet und auch in den Urkunden oft bezeugt ist. 1 1 2 AlIerdings
war der Wurzelaorist im Mittelbulgarischen nicht mehr produktiv, son­
dem vom sigmatischen Aorist verdrãngt worden. In stark formalisierten
Kontexten, die stereotyp tradiert wurden, konnten j edoch Wurzelaoriste
als Archaismus erhalten bleiben . l 1 3
Neben den Aorist tritt in moldauischen Urkunden das zusammenge­
setzte Perfekt als Vergangenheitstempus, wie etwa
ich ihm gegeben) oder
RfI\'ki\H eCMH
fCMO fM� AdAH
(habe
(habe ich befohlen). 1 14 Daneben
finden sich auch Formen ohne Kopulativverb :
AdAH
H
nOTRp'b.AHI1H
1 1 0 Olteanu
et. al.: Slava veche, S. 28 1 ; DRH A lII, passim, z. B. Nr. 1 04, S. 206,
Zei1e 2 (2. November 149 1 ).
1 1 1 DRH
A lII, Nr. 72, S. 1 33, Zeile 3 ( 1 5 . Mãrz 1490) oder Nr. 1 45, S. 274,
Zei1e 3 ( 1 1 . Mãrz 1 494).
1 1 2 Trunte 1 , S. 1 02; DRH A lII, Nr. 20, S. 34, Zei1e 3 ( 1488).
1 1 3 Djamo-Diaconitã: Limba documentelor, S. 208.
1 14 Olteanu
et. al.: Slava veche, S. 282; DRH A IlI, Nr. 1 04, S. 207, Zei1e 6 bzw.
3 von unten (6. November 1 49 1 ).
es sich um die einzelsprachlich unterschiedlichen Ergebnisse der Ent­
KE
handelt es sich um
K fiir y. 1 20 YE und
serbischen Einfluss (vergleiche serbisch on ée biti) mit
KE sind somit graphische Varianten und zeigen serbischen Einfluss an.
I.J.IfT hingegen reflektiert die bulgarische Entwicklung. Daneben kommen
aber auch Formen vor, die wie in klassischen Texten Futurbedeutungen
formal mit dem Prãsens ausdrücken. 1 2 1 So liegt etwa der FalI Koro
H�HfpfT rocnoA'b. HOr'b. H b.ITH roCnOAHH'b.
(wen der Hergott auserwãhlt,
Herrscher zu sein). 1 22 Dabei handelt es sich um eine in ãusserst feier1i­
cher Sprache gehaltene Urkunde, in we1cher der Fürst Vlad Cãlugãrul
1 1 5 DRH
A IlI, Nr. 20, S. 34, Zeile 5 von unten (1 488).
1 1 6 Olteanu et. al.: Slava veche, S. 283.
1 1 7 DRH A IlI, Nr. 1 45, S. 274, Zei1e 1 8 ( 1 1 . Mãrz 1 494).
1 1 8 DRH
B I, Nr. 20 1 , S. 32 1 , Zeile 8 ( 1 0. September 1486); Nr. 208, S. 3 33,
Zeile 4 von unten (ca. 1 487- 1 494); Nr. 209, S. 3 34, Zeile 1 1 (27. November
1487); Nr. 2 1 1 , S. 3 36, Zei1e 5 von unten ( 1 0. ApriI 1 488); Nr. 292, S. 476, Zeile
1 3 ( 1 5 . Juni 1 499); Nr. 259, S. 4 1 9, Zei1e 6-7 (ca. 1 495-1 500); Nr. 228, S. 3 66,
Zei1e 1 6 (3 . September 149 1 ).
1 1 9 Ena)I(e KOHeCKM: lIcToplIja Ha MaKe.n;OHCKJIlIOT ja.3lIK. CKorrje 1 965, S. 1 7 1 ;
To.n;op E05I.n;)I(lIeB, lIBaH Kyu;apoB, Hop.n;aH I1eHqeB: CbBpeMeHbH 6hbnrapCKM
e31IK. CO<plI5I 1 998, S. 388.
1 2 0 Djamo-Diaconitã: Limba documentelor, S. 2 1 5-2 1 6/78-79.
1 2 1 Trunte I, S. 83.
1 22 DRH B I, Nr. 2 1 2, S. 339, Zei1e 3-4 ( 1 7. ApriI 1488).
220
Daniel Ursprung
dem Kloster Cozia alle seine Privilegien bestãtigte. Der Text ist von
seiner Art her stark an stereotype F ormulierungen angelehnt, die sich an
B ibelstellen orientierten. Gerade der hier zitierte Ausdruck ist eine in
vielen Urkunden immer wieder stereotyp auftauchende Formulierung, in
22 1
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
mit
R'b.,,\f'T' (sein), wie etwa: d n o HdWHM iKH RO'T'� ( . . . ) K'T'O R'b.Af'T'
roCnOAdp'b. (nach unserem Leben aber ( . . . ) wer Herrscher sein wird). 1 25
B ei den Partizipien ist die Erstarrung in der Form mit der Endung
als Gerundium ãusserst hãufig. 1 2 6 Dieses fur das Mittelbul­
-Wf I -RWE
we1cher der Wojwode alle Nachfolger auffordert, seine Bestimmungen
garische charakteristische Phãnomen reflektiert die Aufgabe der Kasus­
auch die Erhaltung des Infinitivs. So1che hoch formalisierten Textpassa­
A'ÉR W f HX'b. AORp�� ROA�
in Ewigkeit unverãndert zu lassen. Noch typisch altkirchenslawisch ist
gen zeigen sich in der Regel sehr konservativ und resistent gegenüber
Neuerungen. Sie weisen demnach einen hohen Anteil an Archaismen
auf, mit dem der feier1iche Klang unterstrichen und die Wichtigkeit der
entsprechenden Stelle hervorgehoben wurde.
Einen interessanten Fall des periphrastischen Futurgebrauchs stellt
das Beispiel
IJI0 X'T'f'T' H�pfYe'T' RdHOIH
(das die Bane mitteilen) dar, das
nicht in Verbindung mit einem Infinitiv auftritt. 1 23 Der Schwund des
flexion und ist demnach den Balkanismen zuzuordnen, so
HHO M b.I, RH­
(wõrtlich etwa "Wir aber, ihren guten Willen
sehend,,). 1 27 Für den Infinitiv lassen sich in den Texten noch Belege
finden, er muss aber als Archaismus (mõglicherweise über1agert durch
ostslawischen oder serbischen Einfluss) gesehen werden:
Rfi\'Éi\H fCMH
nHCd'T'H (haben wir befohlen ( . . . ) zu schreiben) oder Koro &or'b.
H�Rfpf'T'b. rOCOA"pfMb. RH'T'H (wen Gott dazu auserwãhlt, Herrscher zu
sein). 1 2 8 Ostslawischer Konjunktiv mit IJI0 Rb.1 lãsst sich etwa im Bei­
spiel lJlo RH CORH �CdAHi\ CMO (dass sie sich ein Dorf grunden) finden. 1 29
(. . . )
Infinitivs zugunsten finiter Verbformen ist wie das analytische Futur
Partizipien sind tendentie11 als Archaismen anzusehen, die hãufig durch
stammt, lassen sich jedoch auch weitere periphrastische Futurformen
pien lassen sich hingegen etwa in einem Text ausmachen, in we1chem
selbst ein Balkanismus. Im gleichen Satz, aus dem obiges Beispiel
finden, al1e jedoch mit Infinitiv. Die Erklãrung für diesen inkonsequen­
ten Gebrauch kõnnte in der unterschiedlichen Funktionalitãt der j eweili­
die Formulierung von Nebensãtzen ersetzt wurden. Relativ viele Partizi­
dem walachischen Kloster Cozia die Privilegien bestãtigt wurden. Of­
fenbar entsprach hier die synthetische Ausdrucksweise der Partizipien
gen Textstellen liegen. Die Formen mit Imperativ beziehen sich direkt
besser dem feierlichen Charakter des Textes. Ersetzung durch Neben­
nicht an seine Anordnungen halten werden. In einem N ebensatz wird
Besitzverhãltnisse und getãtigte Kãufe geht. 1 3 0
würden. Um die Emsthaftigkeit der Drohung zu unterstreichen, wurde
Charakters ist der periphrastische Imperativ mit der Konjuktion
auf die Drohung des Wojwoden, was geschehen wird mit denen, die sich
ergãnzt, dass diese Bestimmungen von seinen Statthaltem verbreitet
sie mit dem archaischeren Infinitiv, der Autoritãt und Würde markiert,
ausgedrückt, die Anmerkung technischer Art, wer seine Bestimmungen
verbreiten werde, konnte dagegen problemlos als quasi obj ektive Infor­
mation mit dem eher der zeitgenõssischen bulgarischen Sprache entspre­
chenden Fehlen des Infinitivs ausgedrückt werden. Bei genauer Durch­
sãtze
(1JI0 nOKy nHwE)
finden sich hingegen dort, wo es um konkrete
Als Innovation mittelbulgarischen (und a11gemein balkanischen)
dem Indikativ Prãsens zu betrachten:
C'T'''pOM� X0'T'''p�
A" X0'T'''P'b.
(. . . )
A" fC'T''b.
A"
und
(. . . )
no
(die Grenze sol1 auf der alten Grenze sein). 1 3 1 Es lassen
sich in der gleichen Urkunde aber auch unterschiedliche Formen der
Bildung dieses Imperativs finden, wie das B eispiel von
A" HX ri\fA"WH
sicht entsprechender Textstellen mit den verschiedenen Formen des
Hilfsverbes
X0'T''É'T'H
lãsst sich j edoch keine absolute Gültigkeit einer
so1chen strikt funktional orientierten Verteilung ausmachen.
Neben den Futurkonstruktionen mit dem Hilfsverb "wollen" be­
gegnen auch so1che mit den Verben "haben" und "sein" wie in folgen­
den, aus moldauischen Urkunden des 1 7 . Jahrhunderts stammenden
Ad H f HMd�'T' �MHWd'T'H (sol1 sich nicht einmischen) 1 24 (mit
Beispielen:
dem Hilfsverb
HM'É'T'H,
haben) , ansonsten dominieren Konstruktionen
123 Ebd., Nr. 228, S. 3 66, Zeile 17 (3 . September 1491).
124 DRH A XIX, Nr. 20, S. 29, Zeile 1 2- 1 1 von unten (7. Februar 1 626).
12 5 Olteanu et. al.: Slava veche, S. 282; DRH A XIX, Nr. 1 63, S. 203, Zeile 3
von unten (12. Mãrz 1 627).
126 Olteanu et. al. : Slava veche, S. 283 .
127 DRH A III, Nr. 1 40, S. 268, Zeile 3 ( 1 494).
128 DRH A III, Nr. 1 2, S. 20, Zei1e 4-3 von unten (8. Oktober 1 4 87) bzw. Nr. 8,
S. 1 1 , Zei1e 8-7 von unten (6. Mãrz 1487).
12 9 Olteanu et. al. : Slava veche, S. 283; DRH A III, Nr. 8, S. 1 1 , Zei1e 6 (6. Mãrz
1487).
130 DRH B I, Nr. 2 1 2, S. 3 3 8, Zeile 15 ( 1 7 . ApriI 1488).
131 DRH A III, Nr. 1 2, S. 20, Zeile 1 -2 (8. Oktober 1 487).
222
Daniel Ursprung
und N'
Endung
rORopHm zeigt. 1 32 Hier wird einmal die archaische Fonn mit der
-mH verwendet als auch die mittelbulgarische Innovation mit der
Endung _m. 1 33 Die beiden morphologischen Varianten finden sich auch
im weiteren Ver1auf des Textes, ganz so, als ob es sich um freie Varian­
ten handeln würde. Der einleitende Hauptbefehl zu B eginn und abschlie­
ssend nochmals zum Schluss
mH)
(A" HX rAfA"mH, A" nd�HmH H A" rMAd­
j edoch stehen in der archaischen Form, wãhrend die konkreten
Handlungsanweisungen im mittleren Teil die mittelbulgarische Form
aufweisen. Hier wurden wohl, um die entsprechende Autoritãt nochmals
kIar hervorzuheben und dem B efehl damit grõsseres Gewicht zu verlei­
hen, am Anfang und am Schluss die archaischen F ormen verwendet,
zwischendrin j edoch auf die wahrscheinlich gelãufigeren mittelbulgari­
schen Varianten ausgewichen.
Eine weitere balkanische Neuerung ist der Ersatz der Possessiv­
pronomina durch analytische Konstruktionen mit enklitischen Formen
des reflexiven Personalpronomens im Dativ. Beispiele dafür lassen sich
hãufig finden, wie:
Herrschaft). 1 34
nOA WIMdC'I"H rocnoAC'I"Rd MH
(in der Gewalt meiner
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
223
Anzahl der Rumãnismen dann vor allem in den kirchenslawischen Tex­
ten des 1 7 . Jahrhunderts besonders hoch ist, als das Rumãnische parallel
mit dem Kirchenslawischen Verwendung als Urkundensprache fand.
Die frühen Einflüsse der rumãnischen Sprache sind vor allem im Be­
reich der Toponyme und Anthroponyme festzustellen. S o lãsst sich etwa
hãufig der rumãnische bestimmte Artikel in Verbindungen mit Person­
nennamen feststellen, so etwa .c.A"HKOYA" (Vlaicul, hier mit der slawi­
schen Genitivendung _d). 1 3 6 Bei Toponymen finden sich Hinweise auf
rumãnische Fonnen vor allem in Dorfnamen mit der Endung -fI.J.IH (-e�ti)
'
I37
wie etwa rOC'I"HAEI.J.I'iH , die zumeist von Personennamen abgeleitet sind
(vergleiche dazu den Namen
rOC'I"HNb.
im gleichen Dokument). Rumãni­
scher Genitiv Plural auf -lor findet sich in dem Ortsnamen
rumãnische Pluralformen zu finden, vor allem bei W õrtem, die beide
Sprachen teilen (etwa pop, boiar). 1 39
Rumãnisches Wortmaterial findet sich etwa in folgenden Fonnen:
1 40 (rum. ora� < ung. város); Rd'l"pd CfA,, 141 (rum. vatrã, hier im S inne
wpdm
von Weichbild des Dorfes, verwandt mit albanisch vatre)
MaterieHe Übe.rnahmen, Calque: Rumãnismen
Der Anteil der Rumãnismen war bis ins 1 5 . Jahrhundert hinein noch
recht gering und nahm erst in dem Ausmasse zu, in dem sich das Rumã­
nische als Schriftsprache etablierte. Der Anteil der Rumãnismen dürfte
nicht zuletzt wohl auch deshalb im Vergleich zu den serbischen oder
(W'I" XO'l"dpd)
(mit ebenfalls auf Possessivadj ektiv zurückgehender En­
dung -e�ti und hyperkorrektem b.). 1 3 8 In ãhnlicher Weise sind etwa auch
nf'l"PfI.J. IHi\OPb.
(rum. de / din [=de in] argint)
p"b.�"km H I44
(rum. rãse�
schaft), aber auch
bucatã
<
<
p�n'l"�p�
lat. buccata) und
K�MHd'l" 143
(rum. cumnat
<
AH "PV HH'I"
142
lat. cognatus)
ung. részes: freier B auer einer Dorfgemein­
(rupturã; a rupe
HmO'l"d
hãufiger Rumãnismus ist der Ausdruck
"irgend") wie etwa im B eispiel
<
lat. rumpere), R�Kd'l"� (rum.
< lat.nepos). 1 45 Ein relativ
(rum. nepot
Rdpe « rumãnisch oare, ori:
Koro R"PH "''I'' Koe �fMAf XOKf'l" RH'I"H
ostslawischen Einflüssen gering gewesen sein, da sicher viele der
(wer aus gleich welchem Land kommen wird). 1 46 Natür1ich lassen sich
die rumãnische Sprachgeschichte sind sie zu diesem Zeitpunkt aber nur
136 DRH A lI, Nr. 1 83, S. 270, Zeile 9 von unten (2. Mãrz 1 472); eine Dokumen­
S chreiber slawischer Muttersprache waren. Erst im Verlaufe des 1 6 .
Jahrhunderts nahm dann der Anteil der Rumãnismen deutlich ZU. 1 35 Für
mehr von nachgeordnetem Interesse, da ab dem frühen 1 6. Jahrhundert
rumãnische Originaltexte über1iefert sind. Wenig erstaunlich ist, dass die
132 Djamo-Diaconitã: Limba documentelor, S. 22 1 ; DRH B I, Nr. 259, S. 4 1 9,
Zeile 3 (ca. 1 495-1 500).
133 Djamo-Diaconitã: Limba documentelor, S. 205.
134 Djamo-Diaconitã: Limba documentelor, S. 1 72; DRH B I, Nr. 228, S. 3 66,
Zei1e 6 (3 . September 1 49 1 ).
135 Für eine ausfUhrliche Übersicht über die rumãnischen Einflüsse auf die Ur­
kundensprache der Walachei und der Moldau siehe Gheorghe Bolocan et. al.:
Dictionarul elementelor române�ti din documentele slavo-române, 1 374- 1 600.
Bucure�ti 1 98 1 .
tation rumãnischer Artikel in kirchenslawischen Texten bei Bolocan et. al.:
Dictionarul, S. 27 1 -294.
137 DRH, A III, Nr. 29, S. 46, Z. 6.
138 DRH, A III, Nr. 8, S. 1 1 , Z. 6.
139 Siehe die Beispiele bei Djamo-Diaconitã: Limba documentelor, S. 295-299.
140 DRH, A XIX, Nr. 1 1 1 , S. 1 3 1 , Z. 1 9.
14 1 Ebd., Nr. 292, S. 396, Z. 5 .
142 Ebd., Nr. 448, S. 6 14, Z. 8.
143 Ebd., Nr. 444, S. 608, Z . 5 .
144 Ebd., Nr. 444, S. 609, Z . 1 .
145 DRH, A IU, Nr. 1 5 1 , S . 280, Zei1e 2 1 (ante 1 495), Nr. 8, S . 1 1 , Zeile 6
(6.Mãrz 1487) bzw. Nr. 140, S. 267, Zeile 4 (1494).
146 DRH B XI, Nr. 244, S. 322, Zeile 3 (26. Juni 1 597).
224
Daniel Ursprung
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
225
auch materielle Übemahmen ganzer Wõrter sowie Lehnprãgungen aus
Zusammenfassung
direkt, oft aber über den Umweg des Rumãnischen in die kirchenslawi­
Die Darlegungen zur Urkundensprache der Walachei und der Moldau
B is ins 1 6 . Jahrhundert beschrãnken sich die Rumãnismen in a11er
lichen Erscheinungen eingehen. Es konnten einige qualitative Besonder­
anderen, insbesondere slawischen, Sprachen feststellen, die zum Teil
sche Kanzleisprache gelangt sind.
Regel auf die direkte Übemahme einzelner Wõrter, ohne in grõsserem
Umfange, ãhnlich wie das S erbische oder ostslawische Dialekte, die
des 1 4 . - 1 7 . Jahrhunderts konnten nur auf einen kleinen Tei1 der sprach­
heiten der Kanzleisprache der beiden Fürstentümer aufgezeigt werden.
Quantitative Angaben sowie eine genauere Differenzierung nach Entste­
Struktur der Sprache zu beeinflussen. Kirchenslawische Texte sind für
hungsort und -datum, nach Textsorten und Entstehungskontext, nach
se. 1 47 Erst relativ spãt, vor a11em im 1 7 . Jahrhundert lassen sich darüber
dieser kurzen Skizze nicht gemacht werden. Dennoch zeichnen sich
die Rumãnistik daher insbesondere im Bereich der Lexik von Interes­
hinaus auch rumãnisch beeinflusste sprachliche Konstruktionen in grõ­
sserem Umfange nachweisen. So finden sich Beispiele der analytischen
B ildung des Komparativs mit dem rumãnischen "mai" « lat. magis,
.
"mehr") wle etwa MdH np rh
�iKAE oder MdH n O,,\p0IHmX . 1 48 Ad 1'If HMdf'f' MdH
'f'<EPd'f'H
(sol1 er nicht mehr klagen) enthãlt ebenfalls das rumãnische mai
ausstellenden Institutionen und den Schreibem konnten im Rahmen
einige Schlussfolgerungen ab. Die in den beiden Fürstentümem verwen­
dete Kanzleisprache war weit davon entfemt, eine Art "rumãnischer"
Redaktion des Kirchenslawischen zu sein. Dafür sind die rumãnischen
Elemente schlicht zu wenig zahlreich und vor allem zu wenig stark in
die Struktur der Sprache eingeflossen. Bei der Einführung des Kirchen­
und drückt zugleich einen negativen Imperativ auf periphrastische Weise
aus. 1 49 Calquierung nach rumãnischem Muster durch Kumulieren meh­
telbulgarischen Redaktion. Ab dem 1 5 . Jahrhundert nahm der Einfluss
finden:
Rumãnische Elemente traten erst im Ver1aufe des 1 6. und vor a11em im
rerer Prãpositionen ist in den Texten des 1 7 . Jahrhunderts hãufig zu
npOAMH W'f' npfA rOnOAC'f'Kd MH
(wõrtlich etwa "haben sie von vor
meiner Herrschaft verkauft,,) 1 5 0 nach dem rumãnischen
naintea
[=de inainte]
domniei mete.
au vândut di­
W'f''&
(wõrtlich
und der Moldau liesse sich denn am besten als Über1agerung mittelbul­
p
AE CMO np'&KO nOVd""
nischen Ausdruckweise liegt vermutlich auch in den folgenden Beispie­
IUMdMO 1.J.10 y VHHH'f'H
1 7 . Jahrhundert in grõsserer Zahl hinzu, ohne j edoch auch nur annãhemd
einen vergleichbaren Einfluss auf die Sprache auszuüben wie die mittel­
etwa "von wo wir zuerst losgegangen sind,,). 1 5 1 Calquierung einer rumã­
len vor:
des S erbischen und, in der Moldau, ostslawischer D ialekte stark zu.
Calquierung nach rumãnischem
Muster ist in der Kombination der zwei Prãpositionen de unde in fol­
gendem Beispiel zu erkennen:
slawischen als Kanzleisprache geschah dies auf der Grundlage der mit­
im Sinne von "kõnnen wir nichts machen"
(vergleiche in der rumãnischen Übersetzung: nu avem ce face) sowie im
gleichen Text AO K'& K<EKH ("bis in Ewigkeit" rumãnisch: pânã in veci). 1 52
kirchenslawischen Redaktionen. Die Urkundensprache in der Walachei
garischer, serbischer beziehungsweise russisch-ostslawischer Redaktion
des Kirchenslawischen, verbunden mit rumãnischen Einflüssen, charak­
terisieren. Wie die Bewahrung der nominalen Flexion in den Texten des
1 7 . Jahrhunderts zeigt, war es neben dem Einfluss des S erbischen und
des O stslawischen auch das Bemühen der Schreiber, dem ursprüngli­
chen Zustand des Kirchenslawischen nahe zu kommen. Eine Anglei­
chung der Urkundensprache an die Volkssprache war insofem kaum
mõglich, als es sich um zwei kIar voneinander unterscheidbare Sprachen
handelte. Dies wirkte sich auch auf die geringe Anzahl rumãnischer
147
r. MHxaHna: CnaBjJHo-pyMhIHcKHe rpaMOThI H ,u;pyrHe rrHChMeHHhle
rraMjJTHHKH KaK HCTOqHHK ,u;njJ HCTOpHH pyMhlHcKoro jJ3hIKa (BTopajJ rronOBHHa
IX B. - 1 520 r.). In: Romanoslavica XXXV/1 997, S. 7-35.
148
DRH A XIX, Nr. 35, S. 49, Z. 7 bzw. Nr. 248, S. 332, Z. 2.
149
DRH A XIX, Nr. 307, S. 4 1 9, Z. 2 von unten.
150
DRH A XIX, Nr. 296, S. 402, Z. 9, vgl. auch Z. 1 3 ; ãhnlich Nr. 307, S. 4 1 9,
Z. 6 von unten.
151
DRH A III, Nr. 1 45 , S. 274, Z. 1 7 von unten.
152
DRH B I, Nr. 228, S. 366, Z. 6 bzw. 1 5 .
Elemente in den Urkundentexten aus, die sich zudem in der Regel auf
materielle Übemahmen beschrãnkten, ohne die Struktur der Sprache
nachhaltig zu beeinflussen. Eine Angleichung von Schrift- und Um­
gangssprache fand hier statt mit der Umstellung von der kirchenslawi­
schen auf die rumãnische Kanzleisprache zwischen dem Ende des 1 6.
und der Mitte des 1 7 . Jahrhunderts.
In dieser Hinsicht erklãrt sich auch die Bewahrung von Archaismen
in den kirchenslawischen Texten. Ohne allgemein verbindliche Regeln
226
Daniel Ursprung
formulieren zu kõnnen, lasst sich doch feststellen, dass diese insbeson­
Die kirchenslawische Urkunden- und Kanzleisprache
227
17. Jahrhundert stark zunehmenden Einfluss einer heterogenen, stereo­
dere in Kontexten auftauchen, die als besonders feier1ich, emst oder
typ als "Griechen" bezeichneten Schicht christlicher Zuwanderer aus
Formulierungen, die in Rückgriff auf über1ieferte Muster reproduziert
Das Kirchenslawische jedenfalls spielte nach der Mitte des 1 7 . Jahrhun­
wichtig hervorgehoben werden sol1ten. Dies betraf speziell stereotype
dem O smanischen Reich in die Fürstentümer Walachei und Moldau. 1 54
wurden und die demnach weniger anfâllig waren für Ãnderungen. Dar­
derts nur noch eine untergeordnete Rolle. Es blieb weitgehend auf
altkirchenslawischen Archaismen und einzelsprachlichen Innovationen.
dere Einleitung und Schluss von Urkunden aus der Kanzlei des Wojwo­
aus ergab sich eine in Ansatzen erkennbare funktionale Verteilung von
Altkirchenslawische Archaismen dienten demnach als Stilmittel in hoch
sprachliche Relikte beschrankt, die als formelhafte Ausdrücke insbeson­
den pragten.
ritualisierten Kontexten zur besonderen Hervorhebung und Kennzeich­
nung, wahrend die Einflüsse aus benachbarten slawischen Sprachen vor
allem bei der Erõrterung praktischer Fragen festgestellt werden kõnnen.
Sie hatten hier die Funktion, mündlich vorgetragene Klagen, die Be­
schreibung von Gemarkungsgrenzen im Gelande oder Verfügungen an
die Landesverwaltung mõglichst lebendig wiederzugeben, ohne sich an
formelhafte Strukturen anlehnen zu müssen.
Das Kirchenslawische erfüllte seine Funktion als Kanzleisprache, so­
lange die Verbreitung der Schriftlichkeit relativ gering war. Das Auf­
kommen der rumanischen Urkundensprache hing daher unter anderem
auch mit der Ausweitung der Schriftlichkeit auf weitere Akteure zu­
sammen, die des Kirchenslawischen nicht machtig waren. Schriftliche
Fixierung blieb zwar auch im 1 7 . Jahrhundert die Ausnahme. Doch war
ein
zunehmendes
Bedürfuis
festzustellen,
bestimmte
Sachverhalte
schriftlich festzuhalten nicht zuletzt angesichts der grundlegenden sozia­
len Umwalzungen seit dem 1 6. Jahrhundert. Im Kontakt mit der osmani­
schen Oberhoheit oder griechischen Handlem war das Kirchenslawische
von keinem grossen Nutzen. Auch
im Kontakt diverser Akteure aus den
Fürstentümem selbst erwies sich der Wechsel zur rumanischen Schrift­
sprache als praktischer. Wesentliche Impulse zur Schaffung einer ruma­
nischen Schriftsprache hatte die in Siebenbürgen im 1 6 . Jahrhundert
wirkende Reformation gegeben, we1che mehrfach in den Versuch mün­
dete, die orthodoxen Rumanen mithilfe volkssprachlicher (rumanischer)
Texte zu bekehren. Ohne nachhaltigen Erfolg auf konfessionellem Ge­
biet waren so dennoch die Grundlagen für die Entstehung des Rumani­
schen als Schriftsprache gegeben. In diesem Zusammenhang ist auch auf
den sich im 1 6 . Jahrhundert ausbreitenden Buchdruck zu verweisen,
we1cher ebenso günstige Voraussetzungen für die Verwendung des
1
Rumanischen als Schriftsprache schuf. 53 Eventuell erfüllte die Verwen­
dung des Rumanischen auch Abgrenzungsfunktionen gegenüber dem im
153 Negrescu: Limba slavã veche, S. 90.
154 Werner: Sprachwissenschaftlich unerschlossenes Textmaterial, S. 65-68.
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