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Schweiz : Freikirchler sind empört über „Blick“

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Schweiz: Freikirchler sind empört über „Blick“
Der „Blick“ brachte eine Reportage über evangelikale Pflegeeltern und kurze Zeit später über die Freikirchen allgemein. Vor allem der zweite Artikel mit den Schlagzeilen
„Sie züchtigen mit dem Stock, sind gegen Homosexuelle und verbieten Popmusik“
sorgte für Aufregung.
Das Boulevardblatt „Blick“ inszeniere eine regelrechte Kampagne gegen bekennende Christen, schreibt das christliche Magazin „Idea“. Zuerst ging es gegen christliche Pflegefamilien und am
Ende gegen freikirchliche Christen insgesamt. Das war wohl kaum so geplant.
Die emotionalen Reaktionen der Leserschaft dürfte die Serie hochgepuscht
haben. Begonnen hat alles mit der Klage eines Grosselternpaars. Weil die leibliche Mutter der Kinder wegen Drogendelikten in der
Dominikanischen Republik im Gefängnis sitzt, lebten die Enkel bei Marylin und Hermann
Halter. 2012 wurden zwei von drei Enkelkindern von der „Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde“ (KESB) in Herisau AR einer Pflegefamilie zugewiesen. Marylin Halter sagt, sie sei
in diesem Zusammenhang einen ärztlichen Rat befolgt. Wer die Gesetzeslage kennt, der
weiss, dass einer Fremdplatzierung Untragbares vorausgeht. Die Massnahme erfolgt, um
Kinder zu schützen. Jetzt wollen die Halters die beiden Enkel zurück. Aber aus Rücksicht auf
die Kinder weigert sich die KESB. Der Fall liegt beim Obergericht des Kantons Appenzell
Ausserrhoden.
Ein Fall fürs Gericht
Beim „Blick“ fanden Marilyn und Hermann Halter Gehör. Der Umstand, dass die Pflegeltern
eine Freikirche besuchen, wird zum Aufhänger: „Behörden schickten unsere Kinder zu
Frömmlern!“ Im Bericht geht es an keiner Stelle um mangelnde Sorgfalt oder irgendwelche
Probleme in der Pflegefamilie. Angekreidet wird einzig ihre christliche Gesinnung: Der Pflegevater ist Sonntagschullehrer, die Kinder gehen mit in den Gottesdienst. Das Ehepaar Halter nimmt dies zum Anlass, um Druck auf die KESB zu machen: „Die Kinder werden von uns
entfremdet. Sie müssen regelmässig in deren Messe, obwohl sie katholisch sind.“
Die appenzellische KESB selbst darf dazu keine Stellung nehmen. Die Hintergründe und
Tatsachen, die zur Fremdplatzierung führten, stehen unter Datenschutz. Entscheidend ist
das Wohl der Kinder. Jolanda Oelke-Brunner von der kantonalen KESB sagte nur so viel,
dass der sonntägliche Gemeindebesuch den Kindern gefalle und die Pflegeeltern nicht wollten, dass die Kinder ihren Glauben wechseln.
Die Fakten fehlen
In einem Folgeartikel brachte der „Blick“ ein Interview mit Ruedi Winet. Er ist Präsident der
KESB-Präsidien im Kanton Zürich. Es macht den Anschein, Winet würde es bedauern, dass
sich viele Christen als Pflegeeltern empfehlen. „Wir haben keine Wahl. Es stellen sich nicht
genügend andere Familien zur Verfügung“, wird Winet zitiert. Die „religiösen Gepflogenheiten“ bezeichnet Winet als „grosses Problem“. Als Beispiel nennt er das Dankgebet vor dem
Essen, gibt dann aber sofort zu, dass ein Pflegekind nicht mitbeten müsse. Sollte es deshalb
zu Konflikten kommen, gehe die KESB der Sache nach. Wo ist jetzt das Problem?
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Für Pflegefamilien zuständig sind die kantonalen Ämter für Jugend und Berufsberatung. Sie
überprüfen die Familien regelmässig und gehen allfälligen Beschwerden nach. Pflegeeltern
schweben nicht einfach unkontrolliert im Raum. Findet die KESB für eine Fremdplatzierung
keine Familie, dann ist das Heim die andere Option. Aber wie soll man Aussagen von KESBChef Ruedi Winet einordnen, der dem „Blick“ sagte, „die Problematik mit den Freikirchlern ist
ein Dauerbrenner“? Inzwischen hat KESB-Präsident Winet öffentlich Stellung genommen. Etliches, was der „Blick“ zitierte, wird von ihm nachträglich relativiert oder gar in Abrede gestellt: „Es ist unzutreffend, wenn der Blick den Eindruck erweckt, dass die KESB immer mehr
Kinder bei freikirchlichen Pflegefamilien platzieren. Die KESB haben keinerlei Hinweise auf
eine solche Entwicklung. Auch der Blick nennt dafür keine Quellen.“ In der schriftlichen Stellungnahme wird sogar betont, es sei weder die Meinung der KESB noch von Ruedi Winet,
dass Platzierungen bei freikirchlichen Familien grundsätzlich nicht tolerierbar wären.
KESB-Präsident kritisiert „Blick“
Zur Wahl des Pflegeplatzes erklärt die KESB, dass bei jeder Platzierung eines Kindes in einer Pflegefamilie auch die Interessen der Herkunftsfamilie zu berücksichtigen seien. Sollten
Differenzen bestehen zwischen Herkunftsfamilie und Pflegefamilie, „beispielsweise in religiösen Fragen“, sind diese möglichst frühzeitig zu klären. Die KESB versuche, eine Entfremdung zur Herkunftsfamilie zu verhindern. Das ist der Auftrag dem die Folge leisten müssen.
Und dann bekommt der „Blick“ von der KESB sein Fett weg: „Einzelne Aussagen im Interview wurden im Blick ohne Zustimmung von Ruedi Winet abgedruckt und geben auch nicht
die gegenüber der Journalistin gemachten Äusserungen wieder.“ Ein happiger Vorwurf, der
leider zu spät kommt.
Ein Sektenexperte muss es ja wissen
Dass es in einem dritten Beitrag der „Blick“-Kampagne nicht mehr um Pflegeplätze und die
KESB ging, sondern gegen evangelisch-freikirchliche Schweizerinnen und Schweizer ganz
allgemein, dafür sorgte Georg Otto Schmid von der Informationsstelle „relinfo“. Die Zeitung
nimmt Schmid zum Zeugen, um die Lebenshaltung der „Freikirchler“ zu beschreiben: Züchtigung mit dem Stock, kein Sex vor der Ehe. Homosexualität ist tabu, keine Rock- und Popmusik, TV nur eingeschränkt und auch gewisse PC-Games sind verboten. „So radikal sind die
Frömmler!“ titelten die Blick-Poeten. Mitglieder von evangelischen Freikirchen reiben sich
verdutzt die Augen: Das sollen sie sein? Es nützt nichts, wenn Schmid die redaktionellen
Zuspitzungen relativiert und am Ende meint, dass die Freikirchler keine Sekte, sondern eine
„christlich-konservative Subkultur“ seien. Der Titel sitzt.
Schmid differenziert
In der Sendung „Rendez-vous“ von Radio SRF sagte Schmid, Kinder könnten in Konflikte
geraten, wenn die Weltanschauung ihrer biologischen Eltern und die Weltanschauung der
Pflegeeltern sehr unterschiedlich seien. Die Kinder wüssten so nicht, welcher Weltanschauung gegenüber sie loyal sein sollen. Konkret denkt Schmid an eine Situation, in der „die eine
Partei aus Sicht der anderen verloren ist“. Ein Pflegekind ohne freikirchlichen Hintergrund
höre in der Gemeinde der freikirchlichen Pflegeeltern beispielsweise plötzlich, dass „nur
Menschen, die glauben wie wir“ später in den Himmel kämen. Das könne beim Pflegekind
Angst um das Wohl seiner biologischen Eltern hervorrufen, so die Begründung des Leiters
der kirchlichen Informationsstelle „relinfo“.
Freikirchen-Präsident: „Kein Zwang, mitzumachen“
Max Schläpfer, Präsident des Verbandes VFG-Freikirchen Schweiz sagte in der gleichen
Sendung, dass ein Pflegekind in der Regel nicht mit solchen Konfliktsituationen konfrontiert
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sei. Das Kind werde auch im schulischen Umfeld mit anderen Weltanschauungen konfrontiert und lerne, damit umzugehen. Es gebe auch andere Bereiche als die Religion, in der eine
Pflegefamilie anders handle und denke, als die Ursprungsfamilie. Das Pflegekind lerne zu
unterscheiden. Pflegeeltern müssten dem Kind erklären, dass sie an Gott glauben, so Max
Schläpfer weiter. Gleichzeitig gelte es klarzustellen, dass das Kind diese Lebensweise nicht
mitmachen muss, wenn es das nicht will. Schläpfer: „Es darf nicht das Ziel sein, dass die
Pflegeeltern in irgendeiner Weise etwas gegen die leiblichen Eltern des Kindes sagen.“ Von
solch differenzierten Äusserungen ist im „Blick“ nichts zu finden. Dort wird die Sektenkeule
geschwungen, die manipulative Saat gestreut, das Frömmler-Image bedient. Das zeigen Leserkommentare wie dieser: „Die KESB soll die Kinder nicht bei Frömmlern platzieren. Das
muss verboten werden.“
Die evangelisch-freikirchliche Bewegung ernstnehmen
Was hilft es zu betonen, dass die Züchtigung mit dem Stock in keinster Weise die Regel bei
Freikirchen-Mitgliedern ist und möglicherweise von der Mehrzahl ganz abgelehnt wird? Dass
es kein Sexverbot gibt und die Haltung, mit Sex bis zur Ehe zu warten, als hilfreiche Ordnung
weit verbreitet ist? Dass nur wenige Evangelisch-Freikirchliche Rock- und Popmusik ablehnen, sondern sogar im Gottesdienst spielen?
Immerhin ist ein Drittel aller Kirchgänger in der Schweiz freikirchlich. Im Auftrag der Schweizerischen Gesellschaft für Religionswissenschaft wurde eine aktuelle Studie über Freikirchen
in der Schweiz erarbeitet. Das vor kurzem im Pano Verlag erschienene Buch „Phänomen
Freikirchen“ fasst die Ergebnisse zusammen. Es liefert Erklärungen für die Tatsache, weshalb die evangelischen Freikirchen sich in der modernen Lebenswelt behaupten und von immer mehr Schweizerinnen und Schweizern besucht werden. Vor diesem Hintergrund wirken
die holzschnittartigen Erklärungen, die der „Blick“ mit Berufung auf Georg Otto Schmid verbreitet, ziemlich abgedroschen und irgendwie verstaubt. Wie wäre es mit einer „Blick“-Serie
über christliche Familien, die vernachlässigte und gefährdete Kinder aufnehmen – weit kostengünstiger als jedes Heim – um ihnen Geborgenheit, Selbstwert und Liebe zu schenken?
Kommentare von homosexuellen Christen
Selbst homosexuelle Christen befürworten die „Blick“-Beiträge zum grossen Teil nicht. Zu
sehr würden alle Freikirchen in einen Topf geworfen. Klar gibt es radikale Freikirchen und
Sekten, die Erziehungsmethoden mit dem Stock gutheissen und Homosexualität verdammen, aber es gibt auch viele andere liberalere. Mit der Erwähnung der Popmusik liegt der
„Blick“ sogar komplett falsch: Gerade Freikirchen haben ja damit begonnen, diese im Gottesdienst zu verwenden – und dies war ein Erfolg.
Die Artikel würden dem Ansehen der Gläubigen allgemein schaden. Dass homophobe Freikirchen an den Pranger gestellt werden, würde schlussendlich auch nicht dazu beitragen,
dass ein Umdenken in Gang gesetzt würde. Zu sehr kommt auch der Eindruck auf, dass
Freikirchen immer „gegen“, aber nie „für“ etwas einstehen.
idea.ch / 20.10.2014
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