close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Lektion 15 (PDF, 95 KB) - Rechtswissenschaftliches Institut

EinbettenHerunterladen
Rechtswissenschaftliches Institut
Staatsrecht I
Gruppe 2
Prof. Dr. Johannes Reich, LL.M.
Dienstag, 4. November 2014, 08.00-09.45 Uhr, Aula (KOL-G-201)
Lektion 15
Der Bundesrat als Regierung des Bundes:
Stellung, Wahl, Organisation und Verfahren
Seite 1
Rechtswissenschaftliches Institut
Verantwortlichkeit

rechtliche Verantwortlichkeit
• vermögensrechtliche Verantwortlichkeit
• Art. 21a Abs. 1 und 2 ParlG i.V.m. Bundesgesetz über die
Verantwortlichkeit des Bundes sowie seiner
Behördenmitglieder und Beamten vom 14. März 1958
(Verantwortlichkeitsgesetz, VG; SR 170.32)
• disziplinarische Verantwortlichkeit
• Art. 13 ParlG
• strafrechtliche Verantwortlichkeit
• absolute und relative Immunität

politische Verantwortlichkeit
Seite 2
1
Rechtswissenschaftliches Institut
Immunität der Mitglieder der Bundesversammlung
 absolute Immunität
• Gegenstand: «Äusserungen in den Räten und in deren Organen»
• Folge: «rechtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden» können
(Art. 162 BV; Art. 16 ParlG; Art. 2 Abs. 2 ParlG)
• keine Strafverfolgung (z.B. Art. 173 ff., Art. 320 StGB)
• keine privatrechtliche Haftung (vgl. Art. 41, Art. 49 OR)
 relative Immunität hinsichtlich einer «strafbaren Handlung», die
• «in unmittelbarem Zusammenhang» mit der «amtlichen Tätigkeit
oder Stellung steht»
• Folge: Strafverfolgung nur mit Ermächtigung der zuständigen
Kommissionen beider Räte (Art. 17 ParlG, Art. 14-14ter VG)
• «nicht in unmittelbarem Zusammenhang» mit der «amtlichen
Tätigkeit oder Stellung steht»
• Folge: Sessionsteilnahmegarantie (Art. 20 ParlG)
Seite 3
Rechtswissenschaftliches Institut
Immunität der Mitglieder der Bundesversammlung
Fallbeispiel: Immunität von Nationalrat Jean Ziegler
• NR Ziegler bezeichnet Nessim Gaon in einer Sendung von
TSR und in einem Buch als «spéculateur immobilier» bzw.
«trafiquant de pétrole et de coton africains».
• 11. Dezember 1989: Strafanzeige von Nessim Gaon wegen
übler Nachrede (Art. 173 StGB)
Jean ZIEGLER
Nationalrat
1967 – 1999
• «Wer jemanden bei einem andern eines unehrenhaften
Verhaltens oder anderer Tatsachen, die geeignet sind,
seinen Ruf zu schädigen, beschuldigt oder verdächtigt
(…), wird auf Antrag (…) bestraft.»
• 13. Dezember 1989: Staatsanwaltschaft des Kantons Genf
beantragt, Frage der parlamentarischen Immunität von NR
Ziegler abzuklären und gegebenenfalls die Immunität
aufzuheben.
Seite 4
2
Rechtswissenschaftliches Institut
Repetitionsfragen
1. In der 48. Legislatur (2007-2011) des Nationalrates wurden
1’741 Motionen, aber nur 589 Postulate eingereicht. Was
könnten mögliche Gründe dafür sein?
2. Welche Vor- und Nachteile weist die parlamentarische Initiative
auf?
3. Wie muss der Bundesrat verfahren, wenn ihn die Räte mit einer
Motion verpflichten, eine Bundesratsverordnung abzuändern,
der Bundesrat dies aber ablehnt?
4. Welche Formen parlamentarischer Immunität existieren und
welchen Zweck verfolgen sie?
5. Verliert ein Parlamentarier, der seine Partei wechselt, sein
Mandat, nachdem er ja ursprünglich auf der entsprechenden
Parteiliste (und meist nur dank der Partei) gewählt worden ist?
Seite 5
Rechtswissenschaftliches Institut
Lernziele
1. Besonderheiten der Ausgestaltung des Regierung des
Bundes erklären können.
2. Wissen, was unter dem «Kollegialprinzip» zu verstehen
ist und wie es sich verfassungsrechtlich und politisch
auswirkt.
3. Wissen, was unter dem «Departementalprinzip» zu
verstehen ist und wie es sich verfassungsrechtlich und
politisch auswirkt.
4. Institutionelles Gewicht («Macht») des Bundesrates
informiert diskutieren können.
Seite 6
3
Rechtswissenschaftliches Institut
Programm
1.
Repetitionsfragen
2.
Lernziele
3.
Begriffe
4.
Funktionen der Regierung und Besonderheiten des
schweizerischen Regierungssystems
a.
Kollegialprinzip
b.
Departementalprinzip
5.
Bundespräsidium
6.
Bundeskanzlei
7.
Wahl und Verfahren
8.
«Macht» des Bundesrates
9.
Rekapitulation
Seite 7
Rechtswissenschaftliches Institut
Terminologie
• Exekutive
• vollziehende Gewalt («pouvoir
exécutif»; von lat. exsequi
«ausführen»)
• Gubernative
• Exekutive (Oberbegriff) besteht aus
Gubernative (Regierung) und
Verwaltung (im engeren Sinn)
• Regierung
• «oberste leitende und vollziehende
Behörde des Bundes»/«l'autorité
directoriale et exécutive suprême de la
Confédération» (Art. 174 BV)
Seite 8
4
Rechtswissenschaftliches Institut
Teilfunktionen der Regierung aus
politikwissenschaftlicher Perspektive
 Planung
 Koordination
 Repräsentation
 Information
Seite 9
Rechtswissenschaftliches Institut
Besonderheiten im Verfassungsvergleich
• Kollegium aus sieben gleichberechtigten Mitgliedern
•
Rotationsprinzip (1848-1874)
•
Departementalsystem (seit 1874)
•
negative Koordination und gegenseitige Nichteinmischung
• Kollegium ist (gemeinsam) Staatsoberhaupt und Regierung zugleich
• Wahl durch das Parlament ohne Möglichkeit des Misstrauensvotums
•
politische Nichtverantwortlichkeit der Regierung
• stabile parteipolitische Zusammensetzung
•
sog. «oversized coalition» (im Unterschied zur «minimum winning coalition»)
•
«Zauberformel» von 1959 bis 2003
•
•
Vertretung der FDP seit 1848
•
Vertretung der CVP seit 1891
•
Vertretung der BGB/SVP seit 1929
•
Vertretung der SP seit 1943
System der «fallweisen Opposition»
Seite 10
5
Rechtswissenschaftliches Institut
Kollegialprinzip
rechtliche Grundlagen
• Art. 177 Abs. 1 BV (Zuständigkeits- und Verfahrensregel)
• Art. 12 RVOG
politische Praxis («Normen»)
• gemeinsame Beratung und Konsenssuche (aber: Mehrheitsregel)
• Vertretung nicht mitgetragener Entscheiden gegen aussen
• Vertraulichkeit der Verhandlungen und der Entscheide
Vorteile/Chancen
•
•
•
•
Machthemmung
Verwirklichung der Proporzidee
Verbesserung der Entscheidqualität
letztinstantzliche Koordination
Nachteile/Risiken
•
•
•
•
gegenseitige Blockierung und Inkrementalismus
Politisierung
eng departemental-administrative Perspektive
negative Koordination
Seite 11
Rechtswissenschaftliches Institut
Departementalprinzip
Charakterisierung
• horizontale Differenzierung der Bundesverwaltung nach Mitgliederzahl des
Bundesrates
• vertikale Differenzierung: Departement, Ämter (bzw. zu Gruppen
zusammengefasste Ämter), ev. weitere Hierarchiestufen
rechtliche Grundlagen
• Art. 177 Abs. 3 BV
• verfassungsrechtlich keine ziffernmässige Festlegung der Anzahl der
Departemente
Delegation von Entscheidungsbefugnissen
• Art. 47 Abs. 1 RVOG
Diskussion: politische Auswirkungen
• Spannungsverhältnis zum Kollegialprinzip (vgl. Art. 4 RVOG)
• unterschiedliches politisches Gewicht der Departemente
• hoher sachliche Komplexität in einzelnen Departementen
Seite 12
6
Rechtswissenschaftliches Institut
Bundespräsidium
rechtliche Grundlagen
• Art. 176 Abs. 1 BV
• Art. 25-29 RVOG
Charakterisierung
• «führt den Vorsitz im Bundesrat» (Art. 176 Abs. 1 BV)
• «leitet den Bundesrat» (Art. 25 Abs. 1 RVOG)
• stimmt bei der Beschlussfassung mit (Art. 19 Abs. 3 RVOG)
• keine Weisungsbefugnisse gegenüber anderen Mitgliedern
• primus inter pares
• Repräsentation des Bundesrates – nicht aber der Eidgenossenschaft! –
gegen aussen (vgl. Art. 28 RVOG)
Diskussion
• Reformbedarf angesichts der zunehmenden Relevanz der Aussenpolitik?
• Überwindung der (angeblichen) «Führungsschwäche» des Bundesrates?
Seite 13
Rechtswissenschaftliches Institut
Bundeskanzlei
rechtliche Grundlagen
• Art. 179 BV
• Art. 30-34 RVOG
Charakterisierung
• «allgemeine Stabstelle des Bundesrates» (Art. 179 Satz 1 BV)
• «Departementschef/-in der Bundeskanzlei» (Art. 30 Abs. 2 RVOG)
• Teil der Bundesverwaltung (vgl. Art. 2 Abs. 1 Satz 2 RVOG)
• Linienaufgaben in beschränktem Umfang (z.B. Art. 69, 72 BPR)
Diskussion
• identische demokratische Legitimation wie Mitglieder des Bundesräte
• keine Identität von weisungsbefugter Behörde und Wahlorgan
• feste Amtsdauer (Art. 145 BV)
Seite 14
7
Rechtswissenschaftliches Institut
Wahl des Bundesrates
 Zahl der Mitglieder
•
Art. 175 Abs. 1 BV
 Ausgewogenheit
•
Art. 175 Abs. 4 BV
 Wählbarkeit und Unvereinbarkeiten
•
Art. 175 Abs. 3 i.V.m. Art. 143 und Art. 136 Abs. 1 BV
•
Art. 144 BV, Art. 60 Abs. 3 und Art. 61 RVOG
 Wahlbehörde und Wahlverfahren
•
Art. 168 Abs. 1 und Art. 175 Abs. 2 i.V.m. Art. 157 Abs. 1 Bst. a BV
•
Art. 132-134 ParlG
 Amtsantritt, Amtsdauer, Amtsperiode
•
Art. 145 Satz 1 BV
•
Art. 193 Abs. 3 i.V.m. Art. 175 BV
Seite 15
Rechtswissenschaftliches Institut
Verfahren und Beschlussfassung
 Anträge
•
Art. 3 RVOV
•
Ämterkonsultation und Mitberichtsverfahren (Art. 3-5 RVOV)
 Beratung
•
Art. 13 RVOG
•
Art. 1 Abs. 2 und 3 RVOV
 Abstimmung und Wahlen
•
Art. 19 Abs. 2 und 3 RVOG
 Praxis
•
Geschäftslast
•
«weisse», «orange», «blaue» und «farblose» Geschäfte; Wahlen
•
Anciennitätsprinzip
•
«Kollegialitätsfalle», Vertraulichkeit, Indiskretionen und «Verletzungen
des Kollegialprinzips»
Seite 16
8
Rechtswissenschaftliches Institut
Zuständigkeiten des Bundesrates (Übersicht)
 Regierungs- und Verwaltungsbefugnisse
•
•
•
•
•
•
•
•
Regierungspolitik (Art. 180 BV)
Initiativrecht (Art. 181 BV)
Leitung der Bundesverwaltung (Art. 178 Abs. 1, Art. 187 Abs. 1 Bst. a BV)
Vollzug des Bundesrechts (Art. 182 Abs. 2 BV)
Finanzen (Art. 183 BV)
Wahrung der inneren Sicherheit (Art. 185 Abs. 2-4 BV)
Bundesgarantien und Bundesaufsicht (Art. 186 BV)
weitere Zuständigkeiten (Art. 187 Abs. 1 Bst. b und c BV)
 Aussenpolitik
• Beziehungen zum Ausland (Art. 184, Art. 186 Abs. 3 BV)
• Wahrung der äusseren Sicherheit (Art. 185 Abs. 1, 3 und 4 BV)
 Rechtsetzung
• Mitwirkung bei der Verfassungs- und Gesetzgebung (Art. 181, Art. 160
Abs. 2 BV)
• Erlass von Verordnungen (Art. 182 Abs. 1 BV)
 Rechtsprechung
• Art. 187 Abs. 1 Bst. d BV
Seite 17
Rechtswissenschaftliches Institut
Einschätzung: Wie mächtig ist der Bundesrat?
 institutionelle (verfassungsrechtliche) Stellung
 vorparlamentarisches Verfahren
 Einfluss der direkten Demokratie
 Verhältnis zur Bundesversammlung
 Verhältnis zum Bundesgericht
 Verordnungskompetenz und Vollzug
 Gegenbewegung: «Reparlamentarisierung»
 (mögliches) Fazit
• Bundesrat hat praktisch nie uneingeschränkte Macht, gibt aber seine
Einflussmöglichkeiten (fast) nie gänzlich aus der Hand
• Bundesrat steht im Zentrum eines weit verzweigten Netzen, in welchem
er die Fäden ziehen kann, aber kaum je allein daran zieht.
Seite 18
9
Rechtswissenschaftliches Institut
Rekapitulation
1. Dem Bundesrat kommt rechtlich, institutionell und politisch eine
zentrale Funktion zu. Er hat entscheidenden – aber kaum je exklusiven
– Einfluss auf praktisch alle wichtigen politischen Entscheide
(Zentrum des politischen Netzwerkes).
2. Das schweizerische Regierungssystem weist eine Reihe von
Besonderheiten auf:
a. Kollegium aus sieben gleichberechtigten Mitgliedern;
b. Kollegium ist (gemeinsam) Staatsoberhaupt und Regierung
zugleich;
c. Wahl durch das Parlament ohne Möglichkeit des
Misstrauensvotums.
3. Der Bundesrat ist sowohl nach dem Kollegial- als auch nach dem
Departementalprinzip organisiert. Beide Prinzipien stehen zueinander
in einem gewissen Spannungsverhältnis.
Seite 19
Rechtswissenschaftliches Institut
Ausblick: Lektion 16 vom Freitag, 7. November 2014
•
Der Bundesrat als Regierung des Bundes
•
•
Themen
•
Aufgaben
•
Einbindung und Kontrollen
•
Reform
Pflichtlektüre
•
§ 19 aus Biaggini/Gächter/Kiener
•
Dok. 7 aus dem Begleitband Biaggini/Gächter/Reich
Seite 20
10
Rechtswissenschaftliches Institut
Vielen Dank!
Prof. Dr. Johannes Reich
Universität Zürich
Rechtswissenschaftliches Institut
Rämistrasse 74/8
8001 Zürich
Büro: RAI F-019
Email: Johannes.Reich@rwi.uzh.ch
Seite 21
11
Document
Kategorie
Kunst und Fotos
Seitenansichten
11
Dateigröße
95 KB
Tags
1/--Seiten
melden