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Himmel und Erde - Ndr

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Himmel und Erde
Montag bis Freitag, ca. 9.20 Uhr (NDR 1 Niedersachsen)
27. bis 31. Oktober 2014: Kurskorrekturen
von Andreas Brauns, Theologe in Hildesheim
Was wird Christen im Lauf ihres Lebens nicht alles gesagt: Tu dies, lass jenes. Doch für den
Hildesheimer Theologen Andreas Brauns braucht es manchmal eine Kurskorrektur im
Leben, damit der Glaube lebendig und kraftvoll bleibt in einer Welt, die sich ständig wandelt.
Katholisches Rundfunkreferat
Domhof 24
31134 Hildesheim
Tel: 05121-307865
www.ndr.de/kirche
Dieses Manuskript ist urheberrechtlich
geschützt und darf nur für private Zwecke
des Empfängers benutzt werden. Jede
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der Genehmigung des NDR.
Der Autor
1
Montag, 27. Oktober - Das Ziel des Lebens
„Das Ziel des Lebens ist nicht ein guter Mensch zu sein!“ Ich traute meinen Augen nicht und
noch weniger meinen Englischkenntnissen. Aber das stand da tatsächlich in dem Buch aus
Amerika. Geschrieben hat es ein indischer Jesuit. „Das Ziel des Lebens ist nicht ein guter
Mensch zu sein.“ Aber genau das Gegenteil hatte man mir von klein auf gesagt. In dem Buch
von Paul Coutinho heißt es dagegen: Es gibt viele gute Menschen auf der Welt. Aber sie
sind gut für nichts. Es ist umsonst. Sie haben das Interesse am Leben verloren, weil sie
glücklich damit sind, gut zu sein. Sie gehen Sonntag für Sonntag zur Kirche, tun Gutes und
sind aktiv in ihrer Gemeinde. Sie leben mit Gott, sammeln Punkte für den Himmel.
Ja, sie sind gut, das gibt auch der Jesuit zu. Aber sie sprechen in der Sprache von gestern
zu den Menschen von heute - und wundern sich. Sie träumen immer von der guten alten
Zeit. Aber haben kein Verlangen mehr nach dem, was das Leben heute bietet. Diese
Menschen lieben Gott nicht mehr, denn der ist immer größer. Und dann schreibt der
Jesuitenpater: Das Ziel des Lebens ist nicht: gut zu sein, das Ziel ist: besser zu werden!
Coutinho ist überzeugt davon: Gott wird die Beziehung zu Menschen aufbrechen, damit sie
wachsen, besser werden kann. Damit Menschen nicht so enden wie die Pharisäer, von
denen in den Evangelien die Rede ist. Sie sind gut, denn sie halten alle Gebote. Sie kennen
das Gesetz und leben danach. Aber sie können das Leben nicht feiern, weil sie Angst haben,
einen Fehler zu machen und dafür bestraft zu werden. Für sie ist Gott der Gott des
Gesetzes, nicht aber der Gott des Lebens, der es schenkt, damit Menschen es entfalten und
leben. Nicht, indem sie nur kleinmütig jede Vorschrift achten.
Das Leben ist das große Abenteuer, in dem es keinen Stillstand gibt. Es ist die
Liebesgeschichte zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen. Wer einmal geliebt hat,
weiß: Liebende werben umeinander, sie vergeben, versuchen es wieder neu. So ist das
Leben - Stillstand gibt es nicht. Es ist eher wie ein Tanz, bei dem zwei Menschen
miteinander immer wieder neue Figuren tanzen, eng umschlungen und einen Augenblick
später weit auseinander. In der Gewissheit: Wir lieben uns und wir tanzen unsere Liebe. Wir
leben sie! Paul Coutinho schreibt in seinem Buch: Da ist immer noch mehr. Gottes Energie
ist unerschöpflich. Und so kann ich besser werden.
(“Just As You Are“, Paul Coutinho, SJ; Loyola Press, Chicago)
Dienstag, 28. Oktober - Zukunft für alle
„Zukunft für alle“, so heißt es in der Werbung eines großen Konzerns. Ja, Zukunft für alle.
Das klingt gut. Doch die Realität sieht anders aus. Und das nicht nur, weil manchen das Geld
fehlt, um die neuen Produkte aus der Werbung zu kaufen. „Zukunft für alle“, das heißt:
bereits heute oder besser schon gestern müssten Menschen anders handeln. Wie dieses
Handeln aussehen könnte, beschreibt der Kapuzinerpater Anton Rotzetter in seinem kleinen
Buch „Zukunft, die Hoffnung verheißt“. Er gibt Denkanstöße für eine neue Sicht auf die Welt.
Da bin nicht mehr ich auf der einen Seite und die Welt in den Nachrichten auf der anderen.
Nein, da bin ich mitten in der Welt. Der Kapuzinerpater sieht sich in der Tradition des heiligen
Franz von Assisi. Für den unbequemen Ordensgründer waren alle Geschöpfe Schwestern
und Brüder - sozusagen miteinander verwandt.
Für Franz von Assisi bedeutete das vor 800 Jahren gegenseitigen Respekt. In unserer
globalisierten Welt herrschen dagegen wie selbstverständlich Gier und Verschwendung. Nur
die materielle Wertschöpfung zählt und alles Lebendige bleibt in Budgets und Bilanzen
unberücksichtigt. In den entwickelten Ländern können immer mehr Menschen konsumieren
und Güter anhäufen. Aber auf der anderen Seite zahlen viel zu viele einen hohen Preis
dafür. „Zukunft, die Hoffnung verheißt“, sieht anders aus - für beide Seiten. Doch diese
Zukunft kommt nicht einfach so. Sie muss überhaupt erst möglich gemacht werden. Für
Anton Rotzetter heißt das: Menschen müssen sich einmischen, damit auch die auf eine
lebenswerte Zukunft hoffen können, die keine Stimme haben. Papst Franziskus hat
Ordensleuten in Lateinamerika gesagt: „Habt Mut.
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Schlagt neue Richtungen ein. Macht die Türen auf. … Ihr werdet anderen auf die Füße
treten. Das passiert … Tut dort etwas, wo der Schrei des Lebens zu hören ist. Mir ist eine
Kirche lieber, die etwas falsch macht, weil sie überhaupt etwas tut, als eine Kirche, die krank
wird, weil sie sich nur um sich selbst dreht … schlagt neue Richtungen ein. Das bedeutet für
jeden einzelnen Christen auch: Überprüf deinen Lebensstil. Sei freundlich zum Leben, zu
Mensch und Tier. Lebe mit allen. Übe das Teilen ein - und wo du bisher geraubt hast,
verzichte. Anton Rotzetter erinnert daran: Globalisierung heißt heute egoistisch
Gruppeninteressen auf die ganze Welt auszudehnen. Das führt zu Ungerechtigkeit, zu
Ohnmacht und Terror. Zukunft für alle sieht anders aus!
(„Zukunft, die Hoffnung verheißt“, Anton Rotzetter, echter, 9,90 €)
Mittwoch, 29. Oktober - Antreten zum Gebet
Es muss ein. Nach etlichen Fahrten hinter Lastwagen, beladen mit Zuckerrüben, muss unser
Wagen dringend gewaschen werden - in der Waschstraße. Also Antenne abschrauben,
Motor laufen lassen, nicht lenken und den Fuß von der Bremse nehmen. Ich muss nichts tun.
Die Waschstraße saugt das Auto einfach ein. Der kanadische Ordensmann Ronald
Rolheiser schreibt: „Genau dasselbe macht ein typischer Tag mit den meisten von uns. Er
saugt uns einfach ein.“ In seinem Buch „Beten - offen werden für Gott“ schreibt er: „An den
meisten Tagen beten wir nicht, weil wir einfach nicht dazu kommen.“
Der Ordensmann gibt zu: Das Lebenstempo ist hoch. Wir sind pausenlos beschäftigt, den
Kopfhörer im Ohr, am anderen Ohr ein Telefon, im Hintergrund läuft der Fernseher. Es bleibt
keine Minute, um zur Ruhe zu kommen. Und manchmal funktioniert das über Jahrzehnte, bis
das Leben einen Knacks bekommt, alles hohl wirkt. Rolheiser zitiert einen geistlichen Lehrer,
der einmal gesagt hat: „Ich will ja beten, aber ich will auch nichts verpassen - Fernsehen,
Filme, Treffen mit Freunden, die Welt mit allen Sinnen genießen.“ Weil Menschen so
erlebnishungrig sind, erfordert Beten echte Disziplin. Doch der Ordensmann weiß: „Wenn wir
beim Gebet sitzen oder knien, dann darben unsere Sinne und beginnen zu protestieren.“
Erst recht, wenn nichts passiert. Wenn das Gebet nicht aufregend ist, intensiv und kraftvoll.
Wenn ich also nichts spüre außer Langeweile. Bin ich dann ein Versager? Nein, so
Rolheiser, denn „nichts ist die ganze Zeit über aufregend, nicht einmal das Gebet …“
Wie aber anfangen mit dem Beten? Ronald Rolheiser schreibt: „Es gibt keine schlechte
Gebetsmethode … bei allen großen spirituellen Meistern findet sich nur eine einzige, nicht
verhandelbare Regel: Sie müssen zum Gebet ‚antreten‘ - und zwar regelmäßig!“ Sein erster
Tipp: Sie müssen im tiefen Wasser fischen. „Das heißt, sich in die Gegenwart Gottes
versetzen und ruhig werden, in Einsamkeit und Stille. Wenn Sie so etwas noch nie gemacht
haben, sollten Sie mit 15 Minuten anfangen.“ Falls Sie jetzt sagen: 15 Minuten Zeit opfern?
Dann denken Sie zurück an Momente, in denen Sie einem anderen Menschen Ihr Herz
hingehalten haben. Nach wie viel Minuten wurde Ihr Herz ruhig? Diese Zeit sollten Sie auch
Gott einräumen. Sollten warten, bis Ihr Herz ruhig wird, damit es nicht einfach vom Tag
eingesaugt wird.
(„Beten - offen werden für Gott“, Ronald Rolheiser, Herder, 12 €)
Donnerstag, 30. Oktober - Glauben als Original
„Mach‘s genauso. Madeleine.“ Niemand weiß, an wen Madeleine Debrêl diese Worte schrieb
auf einer Postkarte - wenige Monate vor ihrem Tod im Oktober 1964. Aber die Botschaft ist
eindeutig: Mach‘s genauso! Heute, 50 Jahre später wird diese Botschaft wieder entdeckt.
Und damit auch die Person, für viele eine der bedeutendsten Frauen des 20. Jahrhunderts.
„Madeleine Debrêl - die andere Heilige“, unter diesem Titel hat Katja Boehme den
Lebensweg dieser faszinierenden Frau nachgezeichnet: Debrêl war als junge Frau
überzeugte Atheistin. Ihren ersten Freund verliert sie an ein Kloster. In einem Gedicht aus
jener Zeit ist zu lesen: „Ihr schamlosen Priester, … wenn eure Stimme ertönt, rühmt sie das
Geld.“ Deutliche Worte.
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Ausgerechnet diese Frau wird zum „Modell des Christen für die Zukunft“. Als Studentin lernt
sie junge Leute kennen, die leben, diskutieren und tanzen wie sie selbst, für die jedoch
Jesus Christus lebendig ist. Er gehört zu ihrem Leben dazu. Und Debrêl fällt es immer
schwerer, die Frage nach der Existenz Gottes nur zu belächeln. Als sie zwanzig ist, überprüft
sie ihren Standpunkt. Sie beginnt jeden Tag fünf Minuten an Gott zu denken. Später sagt sie
immer wieder: „Ich bin von Gott überwältigt worden und ich bin es immer noch.“
Diese radikale Wende zu Gott bedeutet auch eine Wende hin zu den Menschen. Gottes- und
Nächstenliebe, das kann sie nicht trennen. Debrêl ist überzeugt davon: „Nur ein Glaube, der
geteilt und mitgeteilt werden will, kann sich entwickeln. Entweder wir missionieren oder wir
demissionieren.“ Sie missioniert als Sozialarbeiterin zusammen mit zwei anderen Frauen in
einem von Kommunisten geprägten Umfeld. Zunächst fliegen Steine, doch Madeleine Debrêl
überzeugt durch ihre Arbeit: Ihren Einsatz für die kleinen Leute. Sie überprüft ihre eigenen
Hoffnungen und wirft ihrer Kirche vor: „Die Kirche ist offen für Priester und Ordensleute, für
solche, die im Besitz einer Eintrittskarte sind, aber nicht für das Volk.“ Christsein hängt für sie
nicht an Formen oder besonderen Orten. Sie schreibt: „Alle Straßen sind begehbar, in jeder
Untergrundbahn kann man sitzen, alle Treppen steigen, den Herrn überallhin tragen.“ Von
Madeleine Debrêl können Christen bis heute lernen: Es ist wichtig, in einer Welt, die sich
ständig verändert, seinen Glauben anzupassen, um so Jesu Botschaft heute zu leben. Nicht
als Kopie von gestern, sondern als Original.
(„Madeleine Debrêl - Die andere Heilige“, Katja Boehme, Herder, 10,99 €)
Freitag, 31. Oktober – Wer glaubt, zittert nicht
Walter Kardinal Kasper. Sein Name war in aller Munde. Als sich jetzt Bischöfe aus aller Welt
im Vatikan getroffen haben - zur Weltbischofssynode. Und die Frage in den Medien war:
Welche Bischöfe stimmen seinen Äußerungen zum Thema Familie zu, wer lehnt sie ab?
Walter Kardinal Kasper hatte über Familien und partnerschaftliches Leben gesprochen. Es
war so etwas wie eine Bestandsaufnahme. Kein kirchliches Wunschdenken. Und genau das
führte bereits im Vorfeld der Bischofssynode zu hitzigen Diskussionen. Doch Walter Kardinal
Kasper ließ sich nicht von seinen Äußerungen abbringen. „Wer glaubt, zittert nicht“, so sagt
er selbst. „Wer glaubt, zittert nicht“, das ist auch der Titel eines Lesebuches, in dem viele
Texte des deutschen Kardinals gesammelt sind. Die fast 500 Seiten sind so etwas wie eine
geistliche Lebenssumme des Mannes, der vor mehr als 25 Jahren zum Bischof geweiht
wurde. Der in vielen Kirchen gepredigt hat und als „Ökumeneminister“ des Vatikans
zahlreiche Akzente gesetzt hat. Seinem Wahlspruch „Die Wahrheit in Liebe tun“ ist er treu
geblieben. Wobei er unter Wahrheit nicht nur Lehrsätze versteht, sondern auch die
Wirklichkeit im Blick hat. Nicht von allen Seiten gibt es dafür Beifall. Doch Walter Kardinal
Kasper lässt sich nicht beirren. Er ist überzeugt: „Jesu Wort ist eindeutig: Barmherzigkeit will
ich, nicht Opfer.“ (Mt 9,13; 12,7) Eine Aufforderung, die nicht folgenlos bleiben kann
angesichts der Not vieler Menschen, die vor den Scherben ihres Lebens stehen. Die nach
neuen Wegen suchen, weil sie die alten nicht mehr gehen können. Menschen, die an ihrem
Glauben hängen und auf Gott hoffen, ihn suchen.
Für den Kirchenmann umfasst die „Christliche Spiritualität die ganze menschliche Existenz
und fragt danach, wie der Glaube in den konkreten Lebensbedingungen des Menschen
verwirklicht werden kann.“ Wie Glauben sozusagen geht, auch und gerade zusammen mit
Menschen, die in einer anderen Tradition leben. Für den Ökumeneexperten ist es wichtig,
dass Christen gemeinsam Zeugnis geben und ihren Glauben leben. In dem Buch „Wer
glaubt, zittert nicht“ heißt es: „In den letzten Jahren haben wir die meisten …. unserer alten
Kirchen …. mit viel Geld renoviert. Doch haben wir auch den Geist erneuert, aus dem heraus
unsere Kirchen … entstanden sind?“ Das ist keine leichte Aufgabe, doch sie ist notwendig,
damit der Glaube lebendig bleibt, sich im Alltag heute verwurzelt. Und man von Christen
sagen kann: „Wer glaubt, zittert nicht.“
(„Wer glaubt, zittert nicht“, Walter Kardinal Kasper, Herder, 19,99 €)
Katholisches Rundfunkreferat – www.ndr.de/kirche
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