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Das Programm in Langfassung - Archiv der Zukunft - Netzwerk

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Kongress vom 31.10 – 02.11.2014 in Bregenz
„Orte und Horizonte - Bildung braucht Gesellschaft“
DAS PROGRAMM
Unser Kongressprogramm hat sich etwas anders entwickelt als Programme
bei den üblichen Veranstaltungen. Da stehen die Programme gewöhnlich
am Anfang. Unser Programm ist gewachsen wie ein Korallenriff. Nun hat es
Fasson. Das wird unser bester Kongress, vor allem wenn Sie mitmachen.
Foto Jeff Wall. Mit freundlicher Genehmigung unseres Kooperationspartners Kunsthaus Bregenz.
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Der Überblick
Freitag 31. Oktober
Vormittags bis in den Nachmittag (maximal 15 Uhr)
Beiboote
16:00 Uhr Großer Saal
Eröffnung des Kongresses
Geschichten, Ideen, Argumente, Musik und Film
Anschließend ab ca. 19:30 Uhr
Brot und Wein
Gespräche und 1000 Geschichten in den Foyers und Zwischenräumen
Samstag 1. November
Der Arbeitstag 9:00 bis 18:00 Uhr
Vorträge – Workshops - Foren – spontane Verabredungen
Das Fest ab 20:00 Uhr
Essen, Trinken, Musik und ein paar Geschichten
Sonntag 2. November
9:00 bis 11:00 Uhr
Dialoge – Was tun?
11:30 bis 13:30 Uhr
Abschlussplenum
Bildung braucht Gesellschaft
2
Programmübersicht
Freitag 31. Oktober
Bereits tagsüber bis zum Abschluss im und vor dem
Festspielhaus
Die Kukuk Box - Der Bau eines Spielcontainers für
Flüchtlingskinder
Vor dem Festspielhaus wird während des Kongresses von Jugendlichen ein
Spielcontainer gebaut und ausgestattet. Anschließend wird er von der Caritas CH zu
Kindern in ein Lager mit syrischen Flüchtlingen gebracht. Ein Projekt unseres
Kooperationspartners Kukuk, der auch mit einer Präsentation ihrer Arbeit und mit
einem Workshop am Kongress mitwirkt.
Wasser und Mehl – Viele Arten Brot zu backen
Wir haben beim letzten Kongress mitten im Festspielhaus mit dem „Neukochen der
Schule“ begonnen. So wie ein Herd ehemals in der Mitte des „ganzen Hauses“ stand, so
sollte in einer Schule eine Küche in der Mitte stehen und ein kulturelles Zentrum
werden. Eine Idee, von der wir nicht locker lassen wollen, denn die Art und Weise des
Lernens und des Kochens ähneln sich.
Eigentlich ist es unvorstellbar, dass wir eine Welt von Fertiggerichten akzeptieren, dass
wir Fast-Food bei den Mahlzeiten und Fast-Knowledge in der Bildung zu uns nehmen. So
wie in Schulmensen zumeist nur Kalorien verabreicht werden, gibt es auch im üblichen
Unterricht häufig bloß Informationen. Da fehlt das Entscheidende.
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Die Küche ist ein Labor, in dem Kinder und Jugendliche die Erfahrung machen, dass
nichts egal ist. In der Küche und beim gemeinsamen Essen kommen sie auf den
Geschmack der Welt und verabschieden sich vom Vorrang des Konsums. Sie ist ein
Labor, in dem sich eine andere Haltung bildet. Die Bildung der Bildung ausgerechnet
durch die Küche und das Kochen? Jedenfalls war das Gastmahl seit eh die Wiege der
Kultur. Und wenn eine Schule ein Gasthaus des Lernens werden will, warum nicht in
der Küche anfangen?
Film zum NEUKOCHEN DER SCHULE
Bereits vor der Eröffnungsveranstaltung und bis zum Abschluss wird diesmal gebacken.
Eine pädagogisch-kulinarische Installation von den Back-, Koch- und PädagogikKünstlern um Christoph Riemer und Thorsten Behnk. Das Brot kann gegessen werden.
Backwerkstätten werden en suite im Parkstudio angeboten. Dort, wo schon beim
Kongress 2011 gekocht wurde. Wir wollen, dass die Teilnehmer am Ende des
Kongresses nicht nur sagen, das war schön, davon zehre ich nun wieder ein Jahr,
sondern es geht weiter! Könnte Brotbacken nicht in Schulen eine Basisübung sein? Am
Ende des Kongresses gibt es etwas Sauerteig mit auf die Heimreise. Sauerteig bleibt nur
am Leben, wenn man ihn benutzt und verwandelt.
Außerdem: Von Freitag bis Sonntag soll das Festspielhaus gut riechen.
Der Parcours
In den Foyers des Festspielhauses präsentieren sich Initiativen mit Installationen,
Geschichten aus der Praxis und Ideen.
Die Werkstatt
Hier werden Ideen gesammelt. Eine Redaktion „Büro für Seele und Genauigkeit“ (nach
Robert Musil) ist ansprechbar und bringt das Gesammelte in Form. In der WERKSTATT
sollen Ideen dokumentiert und sichtbar gemacht werden.
Vormittags bis in den Nachmittag (maximal 15 Uhr)
Beiboote
Beiboote werden vor der Eröffnung des Kongresses bestiegen. Beiboote sind für
Teilnehmer, die schon früher kommen. Sie können damit ihre Kongresszeit individuell
ausdehnen. Der große Vorteil: Für Beiboote ist jeweils mehr Zeit als die für
Veranstaltungen während des Kongresses. Einige Beiboote machen Expeditionen zu
Orten in der Bodenseeregion.
Für die Beiboote bitten wir um Anmeldungen, zumal für die mit einem Transport
verbundenen Expeditionen. Einfach ein Mail an geschaeftsstelle@adz-netzwerk.de
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(1) Olaf–Axel Burow, Uni Kassel, Zukunftswerkstatt Schule.
11:00 Uhr, Festspielhaus
Aus Erinnerungen an die Schulzeit sowie aus Erfahrungen und Beobachtungen werden
Szenarios einer Schule montiert, die manchmal viel und oft nur wenig mit der Schule zu
tun haben, wie wir sie kennen. Eine genuine Übung für die „Intelligenz der Praxis“ und
für eine Schulerneuerung von unten. Olaf-Axel Burow wirkt bei der Eröffnung und den
DIALOGEN (Sonntag) mit. Er hält am Sonnabend den Vortrag mit Interaktion: „Die
Zukunft der Schule heißt nicht Schule.“
(2) Martin Kramer, Uni Freiburg: Mathematik als Abenteuer – Erleben
wird zur Grundlage des Unterrichtens.
10:00 bis 14:30 Uhr (eine Stunde Pause) beschränkt auf 28 Teilnehmer. Gallus
Gymnasium.
Für an Mathe interessierte Lehrer, Referendare, Studierende (aller Schularten).
In der Veranstaltung wird anhand praxisnaher und konkreter Beispiele aufgezeigt, wie
sich lebendiger Unterricht in vorhandenen Strukturen gewinnbringend umsetzen lässt.
Es geht nicht um keine „Sternstunden“, sondern um die generelle Umsetzung einer
konstruktivistischen Didaktik.
Das Klassenzimmer wird dann zum Erfahrungsfeld. Martin Kramer hat diesen überaus
wirksamen Unterricht als Lehrer an einem Tübinger Gymnasium entwickelt. Nun macht
er damit an der Uni in Freiburg weiter. Schüler überraschen mit hervorragenden
Leistungen. Überaschen?
Martin Kramer wird auch im Hauptprogramm einen Vortrag “Unterricht ist
Kommunikation - Der Schüler entscheidet!“ halten und je einen Workshop für
Mathematiker und für Nichtmathematiker anbieten. Er wird am Sonntag auch bei einem
der DIALOGE mitwirken.
(3) Angelika Jung, Köln: Seinen Augen trauen – die Entdeckung
visueller Wahrnehmung und die Förderung eigenständigen Denkens.
14:00 Uhr im Kunsthaus Bregenz.
Jedes Kind, jeder Jugendlicher, und natürlich jeder Erwachsene das Recht, sein Bild zu
sehen. Aus dem Gespräch der Verschiedenen ergeben sich eigene und dann gemeinsame
Ideen und ein starkes Denken - schon bei Kindern (oder erst recht bei ihnen!). So
entsteht eine gemeinsame und vielfältige Welt. Angelika Jung demonstriert „Visual
Thinking Strategies“, VTS. Diese hat sie aus den USA mitgebracht. VTS geht über eine
Methode hinaus. Eine andere Haltung. Eine andere Praxis. Mit erstaunlichen Folgen.
Angelika Jung wird im Hauptprogramm gemeinsam mit Christian Kraler (Universität
Innsbruck) einen Vortrag halten. Die derzeitige Ausstellung von Jeff Wall im Kunsthaus
Bregenz bietet die Bilder für die Betrachtungen. Nach dem Kongress wird Angelika Jung
am Sonntag um 15 Uhr noch zu einem „Post-Boot“ - ein Beiboot nach dem Kongress –
zur Demonstration von VTS in die Jeff Wall Ausstellung einladen. In Kooperation mit
Kunsthaus Bregenz.
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Foto Jeff Wall. Mit freundlicher Genehmigung unseres Kooperationspartners Kunsthaus Bregenz.
(4) Armin Sieber, Winterthur: Orientierung, Gelassenheit und
Wirksamkeit.
Festspielhaus Bregenz 11:00 Uhr
Armin Sieber leitet eine Tagesschule in Winterthur. Er schreibt: „Vielen wird es immer
klarer, dass ein «Mehr von dem, was in der Vergangenheit versucht wurde» keine
Antwort auf die Herausforderungen darstellt, denen sich Lehrpersonen und Schulen
heute gegenüber sehen. Hier ist es hilfreich, aus einer neuen, frischen Perspektive auf
das zu blicken, was im Alltag oft mit Chaos oder überwältigender Komplexität
beschrieben wird. Mit Hilfe eines praktischen Tools können in diesem Workshop erste,
ermutigende Schritte in Richtung einer verbesserten Wirksamkeit und einer gestärkten
Gelassenheit unternommen werden – es entstehen Möglichkeiten, den bisweilen rauen
Wind der Veränderung zur Energiegewinnung für sich selbst oder die Gemeinschaft zu
nutzen.“
(5) Jürgen Uhlig-Schoenian, Bremerhaven: Selbstorganisiertes
Lernen mit Plan – Projektmanagement
11:00 Uhr Festspielhaus
In einer mehrjährigen Kooperation zwischen der Universität Bremen, dem
Landesinstitut für Schule und der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement (GPM)
wurde das Projektmanagement (PM) erfolgreich für den Unterricht adaptiert. In vielen
Bildungsgängen stehen jetzt Projekte im Mittelpunkt des Unterrichts, die nun von den
Schülerinnen und Schülern weitgehend selbstständig bearbeitet werden. In manchen
Bereichen werden auch Projektprüfungen durchgeführt.
6
Der Workshop soll die Erfahrung vermitteln, dass PM im Grunde nichts anderes ist als
systematisierte Lebenserfahrung bei der Lösung von Problemen, eine einfache und
wirksame Antwort auf das zentrale menschliche Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit.
Jürgen Uhlig-Schoenian bietet am Sonnabend auch einen Workshop an.
(6) Peter Gallin, Uni Zürich: Dialogisches Lernen im
Mathematikunterricht.
13:00 bis 14:30, Festspielhaus
Methodischer Schnellkurs: „Sammle alle Schülertexte ein und mache daraus deinen
Unterricht.“ Wer diese Regel befolgen will, wird sich zahlreiche Fragen stellen, die ihn
gleichsam von selbst auf die sogenannte Dialogische Didaktik führen: Was für Texte
sollen denn die Lernenden schreiben? Wie reagiere ich auf sie? Wie komme ich mit
meiner Zeit zurecht? Soll die ganze Klasse Kenntnis von diesen Texten nehmen? Komme
ich mit dem Stoff nicht in Verzug? Der Lohn für solche Anstrengungen bleibt allerdings
nicht aus: Die Lernenden entwickeln parallel zu ihrer Mathematikkompetenz auch ihre
Sprachkompetenz weiter, ohne dass sie zum Thema gemacht werden muss. Die
Lernenden werden formativ beurteilt und gef rdert. Sie fühlen sich ernst genommen
und setzen sich vermehrt ein. Die Lernenden durchdringen die Sache tiefer und machen
sich das Wissen dauerhafter zu eigen. Peter Gallin macht am Sonnabend zusammen mit
Peter Ruf die Präsentation: Dialogisches Lernen
(7) Armin Beber, Berlin: Künstlerische Stadtraum-Interventionen
Treff 11:00 Uhr am Festspielhaus
Guerilla-Gärtner bringen eine Brache im Stadtraum mit einfachen Mitteln zum Blühen.
Sie werfen aus Erde geformte handliche Kugeln, sogenannte Seedbombs, auf das
unzugängliche Gelände, hoffen auf Regen und warten, dass der in der Kugel steckende
Pflanzensamen zu wachsen beginnt. Davon inspiriert, beauftragt KlimaKunstSchule
Künstlerinnen und Künstler mit der Entwicklung von artistic seeds für die Schule. Die
Vision: Die Kunst sät Ideen, die das Potential haben, sich in der Schule zu kleineren und
größeren Projekten zu entwickeln. Bei einem kunstvollen Stadtspaziergang durch
Bregenz erleben die Teilnehmer die Umsetzung beispielhafter künstlerischer Ideen aus
dem Programm KlimaKunstSchule. Am Sonnabend biete Armin Beber das Praxislabor
„KlimaKunstSchule“ an.
(8) Olaf Keser-Wagner, München: Von der Ostereierpädagogik zur
Evokation
11:00 Uhr Festspielhaus
Olaf Keser-Wagner hat mit dem Erfahrungsfeld-Bauernhof (EFB) ein Projekt ins Leben
gerufen, in dem die Begegnung mit der Landwirtschaft möglich wird - jenseits von
Arbeitsblättern und schulischem Kulissenwechsel. Mit seiner Kollegin Claudia Klebach
entwickelte er daraus Methoden zur Vertiefung der Fragestellungen und wendet sie in
Entwicklungsprozessen für Unternehmen, Schulen und Kindergärten an. Die Begegnung
von Menschen an Orten wird mit diesen Methoden zu einer Erfahrung für beide Seiten –
und weckt Interesse, Neugierde, Lernlust.
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In diesem Workshop werden wir diese Methoden üben und erforschen.
Das Beiboot ist eine Ergänzung zum gleichnamigen Workshop am Sonnabend. Es findet
statt, sobald sich 10 TN per Email an beiboot-ADZ@efb-ev.org angemeldet haben
(9) Thorsten Behnk. Christoph Riemer u.a, Hamburg:
Das Sauerteigbrot – der vollständige Prozess.
Parallel 11:00 – 14:00 Uhr und 12:00 – 15:00 Uhr. Festspielhaus, Parkstudio.
Gründlicher als in den Workshops, die en suite zum Backen (s.o.) laufen, wird in die
Kunst des Hefe-Sauerteig-Brots eingeführt.
(Am Sonntag, den 2.11. um 11:00Uhr der Brotworkshop danach: Was kann man aus
altem Brot machen?)
Beiboote mit Expeditionen
(10) Besuch in der Primaria St. Gallen
10 Uhr Shuttle vom Festspielhaus Bregenz.
„Eine Schule der Zukunft?“ fragt Ursula Taravella, die Schulleiterin und antwortet: „ Nein
- ein Haus des Lernens in der Gegenwart!“ Der Besuch in der Primaria findet bei
„Vollbetrieb“ statt. Er verspricht Einblick in den Alltag. Seit bald zwei Jahrzehnten wird
Kindern von 4 - 13 Jahren ein Raum für lebensbejahendes und ganzheitliches Lernen
geboten. Dazu gehört eine familienfreundliche Tagesstruktur mit Mittagessen,
Randstundenbetreuung und Schulbus. In Kooperation mit SBW Haus des Lernens
(11) Besuch in der Secundaria Häggenschwil
10:00 Uhr Shuttle vom Festsspielhaus Bregenz
Eine Schule mit besonderer Geschichte: „Von der Piratenschule zum Pionier-Lernhaus“.
So hat die Schule den Titel in ihrer Einladung genannt. Weil die Schule zu klein und zu
teuer sei und deshalb angeblich die geforderten Qualitätsstandards nicht bringen könne,
teilte die Kantonsregierung mit, „wird die Oberstufe Häggenschwil 2012 definitiv
geschlossen“. Aber Eltern, Lehrpersonen, selbst Behördenmitglieder reisten unterstützt
von vielen Sympathisanten als Piraten zum Regierungsgebäude. Zunächst ohne Erfolg.
Dann bot „SBW Haus des Lernens“ eine L sung! Die Bev lkerung stimmte ab und
entschied sich für den Vorschlag, die Schule als privat organisierte, freie Schule, die von
der Gemeinde finanziert wird, weiter zu führen. Im August 2012 starteten über 60
„Lernpartner mit ihren Lernbegleitern“ (so heißen dort Schüler und Lehrer) in eine neue
Ära der Schulgeschichte. In Kooperation mit SBW Haus des Lernens.
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(12) Martin Ott, Rheinau:
Wahrnehmen! Ein anderer Blick auf die Natur und auf uns selbst.
Ort: Landwirtschaftsbetrieb Kloster Mehrerau in Bregenz. 11:00 Uhr
Teilnehmerzahl begrenzt. Bitte anmelden.
Martin Ott war ursprünglich Lehrer und ist dann Landwirt und Autor geworden. Er
baute einen der größten biodynamischen Betriebe in der Schweiz auf und gründete eine
landwirtschaftliche Schule. Er ist ein genauer Beobachter und Selbstdenker, ein
Philosoph, wie man ihn in den Hochschulen vermisst. Er geht mit den Teilnehmern des
Beiboots in den Kuhstall. Tatsächlich. Denn dort hat er viele seiner Beobachtungen
gemacht, aus der er so erstaunliche wie einleuchtende Schlüsse zieht. „Bildung“, sagt Ott,
„ist Wahrnehmung und Tätigkeit.“ Und dazu geh rt auch, dass wir uns als Lebewesen
unter und mit anderen verstehen. Denn „Leben entzündet sich nur an Leben!“ (Jean
Paul). Im Hauptprogramm wird Ott einen Vortrag halten und Werkstätten zur
Wahrnehmung anbieten.
(13) Besuch des KinderCampus Höchst
10:00 Uhr, öffentlicher Bus
Die Anzahl der TeilnehmerInnen ist auf 25 TN beschränkt
Davon träumen viele Schulen und Kommunen – starke Partner für die Verwirklichung
ihrer Visionen zu finden. Beim Kindercampus in Höchst ist dies gelungen. Was bewegt
ein international tätiges Unternehmen so viel Geld und Engagement in diesen Campus
zu investieren? Welches Konzept liegt zugrunde und wie wurde es bis in die Architektur
umgesetzt?
Der KinderCampus unterstützt Familien in ihrem Alltag. Als offener, lebendiger und
einladender Lern- und Begegnungsraum für Kinder zwischen 0 und 6 Jahren und deren
Eltern vereint er vielfältige Angebote unter einem Dach. Bemerkenswert ist die
Architektur und das Engagement der Firma Blum, die auch in der Berufsausbildung und
mit ihrer Unternehmenskultur von sich reden macht.
Zu sehen sind: Das Kinderhaus – Kinderbetreuung von 1-6 Jahren. Die ProjektWerkstatt
– Sprache als Schlüsselkompetenz, für Eltern und Kinder. Die Küche – Mittagstisch für
Kindergärten und Volksschulen. In der Kinderküche können die Kinder auch selbst
probieren, kneten, backen. Dazu gehören eine Elternberatungsstelle, ein Kinderarzt und
die Kinderdienste des aks (Arbeitskreis für Sozialmedizin). Die Besichtigung wird um
12:00 Uhr mit der Einladung zu einem gemeinsamen Mittagessen abgeschlossen.
KinderCampus Höchst, Kirchplatz 14, 6973 Höchst Öffentliche Busverbindungen in
Bregenz vom Hbf gegenüber vom Festspielhaus nach Höchst Kirchplatz (Fahrtzeit 32
min);
Anmeldung und Detailprogramm bei www.kindercampus.at
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(14) Besuch in der Neuen Stadtschule St. Gallen
DAS BASISLAGER
11 Uhr Treff am Festspielhaus zum Shuttle nach St. Gallen
Maximal 20 TeilnehmerInnen. Bitte Anmelden unter info@neue-stadtschulen.ch
Auf der Schweizer Seite des Bodensees hat vor 35 Jahren eine Schulgründung in
Romanshorn eine Welle von mehr als hundert neuen Schulen nach sich gezogen. Sie
heißen zumeist „Haus des Lernens“. Der erste dieser Gründer, dem andere folgten, war
Peter Fratton. (Sein Kongressvortrag „Lass mir die Welt – verschule sie nicht“ am
Sonnabend um 14 Uhr auf der Seitenbühne 1). Nachdem der unermüdliche Gründer
damit aufgehört hatte, hat er doch wieder angefangen und ist bei der „Neuen
Stadtschule“ noch mal weiter gegangen.
Die Idee des Lernateliers ist erweitert worden: Die Stadt gilt nun als Lernatelier und als
Anregungsmilieu, um dem Lernen mehr Raum und viele Richtungen zu geben. Die
ausserschulischen Orte erlauben Lernen vor Ort, an den Dingen und sinnstiftendes
Arbeiten. Wie man eine Sprache im Ursprungsland leichter und nachhaltiger lernt, so
lernt man auch an Dingen besser als in Fächern. Seit 2014 arbeitet die Neue Stadtschule
in einer ehemaligen Kirche, die als Basislager zur Vorbereitung, Planung, Konsolidierung
und Vertiefung dient. Mit einer kleinen Gruppe von 12 LernpartnerInnen, so werden die
Schüler genannt, wird das Konzept in der Praxis entwickelt.
Die Besucher haben die Möglichkeit, die im Aufbau befindliche Schule und die neuen
Lernform kennen zu lernen und zu erfahren, welche Bedingungen notwendig sind, um
außerhalb der Schule zu lernen und die Ernte im Basislager vertiefen zu können. Sie
erfahren auch, welche Haltung bei Kindern und Jugendlichen sowie bei den
Erwachsenen nötig ist, welchen Strukturen es braucht und was ein Basislager alles zur
Verfügung stellen muss, um diese Autonomie zu ermöglichen.
www.neue-stadtschulen.ch
10
Eröffnung des Kongresses
16:00 Uhr Großer Saal
Geschichten & Ideen - Musik & Film
Auf den Anfang kommt es an!
Den Anfang macht die außerordentliche Geschichte der Bremer Gesamtschule Ost mit
der Deutschen Kammerphilharmonie. Seit sieben Jahren bilden sie eine
Wohngemeinschaft. Ein Orchester, das in New York ebenso gefeiert wird wie in Japan, in
einer Schule, alles inmitten einer Trabantenstadt aus den 70er Jahren mit 40 Prozent
Hartz IV Empfängern. Osterholz-Tenever im Bremer Osten. Kaum ein Schüler spielte
dort früher ein Instrument. Und nun sehen wir ein Zirkuszelt mit 1000 Plätzen. Im Mai
wurde eine Stadtteiloper aufgeführt.
Schüler, Lehrer und Musiker wirkten mit. Ein
Wunder? Dabei begann die Geschichte dieser Wohngemeinschaft damit, dass das
Orchester nur Räume zum Üben suchte. Seit sieben Jahren sind die Musiker da. Einfach
da. Sie kamen ohne Auftrag und Absicht. Und trotzdem diese Wirkung? Oder gerade
deswegen! Vielleicht liegt darin das Geheimnis dieser Erfolgsgeschichte. Und ist das
Geheimnis der gewöhnlichen Wirkungsschwäche vielleicht zu viel Absicht? Denn „man
ahnt die Absicht und ist verstimmt.“ (Goethe)
11
Die Melodie des Lebens
Mit Musikern der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Schülern der
Gesamtschule Ost. Leitung Marc Scheibe. Ausschnitte aus dem Programm, das - dauernd
verändert – seit Jahren läuft, das den Stadtteil und inzwischen auch die ganze Stadt und
extra Angereiste begeistert.
Die Geschichte
Franz Jentschke und Annette Rügeberg, die Schulleiter, erzählen zusammen mit den
Schülern und Musikern sowie dem Impresario des Orchesters Albert Schmitt die
Geschichte ihrer Liason.
Filmeinspielung: Stadtteiloper „Drachensöhne und Feentöchter“
(Mai 2014)
Dazwischen: Melodie des Lebens
Geschichten und Resonanzen
Was bedeutet es, eine Geschichte nicht nur zu haben, sondern eine zu sein? Biographien
zu ermöglichen? Biographien, die es kein zweites Mal gibt. Und gilt diese Individualität
nicht gleichermaßen für Menschen wie auch für Institutionen? Wie bildet sich das
Einmalige?
Der Faden wird von Hartmut Rosa aufgenommen. Der Soziologe (Uni Jena) fragt, was es
heißt, wenn sich zwischen Menschen Resonanzen bilden, statt bloß ein Echo hervor zu
rufen.
Zwei Beispiele: Sommerkurse der deutschen Schülerakademie, an denen Rosa seit
seinem Studium als Dozent mitarbeitet. Schüler berichten, sie hätten dort in drei
Wochen mehr gelernt als in einem Schuljahr. Wie kommt das? Und wieso haben Jürgen
Baumert und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung bei
Grundschülern nach einem dreiwöchigen Sommercamp einen Zuwachs in Deutsch
gemessen, der den Zuwachs eines Schuljahres überstieg? Dazu eine Filmeinspielung.
Die Geschichtenerzählerin Katarina Ritter kommt dazu. Was sind Geschichten? Was ist
Erzählen? Wieso erinnert man sich vor allem an Lehrer, die erzählt haben?
Dazwischen: Melodie des Lebens
Musik - Theater - Bewegung
Ein Gespräch mit Manfred Spitzer über die in der Schule vernachlässigten
Hauptsachen: Musik - Theater - Bewegung und die Erfahrung mit dem Widerständigen
Pause
12
Nur Erschöpfung und Bulimielernen? Eine Eröffnungsbilanz
Mit Jutta Allmendinger, Olaf-Axel Burow und Richard David Precht*
*Richard David Precht wird sich nach der Eröffnung des Kongresses auf die Rolle des Beobachters
beschränken und auf dem Abschlussplenum seine Erkenntnisse vortragen und mitdiskutieren was zu tun
ist.
Was sind heute die Signaturen unsere Bildungseinrichtungen? Wohin zieht die
Gesellschaft die Bildung? Die Sozialwissenschaftlerin, der Erziehungswissenschaftler
und der unabhängige Selbstdenker im Gespräch.
Dazwischen: Melodie des Lebens
Die Geschichte vom Schlänitzsee. Wie sich eine Schule verwandelt, die
nicht nur in der Schule stattfindet. Film.
Seit sieben Jahren lernen und arbeiten Jugendliche der staatlichen Montessorischule
Potsdam im siebten und achten Schuljahr eine Woche im Monat nicht in der Schule
sondern am nahen Schlänitzsee. Auch das ist eine Geschichte, wie sie nicht in den
Anleitungen zur „Schulentwicklung“ steht. Denn niemand konnte am Anfang wissen, was
dabei herauskommt. Keiner konnte wissen, wie sehr dieses Wagnis das Lernen und
Lehren verändern wird. (Ebenso wenig wie damals in Bremen – ebenfalls vor sieben
Jahren - irgendjemand aus der Schule oder aus dem Orchester ahnen konnte, wozu diese
Wohngemeinschaft führt.) - - - Und was passiert mit den „Geschichten“ deren Verlauf
schon konzipiert ist? Sie werden gar keine Geschichten.
Erdungen, Handlungen und Ideen – Die Wiederentdeckung von
Gärten, Landwirtschaft, der Erde sowie der Sorge und dem
folgenreichen Handeln
Mit Ulrike Kegler, Martin Ott und Peter Guttenhöfer
Ulrike Kegler leitet die Potsdamer Schule. Sie hat das Schlänitzsee-Projekt initiiert und
das Netzwerk Archiv der Zukunft mit gegründet. Martin Ott ist ein in die Landwirtschaft
gewechselter Lehrer. Dort erst hat er entdeckt, was Wahrnehmung ist. Peter
Guttenhöfer kommt aus der Waldorfpädagogik, die sich weiter entwickelt. Er zitiert
Novalis: „Erziehung von Kindern nicht durch direkte Erziehung, sondern durch
allmähliches Teilnehmen lassen an Beschäftigungen der Erwachsenen.“ Was heißt das
heute?
Dazwischen: Melodie des Lebens
Orte und Horizonte: Aussichten auf den Kongress
Eine kurze Geschichte von Katarina Ritter
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Anschließend ab ca. 19:30 Uhr
Brot und Wein
Gespräche und 1000 Geschichten in den Foyers und Zwischenräumen
Samstag 1. November
9:00 bis 18:00 Uhr - Der Arbeitstag
Vorträge – Workshops - Foren und spontane Verabredungen
Zeitfenster sind nötig damit Teilnehmer und Mitwirkende ihre Pläne synchronisieren
können. Also leider kein open end, was oft besser wäre.
Diese Fenster sind 120 Minuten brutto und 90 Minuten netto. Es bleibt also jeweils eine
halbe Stunde dazwischen. Und diese Zeit sollte auch dem Zwischen gehören, das fast
genauso wichtig ist, wie Veranstaltungen.
Beginn um 9:00, 11:00, 14:00 und 16:00 Uhr.
Die Veranstaltungen finden außer im Festspielhaus auch im Gallus-Gymnasium und im
Vorarlberg Museum statt.
Neben den geplanten und formatierten Veranstaltungen ist im Festspielhaus Platz für
spontane Verabredungen zu kleinen und kleinsten Gruppen. Auf Stellwänden werden
diese offeriert und bekannt gemacht. Das soll eine Integration des Barcamps sein.
Vorträge
Noch ohne Zeit- und Raumplan, der folgt rechtzeitig per Newsletter und auf der
Homepage und wird auch in der Kongressmappe liegen.
Michael Braungart
MENSCHEN SIND KEINE SCHÄDLINGE.
Cradle to Cradle: eine Hausforderung für die Schule
„Cradle to Cradle“ entstand aus Michael Braungarts Aktivitäten bei Greenpeace. Als er
nach der Chemiekatastrophe 1986 in Basel vom besetzten Schornstein bei Ciba-Geigy
abstieg, wusste er, dass Protest und Widerstand allein nicht reichen. „Cradle to Cradle“
(von der Wiege zur Wiege), hieß sein Widerspruch zur herrschenden "Cradle to Grave“
(von der Wiege zum Grabe) Praxis, bei der lebendige Natur zur Mülldeponie wird.
Michaels Braungarts Widerspruch richtet sich außerdem gegen den neuen Common
Sense, dass der Mensch schädlich sei und gefälligst seinen ökologischen Fußabdruck
14
verkleinern solle. „Cradle to Cradle“ hingegen heißt: Es kommt nicht drauf an, den
ökologischen Fußabdruck zu minimieren, sondern ein Feuchtgebiet aus ihm zu machen.
Heute lehrt der Chemiker an mehreren Universitäten und leitet EPEA, ein
internationales Forschungs- und Beratungsinstitut in Hamburg.
Für Schulen steckt viel in der „Cradle to Cradle“- Idee. Zum Beispiel wären das
Baumaterial der Gebäude, die verschiedenen Stoffe in den Räumen und all die
alltäglichen Dinge ernst zu nehmen, zu untersuchen und wenn nötig zu erneuern. Was
wäre das für ein Einstieg in die Naturwissenschaften! Es kommt auf eine andere Haltung
an. „Nichts ist egal!“ So k nnte das Motto von Schulen und anderen Bildungshäusern
lauten, die Labore des Wandels werden. Ein großer Selbstversuch, statt in alter
Pädagogentradition mit dem sogenannten späteren Leben zu drohen, nun vielleicht auch
noch angereichert mit der angekündigten Umweltkatastrophe als Höchststrafe.
Vielleicht ist dies das Hauptproblem der Schulen, dass es so wenig lohnende Aufgaben
gibt. Es wird selten etwas gemacht, das positive Spuren hinterlässt. Dabei wird Sinn zur
Mangelressource. Da helfen auch keine Methoden zur Motivation. Aber wenn man weiß,
dass Teppiche entwickelt worden sind, die, statt mit ihren Ausdünstungen schlechte Luft
zu machen, die Luft reinigen, dass Häuser möglich sind, die mehr Energie erzeugen als
sie verbrauchen, ja dass selbst Fabriken das für die Produktion benötigte Wasser
sauberer abgeben können als sie es aufgenommen haben, dann kann man doch nicht
länger zusehen, dann muss man doch in seiner Umgebung und bei sich selbst anfangen!
Dann könnten Schulen Zukunftswerkstätten werden.
PS. Hat man nicht manchmal den Impuls, eine Eisverpackung einfach weg zu
schmeißen? Aber weil das Müll sei, erziehen wir uns und unsere Kinder dazu, die
Verpackung zu entsorgen. Wer weiß, vielleicht ist sie sogar Sondermüll. Nun wurde
tatsächlich eine Verpackung entwickelt, die zu Kompost zerfällt und darüber hinaus
seltene Blumensamen enthält. So kann man vom Sünder zum Dünger werden.
Olaf Axel Burow
DIE ZUKUNFT DER SCHULE HEIßT NICHT SCHULE
Was waren die wirklich bedeutsamen Lernerfahrungen in Ihrem Leben, fragt der
Kassler Hochschullehrer immer wieder. Die wenigsten können sich an gut geplanten
Fachunterricht erinnern, meist handelt es sich um Situationen jenseits des Lehrplans.
Ob im sozialen Brennpunkt in Magdeburg oder am Elitegymnasium in Berlin-Dahlem stets zeigt sich, dass begeisternde Erfahrungen und Lernen im Flow häufig dann
entstehen, wenn LehrerInnen von ihrem Plan abgehen und spontan den Interessen ihrer
Schüler folgen. Sie berichten, dass selbst Lernverweigerer wie ausgewechselt sind und
Situationen höchster Intensität und Lernbegeisterung entstehen.
Diese Geschichten zeigen, dass jenseits des Lehrplans ein ganzer Kontinent bislang
unbeachteter Lehr-/Lernerfahrungen liegt, den es zu entdecken gilt.
Deutlich wird es auch an erfolgreichen Persönlichkeiten. Von den Schriftstellern Haruki
Murakami und Henry Mankell, von Unternehmern wie Steve Jobs und Götz Werner, aber
15
auch von Popstars wie John Lennon wissen wir, dass sie ihr Potenzial nur entwickeln
konnten, weil sie sich schon früh den Zumutungen eines fremdbestimmten, verplanten
Lernens entzogen. Es zeigt sich: Statt Standardisierung und Normierung brauchen
Lehrer und Schüler mehr Freiräume für transformatives Lehren und Lernen, das es
ihnen ermöglicht, ihr Potenzial zu entfalten.
Die Geschichten des Gelingens zeigen, dass das Wissen über gelingendes Lernen bei den
Beteiligten vorhanden ist. Statt das Scheitern zu analysieren, sollten wir deshalb die
„Weisheit der Vielen“ nutzen, um gemeinsam herauszufinden, wie wir für mehr
Lernfreude, Kreativität und Potenzialentwicklung sorgen können.
Ernst Peter Fischer
DAS VERLORENE GEFÜHL FÜR DAS GEHEIMNISVOLLE
Für eine Erneuerung der Naturwissenschaften in der Schule
Kürzlich sollte der Physiker und Wissenschaftshistoriker (Uni Heidelberg) für ein
Magazin Abituraufgaben im Fach Physik aus verschiedenen Bundesländern vergleichen.
„Das waren nur Fragen, die niemanden interessieren, vermutlich auch die Lehrer nicht“,
erinnert er sich. Das wiederum interessierte das Magazin nicht so sehr. Es wollte wissen,
aus welchem Bundesland die Aufgaben schwerer waren. Ist das in Deutschland immer
noch das erste Kriterium für Güte, zumal in den Naturwissenschaften? Es muss schwer
sein. Wie kommt das? Dass die Dinge interessant sind, ist dann fast schon verdächtig.
Das Resultat: „In den Abituraufgaben wurden Berechnungen verlangt,“ so Fischer, „die
man als Ingenieur k nnen muss, die aber alle anderen sofort vergessen.“
Die Gegenposition.
Das Schönste, was ein Mensch erleben kann, so Einstein, ist das Geheimnisvolle. Er
nannte es „das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Wissenschaft und Kunst
steht“. Aber dieser Anfang, der sich bei großen Wissenschaftlern und guten Lehrern
immer wieder erneuert, wird bei den meisten Schülern bald vom sogenannten „Stoff“
erstickt. Und in dieser fertigen Welt verfliegt der Stoff wie Staub im Wind. Das Interesse
lässt nach. Verknüpfungen, also Lernen, werden dann nur noch simuliert. Der Grund ist
für Fischer offensichtlich: „Menschen sind primär nicht rational urteilende, sondern
sinnlich wahrnehmende – also ästhetisch empfindsame Wesen.“ Wird das missachtet,
„dann kommen Kinder ästhetisch neugierig in die Schule, um danach begrifflich
gelangweilt nach Hause geschickt zu werden.“
Natürlich gehört zu diesem lebendigen Verhältnis zur Natur auch Wissen, aber eben
kein Wissen ohne Bewusstsein vom Nichtwissen, das mit der Vertiefung des Wissens
nicht ab- sondern zunimmt. Ohne diese Paradoxie wird kein Erkenntnisfeld mit
Spannung aufgeladen. Ohne sie wird alles langweilig und schlaff.
Fischer verlangt durchaus auch einen Kanon des Wissens. Es sei heute unabdingbar
über mindestens vier Dinge Bescheid zu wissen: Über die Atomtheorie, die
Evolutionstheorie, unsere Vorstellungen vom Kosmos und über Gemeinsamkeiten von
Kunst und Wissenschaft.
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Wie sehen Schulen aus, die sich auf lebendige Art auf die Natur und das Wissen über sie
einlassen? Das wird im Workshop mit E. P. Fischerund in den DIALOGEN am
Sonntagmorgen Thema sein und von dem auf dem Kongress zu konstituierenden
Subnetz „Natur bildet“ weiter geführt werden.
Ernst Peter Fischer studierte Mathematik und Physik. Er lehrt Wissenschaftsgeschichte
und ist als Publizist erfolgreich. Zum Beispiel: „Die andere Bildung – was man von den
Naturwissenschaften wissen sollte“ und „Einfach klug“, ein Buch über gute Lehrer und
darüber, was von der Schule bleibt. Gerade erschienen: „Die Verzauberung der Welt –
Eine andere Geschichte der Naturwissenschaften.“
Peter Fratton
LASS MIR DIE WELT! VERSCHULE SIE NICHT!
Was war das für eine Provokation, als Peter Fratton für Lehrer das Wort „Lernbegleiter“
vorschlug. Schüler heißen nun „Lernpartner“. Als er damit Aufsehen erregte, hatte er
längst bewiesen, dass Alternativen zu herkömmlichen Anstalten möglich und erfolgreich
sind. Inzwischen gibt es in der Schweiz und in Deutschland mehr als 120 der von ihm
erfundenen „Häuser des Lernens“. Dort wird eine andere Haltung gebildet. Es geht um
die Biografie eines jeden Schülers. Jede ist anders. Und das ist gut so.
Aber wie sich vom vielen Belehren, Kopieren und Prüfen verabschieden, das häufig so
schnell ins Vergessen übergeht? Werden Schulen wirklich zu Häusern des Lernens, dann
dürfen sich dort Kinder und Erwachsene auch gegenseitig irritieren. Dabei öffnen sie
sich und stärken sie ihre je individuelle Entwicklung. Mit solchen aus seiner Praxis
kommenden Thesen hat auch Peter Fratton viele irritiert und sich manch einen zum
Feind gemacht. Als er schließlich in Baden-Württemberg vom Kultusministerium
gerufen wurde, mit seinen Erfahrungen und Ideen die Schulreform zu inspirieren,
drohten einige mit dem alten deutschen Bildungskrieg. Dann ging Fratton lieber wieder
in die Schweiz. Und obwohl er mit dem Schulengründen eigentlich aufhören wollte und
die Leitung der „SBW – Häuser des Lernens“ abgegeben hatte, gründet er nun weiter,
zuletzt die Neue Stadtschule in St. Gallen.
Dazu schreibt Peter Fratton: „Es ist faszinierend, wie formales Lernen im informellen
aufgeht, einfach dadurch, dass Dinge zu tun sind, statt dass Fächer gelernt werden
müssen. Ich bin durch die Arbeit an der Neuen Stadtschule mit meinen 66 Jahren zu dem
"Schüler" geworden, den ich in meiner ganzen Schul- und Seminarzeit nie sein durfte:
Ein Abenteurer, ein Dilettant, ein Nichtwisser und Gernkönner. Ich fühle mich nicht
mehr gezwungen, auf dem Weg zu bleiben, sondern freue mich, wenn ich immer wieder
die Kurve kriege. Ich bin auf dem Weg, ein Experte in Dilettantismus zu werden. Und
weil das Leben nicht in den abgesteckten Grenzen der Wissenschaften verläuft, sondern
z.B. Gesundheit auch mit Stadtplanung, Ernährung, Bildung etc zu tun hat, bin ich auf
dem Weg zur Überzeugung, dass dieses Expertentum in einer komplexen Umgebung ein
spannender Weg ist.“
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Peter Gallin und Urs Ruf
DIALOGISCHES LERNEN – THEORIE UND PRAXIS
Das Dialogische Lernen ist aus der Praxis des gymnasialen Deutsch- und
Mathematikunterrichts heraus entstanden und hat sich auch im Sekundarschulbereich
und im fächerübergreifenden Unterricht der Grundschule bewährt. Es ist das Ergebnis
einer fünfunddreißigjährigen fachlichen und fachdidaktischen Kooperation zwischen
dem Mathematiker und Physiker Peter Gallin und dem Germanisten und
Erziehungswissenschaftler Urs Ruf. Beide forschten und lehrten schließlich an der
Universität Zürich. Das Modell des Dialogischen Lernens stellt eine Reihe von
methodischen Instrumenten zur Verfügung, die es Lehrenden und Lernenden
erm glichen, ihre Stärken auszuspielen, Fehler rasch zu erkennen und zu korrigieren
und so die Bedingungen für erfolgreiches Lehren und Lernen ständig zu verbessern. Es
soll den Schülerinnen und Schülern erm glichen, nicht in der Rolle von Objekten
pädagogischer Handlungen zu verharren, sondern sich als Subjekte und
Gesprächspartner aktiv und konstruktiv am Wechselspiel von Angebot und Nutzung zu
beteiligen, Verantwortung für den Prozess der eigenen Entwicklung und der
Entwicklung der Klasse als Lern- und Wissensgemeinschaft zu übernehmen und aus
ihren je unterschiedlichen M glichkeiten das Beste zu machen.
Das bedeutet für die Lehrpersonen:
 Sich über das eigene Verhältnis zum Fach Rechenschaft geben und das Spannende
im Lehrplanstoff erkennen (Kernideen generieren)
 Schüler anleiten, ihre Prozesse des Verstehens und Probleml sens in einem
Lernjournal nachvollziehbar zu dokumentieren (offene Aufträge für das
Lernjournal entwickeln)
 Ef iziente Durchsicht und Bewertung von Schülerarbeiten (Singuläre Leistungen
würdigen und mit fachlichen Regularitäten in Verbindung bringen)
 Verstehen und explizit machen, wie Schüler im Umgang mit fachlichen
Herausforderungen denken und handeln, und Konse uenzen für den Fortgang
des Unterrichts daraus ziehen (den Prozess der Passung von Angebot und
Nutzung vorantreiben)

ualitäten in Schülerarbeiten erkennen und für den Fortgang des Unterrichts
nutzen (mit Autographensammlungen arbeiten)
 Flexibler und bewusster Wechsel zwischen der Defizitperspektive und der
Entwicklungsperspektive (Wertungen beim Lernen und Prüfen unterscheiden)
Peter Gallin bietet am Freitag einen Workshop im Rahmen der Beiboote an. Der
Workshop von Urs Ruf folgt dem Vortrag.
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Peter Guttenhöfer
EINE VOLLSTÄNDIGE UMGEBUNG SCHAFFEN
Plädoyer für eine Handlungspädagogik
Es wird für Kinder immer schwieriger, mit ihrer sinnlich-physischen Umgebung in
Berührung zu kommen. Tätigkeiten, an denen sie sich beteiligen und die sie nachahmen
können, sowie Naturerfahrungen werden selten. Zu Hause und in der Nachbarschaft
lernen sie entsprechend weniger. Diese Verkümmerung setzt sich in der Schule fort, sie
wird sogar noch gesteigert. Die typischen Aktivitäten dort sind kognitiv. Körperliches
Handeln, Arbeiten und Spielen schrumpfen. So trennt die Schule das ohnehin schon der
stofflichen Welt entrückte Kind weiter vom lebendigen Leben und wirft auf bloßes
Überleben zurück..
Aus dem Leiden an dieser Entwicklung entstehen vielfältige Bestrebungen, die
traditionelle Schule zu verändern. Aber wie? Was muss verändert werden, damit die
Kinder später handeln können? Dazu bedarf es einer Überprüfung der Bilder und
Muster von Erziehung.
Das, was zu Hause nicht mehr gelernt wird, müsste heute in den Schulen geübt werden.
Weiter führt der Begriff der „vollständigen Umgebung“, den Goethe in seinem Wilhelm
Meister verwendet hat. Er benutzt diesen Ausdruck wie beiläufig. Der hat mich angesprochen und bewegt, mich zu fragen: Was wäre für einen heranwachsenden Menschen
eine vollständige Umgebung? Was braucht er, um seine Anlagen, seine Persönlichkeit, so
wie es im Grundgesetz steht, frei und vollständig zu entfalten? Es gehören dazu der
lebendige und natürliche Erdboden, die Pflanzen, Tiere und Menschen.
Novalis hat in seinem Fragment PAEDAGOGIK die Richtung gewiesen: „Erziehung von
Kindern, wie Bildung eines Lehrlings – nicht durch directe Erziehung – sondern durch
allmäliches Theilnehmen lassen an Beschäftigungen etc. der Erwachsenen.“
Die erziehenden Erwachsenen müssen tätig sein! Und zwar nicht mit direkter Erziehung
von Kindern, sondern mit den das Leben begründenden und gestaltenden
Beschäftigungen. Wozu natürlich auch Schreiben, Lesen, Rechnen und Singen gehören!
Das Genie des Kindes besteht darin, durch seine nachahmende und nachmachende
Tätigkeit seine Selbsterziehung zu praktizieren.
Peter Hübner
ORTE BILDEN!
"Zur Erziehung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf!" Dieser häufig zitierte Satz aus
Afrika, wird auch auf dem Kongress mehrfach fallen. Eine heutige Variante davon wäre
das Schlagwort von der „Glokalisierung“, eine „Lokalisierung“ mit dem Globalisierung G
als Vorzeichen. Angesichts der Verflüssigung des Sozialen und des Überflüssigmachens
von Menschen wird es Zeit darüber nachzudenken was Orte sind, und wie wir Orte
bilden und wie wir sie gegen die Nowhere-man-Welt verteidigen.
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Peter Hübner ist Architekt, emeritierter Hochschullehrer und von Anfang an im Archiv
der Zukunft dabei. Er hat Schulen gebaut, in denen Kinder, Jugendliche und die
Erwachsenen zu Hause sind und in denen sie zugleich die Erfahrung einer geschützten
Öffentlichkeit machen.
Er wird – auch mit Fotos - zeigen wie das geht. Er zeigt auch Fotos von Schulen, wie es
einfach nicht gehen kann. Peter Hübner hat auch Ideen von einer Schule der Zukunft, die
erst noch zu bauen und vielfältig zu nutzen und zu bewohnen sein wird. Er setzt an
anthropologischen Basics an: "Der Mensch empfindet sich als Individuum und er sucht
sich instinktiv das individuelle Haus, weil nur dieses ihm adäquat und angemessen
erscheint und für sein physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden sorgt!"
Wie sehen Schulen aus, die gebaut werden, damit Kinder und Jugendliche lernen – und
nicht damit sie belehrt werden? Damit sie Erfahrungen machen und nicht rumhängen,
in den sie sich eingeladen fühlen. Wie wird das Lernen durch das Schulgebäude
beeinflusst?
Wie das Sprichwort sagt, braucht es dazu keine Kaserne, sondern ein ganzes „Dorf“ mit
Plätzen und Straßen, Gärten und Ställen und allen Gebäuden aus denen man normaler
Weise einen Ort für eine Gemeinschaft von z.B. 500 Individuen bilden würde. Ein Ort mit
„Wohn(Klassen)häusern“ mit Werkstätten, Bauernh fen, Geschäften,
Gemeinschaftshaus, Gastwirtschaft, Kirche, Krankenstation, Sporthalle, Spiel und
Sportplatz und vieles mehr: also möglichst viel „Normalität“. Zu dieser Normalität
gehören dann natürlich selbstverständlich nicht nur Lehrer sondern ein enger Kontakt
und Austausch zu all den Akteuren, die so eine Gemeinschaft erst mit Leben erfüllen.
Schule kann heute nicht mehr Zuchtanstalt sein und auch nicht eine Energiesparhülle
mit einem minimalen Oberflächen/ Volumenverhältnis, die wie die bundesweiten
Wettbewerbsergebnisse zeigen, eher an Kisten erinnern, statt an Kinder.
Schulbau muss gleichermaßen wie die Pädagogik eine Antwort darauf finden, dass jedes
Kind einzigartig ist und für seine Entwicklung einen differenzierten Ort braucht, der
ihm Heimat und Entwicklungspotential bietet. An solchen Orten wird auch die Inklusion,
wie selbstverständlich, Teil der „Normalität“ sein, eben wie in einem Afrikanischen (oder
wo auch immer)Dorf. Das ist keine rückwärtsgewandte Sentimentalität sondern eine
Antwort auf die Probleme unserer immer größeren Entfremdung von echten sinnlichen
Erfahrungen.
Solche Orte als „Lernlandschaften“ schaffen zwar noch nicht alleine guten Unterricht,
dazu braucht es zum Glück noch die Menschen, die Lehrerinnen und Lehrer. Aber eines
hat sich in eklatanter Weise in den von plus+bauplanung GmbH gebauten Schulen
gezeigt, gute Schulgebäude oder ein „Schuldorf“ können eine enorme Unterstützung
darstellen.
Architekten und politisch Verantwortliche sollten gezwungen sein, sich mit den
Pädagogen, die dort lehren auszutauschen, denn der heute stattfindende Schulbau ist all
zu oft „Raubbau“ an der Zukunft unserer Kinder!
Für die Architekten heißt es: „Orte zu bilden“, in denen „Bildung durch Orte“
selbstverständlich geschehen kann.
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Angelika Jung und Christian Kraler
SEINEN AUGEN TRAUEN
Die Entdeckung visueller Wahrnehmung
und die Förderung eigenständigen Denkens
Jedes Kind, jeder Jugendliche und jeder Erwachsene sieht sein eigenes Bild. Das
„richtige“ gibt es nicht. Aus dem Gespräch der Verschiedenen ergeben sich eigene und
dann gemeinsame Ideen und ein starkes Denken. Schon bei Kindern - oder erst recht bei
ihnen? So entsteht eine gemeinsame und vielfältige Welt. Angelika Jung demonstriert
„Visual Thinking Strategies“ (VTS). Diese hat sie aus den USA mitgebracht. VTS geht über
eine Methode hinaus. Es ist eine andere Haltung und Praxis mit erstaunlichen Folgen.
Christian Kraler, der an der Universität Innsbruck lehrt, stellt diese Praxis und Haltung
in den Zusammenhang einer Kultur des Visuellen in Schule und Gesellschaft. Wie gehen
wir im Alltag mit visuellen Reizen um? Schulen haben auf die Macht des Visuellen wenig
reagiert.
VTS wurde in den USA entwickelt und fördert die Sprache und das eigenständige
Denken durch das Dekodieren von Kunstwerken. Da diese Technik vom Visuellen
ausgeht und in einer Gruppe angewandt wird, eignet sie sich besonders für heterogene
Lernumgebungen (Interkulturalität, Integration, Inklusion).
Weil jedes Bild viele Inhalte hat bzw. auslöst, kommt es in der Wahrnehmung und im
Denken der Betrachter zu komplexen kognitive Leistungen. Diese Herausforderungen
gehen weit über den individuellen kognitiven Prozess hinaus. Sprachentwicklung sowie
ein erheblicher Gewinn an Selbst- und Sozialkompetenz gehen mit der geistigen
Entwicklung der Teilnehmer Hand in Hand.
VTS wird in den USA hauptsächlich in Grundschulen und in der Museumspädagogik
praktiziert. Im Jahr werden in der Regel zehn Stunden im zwei bis dreiwöchigen
Rhythmus angeboten.
Angelika Jung bietet am Freitag (Beiboot) eine Präsentation dieser Arbeit im Kunsthaus
Bregenz an. Die derzeitige Ausstellung von Jeff Wall bietet dafür die Bilder. Nach dem
Kongress wird sie am Sonntag um 15 Uhr noch zu einem „Post-Boot“ - ein Beiboot nach
dem Kongress – zur Demonstration von VTS in die Jeff Wall Ausstellung einladen. In
Kooperation mit dem Kunsthaus Bregenz. www.kunsthaus-bregenz.at
Ulrike Kegler
SIEBEN JAHRE SCHLÄNITZSEE
Für Schülerinnen und Schüler in der Pubertät eine Woche im Monat keine Schule!
Genauer: Keine Schule im Sitzen. Keine, die sich im Zuhören und im Erfüllen von
Hausaufgaben erschöpft. Schüler in der siebten und achten Klasse der staatlichen
Montessori-Oberschule in Potsdam sind eine Woche im Monat am wenige Kilometer
entfernten Schlänitzsee. Sie kultivieren das Gelände eines ehemaligen Ferienheims der
Stasi. Sie arbeiten, lernen und denken. Sie pflanzen, bauen und kochen. Sie planen,
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entscheiden und handeln. Nicht alles klappt auf Anhieb. Sie lernen ja. Es zeigt sich, dass
sie Aufgaben wollen, nicht bloß Schulaufgaben. Herausforderungen! Sie sehnen sich
nach etwas, das größer ist als sie selbst: die Welt Sie beginnen etwas zu wollen und
hören auf, widerwillig zu fragen, was sie denn noch alles tun müssten. Beobachter
trauen ihren Augen nicht. Und noch spannender wird es, wenn man sieht, wie das
„Schlänitzseeprojekt“ seit 2007 die ganze Schule verwandelt. Langsam. Es geht in die
Tiefe.
Die Schulleiterin Ulrike Kegler blickt auf sieben Jahre zurück und malt sich aus, was nach
weiteren sieben Jahren dort entstanden sein wird und wie das alles auf den Alltag der
Schule wirkt. Diese Schule außerhalb der Schule, die keine herkömmliche Schule mehr
ist, wurde als Antwort auf die vielfältigen Irritationen in den Pubertätsjahren begonnen.
Entstanden sind Konturen einer „Jugendschule“ die anders sein muss als die
Kinderschule. Für diese Unterscheidungen ist in den üblichen Schulstrukturdebatten
wenig Raum. Inzwischen wird dort auch eine neue Studienstufe für junge Erwachsene
(Sek II im üblichen Raster) konzipiert.
Was als Antwort auf die Pubertät begann, ist die Geschichte einer Schule mit Biographie
geworden. Und wie in jeder wirklichen Geschichte und lebendigen Biographie entsteht
etwas, das nicht geplant werden kann, schon gar nicht, wenn Schreibtischmodelle
„umgesetzt“ werden: Der Lernprozess einer Institution, die nun ihrerseits die Menschen,
Schüler wie Lehrer, mit dem Lernvirus ansteckt.
In dem anschließenden Workshop „Praxislabor Schlänitzsee“ werden Lehrerinnen und
Lehrer der Schule und der Landwirt Mathias Peeters, ohne den es das Projekt so nicht
gäbe, sich befragen lassen und kleineren Gruppen Details erzählen, in denen manchmal
der Teufel, aber viel häufiger ein kleiner Gott stecken.
Ulrich Klotz
INNOVATIONEN BRAUCHEN FREIHEIT
FÜR EINE WENDE IN DER ARBEITSWELT
Ein Plädoyer
Alle fordern sie, wenige praktizieren sie: Die Kreativität. Aber wie gedeiht sie? Wie
kommen neue Ideen zur Welt? Und warum werden so viele Ideen nicht verwirklicht?
Dass die künftigen Generationen unter würdigen Bedingungen auf unserem Planeten
leben werden, ist nicht sicher. Sicher ist nur eines: damit unser Überleben gelingen
kann, braucht es viele Ideen und Innovationen. Innovationen lassen sich allerdings nicht
erzwingen. Sie gedeihen wie zarte Pflanzen nur in einem ganz bestimmten Klima.
Innovationen brauchen vor allem eines: Freiheit.
Sie macht den großen Unterschied zu den Arbeitsformen und Organisationsstrukturen
der Industriegesellschaft. Diese zu überwinden wird eine Überlebensfrage. Bisher
allerdings stoßen Ideen auf zu viele Widerstände und Zwänge. Doch es gibt bereits heute
gelungene Beispiele für die Arbeitswelt der Zukunft – wir finden diese heute vor allem
bei den neuen Kooperationsformen, die das Internet ermöglicht. Auch manche
Unternehmen entwickeln eine offene Innovationskultur und arbeiten daran weiter.
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Gegenseitige Wertschätzung, Respekt und Toleranz sind ihre Signaturen. Und die
Menschen haben Freiräume. Anhand einiger selbst erlebter Beispiele wird Ulrich Klotz
über einige Gründe für Widerstände gegen das Neue und über Möglichkeiten zu ihrer
Überwindung berichten. Was sind die Merkmale einer innovationsfähigen, lernenden
Organisation, in der Zukunft entsteht und sich nicht bloß die Vergangenheit wiederholt?
Ulrich Klotz war und ist auf vielen Stationen immer wieder an diesem Thema: Arbeit
und Innovation. Nach arbeitswissenschaftlichen Projekten war der Dipl.-Ing. in der
Informatik- und Computerindustrie tätig und forschte dann wieder zur Humanisierung
der Arbeit. Ab 1987 war er beim Vorstand der IG Metall für die Themenfelder
Forschungs- und Innovationspolitik zuständig und begleitete große
Forschungsprogramme zum Thema Arbeit und Innovation. Neben Lehraufträgen an
diversen Universitäten hatte er eine Stiftungs-Professur an der Hochschule für
Gestaltung, Offenbach a. M. inne und war zuletzt Mitglied der Expertengruppe „Zukunft
der Arbeit“ beim Bundeskanzleramt. Ulrich Klotz hat mehrere hundert teilweise
preisgekrönte Arbeiten in den Themenfeldern Informationstechnik, Innovationspolitik
und Zukunft der Arbeit veröffentlicht.
Martin Kramer
UNTERRICHT IST KOMMUNIKATION
Der Schüler entscheidet, was gelehrt wurde
Wie? Der Schüler entscheidet? Auf den ersten Blick irritierend. Und doch geht es gar
nicht anders. So geschickt und verführerisch es vielleicht wäre: Wissen lässt sich nicht
eintrichtern. Es gibt keine direkte Schnittstelle zwischen dem Wissen und den Schülern.
Das Gehirn ist kein Datenspeicher, sondern ein autonomer Datengenerator. Der Schüler
konstruiert sich seine eigene Wirklichkeit.
Der Lehrer ist nicht dazu da, Wissen zu vermitteln. Seine Aufgabe besteht darin,
zwischen Schüler und Wissen zu vermitteln.
Ein radikaler Ansatz: Beziehungsarbeit statt Trichter! Die Interaktion zwischen Schülern
und Wissen hat einen Namen: Forschen. So verstehen sich die Worte von Célestin
Freinet „Wirklich wichtig ist nicht das Wissen, sind nicht einmal die Entdeckungen:
Wichtig ist das Forschen.“
Aber wie lässt sich zwischen Schülern und Wissen vermitteln? Wie lassen sich
Berührungspunkte schaffen? Wo kann das Forschen im Klassenraum beginnen? Dem
Lehrer wächst eine neue Rolle zu: weg vom Wissensvermittler, hin zum Künstler und
Strukturgeber. Er gestaltet passende Lernumgebungen für sich und seine Schüler.
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Wer Wissen als etwas begreift, das wachsen möchte, kann gar nicht nach dem Trichter
suchen oder belehren. Er wird stattdessen zum Gestalter einer Lernumgebung, zum
„Gärtner“. Der beschriebene Rollenwechsel ist schwerer, als es im ersten Moment
scheint. So zeigen sich traditionelle Dinge wie das Schulbuch oder der Tafelanschrieb in
neuer Weise. Es geht um das, was im Schülerkopf passiert und nicht um das, was an der
Tafel oder im Schülerheft notiert wird. Das Positive: Dieses Lernverständnis geht einher
mit Spielfreude, schafft anwendbares und nachhaltiges Wissen.
Bitte mitbringen
Die Praxis soll die Königin sein. Daher wird im interaktiven Vortrag eine Lernumgebung
selbst erlebt. Bringen Sie hierzu – falls möglich – eine gefüllte Streichholzschachtel mit.
Martin Kramer hat diesen überaus wirksamen Unterricht als Lehrer an einem Tübinger
Gymnasium entwickelt. Nun macht er damit an der Uni in Freiburg weiter. Schüler
überraschen mit hervorragenden Leistungen. Überraschen? Die Leistungen sind ein
Nebeneffet, nicht das Ziel. Lohn einer indirekten Pädagogik.
Wer konkrete Lernumgebungen erleben möchten, sei auf das intensive „Beiboot“ am
Freitag „Mathematik als Abenteuer – Erleben wird zur Grundlage des Unterrichtens“
(Fr. 10:00 – 14:30 Uhr, eine Stunde Pause) hingewiesen und auf die beiden Workshops
am Samstag „Mathematik als Abenteuer (für Mathematiklehrer)“ und „Dem
Schreckensgespenst Mathematik den Schrecken nehmen (für Nicht-Mathematiker)“.
Kukuk: Bernhard Hanel und Robin Wagner
ORTE ZUM SPIELEN BILDEN
Einladende Räume, zumal einladende Außenräume sind nicht der Normalfall. Wirklich
nicht. Liegt darin eine gewisse Verachtung, zumal für Kinder und Jugendliche?
Bernhard Hanel und Robin Wagner sind Philosophen der Praxis. Dafür haben sie KuKuk
gegründet.
KuKuk - Kunst Kultur Konzeption - entwickelt, plant und baut europaweit einzigartige
Erfahrungs-, Spiel- und Außenräume für Menschen jeden Alters. Komplexe und
dynamische Strukturen laden zum Klettern, Hangeln, Hüpfen, Balancieren ein und
schulen Motorik, Beweglichkeit, Kraft, Ausdauer und Koordination. Sie ermöglichen
vielfältige Sinneswahrnehmungen und bieten Anlässe für Kommunikation. KuKuk will
mit seinen Räumen die selbständige und direkte Wirklichkeitserfahrung fördern und
zum spontanen und ganzheitlichen Umgang mit der (natürlichen) Umwelt einladen.
Der Vortrag mit zahlreichen Präsentationen geht von der Frage aus, was Kinder von
einem Spielraum und was Jugendliche von einem Schulhof erwarten und benötigen. So
geht die Gestaltungsfrage von Orten weit über das Ästhetische hinaus.
Wir brauchen Lebensorte, die die gesamte Sinnesorganisation ansprechen und fördern.
Präsentiert werden Beispiele von Beteiligungsprojekten an Schulen, Kindergärten und
von Sozialprojekten auch im Ausland.
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Und immer geht es dabei um das Spiel. So unterschiedlich die Kulturen auch sein mögen,
gemeinsam ist allen das Spiel. Es gehört zur menschlichen Existenz. Es ist ein Symbol für
das Ganze der Welt. Spielen ist eine freiwillige Tätigkeit, die ihr Ziel in sich selbst hat
und von Gefühlen der Spannung, Neugier und Freude begleitet wird. Im Spiel entwickelt
das Kind durch vielfältiges Erproben seine individuellen Fähigkeiten und bildet seine
Persönlichkeit aus, es erfährt und erlernt Empathie und Kommunikation, es erlebt
Kooperation und Konkurrenz und es erfährt sich selbst und die anderen.
Im Spiel machen Kinder Ernst.
Siehe auch den Spielcontainerbau von KuKuk vor dem Festspielhaus und dem
anschließenden Workshop.
Remo Largo
DIE INDIVIDUALITÄT DER KINDER ACHTEN
UND PÄDAGOGISCHE MYTHEN AUFGEBEN
Ein Plädoyer
„Kinder wollen zu dem Wesen werden, das in ihnen angelegt ist. Sie kommen nicht auf
die Welt, um die Erwartungen der Eltern und von Lehrpersonen zu erfüllen. Das Kind
gehört nur sich selbst. Wenn wir die Individualität der Kinder respektieren wollen,
müssen wir von pädagogischen Mythen wie Förderwahn und einheitlichem Lehrplan
Abschied nehmen.“
Remo H. Largo nennt sich einfach Kinderarzt. Bis zu seiner Emeritierung hat der
Medizinprofessor die Abteilung „Wachstum und Entwicklung“ an der UniversitätsKinderklinik Zürich geleitet. In einer Langzeitstudie wurden dort 800 Kinder auf ihrem
Weg von der Geburt bis ins Erwachsenenleben beobachtet. Largo schrieb die Bücher
„Babyjahre“, „Schülerjahre“, „Jugendjahre“ und zuletzt „Wer bestimmt den Lernerfolg?“.
Seine Stimme ist heute eine der klarsten, wenn es um Kinder, Lernen und die Schule
geht.
„Alle Kinder sind Unikate“, sagt Remo H. Largo. „Sie kommen als Einmalige auf die Welt
und sie werden im Laufe ihres Lebens immer verschiedener.“ Warum nur wollen Eltern
und Schulen das so oft nicht wahrhaben? Warum setzen sie auf Standardisierung statt
auf die Kultivierung des Eigenen? Warum entmutigen sie die Kinder so häufig dabei, sie
selbst zu werden?
Auf dem Kongress wird Remo Largo auch an der Präsentation von „Villa Monte“, einer
Schule ohne Unterricht mitwirken.
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Gruppe „Lehrkunst“
LEHRSTÜCKUNTERRICHT
Lehrkunst bzw. Lehrkunstdidaktik verbreitet sich an deutschen und Schweizer Schulen.
In der Tradition von Martin Wagenschein wurde sie von Lehrern im Unterricht und von
Erziehungswissenschaftlern an den Universitäten Marburg (Christoph Berg (Referent),
Wolfgang Klafki) und Bielefeld (Theodor Schulze) weiter entwickelt.
Am Kongress wirken die führenden Protagonisten mit. Sie bestreiten zusammen diese
Einführung und bieten anschließend Workshops zu einzelnen Stücken an: Hans
Aeschlimann, Edith von Arps-Aubert, Christoph Berg, Marc Eyer, Mario Gerwig, Werner
Meier, Stephan Schmidlin und Susanne Wildhirt.
Der Kern der Schule ist Unterricht. Die Lehrkunstdidaktik will guten Unterricht. Sie hat
ihr Haupthandlungsfeld daher in der Vorbereitung des Unterrichts und seiner
Durchführung. Das Besondere dieses Ansatzes ist darin zu finden, dass die
Unterrichtseinheiten für das bestmögliche Lernen der Schülerinnen und Schüler
„kunstvoll“ gestaltet werden – Kunst im Sinn von „gekonnt“.
Die Unterrichtseinheiten, genannt „Lehrstücke“, entstehen in der Regel über viele Jahre
hinweg in kollegialer Zusammenarbeit – in Fachgruppen, aber auch und immer wieder
mit Beteiligung der fachfremden Kolleginnen und Kollegen. Beim gemeinsamen
Erarbeiten wird auf eine Reihe von Aspekten geachtet, die in dieser Konsequenz wohl in
keiner anderen didaktischen Richtung verfolgt werden. Für das didaktische Greifen des
Themas ist entscheidend, wie dieses in die Geschichte der Menschheit kam. Die
Annäherung an den Moment, in dem das Wissen entstanden ist, legt authentische
Denkwege offen – die Themen und Inhalte werden von „fertigem Wissen“
zurückverwandelt in entstehendes, an dem auch die Schülerinnen und Schüler sich im
realen Nachvollzug beteiligen können. Die mit der Entdeckung oder Entschlüsselung
verbundenen Personen spielen ebenfalls eine Rolle. Sie dienen so oft es geht als in
Originalquellen verbriefte Wegweiser und Helfer – das ermöglicht auch stärkere
Identifikation und emotionale Beteiligung. Der Unterricht wird „echt“. So wird das
Barometer in den Spuren von Blaise Pascal entdeckt; Carl von Linnés Vorgehen hilft
beim Finden der Pflanzensystematik; Euklid zeigt, wie das Beweisen gelingt; Max Frisch
erklärt seinen Stiller und Lessing lehrt das Dichten von Fabeln.
Gleichzeitig ist es ein zentrales Anliegen in der Lehrstückgestaltung, die Dinge ganz zu
lassen, sie nicht auf Fächer zu verteilen oder in Fächerzuweisungen zu zerstückeln. In
der Konsequenz werden Lehrstücke daher meist transdisziplinär im Fachunterricht
umgesetzt. Die philosophische, zeitgeschichtliche oder ästhetische Bedeutung des
Themas oder Inhalts wird als Dimension in allen Lehrstücken berücksichtigt.
Zuletzt werden die Unterrichtseinheiten auch spannend rhythmisiert und an besonders
aufschlussreichen Stellen zum Mitmachen einladend in Szene gesetzt, so dass alle
angesprochen werden und verstehen wollen. Auch hier gibt es erfahrene Helfer, deren
Vorlagen und Überlegungen bei der Lehrstückgestaltung berücksichtigt werden: die
Klassiker der Didaktik von Comenius bis Aebli – und immer Martin Wagenschein.
Lehrstücke messen den Inhalten und den Lernenden zugleich höchstmögliche
Bedeutung zu. Lehrstückunterricht bedeutet, didaktisch differenziert und gekonnt
durchdrungene Inhalte zu kulturell wesentlichen Themen aufschlussreich in Szene zu
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setzen und sie der jungen Generation anschaulich und mitreissend zu vermitteln. So
kommen (möglichst) alle Beteiligten durch Verstehen zur Bildung.
Workshops zu folgenden Stücken:
(1) Faradays Kerze (Susanne Wildhirt)
(2) Barometer nach Wagenschein im Gespräch mit Klassikern der Pädagogik (Christoph
Berg, Marc Eyer)
(3) Beweisen verstehen (Mario Gerwig)
(4) Aufstehen mit Elsa Gindler (Edith von Arps-Aubert)
(5) Spaziergang mit Walser (Stephan Schmidlin)
(6) Alpstein (Werner Meier, Hans Aeschlimann)
Maria Matzenmiller, Dieter Plappert
EINE FORSCHENDE HALTUNG BEI KINDERN UND
ERWACHSENEN
DIE FREIBURGER FORSCHERRÄUME
Natur- und Na-turwissenschaftliche Bildung als Ganzheit gesehen – von der frühen
Kindheit bis ins Erwachsenenalter
Die Freiburger Forschungsräume sind ein Initiative der Stadt Freiburg, verschiedener
Bildungseinrichtungen und engagierter Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und
Lehrer aller Schulstufen. Die natur- und naturwissenschaftliche Bildung als Ganzes wird
hier als Einheit gesehen: von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter, nicht
fragmentiert mit der jeweiligen Sicht der Erziehenden in der Kita, der Lehrenden in der
Grundschule, der Sekundarstufe oder der Universität. Heute kann es sein, dass ein und
derselbe Versuch bis zu fünf Mal in der Biografie eines Lernenden behandelt wird –mit
unterschiedlichen, sich teilweise widersprechenden oder auch falschen Erklärungsmustern.
Bei den Freiburger Forschungsräumen entsteht eine Verbindung über alle Stufen
hinweg durch eine forschende Haltung, bei der das Kind, der Jugendliche im Mittelpunkt
steht, der sich auf dem Weg in die Natur bzw. in das Kulturgut „Naturwissenschaft“
be indet. Diese forschende Haltung aller Beteiligter, bei Kindern wie bei Erwachsenen,
ist geprägt von Neugier und dem Interesse jedes Menschen an der Welt. Sie beginnt mit
pers nlichen und konkret-sinnlichen Erfahrungen. Deshalb will (und muss) jedes
Individuum die Welt zunächst für sich selbst erschließen, deuten um schließlich die
Zusammenhänge zu verstehen und handlungsfähig zu werden bzw. zu bleiben. Dabei ist
die Möglichkeit, die Erfahrungen im sozialen Zusammenhang zum Ausdruck zu bringen
und in den Dialog mit Anderen einzubringen eine wesentliche Voraussetzung für die
Aneignung von Welt und somit für gelingende Bildungsprozesse.
Diese Aneignung von Welt erfolgt notwendigerweise in unterschiedlichen persönlichen
Deutungsmustern, die sich deutlich unterscheiden k nnen und zunächst erheblich von
der heute üblichen naturwissenschaftlichen Sichtweise – die in Jahrtausenden entstanden ist - abweichen. Wenn dieses Bildungsverständnis Grundlage für die pädagogische
Arbeit ist, d.h. jedes Kind Subjekt seines eigenen Bildungsprozesses ist, hat dies entscheidende Konsequenzen für die Haltung der Erwachsenen. Sie begleiten die Mädchen
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und Jungen in ihrem Bildungsprozess und gehen einen offenen Dialog ein, müssen bereit
dazu sein, sich gemeinsam mit ihnen auf einen suchenden Weg zu begeben. Kinder und
Jugendliche erleben so Erwachsene, die selbst Lernende und Forschende sind,
Pädagogen, die mit ihnen ins Nachdenken über ihr Tun kommen. Und sie schaffen
Anlässe und Situationen für Kinder, sich mit anderen Kindern und den begleitenden
Erwachsenen mit ihren Erfahrungen zu befassen, diese zum Ausdruck zu bringen und so
die eigenen Vorstellungen zu erweitern - sprachliche Bildung und Sprachförderung wird
von allen beteiligten Pädagogen als Querschnittsaufgabe betrachtet. Doch dazu geh ren
Mut und ein verändertes Rollenverständnis, denn sie gehen zusammen mit den Kindern
und Jugendlichen eine Lerngemeinschaft ein, begeben sich auf Augenhöhe. Der
gemeinsam beschrittene Lernweg ist dabei - weder in Bezug auf die Ergebnisse noch in
Bezug auf die einzuschlagenden Wege - durch die Erwachsenen zu steuern oder gar
vorweg zu nehmen. Er muss sich vielmehr aus der suchenden L sungsbewegung
ergeben.
Die Rolle der Erwachsenen in diesem Lernprozess ist eine wegbegleitende in zweierlei
Richtungen: Sie haben das Wissen und die Kenntnisse, wie diese suchenden Prozesse
des Forschens, Entdeckens und Entwickelns gesteuert und vorangebracht werden
k nnen und unterstützen die Lernenden in dieser Bewegung. Andererseits haben in den
weiterführenden Schulstufen die Erwachsenen solides naturwissenschaftliches Wissen
und fachdidaktisches Können, um die individuellen Vorstellungen der Kinder mit den
Begriffen und Konzepten der gegenwärtigen Naturwissenschaft in Berührung zu
bringen.
In den Freiburger Forschungsräumen, die sowohl als Denkräume der gemeinsamen
Weiterentwicklung der pädagogischen Vorgehensweisen, als auch als reale Erfahrungsräume drinnen und vor allem draußen verstanden werden, lernen auch die Erwachsen
von Kindern. Zum Beispiel, dass Kinder, wenn sie Schlick durch ihre Finger quellen lassen, noch keine Vorform von Faktenwissen, das ihnen die Schule einmal abverlangen
k nnte, betreiben. Kinder sind keine „kleinen Wissenschaftler , sondern „Genies der
Lust, am Leben zu sein,“ zitieren die Freiburger Andreas Weber, der auch am Kongress
mitwirkt. Dieser „Lust, am Leben zu sein“, wollen die Forscherräume erst mal Raum
gegeben, denn sie ist die Voraussetzung für sinnvolle und nachhaltige Lernprozesse, auf
die mit zunehmendem Alter eine fundierte naturwissenschaftliche Bildung innerlich
verankert werden kann, mit der sich die Heranwachsenden selbständig in unser technikbestimmten Welt orientieren können.
In der Veranstaltung werden zunächst die Grundanliegen der Freiburger Forschungsräume dargestellt, die dann an konkreten Praxisbeispielen aus der Kita und der Grund–
und Sekundarstufe gemeinsam beleuchtet werden.
Maria Matzenmiller, Leiterin Haus für Kinder am Hirzberg, Freiburg.
Professor Dieter Plappert ist Physiklehrer und Bereichsleiter am staatlichen Seminar für
Didaktik und Lehrerbildung Freiburg (Abteilung Gymnasien).
Beide haben die Freiburger Forschungsräume mit initiiert.
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Jürgen Oelkers
ORTE DES LERNENS
Ideen zur Gestaltung von Bildungslandschaften
„Was sind „Bildungslandschaften“ fragt der Zürcher Erziehungswissenschaftler. Wie
entstehen sie, was braucht es dafür? Wie können sie die Bedingungen des Lernens
verbessern? Oder handelt sich nur um ein weiteres schönes Programm, das nach dem
Ende der Förderung verpufft?
Jürgen Oelkers nennt Beispiele, wie solche Netzwerke gelingen, wie kommunale Ziele
und kommunale Bildungsprogramme entwickelt werden können. Er zieht eine Bilanz
bisheriger Erfahrungen und reflektiert den Begriff. Es geht um „die Öffnung der heute
geschlossenen Schule in den kommunalen Bildungsraum“. Mit der Ganztagsschule
bekommt die Diskussion über „Bildungslandschaften“ Auftrieb. Was k nnte sich bilden,
wenn sich Schulen, Kitas und Jugendhilfe verbinden? Wenn auch noch die
Erwachsenenbildung und Stadt(teil)kultur hinzukommen?
„Regionale Bildungsnetzwerke kann man knüpfen und beeinflussen, aber nicht
kommandieren. Sie wachsen auf nicht vorhersehbare Weise. Nur dann sind sie
nachhaltig, weil sich mit ihnen Ideen und Lösungen verbinden, die vor Ort überzeugt
und Bewegung ausgelöst haben. Nachhaltig heißt nicht, eine bestimmte Lösung auf
Dauer gestellt zu haben, sondern mit der L sung den weiteren Prozess zu beeinflussen.“
Martin Ott
WAHRNEHMEN! EIN ANDERER BLICK AUF DIE NATUR UND
AUF UNS SELBST
Martin Ott war ursprünglich Lehrer und ist dann Landwirt und Autor geworden. Er
baute einen der größten biodynamischen Betriebe in der Schweiz auf und gründete eine
landwirtschaftliche Schule. Er ist ein genauer Beobachter und Selbstdenker, ein
Philosoph, wie man ihn in den Hochschulen vermisst. „Bildung“, sagt Ott, „ist
Wahrnehmung und Tätigkeit.“ Und dazu geh rt auch, dass wir uns als Lebewesen unter
und mit anderen verstehen. Denn „Leben entzündet sich nur an Leben!“ (Jean Paul).
Martin Ott bietet dazu ein Beiboot am Freitag und einen Workshop am Sonnabend an.
29
Katharina Ritter
EINFACH FREI ERZÄHLEN
Ein kleiner Schwimmkurs zum Geschichtenerzählen
„35 Jahre hat es gedauert,“ sagt Katharina Richter, „bis ich endlich wieder das tat, was
ich immer schon gut konnte“. Das Erzählen. Dafür wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.
a. mit dem "Golden Delphic Award" bei den Internationalen Delphischen Spielen.
Schon als Kind hat die 1962 im Bregenzerwald geborene Katharina ganze Bücher frei
nacherzählt. Nach einer kaufmännischen Ausbildung landete sie zunächst beim Film, um
in München, wo sie seither lebt, als Produktionsleiterin zu arbeiten.
Über Umwege entdeckte sie im Jahr 1998 schließlich ihre Berufung und ihren
Beruf. Seither ist sie allenthalben unterwegs mit geborgten und vielen eigenen
Geschichten.
Was ist Erzählen? Was sind Geschichten? Worin unterscheidet sich das Mündliche vom
Schriftlichen? „Erzählen“, sagt Katharina Ritter, „ist das Einfachste und das Komplexeste
zugleich.“ Sie wird auch ihre eigene Geschichte erzählen. Als Kind hat sie die
Umschulung vom Schreiben mit der linken zur rechten Hand mit dem Trauma des NichtKönnens gezeichnet. Sie erlebte die Schrift als eine strikte Ordnung von richtig und
falsch.
Heute ist sie wieder häufig in Schulen. Es ist sehr interessant, was sie dort an Schülern
und Lehrern beobachtet und was sie über Schriftlichkeit und Mündlichkeit denkt, und
dass die Schüler sofort merken, „will jemand uns nur etwas erzählen oder erzählt er eine
Geschichte.“ „Denn Geschichten“, so Ritter, „leben von der Wahrhaftigkeit des Erzählers.
Man muss sich zeigen, in seiner Art, echt, und dann werden die anderen zuh ren.“
Wie kommt es denn, fragt sie, dass man sich fast ausschließlich an jene Lehrer gut
erinnert, die erzählt haben?
Katharina Ritter schreibt zu ihrem Workshop:
„Menschen können erzählen. Erzählen ist mit dem Schwimmen vergleichbar. Das
Wasser trägt - man muss nur darauf vertrauen. Beim mündlichen Erzählen ist es, als
schwimme man durch die Geschichte. Auch hier muss man darauf vertrauen, dass sie
einen trägt. Für den Anfang muss es nicht gleich eine Kanalüberquerung sein. Es genügt
zunächst, etwas zu plantschen.
Irgendwann, fast unmerklich, zieht man dann die Füße ein und schwimmt los.
Wichtig ist der Sprung ins Wasser. Erst die Übung macht die Meister. Falsches
Erzählen gibt es erst mal nicht. Wem Kinder länger als fünf Minuten zuhören, der hat gut
erzählt. Allerdings kann man sich in der Geschichte auch verschwimmen, sich wie an
spitzen Felsen, am schlimmen Handeln der Protagonisten stoßen. Die Puste kann knapp
werden, weil die Strecke unerwartet lang wurde. Beim Tauchen kann der Faden
entgleiten, der ums Bein gebunden war, um zurückzufinden. Auch darin verheddern
kann man sich. Man kann von neidischen Nichtschwimmern belächelt ‐ ja sogar von
Erzähl-Haien angegriffen werden. Die größte Gefahr geht jedoch von einem selbst aus.
Nie sollte man deshalb in seichten Gewässern blubbern, sich nicht im Klang der eigenen
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Stimme aalen und nie mit erhobenem Zeigefinger erzählen. Es könnte zu spontanem
Zuhör-Verlust führen.
In dem ca. 90 Min. - Workshop werden ganz praktische Trockenübungen vorgestellt –
und wer Lust bekommt, kann auch gleich kopfüber ins freie mündliche Erzählen
springen. Apropos:
„Erzählen macht nur Sinn, wenn jemand zuhört.
Wer eine gute Geschichte erzählt, dem wird man zuhören!“
Katharina Ritter wirkt auch an der Kongresseröffnung mit. Beim festlichen Abend wird
sie das Essen, die Musik und die Gespräche mit kleinen Geschichten unterbrechen, die
man nicht so bald vergessen wird.
Hartmut Rosa
RESONANZEN! INTENSITÄT! LERNEN!
Was passiert, wenn Schüler ganz bei der Sache und bei sich selbst sind? Wenn sie sich
nicht in 13 Fächer verzetteln, sondern tief eindringen? Wenn es im Raum vor
Aufmerksamkeit knistert. Oder greift man ins Leere? Was macht den Unterschied?
Anders gefragt, wie kommen Resonanzverhältnisse auf? Wie entsteht Intensität?
Davon wird Hartmut Rosa berichten. Wie kommt es, dass zum Beispiel Jugendliche nach
Sommerkursen der Deutschen Schülerakademie davon schwärmen, sie hätten in drei
Wochen mehr gelernt als in einem Schuljahr? (Auch Schüler und ehemalige Schüler der
Sommerakademie kommen mit nach Bregenz). Hartmut Rosa hat bereits vor seiner
wissenschaftlichen Karriere dort als Dozent mitzuarbeiten begonnen und macht noch
immer jeden Sommer drei Wochen mit. Er empfindet diese Zeit nicht als entgangenen
Urlaub. Das ist ein starker Hinweis auf gelungene Resonanz.
Hartmut Rosa lehrt Soziologie in Jena. Er wurde durch seine Studien über
Beschleunigung und den rasenden Stillstand bekannt. Derzeit arbeitet er an einer
Theorie der Resonanzverhältnisse. Ein Versuch, Theorien der Entfremdung auf dem
Hintergrund heutiger Lebensverhältnisse neu zu formulieren.
Erschöpfungsdepressionen zum Beispiel sind weniger das Ergebnis von zu viel Arbeit
oder zu großer Anstrengung als von einem Mangel an Resonanz.
Soll ein Echo nur wiederholen, soll eine Kopie bloß verdoppeln, so ermöglicht Resonanz
etwas Neues, vielleicht Verwandtes, aber immer etwas Anderes. Rosas These ist, „dass
menschliches Leben dort gelingt, wo Subjekte konstitutive Resonanzerfahrungen machen,
dass es dagegen misslingt, wo Resonanzsphären systematisch durch stumme, das heißt rein
kausale oder instrumentelle Beziehungsmuster verdrängt werden.“
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Rosemarie Scheu mit Remo Largo und Schülern sowie
Ehemaligen der „Villa Monte“, Galgenen, Kanton Schwyz
EINE SCHULE OHNE UNTERRICHT
„Wenn ich nur darf, was ich soll, aber nie kann, wenn ich will, dann mag ich auch nicht,
wenn ich muss. Wenn ich aber darf, wenn ich will, dann mag ich auch, wenn ich soll, und
dann kann ich auch, wenn ich muss. Denn die k nnen sollen, müssen wollen dürfen.“
Auf einem Zettel über dem Telefontisch in der Villa Monte.
Remo Largo erzählt begeistert von dieser Schule. Er hat sie mehrfach besucht. Sie macht
ihm Hoffnung. Eine Schule, in der nicht unterrichtet wird. Er war jetzt mehrfach dort,
um über sie zu schreiben und kam jedes Mal heiter nach Hause. Was für eine Evaluation!
Remo Largo schreibt: „Die Schule finde ich aus den folgenden Gründen sehr interessant:
 70 Schüler vom Kindergarten bis Oberstufe.
 Die Kinder entscheiden, was und wie sie lernen wollen.
 Lehrer geben nichts vor und bestimmen. Sie helfen aber, wenn es die Kinder
verlangen.
 Kein Schulunterricht, aber vielerlei Erfahrungen, wie auch aus dem Kalender
hervorgeht.
 Wunderbares Haus und wunderbare Umgebung, in der die Schule beheimatet ist.
 Schulabgänger beruflich und sozial erfolgreich integriert.
 Das Schulinspektorat lässt die Schule seit 25 Jahren gewähren.
Es ist diejenige Schule, die für mich am extremsten vom Grundsatz geleitet wird: Kinder
wollen selber lernen, und sie tun es auch, wenn sie die notwendigen Erfahrungen
machen können, und - sie lernen am besten voneinander.
Gretchenfragen der staunenden Eltern und Pädagogen: „Wie lernen die Kinder lesen,
schreiben und rechnen?“
Die Schule tritt erstmals bei einem Kongress auf. „Wir sind keine Vortrags-Geeigneten,
dazu fehlt uns das Sendungsbewusstsein.....wir sind sozusagen autodidaktische
Praktiker,“ schrieb die Gründerin Rosemarie Scheu. Sie wollen für niemanden ein Modell
sein. Genau das verstehen wir als „die Intelligenz der Praxis.“
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Wilfried Schley
SELBSTAUFMERKSAMKEIT - DIE MACHT DER INNEREN
BILDER
Entdeckungsreise zum Professionsbewusstsein als reflektierte
Intuition
Wilfried Schley ist Professor für Erziehungswissenschaft. Er leitet außerdem die
„Leadership Foundation for Professional Learning and Global Education“. Zur
Kultivierung der Selbstaufmerksamkeit hat er mit zusammen mit Helga Breuninger
Videos gedreht, die sichtbar machen, was gewöhnlich übersehen wird. Wilfried Schley
schreibt:
Lernen ereignet sich in den Zwischenräumen: Im Wahrnehmen und Wahrgenommen
werden, in Resonanz, im Erleben von Wertschätzung und im Blick des anderen. So bildet
sich Atmosphäre. So entstehen in respektvoller, nicht übergriffiger Nähe Beziehungen,
immer mit Wirkungen auf das Selbsterleben. Lernen ist nicht „individuell“ sondern
personal. Es sind die Subjekte, die lernen. Aber sprechen wir denn mit unseren
Angeboten, Arbeitsformen und Aufgaben die Subjekte an?
Wie gestalte ich also eine Atmosphäre? Wie schaffe ich einen Raum der Resonanz? Einen
Ort der Aufmerksamkeit? Und wie erlebe ich mich selbst darin? Wie gelingen uns
Lernlandschaften, die den Raum zur Entfaltung der Talente, der Potenziale und
Fähigkeiten geben?
Der Schlüsselbegriff heißt Selbstaufmerksamkeit: Wahrnehmen aus einer
Kameraperspektive. Schule als eine von Absichten, Normen, Zielen, Ansprüchen und
Programmen getragene Institution. Wo ist da der Raum für das Ungewisse, das
Unmittelbare, wo ist die Zeit für das Entdecken, Erkennen und Aufnehmen?
Wir haben mit der Filmkamera einen aufregenden und zuweilen aufreibenden Weg
durch das Gebiet der Selbstaufmerksamkeit hinter uns. Er führt uns in ein
Kompetenzteam im Literaturhaus in Stuttgart. Er leitet uns auf eine Dachterrasse in
Wien. Wir sehen dann Schüler beim Drehen von Filmen in Tübingen.
Das Spannendste dabei ist: Was geschieht mit uns, die wir die Filme entworfen, gedreht
und kommentiert haben und was bei denen, die sie sehen? Wir erkennen uns in den
Filmen selbst. Es geht nicht um mich und die Identifikation, es geht mir unter die Haut.
Wie aber sieht Lernen aus, das unter die Haut geht? Darauf gibt es im Kontext unserer
Arbeit eine überraschende Antwort: Wir erleben den Musterwechsel vom Stöhnen und
Klagen zum Atmen und Lebendigwerden. Wir setzen auf die Kraft der Intuition und die
Kräfte, die daraus hervorgehen. Sie lassen sich entdecken und erleben.
Wenn aber die Vorhaben dominieren, all die Pläne, Ziele, Kompetenzen, wo ist dann der
Platz für die Wahrnehmung? Für das Ungewisse? Das Plötzliche wird dann zur Störung
und Resonanz bleibt auf der Strecke.
Wir laden ein über die Filme die Intuition am eigenen Leibe zu entdecken.
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Marco Wehr
WARUM KINDER LERNKÜNSTLER SIND
Ist es nicht erstaunlich? Virtuosen und Meister lernen auf dieselbe Art wie kleine Kinder.
Marco Wehr, Wissenschaftler, international bekannter Tänzer und auch an den Bongos
ein Meister, hat diesen Zusammenhang untersucht und gezeigt, wie Eltern und Lehrer
dieses wertvolle Wissen in ihrem Alltag mit Kindern nutzen k nnen.
Eben ist in den „Archiv der Zukunft - Flugschriften“ im Beltz Verlag sein Buch „Kleine
Kinder sind große Lehrer – das Genie der frühen Jahre“ erschienen.
Kleine Kinder sind begeistert, hartnäckig und unermüdlich. Sie lassen sich durch
Misserfolge nicht vom Weg abbringen. Mutig suchen sie sich Ziele, denen sie kaum
gewachsen sind. Das Lerngenie kleiner Kinder entfaltet sich vor unseren Augen
scheinbar von allein. So haben Erwachsene die Chance zu beobachten, was beim Lernen
wichtig ist.
„Gute Lehrer“, so Marco Wehr, „nehmen den Schwung der frühen Jahre mit und
motivieren durch das eigene Beispiel, nach dem Motto: Wer zünden will, muss selber
brennen.“
Wegen seiner Vielfalt nannte die ZEIT den Physiker, Philosophen und Tänzer einen
„Kopf mit K rper“. Marco Wehr bietet auch den Workshop „Tanz: Üben mit Hand und
Fuß“ an.
Harald Welzer
TRANSFORMATIONSDESIGN
„Die Frage ist, ob der kommende Wandel nun by design oder by desaster kommt.“
Harald Welzer
„Als wir das Ziel aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere
Anstrengungen.“ Mark Twain
Jared Diamond hat in seinem Buch „Kollaps“ das Scheitern von Gesellschaften
untersucht. Ihre Gemeinsamkeit: die bis zum Kollaps der Überlebensbedingungen
angewendeten Strategien zur Sicherung des Lebens und Überlebens waren über
Jahrhunderte hinweg erfolgreich gewesen, erwiesen sich aber gerade deshalb unter
veränderten Umweltbedingungen als Falle. Denn als sich etwa auf den Osterinseln
infolge von Bodenerosion die Ernteerträge verschlechterten, intensivierten die Insulaner
die Bodennutzung. Um Boote für den Fischfang zu bauen, schlugen sie mehr Holz. Und
unsere hohen Priester heute? Sie murmeln: Wachstum, Wachstum, Wachstum.
Der Sozialpsychologe Harald Welzer versucht diese Mechanismen zu verstehen um
daraus Perspektiven eines „Transformationsdesigns“ für Übergänge zu anderen
Überzeugungen und Lebensweisen zu entwickeln.
Die historischen Beispiele zeigen, dass Kulturen sehr schlecht darin sind, ihre
Erfolgsstrategien und Stressbedingungen zu verändern; in der Regel intensivieren sie
34
diese und fahren so desto schneller in die Katastrophe. Wem sich dabei Parallelen zur
heutigen Wachstumswirtschaft aufdrängen, liegt sicher nicht falsch: denn das
Wachstumskonzept wird ja desto prominenter, je deutlicher die Folgen des
Überschreitens der „Grenzen des Wachstums“ werden. Dennis Meadows und Kollegen
haben diese Grenzen schon vor mehr als 40 Jahren recht genau bestimmt, ohne dass sich
freilich grundlegend etwas am kapitalistischen Metabolismus mit der Natur verändert
hätte. Im Gegenteil: zwischenzeitlich hat sich die kapitalistische Wachstumswirtschaft
über den ganzen Planeten verbreitet, weshalb jegliche Grenzen des Wachstums – beim
Material- und Energieverbrauch wie bei den Emissions- und Müllmengen – immer global
überschritten werden. Trotzdem halten Wissenschaft und Politik, Wirtschaft und
Administrationen an den Strategien fest, die sie kennen – und offenbar desto mehr, je
deutlicher sie sich als aussichtslos erweisen.
Kurz: Sie alle bleiben beim Plan A, einen Plan B scheinen sie nicht zu kennen. Das ist
nicht überraschend. Denn es ist zwar bekannt, wie es auf der Basis einer fossil
befeuerten Wachstumswirtschaft zu jenen enormen materiellen und zivilisatorischen
Fortschritten gekommen ist, die die Menschen im sogenannten globalen Norden zu den
Privilegierten der Welt gemacht haben, aber es existiert einstweilen allenfalls nur
fragmentarisches Wissen darüber, wie sich ein solcher Typ Zivilisation unter
Bedingungen aufrechterhalten lässt, in denen der Material- und Energieverbrauch sowie
die Emissions- und Müllmengen um den Faktor fünf bis zehn reduziert sind. Vor diesem
Hintergrund versteht sich Transformationsdesign zunächst einmal als Suche nach den
Möglichkeiten für eine reduktive, zukunftsfähige Moderne.
Und wie beginnen wir andere kulturelle Muster zu bilden? Welzer sagt: „Selbst Denken.
Sich selbst ernst nehmen. Geschichten vom Gelingen sammeln!“ Und von wem werden
die Muster verändert? „Die Leute sind weiter als die Politik!“
Auch Harald Welzer hat sein Leben verändert. Vor zwei Jahren kündigte der Direktor am
Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und gründete Futurzwei. Diese Stiftung
sammelt Argumente und Geschichten. Futurzwei? „Welche Geschichte werden wir über
uns bzw. über diese unsere Gesellschaft erzählt haben?“ Beziehungsweise: „Wer m chte
ich gewesen sein?“
Anschließend „Futurzwei Worksshop“ mit Harald Welzer, Dana Giesecke und Josefa Kny
von Futurzwei sowie Protagonisten des Wandels. Harald Welzer nimmt am Sonntag um
11:30 Uhr am Podium des Schlussplenums teil.
Tanja Westfall-Greiter
INDIVIDUALISIERUNG? PERSONALISIERUNG!
Ein pädagogischer Blick auf Bildungs- und Verbildungsprozesse
Jede/r ist die Summe seiner Geschichten, die wir als Uns-Selber-Bildende immer wieder
neu deuten. Dadurch ändern wir stets unser Verhältnis zur Welt und somit die Welt.
Lehr- und Lernprozesse in der Schule tragen zu diesen Deutungen bei. Aber wie? Tanja
Westfall-Greiter geht davon aus, dass Schulerfahrungen nicht unbedingt
Lernerfahrungen sind und dass Lernerfahrungen nicht unbedingt bildende Erfahrungen
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sind. Es gilt also zu unterscheiden. Sie richtet die Aufmerksamkeit darauf, was in einem
Zeitalter der „Lernifizierung“ (Biesta) tatsächlich bildet? Was prägt unsere Gesellschaft,
die eine der Angst (Bude), eine der Selbstkontrolle (Meyer-Drawe) oder eine der
Beschleunigung (Rosa) genannt wird?
Die Spannungsfelder zwischen Bildung und Ausbildung, Sein und Leistung und auch
zwischen Personalisierung und Individualisierung zeigen ein gemeinsames Muster auf:
was ich mit mir mache vs. was mit mir gemacht wird. Wie wirken sich diese
unterschiedlichen Positionierungen eines Menschen langfristig aus?
Zusammen mit Michael Schratz, mit dem sie an der Universität Innsbruck zusammen
arbeitet, hat sie die „didaktische Konstruktion des Individuums“ kritisiert und in
genauen Beobachtungen des Alltags von Kindern in der Schule hat sie mit „Vignetten in
der Praxisforschung“ Elemente einer Mikropädagogik entwickelt. Dazu bietet Tanja
Westfall-Greiter auf dem Kongress auch einen Workshop an.
Tanja Westfall-Greiter ist gebürtige US-Amerikanerin. Sie lebt seit mehr als 20 Jahren in
Österreich. Sie ist derzeit mit der Entwicklungsbegleitung der Neuen Mittelschulen vom
Ministerium für Bildung und Frauen als Co-Leiterin des Zentrums für lernende Schulen
beauftragt. Im Rahmen ihres Doktorats beschäftigt sie sich mit Lernen und personalen
Bildungsprozessen und hat gemeinsam mit einem Forschungsteam und Michael Schratz
die Vignettenforschung an der Universität Innsbruck entwickelt. Sie ist auch
Koordinatorin für Österreich im OECD-Projekt „Innovative Learning Environments“. In
ihrer Freizeit genießt sie ihre Eigenzeit im Garten, beim Kochen und unterwegs auf zwei
Rädern mit ihrem Ehemann.
Goetz Werner
ZUTRAUEN!
Was Freiheit, bedingungsloses Grundeinkommen, Kreativität und
Bildung miteinander zu tun haben
Hätte vor drei Jahren jemand prophezeit, einer der beiden große Drogeriemärkte „dm“
oder „Schlecker“ wird pleitegehen: der harte Ausbeuter oder der von Freiheitsideen
getragene „dm“, hätten da nicht viele gesagt: Oh, es ist aber schade um dm. Es kam
anders. Beim „Kundenmonitor Deutschland“ ist „dm“ 2 1 die Nummer eins.
Götz Werner eröffnete 1973 seinen ersten Drogeriemarkt. Heute arbeiten in der dmKette europaweit nahezu 50.000 Menschen. Ein Phantast ist Götz Werner nicht. Er setzt
auf die Produktivität der Freiheit. „Wenn ich mir keine Sorgen um meine Existenz machen
muss, kann ich mich an neue Ideen wagen.”
Bei „dm“ gehören Theater-Workshops zur Ausbildung der „Lernlinge“. Auf Freiheit zu
setzen, schlägt Werner auch der Gesellschaft und den Schulen vor. Ein Vorschlag von
G tz Werner ist das „unbedingte Grundeinkommen“. Es soll jeden in die Lage versetzen
das zu tun, was er oder sie will. „Wir versuchen uns als Musiker oder als IT-Start-up. Das
Grundeinkommen gibt uns die Freiheit das auszuprobieren. So schaffen wir viel mehr
Risikobereitschaft, viel mehr Unternehmertum.”
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G tz Werner zitiert Rousseau: „Freiheit ist: nicht tun zu müssen, was man soll“. Dieser
Satz sollte zur neuen Regel werden. Das eigentlich Revolutionäre bestehe im Wandel des
gesellschaftliche Klimas: „Mit 1
Euro im Monat ist der Mensch von niemandem mehr
abhängig, nicht von Familie, Kunde oder Arbeitgeber. Wer die Arbeit nur macht, weil er
das Geld braucht, indet jeden Morgen fünf Gründe, nicht aufzustehen. Die habe ich auch,
nur fällt mir noch ein sechstes Argument ein, warum ich trotzdem aufstehe: Das ist
notwendig, was ich heute mache, das ist sinnvoll für die Welt, das will ich.“
G tz Werner studierte in keiner Uni, „aber im Leben.“ Seit 2003 ist er Professor für
Entrepreneurship in Karlsruhe. “ Ein Goethesatz ist sein Motto: „Hier bin ich Mensch, hier
darf ich's sein“.
Foto Jeff Wall. Mit freundlicher Genehmigung unseres Kooperationspartners Kunsthaus Bregenz.
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Foren
FORUM ARCHITEKTEN
EIN NETZ VON ORTEN BILDEN!
Erfahrungen und Erzählungen aus Südtirol, der Schweiz und
Österreich
Andreas Hammon, Franz Ryznar, Beate Weyland, Michael Zinner
Vier Architekten und Pädagogen zeigen, erzählen, denken, fragen und kommen
ins Gespräch.
Sie schreiben: Schulen sind zu lange schon in ihren ›Monokulturen‹ gefangen: eine
gesellschaftliche Funktion, ein determiniertes Gebäude, eine formale Institution, eine
ausbildungsberechtigte Besoldungsgruppe, eine sitzende Körperhaltung, eine frontale
Unterrichtsform, eine gleichaltrige Klasse …
Wie k nnen wir Bildung als einen Prozess in ›Multikultur‹ neu, breit – ›weit‹ – und
möglichst konkret auch räumlich etablieren? Welche Aufgaben, welche Gebäude, welche
Institutionen und welche Menschen können innerhalb einer Kommune, eines Quartiers
oder eines Stadtteils ›Schule‹ bedeuten? Wie können wir bestehende Ressourcen
(Menschen, Institutionen, Erfahrungen, Räume, Material) sinnvoller vernetzen
beziehungsweise intensiver nutzen? Und wie lernen wir das?
Im Workshop stellt sich ein in der Gründung begriffenes Netz von Menschen aus
Südtirol, der Schweiz, Österreich und Deutschland aus den Feldern Pädagogik,
Architektur, Organisationsentwicklung und Verwaltung mit zwei Impulsen vor:
Zum ersten werden wir unser Vorhaben ›Weiterbildung zur partizipativen Entwicklung
von Lernräumen‹ (Arbeitstitel) skizzieren. Leute aus den Schulen, der Verwaltung, der
Beratung und den Fachgebieten Pädagogik und Architektur werden hier die Möglichkeit
vorfinden, sich in fünf Modulen innerhalb eines Jahres passgenau die jeweils
persönlichen noch benötigten Kompetenzen praxisnah und im Austausch mit anderen
anzueignen. Unsere ›Schule‹ will die M glichkeit zur Selbstprofessionalisierung geben.
Sie lernen von uns und wir lernen von Ihnen.
Zum zweiten werden wir aus unserer Praxis berichten und davon in Bildern und
Geschichten unsere Erfahrungen ›erzählen‹. Was muss beispielsweise eine Gemeinde
leisten, um Kindergärten, verschiedene Schulen und öffentliche Bildungseinrichtungen
wie beispielsweise Bibliotheken in wirksame pädagogische Zusammenarbeit in neuer
räumlicher Verflechtung zu bringen? Wie ist es möglich, Lehrende, Betreuende und
Pflegende jenseits von ›Aufenthalts- und Arbeitsraum‹ in neuen Raumzusammenhängen
gemeinsam zu organisieren? Was dürfen wir berücksichtigen, wenn ehemalige
Klassenräume zonierte Lernlandschaften, ehemalige Gänge neue Lernwelten und
ehemalige Einzelinstitutionen neue Bildungsnetzwerke werden sollen?
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Sie lassen sich inspirieren, Sie stellen Ihre Fragen und Sie äußern Ihre Sorgen. Wir
entwickeln gemeinsam spontane Antworten und neue zukunftsweisende Projekte in
unseren Workshops gleich an Ort und Stelle.
Beiträge der vier Architekten auf www.adz-netzwerk.de
FORUM ORTE BILDEN!
Keine fertige Welt - Grabowsee, Schlänitzsee, Schluchsee,
Villa Mutzenbecher
Bernd Hanke, Rudolf Eisl, Andreas Reichel, Matthias Peeters
Weil Orte uns bilden, gut und auch schlecht, kommt es darauf an, sie selbst so zu bilden,
dass Kinder und Jugendliche dort auf den Geschmack der Welt kommen. Dass sie
eingeladen werden. Dass sich ihr Interesse entzündet. Was wären das für Orte?
Jedenfalls nicht solche, die nur eine Funktion erfüllen und die sich ihrerseits mit dem
Funktionieren ihres Personals begnügen. Es wären Orte, die eine „vollständige
Umgebung“ bieten. Eine „vollständige Umgebung“ verlangte Goethe für die Kinder,
schon spürend, dass da etwas verschwindet. Der Gedanke ist also nicht neu. Aber was
einmal selbstverständlich im durchwachsenen Alltag war, muss heute geschaffen
werden: Orte, an denen Kinder und Jugendliche Tätigkeiten und folgenreiches Handeln
erleben und daran teilnehmen können. An denen sie auf Erwachsene stoßen, die etwas
gut können und von denen etwas abfärbt. Wo sie die Natur erleben und an deren
Kultivierung sie mitwirken. Wo sie sich ausprobieren können. Wo sie ihre
Selbstwirksamkeit ausbilden und die Chance haben, ihr Ding zu finden.
Zum Beispiel am Grabowsee nördlich von Berlin. Bernhard Hanke, ursprünglich
Landschaftsgärtner, hat sich dort eingerichtet und viel vor. Man könnte ihn auch
Philosophen oder Künstler nennen, ein Menschensammler und Projektentwickler. Es
gibt ein riesiges, verlassenes Grundstück am See. Um einen wunderbaren Innenraum
herum angeordnet steht ein halbes Dutzend prächtiger Häuser. Vor mehr als hundert
Jahren wurden sie als luftige Gebäude einer Lungenheilanstalt erbaut. Nach 1945 wurde
daraus ein russisches Militärkrankenhaus. Seit 25 Jahren stehen sie leer, wurden
geplündert und werden als Kulisse für Film und Fotoshootings genutzt. Kürzlich drehte
dort George Clooney. Hier bildet sich ein Resonanzraum ganz besonderer Art. Der Plan:
Künstler und Handwerker, Kinder und Jugendliche werden die Häuser instand setzen
und das Gelände kultivieren. Sie haben damit bereits begonnen. Es werden Werkstätten
und Ateliers, eine Jugendbauhütte, Ausstellungs- und Konzerträume entstehen: Eine
Kinder- und Jugendakademie.
Die jungen Leute, sagt Hanke, sollen hier die Welt aus erster Hand erfahren. Keine
secondhand–Welt, keine Abziehbilder! Die Lehrer sollen sich indessen auf Liegestühlen
am See erholen. Das Gelände, das vor Jahrzehnten für die geschundenen Körper
geschaffen wurde, soll nun die entleerten und überfüllten Seelen heilen. Die Seelen der
Kinder, so Hanke, lechzen nach Arbeit – und vor allem nach Resonanz. Die Lehrer lassen
so lange das Belehren, werden verwöhnt und wollen dann bald mitmachen.
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Am Schluchsee im Schwarzwald fing es mit der Arbeit eines Jugendwarts an. Der
Ingenieur Rudolf Eisl ist von Anfang an dabei und geht mit neuen Ideen voran. Es
begann mit einer neuen Art das Segeln zu erlernen, ohne jeden Theorievorlauf, einzig
durch begleitetes Üben und Probieren im Ein-Mann-Kielboot. Später wurde dort das
Bootel erfunden, ein Haus, das einem umgestülpten Boot ähnelt, ein Kuppelbau aus Holz,
in dem man sich sofort wie in einer (kleinen) Kathedrale fühlt.
Und nun kommt das Aquaponik-Projekt: Ein Treibhaus für Fischzucht und
Gemüseanbau. Es arbeitet energieneutral und abfallfrei. Schüler lernen den Bau von
Aquaponik-Gewächshäusern, die Pflege von Tieren und Pflanzen ebenso wie die Technik
zur Steuerung der Anlage und lernen schließlich auch das Gemüse und den Fisch zu
verkaufen. Sie lernen beim eigenen Handeln und von Erwachsenen, die es können und
tun.
Die Villa Mutzenbecher steht in einem Stadtwald in Hamburg. Es ist ein schon im
Verfall begriffenes, denkmalgeschütztes Haus. Nun wird es bald saniert werden.
Architekturstudenten und ihr Hochschullehrer haben schon alles vermessen,
durchgerechnet, ein Modell gebaut und Pläne gemacht. Die Studenten, Berufsschüler
und Schüler einer Stadtteilschule (Gesamtschule) werden miteinander und mit
Pädagogen und Handwerkern zusammen arbeiten. In drei Jahren soll das Haus dann ein
Ort für Waldpädagogik, für naturwissenschaftliche Projekte und auch für Kunst,
Literatur und Konzerte sein. Aber vor allem wird es der Ort für eine Geschichte sein, die
einfach niemand vorher kennen kann. An solchen Orten entsteht Zukunft. Andreas
Reichel wird von den Anfängen und Plänen berichten.
Diesen Orten gemeinsam ist, dass sie nicht erst gebaut werden, um sie später nur noch
zu „nutzen“, sondern dass sich dort bereits von Anfang an eine souveräne Praxis
entwickelt. Praxis führt nicht aus, sie verwandelt. Sie erreicht neue Phasen und lässt sie
hinter sich. Sie wird nie fertig sein. Dafür braucht es verlässliche Orte. An ihnen bilden
sich soziale Organismen. Sie kündigen der Tradition der Anstalten mit ihrer
strukturellen Passivität, die auf die Lernenden übergreift und sie zu Ausführenden
macht. Konstruktiv verknüpfen die Menschen Vorgefundenes und machen was draus.
Statt „des Stoffs“ der Schule, gibt es viele Stoffe, die alle ihren Eigensinn haben, die
respektiert und umgewandelt werden.
Bereits seit sieben Jahren wird ein Grundstück am Schlänitzsee verwandelt. Das Projekt
der Potsdamer staatlichen Montessori-Oberschule wird bei diesem Kongress bereits
beim Eröffnungsplenum vorgestellt. Ulrike Kegler hält später einen Vortrag, in dem sie
Geschichte erzählt und reflektiert wird. In einem Workshop werden die kleinen Dinge,
auf die es letztlich ankommt, Thema sein. An dem Werkstattgespräch nimmt der
Landwirt Mathias Peeters teil, ohne den es diese siebenjährige Geschichte so nicht
gäbe. Dieses Gespräch hat den Vorteil, dass sich die Protagonisten noch nicht kennen. So
haben sie sich wirklich etwas zu erzählen.
Dabei sein werden auch noch Nora Griefahn und Tim Janssen von cradle to cradle.
Michael Braungart, der Begründer von cradle to cradle, der eigentlich beim Kongress
dabei sein wollte, wird Ende Oktober nicht in Deutschland sein. Hier sein Vortrag bei
unserem Kongress „theater träumt schule“ im Februar 2 1 in den Münchner
Kammerspielen.
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FORUM BILDUNGSLANDSCHAFTEN
Mit Jürgen Dege, Ronnie M. Peplow und Barbara Strauß, Kurt Fischer
und Christoph Jenny, Daniela Spitzar, Sigrid und John Stjerneby
Bildungslandschaften, zumal blühende, sind ein Traum. Noch. Die vorherrschende Farbe
ist eher grau. Die Einrichtungen sind gewöhnlich nicht so einzigartig und insgesamt
nicht so vielfältig, wie es das Wort „Landschaft“ nahe legt. Aber Bildungslandschaften zu
kultivieren, das ist ein stärker werdender Wunsch von vielen und häufig im Interesse
lokaler Politik. Wie entstehen Landschaften mit lebendigen Orten? Wie löst man sich aus
der Gravitation isolierter Anstalten, aus dem Funktionieren programmierter
Lernfabriken oder von bloßen Containern, in denen auch die Kinder und Jugendlichen
abgefüllt werden? Wie entstehen Bündnisse, auch ungewöhnliche, für diese anstehende
große Verwandlung?
In diesem Forum kommen – bleiben wir im Bild – Landschaftsgärtner, Planer und
Architekten, Gartenbauer sowie Spezialisten und Liebhaber für das Nahe und Konkrete
zusammen.
Jürgen Dege koordiniert die „Bildungsoffensive“ auf den Hamburger Elbinseln, die im
Zuge der Internationalen Bauausstellung entstand. Dort wurde das Bildungszentrum
„Tor zur Welt“ gebaut, mit einem „Inselcafé“ für den Stadtteil und einem von Kindern
und Jugendlichen gestalteten Schulhof als „Agora“ und einem „MEDIA-Dock“, in dem
eine Radio- und Fernseh- Station auf Sendung gehen wird.
Ronnie M. Peplow und Barbara Strauß arbeiten in Hamburg als
Bildungskoordinatoren im bundesweiten Projekt „Lernen vor Ort“. Sie haben eine
Matrix für die zuweilen unübersichtlichen Landschaften entwickelt.
Kurt Fischer ist der Bürgermeister in Lustenau, Vorarlberg, nahe Bregenz. Christoph
Jenny ist stellv. Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg. Vorarlberg will
österreichische Modellregion in der Schulentwicklung werden. Das Bundesland gilt als
besonders ideenreich und „innovativ“.
Daniela Spitzar hat aus der Verwaltung der Gemeinde Halstenbek bei Hamburg heraus
die Verwandlung des Bahnhofs initiiert. Mit fast 80 Kindern und Jugendlichen wurde
ein ungepflegter S-Bahnhof zu einem schönen Ort. Die Zusammenarbeit von Künstlern,
Schule, Bahn, Geschichtswerkstatt und Rathaus hat die Kleinstadt bewegt und auch
außerhalb Resonanz gefunden.
Sigrid und John Stjerneby aus Göttingen betreiben die bauliche Verwandlung von
Schulen und Kitas als „Gesamtkunstwerk“. Die Künstlerin und der Ingenieur schaffen
zusammen mit Pädagogen, Verwaltung und den Kindern und Jugendlichen deren
einmalige Orte. Ihr Motto: „Nur du allein schaffst es, aber du schaffst es nicht allein“.
Nach dem Plenum geht es in Gruppen um die Protagonisten weiter.
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FORUM GUTE SCHULEN
Mit Magda von Garrel, Eva Espermüller, Rolf Schönenberger, Wibke
Stock, Team aus Osterholz-Scharmbeck u.a
Es gibt sie, und sie werden auch zahlreicher, die guten Schulen, wie zum Beispiel die mit dem
Deutschen Schulpreis und ähnlichen Preisen in Österreich und der Schweiz ausgezeichneten.
Und dennoch hat man zuweilen auch den Eindruck, die Luft sei bei den Reformern raus.
Reform ist ja auch längst kein unschuldiges, optimistisches Wort mehr. Man nehme nur den
törichten Abzählvers G9 - G8 – G9. Und das ist ja nicht die einzige, atemlose Pseudoreform
von oben, die vielen nicht nur die Luft, sondern auch die Lust nimmt.
Und wie steht es um die Veränderungen, auf die es ankommt, die von unten? Auch da kann
man zuweilen den Eindruck gewinnen, die Aufbruchsstimmung aus der Nach-Pisa-Zeit sei
mancher Resignation und dem irgendwie-durchkommen-Wollen im Alltag gewichen.
Vielleicht ist es aber auch so, dass viel grundlegendere Veränderungen anstehen und dass
viele derzeit einen Schritt zurück gehen, um dann nach vorne zu springen? Denn es geht um
die Veränderung der Choreographie der ganzen Schule. Wie nimmt man diesen Wandel in
Angriff? Wie gelingt es, mit kleinen, aber genauen Schritten eine andere Gangart zu
beginnen? Der Seiltänzer ist ein hilfreiches Bild. Seine Schritte können gar nicht klein genug
sein, wenn sie denn genau sind. Der Seiltänzer richtet seinen Blick zum Horizont, denn nur so
bleibt er im Gleichgewicht. Wenn er auf seine Füße starrt, stürzt er ab.
Vielleicht ist aber die wichtigste Frage diese: Warum wir, die Pädagogen, häufig nicht das
tun, was wir „eigentlich“ für richtig halten? Was hindert im Alltag daran, an das zu glauben,
was wir wissen? Was blockiert den Mut? Ein Mut, der häufig nur verlangen würde, das
Selbstverständliche zu tun?
Um all das wird es in diesem Forum gehen. Mit dabei ist unter anderen Magda von Garrel.
Sie ist inzwischen pensionierte Lehrerin in Berlin. In Distanz zur Schule fragt sie sich, wie
konnte ich nur das alles mitmachen? Wie konnte ich nur so häufig Schule gegen die Kinder
machen? Darüber hat sie ein Buch geschrieben: “Instandsetzungspädagogik Integrationsansätze für lernentwöhnte Kinder“.
Eva Espermüller leitet die Anne-Frank-Schule in München, die in diesem Jahr den
Deutschen Schulpreis (Hauptpreis) gewann. Es ist eine Mädchenschule. Sie verwandelte sich
in eine Lernlandschaft mit Lernbüros, mit dem Haus des Lernens als einer kleinen Schule in
der großen, mit dem Konzept Lernen durch Lehren, mit altersgemischten Gruppen und mit
Naturwissenschaften im Zentrum. Was früher – und häufig immer noch –Belehrungsanstalt
war, wird zum Lernlabor. Eva Espermüller kommt mit einer Kollegin und zwei
Schülerinnen.
Rolf Schönenberger hat als Schulleiter die Sekundarschule in Bürglin (Kanton Thurgau) zu
einer viel beachteten Lernwerkstatt umgebaut. Kürzlich ist er in die Leitung von Seelab
gewechselt. Seelab betreibt die SBW-Schulen (Häuser des Lernens) und berät andere
Schulen. Rolf Schönenberger erlebt, wie viel Angst Pädagogen in den Knochen sitzt, und wie
viele Hemmungen sie haben. Vor allem fürchten sie, etwas falsch zu machen und dann dafür
belangt zu werden. So erlebte er kürzlich in München einen Unfall. Diejenigen, die halfen,
waren keine Deutschen. "Bei uns packen nur 15 Prozent der Menschen zu, wenn jemand
42
umkippt. In Skandinavien sind es 70 Prozent." (Eckart von Hirschhausen FAZ, 7. 10 2014)
Es geht in diesem Workshop darum genau, selbstreflexiv und wahr zu sprechen, also auf die
manchmal sehr allgemeine und propagandistische Sprache, die auch bei Reformern verbreitet
ist, zu verzichten. Dazu wird auch Wibke Stock, Mutter eines Kindes in der Monte Balan
(freie Montessori-Schule in München) beitragen. Auch Lehrer dieser Schule sind dabei.
Gute Schulen geben gute Antworten auf die Probleme, die andere Schulen auch haben – und
sie geben diese auf ihre ganz besondere Weise.
Vielleicht wird uns ein verändertes Sprechen weiter bringen und mutiger werden lassen? Es
geht um ein Sprechen jenseits des Jammerns und des Schönredens.
Ein Beispiel noch: Im niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck haben die Stadt als
Schulträgerin und eine Schule – nicht zuletzt inspiriert von Rolf Schönenberger, den die
Norddeutschen auf dem ersten Kongress in Bregenz kennen gelernt hatten - das „Lernhaus im
Campus“ entwickelt und gebaut. Stadtrat, Schulleiter und Campusmanagerin sind dabei.
Anschließend macht das Forum Gute Schule in Workshops mit den Protagonisten und in
Gruppen weiter, die sich im Forum erst konstituieren:
STADT UND SCHULE GEMEINSAM
ZUM BEISPIEL OSTERHOLZ- SCHARMBECK
Jörg Fanelli-Falck (Erster Stadtrat; Bau), Dietmar Krause (Schulleiter), Dr. Ulrike Baumheier
(Campusmanagerin)
Magda von Garrel
LEHRER VOR ORT
Handlungshemmnisse und Überwindungsmöglichkeiten
Die pensionierte Lehrerin spricht zunächst von sich selbst, von ihren Erfahrungen und von
ihren Reflexionen und Beobachtungen, die sie nun aus der Distanz macht. Das wird ein
offenes Gespräch initiieren.
Eva Espermüller mit Kollegin und Schülerinnen
DIE VERWANDLUNG ZUM LERNHAUS
Die Verwandlung der Anne-Frank-Schule in München, die in diesem Jahr den Deutschen
Schulpreis (Hauptpreis) erhielt, ist nicht abgeschlossen: Lernlandschaften mit Lernbüros,
kleine Schule in der großen... Wie geht das? Und wie ist das Verhältnis einer einmaligen
Geschichte zum notwenigen Wandel der „Grammatik“ aller Schulen?
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FORUM NEUE OBERSTUFE
Die Zeit ist reif - für die Transformation der Sekundarstufe II
Mit Hans Traxl, Axel Lischewski, Friedemann Stöf ler, Barbara
Stockmeier und anderen
An vielen Orten und mit unterschiedlichen Voraussetzungen wird die Bildungslandschaft
erneuert. Auch das Abitur gilt es neu zu denken.
s geht darum den reiraum für Bildung zu gewinnen.
Es geht auch darum den Prüfungsanforderungen, solange sie so sind, zu genügen.
Es geht um selbstbestimmtes Lernen.
s geht um fächerübergreifendes Arbeiten mündiger, junger Menschen.
Mehrere Initiativen sind im Übergang vom Sprechen zum Handeln:
Aus den Oberstufenjahren in Montessori-Schule
aus anderen anerkannten oder genehmigten Ersatzschulen
aus der Alice-Salomon Schule in Linz
aus der Evangelischen Schule Berlin Zentrum
aus der Initiative „Abitur im eigenen Takt“
s gibt noch andere. Dabei ist auch die „Initiative Neues Lernen.“
Aus diesem Workshop in Bregenz soll ein Netz entstehen.
Wir beginnen mit dem Austausch und laden alle, die ihre Oberstufen erneuern wollen, ein.
Wir haben große Ideen, wissen aber auch, dass man nur mit kleinen Schritten und einer
anderen Gangart vorankommt.
Workshops / Praxislabore
Armin Beber, BildungsCent
PRAXISLABOR KLIMAKUNSTSCHULE
Wer kann schon sagen, wie die Zukunft aussehen wird, in der sich Kinder und
Jugendliche werden zurechtfinden werden müssen?
Engagierte Lehrerinnen und Lehrer haben deshalb damit begonnen, ihren Unterricht
nicht nur nach dem Lehrplan zu gestalten. Sie diskutieren mit ihren Schülerinnen und
Schülern auch über Politik und die Zukunft unserer Welt. Und sie suchen nach Wegen,
die Schulen zur Welt zu öffnen, Erfahrungsräume zu schaffen, in denen Schülerinnen
und Schüler lernen und Haltungen zu zeigen sowie sich mit eigenen Ideen einmischen.
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Das alles ist ebenso wichtig wie die „Vermittlung von Wissen“.
Wenn da nur im Schulalltag nicht so oft das Gefühl wäre, mit diesem Anspruch alleine da
zustehen! Welche Unterstützung brauchen Lehrerinnen und Lehrer? Wo können sie
diese bekommen? Welche Rolle kann dabei die Kunst spielen?
Im Praxislabor KlimaKunstSchule werden Anregungen gegeben und praktische
Möglichkeiten diskutiert.
Armin Beber wurde als Schüler der Helene Lange Schule in Wiesbaden mit dem
Theatervirus infiziert. Er machte viele Lehren in Schauspiel und Regie. Er inszenierte
Projekt an seiner alten und an vielen neuen Schulen und war Leiter der
Theaterakademie am „theater junge generation“ in Dresden. Jetzt ist er für das
bundesweite Programm KlimaKunstSchule des gemeinnützigen Vereins zur Förderung
der Lehr- und Lernkultur BildungsCent e.V. verantwortlich.
Armin Beber bietet am Freitag auch ein Beiboot an.
DIE BREMER STADTMUSIKANTEN
Zwei Workshops mit Musikern der Bremer
Kammerphilharmonie,
mit deren Impressario, Albert Schmitt, mit dem Zukunftslabor des
Orchesters, sowie aus der Gesamtschule Ost mit den beiden
SchuleiterInnen Annette Rüggeberg und Franz Jentschke und drei
SchülerInnen. 14 Bremer kommen nach Bregenz. Marc Scheibe, der
Arrangeur der „Melodie des Lebens“, kommt aus Berlin.
Die Geschichte der Wohngemeinschaft von Weltklasseorchester und einer Schule im
Stadtteil aus 70er Jahre-Hochhäusern und mit hohem Anteil von Hartz 4 Empfängern
haben wir in der Vorbereitung auf den Kongress in den COUNTDOWN BREGENZ
Newsletters 2 und 3 ausführlich erzählt.
Die Bremer waren eine Muse bei manchen Irritationen und Auszehrungen in der
Konzipierung und Vorbereitung des Kongresses. Es ist, als würden an dieser Geschichte
viele unserer scharfen und unscharfen Ideen plötzlich einen Körper bekommen. Schüler
und Musiker (und nicht irgendwie „die Musik“) kommen dort zusammen. Dabei entsteht
etwas Neues, nicht vergleichbar einem Pensum, einer Agitation der Kinder mit
Musikinstrumenten oder einer gerasterten Kompetenz - die es ja auch geben darf, so wie
die Architektur ihre Statik braucht. Aber wie sehen Häuser aus, die von Statikern gebaut
werden, auch wenn sie sich Architekten nennen?
Die Bremer Geschichte ist ein Beispiel für das, was wir eine „ansteckende Gesundheit“
nennen. Das Zusammenspiel von Schule und Orchester hat eine Geschichte hervor
gebracht, die sich niemand hätte ausdenken und planen können, um sie dann umsetzen
und evaluieren zu lassen. Schließlich die Haltung des Orchesters! Man kann sie hören.
Sie wird von einer besonderen und zuweilen auch fragilen Balance aus Sicherheit und
Unsicherheit getragen. So entsteht Lebendigkeit – oder so bleibt sie erhalten. Es ist auch
die Geschichte von der erstaunlichen Wirkkraft einer indirekten und mimetischen
Pädagogik. Was heißt denn das? Den Vorteil des Indirekten und die Kraft des
45
Mimetischen wollen wir unter anderem in den beiden Sessions dieses Workshops
klären.
Session I: Stolpersteine als Sprungbretter
Die Geschichte der Bremer Liaison ist eine der krummen Wege - wie jede wirkliche
Geschichte. Aber aus Stolpersteinen wurden Sprungbretter gemacht. Nachträglich wird
deutlich, wie viel die Geschichte gerade den Stolpersteinen verdankt. Darüber kann man
nicht allgemein sprechen. Für Genauigkeit sorgen Annette Rüggeberg und Franz
Jentschke, die beiden Schulleiter, Albert Schmitt und die Musiker, die zum Teil von
Anfang an im Orchester dabei sind. In der ersten Session soll die Geschichte so genau
und ausführlich wie möglich erzählt werden. Das erhöht die Chance auf Resonanzen,
also auf Wirkungen die kein Echo, keine Kopie sein wollen. Kopien gelingen nie.
Dummerweise können bekennende Kopisten mit ihren Kopierfehlern nur nichts
anfangen. Aus ihren Stolpersteinen werden keine Sprungbretter. Zum Thema Resonanz
und Echo kommt Hartmut Rosa dazu. Mattias Beltinger, Kontrabassist und Experte für
Resonanzböden bei den Streichern, möchte mit Hartmut Rosa Kontakt aufnehmen. So
beginnen neue Geschichten...
Session II: Geschichten erzählen – ein musikalischer Versuch
In Session II werden die Teilnehmer mit den Bremer Protagonisten im Raum verteilte
Gesprächs- und Kompositionsgruppen bilden. Nun werden die Wege erst so krumm und
vielfältig, wie sie in Wirklichkeit sind. Was da gesprochen werden wird, kann niemand
wissen. Wir schaffen den Raum für dieses Sprechen. Ein Beispiel: Die Bratschistin und
Mitgründerin des Orchesters sowie der „Melodie der Welt“, Friederike Latzko, ist auch
bildende Künstlerin. Sie sagt, jedes von beiden, Musik und Malen schaffe sie nur, weil sie
beides machen kann. Das ist sicher kein Modell, aber ein Hinweis auf die Grammatik des
Gelingens: Eine nicht ganz perfekte Sache hilft einer anderen. Es muss immer etwas
zusammen kommen! Aber wer und was?
Natürlich wird die Zeit für all die Geschichten, die in der Luft liegen, nicht ausreichen.
Auch das gehört zur Grammatik von Geschichten. Aber die Vorbereitung der
Vorbereitung einer Fortsetzung in Bremen hat bereits begonnen. (Und in Bregenz wird
sich ja auch das Subnetzwerk des Archivs der Zukunft „Musik bildet“ konstituieren!)
In Kombination mit diesen Gesprächen werden die fünf Musiker des Orchesters in fünf
Gruppen Variationen zum Thema "Geschichte erzählen" musikalisch erarbeiten. Es gibt
schon Ideen: Einheit und Vielfalt / Lebendigkeit und Spontaneität / Individuum und
Kollektiv / Perfektion und Abenteuer / Demokratie und Hierarchie. Immer wieder
dieses UND!
MARIA BRANDENSTEIN:
Schule als Ort der Begabungsförderung - auch für
(Hoch)Begabte?
Diese Frage ist keine Frage nach einer Minderheit. Es ist eine Frage nach dem
Blickwinkel unter dem wir unser Gegenüber wahrnehmen. Es ist eine Frage danach, wie
ernst wir die Stärken aller Adressatinnen und Adressaten unserer Bemühungen
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würdigen, berücksichtigen und wirklich fördern wollen und können. Es ist eine Frage
nach unserer pädagogischen Handlungsfähigkeit und Haltung.
Es ist ebenso eine Frage nach dem Gelingen. Entwicklung von Zukunftsszenarien kann
nur gelingen, wenn wir alle Beteiligten mit ins Boot holen – also nur, wenn wir auch und
vor allem die Adressatinnen und Adressaten unserer Ideen berücksichtigen. Dabei ist es
unabdingbar individuelle Bildungsverläufe zu erfassen und die Entwicklung von
Bildungsbiografien zu verstehen. Ob man gut darin ist, kann man am besten an
Extrembeispielen überprüfen. Diesen müssen wir uns widmen, damit wir nicht in die
sich immer wieder stellende Falle tappen und Projekte für ein Phantombild, ein nicht
existierendes Durchschnittskind, planen.
Hochbegabung ist ein gutes Beispiel für Gedankenexperimente, denn gerade in diesem
Bereich machen sich Irrtümer über Bildung und Bilden deutlich bemerkbar, die den
Blick auf alle Kinder und Mitmenschen verfälschen.
Wir werden uns im Workshop folgenden Fragen widmen:
 Was ist Hochbegabung?
 Was ist Begabung?
 Warum ist Förderung von hohen Begabungen wichtig?
 Welche Haltung gehört zur Förderung von (Hoch)Begabungen?
 Wie kann Bildung gelingen?
Wir werden Antworten auf diese Fragen aus drei Blickwinkeln (Kind, Lehrperson und
Gesellschaft) diskutieren.
Ich werde als Grundlage ein paar Geschichten aus meiner 20 jährigen Beschäftigung mit
Hochbegabten mitbringen und ich lade jetzt schon ein, vor die Überlegungen zu Orten
und Möglichkeiten Kindern das Lesen bei-zu-bringen, sich zu fragen, ob WIR nicht erst
einmal LERNEN wollen in den Augen der Kinder zu LESEN mit welchen Fragen sie zu
uns kommen, welche Stärken sie mitbringen und welche Ideen sie ohne uns vielleicht
sogar viel besser entwickeln? Kinder sind nämlich viel näher daran an der Zukunft als
wir, zumindest an ihrer eigenen.
Anne Sliwka & Roman Rüdiger (buddy)
BILDUNG BEGINNT ZU HAUSE
Sind Eltern wichtiger als Schule?
Der Einfluss des Elternhauses auf den Schulerfolg von Kindern ist mehr als doppelt so
groß wie der von Schulen, Unterricht und LehrerInnen zusammen. Zu diesem Ergebnis
kommen die großen Bildungsstudien und auch der Integrationsbericht der
Bundesregierung.
Bildungserfolg ist allerdings mehr als Schulerfolg. Er besteht darin, dass Menschen in
der Lage sind, eigenständig über ihr Leben zu entscheiden, ihre Talente zu erkennen, zu
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entfalten und so einzusetzen, dass sie zufrieden sind. Es geht also um den Erwerb
emotionaler, sozialer und kognitiver Kompetenzen. Dafür ist die Familie der wirksamste
Ort!
Dennoch zielen fast alle Veränderungsstrategien im Bildungswesens immer noch auf die
klassischen Institutionen. Dies gilt es zu ändern! Ohne die Familien werden die
notwendigen Bildungserfolge nicht erreicht werden! Die Stärkung von Familien birgt
enorme Möglichkeiten, insbesondere für die Gruppe der 15-20 Prozent benachteiligten
Kinder und Jugendlichen.
Aber wie?
Wie kommt es zu Bildungs- und Erziehungspartnerschaften?
Im Workshop erläutern Prof. Dr. Anne Sliwka (Universität Heidelberg) und Roman
Rüdiger (Geschäftsführer des buddY e.V.) vor dem Hintergrund wissenschaftlicher
Erkenntnisse den Zusammenhang zwischen Familie und Bildung. Die TeilnehmerInnen
des Workshops diskutieren diese Erkenntnisse vor dem Hintergrund ihrer eigenen
Erfahrungen. Dabei sollen insbesondere gute Beispiele zur Sprache kommen.
Das „familY-Programm“ ist ein Angebot zur Elternbildung in der Phase des Übergangs
von der Kita in die Grundschule. Es wird von Dr. Fabian van Essen (buddY e.V.)
vorgestellt.
Der buddY E.V. versteht sich als Forum für eine Neue Lernkultur.. Im Verbund von KITA
- SCHULE - FAMILIE - HOCHSCHULE entwickelte er u.a. das „familY-Programm“.
Elterninitiativen aus drei Ländern
DAS KOMPETENTE KIND IM LERNENDEN KINDERHAUS
Drei Elterninitiativen aus drei Ländern tauschen sich bereits seit Jahren aus. Sie haben
Kinderhäuser (für Kinder von 0-6) in Italien, Österreich und Deutschland gegründet. Im
Rahmen des ERASMUS+ Programms der EU beobachten und dokumentieren sie die
Entwicklung der Kinder. Dabei werden jeweils unterschiedliche kulturelle Eigenarten
und nationale Traditionen deutlich. Die Unterschiede sind eine Chance, die Beobachtung
zu schärfen und voneinander zu lernen.
Die Initiativen werden ihre bisherigen Ergebnisse vorstellen und diskutieren. Es werden
auch F rderm glichkeiten im Rahmen des ERASMUS+ Programms dargestellt.
Hinter dem Projekt „Beobachten und Darstellen von individuellen
Entwicklungsprozessen“ steht das Bild vom kompetenten Kind. Es entfaltet seinen
„inneren Bildungsplan“. Deshalb werden die Kinder in die Dokumentation ihrer
Entwicklung einbezogen. Ziel des Projekts ist eine für Schulen, Eltern und Kinder
aussagekräftige Dokumentation, die auch den Übergang in die Schulen erleichtert.
Durch den Vergleich länderspezi ischer und kultureller Eigenarten der frühkindlichen
Bildungssysteme werden Anregungen für die eigene pädagogische Konzeption
gewonnen.
Kinderhaus der Elterninitiative Murkel,Siegburg: www.murkel.eu
Kindergruppe Rubenshof des Vereins Mit Kindern wachsen, 4880 Berg i. Attg.: www.rubenshof.at
Kindergarten der Sozialgenossenschaft montessori.coop, Kohlern, Bozen: www.montesorri.coop
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Ernst Peter Fischer
WORKSHOP NACH DEM VORTRAG:
DAS VERLORENE GEFÜHL FÜR DAS GEHEIMNISVOLLE
Für eine Erneuerung der Naturwissenschaften in der Schule
FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit
OUT OF SCHULE: LERNT DAS LEBEN KENNEN!
Mit Dana Giesecke und Josefa Kny von Futurzwei sowie Protagonisten
des Wandels
In der Abschlussrunde des Bregenzer Kongresses 2011 sprach Harald Welzer von dem
Vorhaben FUTURZWEI. Längst ist es gegründet, gehört zur unmittelbaren
Verwandtschaft des Archivs der Zukunft, ist höchst wirksam, Kooperationspartner
dieses Kongresses und organisiert diesen Workshop:
Fernab der klassischen Pädagogik und jenseits der Klassenzimmer sorgen bereits heute
Menschen im Alltag für die Bildung nachhaltiger Lebens- und Wirtschaftsweisen, die
ökologische Ressourcen achten und soziales Miteinander verbessern. Ihre Vorreiter
findet man in Vereinen und Unternehmen, in Gärten und Werkstätten, in der Stadt und
auf dem Land. Sie alle tüfteln auf unterschiedliche Weise an Möglichkeiten einer
besseren Zukunft.
FUTURZWEI hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche „Geschichten des Gelingens“
zusammen zu tragen, Geschichten, von denen man Zukunftsfähigkeit lernen kann. In
unserem Workshop werden einige Protagonisten ihre Geschichten erzählen. Die
upcycling-erfahrene Künstlerin und frischgebackene Glückslehrerin Ursula Cyriax wird
davon berichten, wie eine verschlafene Kleinstadt zu einem aufregenden Lebens- und
Lernort wurde, dessen Verwandlung die Bewohnerinnen und Bewohner selbst in die
Hand nahmen (www.futurzwei.org/atelier-mc). Zu ihr gesellt sich Timo Schmitt,
Initiator des KIMBAmobils (www.futurzwei.org/kimbamobil), der in einem
ausrangierten Doppeldeckerbus zusammen mit Kindern Geschmacksverirrungen und
Ernährungsirrtümer auskocht.
"Dritter im Bunde ist Udo Holtkamp, Gründer und Geschäftsführer der Herforder
RecyclingBörse!, welche weit über die Stadtgrenzen für ihre einzigartige Mischung aus
Müllvermeidungsideen, dem Schaffen von Arbeitsplätzen und Designförderung bekannt
ist".
Gemeinsam wollen wir darüber diskutieren, was man anders machen kann, um eine
„Grammatik des Gelingens“ als einen Teil eines „Transformationsdesigns“ zu entwickeln.
Die brauchen wir dringend, wenn das, was gegenwärtig ist, nicht bald alles gewesen sein
soll.
Organisatorinnen/Ansprechpartnerinnen:
Dana Giesecke: giesecke@futurzwei.org
Josefa Kny: kny@futurzwei.org
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FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit
Rosenstr. 18
10178 Berlin
Tel. 030-78097829-0
www.futurzwei.org
Siehe auch den Vortrag von Harald Welzer, Transformationsdesign. Harald Welzer
nimmt auch am Schlusspodium teil.
Hartwig Henke und Johan Kegler
EIN HALBES JAHR AUF SEE
Schule außerhalb der Schule
Hartwig Henke, 1942 geboren, und Johan Kegler, Jahrgang 1980, haben den Ozean mit
einem Schiff gekreuzt, auf dem ein besonderes Projekt zwischen den Generationen
stattfindet. Dieses Zwischen ist nicht der Abstand von Hartwig Henke zu Johan Kegler,
sondern zu den Jugendlichen, die mitfahren. Sie werden ein halbes Jahr auf dem Schiff
unterrichtet, wie in der Schule, erfahren aber noch vieles mehr, vor allem sich selbst. Es
sind ganz normale Jugendliche, die bisher wenig selbst gemacht und wirklich erlebt
haben, die aus lauter Angst etwas zu verpassen, sich vielleicht selbst verpasst haben.
Kurz: Die Schule wird für sechs Monate auf ein traditionelles Segelschiff und in die weite
Welt verlagert und eine Zeit voller Hausforderungen.
Pädagogik ist ja nach Margaret Mead nichts anderes als das Generationenverhältnis.
Das führt wieder zurück zu dem Generationentandem von Hartwig Henke und Johan
Kegler. Henke war im ersten Beruf Seeoffizier, studierte dann Politik, Pädagogik,
Soziologie, Geschichte und auch Erdkunde, promovierte, wurde Gymnasiallehrer und
Lehrbeauftragter an der Universität u.a. in Reform- und Alternativpädagogik.
Von 1983 bis 2011 war er Leiter der Hermann Lietz-Schule auf der Nordseeinsel
Spiekeroog, einem 1928 gegründeten Internatsgymnasium. Nach mehrjährigen
Erfahrungen mit SchülerInnen auf Großseglern entwickelten seine Frau Ute
Hildebrand-Henke und er dort das Konzept für halbjährige Seetörns in der 11. Klasse auf
Großseglern: Gymnasialer Unterricht wird mit der großen Reise und seemännischer
Arbeit an Bord verbunden. 1993 wurde die High Seas High School – Das segelnde
Klassenzimmer gegründet. Einwöchige Probetörns im Sommer und sechsmonatige
Seet rns im Winterhalbjahr mit Schiffen wie den Dreimasttoppsegelschonern „Fridtjof
Nansen“, „Thor Heyerdahl“, der Brigg „Astrid“ und dem Zweimastschoner „Johann
Smidt“.
Johan Kegler hat dabei als Lehrer und Projektleiter mitgemacht. Nun will er auf dieser
Grundlage und seinen Erfahrungen in einer eigenen Schule auf dem Meer das Steuer
übernehmen. Er ist Lehrer und Trainer (Ruderer), hat als Ruderer in
Weltmeisterschaften der Studenten Medaillen eingefahren und in der Jugend- und
Erwachsenenbildung , sowie im Ruderboot mit Managern gearbeitet. Er schreibt:
„Lernort und Lebensraum Schiff stellen die Jugendlichen vor besondere
Herausforderungen. Das OceanCollege fährt unter der Leitung des Lehrpersonals und
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der Stammbesatzung. Der Unterricht ist am Lehrplan orientiert und passt sich der
Reiseroute an: Einwanderungspolitik der EU auf den Kanaren, Meeresbiologie,
Sklavenhandel, Astronomie und Navigation, Kultur der Maya und Ökologie im
Regenwald von Belize...
Kaffee wird mit nach Europa gebracht und verkauft. Schließlich lernen die Jugendlichen
alle notwendigen theoretischen und praktischen Fähigkeiten, um ein Schiff sicher zu
führen.“ Ausschnitte aus einem Dokumentarfilm (ZDF) führen ein.
Richard Hölbling und Heinz Gaggl
LEISTUNGSBEURTEILUNG FAIR UND NACHVOLLZIEHBAR
Richard Hölbling und Heinz Gaggl, Team-Teaching-Kollegen an der NMS Feldkirchen,
stellen ein System der Leistungsbeurteilung vor, das sich im Deutschunterricht bewährt
hat. Eckpunkte dieses Systems sind Beurteilungskriterien, die sowohl beim Vorbereiten
als auch beim Beurteilen offengelegt werden. Ein kompetenzorientiertes
Beurteilungssystem, das einfach ist, erleichtert den Schülerinnen und Schülern das
Schreiben von Texten im Deutsch-Unterricht, den Lehrerinnen und Lehrern erleichtert
es die Arbeit. Im Seminar hat jede/r Teilnehmer/in die Möglichkeit, das
Beurteilungssystem im Team selbst auszuprobieren. Kooperatives, offenes Lernen für
Lehrerinnen und Lehrer. „Da bleibt einem ja die Spucke weg, was ihr beide da auf die
Beine gestellt habt!“ meinte ein Journalist. Zum Thema des Seminars gibt es auch ein
Buch.
Margrit Hungerbühler-Räber
Frühförderung – Bildungsboom in der frühen Kindheit?
Erfahrungen und Entwicklungen
Einladung an alle, die schon länger oder neuerdings mit Schwangerschaft und Geburt zu
tun haben und die sich um Säuglinge, Kleinkinder und ihre Eltern kümmern oder anders
im Frühbereich engagiert sind.
Einladung zum Austausch und offenen Gespräch mit dem Ziel der Vernetzung. Nach dem
Sammeln von Ideen wollen wir Ziele definieren.
Was könnte einen Aufbruch im Frühbereich anschieben? Wer stellt Material aus seiner
Sammlung zur Verfügung und zur Diskussion? Wie kommen wir bis zum nächsten
Kongress weiter?
Frau Margrit Hungerbühler-Räber ist Co-Leiterin F-NETZNordwestschweiz
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Angela Jensen-Markhoff
VON DER STÖRUNG ZUR POTENZIALENTFALTUNG (STEP)
Jeder Pädagoge, jeder Vorgesetzte oder auch jedes Elternteil haben theoretisch längst
verstanden, dass Drohungen, Strafen und noch so eindringliche Appelle selten fruchten und wenn, dann doch nur kurzfristig mit fatalen Folgen für die Beziehung. Die Lücke
zwischen dieser Einsicht und den Ideen, was tatsächlich praktisch zu tun ist, um
„Unwilligkeit“ oder „Unverm gen“ zu überwinden, ist nicht nur bei „Anfängern“
offensichtlich.
Die individualpsychologischen Ansätze, die dem STEP Konzept zu Grunde liegen, bieten
Perspektiven. Diese werden vorgestellt werden.
 Welche langfristigen Wirkungen haben die üblicherweise zur
Anwendung kommenden ‚Sanktionen‘ von Fehlverhalten?
 Wie entgehe ich als Lehrer, vorgesetzter Mitarbeiter oder Elternteil
den Fallen, mich entweder auf kräftezehrende Machtkämpfe
einzulassen oder mich resignierend zurückzuziehen?
 Wie begegne ich meinem Gegenüber, so dass Interesse,
Engagement, Freude an Neuem und Übernahme von
Verantwortung möglich werden?
 Und nicht zuletzt: wie gehe ich mit mir selber um, um meine Kräfte
zu schonen?
Ob in beruflichen Zusammenhängen oder im familiären Kontext: die Kompetenz,
förderliche Beziehungen zu gestalten – auch unter belastenden Rahmenbedingungen -,
wird immer bedeutsamer. Hier soll ein Angebot vorgestellt werden, das den Graben
zwischen der theoretischen Erkenntnis und dem praktischen Tun im Alltag überwinden
hilft. Es könnten ein hilfreiches, fruchtbares Selbstmanagement sowie die kollegiale
Entwicklung neuer Ideen im Umgang mit ‚St rungen‘ angestoßen werden.
Angela Jensen-Markhoff ist Lehrerin (i.R.) und war Seminarleiterin in der Hamburger
Lehrerausbildung.
Thomas Jung
DIE UNBEDINGTE SCHULE DENKEN
Beim Kongress 2 11 stellte der Dirigent Thomas Jung die Idee der „Oper als Schule“ vor.
Diese gärt weiter. Inzwischen hat er mit anderen die Initiative für eine „Unbedingte
Schule“ gegründet. Die Unbedingte Schule ist ein Ort, an dem nichts außer Frage steht.
Sie ist, inspiriert von Jac ues Derridas Idee der „Unbedingten Universität“, ein Ideal.
Thomas Jung schreibt:
„Wir k nnen sie wom glich nie realisieren, aber wir k nnen sie denken und – was
vielleicht noch wichtiger und unsere P licht ist – wir k nnen so tun, als ob sie
realisierbar ist. Die Unbedingte Schule findet dort statt, wo passiert, was diejenigen,
welche die Schule bilden, interessiert. Dazu ist es erforderlich, spontane Schulen zu
bilden und auch wieder aufzul sen. Nomadische Schulv lker sozusagen, die je nach
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Notwendigkeit ihre Bauten aufschlagen und ein Wissensgebiet abgrasen. Das aktuelle
Bildungswesen lässt die Gründung unbedingter Schulen noch nicht zu. Das Konzept aber
ist ffentlich, um die Gründung unbedingter Schulen immerhin anzuregen.“
Eine erste Gründungsinitiative hat sich als Gemeinschaft von Eltern in Alfter bei Bonn
zusammengefunden. Eine andere Initiative befasst sich mit der Umsetzung des Konzepts
als „SchulHof“ und eine weitere Gruppe arbeitet an der Idee der „SchulOper“.
Inzwischen sind Ideen für 26 „Unbedingte SchulFormen“ entstanden, von denen Thomas
Jung einige in seinem Vortrag vorstellen wird.
Thomas Jung ist Mitbegründer der Unbedingten Schule, studierte Musik in K ln und am
Kingʻs College in Cambridge. Sein Dirigierlehrer und Mentor war Volker Wangenheim.
Meisterkurse bei Bernard Haitink, Colin Metters und Jorma Panula. Thomas Jung erhielt
bereits mehre Preise, arbeitete als Assistent bei großen Orchestern und gründete und
leitet das Flora Sinfonie Orchester K ln und das Studio Orchester Duisburg.
Olaf Keser-Wagner
VON DER OSTEREIERPÄDAGOGIK ZUR EVOKATION
Lehrer müssen fragen, um Antworten zu bekommen. Kinder wollen auch oft Antworten,
aber haben wir die Fragen der Kinder wirklich verstanden?
Viel zu oft denken wir in Rastern von Lehrplänen, Unterrichtsinhalten, Definitionen und
Formeln. Viel zu viel Wissen wird gelernt, um es dann wieder zu vergessen – warum?
Weil es nicht mit unserem eigenen Interesse verbunden war.
Wie gelingt es aber, das Interesse des Schülers zu gewinnen und mit seinen Fragen so
umzugehen, dass seine Lernmotivation steigt?
Olaf Keser-Wagner hat mit dem Erfahrungsfeld-Bauernhof (EFB) ein Projekt ins Leben
gerufen, in dem Begegnung mit der Landwirtschaft möglich wird jenseits von
Arbeitsblättern und schulischem Kulissenwechsel. Mit seiner Kollegin Claudia Klebach
entwickelte er Methoden zur Vertiefung der Fragestellungen und wendet diese nicht nur
im EFB sondern auch in Entwicklungsprozessen für Unternehmen, Schulen und
Kindergärten an. Die Begegnung von Menschen an Orten wird mit diesen Methoden zu
einer Erfahrung für beide Seiten – und weckt Interesse, Neugierde, Lernlust.
In diesem Workshop werden wir konkret mit diesen Methoden üben und erforschen,
was die daraus resultierenden Fragen anders machen als die Ostereierpädagogik.
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Natalie Knapp und Andreas Weber
LEBENDIGKEIT
2 Workshops
“Gut ist, was wirklicher macht.” Simone Weil
Gelingende Bildung verstehen wir nicht als Anhäufung von Fähigkeiten und
Fertigkeiten, sondern als eine Steigerung der eigenen Lebendigkeit im Austausch mit
der Lebendigkeit des Ganzen. “Bildung” ist so immer eine Praxis von Beziehungen.
Was aber ist Lebendigkeit? Was macht lebendig? Was macht mich lebendig? Und den
anderen?
Lebendigkeit heißt, die Welt unter dem Fokus eigenen gespürten Lebens zu denken und
zugleich zu erfahren – als einen Prozess beständig sich verflechtender Beziehungen, und
nicht länger als Ökonomie von Diskursen oder effizienten Tauschprozessen von
Informationen und Gütern. Lebendigkeit heißt, die Wirklichkeit als ein Nervensystem
aufzufassen, das aufgrund immerzu neu eingegangener und veränderter Beziehungen
zugleich Erfahrungsorgan und poetischer Ausdrucksprozess ist.
Lebendiges können wir nur erfassen, wenn wir uns selbst als Resonanzkörper dessen
verstehen, was sich im Augenblick ereignet. Wir verstehen die Welt, indem wir uns mit
ihr in Beziehung setzen. Lebendigkeit entsteht in jedem Augenblick neu aus dem
zugleich materiellen und immateriellen Netzwerk von Beziehungen, das wir Leben
nennen. So verstehen wir unsere Erfahrungen nicht mehr als Einzelereignisse in einem
zusammenhanglosen Weltall, sondern begreifen, dass sich in jeder Wahrnehmung das
Ganze spiegelt - wenn auch auf unterschiedliche Weise.
Die Wirklichkeit ist ein Beziehungs- und Ausdrucksprozess, ein Außenraum und eine
Innenseite zugleich, und am ehesten mit einer künstlerischen Sensorik als lebendige
Welterfahrung zu erfassen. Manche würden sogar sagen, dass sich derzeit eine
philosophisch aufgeklärte, naturwissenschaftlich fundierte und künstlerisch beglaubigte
neue Aufklärung herausbildet – ein „Enlivenment“, welches das „Enlightenment“
ergänzt.
LEBENDIGKEIT I
“ICH BIN DU. EINE EROTISCHE ÖKOLGIE DER
WAHRNEHMUNG.”
Workshop mit Übungen (draußen) und Gesprächen.
54
LEBENDIGKEIT II
“Ich fühle, also bin ich. Was lebendig macht. Wissenschaft in
der ersten Person.”
Workshop mit Übungen und Gesprächen.
Natalie Knapp ist Philosophin und Autorin in Berlin. Zuletzt: „Kompass neues Denken“
(Rowohlt). Andreas Weber ist Biologe und Philosoph und Autor in Berlin und Varese:
„Alles fühlt“, „Biokapital“ (Berlin Verlag) sowie „Mehr Matsch!“ und „Noch mehr Matsch“
(Kösel). Gerade erschienen ist sein Buch „Lebendigkeit“.
Natalie Knapp sagt: „Lebendiges k nnen wir nur erfassen, wenn wir uns selbst als
Resonanzk rper dessen verstehen, was sich im Augenblick ereignet.“
Andreas Weber sagt: „Der tiefere Irrtum unserer Zivilisation liegt darin, dass wir
vergessen haben, was Lebendigkeit ist.“
Olaf Koester-Ehling und Claus-Bernhard Pakleppa (Köln)
Ute Hussak-Thomsen und Iris Falcke (Osterholz-Scharmbeck)
INTEGRATION
Erfahrungen aus dem Beratungsnetzwerk in Köln Mülheim und der
Prävention in Osterholz-Scharmbek
Kommunalpolitiker der Region Köln-Mülheim haben den Wandel ihrer
Bildungslandschaft beschlossen. Dazu gehört auch eine neue Form sonderpädagogischer
Förderung. Die bisherige singuläre Fallsicht soll in eine Systemsicht übergehen.
Der Aufbau des Beratungsnetzwerkes in Köln Mülheim ist Teil der Entwicklung eines
inklusiven Schulsystems in Nordrhein-Westfalen. Ziel ist eine „wohnortnahe, integrative
Förderung, Prävention, die Bündelung von Unterstützungsangeboten schulischer und
außerschulischer Art und die Stärkung der allgemeinen Schulen durch einen flexiblen,
am Bedarf der Schülerinnen und Schüler orientierten Personaleinsatz von
sonderpädagogischen Lehrkräften“.
Es geht um einen Gesinnungswandel über Institutionsgrenzen hinweg, vor allem um
Verständnis für die individuelle Förderung jedes Kindes und nicht nur von Kindern mit
Förderbedarf.
Als Basis für den Prozess diente die „Theory U“ von Claus Otto Scharmer.
55
1. Gemeinsame
Intensionsbildung
5. Gemeinsames
Gestalten
2. Gemeinsame
Wahrnehmung
4. Gemeinsames
Experimentieren
3. Gemeinsame
Willensbildung
Die gut besuchten kollegialen Treffen und die hohen Teilnehmerzahlen - bis zu 100
Menschen - an den „Stopptagen“ zeigen den Erfolg, aber auch den Bedarf sich zu treffen,
auszutauschen und weitere Möglichkeiten der gemeinsamen Arbeit zu entwickeln.
Dabei war für alle Akteure der regionale Zusammenhang wichtig, weil vorhandene
Ressourcen der Region zusammengebracht werden. Das Netzwerk kommt ohne
zusätzliche Mittel aus. Das Zusammenspiel der Menschen und Institutionen aus der
Region steigert die Wirkung ihrer Ressourcen.
Olaf Koester-Ehling ist Leiter der Förderschule Berliner Straße und war bis zum
Sommer 2014 Leiter der Kompetenzregion Mülheim-Ost. Claus-Bernhard Pakleppa ist
Prozessbegleiter.
Vorgestellt wird das Konzept Dialog der Grundschule Buschhausen aus dem
niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck. Es werden Beispiele der
ergotherapeutischen Vorgehensweise und der Zusammenarbeit gezeigt. Diese Beispiele
stehen exemplarisch für das Therapeutenteam Ergotherapie, Sprachtherapie und
Erziehungsberatung im Dialog. Der Fokus ist auf den Ansatz der Prävention zur
Verringerung von Lern- und Leistungsstörungen beim Schüler gerichtet und weniger auf
die klassische Therapie Einzelner. Veränderte Kindheit erfordert neue Wege und
eröffnet neue Zugänge zum Kind. Ein Schlüssel ist die Zusammenarbeit der Pädagogen
und Therapeuten in der Schule. Dieser Ansatz ist in ähnlicher Form in den
angelsächsischen Ländern bereits seit vielen Jahren auf der Basis der UNBehindertenrechtskonvention durch die staatlichen Bildungsträger etabliert.
Mit Ute Hussak-Thomsen/Schulleiterin und Iris Falcke/Ergotherapeutin
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Martin Kramer
MATHEMATIK ALS ABENTEUER
(Interaktiver Workshop für Mathematiker)
Wie lässt sich ein konstruktivistischer Unterricht im Klassenzimmer umsetzen? Wie lässt sich
zwischen Schüler und Wissen vermitteln? Wie lassen sich Berührungspunkte schaffen? Wo kann
das Forschen im Klassenraum beginnen?
Der interaktive Workshop gibt einen Einblick in die konkrete Umsetzung einer
konstruktivistischen Didaktik, die handlungs- und erlebnisorientiert geprägt ist. Exemplarisch
und konkret wird eine mögliche Herangehensweise aufgezeigt. Es hängt von Ihnen ab, inwieweit
Sie sich anstecken lassen: Abenteuer lassen sich nicht verordnen, sie geschehen. Aber Sie
können durch geeignete Gruppenführung, Rollenvergaben und Strukturen ein Abenteuer
wahrscheinlich werden lassen.
Konkrete Inhalte:
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

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Interaktives Lösen von Gleichungen und Gleichungssystemen
Lotto
Koordinaten und Funktionen im Teamtraining
Anwendung nonverbaler Kommunikation und Kommunikationsmodelle
Anwendung des 4D-Lernens (EIS-Prinzip und Gestaltpsychologie)
Zielgruppe:
Mathematiklehrer aller Schularten. Die meisten Beispiele stammen aus der SEK I, jedoch kann das
Konzept auf die Grundschule oder die Kursstufe übertragen werden.
Literatur:
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Martin Kramer, Mathematik als Abenteuer, Bd. I + II, dritte Auflage 2014, Aulis Verlag
Martin Kramer, Mit Erbsen und Zahnstochern zur Mathematik (Grundschule), Beltz 2011
Skripte der Abteilung Mathedidaktik an der Universität Freiburg: Algebra und Analysis als
Abenteuer, Geometrie und Stochastik als Abenteuer (diese können hier kostenfrei
heruntergeladen werden)
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Martin Kramer
DEM SCHRECKENSGESPENST MATHEMATIK DEN SCHRECKEN
NEHMEN
Interaktiver Workshop für Nicht-Mathematiker
Denken Sie einmal an Ihre Schulzeit zurück, etwa an Ihren Mathematikunterricht.
Erstaunlich, welche nachhaltige emotionale Wirkung das Wort „Mathematik“
hervorrufen kann. Und dafür hatte die Schule 12 bis 13 Jahre Zeit!
Könnten Sie sich vorstellen, sich freiwillig mit Mathematik zu beschäftigen? Etwa auf
dieser Tagung? Vielleicht hat Sie das Wort „Mathematik“ im Titel noch nicht
abgeschreckt und vielleicht haben Sie Lust auf eine besondere und ungewohnte
Begegnung mit der Mathematik.Einer Mathematik, die etwas mit Ihnen zu tun hat. Keine
Angst vor einer eventuellen unglücklichen Vergangenheit mit der Mathematik: Sie
müssen nicht rechnen, werden nicht vor allen abgefragt und auch nicht bloßgestellt.
Konkrete Inhalte:
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



Lotto
Symmetrie handelnd erfahren
Exponentielle Begegnung
Anwendung nonverbaler Kommunikation und Kommunikationsmodelle
Anwendung des 4D-Lernens (EIS-Prinzip und Gestaltpsychologie)
Zielgruppe:
Für jede Frau und jeden Mann, der dem Schreckensgespenst den Schrecken nehmen oder wer einen
alternativen Zugang zur Mathematik erleben möchte und wer das Gefühl nicht los wird, dass es auch
anders gehen k nnte…
Literatur:
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
Martin Kramer, Mathematik als Abenteuer, Bd. I + II, dritte Auflage 2014, Aulis Verlag
Martin Kramer, Mit Erbsen und Zahnstochern zur Mathematik (Grundschule), Beltz 2011
Skripte der Abteilung Mathedidaktik an der Universität Freiburg: Algebra und Analysis als
Abenteuer, Geometrie und Stochastik als Abenteuer (diese können hier kostenfrei
heruntergeladen werden)
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Der KuKuk Workshop
Bernhard Hanel und Robin Wagner (Kukuk)
Im Workshop informiert KuKuk über Beteiligungsprojekte mit Schülern im In- und
Ausland.
Von Anfang an werden die Teilnehmer in die Verwirklichung „ihres Projektes“
einbezogen. Wenn es um den Gestaltungsauftrag an einer Schule geht, stehen die
Ortsbegehung und Gespräche über die Gestaltung am Anfang. Fundraising, PlanungsWorkshop und Beteiligungsbautage folgen. Auf diese Weise kann aus einem leblosen
Schulhof ein Lebens-Ort werden.
Entscheidet sich eine Schülergruppe für ein Sozialprojekt im Ausland (hier wurden
bereits sehr viele Projekte in Osteuropa erfolgreich realisiert), führen sie in die
Geschichte des Landes und die speziellen Gegebenheiten der Einrichtung (wie
Flüchtlingslager, Slums, Krankenhäuser, Kindergärten, Heime etc.) ein. Diese Einsätze
vermitteln den Jugendlichen nachhaltige Einblicke und Erfahrungen. Gebraucht zu
werden, zu sehen, dass die eigene Arbeit unmittelbar Sinn macht, und nicht zuletzt der
Dank der Beschenkten sind für die Jugendlichen von großem Wert. Eine weitere
Bereicherung ist der Austausch mit Jugendlichen in anderen Lebenssituationen, Ländern
und Sitten. Nicht zuletzt ist es die erfolgreiche künstlerische und handwerkliche
Tätigkeit, die stärkt und bei allen Beteiligten das Selbstvertrauen in die eigenen
Fähigkeiten wachsen lässt.
Henning Kullak-Ublick
DIE SCHULE ALS DORF
Das oft zitierte afrikanische Sprichwort "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu
erziehen" ist aktueller denn je und muss doch ganz neu interpretiert werden. Denn wo
sind unsere Dörfer? Die alten, sich in ihren Tätigkeiten selbst erklärenden - und damit
erziehenden - Dörfer samt ihrer Sozialstrukturen gibt es nicht mehr. Aber der Satz bleibt
wahr und der Anspruch wird dringender.
Wie können inmitten der Städte Dörfer entstehen? Keine Museumsdörfer, sondern
quicklebendige Orte der Begegnung, des Handwerks, der Kunst und natürlich der
Erkenntnis und der Muße! Orte, an denen nicht der lineare Zeitpfeil dominiert. Wo
Prozesse, Rhythmen und auch Zweckungebundenheit gelebt und erfahren werden. Wo
sich auf den unterschiedlichsten Feldern Könner begegnen, die voneinander lernen, sich
zuarbeiten und Verantwortung übernehmen?
Die Waldorfpädagogik hat einen erstaunlich großen Werkzeugkasten. Er hält viel mehr
Noch-nicht-Entdecktes als Schon-lange-Bewährtes bereit. Davon einiges hervor zu
holen, neue Werkzeuge zu machen und Grundrisse für ein Dorf zu entwerfen, in dem
Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene lernen, das soll uns in diesem Forum
bewegen.
Henning Kullak-Ublick war 27 Jahre Klassenlehrer an der Flensburger Waldorfschule.
Er ist Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen und der Internationalen Konferenz
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für Waldorfpädagogik, Dozent und Herausgeber der Zeitschrift "Erziehungskunst". 2014
erschien sein Buch "Jedes Kind ein Könner - Fragen und Antworten zur
Waldorfpädagogik"
Simone Lamski
IMPROVISATION
Das Theater des Lebens
Teilnehmerzahl: max. 20
Wer m chte die „ sthetik des Imperfekten“ feiern und die „Kultivierung des
Unvollkommenen“ genießen?
Hier ist die Gelegenheit, für zwei Stunden vertraute Bahnen zu verlassen, um kreuz und
quer die Pfade der Improvisation zu erkunden. Und dabei vielleicht schleichend, rollend,
hüpfend weiter zu kommen als gedacht.
Sie wollen im Impro-Workshop wilde Gedankenkonstrukte praktisch testen?
Wunderbar! Dann bringen Sie bitte das Unbewusste, Emergenz und Zufall mit, um
gemeinsam sch pferisch zu sprudeln.
Besonders empfehle ich reale Absurdität und banale Genialität, wenn wir eventuell
mitten im Spiel den Kern der Sache offenlegen. Wer mitspielt, erschafft neue
Perspektiven über den Rand des eigenen Horizontes hinaus.
Ständiger Fantasie luss ist über lüssig, denn beim kollektiven Denken helfen alle mit.
Alles kann „anders“ sein! ...und dann? Wie ist es, Altbekanntes mit irritierenden
Emotionen zu würzen und dabei neue Nuancen zu schmecken?
Die Dozentin ist Impro-Spielerin, freie Künstlerin und Integrative Tanzpädagogin
Gruppe Lehrkunst
WORKSHOPS ZUM LEHRSTÜCKUNTERRICHT
Diese knüpfen an die gemeinsame Präsentation zur Lehrkunst an
(siehe Vorträge)
Susanne Wildhirt, CH-Luzern
Faradays Kerze
"Alle im Weltall wirkenden Gesetze treten in der Kerze zu Tage oder kommen dabei
wenigstens in Betracht!" - Naja, fast alle. 1861 beginnt Michael Faraday mit diesen
Worten eine Weihnachtsvorlesung nur für Kinder und Jugendliche, sozusagen DER
Kinoschlager in Londons Vorweihnachtszeit.
Genial! Wir nehmen im Workshop – genauso wie sonst auch im Unterricht – die Idee
Faradays und die damaligen Vorlesungsmitschriebe auf und stellen eine Kerze in den
Mittelpunkt einer Einführung in die naturwissenschaftlichen Fächer. Allerdings ohne die
fachdisziplinäre Systematik als Ausgangs- und Zielpunkt zu nehmen, sondern vielmehr
60
schlicht EINE Kerze. Wir experimentieren und erforschen gemeinsam mit Faraday ihr
Brennen und Verzehren und stellen allmählich fest, dass um uns herum sich ein
weltweites Kreisen der Stoffe vollzieht – und wir sind mittendrin.
Mario Gerwig, CH-Basel
Beweisen verstehen – mit Euklid
Eine alltägliche und doch paradoxe Situation: Die Möglichkeit, Aussagen ein für allemal
beweisen zu können, ist ein Alleinstellungsmerkmal, das der Mathematik vorbehalten
ist, und „Beweisen“ ist einer ihrer Zentralbegriffe. Doch dessen angemessene
unterrichtliche Umsetzung stellt eines der mathematikdidaktischen Zentralprobleme
dar. Paradox: Das Charakteristikum der Wissenschaft Mathematik führt im Unterricht
ein Schattendasein.
Erleben Sie, wie es gemeinsam mit Euklid von Alexandria (um 300 v. Chr.) und seinem
Jahrtausendbuch „Die Elemente“ – es nimmt nach der Bibel Platz zwei der
Weltbestsellerliste ein – gelingt, die Idee des Beweisens im Unterricht allmählich
entstehen zu lassen, so dass das Beweisen nicht als eine sinnlose Spielerei, eine
komplizierte, aber konventionelle Erfindung der Mathematiker, sondern als bedeutende
geistige Technik und natürliches Erkenntnismittel der Mathematik verstanden werden
kann. Ausgangspunkt ist ein aus zahlreichen natürlichen und kultürlichen Formen
herausgelesenes Phänomen der Geometrie, welches schließlich die Grundlage zur
„Entdeckung der Axiomatik“ – so der Titel des Lehrstücks – bildet.
Diese Erkenntnis wird wiederum im
Unterricht und im Workshop in zwei
weiteren Lehrstücken vertieft:
„Beweisvielfalt erleben: Der Satz des
Pythagoras“ und „Das
Nichtabbrechen der Primzahlfolge“.
So kann es gelingen, dass die
Schülerinnen und Schüler die so
wichtige geistige Technik des
Beweisens nicht blindlings – als
höheres Gebot – übernehmen,
sondern sie vielmehr in ihrem
eigenen Denken, in selbständiger,
folgerichtiger Einsicht, allmählich als
zweckmäßig und als die gebotene
entdecken.
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Stephan Schmidlin, CH-Bern
Spaziergang mit Robert Walser
„Eines Vormittags, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen, ankam, setzte ich den
Hut auf den Kopf, lief aus dem Schreib- oder Geisterzimmer weg und die Treppe
hinunter, um auf die Strasse zu eilen.“ So beginnt Robert Walser (1878-1956) – der
Schweizer „Kafka“ – sein 1917 erschienenes Prosastück „Der Spaziergang“. Was das
spazierende Ich auf dem Spaziergang erlebt, wird nachher zu Text: „’Dies alles’, so nahm
ich mir fest vor, ‚zeichne und schreibe ich demnächst in ein Stück oder in eine Art
Phantasie hinein, die ich ‚Der Spaziergang’ betiteln werde’“, heisst es 2 Seiten später in
Walsers exemplarischem Text, der gleich seine ganze Poetik enthält. Das ist also
„walsern“: das Spazieren eines mit wachen Sinnen begabten Ichs durch die Wirklichkeit
und dessen Verwandlung in einen Spaziergang übers Papier nach der Rückkehr.
K nnen wir auch „walsern“? Probieren geht über studieren in unserem Lehrstück! Nach
einer kurzen Einführung durch das Spaziergänger-Ich, das uns, gespielt von der
Lehrkraft, mit Hut und Regenschirm die Anfangsszene und die Rückkehr demonstriert,
werden wir alle zu aufmerksamen Spazierenden und sammeln auf Walsers Spuren
unsere Eindrücke – fast hundert Jahre nach ihm. Nach einer dreiviertel Stunde
aufmerksamen Registrierens draussen kehren wir in unser „Schreib- oder
Geisterzimmer“, sprich: ins Klassenzimmer zurück und beginnen nun unseren
Spaziergang in der Ich-Form mit dem Stift auf dem Papier oder modern direkt mit dem
Laptop.
Jetzt erst verschaffen wir uns einen Überblick über Walsers Text, entdecken diesen
rätselhaften Autor und die Bauweise seiner Kurzprosa, wir hören in der Lesung durch
einen Schauspieler deren lyrische „Ohralität“, aber in der Einzelanalyse auch ihre
Historizität. Schliesslich suchen wir die Schauplätze von Walsers Spaziergängen und
Leben auf und vergleichen sie damals und heute. All diese Aspekte verstärken wir nun
auch in unseren Spaziergang-Texten, die wir vor der Klasse präsentieren und der Kritik
aussetzen.
Edith von Arps-Aubert, CH-Biel
Aufstehen mit Elsa Gindler
Lehrgegenstand ist hier die von uns Menschen vollzogene Aufrichtebewegung auf
unsere beiden Füsse und das Ausbalancieren unserer Masse auf diesen beiden
Unterstützungsflächen. Das Phänomen dieser Bewegung hin zum aufrechten Gang und
des Balanceaktes, die uns als Menschen auszeichnen (Phylogenese) und die wir nach der
Geburt innerhalb eines Jahres aufbauen (Ontogenese) und auch tagtäglich nach dem
Ruhen in der Nacht nachvollziehen (Aktualgenese), bestimmt die Didaktik und den
methodischen Verlauf der Unterrichtseinheit.
In der Auslotung des Phänomens erschliesst sich sein Bildungsgehalt. Unser Einstieg mit
den berühmten Gindler-Stangen konfrontiert uns mit einer denk-würdigen Erfahrung,
indem wir das Alltagsphänomen des Aufstehens rätselhaft machen und das Staunen der
Lernenden provozieren. In der bewussten Auseinandersetzung mit ihm ergeben sich
neue Denkhorizonte aus dem Mythos und der Philosophiegeschichte. Ein übersehener
Routine-Akt unseres Alltags wird so zu einem Menschheitsthema in der Schule. Die
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entwicklungsmässig natürlichen Phasen der Aufrichtebewegung, vom Liegen zum Sitzen
und Stehen ergeben drei logisch aufeinander abgestimmte Teile des Lehrstücks.
Unser tägliches Aufstehen bewirkt die Befreiung von Hand und Kopf, was Offenheit und
Lernbereitschaft schafft. Die Schülerinnen und Schüler werden im Sinne von Elsa
Gindler lernbereit, reagierbereit, selbstbewusst und offen fürs Leben.
Werner Meiser & Hans Aeschlimann, CH-Trogen
Alpstein
Gewinnen Sie einen Eindruck von diesem Lehrstück, bei dessen Finale die Säntiswand
als erlebtes und geologisch aufgeschlüsseltes Modell, gestaltet durch die Schülerinnen
und Schüler, im Schulzimmer steht.
Gleichsam wie Caspar Wolf, dem Alpenmaler im Kreis des Universalgelehrten Albrecht
von Haller, setzt sich die Klasse mit dem Geologen und dem Gestalter beobachtend und
zeichnend gegenüber der Säntiswand mit ihren erkennbaren Farbbändern und
Schichtungen. Die anschliessende Deutung und Interpretation der entstandenen
Panoramazeichnungen gibt uns Einblick in die erdgeschichtliche Dimension, die in
diesem Bergmassiv verborgen liegt. Der Weg zum Verständnis des stratographischen
Profils ist nicht mehr weit.
Wir suchen Gesteinsbrocken und versuchen sie zu bestimmen, wir durchwandern den
garstigen Schrattenkalk, entdecken Fossilien und bemerken faltentektonische
Phänomene.
Im Gebirge und im gewohnten Schulzimmer werden geologische Begriffe fassbar und
gewinnen an Zusammenhang. Eine heimatliche Gegend wird zum Schlüsselbild
erdgeschichtlicher Prozesse und Zeitdimensionen. Die gesammelten und zugeordneten
Gesteinsbrocken ordnen sich nicht nur im Modell der Säntiswand, sondern auch im
Wissen und in der Vorstellung der Schülerinnen und Schüler.
Marc Eyer, CH-Bern; Hans Christoph Berg, D-Marburg
Barometer nach Wagenschein im Gespräch mit Klassikern der
Pädagogik
Jede Fachrichtung kennt ihre Ikonen und orientiert sich an ihnen: Im Theater an
Shakespeare..., in der Musik an Bach..., in der Philosophie an Kant..., in der Physik an
Galilei, Newton und Einstein usw. Und wie ist das in der Pädagogik? Wer leitet uns in
unserem Berufsstand? Worauf gründen unsere Leitideen und unser Berufsethos? Die
Klassiker der Pädagogik‚ von Comenius bis Reichwein, und ihre Botschaften leben sehr
zurückgezogen oder zurückgedrängt fast nur noch in der Welt der Akademiker, kaum
aber dort wo sie hingehören: In den Schulstuben. In diesem Workshop wagen wir die
Begegnung. Die Klassiker der Pädagogik treffen auf Unterricht – auf Lehrstückunterricht
heute! Was sie wohl dazu sagen?
Lehrstücke sind Unterrichtskompositionen nach Wagenschein/Klafki, in denen
exemplarische Menschheitsthemen nachentdeckt werden, genetisch der kulturellen
Geschichte ihrer Entdeckung folgend und sie dramaturgisch gestaltend. Der Gang durch
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die Kulturgeschichte orientiert sich dabei natürlicherweise stark an den Ikonen der
jeweiligen Fachinhalte. Aber Unterricht ist mehr als Vermitteln von Fachinhalten. Im
Lehrstückunterricht versuchen wir, immer wieder einmal die schulischen Lernprozesse
zu Bildungsprozessen zu verdichten. Was also sagen die Pädagogen zu dieser Art des
Unterrichtens?
Am Lehrstück „Pascals Barometer“ werden im Workshop die wesentlichen Merkmale
naturwissenschaftlicher Lehrstücke demonstriert. Moderiert durch die eben erst neu
aufgelegten Riemeck-Vorlesungen samt Quellentexten zu den Klassikern der Pädagogik
und durch die selber zu Klassikern gewordenen Martin Wagenschein und Wolfgang
Klafki, auf deren Lebenswerk die Lehrkunstdidaktik aufbaut, werden nun weitere
ausgewählte Klassiker der Pädagogik zu Wort kommen und mit uns über den
demonstrierten Lehrstückunterricht beraten.
Beate Leßmann
IM SCHREIBEN LEBEN – IM LEBEN SCHREIBEN
Wenn Kinder und Jugendliche in der Schule schreiben dürfen, was ihnen wichtig ist und
ihre Texte zum kostbaren Teil auch der Gemeinsamkeit in der Klasse werden, wird
Schreiben als sinnstiftend und beglückend erlebt. Es beflügelt und setzt Energien frei.
Zugleich bildet es die Schreibkompetenzen.
Wie in einem „schreiberoffenen Unterricht“ pers nliche und fachliche Potenziale
herausgefordert werden, zeigen Unterrichtssettings wie die „Schreibzeit“, die
„Autorenrunde“ oder die Reflexion mit Hilfe der „Text-Hand“. Ausschnitte aus dem Film
„Klasse Texte!“ geben einen unmittelbar Einblick in den Unterrichtsalltag.
Wer in der Schule Bedeutungsvolles schreiben und veröffentlichen darf, für den wird
Schreiben bedeutungsvoll. Er wird befähigt, sich öffentlich zu Wort zu melden,
Verantwortung zu übernehmen und das Leben in der Gesellschaft mitzugestalten.
Beate Leßmann setzt sich seit vielen Jahren für die Individualisierung von
Unterrichtsprozessen ein. Sie hat Bücher und Filme veröffentlicht. Sie arbeitet am
Institut für Qualitätsentwicklung in Schleswig-Holstein (IQSH) und unterrichtet in einer
Grundschule in Lübeck.
Daniela Lund & Ernst Lund
EIGENE HORIZONTE ERWEITERN
Empathische Schulentwicklung
Erfolgreiche Schulentwicklung braucht die Lehrerinnen und Lehrer. Sie sind die
Hauptakteure, wenn es um die Gestaltung wirksamer, nachhaltiger und erfolgreicher
Lernprozesse für Schülerinnen und Schüler geht. Lund & Lund haben Übungen und
Strategien zur „empathische Schulentwicklung“ entwicklelt.
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Denn nur wenn auch Herz und Bauch »Ja« zu Veränderungen sagen, kann
Schulentwicklung erfolgreich sein.
Unsere Überzeugungen:
 Die Zukunftsfähigkeit der Schulen wird über die Weiterentwicklung des Lernens
der Schülerinnen und Schüler gesichert.
 Die Systemdebatte führt uns nicht weiter.
 Auch im bestehenden System ist guter Unterricht möglich.
 Schüler lernen aktiv.
 Schulen lassen sich auch von innen heraus verändern.
 Schulen und Lehrerinnen und Lehrer können ihre Freiräume aktiv nutzen und
ausweiten.
 Lehrerinnen und Lehrer können gemeinsam ihre Schule verändern.
 Schülerinnen und Schüler können viel mehr leisten, als wir Lehrerinnen und
Lehrer glauben.
 Zentrale Stellschraube für die Schulqualität ist der Unterricht.
 Der Unterricht ändert sich nur, wenn Lehrerinnen und Lehrer dies wollen.
Unser Weg:
 Lehrerinnen und Lehrer reflektieren ihre eigene Arbeit und die Arbeit ihrer
Schule.
Unsere Methode:
66 Karten enthalten Reflexionsimpulse zu den Entwicklungsclustern Vielfalt,
Individualität, Klarheit, Antrieb, Kooperation, Lernen, Unterricht, Rückmeldungen,
Rahmenbedingungen und Gesundheit.
Stichworte:




Empathische Schulentwicklung
Reflexion
Lehrerpersönlichkeit
Resonanz
Daniela Lund ist MA Schulmanagement, Oberstudienrätin und Lehrerin an der
Gewerbeschule für Gastronomie und Ernährung in Hamburg sowie Beauftragte für
Unterrichtsentwicklung. Außerdem ist sie als Lerncoach und systemische
Organisationsberaterin ausgebildet.
Ernst Lund ist Oberstudiendirektor a.D., Gymnasiallehrer für Politik und Deutsch. Er
war 20 Jahre Schulleiter an der Gewerbeschule Bautechnik in Hamburg und arbeitete an
diversen Reformprozessen des Hamburger Schulwesens mit.
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Christian Maier
SPIELERISCH UND LEICHT
Eine Forschungsreise in 5 Akten
Welche Gewohnheiten stehen einem leichten und freudvollen Lernen im Weg, wo wir
doch alle Ressourcen dafür in uns tragen? Eigentlich müssen wir uns daran nur
erinnern. Wir wollen dieses „Gedächtnis“ am Beispiel des Jonglierens aktivieren. Der
Anfang ist leichter und geht schneller als man denkt.
Es beginnt mit dem Erkennen der Muster und Gewohnheiten, die im Weg stehen. Dann
Mobilisierung von Ressourcen, Entdeckungslust und Vertrauen. Eigenes Erleben am
Beispiel des Jonglieren-Lernens. Genießen des herrlichen Gefühls „ich kann es“.
Überlegungen zum Transfer des Erfolgs.
Christian Maier ist Trainer
Der Marburger Workshop
WIE SCHULEN VONEINANDER LERNEN
Mit Björn Gemmer, Bernd Holly, Dirk Rohde
Wie man das Beste an anderen Schultypen erkennen, übernehmen und die eigene
Schule damit verbessern kann.
Das Gymnasium Steinmühle und die Freie Waldorfschule in Marburg
Der Beginn der Reformpädagogik liegt bereits über 100 Jahre zurück. Er war geprägt
von der Betonung des jeweils eigenen Ansatzes im Kontrast zu den übrigen damals
neuen Alternativen, und allen gemeinsam war das stete Hervorheben der Unterschiede
gegenüber dem als überholt angesehenen staatlichen System. Inzwischen aber haben
die reformpädagogischen Strömungen viele Gemeinsamkeiten, sie haben sich deutlich
einander angenähert. Jenseits aller Abgrenzungen gibt es eben viele uns einigende
sinnvolle, zeitgemäße und fruchtbare pädagogische Antworten auf die gesellschaftlichen
Herausforderungen.
In Marburg kann man all das hervorragend exemplarisch erleben: In dieser recht
kleinen Universitätsstadt lebt auf engstem Raum eine sehr große pädagogische Vielfalt.
Die einzelnen Schulformen und -typen versuchen aber weniger, ihr eigenes Profil in
Kontrast zu den anderen zu schärfen, sondern alle sind miteinander in einem regen
Austausch über alles, was sich in der täglichen Praxis auch wirklich bewährt. Es ist eine
echte Schul-Landschaft, in der jeder seinen Platz aufgrund seiner eigenen Stärken findet,
und in der es zugleich keine "Zäune" gibt, sondern alle Übergänge fließend sind.
Wie es sich in einer solchen Schul-Landschaft leben und arbeiten lässt, darüber möchten
Björn Gemmer und Bernd Holly (Doppelspitze als Schulleiter am Gymnasium
Steinmühle) und Dirk Rohde (Schulleitung Freie Waldorfschule) mit anderen
Kongressteilnehmern ins Gespräch kommen. Sie arbeiten seit vielen Jahren zusammen
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und wollen anderen Mut machen zu kooperieren und voneinander zu lernen. Sie wollen
auch ganz konkrete Anregungen geben, wie man im Schulalltag Gelegenheiten zur
laufenden Verbesserung, insbesondere im Sinne der Schülerinnen und Schüler,
erkennen, ergreifen und umsetzen kann - und wie man dadurch innerlich frisch und
tatendurstig bleibt und der Gefahr der Resignation im Alltag entgeht.
Björn Gemmer, Bernd Holly und Dr. Dirk Rohde sind langjährig in ihren Schulen
sowohl als Lehrer wie auch in Schulleitungsfunktion tätig. Sie engagieren sich vielfältig
für die Weiterentwicklung von Schule im Sinne einer wissenschaftlich abgesicherten
und den Anforderungen der Gegenwart entsprechenden Innovationskultur.
Zum Beispiel Osterholz-Scharmbeck
STADT UND SCHULE GEMEINSAM
Jörg Fanelli-Falck (Erster Stadtrat; Bau), Dietmar Krause (Schulleiter),
Dr. Ulrike Baumheier (Campusmanagerin)
Im niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck haben die Stadt als Schulträgerin und eine
Schulleitung sowie Lehrer– nicht zuletzt inspiriert und unterstützt durch den Bregenzer
Bildungskongress – die Oberschule „Lernhaus im Campus“ entwickelt und gebaut. Wir
möchten zeigen, welche Chancen sich aus dem Zusammenspiel von
Stadtentwicklungspolitik und Schulentwicklung ergeben und sind auch auf Ihre
Erfahrungen sehr gespannt.
Eine neue Schule als Mittelpunkt eines Campus für lebenslanges Lernen? Mit einem
innovativen pädagogischen Konzept und einer außergewöhnlichen Architektur? In der
jede Schülerin und jeder Schüler sowie jede Mentorin und jeder Mentor eines Jahrgangs
ihren eigenen Arbeitsplatz in einer Lernlandschaft haben? Es geht!
Johanna Pareigis und Stephan Pareigis:
WISSEN, WAS ICH SEHE, ODER SEHEN, WAS ICH WEIß?
Ein Workshop in zwei Teilen (Kann auch einzeln besucht werden)
1. Teil Johanna Pareigis
VOM HINSEHEN & WEGSEHEN, WAHRNEHMEN, ZEICHNEN &
FRAGEN
Naturwissenschaft & Kunst & Erkenntnis durch Embodiment
Der Workshop führt an den Horizont kindlicher und erwachsener Wahrnehmung. Muss
der Mensch wissen, um zu sehen? Können wir nur erkennen, auf was wir hingewiesen
worden sind? Wie wird dann Neues entdeckt? Verdirbt herkömmliche Bildung die freie,
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ungetrübte Wahrnehmung und körperliche Erfahrung, gar die eigene Erkenntnis, weil
doch Wissen nicht vermittelbar sei?
Es wird gezeigt, was Kinder wahrnehmen, sehen und verstehen.
Beobachten, Beschreiben, Zeichnen und Beurteilen sind Grundkompetenzen - nicht nur
der Naturwissenschaft.
Wer das Handwerkszeug der Wahrnehmung trainiert, kann es ebenso in der Kunst und
in der Kommunikation des Alltages einsetzen.
Aktuelle Forschungen zur Naturwissenschafts- und Kunstdidaktik, zur Neurobiologie,
zu Enactment sowie Embodiment werden anschaulich und mit Bildern und Erfahrungen
aus der Praxis ergänzt. Im Workshop machen die Teilnehmer eigene Wahrnehmungen
und Erfahrungen beim Zeichnen.
Sieh selbst und erfahre, was dein Auge denkt und was die Hand sieht.
Dr. rer.nat. Johanna Pareigis unterrichtet „Naturwissenschaft und Mathematik im
Kindesalter“ im Studiengang „Bildung und Erziehung im Kindesalter“ der Hochschule für
Angewandte Wissenschaften, Kiel, und arbeitet als freie Bildungsreferentin. Sie ist
Autorin u.a. des Buches „Anleitung zum Forschersein – Naturwissenschaft und Weltwissen
für Kinder und Erwachsene“ (Verlag das netz). Vor dem Studium in Biologie und
Promotion in Biochemie hat sie eine Gärtnerlehre gemacht.
2. Teil Stephan Pareigis
Vom Hinsehen & Wegsehen, Wahrnehmen & Verstehen:
Mathematik & Magie, Informatik & Illusion
Stephan Pareigis ist Professor für Mathematik und Informatik an der Hochschule für
Angewandte Wissenschaften in Hamburg und Mitglied des Magischen Zirkels. Als
Dozent und Zauberkünstler provoziert er seine Zuhörer mit Sinneseindrücken, die
verwunderliche und falsche Erklärungen zulassen. Das erzeugt Neugier, ist unterhaltend
und regt zum Nachdenken und Nachfragen und damit zum Lernen an.
Eine Illusion ist eine subjektive Missdeutung von Sinneseindrücken, denen - im
Gegensatz zur Halluzination - objektive Erscheinungen zugrunde liegen. In der
Präsentation werden wunderliche Zaubertricks erklärt, die auf „widerlicher
Mathematik“ basieren. Aber pl tzlich verwandelt sich Mathematik, wird wunderlich und
findet praktische Anwendung.
Es werden Zaubertricks erklärt, die sich für die Arbeit mit Kindern im Alter zwischen 8
und 12 Jahren eignen. Nach einer kurzen, „kindgerechten Zaubervorführung werden
die Effekte erklärt und mit den Teilnehmern eingeübt. Dabei geht es nicht nur um die
Erklärung der "Tricks", sondern auch um Präsentationstechniken, Selbsterleben und
Prinzipien in der Schauspielerei. Die Freude am Basteln und die Faszination an der
Illusionen sind dabei der Motivationsmotor. Doch Vorsicht: Zauberei vor Kindern ist
gnadenlos.
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Stephan Pareigis ist Professor für Angewandte Mathematik, Zauberkünstler sowie JazzPianist mit klassischer Ausbildung, spezialisiert auf cubanischen Jazz und Salsa. Er lebt
mit seiner Frau Johanna Pareigis und drei Kindern in Kiel.
Antje Pochte und Berthold Schulze
„Reisen bildet.“ – Goethe
Die Reisende Schule an der Jeetzelschule in Salzwedel
Das Konzept der „Reisenden Schule“ wurde in den 70er-Jahren von dänischen Pädagogen entwickelt.
Dabei geht es um das Erlebnis des Unterwegsseins, die Erfahrung selbst etwas zu tun, mit einfachen
Mitteln das Leben zu organisieren, um Beobachtungen und Erlebnisse in der Natur mit ihren Schönheiten
und Widrigkeiten, die Natur also auch an „Nichtsonnentagen“.
Es werden ein- und mehrwöchige Fahrten und Reisen durchgeführt. Sie werden von einer Schülergruppe
mit Begleitung vorbereitet.
Eine besondere Form der Reisenden Schule sind Auslandsaufenthalte in den oberen Klassen, die der
Vertiefung der Fremdsprachenkenntnisse dienen.
Linda Reisch
„…was Musik kann.“
„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ Man zitiert solche Sätze gern. Auch in den
Wissenschaften ist der Fall ganz klar: „Erst die Musik, dann die Sprache“ - so fasst
Alexander Kluge die Thesen von Evolutionsbiologen zusammen. Nur, glauben wir, also
die Gesellschaft, unserem Wissen? Sie glaubt ihm nicht. Das wird deutlich, wenn man
den Alltag in Schulen und Kitas betrachtet. Wie bekommen die Musik und das
Musizieren - auch das Singen – ihren Platz zurück?
Vielleicht muss man ganz von vorne anfangen? Neurobiologen und Kognitionsforscher,
Schriftsteller und Künstler - sie alle erzählen uns immer mehr davon, warum Musik so
viel Kraft entfalten kann. Dieses tiefe Wissen wollen wir zusammentragen und Beispiele
sammeln, wie Musik auch als Schlüssel zur die Bildung gelingt. Nicht nur als Unterricht,
auch als Medium all dessen, was Leben (und auch Sterben, also Endlichkeit) bedeutet
Bringen Sie in den Workshop Geschichten mit - Geschichten, die Sie der Musik
verdanken!
Der Workshop bereitet auch den neuen adz-Schwerpunkt „Musik bildet“ vor. Dafür
wollen wir den Erfahrungsaustausch organisieren, Geschichten sammeln, Netze
knüpfen.
Welche Rolle spielen Künstler? Wie können sie und Pädagogen kooperieren?
Linda Reisch wird den Berliner Musikkindergarten als eine dieser Geschichten
vorstellen. Dort hat sie als dessen Geschäftsführerin seit bald zehn Jahren Erfahrungen
gesammelt. Die Kinder erleben ErzieherInnen, die Instrumente spielen und gerne
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singen, und sie erleben die professionellen Musiker der Staatskapelle Berlin, sowie die
in den Räumen des Kindergartens übenden Musiker des Artemis Quartetts. Die Kinder
profitieren von beiden, den Pädagogen und den professionellen Künstlern. Die zuweilen
aufkommende Eifersucht und Konkurrenz zwischen beiden ist verschwunden - zum
Vorteil der Kinder. Daraus kann man Schlüsse ziehen.
Linda Reisch pendelt in ihrem Arbeitsleben zwischen Bildung und Kultur: im Berliner
Wissenschaftssenat, in der Bonner Politik-Administration und im dortigen Kulturforum,
als Frankfurter Kulturdezernentin und jetzt als selbständige Kultur- und
Bildungsberaterin und Geschäftsführerin des Musikkindergarten Berlin e.V. Und im
Vorstand des Archivs der Zukunft.
Rolf Reisiger
DIE DORFUNIVERSITÄT
Eine Bildungsalternative
Wirkliche Bildung bedarf des Talents, der Könnerschaft und der Übung.
Aber die Bildungspolitik hat sich auf Wissensvermittlung zurückgezogen. Rolf Reisiger
vermisst wie viele die Bildung verantwortlicher und handlungsfähiger Individuen und
setzt dem die von ihm gegründete Dorf-Universität Dürnau entgegen.
Sie ist ein Ort für Menschen, die ihrem Leben eine andere Richtung geben wollen.
Manche nehmen sich eine Auszeit oder stecken zwischen Schule und Studium oder
Studium und Beruf fest und suchen eine neue Perspektive. Andere sind durch
Erkrankung oder vom Schicksal aus ihren Gleisen geworfen worden. Und manch einer
will seine lang währende Unzufriedenheit hinter sich lassen.
Die Dorfuniversität steht auf zwei Säulen. Zum einen werden Kurse in Tätigkeiten
angeboten. Und zugleich wird ein Grundlagenstudium angeboten.
Urs Ruf
DER ANDERE BLICK AUF SCHÜLERTEXTE
Gelungenes nutzen, um Fortschritte zu machen
Urs Ruf hat mit Peter Gallin das „Dialogische Lernen“ entwickelt. Als Lehrer haben sie es
im Unterricht praktiziert und als Professoren an der Universität Zürich haben sie es
ausgearbeitet.
Nach der gemeinsamen Präsentation lädt Urs Ruf zum Workshop ein.
Urs Ruf schreibt:
„Die Kompetenz des Texteschreibens einer ganzen Klasse in 6 Monaten merklich
verbessern? Das ist nicht zu viel versprochen. Eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen
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haben das Konzept der Entwicklung von Kompetenzen im dialogischen Umgang mit
Texten erfolgreich erprobt. Zentral ist der Gedanke, dass die Fehlerkorrektur zugunsten
der Suche nach Qualitäten in den Hintergrund tritt.
 Der Aufwand der Lehrperson für die Fehlerkorrektur und das Benennen und
Beseitigen von Defiziten wird auf 10 bis 20% des bisherigen Aufwands reduziert.
 Die gewonnene Zeit – 80 bis 90% des bisherigen Aufwands – wird für die Suche
nach Qualitäten und ihre produktive Nutzung eingesetzt.
Mit Hilfe des Ich-Du-Wir-Prinzips werden vorhandene Kompetenzen gebündelt und
wirkungsvoll weiterentwickelt. Dabei werden folgende Fragen wichtig:
 Wie werden die Schülerinnen und Schüler sensibel für die Qualität und die
Machart von Sätzen und Texten?
 Wie erwerben sie ein sprachliches Handwerk, das Schreiben für sie zu einer
spannenden Tätigkeit werden lässt, die gezielt Leseerlebnisse ermöglicht?
 Wie kann Grammatikwissen beim Lesen und Schreiben produktiv genutzt
werden?
 Wie kann man die Anforderungen von Kompetenzrastern und Bildungsplänen
erfüllen, ohne das Verlangte direkt zu vermitteln und aufwändig einzuüben?
Der Workshop richtet sich speziell an Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer aller
Schulstufen, ist aber offen für alle Fächer, in denen das Verfassen von Texten mit hohen
ualitätsansprüchen ein wichtiges Thema ist.“
Siehe auch den gemeinsamen Vortrag und das Beiboot von Peter Gallin.
LehrerInnen der Potsdamer Montessorischule und der
Landwirt Mathias Peeters
PRASXISLABOR SCHLÄNITZSEE
Workshop im Anschluss an die Präsentation von Ulrike Kegler (unter
Vorträge)
Im „Praxislabor Schlänitzsee“ werden Lehrerinnen und Lehrer der Schule und der
Landwirt Mathias Peeters, ohne den es das Projekt so nicht gäbe, sich befragen lassen
und kleineren Gruppen Details erzählen, in denen manchmal der Teufel, aber viel
häufiger ein kleiner Gott stecken.
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Jürgen Uhlig-Schoenian
PROJEKTLERNEN PROFESSIONELL GESTALTEN
Projekte initiieren, begleiten, bewerten
Die Fähigkeit, komplexe Probleme kreativ zu lösen, wird wichtiger. Mit
Projektmanagement lassen sich Probleme schrittweise analysieren und in einer
Kombination aus kreativem und logischem Denken lassen sich Lösungen finden.
In der Wirtschaft sowie in Forschung und Entwicklung spielt Projektmanagement (PM)
bei der Bearbeitung komplexer Vorhaben im Team inzwischen eine zentrale Rolle. Im
Rahmen einer mehrjährigen Kooperation zwischen der Universität Bremen, dem
Landesinstitut für Schule und der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement (GPM)
wurde PM erfolgreich für den Unterricht adaptiert. In vielen Bildungsgängen stehen
jetzt Projekte im Mittelpunkt des Unterrichts, die mit Hilfe von PM von den Schülerinnen
und Schülern weitgehend selbstständig bearbeitet werden. In manchen Bereichen
werden auch Projektprüfungen durchgeführt.
Inhalt:
- Kurzvorstellung des Konzepts „Projektmanagement macht Schule“
- Das „pädagogische Potenzial“ von Projektmanagement
- Beispiele aus der Unterrichtspraxis
- Die Bildungsinitiative der GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement
Jürgen Uhlig-Schoenian war 18 Jahre Lehrer an einer gewerblich-technischen
Berufsschule. Anschließend leitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts
Technik und Bildung an der Universität Bremen mehrere Forschungsprojekte zur
Organisationsentwicklung an Schulen, bevor er an das Landesinstitut für Schule
wechselte. Seit 2012 ist Jürgen Uhlig-Schoenian pensioniert und kümmert sich mit
Unterstützung der GPM weiterhin ehrenamtlich um die Verbreitung von
Projektmanagement im Bildungsbereich.
Marco Wehr
TANZ
Üben mit Hand und Fuß
Beim Tanzen bewegt man Hände und Füße. Gleichzeitig ist man als Lehrender und
Lernender aber auch mit fundamentalen Lernprinzipien konfrontiert, die eben nicht nur
im Tanz eine Rolle spielen. In diesem Seminar wird zu erst getanzt. Es ist auch für
Nichttänzer geeignet. Dann gibt es die Möglichkeit, das Gelernte gemeinsam zu
bedenken und mit Marco Wehr über die Kunst des Lernens und Lehrens zu sprechen.
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Tanja Westfall-Greiter
LERNEN ALS BILDENDE ERFAHRUNG
Vignetten in der Praxisforschung
Schulerfahrungen sind nicht unbedingt Lernerfahrungen, und Lernerfahrungen sind
nicht unbedingt bildende Erfahrungen. Um näher an die Erfahrungswelt von Schülern
und Schülerinnen zu kommen, sammeln Tanja Westfall-Greiter und
Lernforschungskollegen an der Universität Innsbruck „Vignetten vom Lernen.“
Szenen aus dem Unterricht werden so genau und so vorteilsfrei wie möglich beobachtet.
Vorurteilsfrei heißt nicht nur ohne zu bewerten, was schon schwer genug fällt, sondern
auch ohne flugs das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Solche Beobachtungen
werden „Vignetten“ genannt. „Der Wunsch, Bescheid zu wissen, wird von einer Vignette
nicht erfüllt, weil sie nicht didaktisch angelegt ist“, schreiben sie in ihrem Buch „Lernen
als bildende Erfahrung – Vignetten in der Praxisforschung“ (Studien Verlag, Innsbruck;
162 Seiten).
Da wird zum Beispiel beobachtet, wie ein Junge hingebungsvoll radiert, wie verzweifelt
jemand vor sich her sagt „Ich kenne mich da nicht aus!“ und nicht geh rt wird. Wie Herr
Oppitz, der Lehrer, nachdem die Kinder ihre Aufgaben bekommen haben und Ruhe ist,
sich ans Korrigieren macht, „mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck wie nach einem
guten Essen.“ Immerzu wird getestet, korrigiert, und erledigt. „Wisst ihr, was wir heute
ganz vergessen haben“, fragt die Lehrerin. „Was ist denn heute? Donnerstag!“ Einige
SchülerInnen rufen Freiarbeit! Die Lehrerin fordert die Kinder auf, den passenden
Wochenplan ins Heft zu kleben und dann im JÖ (eine Schülerzeitschrift) weiter zu lesen.
Dazu sagt sie: „Wir sind still.“
„Mit einem lernseitigen Blick auf die Geschehnisse in der Schule entfalten wir einerseits
den Lernbegriff und andererseits den Bildungsbegriff und besinnen uns auf die
Ereignishaftigkeit des Lernens.“
Kurt Wilhelmi
FREIHEIT
Eine Energiequelle zukünftiger Schulen
Berliner Volksinitiative „Schule in Freiheit“ und OMNIBUS für Direkte Demokratie
Der besten Weg auf das Individuelle jedes Schülers und jeder Schülerin einzugehen und
ihnen zu ihrer je einzigartigen Entwicklung zu verhelfen, wäre, dass auch die an den
Schulen wirkenden Pädagogen ihre je individuell Persönlichkeiten einbringen können.
Dafür brauchen die Schulen Freiheit. „Wie können wir das erreichen?“ fragt Kurt
Wilhelmi und will das Vorhaben „Schule in Freiheit“ als Moment einer direkten
Demokratie diskutieren.
Kurt Wilhelmi ist Leiter des Berliner Büro des OMNIBUS für Direkte Demokratie. Er
initiierte die Berliner Volksinitiative "Schule in Freiheit", die neben der "pädagogischen
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Freiheit" auch eine "gleichberechtigte Finanzierung" der Schulen in freier Trägerschaft
und eine "selbstständige Organisation" der staatlichen Schulen etablieren will.
Foto Jeff Wall. Mit freundlicher Genehmigung unseres Kooperationspartners Kunsthaus Bregenz.
Das Fest
20:00 Uhr
Essen, Trinken, Musik und ein paar Geschichten
Mit dem BourbonStreetOrchestra aus Mainz*
und der Geschichtenerzählerin Katharina Ritter aus München
*Am Sonntag lädt in der Zeit von 9:00 bis 11:00 Uhr das Orchester zum Workshop.
Eine Band, die aus der dortigen Jugendmusikschule und der Arbeit mit dem
Komponisten, Trompeter und Arrangeur Manuel Hilleke hervorgegangen ist. Was diese
Band für die sechzehn Jugendlichen bedeutet, das sind auch lauter Geschichten.
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Sonntag 2. November
9:00 bis 11:00 Uhr
Workshops
Adz-Regionalgruppe München
KEINE ANGST VOR DER ANGST
Barbara Bittner, Robert Hell, Olaf Keser-Wagner, Wiebke Stock
Wir spüren sie an allen Ecken und Enden: Die Angst der Eltern vor dem Gespräch mit
Lehrern, weil sie nicht wissen, wie ihr Kind in der Schule ist. Die Angst der Lehrer vor
dem Gespräch mit den Eltern, weil sie nicht wissen, womit die nun wieder kommen.
Angst ist im Schulalltag nicht nur ein Problem der Schülerinnen und Schüler, sondern
auch von Lehrern und Eltern.
Wir haben uns zu diesem Thema Gedanken gemacht. Wir sind damit nicht fertig, wissen
jedoch, dass dieses Thema besprochen werden muss. Welche Wege können wir finden,
mit diesen Ängsten umzugehen? Wie können wir sie ansprechen? Und welche Chancen
bieten sie uns?
Je nach Beteiligung werden wir in einem oder mehreren Gesprächskreisen dieses Thema
miteinander bewegen. Wir wissen: Es gibt keine einfach Lösung. Aber die Freude darauf,
mit Gleichgesinnten in den Prozess zu gehen, ermutigt uns.
Fragen zur Einstimmung. Wie werden wir von Teilnehmern zu Teilgebern: Einmischen,
mitmischen, geschehen lassen?
Wie vertraue ich meiner Haltung und meinem Verhalten sowie der Haltung und dem
Verhalten meines Gegenübers?
Ferdinand Jentsch
BEWEGUNG IST LEBEN
Einfache Tänze für viele Gelegenheiten
"Bewegung ist Leben und der Tanz ihr vollendetster Ausdruck." Paul Valérie
Einfache Gruppentänze machen vieles möglich: Sie erleichtern es, sich für andere
Individuen, andere Kulturen und fremde Traditionen zu öffnen. Das färbt auch nach
innen und geht über die kommunikative und soziale Dimension hinaus. Mit „learning by
dancing“ werden die Antennen zum Gemeinschaftsgefühl hin und auch zum sinnlichen
begreifen ausgerichtet. Seit Anbeginn seiner Geschichte haben Menschen Rhythmus und
Tanz zum Aufbau ihrer Beziehungen genutzt.
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Wir wollen in diesem Workshop miteinander einfache Tänze (vor allem Mixer mit
wechselnden Partnern, bei denen man auch aus der Reihe tanzen kann) aus
verschiedenen Kulturkreisen und Epochen kennen lernen, uns am Formen-, Raum- und
Begegnungsspiel dieser Tänze erfreuen und dabei innerlich und äußerlich in Bewegung
kommen.
Das Seminar ist für TeilnehmerInnen mit und ohne tänzerische Erfahrung geeignet.
Irmgard Wutte
NYENDO-LERNEN
Eine lokale Idee mit globalen Auswirkungen
Irmgard Wutte hat die erste Waldorfschule in Ostafrika gegründet. Zurück in München
brachte sie an der Waldorfschule in Ismaning eine Schülerfirma in Gang. Nach nunmehr
sieben Jahren erfolgreicher Arbeit, die Schülerfirma läuft inzwischen allein, startete ein
Schülerfirmennetzwerk. Es kamen Waldorfschulen in Prien und Rosenheim, sowie das
Schloss Neubeuern hinzu.
Was unterscheidet diese Schülerfirmen von anderen?
Die Schüler verfolgen gesellschaftspolitische Fragestellungen:
 Nyendo.fairtrade handelt mit Produkten von den Partnerschulen aus Afrika.
 Nyendo.finance entwickelt über regionale Geldfragen Komplementärwährungen
in den Partnerregionen.
 Nyendo.4earth erzeugt ökologische Dienstleistungen und ermöglicht Landkauf
und Nahrungsmittelproduktion in den Partnerschulen.
Die Schülerfirmen sind auf Dauer angelegt. Dann entstehen solche Fragen: Wie
gewinnen sie künftige Mitarbeiter? Wie gestalten die bisherigen ihren Ausstieg? Wie
lernen sie die Arbeit so zu dokumentieren, dass sie als Portfolio dienen und anderen den
Zugang erleichtert? Wie werden gegen Ende der Schülerfirmenzeit Reisen in die
Partnerregion vorbereitet?
Schüler werden von ihren Erfahrungen berichten – auch von Stolpersteinen. Wer
Interesse hat, ist eingeladen mit zu überlegen, wie in seiner Schule eine solche
Schülerfirma gegründet werden kann. Die Vernetzung der Schülerfirmen ist dabei
hilfreich. Mindestens einmal im Jahr treffen sie sich auf einer Klausurtagung.
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9:00 – 11:00 Uhr
Dialoge – Was tun?
Am Sonntag gibt es morgens von 9:00 bis 11:00 Uhr, also vor der plenaren
Abschlussveranstaltung, die um 11:30 Uhr beginnt, DIALOGE. Hier sollen auf Bühnen,
aber ebenso in sich frei bildenden Gruppen die Unterschiedlichen miteinander ins
Gespräch kommen. Es ist immer wieder bei unseren Kongressen aufgefallen, wie viele
Ähnliche, also auf interessante Weise Unterschiedliche, dort zusammenkommen, die
sich nicht kennen, aber sich kennenlernen und in neugierigen Austausch kommen
sollten. Genau das ist ja der Sinn vom Netzwerk und Kongress.
Das soll in den DIALOGEN Form bekommen! Nun, gegen Ende des Kongresses
verbunden mit der Frage "Was tun?!" Also Austausch in praktischer Absicht. Auch
Verabredungen. Die DIALOGE sollen keine Podien sein, wo man munter von seiner
Festplatte runter lädt und schon gar keine Percussion-discussion, bei der es ums
Rechthaben geht und sich Kontrahenten ihre Besonderheit weg kürzen. Eher
Brainstorming. Gespräche. Vorsichtiges Weiterdenken. Fragen. Sich zum Weitermachen
verabreden.
Ein Beispiel „G-lokalisierung. Die Schule als Dorf!“ Mit jemanden aus einem Wal-Dorf
und von einem Montessori-Hügel und aus einer gemischten Reformlandschaft und
vielleicht noch ein Architekt, die miteinander ins Gespräch kommen. Aber das ist fast
schon zu eng und zu sehr am Schreibtisch konstruiert.
Bei den DIALOGEN soll in jedem Fall nicht zu viel zuvor festgelegt sein. Es soll
aufgenommen werden, was sich in Bregenz an Themen- und Personenkonstellationen
bildet, bzw. in der Luft liegt. Natürlich ist da einiges schon abseh- und wünschbar. Es
reduziert außerdem auch die Unsicherheit für die Organisatoren, jetzt schon Themen
und Personen zu setzen. Aber das ist eher der doppelte Boden – wenn er im Programm
steht, sicherlich auch gut für die Orientierung der Teilnehmer. Aber für „wirkliche
Gespräche“ darf nicht zu viel vorher festgelegt sein. In diesem Fall ist jeder doch durch
sein bisheriges Leben und aktuelle Irritationen bestens vorbereitet! Zuviel MeinBeitrag-Vorbereitung könnte den Gesprächsraum einengen.
11:30 bis 13:30 Uhr
Abschlussplenum
Bildung braucht Gesellschaft
mit Richard David Precht, Harald Welzer, Linda Reisch, Götz Werner
und einem Überraschungsgast
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Außerdem Gründung der drei Subnetzwerke des Archivs der Zukunft
Musik bildet!
Naturen bilden!
Orte bilden!
13:30 Uhr Brote und Sauerteig: Verabredungen im Foyer
ab 14 Uhr Abreise
14:30 Uhr Mitgliederversammlung des adz im Raum "Prompter
Homines
Bitte eine Geschichte mit nach Bregenz bringen
Bringen Sie bitte eine Geschichte aus ihrer Arbeit mit
und notieren sie während des Kongresses eine These vom Lernen und Lehren.
Die Geschichte muss nicht schriftlich sein. Man muss sie auch nicht an die große
Pinnwand heften, aber man kann. Die Geschichte sollte so krumm sein, wie es alle
wirklichen Geschichten sind. Am besten eine, die noch nicht abgeschlossen ist. Eine, die
Sie beschäftigt. Eine, die noch in Verwandlungen ist.
Es gibt mehrere Gründe für diese Bitte. Zuerst der pragmatische Grund: Jeder darf auf
dem Kongress jeden jederzeit um dessen Geschichte bitten. So kommt man ins Gespräch.
Außerdem die Bitte, während des Kongresses den Satz zum Lernen und Lehren zu
notieren, der Sie am stärksten beeindruckt hat.
Auch den kann man anschlagen, auf jeden Fall aber weitersagen. Auch unaufgefordert.
Und nun der nicht pragmatische Grund für die Bitte, eine Geschichte mitzubringen:
Individuen zeichnen sich durch Geschichten aus.
Geschichten sind einmalig.
Geschichten sind kostbar.
Individuen sind ihre Geschichte.
Üblicherweise werden Geschichten allerdings - zumal bei Pädagogen - als eine schwache
Form angesehen.
Theorien, Analysen und Konzepte geben den Ton an.
Dann stehen die Theorien über den Dingen.
Und den Analysen schreibt man Tiefe zu.
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Konzepte schließlich sollen in die Praxis umgesetzt oder einfach nur ausgeführt werden.
Und die Geschichten?
Sie sind aus dieser Sicht eben nur Geschichten. Vielleicht sind sie interessant.
Unterhaltsam sollen sie sein. Aber eigentlich gelten sie als oberflächlich und zufällig.
Ihnen haftet das ewige Nur an. Welche Geschichte hat uns eigentlich so geprägt?
Also Geschichten! Sie an die erste Stelle zu setzen wäre ein Paradigmenwechsel. Und
zwar Geschichten, die wir nicht nur haben, sondern Geschichten, die wir sind!
Katharina Ritter, die Geschichtenerzählerin, die auf dem Kongress sprechen und
erzählen wird, beobachtet, dass sich Menschen eigentlich nur an Lehrer erinnern, wenn
sie erzählt haben.
Und so wie die Menschen ihre Geschichten sind, so sind auch die Institutionen
Geschichten - oder sollten es sein.
Hinter diesem Gedanken stehen der Wunsch und die Überzeugung, dass die Praxis als
eine Landschaft von Vielfalt und Verschiedenheit blüht und fruchtbar wird. Die Praxis
soll souverän werden und nicht mehr die Magd der hohen Priester sein. Die Praxis sollte
die Königin werden! Gewiss, an ihrem Hof nehmen Theorien, Analysen und Konzepte
Ehrenplätze ein. Aber sie haben kein Recht mehr, Anweisungen zu geben. Und auch
umgekehrt: Niemand hat das Recht Verantwortung nach oben zu delegieren und zu
verlangen, dass ihm der Weg gewiesen wird. Mit Hannah Arendt und Immanuel Kant:
Niemand hat das Recht zu gehorchen.
Die Praxis ist das, was wir aus dem Gegebenen machen. Die Praxis ist wache Gegenwart.
Die Praxis ist der ständige Übergang von Vorgeschichten und Problemen zu Geschichten.
Dort entsteht Zukunft.
Dieser Anspruch, dass es auf die Praxis, also auf die Geschichten von Individuen, auf ihre
Biographien, auf ihre Einzigartigkeit und Verschiedenheit ankommt, und dass dafür das
Lernen ihr Medium ist, läuft auf eine Umpolung der noch herrschenden pädagogischen
Grammatik hinaus. Der Übergang vom Primat der Belehrung zum Vorrang des Lernens.
Dazu gehört wesentlich, dass es ein Vorteil ist, verschieden zu sein. Die Einzigartigkeit,
wenn man so will die Unvollkommenheit der Kinder (auch der Erwachsenen) ist nicht
ihr unterschiedlicher Abstand zum Ideal, also kein in Kauf zu nehmender Nachteil,
sondern ihr jeweils einzigartiger Anfang. Ihr Talent. Ihr Genius. Der Mensch ist, wie Kant
sagte „ein krummes Holz.“ Wenn man versucht, es geradezu hobeln, bleibt nicht viel
übrig.
Die Parole der Praxis heißt also: Etwas draus machen!
Die Bedingung dafür, das Eigene zu wagen und es zu kultivieren ist allerdings das
Versprechen auf Zugehörigkeit. Ohne diese Sicherheit kann niemand seine eigene
Geschichte wagen. Die ist immer etwas unsicher und unvermeidlich risikoreich. Aber sie
nicht zu wagen, bringt die viel größeren Risiken. Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt
darin um. Für das Wagnis des Eigensinns schuldet die Schule den Schülern eine gute
Atmosphäre. Eben Welt. Eine Welt, in die sie eingeladen werden. Keine Welt, mit der
man ihnen, etwa in Gestalt des sogenannten „späteren Lebens“, droht.
Zugleich sollte die Institution selbst Individuum sein. Eben jeweils eine Geschichte sein.
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Auch die beste Schule, gerade die, kann man nicht kopieren. Aber ihr Eigenes wirkt
ansteckend. Das macht diese Schulen untereinander verwandt. Zwischen ihnen entsteht
ein Gewebe horizontaler Beziehungen. So entstehen lernende Gemeinschaften.
Individuen brauchen Gemeinschaften. Das ist ja schließlich die Grundidee des
Netzwerks Archiv der Zukunft. Deshalb auch sind wir ins Gelingen verliebt. Deshalb
auch, das war der Anfangsimpuls bei seiner Gründung, endlich Geschichten vom
Gelingen erzählen! Aber es gilt auch dieses, man möchte sagen, Gesetz: Gelingen kann
nur, was auch schief gehen darf. Geschichten von positiv zu positiv, sind Kitsch. Das
aufgeladene Feld hat eben auch den negativen Pol. Vielleicht ist man in letzter Zeit
zuweilen etwas vorschnell beim Gelingen.
"Problems are our friends," schrieb Michael Fullan, der Erziehungswissenschaftler und
Change-Theoretiker aus Toronto. Ja, Probleme sind der Rohstoff des Neuen, der Anfang
von Lösungen, die Voraussetzung für Geschichten.
Geschichten, so einmalig sie sind, so unendlich individuell wie eine Primzahl, sie können
vorbildlich und ansteckend sein, nur, kopieren lassen sie sich nicht. Das Kopieren, auch
das von Vorbildern, schwächt den Eigensinn der Kopisten. Hartmut Rosa, der auch in
Bregenz dabei ist, spricht von Resonanzen. Die unterscheidet er vom Echo.
Schulen als Resonanzräume wären voll von Werkstätten, Laboren, Ateliers Sie wären ein
Basislager für Exkursionen. Es gäbe auch Räume der Stille und zum Üben. Üben heißt
dann nicht mehr nur Wiederholen, sondern auch Variieren und Ausüben und auch Spiel.
Der Resonanzraum Schule wäre einer des Handwerks, des Wissens und der Künste. Er
wäre zuerst als ein einmaliger und sich verwandelnder Ort zu beschreiben. Einer der
Sch nheit, der Poesie und des Staunens. Einer, an dem die Kinder und Jugendlichen auf
Erwachsene treffen, die sie mit ihrem lebendigem Wissen und tätigem K nnen anregen
und anstoßen. Einer mit der Chance, irgendwann an etwas hängenzubleiben und zu
sagen, ja, das ist es, das will ich, das ist mein Ding. Eine Passion, die dem passionierten
Selbst ein Geheimnis bleiben darf. Kurz, eine Schule der Welt und nicht der Abziehbilder
von ihr.
So sind also die Geschichten, um die es geht, nicht gradlinig. Für sie gilt, was Odo
Marquard über sie schrieb, den wir erneut zitieren, nachdem wir ihn bereits im ersten
COUNTDOWN BREGENZ Newsletter zitiert haben:
"Meine Frau und ich, das war eine echte Geschichte: wir sind einander dazwischen
gekommen. Weil die Menschen zu Geschichten erst dann werden, wenn ihnen etwas
dazwischen kommt... sind wir stets mehr unsere Zufälle als unsere Leistungen... Es sind die
Kontingenzen, die Zufälle, die sie zu Geschichten machen. Erst wenn einem geregelten
Ablauf oder einer geplanten Handlung ein unvorhergesehenes Widerfahrnis widerfährt,
müssen sie - die Geschichten - erzählt werden; denn in der Regel weiß man erst hinterher,
ob es eine Geschichte ist. Darum müssen Geschichten - Handlungs-Widerfahrnis-Gemische erzählt werden. Wir Menschen sind unsere Geschichten; Geschichten muss man erzählen;
darum müssen wir Menschen erzählt werden. Wer auf das Erzählen verzichtet, verzichtet
auf seine Geschichte. Wer auf seine Geschichten verzichtet, verzichtet auf sich selber:
narrare necesse est."
Odo Marquard, Skepsis in der Moderne, Stuttgart 2007 (Reclam), Seite 63f
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