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Energieeffizienz - Dena

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Energieeffizienz
Nr. 210 Freitag, 31. Oktober 2014
Leuchtendes
Vorbild
Wie Deutschland zum Vorreiter
für sparsame Energienutzung
werden kann
Präsentiert von
Topic
ENERGIEEFFIZIENZ 3
FREITAG, 31. OKTOBER 2014
KOMMENTAR
DES SPONSORS
PR
Das neue
Image der
Effizienz
Stephan Kohler, Vorsitzender der
Geschäftsführung der Deutschen
Energie-Agentur GmbH (dena).
D
100 % Energiewende:
nur mit energieeffizienten Gebäuden.
Die Energiewende ist mehr als der Umbau der deutschen Strom­
versorgung und der Ausstieg aus der Kernenergie. Es geht um die
Zukunftsfähigkeit des gesamten Energiesystems. Die Senkung des
Energieverbrauchs im Gebäudesektor spielt dafür eine zentrale
Rolle: Derzeit wenden wir mehr als 35 Prozent der insgesamt benö­
tigten Energie für Heizung und Wassererwärmung in Gebäuden auf.
Diesen Verbrauch können und müssen wir durch eine gute Däm­
mung, isolierende Fenster, effiziente Heizungsanlagen, erneuerbare
Energien und eine smarte Steuerung erheblich reduzieren.
Energieeffizienz ist die wichtigste Säule der Energiewende. Für die
erfolgreiche Umsetzung der vorhandenen Effizienzpotentiale setzt
sich die Allianz für Gebäude­Energie­Effizienz (geea) ein. Sie vereint
die wichtigsten Verbände, Unternehmen und Organisationen aus
diesem Bereich. Die Mitglieder der geea repräsentieren die gesamte
Wertschöpfungskette für Energieeffizienz im Gebäudesektor: von
der Wissenschaft über die Hersteller, die Energiewirtschaft bis zu den
umsetzenden Dienstleistern und Handwerkern vor Ort.
Als kompetenter Dialogpartner setzt die geea wichtige Impulse, um
Klimaschutzziele zu erreichen und die Energiewende zu meistern.
Vor diesem Hintergrund hat die geea auch die erste gewerke­
übergreifende Sanierungskampagne für ganz Deutschland initiiert:
„Die Hauswende“.
Mehr unter www.geea.info oder www.die-hauswende.de
IMAGO
Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz – die starke Plattform für die Energiewende im Gebäudesektor.
LED-Beleuchtung auf einem früheren Industriegelände in Duisburg: Sparsame
Lichttechnik ist ein wirksamer Hebel, um die Energieeffizienz zu erhöhen.
INHALT
RÜCKSTAND
Wenn Deutschland
sein Energiesparpotenzial besser nutzen würde, ließen sich Klimaschutzziele leichter erreichen. Seite 4
ANREIZ
Das novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz wird künftig die
Effizienz von Solarund Windkraftanlagen
verbessern. Seite 6
LEISTUNG
Trotz der guten Energiebilanz stagniert der
Einsatz von Kraft-Wärme-Kopplung. Die
Bundesregierung will
das ändern. Seite 8
AUFGABE
Kommunen spielen
eine entscheidende
Rolle dabei, Klimaziele
zu erreichen und die
Energiewende zum Erfolg zu führen. Seite 10
STRATEGIE
Die Versorger denken
um: Mit neuen Dienstleistungen wollen
sie jetzt auch beim
Energiesparen mitverdienen. Seite 12
INTELLIGENZ
Das Smart Home soll
sparsam und komfortabel sein. Noch fehlt
der Schlüssel zum
Markterfolg auf breiter
Fläche. Seiten 14
Koordination und Realisierung
Die geea wird getragen von:
IMPRESSUM
Handelsblatt GmbH (V.i.S.d.P.); Kasernenstr. 67, 40213 Düsseldorf Chefredaktion: Sven Afhüppe
Art Director: Stefan Vieten Verantwortlicher Redakteur: Klaus Stratmann Redaktion: Thomas Mersch, Stefan Merx
Layout: Ute Doerenkamp Bildredaktion: Jens Dietrich, Corinna Thiel Titel: Christian Nielinger
Autoren: Jürgen Flauger, Bernward Janzing, Malte Laub, Andreas Schulte, Klaus Stratmann, Georg Weishaupt
Geschäftsführung: Gabor Steingart (Vorsitzender), Frank Dopheide, Claudia Michalski, Ingo Rieper
Anzeigenverkauf: iq media marketing, Tel.: 0211/887-0
ie Energiewende muss zur Innovationswende werden: bei
der Umsetzung der Energieeffizienz, der Integration erneuerbarer Energieträger in das Energiesystem und bei der Realisierung der
notwendigen Infrastruktur und Versorgungssicherheit. Mit den alten
Denkmustern und Instrumenten
kommen wir nicht mehr weiter.
Wir haben heute die Techniken,
um die definierten Effizienzziele zu
erreichen – mit wirtschaftlich positiven Auswirkungen für die Investoren und Nutzer. So bieten zum Beispiel Effizienzhäuser nicht nur einen hohen Wohnkomfort, sondern
stabilisieren die Heizkosten und
steigern den Wert des Gebäudes.
Obwohl der deutsche Gebäudebestand ein hohes energetisches Sanierungspotenzial aufweist, verharrt die energetische Modernisierungsrate bei unter einem Prozent –
dabei würden wir 2,5 Prozent benötigen. Der Effizienzmarkt springt
nicht in dem Umfang an, wie es nötig wäre – weder im Gebäudebereich noch bei den Unternehmen.
Jetzt erstellt die Bundesregierung
einen neuen Effizienzplan, den sogenannten Nationalen Aktionsplan
Energieeffizienz (NAPE), in dem sie
neue (in Wirklichkeit sind es fast
nur alte) Instrumente zusammenfasst. Sie tut dies in der Hoffnung,
dass für den Hausbesitzer, den Unternehmer – eigentlich für alle
Energieverbraucher – Effizienz ein
wichtiges Thema wird, das sie in
den Mittelpunkt ihres Verhaltens
und der Kauf- und Investitionsentscheidung stellen. Doch schaffen
wir damit den notwendigen Ruck
für eine Effizienzrevolution? Ich befürchte: nein.
Ich finde es gut, dass die Bundesregierung dem Thema Energieeffizienz eine größere Beachtung
schenkt. Doch wir benötigen vor allem informierte und motivierte
Bürger und Akteure, die Energieeffizienz als etwas Modernes und
Schickes ansehen und sich dafür
begeistern. Dafür brauchen wir vor
allem Unternehmen und Marktakteure, die die Produktqualität Energieeffizienz ihren Kunden seriös
und qualitativ hochwertig anbieten,
auf einem hohen Komfortniveau.
Dies gelingt bei anderen Produkten
doch auch, obwohl sie nicht so viele Vorteile für den Kunden bieten
beziehungsweise er sie häufig überhaupt nicht benötigt! Warum soll es
beim Thema Energieeffizienz nicht
auch gelingen, wenn die notwendige Marketingpower dahintersteht?
4 ENERGIEEFFIZIENZ
FREITAG, 31. OKTOBER 2014
ENERGIEEFFIZIENZ 5
FREITAG, 31. OKTOBER 2014
NATIONALER AKTIONSPLAN
Säule der
Energiewende
Warten auf den
großen Wurf
Eine höhere Versorgungssicherheit, bessere Chancen
auf das Erreichen der Klimaziele, geringere Energiekosten für Haushalte und die Wirtschaft – einen energiepolitischen Rundumschlag plant die Bundesregierung mit
der Verabschiedung eines Nationalen Aktionsplans
Energieeffizienz (NAPE). Den will das Kabinett Anfang
Dezember beschließen. Neben dem Ausstieg aus der
Kernenergie bei parallelem Ausbau der Stromerzeugung aus regenerativen Quellen wird so der Fokus auf
das Thema Energieeffizienz gelegt. Sie sei „die zweite
Säule für eine Umsetzung der Energiewende“ heißt es
beim zuständigen Bundesministerium für Wirtschaft
und Energie. Denn es müssten „die Anstrengungen
verstärkt werden, um die nationalen und europäischen
Effizienzziele zu erreichen“.
Die Möglichkeiten zur Steigerung der Energieeffizienz
sind vielfältig. Eine Reihe von Ansatzpunkten
finden sich bei Gebäuden oder in der Industrie. Erst
langsam wird das Potenzial genutzt – auch, weil die
Politik nur zögerlich an wirksamen Konzepten arbeitet.
D
ie Politik hat das Potenzial der
Energieeffizienz erkannt: Auf
europäischer Ebene gibt es konkrete Ziele, wie sie gesteigert
werden kann. Die Mitgliedstaaten müssen diese umsetzen – doch dabei hapert
es. Seit Jahren klaffen Anspruch und
Wirklichkeit weit auseinander, auch in
Deutschland. Besonders deutlich wird
das im Gebäudesektor. Hier bieten sich
große, bislang ungenutzte Möglichkeiten.
Gebäude sind verantwortlich für rund
40 Prozent des Endenergieverbrauchs
in Deutschland – und für etwa ein Drittel
der CO2-Emissionen. 75 Prozent der
Wohngebäude wurden vor 1979 errichtet, also bevor die erste Wärmeschutzverordnung in Kraft trat. Sie sind gar
nicht oder völlig unzureichend gedämmt. Auch die Heizkessel in den Kellern haben oft mehrere Jahrzehnte auf
dem Buckel und verbrauchen mehr
Energie als nötig.
Reichstagskuppel am Abend:
Die Regierung will Anreize für die
effizientere Energienutzung setzen.
Um die Einsparziele zu erreichen, hat
die Bundesregierung schrittweise die
Mindesteffizienzstandards angehoben.
Sie gelten aber nur für neue Gebäude.
Angesichts der geringen Neubautätigkeit in Deutschland ist der Effekt daher
minimal. Der Bestand insgesamt wird
nicht wesentlich effizienter, die Sanierungsquote erreicht nicht einmal den
Wert von einem Prozent pro Jahr. Erforderlich wären aber zwei bis drei Pro-
Die Energieziele der Bundesregierung
2013
2020
2050
Veränderung zu 1990 in Prozent
Klimaschutz
Treibhausgasemissionen
Stand 2013 und Ziel für 2050 in Prozent
Energieeffizienz
Primärenergieverbrauch
-3,3
Energieproduktivität
bis 2013:
+1,1 %
pro Jahr
-23,8
Anteil der erneuerbaren Energien
Stromverbrauch
25,4
80,0
Endenergieverbrauch
bis 2050:
+2,1 %
pro Jahr
12,4
(2012)
-80,0
bis
-95,0
Handelsblatt
Bjoern Goettlicher / VISUM
dpa
nahmen mit Blick auf ein einzelnes Gebäude sinnvoll sind. Wir suchen vielmehr
nach Quartierslösungen. So lassen sich
die richtigen Prioritäten setzen und Synergien heben.“ Im Idealfall ist die Steigerung der Energieeffizienz auch ein wirtschaftlicher Erfolg: Viele gut durchdachte
Maßnahmen rechnen sich rasch und spülen schon nach wenigen Jahren Geld in
die Kassen von Unternehmen und Privatleuten.
60,0
-50,0
Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
zent, wenn die Politik ihre Ziele erreichen will. Der Instrumentenkasten zur
Steigerung der Energieeffizienz im Gebäudesektor beschränkt sich – abgesehen von einzelnen kleinen Programmen und Beratungsangeboten – auf die
Förderung von energetischen Sanierungsmaßnahmen durch die staatliche
Förderbank KfW. Deren zinsverbilligte
Darlehen sind zwar unbestritten ein Erfolgsmodell. Eine Erhöhung und Verstetigung der Mittel wäre allerdings erforderlich, wenn es wirklich vorangehen
soll.
Seit Jahren debattiert die Politik außerdem darüber, für energetische Sanierungsmaßnahmen eine steuerliche
Abschreibungsmöglichkeit zu schaffen
– bislang ohne Erfolg. Der letzte Versuch, dieses Modell umzusetzen, scheiterte in der vergangenen Legislaturperiode am Widerstand der Länder. In der
amtierenden schwarz-roten Koalition
gibt es aber Bestrebungen, das Projekt
erneut auf die Agenda zu setzen.
Doch nicht allein im Gebäudesektor
ist viel zu tun. Auch Produktionsbetriebe in Industrie und Gewerbe bieten
reichlich Möglichkeiten. Das Einsparpotenzial ist hoch – es wird hier auf 40 Prozent geschätzt. Durch die Einführung
von Energiemanagementsystemen sowie verbesserte Informationsangebote
lassen sich Fortschritte bewirken. Auch
strengere Verbrauchsgrenzen und umfassende Kennzeichnungspflichten für
Wir wollen wegkommen vom
reinen Objektgedanken und
suchen nach Quartierslösungen.
So lassen sich die richtigen
Prioritäten setzen.
Beate Mekiffer
Projektleiterin bei der Wista-Management GmbH
Produkte – vom Staubsauger bis zum
Auto – gehören zu den Instrumenten
der Effizienzsteigerung.
Die Bundesregierung arbeitet an
zwei Programmen, die das Thema einen entscheidenden Schritt voranbringen sollen: Im Umweltministerium entsteht derzeit das „Aktionsprogramm
Klimaschutz 2020“, im Wirtschaftsministerium der „Nationale Aktionsplan
Energieeffizienz“ (NAPE).
Projekte wie Adlershof machen deutlich, wie die verschiedenen Ansätze ineinander greifen können. Ausgangspunkt der Bemühungen ist im Fall des
RICHTLINIE DER EU
Weicher
Sparkurs
Minus 20 Prozent bis 2020 – so lautet die freiwillige
Vorgabe für den Primärenergieverbrauch, die sich die
Mitgliedstaaten der EU vor sieben Jahren gesetzt haben. Der Sparkurs wurde 2012 unter dem Brüsseler
Energiekommissar Günther Oettinger, der ab November das Ressort wechselt, in der Energieeffizienz-Richtlinie verankert. Zwar dürfen die einzelnen Länder
selbst ein unverbindliches Einsparziel für 2020 festlegen. Doch es wird zugleich verlangt, den Energieverbrauch um
durchschnittlich
1,5 Prozent im
Jahr zu senken.
Das kann geschehen durch
Verpflichtung
der Versorger
auf Energiesparmaßnahmen
oder alternative
Aktionen. Gegen
die BundesreEU-Kommissar Oettinger: Ambitiogierung ist alnierte Ziele für den Klimaschutz.
lerdings nun
ein Vertragsverletzungsverfahren anhängig. Die Europäische Kommission hat es im August eingeleitet, weil
Deutschland die Richtlinie nicht wie verlangt bis Juni
in allen Punkten umgesetzt hatte.
Technologieparks eine solide Informationsbasis: Forscher ermittelten Daten
zu Bebauung und zur Nutzung der Gebäude, zur Versorgungsinfrastruktur
und zum Energiebedarf. So erstellten
sie Prognosen für den End- und Primärenergieeinsatz im Jahr 2020 – dann ist
die komplette bauliche Auslastung des
Parks angepeilt.
A
lle Angaben wurden in einer
Datenbank gesammelt. Mit
deren Hilfe ermittelten die
Forscher eine Reihe von Vorschlägen, etwa zum Einsatz von Speichertechnik oder für die Steigerung der
Gebäudeeffizienz. Bewertungskriterien
waren die Primärenergie-Relevanz,
technische Machbarkeit und Skalierbarkeit sowie die Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz. Im zweiten und aufwendigeren Schritt werden die Vorschläge bewertet und umgesetzt.
Eine zentrale Rolle spielt dabei Simon Hamperl. Seit einigen Monaten ist
er Energiemanager in Adlershof. „Mir
geht es darum, die einzelnen Akteure
hier zu überzeugen und gemeinsam mit
ihnen Potenziale zu erkennen. Danach
beginnt die Umsetzung. Sie wird sich
über mehrere Jahre hinziehen“, erklärt
er seinen Job. Leute wie Hamperl
braucht es noch viele in Deutschland,
damit sich bei der Steigerung der Energieeffizienz die erhofften Erfolge auch
einstellen. Klaus Stratmann
Erik Luntang für Handelsblatt
I
n Berlin-Adlershof entsteht Zukunft. Der Technologiepark, einer
der größten seiner Art in Europa,
beherbergt auf einer Fläche von
467 Hektar an die 1 000 Unternehmen und 17 wissenschaftliche Einrichtungen. Eine Vielzahl von Schlüsselbranchen ist präsent: Bio- und Umwelttechnologie, IT und Medien, Mikrosysteme und Materialien, Photonik und Optik
sowie Photovoltaik zählen dazu. 23 000
Menschen arbeiten oder studieren in
Adlershof – und einige von ihnen leben
sogar hier.
Das Unternehmen Younicos entwickelt
im Technologiepark Batteriesysteme für
den Energiesektor, Wissenschaftler des
Leibniz-Instituts für Höchstfrequenztechnik arbeiten an Innovationen für die
Lasertechnik. Und in den zehn Adlershofer Filmstudios entstehen Beiträge für Kino und Fernsehen. Heterogener könnte
die Nutzerstruktur kaum sein – und die
Vielfalt spiegelt sich auch im Energiebedarf. Einige Firmen und Institute wie der
Berliner Elektronenspeicherring (BESSY)
benötigen sehr viel Energie. Andere wiederum bewegen sich in der Verbrauchsklasse von Bürogebäuden, wie es sie
zehntausendfach in ganz Deutschland
gibt.
Doch man hat sich auf ein gemeinsames Ziel festgelegt: Der Technologiepark
soll effizienter werden. Denn falls sich der
Trend der vergangenen Jahre in Adlershof ungebremst fortsetzt, würde sich der
Energiebedarf bis zum Jahr 2020 verdoppeln. Das wollen die Initiatoren verhindern – und den Verbrauch in diesem Zeitraum sogar um 30 Prozent drosseln. Dabei nutzen sie eine Vielzahl von Hebeln:
die energetische Verbesserung und Vernetzung von Gebäuden und Anlagen, die
Nutzung von Abwärme, eine effiziente
Strom- und Wärmeversorgung und ein
umfassendes Energiemanagementsystem.
In Adlershof wird wie durch ein Brennglas deutlich: Die Steigerung der Energieeffizienz ist eine Querschnittsaufgabe. Sie
ist mehr als die Summe verschiedener
Einzelmaßnahmen. Sie lässt sich am besten in vernetzten Strukturen umsetzen –
und birgt Riesenchancen.
„Wir wollen hier vom reinen Objektgedanken wegkommen“, erläutert Beate
Mekiffer, Projektleiterin bei der Wista-Management GmbH, die den Park betreibt
und vermarktet. „Es geht nicht in erster
Linie um die Frage, welche Effizienzmaß-
Der Anspruch ist hoch: Es gehe darum, „Ziele, Instrumente und Verantwortungen zusammenzuführen“, so
die Regierung. Den NAPE begleitet die „Plattform
Energieeffizienz“. Sie bringt Vertreter aus Wirtschaft,
Gesellschaft,
Forschung und
Politik zusammen und tagte
erstmals im Juli.
Der Energieeffizienzfonds soll
als „zentrales Finanzierungsinstrument“ gestärkt werden –
er bezuschusst
Kanzlerin Merkel, Minister Gabriel:
entsprechende
„Anstrengungen verstärken.“
Projekte. HB
Im Juli vergangenen Jahres stellte die EU-Kommission
ein neues Effizienzziel zur Diskussion. Angepeilte Einsparungen von 30 Prozent bis 2030 bezeichnete Oettinger als „ehrgeizig und dennoch realistisch“. So ambitioniert wie erhofft werden die Mitgliedstaaten nicht
sparen. Auf Druck Großbritanniens und Polens wurde
die Marke beim EU-Gipfel Ende Oktober auf 27 Prozent
gesenkt – auch das ist nicht bindend. HB
6 ENERGIEEFFIZIENZ
FREITAG, 31. OKTOBER 2014
ENERGIEEFFIZIENZ 7
FREITAG, 31. OKTOBER 2014
Druck auf
die Kosten
ZWISCHENBILANZ
Die Rolle der
Erneuerbaren
Windkraft:
Eine allzu üppige Förderung hat den Preis der
Energiewende stark in die Höhe getrieben.
Die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes
schafft nun mehr Anreize, die Effizienz
von Photovoltaik- und Windkraftanlagen zu
erhöhen. Das soll auch die Ausgaben senken.
gefallen. Die Bundesregierung hat die
Förderung pro Kilowattstunde immer
weiter gesenkt. Bei einer kleinen Anlage
gab es 2010 noch rund 34 Cent, heute
sind es nur noch gut zwölf Cent. Auf
dem Weltmarkt liefern sich die Technikanbieter einen harten Kampf. Denn chinesische Konzerne haben riesige Kapazitäten für Solarmodule aufgebaut und
so die Preise massiv gedrückt. Viele Hersteller haben dies nicht überlebt oder
wurden von Konkurrenten aufgekauft.
Das neue EEG soll aber auch Anreize
setzen für eine höhere Effizienz der
Ökostromanlagen. Da ist der Preis einer
Anlage nur ein Faktor. Es geht auch darum, die Leistungsfähigkeit zu steigern.
So erreichen Solarmodule heute einen Wirkungsgrad von bis zu 24 Prozent. Sie sind also in der Lage, diese
Menge der aufgenommenen Sonnenenergie in Strom umzuwandeln. Es
kommt nun darauf an, den Wirkungsgrad zu vertretbaren Preisen weiter zu
erhöhen. Dem Fraunhofer-Institut für
Solare Energiesysteme ISE ist es gelungen, im Labor mit einem Wirkungsgrad
von 44,7 Prozent einen neuen Weltrekord aufzustellen. Es wird aber noch eine Zeit dauern, bis daraus marktreife
Module entstehen.
D
ie neuen Förderbedingungen
sollen auch die Effizienz von
Windkraftanlagen steigern.
Deshalb hat die Bundesregierung die Förderung von Windrädern an
Land gesenkt. Hersteller wie Enercon in
Aurich oder Nordex in Hamburg arbeiten daran, die Leistungsfähigkeit ihrer
Anlagen zu verbessern.
So erhöhen die Hersteller die Türme.
Denn in Höhen von 120 Metern und
mehr bläst ein stärkerer Wind. Außerdem setzen sie immer längere Rotorblätter ein. Dabei gilt grundsätzlich die
Formel: je höher der Turm und je länger das Rotorblatt, desto höher ist auch
der mögliche Stromertrag.
Die geringere Förderung für Ökostromkraftwerke zwingt die Windkrafthersteller aber auch, ihre Fertigung weiter zu industrialisieren. Denn nur so gelingt es ihnen, ihre Kosten zu senken.
Der norddeutsche Windpionier Enercon zum Beispiel setzt inzwischen Roboter zum Schleifen der Rotorblätter
Wasserkraft:
Lichtkunst in der U-Bahn
im taiwanesischen
Kaohsiung: Das deutsche
Experiment Energiewende
findet global Beachtung.
Wikipedia, Peellden
W
er durch Bayern fährt,
kommt an alten Bauernhöfen vorbei – mit
Blumen geschmückt.
Ins Auge springen
auch schöne, mit Holz verkleidete Häuser. Kaum zu übersehen ist jedoch der
architektonische Stilbruch: Die Dächer
sind oft mit Solarmodulen bestückt.
Dass gerade in Bayern Solaranlagen
beliebt sind, hängt auch damit zusammen, dass im Süden Deutschlands die
Sonne im Schnitt häufiger scheint als in
vielen anderen Landesteilen. Der Boom
ist aber auch eine Folge der üppigen Solarförderung der vergangenen Jahre.
Schließlich erhielt jeder, der sich eine
Solaranlage aufs Dach bauen ließ, jahrelang für jede Kilowattstunde, die er mit
Sonnenenergie produzierte und ins
Stromnetz einspeiste, eine stattliche Vergütung. So war die Photovoltaikanlage
(PV) für viele Landwirte und auch Eigenheimbesitzer ein schöner Nebenverdienst oder eine Rente – besser als manches Sparbuch. Denn die hohe sogenannte
Einspeisevergütung
war
zunächst für 20 Jahre garantiert.
Das Rheinisch-Westfälische Institut
für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen
hat ausgerechnet: Allein der bisherige
Ausbau der Photovoltaik kostet wegen
der hohen Fördersätze die deutschen
Stromzahler rund 111 Milliarden Euro.
Berücksichtigt wurden die zwischen
2000 und 2013 installierten PV-Anlagen,
erläutert Manuel Frondel, Energieexperte des RWI. Denn die Förderung wird
von allen Haushalten über die Stromrechnung finanziert. Politiker und Verbraucherverbände wurden nicht müde,
die Förderung über das ErneuerbareEnergien-Gesetz (EEG) zu kritisieren.
Bundeswirtschaftsminister Sigmar
Gabriel hat reagiert und bei der Reform
des EEG darauf gedrängt, die Kosten für
Solarstrom zu senken. So wurden in
dem seit August dieses Jahres geltenden
Gesetz die Fördersätze angepasst. Auch
veranlasste Gabriel einen Fokus auf die
kostengünstigsten Technologien: Onshore-Windkraft und Photovoltaik. Zudem sollen sich die Ökostromkraftwerke
besser in den Markt integrieren und
agieren wie Gas- oder Kohlekraftwerke.
Bereits in den vergangenen Jahren
sind die Kosten für Solaranlagen stark
Exakt 23 645 Windkraftanlagen zählte
der Bundesverband Windenergie 2013
in Deutschland. Nach starkem Zubau
bis vor gut zehn Jahren – zwischen
2000 und 2003 stieg die Zahl der Windräder von gut
9 000 auf über 15 000 – flachte das Wachstum zwar ab.
Die installierte Leistung aber stieg linear weiter auf zuletzt 33,7 Gigawatt– denn im Zuge des sogenannten Repowerings wurden alte Anlagen durch leistungsfähigere
ersetzt. Neuer Hoffnungsträger ist die Offshore-Windkraft. Die gesamte Leistung betrug in deutschen Hoheitsgewässern zum 30. Juni dieses Jahres zwar erst 628,3
Megawatt. Die Bundesregierung peilt aber für 2020 zehn
Gigawatt an, 2030 sollen es 25 Gigawatt sein.
Photovoltaik:
Was die Erneuerbaren leisten
Brutto-Stromerzeugung einzelner Energieträger 2013
Braunkohle
25,8 %
Erneuerbare
23,4 %
Steinkohle
19,7 %
Kernenergie
15,4 %
Erdgas
10,5 %
5,2 %
Sonstige
Anteil der Energieträger an der Stromerzeugung
33,8 %
Wind
3,4 %
Siedlungsabfälle
29,1 %
Biomasse
Erneuerbare
Energie
2013
19,2 %
Photovoltaik
14,5 %
Wasser
Leistung und Erzeugung von Regenerativ-Anlagen 2012
Anteil an der
installierten Leistung
Anteil an der
Stromerzeugung
42,8 %
19,6 %
Wind onshore 42,1 %
37,6 %
Biomasse
8,1 %
26,3 %
Wasserkraft
6,1 %
15,4 %
DKG-Gase
0,5 %
0,5 %
Wind offshore
0,4 %
0,5 %
Photovoltaik
Handelsblatt
Der Beitrag der Wasserkraft zur
Stromerzeugung ist bislang beträchtlich. Das Potenzial allerdings nicht mehr
besonders hoch – so die Einschätzung
des Umweltbundesamts (UBA). Schon bei Windkraftanlagen an Land ist es schwierig, neue Standorte finden, die
genug Stromertrag bringen, von Anwohnern akzeptiert
werden und ökologisch unbedenklich sind. Bei der Wasserkraft ist dies nahezu ausgeschlossen. Die Kraftwerke
könnten nur einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass
Deutschland wie von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel
angestrebt, im Jahr 2050 Strom nur noch aus regenerativen Quellen erzeugt. Das UBA sieht allein Chancen durch
Modernisierung und Erweiterung bestehender Anlagen.
Quelle: Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft
ein. „Die Industrialisierung der Fertigung steigt stetig an. Auch da kann
Deutschland zum Weltmeister der künftigen Maschinen werden“, ist EnerconGeschäftsführer Hans-Dieter Kettwig
überzeugt.
Eine große Rolle spielen die Logistikkosten. Der US-Konzern General Electric
(GE) testet gerade einen neuen Stahlturm. Dieser wird erst am Einsatzort aus
vielen Einzelteilen montiert. So verringert GE die Zahl der kostspieligen und
langwierigen Transporte mit überlangen
Teilen. „Er ist signifikant günstiger als
ein vergleichbarer Beton-Hybrid-Turm“,
sagt Andreas von Bobart, DeutschlandChef der Windsparte des US-Konzerns.
Und Enercon hat ein neues Rotorblatt
entwickelt, das in zwei Teilen gefertigt
wird: Zuerst wird für ein Drittel des Blattes ein Kern aus Glasfaser gewickelt. Der
restliche Teil wird separat gefertigt und
später mit dem Kern zusammengeschraubt. „Die getrennten Teile lassen
sich besser transportieren“, beschreibt
Kettwig die Vorteile des Verfahrens.
Das reformierte EEG fördert nicht
mehr jeden, der eine Solar- oder Windkraftanlage aufbaut. Denn es gibt sogenannte atmende Deckel – also flexible
Obergrenzen. Sie betragen bei Photovoltaikanlagen und Windmühlen an Land
jeweils 2 500 Megawatt pro Jahr. Werden
Die Industrialisierung der Fertigung
in der Windkraftbranche steigt
stetig an. Deutschland kann auch
da zum Weltmeister werden.
Hans-Dieter Kettwig
Geschäftsführer Enercon
werden mehr Anlagen neu angeschlossen, sinkt die Förderung im nächsten
Jahr.
Um aber die Effizienz der Windräder
noch zu steigern, unterstützt die Bundesregierung zusätzlich das Repowering. Damit ist der Austausch kleinerer
durch größere Windräder gemeint. So
lässt sich die Stromproduktion am selben Standort deutlich erhöhen. Und
damit die Ökostrombranche immer
mehr zu einem ernst zu nehmenden
Partner in der Energiebranche wird,
muss sie künftig ihren Strom selbst verkaufen oder ein anderes Unternehmen
damit beauftragen. Dazu ist nötig, flexibel auf die Preisschwankungen im
Strommarkt zu reagieren. So gewinnt
die Steuerung von Solar- und Windanlagen an Bedeutung. Sie ermöglicht es
zum Beispiel, die Stromproduktion besser vorherzusagen.
E
ine besondere Rolle können virtuelle Kraftwerke übernehmen.
Sie verbinden Solar-, Wind- sowie Biogasanlagen und Blockheizkraftwerke miteinander. Bei einer
Windflaute und wolkenreichem Himmel liefern dann Blockheizkraftwerke
den fehlenden Solar- oder Windstrom.
Außerdem werden Speichertechnologien wichtiger. Sie sorgen dafür, dass
überschüssiger Strom aus Wind- und
Solaranlagen von großen Batterien aufgenommen wird. Er kann dann später
an der Strombörse verkauft oder auch
zur Selbstversorgung genutzt werden.
Verlässlichkeit und kostengünstige
Produktion sollen dazu beitragen, dass
der Anteil der Erneuerbaren weiter
steigt. In den ersten neun Monaten dieses Jahres waren sie bereits die wichtigste Stromquelle vor der Braunkohle. Insgesamt lieferten sie nach Angaben der
Initiative Agora Energiewende 27,7 Prozent des in Deutschland verbrauchten
Stroms. Georg Weishaupt
Die Solarenergie ist neben der Windkraft der große Hoffnungsträger der
Bundesregierung, um die Energiewende zu schaffen. Anlagen mit zusammen
35,9 Gigawatt Leistung waren im vergangenen Jahr in
Deutschland installiert – das ist mehr als bei der Windkraft. Die Stromerzeugung jedoch fiel laut AG Energiebilanzen mit rund 28,3 Terawattstunden geringer aus –
Windräder lieferten 49,8 Terawattstunden. Allerdings waren es 2008 bei Solaranlagen erst 4,4 Terawattstunden,
die Windenergie erzeugte zu diesem Zeitpunkt rund
neunmal mehr Strom. Anlageinvestitionen in die Photovoltaik summierten sich 2013 auf rund 4,2 Millionen Euro,
bei der Windkraft waren es knapp 7,1 Millionen Euro.
Biomasse:
Unter den Alternativen zu Wind- und
Solarenergie hat besonders Biomasse
stark zugelegt. Mit diesem Energieträger ist die Stromerzeugung laut Agentur für Erneuerbare Energien um mehr als das
Zehnfache gestiegen, seit das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) im Jahr 2000 in Kraft trat. Auch für Biomasse
gilt künftig ein sogenannter „atmender Deckel“, der einen
jährlichen Zubau von rund 100 Megawatt vorsieht.
Der Bundesverband Bioenergie hatte 300 Megawatt gefordert. Biomasse sei „im Vergleich zu Wind und Sonne
kostenintensiver“, heißt es beim Bundeswirtschaftsministerium – sie sei jedoch der „vielseitigste erneuerbare
Energieträger“. Nach der Novelle des EEG im Sommer
werde Biomasse „in Zukunft vor allem für die flexible
Stromerzeugung genutzt, um die wetterbedingt
unbeständige Erzeugung aus Sonne und Wind auszugleichen“. HB
8 ENERGIEEFFIZIENZ
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ENERGIEEFFIZIENZ 9
FREITAG, 31. OKTOBER 2014
Schlafender
Solarmodulen bestücken; in jüngster
Zeit waren darunter eine Konservenfabrik und ein Betonwerk.
Aus Sicht der Firmen muss dann nur
noch ein gutes Energiemanagement
her: Der Verbrauch wird zeitlich verlagert, der Eigenstrom so optimal genutzt.
Solches Lastmanagement kann wie bei
Bäcker Tiefenbach der betriebswirtschaftlichen Optimierung des eigenen
Strombezugs dienen. Aber es gibt speziell für größere Fabriken auch einen
zweiten Ansatz: Sie flexibilisieren ihren
Verbrauch im Dienste des Netzes – etwa
durch Bereitstellung von Regelenergie,
die am Markt vergütet wird.
Das Potenzial ist enorm, denn zahlreiche industrielle Prozesse und Anwendungen eignen sich als flexible Lasten,
zum Beispiel thermische Prozesse, die
mit Strom gespeist werden. So können
moderne Kühlhäuser ihr Kühlaggregat
sogar für mehrere Tage außer Betrieb
nehmen, weil das Gebäude die Kälte
sehr gut speichert. Auch chemische und
metallurgische Prozesse sind oft für das
Lastmanagement geeignet. Die Deutsche Energie-Agentur benennt Papier-,
Aluminium- und Stahlhersteller als Beispiele. Experten sprechen von einem
Paradigmenwechsel – vom Prinzip „Erzeugung folgt Verbrauch“ hin zu „Verbrauch folgt Erzeugung“.
Riese
Kraft-Wärme-Kopplung ist effizient und ergänzt dank
dezentraler Anlagen den Ausbau der Erneuerbaren
gut. Der Anteil an der Stromerzeugung stagniert
dennoch bei rund 16 Prozent. Die Bundesregierung will
ihn nun bis 2020 auf 25 Prozent schrauben.
T
stagnieren und das 25-Prozent-Ziel
„demnach deutlich verfehlt“. Nötig sei
ein Zuschlag in Höhe von vier bis sechs
Cent je Kilowattstunde, womit sich „als
Orientierungswert im Jahr 2020 ein zusätzliches Fördervolumen von zwei bis
drei Milliarden Euro“ ergebe.
P
aradox wirkt, dass die Regierung KWK-Anlagen sogar explizit belastet. Seit August nämlich
müssen die Betreiber für selbst
genutzten Strom einen Teil der EEGUmlage zur Förderung der Erneuerbaren bezahlen. Aktuell werden 30 Prozent davon fällig, also rund 1,9 Cent je
Kilowattstunde. Künftig sollen es sogar
40 Prozent sein.
„Die teilweise Belastung der KWK-Eigenerzeugung mit der EEG-Umlage
wird den weiteren Zubau bremsen“, kritisiert Berthold Müller-Urlaub, Präsident des Bundesverbands Kraft-WärmeKopplung (BKWK). Noch stärker seien
Contracting-Anbieter betroffen; sie würden „diskriminiert mit 100 Prozent der
Umlage“. Um das im Koalitionsvertrag
definierte Ziel zu verfolgen, fordert Müller-Urlaub „eine angemessene Erhöhung der KWK-Förderung“.
Im Zuge der Energiewende wäre dies
folgerichtig, denn Kraft-Wärme-Kopplung passt perfekt zu den Erneuerbaren. Die oft dezentral gebauten Kleinkraftwerke sind sehr flexibel steuerbar
und können das Netz stabilisieren. „Der
Ausbau der KWK ist ein entscheidender
Weg, um die Energiewende erfolgreich
vollziehen zu können“, sagt NRW-Umweltminister Johannes Remmel. Die
Technik sei „der schlafende Riese der
Zukunftsenergien“.
Einen Weckruf plante der Ökostromanbieter Lichtblick mit seinem
Gestaltungsspielraum
Energiebedarf und Energieeffizienz-Potenziale der
mittelständischen Wirtschaft in Petajoule
Energiebedarf 2020
Energiebedarf
2008
Ohne
EffizienzFortschritte
900
945
Gewerbe, Handel,
Dienstleistungen
1 300
1 400
Summe
Mittelstand
2 200
2 345
Mittelständische
Industrie
Handelsblatt
Unter polit.
Rahmenbed.
von 2012
860
1 190
Mit zusätzl.
politischen
Maßnahmen
800
(Mittelwert)
1 105
(Mittelwert)
(Mittelwert)
2 050
1 905
Quelle: Institut für Ressourceneffizienz und Energiestrategien
imago/Rainer Weisflog
echnisch gesehen ist die Sache
eindeutig: Wo Brennstoffe verstromt werden, ist Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) die effizienteste Option. Nur zwischen zehn und 15 Prozent der Primärenergie gehen dabei verloren. Bei der
reinen Stromerzeugung können es
mehr als 60 Prozent sein.
Dabei sagt der Begriff noch nichts
über das eingesetzte Verfahren aus.
Kraft-Wärme-Kopplung kann auf vielfältige Weise realisiert werden. Einfachstes
Beispiel ist ein stationär betriebener Otto- oder Dieselmotor. Dessen Kraft treibt
einen Generator an, während die Abwärme als Heiz- oder industrielle Prozesswärme bereitsteht. Im größeren
Leistungsbereich werden Dampf- oder
Gasturbinen – oder auch eine Kombination daraus, GuD genannt – eingesetzt.
Auch eine stationäre Brennstoffzelle ist
eine KWK-Anlage, weil sie gleichzeitig
Strom und Wärme liefern kann.
Trotz ihrer Effizienz spielt Kraft-Wärme-Kopplung in Deutschland bislang eine untergeordnete Rolle: Sie hat 2013 einen Anteil von lediglich 16,2 Prozent an
der Nettostromerzeugung. 2014 wird
der Wert nach Schätzung des PrognosInstituts sogar auf 15,9 Prozent sinken.
Denn die Technik leidet ebenfalls unter
den ruinösen Überkapazitäten, die den
Strompreis in den Keller befördern. Zudem bremsen die niedrigen CO2-Preise
im Emissionshandel die klimafreundliche KWK-Stromerzeugung. Aktuell kostet der Ausstoß einer Tonne des Treibhausgases rund sechs Euro, ursprünglich waren Preise zwischen 20 und 30
Euro angepeilt. Das begünstigt weniger
effiziente Anlagen wie Braunkohlekraftwerke.
Experten gehen davon aus, dass sich
die Lage nicht entscheidend ändern
wird. Freilich könnte die Bundesregierung gegensteuern und hat dies im Koalitionsvertrag auch angekündigt: „Die
rechtlichen und finanziellen Bedingungen für die umweltfreundliche KraftWärme-Kopplung wollen wir so gestalten, dass der KWK-Anteil auf 25 Prozent
bis 2020 ausgebaut wird.“ Umsetzen soll
dies eine Novelle des Kraft-WärmeKopplungs-Gesetzes (KWKG), die für
den Sommer 2015 geplant ist.
Anfang Oktober hat das Wirtschaftsministerium das bisherige KWKG evaluiert. Zentrale Aussage: Unter den aktuellen Marktbedingungen werde die KWKStromerzeugung bis zum Jahr 2020
Licht-Laser-Show am Bärwalder See in Sachsen, im Hintergrund Kraftwerke: Der Energiesektor bietet noch viele Ansatzpunkte für mehr Effizienz.
Schwarmstromkonzept: Viele zentral
gesteuerte Blockheizkraftwerke können
schneller auf die schwankende Erzeugung der Erneuerbaren reagieren, als jedes Großkraftwerk. Doch dieses Projekt
stockt, nicht zuletzt auch wegen der
niedrigen Preise am Strommarkt.
Denn mit dem Großhandelspreis für
Strom sind auch die Einspeisevergütungen für KWK-Strom gefallen. Diese setzen sich aus drei Bestandteilen zusammen. Einer ist der sogenannte „übliche
Preis“, das ist der am Spotmarkt der
Leipziger Strombörse EEX erzielte
durchschnittliche Grundlastpreis im vorangegangenen Quartal.
Der aktuell gültige Satz liegt bei nur
noch 3,15 Cent je Kilowattstunde – in der
Vergangenheit waren es zeitweise zwei
oder gar drei Cent mehr. Fix ist unterdessen der sogenannte KWK-Zuschlag,
der von der Leistung des Kraftwerks abhängt. Und als dritte Komponente der
Vergütung werden die vermiedenen
Netzkosten bezahlt. In der Summe
kommt ein Kleinkraftwerk zurzeit auf
rund neun Cent. Dafür lohnt sich die Erzeugung oft nicht.
Doch der Trend geht ohnehin in eine
andere Richtung – zum Eigenverbrauch.
Unternehmen, die Strom aus ihrem eigenen Kraftwerk nutzen können, sind
im Idealfall komplett unabhängig von
der Förderung. Ihre Anlagen rechnen
sich, weil die Betreiber weniger Kilowattstunden aus dem Netz beziehen
müssen.
Der Ausbau der KWK ist
ein entscheidender Weg,
um die Energiewende
erfolgreich zu vollziehen.
Johannes Remmel
Umweltminister Nordrhein-Westfalen
Genau das macht die Enviral Oberflächenveredelung in Niemegk in Brandenburg. Das Unternehmen betreibt seit
2007 ein gasbetriebenes Blockheizkraftwerk (BHKW) und erzeugt damit Strom
und gleichzeitig auch Wärme, die für die
nasschemische Vorbehandlungsstrecke
einer Pulverbeschichtungsanlage sowie
für die Heizung der Büros verwendet
wird. „90 Prozent des selbst erzeugten
Stroms nutzen wir selbst“, sagt die zuständige Mitarbeiterin Helma Wolter.
Vor allem weil damit die besonders teuren Spitzen beim Strombezug gekappt
werden können, sei die Anlage wirtschaftlich.
So hängt die Wirtschaftlichkeit sehr
stark vom Anteil der Eigennutzung und
den Strombezugskosten ab. Diese sind
bei energieintensiven Unternehmen oft
so gering, dass sich Neuinvestitionen in
größere KWK-Anlagen kaum rentieren.
Denn die Betriebe sind oft weitgehend
von Stromsteuer und EEG-Umlage befreit. Im Mittelstand hingegen, wo die
gesetzlichen Abgaben oft anfallen, liegen die Bezugskosten auf einem so hohen Niveau, dass sich die Eigenerzeugung trotz anteiliger EEG-Umlage noch
rechnen kann.
D
amit ändert sich auch die Betriebsweise der Blockheizkraftwerke: In der Vergangenheit liefen sie in der Regel, wenn man
die Wärme brauchte, der Strom war Nebenprodukt. Inzwischen produzieren
sie immer öfter dann, wenn Strom benötigt wird – die Wärme lässt sich besser
speichern. So wachsen zwei bisher weitgehend getrennte Systeme zusammen,
die Energiewirtschaft spricht heute vom
„Strom-Wärme-System“.
Dass Kraft-Wärme-Kopplung zu einer
Energielandschaft der Zukunft zwingend dazugehört, haben schon vor zwei
Jahren Wissenschaftler am FraunhoferInstitut für Solare Energiesysteme errechnet. Sie haben eine Versorgung in
Deutschland, die sich nur auf regenerative Energien stützt, im „eingeschwungenen Zustand“ simuliert. Ihr Ergebnis:
Das Land benötigt in diesem Fall KWKAnlagen mit zusammen 95 Gigawatt
Leistung – mehr als dreimal so viel, wie
heute vorhanden ist. Bernward Janzing
Blick in
den Himmel
Energiemanagement gewinnt für die
Wirtschaft an Bedeutung. Eine zeitliche
Optimierung des Verbrauchs senkt Kosten
und erschließt neue Einnahmequellen.
B
äcker Philipp Tiefenbach hat
seinen Betrieb ein wenig umorganisiert: „Unsere Industriespülmaschine läuft bevorzugt dann, wenn die Sonne
scheint“, sagt er. Sinnvoll ist das, weil in
der Bäckerei im württembergischen
St. Johann-Würtingen der Strom teilweise vom eigenen Dach kommt. Tiefenbach hat eine Solarstromanlage mit 25
Kilowatt Leistung installiert und versucht, möglichst viel der Energie im eigenen Betrieb zu nutzen. Einige interne
Prozesse hat er umgestellt: Manche Ware wird nun erst am Vormittag gebacken, wenn die Sonne bereits Strom lie-
fert. So ersetzt Tiefenbach Netzstrom,
für den er als kleiner Gewerbekunde
rund 20 Cent pro Kilowattstunde zahlt.
Obwohl für selbst genutzten Strom
aus neuen Photovoltaikanlagen seit August auch ein Teil der EEG-Umlage fällig
wird, lohnt sich der Eigenverbrauch
weiterhin. Das rechnet Matthias Grau
vor, Geschäftsführer der Firma Berolina
Solar: „Eine Kilowattstunde Sonnenstrom kostet nur noch zwischen acht
und zwölf Cent netto, die Strombezugskosten aus dem Netz liegen für Gewerbekunden oft zwischen 15 und 21 Cent.“
So konnte das Unternehmen schon einige Dächer von Gewerbebetrieben mit
D
ie Abschaltung der Atomkraftwerke erfordert in Süddeutschland in den nächsten Jahren
neue Ideen, um die Netzstabilität zu gewährleisten. Forscher des
Fraunhofer-Instituts und der Münchener Forschungsgesellschaft für Energiewirtschaft haben nun im Auftrag der
Denkfabrik Agora Energiewende die
Möglichkeiten untersucht. Das Ergebnis:
Industriebetriebe in Baden-Württemberg und Bayern können mehr als 850
Megawatt über einen Zeitraum von zwei
Stunden abschalten und auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Bei einem
kürzeren Bedarfsfall von nur 30 Minuten seien es sogar 1,2 Gigawatt. Damit,
bilanziert Agora, könne „ein wichtiger
Beitrag zur Versorgungssicherheit in
Süddeutschland geleistet werden“. Je
nach Größe des Unternehmens kann es
unterschiedliche Geschäftsmodelle geben – etwa die Flexibilitätsvermarktung
nach der Verordnung zu abschaltbaren
Lasten oder durch Teilnahme am Regelenergiemarkt.
Längst gibt es Dienstleister, die flexible Erzeuger und Verbraucher im Dienste des Netzes und auch zur betriebswirtschaftlichen Optimierung steuern. So
vermarktet die Münchener Entelios AG
die Flexibilität von Verbrauchern unter
der Bezeichnung „Demand Response“.
Durch entsprechende Kommunikationsund Steuerungstechnik werden Verbraucher und dezentrale Einspeiser in die
Lage versetzt, „nahezu in Echtzeit“, wie
es bei Entelios heißt, auf Netzzustände
und auf Änderungen des Strompreises
zu reagieren.
Während große Firmen für solche
Modelle in der Regel ein ausgeklügeltes
Energiemanagementsystem benötigen,
um die internen Lastflüsse je nach aktueller Marktsituation zu optimieren,
reicht bei kleineren Unternehmen mitunter ein Blick in den Himmel: Wenn die
Sonne scheint, schaltet man die flexiblen Verbraucher manuell zu – so wie es
Bäcker Tiefenbach in seinem Unternehmen etabliert hat. Bernward Janzing
10 ENERGIEEFFIZIENZ
FREITAG, 31. OKTOBER 2014
D
E
in Weg dahin ist das EnergiesparContracting. Dabei garantiert
ein Dienstleister eine bestimmte
Verbrauchssenkung etwa für ein
Gebäude. Die nötigen Investitionen für
Effizienzmaßnahmen tätigt er auf eigenes Risiko und verdient im Gegenzug an
den Einsparungen mit, um seinen Einsatz zu refinanzieren. Kommunen können aber nicht nur profitieren, indem
sie Verträge mit Contracting-Anbietern
schließen. Über ihre Stadtwerke sind sie
selbst in der Lage, diese Rolle zu übernehmen.
Unter anderem mit Contracting wenden sich die Stadtwerke Tübingen (SWT)
an Gewerbe- und Industriekunden. Die
im Jahr 2012 gefasste ambitionierte Vorgabe lautet, bis Ende 2014 mindestens
1,5 Millionen Kilowattstunden Strom
einzusparen – auch Haushalte sind ein-
gen berät. „Wenn Stadtwerke langfristig
am Markt bestehen wollen, müssen sie sich
auch als Berater für Energieeffizienz positionieren.“ Denn Stadtwerke mit einem Fokus auf konventionelle Kraftwerke verlieren durch den starken Zubau von Windkraft- und Solaranlagen zusehends
Marktanteile bei der Erzeugung.
Rindt empfiehlt als einen Ausweg, Unternehmen bei der Speicherung von Energie
zu beraten. So lasse sich beispielsweise gerade nicht benötigter Strom, den firmeneigene Photovoltaikanlagen liefern, in Wärme oder auch Kälte umwandeln oder auch
in Batterien zwischenspeichern. Darüber
hinaus sollten Kommunen einzelne Liegenschaften besser unter die Lupe nehmen.
„In dem meisten städtischen Gebäuden
lässt sich noch Energie einsparen“, sagt
Rindt. „Hier liegt der Boom noch vor uns.“
Mit gutem Beispiel geht Frankfurt am
Main voran. Die Stadt konnte den Stromverbrauch in den städtischen Liegenschaften seit 1990 durchschnittlich um acht Prozent senken. Ein Grund: Die Hessen bieten
einen Sparanreiz. Nutzer dürfen 50 Prozent der Summe an Energie- und Wasserkosten behalten, die sie gegenüber einem
zuvor festgelegten Richtwert einsparen. So
konnten die Energiekosten allein im Jahr
2013 um gut 1,1 Millionen Euro verringert
werden.
F
dpa
er Energiebericht von Schenefeld brachte es ans Licht.
Im Vergleich zu anderen
Kommunen verbrauchten
die rund 2 000 Straßenlaternen in der Stadt nahe Hamburg im
Schnitt fast 50 Prozent mehr Energie.
Auf 200 000 Euro belief sich die jährliche Stromrechnung. Der Grund: knapp
tausend altmodische Quecksilberdampflampen. Die müssen jetzt weichen.
Schenefeld ersetzt sie bis zum Jahresende nach und nach durch LED-Leuchten,
die bis zu 70 Prozent weniger Strom verbrauchen. Anschließend sind andere
starke Verbraucher wie Natriumdampflampen an der Reihe.
Ob mit der verbrauchsarmen Straßenbeleuchtung, mit der Dämmung öffentlicher Gebäude oder über Energieberatung: Eine wachsende Zahl von Kommunen investiert in die Energieeffizienz
– und will so auch Einwohner und die
lokale Wirtschaft zum Energiesparen
animieren. „Sie haben für Bürger und
Unternehmen eine Vorbildfunktion“,
sagt Christian Stolte, Bereichsleiter
Energieeffiziente Gebäude bei der Deutschen Energie-Agentur (dena). Städte
und Gemeinden übernehmen so eine
wichtige Rolle dabei, dass Deutschland
seine Effizienzziele erreicht.
20 Prozent weniger Heizwärmebedarf
in Gebäuden, ein um zehn Prozent gedrückter Stromverbrauch – das sind die
selbst gesteckten Leitlinien der Bundesregierung bis 2020. Auch die Europäische Union hat Anforderungen gestellt.
Bis 2020 müssen Mitgliedstaaten den
Energieverbrauch pro Jahr im Schnitt
um 1,5 Prozent verringern. Noch 2014
will die deutsche Regierung einen Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz verabschieden, der den Weg dahin aufzeigt.
Nicht nur als Vorbilder sind Kommunen gefragt. „Sie sind einerseits großer
Energieverbraucher, anderseits planen
sie aber auch den Einsatz von Energie,
und sie treten mit Stadtwerken als Energieversorger auf“, sagt Stolte. Die dena
unterstützt Kommunen beim Aufbau
von Energie- und Klimaschutzmanagementsystemen. Diese zeigen, welche Organisations- und Informationsstrukturen nötig sind, um die kommunalen Effizienzziele zu erreichen. Zudem
werden darüber Zuständigkeiten geregelt und schließlich konkrete Maßnahmen vorgeschlagen. „Die größten Verbraucher in der Kommune sind die Gebäude“, erläutert Stolte. Hier können
etwa durch Dämmung beträchtliche
Kosten eingespart werden.
Bringen Sie Ihr Unternehmen
jetzt auf Energieeffizienzkurs.
Erleuchtete Skyline von Frankfurt: Die Finanzmetropole motiviert Bürger zum Klimaschutz.
Kommunale
Erleuchtung
Die Bundesregierung will das
Energiesparen forcieren.
Die öffentliche Hand spielt dabei
eine entscheidende Rolle.
geschlossen. Gelingen soll das auch mit
Hilfe der Kampagne „Null-KommaStrom“, über die SWT unter anderem
Heizungspumpen-Contracting, eine
Energieeffizienzberatung für Industrieund Gewerbekunden sowie einen Austausch von Lampen anbietet.
Die Stadtwerke sind auf Kurs: Anfang
August waren 85 Prozent der ins Auge
gefassten Summe eingespart. Allein
durch die Beratung von Unternehmen
konnten 700 000 Kilowattstunden eingespart werden, weitere 300 000 Kilowattstunden durch die Erneuerung von
Beleuchtungssystemen. Stolz berichtet
Ortwin Wiebecke, Sprecher der SWTGeschäftsführung: „Das Ergebnis der
Kampagne kann sich sehen lassen, gerade mit Blick auf die Effizienzberatung
und das Energiemanagement von Unternehmen.“
Dass die Stadtwerke Tübingen zugunsten der Energieeffizienz auf verkaufte Kilowattstunden und somit auf
einen Umsatz von rund 450 000 Euro
verzichten, hält Bernhard Rindt für den
richtigen Weg: „Die Zeit der reinen
Stromverkäufer ist vorbei“, sagt der Geschäftsführer von Egrid, einem Unternehmen, das Kommunen in Energiefra-
rankfurt bezeichnet sich selbst als
deutsche Passivhaushauptstadt.
Seit 2007 müssen städtisch genutzte Neubauten eine um mindestens
30 Prozent bessere Energieeffizienz aufweisen, als die deutsche Energieeinsparverordnung vorschreibt. Weit mehr als
1 500 Wohnungen sind nach dieser Vorgabe
entstanden. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft AGB spart dank Wärmedämmung und Passivhaus-Bauweise nach Angaben der Stadt rund 23 Millionen Liter
Heizöl jährlich ein.
Seit Ende Juli holt Frankfurt auch gezielt
die Bürger mit ins Boot. Das Pilotprojekt
„eClub“ soll sie zum Stromsparen anregen.
96 Haushalte haben sich in der ersten Runde angemeldet, die ein Jahr dauert. Sie erhalten ein Guthaben von mindestens 76
Euro, das sie am Ende des Jahres gegen
stromsparende Produkte einlösen können.
Zu Beginn ihrer Mitgliedschaft erhalten sie
in ihrer Wohnung eine kostenlose Energieberatung. „Als größte Stromfresser im
Haushalt entpuppen sich meist die Beleuchtung und alte Weißware“, sagt Heiko
Müller, der im Energiereferat der Stadt für
das Projekt mitverantwortlich ist.
Teilnehmer tragen ihren Stromverbrauch regelmäßig auf der eClub-Webseite
ein. Sparen sie, erhöht sich die Prämie im
optimalen Fall auf 100 Euro. Damit sich
der anschließende Einkauf richtig lohnt,
hat die Stadt bei Partnern Rabatte zum Beispiel für LED-Leuchten ausgehandelt.
Auf Kundenvorteile setzen auch die
Stadtwerke Bremen. Wer im örtlichen
Fachhandel einen Gas- oder Induktionsherd kauft, kann beim Energielieferanten
eine Prämie von bis zu 50 Euro beantragen. 250 Verbraucher haben das in diesem
Jahr bereits getan. Bis zu 1 000 Euro für ein
neues E-Mobil streicht zudem ein, wer
über die Stadtwerke langfristig Ökostrom
bezieht. Mehr als 5 000 Förderungen haben die Stadtwerke 2014 vergeben. „Wenn
wir davon ausgehen, dass durch unsere
Förderungen Altgeräte ersetzt werden, haben wir so 215 Tonnen CO2 eingespart“,
sagt Stadtwerkesprecher Christoph Brinkmann. Das entspricht dem jährlichen Ausstoß von knapp 30 unsanierten Einfamilienhäusern. Andreas Schulte
75 % Stromeinsparpotenzial
Bis zu
bieten moderne Querschnittstechnologien.
Das Handbuch Energieeffiziente Querschnittstechnologien gibt
Unternehmen aus Industrie und Gewerbe einen breiten Überblick
zu wirtschaftlichen Optimierungsmaßnahmen, praktischen
Anwendungsbeispielen und Finanzierungsmöglichkeiten.
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Die Initiative EnergieEffizienz ist eine Initiative der Deutschen Energie-Agentur (dena)
und wird gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie aufgrund
eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
12 ENERGIEEFFIZIENZ
FREITAG, 31. OKTOBER 2014
Die neue
Freude am
Sparen
ENERGIEEFFIZIENZ 13
FREITAG, 31. OKTOBER 2014
Lichtinstallation
vor Industriedenkmälern in Essen:
Energiekonzerne
wollen vom Umbau
des Stromsektors
profitieren.
R
WE-Chef Peter Terium wählte
auf der diesjährigen Hauptversammlung einen äußerst
unkonventionellen Auftritt.
Zu Beginn seiner Rede stand
er nicht wie sonst üblich hinter dem
Pult, sondern mitten auf der Bühne und
hielt ein iPad in der Hand. Neben ihm
war auf einer Stele ein Thermostat befestigt. Terium wischte einmal über das
Tablet – und der Thermostat veränderte
die gewünschte Temperatur. Der Niederländer steuerte mit dem iPad auch
noch die Beleuchtung und bekam einen
Alarm gemeldet, als ein fiktives Fenster
geöffnet wurde.
„Ich wollte Ihnen zeigen, dass wir
nicht nur über die Energiezukunft reden“, erklärte der Energiemanager seinen Aktionären. „Ich wollte Ihnen zeigen, dass wir sie gestalten. Dass wir dafür die richtigen Produkte haben. Und
dass wir diese an den Kunden bringen.“
Ort und Zeitpunkt für die Präsentation waren natürlich mit Bedacht gewählt. Die Aktionäre waren zusammengekommen, um das schlechteste Jahr in
der Geschichte des Energiekonzerns abzuschließen. Terium musste den Anteilseignern erklären, warum RWE erstmals
überhaupt in die Verlustzone gerutscht
war und die Dividende halbiert wurde.
Die Anteilseigner bekamen ein düsteres
Bild gezeichnet: Die Kraftwerke produzieren immer weniger Strom und damit
auch immer weniger Gewinn.
Mit seiner kleinen Begrüßungsshow
wollte der Konzernchef aber auch eine
positive Botschaft verbreiten: Die neue
Energiewelt stellt RWE zwar vor Probleme, sie bietet dem traditionellen Versorger aber auch Chancen.
Dabei steht Terium natürlich nicht alleine da: Alle traditionellen Strom- und
Gasversorger müssen umdenken – die
großen Konzerne wie Eon, EnBW oder
eben RWE genauso wie Stadtwerke und
Regionalversorger. Mit der Energiewende wird die Stromproduktion nicht nur
grüner und dezentraler, gleichzeitig
wird das Thema Energieeffizienz immer
wichtiger.
Auf den ersten Blick freilich sind die
Perspektiven durch den Trend zum Sparen von Strom- und Heizkosten auch
wirklich trübe: Mit jeder Kilowattstunde, die weniger verbraucht wird, geht
den Versorgern schließlich Umsatz verloren. Auf den zweiten Blick jedoch bietet der Trend zu Energieeffizienz aber
auch neue Geschäftschancen. Die Versorger können aus der Not eine Tugend
machen und mit Energiedienstleistungen Geld verdienen, die sie etwa Firmen
anbieten. Denn auch mit Produkten, die
beim Energiesparen helfen, lässt sich
Umsatz machen.
F
ür Privathaushalte bietet RWE
schon seit Jahren seine „Smart
Home“-Produkte an. Das sind
kleine Helferlein, die im Haushalt
Energiekosten senken und gleichzeitig
für Sicherheit und Komfort sorgen. Das
alles lässt sich – wie von Vorstandschef
Terium auf der Hauptversammlung demonstriert – per Tablet kontrollieren
und steuern. Doch auch kleine und mittlere Unternehmen hat der Essener Versorger als lohnende Zielgruppe ausgemacht. „Smart Company“ heißen die
auf deren Bedürfnisse abgestimmten
Energiedienstleistungen.
Auch die Konkurrenz hat das Potenzial erkannt: „Industrie- und Gewerbekunden wollen Vorteile im Wettbewerb,
die ihre Konkurrenz nicht hat“, sagt
Eon-Chef Johannes Teyssen: „Das er-
Ich wollte Ihnen
zeigen, dass wir nicht
nur über die
Energiezukunft reden.
Wir gestalten sie.
Peter Terium
Vorstandsvorsitzender RWE
mauritius images, action press
Jede Kilowattstunde bringt Geld – so sah
das klassische Geschäftsmodell der Versorger
aus. Der Trend zu Energieeffizienz zwingt
Eon, RWE & Co. zum Umdenken. Mit cleveren
Dienstleistungen wollen sie jetzt auch beim
Energiesparen mitverdienen.
reicht man nur mit individuellen, maßgeschneiderten Lösungen.“
Stolz berichtet Teyssen, wie sein Konzern der britischen Einzelhandelskette
Marks & Spencer hilft, effizienter zu
werden. Das Unternehmen mit 850
Standorten in aller Welt habe sich das
Ziel gesetzt, den Energiebedarf bis 2020
zu halbieren und CO2-frei zu decken.
Eon habe das Gebäude-Energie-Management des Kunden mit dem eigenen
Energie Management Center verbunden. Ein Team von 17 Eon-Experten
könne so alle relevanten Daten analysieren und die Energieversorgung optimieren. „Bislang haben wir den Energiebedarf dieses Kunden schon wesentlich
gesenkt und ihm erhebliche Kosteneinsparungen ermöglicht“, bilanziert Teyssen.
Aber auch mit Privathaushalten ist
Eon im Geschäft. Das Unternehmen kooperiert mit O-Power, einer digitalen
Plattform, die beim Energiesparen hilft.
In Großbritannien stattet Eon über
O-Power fünf Millionen Kunden mit einem Energie-Sparpaket aus, dass genaue und zeitnahe Informationen über
den Verbrauch liefert.
In Schweden bietet der Energiekonzern nach eigenen Angaben schon Tausenden Kunden digitale Steuerungstechnik für Haushaltsgeräte. Diese sehen auf
ihrem Smartphone, wo sie wie viel Energie verbrauchen – und was sie das kostet.
Und zum Vergleich können sie sich auch
die Durchschnittswerte vergleichbarer
Haushalte in der Nachbarschaft ansehen.
N
och sind die Umsätze bescheiden – verglichen mit den Einbußen, den die Konzerne im
Stammgeschäft, dem Betrieb
von großen Kraftwerken, derzeit zu verkraften haben. Die deutschen Energiemanager wissen aber, dass sie sich dabei
beeilen müssen, das Thema Energieeffizienz zu besetzen. Denn den Markt haben schon andere, mächtige Unternehmen im Visier: Internetdienstleister
drängen vor. Allen voran macht sich der
Datenriese Google im Energiegeschäft
breit. Das Unternehmen ließ Anfang des
Jahres aufhorchen, als er einen Hersteller von Thermostaten kaufte. Satte 3,2
Milliarden Euro investierte Google in
den Anbieter Nest.
Nest hilft den Kunden mit „lernenden
Heizungsthermostaten“, Energie einzusparen. Diese passen die Raumtemperatur an die Außentemperatur sowie die
Gewohnheiten der Bewohner an. Die
Geräte lassen sich via Smartphone steuern und erfassen auch den Verbrauch.
Sie sind ständig mit dem Internet verbunden und rufen beispielsweise aktuelle Wetterprognosen ab. Was sich genau Google von dem neuen Geschäftsgebiet erhofft, ist offen. Sicher aber ist: Die
Daten, die Nest sammelt, bieten umfangreiche Möglichkeiten für zielgerichtete Werbung.
A
uch Apple will am vernetzten
Zuhause verdienen. Der innovative Technologiekonzern will
die iPhones und iPads seiner
Kunden in eine Fernbedienung für den
digitalen Haushalt verwandeln. Natürlich mischt auch Apples großer Konkurrent, der südkoreanische Samsung-Konzern, in dem Segment mit – und entwickelt eine eigene Plattform für die Hausautomatisierung.
Beschleunigt wird das Geschäft mit
Effizienzdienstleistungen durch das
Zusammenwachsen von Internet und
Stromnetz. Das Smart Grid, das intelligente Stromnetz, entsteht. Es wird über
Smart Meter, also intelligente Zähler, mit
Informationen versorgt. Und neben den
Energiekonzernen wollen auch die ITSpezialisten daran verdienen. Teilweise
verbünden sich beide Branchen auch.
Eon macht es mit der O-Power-Kooperation vor. Und die britische Tochter von
RWE vertreibt die Thermostate von
Googles Milliarden-Akquisition Nest. Die
Versorger können von den IT-Partnern
viel lernen: Sie bringen die nötige Innovationskraft und Erfahrung bei der Entwicklung von bedienerfreundlichen
Produkten mit. Jürgen Flauger
Weniger wäre mehr
Auslagern für mehr Effizienz: Contracting
bietet in vielen Fällen Einsparpotenzial.
Doch Anbieter fühlen sich ausgebremst.
S
elbst die Bundespolizei fahndet nach mehr Effizienz. Und
am Standort Sankt Augustin
kann sie Vollzug melden. Seit
2012 ist die Behörde eifrig dabei, Energie einzusparen. Geholfen hat
ein privater Anbieter: Über eine Vertragslaufzeit von zehn Jahren garantiert
das Unternehmen Cofely, dass sich die
Energiekosten der Behörde um 55 Prozent und die CO2-Emissionen jährlich
um 5 200 Tonnen reduzieren. Dafür
wurde Cofely vor wenigen Wochen mit
dem European Energy Service Award
in der Kategorie „Best Energy Service
Provider“ ausgezeichnet.
Ein Vorzeigefall für das EnergiesparContracting: Bei diesen Verträgen übernimmt ein externer Dienstleister das
Energiemanagement für ein Gebäude
und garantiert Einsparungen. Rechnen
soll sich das für beide Seiten: Der Anbieter erhält einen Teil der eingesparten Energiekosten, der Kunde in der
Regel modernisierte Anlagen, von denen er auch langfristig profitiert. In
Sankt Augustin etwa investiert Cofely
etwa 6,3 Millionen Euro. Das Geld fließt
in ein eigenes Blockheizkraftwerk, einen Holzhackschnitzel-Kessel oder die
energetische Optimierung bestehender
Lüftungs- und Klimaanlagen.
So üppig wie bei der Bundespolizei
fallen die Einsparungen nicht immer
aus. Die Deutsche Energie-Agentur (dena) etwa schätzt, dass sich durch Contracting in öffentlichen Liegenschaften
eine durchschnittliche Einsparung von
25 Prozent erreichen lässt. Ziemlich genau dieser Wert wurde auch der Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Hamburg garantiert – sie schloss im vergangenen Jahr einen Vertrag mit Sie-
25 %
Reduktion sind im
Schnitt in öffentlichen
Liegenschaften durch
Contracting möglich.
Quelle: Deutsche Energie-Agentur
mens ab, der die Energiekosten um
knapp 28 Prozent reduziert.
Auch dank solcher Beispiele wächst
der Markt: 2013 verzeichnete der Verband für Wärmelieferung (VfW) mit seinen rund 270 Mitgliedern einen um
sechs Prozent auf 2,3 Milliarden Euro
gestiegenen Contractingumsatz. Den
Gesamtmarkt schätzt die dena aktuell
auf bis zu vier Milliarden Euro Jahresumsatz. Mehr wäre möglich, sagen viele
Anbieter – sie fühlen sich durch einige
gesetzliche Vorgaben ausgebremst.
Im Fokus steht dabei eine Besonderheit des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG): Eigenproduzenten sind
überwiegend noch von der EEG-Umlage befreit, Contracter hingegen müssen
die volle Summe abführen. Dadurch
rechnen sich für die Anbieter viele Projekte nicht, bei denen ein Contracting
an sich Sinn ergeben würde.
Auch im Immobiliensektor, der für
die VfW-Mitglieder über die Hälfte des
Marktes umfasst, fühlen sich die Anbieter benachteiligt. Die seit etwa einem
Jahr gültige Wärmelieferverordnung
macht es für die Unternehmen sehr
schwierig nachzuweisen, dass neue Anlagen einen deutlichen Effizienzgewinn
mit sich bringen. Nur in diesem Fall
dürfen jedoch anfängliche Mehrkosten
auch an Mieter weitergegeben werden.
Damit sind Contracting-Verträge aktuell
nur noch bei ohnehin sehr effizienten
Altanlagen wirtschaftlich. Manuel Heckel
14 ENERGIEEFFIZIENZ
FREITAG, 31. OKTOBER 2014
ENERGIEEFFIZIENZ 15
FREITAG, 31. OKTOBER 2014
Wer baut das
intelligente Haus?
SICHERHEIT
Die digitale
Hintertür
O
b Fenstersensoren oder Bewegungsmelder:
Anbieter von Smart-Home-Produkten werben
eifrig mit den Sicherheitsaspekten ihrer Technologie. So können sich Hausbesitzer und
Mieter automatisch per Mail informieren lassen, wenn
der Rauchmelder Gefahr wittert. Über Sensoren bemerkt die intelligente Haussteuerung, wenn ein Fenster zu ungewöhnlicher Stunde geöffnet werden sollte,
und kann veranlassen, dass sich alle Lichter einschalten, um etwaige Einbrecher abzuschrecken. Ähnliches
funktioniert mit intelligenten Bewegungsmeldern.
Doch noch haben die smarten Schutzsysteme selbst
ein Sicherheitsproblem. „Es ist für Angreifer theoretisch technisch möglich, Kontrolle über Smart-HomeSysteme zu bekommen“, sagt Steffen Wendzel, Head
of Secure Building Automation am Fraunhofer-FKIE-Institut in Bonn. Es wäre eine Umkehrung der Verhältnisse. Auf diese Weise könnten Bewohner überwacht
oder aber vernetzte Geräte von außen gesteuert werden. „Dadurch, dass viele verschiedene Funktionen
über unterschiedliche Geräte auf wiederum verschiedenen Wegen bedient werden können, ist das Angriffspotenzial groß“, sagt Wendzel.
Energie einsparen konnten. Bislang hat
RWE nach eigenen Angaben eine sechsstellige Anzahl an Gateways, also Steuerungseinheiten, verkauft. Hinzu kommen passende Geräte sowie Apps, um
das System etwa per Tablet zu bedienen.
Insgesamt jedoch kommt der deutsche Markt nur langsam in Bewegung.
Einer Untersuchung von Accenture zufolge nutzen bislang nur drei Prozent
der Befragten hierzulande intelligente
Haustechnik. „Viele Smart-Home-Produkte hängen hinter den Erwartungen
der Versorger zurück“, sagt AccentureExperte Trapp. Doch die Beratung prognostiziert rasches Wachstum: In fünf
Jahren sollen 35 Prozent der Bevölkerung
Smart-Home-Anwendungen verwenden.
Um daran teilzuhaben, müssen die Versorger neue Wege finden, um ihre Kunden anzusprechen. „Es reicht nicht, dem
Kunden einige Smart-Home-Geräte für
ein paar Hundert Euro in die Hand zu
drücken und zu sagen, hiermit sparst du
ein paar Kilowattstunden Strom oder
Gas“, sagt Berater von Bechtolsheim.
A
uch große Versorger bewegen
sich teils noch auf Neuland.
EnBW hat sein Smart-HomeAngebot vor gerade einmal einem Jahr gestartet, Vattenfall sogar erst
vor vier Monaten, Eon konzentriert sein
Geschäft bislang auf Skandinavien. „Wir
gucken uns die Sparte derzeit an. Es ist
für uns ein Einstieg, bei dem wir zu-
Zukunftsmarkt
Wann wollen Sie Produkte und Dienste für das
Connected Home erwerben?
Innerhalb der nächsten fünf Jahre 35
Innerhalb der nächsten drei Jahre
19
Innerhalb des nächsten Jahres
6
Habe ich schon
3
Was sind entscheidende Faktoren für den Kauf von Produkten
oder Diensten für das Connected Home?*
Niedrigere Stromrechnung
58
Höherer Komfort
49
Fernsteuerung von Geräten
47
Entlastung für die Umwelt
30
Finanzielle Anreize
29
Kundendienst ist verfügbar
25
Empfehlung von Bekannten
18
Möchte technischer Vorreiter sein
12
Nichts davon
Handelsblatt
8
*Mehrfachnennungen möglich, nur Befragte mit Kaufabsicht,
n = 500 Konsumenten in Deutschland
Quelle: Accenture, Juni 2014
nächst lernen wollen“, sagt Sven Lehneke, Produktentwickler Smart Home bei
Vattenfall. „Der Smart-Home-Markt befindet sich in einem frühen Stadium.“ Es
gelte zunächst herauszufinden, wer sich
für solche Technik interessiere – und für
welchen Aspekt daran. Neben Energieeffizienz böten sich auch Sicherheits- und
Komfortfunktionen für die Vermarktung
an. Besonders auf die beiden letzten
Aspekte will EnBW laut Konzernsprecher
Ulrich Schröder setzen.
Wie Vattenfall möchte auch EnBW zunächst Erfahrung mit der Technik sammeln. Die Entscheidung, dabei auf Kooperationen zu setzen, haben die beiden Versorger gemein. Sie bieten –
anders als RWE – kein eigenes Gateway
an, sondern vertreiben und steuern ihre
Smart-Home-Produkte über die Plattform Qivicon der Deutschen Telekom.
Diese ermöglicht es, Geräte verschiedener Hersteller miteinander zu kombinieren. „Es gehört nicht zu unseren
Kernkompetenzen, eine Smart-HomePlattform zu entwickeln, die viele verschiedene Technologien verbindet“, sagt
Vattenfall-Entwickler Lehneke. Man benötige Partner, die sich auf verschiedene
Funktionen und Angebote spezialisieren.
Qivicon sei auch eine Möglichkeit, diese
Partner zu gewinnen.
RWE hat Miele, Buderus und Philips
als Partner ins Boot geholt und das
Funkprotokoll, über das das eigene
Gateway den Kontakt zu den intelligenten Geräten hält, für interessierte Unternehmen geöffnet. Man wolle nicht proprietär arbeiten, sagt Holger Wellner,
Leiter des Produktmanagements bei der
RWE-Tochter RWE Effizienz, sondern
Kompatibilitätsprobleme abbauen. „Damit sich das Smart Home durchsetzt, ist
es wichtig, dass sich dieser Dschungel
lichtet.“
A
npassungsfähigkeit ist nötig.
„Die Versorger müssen ihr Geschäftsmodell verändern und
Fähigkeiten in IT- und Technologiefragen aufbauen“, sagt Trapp. Die
Kooperationen mit Gründern und Innovationszentren wie dem Silicon Valley
seien ebenfalls nützlich. Vattenfall etwa
arbeitete mit dem Kölner Start-up
Greenpocket zusammen, um die Bedienungs-App für das hauseigene System,
den Vattenfall Smart Home Manager, zu
programmieren.
IT-Know-how kann auf Dauer entscheidend sein, weil Smart-Home-Technik künftig zum Bindeglied zwischen
dezentraler Erzeugung, Haushalt und
intelligentem Stromnetz werden soll.
RWE etwa will in Zukunft Photovoltaikanlagen und Wärmepumpen noch en-
Photovoltaikanlage an
einem Wohnhaus in Köln:
Das Smart
Home soll
auch den
Einsatz von
erneuerbaren
Energien
voranbringen.
Martin Schröder
Z
u Hause ist in Zukunft alles
smart. Selbst Rasierapparat,
Rasenmäher oder Grill werden
sich bis zum Jahr 2025 von
schlichten Gebrauchsgegenständen zu intelligenten Objekten wandeln, prognostiziert das IT-Marktforschungsunternehmen Gartner. Die Geräte
werden untereinander kommunizieren,
Informationen sammeln und senden –
oder sich nur dann aktivieren, wenn der
Strom gerade günstig ist.
Die Gartner-Analysten erwarten, dass
es schon in acht Jahren 500 smarte Objekte in jedem deutschen Haushalt gibt.
Vom Staubsauger bis zur energieeffizienten Steuerung für die Heizung und
der eigenen Energieerzeugung per Wärmepumpe oder Solaranlage sehen sie
Potenzial für Smart-Home-Technik. Damit öffnen sich neue Geschäftsfelder –
und sie werden schon jetzt erschlossen.
„Der Wettlauf auf das Wohnzimmer ist
längst eröffnet. Die Frage ist, wer ihn gewinnt und den Zugang bekommt“, sagt
Ralph Trapp, Geschäftsführer für den
Bereich Energiewirtschaft im deutschsprachigen Raum bei der Technologieberatung Accenture. „Die Kunden werden sich schließlich nicht für mehrere
Smart-Home-Anbieter gleichzeitig entscheiden.“ Zwar verfügten die großen
Versorger noch über einen gewissen
Vorsprung; doch die Wettbewerber holen
auf. Darunter sind nicht nur globale Technologiekonzerne wie Apple und Google.
Energiekonzerne bekämen Konkurrenz von ganz neuer Seite, sagt Matthias
von Bechtolsheim, Partner und Leiter des
Geschäftsbereichs Energy & Utilities beim
Beratungsunternehmen Arthur D. Little.
„Für Heiztechnik- und Haushaltsgerätehersteller wie Viessmann, Buderus oder
Bosch und Siemens Hausgeräte ist SmartHome auch eine interessante Sparte.“
Vorreiter unter den Energiekonzernen ist RWE, das sein Smart-Home-Paket bereits seit Jahren anbietet. Die
Startversion gibt es für 319 Euro, neben
der Steuerungseinheit sind darin zwei
intelligente Heizungsregler enthalten sowie eine Steckdose, die auf Knopfdruck
oder per mitgeliefertem Wandschalter
in den Stromsparmodus wechselt. Aufrüsten lässt sich das System mit Sensoren, die etwa die Heizung automatisch
regeln. Der Versorger bietet auch Bewegungsmelder an, die dafür sorgen, dass
Licht und Heizung angehen, wenn sich jemand im Raum bewegt – und alles wieder
abschalten, wenn die Person ihn verlässt.
40 Haushalte hat der Konzern in der
vergangenen Heizperiode in einem Projekt mit smarten Thermostaten, Fenstersensoren und Heizprofilen ausgestattet,
die so durchschnittlich 25 Prozent der
Kurt Fuchs
Das vernetzte Heim wird zum lukrativen Geschäft.
Doch der Markt ist hart umkämpft. Neben Energieversorgern
mischen auch IT-Spezialisten und Hersteller von Haushaltsgeräten
mit. Nur wer das Bedürfnis der Kunden nach Komfort und
Sicherheit bedient, hat Chancen auf Erfolg.
ger ins Smart-Home-System integrieren. Die Technologie soll so langfristig
zum Energiemanager werden, sagt
Wellner.
Die enge Verbindung zwischen Smart
Home und dem Energiemarkt sieht Accenture-Berater Trapp als Vorteil für die
Versorger: Bei Kunden hätten sie so einen Kompetenzvorsprung. „Auch mit
Blick auf die Datensicherheit vertrauen
sie ihnen eher als anderen Unternehmen.“ Es kommt nun darauf an, diesen
Vorteil umzumünzen. Dabei helfen
könnte eine Branche, zu der die Energieversorger bislang nur wenig Kontakte
unterhielt: das Handwerk.
Es sei ein Hemmnis, dass Installateure
bislang kaum mit Smart-Home-Techno-
Der Wettlauf auf das
Wohnzimmer ist eröffnet.
Die Frage ist, wer den
Zugang bekommt.
Ralph Trapp,
Geschäftsführer Energiewirtschaft, Accenture
logien vertraut seien, sagt von Bechtolsheim. Sie sind erster Ansprechpartner
für Eigenheimbesitzer, wenn es um Sanierungen geht – neben Bauprojekten
das Szenario, in dem sich Verbraucher
am ehesten mit Smart-Home-Technik
beschäftigten. „Versorger und Handwerk
müssten enger zusammenarbeiten, um
Smart Home in die Haushalte zu bringen“,
sagt von Bechtolsheim – auch um zu verhindern, dass Haushaltsgerätehersteller
mit eigenen Angeboten und besten Kontakten ins Handwerk die Kunden streitig
machen: „Das Horrorszenario für die
Energieversorger ist, dass Haushalte in
Zukunft Strom und Wärme dezentral erzeugen und über andere Steuerungsanbieter ins Netz einspeisen.“ Malte Laub
Rechenzentrum
eines IT-Dienstleisters: Der
zunehmende
Datenverkehr in
intelligenten
Häusern macht
Schutzkonzepte
nötig.
Zwar ist das reale Risiko solcher Angriffe nach Einschätzung von Jonathan Gaw, beim Beratungsunternehmen IDC für Hausvernetzung zuständig, derzeit gering, weil noch zu wenige Smart-Home-Systeme in Betrieb sind. Installierte Produkte beruhten zudem auf
vielen verschiedenen Funk-Protokollen, so dass es bislang kaum Ertrag bringe, sich in die intelligenten Haussteuerungssysteme zu hacken. „Warum sollte man
Schadsoftware programmieren, um ein paar Millionen
vernetzte Heizungsthermostate zu attackieren, während man Milliarden Smartphones angreifen kann, die
dazu noch weitaus wertvollere Daten enthalten?“, fragt
Gaw. In einer Zukunft, in der Smart-Home-Angebote
auch über mehr Fähigkeiten und Daten verfügen, sieht
Gaw jedoch Probleme. „Eines Tages werden wir uns
fragen, warum wir nicht von Anfang an Schutzvorrichtungen in diese Systeme eingebaut haben.“
Sicherheitsexperte Wendzel arbeitet mit dem Krefelder Dienstleister für Industrie- und Gebäudeautomation MBS an einem solchen Schutzkonzept. Ein Prototyp in der Größe eines WLAN-Routers soll den Datenverkehr im Haus analysieren. Stößt der Datenwächter
auf Unregelmäßigkeiten, greift er ein. „Wenn die Rollläden nachts um drei hochfahren, statt wie sonst um sieben, merkt das unser System und kann den Vorgang
entweder stoppen oder den Besitzer informieren“,
sagt Wendzel. In zwei Jahren sollen die ersten Produkte mit einem intelligenten Hauswächter angeboten
werden – allerdings wohl zunächst nur für SmartHome-Produkte aus dem Premiumsegment.
Doch auch die Anbieter von günstigeren Lösungen reagierten jetzt, sagt Wendzel. Wichtig sei vor allem, die
Aktualisierungsmöglichkeiten einfach zu halten. „Kunden haben gar keine Lust sich mit IT-Sicherheitstechnik zu befassen“, sagt Wendzel. „Die meisten bauen
ein Smart-Home-System ein und wollen sich dann
nicht mehr viel darum kümmern.“ Kunden müssten
trotz Desinteresse geschützt werden – auch vor bislang
unbekannten Gefahren. „Es ist nicht absehbar, welche
IT-Sicherheitsprobleme in zwanzig Jahren bestehen.
Daher müssen Smart Homes leicht daran angepasst
werden können“, sagt Wendzel. Malte Laub
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