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DER MURER-PLAN - 400 JAHRE ALT

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Tages-Anzeiger 1976
DER MURER-PLAN - 400 JAHRE ALT
Zum Gedenken an den vor 400 Jahren geschaffenen Druckstock zur Zürcher
Planvedute Jos Murers 1576.
Ein rundes Jubiläum schickt sich an, vorüber zu gehen, ohne gebührende
Würdigung. Vielleicht gelingt es mit diesen Zeilen einige Leser anzuregen, den
Stadtplan Murers etwas eingehender zu betrachten - vielleicht im Baugeschichtlichen
Archiv am Neumarkt 4 oder im Landesmuseum.
Jos Murer, Glasmaler, Dichter und Kartograph (1530-158o) hat zwei bekannte und
bis in unsre Tage immer wieder neu verlegte Kartenwerke geschaffen: Die
Holzschnittkarte des Zürcher Gebiets von 1566 und die in ähnlicher Grösse
gehaltene Planvedute der Stadt Zürich von 1576, beide bei Froschauer in Zürich
erschienen.
In einem Bittschreiben an den Zürcher Rat (1574) schildert Jos Murer seine Notlage:
Er habe als Glasmaler zuwenig Aufträge und bitte den Rat, einen Plan der Stadt
Zürich, den er ohne Auftrag der Obrigkeit verfertigt habe, anzunehmen. Es handelte
sich dabei nicht etwa um den bekannten Holzdruck sondern um ein auf Leinwand
(vermutlich in Öl) gemaltes Konterfei der Stadt.
Der Rat kam dem Bittsteller mit 200 Pfund entgegen; mehr weiss man nicht von
diesem Originalgemälde. Erst zwei Jahre später liegt von diesem Bild ein in Holz
geschnittener Druckstock vor; vielleicht ist das Original bei der Übertragung auf die
Platten zerstört worden.
Die Veröffentlichung dieses Planes dürfte auf Initiative Froschauers zustande
gekommen sein, der auch über die dazu nötigen Mittel verfügte. Froschauer stellte
Murer seinen Holzschneider Ludwig Fryg, genannt Carle zur Verfügung und
übernahm den Druck und Vertrieb des Planes.
Fryg (oft auch "Fry“) lebte im Hause Froschauers und war ein bedeutender
Holzschneider seiner Zeit. Seine Initialen sind neben deren Murers auf der
Wappenkartusche zu sehen sowie am unteren Plattenrand: "Ludwig Fry, genannt
Carle, Formschnyder".
Murers Stadtplan ist die erste verlässliche Abbildung Zürichs; Murer hat dafür selber
Vermessungen vorgenommen. Als Vorbild diente ihm nach seinen eigenen Angaben
die Veduten von Strassburg und Augsburg. Vor allem habe ihn, wie aus seinem
Bittschreiben an den Rat hervorgeht, ein in Fertigstellung befindlicher Plan der Stadt
Basel (heute verschollen) angereizt, für Zürich gleichzuziehen.
Bis anhin waren die Städteansichten selten naturgetreu. Man beschränkte sich meist
auf die Befestigungsmauern und -Türme und auf die öffentlichen Gebäude. Erst im
16. Jahrhundert wurden diese Veduten langsam verlässliche perspektivische
Grundrisse, die auch ins Detail gehen.
Da Murers Stadtplan für einen einzigen Druckstock zu gross war (88 x 132 cm) ,
musste er auf deren sechs im Format 44 x 44 cm verteilt werden, je drei in zwei
waagrechten Reihen. Besonders eigenartig ist die Verwendung eines siebenten
Druckstockes ( 10 x 19 cm) für die Wiedergabe des Grossmünsters, das genau auf
den Kreuzungspunkt vierer Druckplatten zu liegen kommt; es musste konturgenau
ausgeschnitten und auf den fertig montierten Plan aufgeklebt werden. Dieses
Vorgehen mag zum Vornherein geplant worden sein, da der Standort eines
representativen Gebäudes wie das Grossmünster auf den Schnittstellen vierer Blätter
kaum befriedigt. Gegen diese Annahme spricht der Umstand, dass dieser siebente
Druckstock mit dem Grüssmünster nicht aus Frygs Hand stammen dürfte: Es fehlt die
Schattierung und die Turm-Erker sind perspektivisch falsch, was nicht der
Kunstfertigkeit Frygs entspricht. Möglich wäre auch, dass eine erste Auflage
entweder nur mit sechs Druckstöcken (mit einem auf vier Platten verteilten
Grossmünster) zustande gekommen - oder dass ein früherer, später verloren
gegangener Grossmünster-Druckstock verwendet worden ist. Für beide Annahmen
gibt es keine Beweise, da ein gedrucktes Exemplar aus dem Jahre der Fertigstellung
der Stöcke nicht erhalten und auch in der Literatur nicht nachweisbar ist. Für die
zweite Version spricht der Umstand, dass die heute erhaltene GrossmünsterDruckplatte jüngeren Datums sein muss.
Eine weitere Möglichkeit wäre, dass eine "erst Auflage" aus militärischen
Überlegungen gar nicht zustande gekommen ist.(Auch die Gyger-Karte wurde im 17,
Jahrhundert bei einer verkleinerten Veröffentlichung militärisch stark zensuriert.)
Die Frage der verschiedenen Auflagen des Murerschen Stadtplanes ist nicht restlos
geklärt: Die verschiedenen Auflagen unterscheiden sich vor allem durch die
verschiedenen Kartuschen-Füllungen, die meist separat gedruckt und nachträglich
aufgeklebt wurden. Eine erste Auflage ist - wie gesagt nicht nachgewiesen; eine
zweite 1670 ist ebenfalls durch kein Exemplar belegt, aber von Hans Jakob Leu 1757
in seinem "Schweizerischen Lexicon" erwähnt. Als Herausgeber käme die
Bodmersche Druckerei in Frage. Eine dritte Auflage könnte um 170o bei Gessner
erschienen sein. Vielfach bezeugt ist eine vierte Auflage 1766 bei Hofmeister: Hier ist
der Herausgeber in einer Kartusche erwähnt. - Eine fünfte Auflage erfolgte 1859 bei
Orell-Füssli Companie auf Anregung von Staatsarchivar Joh. Heinrich Hotz, der die
verloren geglaubten Druckstöcke in seinem Archiv wieder entdeckt hatte. - Eine
sechste Auflage erfolgte bei dem Zürcher Buchdrucker Friedrich Gustav Amberger
1918. - Die siebente und jüngste Ausgabe nach den Original-Hölzstöcken erfolgte
1966 in 500 Exemplaren bei Emil Matthieu in Zürich. Da sich die Druckplatten in den
fast 400 Jahren leicht verbogen hatten, war ein mechanischer Druck mit der Presse
nicht mehr möglich: Blatt für Blatt musste von Hand abgerieben werden. Da man die
Original-Hölzstöcke bis zu ihrer Wiederentdeckung im Jahre 1859 für verloren
glaubte, gab 1826 David Bachmann den Plan in Originalgrösse, auf sechs Platten
geteilt, in Lithographie heraus; dabei wurde das Grossmünster zerschnitten.
Die ganze Nummerierung und Datierung der verschiedenen, namentlich älteren
Auflagen dürfte etwas fragwürdig sein: Ich könnte mir vorstellen, dass ein Verleger im Besitz der Druckstöcke - nach Bedarf von Zeit zu Zeit kleinere und kleinste
Auflagen drucken liess, da dies Verfahren relativ einfach war.
Wer sich eingehender mit dem besprochenen Plan befassen möchte, lese das im
Verlag Dorfpresse Gattikon 1975/6 erschienene Büchlein von Arthur Dürst: "Jos
Murers Planvedute der Stadt Zürich von 1576". Darin sind zahlreiche Abbildungen zu
finden: Planeinzelheiten, Wasserzeichen, Murers Portrait von Conrad Meyer, das
allerdings erst 95 Jahre nach Murers Tod entstanden ist, - ferner Abbildungen von
Vorläufern des Murerplans. Dieses Werklein gibt eine ausgezeichnete Übersicht über
den heutigen Stand der Erforschung des Murerplanes.
Zürich, Oktober 1976
Rolf A. Meyer
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Seele and Geist
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