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Aktenzeichen Super-GAU - Die Onleihe

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Der Kampf gegen Ebola
Wie sich die freiwilligen Seuchenhelfer vorbereiten und was
frühere Ausbrüche lehren Angst und Erfahrung SEITE 6, 7, 29–32
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30. November
2014
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| SONNABEND/SONNTAG, 25./26. OKTOBER 2014
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na Carmen e.V.
Aktenzeichen
Super-GAU
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Prstitutionstage
(7. – 9. Nov. 2014)
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Tel. 069 - 7675 2880
STÖRFALL Bund und Länder simulieren einen Atomunfall – und der Umgang mit der
Nicht doch
Foto: dpa
Katastrophe geht gründlich schief. Die taz hat die Akten der Geheimübung
ausgewertet: Im Ernstfall drohen „unabsehbare Konsequenzen“. Besonders die
Berliner Verwaltung versagt Report SEITE 8, 9, Berlin SEITE 41, 44, 45
Da ist ein gottverlassener Hügel in einer
gottverlassenen Landschaft, darauf weht eine schwarze Fahne. Männchen laufen dort
herum. Aus der Ferne wirken sie winzig.
Plötzlich erblühen glutrote Rosen, eine nach
der anderen, um sofort zu grauem Rauch zu
verwelken und zu verwehen. Die Männchen
sind verschwunden. Seltsam befriedigend,
diese Kriegsbilder aus Kobani. Als sähe man
dabei zu, wie gefährliche Insekten ausgeräuchtert werden. Mal ist die US-Luftwaffe
„skeptisch“, mal „optimistisch“. Die Bilder
bleiben, was sie sind: Gewaltpornografie.
Der stärkste Satz
„Ich höre nicht
gut, ich laufe
nicht gut, aber
sonst geht es
mir blendend.“
Steffi Wittenberg, 88, auf Seite 21.
Die Jüdin flüchtete 1938 vor der Verfolgung der Nazis nach Uruguay. Sie
lebt heute in Hamburg
Essen
Kann Kochen
die Welt retten?
Der berühmteste
Food-Philosoph der
USA im Gespräch
SEITE 24, 25
b  taz.berlin
Kino Alles neu: Nach
Foto [Montage]: Arnold Metzinger/dieKLEINERT.de
60643
4 190254 803208
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langer Renovierung
eröffnet das Potsdamer
Filmmuseum wieder SEITE 43
02
Kompass
SONNABEND/SONNTAG, 25./26. OKTOBER 2014  TAZ.AM WOCHENENDE
Aus dem Inhalt
......................................................................
Politik
Umwelt Europa ist wieder
Klimaschutz-Weltmeister.
Aber auch Vorbild? Seite 5
Ebola Im Trainingscamp: Für
die Mission in Westafrika
lernen die Freiwilligen
Sterbebegleitung Seite 7
Report
Titel Der Behörden-GAU.
Bund und Länder haben den
atomaren Ernstfall geprobt
Seite 8, 9
Argumente
Essay Kennen Sie José
Mujica? Wie der bescheidenste Präsident der Welt
Uruguay verändert Seite 11
Kultur
Auszug eines alten
Meisters
Krimi Mit „Lady Bag“ bürstet
Liza Cody das Krimigenre
wieder einmal gekonnt
gegen den Strich Seite 14
Gesellschaft
Streit Hat der Pazifismus
ausgedient? Seite 17
Dorf Wie ein Landwirt seine
Familie herausfordert, weil
er Männer liebt Seite 18–20
Hausbesuch Wie war es,
ein jüdisches Mädchen in
Deutschland zu sein? Zu Gast
bei Steffi Wittenberg in
Hamburg Seite 21
Gespräch Ist Kochen
politisch? Fragen an den
US-Food-Philosophen
Michael Pollan Seite 22–23
Sachkunde
Epidemie Unterschätzt,
ignoriert, verdrängt. Es liegt
nicht am Virus, dass sich
Ebola so verheerend
ausbreitet Seite 29–32
Medien
Tempo Nachrichten auf der
Überholspur. 20 Jahre
Spiegel Online Seite 35
Reise
Ostblock Der Diktator reist
mit. Warum in Usbekistan
alle Wege durch Taschkent
führen Seite 36, 37
Leibesübungen
Randsport Es heißt, der
indische Fußball sei ein
schlafender Riese. Nun soll
er geweckt werden Seite 39
AUS DER TAZ SEITE 27
LESERINNENBRIEFE SEITE 28
TV-PROGRAMM SEITE 34
DIE WAHRHEIT SEITE 40
LEKTIONEN
5 Dinge, die wir
diese Woche
gelernt haben
1. Deutsche verlieren die Lust
am Sparen
Die Deutschen als Sparweltmeister – das war einmal. Im vorigen
Jahr sank die Sparquote wieder,
auf 9,1 Prozent. Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon, der
am Donnerstag den „Vermögensbarometer 2014“ vorstellte,
fürchtet schon eine „Erosion des
Sparens“. Die Gründe dafür sind
widersprüchlich. So viel wie nie,
nämlich 58 Prozent der Befragten, schätzen ihre finanzielle Situation als gut bis sehr gut ein.
Immer mehr sagen aber auch, sie
könnten es sich gar nicht leisten,
ürgen Trittin ist zweifellos
der zweitwichtigste Politiker der Grünen-Geschichte.
Einer, der aus der APO kam
und zum Minister des rot-grünen Atomausstiegs wurde – und
des Kosovokriegs. Ein Mann, der
sich von der ideologischen Menschenverachtung einer kommunistischen Splittergruppe der
70er zum Vizekanzler in Wartestellung entwickelte und dabei
sogar die empfindsame Zeit begeisterte. Nach der Bundestagswahl schien ihm zunächst sogar
der Schritt vom krachend gescheiterten
8,4-Prozent-Spitzenkandidaten zum geschätzten
Elder Statesman der Partei zu gelingen.
Doch jetzt ist seine Einschätzung in der Welt, BadenWürttemberg sei das „Waziristan
der Grünen“. Der Südwesten ist
das erste Bundesland, das von einem grünen Ministerpräsidenten regiert wird, Trittins politischem Kontrapunkt Winfried
Kretschmann. In Stuttgart, Freiburg und Tübingen regieren
Grüne. Die pakistanische Region
J
Geld auf die Seite zu legen.
Daraus soll mal einer schlau werden. Aber angesichts der Zinsen:
Wer will überhaupt noch sparen?
Vielleicht können Deutsche doch
vor allem eins: rechnen.
2. EU-Kommission vertraut auf
kosmische Erfahrung
Das ist mal eine steile Karriere. In
dieser Woche haben Europäisches Parlament wie Regierungschefs die neue EU-Kommission
abgesegnet. Mit dabei auch Violeta Bulc. Eben erst Ministerin in
Slowenien geworden, rückte sie
als Kandidatin Lubljanas nach,
weil Exministerpräsidentin Bratusek bei den Anhörungen in
Brüssel durchgefallen war. Von
der 50-jährigen Bulc ist vor allem
bekannt, dass sie überzeugte
Esoterikerin ist. Auf ihrem Blog
schreibt sie, dass die über „kosmische Erfahrungen“ verfüge,
dazu gehöre auch, dass „Strukturen ihre eigenen Leidenschaf-
Die Schulden sind so angewachsen wie sein Werk. Der französische Maler Alain Le Yaouanc hat mit
den ganz Großen seiner Zunft ausgestellt: Miró, Max Ernst und Picasso. Doch Ruhm und Reichtum
währten nur kurz, er geriet in Vergessenheit. Am Freitag musste er aus seinem Pariser Appartement
und Studio ausziehen, wegen Zwangsräumung. Fast 50 Jahre lebte er dort. Um sein Werk zu katalogisieren und mitzunehmen, brauche er Wochen, sagt er. Die Behörden haben ihm Zeit gegeben.
Foto: Charles Platiau/reuters
ten“ besitzen. Mal sehen, was das
für Europas Infrastruktur bedeutet. Bulc ist künftig zuständig für
Verkehrsfragen.
3. Nordkorea hatte offene Grenzen
Wollten Sie demnächst mal nach
Pjöngjang jetten? Pech gehabt.
Nordkorea, von dem sich seit Jahren die Legende hält, das abgeschottetste Land der Welt zu sein,
hat erst jetzt die Grenzen dichtgemacht. Laut Agenturberichten
werden vorerst keine Touristen
mehr ins Land gelassen. Das
Staatsfernsehen meldete, die
„Quarantänemaßnahmen“ an
den Grenzen würden verschärft.
Der Grund: Schutz vor Ebola.
4. Der Bundestag ist keine Location
Der Bundestag hat der „heuteshow“ eine Drehgenehmigung
verweigert. Es handele sich um
„keine politisch-parlamentari-
sche Berichterstattung“ bei dem,
was in der ZDF-Satiresendung
laufe, begründete ein Pressesprecher und fügte hinzu, das
Parlament sei keine „Location“.
Dabei dachten wir immer, gerade der Bundestag sei eine Bühne.
5. Gysi kommt auf den Löwen
Die Linkspartei und die Tiere:
Während sich Thüringens designierter Ministerpräsident Ramelow gern mit Hund Attila zeigt,
posiert Gregor Gysi neuerdings
mit Löwenbaby. Er übernahm
am Dienstag eine Patenschaft für
das Tier im Zirkus Krone, in ferner Erinnerung an Karl Marx soll
der Welpe Charly Gin heißen.
„Die Linke setzt sich für ein generelles Verbot von Wildtieren im
Zirkus ein“, hieß es einmal im
Wahlprogramm. Die Kritik, auch
aus der Partei, kümmerte den
Fraktionschef wenig. Kann man
subtiler zeigen, wer der eigentliche Parteilöwe ist? JÖRN KABISCH
..................................................................................................................
DIE EINE FRAGE
Kurz vor der Blutrache
NACH TRITTINS „WAZIRISTAN“-VERGLEICH STELLEN SICH MANCHE GRÜNE NUR NOCH
EINE FRAGE: WAS SAGT HOFREITER?
gilt als Rückzugsgebiet der radikalislamischen Taliban. Dort
werden Frauen unterdrückt, und
es wird Blutrache praktiziert.
Nun hat Trittin seine Einschätzung gegenüber dem Spiegel zwar geäußert, sie war aus seiner Sicht aber nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Das Magazin sagt, es gab in diesem Fall
keine Absprache, dass nicht ohne
Autorisierung zitiert werden
dürfe. Diese Unklarheit ändert
aber nichts daran, dass das Wort
in der Welt ist. Nun kann man sagen: Och, Trittins spezieller Humor ist doch bekannt. Ja. Aber
mal abgesehen von der strategischen Empörung: Das finden
auch
außerhalb
BadenWürttembergs einige wirklich
.......................................................
PETER UNFRIED
IST
CHEFREPORTER
DER TAZ
.......................................................
nicht mehr lustig. In der Waziristanmetapher scheint ihnen ein
politisches Weltbild des 20. Jahrhunderts auf, in dem in festen
Blöcken gedacht wurde: gut oder
böse, Freund oder Feind. Wer ge-
gen die „Linie“ verstößt, wie der
in
Regierungsverantwortung
stehende Kretschmann beim
Asylkompromiss, ist ein Verräter
und wird als Taliban ausgegrenzt. (Ironischerweise ist der
Minister Trittin immer ein Realo
gewesen.)
Das Problem ist, dass in einer
vom Waziristandenken geprägten Partei nicht mehr politisch
und inhaltlich gestritten werden
kann. Die Differenz zwischen Argumenten und Lösungsansätzen
kann nur geleugnet werden oder
sich im Herabwürdigen der jeweils anderen ausdrücken. Der
Rest ist Verdruckstheit. Die Grünen, die notorisch behaupten, sie
seien diskursiv, können weder
über die historische Niederlage
Das Zitat
„Die SPD geht unter,
wenn es zu Rot-RotGrün kommt. Wir
dürfen mit den Kommunisten nichts zusammen machen“
Stefan Sandmann, Vorsitzender der SPD Ilmenau, zur geplanten rot-rot-grünen Landesregierung in Thüringen
Foto: Marco Urban
Krieg Warum hat es der
Dialog so schwer? Ein
Gespräch mit dem
Psychoanalytiker und
Friedensforscher Vamik
Volkan Seite 12, 13
bei der Bundestagswahl offen
sprechen noch die Gründe für
die Erfolge in Baden-Württemberg und anderen Ländern ernst
nehmen. Soeben hat – ausgerechnet – Boris Palmer mit einem angstfreien Wahlkampf auf
der Rasierklinge knapp 62 Prozent der Tübinger Wähler für die
sozialökologische Moderne gewonnen. In einem festen Weltbild liegt das daran, dass die
Schwaben alle bescheuert sind.
(Und deshalb grün wählen.) Genaueres will der realoskeptische
Teil der Partei lieber gar nicht
wissen.
Deshalb ist es auch nicht zukunftsweisend, nun auf die Realos zu schauen, die sich über Trittins Vergleich empören und eine
Entschuldigung fordern. Interessanter ist: Was macht Anton Hofreiter, Trittins politischer Ziehsohn? Die Hoffnung derer, die einen Neuanfang herbeisehnen:
Ein spätes, aber dafür klares Wort
des Fraktionsvorsitzenden könnte eine Situation entstehen lassen, in der die Partei wieder offen
miteinander sprechen kann.
Die Drei
SONNABEND/SONNTAG, 25./26. OKTOBER 2014  TAZ.AM WOCHENENDE
Der Kämpfer
03
Der Sozialist
ngst, da ist sich Volodymir
ote Fahnen wehen schon lange
Schumeiyko sicher, habe er nie
nicht mehr vor dem Parteibüro
gehabt. Weder auf dem Maidan
der ukrainischen Sozialisten in
noch im Donezbecken, wo er
der Gruschewskaja Straße, dizwei Monate im Freiwilligenbataillon
rekt gegenüber dem ukrainischen ParDonbass gegen die prorussischen Sepalament. „Leute vom rechten Sektor haratisten gekämpft hat. Im November
ben sie immer wieder abgerissen“, sagt
vor einem Jahr ist er mit einem Freund
Igor Panjuta, der jeden Tag das Büro als
aus seiner Heimatstadt Kriwoj Rog nach
erster betritt und als letzter verlässt.
Kiew gefahren. Er war 33 Jahre alt, geAuch die Fenster sind zu jeder Jahreszeit
sund und kräftig. „In Kiew hat eine
geschlossen. Immer wieder knallen ToRevolution begonnen“, hat sein Freund
maten oder Eier von rechten Gegnern
gesagt. „Die wollen den Betrüger Jaan Fensterscheiben und Wand.
nukowitsch aus dem Amt jagen. Lass
Igor Panjuta arbeitet hauptamtlich
uns sofort hinfahren.“ Noch am gleifür die kleine sozialistische Partei der
chen Tag kündigte Schumeiyko seine
Ukraine. „Ich war von Anfang an auf
Arbeit als Geschäftsführer einer kleidem Maidan dabei, jeden Tag war ich
nen Handelsfirma und zog in die Revodort, drei Monate lang. Ist doch klar,
lution.
dass ich dabei bin, wenn die Menschen
Bei den Kämpfern auf dem Maidan
gegen einen reaktionären Präsidenten
und Oligarchen auf die Straße gehen“,
in Kiew sei er immer einer der Ersten
sagt Sozialist Panjuta. „Die Eurointegragewesen. An vorderster Front habe er
tion ist ein unaufhaltsamer Prozess, in
gekämpft, Auge in Auge den verhassten
den früher oder später auch Russland
Polizisten der Sonderpolizei Berkut auf
eingebunden werden wird. Natürlich
der Gruschewskaja-Straße gegenübersind wir Sozialisten für Europa. Doch
gestanden. Die beste Zeit seines Lebens
unser Motto war: Europa in der Ukraine
sei der Maidan gewesen, sagt Schuaufbauen“, sagt Panjuta. Und dies bemeiyko begeistert ein Jahr danach, auf
deute, dass man erst mal im eigenen
Krücken gestützt und auf dem rechten
Land klare Verhältnisse schaffen muss.
Auge blind. Am 22. Januar hat ihn ein
Die Ukraine müsse mit den feudalen
Gummigeschoss der Berkut am Auge
und von Oligarchen dominierten Strukschwer verletzt, mehrfach musste er
turen Schluss machen.
operiert werden.
Mit dieser Position habe man sich
Die schlimmsten Tage seien die gezwischen alle Stühle gesetzt. Euro-Rowesen, als er den Maidan verlassen und
mantiker und die Anhänger der Volksein Fieber in seiner Heimatstadt auskurepubliken im Donbass in der Ostukrairieren musste. Im Fernsehen habe er
ne machen den gleichen Fehler, analymitansehen müssen, wie seine Freunde
siert Panjuta. Beide hoffen, dass andere
gegen Janukowitsch kämpften. „Mein
die Kastanien für sie aus dem Feuer holKörper war zu Hause im Bett, doch
ten. Damit blende man das Hauptprobmeine Seele war immer auf dem Mailem des Landes aus: die Korruption und
dan.“
die Allmacht der Oligarchen.
Ende Mai schloss er sich dem FreiwilAuf dem Maidan hätten viele Linke
ligenbataillon Donbass in der Ostukraiteilgenommen, doch sie haben auf eigene an. Russland habe die Ukraine überne Faust gehandelt, hat Panjuta beobfallen, die Krim annektiert. Da dürfe
achtet. Die Führungen der linken Parman die bedrohte Heimat nicht im
teien und Organisationen seien im entStich lassen. Am 4. Juni begann sein Einscheidenden Augenblick abgetaucht
satz im Kampfgebiet. „Auch dort habe
und hätten so das Feld den Rechten
ich keine Angst gehabt, nicht als wir
überlassen. Diese hätten es dann auch
bombardiert wurden, nicht in brennengeschafft, den Zorn gegen Janukowitsch
den Häusern und brennenden Panzern.
in eine eigene Machtübernahme umzuNur eines habe ich gedacht: Ich möchte
münzen.
noch einmal meine Freundin vom MaiBis zum 22. Februar hatten Panjuta
dan anrufen und sie um Verzeihung bitund einige Dutzend Linke die Hoffnung
ten“, sagt Schumeiyko, den seine
nicht aufgegeben, doch noch Einfluss
Kampfgefährten wegen seiner Bezieauf die Maidan-Bewegung nehmen zu
hungen Romeo nannten.
können. Ihre Vision: Der Maidan solle
„Das Bataillon Donbass ist das am
die soziale Frage auf die Tagesordnung
meisten gefürchtete, deswegen bin ich
setzen, sich für soziale Gerechtigkeit
dorthin“, sagt er. „Zivilisten haben wir
einsetzen und den Oligarchen die rote
nie angegriffen.“ Im ersten Kampf ist
Karte zeigen.
sein Freund gestorben, am UnabhänFür Panjuta ist der Maidan gescheigigkeitstag, dem 24. August, wurde er
tert. Die Oligarchen hätten es geschickt
selbst schwer am Bein verletzt. Als er eiverstanden, den Maidan für ihre Zwenes Tages neben seinem Krankenbett
Ein Mann protestiert im Februar 2014 auf dem Maidan-Platz in Kiew gegen die Regierung der Ukraine Foto: Yannis Behrakis/reuters
cke zu nutzen. Eine Bewegung, die in
eine kugelsichere Weste entdeckte, die
riesigen Sprechchören „Tod den Feinjemand vergessen hatte, zog er sie an.
den“ rufe, sei auch für Europa eine Be„Nun war ich psychologisch für eine
lastung. Letztendlich seien spontane
Zeit lang meinen Freunden im Donbass
WAHLEN
Revolutionen meistens zum Scheitern
etwas näher.“
verurteilt. Dies zeige auch das Beispiel
Nein, er bereue nichts, weder seine
des Arabischen Frühlings. Es sei ein
Teilnahme auf dem Maidan noch seiFehler gewesen, sagt Panjuta, die Pronen Einsatz im Krieg im Bataillon Dontestbewegung des Maidan gegen die
bass, sagt Schumeiyko, der seitdem nur
Protestbewegung im Donbass auszuauf Krücken gehen kann. Wenn er jetzt
spielen.
aufhöre, sei alles umsonst gewesen. Der
Er selbst stammt von der Krim, die
Geist des Maidan lebe weiter im Kampf
Russland zunächst im Februar 2014 migegen Korruption und egoistische Polilitärisch besetzt und sich dann mit eitiker. „Vor den Wahlen versprechen uns
nem Referendum einverleibt hat. Seit
die Politiker das Blaue vom Himmel,
März gehört die Krim faktisch zu Russdoch kaum sitzen sie in ihren warmen
land. Beide Protestbewegungen seien
Sesseln, haben sie ihre Versprechen verdoch aus Unzufriedenheit über die sogessen. Wir müssen den korrupten Poliziale Ungerechtigkeiten entstanden.
tikern und Beamten Feuer unterm HinUnd beide haben bald Abstand von ihtern machen. Sie dürfen keine Zeit zum
ren sozialen Forderungen genommen.
Ausruhen haben, müssen endlich das
Wirklich erfolgreich, sagt Panjuta, köntun, was das Volk will.“
ne eine Protestbewegung in der Ukraine
Schumeiyko kämpft nun mit Worten.
nur sein, wenn sich die Menschen aus
Er hält Vorträge vor Schülern und Soldader Ostukraine und der Westukraine geten, spricht im Fernsehen und im Radio.
meinsam für soziale Gerechtigkeit einDenn: „Ich hoffe sehr, dass ich durch
setzten. Gemeinsam müssten sie das
meinen heutigen Einsatz mit dazu bei........................................................................................................................................................................................................
Grundübel des reichen Landes bekämptragen kann, dass eine neue Generation
Krieg
und Frieden
................................................................................................................................................................................
fen – die grenzenlose Macht der Oligarvon echten Patrioten heranwächst.“
chen.
BERNHARD CLASEN
BERNHARD CLASEN
■ Neue Wahl: Staatschef Petro Porostärkste Kraft wird laut Umfragen die Na- ■ Keine Wahl: In den von prorussischen
schenko hat im August das Parlament ver- tionalistenpartei von Oleg Liaschko.
Separatisten kontrollierten Ostgebieten
Igor Panjuta, 52,
Volodymir
■ Entscheidung: Die 36,5 Millionen
fassungsmäßig aufgelöst. Er selbst war
finden keine Wahlen statt. Etwa 2 Millioist Funktionär der
Schumeiyko, 34,
Wahlberechtigten entscheiden darüber, nen Ukrainer können daher nicht an der
im Mai mit 55 Prozent der Stimmen geSozialisten und war
hat erst auf dem
ob Poroschenko seinen umstrittenen
wählt worden, konnte aber keine ParlaWahl teilnehmen. Die zwölf Abgeordnedrei Monate lang
Maidan gekämpft,
mentsmehrheit für eine Regierung orga- Friedensplan umsetzen kann. Im Septem- tensitze der Krim werden nicht besetzt, da
auf dem Maidan:
dann mit den Paraber hatte er mit Russlands Präsident Pu- Russland die Krim annektiert hat. Die Uknisieren.
„Wir müssen die
militärs gegen die
tin ein Abkommen ausgehandelt, mit
■ Kandidaten: Zur Wahl stehen 29 Parraine will die Parlamentswahl dort nachAllmacht der
Separatisten: „Der
teien, beste Chancen hat die Poroschen- dem ein dauerhafter Waffenstillstand mit holen, wenn die Krim wieder zur Ukraine
Oligarchen begrenGeist des Maidan
ko-Partei mit Kiews Bürgermeister Vitali den Separatisten im Osten des Landes be- gehört.
zen“
lebt weiter“
siegelt werden sollte.
Klitschko als Spitzenkandidat. ZweitFoto: Archiv
Foto: Archiv
A
R
Zwei Kämpfer vom Maidan in Kiew haben Zeit, Gesundheit
und Karriere geopfert, aber nicht die Hoffnung auf eine Ukraine
ohne Korruption verloren. Am Sonntag wählen die das Parlament
„Sie müssen endlich
tun, was das Volk will“
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Seele and Geist
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