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Klimafarming – Wie Landwirtschaft den Klimawandel bremst - SWR

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SWR2 Wissen – Manuskriptdienst
Klimafarming – Wie Landwirtschaft
den Klimawandel bremst
Autorin: Jantje Hannover
Redaktion: Udo Zindel
Regie: Tobias Krebs
Sendung: Dienstag, 14. Oktober 2014, 8.30 Uhr, SWR2 Wissen
Erstsendedatum: 19.11.2013
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Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
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ATMO Wender
OT Hans-Peter Schmidt:
Wir machen hier eine intensive aerobe Kompostierung, ihr seht, dahinten ist Kuhmist, wir
haben Pferdemist, Hühnermist, ein bisschen Grünschnitt, Gesteinsmehl, Lehm und geben
20% Pflanzenkohle dazu…
Sprecher:
Diese Pflanzenkohle ist die entscheidende Zutat im Kompost-Rezept von Hans-Peter
Schmidt. Denn sie enthält Kohlenstoff, den die Pflanzen zuvor der Atmosphäre entzogen
haben. Der Leiter des Ithaka-Instituts im schweizerischen Kanton Wallis hat den Begriff
„Klimafarming“ geprägt. Landwirtschaft, so meint er, muss eine Schlüsselrolle im Kampf
gegen den von Menschen verursachten Klimawandel spielen. Ein Mitarbeiter des Instituts
fährt mit einem kleinen Traktor an dem imposanten Komposthaufen vorbei. Eine Schraube
an der Seite des Traktors verwirbelt den Mist und die anderen Zutaten und durchmischt sie
mit verkohlten Pflanzenresten. So wird aus landwirtschaftlichen Abfällen in kurzer Zeit
fruchtbarer, kohlenstoffhaltiger Humus – eines der wichtigsten Werkzeuge des Klimafarming:
OT Hans-Peter Schmidt:
Wenn wir einen Humusaufbau der Böden erreichen, dann ist das der größte
Kohlenstoffspeicher, der auf der Welt möglich ist. Das heißt, ein Klimafarmingsystem ist, wo
wir die Produktion von Biomasse fördern, damit sie im Boden Humus aufbaut, Humus ist
gespeicherter Kohlenstoff – ein humusreicher Boden ist ein fruchtbarer Boden.
Ansage:
Klimafarming – Wie Landwirtschaft den Klimawandel bremst.
Eine Sendung von Jantje Hannover.
Sprecher:
Hans-Peter Schmidt greift eine Handvoll Erde aus dem Komposthaufen. Feuchte Klümpchen
rieseln zwischen seinen Finger zu Boden. Der studierte Philosoph und Ökologe entwickelt
gemeinsam mit den Forschungsabteilungen deutscher und schweizerischer Universitäten
Visionen und Konzepte wie die Landwirtschaft zerstörte Ökosysteme stabilisieren und den
Klimawandel bremsen kann:
OT Hans Peter Schmidt:
Wir müssen die Wüsten begrünen, wir müssen die Städte begrünen, wir müssen die Steppen
begrünen. Wir haben so viele Flächen, die wir in den letzten Jahrhunderten verloren haben,
die wir wieder aufforsten müssen, die natürlich produktiv werden um Kohlenstoff aus der
Atmosphäre zu entnehmen, und dann können wir diesen Kohlenstoff auch zurückgewinnen.
Sprecher:
Noch heizt die weltweite Landwirtschaft den Klimawandel an. Deutlich mehr sogar als der
gesamte Auto- und Flugverkehr zusammen: Neben Kohlendioxid setzen gängige
Landwirtschaftspraktiken vor allem die extrem klimaschädlichen Gase Methan und Lachgas
frei. Der Biologe und Informatiker Alexander Popp vom Potsdam-Institut für
Klimafolgenforschung kennt genaue Zahlen:
OT Alexander Popp:
Die Landwirtschaft trägt etwa ein Drittel zu den anthropogen verursachten, globalen
Treibhausgasemissionen bei. Ein Hauptteil kommt aus der landwirtschaftlichen Produktion,
das sind meist die Nicht-CO2 Gase Methan und Lachgas, durch Düngerausbringung, durch
Tierhaltung aber auch durch Reisanbau, Methan hauptsächlich. Ein anderer großer Teil
kommt aus der Landnutzungsveränderung, durch die Ausweitung der landwirtschaftlichen
2
Flächen werden vor allem in den tropischen Regionen tropische Wälder in Nutzflächen
umgewandelt, und dadurch entstehen eben Kohlenstoffverluste.
Sprecher:
Die rasant wachsende Weltbevölkerung nimmt immer mehr Flächen unter Pflug – mit
dramatischen Folgen für das Klima. Dabei könnte gerade in der Landwirtschaft auch ein
Schlüssel für die Lösung des Klimaproblems liegen. Bei der Fotosynthese nutzen Pflanzen
die Energie der Sonne, um aus Kohlendioxid und Wasser den Nährstoff Zucker zu
produzieren und ihn fest in ihre Zellstruktur einzubauen. Dadurch entziehen sie der
Atmosphäre das Treibhausgas CO2. Pflanzen können also einen großen Teil der CO2Emissionen, die bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe entstehen, aufnehmen, bestätigt
Alexander Popp.
OT Alexander Popp:
Es gibt ja die Diskussion zur Aufforstung, zur Wiederaufforstung, was den Effekt hätte, dass
brachliegende Ackerflächen, nicht genutzte Weideflächen durch den Wiederaufbau
natürlicher Vegetation Kohlenstoff binden können, sowohl im Boden als auch in der
Vegetation und damit auch klimafreundlich sind.
Sprecher:
Hans-Peter Schmidts Vision vom Klimafarming bezieht ausdrücklich auch
Aufforstungsprojekte ein. Zum Beispiel in Zentralspanien, das im Laufe seiner Geschichte
weitgehend entwaldet wurde:
OT Hans-Peter Schmidt:
Von Madrid bis zum Mittelmeer, da gibt es keinen einziger Baum, übertrieben gesagt, und
wenn wir dort Wälder anbauen, entnehmen die Kohlenstoff aus der Atmosphäre. Das
machen die 50 oder 80 Jahre lang, dann muss man den Wald bewirtschaften. Dann können
wir Holz oder Biomasse dem Wald wieder entziehen und neue Bäume wachsen nach.
Sprecher:
Wie viel Kohlendioxid der Atmosphäre mit der Aufforstung kahler Landstriche entzogen
werden kann, hängt entscheidend von der Region und den dort herrschenden Temperaturen
ab: in den Tropen sind es rund zehn Mal mehr wie in mittleren Breitengraden. Für
Zentralspanien rechnet Schmidt mit 12 Tonnen CO2 pro Jahr und Hektar in den ersten 50
Jahren. Danach muss man den Wald bewirtschaften, um den Klimaschutz-Effekt zu erhalten:
OT Hans-Peter Schmidt:
In einem natürlichen Wald verrotten die Bäume, und der gesamte Kohlenstoff, der in der
Biomasse gespeichert war, geht wieder als CO2 oder Methan in die Atmosphäre. Diese
Stufe, die unterbrechen wir. Das heißt, wenn wir verhindern, dass Biomasse verrottet,
sondern dass wir die Biomasse stabilisieren, indem wir sie zu Kohle oder zu Baustoffen
verarbeiten, dann haben wir quasi einen Kohlenstoffpuffer.
Sprecher:
Hans-Peter Schmidt macht eine einfache Rechnung auf: ein Boden mit einer Fläche von
hundert Quadratmetern und einem Humusgehalt von einem Prozent speichert rund 0,3
Tonnen Kohlenstoff, das entspricht etwa einer Tonne Kohlendioxid. Jedes Prozent mehr
Humus speichert folglich eine weitere Tonne des Treibhausgases. Deutsche Bauern
bewirtschaften insgesamt zwölf Millionen Hektar Fläche. Würden sie alle den Humusgehalt
ihrer Böden um nur ein Prozent erhöhen, würde das die Atmosphäre um fast zehn Milliarden
Tonnen CO2 entlasten – das ist mehr als das Zehnfache des jährlichen Gesamt-Ausstoßes
des Treibhausgases in Deutschland.
ATMO
3
Sprecher:
Wie man Treibhausgase auf Ackerland und in Gärten fixieren kann, erforscht Hans-Peter
Schmidt auf kleinem Raum in seinem Weinberg Mythopia inmitten der hinreißend schönen
Landschaft des Wallis: weite Täler, bewaldete Hänge, darüber die vergletscherten 4000er
der Südalpen. 300 Tage im Jahr von der Sonne verwöhnt, reift hier in luftigen Höhen ein
guter Pinot Noir heran:
OT Hans-Peter Schmidt:
Wir haben hier einen Versuchsweinberg, das heißt, es gibt eigentlich keine Stelle, wo nicht
irgendein Versuch oder Experiment läuft.
OT Hans-Peter Schmidt:
Was wir hier uns leisten können, ist Fehler zu machen. Das ist entscheidend für die ganze
Arbeit. Wir können also das, was in der Theorie so wunderbar klingt und so einfach zu
erklären ist, auch mal ausprobieren, schauen wie man damit umgeht, und was vielleicht die
Crux an der Sache ist.
ATMO Gebirgsbach
Sprecher:
Schmidt hat seinen Versuchs-Weinberg radikal anders angelegt, als alle Winzer rundherum:
die Rebreihen wurden ausgedünnt, in die Zwischenräume pflanzt er Lupinen und
Ringelblumen. Nackter Boden ist aus ökologischen Gründen tabu. Am Bach, der mitten
durch das Gelände fließt, wuchern Büsche und Wildkräuter, in denen sich Vögel, Insekten,
Reptilien und Kleinsäuger verstecken können. An den Zeilenenden der Reben wachsen
Weinbergpfirsiche oder Stachelbeerbüsche, auch größere Obstbäume stehen auf der
Fläche:
OT Hans-Peter Schmidt:
Überall bewegt sich was. Wenn man hier vorbeikommt, sind überall Schmetterlinge,
Grashüpfer, die sich halt ein bisschen aufgeschreckt fühlen, wenn man hier vorbeigeht, aber
man sieht, dass unheimlich viel Leben drin ist und da rausspringt.
Sprecher:
Klimafarming ist auf eine möglichst große Artenvielfalt angewiesen. Nur dann wachsen die
Pflanzen in einem stabilen Ökosystem, das Stress durch Trockenheit, Hitze oder
Schädlingsbefall widerstehen kann.
OT Hans-Peter Schmidt:
Wir haben sehr wenig Kohlenstoff-Effizienz, wenn wir nur Mais anbauen. Und Klimafarming
ist eine Hochachtung vor der Biodiversität. Es geht nicht darum Monokulturen zur
Kohlenstoffproduktion anzusetzen, sondern wir brauchen Mischkulturen mit hoher
Biodiversität, mit Ökosystem-Effizienz, dann können wir auch den Kohlenstoff nachhaltig
nutzen.
Sprecher:
In einem Ökosystem mit großer Artenvielfalt, sagt Hans-Peter Schmidt, werden chemische
Spritz- und Düngemittel überflüssig. Das erfordert genaue Naturbeobachtung und viel
Fingerspitzengefühl. Das Konzept des Klimafarming ähnelt den bereits vor Jahrzehnten
entwickelten Ideen der Permakultur und geht weit über die Anforderungen einer BioZertifizierung nach EU-Richtlinien hinaus.
OT Hans-Peter Schmidt:
Die Begrünung hat bei uns eine agronomische Funktion. Wir brauchen sie zur
4
Bodenaktivierung, für uns ist das der gesamte Dünger, hier gibt es keine sonstigen
Düngemittel im Weinberg und wichtig ist eine hohe Vielfalt, weil jede Pflanze andere
Nährstoffe und Mineralien mobilisiert, und Mikroorganismen fördert über Symbiosen, die jede
Pflanze im Wurzelbereich mit Mikroorganismen hat.
Sprecher:
Der Mineraldünger, den die konventionelle Landwirtschaft nutzt, ist ausgesprochen
klimaschädlich. Bei seiner Herstellung wird viel Energie verbraucht, entscheidender ist aber,
dass er Lachgas frei setzt, wenn Pflanzen die Nährstoffe des Düngers nicht vollständig
verstoffwechseln. Lachgas strömt auch aus Misthaufen und Lagerstätten für Düngemittel
aus. Es ist fast 300mal so klimaschädlich wie CO2, warnt Alexander Popp vom PotsdamInstitut für Klimafolgenforschung:
OT Alexander Popp:
Durch ein verbessertes Management in der Landwirtschaft können diese Emissionen
durchaus verringert werden, d.h. das sogenannte Präzisionsfarming, wenn man näher an der
Pflanze, besser im Zeitpunkt den Stickstoffdünger ausbringen würde, als es oftmals in vielen
Regionen heutzutage der Fall ist, dann würden auch weniger Lachgasemissionen entstehen,
momentan tragen aber diese Emissionen einen großen Anteil zu den GesamtlachgasEmissionen weltweit bei.
Sprecher:
Durch tiefgründiges Pflügen, Umgraben oder ungeschützte Bodendecken während des
Winters können Wind- und Wassererosion besser angreifen, die Bodenstruktur gerät
durcheinander, im Humus gebundener Kohlenstoff geht verloren. Hans-Peter Schmidt hält
den Boden auf seinem Weinberg deshalb das ganze Jahr über bedeckt:
OT Hans-Peter Schmidt:
Das Schöne und Wichtige an der Winterbegrünung ist: sie ist produktiv, wenn die Rebe
eigentlich schläft. Sie entzieht CO2 aus der Atmosphäre, betreibt Humusaufbau, speichert
Nährstoffe, die dann später der Rebe zur Verfügung stehen, leistet in der ganzen Zeit
Ökosystemdienstleistungen, verhindert Erosion und ist unser Klimafarmingagent.
ATMO Kettensäge, Baum fällen
Sprecher:
Durch den Hunger der Industrieländer u.a. nach Fleisch und Biosprit ist Ackerland weltweit
zu einem Produktionsfaktor geworden, mit dem sich viel Geld machen lässt. Jedes Jahr
werden derzeit bis zu 130.000 Quadratkilometer Wald vernichtet, meist um dort Mais oder
Soja in Monokultur anzubauen – als Futtermittel für Schlachttiere oder zur Gewinnung von
Biokraftstoffen. Der Anteil der Entwaldung am globalen Treibhauseffekt wird auf bis zu 25
Prozent geschätzt. Dabei geht es nicht nur um den Kohlenstoff, den Bäume in ihren Zellen
gebunden haben; auch in den Böden gesunder Wälder sind große Mengen von Kohlenstoff
gespeichert. Werden in einem Wald zu viele Bäume gefällt oder gar ganze Flächen gerodet,
gelangt Sauerstoff in die Erde, und Myriaden von Bodenorganismen setzen Kohlendioxid
frei. Besonders klimaschädlich sind die gewaltigen Brandrodungen für Palmölplantagen, zum
Beispiel in den indonesischen Torfwäldern. Denn Torf- und Moorboden enthält besonders
viel Kohlenstoff.
In den 80er Jahren bedrohte in Europa vor allem der saure Regen das Ökosystem Wald.
Damals debattierten Greenpeace-Aktivisten in einer Hamburger Privatküche, was man
gegen das Waldsterben machen kann. Steffen Wehner war dabei:
OT Steffen Wehner:
Wir müssen noch was anderes tun, wie eine Kampagne machen, um diesem Problem etwas
5
entgegenzuhalten. Und so ist die Idee eines Positivprojekts, wie man gesagt hat, entstanden.
Eben mit Freiwilligen selbst in die Wälder zu gehen, und einen Beitrag zu leisten, um die
Situation dort zu stabilisieren.
ATMO Holz schichten
Sprecher:
1987 gründete Greenpeace das „Bergwaldprojekt“. Freiwillige begannen in den Schweizer
Alpen standorttypische Bäume zu pflanzen, Zäune gegen Wildverbiss aufzustellen,
Wildbäche zu renaturieren oder Naturwiesen zu mähen. Steffen Wehner ist heute der
Geschäftsführer des Projekts. Inzwischen koordiniert der Verein rund 70 Einsätze pro Jahr in
Deutschland. Er finanziert sich aus Spenden und öffentlichen Geldern für den Naturschutz
und hat gewichtige Partner gewonnen, darunter die Deutsche Bahn.
Auch in vielen anderen Weltregionen wurden ähnliche Initiativen gegründet: Reforesting
Scotland z.B. das sich die Aufgabe gesetzt hat, die weitgehend entwaldeten schottischen
Highlands wiederaufzuforsten. Auch in England und Irland pflanzen Forstleute und Freiwillige
Millionen Bäume, ebenso auf Madagascar und in den von schweren Waldbränden zerstörten
Regionen der westlichen USA.
Alleine mit dem Bergwaldprojekt von Greenpeace haben in den letzten 20 Jahren rund
30.000 Freiwillige fast anderthalb Millionen Bäume gesetzt, haben hunderte Hektar Wald und
insgesamt 13 Moore renaturiert. Sie haben Klimafarming praktiziert, ohne dass sie das je so
genannt hätten.
OT Steffen Wehner:
Bäume haben Vorlieben, haben ein Verbreitungsgebiet, wenn diese heimischen Bäume gar
nicht mehr da sind, weil sie durch Eingriffe des Menschen verdrängt wurden, dann bleibt nur
der Weg zu pflanzen. Ansonsten ist der natürliche Weg eines Baums nicht, vom Menschen
über Kilometer in einem Töpfchen durch den Wald getragen zu werden, um dann einen
neuen Platz zu finden, das ist ein sehr künstlicher Weg eigentlich.
ATMO Wald mit Vögeln
Sprecher:
Ihre wichtigste Aufgabe sehen Mitarbeiter des Bergwaldprojekts darin, geschädigte
Ökosysteme zu stabilisieren. Zum Beispiel, indem sie trocken gelegte Moore wieder
vernässen. Bedrohte Tiere und Pflanzen kehren wieder zurück, wenn sie die richtigen
Lebensbedingungen vorfinden.
Sprecher:
Auch Moore sind wichtige, natürliche Kohlenstoffsenken. Sobald sie entwässert werden,
setzen sie große Mengen klimaschädlicher Gase frei. Felix Grützmacher ist Referent für
Moorschutz beim Naturschutzbund Deutschland, kurz NABU.
OT Felix Grützmacher:
Moore sind gigantische Kohlenstofflager. Während der Wachstumsphase nehmen die
torfbildenden Pflanzen der Moore den Kohlenstoff aus der Atmosphäre auf, und lagern sie im
Moor ab.
Das geschieht dadurch, weil das ein sehr wassergesättigtes Milieu ist, die Pflanzenteile
werden unvollständig zersetzt und Torf bildet sich. Und dieser Kohlenstoff ist dort gelagert.
Greift der Mensch jetzt ein, entwässert die Moore, oxidiert dieser Kohlenstoff in kürzester
Zeit. Pro Hektar Moor können so bis zu 60 Tonnen pro Jahr klimaschädliches CO2 in die
Atmosphäre entweichen.
6
Sprecher:
Im Frühjahr diesen Jahres hat der NABU deshalb seine Kampagne: „torffrei gärtnern“
gestartet – auch das eine Initiative des Klimafarming. Viele Gemeinschaftsgärten aus allen
Teilen Deutschlands haben sich der Aktion angeschlossen:
OT Felix Grützmacher:
Da kommt man relativ schnell zum Verbraucherverhalten, was nutzt jeder einzelne von uns
häufig? Das ist Blumenerde, vielen Verbrauchern ist einfach nicht bewusst, dass diese
Blumenerde zu fast 95% aus den Mooren kommt, wo der Torf abgebaut wird, und das hat
dramatische Folgen auch für die Natur und fürs Klima.
Sprecher:
Wer klimafreundlich gärtnern will, sollte einen Bogen um die oft sehr billige Blumenerde
machen, die in Supermärkten und Baumärkten angeboten wird, und stattdessen nach
torffreien Produkten Ausschau halten. Klimaschonende Ersatzsubstrate werden z.B. aus
Bambus, Hanf oder dem Riesen-Chinaschilf Miscanthus hergestellt:
OT Felix Grützmacher:
Torf an sich ist gar kein gutes Substrat. Man bezeichnet Torf eigentlich als charakterlos, bloß
das ist der Grund, warum er so beliebt ist, weil er kann für jede Pflanze speziell aufgedüngt
und aufgekalkt werden. Gerade im industriellen Gartenbau sind das natürlich Eigenschaften,
die sehr geschätzt werden, weil man in diesem durchtechnisierten Produktionsprozess sich
für jede Pflanze immer das genau zurechtdüngen kann. Deswegen hat das sich gerade in
den letzten Jahrzehnten so durchgesetzt.
Sprecher:
Gemüse aus der agrarindustriellen Produktion, wie es in Supermärkten gewöhnlich verkauft
wird, wird inzwischen häufig auf Torf angebaut. Solange Naturtorf noch billig aus den
baltischen Staaten importiert werden kann, die dafür ihre Moorflächen ruinieren, wird das
wohl so bleiben. Im Hobbygarten haben Torf und damit versetzte Blumenerde allerdings
nichts zu suchen: Torf hat einen sauren PH-Wert und ist damit für die meisten Pflanzen nicht
geeignet.
OT Felix Grützmacher:
Den meisten Leuten empfehle ich, obwohl es am Anfang etwas Aufwand bedeutet, sich
seinen Garten erstmal genau anzuschauen. man sollte vielleicht überlegen, ob man einfach
mal eine Probe seines Gartenbodens einschickt, und schaut, wie ist der Boden beschaffen,
welchen PH-Wert hat er, wie ist die Nährstoffversorgung im Garten? Man kann auch beim
regionalen Kompostwerk sich beraten lassen, die kennen sich meistens sehr gut aus, die
genau sagen können: hier muss man vielleicht mit ein wenig Kompost arbeiten oder etwas
aufkalken den Garten, wenn man diese oder diese Pflanzen haben möchte.
ATMO Garten
Sprecher:
Etwa neun Millionen Kubikmeter Torf werden in Deutschland Jahr für Jahr verbraucht.
Immerhin ein Viertel davon wandert in die über eine Million deutschen Kleingärten. Für diese
Hobbygärtner hat die Autorin und Mitbegründerin der taz, Ute Scheub, das wahrscheinlich
erste Buch über Klimagärtnern geschrieben. Der kleine Garten hinter ihrem Einfamilienhaus
in Berlin-Dahlem ist ihr Testfeld:
OT Ute Scheub:
Das ist ein total problematischer Boden hier, muss ich dazu sagen, die Möhren, die ich früher
versucht habe zu säen, die wurden gerade mal 1 cm groß, das ist Sandboden, das ist total
7
verschattet hier durch die Kiefern, das ist absolut durchwurzelt, also mieser geht es
eigentlich gar nicht.
ATMO Garten
Sprecher:
Ute Scheub hat es trotzdem geschafft, ihren Garten zum Blühen zu bringen. Um die
Steinstufen zu ihrem Haus hat sie zwei kleine Terrassen angelegt und mit Erde aufgefüllt,
andere Pflanzen wachsen in selbst gebauten Hochbeeten. Jetzt deutet sie auf einen mit
losen Brettern umrandeten Kompost, den sie nach einer speziellen Methode anlegt:
OT Ute Scheub:
Ich mach da ganz normal Küchenabfälle und Gartenabfälle rein, und dann Holzkohlepulver
drauf und dann trampel ich das fest. Das ist eben dann die anaerobe Geschichte.
Sprecher:
Mit Holzkohlepulver und dem Versuch, durch Festtrampeln die Luft herauszupressen, also
ein anaerobes Milieu zu schaffen, legt Ute Scheub einen Terra-Preta-Kompost an. Terra
Preta heißt auf Portugiesisch: schwarze Erde. So werden großflächige und sehr fruchtbare
Schwarzerdeböden genannt, die im Amazonas-Urwald entdeckt wurden. Das Auffälligste an
diesen Schwarzerdeböden war der hohe Anteil an Pflanzenkohle und Ascheresten.
Pflanzenkohle entsteht bei der Verschwelung von pflanzlicher Biomasse unter Luftabschluss.
Sie enthält weiterhin einen großen Teil des Kohlenstoffs, den die Pflanzen während ihrer
Lebenszeit eingelagert hatten. Im Boden wird Pflanzenkohle über Jahrhunderte nicht
abgebaut. Mit ihrer extrem porösen Oberfläche bietet sie einen guten Lebensraum für
Mikroorganismen. Sie ist in der Lage, große Mengen Wasser und Nährstoffe zu speichern
und fördert den Aufbau von stabilem Dauerhumus.
ATMO
Sprecher:
Was Hans-Peter Schmidt als Credo des Klimafarmings vorschlägt, gehört schon lange zum
Wissensschatz der Menschheit. Es war allerdings in Vergessenheit geraten: Bei der Analyse
der Terra Preta Böden Amazoniens stellte sich heraus, dass die Böden teilweise mehrere
tausend Jahre alt waren und aus Exkrementen und Essens- oder Ernteabfällen bestanden,
die prähistorische Indianer mit Pflanzenkohle vermischt hatten. Wahrscheinlich haben die
Bewohner Amazoniens große Tongefäße als eine Art Komposttoilette genutzt und den Inhalt
dann mit Holzkohle- und Ascheresten aus ihren Herdfeuern bestreut. In den letzten Jahren
hat die Wiederentdeckung der Terra Preta Männer und Frauen begeistert, denen die
nachhaltige Entwicklung der Menschheit in Zeiten des Klimawandels am Herzen liegt. Zu
ihnen gehört auch Ute Scheub:
OT Ute Scheub:
Ich habe einen kleinen, einseitigen Spiegelartikel gelesen über Biochar, wie es auf Englisch
heißt, das hat mich völlig elektrisiert. Das hat mich deshalb so begeistert, weil ich das Gefühl
hatte, endlich habe ich meine eierlegende Wollmilchsau entdeckt, die eben unheimlich viel
gleichzeitig kann: Klimawandel bekämpfen, Hunger- und Unterernährungsprobleme lösen,
Wasser- und Hygieneprobleme, Schadstoffe aus dem Boden holen, das ist doch sagenhaft.
Sprecher:
Ein Terra Preta Workshop in einem Leipziger Gemeinschaftsgarten. Etwa 30 urbane Gärtner
aus Ostdeutschland und Berlin umringen den ehemaligen DDR-Pflanzenforscher Jürgen
Reckin. Terra Preta lässt sich aus jeglicher Biomasse herstellen, Jürgen Reckin gewinnt sie
aus Holz. Zum Beispiel mit dem Astschnitt aus seinem großen Garten im Dörfchen Finowfurt.
8
Jetzt holt der alte Mann eine Handvoll Holzhäcksel aus einem Papiersack und wiegt sie mit
kritischer Miene in seiner rechten Hand.
OT Jürgen Reckin:
Mit diesem Material, wie Sie es hier sehen, eine Schwarzerde zu machen, das ist einfach
rausgeschmissene Zeit, das wird keine. Das ist viel zu grob, damit können Sie ein gutes
Feuer machen, aber keine Terra Preta.
ATMO Häcksler
Sprecher:
Reckin wirft die Holzstückchen in einen Häcksler. Die Workshopteilnehmer legen mit der
Häckselmasse eine Miete an, mischen sie mit Ton- und Urgesteinsmehl, schippen eine
schwarze Schicht Pflanzenkohle oben drauf und gießen sie mit einem Sud aus Brennnesseln
an. Aber es fehlt noch etwas:
OT Jürgen Reckin:
Wir müssen immer vom Blick der Mikroben aus schauen, das soll ja gefressen werden, das
kann im trockenen Zustand nicht in biochemische Zyklen eingeschleust werden, dazu ist es
zu trockene Kost, im wahrsten Sinne des Wortes. Noch mal ne Dusche gut, noch mal
durchmischen, bitte. So jetzt sehen wir auch, an welchen Komponenten es noch mangelt.
Mir ist das noch nicht schwarz genug, schwärzen wir noch ein bisschen was nach (lacht).
Sprecher:
Auf die richtige Mischung kommt es an, wenn man Schwarzerden herstellen will, ob im
Leipziger Gemeinschaftsgarten oder auf einem Weinberg im Wallis.
ATMO Gras rascheln
Sprecher:
Als erstes Land in Europa hat die Schweiz zertifizierte Pflanzenkohle in der Landwirtschaft
zugelassen. Mit der Qualitätskontrolle ist das Ithaka-Institut von Hans-Peter Schmidt
beauftragt. In seinem Weinberg kniet er auf dem Boden zwischen den Reben, wühlt im
dichten Gras. Links und rechts neben ihm ragen Holzlatten mit weißen, gelben, blauen und
schwarzen Markierungen aus den Rebzeilen. Die Farben kennzeichnen Varianten mit
verschiedenen Bodensubstraten:
OT Hans-Peter Schmidt:
Eigentlich geht es um den Vergleich zwischen einem Terra Preta-Substrat, das heißt ein
spezielles Wachstumssubstrat mit Pflanzenkohle auf Basis von Kompost und der Kohle pur.
Um das richtig zu vergleichen, braucht man halt vier Varianten, eine Kontrolle, wo nichts
gemacht wird, einmal die Kohle pur eingesetzt, einmal der Kompost ohne Kohle, und einmal
der Kompost, wo die Kohle von Anfang an mitkompostiert wurde.
Sprecher:
Versuche in freier Natur sind viel aufwändiger als in einem Labor. Weil sich hier alles stetig
verändert, muss mit vielen Wiederholungen gearbeitet werden. Nach den ersten Jahren kam
man im Ithaka-Institut zu dem Ergebnis, dass sich der Einsatz von Pflanzenkohle nur auf
wirklich schlechten, beispielsweise sandigen Böden rechnet. Anderenfalls ist die Kohle zu
teuer und die kurzfristigen Effekte, höhere Erntemengen zum Beispiel, sind nicht deutlich
genug. Hans-Peter Schmidt hält über die Ergebnisse seiner Forschungen Vorträge in aller
Welt. Auch beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung setzt man Hoffnungen auf den
Einsatz von Pflanzenkohle – englisch biochar – in der Landwirtschaft:
9
OT Hans-Peter Schmidt:
Das ist durchaus eine gute Möglichkeit, Kohlenstoff zu speichern, Erträge zu steigern. Es ist
einiges noch recht ungeklärt, zum Beispiel wie die Bodenmikroben auf diesen Zutrag von
Biochar reagieren würden. All solche Sachen müssten noch in kleineren Studien identifiziert
werden, aber an und für sich ist das ein guter Trend, der Möglichkeiten zum Klimaschutz
beinhaltet.
Sprecher:
Ute Scheub hat ausgerechnet, wie viel CO2 sie selbst durch ihren Lebensstil erzeugt, durch
Heizen beispielsweise, ihre Urlaubsflüge oder ihren Fleischkonsum. Dieselbe Menge des
Treibhausgases würde sie gerne in Form von Pflanzenkohle in den Boden bringen:
OT Ute Scheub:
ich schaffe es noch nicht, meinen ökologischen Fußabdruck gänzlich zu neutralisieren. Dazu
bräuchte ich mehr Raum, 100 Quadratmeter eigentlich.
OT Ute Scheub:
Wenn ich 100 Quadratmeter habe, da den Boden von 2 auf 10% Humus bringe, dann habe
ich den durchschnittlichen ökologischen Fußabdruck neutralisiert.
Sprecher:
Dieser Humusaufbau würde so viel Kohlenstoff im Boden speichern, dass die Menge acht
Tonnen CO2 entspräche, erklärt Ute Scheub in ihrem Buch: „Terra Preta – die schwarze
Revolution aus dem Regenwald“, das sie nach den Ideen von Hans Peter Schmidt und
einem Berliner Bodenkundler geschrieben hat. Darin erklärt sie, wie man mit Klimagärtnern –
kurz gesagt – die Welt retten kann:
OT Ute Scheub:
Das ist natürlich ein bisschen ironisch gemeint, natürlich kann man die Welt nicht durch das
kleine Komposthäufchen im eigenen Garten retten, da braucht es schon noch ein paar
andere Maßnahmen. Aber es ist eben ein Anfang und es macht Spaß – und das finde ich
einen ganz wichtigen Aspekt.
Sprecher:
Das Komposthäufchen im eigenen Garten reicht nicht aus um den Treibhauseffekt
auszubremsen. Aber eine intelligent veränderte Landwirtschaft, die die Belange des
Klimaschutzes weltweit an erste Stelle setzt, kann eine wesentliche Stellschraube gegen den
menschengemachten Klimawandel sein.
***
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