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Flötenzeit - Nikola Hotel

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Kostenlose Leseprobe aus:
Nikola Hotel
Flötenzeit
Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und
Bildern – auch auszugsweise – ist ohne schriftliche Zustimmung der Autorin urheberrechtswidrig und strafbar. Dies
gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder
die Verwendung in elektronischen Systemen.
© Nikola Hotel 2014
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August 1908
Mit andächtigem Schritt betrat Clemens das Palmenhaus.
Sein Blick schwenkte zur Kuppel, die baumhoch über ihm
aufragte. Blätter hatten sich unter dem Glasdach aufgefächert und beschatteten seine Füße. Die Luft roch nach
feuchter Erde und Gerbstoffen. Er befand sich in einem Skelett. Einem gusseisernen Skelett, das lediglich durch Glaswände zusammengehalten wurde.
Mit den Fingerspitzen berührte er die Rinde eines der
Gewächse. Der Stamm erinnerte ihn mit seinen Rillen und
Furchen an ein Waschbrett. Kein Ast zweigte von dem
schlanken Baumstamm ab, dafür bogen sich die Blätter wie
ein Pagodenschirm über ihn. Er betastete die borstige Blattstruktur und wunderte sich, wie rau und hart sie seine Finger
streiften.
»Das ist der Phoenix canariensis. Eine kanarische Dattelpalme«, erklärte eine Stimme hinter ihm. Ertappt zog Clemens die Hand zurück und wandte sich um. Ein Herr mit
glatt gekämmten grauen Haaren und einem Zwicker auf der
Nase studierte die Palme. Das Gesicht zeugte von Jahrzehnten in Wind und Wetter, die Augen von einem Strahlenkranz
umgeben.
»Entschuldigen Sie mein Eindringen –«, begann Clemens
und verlor sich, als der Alte an ihm vorbeiging. Mit der
Rechten deutete dieser auf den Stamm, den Clemens gerade
begutachtet hatte.
»Ist die häufigste Palmenart auf den Kanarischen Inseln.« Der Mann blieb stehen und fuhr sich nachdenklich
über das unebene Kinn.
»Ich muss sie 1881 gepflanzt haben, vielleicht war es auch
82, da dürfen Sie mich nicht festlegen.«
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»Sie haben diese Palme gepflanzt?« Clemens war überrascht.
»Natürlich.« Die Falten des Mannes vertieften sich. »Ich
habe auch dieses Gewächshaus geplant.« Er streckte ihm die
Hand hin. »Julius Bouché. Ich war lange Zeit Chefinspektor
des Botanischen Gartens.«
Clemens ergriff die ihm dargebotene
Hand. Ganz
entgegen seiner Erwartung hatte Bouché einen weichen
Händedruck.
»Sie haben auch das Handbuch über den Bau von Gewächshäusern verfasst«, sagte Clemens benommen, als
könne er es selbst nicht glauben, dass der brühmte Julius
Bouché nun leibhaftig vor ihm stand. »Es ist eine große
Ehre …«
»Sind Sie Botaniker?«, unterbrach ihn Bouché.
»Ich bin Student.«
»Unter Strasburger? Sie Glückspilz.«
Clemens drehte seine Mütze in den Händen.
»Nein, ich …« Er atmete hörbar ein. »Jurisprudenz. Ich
studiere leider nicht die Naturwissenschaften.«
»Ach du liebe Güte, Junge, warum sagen Sie das nicht
gleich? Wenn Sie nur spazieren gehen möchten, dann lassen
Sie sich von mir nicht stören. Ich komme jeden Tag hierher
und sehe nach den Pflanzen. Wenn man das so viele Jahre
getan hat, kann man es sich schwerlich wieder abgewöhnen.«
»Ich komme auch jeden Tag«, gestand Clemens. »Aber es
ist das erste Mal, dass ich es gewagt habe, das Gewächshaus
zu betreten. Es ist so ... imposant.«
Bouchés Blick hellte sich auf. »Wenn Sie möchten, führe
ich Sie.«
Clemens konnte sein Glück kaum fassen. Seit Wochen
schlich er um das Gewächshaus herum, stahl sich die Zeit für
den Botanischen Garten, die er eigentlich für seine Studien
aufwenden sollte. »Ich möchte Sie jedoch nicht von der
Arbeit abhalten«, fügte er in dem halbherzigen Versuch an,
seine eigene Begeisterung zu zähmen.
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»Genug der Höflichkeiten!«, winkte Bouché freudig ab.
»Gehen wir hier entlang!« Er zog den jungen Mann mit sich
und machte ihn auf ein Gewächs aufmerksam, das ihnen
beiden kaum bis zur Brust reichte. »Der Phoenix roebelinii,
eine zwergwüchsige Dattelpalme und unsere neueste Errungenschaft.« Liebevoll strich er über die Fiederblätter.
»O`Brian hat sie erst vor zehn Jahren entdeckt. Stellen Sie
sich vor, dass dieses Exemplar im letzten Jahr noch am Ufer
des Mekongs gewachsen ist. Genauer gesagt im Königreich
Laos. Ich wünschte, ich hätte bei dieser Forschungsreise
dabei sein können. Denken Sie an die Schwüle, die Monsunwinde, den Regenwald. Ja, wenn ich noch einmal so jung
wäre wie Sie –« Er führte den Satz nicht zu Ende, obwohl
Clemens darauf hoffte und ihm fasziniert gelauscht hatte.
Bouché genoss das Interesse seines Zuhörers und fütterte
Clemens’ Vorstellungskraft mit exotischen Pflanzennamen.
Er schwärmte von Mangroven- und Monsunwäldern, von
Farnen und Moosen. Auf ihrer Runde durch das Gewächshaus sog Clemens jede dieser Beschreibungen auf wie ein
Meerschwamm. Zu lange hatte er darauf gewartet, einem
Menschen zu begegnen, der seine Leidenschaft teilte.
»Kosten Sie diese Frucht«, forderte ihn Bouché auf und
hielt ihm eine gelbbraune, feuchtglänzende Beere hin. »Sie
ist getrocknet überaus süß. Nehmen Sie!«
Clemens hatte so etwas noch nie gesehen. Er fühlte über
die schrumpelige, wachsartige Haut, die ein wenig an seinen
Fingern klebte. Behutsam biss er eine Ecke ab. Sofort
breitete sich Honigsüße auf seiner Zunge aus. »Was ist
das?«, fragte er, bevor er erneut daran knabberte und dann
mit einem überraschten Gesichtsausdruck innehielt. Etwas
umständlich zog er den braunen Kern heraus, auf den er
gerade gebissen hatte.
Bouché kicherte. »Die Frucht der dactylifera – eine Dattel.
Sie kommt aus dem Orient zu uns und ist durch die
Trocknung fast unbegrenzt haltbar.« Er deutete zum Anfang
ihres Rundgangs. »Von ihrer kleinen Schwester, der kana-
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rischen Dattelpalme, schneidet man die Palmwedel ab. Aus
dem dort abgezapften Saft wird über Stunden ein köstlicher
Sirup eingekocht. Die Einheimischen nennen ihn ›el guarapo‹.
»El guarapo«, wiederholte Clemens fasziniert.
»Haben Sie ein Gewächshaus zu Hause, mein Freund?«
Bouché wartete Clemens’ Antwort nicht ab. »Nehmen Sie
ein paar Samen der dactylifera mit und beobachten Sie das
Wachstum – eine spannende Angelegenheit, sage ich
Ihnen.« Er ließ eine Handvoll Kerne in die geöffnete Hand
seines Bewunderers rieseln. Clemens’ Finger schlossen sich.
Er spürte die Spitzen, die in seine Handfläche bohrten, und
senkte die Lider. »Ich danke Ihnen.«
»Wenn Sie wüssten, wie viel Freude es mir macht, einem
jungen Mann eine Dattel zu geben, der noch nie etwas Ähnliches gekostet hat, Sie wären weniger verlegen.« Er klopfte
ihm auf die Schulter. Gemeinsam beschritten Sie den angrenzenden Garten.
»Kommen Sie mich wieder einmal besuchen?«, erkundigte Bouché sich später und Clemens gab ihm nur zu gerne
dieses Versprechen.
Kurz darauf verließ er den Botanischen Garten, denn er
sträubte sich, die Freundlichkeit des ehemaligen Garteninspektors noch länger in Anspruch zu nehmen. Auf dem Weg
nach Hause hielt er die Dattelkerne fest in der Hand. Erst in
seinem Zimmer öffnete er die verkrampften Fingerglieder
und legte die Kerne auf dem Schreibtisch ab, Stück für
Stück. Er nahm ein Blatt Papier zur Hand und zeichnete mit
dem Reißblei die Form nach. Zarte Linien markierten den
kleinen Spalt, der sich über die gesamte Länge hinzog. Die
Rillen, die sich durch die Trocknung gebildet haben mussten, schraffierte er mit wenigen Strichen. Dann schob er das
Blatt von sich, um es besser betrachten zu können. Mit dem
Ergebnis zufrieden griff er schließlich nach Feder und Tintenfass und notierte Palmae dactylifera, bevor er das Blatt in
der Schreibtischschublade verschwinden ließ, damit sein
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Vater es nicht finden würde. Ein Blick auf seine Taschenuhr
verriet ihm, dass bis zum Abendbrot nur eine halbe Stunde
verblieb. Er hatte sich noch nicht auf die morgige Vorlesung
vorbereitet. Deshalb wusch er sich ausgiebig die Hände in
der Waschschüssel und vertiefte sich in den Digesten, einer
Sammlung aus zahlreichen Werken römischer Rechtsgelehrter. Sein Vater würde es nicht versäumen, ihn nach
dem Fortschritt seiner Studien zu befragen und Clemens
würde ihm Rede und Antwort stehen müssen. Seufzend
schob er Feder und Tusche beiseite und blätterte durch den
Codex, der ihm schon nach den ersten zwei Sätzen ein
Gähnen entlockte. Eine Viertelstunde kämpfte er gegen den
Drang, das Buch einfach aus dem Fenster zu schleudern.
Schließlich gab er seiner Frustration nach und schloss das
Buch mit einem Knall.
Wie wohl das Innere eines Dattelkerns aussah? Er betrachtete die Samen und meinte, die Süße der Frucht noch
immer auf seiner Zunge schmecken zu können. Ob es möglich war, einen der Kerne zu öffnen? Mit einem sehr
scharfen Messer vielleicht?
Lautlos entriegelte er die Zimmertür und huschte über
den Flur, erleichtert, dass sowohl von Auguste als auch von
Hans nichts zu sehen war. Im Frühstückszimmer war der
Tisch bereits für den nächsten Morgen mit blütenweißem
Leinen bedeckt worden. Clemens zog ein altes Küchenmesser aus der Anrichte. Zwischen Daumen und Zeigefinger
fixierte er den Kern und setzte das Messer an, um ihn längs
in zwei Hälften zu teilen. Doch der Kern war hart und bot
kaum Angriffsfläche. Die Klinge rutschte ab und hinterließ
dabei einen unschönen Rostfleck auf der Tischdecke. Er versuchte ein zweites Mal, die Klinge anzusetzen, hörte dann
aber seinen Bruder nach ihm rufen. Zur Eile getrieben,
presste er die Klinge mit aller Kraft auf die schmale Kante.
In diesem Moment riss Hans die Tür auf. »Clemens?
Kann ich mir deine Flöte ausleihen?«
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»Auf keinen Fall«, antwortete sein Bruder, verärgert über
die Störung. Doch Hans hielt sich die Flöte bereits an die
Lippen und blies hinein, ohne eines der Grifflöcher zuzuhalten. Ein schiefer Ton schrillte heraus und ließ Clemens
zusammenfahren.
Die Klinge schnitt in seinen Zeigefinger.
Blut troff heraus und viel in dicken Tropfen auf die
Tischdecke. Clemens fluchte und steckte sich rasch den Finger in den Mund. Der Kern war vom Tisch gesprungen und
über das Parkett gerollt. Als Clemens ihn aufgehoben hatte
und wieder hochsah, bemerkte er, dass zwar der Roststreifen
zu sehen war, den er mit dem Messer verursacht hatte, das
Leinen sich ansonsten aber jungfräulich weiß zeigte.
Von seinem Blut war keine Spur zu sehen.
8
April 2014
Mein Kopf schmerzt höllisch. Nie, nie wieder werde ich spanischen Brandy trinken! Da fällt mir ein, dass man Schwüre
besser genau formulieren soll, und ich schränke mein Gelübde spontan ein: Nie, nie wieder werde ich spanischen Brandy
trinken, der älter ist als ich!
Meine Handtasche hängt über der Stuhllehne. Um sie zu
erreichen, muss ich aufstehen. Da in meinem Kopf aber gerade Gehirnzellen absterben, erscheint mir das unmöglich
und ich plumpse zurück aufs Bett. Ich weiß ohnehin, dass
sich kein Aspirin darin befindet. Was bedeutete, dass ich
nicht nur aufstehen, sondern auch noch das Haus verlassen
muss, um eine Apotheke aufzusuchen.
Der Geschmack auf meiner Zunge erinnert an den
feuchten Pelz eines Straßenköters. Der Geruch bleibt mir
Gott sei Dank erspart, dürfte aber ein ähnliches Kaliber
besitzen. Mit einem Schmerzenslaut sinke ich auf das Kissen
zurück und denke mit Schrecken an meine nächtliche Gesangseinlage. Wer auch immer da mit mir musiziert hat, wird
hoffentlich schweigen können wie ein Grab. Jedenfalls hoffe
ich, dass niemand – erst recht nicht Frau Oltmanns – etwas
davon mitbekommen hat.
Nach weiteren zehn Minuten tonlosen Gejammers raffe
ich mich auf und schleppe mich das Treppenhaus hoch ins
Badezimmer. Weshalb es im Erdgeschoss kein Bad gibt,
erschließt sich mir immer noch nicht. Wie kann man nur so
eine unsinnige Raumaufteilung planen? In dem grüngekachelten, hässlichen Gästeklo putze ich mir gründlich die
Zähne, den Blick in den Spiegel wohlweißlich vermeidend.
Nur langsam ebben die Kopfschmerzen auf ein erträgliches
Maß ab. Nachdem ich mehrere Gläser Wasser getrunken
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habe, fühle ich mich sogar halbwegs menschlich. Jetzt allerdings einkaufen zu gehen, kann mich gar nicht begeistern.
Hoffentlich sind wenigstens noch ein paar Oreo-Kekse
übrig! Ich krame in meiner Tasche – erfolglos. Anscheinend
habe ich meine ganzen Vorräte schon im Flieger verdrückt.
Der verschrumpelte Apfel, den ich stattdessen hervorziehe,
ist nur ein kleiner Trost. Und bevor man in der winzigen
Küche etwas zu essen zubereiten kann, muss man sie erst
einmal gründlich schrubben. Ich werfe einen prüfenden
Blick in die Spüle.
Desinfizieren wäre wohl noch besser.
Immerhin finde ich ein halbwegs sauberes Küchenmesser
und setzte mich damit ins Speisezimmer. Eine alte Zeitung
muss als Unterlage herhalten, als ich beginne, den Apfel zu
schälen. Seitdem ich vor Jahren »Schlaflos in Seattle« gesehen habe, verfüge ich über einen unerklärlichen Ehrgeiz, die
Schale genau wie Meg Ryan in einer einzigen, langen Spirale
abzuschälen. Doch schon nach der ersten Runde tropft Blut
auf das Zeitungspapier und sickert sofort ein. Auch die Schalenschlange färbt sich rot. Überrascht lasse ich das Messer
fallen. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich mich geschnitten
habe. Mein Daumen ist jedoch blutverschmiert. Verflixt,
schimpfe ich, stecke den Finger in den Mund und sauge.
Ich schmecke Eisen auf meiner Zunge, spüre aber keinen
Schmerz. Bei meinem Glück werde ich mir durch dieses blöde Messer noch eine Blutvergiftung holen. In dem fahlen
Licht, das durch das gegenüberliegende Fenster hereinfällt,
betrachte ich meinen Daumen von allen Seiten, kann aber
keine Wunde entdecken. Seltsam.
Für heute habe ich mir aber vorgenommen, ein ganz
anderes Rätsel zu lösen. Das des verschlossenen Zimmers
nämlich. Ich will Frau Oltmanns fragen, ob sie in irgendeiner Schublade oder Schachtel vielleicht noch Schlüssel
gehortet hat.
Als ich die Treppe nach oben stapfe, wandert das letzte
Apfelviertel in meinen Mund. Auf halbem Weg schallt be-
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reits der Ton des Fernsehers durch den Flur. Da aber gerade
Werbepause ist, ist Frau Oltmanns geistig nicht so abwesend
wie gestern und hört mein Klopfen diesmal sofort.
»Entschuldigen Sie die Störung«, fange ich an.
»Komm herein, Liebes«, antwortet sie gut gelaunt. Über
Nacht ist sie zum Du übergegangen. »Es ist gerade so spannend.«
Mein fragender Blick, bringt sie dazu, einen ganzen
Wortschwall auf mich niederprasseln zu lassen. »Stell dir
vor: Patrick ist auf Hafturlaub. Eben stand die Emily vor
ihm. Ich dachte, mich trifft der Schlag! Sie war so schockiert,
sie hat kein Wort rausgebracht. Die beiden müssen unbedingt zusammenkommen. Ich drücke ganz fest die Daumen.«
»Gute Zeiten, schlechte Zeiten?«, schieße ich ins Blaue.
Frau Oltmanns nickt. »Und dieser fiese Gerner! Wenn
ich den in die Finger bekäme!« Sie ringt die Hände. »Das ist
so ein widerlicher Kerl!«
Da stimme ich ihr zu. Bösewichte in Seifenopern sind
besonders fies. Trotzdem kommen sie immer mit einem
blauen Auge davon, es sei denn, die Serie wird bald abgesetzt.
»Sieht Ihr Enkel diese Serie auch immer?«, wage ich
einen Vorstoß.
»Mein Enkel? Liebchen, ich habe nicht einmal Kinder.
Wie kommst du denn darauf, dass ich Enkel hätte?«
»Haben Sie gestern denn keinen Besuch bekommen? Ich
dachte, ich hätte jemanden gehört«, sage ich lahm. Ihr von
meinem Verdacht zu erzählen, dass dieser Besuch auch noch
kurzfristig mein Handy entwendet und damit Fotos gemacht
hat, traue ich mich nicht.
»Wer soll mich denn schon besuchen kommen? Seitdem
meine Schwester Anneliese nicht mehr ist, bin ich auch
immer daheim. Vor die Tür komme ich kaum noch.«
»Und Ihre Schwester? Hatte sie denn Kinder?«
Sie schüttelte den Kopf. »Wir waren die ledigen Olt-
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manns-Schwestern. Früher haben wir den Männern den
Kopf verdreht.« Sie kichert und ihre Zähne rutschen ein
Stück tiefer. »Aber heiraten, das ging nicht. Waren ja nach
dem Krieg kaum noch welche frei. Und die, die nicht
vergeben waren, die waren angekitscht.« Sie tippt sich mit
dem Finger an die Stirn.
»Dann sind sie ganz alleine?«
»Allein. Was heiß schon allein?« Sie dreht sich ruckartig
zum Fernseher um. »Es geht weiter. Gab es denn was
Bestimmtes, Liebchen?«
Ich winke ab. »Ich wollte sie nur fragen, ob sie noch
irgendwo Schlüssel aufbewahren. Eines der Schlafzimmer im
ersten Stock ist abgeschlossen.«
»Wenn unten in der Kommode keiner ist, der passt, dann
… weiß ich auch nicht«, sagt sie und wendet sich wieder
Patrick und Emily zu. Ich bedankte mich und biete ihr noch
an, dass ich gerne etwas für sie besorgen kann, wenn ich das
nächste Mal einkaufen gehe. Aber sie hört mir schon nicht
mehr zu.
Im Erdgeschoss inspiziere ich den Inhalt besagter Kommode. Insgesamt finde ich acht verschiedene Schlüssel, von
denen aber nur zwei auf eine Zimmertür passen können. Ich
probiere beide aus, ohne Erfolg. Ratlos greife ich nach meinem Handy und wähle Felis Nummer.
»Ich brauche deine Hilfe«, sage ich zur Einleitung.
»Muss das sofort sein?« Ihre Stimme klingt hektisch.
»Unser Requisitenfahrer ist ausgefallen und ich darf den
ganzen Krempel jetzt noch zum Studio kutschieren.«
»Nur ganz kurz«, bitte ich. »Ein Zimmer mit unbekanntem Inhalt, eine abgeschlossene alte Tür und eine neugierige
Frau davor. Was soll ich tun?«
Ihre Antwort kommt prompt und ohne groß nachzudenken. »Nimm eine Brechstange.«
»Feli, die Tür ist alt. Richtig alt! Das Schloss ist total
schön. So schön, dass die Requisite sich darum reißen würde.«
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»Hast Du keine Haarnadel?«
»Sehr witzig.«
»Wie wär’s mit einem Schlüsseldienst?«
»Ist mir ehrlich gesagt zu teuer.«
»Okay, dann entferne die neugierige Frau und das
Problem ist gelöst.« Ich hörte Feli am anderen Ende der
Leitung kichern. »Ich weiß schon, du suchst nach einer realistischen Lösung. Hast du schon daran gedacht, die Tür am
Scharnier auszuhebeln?«
»Du bist ein Genie! Ich danke Dir!« Erleichtert lege ich
auf. Die Tür aushebeln – dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin. Aber womit? In der Schlüsselkommode habe
ich unter anderem auch mehrere Schraubenzieher entdeckt.
Ob man damit die Tür anheben kann? Ich suche den Größten heraus, flitze die Stufen wieder nach oben und setze das
Ende des Schraubenziehers unterhalb des Metallbands an.
Doch mit aller Brachialgewalt kann ich die Tür nur einen
winzigen Millimeter anheben. Sie stößt sofort gegen den
oberen Rand der Zarge. Frustriert lasse ich den Schlüssel
fallen und luge durch das Schlüsselloch.
Vollkommene Schwärze.
Irgendwann musste doch mal ein Lichtstrahl in dieses
Zimmer fallen. Von außen habe ich gesehen, dass die
Klappläden des Fensters einen spaltweit offen stehen. Weshalb ist es dann so dunkel? Es sieht fast so aus, als ob ein
Gegenstand das Schlüsselloch verstopfen würde. Kann es
denn sein, dass der Schlüssel etwa von innen steckt?
Ich laufe ins Arbeitszimmer und reiße aus einem der
Aktenordner wahllos ein vergilbtes Blatt heraus. Das schiebe
ich durch die Türritze und schicke ein Stoßgebet zum Himmel. Mit dem Schraubenzieher stochere ich im Schlüsselloch
herum. Tatsächlich – da ist ein Widerstand, der nachgibt,
wenn ich den Druck erhöhe. Mit einem Klirren fällt etwas
zu Boden. Langsam, ganz langsam ziehe ich das Blatt Papier
zu mir und fühle mich dabei wie Kalle Blomquist auf der Jagd
nach einem Verbrecher. Kurz bevor ich das Blatt ganz
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herausziehen kann, rutscht der Gegenstand herunter und ich
muss mit dem Schraubenzieher danach hangeln. Wenige Sekunden später halte ich einen Schlüssel in der Hand.
•
Ohne das leiseste Geräusch schwingt die Tür auf und stößt
krachend gegen einen Stapel Holzstühle. Der Lichtschalter
klackt beim Umdrehen, aber das Zimmer bleibt im Dunkeln.
Ich muss mich regelrecht durchkämpfen, um die Fensterläden zu erreichen. Im Tageslicht fällt mir als Erstes auf, dass
von der Decke nur eine leere Fassung herunterbaumelt,
danach erschlägt mich der Anblick des Gerümpels. Zwar erkenne ich noch Bett und Schrank, die an ihrem Ursprungsort zu stehen scheinen, aber ansonsten ist der ganze Raum
mit alten Möbeln verstopft. Da ist jemand definitiv zu faul
gewesen, die Sachen auf den Speicher zu räumen.
Oder auf den Sperrmüll.
Denn sonderlich schön sind sie nicht, eher Siebzigerjahre
Sperrholzdesign. Dabei ist dies das Zimmer mit der schönsten Aussicht. Ich beuge mich über eine rotlackierte Kommode, auf der Zeitungen gestapelt sind, und werfe einen
Blick nach draußen. Beinahe derselbe Ausblick wie aus dem
Wohnzimmer im Erdgeschoss – nur in Kopfhöhe mit den
ausladenden Kastanien, die jetzt im April bereits mit dicken
Knospen übersät sind. Man kann sogar bis zum Eingang des
Botanischen Gartens sehen, was mich daran erinnert, dass
ich den gerne noch besichtigen möchte, bevor ich zurück
nach Berlin fahre.
Von diesem geheimnisvollen Zimmer habe ich mir aber
wirklich mehr versprochen. Mich verlässt die Lust, den
Raum näher in Augenschein zu nehmen, denn es sieht nach
verdammt viel Arbeit aus. Aber gerade, als ich durch die
Türöffnung treten will, fällt mein Blick auf ein Foto, das
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schief an der Wand hängt. Die Leimung des Rahmens hat
sich gelöst und das Bild ist hinter dem Glas nach unten
gerutscht. Mich fasziniert der Anblick der drei Köpfe, die
noch zu sehen sind.
Ich nehme den Rahmen von der Wand und ziehe das Foto
vorsichtig heraus. Es ist eine alte Daguerreotypie, ein nachkoloriertes Bild auf dickem Karton. Am unteren Rand steht
der Name eines Foto-Ateliers. Auf dem Bild wird eine junge
Frau im altmodischen Kostüm von zwei Männern flankiert.
Der Rechte ist so groß wie sie und trägt eine Uniform. Der
Linke überragt sie um einen halben Kopf. Alle drei lächeln
in die Kamera. Es ist der Große links im Bild, der meine
Aufmerksamkeit erregt. Gekleidet ist er in einem groben
Arbeitsanzug, in der rechten Hand hält er ein Klappmesser.
Das Ungewöhnliche an dieser Fotografie ist das Spontane.
Früher hat man sich für ein Foto doch extra herausgeputzt
und steht dann steif neben einem Pult oder sitzt im Salon
vor dem Kamin. Das hier ist ein Arrangement, das ich für
meine Arbeit am Set nie zusammenstellen würde. Durch die
Einfärbung kann man die Flecken auf den Hemdsärmel
deutlich erkennen.
Der Fotograf hatte die Augen des Mannes kräftig blau
koloriert – und an irgendjemanden erinnern mich diese
Augen.
Ich drehe die Fotografie um und entdecke auf der
Rückseite eine Widmung:
Liebster Clemens,
damit Du uns in Spanien vor lauter Pflanzen nicht vergisst.
In Liebe Auguste, 1913
PS Lass die Finger von den Señoritas! d.O.
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Ich muss lächeln. Das klingt so herzlich, dass meine Neugierde sogleich geweckt ist. Ob die drei Freunde waren?
Geschwister? Und wer ist Clemens? Etwa der Mann mit den
blauen Augen? Und was hat es mit den Pflanzen auf sich?
Aber bevor ich eingehender darüber nachdenken kann,
klingelt mein Handy.
»Hast du die Tür aufgekriegt?« Es ist Feli.
»Habe ich. Stell dir vor: Der Schlüssel steckte von innen!
Wie geht so was denn?«
»Keine Ahnung.« Sie schnauft heftig, als verrichte sie
gerade eine anstrengende Arbeit. »Und? Was ist in dem
Zimmer? Irgendwelche Schätze? Juwelen?«
»Nur altes Gerümpel. Stühle, Schränke, stapelweise
Bücher und Zeitschriften. Sag mal, was machst du da eigentlich?«
»Ich schiebe Kartons hin und her. Für den SchokoladenSpot.«
»Ich dachte, damit seid ihr schon durch?«
»Es wurde ein Drehtag drangehängt. Das geht bestimmt
bis heute Nacht so weiter. Jetzt machen sie gerade Mittagspause.«
»Schon so spät?«
»Nach eins. Was dachtest du denn?«
»Oje, dabei habe ich noch gar nichts geschafft. Eigentlich
wollte ich gleich heute früh in eine Buchhandlung fahren,
um mich mal über die Stadt zu informieren. Aber ständig
fällt mir hier etwas in die Hände und dann träume ich vor
mich hin, anstatt aufzuräumen.«
»Hast du denn diese Frau Oltmanns angesprochen? Wegen deinem Handy, meine ich? Du wolltest sie doch fragen,
ob ihr Besuch zufällig mit deinem Smartphone Fotos gemacht hat.«
»Wollte ich. Aber wie es aussieht, hat Frau Oltmanns gar
keine Verwandten mehr.«
»Das heißt, du kannst sie abmurksen und im Garten verbuddeln, ohne dass es auffällt?«
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»Du spinnst.« Ich schüttele lachend den Kopf. »Sie ist
irgendwie niedlich. Guckt den ganzen Tag Fernsehen,
wackelt mit ihrem Gebiss …«
»Kennt sie denn den Typen, der auf dem Foto zu sehen
ist?«, unterbricht Feli mich. »Hat sie ihn schon mal gesehen?«
Ich halte inne.
»Hallo?«, fragt Feli. »Julia? Bist du noch dran?«
Ich räuspere mich. »Ja, ich bin noch da. Ich hab ganz
vergessen, ihr das Foto zu zeigen. Außerdem wollte ich sie
nicht beunruhigen. Ich …«
Plötzlich wird mir heiß und kalt. »Feli, warte mal kurz!«
Ich nehme das Telefon vom Ohr und starre das Display an.
Mit zitternden Fingern berühre ich den Touchscreen und
durchsuche die Fotodateien. Ich habe es nicht gelöscht. Ich
habe das Bild lediglich in eine andere Datei verschoben, aber
nicht gelöscht.
Aus dem Handy quäkt Felis Stimme.
»Moment!« Ich tippte auf den Bildschirm, bis das Bild
angezeigt wird, das zwar auf meiner Karte gespeichert ist,
welches ich aber nicht selbst geknipst habe. Langsam lasse
ich das Handy sinken und vergleiche es mit der Daguerreotypie in meiner Hand. Meine Augen gehen hin und her.
Das Foto.
Das Handy.
Der Mann mit den blauen Augen.
Es ist unverkennbar derselbe Mann. Vielleicht ist er auf
meinem Handy ein paar Jahre jünger, aber er ist trotzdem
derselbe.
Ich bin völlig außer Atem. »Feli?«
»Was hast du denn? Du klingst so komisch.«
Als ich ihr endlich antworten kann, fühlt sich meine Kehle
furchtbar trocken an. »Das glaubst du mir nie.«
Ende der Leseprobe
17
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