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BID.op.ed Energiepolitik 2014: Energieeffizienz - Polisphere

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BID.OP.ED
DAS DEBATTENFORUM DES ////////////
BERLINER INFORMATIONSDIENSTES
Energieeffizienz
ENERGIEPOLITIK
AUSGABE 2014
DEBATTENBEITRÄGE
ENERGIEEFFIZIENZ
DAS DEBATTENFORUM „BID.OP.ED“
ENERGIEEFFIZIENZ
Zeitungslesern ist das „op ed“ als der
Freiraum („opposite the editorial page“)
für Meinungsartikel bekannt, die nicht
aus der Feder der Redaktion stammen.
Mit dem BID.op.ed wollen auch wir unseren Lesern die Gelegenheit geben, Ihren
Standpunkt im Debattenforum des Berliner Informationsdienstes zur Diskussion
zu stellen. Halbjährlich wechselnd werden wir zentrale politische Fragestellungen aufgreifen und Positionen aus Politik,
Verbänden und Wirtschaft zusammenführen. Zentrales Anliegen des moderierten Debattenforums ist der Austausch
von Ideen zwischen Menschen, die den
politischen Prozess mitgestalten und die
Diskussion mit ihrer Sachkenntnis begleiten wollen. Um mit den Beiträgen eine
interessierte Öffentlichkeit zu erreichen,
werden die veröffentlichten Debattenbeiträge halbjährlich zu einem Reader
aufbereitet und den politischen Entscheidern in Bundestag und Verwaltung sowie
weiteren politischen Organisationen und
einem interessierten Fachpublikum zugesandt. Auf diese Weise kann sich die
Fach-Community kompakt über den aktuellen Stand der Diskussion sowie die
politischen Ziele und Standpunkte der
Akteure informieren.
„Die Erhöhung der Energieeffizienz ist
eine Schlüsselfrage für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare
Energieversorgung in Deutschland.“ Zu
diesem Fazit kommt die Bundesregierung in ihrem Energiekonzept vom 28.
September 2010. Im Koalitionsvertrag
benennt die Bundesregierung zahlreiche
Maßnahmen, um die festgelegten Effizienzziele – bei Primärenergie 20 Prozent
bis 2020 und 50 Prozent bis 2050 – zu erreichen. Zudem verpflichtet die EU-Energieeffizienzrichtlinie zur Reduzierung des
EU-Primärenergieverbrauchs. Sollten die
europäischen Ziele durch die Aufstellung
Nationaler Energieeffizienz-Aktionspläne
nicht erreicht werden, hat die Kommission die Möglichkeit ein weiteres Legislativverfahren zur Festlegung verbindlicher
nationaler Zielen festzulegen.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
Liebe Leser,
mit unserem Debattenforum BID.op.ed laden wir alle am politischen Entscheidungsprozess Beteiligten ein, ihre Position zu erläutern – bevor Themen wie die Energieeffizienz auf der öffentlichen Agenda stehen. Ergänzt um Hintergrundinformationen
zum rechtlichen Rahmen, veröffentlichte Studien und weitere Details bildet dieser
Reader eine umfangreiche Informationsbasis, wenn die politische Diskussion ein
breiteres Publikum erreicht.
Die Diskussionen, die das BID.op.ed aufgreift, sind selbstverständlich nur ein kleiner
Ausschnitt des täglichen politischen Diskurses. Den komplexen politischen Entscheidungsprozess haben wir mit dem Politikmonitoring des Berliner Informationsdienstes, das in Kooperation mit dem Verlag Der Tagesspiegel erscheint, im Blick. Mit
unserem Informationsservice reduzieren wir die tägliche Informationsflut auf das
Elementare: den politischen Prozess. Damit bieten wir ein intelligentes Monitoring
für Politikberatungen, Unternehmen, Verbände, NGOs sowie politische Entscheidungsträger in den Themenfeldern Energie-, Gesundheits- und Netzpolitik.
Unsere Leser erhalten neben aktuellen Hintergrundinformationen einen Überblick über relevante Entscheidungen von Bundestag, Bundesrat und Regierung.
Gleichzeitig halten wir sie über die Positionen der politischen Akteure und direkten
Stakeholder im jeweiligen Politikfeld auf dem Laufenden. Wöchentlich liefern wir
detaillierte Informationen über parlamentarische Initiativen, den Stand aktueller
Gesetzgebungsprozesse und einen Ausblick auf alle Politikfeld-relevanten Termine.
Nachdem das Thema „Energieeffizienz“ lange ignoriert wurde, drängt nun die Zeit für
Entscheidungen, um die gesteckten Klimaziele zu erreichen. Im Nationalen Aktionsplan
Energieeffizienz werden die nächsten Schritte festgelegt, die Positionen mit denen die
relevanten Stakeholder in die politische Debatte gehen, finden sie im BID.op.ed.
Zur Diskussion eingeladen haben wir Akteure, die den politischen Prozess mit ihrer Sachkenntnis begleiten und mitgestalten. Nun möchten wir Sie einladen, sich
mit dem „BID.op.ed“-Reader einen Überblick über den Stand der Diskussion zu verschaffen und die nächste Debatte mit eigenen Beiträgen zu bereichern.
Wir wünschen Ihnen eine informative Lektüre!
Dr. Sandra Busch-Janser
Chefin vom Dienst
3
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
Inhalt
6
Energiepolitik zur Energieeffizienz
Moritz Hunger, Redakteur Energiepolitik
9
Energieeffizienz als elementarer Bestandteil der Energiewende
Thomas Bareiß MdB, Koordinator für Energiepolitik der CDU/CSUBundestagsfraktion
10
Drei unausgesprochene Bedingungen für eine erfolgreiche
Effizienz-Politik
Nina Scheer MdB, Sprecherin für Energieeffizienz der
SPD-Bundestagsfraktion
12
Chancen der Energieeffizienzpolitik nicht verspielen
Dr. Julia Verlinden MdB, energiepolitische Sprecherin der
Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen
14
Ökologische Modernisierung auch für kleine Geldbeutel
Eva Bulling-Schröter MdB, Energie- und Klimapolitische Sprecherin der
Bundestagsfraktion Die Linke
16
Nur noch wenige Wochen für Aktionsplan Energieeffizienz
Alexandra Langenheld, Projektleiterin bei Agora Energiewende
18
Deutschland braucht endlich eine umfassende
Energieeffizienzstrategie
Tobias Vincenz Krug, deutsche Klima- und Energiepolitik beim World
Wide Fund For Nature-Deutschland
4
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
20
Energieeffizienz: Energiesicherheit braucht mehr als einen leeren
Konsens!
Christian Noll, Mitgründer und geschäftsführender Vorstand der Deutschen
Unternehmensinitiative Energieeffizienz e.V. (DENEFF)
21
Die Energieeffizienz muss ins Rampenlicht!
Dr.Carola Kantz, Geschäftsführerin des Forums Energie im Verband
Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA)
23
Die Energiewende wird im Gebäude entschieden
Karl-Heinz Stawiarski, Geschäftsführer des Bundesverbands Wärmepumpe
(BWP)
25
Energieeffiziente Gebäude als gemeinsames Ziel von Industrie und
Politik
Günther Mertz, Geschäftsführer der TGA-Repräsentanz Berlin GbR
27
29
5
Die Energieeffizienz: vom Stiefkind zum Musterschüler der
Energiewende!?
Markus Rosenthal,Geschäftsführer von nuances public affairs
Isabel Hoffmann, Advisor bei nuances public affairs
Energieberatung: Listenzwang statt attraktives Konzept
Dipl.-Ing. Werner Eicke-Hennig, Leiter „Hessische Energiespar-Aktion“
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
EINFÜHRUNG
Energiepolitik
zur Energieeffizienz
Moritz Hunger, Redakteur
Energiepolitik
Ausgangspunkt: Die Energieeffizienzziele der Bundesregierung
„Die Erhöhung der Energieeffizienz ist
eine Schlüsselfrage für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung in Deutschland.“
Zu diesem Fazit kommt die Bundesregierung in ihrem Energiekonzept „Eckpunkte Energieeffizienz“ vom 28. September 2010.
Moritz Hunger ist Redakteur beim
Berliner Informationsdienst im Bereich
Energiepolitik. Nach einem internationalen
Studium und ersten Berufserfahrungen bei
der Deutschen Botschaft in Washington D.C.,
der EU-Delegation in Namibia, der Agentur
Brunswick und in der Pressestelle des Think
Tanks Population Europe schreibt er seit
2013 für die Redaktion.
Die Bundesregierung hat sich damals
zum Ziel gesetzt, bis 2020 den Primärenergieverbrauch gegenüber 2008 um
20 Prozent und bis 2050 um 50 Prozent
zu verringern. Der Stromverbrauch soll
bis 2020 gegenüber 2008 in einer Größenordnung von 10 Prozent und bis
2050 von 25 Prozent vermindert werden. Bis 2050 soll der Gebäudebestand
in Deutschland nahezu klimaneutral
sein. Der Wärmbedarf soll bis 2020 um
20 Prozent reduziert werden. Um diese
Ziele zu erreichen, muss die Energieproduktivität jährlich um durchschnittlich 2,1 Prozent bezogen auf den Endenergieverbrauch steigen.
Koalitionsvertrag von CDU/CSU
und SPD
Im Koalitionsvertrag zwischen CDU/
CSU und SPD wurde im Herbst 2013
ein „sektorübergreifender“ Ansatz festgeschrieben, der Gebäude, Industrie,
Gewerbe und Haushalte umfasst und
dabei Strom, Wärme und Kälte glei-
6
chermaßen in den Blick nimmt. Ausgehend von einer „technisch-wirtschaftlichen Potenzialanalyse“ sollen Märkte
für Energieeffizienz entwickelt und dabei alle Akteure eingebunden werden.
Finanziert werden soll dieser Ansatz
zum einen durch eine Umschichtung im
Bundeshaushalt und zum anderen sollen Mittel aus dem Energie- und Klimafonds (EKF) herangezogen werden – für
anspruchsvolle Effizienzmaßnahmen in
der Wirtschaft, durch Handwerk und
Mittelstand, Kommunen und Haushalte.
In einem „Nationalen Aktionsplan
Energieeffizienz“ will die Koalition die
Ziele für die verschiedenen Bereiche,
die Instrumente, die Finanzierung und
die Verantwortung der einzelnen Akteure zusammenfassen. Der Plan soll
in einem jährlichen Monitoring von einer unabhängigen Expertenkommission überprüft werden. Der Aktionsplan
wird voraussichtlich am 3. Dezember
im Bundeskabinett beschlossen.
Konkrete Maßnahmen aus dem Koalitionsvertrag:
•
Das KfW-Programm zur energetischen Gebäudesanierung soll aufgestockt, verstetigt und deutlich
vereinfacht werden.
•
Die Programme sollen so gestaltet
sein, dass durch Beratung Fehlinvestitionen verhindert werden.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
•
•
•
•
•
•
Die EU-Energieeffizienz-Richtlinie
wird sachgerecht umgesetzt.
Zur Förderung sinnvoller und kosteneffizienter Maßnahmen soll
der Schwerpunkt auf eine fachlich
fundierte und unabhängige Energieberatung gelegt und gefördert
werden, die insbesondere über die
Effizienz von Heizungsanlagen und
möglichen Maßnahmen zur Effizienzverbesserung gezielt informiert.
Die kostenlose Energieberatung
für Haushalte mit niedrigen Einkommen soll ausgebaut werden.
Investitionen in energiesparende
Haushaltgeräte werden erleichtert.
Auf europäischer Ebene will sich
die Koalition mit Nachdruck für
dynamische und anspruchsvollere Standards für energierelevante
Produkte im Rahmen der ÖkoDesign-Richtlinie (Verankerung des
Top-Runner-Prinzips) einsetzen.
Die Kennzeichnung von Produkten
(z. B. Haushaltsgeräten) entsprechend ihrer Energieeffizienz soll
für die Kunden aussagekräftig gestaltet werden.
Das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz wird auf der Grundlage des
Erfahrungsberichtes und in Umsetzung von europäischem Recht
fortentwickelt sowie mit den Bestimmungen der Energieeinsparverordnung (EnEV) abgeglichen.
EU-Energieeffizienzrichtlinie
Ergänzend zu den nationalen Effizienzzielen verpflichtet seit Dezember 2012
auch die europäische Energieeffizienzrichtlinie (2012/27/EU) die Mitglieds-
7
länder der Europäischen Union zum
Energiesparen. Die EU hat sich mit der
Richtlinie eine Reduzierung des EU-Primärenergieverbrauchs um 20 Prozent
bis 2020 zum Ziel gesetzt. Inhaltlich
wurden weitere sektorübergreifende
Regelungen zur Steigerung der Energieeffizienz auf europäischer Ebene
beschlossen, die Deadline für die Umsetzung in nationales Recht war der 5.
Juni 2014. Am 31. Juli 2014 wurde vom
BMWi ein Diskussionsentwurf veröffentlicht, mit dem die Forderungen, die
in der EED enthalten sind, in nationales Recht umgesetzt werden sollen. Es
wurden unter anderem die Anforderungen von Artikel 8 der EED (Energieaudits) aufgenommen sowie weitere
Bestimmungen und Fristen angepasst
und aktualisiert.
Einspar-Monitoring durchgeführt.
Bis Ende des Jahres soll außerdem eine
Sicherstellung ausgearbeitet werden,
dass Energie-Abrechnungsinformationen auf Grundlage des tatsächlichen
Verbrauchs basieren (Artikel 10 EED)
und dass Potenzial für den Einsatz der
hocheffizienten KWK und der effizienten Fernwärme- und Fernkälteversorgung (Artikel 14 EED) bewertet werden.
Stand der Effizienzmaßnahmen
Nun steht die Bewertung der eingereichten Maßnahmen durch die
EU-Kommission an, die bereits zum 30.
Juni 2014 dem Europäischen Parlament
und dem Rat hätten vorgelegt werden
sollen. Neben Deutschland haben allerdings 20 weitere Staaten die EED nicht
umgesetzt, so dass am 22. Juli ein Vertragsverletzungsverfahren gegen diese
Mitgliedsländer eingeleitet wurde.
Im dritten Nationalen Energieeffizienz-Aktionsplan (3. NEEAP) vom 30. April 2014 heißt es, Deutschland verfügte
bereits vor Verabschiedung der EED
über ein umfassendes Instrumentarium zur Erhöhung der Energieeffizienz
und gehört zu den wenigen Industrieländern, die bereits heute eine sichtbare Entkopplung des Energieverbrauchs
vom Wirtschaftswachstum erreicht haben. Diese positive Entwicklung soll in
Zukunft noch verstärkt werden. Denn
die Erhöhung der Energieeffizienz und
die damit einhergehende Energieeinsparung sei eine tragende Säule der
Energiewende in Deutschland, heißt es
weiter.
Eine der zentralen Maßnahmen der
EU-Richtlinie ist die Verpflichtung im
Zeitraum von 2014 bis 2020 jährlich 1,5
Prozent der an Endkunden abgesetzten
Energie einzusparen. Die Richtlinie lässt
es zu, dass laufende und konkret geplante künftige politische Maßnahmen
des Bundes und der Länder auf diese
Verpflichtung angerechnet werden können, wenn sie zu nachweisbaren Endenergieeinsparungen führen. Um auch
die wichtigsten potenziell anrechenbaren Einsparmaßnahmen in den Ländern
zu quantifizieren, wird in Zusammenarbeit mit den Ländern ein sogenanntes
Der NEEAP muss gemäß EED das indikative nationale Energieeffizienzziel für
2020 enthalten. In einem Schreiben
im Oktober 2010 hat die Bundesregierung für Deutschland eine jährliche
Steigerung der gesamtwirtschaftlichen
Energieproduktivität von 2,1 Prozent
errechnet. Dies wird im 3. NEEAP bestätigt. Unter der Annahme einer jährlichen Steigerung des BIP von 1,1 Prozent ergibt sich hieraus demnach eine
Verminderung des energetischen Anteils des Primärenergieverbrauchs von
314,3 Mio. Tonnen Rohöläquivalent
(Mtoe) im Jahr 2008 auf 276,6 Mtoe im
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
Jahr 2020. Für den Primärenergieverbrauch strebt die Bundesregierung an,
bis 2020 eine Energieeinsparung um 20
Prozent und bis 2050 um 50 Prozent gegenüber 2008 zu erreichen.
Allerdings fordern die Autoren des
zweiten Monitoring-Berichts der Bundesregierung „Energie der Zukunft“
vom April 2014 für das Berichtsjahr
2012, dass die Senkung des Energieverbrauchs durch mehr Energieeffizienz als
zentraler Bestandteil der Energiewende mehr Gewicht erhalten soll. Um die
von der Bundesregierung angestrebten
CO2-Ziele zu erreichen, müsste konventionelle Energie über alle Bereiche
hinweg zu 67 Prozent durch Energieeffizienz und zu 33 Prozent durch Erneuerbare Energie ersetzt werden.
Der Energiebedarf für Wärme könnte
dabei nach Meinung der Experten den
größten Einzelbetrag leisten, allerdings
gebe es hier bisher wenig Bewegung.
Beispielsweise basieren von etwa einer
halben Million Heizungserneuerungen
jährlich über 90 Prozent hauptsächlich
auf fossilen Brennstoffen, wodurch die
Wärmebereitstellung der entsprechenden Gebäude bis zum Jahr 2030 und
gegebenenfalls darüber hinaus weitgehend festgelegt wird.
Da es nach Ansicht der Experten gleich
ist, ob konventionell erzeugter Strom
durch Energieeffizienz eingespart oder
durch Erneuerbare Energien erzeugt
wird, empfiehlt die Stellungnahme in
„Übereinstimmung mit internationalen
Standards“ den ener­getischen Beitrag
der erneuerbaren Energien voll der Primärenergie zuzurechnen.
8
Bei Effizienzmaßnahmen sollte der Gebäudebereich prioritär angegangen
werden, deshalb wird eine baldige Entscheidung über die zielkonforme Ausgestaltung von finanziellen Fördermaßnahmen für die Gebäudesanierung ebenso
angemahnt wie eine weitere Verschärfung der Energieeinsparverordnung
(EnEV) – sowohl für Neubauten als auch
für den Gebäudebestand. Dagegen hatte
sich in der schwarz-gelben Bundesregierung insbesondere die FDP gestellt.
Einsparpotentiale
Die Studie Politikszenarien VI des Umweltbundesamtes zeigt, dass der Endenergieverbrauch in Deutschland unter
den gegenwärtigen Rahmenbedingungen von 9.180 Petajoule in 2008 um
neun Prozent auf 8.343 Petajoule in
2030 sinken könnte. Mit zusätzlichen
Anstrengungen könnte der Endenergieverbrauch sogar um 22 Prozent auf
7.188 Petajoule sinken.
Der weltweite Energieverbrauch könnte laut einer Studie der Internationalen
Energieagentur (IEA) durch verbesserte
Energieeffizienz von Gebäuden, Verkehr
und industriellen Verfahren bis 2050 um
17 bis 33 Prozent verringert werden.
Gebäude
Von den insgesamt 39 Mio. Wohnungen
in Deutschland sind circa 80 Prozent vor
1984 errichtet, bis heute weitgehend
unsaniert und noch mit einer alten
Anlagetechnik ausgestattet. Deshalb
könnten energetische Gebäudesanierungen zum Teil bis zu 80 Prozent des
Energiebedarfs einsparen. Nach Expertenmeinung könnten Gebäudedaten,
Förderprogramme, ordnungsrechtliche
Rahmenbedingungen und Beratungsangebote dieses Potential aktivieren.
Verkehr
Einsparpotentiale beim Verkehr können zum einen durch die richtige Verkehrsmittelwahl, aber auch durch neue
Technologien und eine optimierte Infrastruktur gewonnen werden. Fahrzeuge mit geringem Kraftstoffverbrauch,
der Umstieg auf energieeffiziente Verkehrsmittel oder verstärkter Ausbau
von Elektromobilität und öffentlichem
Nahverkehr sind Faktoren, die zu hier
berücksichtigen wären.
Industrie
Effizienzsteigerung im Bereich Industrie
basiert auf der Anpassung von industriellen Prozessen und deren Optimierung,
vor allem durch neue Technologien. Bei
Dampfkraftwerken kann beispielsweise
anfallende Wärme als Abwärme durch
Kraft-Wärme-Kopplungstechnologie
weiterverwendet werden. Verbesserte
Kessel und Brenner können bei höheren Temperaturen arbeiten und gleichzeitig weniger Brennstoff verbrauchen.
Dadurch sind sie auch bei Schadstoffemissionen effizienter.
(Stand Oktober 2014)
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
POLITIK
Energieeffizienz als elementarer
Bestandteil der Energiewende
Thomas Bareiß MdB, Koordinator
für Energiepolitik der CDU/CSUBundestagsfraktion
Die Energiewende ist ein umfassender
Wandel unseres Energiesystems, das
uns mit Strom oder Wärme versorgt.
Ziel dieses Projektes ist es, mehr Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern durch Innovation und Optimierung des Bestehenden zu erreichen.
Damit ist Deutschland als Industrienation weltweit Vorreiter.
Im Fokus der öffentlichen Debatte steht seit Jahren der Strommarkt
– und im Zusammenhang damit die
Themen Förderung und Ausbau der
erneuerbaren Energien, insbesondere Windkraft und Solarenergie. Das
Thema Energieeffizienz hat oft nur
eine geringe Bedeutung, sowohl in
der öffentlichen als auch politischen
Wahrnehmung. Trotzdem haben wir
in Deutschland bereits viel erreicht
auf dem Feld der Energieeffizienz.
Wir nehmen hier weltweit eine Vorreiterposition ein: Die deutsche Energieproduktivität ist seit 1990 um rund
40 Prozent gestiegen. Während das
Bruttoinlandsprodukt seit 1990 um
30 Prozent gewachsen ist, ist der Primärenergieverbrauch in Deutschland
um 6,8 Prozent und der Endenergieverbrauch um 5 Prozent gesunken.
Dies ist sonst in kaum einem anderen
Industrieland der Fall. Das wurde insbesondere durch den Neu- und Umbau von Kraftwerken sowie durch das
Erschließen von Einsparpotenzialen
in Wirtschaftsbereichen und privaten
Haushalten erreicht.
9
Der Erfolg zeigt, dass es richtig ist, Energieeffizienz anzureizen und nicht durch
Ordnungsrecht zu erzwingen. Anreize
ermöglichen, dass Potentiale sinnvoll
und klug ausgeschöpft werden. Ordnungsrecht hingegen schafft oft Attentismus und Fehlanreize, die am Ende
genau das Gegenteil bewirken.
Deshalb wollen wir mit Anreizen die
Energieeffizienz weiter vorantreiben.
Gerade im Gebäudebereich schlummert ein enormes Potential, denn
40 Prozent der gesamten Endenergie
wird in Gebäuden verbraucht. Wir
haben wichtige Schritte gemacht, um
den positiven Trend auch im Gebäudebereich weiter fortzusetzen. So haben wir das CO2-Gebäudesanierungsprogramm ausgeweitet und mit dem
Mietrechtsänderungsgesetz energetische Sanierungen von Mietgebäuden
erleichtert. Darüber hinaus fördern
wir mit dem Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) den
Einsatz von erneuerbaren Wärmetechnologien.
Bedauerlicherweise
wurde die steuerliche Förderung von
energetische
Gebäudesanierungen
von den Bundesländern im Bundesrat
abgelehnt. Es wäre richtig, dieses Instrument noch einmal aufzugreifen.
Während der laufenden Legislaturperiode werden wir all diese Maßnahmen im Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz bündeln und bei Bedarf
Instrumente weiterentwickeln. Dabei
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
sollen die Ziele, die Instrumente, die
Finanzierung und die Verantwortung
der einzelnen Akteure zusammengefasst werden.
Weiterhin benötigen wir mehr Transparenz über Fördermaßnahmen und
Regelungen im Bereich der Energieeffizienz. Daher ist die Zusammenführung der Energieeinsparverordnung
(EnEV) und des EEWärmeG zu einem
Instrument dringend erforderlich.
Denn der Verbraucher muss wissen,
wie er sein Energieeffizienzpotential
heben kann und wie er dabei gefördert wird.
Energieeffizienz ist nicht nur ein
deutsches Thema; weltweit steigen die Umweltbelastungen und
Energiepreise. Das macht deutsche
Energieeffizienz-Technologien
zum
Exportschlager. Mit verlässlichen
Rahmenbedingungen in Deutschland
können entsprechende Technologien
entwickelt werden. Das schafft erhebliche Marktchancen für deutsche Unternehmen in der Welt und hilft auch,
unsere ehrgeizigen Ziele zu erreichen.
Thomas Bareiß MdB ist seit 2010 Koordinator
für Energiepolitik der CDU/CSUBundestagsfraktion. Seit 2005 sitzt er für den
Landkreis Sigmaringen im Bundestag.
(veröffentlicht am 19. Mai 2014)
POLITIK
Drei unausgesprochene Bedingungen für
eine erfolgreiche Effizienz-Politik
Nina Scheer MdB, Sprecherin für
Energieeffizienz der SPD-Fraktion
10
An sich müsste ein Beitrag zur Energieeffizienz auf die hohen Potentiale der
Energieeffizienz hinweisen, die geringen
Kosten, mit denen diese erschlossen
werden können, und die enormen Vorteile für Wirtschaft und Gesellschaft betonen, die eine verstärkte Nutzung der
Energieeffizienz mit sich bringen wird.
Dabei kann eine Fülle an Studien zitiert
werden, die teilweise Jahrzehnte zurückliegen, etwa Untersuchungen des Wuppertal Instituts aus den 90er Jahren des
letzten Jahrhunderts, oder aktuell Studien z.B. von der European Climate Foundation (ECF) und Agora Energiewende.
Ein schaler Beigeschmack entsteht aber
mit Blick auf die dann einzugestehende
und zunehmende Diskrepanz zwischen
dem Bekenntnis zur Energieeffizienz ei-
nerseits und ausbleibenden bzw. unzureichenden Effizienzmaßnahmen andererseits.
Diese Umsetzungs-Diskrepanz erklärt
sich teilweise daraus, dass einige zentrale Bedingungen für eine erfolgreiche Effizienz-Politik unausgesprochen bleiben
und nicht in den Mittelpunkt der Debatte vordringen. Dies dürfte auch daran
liegen, dass gewisse Maßnahmen unpopulär oder politisch unbequem sind.
Im Kern handelt es sich dabei um folgende Bedingungen und Grundsatzfragen:
•
Neue, zusätzliche Finanzierungsquellen müssen für Effizienz-Investitionen erschlossen werden
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
Auch wenn die Steigerung der Energieeffizienz in der Gesamtbetrachtung positive
volkswirtschaftliche Effekte hat, gilt es zusätzliche Finanzierungsquellen zu erschließen und zusätzliche Anreize zu schaffen,
damit die (in der Regel) zusätzlichen, kapitalintensiven Investitionen zur Erschließung von Effizienz-Potentialen getätigt
werden. Zwar werden durch die Verbesserung der Energieeffizienz Kosten für die
Energiebeschaffung und -bereitstellung
eingespart. Doch die wirtschaftlichen Vorteile einer höheren Energieeffizienz kommen z.T. erst über eine längere Laufzeit
zum Tragen.
•
Auch mit einer ambitionierten Effizienz-Politik sind steigende Energiepreise nicht auszuschließen
Mit einer Verbesserung der Energieeffizienz können zwar stärkere Kostensteigerungen bei den Endkunden gedämpft werden.
Damit Maßnahmen einer Effizienz-Politik
auch in der Endwirkung den angestrebten
Erfolg aufweisen, wird man aber sowohl
direkte als auch indirekte Rebound-Effekte
verhindern müssen. Ökonomisch hergeleitet bedeutet dies, dass die jeweiligen
Energiepreise um den Prozentsatz steigen
müssen, um den sich die Energieeffizienz
erhöht. Dies setzt kurz- und mittelfristigen Preissenkungen enge Grenzen – auch
wenn insgesamt die letztendgültige Kostenbelastung beim Endkunden nicht größer sein muss. In Zeiten, in den neben einer
Effizienz-Politik auch eine Technologiepolitik bei Erneuerbaren Energien (EE) erfolgt,
bei der Erneuerbare Energien noch teurer
als konventionelle Erzeugungstechnologien sind, ergänzen sich Effizienz- und EE-Politik somit. Sobald Erneuerbare Energien
aber kostengünstiger als konventionelle
Erzeugungsarten werden, wird dies eine
Auseinandersetzung über die neue Rolle
und Bedeutung von „Schadstoff-Steuern“
erfordern. Möglicherweise wird hieraus
11
aber auch ein neuer Blick auf die Bedeutung von Energieeffizienz im Kontext der
Energiewende entstehen.
•
Der Staat wird eine aktive, gestaltende Rolle bei der Effizienzpolitik einnehmen müssen
Aus den beiden oben genannten Punkten
ergibt sich ganz klar, dass bei einer erfolgreichen Effizienz-Politik der Staat die Rahmenbedingungen aktiv (um-)gestalten muss.
Rein auf mögliche freiwillige Vereinbarungen bzw. Versprechen der Wirtschaft oder
nur auf die Aufklärung der Wirtschaftsakteure und Bürger zu setzen, wird weder die
notwendigen Effizienzsteigerungen erbringen noch Refinanzierungsprobleme lösen.
Es bedarf verlässlicher Mechanismen zur
Refinanzierung von Effizienz-Investitionen. Die Debatte sollte dabei auf folgende
Grundsatzfragen eingehen:
•
Bedient man sich des Ordnungsrechts
oder monetärer Anreize?
•
Schafft man monetäre Anreize über
eine Regulierung der Menge oder des
Preises?
•
Erfolgen die monetären Anreize aus
öffentlichen Haushalten oder haushaltsunabhängig?
Eine erfolgreiche Effizienz-Politik verlangt,
auch unpopuläre Bedingungen unter
Einbeziehung aller betroffenen Entscheidungsträger in den Mittelpunkt der Debatte zu stellen um dann die daraus folgenden
Konsequenzen zu ziehen. Sollte dies nicht
gelingen, wird auch in dieser Legislaturperiode die Energieeffizienz weiterhin „die
vergessene Säule der Energiepolitik“ bleiben.
(veröffentlicht am 02. Juni 2014)
Dr. Nina Scheer MdB ist ordentliches
Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft
und Energie, stellvertretendes Mitglied im
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit sowie Ansprechpartnerin für
Erneuerbare Energien und Umweltwirtschaft
der SPD-Bundestagsfraktion.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
POLITIK
Chancen der Energieeffizienzpolitik
nicht verspielen
Dr. Julia Verlinden MdB,
energiepolitische Sprecherin der
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Zwei Drittel der energiebedingten
CO2-Emissionsreduktionen
müssen
durch Effizienzmaßnahmen bei Strom,
Wärme und Kraftstoffen eingespart
werden, während die Erneuerbaren
Energien das letzte Drittel erbringen. So
war es in der Stellungnahme der Expertenkommission der Bundesregierung
zum Energiewende-Monitoring-Prozess
„Energie der Zukunft“ vom April 2014
zu lesen. Deshalb kann nur die Verbindung von Energieeinsparung, Energieeffizienz und Erneuerbaren Energien die zentralen Herausforderungen
bewältigen, die sich in den Bereichen
Klimawandel,
Ressourcenschonung,
Energiesicherheit und Wettbewerbsfähigkeit stellen.
Diese Erkenntnisse sind eigentlich nicht
neu. Es ist höchste Zeit, Konsequenzen
zu ziehen. Die Europäische Union hat sich
bereits 2008 das Ziel gesetzt, ihren Primärenergieverbrauch im Vergleich zum
Trend für das Jahr 2020 um 20 Prozent zu
verringern. Mit der EU-Energieeffizienzrichtlinie von 2012 bekräftigte die EU dieses Ziel und stellte gleichzeitig fest, dass
weitere Anstrengungen nötig sind. Bis
zum 5. Juni 2014 hatten die Mitgliedstaaten Zeit, diese europäische Richtlinie für
die Verbesserung der Energieeffizienz in
nationales Recht umzusetzen. Während
die EU den Zieleinlauf für das Energiesparwettrennen bereits geschlossen hat,
ist Deutschland noch nicht einmal losgelaufen: Die Bundesregierung hat bis heute kein entsprechendes Gesetz vorgelegt.
12
Für Deutschland ergibt sich aus der
EU-Vorgabe ein Reduktionsziel für den
Endenergieverbrauch von rund 570
Terawattstunden (TWh) pro Jahr. Diese Menge entspricht in etwa der Hälfte des jährlichen Wärmeverbrauchs in
Deutschland. Weil die Bundesregierung
entschieden hat, den Verkehrsbereich
auszuklammern, muss sie also bei der
Raum- und Prozesswärme sowie beim
Stromverbrauch kräftige Spar-Anreize
setzen. Bisher hat die Bundesregierung aber nur Maßnahmen zur Einsparung von rund 130 TWh benannt.
Wie die Bundesregierung die restliche
Energieeinsparmenge erreichen will,
ist noch völlig unklar. Das ist skandalös
und steht im krassen Gegensatz zum
Bekenntnis aus dem Koalitionsvertrag,
Effizienz zur zweiten Säule der Energiewende machen zu wollen.
Die Bundesregierung brüstet sich gerne
damit, dass Deutschland Effizienz-Weltmeister sei. Doch diesen Titel kann
Deutschland nur verteidigen, wenn die
Regierung jetzt nicht die Füße hochlegt.
Mit ihrer Untätigkeit bei der Energieeffizienz vergibt die Regierung nicht nur
eine wichtige Chance für mehr Klimaschutz, sondern auch für nachhaltige
Innovations- und Konjunkturimpulse in
Handwerk, Mittelstand und Industrie.
Obendrein riskiert die deutsche Regierung ein Vertragsverletzungsverfahren
aus Brüssel wegen Untätigkeit beim
Energiesparen. Dabei ist Energieeffizienz nicht nur ein Klimaschutzinstru-
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
ment und trägt zur Versorgungssicherheit bei, sondern bietet auch sehr gute
Chancen, ein wahrer Jobmotor zu werden. Laut Berechnungen des Deutschen
Instituts für Wirtschaftsforschung können in Deutschland durch neue weitergehende Effizienzmaßnahmen bis 2020
zusätzlich 150.000 neue Jobs geschaffen werden. Zudem würden zusätzlich
45 Mio. t CO2 vermieden und 10,2 Mrd.
Euro Energiekosten eingespart.
Die Grüne Bundestagsfraktion hat
deshalb einen eigenen Antrag in den
Bundestag eingebracht, der ein entsprechendes Gesetz mit verbindlichen
Einsparzielen und Maßnahmen fordert.
Für ein Gelingen der Energieeffizienzpolitik braucht es:
•
•
13
•
einen zentralen Akteur: Wir wollen die Bundesstelle für Energieeffizienz zum zentralen Akteur der
Energieeffizienzpolitik machen. Sie
soll über ihre bisherigen Aufgaben hinaus auch Förderprogramme weiterentwickeln und sowohl
die fachliche Ausgestaltung des
Energiesparfonds als auch die Organisation wettbewerblicher Ausschreibungen für Energieeffizienzdienstleistungen übernehmen.
die Fortsetzung erfolgreicher Programme: Dabei sollen bestehende
Instrumente (z.B. Energieeinsparverordnung, Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz,
Energieberatung)
beibehalten und weiterentwickelt
werden. Darüber hinaus brauchen
wir aber zusätzlichen Einsparmaßnahmen, welche über wettbewerbliche Ausschreibungen erfolgen können.
Für uns ist klar: Bei der Umsetzung der
EU-Energieeffizienz-Richtlinie
müssen soziale Rahmenbedingungen berücksichtigt und insbesondere finanzschwache Haushalte dabei unterstützt
werden, durch Einsparungen ihre
Energiekosten zu senken. Denn: Jeder
Haushalt kann Energie sparen. Die
Energieeffizienzpotenziale sind enorm.
Zugleich sind die technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten vorhanden:
das Know-how beim Handwerk, bei
Energiedienstleistern sowie qualitativ
hochwertige Produkte der Energieeffizienz-Industrie steht zur Verfügung.
Doch die Erfahrung zeigt, dass die Politik den richtigen Rahmen setzen muss,
damit Energiesparen erleichtert wird.
ausreichende Finanzierung: In unserem Antrag fordern wir den Grünen Energiesparfonds in Höhe von
drei Milliarden Euro und zusätzlich
die Aufstockung des KfW-CO2-Gebäudesanierungsprogramms, qualifizierte Energieberatungen und
die steuerliche Förderung der
energetischen Gebäude-Modernisierung. Wir wollen weitergehend
prüfen, wie wir über diese Programme hinaus eine haushaltsunabhängige Finanzierung für die
zusätzlichen Energiesparmaßnahmen erreichen können.
Es bedarf also einer ambitionierten
Energieeffizienzgesetzgebung mit einem Mix aus Energiesparstandards
für Geräte und Gebäude, finanziellen
Anreizen, marktwirtschaftlichen Instrumenten sowie qualifizierter Beratung
und Information. Ein neues Energieeffizienzgesetz muss eine koordinierende
Funktion gegenüber den zahlreichen,
aber kaum vernetzten Einzelvorschriften zur Senkung des Energieverbrauchs
einnehmen, eine klare Zielbestimmung
für Energiewirtschaft und Energieverbraucherinnen und -verbraucher
vornehmen und eine regelmäßige
Berichtspflicht der Bunderegierung gegenüber dem Parlament enthalten.
(veröffentlicht am 23. Juni 2014)
Dr. Julia Verlinden MdB ist energiepolitische
Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/
Die Grünen im Deutschen Bundestag.
Von November 2006 bis Oktober 2013
war sie als Wissenschaftliche Angestellte
am Umweltbundesamt in Dessau
beschäftigt, zunächst zum Schwerpunkt
Ressourcenschonung, ab Anfang 2013 leitete sie
das Fachgebiet „Energieeffizienz“. Zu diesem
Thema hat sie von 2008 bis 2012 parallel zum
Beruf ihre Doktorarbeit an der Universität
Lüneburg geschrieben.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
POLITIK
Ökologische Modernisierung auch
für kleine Geldbeutel
Eva Bulling-Schröter MdB, energieund klimapolitische Sprecherin der
Bundestagsfraktion Die Linke
Eine aufrichtig gemeinte Energiewende
muss neben der Stromwende endlich
auch einen Schwerpunkt auf die Energieeffizienz legen. In diesem Bereich
liegt ein verlorenes Jahrzehnt hinter
uns. Dabei ist eine zentrale Bedingung
für eine vollständige Umstellung auf erneuerbare Energien gerade die effiziente und sparsame Nutzung von Energie.
Diese Frage darf man nicht allein dem
Marktgeschehen überlassen, denn die
Vergangenheit hat gezeigt: profitable
Möglichkeiten zur Energieeinsparung
werden nicht automatisch erschlossen,
die Politik muss lenkend eingreifen. Wir
brauchen einen Mix aus strikten Grenzwerten, gezielter Förderung und Abbau
alter Privilegien für Energiefresser. Allein bis zum Jahr 2020 könnten dadurch
mehrere hunderttausend neue Arbeitsplätze entstehen.
Im Bereich der Gebäudesanierung
muss ein bis zum Jahr 2050 reichendes nationales Programm mit allen
beteiligten gesellschaftlichen Akteuren
entwickelt und aufgelegt werden, das
anspruchsvolle, stufenweise zu erreichende Klassen für den energetischen
Zustand von Gebäuden enthält. Die
Frist zur Vorlage eines Sanierungsfahrplans der EU-Richtlinie 2012/27/EU ist
bereits am 30. April 2014 verstrichen,
ohne dass die Bundesregierung eine
solche Gesamtstrategie vorgelegt hätte. Um den Altbaubestand bis Mitte
dieses Jahrhunderts nahezu vollständig
energetisch zu sanieren, muss sich die
14
Sanierungsrate von derzeit 1,1 Prozent
pro Jahr baldmöglichst auf mindestens
zwei Prozent pro Jahr verdoppeln. Die
Förderprogramme für die energetische Gebäudesanierung sind nicht nur
deutlich zu erhöhen, sondern vor allem
dauerhaft zu gestalten. Die Rolle der
Energieberater sollte deutlich gestärkt
werden. Ohne staatliche Förderung
wird es nicht gehen. Denn die Umlage
der Sanierungskosten liegt in vielen Fällen höher als die Einsparungen bei den
Betriebskosten. Ohne Förderprogramme und klare gesetzliche Vorgaben im
Mietrecht wären deutlich höhere Mieten und soziale Verdrängungsprozesse
die Folge. Die energetische Gebäudesanierung darf nicht als Waffe gegen unerwünschte Mieter eingesetzt werden.
Die soziale Problematik muss auch über
Wohnen in öffentlicher Hand abgefedert werden. Daher muss der gemeinwohlorientierte
Wohnungsbestand
deutlich zunehmen und dabei strengen
ökologischen Vorgaben folgen.
Im Bereich Energieeinsparung könnte Teil eines solchen Effizienz-Planes
sein: Unternehmen müssen verbindliche gesetzliche Vorgaben zur Minimierung des Energieverbrauchs erhalten.
Energieversorger werden verpflichtet,
jährliche Energieeinsparungen von 1,5
Prozent bei ihren Kundinnen und Kunden zu erzielen. Nicht nur im Osten
Deutschlands steht eine Sanierungswelle für Heizungen an. Eine Abwrackprämie für Altgeräte unterstützt den
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
Einbau effizienter Neugeräte. Für Elektrogeräte wird künftig alle drei Jahre
das energie- und ressourcensparendste
Gerät als gesetzlicher Mindeststandard
festgeschrieben
(„Top-Runner“-Programm). Ein Energiesparfonds unterstützt private Haushalte, Unternehmen
und Kommunen beim Energiesparen.
Ausgestattet mit jährlich 2,5 Milliarden
Euro sähe dieser Fonds auch spezielle
Förderprogramme für einkommensschwache Haushalte vor.
Dabei muss beachtet werden, dass die
Steigerung der Energieeffizienz alleine
allerdings nicht automatisch zu einem
geringeren Energieverbrauch führt.
Denn die Einsparwirkung vieler Effizienzmaßnahmen wird oftmals durch
eine intensivere oder Mehrnutzung
des jeweiligen Produkts teilweise oder
ganz aufgezehrt. Beleuchtung, Elektrogeräte oder Fahrzeuge werden immer energiesparender, ihre Anzahl und
Nutzungsdauer aber nimmt zu. Oder
aber das eingesparte Geld bei der Energiekostenrechnung wird für den Kauf
neuer Güter und Dienstleistungen ausgegeben – für deren Produktion und
Nutzung wiederum Energie verbraucht
15
wird. Um diesen sogenannten Rebound-Effekten zu begegnen, müssen
neben der Steigerung der Energieeffizienz auch feste Verbrauchsobergrenzen
(„caps“) festgelegt werden. In einem
ersten Schritt hieße dies: ein klares Ziel
zur Senkung des absoluten Energieverbrauchs auf europäischer und nationaler Ebene, statt „nur“ die Steigerung
der Energieproduktivität in den Blick zu
nehmen.
Für DIE LINKE ist die Energiewende
und die Energieeffizienz aber auch im
Zusammenhang mit einer Wohlstandsdebatte zu sehen. Denn neben neuer
Technik, Investitionen und Grenzwerten sollten wir auch über einen Wandel
der Lebensstile nachdenken. Zwar kann
jeder Einzelne durch einen sparsamen
ökologischen Lebensstil dazu beitragen, aber die politischen Rahmenbedingungen sollten stimmen: Mehr soziale Sicherheit, mehr Zeitwohlstand
würde ein Leben mit mehr individuellen Freiräumen, aber weniger Konsumund Erwerbsdruck ermöglichen.
(veröffentlicht am 19. Mai 2014)
Eva Bulling-Schröter MdB ist Energieund Klimapolitische Sprecherin der
Bundestagsfraktion Die Linke. Mitglied im
Ausschuss für Wirtschaft und Energie und
im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau
und Reaktorsicherheit. Sie war von 1994
bis 2002 und ist seit 2005 Mitglied des
Bundestages, von 2009 bis 2013 Vorsitzende
des Umweltausschusses. Sie ist seit 1990
Mitglied in der PDS, jetzt Die Linke, und
Landessprecherin Die Linke Bayern. Sie ist
Abgeordnete des Wahlkreises Ingolstadt.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
THINK THANK / NGO
Nur noch wenige Wochen für Aktionsplan
Energieeffizienz
Alexandra Langenheld,
Projektleiterin bei Agora
Energiewende
Agora Energiewende zeigt auf, in welchem Umfang mehr Ehrgeiz beim
Energiesparen die Gesamtkosten des
Stromsystems senken kann / Mit der
Umsetzung der EU-Effizienzrichtlinie
sowie dem Energieeffizienz-Aktionsplan steigt erneut der Handlungsdruck
Die Frage nach den Kosten beherrscht
die öffentliche Debatte um die Energiewende. Dabei wird bisher vernachlässigt, dass mehr Energieeffizienz die
Energiewende deutlich günstiger machen kann. Obwohl 2014 sowohl die
Umsetzung der Europäischen Energieeffizienzrichtlinie in nationales Recht ansteht als auch im Koalitionsvertrag der
Nationale Energieeffizienz-Aktionsplan
angekündigt wurde, steht beides bisher
nicht auf der politischen Tagesordnung.
Die Energieeffizienz zu steigern, lohnt
sich auf gleich drei Ebenen:
•
für die Volkswirtschaft insgesamt,
•
aus betriebswirtschaftlicher Perspektive der Unternehmen und
nicht zuletzt
•
aus der Perspektive von Privathaushalten.
Die volkswirtschaftliche Ebene: Je weniger Strom verbraucht wird, desto weniger Gas und Kohle müssen importiert
werden. Zudem steigert Energieeffizienz die inländische Wertschöpfung und
Beschäftigung.
16
Dieselbe Menge an Produkten oder
Dienstleistungen mit weniger Energie
bereitzustellen – das senkt die Energiekosten pro Verbraucher. Zugleich sinken
die Kosten für das Gesamtsystem, denn
in einem schlanken, auf höchste Effizienz
ausgelegten System muss weniger Geld
in Erzeugungs-, Netz-, Speicher- und Reservekapazitäten investiert werden.
Hier setzt eine Studie der Prognos AG
und des Instituts für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft der RWTH
Aachen an, die im Auftrag von Agora
Energiewende, der European Climate
Foundation und dem Regulatory Assistance Project erstellt wurde. Als erste Untersuchung ihrer Art beziffert sie,
in welcher Größenordnung der finanzielle Wert des Stromsparens für den
Stromsektor insgesamt liegt.
Konkret zeigt die Studie, wie durch
Energieeffizienz die Kosten der Stromerzeugung gesenkt werden können
– sowohl durch geringere Investitionen
in fossile und erneuerbare Kraftwerke
als auch durch geringere Ausgaben für
Brennstoffe und für den Netzausbau.
Die zentralen Ergebnisse lauten:
•
Wenn der Stromverbrauch in den
nächsten 20 Jahren um 10 bis 35
Prozent gegenüber heute reduziert wird, senkt das Deutschlands
Stromrechnung um jährlich steigende Milliardenbeträge. Im Jahr 2035
wären Einsparungen zwischen 10
und 20 Milliarden Euro möglich.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
•
Energieeffizienz zahlt sich von Jahr
zu Jahr stärker aus. Demnach könnten im Jahr 2050 sogar zwischen 15
und 28 Milliarden Euro eingespart
werden. Zudem könnte der Netzausbau im Übertragungsnetz bis
2050 um mehr als die Hälfte von
etwa 8.500 Kilometer auf etwa
4.000 Kilometer reduziert werden.
•
Mehr Energieeffizienz bedeutet
mehr Klimaschutz und größere
Unabhängigkeit von Energieimporten: Im Jahr 2020 könnten die
CO2-Emissionen um neun Millionen Tonnen reduziert werden,
wenn der Stromverbrauch entsprechend dem Energiekonzept-Ziel um
zehn Prozent sinkt. Die Importabhängigkeit verringert sich nachhaltig. Deutschland kann im Jahr 2020
Kosten für Kohle- und Gasimporte
von 1,2 Milliarden Euro sparen.
Bisher fehlen jedoch konkrete Maßnahmen, um den Stromverbrauch im Jahr
2020 um zehn Prozent und im Jahr 2050
um 25 Prozent gegenüber 2008 zu senken. Diese Zielmarken sieht das Energiekonzept vor. Der Handlungsdruck
steigt nun erneut, denn es steht die
Umsetzung der EU-Effizienzrichtlinie bis
Juni 2014 an. Die Studie ist also auch
ein Plädoyer dafür, der Energieeffizienz
eine prominente Rolle einzuräumen.
Große, volkswirtschaftlich hoch rentable Effizienzpotenziale werden bislang
nicht systematisch genutzt, obwohl
bereits heute marktreife Effizienztechnologien bereitstehen. Viele Energiedienstleistungsmodelle rechnen sich für
Unternehmen und Privatleute nicht, zumindest nicht in der aus Sicht der Kapitalmärkte entscheidenden Kurzfristperspektive. Der Grund: Geschäftsmodelle,
die auf mehr Energieeffizienz setzen,
17
sind meist mit hohen Anfangsinvestitionen und langen Amortisationszeiten
verbunden. Zudem setzt die Kleinteiligkeit vieler Effizienzmaßnahmen voraus,
dass sich zahlreiche (private) Akteure
gleichzeitig bewegen. Die EU-Effizienzrichtlinie bietet neue Impulse, hierfür
ein Anreizsystem zu etablieren und einen Markt zu schaffen, der diese Dienstleistungen besonders effizient erbringt.
Ein Kernstück der Effizienzrichtlinie
ist dabei Artikel 7, in dessen Rahmen
Energielieferanten oder -verteiler
verpflichtet werden sollen, jährlich
Energie in Höhe von 1,5 Prozent ihres
Energieabsatzes einzusparen. Artikel 7
eröffnet zudem die Möglichkeit, eine
äquivalente Einsparung auf anderen
energiepolitischen Wegen zu erzielen.
Entscheidend dabei ist, die Nachfrage
nach Energieeffizienz klar zu organisieren und die Marktkräfte für Energieeffizienz-Dienstleistungen zu aktivieren.
Hierfür brauchen wir ein Effizienzgesetz, zum Beispiel im Rahmen eines
Klimaschutzgesetzes. Zu einer wirkungsvollen Ausgestaltung zählen neben verbindlichen, dem Energiekonzept entsprechenden Einsparzielen,
die passgenaue Einordnung des bereits
vorhandenen, umfangreichen Effizienz-Instrumentariums sowie dessen
Ergänzung durch neue Maßnahmen.
Handlungs- und Finanzierungsoptionen hierfür liegen bereits vor. Es steht
nun dringend an, einen konkreten
Umsetzungsvorschlag für Artikel 7 auf
den Tisch zu legen sowie geeignete
Geschäftsmodelle für Energieeffizienzdienstleistungen zu erarbeiten.
Die Bundesregierung steht 2014 vor
der Aufgabe, für die Energieeffizienz
wesentliche Entscheidungen zu treffen
und Maßnahmen auf den Weg zu brin-
gen. Auf der Tagesordnung stehen die
sachgerechte Umsetzung der EU-Effizienzrichtlinie und ein ambitionierter
Energieeffizienz-Aktionsplan. Doch wie
eine wirkungsvolle Ausgestaltung aussieht und welche Anreize und Rahmensetzungen erfolgversprechend sind –
das sind Fragen, die dringend diskutiert
und beantwortet werden müssen, damit Volkswirtschaft, Unternehmen und
Haushalte profitieren. Seit Anfang des
Jahres läuft die Zeit, denn die Umsetzungsfrist der Richtlinie endet im Juni!
(veröffentlicht am 6. Mai 2014)
Alexandra Langenheld ist Projektleiterin
bei Agora Energiewende und verantwortet
die Arbeiten zu den Themenbereichen
Energieeffizienz und Lastmanagement.
Gegründet von der Mercator Stiftung und
der European Climate Foundation, möchte
Agora Energiewende zusammen mit anderen
Akteuren aus Politik, Zivilgesellschaft,
Wirtschaft und Wissenschaft ein gemeinsames
Problemverständnis entwickeln, die
Handlungsoptionen verstehen und politische
Alternativen bei der Umsetzung der
Energiewende in Deutschland diskutieren.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
THINK THANK / NGO
Deutschland braucht endlich eine
umfassende Energieeffizienzstrategie
Tobias Vincenz Krug, deutsche
Klima- und Energiepolitik beim
World Wildlife Fund (WWF)
Deutschland
Mit dem „Energiekonzept“[1] der Bundesregierung von 2010 und dem beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie von 2011 verfügt Deutschland
erstmals über langfristige und ambitionierte energie- und klimapolitische Ziele.
In allen Sektoren müssen nun strategische Ausrichtungen vorgenommen
werden. Besonders dringlich sind die Reparatur des europäischen Emissionshandelssystems und die Novellierung des
Erneuerbare-Energien-Gesetzes.
Ebenso wichtig ist aber, dass wir uns
endlich um die „zweite Säule der Energiewende“ kümmern: der Senkung unseres Energieverbrauchs. Damit die Energiewende gelingt, müssen wir unseren
Energieverbrauch bis 2050 halbieren[2].
Passiert ist bis heute viel zu wenig.
Ein umfassender Ansatz zur Erschließung
der vorhandenen Energiesparpotenziale
fehlt uns nach wie vor. Bislang ist unsere Energieeffizienzpolitik eine unsortierte Sammlung einzelner Werkzeuge, die
teils besser, teils schlechter neben- und
miteinander harmonieren. Was wir benötigen, ist ein wohlsortierter Instrumentenkasten, der die ganze Breite der
Handlungsnotwendigkeiten reflektiert.
Denn die eine „silver bullet“ zur Lösung
des Energieeffizienz-Staus kann und wird
es nicht geben.
Unser Ziel muss sein, neue Geschäftsmodelle für Energieeffizienz zu unterstüt-
18
zen. Energieeffizienz ist ein vielschichtiges und viele Akteure betreffendes
Thema. Um Projekte voranzubringen,
müssen bspw. in Unternehmen zahlreiche Ebenen – vom Vorstand bis zum
Arbeiter in der Werkshalle – zusammenarbeiten. Das klappt nicht immer
reibungslos. Besonders erfolgreich sind
Projekte dann, wenn sie von den Kernproduktionsprozessen über die Lieferkette und Infrastruktur bis zur Organisation
und Einbindung der Mitarbeiter einen
umfassenden Ansatz verfolgen[3]. Hier
können bspw. lernende Energieeffizienz-Netzwerke unterstützend wirken.
Im Bereich der Gebäudesanierung können ebenfalls große Potenziale gehoben
werden. Im Rahmen des durch die Nationale Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums
geförderten
Projekts „effin – Finanzforum Energieeffizienz in Gebäuden“ verfolgen WWF und
Deneff e.V. mit verschiedenen Projektpartnern segmentspezifische Ansätze.
Mit LBS und dem Energieberater-Netzwerk Energetrium wird derzeit ein
Modellprojekt zur bedarfsorientierten
Kundenansprache für Eigenheimer und
nicht-gewerbliche Vermieter entwickelt.
Ziel ist es, Beratung, Umsetzung und Finanzierung von Sanierungsmaßnahmen
„aus einer Hand“ anbieten zu können.
Im Bereich der Immobilienwirtschaft
arbeiten wir mit Entega GmbH & Co. KG
und Bauverein AG an wirtschaftlich darstellbaren und dennoch ambitionierten
energetischen Sanierungsfahrplänen[4].
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
Die Ankündigung der Bundesregierung,
in 2014 einen Nationalen Aktionsplan
Energieeffizienz (NAPE) aufzustellen, ist
begrüßenswert. Bislang sind jedoch nur
wenige Eckpunkte bekannt. Ziel muss
es sein, dass der Plan verbindliche Ziele, Instrumente, Finanzierung und die
Verantwortung der einzelnen Akteure
bestmöglich zusammenbringt. Dafür gilt
es nun, die lückenhafte Werkzeugsammlung zu einem wohlsortierten Instrumentenkasten zu ergänzen.
Dazu gehören aus Sicht des WWF fünf
Kernbestandteile einer Energieeffizienz-Strategie. Die (1) verbindliche Vorgabe eines absoluten Energieeinsparziels mit festen Zwischenschritten. Es
muss klar sein, wer wann welche Rechte,
Pflichten und Verantwortlichkeiten hat.
Nur so können die Ziele erreicht und den
Investoren verlässliche Rahmenbedingungen gegeben werden. Eine (2) haushaltsunabhängige Förderung, Denn die
jährliche Stop & Go-Politik bei der Förderung ist kontraproduktiv. Zudem sollte
eine ergänzende steuerliche Förderung
der energetischen Gebäudesanierung
mit ambitionierten, dynamischen Effizienzstandards für selbstnutzende Eigen-
19
tümer und Kleinvermieter eingeführt
werden. Die (3) Entwicklung konkreter
Unterstützungs- und Anreizprogramme
für Unternehmen zur Umsetzung von
Energieeffizienzmaßnahmen auf allen
Ebenen. Hier gilt es, insbesondere kleine
und mittlere Unternehmen gezielt zu unterstützen (bspw. auch durch Förderung
von Energieeffizienz-Netzwerken). (4)
Gezielte Anpassungen des Rechtsrahmens zur Erleichterung neuer Geschäftsmodelle für Energieeffizienz sowie Erhöhung der Anforderungen dort, wo
dies Sinn macht. Die Einführung eines
(5) Mengensteuerungsinstruments für
Energieeffizienz (bspw. bei strombetriebenen Produkten, Beleuchtung, Heizkesseln, Querschnittstechnologien), wie es
Art 7 Abs. 1 der europäischen Energieeffizienz-Richtlinie (EED) vorsieht.
So kann eine neue Energieeffizienz-Strategie entstehen. Damit können wir die
Energiewende auf zwei gesunde Beine
stellen, die ein erfolgreiches Vorankommen garantieren.
(veröffentlicht am 26. Mai 2014)
Tobias Vincenz Krug bearbeitet beim
WWF Deutschland die deutsche
Klima- und Energiepolitik, mit Fokus
auf Elektrizitätsmarkt, Infrastruktur,
Energieeffizienz und energetische
Gebäudesanierung. Der World Wide Fund
For Nature (WWF) ist eine der größten
Naturschutzorganisationen der Welt und in
mehr als 100 Ländern aktiv. Er tritt dafür
ein, dass Bewahrung und verantwortungsvolle
Nutzung der natürlichen Lebensgrundlagen
mit nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung
vereinbar sind.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
VERBÄNDE
Energieeffizienz: Energiesicherheit
braucht mehr als einen leeren Konsens!
Christian Noll, Mitgründer und
geschäftsführender Vorstand der
Deutschen Unternehmensinitiative
Energieeffizienz e.V. (DENEFF)
Der Gipfel der Staats- und Regierungschefs der EU am 20. und 21. März stand
ganz im Zeichen der Ukraine-Krise. Im
Ergebnis hielt man fest, Energieeffizienz
solle der „erste Schritt“ sein, um Europas Abhängigkeit von Energieimporten
zu begegnen. Wohl an, denn tatsächlich
könnte eine beherztere Steigerung der
Energieeffizienz schon innerhalb von
zehn Jahren die Gasabhängig von Russland um die Hälfte senken. Dies ist das
Ergebnis einer Kurzstudie des Beratungsinstituts ECOFYS im Auftrag der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF).
Um dies schaffen, ist eine Verdopplung
der bisherigen Bemühungen zur Effizienzsteigerung, insbesondere bei industriellen Prozessen und der energetischen
Modernisierung von Gebäuden, erforderlich. Ein Anspruch, der sich immer
wieder gleich- oder ähnlich lautend findet: im Energiekonzept der Bundesregierung von 2010 und vielen weiteren
Studien, Szenarien und amtlichen Expertisen. Doch obwohl die Energieeffizienz
konsequent – und auch im aktuellen
Koalitionsvertrag – vollmundig als wesentliche Säule, Schüsselfrage oder eben
erster Schritt hochgehalten wird, bleibt
dieser Anspruch ebenso zeitlos wie uneingelöst.
Auch die EU-Debatte läuft Gefahr, auf
den Ruf nach einer Energieunion zurückzufallen, die allein für Ersatz von
Liefermengen sorgen soll, nicht jedoch
20
für gemeinsame Bemühungen für Energieeffizienz- und Einsparungen. Dabei
sind auch bei anderen, heute wichtigen
Erdgaslieferanten in Westeuropa (beispielsweise Niederlande und Norwegen)
natürliche Verknappungen absehbar.
Die Abhängigkeit von russischem Gas
ist strenggenommen ohnehin „nur“
die aktuelle Erscheinung eines historischen und wachsenden Problems, das
gerne immer wieder schnell vergessen
wird. Spätestens seit den Ölkrisen der
Siebziger Jahre wissen wir, dass wir uns
dringend von jeder konfliktbeladenen,
unsicheren oder umweltschädlichen
Energiequelle lösen müssen. Während
man damals beherzt und schnell mit
Maßnahmen wie autofreien Sonntagen
und Vorschriften für Energiesparendes
Bauen reagierte, regiert heute der leere
Konsens. Als sei die Welt seitdem friedlicher und Energie billiger geworden.
Die sogenannte Berliner Republik kann
sich keine Politik nach dem Grundsatz
„Et hät no ewer joot jejange“ mehr leisten. Inzwischen gefährdet die unstete
und inkonsequente Ankündigungspolitik
der letzten Jahre erreichte wirtschaftliche Erfolge und Arbeitsplätze: „Made
in Germany“ ist (noch) Spitze bei energiesparenden Techniken und Dienstleistungen. Unternehmen mit mehreren
hunderttausend Beschäftigten erzielen
hier Umsätze im dreistelligen Milliardenbereich - dank der zurückliegenden starken Umweltpolitik. Doch immer häufiger
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
wird bekannt, dass andere Investitionsstandorte zunehmend attraktiver werden, da sie sich zu einer verbindlicheren
Energieeffizienzpolitik bekennen. „Low
Carbon Leakage“, die Abwanderung
CO2-effizienter Unternehmen wird dafür
zum stehenden Begriff.
aufzukündigen und eine strategische
und konsequente Energieeffizienzpolitik
in die Tat umzusetzen.
(veröffentlicht am 12. Mai 2014)
Deutschlands beste Energieressource ist
die Kompetenz zur Energieeinsparung
und damit zur Energieunabhängigkeit.
Gute Vorschläge, mit welchen konkreten
Politikmaßnahmen die Energiewendeziele zur Steigerung der Energieeffizienz
erreicht werden können, warten seit
Jahren in den Schubladen. Der im Koalitionsvertrag vorgesehene nationale
Aktionsplan Energieeffizienz ist nun die
historische Chance, den leeren Konsens
Christian Noll (34), DiplomKommunikationswirt, ist Mitgründer und
geschäftsführender Vorstand der Deutschen
Unternehmensinitiative Energieeffizienz
e.V. (DENEFF). Die DENEFF setzt sich
seit November 2010 als erstes unabhängiges,
branchenübergreifendes Netzwerk
für eine ambitionierte und effektive
Energieeffizienzpolitik ein.
VERBÄNDE
Die Energieeffizienz muss ins
Rampenlicht!
Dr. Carola Kantz, Geschäftsführerin
des Forums Energie im Verband
Deutscher Maschinen- und
Anlagenbau (VDMA)
21
Politisch zeichnet sich das Handlungsfeld
Energieeffizienz durch einen großen Widerspruch aus. Einerseits sind sich alle
einig, dass ohne maßgebliche Fortschritte in der Energieeffizienz von Gebäuden,
Industrie, Gewerbe und bei privaten
Verbrauchern die klimapolitischen Ziele
nicht erreicht werden können. Die Kosten für die Umsetzung der Energiewende
könnten sich durch konsequente Effizienzsteigerungen für Verbraucher, Wirtschaft und die öffentliche Hand drastisch
reduzieren. Energieeffizienz ist auch der
Schlüssel, um die Importabhängigkeit Eu-
ropas zu senken. Andererseits jedoch fristet die Energieeffizienz trotz dieses großen politischen Handlungsdrucks bisher
ein Schattendasein in der Energie- und
Klimapolitik.
Deutschland und die Europäische Union
haben anspruchsvolle Ziele formuliert.
Diese politischen Ziele sind mithilfe innovativer Technologien erreichbar. Die
Frist zur Umsetzung der EU-Energieeffizienzrichtlinie ließ Deutschland Anfang
Juni jedoch verstreichen. Politisch ist das
Thema Energieeffizienz selbst im „Ener-
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
giewende-Land Deutschland“ bisher
nicht griffig genug. Das Handlungsfeld ist
zu komplex und besteht aus sehr vielen
Einzelmaßnahmen.
Aufgrund dieser Komplexität ist die Steigerung der Energieeffizienz auch bei den
Technologienutzern kein Selbstläufer. Obwohl sich die Effizienzmaßnahmen auszahlen – für die gesamte Volkswirtschaft sowie für einzelne Unternehmen und jeden
Verbraucher. Viele bestehende Hemmnisse werden von der Politik bisher nur unzureichend adressiert. Nehmen wir beispielsweise die Steigerung der Energieeffizienz
in der deutschen Wirtschaft. Die überwiegende Mehrheit von Unternehmen
fällt ihre Investitionsentscheidung anhand
der Amortisationszeiten. Im Schnitt werden nur Amortisationszeiten von zwei bis
drei Jahren akzeptiert. Dabei würden sich
energieeffiziente Maschinen und Anlagen
über ihre Lebensdauer hinweg rechnen,
auch wenn sie eine etwas längere Amortisationszeit haben. Notwendig wäre eine
längerfristige Betrachtung, die vor allem
auch die Bewertung der Lebenszykluskosten miteinschließt. Politische Instrumente
sollten daher gezielt Investitionen mit hohen Amortisationszeiten anreizen. Ähnliche Hemmnisse existieren im Gebäudebereich, wie zum Beispiel das Investor-Nutzer
Dilemma. Demnach unterbleiben energetisch sinnvolle Investitionen, da der Vermieter langfristig keinen Ertrag aus seiner
Investition erzielen kann und der Mieter
den genossenen Vorteil nicht bezahlen
muss. Diese Hemmnisse müssen politisch
adressiert werden.
Wie muss also eine ganzheitliche Effizienzstrategie der Bundesregierung aussehen? Aus Sicht des Maschinen- und Anlagenbaus gehören hierzu drei Bausteine:
Politische Sichtbarkeit auf höchster Ebene
schaffen. Die Bundesregierung sollte das
22
Handlungsfeld Energieeffizienz dauerhaft zu einem zentralen Bestandteil der
politischen Agenda machen. Der im Koalitionsvertrag angekündigte „Nationale
Aktionsplan Energieeffizienz“ muss dazu
zügig unter Beteiligung aller wesentlichen
Stakeholder entwickelt und in ein regelmäßiges Monitoring mit Instrumenten zur
Nachsteuerung überführt werden.
Attraktive Rahmenbedingungen für Investitionen schaffen, damit die modernen und effizienten Technologien in den
Markt kommen. Neue Finanzierungsmodelle und verbesserte Abschreibemöglichkeiten können einen attraktiven
Rahmen für neue Investitionen schaffen. Wettbewerbliche Ausschreibungen
können, wenn sie technologieneutral
ausgestaltet sind, die Marktdynamik
erhöhen. Durch die zusätzliche Anforderung hoher Amortisationsraten können
auch Investitionen in bisher schwierigen
Marktsegmenten ausgelöst werden.
Ausbau der zielgruppengerechten Information über technologische Potenziale
und der Wirtschaftlichkeit von Maßnahmen. Hierzu gehören die Verbesserung
der Qualität der Energieberatung sowie
neue Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im ingeurswissenschaftlichen Bereich. Auch Energieeffizienznetzwerke
für Unternehmen und Kommunen sollten weiter ausgebaut werden.
Die Steigerung der Energieeffizienz ist ein
komplexer Prozess, mit modernen Technologien und den geeigneten politischen
Rahmenbedingungen aber möglich. Die
Bundesregierung steht im zweiten Halbjahr 2014 vor allem vor der Aufgabe, die
Energieeffizienz ins politische Rampenlicht zu stellen.
(veröffentlicht am 13. Juni 2014)
Dr. Carola Kantz koordiniert als
Geschäftsführerin des Forums Energie im
VDMA die Verbandsaktivitäten zum Bereich
Energie und vertritt die energiepolitischen
Interessen des Maschinen- und Anlagenbaus.
Der Verband deutscher Maschinen- und
Anlagenbau vertritt die Interessen seiner
Branche unter der Prämisse von vier zentralen
Themen: „Vernetzt denken und handeln“,
„Zukunft für Unternehmer“, „Technik für
Menschen“ und „Europa und die Welt“.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
VERBÄNDE
Die Energiewende wird im Gebäude
entschieden
Karl-Heinz Stawiarski,
Geschäftsführer des Bundesverbands
Wärmepumpe (BWP)
Gemeint sind nicht der Reichstag oder
das Wirtschaftsministerium, sondern
der deutsche Häuserbestand. Hier
gibt es riesige Potenziale – und genug
Technologien, um diese zu heben. Das
Grundproblem ist aber: Energieeffizienz lohnt sich nicht. Es ist darum Aufgabe der Politik, effektiv zu fördern
und den notwendigen Marktrahmen
zu schaffen.
Grundsätzlich: Effizienz heißt Einsparung fossiler Primärenergie
Was mit Energieeffizienz eigentlich
gemeint ist, bleibt in der Diskussion
häufig im Dunkeln. Viele setzen Energieeffizienz mit geringerem Stromverbrauch gleich. Warum dies ein Fehler
ist, erläutere ich später. Energieeffizienz ist kein Selbstzweck, genau so
wenig wie die Energiewende an sich.
Das Ziel muss immer die Einsparung
von CO2 zum Zwecke des Klimaschutzes sein. Energieeffizienz sollte daher
bedeuten, ein gegebenes Ziel, z.B. ein
warmes Haus, mit einem möglichst
geringen Verbrauch fossiler Primärenergie, also von Brennstoffen wie
Öl oder Gas, zu erreichen. Ein Teil
der Lösung ist sicher das Vermeiden
von Verlusten, z.B. durch Dämmung.
Trotzdem muss der Restbedarf auf
möglichst effiziente, klimafreundliche
Weise bereitgestellt werden.
23
Verdrängung fossiler Brennstoffe
durch Umweltwärme
Wärmepumpen gewinnen mithilfe von
Strom Energie aus der Umwelt (Luft,
Erdwärme, Grundwasser) und machen
diese zur Raumheizung und für Warmwasser nutzbar. So stellen sie das dreibis vierfache der eingesetzten elektrischen Energie (Strom) als thermische
Energie (Wärme) bereit.
Früher war Heizen mit Strom verpönt,
weil er fast ausschließlich aus Kohleund Atomkraftwerken stammte. Mit
der Energiewende ändert sich das. Jede vierte Kilowattstunde ist heute erneuerbar und der Anteil steigt weiter.
Wer heute auf Umweltwärme setzt,
dessen Heizung wird also in 20 Jahren
noch ökologischer sein als heute. Eine
Studie der TU München zeigt, dass eine heute installierte Wärmepumpe im
Laufe ihrer Lebenszeit rund 80 Prozent
Primärenergie einspart (verglichen
mit einer alten Ölheizung im Bestand
oder Öl-Brennwert+Solar im Neubau).
Ab 2015 ist dies auch am Energielabel
erkennbar, bei dem nur Wärmepumpen Spitzenwerte erreichen.
Stromsparen und Energieeffizienz
sind nicht dasselbe
Häufig werden diese Begriffe gleichgesetzt. Die Wärmepumpe macht
deutlich, dass das ein Trugschluss ist.
Angenommen, von heute auf morgen
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
würden 500.000 Heizkessel durch eine Wärmepumpe ersetzt, so würde
zwar der Stromverbrauch in Deutschland steigen. ABER: Um diesen Strom
bereit zu stellen, muss weniger fossile Primärenergie eingesetzt werden,
als die fossilen Heizungen verbraucht
hätten.
Damit wird deutlich, dass beim Thema
Energieeffizienz, in der Energiepolitik
ganz allgemein, Strom und Wärme gemeinsam betrachtet, die beiden Sektoren sogar noch stärker miteinander
verknüpft werden müssen. Dies wird
von renommierten Experten schon lange gefordert. Zwei Fraunhofer-Institute (IWES, ISE) und die Internationale
Energieagentur (IEA) haben unabhängig
voneinander errechnet, dass volkswirtschaftlich effizienter Klimaschutz mit
einer Elektrifizierung der Wärmebereitstellung in Gebäuden durch Wärmepumpen einhergehen muss.
Was bedeutet das für die Energiepolitik in Deutschland?
Erstens: Energieeffizienz und insbesondere der Gebäudesektor müssen
endlich in den energiepolitischen Fokus. Die Vernachlässigung der Wärme
ist im Hinblick auf den Klimaschutz
grob fahrlässig. Sie steht für 40% der
CO2-Emissionen, doch Politik und Medien diskutieren nur über das EEG.
Zwar hat die Politik mit der EnEV-Novelle sinnvolle Vorgaben für den Neubau getroffen, die größten Potenziale
schlummern jedoch im Gebäudebestand. Hier ist eine ausreichende und
vor allem verbraucherfreundliche
Förderpolitik sinnvoll. Die entspre-
24
chenden Programme müssen aber
jährlich gegen Kürzungswünsche der
Haushaltspolitiker verteidigt werden
oder werden wie die steuerliche Absetzbarkeit von Sanierungsmaßnahmen von ihnen gänzlich verhindert.
Während im Stromsektor jährlich 25
Milliarden Euro umgewälzt werden,
scheitert die Wärmewende an einem
Bruchteil dieses Betrages.
Zweitens: Energieeffizienz muss sich
finanziell lohnen. Wie sonst sollen
die Kunden von den erforderlichen Investitionen überzeugt werden? Dazu
müssen die Preise am Markt für Heizenergieträger die ökologische Wirklichkeit widerspiegeln.
Wärmepumpen-Kunden müssen heute
Stromsteuer und EEG-Umlage zahlen.
Das sind über 8 Cent pro Kilowattstunde (mehr als ein Drittel des Gesamtpreises), womit der Preis für Wärmepumpenstrom höher ist als der für Erdgas
oder Heizöl. Die Stromsteuer war einmal als Anreiz für mehr Energieeffizienz
gedacht; die EEG-Umlage soll den Ausbau erneuerbarer Energien fördern. Im
Wärmesektor verteuern sie jedoch den
Strom im Vergleich zu fossilen Brennstoffen, die selbstverständlich nicht mit
einer CO2-Abgabe belastet werden. So
entsteht die paradoxe Situation, dass
ein Kunde bei heutigen Preisen seinen
alten Öl-Kessel gegen eine Wärmepumpe eintauscht und so fossile Primärenergie und schädliches CO2 spart – aber
höhere Heizkosten hat. Es bestehen am
Markt also Fehlanreize, die dringend beseitigt werden müssen.
(veröffentlicht am 30. Juni 2014)
Karl-Heinz Stawiarski ist seit 2007
Geschäftsführer des Bundesverbands
Wärmepumpe. Der Bundesverband
Wärmepumpe ist ein Zusammenschluss
von rund 600 Mitgliedern und vertritt
Unternehmen entlang der gesamten
Wertschöpfungskette im Zusammenhang mit
Wärmepumpen.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
VERBÄNDE
Energieeffiziente Gebäude als
gemeinsames Ziel von Industrie und
Politik
Günther Mertz, Geschäftsführer der
TGA-Repräsentanz Berlin
Die Europäische Kommission hat gegen Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet, weil die
Bundesrepublik aus ihrer Sicht die
EU-Energieeffizienzrichtlinie nicht vollständig umgesetzt hat – deshalb hat
die Kommission einen sogenannten
Blauen Brief verschickt. Obwohl die
technologischen und wirtschaftlichen
Voraussetzungen gegeben sind, wird
Deutschland nach jetzigem Stand die
europäischen und nationalen energieeinspar- und klimaschutzpolitischen
Ziele verfehlen.
Nur wenn die Energiewende nicht nur als
Strom-, sondern auch als Wärme- bzw.
Kältewende verstanden wird, können die
energieeinspar- und klimaschutzpolitischen Ziele in Deutschland erreicht werden. Vor allem das Thema Gebäudeenergieeffizienz muss von der Politik stärker
in den Fokus genommen werden. Dabei
müssen
Energieeinsparmöglichkeiten
im Wohn- und im Nichtwohnbereich
gleichrangig genutzt werden.
25
mern, wird das Thema Energieeffizienz
für diesen Bereich von der Politik selten
diskutiert und häufig auch unterschätzt
– allein der Energieverbrauch für
Raumwärme in Nichtwohngebäuden
entspricht mit ca. 850 Petajoule dem
Wärmeverbrauch von zehn Millionen
durchschnittlichen Einfamilienhäusern.
Von den ca. 21 Millionen Heizungsanlagen im Gebäudebestand in Deutschland
sind 71 Prozent unzureichend effizient
und damit modernisierungsbedürftig.
Ein Großteil der Heizungen ist weit über
zwanzig Jahre alt und verbraucht deutlich mehr Energie als nötig. Sollen die
politischen Zielsetzungen erreicht werden, muss das Modernisierungstempo
verdoppelt werden.
Technische Gebäudeausrüstung ist der
Schlüssel zur Energieeffizienz
Wie beim Wärmebereich gibt es auch
bei der in Deutschland installierten
Klima- und Lüftungstechnik beträchtliche Energieeinsparpotenziale: Die
Klimaanlagen in Nichtwohngebäuden
sind durchschnittlich 28 Jahre alt. Viele
von ihnen arbeiten energetisch ineffizient. Auch hier muss das Modernisierungstempo deutlich erhöht werden.
Etwa 40 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs entfallen zurzeit auf die
Beheizung, Klimatisierung und Warmwasserbereitung in Wohn- und Nichtwohngebäuden. Obwohl vor allem im
Bereich der Nichtwohngebäude beträchtliche Effizienzpotenziale schlum-
Der Schlüssel für die Gebäude-Energieeffizienz im Wohn- und Nichtwohnbereich ist die moderne Technische
Gebäudeausrüstung: Mit moderner
Heizungs-, Klima- und Lüftungstechnik
sowie innovativer Gebäudeautomation
können kurz- bis mittelfristig erhebliche
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
Energieeffizienzpotenziale
gehoben
werden. Der Technischen Gebäudeausrüstung kommt damit für das Gelingen
der Energiewende und das Erreichen
der europäischen und nationalen Energieeinsparziele eine entscheidende
Rolle zu.
EnEV und EEWärmeG im Sinne des Koalitionsvertrags zügig angleichen
Angesichts des Blauen Briefes aus Brüssel und der noch nicht gehobenen Potenziale der Energieeffizienz im Gebäudebereich muss die Bundesregierung
eine engagiertere Energieeinspar- und
Klimaschutzpolitik betreiben und die
Zeitpläne ihrer Vorhaben straffen. Beispielsweise sollte – im Sinne des Koalitionsvertrages – die Angleichung der
Energieeinsparverordnung (EnEV) und
des Erneuerbaren-Energien-Wärmegesetzes (EEWärmeG) nicht erst im Jahr
2016 angegangen werden, wie es in
der „10-Punkte-Energie-Agenda“ des
Bundeswirtschaftsministeriums
angekündigt wurde. Die parallelen, sich
insbesondere im Hinblick auf die Anlagentechnik teilweise widersprechenden Regelungen der EnEV und des EEWärmeG sind sogar für Fachleute oft
schwer zu durchblicken. Der Bundesrat
hat sich bereits für eine Zusammenführung dieser Regelungen ausgesprochen
– die Bundesregierung muss diese nun
zügig angehen. Investoren, Haus- und
Wohnungseigentümer benötigen für
die energetische Gebäudesanierung
klare und verlässliche Rahmenbedingungen. Die unzähligen Debatten über
die Einführung steuerlicher Anreize
oder direkter Investitionsanreize verunsichern die Eigentümer und so kommt
es zu einem Investitionsstau. Nötig ist
eine langfristige, verlässliche und einfache Förderung von energetischen
26
Sanierungen nach bundeseinheitlichen
Standards. Diese Förderung muss technologieoffene Anreize für Investoren
schaffen und sollte auch steuerliche
Elemente umfassen.
Industrie und Politik müssen stärker
als bisher die ökonomischen Vorteile
von energetischen Sanierungen und
Energieeffizienzmaßnahmen im Wohnund Nichtwohnbereich darstellen.
Ein gelungenes Beispiel für klare, einheitliche und branchenübergreifende
Kommunikation von Energieeffizienzmaßnahmen ist die Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (geea). Ein solcher
Schulterschluss steht auf Seiten der zuständigen Bundesministerien noch aus:
Eine bessere Ressortabstimmung und
gemeinsame, Ressort übergreifende
Aktivitäten der zuständigen Bundesministerien wären wünschenswert.
Potenziale der Technischen Gebäudeausrüstung heben
Mit den richtigen Maßnahmen kann
die Politik dazu beitragen, die enormen
Einsparmöglichkeiten im Gebäudebereich mittels moderner Technischer Gebäudeausrüstung kurz- bis mittelfristig
zu nutzen. Dadurch können nicht nur
die europäischen und nationalen energieeinspar- und klimapolitischen Ziele
erreicht werden, sondern gleichzeitig
Wachstum, Beschäftigung und Innovation in Deutschland gefördert werden.
Nötig ist ein orchestrierter Dreiklang aus
stringenten ordnungspolitischen Vorgaben, technologieoffenen Fördermaßnahmen mit steuerlichen Anreizen und
verstärkter
gesamtgesellschaftlicher
Kommunikation über die Vorteile energetischer Sanierungen von Gebäuden.
(veröffentlicht am 25. August 2014)
Günther Mertz ist Geschäftsführer der
TGA-Repräsentanz Berlin. Die TGARepräsentanz wird getragen von den
Verbänden der Technischen Gebäudeausrüstung:
Bundesindustrieverband Deutschland
Haus-, Energie- und Umwelttechnik
e.V (BDH), Bundesindustrieverband
Technische Gebäudeausrüstung e.V. (BTGA),
Fachverband Gebäude-Klima e.V. (FGK)
und Herstellerverband Raumlufttechnische
Geräte e.V. (RLT). Insgesamt vertreten die vier
Verbände rund 950 Mitgliedsunternehmen.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
STAKEHOLDER
Die Energieeffizienz: vom Stiefkind zum
Musterschüler der Energiewende!?
Markus Rosenthal,Geschäftsführer
von nuances public affairs
Isabel Hoffmann, Advisor bei
nuances public affairs
Laut Martin Wolf, Chefökonom der Financial Times, sind wir alle Klimaskeptiker. Wir fahren mit dem Auto zur Arbeit
und reisen mit dem Flugzeug in den Urlaub – unser ökologischer Fußabdruck
sei riesig, so der Wirtschaftsjournalist.
Doch auch Wolf muss einräumen, dass
sich im Bereich der Energieeffizienz inzwischen einige Entwicklungen aufgetan
haben, gleiches gilt für die erneuerbaren Energien, die eine Trendwende erahnen lassen.
Energieeffizienz ist inzwischen in der
politischen Rhetorik zu einer der wichtigsten Übungen geworden, auch weil
sich der europaweite Wähler mit mehr
oder weniger schlechtem Gewissen,
um mehr Effizienz bemüht – sei es bei
der Dämmung des Hauses oder bei der
Energiesparlampe. Er folgt damit – allerdings mit Jahrzehnten Verspätung – der
britischen Queen, die im Buckingham
Palace noch persönlich den Lichtschalter
umlegt, wenn kein Licht gebraucht wird.
Auch in der Energiewirtschaft, quasi das
unterliegende Betriebssystem unserer
Strom- und Wärmeversorgung, ist die
Energieeffizienz inzwischen wichtig geworden. Dort ist von Lastmanagement
die Rede, von weißen Zertifikaten und
von Negawatts (nicht verbrauchte Energie). Dabei spielt die Digitalisierung die
erste Geige bei der Energieeffizienz. Das
Zuhause wird smart, der Stromzähler
intelligent und das Strom- und Gasnetz
kommunikativ.
27
Energieeffizienz wird Sicherheitspolitik
Während die Stromdebatte in jedem
Wahlkreis heftig diskutiert wird und
Manager von stromintensiven Betrieben schlaflose Nächte haben, steigen
die Kosten für Raumwärme und Warmwasser nahezu unbeachtet weiter an.
Ein durchschnittlicher Haushalt wendet trotz EEG-Umlage beim Strom,
mehr als zwei Drittel seiner Kosten für
Wärme auf. Durch die Ukraine-Krise
bekommt die Energieeffizienz bei der
Raumwärme wegen des möglich steigenden Gaspreises zusätzlich noch eine
geopolitische Dimension. Die Energieversorgungssicherheit, eine über Jahre vernachlässigte Größe in der energiepolitischen Debatte, steht plötzlich
wieder im Mittelpunkt. Bemerkenswert: Energieeffizienz wird damit zu
einem Element einer geostrategischen
Sicherheitspolitik.
Die EU versucht seit Jahren mit einem
einheitlichen Ziel von 20 Prozent Effektivitätsgewinn bei der Energienutzung
die Mitgliedstaaten zu einer energiepolitischen und energiewirtschaftlichen
Effizienzgemeinschaft zu verbinden.
Aktuell werden jedoch nur rund zehn
Prozent
Energieeffizienz-Steigerung
EU-weit erreicht und nahezu alle Experten gehen davon aus, dass in den
kommenden sechs Jahren bis 2020, das
20 Prozent Effizienz-Ziel nicht erreicht
werden kann.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
Vorsätze: ja – Maßnahmen:
Fehlanzeige
Anfang Juni tagten die Regierungschefs
der bedeutendsten Industrienationen
der Welt (G7) in Brüssel zusammen mit
EU-Ratspräsident Herman van Rompuy und identifizierten die Energieeffizienzsteigerung als maßgeblichen Bestandteil, um die Energiesicherheit zu
wahren. Auch der Mitteilungsentwurf
der EU-Kommission für eine Strategie
zur europäischen Energiesicherheit,
spricht der Energieeffizienz eine elementare Rolle zu. Es gelte, insbesondere die EU-Energieeffizienzrichtlinie sowie die EU-Gebäudeeffizienzrichtlinie
„ehrgeizig“ und „rigoros“ umzusetzen.
Doch die Bundesregierung Deutschland ließ am 05. Juni dieses Jahres die
Frist zur Umsetzung der EU-Energieeffizienzrichtlinie (EER) in nationales Recht
verstreichen. Die EER erfordert unter
anderem die Formulierung eines Nationalen Aktionsplanes Energieeffizienz.
Während für die Förderung der erneuerbaren Energien 25 Milliarden Euro
jährlich über das Erneuerbare-Energien-Gesetztes (EEG) aufgewendet werden, stellt der Bund für die Energieeffizienz von Gebäuden 1,8 Milliarden
Euro zur Verfügung.
Der Zukunftsmarkt Energieeffizienz
wird vernachlässigt und zum Teil sogar
medial bekämpft. Es wird versucht erneuerbare Energien gegen die Energieeffizienz auszuspielen und umgekehrt.
Einige Medien hatten vor fünf Jahren
tote Feuerwehrmänner entdeckt, die
durch brennende Solaranlagen „umgebracht“ worden sind. Da weniger
gestorben sind, als im Tatort, werden
nun die immer gleichen Baumystiker
28
in ihrem Kampf gegen die Wärmedämmung zitiert. Die neueste Mode in der
Berichterstattung: neues Dach, neue
Fenster, neue Heizung sind zu teuer
und sparen zu wenig Energiekosten.
Doch Bundeskanzlerin Merkel fördert
weiterhin und der Mieter zahlt.
Lange Zeit war die Energieeffizienz ein
Traumschloss. Doch Rom wurde nicht
an einem Tag gebaut und auch Schloss
Neuschwanstein wurde Stein um Stein
erbaut. So ist Energieeffizienz ein kontinuierlicher Prozess. Um Energie in
Zukunft effektiv zu nutzen, müssen die
Interessen fokussiert vertreten werden. Der Regulationsrahmen muss so
geschaffen werden, dass ein Leitmarkt
Energieeffizienz entstehen kann und
Energiedienstleistung sowie Industriepolitik Hand in Hand gehen.
Markus Rosenthal ist Geschäftsführer von
nuances public affairs und seit 2002 im Bereich
Public Affairs tätig.
Isabel Hoffmann ist Advisor bei nuances public
affairs.
(veröffentlicht am 20. Juni 2014)
nuances public affairs ist eine politische
Unternehmensberatung und spezialisiert auf
strategische Kommunikation an der Schnittstelle
von Wirtschaft, Politik und Medien.
Branchenschwerpunkte sind unter anderem
Digitalisierung, Energie, Energieeffizienz und
Verkehr.
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
STAKEHOLDER
Energieberatung: Listenzwang statt
attraktives Konzept
Dipl.-Ing. Werner Eicke-Hennig,
Leiter „Hessische EnergiesparAktion“
Ab Juni 2014 legten zwei Bundesministerien, zusammen mit dena, BAFA
und KfW eine neue Energieberaterliste für die Bundes-Förderprogramme
im Bereich energiesparendes Bauen
und Sanieren auf. Die neue „Energieeffizienz-Expertenliste“ soll die mediale
Kritik an der Energieberatung ins Leere
laufen lassen. Die neuen Experten müssen jährlich 100 EUR an die dena als
Eintragsgebühr entrichten und haben je
nach Eingangsvoraussetzung und angestrebter Beratungsleistung einen Grundstock von Weiterbildungsstunden vorzuweisen, der laufend zu ergänzen ist.
Dieses schwer durchschaubare System
von Nachweisen für den Listeneintrag
ist Voraussetzung für die Anerkennung
der Sachverständigen in den KfW-Förderprogrammen.
Gegenwärtig stagniert die eingetragene
Beraterzahl bei 10.300 Experten, die jedoch schon ca. 1,0 Mio. EUR Gebühren
bei der „dena“ einzahlten. Es ist zu erwarten, dass sich die Beraterzahl schon
in wenigen Jahren halbieren wird, denn
der monetäre Nutzen der Listung ist für
viele Berater fraglich. Dieses Schicksal
ereilte auch die BAFA Vor-Ort-Beratung, die in den letzten zehn Jahren von
11.000 auf nur noch 5.000 Berater zurückging.
Ob die Listung die Qualität der Energieberatung hebt, ist zweifelhaft. Denn die
Fernsehkritiken spießten Mängel auf, an
denen die neue Liste nichts ändert: Etwa
29
ein fehlendes Konzept für das Vorgehen
in einer freien Energieberatung. Oder
Aussagemängel, die ein verstecktes
Fernsehteam verursachte, als es Energieberatern aus einer Handwerkssparte
eine Komplettbeurteilung des Gebäudes
abverlangte, was Architekten- oder Ingenieuraufgabe gewesen wäre. Mängel
bestehen vor allem in den Instrumenten, die Energieberater in den staatlichen Förderprogrammen von BAFA und
KfW anwenden müssen.
Die Vor-Ort-Beratung der BAFA basiert
auf reinen Bedarfsenergiekennwerten,
jeder Ratsuchende bekommt einen
KfW-Haus-Standard für sein Gebäude
gezeigt. Dadurch berechnen die Berater
überhöhte Einspar- und falsche Wirtschaftlichkeitsaussagen, was von vielen
Medien wieder als Qualitätsmangel der
Berater und nicht des staatlich geforderten Beratungsberichtes aufgegriffen
wird. Es ist schon auffällig, wenn ein
Beratungssystem regelmäßig weit über
dem realen Energieverbrauch der Gebäude liegende Einsparungen ausweist.
Die KfW-Förderprogramme für das energiesparende Bauen und Sanieren eifern
im unnötigen Kompliziertheitsgrad der
Energieeinsparverordnung nach und ändern sich ständig bis ins Detail. Die Fehler in den Nachweisen beruhen auf dem
viel zu komplizierten EnEV-Rechenverfahren und sind auch von der Ausstellung von Energieausweisen bekannt. Eine Entschlackung auf die Förderung von
DEBATTENFORUM DES BERLINER INFORMATIONSDIENSTES // ENERGIEPOLITIK
Einzelmaßnahmen im Gebäudebestand
und auf einen einzigen Zielstandard für
den Neubau würde die KfW-Nachweise
vereinfachen. Der bisherige Weg, auch
noch die Ausführungsqualität immer
engmaschiger vorzuschreiben und zu
kontrollieren, führt zu allerlei Kuriositäten und Kritik. Denn hierfür gibt es in
Deutschland bereits die Normen und
Handwerkerrichtlinien.
Besonders schmerzhaft ist das Herausfallen des Handwerks aus der Effizienz-Expertenliste. Ihm wird mit 210
Stunden nun die höchste Weiterbildungsstundenzahl als Eingangsvoraussetzung abverlangt. Diese lange Abwesenheit aus dem Betrieb führt schon seit
Jahren zu geringen Teilnehmerzahlen
auf den Handwerksbundesschulen, die
210-Stundenlehrgänge zum „Gebäudeenergieberater“ anbieten. Handwerk
bildet sich in seiner eigenen Art weiter,
produktbezogen oder mit Hilfe von kürzeren Lehrgängen der Landesinnungen,
aber dafür häufiger. Seine Ausgrenzung
durch sachlich nicht gerechtfertigte hohe Weiterbildungsstundenzahlen ist fatal, weil gerade das Handwerk täglich
zehntausende von Kundenkontakten
hat, die zur Energieberatung genutzt
30
werden können. Die Energieberatung
in den beiden staatlichen Programmen
zählt demgegenüber keine großen Fallzahlen. In der Vor-Ort-Beratung sind es
gerade noch 600 Beratungen pro Jahr
und Bundesland.
Die KfW-Programme im Gebäudebestand erreichen nur 0,4 Prozent des
Hausbestandes pro Jahr, bei einer politisch angestrebten Sanierungsquote
von 2-3 Prozent. Überdies erreicht die
Vor-Ort-Beratung meist bereits ohnehin
zu Energiesparmaßnahmen entschlossene Hauseigentümer. In den KfW-Programmen dient Beratung mehr dem
Zurechtfinden im Förderdschungel. Nötig ist ein Relaunch der Beratungs- und
Förderpolitik der Bundesregierung für
den Gebäudesektor hin zu einer Vereinfachung, die alle Berufsgruppen
einschließt. Die Beratung der Verbraucherzentralen und die lebendigen Beratungsstrukturen in einzelnen Bundesländern können hier als Vorbild dienen.
Vergessen werden sollte nicht: Energieberatung soll Hauseigentümer motivieren. Dazu ist das wichtigste, das Menschen mit Menschen sprechen.
(veröffentlicht am 24. Juli 2014)
Dipl.-Ing. Werner Eicke-Hennig leitet seit
2001 die „Hessische Energiespar-Aktion“
des Hessischen Wirtschaftsministeriums.
Er ist Autor zahlreicher Buch- und
Zeitschriftenveröffentlichungen zum Thema
Energieeinsparung.
IMPRESSUM:
DER TAGESSPIEGEL
REDAKTION BERLINER INFORMATIONSDIENST
ASKANISCHER PLATZ 3
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