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DGIM Newsletter

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DGIM aktuell 3/2014
DGIM aktuell
Newsletter der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin
Inhalt
Editorial
Liebe Kolleginnen
und Kollegen, liebe Mitglieder,
bei vielen Krankheitsbildern stellt
sich die Frage, bei
welchem Patienten
welcher diagnostische oder therapeutische Aufwand sinnvoll ist. Diese Frage hat zwei Aspekte: 1. Welche Maßnahme oder welcher Eingriff kann dem Patienten sinnvoll erspart werden? Überwiegen die Risiken den potentiellen Nutzen?
2. Welche Kosten lassen sich dadurch vermeiden?
In den Vereinigten Staaten ist schon länger eine durch viele Fachgesellschaften
unterstützte Initiative entstanden, „Choosing Wisely“. Sie strebt an, die Beziehung
zwischen Arzt und Patienten zu verbessern und wesentliche Informationen
bezüglich einer unnötigen Nutzung medizinischer Ressourcen zu erarbeiten.
„Choosing Wisely“ hat mit Hilfe der
wesentlichen amerikanischen Fachgesellschaften und Spezialisten aller Gebiete
der Medizin Listen mit den fünf Maßnahmen erstellt, von denen die stärksten
Effekte im Sinne einer Reduktion von
unnötigen Maßnahmen oder Kosten zu
erwarten sind. Diese Informationen werden auf der Website von „Choosing Wisely“ veröffentlicht.
Es ist klar, dass diese Vorschläge auch
Kritik hervorriefen. Es wird befürchtet,
dass diese Maßnahmen eine versteckte
Rationierung in der Gesundheitsfürsorge
darstellen. Dies ist jedoch sicher nicht die
Absicht der DGIM. Im Gegenteil: Uns geht
es darum, unnötige Maßnahmen zu vermeiden, ohne die Qualität der Versorgung
zu beeinträchtigen. Hierfür müssen unter
Umständen neue Anreize gesetzt werden.
Es scheint ein Gebot der Vernunft, über
den Einsatz wertvoller Ressourcen des
Gesundheitswesens zu diskutieren, um
verantwortungsbewusst mit unseren
finanziellen Mitteln umzugehen und um
das solidarische System zu erhalten. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten
und auf dem Internistenkongress 2015
darüber diskutieren.
3/2014
Editorial
DGIM – Presidential News
Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin packt Probleme an
In den vergangenen Monaten stand die Arbeit im Vorstand der DGIM im Zeichen mehrerer aktueller Themen.
Neben der Aus- und Weiterbildung spricht DGIM-Vorsitzender Professor Dr. med. Michael Hallek in seinen
Presidential News unter anderem die Selbstkontrolle
für die Arzneimittelindustrie und die Vorbereitung des
121. Internistenkongresses an.
➜ Seite 2
DGIM – aktiv
DGIM fordert Neuerungen bei der medizinischen Promotion
Die Innere Medizin in Deutschland sucht dringend qualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs. Die DGIM
fordert deshalb in einem aktuellen Positionspapier die
gezielte Förderung wissenschaftlich besonders interes-
sierter und begabter Studierender. Die Fachgesellschaft empfiehlt zudem, den medizinischen Doktorgrad – den Dr. med. – anders zu strukturieren.
➜ Seite 3
DGIM wächst auf 23 000 Mitglieder an
➜ Seite 3
DGIM im Gespräch: Annabel Seebohm über die Arbeit der Bundesärztekammer auf EU-Ebene
Zu den Aufgaben des Brüsseler Büros der Bundesärztekammer gehört die Vertretung und legislative Begleitung der relevanten gesundheits- und sozialpolitischen
Vorgänge auf europäischer Ebene. Es pflegt Kontakte
zu allen Europäischen Institutionen. Im Interview mit
DGIM aktuell berichtet die Leiterin Annabel Seebohm
von aktuellen gesundheitspolitischen Themen sowie
den Möglichkeiten und Grenzen der Einflussnahme auf
die europäische Gesundheitspolitik.
➜ Seite 4
Versorgungslücke im Impfschutz: Blutvergiftung für Menschen
ohne Milz besonders gefährlich
Etwa 8 000 Milzentfernungen werden jährlich vorgenommen. Fehlt dem Körper dieses Organ der Immunabwehr,
steigt das Risiko einer lebensbedrohlichen Infektion. Impfungen könnten dies in den meisten Fällen verhindern. An-
lässlich des Welt-Sepsis-Tages weist die DGIM darauf hin,
dass nur 20 Prozent der Menschen ohne Milz ausreichend
geimpft sind.
➜ Seite 6
Fortbildungsreihe für DGIM-Mitglieder vergünstigt
➜ Seite 6
Den Bürger schützen – Forschung ermöglichen ➜ Seite 7
Krankheiten im Verdauungstrakt: Neue Biomarker verbessern die Behandlung
Forschung und Entwicklung ermöglichen, dass Labortests
Krankheiten des Darmtrakts noch genauer identifizieren,
so dass Ärzte noch zielgerichteter behandeln können. Nur
eines von vielen Themen bei der MEDICA EDUCATION CONFERENCE, die in Zusammenarbeit mit der DGIM in Düsseldorf stattfindet. ➜ Seite 8
Impressum
Mit den besten kollegialen Grüßen
1
Michael Hallek
DGIM aktuell 3/2014
DGIM – Presidential News
Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin packt Probleme an
Der 121. Internistenkongress
findet vom 18. bis 21. April unter
dem Motto Molekulare Prinzipien
der Inneren Medizin: Aufbruch in
eine neue Ära in Mannheim statt.
Die Hauptthemen sind:
@ Individualisierte Krebstherapie
@ Translationale Forschung
@ Renaissance der Immuntherapie
@ Internistische Intensivmedizin
@ Mikrobiom
@ Palliativmedizin
@ Schmerztherapie und Symptomenkontrolle
@ Altersforschung und Geriatrie
@ Multiresistente Erreger
@ Unterlassen als ärztliche Leistung
@ Versorgung von chronischen,
komplexen Erkrankungen
@ Neue Aspekte zur Adipositas
@ Behandlung struktureller Herzerkrankungen
Abstracts können bis zum
1. Dezember 2014 eingereicht
werden.
Mehr Informationen finden
Interessierte im Internet:
www.dgim2015.de
In den vergangenen Monaten stand die Arbeit
im Vorstand der DGIM im Zeichen mehrerer
aktueller Themen. Ein wesentlicher Bestandteil
der Arbeit ist die zukünftige Gestaltung der Ausund Weiterbildung von Internisten und Studenten. Die DGIM steht gemeinsam mit dem BDI in
einem kontinuierlichen Dialog mit der Bundesärztekammer und verfolgt den derzeitigen Prozess der Weiterentwicklung der Musterweiterbildungsordnung eng und in guter Abstimmung.
Zurzeit wird die Revision dieser Weiterbildungskataloge bei den Landesärztekammern durch
uns beobachtend begleitet.
Konflikte zwischen den einzelnen internistischen Schwerpunktgesellschaften wurden diskutiert und soweit als möglich ausgeräumt. Als
nächster größerer Punkt stehen die Gespräche
mit der Neurologischen Fachgesellschaft an, um
bezüglich der Geriatrie eine einvernehmliche
Lösung zwischen den Neurologen und Internisten zu erreichen.
Ein ähnliches Thema ist die zukünftige Ausbildung der Studenten. Hier soll ein nationaler
kompetenzbasierter Lernzielkatalog Medizin
erstellt werden (NKLM). Die DGIM hat sich hier
stark eingebracht, um eine ausreichende klinische Ausbildung sicherzustellen und eine zu
starke Theorielastigkeit zu verhindern. Dieser
Dialog hält weiter an.
Foto: Fotolia
Die Vorbereitung des nächsten Kongresses der
DGIM im Jahre 2015 ist ein weiterer wesentlicher Punkt der derzeitigen Vorstandsarbeit. Das
Programm ist fertig gestellt. Die Einladungen gehen in diesen Tagen an die Referenten. Der
neue Tagungsort in Mannheim wurde ausführlich inspiziert. Die DGIM ist sicher, dass an diesem Standort ein hervorragender Kongress organisiert werden kann. Dies betrifft sowohl den
wissenschaftlichen Inhalt als auch die vorzüglichen Kongresslokalitäten und auch die Programmgestaltung zum sozialen Austausch an
den Abenden des Kongresses.
Ein weiteres Thema möchte die DGIM in den
kommenden Monaten stärker thematisieren:
Die zunehmende Regulierung von Fortbildungen
und Referenten-Honoraren durch die neuen Kodizes der pharmazeutischen Industrie. Die freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA) ist sicher ein berechtigter und richtiger Schritt. Neu ist jedoch, dass die Daten
über Ärzte publiziert werden sollen, die Zuwendungen jedweder Art im Rahmen von Kooperationen oder Reiseunterstützung von pharmazeutischen Firmen bekommen. Während es unstrittig scheint, dass diese Informationen einer Kontrolle Dritter bedürfen, ist kritisch zu diskutieren, ob diese Informationen der Öffentlichkeit in
jedem einzelnen Fall zugängig gemacht werden
dürfen. Hier steht das Recht auf Privatsphäre im
Konflikt mit dem Wunsch nach Transparenz.
Diese kurze, nicht vollständige Auflistung macht
klar, dass die Arbeit im Vorstand der DGIM intensiv, häufig mit politischen Auswirkungen und
deshalb anspruchsvoll und interessant ist. Ich
freue mich, diese Zeit mit Ihnen gemeinsam gestalten zu dürfen. Für jede Anregung und Unterstützung bin ich in den kommenden Wochen
dankbar.
Prof. Dr. Michael Hallek, Köln
Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft
für Innere Medizin (DGIM)
2
DGIM aktuell 3/2014
DGIM – aktiv
DGIM fordert Neuerungen bei der medizinischen Promotion
Weitere Informationen zu unseren
Kommissionen und Task Forces
finden Sie unter:
www.dgim.de
➔ Über uns
➔ Gremien
➔ Ständige Kommissionen, Task
Mit mehr alsForces
23 000und
Mitgliedern
im Jahr 2014 ist die
Arbeitsgruppen
Rund 80 Prozent der Medizinstudierenden entscheiden sich für eine Doktorarbeit. Trotzdem
suchen die Medizin und vor allem die Innere
Medizin in Deutschland dringend qualifizierten
wissenschaftlichen Nachwuchs. Die DGIM fordert deshalb in einem aktuellen Positionspapier die gezielte Förderung wissenschaftlich
besonders interessierter und begabter Studierender. Die Fachgesellschaft empfiehlt zudem,
den medizinischen Doktorgrad – den Dr. med.
– anders zu strukturieren.
Die DGIM – Wer wir sind, wofür wir uns einsetzen
Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM)
heute die größte medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft in Europa. Seit ihrer Gründung im Jahr
1882 in Wiesbaden vereint sie unter ihrem Dach alle
Nachwuchswissenschaftler
auf dem Gebiet
der Inneren Medizin tätigen Wissengesucht!
schaftler und
Ärzte.
Theodor-Frerichs-Preis
Als gemeinnütziger
Verein fördert die DGIM WissenBewerbungen
den
mit 30000 €
schaft und
Forschung aufum
dem
gesamten
Gebiet der
Inneren Medizin.
SiePreis
versteht
es als
ihren
dotierten
werden
noch
bis Auftrag,
wissenschaftliche
Erkenntnisse
angewandte Heilzum 15. Oktober
2014inangenomkunde zu men.
übertragen. Auf diese Weise lässt sie Fortschritte der Inneren Medizin unmittelbar dem Patienten zugutekommen.
Präventions-Preis 2015
Bewerbungen um den mit 10000 €
Ein internistisches Dach:
Preis
werden
noch bis
Mehr alsdotierten
die Summe
seiner
Teile
zum 15. November 2014 angenomDie DGIMmen.
engagiert sich seit ihrer Gründung für die
Einheit der Inneren Medizin unter angemessener BeMehr
InformationenUnter
finden
tonung der
Subspezialitäten.
dieser Prämisse
integriert Interessierte
sie auf vielfältige
Weise dieunter
internistischen
im Internet
Schwerpunkte
und pflegt den aktiven Austausch mit
www.dgim.de
den wissenschaftlichen
Schwerpunktgesellschaften.
➔ Preise/Ehrungen
Gemäß der (Muster-)Weiterbildungsordnung der
Mehr
als
ein Viertel aller
in
Bundes
ärztekammer
sind Promotionen
Angiologie, EndokrinoloDeutschland
legen angehende
Ärzte ab. DochKargie, Gastroenterologie,
Hämatologie/Onkologie,
diologie,inNephrologie,
und Rheumatogerade
der MedizinPneumologie
eilt dem Doktortitel
der
logie
anerkannte
Schwerpunkte
der
Inneren
Medizin.
Ruf voraus, nur als Aushängeschild für die
PraAls weitere internistische Spezialbereiche versteht
xis zu dienen. Dabei stehe die Promotion in ersdie DGIM Geriatrie, internistische Intensiv- und Notter
Linie alssowie
Nachweis
einer wissenschaftlichen
fallmedizin
Infektiologie.
Befähigung, sagt Professor Dr. med. Frank LamÜber Delegierte
aus der
denKommission
eigenen Reihen
fördert die
mert,
Vorsitzender
WissenDGIM außerdem
die fachlichen und
schaft
und Nachwuchsförderung
derfreundschaftDGIM aus
lichen Beziehungen
zu anderennach
medizinisch-wissenHomburg.
Mit der Forderung
transparenten
schaftlichen Fachgesellschaften und Verbänden im
Kriterien zur Qualitätssicherung an allen mediziIn- und Ausland. Gegenüber staatlichen und kommunalen Behörden und Organisationen der ärztlichen
Selbstverwaltung vertritt sie die Belange der Inneren
Medizin.
Wissenschaft –
die Basis guter Patientenversorgung
Die DGIM sieht es als ihren zentralen Auftrag, Wissenschaft und Forschung auf dem gesamten Gebiet
der Inneren Medizin zu fördern – zum Wohle der
Patienten. Sie unterstützt in diesem Sinne auch den
Eingang aktueller Forschungsergebnisse in die tägliche Versorgung in Klinik und Praxis. Der jährliche
25 000
20 955
21 707
22 201
22 715
23 123
19 777
20 000
17 326
14 668
15 000
18 332
15 685
13 069
11 151
10 000
9 627
5 000
Mitgliederentwicklung
der DGIM 2002–2014
0
2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010
Mitgliederentwicklung der DGIM 2002–2014
2011
2012
2013
2014*
*Stand: 1. Juli 2014
nischen Fakultäten möchte die Fachgesellschaft
die Promotion in ihrem ursprünglichen Sinn stärken. Eine Aufwertung der Promotion gelinge bei5
spielsweise durch regelmäßige Betreuungsgespräche und die verbindliche Aufklärung über
Regeln guter wissenschaftlicher Praxis. In fachübergreifenden Graduiertenkollegs lässt sich die
strukturierte Qualifizierung im Rahmen der Promotion sichern. Denn bisher werden methodische Kenntnisse und die Einführung in klinische
Studien in der universitären Ausbildung noch
immer vernachlässigt, erläutert Lammert. Talentierter Nachwuchs sollte bereits früh im Studium
an Forschungsprojekten teilnehmen können. Nur
so entwickele sich die Fähigkeit zu eigenständigem wissenschaftlichen Arbeiten.
Die DGIM rät außerdem dazu, einen Medizinischen Doktorgrad (M.D.) ohne wissenschaftliche
Promotion zu schaffen. Dieser könnte mit der
Approbation erteilt werden. Der Titel des „Dr.
med.“ als „Ph.D.“-Äquivalent wäre demgegenüber erst nach einer entsprechenden Prüfung
und Abgabe einer eigenständigen
wissenschaftlichen Arbeit zu erlangen. Ausschließlich der „Dr. med.“
ermögliche dann auch die spätere
wissenschaftliche Karriere und die
Berufung auf eine universitäre Professur.
Foto: iStock
Das vollständige Positionspapier
der Kommission WissenschaftNachwuchsförderung finden Sie
hier:
www.dgim.de
➔ Presse/Publikationen
➔ Stellungnahmen/
Positionspapiere/Mitteilungen
DGIM wächst auf 23 000 Mitglieder an
Im Juli begrüßte die Geschäftsstelle der DGIM
das 23 000ste Mitglied. Die Mitgliederzahl der
DGIM als größte medizinisch-wissenschaftliche
Fachgesellschaft Europas hat sich seit 2003
mehr als verdoppelt. In diesem Sinne: Willkommen an alle neuen Mitglieder und ein herzliches
Dankeschön an jene, die der DGIM die Treue
halten. Die Fachgesellschaft hat ihren Mitgliedern viel zu bieten: aktuell etwa die kostenlose
Teilnahme an Kursen der DGIM e.Akademie sowie kontinuierlich neue Angebote wie die Leitlinien-App.
3
DGIM aktuell 3/2014
DGIM – Aktiv Fortsetzung von Seite 3
DGIM im Gespräch: Annabel Seebohm über die Arbeit der
Bundesärztekammer auf EU-Ebene
Rechtsanwältin Annabel
Seebohm setzt sich als Mitarbeiterin in der Rechtsabteilung
und Leiterin des Brüsseler
Büros der Bundesärztekammer
in ihrer täglichen Arbeit mit der
Frage auseinander, wie sich die
Interessen der deutschen Ärzteschaft auf EU-Ebene vertreten
und durchsetzen lassen.
Kontakt:
Bundesärztekammer
Herbert-Lewin-Platz 1
10623 Berlin
Fon +49 30 400 456 370
Fax +49 30 400 456 707
197, rue Belliard, bte 6
1040 Brüssel
Fon +32 2 280 18 17
Fax +32 2 230 81 10
Die Bundesärztekammer ist seit 1996 in Brüssel mit einem Büro präsent und vertritt damit
die deutsche Ärzteschaft am Sitz der Europäischen Union (EU). Zu den Aufgaben des Brüsseler Büros gehört die Vertretung und legislative Begleitung der relevanten gesundheits- und
sozialpolitischen Vorgänge auf europäischer
Ebene. Es pflegt Kontakte zu europäischen
Institutionen. Im Interview mit DGIM aktuell
berichtet Annabel Seebohm von aktuellen
gesundheitspolitischen Themen sowie den
Möglichkeiten und Grenzen der Einflussnahme
auf die europäische Gesundheitspolitik.
In welchen Bereichen unterscheidet sich das
deutsche Gesundheitssystem von dem anderer
Mitgliedsstaaten? Was macht das deutsche
Gesundheitswesen als solches aus?
Seebohm: Das deutsche Gesundheitswesen ist
geprägt von den Prinzipien der Selbstverwaltung und der Freiberuflichkeit. Da es vergleichbare Aufgabenaufteilungen in der Mehrheit der
anderen Mitgliedstaaten so nicht gibt, dürfte
das Bewusstsein auf europäischer Ebene für
Funktionen, Aufgaben und Nutzen bestenfalls
unscharf sein. Gerade die Gemeinwohlbindung,
der die Kammern und Freien Berufe unterliegen,
gilt es immer wieder zu erläutern.
In welchen Bereichen des Gesundheitswesens
liegt die Entscheidungskompetenz in der Hand
der Mitgliedstaaten und wo gibt heute bereits
die Europäische Union den Takt an?
Seebohm: Der Lissabonvertrag – die vertragliche Grundlage für den Staatenverbund Europäische Union – stellt klar, dass bei der Tätigkeit
der EU die Verantwortung der Mitgliedstaaten
für die Festlegung ihrer Gesundheitspolitik sowie für die Organisation des Gesundheitswesens und die medizinische Versorgung zu wahren ist. Die Verantwortung der Mitgliedstaaten
umfasst dabei die Verwaltung des Gesundheitswesens einschließlich der medizinischen Versorgung sowie die Zuweisung der dafür bereitgestellten Mittel. Die Ausübung des Arztberufs
sowie alle Regelungswerke, die das Handeln
des Arztes betreffen, fallen unter die Verwaltung
des Gesundheitswesens und unterliegen damit
der Verantwortung der Mitgliedstaaten.
Die EU kann aber bei gemeinsamen Sicherheitsanliegen – etwa in den Bereichen der Arzneimittel und Medizinprodukte – Maßnahmen zur
Festlegung hoher Qualitäts- und Sicherheitsstandards treffen. Hier waren in den vergangenen drei Jahren gerade die klinischen Prüfungen
und die ausdrückliche Einbeziehung der Ethikkommissionen in den Genehmigungsprozess
ein großes Thema. Im Übrigen hat die Europäische Union im Gesundheitswesen vor allem eine Koordinierungs- und Förderungsfunktion,
beispielsweise bei Pandemien über das European Centre for Disease Prevention and Control
(ECDC).
Für das Gesundheitswesen nicht minder entscheidend ist die sogenannte Binnenmarktkompetenz der EU. Gestützt auf diese Kompetenz
darf sie die erforderlichen Maßnahmen erlassen, um den Binnenmarkt zu verwirklichen, das
heißt Maßnahmen zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten. Auf dieser
Grundlage wurde im Jahr 2011 die Patientenrechterichtlinie verabschiedet, die einen „Spagat“ zwischen Gesundheitswesen und Binnenmarkt vollführt: Auf der einen Seite geht es um
die Verbesserung der Rechte von Patienten, eine medizinische Behandlung im Mitgliedstaat
ihrer Wahl in Anspruch nehmen zu dürfen. Auf
der anderen Seite geht es um den Aufbau von
Netzwerken für elektronische Gesundheitsdienste und HTA sowie die Einrichtung von europäischen Referenznetzwerken. Es liegt dabei nahe,
dass die durch interne Regelungen über Leistungserbringung und ihre Vergütung sowie über
Qualifikations- und Qualitätssicherungssysteme
abgeschotteten Märkte der jeweiligen Systeme
dem freien Austausch von Gesundheitsdienstleistungen hinderlich sind. Der ungehinderte
auch digitale Austausch von Gesundheitsdienstleistungen trägt aber als bedeutender Faktor zur
Erreichung des Ziels „Verwirklichung des Binnenmarktes“ bei. Die genannten Netzwerke
sind dabei ein Hilfsmittel.
Welche Vor- und Nachteile entstehen der deutschen Ärzteschaft durch Vorgaben der EU?
Seebohm: Als große Errungenschaft ist die Verwirklichung der Freizügigkeit durch die Berufsanerkennungsrichtlinie zu nennen, das heißt,
4
DGIM aktuell 3/2014
DGIM – Aktiv Fortsetzung von Seite 4 Annabel Seebohm über die Arbeit der Bundesärztekammer auf EU-Ebene
dass Ärzte über die Anerkennung ihrer Qualifikationsnachweise überall in der EU arbeiten
und sich niederlassen können. Allerdings sind
in der jüngst novellierten Berufsanerkennungsrichtlinie auch nachteilhafte Elemente für die
ärztliche Selbstverwaltung enthalten. So können künftig für bestimmte Bereiche europäische
Curricula in der Weiterbildung an der ärztlichen
Selbstverwaltung vorbei entwickelt und vorgegeben werden.
Welche aktuellen Entwicklungen sind zu nennen, die in Zukunft große Auswirkungen auf
Ärztinnen und Ärzte in Deutschland haben
könnten?
Seebohm: Die auf dem vergangenen Deutschen
Ärztetag vielfach diskutierte Normung von Gesundheitsdienstleistungen kann sich langfristig
auf die Erbringung der ärztlichen Leistung und
auf das Berufsbild auswirken. Auch die europäisch motivierten Vorstöße zur Schaffung neuer
Ausbildungswege (Stichwort: europäische Curricula, s. o.) und neuer Berufsbilder (Stichwort:
healthcare assistants) bieten Potential für die
„Delegation-Substitution-Diskussion“. Die mit
dem zuvor genannten Netzwerk für elektronische Gesundheitsdienste beabsichtigte europaweite Implementierung von interoperablen Anwendungen zu elektronischen Patientenakten
und Verschreibungen sowie der Einsatz auch
von mHealth Apps sind in vollem Gange. Neue
technische Lösungen und die damit verbundene
Generierung von Daten werden für die medizinische Behandlung, für die medizinische Forschung und die Gestaltung der Gesundheitswesen eine noch größere Rolle spielen.
Foto: MEV
Welche langfristigen Entwicklungen sehen Sie
in der europäischen Gesundheitspolitik? Wo
wünschen Sie sich mehr Einheit, wo mehr Individualität?
Seebohm: Ein großes politisches Bestreben besteht darin,
Wirtschaftsstrukturen zu modernisieren und Arbeitsplätze
zu schaffen. Der Gesundheitssektor bietet hier ein großes
„Spielfeld“. Unterschiedliche
Systemansätze dürften bei diesem Bestreben nicht förderlich
sein. Vielmehr dürfte ein Trend
zur Systemangleichung im Gan-
ge sein: Zum einen gibt es bereits Stimmen, die
sagen, dass der Lissabonvertrag nicht in Stein
gemeißelt sei. Zum anderen benötigt die Europäische Kommission als Initiator von Gesetzesvorhaben nicht zwingend eine Änderung der für
das Gesundheitswesen geltenden Kompetenzregel, um ihren Einfluss auf die Gesundheitssysteme der Mitgliedstaaten zu erhöhen. Die Mitgliedstaaten lassen dies bereits freiwillig zu. So
gibt es neben europäisch eingesetzten Expertengremien für Gesundheitssystemfragen auch eine
Verständigung zwischen den Mitgliedstaaten
und der Kommission auf eine Art ex-ante-Koordinierung. Einzelne Mitgliedstaaten übermitteln
auf freiwilliger Basis nationale Reformideen im
Gesundheits- und Pflegebereich an die anderen
Mitgliedstaaten und an die Europäische Kommission. Von diesen erhalten sie Empfehlungen
und bringen diese erst dann in ihre nationalen
Parlamente ein. Ein Trend zur System-angleichung ist wünschenswert für die Anliegen, die
die Sicherheit der Patienten erhöhen, etwa in
der Arzneimittel- und Medizinproduktesicherheit
und im Datenschutz. Diese Anliegen können jedoch mit den in Mitgliedstaaten gut funktionierenden Strukturen kollidieren. Um Ihnen ein Beispiel zu geben: Es ist nicht von Vorteil, wenn etwa die Normung von Gesundheitsdienstleistungen mit dem Argument der Förderung von Patientensicherheit das hiesige Prinzip der Selbstverwaltung verdrängt und leer laufen lässt. Gerade dieses Beispiel hat uns gelehrt, wie wichtig
es ist, sich für den mitgliedstaatlichen und individuellen Ansatz gegenüber der Europäischen
Kommission und anderen Mitgliedstaaten einzusetzen.
Stichwort Ärztemangel in Deutschland: Wie
werden wir für Ärzte anderer europäischer
Mitgliedstaaten attraktiver? Welche Weichen
müssten hier auf europäischer Ebene gestellt
werden?
Seebohm: Gegenfrage: Sollten wir für Ärzte anderer Mitgliedstaaten überhaupt attraktiver werden? Angesichts der schwierigen Situation in einigen Mitgliedstaaten dürfen wir diesen Ländern
ihre Fachkräfte nicht einfach abwerben. Wir sollten in Deutschland Ausbildung und Beruf für die
jetzt Studierenden attraktiv halten, damit sie
künftig gerne im gelernten Beruf in Stadt und
Land arbeiten.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Atomium in Brüssel.
5
DGIM aktuell 3/2014
DGIM – Aktiv Fortsetzung von Seite 5
Versorgungslücke im Impfschutz: Blutvergiftung für Menschen
ohne Milz besonders gefährlich
Die vollständige Pressemitteilung
der DGIM finden Interessierte im
Internet unter www.dgim.de
➔ Presse und Publikationen
➔Pressemeldungen
Foto: Fotolia
In Deutschland leben schätzungsweise mehr
als 80 000 Menschen ohne Milz, etwa 8 000
Milzentfernungen werden jährlich vorgenommen. Fehlt dem Körper dieses Organ der
Immunabwehr, steigt das Risiko einer lebensbedrohlichen Infektion. Dies bestätigt ein aktueller Zwischenbericht einer Studie an 183 deutschen Intensivstationen. Impfungen könnten
dies in den meisten Fällen verhindern. Anlässlich des Welt-Sepsis-Tages weist die DGIM
darauf hin, dass nur 20 Prozent der Menschen
ohne Milz ausreichend geimpft sind.
Jedes Jahr entfernen Ärzte hierzulande etwa
8000 Menschen die Milz. Die meisten Patienten
erholen sich zwar schnell von einer sogenannten Splenektomie, müssen sich jedoch verstärkt
vor Infekten schützen. Dazu gehören Impfungen
gegen Bakterien, die für Menschen ohne Milz
besonders gefährlich sind: Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae. Insbesondere Pneumokokken können bei splenektomierten Patienten schwerste Verläufe von
Lungen- und Hirnhautentzündungen hervorrufen, die überproportional häufig zu einer schweren Sepsis und Kreislauf- und Organversagen
führen. Der Körper reagiert auf die Bakteriengifte mit einer heftigen Entzündungsreaktion. Eine
solche Sepsis kann lebensbedrohlich verlaufen,
am Ende versagen sämtliche Organe.
Professor Dr. med. Winfried Kern, Leiter der Abteilung Infektiologie am Universitätsklinikum
Freiburg und Mitglied der neuen DGIM-Task
Force Infektiologie, leitete die sogenannten
„SPLEEN OFF“-Studie an splenektomierten Patienten. Eine Analyse der Krankenakten von 52
Patienten ohne Milz mit schwerer Sepsis ergab,
dass die meisten von ihnen keinen ausreichenden Impfschutz hatten. Nur neun Prozent waren
in den letzten fünf Jahren gegen Pneumokokken
geimpft worden. Dabei stehen die notwendigen
Impfstoffe seit Jahren zur Verfügung, zudem
sind die Impfungen gegen Meningokokken und
Haemophilus influenzae hoch wirksam und gut
verträglich für Patienten ohne Milz.
Fortbildungsreihe für DGIM-Mitglieder vergünstigt
Der Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, PD Dr. Erhard Siegel, übernimmt zusammen mit dem Kölner Kardiologen PD Dr. Ady
Foto: inside med
Informationen zu den Inhalten,
Referenten und zur Anmeldung
sowie interessante Interviews mit
den Vorsitzenden PD Dr. Erhard
Siegel und PD Dr. Ady Osterspey
finden Sie auf der Internetseite
www.inside-med.de.
Speziell für Hausärzte hat der Deutsche ÄrzteVerlag die Fortbildungsreihe [inside]med ins
Leben gerufen. Am Samstag, dem 8. November
2014 in Berlin präsentieren Experten der Diabetologie und Kardiologie aktuelle Leitlinienneuerungen, relevante Studien und interessante
Kasuistiken. DGIM-Mitglieder erhalten 20 Prozent Rabatt auf die Anmeldegebühr und den
Frühbucherrabatt.
Osterspey den Vorsitz der zwei hochkarätigen
Veranstaltungen. Im Fokus der Fortbildung in
Diabetologie stehen Hyperglykämie, Fettstoffwechsel und Adipositas. In der Kardiologie sind
Hypertonie, koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und Plötzlicher Herztod Schwerpunktthemen. Zentrales Element des [inside]med-Konzepts ist der persönliche Austausch mit einzelnen Referenten. Alle sind langjährige Praktiker
und erfahrene Wissenschaftler auf ihrem Gebiet.
Angemeldete Teilnehmer können ein Einzelgespräch mit einem Referenten ihrer Wahl in einer
separaten Tagungssuite vereinbaren. Darüber
hinaus ermöglichen TED-Abstimmungen und
„Meet the Expert“ nach den Vorträgen eine weitere Möglichkeit der Interaktion zwischen Teilnehmern und Referenten. Das heißt: ausreichend Zeit, um eigene Fälle zu besprechen oder
Vortragsthemen zu vertiefen.
DGIM-Mitglieder erhalten 20 Prozent Rabatt auf
den Normalpreis von 299 Euro. Zusätzlich können sie auch bis zu vier Wochen vor der Veranstaltung vom Frühbucherrabatt profitieren.
Die Vorsitzenden PD Dr. A. Osterspey
und PD Dr. E. Siegel (v.l.)
6
DGIM aktuell 3/2014
DGIM – Aktiv Fortsetzung von Seite 6
Den Bürger schützen – Forschung ermöglichen
Im März 2014 legte das Europäische Parlament
einen Gesetzentwurf für eine DatenschutzGrundverordnung (EU-DSG-VO) vor, um künftig
die datenschutzrechtlichen Vorgaben in Europa
zu vereinheitlichen. Die Technologie- und
Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung e. V. (TMF) positionierte sich
dazu jetzt gemeinsam mit dem Netzwerk der
Koordinierungszentren für Klinische Studien
(KKS) und zahlreichen Wissenschaftsorganisationen in Deutschland, unter anderem auch der
DGIM. In einer Stellungnahme fassten sie die
Position der nicht-kommerziellen medizinischen Forschung zum Gesetzentwurf zusammen.
Danach sei der Datenschutz ein gesamtgesellschaftliches Anliegen in Europa. Dies gelte auch
für Daten von Patienten und Probanden in der
biomedizinischen Forschung. Forscher und Wissenschaftler hätten, so die Verfasser, höchstes
Interesse an einer durchgängigen Sicherung des
Datenschutzes und ethisch vertretbaren Verfahrensweisen. „Denn jeder bekannt werdende Verstoß und Missbrauch erschüttert das Vertrauen
des Bürgers empfindlich und mindert die Bereitschaft zur Teilnahme an medizinischen Forschungsvorhaben.“ Bei der Ausgestaltung des
Gesetzentwurf sei es allerdings gleichermaßen
wichtig, sowohl den Bürger zu schützen als
auch biomedizinische Forschung zu ermögli-
chen. Hierzu müssten die Grundrechte ‚informationelle Selbstbestimmung‘ und ‚Forschungsfreiheit‘ gegeneinander abgewogen werden.
Der vorliegende Gesetzentwurf für den Datenschutz stößt jedoch in Teilen auch auf Kritik der
Wissenschaftsorganisationen. Er würde beispielsweise das Konzept des sogenannten
„broad consent“ gefährden. Dabei handelt es
sich um eine weiter gefasste Einwilligung, die
sich nicht ausschließlich auf vorab genau definierte Forschungszwecke bezieht. Denn gewisse
Fragestellungen künftiger Studien, die auf Infrastrukturen wie Biobanken, Register oder Kohorten zurückgreifen, lassen sich nicht immer vorhersehen, sondern ergeben sich erst durch weiteren Fortschritt in der Forschung. Erst mit diesem breit gefassten Konsens sei es überhaupt
möglich, auch langfristig angelegte innovative
und zukunftsweisende medizinische Forschungsprojekte rechtskonform zu bearbeiten, betonen
die Autoren der Stellungnahme. Dieser „broad
consent“ hat sich nach umfänglicher öffentlicher
Debatte für die biomedizinische Forschung in
Deutschland etabliert. „Eine enger gefasste Einwilligung der Probanden, wie sie der Gesetzesentwurf vorsieht, würde die medizinische Forschung behindern, da vorhandene Daten eventuell nicht zur Verwendung bereitstünden“, so die
Vertreter von TMF, KKS, DGIM und den angeschlossen wissenschaftlichen Organisationen.
Foto: Thieme Verlagsgruppe
Der vollständige Text der
Stellungnahme mit weiteren
Informationen steht im Internet
unter www.tmf-ev.de/News/Stellungnahmen.aspx zum Download
bereit.
7
DGIM aktuell 3/2014
DGIM – Aktiv Fortsetzung von Seite 7
Vom 12. bis 15. November 2014
findet die MEDICA EDUCATION
CONFERENCE statt. Das Programm
sowie aktuelle Infos und Videos zu
den Themen der Konferenz finden
Sie im Internet unter
www.medica.de/mec1
CME
EDUCATION
CONFERENCE
Impressum
Herausgeber:
Deutsche Gesellschaft für
Innere Medizin e. V. (DGIM)
Geschäftsstelle:
Hausanschrift:
Irenenstraße 1, 65189 Wiesbaden
Krankheiten im Verdauungstrakt:
Neue Biomarker verbessern die Behandlung
Zellen, Gene, Moleküle oder deren Teile weisen
in Blut, Speichel, Urin oder Stuhlproben auf
Krankheiten hin. Für die Behandlung von
Darmerkrankungen werden diese sogenannten
Biomarker in den nächsten Jahren immer wichtiger. Denn deren Erforschung und Entwicklung
ermöglicht, dass Labortests Krankheiten des
Darmtrakts noch genauer identifizieren, so
dass Ärzte noch zielgerichteter behandeln können. Nur eines von vielen Themen bei der MEDICA EDUCATION CONFERENCE, die in Zusammenarbeit mit der DGIM in Düsseldorf stattfindet.
Schon heute benutzen Ärzte eine Reihe von Biomarkern, um Krankheiten des Verdauungstraktes gezielt beurteilen zu können. Beispielsweise
der Tumormarker AFP, den Leberkrebszellen ans
Blut abgeben, oder eine Reihe von Antikörpern,
anhand derer Autoimmunkrankheiten der Leber
oder anderer Organe diagnostiziert werden.
Auch der Stuhltest auf Darmkrebs gehört dazu.
Biomarker sind hier die vom Tumor freigesetzten Blutspuren und neuerdings auch Gene. Die
Zahl der Biomarker ist in den letzten Jahren gewachsen. Professor Dr. med. Guido Gerken, Direktor der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie des Universitätsklinikums Essen, erwartet für die Zukunft einen weiteren Anstieg,
denn vor allem molekulare Marker oder genetische Marker würden derzeit untersucht. Beim
Darmkrebs entscheide schon heute Mutationen
im KRAS-Gen darüber, mit welchen Medikamenten die Patienten behandelt werden. Die Behandlung von Magenkrebs hängt laut dem Experten davon ab, ob HER2-Merkmale auf den
Tumorzellen gefunden werden. Für beide
Krebserkrankungen sieht Professor Gerken in
den nächsten Jahren weitere Biomarker voraus.
Mit sogenannten Genchips könnten Wissenschaftler in einem Test die Aktivität tausender
Gene untersuchen. Mit dem „Full Genome Sequencing“ wäre schon bald das Erbgut von Tumoren zu entschlüsseln.
Auch bei den beiden entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa bahnen sich deutliche Fortschritte an. Die Ursache
der Darmentzündungen werde heute in einer
Barrierestörung der Darmschleimhaut gesehen.
Eine Rolle spielen hier sowohl die Darmbakterien als auch die Abwehrlage des Körpers. Beides
könnten Wissenschaftler in Zukunft durch Biomarker untersuchen. „Die Labortests zeigen uns,
ob eine Dysfunktion des angeborenen Immunsystems vorliegt, oder ob es im Darm zur Vermehrung von Krankheitserregern gekommen
ist“, erklärt Professor Gerken. Doch die neuen
Tests sind kostspielig. Professor Gerken sieht eine gesellschaftliche Debatte darüber voraus,
welche Tests für die Patienten und für die Kostenträger noch zuträglich sind. Allzu pessimistisch ist der Experte jedoch nicht. Mit den neuen Tests könne man vorhersagen, für welche Patienten eine Therapie Erfolg versprechend ist
und welchen Patienten unnötige Nebenwirkungen erspart werden könnten. Dadurch könnten
durchaus Kosten in der Therapie eingespart und
gleichzeitig die Belastungen der Patienten vermindert werden.
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