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Nr. 10/2014
Mehr als 30 Rezensionen
aus Blues, Soul, Jazz,
Rock und Americana
Jack Bruce (1943-2014)
• Tom Attah - Royal Southern Brotherhood - 3 Dayz Whizkey - Bob
Dylan - Bruce Springsteen
• Album des Monats: Dr. John - Ske-Dat-De-Dat. The Spirit of Satch
• Bücher: Sonja Voß-Scharfenberg: Eisblumen - Brian Epstein:
Der fünfte Beatle erzählt. Die Autobiografie - Christian Garf: Joe
Cocker. Die Biografie
2
I N H A LT
Anzeige
Wasser-Prawda | Oktober 2014
I N H A LT
3
INHALT
OKTOBER 2014
5
7
Editorial
Auf Tour
Musik
14 Jack Bruce (1943-2014) und das Phänomen
Cream
18 Royal Southern Brotherhood: Liebe und
Frieden werden die Welt Heilen
21 Aus dem Archiv: Zwei Kapitel Musik vom
Ende der Republik
27 3 Dayz Whizkey: Bayern, Blues & Bourbon
31 Zehn Fragen an: Tom Attah
35 Blueskalender
Rezensionen
40 Dr. John – Ske-Dat-De-Dat. The Spirit of
Satch
41 Rezensionen A bis Z
60 Wiederhören
Bücher
61 Sonja Voß-Scharfenberg: Eisblumen
63 Brian Epstein – Der fünfte Beatle erzählt.
Die Autobiografie
65 Christian Graf – Joe Cocker - Die Biografie
Fortsetzungsroman
67 Die Vestalinnen
77 English Articles
Wasser-Prawda | Oktober 2014
4
EDITORIAL
IMPRESSUM
Die Wasser-Prawda ist ein Projekt
des Computerservice Kaufeldt
Greifswald. Das pdf-Magazin
erscheint in der Regel monatlich.
Es wird kostenlos an die registrierten Leser des Online-Magazins
www.wasser-prawda.de verschickt.
Wasser-Prawda Nr. 09/2014
Redaktionsschluss: 25. September
2014
REDAKTION:
Chefredakteur: Raimund Nitzsche
(V.i.S.d.P.)
Redaktion: Mario Bollinger, Bernd
Kreikmann, Matthias Schneider,
Dave Watkins, Darren Weale
Mitarbeiter dieser Ausgabe:
Iain Patience,
Cover-Foto: Jack Bruce 1972
Links: Tom Attah
Rück seite: Roya l Southern
Brotherhood
Die nächste Ausgabe erscheint am
27. November 2014.
Adresse:
Redaktion Wasser-Prawda
c/o wirkstatt
Gützkower Str. 83
17489 Greifswald
Tel.: 03834/535664
redaktion@wasser-prawda.de
Anzeigenabteilung:
marketing@wasser-prawda.de
Wasser-Prawda | Oktober 2014
EDITORIAL
5
EDITORIAL
VON RAIMUND NITZSCHE
Heute wirkt das alles so weit entfernt. Die Freude über
die errungenen Freiheiten ebenso wie die Erinnerung
an die Kraft, die man gemeinsam fand. Heute hockt
man in seinem kleinen Alltag fest und lässt sich von den
Nachrichten nur noch mehr lähmen. Ja, es ist Wahl und warum sollte ich da hin? Das ist eine Frage, die sich
damals nicht stellte. Da empfand man alles als großartige Veränderung, fühlte man sich fast allmächtig.
Es bleibt in diesen Tagen kaum Zeit zum
Erinnern. Zu schockierend sind aktuelle Nachrichten von Krieg und Gewalt
in der Gegenwart. Zu klein scheint
dagegen die eigene Rolle im Herbst vor
25 Jahren. Und doch: Erinnern tut not in
diesen Tagen.
In den späten 80er Jahren war der Blues nicht mehr allein
die Musik der Unangepassten. Punk war wesentlich
direkter, versteckte seine Wut nicht mehr in lyrischen
Feinheiten. Blueser, das waren plötzlich die in ihren
Hippie-Idealen und dem Suff festgefahrenen Oldtimer.
Und heute? Popmusik mit politischem Anspruch ist so
selten wie ein Bluessong in den hohen Positionen der
Hitparaden.
Erinnern an die Zeit, wo man die Angst abgelegt hatte
vor dem System. Erinnern an die Tage, als die Politiker
plötzlich von den Ideen der Straße vor sich her getrieben wurden und ihr Streben nach Machterhalt nur noch
lächerlich wirkte. Erinnern auch an die Kraft der Musik,
die Menschen damals zusammenführte. Gedanken
tauchen wieder auf, die man damals hatte. Etwa daran,
wie man gemeinsam überlegte, wie die Polizisten
darauf reagieren würden, wenn plötzlich zehntausende
Menschen nach dem Konzert von Bruce Springsteen sich
auf den Weg zur Mauer machten anstatt brav zu den
nächsten Bahnhöfen zu laufen. Erinnerungen daran, wie
man heimlich ein paar Abende hintereinander einfach
über die Grenze nach Polen schwamm, ohne sich
um die Scheinwerfer der Grenzposten zu kümmern einfach weil man nach der Sommerhitze die Abkühlung
brauchte. Wie man an manchen Tagen vorsorglich die
Zahnbürste im Jackett mitnahm - vielleicht würde man
sie ja brauchen, wenn die Polizei einen mitnähme.
Vor einigen Jahren habe ich meine Erinnerungen an die
großen Konzerte von Bob Dylan und Bruce Springsteen
im Osten aufgeschrieben und online veröffentlicht.
Beide werden hier mit Bildmaterial ergänzt nochmals
in Erinnerung gerufen.
Über den Sommer stieg der Stapel an neu eingetroffenen
Alben auf gewaltige Höhen. Erst jetzt war mal wieder
genügend Zeit, um diese Neuerscheinungen ordentlich
zu rezensieren. Aber noch ist der Rückstau nicht ganz
aufgelöst …
Hinzu kommen im aktuellen Magazin Interviews
mit Tom Attah und T.G. Copperfield von den bayrischen Bluesrockern 3 Dayz Whizkey, Rezensionen von
Musikbüchern und eine Untersuchung zu Songtexten
bei Royal Southern Brotherhood.
Wasser-Prawda | Oktober 2014
6
TERMINE
Wasser-Prawda | Oktober 2014
TERMINE
Festivals
20. Lucerne Blues Festival
08.-16. November 2014
u.a. mit: Mississippi Heat, Otis Clay, John Nemeth, Trudy Lynn, Cyril Neville, The 44‘s, Sugaray Rayford & Band, Buckwheat Zydeco
6. Volksdorfer Blues Festival
08.11. mit Grits ‚n Gravy, Katie Bradley & Tom
Attah, Hannes Bauer‘s Orchester Gnadenlos
Auf Tour
3 Dayz Whizkey
01.11. Kufstein, Kulturfabrik (A)
06.11. Regensburg, Alte Mälzerei
13.11. Ingolstadt, Diagonal
20.11. Sutzbach-Rosenberg, Kulturbühne Zentralbüro
22.11. Schrobenhausen, Sound Club Herzog
Filmtheater
29.11. Bad Dürkheim, Krähenhöhle
05.12. Straubing, Raven
Abi Wallenstein
06.11. Dreieich, Bürgerhäuser Dreieich
07.11. Mannheim, Mannheimer Bahnhof (Doppelkonzert mit Dave Goodman Band)
08.11. Filderstadt, Filharmonie
14.11. Hamburg, Friedrich-Ebert Halle
15.11. Ratingen, Ratinger Bluesfestival
21.11. Krefeld, Kulturrampe
22.11. Wolfenbüttel, Schloss Wolfenbütte
28.11. Buchholz / Nordheide, Empore
29.11. Drochtersen, Art Cafe Krautsand
30.11. Lauenburg, Altes Schifferhaus
Bad Temper Joe
30.10. Bielefeld, Bürgerwache
10.11. Bielefeld, Spökes
22.11. Hannover, Tante Minchen
7
B.B. & The Blues Shacks
31.10. Braunschweig Brunsviga
05.11. San Francisco Biscuits & Blues
15.11. Göttingen Exil
21.11. Wardenburg Wassermühle
27.11. Wien Bamkraxler (A)
28.11. Frauental Blue Garage (A)
Big Daddy Wilson
05.11. Bielefeld / Kanal 21 TV
07.11. Lenzburg / Baronessa ( CH )
08.11. Bachs / Bluesfestival Bachs ( CH )
13.11. Paris / Trianon ( FR )
14.11. Meaux / Théatre Caravelle ( FR )
15.11. Les Lilas / Le Triton ( FR )
16.11. Ris Orangis / Le Orangis ( FR )
29.11. Amsterdam / North See Jazz Club ( NL )
Blue Note Blues Band
14.11. Alfonso’s/München
15.11. Shamrock/Deggendorf
06.12. Nikolausi im Grammophon/Kolbermoor
07.12. Rosenheimer Christmas Blues ab 14Uhr
13.12. Kulturbühne Hinterhalt/Geretsried
17.01. Campus Bar Bad Aibling/Mietraching
Blues Company
07.11. Nettetal, Burg Bocholt
28.11. Völklingen-Lauterbach, Kath. Pfarrheim
Cologne Blues Club
07.11. Rhede, Blues
12.11. Wien, Reigen Live (A)
13.11 Steyregg. Weissenwolf (A)
14.11 Frauental, Bluegarage (A)
Dana Fuchs
28.10. Bensheim, Musiktheater Rex
20.11, Amstelveen, P60 (NL)
21.11. Mamond-Achel, Bluesnight at Posthoorn
(B)
Wasser-Prawda | Oktober 2014
8
TERMINE
Dani Wilde
15.11. Reichenbach an der Fils, Die Halle
18.11. Luxembourg, The Abbaye
19.11. Fürth, Kofferfabrik
20.11. Wetzlar, Franzis
21.11. Torgau, Kulturbastion
22.11. Reitwein, Heiratsmarkt
25.11. Köln, Yard Club
28.11. Bordesholm, Savoy
29.11. Berlin, Kiste
Danny Bryant
19.11. Braunschweig, Barnaby’s Blues Bar
20.11. Erfurt, Museumskeller
21.11. Berlin, Quasimodo
22.11. Berlin, Quasimodo
23.11. Rheinberg, Schwarzer Adler
25.11. Bremen, Meisenfrei
26.11. Weinheim, Café Central
27.11. Wuppertal, Bürgerbahnhof
28.11. Hamburg, Downtown Bluesclub
29.11. Kiel, Räucherei
Engerling
31.10. Gotha, The Londoner
01.11. Neißemünde, Kajüte Ratzdorf
07.11 Rostock, Pumpe
09.11.Potsdam, Lindenpark (Engerling, Pankow,
Heinz Rudolf Kunze, Ulla Meinecke Band, Die
Zöllner im Duo Infernale)
14.11. Dessau, Raststätte Sonnenkeppe
15.11. Cantdorf, Gasthof Zur Linde
22.11. Auerbach, Göltzschtalgallerie Nicolaikirche
(Engerling, Monokel Kraftblues)
29.11. Braunsbedra, Fabrik
Georg Schroeter & Marc Breitfelder
31.10. Schönkirchen, Schmidt-Haus
01.11. Schloss Weesenstein
08.11. Dresden, Boulevardtheater (Jazztage
Dresden)
Wasser-Prawda | Oktober 2014
10.11. Wien, Reigen Live (A)
29.11. Eckernförde, Spieker
Greyhound George
09.11. Herford, Haus der Jugend - Solo
10.11. Bielefeld, Spökes (m. Bad Temper Joe)
13.11. BI-Ummeln, JVA
20.11. Bielefeld, Spökes (m. Thomas Feldmann)
22.11. Hannover, Tante Minchen
28.11. Bielefeld, c.ult chamber unlimited – m.
BBP und Ian Andrews
Hamburg Blues Band
28.11. Vechta „Gulfhaus“
29.11. Rostock „Pumpe“
04.12. Aschaffenburg „Colos Saal“
05.12. Dresden „Tante Ju“
06.12. Dortmund „Piano“
Henning Pertiet
31.10. Berlin-Köpenick, Ratskeller (mit Gottfried
Böttger, Micha Maas)
01.11. Jüterbog, Jüterboogie (mit Gottfried Böttger, Micha Maas, Henry Heggen)
02.11. Berlin Köpenick, Ratskeller Boogie Session
mit Gottfried Böttger, Micha Maass
16.11. Oldenburg, Brauhaus
21.11. Bremen, Haus im Park (mit: Axel Zwingenberger)
Hundred Seventy Split
07.11. Dortmund, Blue Notez
08.11. Glems-Methingen Kulturkneipe Hirsch
12.11. Hamburg, Downtown Blues Club
14.11. Kelheim
15.11. Freudenburg, Ducsaal
17.11. Olching, Legends Of Rock
Jessy Martens & Band
30.10. Münchwilen, Blues Fabrik Dance Inn
(CH)
31.10. Pratteln, Z7 Konzertfabrik (CH)
01.11. Sins, Seiserkurve (CH)
13.11. Bielefeld, Gala
TERMINE
14. 11. Wetzlar, Kulturzentrum Franzis
15. 11. Lößnitz OT Affalter, Gasthof Zur Linde
24.11. Hamburg, Downtown Blues Club
Jimmy Reiter
29.10. Hamburg, Downtown Blues Club
11.11. Emmendingen, Mehlsack
12.11. Kandern, Chabah
14.11. Stuttgart, Laboratorium
15.11. Saarbrücken, Saarländisches Bluesfestival
22.11. Sikeborg, Rampelys (DK)
29.11. Cuxhaven, Captain Ahab‘s
John Nemeth
31.10. Hannover, Hannover Jazz Club
01.11. Horsens, Kulisselageret (DK)
07.11. Hildesheim, Bischofsmühle
08.11. Frederikshavn, Blues Festival (DK)
12./13.11. Luzern, Blues Festival (CH)
15.11. Sumperk, Blues Alive Festival (CZ)
Jürgen Kerth
08.11. Lübbenau
Kai Strauss & The Electric Blues Allstars
12.11. Schneverdingen
29.11. Scherzingen, Bäckerstübli (CH)
01.12. Schopfheim, Waldhaus
Klaus Major Heuser Band
31.10. Freiburg, Wodan Halle
06.11. Großbottwar, Alte Kelter
07.11. Stuttgart, Laboratorium
08.11. Freudenburg, Ducsaal
13.11. Ratingen, Stadttheater
14.11. Übach Palenberg, Rockfabrik
20.11. Köln, Gloria
22.11. Leverkusen, Scala
29.11. Münster, Hot Jazz Club
04.12. Gelsenkirchen, Kaue
Marius Tilly Band
31.10. Oldenburg, Headcrash
9
01.11. Cuxhaven, Janja‘s Bar
07.11. Vlotho, Kulturfabrik
08.11. Grend, Kulturzentrum (Session Opener)
14.11. Quickborn, Kamphuis
15.11. Fehmarn, Kulturlabor
20.11. Erlangen, Strohalm
21.11. Mosbach, Vierzehn
28.11. Freudenburg, Ducsaal (Doppelkonzert mit
Michael van Merwyk)
Michael van Merwyk & Bluesoul
31.10. Bielefeld, c‘ult chamber
01.11. Strabourg - au Camionneur
02.11. Warburg - Kulturforum
10.11.-16.11. Dozzler & MvM Tour
22.11. Blomberger Songfestival
27.11. Krefeld - Kulturrampe
28.11. Freudenburg, Ducsaal
29.11. Hückeswagen, Kulturhaus Zach
03.12. Lengerich, Gempthalle
05.12. Detmold, Kaiserkeller
Mike Zito & Samantha Fish
15.11. Berlin, Quasimodo
16.11. Sumperk, Blues Alive Festival (CZ)
18.11. Bonn, Harmonie
19.12. Lindewerra, Gemeindesaal
20.11. Bensheim, Rex
21.11. Basel, Volkshaus (CH)
22.11. Hannover, Blues Garage
Pass Over Blues
29.11. Wurzen, Puls Eventclub
Reverend Rusty
31.10. Postbauer-Heng. KiSH
07.11. Haiming, Gewölbe
08.11. München, Antons
09.11. Altdorf, Jimmy‘s Cafe
Speiches Monokel
31.10. Arnstadt, Rockjungfer
01.11. Landsberg, Zum Löwen
Wasser-Prawda | Oktober 2014
10
TERMINE
07.11. Leipzig, Tonellis
08.11. Hainichen, Ratskeller
09.11. Zepernick, Studio 7
14.11. Rostock, Ursprung
15.11. Salzwedel, Hanseat
21.11. Bad Muskau, Turmvilla
28.11. Mühlhausen, Ratskeller
29.11. Neustadt Orla, Wotufa / Kunden Blues
Nacht
The Double Vision
01.11. Bordesholm, Savoy
14.11. Falkensee, Rock im Zelt
22.11. Heuthen, Schwarzer Peter
29.11. Döbeln, KL17
The Dynamite Daze
14.11. Grenchen, Musigbar (CH)
15.11. Ravensburg, Zehntscheuer
16.11. Singen, Exil
Timo Gross
29.10. Strasbourg, Au Camioneur (F)
31.10. Neustadt/Weinstrasse, Jazzclub
01.11. Wissembourg, La Nef (F)
7.11. Leipzig, Unterrock
19.11. CH-Schaff hausen, Dolder 2
20.11. CH- Interlaken,Brasserie
21.11. CH-Luzern, Tschuppi´s Wonderbar
22.11. Nürtingen, Kuckucksei
27.11. F-Strasbourg Au Camioneur
28.11. Rhede, New Orleans
Clubs
Barnaby‘s Blues Bar
Braunschweig
01.11. Neal Black & The Healers
08.11. Hot n Nasty
10.11. The Black Marbles
14.11. Norman Beaker Band
15.11. Second Service
Wasser-Prawda | Oktober 2014
19.11. Danny Bryant
22.11. The Wild Mavericks & the Blue Flames
Bielefelder Jazzclub
31.10. Worried Men Skiffle Group
07.11. Nicole Jo & Band
14.11. Kat Baloun & The Boogie Kings
21.11. Tommy Schneller Band
28.11. Simply Soleil
Bischofsmühle
Hildesheim
07.11. John Nemeth
14.11. The Henry Girls
21.11. Martin Kohlstedt
28.11. Hiss
Blues im Bahnhof
Bahnhof Mannheim. Eintritt frei.
07.11. Abi Wallenstein, Dave Goodman, Oliver
Spanuth, Steve Baker
Bluesgarage
Hannover Isernhagen
30.10. Kofi Bakers Cream Experience
31.10. Dan Baird & Homemade Sin
01.11. Budda Power Blues
02.11. Chris Jagger‘s Acoustic Roots
06.11. American Cajun, Blues & Zydeco Festival
08.11. Eric Sardinas & Big Motor
09.11. Madison Violet
13.11. Roachford
14.11. Chris Kramer „Unplugged Blues Night“
15.11. Greg Copeland Band
19.11. Feedback Revival
21.11. The Pineapple Thief
22.11. Mike Zito & Samantha fish
28.11. Ray Wilson & Stiltskin
ChaBah
Kandern
TERMINE
29.10. Bobby Jones meets Franck
Goldwasser Band
05.11. Joe Filisko & Eric Noden
08.11. Acoustic Affinity
12.11. Jimmy Reiter Band
19.11. Blues Eaters
26.11. Fred and the Healers
Cotton Club Hamburg
29.10. One Trick Pony
01.11. Second Life Bluesband
03.11. Yellow Moon
09.11. Le Clou (Frühschoppen!)
10.11. Jo Bohnsack & Freunde
13.11. Lat Baloun‘s Blues & Boogie Kings
17.11. After Midnight
24.11. Jan Fischer‘s Blues Buddies
Downtown Bluesclub
Hamburg
29.10. Jimmy Reiter Band
05.11. Eric Sardinas
07.11. AMERICAN CAJUN, BLUES & ZYDECO FESTIVAL
10.11. Kenny Wayne Shepherd
12.11. HSS
14.11. Randy Hansen
19.11. Dan Baird & Homemade Sin
21.11. We Are Tony
22.11. The Black Devils
24.11. Jessy Martens & Band
26.11. Eric Steckel
28.11. Danny Bryant
Extra Blues Bar
Bielefeld
05.11. The Black Lung
15.11. Kris Pohlmann
23.11. Kozmic Blue
30.11. Freeborn Brothers und Urban Pioneers
11
Harmonie
Bonn
01.11. SCHRADER@PARISI
02.11. REINHOLD BECKMANN & BAND
04.11. ERIC SARDINAS
05.11. LAYLA ZOE (Vorprogramm: BAUM‘s
BLUESBENDERS)
10.11. CHLOE CHARLES
13.11. WERNER LÄMMERHIRT
14.11. COLOSSEUM (im Brückenforum!)
15.11. HANDMADE
16.11. SIMPLY SOLEIL feat. SOLEIL NIKLASSON
17.11. EZIO
18.11. MIKE ZITO & SAMANTHA FISH
19.11. GREGOR HILDEN BAND feat. JOHNNY ROGERS
20.11. GURU GURU
21.11. BONAFIDE
22.11. JULIAN SAS
23.11. HABIB KOITÉ & BAND
26.11. AXEL ZWINGENBERGER
Herzog Ernst
Celle
29.10. Chantel McGregors
05.11. Neal Black & The Healers
Kulturbastion Torgau
30.10. Eric Sardinas & Big Motor
08.11. Transit
09.11. Randy Hansen & Band
13.11. Carvin Jones Band
21.11. Dani Wilde
Kulturspeicher
(Bergstraße, Ueckermünde)
01.11. Stellmäcke & Müller
08.11. By 50 Fingers
15.11. Tempi Passati
29.11. Bastian Semm
Wasser-Prawda | Oktober 2014
12
TERMINE
Laboratorium
Stuttgart
01.11. Christoph Neuhaus Trio | Moritz von Woellwarth: Abstrakt Orchester feat. Ack van Rooyen
02.11. Kieran Halpin Trio
06.11 Adria
07.11. Klaus „Major“ Heuser Band
08.11. Hank Shizzoe Trio
13.11. Klezzmates
14.11. Jimmy Reiter Band
21.11. Kummerbuben
22.11. Brian
28.11. Dr. Mablues & The Detail Horns
29.11. Dr. Mablues & The Detail Horns
30.11. Deadman
Löwenherz/Late Night Blues
Loev Hotel Binz/Rügen
08.11. The Les Clöchards
15.11. Klara
22.11. Rag Doll (Katharina von Treptow, Amy
Zapf, Micha Winkler, Micha Maass)
29.11. Jindrich Staidel Combo
Meisenfrei
Bremen Hankenstr.
28.10. Kofi Baker‘s Cream Experience
29.10. Neal Black & The Healers
30.10. Snakewater
04.11. Randy Hansen Band
05.11. Errorhead
06.11. Franck Goldwasser / Karl W. Davis
07.11. Double-O-Soul
10.11. Grandmothers Of Invention
11.11. Wild Adriatic
12.11. Carvin Jones Band
25.11. Danny Bryant
Music Hall Worpswede
01.11. Michael Schenker
06.11. The Gloaming
07.11. Irish Folk Festival
Wasser-Prawda | Oktober 2014
08.11. Colosseum
13.11. Youn Sun Nah & Ulf Wakenius
14.11. Klaus Doldinger‘s Passport & Max Mutzke
15.11. Luxuslärm
20.11. Bela B & Smokestack Lightnin
21./22.11. Torfrock
26.11. Dominique Horwitz
27.11. Habib Koite
Minchens Live Music Club
Hannover
01.11. YSB Company
07.11. PaPa & The Hot Iron Boys
08.11. Conrad Miller Band
15.11. Shine (Rock Show Unplugged)
21.11. The Ages
22.11. 2. Acoustic Blues Night (Resowoodz, Greyhound George & Andy Grünert, Bad Temper Joe)
29.11. Cat7
Musiktheater Piano
Dortmund
29.10. Beans On Toast
02.11. American Cajun, Blues & Zydeco Festival
03.11. Kenny Wayne Shepherd
06.11. Dewolff
09.11. Layla Zoe
13.11. Philip Sayce & Band
14.11. Los Placebos
15.11. Peter Pankas Jane
20.11. Roachford
22.11. Ana Popovic
Musiktheater Rex
Bensheim
28.10. Dana Fuchs
30.10. Hattler
31.10. Jutta Weinhold Band
11.11. Madison Violet & Band
19.11. Dikanda
20.11. Mike Zito & Samantha Fish
TERMINE
21.11. Martin Barre
27.11. Ana Popovic
29.12. Blues Rudy & Peter Schmidt
feat. Tina Tandler
O‘ Man River
Topos
Friedensstraße 27, Ostseebad Heringsdorf
31.10. Frank Plagge
07.11. Peter Schmidt
14.11. Eric Lenz
21.11. Catfish
28.11. Peer Orxon
Leverkusen
05.11. Erja Lyytinen
06.11. Claude Bourbon
07.11. Milan Svoboda Quartett
08.11. Sam Jones & Trio
10.11. Thanks
11.11. Chantel McGregor Band
12.11. Stephan Langenberg & ‚Around Tango‘
13.11. ROMAN BABIK URBAN WEDDING
BAND
14.11. Get the Cat
15.11. Bad Penny
21.11. Odessa-Projekt
27.11. David Zernack triff t Susanne Riemer Quartett
Quasimodo
Berlin
30.10. Popa Chubby & Band
31.10. Layla Zoe & Band
01./02.11. Mother‘s Finest
07.11. ERIC SARDINAS
08.11. RANDY HANSEN
10.11. JULIA BIEL
12.11. SHAI MAESTRO TRIO
14.11. OTIS TAYLOR
15.11. MIKE ZITO & SAMANTHA FISH
20.11. ERRORHEAD
21/22.11. DANNY BRYANT
Savoy Bordesholm
31.10. Madison Violet
07.11. Marcel Schaie und Band
14.11. Roachford
22.11. Kieran Goss
28.11. Dani Wilde
05.12. ANDERHUB
16.12. Stoppok solo
Tante JU Dresden
31.10. Neal Black
14.11. Pankow
15.11. Dekadance
18.11. The Grand Mothers of Invention
Tina Tandler Club
Jazz und Blues in Zingst
22.11. Black Patti
13
Troisdorfer Bluesclub
Realschule Heimbachstrasse 10, Troisdorf
21.11. Back On the Road
19.12. X-Mas Special
25.01. Baum‘s Bluesbenders
Yorkschlösschen
Yorkstr. 15, Berlin
01.11. Mad Dogs
02.11. Erich Absagens Belle Alliance
05.11. The Boogie Rockets
07.11. The Savoy Satellites
08.11. The Goodnight Circus
09.11. Whatever Rita Wants
12.11. Waldi Weiz Band
14.11. Smooth Box
15.11. Bayou Alligators
16.11. Ulrike Haller & Loomis Green
19.11. Revelation Blues Band
21.11. Hattie St. John Band
22.11. Bruno de Sanctis & Jakkle!
26.11. Jan Hirtes Blues Explosion
Wasser-Prawda | Oktober 2014
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MUSIK
J ACK B R U C E ( 1 9 4 3 - 2 0 1 4 )
UN D D A S P H Ä N O ME N CR E AM
Schon vor der Gründung der
Supergroup Cream galt Jack Bruce
als bester Bassist in Großbritannien.
Gemeinsam mit Eric Clapton und
Ginger Baker allerdings gelangte
er zu Weltruhm und an die Spitzen
der Hitparaden, ein Erfolg, an den
er trotz unermüdlicher Arbeit
Wasser-Prawda | Oktober 2014
seither nie wieder anknüpfen
konnte und wollte. Am 25. Oktober
2014 starb er an Leberversagen.
Von Raimund Nitzsche.*
Die Zahl der Basser-Witze ist Legion. Doch niemals
würde sich jemand getraut haben, die auch auf Jack Bruce
zu beziehen. Lange Zeit galt er als einziger Maßstab für
*
Unter Verwendung eines älteren Artikels über die Band
Cream auf www.wasser-prawda.de
MUSIK
die Möglichkeiten dieses Instruments in Blues, Rock
und Jazz. An seinem Spiel konnte man exemplarisch studieren, wie stark das eigentliche Rhythmusinstrument
nicht nur den Groove, sondern den kompletten Sound
einer Band prägen kann. Auch als Komponist setztte
der 1943 geborene Musiker Maßstäbe. Schon bei Cream
wurden die Grenzen des traditionelleren Bluesrock von
Anfang an aufgelöst und die Musik um eine gehörige
Dosis Psychedelic und Jazz erweitert. Er war bei Cream
für einen Großteil der Songsverantwortlich, von „White
Room“ über „Politician“ bis hin zu „Sunshine of Your
Love“.
Drei Musiker, die anerkannter maßen die besten auf
ihren jeweiligen Instrumenten waren, taten sich zusammen und brachten in der kurzen Zeit des Bestehens ihrer
Gruppe einen ganz neuen Sound im Blues-basierten
Rock hervor.
Ginger Baker war dabei, sich als Drummer in der
Londoner Jazz Szene einen Namen zu machen. Jack
Bruce hatte bereits ein klassisches Studium als Cellist
an der Royal Scottish Academy Of Music in Glasgow
hinter sich gebracht, als er Dick Heckstall-Smith und
Ginger Baker beim Johnny Burch Octet begegnete. Bei
Alexis Korner und dessen Blues Incorparated spielten sie
mit einer weiteren Größe des britischen Jazz, Graham
Bond. Als dieser seine Graham Bond Organisation ins
Leben rief, holte er sich Ginger Baker, Jack Bruce und
Dick Heckstall-Smith als Mitspieler. Nach zwei Alben,
verließ Jack Bruce die Graham Bond Organisation und
schloss sich John Mayall und seinen Bluesbreakers an.
Hier lernte er Eric Clapton kennen.
Doch Jack Bruce wollte endlich Geld verdienen, Mayall
war kein lukrativer Arbeitgeber, und so verkaufte er
sich an Manfred Mann, der damals regelmäßige SingleHits hatte. Zur gleichen Zeit hatte Ginger Baker nicht
mehr die Absicht, bei der Graham Bond Organisation
zu bleiben. Er hörte von Eric Clapton und besuchte
einige Konzerte von John Mayalls Bluesbreakers. Eric
Clapton und Ginger Baker freundeten sich an und als
Ginger Baker Eric Clapton von seinem Plan erzählte, war
dieser sofort bereit einzusteigen. Allerdings verknüpfte
er es mit einer Bedingung: Jack Bruce sollte der Bassist
sein. Ginger Baker und Jack Bruce waren nie große
Freunde gewesen, es war eher das Gegenteil der Fall.
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Ginger Baker war daher nicht sehr begeistert von der
Bedingung, wollte aber unbedingt die Zusammenarbeit
mit Eric Clapton. Er erklärte sich bereit, mit Jack Bruce
Kontakt aufzunehmen und Jack Bruce war sofort einverstanden, wahrscheinlich reichte es ihm bei Manfred
Mann.
Musikalisch passten die Drei zusammen wie kaum
eine andere Band in der Rockgeschichte. Menschlich
dagegen kam es immer wieder zu Streitereien zwischen
Baker und Bruce. Cream sollte die Band des Ginger
Bakers sein, aber im Vordergrund standen die beiden
anderen. Eric Clapton mit seiner Gitarre und Jack Bruce
als Sänger und Komponist. Alle drei waren Bluesfans,
aber gerade Jack Bruce und Ginger Baker wollten
nicht in die Fußstapfen der in dieser Zeit erfolgreichen
Fleetwood Mac und John Mayalls treten. Man befand
sich auf dem Höhepunkt des britischen Bluesbooms.
Der „traditionelle“ Blues lag ihrer Meinung nach daher
schon in besten Händen. Sie hielten sich nicht an die
Konventionen und setzten Songs wie „Spoonful“, „Four
Until Late“, „Rollin And Tumblin“ oder „I‘m So Glad“
einen eigenen Sound auf. Im Juli 1966 traten sie als
Cream beim Windsor Jazz & Blues Festival auf. In der
Tasche einige eigene und dann noch ein paar Blues
Songs, wurden sie vom Publikum gefeiert.
Cream war jetzt bereit Rockgeschichte zu schreiben: ein
berühmter Gitarrist, ein genialer Drummer, ein einfallsreicher Bassist, der auch noch eine gute Stimme hatte,
mit Pete Brown ein Poet als Texter: es war alles vorhanden. Die erste Single „Wrapping Paper“ kam bis auf
Platz 43 der britischen Charts. Der nächste Song „I Feel
Free“ war bereits eine Zusammenarbeit von Pete Brown
und Jack Bruce.
Dem Lied gelang der Sprung auf Rang 11 und der Song
hielt sich drei Monate in den Charts. Fresh Cream
wurde als erstes Album im Dezember 1966 auf den
Markt gebracht. Eine gute Zeit: vor Weihnachten lag
das Album auf Rang 6 der LP Charts. Cream war
immer eine Live-Band. Die von Robert Stigwood organisierten Gigs fanden in den gleichen Clubs statt, wo
Ginger Baker und Jack Bruce bereits mit der Graham
Bond Organisation ihre Auftritte hatten. Es gab allerdings einen gewaltigen Unterschied: die Graham Bond
Organisation spielte in gut gefüllten Lokalen, bei Cream
Wasser-Prawda | Oktober 2014
16
MUSIK
waren die gleichen Clubs überfüllt.
Viele Fans mussten vor den Türen
bleiben.
1967 kam es zur ersten Tour in den
USA. „Fresh Cream“ erschien in
den USA auf Atco und wurde auch
hier ein Erfolg. Stigwood vermittelte Cream an Atlantic Records
und somit an Ahmet Ertegun. Im
Atlantic Studio in Manhattan wurde
mit dem Toningenieur Tom Dowd
„Disraeli Gears“ aufgenommen.
Gast im Studio war Felix Pappalardi.
Ertegun und Pappalardi waren der
Meinung, Eric Clapton sollte der
Frontmann und Sänger der Cream
sein. Pappalardi nahm einige Demos
von Clapton mit nach Hause und
komponierte und textete „Strange
Brew“ für Eric Clapton als Sänger.
Ertegun entschied, „Strange Brew“
müsse die nächste Single der Cream
für den amerikanischen Markt sein.
Ginger Baker und Eric Clapton
waren von der Zusammenarbeit mit
Felix Pappalardi begeistert und verpflichteten ihn als Produzenten des
Albums.
Bei den Arbeiten zu „Disraeli
Gears“ kamen Cream mit Musikern
und Helfern von Atlantic Records
zusammen. Booker T. & The MG‘s
und Otis Redding hörten bei den
Aufnahmen zu „Sunshine Of
Your Love“ zu, und Martin Sharp,
der auch mit Eric Clapton „Tales
Of Brave Ulysses“ komponierte,
gestaltete das Cover. Der Erfolg
von „Sunshine Of Your Love“ war
umwerfend. Die Platte gehörte zu
den bestverkauften Singles in der
Geschichte von Atlantic Records.
Nach der Fertigstellung von „Disraeli
Gears“ ging es weiter auf US-Tour.
Im Fillmore verlangte das Publikum
nach längeren Improvisationen.
Cream gefiel das und sie jammten
drauflos. Bald hatten sie sich mit den
ausgeweiteten Improvisationen einen
Namen gemacht. Im Juni 1968 ging
es wieder in das Atlantic Studio um
„Wheels Of Fire“ aufzunehmen. Die
Atmosphäre zwischen den Musikern
war diesmal eine andere. Es kam zu
offenen Streitereien.
„Wheels Of Fire“ sollte beide Seiten
der Band zeigen, Live und Studio.
Für die Live Platte wurde das Solo
von Ginger Baker „Toad“ aus dem
Fillmore genommen und drei Titel
aus dem Winterland. Der Text auf
dem Cover ist in dieser Beziehung
nicht ganz korrekt. Der erste Track
„White Room“ sollte an Jimi Hendrix
erinnern. Felix Pappalardi steuerte
hier den Geigenpart dazu. Ginger
Baker und Eric Clapton wollten sich
Wasser-Prawda | Oktober 2014
als Komponisten auf der „Wheels
Of Fire“ verewigen, aber irgendwie
schafften sie es nicht zu guten Songs.
Auch die Hilfe von Pete Brown
brachte nichts. Pete Brown erzählte
später, die Chemie passte irgendwie
nicht. Ginger Baker arbeitete stattdessen mit Mike Taylor zusammen.
„Wheels Of Fire“ wurde auf
Anhieb erfolgreich und verhalf
sogar den Vorgängeralben zu neuen
Rekordeinnahmen. „Fresh Cream“
und „Disraeli Gears“ kamen zurück
in die Charts.
Die Probleme begannen während der
Gigs. Ginger Baker und Jack Bruce
hatten sich nie richtig verstanden
und jetzt ging es auf monatelange
Touren. Von ihrer Musik entfernten
sie sich immer mehr. Statt der kurzen
einprägsamen Songs ihrer Alben
folgten endlose Improvisationen.
Das Ende kam immer näher. Nach
MUSIK
einem Gig in Texas beschlossen Cream die Auflösung. Es ging
nach London und mit Pappalardi
als Produzent entstand „Goodbye“,
wieder eine Mischung aus Live- und
Studioaufnahmen. Live wurde für
die BBC in der Londoner Royal
Albert Hall ein Abschiedskonzert
aufgenommen. Drei Tracks stammen
von diesem Konzert. Danach heuerte
Jack Bruce seine alten Freunde
aus den Tagen der Graham Bond
Organisation an, Jon Hiseman und
Dick Heckstall-Smith, verpflichtete diverse Gitarristen wie John
McLaughlin oder Chris Spedding
und führte die Partnerschaft mit
Pete Brown weiter. In dieser Zeit
entstanden die Alben „Songs For A
Taylor“ und „Things We Like“.
Ginger Baker und Eric Clapton
nahmen Steve Winwood von Traffic
und holten sich den Bassisten Rick
Grech, um „Blind Faith“ zu gründen.
Nach dem Ende von Cream veröffentlichte Bruce sein erstes Soloalbum „Songs for a Tailor“. Bis
2014 erschienen 14 Alben unter
seinem Namen. Später spielte er
ebenso mit Frank Zappa wie mit
Lou Reed zusammen, versuchte
mit Gary Moore einen kläglichen
Neuaufguss von Cream als BBM
und war Mitglied in Ringo Starrs
All Star Band.
Als Cream 2005 ein Konzert in der
Royal Albert Hall gab, war das nicht
der Start eines Comebacks. Denn
17
die alten Probleme zwischen den
Musikern waren unter der Oberfläche
noch immer vorhanden. Bruce hatte
nach einer Krebsdiagnose 2003 eine
Lebertransplantation erhalten. Jetzt
versagte das Spenderorgan.
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MUSIK
ROYAL SOUTHER N B R OT HE R HOOD :
L I EBE UND FRIE D E N W E R D E N
D IE WE LT HE ILEN
VON GARY BURNETT
Wasser-Prawda | Oktober 2014
MUSIK
„HeartBloodSoul“, das 2014 erschienene Album der ist bemerkenswert optimistisch und inspirierend. Hervorragende Gitarrenarbeit
und schöne Harmonien prägen das
gesamte Album, das funky und
voller guter Songs ist. Hier gibt es
eine Menge Hoffnung, auch wenn
die Jungs sich nicht so geben, als
würden sie den Lauf der Welt an sich
ablehnen. Der Eröffnungssong, Cyril
Neville‘s „World Blues“ spricht von
dem Gefühl. dass sich beim Schauen
der Nachrichten einstellt, dass
Hoffnung außerhalb der Reichweite.
So fühlen sich wahrscheinlich die
meisten von uns, besonders seit
wir kürzlich mit Entsetzen die
Horrortaten des Islamischen Staates
in Syrien und Irak sehen mussten,
den Schmerz der Unschuldigen in
Gaza und die Not der Hungernden
im Südsudan. Die schiere Brutalität
von menschlichen Wesen gegen
andere Menschen und das massive
Ausmaß der Probleme ruft bei uns
einfach das Gefühl hervor, dass die
Hoffnung außer Reichweite ist.
„World Blues is running through my
veins“ – das triff t es ziemlich genau.
Aber ich mag den Optimismus,
diesen Anklang der Hoffnung
in diesem Lied, das von einer
tollen Slide-Gitarre vorangetrieben wird: „We can rise above this
pain“ wenn wir erkennen, dass wir
alle Verantwortung tragen für den
Zustand der Welt.
“Rise up brothers and sisters…
can we all get together and
break free from these chains?”
Diese Vorstellung, dass alle eine
Rolle spielen bei der Veränderung,
hört man auch in Mike Zitos eindringlichem „Takes a Village“,
das sich auf das alte afrikanische
Sprichwort beruft, dass man ein
ganzes Dorf braucht, um ein Kind
aufzuziehen.
“Too many evils in this world
to leave them to the wild, It
takes a village to raise the
child.”
Tr o t z d e s g r a s s i e r e n d e n
Individualismus in Europa und
den USA, dem Druck, immer
mehr zu konsumieren und unsere
Besitzstände zu verteidigen, sind
wir doch alle miteinander verbunden, wir brauchen einander und
Gemeinschaften sind wichtig. Es
braucht mehr als eine Person oder ein
Paar, um ein Kind groß zu ziehen.
Und ich liebe Charlie Wootens Song
auf dem Album: „Love and Peace“.
Der Text besteht einfach aus sieben
Worten, die immer wieder wiederholt werden: „Love and peace will
heal the world.“ Heutzutage ist das
keine wirklich beliebte Botschaft.
Wir schützen unsere Lebensweise
sehr eifrig mit einem militiärischindustriellen Komplex, der tief in
unserer Gesellschaft und unserer
Psyche eingebettet ist. Wir haben
haben uns tief an den Mythos der
erlösenden Gewalt verkauft. Aber
wie hat Gandhi einst gesagt: Auge
um Auge hinterlässt nur Blinde in
der Welt.“
19
des christlichen Evangeliums. Jesus
spricht die Friedensstifter selig, die
Barmherzigen und diejenigen, die
wegen der Gerechtigkeit verfolgt
werden und sagt seinen Jüngern,
sie sollten ihre Feinde lieben. Und
der neutestamentliche Autor Paulus
schreibt den gefährdeten Christen in
Rom, sie sollten den Frieden anstreben, nicht Böses mit Bösem zu vergelten und diejenigen zu segnen, die
einen verfolgen. Ja, die Welt ist ein
komplizierter Ort, ja, es gibt Fragen,
wie man die Gefährdeten schützen
kann, und wie wir mit dem puren
aggressiven Bösen umgehen können.
Aber im Allgemeinen greifen wir viel
zu leicht gleich auf die Gewalt zurück
statt sie nur als letzten Ausweg
anzusehen. Und leider erscheinen
Jesu Worte und sein Beispiel von
Frieden und Liebe im Angesicht von
Opposition und Gewalt selbst vielen
Christen als Unannehmlichkeit und
praktische Unmöglichkeit.
Und doch: „Liebe und Frieden
werden die Welt heilen.“ Die bewusste
Unterwerfung eines Mannes vor
zwei Tausend Jahren aus Liebe unter
Folter und Hinrichtung und seine
darauf folgende Auferweckung von
den Toten durch Gott ist der entscheidende Punkt, von dem aus wir
zu sehen beginnen, dass es wirklich
Liebe und Frieden sind, die die Welt
heilen. Und auch uns. So dass wir
uns gemeinsam über diesen Schmerz
erheben können.
All das ist natürlich ein Herzstück
Wasser-Prawda | Oktober 2014
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MUSIK
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MUSIK
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AUS DE M AR CH I V : Z W E I
KAPITEL MUSIK VOM
EN DE D E R R E P U B L I K
VON RAIMUND NITZSCHE
Vor fünf Jahren
Dylan und Zivilverteidigung
(1987)
haben wir in einer
kleinen Serie
„Morgen spielt Bob Dylan in
Erinnerungen an die
Berlin.“ Der Satz machte schnell die
letzten Jahre der DDR Runde. Glaubhaft klang er eigentlich nicht. Dylan in der DDR? Das
zusammengetragen.
währe ja fast so, als würden die
Hier ganz ohne
Stones Station machen im ArbeiterKommentare und
Bauernstaat. Bisher hatten zwar
weitere Ergänzungen und
immer mal wieder Rockmusiker aus
zwei Kapitel
dem kapitalistischen Ausland im
Musikgeschichte
Osten Konzerte gegeben. Aber das
als Ergänzung der
waren nicht so große Nummern:
Roger Chapman etwa oder auch
Playlist „Soundtrack
Tangerine Dream, Bruce Cockburn
meiner Wende“ in
oder die EAV. Aber Dylan?
der letzten Ausgabe
unseres Magazins. Zu Seit Tagen saßen wir jeden Tag
beiden Konzerten gibt in lächerlichen Uniformen in
der „Kiste“, dem legendären
es mi lerweile viele
Greifswalder Studentenclub. Lager
Erinnerungsar kel
für Zivilverteidigung nannte sich
im Netz, historische
das und gehörte selbst für Theologen
Abhandlungen
zur Pflicht im Studium. In der „norund musikkri sche
malen“ Schule hatte man das schon
Betrachtungen.
über sich ergehen lassen müssen und
nur die Lehrer mit einigen gezielten
Das hier sind
Fragen aus dem Konzept gebracht.
Erinnerungen, die
Direkte politische Äußerungen
seit Jahren in der
wie etwa ein „Schwerter zu
Schublade lagen.
Pf lugscharen“-Aufnäher beim
Unter heuƟger Sicht hat
er bei den gegenwärƟg
sich im jugendlichen Alter
befindlichen Jahrgängen
keine außergewöhnliche
Resonanz“, schrieb die
Stasi nüchtern über den
Musiker aus Minnesota.
Eher „ältere Jugendliche
und Menschen miƩleren
Alters“ vermutete der
Geheimdienst unter den
Zuschauern. Ordentlich
im Archiv abgelegt
wurde die Akte mit der
Bezeichnung HA XX 17578
übrigens unter dem
Geburtsnamen Dylans,
Robert Zimmerman.
(http://www.bstu.bund.de/
DE/Wissen/Aktenfunde/Bob_
Dylan/bob_dylan.html)
Abschlussappell führten fast zu
Wasser-Prawda | Oktober 2014
22
MUSIK
Die “Junge Welt” druckte danach Autogramme der Musiker ab.
Herzinfarkten bei der Schulleitung.
Und zur Bescheinigung, keine ausreichende „politisch-moralische
Grundhaltung zum sozialistischen
Staat der Arbeiter und Bauern“ zu
haben.
Wollte man nicht exmatrikuliert
werden, dann durfte man sich so was
jetzt nicht mehr erlauben. Wogegen
allerdings die Ausbilder machtlos
waren, war die Bekleidung unter
den tarnfarbenen Uniformjacken,
wenn man nicht der FDJ angehörte.
Zeitweise war bei mir ein überlanger
schlabbriger Wollpullover die
Kleidung der Wahl. Sah schrecklich
aus - war aber wirksam. Andere versuchten es mit Hemd und Krawatte
mit ebensolchem Effekt: Man merkte
uns Theologen an, dass wir den
Laden nicht ernst nahmen. So marschierte man mit durchs Gelände,
machte Erste-Hilfe-Übungen oder
sah rumänische Propagandafi lme
über das Erdbeben in Bukarest.Doch
schwänzen war halt nicht möglich.
Oder doch? Spontan sagte ich einer
Bekannten zu, am nächsten Morgen
Wasser-Prawda | Oktober 2014
MUSIK
mit zum Konzert nach Berlin
zu fahren. Mal sehn, ob an dem
Gerücht überhaupt was dran war.
Erst gingen wir am Abend aber noch
zu Gerhard Schöne in die Mensa.
Der Laden war voll, das Konzert
wie üblich bei diesem Liedermacher:
anspruchsvolle Unterhaltung und
unterschwellige Opposition.
Irgendwie begegnete man dort
immer mehr Leuten, die schon von
der Fahrt nach Berlin redeten. Sollte
wirklich was dran sein? Es solle
ein Beitrag der FDJ zum 750jährigen Berlin-Jubiläum sein, hieß
es jetzt. In der Erinnerung ist der
Zug am Morgen voller langhaariger oder sonstwie alternativ aussehender Menschen verschiedener Altersgruppen. Keiner hatte
Karten, jeder hoffte drauf, noch eine
zu bekommen. Gespräche ergaben
sich mit Musikern, Fans, Bluesern,...
jeder sprach mit jedem. Kein Stress,
nur eine gemeinsame Vorfreude.
Immerhin: BOB DYLAN! Held
aller möglichen Kreise. Selbst
die frommen Gemeindegruppen
mochten ihn seit seinen christlichen Platten. Und „Blowin In The
Wind“ gehörte dort mit deutschem
Text zum Standardrepertoire eines
gelungenen Abends.
In der Zeit an einer kirchlichen
Oberschule hatte ich in den Jahren
vor dem Studium erstmals DylanPlatten hören können neben ner
Menge anderer Bands. Zum Blues
kamen in kurzer Zeit hinzu:
Hardrock, Heavy Metal, Ska, JazzRock, Progressive Rock,...
Das Leben im Internat hatte
auch musikalisch eine ganz
eigene Struktur entwickelt. Zum
Aufwachen klangen alte Scheiben
von AC/DC, nach Schulschluss
am Freitag Hans-A-Plast mit dem
großen „Rock ‚n‘ Roll-Freitag“, wenn
wir die ganz frommen Mitschüler
ärgern wollten, wurde Nina Hagens
Vertonung des Vaterunsers laut
gestellt. Und am Abend zum
Träumen liefen alte Scheiben von
YES, Emerson Lake & Palmer oder
Weather Report. Und ab und zu
eben auch Dylan oder Crosby, Stills,
Nash & Young.
Beim Studium kamen dann wiederum noch die Einstürzenden
Neubauten, Slime und Ton Steine
Scherben hinzu - hervorragend
geeignet, um die Mitbewohner aus
dem Wohnheimzimmer zu jagen.
Und passend, um das AußenseiterImage zu pflegen. Dylan war da nur
einer unter vielen. Und bei den mangelnden Englischkenntnissen war er
sicher keiner der Helden.
Berlin - Die Massen sorgen dafür,
dass man garantiert an der richtigen Stelle ankommt. Es sind
zwar noch etliche Stunden bis
zum Konzertbeginn, aber die
Zugrichtung ist jetzt schon eindeutig. Schnell hat man eine Karte
bekommen. Zehn Ostmark der Preis.
Dafür bekam man noch nicht mal
eine Langspielplatte im Laden. Und
jetzt wird erst so richtig klar, wer
da alles spielen wird. Den Anfang
macht Roger McGuinn, danach soll
Tom Petty mit seinen Heartbreakers
aufspielen. Und dann Dylan mit den
Heartbreakers als Begleitband.
Auf der Wiese vor der Bühne
sammeln sich so ziemlich alle
Blueser, Kunden und Hippies der
DDR. Ab und zu regnet es, doch
23
es sind genügend Folien da, damit
niemand nass wird. Zu trinken gibts
auch genügend, ohne dass man die
Getränkestände aufsuchen müsste.
Und dann: Das Konzert. McGuinn
mit seiner zwölfseitigen Gitarre versucht Mitsingaktionen. Ich bin überfordert, weil ich noch nicht mal den
Tambourin-Man auswendig kann.
Aber nette Unterhaltung. Tom Petty
rockt. Ich kenne kein Lied von ihm.
Das geht aber den meisten so. Klasse
Band, macht Lust auf Dylan.
Und dann his Bobness - zur
Verstärkung noch mit paar
Sängerinnen. Stur zieht er sein
Konzert runter. Keine Ansagen,
keine Kommunikation mit dem
Publikum, nichts. Ich erkenne kein
Lied wieder. Aber ich bin inmitten
von Fans, die sich wohlfühlen, die
mehr wollen von dem Mann, der da
recht verloren vor der Band steht und
singt. Ist er so betrunken, wie hinterher gemunkelt wird? Keine Ahnung.
Dass er bei der Tour nirgendwo mit
dem Publikum geredet hat, das wird
schnell klar. Die DDR-Fans bekommen keine Sonderbehandlung,
keinen Zonenbonus. Und kein
Schulteklopfen. (Warum auch,
wenn über der Bühne noch ein
FDJ-Transparent hängt - das hat
sich Springsteen später nicht bieten
lassen. Doch der hat dann ja auch
davon geredet, dass irgendwann
mal alle Grenzen fallen sollten, und
Dylans Chimes of Freedom angestimmt....) Gottfried Blumenstein
spricht daher gar von einem inszenierten Selbstmord eines Idols. Das
ist wohl gewaltig übertrieben. Aber
wenn man Dylans Leben verfolgt,
dann war diese Tour so ziemlich der
Wasser-Prawda | Oktober 2014
24
MUSIK
Tiefpunkt seiner langen Karriere.
Und es wird noch paar Jahre dauern,
bis er wieder gute Platten macht.
Und paar Jahre weniger, bis er wieder
Spaß dran findet, seine alten Sachen
immer wieder neu zu spielen.
Schließlich dann doch: Like a
Rolling Stone und danach Blowin
in the wind - ich erkenne zwei Lieder
und kann mitsingen. Dann ist das
Konzert auch schon wieder vorbei.
Schade, es hätte noch endlos weitergehen können. Am nächsten Morgen
gehe ich zur Studentenärztin. Denn
Zivilverteidigung kann man ja
nicht einfach schwänzen. Aber
einen Krankenschein kann man ja
versuchen zu bekommen. Als ich
abends zu Hause war, waren Cola
und ein wenig Kuchen das einzige
vorhandene Essen. Das rumpelt im
Magen, als die Ärztin mich abhört.
Prompt werde ich eine Woche krank
geschrieben. Dylan hat mir echt
geholfen...
Das Springsteen-Desaster
(1988)
Wieder ein Sommer. Mit dem
Fahrrad wollen wir durch Polen
fahren. Auf Umwegen habe ich
mir ein Schreiben besorgt, was mir
diese eigentlich unmögliche Reise
ins Land der Solidarnosc ermöglichen wird, ordentlich abgestempelt
von der Deutschen Volkspolizei.
Zuvor ist aber noch ein Umweg
aus dem Vogtland nach Radeberg
zu einem Klassenkameraden. Und
dann: schon wieder ein Gerücht:
Springsteen spielt in Berlin.
Nach den Konzerten im letzten Jahr
und den Auftritten von Joe Cocker
und Santana war das schon nicht
mehr so unwahrscheinlich. Man
hatte sich schnell dran gewöhnt,
dass die FDJ-Kulturfunktionäre
sich jetzt in großem Maßstab als
Konzertveranstalter engagierten.
Also: Ein Zwischenstopp in Berlin
auf dem Weg nach Greifswald.
In Dresden dann der erste Schock:
Schon am Bahnhof Neustadt, etwa
fünf Kilometer von der nächsten
Autobahnauffahrt entfernt, stehen
die Anhalter dicht an dicht. Alle mit
dem Schild „Berlin“ oder mit einem
Lächeln voller Vorfreude im Gesicht.
Zum Glück war ich alleine unterwegs. Alle anderen waren zu zweit
oder gar als Kleingruppen gekommen. So war der erste LKW, der
vorbeikam meiner. Und ich war
unterwegs. Irgendwann schmiß
der Fernfahrer mich raus, er musste
irgendwo abbiegen. Doch allzu lange
stand ich nicht, als ein Trabbi mit
drei jungen Männern mich auflas.
Auch sie wollten zum Konzert.
In Weißensee verloren wir uns recht
schnell aus dem Auge. Doch verabredeten wir uns für hinterher, so daß
ich mein Urlaubsgepäck im Auto
ließ.
Unwa hrscheinlich
die
Menschenmengen, d ie sich
am Konzertgelände schon am
Mittag versammelten. Herrlicher
Sonnenschein, anfänglich scheinen es genügend Kassen-Wagen zu
sein. Später gibt es hier schon mal
heftiges Gedränge. Es gibt lockere
Gespräche. Grinsen macht sich breit,
als sich herumspricht, dass der Boss
auf dem Abhängen eines großen
FDJ-Transparents hinter der Bühne
bestanden haben soll. Statt dessen
hängt dort jetzt das „Tunnel of
Love“-Transparent seiner aktuellen
Wasser-Prawda | Oktober 2014
Tour.
Es wird voll auf der Wiese. Irgendwie
hab ich einen Stehplatz in der
ersten Hälfte der Massen gefunden.
Bewegung ist nicht mehr möglich.
So scheint es zumindest. Als die
E-Street-Band die ersten Akkorde
erklingen lässt, werde ich eines
Besseren belehrt. Ein Schieben und
Drängeln in Richtung Bühne setzt
ein. Hinten muss der Sound einfach
zu mies sein. Doch Springsteen rockt
voller Spaß durch sein Programm.
Die Hits von der Born in the USA
kommen ebenso wie das grandiose Because The Night oder seine
Interpretation von „War“. Und das
ist nicht eine Anbiederung an die
Genossen. Irgendwann holt er auch
noch eine Frau aus dem Publikum
zum Tanzen auf die Bühne. Eine
grandiose Party - bei der man irgendwann sogar mal wieder genug Platz
zum Atmen hatte.
Die mehr als drei Stunden gehen
dahin wie nix. Irgendwann ist
einfach Schluss und die Massen
bewegen sich in Richtung Ausgang.
Ich komme an den Parkplatz in einer
Seitenstraße: Das Auto mitsamt
meinem Gepäck ist fort. Ausweis, das
kostbare Polen-Visum, Konserven für
drei Wochen Radtour, die mühsam
ergatterte LP von Santana - alles
weg. Adressen hatten wir nicht ausgetauscht. Fiasko. Urlaub ade! Müde
und frustriert ziehe ich mit den
Massen erst mal zum Ostbahnhof.
Natürlich fährt auch kein Zug mehr
nach Greifswald. Doch der Bahnhof
wirkt eh wie ein riesiges Schlaflager
für Ostdeutschlands versammelte
Hippies. Müde und verknittert suche
ich mir den ersten Zug nach Norden.
MUSIK
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Statt Urlaub ist Rumhängen im
Wohnheim angesagt. Die Tour an
die polnische Ostseeküste startet
ohne mich. Vierzehn Tage später
erst kann ich mir mein Gepäck bei
einer Berliner Polizeiwache abholen.
Mein Rucksack war einfach in einen
Hinterhof geworfen worden. Seither
ist mein Bedarf an Großkonzerten
eigentlich gedeckt.
175.000, 200.000 oder gar eine halbe
Million? Die Zahlenangaben sind
unterschiedlich. Doch eines ist klar:
Das Konzert von Bruce Springsteen
in Ostberlin war das größte der
DDR-Geschichte.
Wasser-Prawda | Oktober 2014
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MUSIK
Wasser-Prawda | Oktober 2014
INTERVIEW
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BAYERN, BLUES & BOURBON
RAIMUND NITZSCHE IM GESPRÄCH MIT TILO GEORGE COPPERFIELD
VON 3 DAYZ WHIZKEY. FOTOS: 3 DAYZ WHIZKEY
Ihr Debüt „The Devil
and the Deep Blue Sea“
knallte 2012 in unsere
Gehörgänge - kompromisslos, rauh und
de ifg. Auf „Black
Water“ (2013) ha en
sich 3 Dayz Whizkey
um einen Sänger erweitert und ihre Musik
mehr in Richtung
Classic Rock verfeinert.
Voller Rockhymnen
kommt Ende des Jahres
das dri e Album der
Regensburger Band
heraus. Grund genug,
den Musikern um
Songwriter/Gitarrist Tilo
George Copperfield ein
paar Fragen zu stellen.
suggeriert, der kommt für meine
Ohren eher gebändigt daher und
nicht mit der Gewalt einer durchgehenden Schnellzuglokomotive.
Gleich 17 Songs enthält die Playliste,
die mir 3 Dayz Whizkey vorab zum
Anhören gegeben haben. Und eines
wird hier von Anfang an deutlich:
so wie schon auf „Black Water“ ist
der Sound auch jetzt wieder orientiert an den Rock-Sounds der frühen
70er Jahre: Prägnante Riffs, schneidende Gitarrensolos und treibende
Rhythmen, Anklänge an Bands
wie CCR oder Free werden ab und
zu ein wenig mit Country versetzt.
Höhepunkte sind für mich der
schöne Country-Rocker „Another
Day Goes By“, der a capella gesungene Worksong „Bloody River“ und
der schöne Riff-Rocker „Dominion
of Rats“.
WP: Als ich 2012 Euer Debüt in
„Steam“ soll die Scheibe heißen, die den Player bekam, hat mich das
Mitte Dezember beim Osnabrücker ziemlich weggeblasen: Lange hatte
Label Timezone erscheinen soll. Im ich in Deutschland keinen so komUnterschied zu den Vorgängern hat promisslos harten Bluesrock mehr
sich die Band dazu entschieden, die zu hören bekommen. Inzwischen
Lieder komplett live im Studio ein- seid ihr drei Jahre ständig auf
zuspielen und nur ein paar wenige Tour und seid für mich inzwiOverdubs hinzu zu fügen. Das ist schen eine coole Rockband. Aber
schon mal eine gute Entscheidung. wo ist der Blues abgeblieben? Ich
Denn nur was auch live funktioniert, hab ihn eigentlich nur noch bei
kommt auf die Platte. Der Dampf dem Worksong „Bloody River“
allerdings, den der Albumtitel gehört.
TC: Da wären wzr wieder bei der
durchaus komplizierten Frage, wie
man „Blues“ eigentlich definiert.
Wir sind keine reine Bluesband,
sondern eine sehr bluesgetriebene Rockband, würde ich sagen.
Ich denke mal, das ist bei uns wie
bei den Stones, Aerosmith, Led
Zeppelin, Deep Purple oder Black
Sabbath. Diese Bands haben alle als
reine Bluesrockbands begonnen und
haben im Laufe ihrer Entwicklung
viele Einflüsse zugelassen. Bei uns ist
das sehr stark „Southern Rock“ und
ich würde mal sagen „Americana“.
Aber im großen und Ganzen hören
wir uns nach 3 Dayz Whizkey an,
und das ist gut so.
WP: Wie habt Ihr Euch als Band
eigentlich gefunden? Wie kommt
man im schönen Bayern dazu,
Blues- oder Classic-Rock zu
spielen?
TC: Tony. Chris und ich spielen
schon lange Jahre in verschiedenen
Formationen zusammen. Diese Art
der Musik wollten wir eigentlich
schon immer machen. Als wir dann
auf Brad und Myles getroffen sind,
hat sich alles ganz natürlich zusammengefügt. Wir haben alle eine
ziemlich gute Vorstellung davon, was
gute Musik ist und welche Musik
wir gemeinsam machen wollen.
Außerdem ist das schöne Bayern sozusagen als die „Südstaaten“ von
Deutschland - ein sehr inspirierendes
Wasser-Prawda | Oktober 2014
28
INTERVIEW
Wasser-Prawda | Oktober 2014
INTERVIEW
Pflaster. Wir kommen ja alle eher
aus einfachen Verhältnissen und die
Musik passt zu uns, auch als Typen.
got the Blues“ von Gary Moore.
Irgendwann danach bin ich dann
zufällig auf „Texas Flood“ von Stevie
Ray Vaughan gestoßen, was mich
WP: Darf man heutzutage eigent- ehrlich gesagt ziemlich weggeblasen
lich noch nach musikalischen hat. Vorbilder gibt es sehr viele. Die
Vorbildern oder Helden fragen? alle hier aufzuzählen, würde aber
Und was war das erste Bluesalbum, den Rahmen sprengen.
dass Du gehört hast?
TC: Du darfst mich doch alles fragen WP: Woher kommt eigentlich
:-) Musikalisch stehen wir als Band diese Liebe zum Rock der frühen
einfach auf gut gemachte blues- 70er Jahre?
beeinflusste Musik. Da geht das TC: In meinen Ohren wurden in der
Spektrum von Hound Dog Taylor Zeit einfach die besten Aufnahmen
bis Black Sabbath. Ich habe eine gemacht. Das war kurz bevor die
ziemlich große Plattensammlung große Digitalisierung der Studios
und würde meinen Musikgeschmack angefangen hat und Alben sehr klials breitgefächert einstufen. Das nisch und einfach zu perfekt klangen.
erste Bluesalbum, das mir in die Die Musik wurde damals noch live
Hände gefallen ist, war „Still im Studio eingespielt, was bedeutet:
29
Musiker mussten ihr Instrument
beherrschen und die Arrangements
mussten sitzen. Außerdem wurde in
dieser Zeit sehr viel experimentiert.
Blues, Country, Soul und Rock and
Roll gaben sich auf vielen Rockalben
die Klinke in die Hand und man hat
in Alben gedacht, nicht in Singles.
WP: Ihr habt es in Bayern ja ziemlich gut hinbekommen, auch im
„normalen“ Radio und Fernsehen
gespielt zu werden. Wie schaff t
man das als Newcomer? Oder
ist der Bayrische Rundfunk da
aufgeschlossener der härteren
Rockmusik gegenüber als andere
Sender der ARD?
TC: Erstmal muss natürlich die
Qualität stimmen, sonst wird Dich
Wasser-Prawda | Oktober 2014
30
INTERVIEW
die Blues- und Bluesrockszene in
Bayern aus? Welche Bands und
Musiker sollten wir unbedingt
noch mal besprechen? Und welche
Clubs und Locations sind für diese
Musik wichtig?
TC: Also ich finde nach wie vor Dr.
Will und seine Wizards Klasse. Die
sind so richtig authentisch und cool.
Wir spielen im November zusammen einen Gig in Regensburg und
darauf freue ich mich ganz besonders. Das „Village“ in Habach ist
ein toller Bluesclub in Bayern inklusive sehr nettem Clubbesitzer. So
richtige „Bluesclubs“ findet man
aber in Bayern nur schwer. Viele
Locations bieten aus wirtschaftlicher
Notwendigkeit ein sehr breit gefäW P: Könnt Ihr mittlerweile chertes Programm an. Da muss man
eigentlich von Eurer Musik leben? sich erstmal einen Platz erkämpfen
Oder womit verdient Ihr ansons- als Newcomer.
ten Eure Brötchen?
TC: Unser „Hautpgeschäft“ ist WP: Und wie sieht es für Euch
die Musik. Drei von uns sind mit Auftritten nördlich des
Hauptberuflich Musiker und ver- Weißwurstäquators aus?
dienen sich neben den Gigs noch TC: Wir weiten unseren Umkreis
mit Musikunterricht ihre Brötchen. Stück für Stück aus. Bei der Tour
Zwei von uns haben noch Jobs neben zum nächsten Album werden
der Musik. Wir stehen also voll in wir auch wieder in Hamburg,
der Arbeitswelt und wissen, wovon Köln, Bremen und vielen weiteren
wir reden. Wir wissen den Erfolg zu Städten in Deutschland, aber auch
schätzen, weil wir sehr hart daran dem angrenzenden Ausland unterarbeiten. In vielen anderen Bands wegs sein. Unsere Musik hat keine
habe ich Leute kennen gelernt, die Grenzen und wir haben außerbis jetzt noch keinen Tag in der halb Bayerns schon eine gefestigte
Arbeit waren. Kein Stau am Morgen, Fanbase.
kein Chef, der Dich anbrüllt, keine
Alltagsprobleme, keine Freude aufs W P: Einer unserer Autoren
Wochenende.... Wenn mein Beruf aus Großbritannien fragt bei
„Sohn“ wäre, könnte ich mir nicht Interviews öfters mal folgenvorstellen, diese Musik zu machen. des: Wie würde für Euch das
Traumfestival schlechthin ausseDas wäre nicht authentisch.
hen? Ihr könnt bis zu fünf lebende
WP: Wie sieht Eurer Meinung nach oder tote Musiker bzw. Bands
kein Radiosender der Welt spielen.
Zweitens muss auch der Song passen.
Wir spielen zeitlose, songorientierte
Musik, die offensichtlich auch einem
breiten Publikum gefällt. Da wir
keine Coversongs im Programm
haben, ist es wichtig, das die Songs
beim Publikum gleich zünden. Alle
Songs, die das nicht erfüllen, werfen
wir wieder raus aus dem Set. Und
nur weil wir so arbeiten, funktioniert das auch im Radio und im
Fernsehen. Es muss einfach alles
passen, dann erreichst Du Dein Ziel.
Und ich finde, das tut dem Radio
gut, auch mal wieder ordentlichen,
handgemachten Rock and Roll zu
spielen.
Wasser-Prawda | Oktober 2014
einladen. Und wo würde das über
die Bühne gehen?
TC: Das „Wo“ ist schwierig. Am
besten irgendwie Open Air an einem
sonnigen Tag in Bayern mit einem
fähigen Tontechniker am Mischpult.
Ich persönlich würde dazu einladen:
Muddy Waters und seine legendäre Band, BB King, ACDC, die
Rolling Stones und als Newcomer
Blackberry Smoke aus Atlanta. Das
wäre ein Billing ganz nach meinem
Geschmack.
WP: Und eine Frage geht mir
durch den Kopf, seit ich erstmals
Euren Bandnamen gehört hab:
Was bevorzugt Ihr eigentlich:
Scotch oder Irish Whisky? Oder
gehört Ihr zu den Liebhabern von
Bourbon?
TC: Wir sind Bourbon Fans. Mein
Lieblingsbourbon heißt „Maker´s
Mark“. Sollten die mir irgendwann
mal einen Sponsoringvertrag geben,
wäre ich sofort dabei :-)
WP: Vielen Dank für das Gespräch
- und alles Gute für Euer neues
Album!
INTERVIEW
31
ZEHN FRAGEN AN:
TO M AT TA H
EINE INTERVIEW-SERIE VON DAVE WATKINS
Wasser-Prawda | Oktober 2014
32
INTERVIEW
Ähnlich wie Half Deaf
Clatch gehört Tom A ah
zu den wich gsten
Songwritern in der brischen Akus k-BluesSzene. Am 9. November
wird er beim 6.
Volksdorfer Bluesfes val
sein erstes Konzert in
Deutschland geben.
1: Was war Dein frühester
Musikgeschmack und wie hast
Du die Welt des Blues entdeckt?
Wie bei den meisten Menschen waren
es meine Eltern und das Fernsehen.
Meine Mutter hatte wirklich einen
breit angelegten Geschmack. Aber
wir hörten viel Boney M und britische Folkmusik, angereichert mit
ein wenig Toots Hibbert und Bob
Marley - tiefe, fette, harte Grooves
und großartige Stimmen. Ich
wuchs in Surrey und Hampshire
im Vereinigten Königreich auf.
Und als ich alt genug war, in Pubs
zu gehen, waren alle diejenigen, die
dort Musik spielten, Musiker aus den
60er und 70er Jahren. Und sie spielten Blues und Bluesrock. Ich hatte
außerdem das große Glück, dass
der Vater eines meiner Freunde ein
riesiger Rolling Stones Fan. Und er
spielte mir Muddy Waters, Elmore
James, B.B. King, ZZ Top und Ry
Cooder vor. Als ich zum ersten Mal
„Hard Again“ von Waters und „Tres
Hombres von ZZ Top hörte – das
war es! Es war, als wäre man vom
Blitz getroffen worden!
stelltest Du fest, dass Du dazu das
Talent hast?
Definitiv Muddy Waters und Robert
Johnson. Da war etwas in der Musik,
das mir bei allem anderen fehlte, was
ich damals hörte, da war tatsächlich etwas lebendiges darin. Ich verstand Robert Johnson nicht wirklich, als ich ihn zu ersten Mal hörte
– er ängstigte mich total, wenn ich
seine Musik hörte.
Ich hatte Glück, dass man mich zum
ermutigt hat, das Spielen zu lernen.
Da waren immer Leute mit mir im
Raum, die mit mir spielten, und so
lernte ich durchs Jammen. Ich lerne
noch immer dazu und hab noch
einen langen Weg vor mir.
3: Deine ersten Aufnahmen: Hörst
Du sie Dir noch immer an? Wie
beurteilst Du sie jetzt? Und gibt es
welche, die Du lieber nicht mehr
hören möchtest?
Ich spiele noch immer einige von den
ersten Blues Songs, die ich geschrieben habe – sie haben sich entwickelt und sind stärker geworden
und mit mir über die Jahre hinweg
gewachsen. Wenn ich ab und zu die
ersten Aufnahmen anhöre, bin ich
überrascht, wie anders sie klingen.
Wenn ich sie jetzt höre und es gibt
da Dinge in ihnen, die fehlen, denke
ich bei mir: Du spielst das falsch!
Dinge, die ich den Studenten beibringen kann. Und wenn ich die
Studenten unterrichte, dann haben
wir Diskussionen, von denen ich
lernen und über die ich schreiben
kann. Und wenn ich schreibe, dann
kann ich auf meine Erfahrungen als
Lehrer und Performer zurückgreifen. Ich kann die Dinge gar nicht
getrennt betrachten und hab so an
allen meine Freude.
5: Wie schwer ist es, von der Musik
zu leben? Gibt es etwas, dass es
für die Künstler leichter machen
könnte?
Ich bin mir nicht sicher, ob es heute
schwerer ist, als es früher war. Du
musst nur sicher sein, dass Du gut
organisiert bist: du brauchst Karten,
CDs und Poster, musst sicherstellen,
dass die Leute Dich bei Bedarf leicht
erreichen können. Sich selbst zu vermarkten ist heute leichter als es zu
Zeiten vor dem Internet gewesen sein
muss. Jetzt können Dich Leute von
überall auf der Welt sehen und hören,
in dem sie einfach nur am Computer
sitzen. Ich glaub, die eine Sache, die
das Leben einfacher machen würde,
wäre, wenn die Airlines weniger
pingelig mit Musikern umgehen
würden, die ihre Instrumente dabei
haben. In den meisten Momenten,
und das betriff t die meisten Linien,
kommen sie damit klar, wenn Du
eine Gitarre dabei hast. Aber einige
– die wirklich billigen – können versuchen, einem das Leben schwer zu
machen und berechnen weit mehr,
als wirklich nötig.
4: Welche anderen Jobs hast Du
gemacht, um Deine Musik-Kariere
zu unterstützen?
Ich unterrichte Musik f ür
Studenten an der Universität,
außerdem schreibe und forsche
ich. Großartig ist, dass jede dieser 6: Auf welchen Deiner eigenen
2: Wer waren die Künstler, die Aktivitäten die anderen befruchtet. Songs bist Du besonders stolz?
dich dazu brachten, dass Du diese Wenn ich auftrete, dann lerne ich Kannst Du uns die Geschichte
Musik spielen wolltest. Und wann
Wasser-Prawda | Oktober 2014
INTERVIEW
33
Wasser-Prawda | Oktober 2014
34
INTERVIEW
hinter dem Lied erzählen?
Ich bin auf sie alle stolz. Sie kommen
alle aus Lebenserfahrungen, die ich
selbst hatte, oder beobachtet habe.
Mein Favorit ist noch immer „How
Long Has I Been“, genauso wie zu
der Zeit, als ich ihn schrieb. Damals
wusste ich, er bedeutet irgendwas,
aber ich wusste nicht, was. Soviel
Zeit inzwischen vergangen ist, ist er
länger bei mir geblieben als einige
Freundinnen oder Jobs, und er war
wesentlich treuer und ehrlicher. So
bin ich definitiv in einer Beziehung
mit diesem Lied. Es handelt davon,
sich daran zu erinnern, inne zu
halten und drüber nachzudenken,
was man tut. Das ist ein Ratschlag,
den ich mir selbst oft und immer
wieder gebe. Und es ist das Lied,
mit dem ich immer mein Konzert
beginne. Das Lied ist inzwischen
sowas wie ein guter alter Freund.
Zu allen meinen Gitarren gibt
es Geschichten. Meine akustische ist eine, die mir ein sehr guter
Freund vor vielen Jahren geschenkt
hat, als ich kein Instrument hatte.
Inzwischen hab ich einige ziemlich teure Instrumente, aber diese
schäbige akustische ist die erste, die
genommen wird bei Konzerten, fürs
Schreiben oder bei Aufnahmen. Ich
hab wirklich Glück: da gibt es Les
Pauls, die man mir leihweise überlassen hat und eine Telecaster, die man
mir geschenkt hat, die sich einfach
phänomenal anhört und anfühlt.
Früher war ich mal Schlagzeuger.
Und so miete ich mir ab und zu
einen Raum und spiele eine Weile
auf dem Schlagzeug, um mich abzureagieren. Ich wünschte, ich könnte
Keyboards und Harmonika spielen.
Aber um ehrlich zu sein: Ich kenne
so viele großartige Keyboarder und
Harpspieler, dass ich es niemals wirk7: Wenn Du Dich zum Schreiben lich lernen musste. Ich glaube, ich
hinsetzt, was kommt zuerst - der sollte meine Arbeit darauf beschränText, die Melodie oder die Idee für ken, die Gitarre wirklich spielen zu
ein ganzes Lied?
können.
Das kann alles sein. Manchmal spiele
ich in meinem kleinen Studio und 9: Wo möchtest Du Deine Karriere
da fällt dabei ein Lied aus meinen gerne hinführen sehen in der
Händen, manchmal fahre ich so Zukunft? Was sind Deine wichdahin und das Lied drängt sich ins tigsten Ziele?
Auto und will gesungen oder gespielt Ich will weiterhin spielen, reisen,
werden. Die Musik ist immer da, die unterrichten und lernen. Es gibt
Songs sind immer da, scheinbar ist es so viel Musik, so viele Menschen
nur eine Frage, wann Du entspannt und so wenig Zeit – darum ist es
wichtig, dass ich mich daran eringenug bist, sie zu empfangen.
nere, wie glücklich ich bin, um die
8: Erzähl uns was über das Welt reisen zu können und mit solch
Lieblingsinstrument in Deiner wirklich großartigen Menschen und
Sammlung. Gibt es irgend ein Freunden spielen zu können.
anderes Instrument, dass du
gerne hättest oder spielen lernen 10: Was machst Du außerhalb der
Musik am liebsten?
möchtest?
Wasser-Prawda | Oktober 2014
Meistens lesen, essen und kochen.
Meine Partnerin und ich fahren gerne
durch das Vereinigte Königreich und
erholen uns in Südamerika, wann
immer wir können. Aber eigentlich
spielt auch dabei immer irgendwelche Musik im Hintergrund …
Zusatzfragen:
A: Wie böse ist der Bad Man Clan?
Wer ist der übelste von ihnen?
The Bad Man Clan ist sagenhaft! Ich
kann nicht sagen, wer der böseste
war – ich bin sicher, dass wir der
Meinung sind, wir alle wären es.
B: Was ist der teuerste Hut, den
Du bislang gekauft hast?
Jemand schenkte mir in Amerika
den einen, den ich immer auf der
Bühne trage – zählt der auch? Der
hat 120 Dollar gekostet.
C: Sheffield United oder Sheffield
Wednesday?
Sheffield No-day, ich hab wirklich überhaupt kein Interesse am
Fußball. Wenn ich ehrlich bin, schau
ich viel lieber Doctor Who.
B L U E S K A L E N D E R 35
BLUESKALENDER
Zusammenstellung: Matthias Schneider (blueskalender.
blogspot.de)
Albert Collins
1932
1936
1954
2003
2005
1. Oktober
Albert Collins *
George „Wild Child“ Butler *
Hans Wintoch *
John Brim +
Paul Pena +
Jenn Cleary *
1938
1951
1955
1983
1989
1990
2. Oktober
Nick Gravenites *
Coco Montoya *
Ulrich Spormann *
George „Harmonica“ Smith +
Cousin Joe +
Zuzu Bollin +
1951
1951
1955
1954
1956
1969
1976
Billy Branch *
Keb’ Mo’ *
Allen Woody *
Stevie Ray Vaughan *
Deborah Coleman *
Skip James +
Victoria Spivey +
3. Oktober
Coco Montoya
Memphis Minnie
1936
1948
1970
1994
1899
1919
1934
1935
Duke Robillard
4. Oktober
Big Pete Pearson*
Duke Robillard*
Janis Joplin Todestag+
Danny Gatton+
5. Oktober
Little Hat Jones *
Edward Ernest Griffin *
Fillmore Slim *
Left Hand Frank Craig *
36
BLUESKALENDER
1943
1949
1959
1993
1939
1939
1962
1966
1983
2012
6. Oktober
Sammy Price *
Little Sonny (born Aaron Willis) *
Nick Curran +
7. Oktober
Mel Brown *
Tony Glover *
Scrapper Blackwell +
Smiley Lewis +
Belton Sutherland +
Wiley Reed +
1919
1955
1957
2009
Hal Singer *
Lonnie Pitchford *
Sebastian Baur *
Abu Talib +
1935
1939
1943
1957
1965
1973
2006
Johnnie Bassett *
O. V. Wright *
Ronnie Barron *
Mike Stevens *
Pat Hunter *
Rosetta Tharpe +
Klaus Renft +
1899
1914
1969
1979
2010
10. Oktober
Mississippi Joe Callicott *
Ivory Joe Hunter *
Walter Coolen *
Paul Karapiperis *
Solomon Burke +
1908
1951
Harmonica Frank *
Kate Hart *
1908
1932
2012
Rick Estrin
Roy Book Binder *
Rick Estrin *
Kelly Joe Phelps *
Memphis Willie B. +
8. Oktober
9. Oktober
Sister Rosetta Tharpe
11. Oktober
Solomon Burke
B L U E S K A L E N D E R 37
2011
George Buford +
Howard Glazer *
1929
1929
1985
1999
Guitar Gabriel *
Nappy Brown *
Blind John Davis +
Frank Frost +
12. Oktober
1895
1926
1945
1950
1957
1962
13. Oktober
Chris Farlowe *
Jörg „Speiche“ Schütze *
Rick Vito *
Pierre Lacocque *
14. Oktober
Edna Hicks *
James „Son“ Thomas *
Colin Hodgkinson *
Rudy Rotta *
Kenny Neal *
Chris Thomas King *
1906
1912
1925
1938
1979
15. Oktober
Victoria Spivey *
Nellie Lutcher *
Mickey „Guitar“ Baker *
Robert Ward *
Gus Cannon +
1903
1935
1977
1997
Big Joe Williams *
Sugar Pie DeSanto *
John Mayer *
Jimmy Walker +
1984
Alberta Hunter +
1907
1923
1926
1941
1947
18. Oktober
Robert Petway *
Jessie Mae Hemphill *
Chuck Berry *
Billy Cox *
Julius Daniels +
1940
1946
1949
Chris Farlowe
Kenny Neal
16. Oktober
17. Oktober
Big Joe Williams
38
BLUESKALENDER
1975
2006
1890
1945
1949
1955
1997
2011
19. Oktober
Willie Perryman (Piano Red) *
Buddy Moss +
Son House +
20. Oktober
Jelly Roll Morton *
Ric Lee (born Richard Lee) *
Sam Collins +
Mark Feltham *
Henry Vestine +
Earl Gilliam +
1925
1931
1941
1942
1962
1990
21.Oktober
Doctor Ross (Charles Isaiah Ross) *
Barbecue Bob +
Steve Cropper *
Elvin Bishop *
J.D. Short +
Jo Ann Kelly +
1911
1984
1988
Son House
Steve Cropper
K. C. Douglas +
Snooky Pryor +
1945
1953
1963
1981
22.Oktober
Leslie West *
Carolina Slim +
Walter Davis +
Edward Ernest Griffin +
Stacie Collins *
1892
1933
1947
Speckled Red *
Carol Fran *
Preston Shannon *
1911
1925
1936
1936
1943
2000
24. Oktober
Sonny Terry *
Willie Mabon *
Bill Wyman *
Jimmy Dawkins *
Corky Siegel *
Little Mack Simmons +
Tom Ball *
23. Oktober
Sonny Terry
B L U E S K A L E N D E R 39
1921
1947
1950
2014
1931
1958
Ben Harper
1909
1948
1977
1991
1936
1939
1965
1969
1946
1971
1974
2008
Peter Green
1926
1960
2007
2009
1902
1922
1939
1954
1970
1985
1995
Ali Farka Touré
25. Oktober
Little Hatch *
Coco Robicheaux *
Eberhard Stolle, auch Big Joe Stolle *
Jack Bruce +
26. Oktober
Detroit Junior *
Robert Charels *
27. Oktober
Henry Townsend *
Sherman Robertson *
Peg Leg Sam +
Billy Wright +
28. Oktober
Charlie Daniels *
Bobbie Mercy Oliver *
Earl Bostic +
Ben Harper *
29. Oktober
Peter Green *
Duane Allman +
Eric Gales *
Mae Mercer +
30. Oktober
Dave Myers *
Rob Tognoni *
Larry Lee +
Norton Buffalo +
31. Oktober
Julia Lee *
Illinois Jacquet *
Ali Farka Touré *
Genevieve Castorena *
Johnny Moeller *
Johnny Embry +
Albert Lavada „Dr. Hepcat“ Durst +
40
A L B U M D E S M O N AT S
DR. J OHN – S K E - D AT- D E DAT. THE SPIRIT OF SATCH
ALBUM DES MONATS OKTOBER 2014
Wie kann man die Musik von Louis
Armstrong und seiner Heimatstadt
New Orleans in die Gegenwart holen?
Dr. John hat sich für seinen Tribut
an den King of Jazz unter anderem
Trompeter wie Terence Blanchard, aber
auch die Blind Boys of Alabama, die
Dirty Dozen Brass Band und Bonnie
Rai eingeladen.
Auch wenn Dr. John früher „Goin Back To New
Orleans“ sang, hat er sich doch nie damit zufrieden
gegeben, eine historisch korrekte Erbepflege zu betreiben. Und auch „Ske-Dat-De-Dat“ dürfte Fans der klassischen Aufnahmen von Louis Armstrong oder des traditionellen New-Orleans-Jazz wahrscheinlich gewaltig vor den Kopf stoßen. Hier werden zwar Klassiker
im Repertoire Armstrons wie „Mack The Knife“ oder
„What A Wonderful World“ interpretiert. Doch passiert das ganz im Sound des Funk und Street-Jazz
der Gegenwart. Mackie Messer schleicht sich im
Funkrhythmus um die Ecken. Und irgendwann wird
der Gesang durch eine Hiphoppredigt ergänzt. Auch
die in der Autowerbung verbrannte Schnulze von der
wundervollen Welt ist bei den ersten Takten nicht zu
erkennen. Doch es ist überzeugend, wie der Dr. hier
gemeinsam mit den Blind Boys of Alabama daraus
eine Gospelnummer macht, bei der die Schönheit der
Welt eher erhofft als beschrieben wird. „It‘s Tight Like
This“ wird vom ursprünglichen Blues zum Cubano-Jazz
transportiert. Und die Trompete von Arturo Sandoval
erhält mit dem kubanischen Rapper Telmary das nötige
Gegengewicht.
Klar, manche Stücke hätte ich mir etwas dreckiger und
Wasser-Prawda | Oktober 2014
weniger radiofreundlich gewünscht. Aber das ist meine
Meinung. Anderen wird gerade dieser „sanfte“ Dr. John
mehr zusagen als vielleicht seine politischen Ausbrüche
in Funk auf den letzten Scheiben.
Das ist ein Album, was mehr als die Musik vor allem den
Geist von Armstong und New Orleans würdigt, einen
Geist der kulturellen Begegnung und Beeinflussung.
Jazz, Soul und Funk treffen sich hier mit Hiphop und
Blues zu einer wunderbaren Party.
Raimund Nitzsche
P L AT T E N
41
REZENSIO NEN A BIS Z
B
I
Red Mouth - Toska 50
Ben Poole - Live At The Royal Albert
Hall 37
Iko Iko - Bullets In The Bonfire Vol.
1 43
Ruthie Foster - Promise of a Brand
New Day 50
C
J
S
Charles M. Mailer & The Sunhill
Palace Band – Live@The Studio
Lounge 37
Joe Bonamassa - Different Shades
of Blue 44
Screaming Headless Torsos - Code
Red 51
Jo Harman & Company - Live At The
Royal Albert Hall 44
Sena Erhardt - Live my Life 51
Chicago Jazz Philharmonic
Chamber Ensemble - Sketches of
Spain Revisited 37
John Weeks Band - John Weeks
Band 45
Simen Aanerud - Medicine 51
Stevie Nicks - 24 Karat Gold 52
Coco Montoya - Songs from the
Road 38
K
Stoppok - Popschutz 52
D
Kaye Bohler - Handle The Curves
45
T
Danny Bryant - Temperature Rising
39
L
The Knickerbocker All-Stars - Open
Mic At The Knick 53
Led Zeppelin - IV/Houses of the Holy
55
The Mighty Bosscats - The 7 Deadly
Sins 53
Liz Mandeville - Heart O Chicago 46
The Suitcase Brothers - A Long Way
from Home 54
Devon Allman - Ragged And Dirty
39
Drew Nelson - The Other Side 40
Duke Robillard Band - Calling All
Blues 40
E
Element of Crime - Lieblingsfarben
und Tiere 41
F
M
Marcia Ball - The Tattooed Lady And
The Alligator Man 46
Marketa Irglova - Muna 47
Mary Flower - When My Bluebird
Sings 47
Fanny van Dannen - Geile Welt 41
Matt Woosey – Wildest Dreams 48
G
Mike Farris - Shine For All The
People 48
Gracefull Fall - On The Crossroad
42
H
Howard Glazer - Looking In The
Mirror 43
R
Randy Oxford Band - It Feels Good
48
RB Stone - Loosen Up! 49
Wasser-Prawda | Oktober 2014
42
P L AT T E N
Ben Poole - Live At The Royal
Albert Hall
In Großbritannien gehört der
25jährige Ben Poole zu den angesagten Gitarristen im BluesrockBereich. Wie vielseitig er als Sänger,
Songschreiber und Gitarrist ist, zeigt
das von der BBC mitgeschnittene
Konzert in der Royal Albert Hall:
Zwischen Blues, Soul, Funk und
Country sind seine Lieder angesiedelt. Und Klassiker wie „Mr.
Pitiful“ oder „Have You Ever Loved
A Woman“ bekommen eine ganz
persönliche Note verpasst.
Gitarrensolos sind eine delikate Angelegenheit. Klar ist
die Versuchung groß, in voller
Bandbreite und Lautstärke zu zeigen, wie versiert man ist. Doch
eigentlich ist die große Kunst die,
des Weglassens und der leisen Töne,
das gezielte Setzen von Nuancen und
Spannungsbögen. Ben Poole hat
das kapiert! Und ich verstehe jetzt,
wieso Kollege Jeff Beck von diesem Konzer in den höchsten Tönen
spricht. Das hier ist ein Live-Album,
wo Poole (begleitet von einer präzisen und druckvollen Band) gerade
auf die leiseren Töne setzt. Hier wird
nicht wild drauflosgerockt sondern
auf höchstem Niveau musiziert. Für
mich bislang eines der Live-Alben in Untertrubach und beinhaltet 9
Songs, wobei 3 Songs aus seiner und
des Jahres! (Manhatton)
Nathan Nörgel Freida W. Gantts Feder stammen.
Daneben kann man Standards wie
„Sweet Home Chicago“ und „Going
Down“ hören. Das BB King Cover
„Help The Poor“ finde ich jetzt
knapp am Thema vorbeigespielt,
dafür überzeugen mich „Don‘t
Need no Doctor“ oder unser aller
Lebenscredo „Blues in the Blood“.
Mein Favorit der ganzen CD ist und
bleibt aber die Stimme von Charles
M. Mailer: Laut und ausdrucksstark, die einen gleich an den Blues
von Dr. John denken lässt. Die CD
kommt aus dem Eigenlabel Sunhill
Charles M. Mailer & The
Music und ist z.B. über Amazon
Sunhill Palace Band – Live@
beziehbar. (www.charles-mailer.
The Studio Lounge
com)
Um es gleich klar zu sagen:
Mario Bollinger
Diese CD ist nichts für Puristen
und Rootsblueser, sondern für
Musikfreunde, die gut unterhalten werden möchten. Charles M.
Mailer hat eine CD produziert, die
flott zwischen den Genres Blues,
Soul und R&B hin und her tanzt.
Der Name der CD ist Programm:
Live&The Studio Lounge! Musik
also, die man gerne live im Konzert
oder beim Longdrink in einer
Lounge hört.
Charles M. Mailer stammt aus Chicago Jazz Philharmonic
dem großen Kreis von Würzburger Chamber Ensemble - Sketches
Musikern und Bands und hat mit of Spain Revisited
der CD das verwirklicht, was in Ist das Blasphemie? Kann man ein
Würzburg Gang und Gebe ist: zeitloses Album wie Milies Davis‘
Hervorragende Musiker treffen „Sketches of Spain“ mit den großsich und machen zusammen Musik. artigen Arrangements von Gil Evans
Auch wenn Charles M. Mailer die wirklich einer Revision unterziehen,
Sunhill Palace Band nennt, ist es ohne sofort der krankhaften Hybris
doch sein Projekt. Aufgenommen geziehen zu werden? Trompeter
wurde es mit aufwendiger Technik Orbert Davis und das Chicago Jazz
als Livesession in der Studio Lounge Philharmonic sind mit ihrem aktu-
Wasser-Prawda | Oktober 2014
P L AT T E N
ellen Album das Risiko eingegangen. Und das hat sich durchaus
ausgezahlt.
Davis (kein Verwandter von
Miles!), künstlerischer Leiter des
Chicago Jazz Philharmonic versucht sich nicht an einer einfachen Wiederholung des Originals.
Vielmehr will er die Stimmung
des Klassikers nachempfinden und
die Verbindung zwischen Jazz und
spanischer Musik noch ein wenig
weiter verdeutlichen. So hat er
vom Original lediglich das tolle
„Concierto de Aranjuez“ und Gil
Evans‘ „Solea“ neu aufgenommen, sie aber neu arrangiert und
den Orchestersound auch durch
Instrumente aus dem Vorderen
Orient ergänzt.
Noch deutlicher wird das bei den
neu hinzugefügten Stücken, den
beiden von Davis geschriebenen Kompositionen „Muerte del
Matador“ und „El Moreno“ und
dem eigentlich für Piano geschriebenen „El Albaicin“ von Issac
Albeniz. Letzteres gibt hier dem
Streichquartett des Orchesters die
Möglichkeit zum Glänzen.
Schon von Anfang an hat die
Revision eine ganz andere
Atmosphäre als bei Davis & Evans:
Wo Miles mit seiner Trompete vor
dem großen Orchester steht wie ein
Monolith, ist Orbert (der zwischen
Trompete und Flügelhorn wechselt) viel stärker Teil des Ensembles.
Außerdem spielt er hier weniger als
Jazzmusiker, sondern eher in der
klassischen Tradition.
Böse Zungen könnten lästern und
sagen: Das hier ist Sketches of Spain
für die Fans von Wynton Marsalis
und seiner Schule. Für mich ist
Sketches of Spain Revisited ein
äußerst empfehlenswertes aktuelles Jazzalbum, weit entfernt von
Blasphemie - wenn auch vielleicht
weit entfernt vom Geniestreich von
Miles Davis & Gil Evans. (3Sixteen
Records)
Raimund Nitzsche
Coco Montoya - Songs from
the Road
Mit der Reihe „Songs from the
Road“ hat das Label Ruf Records
in den letzten Jahren Maßstäbe in
Sachen Live-Alben im Blues gesetzt:
Man will den Hörer direkt vor die
Bühne setzen und ihn die Konzerte
in all ihrer Energie nacherleben
lassen. Für das Doppelalbum von
Coco Montoya hat man Mitschnitte
aus zwei Auftritten im Triple DoorClub in Seattle ausgewählt, die von
Jim Gaines hervorragend produziert
wurden.
Als ich zum ersten Mal die prägnante
Gitarre von Coco Montoya hörte,
war das in den 80ern, als er gemeinsam mit Walter Trout in der damaligen Version von John Mayall‘s
Bluesbreakers spielte. Hier setzte
sein schneidender (und unüberhör-
43
bar an Albert Collins erinnernder)
Gitarrenton die nötigen Kontraste
nicht nur zu Trout sondern vor
allem auch zu Mayalls Keyboards
und seiner Harp. In seiner aktuellen
Band gibt es nicht die Konkurrenz
eines zweiten Gitarristen. Auf
„Songs from the Road“ gibt es aber
die wunderbaren Keyboardeinlagen
von Brant Leeper, die in Songs wie
„Love Jail“ den Blues Montoyas fast
in die Bereiche der frühen Deep
Purple transportieren. Montoya und
seine Band lassen sich für die einzelnen Lieder gehörig Zeit: Kein Song
ist kürzer als fünf Minuten. Einige
sind länger als zehn. Und gar eine
Viertelstunde lässt sich die Band
Zeit, um „Good Days, Bad Days“
zu zelebrieren. Wer lange und technisch brilliante Soloeinlagen schätzt,
kommt hier voll auf seine Kosten.
Für mich ist das ganze ein wenig zu
viel des Guten. Klar: Montoya ist
ein herausragender Gitarrist im zeitgenössischen Blues. Er ist auch ein
wundervoller Sänger. Aber die Kunst
des Solos liegt in der Fähigkeit der
Reduzierung auf das Wesentliche.
Für mich hätte man das hier noch
mehr beherzigen können. Nach
dem Ende der beiden CDs bin ich
einfach nur noch total übersättigt.
(Ruf/in-akustik)
Nathan Nörgel
Wasser-Prawda | Oktober 2014
44
P L AT T E N
wenige draufhaben – man könnte
hier etwa an Roy Book Binder denken. Ferra ist erst halb so alt und
scheint den Trick schon gefunden zu
haben. Eine deutliche Empfehlung!
Ich selbst freue mich schon auf das
nächste Album dieses Musikers.
(www.daveferra.tripod.com/)
Iain Patience
Danny Bryant - Temperature
Rising
Dave Ferra – Ain‘t No Hand
Me Down
Gitarrensolos, Gesang mit jeder
Menge Hall - wer sich bei Danny
Bryants neuem Album an die 70er
Jahre erinnert fühlt, liegt nicht so
ganz falsch. „Temperature Rising“
ist fett produzierter Bluesrock, der
Bryants Bewunderung für seinen
Mentor Walter Trout ganz deutlich
hören lässt.
Ja, ein Gitarrensolo. Ganz schön
lang und fett. Und im nächsten Lied
gibt es wieder eins. Das ist hier wahrlich kein sparsames Album. Bryant
rockt sich durch neun Lieder. Und
nur manchmal ist er dabei wirklich überraschend. Etwa beim tollen Rocker „Nothing At All“, wo das
Piano zunächst im Vordergrund ist.
Bryant ist sicherlich ein toller
Gitarrist. Aber auf Albumlänge
kann er mich hier nicht wirklich
überzeugen. Das ist Bluesrock von
der Stage, wenn auch auf hohem
Niveau gespielt. (Jazzhaus)
Raimund Nitzsche
Das sollte zuerst gesagt werden:
Dies ist ein wundervolles akustisches Album. Ferras zweite
Veröffentlichung, „Ain‘t No Hand
Me Down“, Nachfolger des von
der Kritik gelobten Debüts „Bad
Luck Blues“, hat wiederum gerissenes Spiel auf der Slide-Gitarre
und urige Harp mit dynamischen
Gesang auf den zwölf Songs, die zu
einer Hälfte selbst geschrieben wurden. Die anderen Lieder sind großartige Cover.
Vom Opener, dem alten „Preaching
Blues“ von Son House über ein
wenig Taj Mahal („Loving In My
Baby‘s Eyes“) bis zu Eric Bibbs
Evergreen „Where The Green Grass
Grows“ fließt das Album ungezwungen dahin, durchsetzt mit einigen
von Ferras eigenen Kompositionen
von heraus stechender Qualität und
mit einem starken Ragtime-Feeling.
Ferras „Meet Me Down The Alley“
und „Tailor Made Women“ ragen
heraus als fein geschliffene Songs,
die deutlich den Geist der RagtimeÄra einfangen.
Und das ist eine Fähigkeit, die nur
Wasser-Prawda | Oktober 2014
Devon Allman - Ragged And
Dirty
Nach „Tourquise“ und den
Alben mit der Royal Southern
Brotherhood veröffentlicht Devon
Allman jetzt sein zweites Soloalbum
bei Ruf Records. Für „Ragged And
Dirty“ hat er sich eine Band von
Chicagoer Musikern gesucht und
als Produzenten Tom Hambridge
verpflichtet.
Musikalisch ist Allman seinem
Konzept treu geblieben. Ob nun
Coverversionen wie der von Luther
Allison stammende Titelsong, Songs
anderer Autoren (gleich vier stammen von Hambridge) oder eigene
Stücke: Hier trifft der Southern Rock
meist auf eine gehörige Portion Soul
und Funk. Purer Gitarrenboogie wie
der Opener „Half The Truth“ ist
hier seltener zu hören. Und davon
gibt es in der Welt eh schon genug.
Viel spannender sind da Stücke wie
P L AT T E N
„Travellin“ oder das fast zehnminütige Instrumental „Midnight Lake
Michigan“, das über einer düsteren
Grundatmosphäre Allmans Gitarre
viel Raum für das Erzählen einer
spannenden Geschichte lässt.
Besonders angenehm ist, dass
Allman eben nicht nur über die
üblichen Themen wie Liebe und
das Leben on the road als Musiker
singt. In „Ten Million Slaves“ hat er
der Geschichte der aus Afrika verschleppten Sklaven gewidmet. Und
im wunderbar dreckigen Rocker
„Blackjack Heartattack“ geht es
um die Spielsucht ohne erhobenen
Zeigefinger.
„Ragged And Dirty“ ist eine
Empfehlung für alle Fans des blueslastigen Southern Rock und für
Rockfans überhaupt. (Ruf Records/
in-akustik)
Raimund Nitzsche
Drew Nelson - The Other Side
In der kanadischen Hauptstadt
Ottawa ist Gitarrist Drew Nelson
seit den 70er Jahren zwischen Blues
und Rock aktiv. Mit „The Other
Side“ erweitert er das Spektrum
auch noch weiter in Richtung
Country, Jazz und etwas Reggae.
Lange Jahre war Drew Nelson nicht
mehr im Studio gewesen. Doch
Steve Marriner, Frontmann der zur
Zeit sehr erfolgreichen MonkeyJunk
konnte ihn überreden zu einem
neuen Album, das er gleich produzierte und diverse Instrumente
spielte.
„The Other Side“ ist mal wieder
eines der Alben, die über lange
Strecken zu leise und bescheiden daherkommen, um wirklich
erfolgreich zu sein. Man könnte
auch sagen: Das ist ein typischer
Geheimtipp. Denn Nelson ist nicht
nur ein fantastischer Slide-Gitarrist,
er schreibt auch äußerst angenehme
Songs, seien es nun Blueskracher wie
„One More Chance“ oder „Please
Come Home“ oder auch romantische Folkballaden wie den Titelsong
dieses Albums. Meist ist das wirklich
herausragend. Selbst der ReggaeTouch von „Stick Around“ macht
riesigen Spaß. Und wenn Nelson in
„Seven Days“ ein wenig an Dylan
erinnert, macht das auch nichts.
Schwächen gibt es da, wo er zu
weit in Richtung Country geht.
„Drifting Away“ etwa ist mir einfach zu langweilig. Und die bis auf
die Stimme notengenaue Kopie von
„Bird On The Wire“ hätte man auch
nicht aufs Album packen müssen.
Aber ansonsten: Unbedingt reinhören! (cdbaby)
Nathan Nörgel
45
Duke Robillard Band - Calling
All Blues
Nicht nur als Gitarrist ist Duke
Robillard zur Zeit einfach einer
der Besten im Blues. Auch als
Songwriter gibt es wenige, die ihm
das Wasser reichen können. Auf
seinem neuen Album „Calling All
Blues“ kann man die ganze Vielfalt
zwischen dem jazzig-swingenden
Blues, souligem Memphis Blues
bis hin zu reduzierten Klängen mit
Percussion von Weinflaschen reicht
hier das Spektrum.
Normalerweise kennt man von
Robillard ja eher die sauben, jazzigen
Gitarrenlinien voller Swing. Doch
auf dieser Scheibe klingen seine
diversen Sechssaiter schon mal dreckig und gemein, rockt der alte Herr
auch mal gehörig ab, wenn es nötig
ist. „Motor Trouble“ etwa klingt
für mich wie eine Reminiszenz an
die stoischen Boogies von John Lee
Hooker: Ein Akkord reicht eigentlich aus, ein Arrangement ist nicht
wirklich nötig. Das ist ein rauer und
dreckiger Jam von einem Bluessong.
Auch „Nasty Guitar“ kommt mit
gehöriger Verzerrung daher. Er sieht
die Nummer als Hymne an den
Wasser-Prawda | Oktober 2014
46
P L AT T E N
Sound des frühen Rock & Roll, wie
er im Sun Studio von Memphis entstand. Der Verstärker steht auf elf.
Und der Duke singt im Duett mit
Sonny Crownover im Duett.
Klar, es gibt auch hier die Nummern,
die man auch in einer Jazzbar laufen lassen könnte. „Blues Beyond
The Call of Duty“ ist ein Song für
die späten Nachtstunden irgendwo
in einem schummrigen Kellerclub.
Und es gibt den fetten Blues mit
Unterstützung von den Memphis
Horns. „Emphasis on Memphis“
etwa groovt gehörig. Und auch der
Schlusssong „She‘s So Fine“ gehört
in diese die Zehen in Bewegung setzende Kategorie.
Ein absolut gelungenes Album für
alle Freunde des Blues über alle
Untergrenzen hinweg! (Stony Plain)
Nathan Nörgel
Element of Crime Lieblingsfarben und Tiere
Beim ersten Blick ist alles beim
Alten: Element of Crime erfinden
auf „Lieblingsfarben und Tiere“
weder sich noch die Welt der Musik
neu. Lakonisch und romantisch und
vertraut kommen die Lieder daher.
Es gab eine Zeit, da konnte ich nicht
in meine Lieblingskneipe gehen,
ohne dass dort im Laufe des Abends
diverse Lieder von Element of Crime
liefen. Melancholisch-besoffen sangen die Leute am Tresen mit und
suhlten sich in ihrem Weltschmerz.
Mittlerweile traut sich kaum noch
jemand, diese großartigen Alben
dort aufzulegen. Denn eigentlich
sind Element of Crime eher was für
den stillen Abend allein zu Haus.
Sven Regners Texte gehen im Lärm
zu schnell unter.
Nichts Neues also: Lieder über
die Melancholie der Liebe, die
Erinnerung an den Tag, wo man
die Frau das erste Mal sah, über
den Rückzug in die Stille der
eigenen Wohnung jenseits von
Handyklingeln und Türglocken,
über erdbeermarmeladenfarbene
Sonnenaufgänge. Das ganze kommt
wie gewohnt zwischen RumpelWalzer, Rock und Bühnenmusik
von Weill daher. Die Beiläufigkeit
und scheinbare Leichtigkeit ist für
manche Kollegen ein Zeichen für
künstlerischen Stillstand. Andere
bezeichnen „Lieblingsfarben und
Tiere“ gar als passende Musik für
Rollatoren. Das geht für mich am
Eigentlichen vorbei. Diese Welt in
ihrer Traurigkeit und Schönheit in
Worte und Töne zu packen, haben
in Deutschland neben Element
of Crime nur noch Stoppok und
Keimzeit drauf.
Nathan Nörgel
Wasser-Prawda | Oktober 2014
Fanny van Dannen - Geile
Welt
Macht der Barde jetzt einen auf
Rocker? Auf seinem neuesten Album
„Geile Welt“ lässt sich Fanny van
Dannen von einer Band begleiten.
Und manchmal klingen die Lieder
dann auch nach Indierock oder auch
nach den Toten Hosen.
Als
Mixtur
zwischen
Hobbyrevoluzzer und Berufsspinner
hat ein Kollege mal den Liedermacher
bezeichnet, der allein schon für
seine Ode an Nana Mouskouri
einen Platz in der Geschichte der
deutschsprachigen Musik verdient
hat. Leider gelingen einem Künstler
solche Lieder aber nicht jeden Tag.
Und auch wenn „Geile Welt“
noch immer jede Menge spaßige
Formulierungen und melodische
Einfälle hat, will bei mir hier der
Funke nicht so richtig überspringen. Lieder wie „Lebensbejahend“
schunkeln dahin und setzen die passende Signale zum Lachen. Doch
ehrlich: Für mich ist das Material
für das Liedermacher-Stadl. Witzig,
böse und treffend dagegen „Meine
Arbeit“ über einen Arbeiter in
der Waffenindustrie und den
P L AT T E N
Zustand der Welt ist toll. „Lonely
Stuhlbein“ ist Schrammel-Country
mit Happyend. Und auch 5 Euro
macht gehörig Spaß - hier wird van
Dannen fast zum Spaßpunk. Doch
wann kommt mal wieder ein Song
wie „Nana Mouskouri“? Er selbst
könnte sagen: „Frag bloß nicht den
Wind“.
Nathan Nörgel
heute nichts mehr übrig geblieben.
Schließlich sind die Hobbymusiker
selbst alle schon etwas älter. Und da
ist die Entscheidung, sich der Musik
zwischen Blues, Alt.Country und
Rootsrock zu widmen, durchaus
auch eine dem Alter angemessene
Entscheidung.
Auf „On The Crossroad“ finden
sich 11 Songs, bei denen der Blues
eher weniger zu hören ist. Viel
eher ist die Liebe zur Musikern
wie Dylan, Tom Petty oder auch
den späten Dire Straits zu hören.
Und von der Entspanntheit her
könnte man durchaus auch noch
JJ Cale. nennen. Nicht alle Songs
auf dem Album sind wirklich überzeugend. Manche Stücke wirken
ungewollt unsicher oder skizzenhaft. Aber vielleicht ist das auch
eine bewusste Entscheidung: Für
eine Hochglanzproduktion ohne
wären Lieder wie „Puzzle Rag“
Gracefull Fall - On The
(mein Favorit!), „Dusty Boots“ oder
Crossroad
Entstpannte Americana irgendwo „Bulge Out“ nicht wirklich geeigzwischen JJ Cale, Bob Dylan und net. Die brauchen die rauhe Schale,
den Dire Straits haben sich Gracefull die Ecken und Kanten. Insgesamt
Fall auf die Fahnen geschrieben. ein Debüt, das neugierig macht.
Mit „On The Crossroad“ hat das (Cactus Rock Records)
Raimund Nitzsche
Quartett aus Dresden jetzt ihr
Debüt bei Cactus Rock Records
veröffentlicht. Zu Gast war bei
den Aufnahmen auch der ehemalige Band- und heutige Labelkollege
Alexander Wurlitzer mit seiner
Gitarre.
Wenn man die Wurzeln der sächsischen Band untersucht, stößt man
auf diverse außerhalb von Pirna
und Umgebung völlig unbekannte
Gruppen, denen allen Schlagzeuger
Jens Göbler seine Dienste lieh.
Doch vom ursprünglichen Punk ist Hannah Aldridge - Razor Wire
47
Nashville und Muscle Shoals spielen im Leben von Songwriterin
Hannah Aldridge ebenso eine Rolle
wie in ihrer Musik: Auf Razor Wire
trifft düstere Americana auf die
Gefühlstiefe des Soul.
Als Kind sollte sie klassische Pianistin
werden. Studiert hat sie dann aber
doch Tontechnik an der Middle
Tennessee State University. Und da
belegte sie als Wahlfach auch einen
Kurs in Songwriting. Allerdings
setzten die Lehrer dort voraus, dass
man bereits eigene Werke vorweisen kann. Hannah Aldrigde, damals
21 Jahre alt, fragte nicht nur ihren
Vater (selbst Produzent, Songwriter
und Musiker) um Rat, sie fing
auch schnell an, in Nashvilles
Bluebird Cafe aufzutreten. Dort
entstand auch das Alter Ego ihres
Songkosmos, eine Frau, die durchaus auch bereit ist, Leute zu töten der klassische Outlaw, der aber dennoch den Unterschied zwischen Gut
und Böse kennt, eine Frau, die sich
nicht sagen lässt, was sie tun und
lassen soll.
Zwischen Country und Akustiksoul,
Blues und Rock perlen die Lieder
dahin. Bei aller Härte oft tief melancholisch und düster. Und dennoch voller Kraft. Aldridge meint
„Razor Wire“ sei ein Album über
das Erwachsenwerden. Für mich
ist es eine Scheibe einer Frau, die
längst erwachsen ist. (TroddenBlack
Entertainment)
Nathan Nörgel
Wasser-Prawda | Oktober 2014
48
P L AT T E N
Howard Glazer - Looking In The
Mirror
Der Erfolg des 2013 veröffentlichten Albums „Stepchild of the Blues“
animierte Detroit’s Top Gitarristen
Howard Glazer mit „Looking in the
Mirror“ nachzulegen.
Howard Glazer wurde in 2013 in die
Michigan Blues Hall of Fame aufgenommen und hat für seine herausragende Gitarrenarbeit den Detroit
Music Award erhalten. Ich habe
ihn durch seine Zusammenarbeit
mit den großartigen Bluesern
Harmonica Shah und Emanuel
Young kennengelernt. Aus dieser
Zusammenarbeit resultieren äußerst
empfehlenswerte Alben.
Howard ist Blues-Rocker. Sein
Schwerpunkt liegt dabei auf dem
Blues. Er ist ein erfahrener und
großartiger Songschreiber, der
viel Wert auf klare Melodiebögen
legt. Sen Gitarrenspiel ist lebendig und straight. Ihm liegt weder
das Herumfrickeln noch versucht
er, schneller zu spielen als sein
Schatten. Das hebt ihn wohltuend
von einer großen Anzahl eher mittelmäßig talentierter Bluesrocker ab.
Auf „Looking in the Mirror“ spielt
Howard die elektrische, Slide- und
Resonator Gitarre. Begleitet wird er
von ortsansässigen Musikern. Als
Sänger wird er von Maggie McCabe
und Stephanie Johnson hervorragend unterstützt.
Stilistisch finden wir funky Blues
Grooves wie „Midnight Postman“,
treibenden Bluesrock („Take me
Baby“), Shuffle („Walking in
Detroit“) und Southern Swamp
„Misunderstood the Devil“. Das
Titelstück „Looking in the Mirror“
orientiert sich am englischen Beat
der 60er. Howard deckt diese große
Bandbreite souverän ab.
Die Highlights des Albums sind für
mich die beiden letzten Stücke. Auf
dem swampigen „Misunderstood
the Devil“ verlässt Howard seine
üblichen Pfade ebenso wie bei
dem psychedelisch angehauchten
„Emergency“.
Howard Glazer ist mehr als ein
Nachfolgealbum für „Stepchild
oft he Blues“ gelungen. Er hat sich
spür- und hörbar weiterentwickelt.
Da kommt noch Großes auf uns zu.
„Looking in the MIrror“ ist ein
äußerst gelungenes Bluesrock
Album, bei dem Liebhaber der
eher melodiösen Variante voll auf
ihre Kosten kommen. (City Hall
Records)
Bernd Kreikmann
Wasser-Prawda | Oktober 2014
Iko Iko - Bullets In The Bonfire
Vol. 1
Seit 30 Jahren ist Iko Iko, die Band
von Sänger/Songwriter Graham
Wood Drout die Hausband im
Bluesclub „Tobacco Road“ in
Miami. Das Jubiläum ist der richtige Zeitpunkt, um auch außerhalb
von Florida auf diese außergewöhnlich gute Band mit ihrer Musik zwischen New Orleans Grooves, Cajun
und Roots Rock aufmerksam zu
machen. „Bullets In The Bonfire
Vol. 1“ fasst daher Songs der bisher
in verschiedenen Besetzungen entstandenen Alben zusammen.
Irgendjemand hat Iko Iko als die
Florida-Version der Bands von
Duke Robillard bezeichnet. Erst hab
ich länger überlegt, was der Kollege
damit überhaupt sagen wollte.
Doch je häufiger ich die Songs auf
„Bullets In The Bonfire“ hörte, desto
klarer wurde die Aussage: Graham
Wood Drout ist ein herausragender
Songwriter und Musiker, der immer
genau die richtigen Bands für seine
eigene Lesart der bluesverwandten
Musik zusammenstellen kann. Und
ob er nun über Hoodoo, Zombies
oder einfach über das „Party Car“
P L AT T E N
singt: Das ist immer Musik, die die
Leute zum Tanzen bringt und ihnen
ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Und das selbst, wenn er wie ihn
„(Never Had An) American Dream“
die Vorstellungen über das Land der
unbegrenzten Möglichkeiten kritisch unter die Lupe nimmt, ist das
kein wütender Punkrock sondern
geschieht mit einem melancholischen Augenzwinkern.
Für Bluesrocker interessangt: zeitweise gehörte Gitarrist Albert
Castiglia zu Iko Iko. Und bei zwei
Songs kann man ihn hier auch hören.
Und die tolle akustische Nummer
„The Ghosts of Mississippi“ über die
Entstehung des Blues zählt ebenso
wie „The Day The Old Man Died“
zu den Höhepunkten der gelungenen Retrospektive für diejenigen, die
sich nach wirklichen Bluesnummern
jenseits des Partyfeelings sehnen.
(Little Silver Records)
Nathan Nörgel
Schattierungen des bluesverwandten Musik. Und im Gegensatz
zu Früher, hat er die Songs auf
„Different Shades of Blue“ komplett mitverfasst.
Leser dieses Magazins wissen, dass
ich zu Herrn Bonamassa immer eine
zumindest zwiespältige Haltung
habe: Respekt vor seinen Fähigkeiten
als Gitarrist und Begeisterung für
die gemeinsamen Projekte mit Beth
Hart treffen auf Ablehnung der
meisten Soloalben des ehemaligen
Wunderkinds. Da war mir immer
zu wenig Blues und zu viel großspurig aufgetragenes Rockertum. Und
außerdem fehlte mir oft auch ein
Produzent, der das Ganze in ein stimiges Gesamtbild brachte. Das ist
hier schon mal nicht zu kritisieren:
Das in Nashville und Malibu eingespielte „Different Shades of Blue“
wurde von Kevin Shirley druckvoll
und doch durchsichtig produziert.
Die Überraschung kommt spätestens beim dritten Titel. Nach dem
an Hendrix erinnernden Intro „Hey
Baby“ und der vom Wechsel zwischen akustischer Ruhe und deftigsten Gitarrenexzessen lebenden „Oh
Beautiful“ ist Bonamassa mit „Love
Ain‘t A Love Song“ beim funkigen
Soulbluesrock angekommen. Hier
gibt es die fetten Bläser zur Gitarre
hinzu und die Rhythmen beginnen zu tanzen. Auch „Living On
The Moon“ setzt diese Linie fort.
Für die Fans gibt‘s natürlich noch
genügend Rifforgien und sägende
Joe Bonamassa - Different
Solos. Und selbst Bluespolizisten
Shades of Blue
werden mit „I Gave Everything for
Vom Bluesrock hin zu funkigen You, Cept The Blues“ beruhigt: so
Sounds mit fetter Hornsection: einen Zwölftakter hätte ich von
Joe Bonamassa erkundet auf sei- Bonamassa kaum zu hören gehofft.
nem neuen Studioalbum diverse
49
Selbst das Honky-Tonk-Piano passt
genau.
Für mich ist „Different Shades of
Blue“ eine Scheibe, die trotz einiger Schwächen meistenteils Spaß
macht. Beinharte Fans werden vielleicht begeisterter sein.
Nathan Nörgel
Jo Harman & Company - Live
At The Royal Albert Hall
Jo Harman ist die beste SoulbluesSängerin im Vereinigten Königreich.
Das jedenfalls meint die Zeitung
Daily Mirror. Und wenn man sie
einmal gehört hat, fällt es wirklich
schwer, dieser Aussage zu widersprechen. Erst kürzlich hat man sie
als „Female Vocalist of the Year“
bei den British Blues Awards 2014
aurgezeichnet.
Ihr eindrückliches Debütalbum
„Dirt on My Tongue“ war im letzten Jahr von vielen gefeiert worden
und tauchte auf den Toplisten des
Jahres auf. Jetzt erscheint ein LiveAlbum. Beim Bluesfest 2013 in der
Londoner Royal Albert Hall hat die
BBC ihren Auftritt mitgeschnitten.
Es gibt acht Songs drauf, davon sind
sechs von Jo Harman (und anderen) geschrieben worden. Alle zeigen, dass Jo‘s Band einfach exzel-
Wasser-Prawda | Oktober 2014
50
P L AT T E N
lent ist (Dave Ital - g, Steve Watts
- keyb, Andy Tolman - b, Martin
Johnson - dr). Und vor allem vor
allem zeigen sie Harmans wunderbaren emotionalen Gesang. Wie
man bei einem Live-Album erwarten kann, bekommt man erweiterte
Versionen von den vier Songs, die
schon auf „Dirt On My Tongue“
waren - und eine Menge mehr
zum erfreuen. Und dazu gehören
tolle Gitarrenparts, wandlungsfähige Keyboards, fantastische
Interaktionen zwischen beiden
Instrumenten - und insgesamt ist
diese Band eine Einheit, die einfach
Spaß am Spielen zu haben scheint.
Und dann ist da diese Stimme: Jo
Harmans Stimme nimmt Dich
gefangen bei jeder Wendung, voller
Soul, bluesig, sinnlich, zärtlich oder
wenn nötig rockig.
Alle Songs sind toll, doch meiner
Meinung nach kann man die volle
emotionale Kraft Harmans vor allem
bei den langsameren Nummern fühlen, etwa bei „Amnesty“ und „Sweet
Man Moses“.
Das ist echte, ehrliche Musik und darüber hinaus äußerst unterhaltsam. Huey Morgan von den
Fun Loving Criminals meinte auf
BBC 2: „Manchmal hörst Du eine
Stimme, die Dich sprachlos zurück
läasst … ich bin es.“ Geh und hol
Dir ein Exemplar von einem ihrer
Alben. Dann bist Du es auch.
Gary Burnett
nötig eine ordentliche Dosis Funk
in die Mixtur, so dass das hier ein
Bluesalbum ist, das auch von vorne
bis hinten tanzbar ist. Und vor
allem: Das ist endlich mal wieder
ein Debüt einer BLUES-Band, keiner Bluesrockband oder gar eines
Power-Trios!
Wenn man sich fragt, warum auf
dem Debüt der Band nur sieben
Titel zu finden sind: Gegründet hat
sich die John Weeks Band erst im
Frühjahr 2014. Auf jeden Fall sind
die sieben komplett selbst verfassten
John Weeks Band - John
Titel ohne jede Sekunde Leerlauf
Weeks Band
Der Herkunftsort ist etwas irrefüh- von vorne bis hinten gelungen. Mit
rend: Zwar stammt die John Weeks diesem Debüt hat die John Weeks
Band aus Denver (Colorado), doch Band ein sehr hörenswertes Album
der Leiter John Weeks kommt veröffentlicht (cdbaby)
Raimund Nitzsche
ursprünglich aus Paris. Und
Keyboarder/Harpspieler Andras
Csapo ist Ungar. Und ihr klassischer Bluessound (irgendwo zwischen klassischem Chicagoblues
und Texasblues a la Freddie King)
schreckt selbst vor Latingrooves
nicht zurück.
Klar, deftig und ohne Schnörkel:
Von den ersten Takten an ist das
ein Album, das einerseits sehr
klassisch, aber gleichzeitig auch
so frisch wie kaum eine andere
Bluesveröffentlichung der letzten
Wochen klingt. Die Gitarre von Kaye Bohler - Handle The
John Weeks sagt, sie klagt, sie fällt Curves
sofort auf mit ihrem Sound. Wenn Das Kostüm auf dem Plattencover
dann Csapo die Harp spielt, dann könnte als Anspielung auf die
sind zwar die Vorbilder zwischen Auftritte von Tina Turner angeCotton, Musselwhite und ande- sehen werden, mit der Sängerin/
ren nicht zu überhören. Doch hier Songwriterin Kaye Bohler immer
wird die Geschichte weitergeschrie- mal verglichen wird. Doch die
ben und nicht wiederholt. Und Musik Bohlers ist fern vom weichder Rhythmus (Tom Molinaro - gespülten Pop der älteren Turner:
dr, Curtis Hawkins - b) gibt wenn Auf „Handle The Curves“ gibt es
statt dessen auf den Punkt gespielten
Wasser-Prawda | Oktober 2014
P L AT T E N
Soulblues und Funk für jede ordentliche Party.
Nein, eigentlich braucht man gar
nicht zu fragen: Diese Scheibe
kommt ganz klar aus Kalifornien.
Dort ist man ja schon seit dem Ende
des Zweiten Weltkriegs erfolgreich
dabei, den Blues mit Jazz, Soul und
anderen Musiken munter zu fusionieren und daraus einzigartige
Musik zu machen. Musikalische
Verwandschaft für diesen Soulblues
voller Anklänge an den Stax- und
sonstigen Southern Soul könnte
man etwa bei John Nemeth finden.
Wobei der ja inzwischen konsequenterweise gleich nach Memphis gezogen ist.
„Handle The Curves“ ist ein tolles Soulalbum einer echten
Powerfrau, die ganz bewusst ihre
femininen Seiten zum Thema von
Songs macht. Und durch großartige Begleitmusiker wie Gitarrist
Pete Anderson oder Trompeter Lee
Thomburg oder Pianist Michael
Murphy ist ein fetter Sound entstanden, der ganz genau passend
zu Rohlers Powerstimme ist. Hier
wird an keiner Ecke gespart! Hier
geht es aufs Ganze - und das macht
von Anfang bis Schluss einen riesigen Spaß!
Raimund Nitzsche
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Immer singt sie mit einer derartigen Power (nicht Lautstärke!), dass
es einen packt. Es geht im Blues
eben nicht nur um die ganz großen
Botschaften, sondern darum, das
Publikum seine Erfahrungen mitfühlen zu lassen. Musikalisch ist das
Chicago-Blues zwischen traditionell
und funky, oft mit fetten Bläsern,
mit Piano oder Hammond und mit
tollen Harps von Billy Branch und
Dizzy Bolinsky. Unbedingt empfehlenswertes Album! (Blue Kitty
Music)
Raimund Nitzsche
Liz Mandeville - Heart O
Chicago
Vor einigen Jahrzehnten zog Liz
Mandeville nach Chicago, um
Theater zu studieren. Ob sie noch
Theater spielt, weiß ich nicht. Aber
dass sie eine der besten Sängerinnen
und Songwriterinnen zur Zeit in der
Blueshauptstadt Chicago ist, macht
sie mit ihrem aktuellen Album
„Heart O Chicago“ mehr als deutlich. Unterstützt wurde sie bei den
Aufnahmen unter anderem von
Billy Branch und Eddie Shaw.
„Sing like a crazy monkey on a
party at the end of time“ - wenn
Liz Mandeville loslegt, dann ist
klar: hier ist Blues ohne Bremsen,
ohne Netz und doppelten Boden
angesagt. Nur wenn es direkt aus
dem Herzen kommt, dann ist der
Song richtig. Und nur dann kann
er auch direkt ins Herz und die
Seele gehen. Ob Liz über die dummen Fehler schlauer Frauen singt,
über den Silberstreif am Horizont,
die Erfahrung, dass einer Schluss
macht mit einer Nachricht auf dem
Anrufbeantworter oder eben darüber, wie ein Affe bei einer Party kurz
vor dem Ende der Welt zu singen:
Marcia Ball - The Ta ooed
Lady And The Alligator Man
Mit ihrem neuesten Album lädt
Pianistin Marcia Ball zu einer wilden Party zwischen Boogie Woogie,
Zydecon und Rhythm & Blues ein.
Ihr Blues ist keiner für traurige
Stunden, sondern einer der auch
ausgelassenen Lebensfreude.
Hausputz als Möglichkeit, mit der
Vergangenheit und der Traurigkeit
abzuschließen? „Clean My House“
ist ein kraftvoll dahinrollender
Boogie einer Powerfrau. Und dieses Lied ist gleichsam auch exemplarisch für ihr neuestes Album: nie-
Wasser-Prawda | Oktober 2014
52
P L AT T E N
mals wehleidig oder schicksalsergeben sondern immer krafrvoll und
voller ansteckender Energie. Man
merkt in jeder Sekunde, wie viel
Spaß Marcia Ball auch nach vierzig Jahren im Musikbusiness noch
immer an der Bluesmusik hat. Ihr
Klavierspiel klingt mal nach dem
New Orleans von Professor Lonhair
(„Like There‘s No Tomorrow“), mal
nach den klassischen Zeiten des
Boogie Woogie in den 30er und
40er Jahren.
Für den Nachfolger von „Roadside
Attractions“ hat sie sich neben ihren
langjährigen Bandkollegen unter
anderem Mark „Kaz“ Kazanoff (barsax) Jimmy, Shortell (tp) und Randy
Zimmermann mit seiner Posaune
eingeladen. Und ein absoluter
Höhepunkt: Delbert McClintons
Bluesharp auf „Can‘t Blame Nobody
But Myself“.
Pianoblues der absolut empfehlenswerten Sorte - ein tolles Partyalbum
noch dazu! (Alligator/in-akustik)
Raimund Nitzsche
einen Oscar. Als Solistin konnte
die Sängerin/Songwriterin niemals an die traumhaft schwerelose
Schönheit der Filmsongs anknüpfen. Und daran wird auch ihr aktuelles Album „Muna“ nicht viel
ändern können.
Unterhaltungen mit Gott können
eigentlich eine gute Basis für ein
Gospelalbum bilden. Doch davon
ist Irglova hier musikalisch weit
entfernt. In ihren Liedern verbindet sie ihre osteuropäischen Wurzeln
mit Anklängen aus der Musik des
östlichen Mittelmeeres und dem
Eklektizismus isländischer Popalben.
Das Ergebnis sind immer sehr einschmeichelnde Sounds, gefällige Melodien und überraschende
Wendungen. Und eben Texte an
Maria, an den Erzengel Gabriel
und auch Zitate aus dem Vaterunser.
Doch anstatt wirklich mitzureißen
und/oder zum Nachdenken zu bringen haben ihre Lieder die einschläfernde Wirkung von später EnyaAlben. Ich hätte viel lieber von
Marketa Irglova ein Album gehört,
was an die ganz einfachen FolkWurzeln ihrer Anfangstage angeknüpft hätte. Sie hat sich dagegen
für esoterischen Schwulst entschieden. Schade!
Nathan Nörgel
Marketa Irglova - Muna
Als Teil des Duos The Swell Season
im großartigen Film „Once“
gewann Marketa Irglova vor Jahren
Wasser-Prawda | Oktober 2014
Mary Flower - When My
Bluebird Sings
Mary Flower sagt von ihrem letzten
Album, es markiere den Abschied
von ihrem normalen Stil, normalerweise ein akustischer vom Ragtime
angetriebener Mix von BluesStandards und selbst geschriebenen Stücken. Und doch: Dieser
solide Hintergrund scheint auch
hier durch mit knackigem und klaren Gitarrenspiel gepaart mit einer
sanften Stimme, die sich mit dem
Alter immer weiter zu entwickeln
scheint, so wie ein guter Wein oder
ein toller Malt. Alle Stücke hier wurden von Flowers geschrieben. Und
sie spielt sowohl eine normale akustische als auch die Slidegitarre mit
Kraft, Sensibilität und Soul.
Vom Oener „So Far Doin Alright“
an schwingt sie sich auf zu einem
eher tyischen Ragtime-Stück wie
„Ragtag Rag“. „Sashay My Way“ ist
eine fetzige Boogienummer. Und
am Schluss kommt „Atchafalaya“,
ein schönes, rhapsodisches Stück,
dass die Geschichte der Entstehung
dieses Albums reflektiert, dass vor
wenigen Monaten unten in New
Orleans aufgenommen wurde. Für
mich ist Mary Flower so ziemlich
P L AT T E N
die beste Ragtime-Pickerin auf der
akustischen Gitarre. Und so muss
man eigentlich kaum darauf hinweisen, dass diese CD eine Empfehlung
wert ist.
Iain Patience
Ma Woosey – Wildest
Dreams
Die neueste Veröffentlichung
des jungen britischen Singer/
Songwriters Matt Woosey, „Wildest
Dream“ ist ein weiterer Triumph.
Woosey‘s vorige Platten „On The
Wagon“ und die EP „Hook Line &
Sinker“ waren beide exzellent. Es
war schwer vorzustellen, wie er da
noch etwas draufsetzen sollte. Doch
Woosey hat es wieder geschafft, tatsächlich es hat es ganz hervorragend
geschafft: Eine weitere atemberaubende CD mit zehn Songs, voll von
seiner sofort erkennbaren Gitarre
und tollen Songs, eine nahtlose
Fusion von Americana und rauem
und dreckigem Blues.
Dieser Kerl wird einfach immer besser und besser, stärker und stärker
und ist ungeheuer talentiert. Das
hier gehört in die engere Auswahl
für das „Album des Jahres“!
Seine Fähigkeiten als Instrumentalist
und Songwriter gehen weit über sein
Alter hinaus. Das ist ein Kerl, der
sich wirklich schnell entwickelt.
Solltet Ihr nur ein Album dieses Jahr
kaufen, dann solltet Ihr Woosey‘s
„Wildes Dream“ wählen. (Radar
Music Records)
Iain Patience
53
unterkriegen lassen. Und genau
das kann man hören, wenn er mit
„River Jordan“ sein neues Album
beginnt: Er singt von der Kraft und
Freude im Glauben, von der Kraft
der Liebe, die einen trägt, er singt
von Jona und dem Wal. Und damit
singt er eben immer auch von seinem Leben und dem, was er sich für
andere Menschen wünscht.
„Shine For All The People“ ist ein
großartiges Beispiel, wie man heute
vom Glauben singen kann: Nicht
nur die „normalen“ Kirchgänger
können sich von diesem GospelSoul angesprochen fühlen, sondern
auch all die, die sonst eher auf der
Suche nach Musik für ihre nächste
Northern-Soul-Party sind. Toll!
Nathan Nörgel
Mike Farris - Shine For All The
People
Vor rund zehn Jahren tauchte Mike
Farris als Solist in der Szene auf,
nachdem er vorher unter anderem bei der Southern Rock Band
Creamin Cheeta Wheelies aktiv war.
Sein mit Hilfe eines KickstarterProjekts finanziertes Album „Shine
For All The People“ ist von den
Songs und der Botschaft her ein
Gospelalbum, von der Musik her ist
es klassischer Soul zwischen Wilson
Pickett, Al Green und anderen.
Was braucht man, um ein guter
Prediger zu sein? Man darf nicht
nur seine Gelehrsamkeit, man
muss vor allem wissen, mit welchen
Problemen die Zuhörer zu kämpfen haben. Mike Farris hat jahrelang
gegen seinen Alkoholismus und die
Abhängigkeit von Schmerztabletten
gekämpft. Und vor allem hat er
sich von diesen Süchten nicht
Randy Oxford Band - It Feels
Good
Die Band des Posaunisten Randy
Oxford aus Seattle spielt heftigen Soulblues und Funk. Auf
ihrem aktuellen siebenten Album
kann man als Sängerin auch die
Bassistin Polly O‘Keary hören,
deren Soloalbum „Compass“ wir vor
einigen Wochen ebenfalls rezensiert
haben.
Vor einigen Jahren hab ich mal ein
Wasser-Prawda | Oktober 2014
54
P L AT T E N
Special über Soulbands in Seattle
und Umgebung geschrieben, über
Bands wie The Soul Senate und
andere. Posaunist Randy Oxford
und seine Band ist mir damals (da
ich die Recherchen nur im Internet
gemacht habe) durch die Lappen
gegangen. Und das ist schade.
Oder auch nicht - denn heute ist
es an der Zeit, der seit mehr als
zehn Jahren bestehenden Band ein
wenig Aufmerksamkeit zu widmen. Das hier ist nicht die übliche
Retro-Soul-Band, die sich allein am
Stil von Stax, Atlantic oder Muscle
Shoals orientiert. Das ist auch nicht
die Soul-Blues-Band, denen man
die Liebe zu den Blues Brothers in
jedem Song anhören würde. Hier
ist eine Gruppe von zur Zeit sechs
Musikerinnen und Musikern, die
fast alle auch als Songwriter aktiv
sind und dabei ganz unterchiedliche
musikalische Vorlieben erkennnen
lassen. So decken die Songs (bis auf
Paul Simons „One Trick Pony“ alle
von Bandmitgliedern verfasst) von
rockig („Run Over“) bis klassischdramatisch („The Loudest Thing“),
von Funk bis Latin („Your Love“) die
verschiedensten Spielarten ab. Und
den Gesang übernehmen abwechselnd gleich vier Musikerinnen und
Musiker. Vor allem die etatmäßige Saängerin Ady Jama und die
Bassistin Polly O‘Keary muss man
hier als besonderes herausragend
erwähnen.
Raimund Nitzsche
Rb Stone - Loosen Up!
Roadhouse Music – da darf man
schon ein wenig träumen. Endlose
Straßen durch das Nirgendwo, der
Achtzylinder bollert, in der Ferne
ist Licht zu sehen. Ein Bier wäre
jetzt nicht schlecht. Anhalten, eintreten, ewig langer Bartresen, Bier
bestellen, zurücklehnen, Live Musik
hören. Das kann man alles ein paar
tausend Kilometer entfernt haben.
Für uns gibt es eine gute Alternative:
Rb Stone. Rb wuchs in Ohio auf
und verbrachte einen guten Teil seines Lebens als Teil einer Railroad
Gang im mittleren Westen der
USA. Er kam viel herum, lebte in
Eisenbahnercamps und ließ sich
einige Jahre als Manager einer
Installationsfirma in Ohio nieder.
Das stetige Leben wurde ihm wohl
zu langweilig und er begab sich
erneut auf die Straße, lernte in
Colorado einen alten Cowboy kennen und arbeitete auf dessen Ranch.
Er wurde ein gesuchter Pferdekenner
und führte Pferdetrecks für
Touristengruppen. Zu dieser Zeit
gründete er seine erste Band.
Hier schließt sich der Kreis.
Wer wäre wohl geeigneter, das
Wasser-Prawda | Oktober 2014
Roadhousegefühl glaubwürdig mit
seiner Musik in unsere Clubs und
Wohnräume zu transportieren als
Rb.
Seine aktuelle CD „Loosen Up!“
geht richtig gut ab. Rb Stone und
seine Band (Rb Stone – Lead Voc.,
Harmonica, Cigar Box Guitar / Tom
Hambridge – drums / Robert Britt
– guit. / Tommy McDonald – bass /
Jefferson Jarvis – piano, organ) spielen ihre Mischung aus Rock- und
Rootsmusik äußerst versiert und
irgendwie total cool. Rb’s Stimme
paßt perfekt zu Musik und Texten.
Gleich der Opener „High Horse“
geht richtig zur Sache – er paßt
besser zu Cowboystiefeln als zu
Slippern. Der Titelsong „Loosen
Up!“ ist ein knackiger Bluesrocker.
Rb kann es aber auch ruhiger angehen. „God Heals You When You
Cry“ ist ein Bluestitel der nahegeht.
Der „Texas Drunk Tank Blues“ lädt
dann zum Mitstampfen ein. Beim
letzten Stück „Harley Heart“ ist der
Titel Programm – eine Hymne für
alle, die dieses Ding auf zwei Rädern
lieben.
Rb Stone entführt uns mit seiner Musik in die Roadhäuser seiner Welt. Seine Musik macht Spaß,
sie ist manchmal auch etwas sentimental. Sie eignet sich für einsame
Stunden, nimmt es aber auch nicht
übel, wenn nebenbei ein Gespräch
geführt wird oder lädt zum Tanzen
ein.
Ich hoffe, dass Rb den Weg zu uns
findet – ein Clubabend mit ihm
und seiner Band dürfte lange in
Erinnerung bleiben. Bis dahin werden seine CDs regelmäßig auf meinem Plattenteller liegen.
P L AT T E N
Großer Kauftipp für alle, die auch
einmal eine Abwechslung zum
Chicago Blues suchen oder dem allgegenwärtigen Bluesrock entkommen möchten. (Middle Mountain
Music MMM 51313)
Bernd Kreikmann
zierten Gospel „God Don‘t You
Trouble My Body No More“ oder
dem jazzig düsteren „She‘s Got A
Crush On Me“. Alles scheint für die
große Bühne auf‘s äußerste getrieben zu werden. Selbst wenn ein
Song wie „Johanna“ anfängt wie ein
klassischer Rocksong, macht allein
diese Stimme deutlich, dass bei Red
Mouth eben alles möglich ist, nur
kein platter Mainstream. Alles ist
düster, bizarr, übertrieben und wenn man sich denn drauf einlassen kann - absolut großartig.
Großartig auch die Band, bei der
unter anderem Songwriterlegende
Donnie Fritts das Piano spielt.
Das Saxophon stammt von Havey
Thompson (Lyle Lovett), während
Jimbo Hart und Chad Gamble
Red Mouth - Toska
(Jason Isbell & the 400 Unit) für
Dunkle Geschichten von Liebe und den Rhythmus zuständig sind.
dem Bizarren verspricht Red Mouth Wild und chaotisch, düster und
für sein neues Album „Toska“. bei Bedarf auch rockend liefern
Wer dabei an ein traditionelles sie das Orchester für die abgeBluesalbum denken sollte, könnte drehten Songideen aus einer düsschockiert das Weite suchen, wenn teren Zwischenwelt. (Red Mouth
die Musik beginnt. Wer aber schon Records)
„The Old Original Saint Red Mouth
Nathan Nörgel
Blues“ gemocht hat, findet hier wieder Songs jenseits aller Klischees
voller Wahnsinn und Schönheit.
Die Verweise auf Captain Beefheart
kann man sich auch hier nicht verkneifen. Aber Red Mouth aka Eric
Gebhard ist als Songschreiber inwzischen auch bei tragischen Balladen
a la Leonard Cohen angekommen,
erinnert an Nick Cave und einen
vollkommen besoffenen Kurt Weill.
Toska ist da der ganz passende
Albumtitel: Hier ist der Blues Ruthie Foster - Promise of a
immer ganz schön opernhaft, ob Brand New Day
nun beim auf Drumrhythmen redu- Muss Ruthie Foster eigentlich noch
55
erklären, weshalb sie jedes Recht
hat, den Blues zu singen? Eigentlich
unnötig, aber „Singing The Blues“,
der Opener ihres neuen Albums ist
mit seinem sanften Memphis Groove
gleich einer der Höhepunkte einer
tollen Scheibe zwischen Blues, Soul,
Gospel und Popmusik für denkende
Menschen.
Das hippiemäßig kitischige Cover
ist ein wenig geschummelt: Wie
schon beim letzten Album ist
Ruthie Foster mittlerweile mehr
als Songwriterin und Sängerin
und weniger als Gitarristin zu erleben. Aber ansonsten stimmt dieses Foto doch, was die Stimmung
des Albums betrifft: Ruthie Foster
ist als Songwriterin und Interpretin
nicht um soziale Kommentare verlegen und damit durchaus eine Erbin
der späten 60er Jahre. Und die
Blumen und der leicht übertriebene
Regenbogen: Sie überzeugt eher
mit den ruhigen und besinnlichen
Geschichten und haut nicht mit der
Faust auf den Tisch. Aber genau das
macht den Reiz ihrer Alben schon
seit Jahren aus. Man lässt sich gern
von ihrer warmen und kraftvollen
Stimme gefangen nehmen. Und
man nimmt ihr alles zwischen persönlicher Geschichte, Predigt und
Sozialkritik ohne Fragen ab.
Höhepunkte für mich neben dem
bereits erwähnten Opener: Fosters
Neuinterpretation von „The Ghetto“
der Staple Singers, „Believe“ mit seinem unerbittlich drohenden Groove
und die Bürgerrechts-Hymne
„Second Coming“.
Raimund Nitzsche
Wasser-Prawda | Oktober 2014
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P L AT T E N
Screaming Headless Torsos
- Code Red
Funkmetal trifft auf Jazz, Soul und
Rhythm & Blues - die Musik von
Screaming Headless Torsos auf
ihrem neuen Studioalbum „Code
Red“ lässt sich stilistisch nicht unter
einen Hut bringen. Doch es sind die
Songs, die sich unmittelbar ins Ohr
drängen, die eines der wirklich anregenden Alben des Jahre ausmachen.
Der Höhepunkt kommt gleich zum
Beginn: „Code Red“ knallt mit seinem Funkmetal-Riff mit einer derartigen Gewalt los, dass man die
Geschichte des unter postraumatischem Stress leidenden Soldaten
direkt körperlich nachfühlen muss.
Ein Kunstkritiker würde sagen: Hier
stimmen Inhalt und Form überein.
Hier ist keinerlei ironische Distanz
zu spüren. Die Geschichte wird
direkt und ohne Umweg in einen
der heftigsten Rocksongs der letzten Jahre übersetzt.
Die Verwirrung folgt auf dem
Fuße. Denn der nächste Titel hätte
auch auf einem der guten PrinceAlben gut geklungen: Funk mit
einer Härte und gleichzeitigen
Leichtigkeit. Danach kommen
Jazzfunk, radiotaugliche Popsongs.
Also eigentlich die Musik, für die die
Scraming Headless Torsos bei Fans
sowohl aus dem Soullager als auch
der Jazzgemeinde seit Jahren beliebt
sind. Die Gitarren von David „Fuze“
Fiuczynski treiben das Ganze ebenso
voran wie die heftigen RhythmusAttacken von Percussionist Daniel
Sadownick, Schlagzeuger Biscuit
Rouse und Bassist David Ginyard.
Hier ist ein derartig dichtes
Zusammenspiel einer Band zu erleben, dass selbst der aberwitzigste
Stilbruch vollkommen zwingend
erscheint. Und Sänger Freedom
Bremner passt seine Soulröhre an
heftige Rocksounds ebenso an wie
an souligen Pop.
Für Musikhörer ohne Scheuklappen
ist das ein Album, dass man anhören sollte. (Revolver/Rough Trade)
Nathan Nörgel
Mal eine, mal zwei Gitarren treiben die Songs voran. Das hier ist
radiotauglicher Bluesrock. Und
Sena Erhardt hat dafür genau die
richtige Stimme. Niemals kocht auf
ihrem neuen Album die Stimmung
wirklich über. Das wird immer
nur angedeutet. In den Balladen
wird dem Schmalz manchmal Tor
und Tür geöffnet. Ich hatte mir
von Erhardt deutlich mehr erwartet. Das hier ist ein Album ohne
Überraschungen und für mich
mit gehörigem Langeweilefaktor.
Schade! (Blind Pig)
Nathan Nörgel
Simen Aanerud - Medicine
Sena Erhardt - Live my Life
Ihr Debüt „Leave The Light On“ und
der Nachfolger „All In“ waren große
Erfolge für die junge Bluessängerin
und Songwriterin Sena Erhardt. Ihr
drittes Album „Live m Life“ ist ein
poliertes Bluesrockalbum ohne viele
überraschende Momente geworden.
Wasser-Prawda | Oktober 2014
M u s i k e r,
Erfinder
und
Fabrikbesitzer? Der norwegische
Pianist Simen Aanerud hat mit
„Medicine“ sein erstes Soloalbum
veröffentlicht, nachdem er in den
letzten Jahren schon als Begleiter
verschiedener Musiker in seiner
Heimat und in Neuseeland im
Studio war.
In seiner 2012 gegründeten Firma
baut Aanerud Lampen und andere
Designeinrichtungsstücke. Doch
das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass der 1981 geborene
P L AT T E N
Norweger schon seit Jahren als
Bluespianist in den verschiedensten
eigenen und fremden Bands unterwegs war. Und diese Erfahrung hört
man auf seinem Solodebüt ebenso
wie seine Lust daran, scheinbar
bekannte Versatzstücke auf unerwartete Weise zu kombinieren.
Da hört man scheinbar klassische
Boogiemelodien, doch irgendwann
bricht das Klavier in fast freejazzige
Gefilde auf. Im nächsten Stück gibt
es dann fetten Pianoblues mit rotzigen Saxophonen als Begleitung, als
würde sich ein besoffener Tom Waits
von Dr. John begleiten lassen.
Aanerud hat das Bluespiano von
etwa 1920 bis heute studiert und
sich zu eigen gemacht. Seine eigenen
Songs bedienen sich aus diesem reichen Erbe und schreibe es teils ernst,
teils ironisch fort. „Medicine“ ist ein
wirklich überraschendes Debüt!
Raimund Nitzsche
Lieder gewählt, die zwischen 1969
und 1995 entstanden sind. Insofern
ist der Untertitel „Songs from the
Vault“ durchaus ernst zu nehmen.
Ich geb es gerne zu: Fleetwood Mac
hat mich nach dem Ausstieg von
Peter Green, Jeremy Spence und
Danny Kirwan nicht wirklich interessiert. Klar: „Rumours“ ist ein
Album, das man gehört haben muss,
dem man selbst in der DDR nicht
entkommen konnte. Doch ansonsten? Nicht meine Musik, dachte
ich mir in meiner jugendlichen
Unbekümmertheit. Und auch später gab es immer andere Alben, die
mir wichtiger waren. Als mir jetzt
„24 Karat Gold“ auf den Tisch kam,
waren diese Gedanken aber schnell
weggewischt. Denn hier ist eine
Songwriterin zu hören, die selbst bei
den liegengelassenen Stücken noch
echte Goldstücke hat.
Musikalisch ist das ziemlich schamlos Retro. Produziert von Dave
Stewart und aufgenommen mit
Studiomusikern in Nashville ist
hier ein Album entstanden, das vom
Feeling her durchaus an die alten
Fleetwood Mac Zeiten erinnert. Nur
dass ich damals nie solche scharfen und zwingenden Gitarrensolos
gehört hab. Die waren für meine
Ohren immer zu weit im Wohlklang
verschwunden. Hier jetzt aber knallen die Gitarren schon mal heftig
los (nicht nur beim Rocker „I Don‘t
Care“).
Stevie Nicks - 24 Karat Gold
Rechtzeitig vor dem Start der Hier jetzt also: eine in Würde gealAmerikatour der reformierten terte Sängerin mit Liedern zwischen
Fleetwood Mac veröffentlicht Stevie heftigem Rock und tollen Balladen.
Nicks ein neues Soloalbum. Wobei Nicks macht aus den alten Liedern
neu nur die Aufnahmen betrifft. Poprock für erwachsene Menschen.
Nicks hat für „24 Karat Gold“ Und diese Kategorie gibt es heute
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viel zu selten. Für mich einer der
Höhepunkte: „Lady“, wo Nicks klar
macht, dass sie selbst als Bluesqueen
nur mit Piano hätte Karriere machen
können. (Reprise/Warner)
Raimund Nitzsche
Stoppok - Popschutz
Relaxt und lakonisch: Stoppok hat
nach einigen Jahren als Solist seine
Band komplett umbesetzt und veröffentlicht mit Popschutz sein vielleicht bestes Album seit „Silber“.
Wo Element of Crime das Leben
in melancholische Gedichte
im Chansonton übersetzt, lässt
Stoppok seine Alltagsgeschichten
und Beobachtungen unserer
Gesellschaft in ihrer Absurdität mit
gehörigem Humor zum Blues und
Rootsrock werden. „Popschutz“ ist
ein Kommentar zur Lage in der stagnierenden Republik von Mutti, wo
man gerne endlos im Kreis denkt
und sich wundert, weil wirklich
nie was passiert. Auch perfektes
Recycling kann aus Dreck nichts
anderes machen. Und man braucht
sich nicht über den Gestank wundern, wenn man sich gegenseitig
ständig den Arsch aufreißt. Wenn
man jedem Trend, jeder Meinung
nachläuft, wenn sie denn nur von
Wasser-Prawda | Oktober 2014
58
P L AT T E N
einigen oft genug wiederholt wird,
verliert man sich letztlich selbst.
Aber so ist es halt bequemer. Man
lässt sich berieseln und einlullen.
Stoppok ist einer der wenigen Songwriter, bei dem deutsche Sprache und amerikanische Rootsmusik wirklich zu
einer Einheit zusammenfinden.
„Popschutz“ könnte man eigentlich auch als perfektes deutsches
Bluesalbum bezeichnen: Vor allem
der Groove von New Orleans, aber
auch Blues aus Chicago und von
anderswo klingt in den 16 Liedern
an neben relaxtem Rootsrock a la JJ
Cale. Und bei Bedarf wird die Band
auch noch ordentlich mit Gebläse
verstärkt. Gemeinsam mit seinem
Duopartner Worthy hat Stoppok ja
schon bewiesen, wie gut seine Stories
und der Blues zusammenpasen. Und
auch mit großer Band funktioniert
das hervorragend. Ein tolles Album!
(Grundsound/La-La-Land)
Raimund Nitzsche
ben Todsünden gearbeitet. Jetzt hat
er das Album gemeinsam mit seiner Band The Mighty Bosscats veröffentlicht. Sieben Lieder zwischen
Blues und Americana, sieben Lieder
über das, was in unserer Welt falsch
läuft.
Als Nina Van Horn vor zwei Jahren
ihr Album über die Todsünden
veröffentlichte, da erweiterte sie
den Sündenkatalog um das, was
nach ihrer Meinung heute außerdem zu den Todsünden gehört:
Teilnahmslosigkeit und Krieg etwa.
Townend beschränkt seinen musikalischen Lasterkatalog auf die sieben klassischen Todsünden. Doch
als nicht wirklich religiöser Mensch
sind seine Songs weniger eine feurige
Bußpredigt als eine melancholische,
teils auch wütende Beschreibung
von alltäglichen Geschichten: Da
kann der hippe Businessman nicht
genug bekommen vom süßen Wein,
vom Geld und allem, was seiner
Meinung nach das Leben zu etwas
besonderem macht. Eine Frau missbraucht ihren Liebhaber nur für ihre
schnelle Befriedigung. Und nach 15
Minuten ist Schluss. Ein verzogenes
Kind schreit seinen Eltern zornige
Worte entgegen. Aus lauter Stolz
weigert sich ein Mann, sich in seinem Leben helfen zu lassen und
erleidet immer wieder den gleichen
Blues. Ein gieriger Geschäftsmann
will seiner jungen Braut Diamanten
schenken. Doch von ihnen tropft
das Blut derjenigen, die für diese
The Knickerbocker All-Stars
Steine gestorben sind. Ein Lied singt
The Mighty Bosscats - The 7
- Open Mic At The Knick
das Lied der Faulheit eines Mannes,
Keine Angst! Das Open Mic im Deadly Sins
der eigentlich gar nicht mehr aus
Knickerbocker Cafe von Westerly, Schon seit Jahren hatte der britische seinem Bett aufstehen möchte.
Rhode Island zieht hier nicht Songwriter und Gitarrist Richard Und für mich die eindrücklichste
die halb- oder gar untalentier- Townend an Liedern über die sieten Musikerinnen und Musiker
der Gegend an, um Bluesklassiker
öffentlich zu exekutieren. Dies ist
ein Album, um Klassiker der Jump
Blues, Rhythm & Blues und Soul
zu zelebrieren. Insgesamt acht
Sängerinnen und Sänger präsentieren sich hier vor einer druckvollen und swingenden Band mit
Veteranen der Szene.
Schon wenn Sugar Ray Norcia mit
„You Upset Me Baby“ loslegt, ist
alles klar: Hier gibt es keine trockene
Stunde in Musikgeschichte sondern
eine Party, die einen aus den Sitzen
reißt. Willy Laws, Malford Milligan
oder Johnny Nicholas gehen ähnlich
an die Songs von Leuten zwischen
John Lee Hooker, Big Bill Broonzy,
Billy Eckstine oder Don Nix heran:
Ganz und gar retro, aber von der
Power und der Musikalität einer
Blues Brothers Revue.
„Open Mic At The Knick“ ist ein
fantastisches Album. Kein Wort
mehr ist nötig! (JP Cadillac Records)
Nathan Nörgel
Wasser-Prawda | Oktober 2014
P L AT T E N
Geschichte: Die Lebensbeichte eines
Mannes in der Todeszelle, der als
Jugendlicher eine Frau erschlagen
hat, weil sie ihm nicht ihr Geld aushändigen wollte.
Ein eindrückliches Album - sehr zu
empfehlen!
Raimund Nitzsche
sowenig auf diesen Stil festgelegt
wie Gitarrist Santos Puertas. „She‘s
A Troublemaker“ oder „Poor Black
Mattie“ sind typisch für den hypnotischen Blues im Norden Mississippis,
bei „Smokestack Lightning“ sind die
Brüder dicht dran am klassischen
Sound des Chicagoblues in den
50ern. Und wenn nötig, dann spielen sie auch den Rhythm & Blues
von Louis Jordan mit einer gehörigen Portion Swing.
Immer wieder atemberaubend das
Harpspiel von Victor Puertas: Solch
mehrstimmige Solos hat man wirklich seit langem nirgendwo mehr
hören können. Das ist ein Harpspiel,
was eben weniger von Little Walter
und seinen Nachfahren, sondern
von den Solisten der Zeit vor der
Elektrifizierung des Blues beeinThe Suitcase Brothers - A Long flusst wird. „A Long Way From
Way from Home
Home“ ist mit Sicherheit eines der
Geografisch ist der Albumtitel besten traditionellen Bluesalben des
durchaus zutreffend: Für die Jahres.
Aufnahmen ihres Albums „A Long
Nathan Nörgel
Way From Home“ flogen Santos
und Victor Puertas von Barcelona
nach Austin. Doch musikalisch
waren sie damit ganz zu Hause:
The Suitcase Brothers gehören zu
den besten Blues-Duos weltweit.
Als Gäste hatten sich die Suitcase
Brothers mit Jerry Portnoy und Paul
Oscher zwei Altstars des ChicagoBlues eingeladen.
Manchmal muss man schon zweimal hinhören: Nein, hier liegt
keine unentdeckte Aufnahme von
Sonny Terry & Brownie McGhee Zoe Schwarz Blue Commo on
im Player. Auch wenn Stücke wie - Exposed
„Midnight Train To Canfranc“ bis Ob jazzigen Blues in der Tradition
in die Nuancen diese Musik nach von Billie Holiday, Soul oder
diesem Duo klingt. Doch Victor Bluesrock - Zoe Schwarz gehört zu
Puertas ist auf der Bluesharp eben- den eindrücklichsten Sängerinnen
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der britischen Szene der Gegenwart.
Mit ihrer Band Blue Commotion um
Gitarrist und Songwritingpartner
Rob Koral hat sie jetzt schon das
dritte Album in noch nicht einmal
so vielen Jahren veröffentlicht.
Eine tolle Geschichtenerzählerin ist
Zoe Schwarz. Ob sie im lockeren
und humorvollen Rockabilly „Let
Me Sing The Blues“ dem Luxus
eine Absage erteilt und die Musik
zum eigentlichen Ziel ihres Lebens
erklärt oder bei „Let‘s Explain“
ihrer Heldin Billie Holiday ein
Denkmal setzt, ob sie fast verzweifelt fragt, wo denn heute all die
Helden sind, wenn man sie braucht
oder humorvoll drüber nachdenkt,
wer denn wohl ihr nächsten Mann
sein wird: man hört gebannt zu.
Nicht nur Schwarz als Sängerin liefert dazu eine riesige Bandbreite
an Stilen. Auch die famos eingespielte Band kann zwischen Barjazz,
Bikerbluesrock und Soulblues nahtlos hin und her wechseln.
Nach dem Vorgänger „The Blues
Don‘t Scare Me“ ist „Exposed“ noch
mal eine ganz deutliche Steigerung.
Zoe Schwarz Blue Commotion
muss man auf jeden Fall im Blick
behalten. Hoffentlich kann man sie
auch bald mal in Deutschland erleben. (33 Records)
Raimund Nitzsche
Wasser-Prawda | Oktober 2014
60
P L AT T E N
WIEDERHÖREN
KLASSIKER, RARITÄTEN, WIEDERVERÖFFENTLICHUNGEN
Led Zeppelin - IV/Houses of
the Holy
Die Wiederveröffentlichung der
neu gemasterten Alben von Led
Zeppelin geht in die nächste Runde.
Auch das namenlose vierte Album
und „Houses of the Holy“ werden
dabei wieder mit alternativen Mixes,
Demos und anderen Materialien
ergänzt, um die Entstehung dieser Klassiker der Rockmusik zu
verdeutlichen.
Nach dem größtenteils akustischen
Led Zeppelin III ging die musikalische Entwicklung der ehemaligen Bluesrocker weiter hin zu einer
Rockmusik, die neben Blues und
Folk zuweilen auch schon weltmusikalische Einflüsse aufnahm
und so eine Musik schuf, die zur
Blaupause zahlloser Bands seither
wurde. Klassiker wie „Black Dog“
oder gar „Stairway To Heaven“
gehören zum Standardrepertoire
jedes Rocksenders.
Bei „Houses of the Holy“ war die
Entwicklung dann so weit fortgeschritten, dass Rezensenten etwa
im „Rolling Stone“ sich verwundert
fragten, ob das noch die gleiche Band
von „Communication Breakdown“
oder „Whole Lotta Love“ war. Hier
kamen bombastische Sounds zum
Tragen, wurde mit Reggae experimentiert oder gar bei The Crunge
der Funk von James Brown nachgeahmt. Synthesizer, Mellotron und
Streichersounds in clever gebauten
Songs statt spontan runter gerockten Bluessongs hieß die Devise jetzt.
Die mit dem dritten Album angefangene Entwicklung hat mit Songs
wie „The Song Remains The Same“
ihr vorläufiges Ziel gefunden. Und
für die Fans der ersten Stunde blieb
höchstens noch „When The Levee
Breaks“ übrig.
Insgesamt
bleiben
die
„Offenbarungen“ beim Hören der
neu gemasterten Fassungen aus
- nur an manchen Stellen wird
der Gesamtklang ein wenig klarer. Insgesamt kann man hier eines
erkennen: Jimmy Page hatte schon
bei den Aufnahmen damals den
optimalen Sound gefunden, den
man kaum noch verbessern kann.
Das unterscheidet IV und „Houses
of the Holy“ eindeutig von den ers-
Wasser-Prawda | Oktober 2014
ten Alben.
War bei der Neuausgabe des Debüts
der Band ein rarer Live-Mitschnitt
beigefügt, sind die beiden neuen
Wiederveröffentlichungen anders
geartet: Parallel zu den remasterten Originalen werden als Bonus
hier quasi die Alben nochmals in
Alternativmixen, Demos etc. vorgestellt. Das ist nicht nur historisch
interessant. Denn hier wird klar,
wo die Grenzen des Sounds des
Landhauses von Headley Grange
lagen, was die Produktion der
Alben betrifft. Eine Nummer wie
„Black Dog“ erscheint an manchen
Stellen selbst in der neu gemasterten Fassung verschwommen, wo
der im Studio Island No. 2 aus dem
Dezember 1970 durch die Bank weg
durchsichtiger bleibt. Nur fehlt
halt dieser Frühfassung ein Stück
die Magie des „Originals“. Auch
wenn man kleinere Entdeckungen
machen kann bei diesem Material,
ist der Zugewinn bestenfalls marginal. Man kann diese Klassiker
nicht verbessern. Die Alben als
solche haben den Test der Zeiten
bestanden.
So bleibt zu sagen, dass hier zwei
absolut sauber remasterte Versionen
von Alben vorliegen, die in irgendeiner Version einfach in jede gute
Plattensammlung gehören.
Raimund Nitzsche
BÜCHER
61
SON J A VOSS-SC HA R FE NB E R G:
E IS B LUME N
EINE REZENSION VON ASTRID KLOOK
Ein Leben wird erzählt. Die Frau heißt Thea, geschieden,
zwei Kinder, im ersten Beruf Wirtschaftskaufmann,
Wechsel in die Kulturarbeit, Fernstudium am
Literaturinstitut in Leipzig, später Bürokauffrau, allerlei Lehrgänge, diverse Pseudo-beschäftigungen. An der
Aufzählung der Tätigkeiten kann man erkennen, dass
sich Theas Leben in zwei Gesellschaften abgespielt hat.
Ein Vierteljahrhundert vor der Wende und die nächsten fünfundzwanzig Jahre im neuen Deutschland. Sie
ist um die Fünfzig, spürt das Altern im Gemüt und
in den Knochen, und sie will den freiwillig gelebten
gesellschaftlichen Konsens, zu funktionieren „wie es
sich gehört“, nicht mehr ertragen. Verklärung von Sex,
angeborene Mutterliebe, Geburtenwunder… Thea will
die Übereinkunft mit der permanenten Verlogenheit
aufkündigen. Kinderkriegen zerreißt einem den Leib,
Mutterliebe ist pragmatischer Natur, und Sex, nun gut,
es gibt ihn wie auch andere notwenige Verrichtungen.
Das Schreiben und die Literatur sind ihre stetige Liebe,
ihr geschützter Raum, ihr Drinnen. Draußen fügte sie
sich, ihr Leben war unauffällig, für Freunde und Umwelt
normal. Nun wird sie auffällig. Sie macht sich frei, um
dem Anspruch vom eigenen Leben näher zu kommen.
Sie findet eine Partnerin. Sie hat eine Vorstellung davon,
wie es gehen könnte.
Wir haben nach der Wende viel vom mündigen Bürger
gesprochen. Wir meinten das politisch. Sonja VoßScharfenberg ist eine mündige Schreiberin. Ich meine
das literarisch.
Die Erzählung heißt „Eisblumen“, ein Name für Kälte
Wasser-Prawda | Oktober 2014
62
BÜCHER
und für Poesie. Zwischen diesen Polen ist die Geschichte
gefasst.
Eine Frau bricht ihre Grenzen auf, macht Schluss mit
der eigenen Versöhnlichkeit, die ihr Leben dimmt.
„Eisblumen“ ist ein mutiges biografisches (und autobiografisches?) Protokoll, spannend zu lesen nicht nur der
stringenten Form wegen, sondern auch weil es ein Feld
berührt, das jedermann zu beackern hat: wie weit lasse
Sonja Voß-Scharfenberg erzählt ihren Stoff in der dritten ich mich in meinem Leben abtreiben vom eigenen Kurs.
Person und schafft sich damit die gewünschte Distanz zu – Sonja Voß-Scharfenberg beendet ihren sachlichen
Thea, ihrer Protagonistin. Diese Distanz hält sie durch Erzählbericht mit einer poetischen Metapher. „Eisblumen
bis zum Schluss, gestattet ihrer Heldin nicht ein einziges gefrieren in einer Art Hochzeitsweiß zu ungeheuerlichen
Mal den Ausbruch in die persönliche Rede, gibt ihr kein Brautsträußen … von Gräsern und Farnen, Wegerich und
ICH. Sie berichtet, nüchtern und sachlich und in der Scharfgarbe, Sauerampfer und Tausendschön, so als hätte
dritten Person, über das Leben von drei Generationen, Dürer sein Großes Rasenstück ins Glas gepresst.“
von Thea, ihrem Ex, von ihren und seinen Eltern, von Poesie kann sie auch, nicht nur Sachlichkeit.
ihren Kindern. Ein biografisches Protokoll – spröde, Wie für ihre Protagonistin Thea gilt auch für Sonja Voßemotionslos. Es friert einen beim Lesen. So möchte man Scharfenberg: das Schreiben und die Literatur sind ihr
nicht sein. Der Schock wird gemildert, weil die eine oder Zufluchtsort, ihr geschützter Raum.
andere Passage den Finger an die eigene Nase führt: Wie Immer schon. Und immer wieder.
bin ich denn? - Die beschriebenen Personen agieren in
ihrem sozialen Umfeld zwischen Nachkriegszeit, DDR Sonja Voß-Scharfenberg: Eisblumen
und Gegenwart. In ihren Schicksalen liegt vielfacher freiraum-verlag 2014
Stoff für Geschichten, für einen Roman. Aber das ist 96 Seiten; Softcover
hier nicht gemeint. Im Fokus des erzählenden Berichtes ISBN: 978-3-943672-53-4
steht ganz und gar die Sonja-Figur, ein Mensch, der sich 12,95 EUR (D)
emanzipiert, der sich frei macht von sich, für sich.
Wasser-Prawda | Oktober 2014
BÜCHER
63
B R IAN EPSTE IN – D E R
F ÜN F TE BE ATLE E R Z Ä HLT.
D IE AU TOBIOGRA FI E
VON RAIMUND NITZSCHE
In den letzten Jahren
hat der HannibalVerlag eine Reihe inzwischen als historisch
anzusehender Bücher
zur Geschichte der
Beatles erstmals auf
deutsch veröffentlicht.
Fortgesetzt wird dies
jetzt mit der ursprünglich 1964 geschriebenen
Autobiografie von Brian
Epstein.
Wer das Prädikat „der 5. Beatle“
eigentlich verdient hat, ist eine
müßige Frage. Sicher allerdings ist,
dass Manager Brian Epstein maßgeblich am Erfolg der Beatles beteiligt war und die Band bis zum
Auftreten hin geprägt hat, nachdem
sie von ihrem ersten Aufenthalt
im Hamburger Star Club nach
Liverpool zurück gekommen waren.
Brian Epstein, gerne wäre er
Modedesigner geworden, wandelte sich innerhalb kurzer Zeit von
einem erfolgreichen Möbel- und
noch erfolgreicheren Plattenhändler
zu einem der einf lussreichsten
Manager der damaligen britischen
Popszene. Und auf dem Höhepunkt
nicht nur der Karriere der Beatles,
sondern auch auf dem seiner eigenen
Karriere, schrieb er 1964 gemeinsam
mit dem Journalisten „A Cellarful
of Noise“.
Wasser-Prawda | Oktober 2014
64
BÜCHER
Für Fans und Musikhistoriker finden
sich in dieser kleinen Autobiografie
zahlreiche Details zur Geschichte der
Beatles, teilweise andere Blickweisen,
als sie etwa George Martin in seiner
Autobiografie aufschrieb. Schon
wie er auf Grund des Interesses von
Jugendlichen an der in Deutschland
aufgenommenen Single „My
Bonnie“ von Tony Sheridan und den
Beatles erstmals auf die Band aufmerksam wurde, lohnt die Lektüre.
Auch die Auseinandersetzuungen
zwischen Band und Fans im
Zusammenhang mit dem Wechsel
des Schlagzeugerpostens von
Pete Best zu Ringo Starr ist so
eine kleine fein geschilderte
Beobachtung, die sonst häufig in der
Geschichtsschreibung unter geht.
Und es finden sich lebendige
Schilderungen über die Anfangszeit
der Beat-Musik in Liverpool, von
Clubs und Fans. Aber es sind vor
allem Epsteins Erinnerungen an
die weltweite Beatlemania, die hier
herausragen: Von den Auftritten
bei Ed Sullivan über das Verhalten
von wohl situierten „Fans“ bei
Botschaftsempfängen in aller
Welt bis hin zur Organisation von
Reisen oder den Versuchen, unverletzt zu Auftritten zu gelangen,
wird hier ein Phänomen von der
Innenseite her geschildert, was man
als Spätgeborener heute kaum nachvollziehen kann.
Was für mich ein wenig zu kurz
kommt, ist Epsteins Arbeit mit
anderen Künstlern wie Gerry & The
Pacemakers, Cilla Black oder Billy J.
Kramer & The Dakotas. Hier setzt
Epstein das Wissen der Zeitgenossen
voraus, was man heute einfach nicht
mehr so parat hat.
Komplett fehlt natürlich das tragische Ende Epsteins drei Jahre nach
Erscheinen des Buchs. Hinweise
Lustlosigkeit an der Arbeit mit
den Beatles und den beginnenden
Drogenkonsum kommen nicht vor.
Aber dafür gibt es ja bergeweise
andere Literatur, die sich damit auseinander setzt.
Brian Epstein – Der
fün e Beatle erzählt. Die
Autobiografie
Aus dem Englischen übersetzt von
Kirsten Borchardt
Hannibal-Verlag 2014
Hardcover 160 Seiten
ISBN: 978-3854454618
€ 19,99
Brian Epstein und die Beatles bei Ed Sullivan.
Film pp: Cilla (Miniserie)
Ein wesentlich kritischeres Bild von Epstein ergibt sich aus der 2014 vom
britischen Sender ITV ausgestrahlten dreiteiligen Miniserie „Cilla“. Das
Biopic schildert den Beginn der Karriere von Cilla Black von der begabten Rock & Roll Sängerin in Liverpool über den Hitparadenerfolg mit
bombastischen Balladen bis hin zu Epsteins Tod.
Hier ist Epstein zwar der engagierte Manager. Doch er ist einerseits überfordert durch seine Arbeit mit den Beatles. Und außerdem wird hier von
Anfang an der Drogenkonsum und auch seine immer wieder behauptete
Homosexualität thematisiert. Am Ende ist er ein Gescheiterter, verlassen
von seinen Künstlern. Nur Cilla Black scheint widerstrebend zu ihm zu
halten. Das in Großbritannien auch auf DVD veröffentlichte Drama ist
besonders durch seine atmosphärischen Bilder und vor allem durch die
großartige Musik eine echter Geheimtipp.
Wasser-Prawda | Oktober 2014
BÜCHER
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C HR I S T IA N GR A F – J O E
C OC K E R - D I E B I O GR A F I E
VON RAIMUND NITZSCHE
„Mit Gänsehaut durch die
Jahrzehnte“ nennt der Journalist und
Medienwissenschaftler Christof Graf
seine umfassende Biografie des Sängers
Joe Cocker. Basierend vor allem auch
auf zahlreichen über die Jahre geführten Interviews schildert er seine Karriere
von den Anfängen in Sheffield über den
Woodstock Hype bis hin zum weltweit
erfolgreichen Popsänger nach seinem
Comeback in den 80er Jahren.
Es ist diese Stimme, die sofort für Gänsehaut sorgt, die
leidenschaftlichen Ausbrüche und die zärtlich knurrenden Melodien, die man sofort erkennt: Joe Cocker
gehört zu den Künstlern, die man schon bei ihrer ersten
Note erkennt. Auch mit nunmehr 70 Jahren ist er live
noch immer einer der besten Bluessänger, die es in
Europa gibt. Angesichts der anhaltenden Popularität
und des auch kommerziellen Erfolgs Cockers seit den
80er Jahren ist es erstaunlich, dass es bislang auf dem
Markt relativ wenige Bücher über ihn gibt.
Angefangen von der Nachkriegsjugend in Sheffield und
den ersten Erfolgen wird hier ein Musikerleben in all
seiner Zwiespältigkeit geschildert: Die großartige Musik
ebenso wie der lange Kampf gegen Drogen und Alkohol,
das Superstardasein nach Woodstock, der Abstieg zum
Wasser-Prawda | Oktober 2014
66
BÜCHER
Ex-Star und der Dauergast der Hitparaden mit immer
beliebiger klingenden Alben seit den 80er Jahren.
Graf, der neben seiner Tätigkeit als Professor für Medien
& Wirtschaft in den letzten Jahren Bücher etwa über
Leonard Cohen, Bob Dylan, die Rolling Stones oder
„Rock am Ring“ veröffentlicht hat, schildert nicht nur
Cockers Leben, sondern versucht gleichzeitig, sich dem
Phänomen der Stimme des Sängers und der Magie seiner
Auftritte zu nähern. Ergänzt mit zahlreichen Fotos (teilweise aus Grafs eigenem Archiv) und einer umfassenden Discografie ist das eine empfehlenswerte Lektüre
nicht nur für Fans.
Christof Graf: Joe Cocker – Die Biografie. Mit
Gänsehaut durch die Jahrzehnte
Hannibal-Verlag 2014
Hardcover 240 Seiten
ISBN: 978-3854454458
€ 19,99
Joe Cocker 1970 (Foto: Wikipedia/A&M Records)
Wasser-Prawda | Oktober 2014
SPRACHRAUM
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DIE
VESTALINNEN
Eine Reise um die Erde. Abenteuer zu Wasser und zu Lande. Erzählt
nach eigenen Erlebnissen. Band 1. Von Robert KraŌ
16. IM SUEZKANAL
Im Jahre 1869 wurde der Schiffahrt eine
Verkehrsstraße übergeben, deren Anlegung einst der
weitsichtige Napoleon I. für das größte Ereignis in der
Weltgeschichte erklärt hatte. Denkt die Gegenwart,
denen sie bereits etwas Bekanntes ist, auch anders
darüber, so hat sie doch im Seehandel einen vollkommenen Umschwung bewirkt.
Ein geistreicher Franzose, der Ingenieur Lesseps, war
es, der zuerst energisch mit dem Plane umging, die enge
Verbindung zwischen Afrika und Asien zu durchstechen,
er bewies durch Rechnungen, daß der verschieden hohe
Wasserstand des roten und des mittelländischen Meeres,
welche die Landenge zu beiden Seiten bespülen, keine
Schwierigkeiten bereiten würde, hatte ja doch wahrscheinlich schon einmal eine Wasserstraße hier existiert,
wie die zahlreichen Salzseen auf dem Isthmus bezeugten, und schritt nach Aufbringen des nötigen Geldes
an‘s Werk.
Was für eine Ersparnis die Dampfer, welche von europäischen Häfen nach Asien, nach der Ostküste von
Afrika und nach Australien fahren, durch den Kanal
haben, möge nur eine einzige kleine Rechnung zeigen.
Um die Kosten für die fortwährende Ausbaggerung
des Kanals – weil derselbe an Wüsten grenzt, droht er
wieder zu versanden, wenn der lose Sand nicht ununterbrochen ausgeschöpft wird – zu decken, ebenso den
Gehalt der angestellten Beamten und so weiter zu bestreiten, muß natürlich von jedem Schiff ein Durchgangszoll
erhoben werden.
Er wird nach der Tragkraft der Schiffe berechnet,
und zwar kostet die Tonne – 20 Centner – etwas mehr
als 10 Mark. Selbst kleine Dampfer haben aber eine
Tragkraft von 2000 Tonnen, sodaß sie also für eine
einzige Durchfahrt etwa 20,000 Mark bezahlen müssen,
für jeden Passagier noch 5 Mark extra.
Würde ein Dampfer diese Summe nicht ausgeben
wollen, sondern lieber um das Kap der guten Hoffnung,
die Südspitze Afrikas, seinem Ziele zufahren, so braucht
er einige Wochen länger, hat also viel mehr für Kohlen,
Gehalt und Beköstigung der Mannschaft und so weiter
auszugeben, was die oben angegebene Summe bedeutend übersteigt. Daher fährt kein Dampfer, der von
Europa nach dem indischen Ozean bestimmt ist, die
alte Wasserstraße, sondern nur durch den Suezkanal.
Die Segelschiffe, deren einzigste Triebkraft der Wind
ist, nehmen natürlich nicht diesen kostspieligen Weg,
sondern segeln nach wie vor um das Kap der guten
Hoffnung. Nur sehr selten sieht man einmal ein solch
stattliches Fahrzeug mit hoher Takelage durch den Kanal
schleppen, sie haben dann gewöhnlich eine Ladung,
welche man lieber einem Segler als einem Dampfer
anvertraut, so zum Beispiel feuergefährliche Sachen,
Wasser-Prawda | Oktober 2014
68
SPRACHRAUM
auf deren Fracht die zum Durchfahren des Suezkanals
nötige Summe natürlich geschlagen werden muß.
Von einem kleinen Dampfer wurden zwei durch
Stahltaue aneinander gebundene Segler geschleppt,
deren schlanker, zierlicher Bau nicht auf Frachtfahrzeuge
schließen ließ. Und dennoch befanden sich an Bord
des ersteren, größeren Schiffes feuergefährliche Dinge,
nämlich die Augen der Matrosen, welche an dem kupfernen Geländer lehnten, teils das Panorama der Wüste
betrachtend, teils sich mit der Mannschaft der hinter
ihnen fahrenden Brigg unterhaltend.
Es waren die ›Vesta‹ und der ›Amor‹, deren
Besatzungen das Bezahlen des Durchfahrtsgeldes keine
Kopfschmerzen machte.
Streng nach Vorschrift dampfte der kleine Schlepper,
den Kanallotsen an Bord, vier Knoten in der Stunde,
das heißt eine deutsche Meile, also sehr langsam, um
einem ihm begegnenden Schiffe rechtzeitig ausweichen
zu können.
Der Kanal ist nicht so breit, um zwei Schiffe aneinander vorbeizulassen, von einem großen Passagierdampfer
könnte man sogar zu beiden Seiten an‘s Ufer springen,
aber aller zwei Meilen sind sogenannte Stationen angebracht, Ausbuchtungen, in welchen das Schiff, welches
eine solche zuerst erreicht hat, dem ihm begegnenden
ausweichen muß. An jeder Station befindet sich ein
Turm, von dem aus ein Beamter die Hälfte des Weges
bis zur nächsten Station beobachtet und dem Schiff,
welches in die Bucht einfahren soll, das Flaggensignal
dazu giebt.
Außerdem dürfen die Dampfer, welche keinen elektrischen Scheinwerfer an Bord haben, nicht des Nachts
fahren, sondern müssen während der Dunkelheit in
einer Bucht liegen bleiben.
Das gleiche Schicksal hatten also der ›Amor‹ und die
›Vesta‹ zu erwarten.
Eben unterhielten sich einige Damen, darunter die
Kapitänin, welche bereits einmal den Suezkanal passiert hatte, über diese Thatsache.
»Wo werden wir die Nacht zubringen? Im großen
Bittersee?« fragte eines der Mädchen.
»Ich glaube kaum, daß wir so weit kommen werden,«
erwiderte Ellen. »Meiner Berechnung nach müssen wir
zwischen dem Bittersee und Kautare, einer Poststation,
Wasser-Prawda | Oktober 2014
wo auch die von Afrika nach Arabien einwandernden
Karawanen übergesetzt werden, anlegen.«
»Wann erreichen wir wieder die offene See?«
»Morgen Nachmittag bestimmt. Es ist eine traurige
Gegend, Sand, nichts als Sand, höchstens hier und da
etwas elendes Buschwerk – und dennoch wohnen Tiere,
sogar Menschen hier.«
»Und haben ihre Heimat auch lieb,« ergänzte Johanna.
»Sie halten sie für den schönsten Ort der Erde,« sagte
eine andere.
»Was mögen nur die Herren da drüben haben? Sie
wollen sich ja halb tot lachen,« unterbrach jemand eine
kurze Pause in der Unterhaltung.
Die Damen wandten ihre Aufmerksamkeit der Brigg
zu, auf der eine Gruppe Herren um Williams standen,
der allerlei seltsame Grimassen schnitt, Bocksprünge
machte und unartikulierte Töne ausstieß.
»Natürlich ist es Sir Williams, kein anderer; in dessen
Kopf möchte ich einmal hineinsehen können. Aber er
SPRACHRAUM
ist der beste Mensch und zuverlässigste Freund, den es
auf der Welt giebt,« sagte Miß Thomson.
»Sie scheinen ja außerordentlich viel auf ihn zu
halten,« lächelte Ellen.
»Ich sage nur die Wahrheit,« entgegnete Miß Thomson,
errötete aber über und über.
»Was mag eigentlich der Grund gewesen sein, daß
vier der Herren in Port Said den ›Amor‹ verließen und
mit der Bahn wegfuhren? Rätselhaft ist es auch, daß die
anderen Herren durchaus nicht mit der Wahrheit herauswollen.« – »Haben Sie jemanden darüber gefragt?«
– »Ja, Lord Hastings.«
»Da sind Sie gerade an den Richtigen gekommen, der
angelt bereits geschlagene sieben Stunden, läßt sich das
Essen hinbringen und fährt jeden grob an, der ihn sonst
stört,« lachte ein Mädchen.
»Einer Dame gegenüber wird er wohl etwas höflicher
gewesen sein!«
»Unhöflich war er zwar nicht, aber immer noch grob
genug, und als sich ein Fisch seinem Köder näherte,
hörte er mich gar nicht mehr an.«
»Wenn Sie ein Geheimnis der Herren erfahren wollen,
so brauchen Sie mir dies nur zu wissen zu geben, ich
besitze den Schlüssel dazu. Passen Sie auf, in fünf
Minuten will ich es gelöst haben,« sagte Miß Thomson
und schritt dem Hinterteil des Schiffes zu.
»Sir Williams,« rief sie, »bitte, kann ich Sie für eine
Minute sprechen?«
Der Angerufene hörte sofort mit seiner Vorstellung
auf, legte das Gesicht in möglichst ernste Falten und
leistete eiligst der Aufforderung Folge.
»Was wünschen Sie, Miß Thomson?«
»Sie führen dort wohl einen Indianertanz auf?«
»Aber Miß, haben Sie denn nicht gehört, daß ich eine
Rede gehalten habe?«
»Nein, wirklich nicht. Ich glaubte eher, Sie versuchten, einen Orang-Utang nachzuahmen!«
»O! Sie kennen doch den englischen Kanzelredner
Mister Flamming?«
»Ich habe schon von ihm gehört, er soll ein wunderlicher Kauz sein.«
»Nun, in dessen Stil habe ich gepredigt. Etwas
Gliederverrenkung ist dabei unbedingt nötig.«
»Was ich noch fragen wollte, Williams – Sir Williams
69
–«
»Bitte, nennen Sie mich einfach Williams, von allen
berühmten Männern spricht man nur mit ihrem einfachen Namen. Wenn es Ihnen beliebt, dürfen Sie auch
Charles sagen, das klingt viel hübscher.«
»So hören Sie doch endlich auf!« lachte das Mädchen.
»Sagen Sie, wo sind die Herren geblieben, die in Port
Said den ›Amor‹ verließen?«
»Sie sind gar nicht geblieben; sie sind abgereist.«
»Wohin aber, das will ich eben wissen!«
Williams zog ein schlaues Gesicht.
»Was geben Sie mir, wenn ich es Ihnen sage?«
»Das ist unhöflich.«
»Ist mir ganz egal! Ich darf es eigentlich nicht sagen;
eine furchtbare Strafe droht dem, der das Geheimnis
verrät. Aber schön soll es werden, Miß Thomson,
reizend! Passen Sie auf, Sie fallen aus einem Entzücken
in das andere!«
Jetzt hatte das Mädchen Williams so weit, wie es ihn
haben wollte; er fing von selbst an zu plaudern.
»Warum denn über die herrliche Nacht?«
»Ja, auch das; es wird eine reizende Nacht, alles
erleuchtet – halt, bald hätte ich es verraten, aber ich
sage es Ihnen nicht, Sie erzählen es doch gleich den
anderen Damen wieder. Wer das Geheimnis preisgiebt,
darf heute abend nicht t ...«
»Was darf er nicht t ...«
»Taue mit Theer einschmieren.«
»Auch mir wollen Sie es nicht sagen? Mir, Ihrer
Freundin? Für so schlecht hätte ich Sie nicht gehalten.«
»Ach, verehrteste Miß Thomson,« begann Charles mit
kläglicher Stimme, »Sie machen nur das Herz furchtbar schwer.«
»Schreiben Sie es mir auf dann sagen Sie es nicht!«
»Auch das darf ich nicht, ich kann überhaupt gar
nicht schreiben. Aber halt! Rätsel aufgeben ist nicht verboten. Hören Sie, was ist das? Es fliegt durch die Luft,
es schwimmt auf dem Wasser und ist rund.«
»Völlig rund?«
»Rund, nur rund.«
»Dann weiß ich‘s nicht.«
»Ja, es ist ein bißchen schwer, ich will es Ihnen leichter machen, der erste Buchstabe ist b, der letzte l und
der mittelste a.«
Wasser-Prawda | Oktober 2014
70
SPRACHRAUM
»Bal – Ball?«
»Mein Gott, Fräulein, ich bewundere Ihren
Scharfsinn!«
»Wie? Heute abend soll ein Ball stattfinden?« rief das
Mädchen erstaunt. »Sie scherzen wohl?«
»Pst, nicht so laut! Wenn es gemerkt wird, daß ich
Ihnen das Geheimnis verraten habe, darf ich heute
abend nicht mit Ihnen tanzen, und dann wäre Ihnen
doch das ganze Vergnügen gestört.«
»Aber wo soll der Ball denn abgehalten werden? Wohl
an Bord Ihrer Brigg?«
»Ach, der alte Backtrog,« sagte Charles verächtlich.
»Nein, die vier Herren sind vorausgereist, um an einer
Stelle über den Kanal Bretter zu legen, auf denen getanzt
werden soll.«
»Auf Wiedersehen denn,« sagte Miß Thomson, die
das alles nicht glaubte, lächelnd, »jetzt gehe ich zu den
Damen und gebe ihnen Rätsel auf.«
»Miß Thomson,« flehte Charles, »machen Sie mich
und sich nicht unglücklich.«
»Nun, was haben Sie denn herausgebracht?« fragten
die Damen neugierig, als sich ihnen das Mädchen wieder
zugesellte.
»Williams setzte mir heute doch einmal einen ganz
energischen Widerstand entgegen,« antwortete die
Gefragte, »nur soviel habe ich erfahren können, daß die
Herren irgend eine Überraschung bereithalten, wahrscheinlich eine Illumination oder so etwas Aehnliches.«
Miß Thomson glaubte nicht daran, daß die Herren
wirklich einen Ball arrangieren wollten, Charles hatte
ihr dies nur weismachen wollen. Aber auch, wenn sie
ihm getraut hätte, war sie doch zu diskret, um ein ihr
anvertrautes Geheimnis zu verraten. Sie wußte recht
wohl, welchen Einfluß ihre Bitten auf den gutherzigen
Charles ausüben konnten.
»Dort taucht Kantare auf,« rief Ellen, »die Karawanenund Poststation.«
Kantare macht Anspruch auf den Namen einer
Ortschaft, besteht aber nur aus wenigen erbärmlichen Lehmhütten. Ein einziges Haus macht davon
eine Ausnahme; es ist nach europäischem Stil erbaut
und dient gleichzeitig als Postgebäude und als Hotel,
um den mit den Karawanen reisenden Händlern nach
dem beschwerlichen Wüstenmarsch einmal ein gutes
Wasser-Prawda | Oktober 2014
Quartier bieten zu können.
»Das macht einen sonderbaren Eindruck,« sagte ein
Mädchen und deutete auf das Firmenschild des Hauses.
»Hier mitten in der Wüste wird die Benutzung eines
guten franzosischen Billards empfohlen.«
In der That waren auf das Brett zwei gekreuzte
Billardstäbe gemalt, und darunter standen die Worte:
›Gutes französisches Billard, die Stunde fünf Piaster.‹
»Sehen dort nicht zum Fenster die fehlenden vier
Herren heraus und winken uns mit den Tüchern?«
»Sie wollten nur schnell einmal eine Partie
Karambolage spielen,« rief Charles vom ›Amor‹ herüber.
In diesem Augenblick trat ein Postbeamter aus dem
Hause und warf ein kleines Säckchen an Bord des
Vollschiffes.
»Briefe für die ›Vesta‹!« rief er dabei.
Ellen hatte den Beutel geöff net und sortierte die
Briefe.
»Miß Petersen, Miß Murray, Thomson, Nikkerson,
Lind – wahrhaftig, für jede ein Brief, und alle von der
gleichen Hand geschrieben.«
Sie wurden aufgebrocheu und von den Mädchen
gelesen, welche bald in ein fröhliches Gelächter
ausbrachen.
Die in den Umschlägen befindlichen, zierlichen Billets
enthielten je eine gedruckte Einladung zu einem heute
abend im Hotel zu Kantare stattfindenden Ball von den
englischen Herren. Die Damen waren überzeugt, daß
der Verfasser der Einladung Charles Williams war; denn
der Inhalt strotzte von Humor.
»Nehmen wir an?« fragte Ellen. »Ich allein habe nicht
darüber zu entscheiden.«
»Natürlich nehmen wir an!« riefen die Damen einstimmig. »Ein Ball in der Wüste wird uns nie wieder
geboten, den müssen wir auf alle Fälle mitmachen.«
»Der Lotse ist von Lord Harrlington bestochen, er
legt schon hier an, obgleich wir noch einige Stunden
fahren können.«
»Das macht nichts, uns treibt keine Pflicht. Tanzen
wir in unseren Matrosenkostümen?« fragte eine.
»Nein, in Balltoilette, schlage ich vor,« meinte Ellen.
»Ein Glück ist es, daß es mehr Herren als Damen
sind,« rief eine andere, »dann bleibt wenigstens keine
von uns sitzen.«
SPRACHRAUM
»Unsere Schützlinge müssen natürlich auch
mitkommen.«
»Gewiß.«
»Also fort, meine Damen! In die Kabinen! Wir haben
nur noch zwei Stunden Ankleidezeit. Es ist sehr unrecht,
daß uns die Herren so spät benachrichtigt haben.«
Noch lange unterhielten sich die Damen über das
zu erwartende Fest, wahrend die Herren bereits alle
an Land gesprungen waren und in den Zimmern des
Hotels eifrig hantierten. Uebrigens enthielt dieses Haus
im oberen Stock nur einige kleine Zimmer; unten die
Gaststube bestand aus einem großen, schmutzigen
Raum, der durch die vorausgereisten Herren einigermaßen in einen Saal verwandelt worden war, welcher
sich zur Abhaltung eines Tanzvergnügens eignete. – –
Vor den Fenstern des Hotels zu Kantare standen die
wenigen Bewohner des Dörfchens und lugten erstaunt
durch die geöffneten Flügel in das Innere.
So etwas war ihnen doch in ihrem ganzen Leben
nicht vorgekommen.
Da drinnen drehten sich nach den Klängen eines
verstimmten Klaviers, einer Violine und einer Posaune
schwarzbefrackte Herren und in Weiß gekleidete Damen
in Paaren. Auf den primitiven Bänken, welche längs des
Saales hinliefen, saßen andere, plauderten und ließen
sich die von Arabern umhergereichten Erfrischungen
schmecken.
Die Gesellschaft bestand aus den Besatzungen der
›Vesta‹ und des ›Amor‹.
Die Herren trugen vorschriftsmäßig Frack und
weißen Schlips; die Damen aber waren nicht, wie sie erst
ausgemacht hatten, in Balltoilette erschienen, sondern
in einfachen, weißen Kleidern. Es war ihnen zuletzt
doch unpassend erschienen, hier, mitten in der Wüste,
in einer fast unbewohnten Gegend, mit den Herren in
ausgeschnittener Taille sich Arm in Arm zu bewegen.
Dennoch hätten sie sich in ihren einfachen Satinkleidern
in jeder europäischen Gesellschaft sehen lassen können.
Um den Saal wenigstens etwas festlich zu schmücken,
hatten die Herren noch vor der Ankunft der Damen
ihn an der Decke und den Seiten mit bunten Lampions
geziert; aber so primitiv auch alles war, die Fröhlichkeit
wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Gerade die eigentümlichen Verhältnisse trugen dazu bei, gute Laune
71
und harmlose Scherze zu erzeugen, in denen besonders
Williams Großes leistete.
»Miß Lind ist seit einiger Zeit recht trübe gestimmt?«
fragte Lord Harrlington Ellen. Beide hatten neben dem
Klavier Platz genommen, welches von einem der Herren
unermüdlich bearbeitet wurde.
»Auch ich habe es schon gefunden,« antwortete Ellen.
»Dieser Wechsel bei dem sonst immer heiteren Mädchen
ist erst eingetreten, seit wir die Beni-Suef verließen. Ich
kann mir den Grund hierzu nicht erklären.«
In diesem Augenblick ertönte draußen der schrille
Pfiff einer Dampfpfeife.
»Ein durchfahrender Dampfer?«
»Nein,« entgegnete Harrlington, »es ist elf Uhr, und
um diese Zeit legt das letzte Postboot in Kantare an.«
Eben wurde Johanna von einem Tänzer nach ihrem
Platze geführt; sie dankte, setzte sich aber nicht, sondern
schritt langsam, sich mit einem Fächer Kühlung zuwehend, durch den Saal der Thüre zu.
»Miß Lind ist mir das rätselhafteste Wesen, welches
ich je getroffen,« sagte Ellen nachdenkend. »Sie ist so
still und bescheiden und manchmal wieder in ihren
Meinungen hartnäckig bis zum Eigensinn. Wird in einer
Beratung der Vestalinnen ihrem Vorschlag wiedersprochen, so giebt sie nicht eher nach, als bis er angenommen ist, und wird er einstimmig abgewiesen, so geberdet sie sich wie außer sich. Allerdings kommt letzteres
sehr selten, jetzt überhaupt nicht mehr vor; denn wir
haben allen Grund, ihren Ratschlägen Folge zu leisten;
sie ist auf jeden Fall die scharfsinnigste von uns allen.«
Der Lord lächelte.
»Wissen Sie etwas von ihrer Vergangenheit?« fragte er.
»Nichts weiter, als daß sie aus einer guter Familie in
der Nähe der großen Seen Nordamerikas stammt. Miß
Murray führte sie als jene Dame bei uns ein, welche
damals bei dem Dammdurchbruch des Oberonsees eine
großartige Bravour entwickelt hat, und das genügte, um
sie sofort als Vestalin geeignet erscheinen zu lassen.«
Lord Harrlington drehte nachdenklich an seinem
Schnurrbart, antwortete aber nichts.
Unterdeß hatte die Person, von der sich die beiden
unterhielten, den Saal verlassen, um sich draußen etwas
in der kühlen Nachtluft zu erfrischen.
Johanna merkte nicht, daß von dem Ufer des Kanals
Wasser-Prawda | Oktober 2014
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SPRACHRAUM
Wasser-Prawda | Oktober 2014
SPRACHRAUM
ein hochgewachsener Mann auf das Haus zuging, dann
aber, als er die einsame Wandlerin bemerkte, seinen
Schritt plötzlich hemmte.
Das Mädchen hatte sich wirklich, wie Harrlington zu
Ellen sagte, seit einiger Zeit merklich geändert. Es schloß
sich von seinen Freundinnen möglichst ab, verbrachte oft
Stunden allein in seiner Kabine und gab nur einsilbige
Antworten, ohne daß sich irgend eine der Vestalinnen,
welche das geistreiche und energische Mädchen gern
hatten, den Grund hierzu erklären konnte.
Träumend setzte es seinen Weg längs des Kanals fort,
sich immer mehr von dem Hotel entfernend, ohne daß es
dies beachtete. Es mußten traurige Gedanken sein, mit
denen sich Johanna beschäftigte, denn der laue Wind
vermochte nicht mehr die hervorquellenden Thränen
zu trocknen. Sie drückte das Taschentuch an die Augen
und schluchzte leise.
Da berührte eine Hand von hinten ihren Arm.
»Was fehlt Ihnen, Fräulein Lind?« fragte eine
Männerstimme in teilnehmendem Tone.
»Können Sie nicht einen Teil Ihrer Sorgen auf meine
breiten Schultern legen?«
»Herr Hoffmann,« rief Johanna erstaunt, noch ehe
sie das Gesicht des Ankömmlings erblickte; sie kannte
seine tiefe Stimme nur zu gut, eben jetzt hatte sie an
ihn gedacht.
»Herr Hoffmann, Sie hier? Wir denken, der ›Blitz‹
liegt noch in Port-Said.«
»Er ist auch noch dort, ich fahre erst morgen durch den
Kanal; wahrscheinlich nehme ich eine Dynamomaschine
an Bord und lege die Durchfahrt nach dem roten Meere
während der Nacht zurück.«
»Und was führt Sie jetzt hierher?«
»Sie, mein liebes Fräulein,« sagte der Ingenieur in
herzlichem Tone. »Schon lange sehnte ich eine Stunde
herbei, in welcher ich Sie einmal ungestört sprechen
könnte; aber Miß Petersens Anordnungen machten dies
fast ganz unmöglich. Nie trifft man einen ihrer Matrosen
allein. Da erfuhr ich, daß die englischen Herren hier
in Kantare eine Festlichkeit veranstalten wollten, und
sofort beschloß ich, auch daran teilzunehmen, weil ich
hoff te, dabei Gelegenheit zu finden, mit Ihnen einige
Worte unter vier Augen zu wechseln.«
Johanna wurde sichtlich verlegen.
73
»Was ist es denn,« fuhr er zärtlich fort, »das Ihr junges
Herz so traurig stimmt? Können Sie es nicht einem
Freunde anvertrauen, der innigen Anteil, ja, mehr als
dies, an Ihnen nimmt? Geteiltes Leid ist halbes Leid.«
Johanna schwieg und trocknete die Thränen.
»Halten Sie mich nicht für Ihren Freund, Johanna?«
Sie nickte, blieb aber eine Antwort schuldig.
Beide wandelten stillschweigend nebeneinander her,
immer weiter von dem Hause fort, aus dem nur noch
leise die Klänge der Tanzmelodien erschollen.
Es war eine wundervolle Nacht, wie man sie nur in
südlichen Gegenden genießen kann. Der Vollmond
beschien hell den gelben Sand der Wüste, ließ die Kiesel
in seinen bleichen Strahlen blitzen und spiegelte sich in
der silbernen Wasserfläche wieder. Ab und zu schnellte
ein Fisch hoch empor, und zitternde Wasserringe zogen
sich dann weiter und weiter, bis sie endlich den Uferrand
erreichten und sich verloren. Wäre nicht noch der Schall
der Posaune in die Ohren der Einsamen gedrungen, so
hätte kein Laut die Stille unterbrochen, höchstens das
Zirpen einer Zikade, aber gerade die entfernte Musik
paßte vortrefflich zu der Landschaft, sie übte einen wunderbaren Zauber auf die Gemüter der beiden jungen
Leute ans.
Nach einer langen Pause begann der Ingenieur,
langsam und träumend jedes Wort betonend wieder:
»Es war am Oberonsee; der kalte Wintermorgen
fing an zu dämmern. Wir hatten beide eine furchtbare Nacht hinter uns, Sie eine noch viel schwerere,
als ich, denn mein gegen Wind und Wetter abgehärteter Körper empfand das lange Stehen im Eiswasser bei
weitem weniger, als Ihr zarter Leib. Aber nie werde ich
den Augenblick vergessen, als wir uns nach Vollbringung
des Rettungswerkes am anderen Morgen wiedersahen;
Sie hatten sich bereits umgezogen, denn für Sie war
nichts mehr zu thun, ich hatte eben erst den letzten
Balken einrammen lassen. Wir gaben uns die Hand,
und Sie bemerkten, daß die meine stark blutete – ein
Holzsplitter hatte sie zerrissen. Mit Ihren steif gefrorenen Fingerchen rissen Sie das Taschentuch entzwei und
legten mir den ersten Verband an. Ich sehe es noch so
deutlich, als wäre es erst gestern gewesen, wie Sie sich
immer in die verklommenen Hände hauchten, weil sich
der Faden nicht knoten lassen wollte. Wissen Sie es noch,
Wasser-Prawda | Oktober 2014
74
SPRACHRAUM
Johanna?«
Das Mädchen lächelte unter Thränen.
»Dann nahmen wir Abschied und sahen uns erst in
Konstantinopel in jenem Café wieder. Ich kann Ihnen
nicht sagen, welcher Art meine Gedanken seit jener Zeit
gewesen sind, wie ich mich nach Ihnen sehnte, und wie
ich mich bei unseren Wiedersehen freute. Sie schrieben
mir den Brief und baten mich, da auch ich mich nur
auf Vergnügsreisen befinde, der ›Vesta‹ zu folgen, weil
der Kapitänin derselben nach dem Leben getrachtet
würde; ferner baten Sie mich, einen von Ihnen abgesandten Mann an Bord zu nehmen, welcher noch besser,
als Sie, in diesen verwickelten Verhältnissen Bescheid
wüßte, und ich erwartete ihn in Konstantinopel, allerdings vergeblich. Sie selbst gaben sich für eine Freundin
der Miß Petersen aus –«
Der Ingenieur blieb plötzlich stehen und erfaßte
Johannas Hand, welche heftig in der seinigen zitterte.
»Sieh, Johanna!« fuhr Hoff mann leise, eindringlich fort. »Du kennst mich nicht näher; unser
Zusammentreffen war immer nur ein kurzes. Ich will
Dir sagen, was Du von meinem Charakter zu halten
hast; ich bin ein guter Mensch, soweit man das Wort gut
auf diese Welt beziehen kann; ich halte das Gebot, daß
man seinen Nächsten nicht verurteilen soll, aber einen
Fehler verdamme ich unnachsichtlich; ich verachte, verabscheue den, der ihn besitzt und sich nicht die Mühe
giebt, ihn abzustreifen; es ist Betrug, Heuchelei,«
Hoffmann hatte zuletzt erregt gesprochen. Jetzt fuhr
er wieder in zärtlichem Tone fort:
»Sage mir nun, Johanna! Wie kommt es, daß du
dich am Oberonsee für die Kammerzofe einer reisenden Gräfin ausgabst und ein halbes Jahr später als reiche,
vornehme Dame in einen Klub eintratest, der sich nur
aus den Töchtern der Geldaristokratie zusammensetzte?
Johannas Körper durchlief ein Zittern; mit gesenktem Kopfe blickte sie stumm vor sich nieder.
»Willst du es mir nicht sagen?«
Sie schüttelte ihr Haupt.
»Warum nicht? Hast du kein Zutrauen zu mir, oder
bindet ein Geheimnis deine Zunge?«
Johanna brach in einen neuen Thränenstrom aus.
»Ich schäme mich vor Ihnen, ich bin –«
Sie stockte, als brächte sie das Wort nicht von den
Wasser-Prawda | Oktober 2014
Lippen,
»Johanna, ich kenne dich besser, als du glaubst! Ich
weiß, daß du nicht heucheln kannst, darum würde ich
dir alles verzeihen –«
Da riß das Mädchen heftig die Hand aus der seinen.
»Nein, Herr Hoffmann,« rief Jane furchtbar erregt,
als der Ingenieur ihre Hand wieder ergreifen wollte. »Sie
täuschen sich in mir, ich bin so ein Mensch, den Sie verdammen; ich bin die größte Heuchlerin und Lügnerin,
die unter Gottes Sonne lebt. Lassen Sie mich! Leben
Sie wohl!«
Sie drehte sich um und rannte förmlich dem Hause
zu. Doch im nächsten Augenblick war der Ingenieur
wieder neben ihr und hielt sie bei der Hand fest.
»Johanna,« begann er im vorwurfsvollem, aber freundlichem Tone. »Warum schenkst Du mir kein Vertrauen?
Weißt du nicht, daß ich dich liebe? Hast du es noch
nicht gemerkt?«
Die Gefragte schluchzte krampfhaft auf.
SPRACHRAUM
»Herr Hoff mann!« stöhnte sie. »Lassen Sie mich!
Quälen Sie mich nicht länger! Sie schenken Ihre Liebe
einer Unwürdigen!«
»Vielleicht darum, weil du Detektivin bist?«
»Felix,« schrie sie auf, halb erschrocken, halb freudig.
»Vielleicht darum,« fuhr Hoff mann unbeirrt fort,
»weil du zu diesem Geschäfte förmlich erzogen worden
bist und deine Talente dazu anwendest, deine Eltern zu
ernähren?«
»Felix,« jauchzte Johanna auf, »so verachtest du mich
nicht, daß ich für das Spionieren bezahlt werde, wie
Ellen sagt?«
»Nein,« erwiderte der Ingenieur und zog den Kopf des
zitternden Mädchens an seine breite Brust. »Ich weiß
jetzt, Johanna, Deine Lebensgeschichte; ich weiß, wie
du während der Abwesenheit deines Bruders, welcher
unter dem Namen Nikolas Sharp bekannt ist, die
Armut deiner leichtsinnigen Eltern dadurch verbessert hast, daß du eine Stelle als Detektivin annahmst,
wozu du die Fähigkeiten besitzest, und daß du noch
jetzt eine Hauptkraft in jener Maschine bist, durch
deren Lenkung dein begabter, scharfsinniger, aber
zugleich auch rücksichtsloser Bruder die Welt in Staunen
setzt. Ich verachte die Beschäftigung einer Detektivin
durchaus nicht; das thuen nur thörichte, vorurteilsvolle Menschen; im Gegenteil, ich bewundere diese
Leute, welche täglich ihr Leben aufs Spiel setzen, um
durch Aufdecken und Verhindern von Verbrechen die
Sicherheit der Gesellschaft zu bewirken.«
Immer mehr hatten sich Johannas Züge bei diesen
Worten aufgeklärt.
»Ist dies deine wirkliche Meinung?« fragte sie noch
zweifelnd. »So wäre meine Beschäftigung kein Grund,
mich von dir zu trennen?«
»Nicht der mindeste!« Hoffmann zog die Geliebte
fester an sich und küßte ihr die Thränen von den Augen.
»Erfülle noch den Auftrag, den du von deinem Bruder
erhalten hast! Begleite Miß Petersen auf ihrer Reise um
die Erde, und dann werde ich ihn bestimmen, daß er
sich nach einer anderen Gehilfin bei seinen gefährlichen
Unternehmungen umsieht.«
»Ach, das Glück!« rief Johanna. »Manch‘ schlaflose
Nacht habe ich verbracht, seit Miß Petersen mir so
recht deutlich ihre Verachtung gegen die Polizeispione
75
zu verstehen gab, obgleich ich eigentlich nie begreifen
konnte, warum das Handwerk dieser Leute verächtlich
genannt werden soll. Seit jenem Tage kam es mir erst
recht zum Bewußtsein, wie elend ich war; denn, ach,
Felix, ich habe dich geliebt von der Nacht an, da ich
neben dir am Ufer des Sees stand, und jede Verhandlung,
die ich mit meinem Bruder hatte, jeden Brief, den ich auf
sein Geheiß hin heimlich erbrechen mußte, ließ mich
immer deutlicher erkennen, wie unwürdig ich deiner
war. Wenn schon die sehr freidenkende Ellen so übel
von einem Detektiven denkt, was würdest erst du, ein
ernster, wahrheitsliebender Mann von einem bezahlten
Spion halten?«
»Denken wir nicht mehr daran!« unterbrach sie
Hoffmann. »Es giebt Unterschiede, die scharf getrennt
werden müssen. Die Absicht giebt den Ausschlag. Aber
ich kann mir deine Gefühle denken, wenn du von der,
über welche du wie eine Schwester wachst, geschmäht
wirst, wenn auch unwissentlich. Doch jetzt laß uns die
kurzen Minuten unseres Beisammenseins noch genießen! Wer weiß, wann sich während dieser Reise noch
einmal Gelegenheit dazu bietet. Ich kann vielleicht dafür
sorgen,« fuhr er plötzlich nachdenkend fort, »daß sie uns
öfter beschert wird.«
Arm in Arm wanderten die beiden Liebenden langsam
am Rande des Kanals entlang wieder dem Hotel zu,
aus dessen geöffneten Fenstern noch immer die Klänge
der Instrumente ertönten. Sie achteten nicht des herrlichen Abends; in ihren Herzen sah es noch schöner aus.
Endlich war die Stunde gekommen, nach der sie sich
schon längst gesehnt hatten.
»Kommst du mit in den Saal?« fragte Johanna.
Dann zuckte sie zusammen, sie entzog sich dem Arme
des Ingenieurs.
»Die Gesetze der Vestalinnen,« hauchte sie, »verbieten mir, so lange wir uns auf dieser Reise befinden,
mit einem Manne einen anderen als gesellschaftlichen
Umgang zu pflegen.«
»Nun, nun,« lächelte Hoffmann, »diese unnatürlichen Vorschriften sind von den Damen sehr leichtsinnig gegeben worden; noch manch‘ eine von ihnen wird
bitter bereuen, mit dafür gestimmt zu haben. Es ist
jetzt nicht mehr nötig, mich in der Gesellschaft blicken
zu lassen; ein Dampfboot wird mich nach Port Said
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SPRACHRAUM
zurückbringen, wo meine Anwesenheit erforderlich ist.«
Sie standen etwa noch zwanzig Meter von dem Hotel
entfernt, sodaß sie von den Fenstern aus nicht gesehen
werden konnten und nahmen Abschied voneinander.
»Wohin gedenkt Miß Petersen die ›Vesta‹ zu steuern?«
fragte der Ingenieur.
»Noch ist es nicht bekannt. Wahrscheinlich nach
Vorderindien. Vielleicht wird unterwegs Madagaskar
ein Besuch abgestattet. Ich lasse es dich noch wissen.«
»Madagaskar? Zu dieser Jahreszeit? Johanna, das
mußt du verhindern. Die Insel ist ja vollständig verseucht von jenem Gallenfieber, das Europäer unrettbar
dahinrafft.«
»Ich werde es ihr auszureden versuchen.«
»Thue das und benachrichtige mich davon!«
Der Ingenieur zog aus seiner Brusttasche ein flaches,
fein gearbeitetes Kästchen hervor.
»Unsere Korrespondenz miteinander war bisher noch
sehr mangelhaft, aber nimm hier dieses Kästchen. Es
enthält einen Signalapparat, wie er schon an Bord von
Kriegsschiffen eingeführt, aber nicht immer verwendbar ist. Ich habe daran Verbesserungen vorgenommen,
welche alle Mängel beseitigen. So lebe wohl, mein liebes
Mädchen! Wache über Miß Petersen, wie ich über dich
wachen werde.«
Ihre Lippen fanden sich noch einmal zum Kusse;
dann schritt er dem Ufer, Johanna dem Hause zu.
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Ten Questions to: Tom Attah
A SERIES BY DAVE WATKINS
1: What were your earliest musical
tastes and how did you discover
the world of blues?
Like most people it was my parents
and the television. My mother had
really wide tastes but we really listened to lots of Boney M and British
folk music, with a bit of Toots
Hibbert and Bob Marley thrown
in – deep, thick, heavy grooves and
great vocals. I was raised in Surrey
and Hampshire in the UK and so
when I was old enough to go to pubs,
all of the people playing music in
them were musicians from the 60s
and 70s and they played blues and
blues rock. I was also very lucky that
a friend’s father was a huge Rolling
Stones fan so he played me Muddy
Waters, Elmore James, BB King, ZZ
Top and Ry Cooder. When I first
heard the Hard Again album and
Tres Hombres – that was it! It was
like being struck by lightning!
2: Who were the artists that you
listened to that made you want to
play this music? When did you
realise you had the talent to do it?
Definitely Muddy Waters and Robert
Johnson. There was something in
the music that was missing from
anything else I heard at the time,
there was something actually alive
in there. I didn’t really understand
Robert Johnson when I first heard
him – he scared me out of my mind
when I would listen to his music. I
was lucky to be encouraged in learning to play – there were always
people who would sit in the room
with e and play and so I learned by
jamming. I am still learning and
have a long way to go.
3: Your first recordings - do you
still listen to them? How do you
rate them now? Are there any that
you won‘t listen to?
I still play some of the first blues
songs that I wrote – they’ve developed and become stronger and grown
with me over the years. When I
listen back occasionally to the first
recordings I am surprised by how
different they sound. When I hear
them now and there’s things missing
in them I think “you’re playing that
wrong!”
4: What other jobs have you done
to be able to support your music
career?
I teach music to degree students at
University, as well as writing and
researching. The great thing is that
each activity feeds the other. When I
am performing, I am learning things
that I can teach the students about,
when I am teaching the students,
we are having discussions that I can
learn from and write about, and
when I am writing, I can draw on
my experiences as a teacher and performer. I don’t really see the things
as separate, so I enjoy them all.
5: How hard is it to make a living
in music? Is there anything that
would make it easier for all artists?
I am not sure that it’s any harder
than it’s ever been. You do need
to make sure that you are organised – have cards, CDs and posters,
make sure that people can contact
you easily if they need to. Marketing
yourself is a lot easier today than it
must have been without the internet as no, people can see you and
hear you all around the world by
just sitting at a computer. I think
the one thing that might make life
easier would be if airlines were less
fussy about musicians carrying instruments. Most times, most airlines
welcome you when you are carrying
a guitar but some – the really cheap
ones – can try to make life difficult
and charge you way more than is
strictly necessary.
6: Which song of your own are
you most proud of? Can you tell
us the story behind that song?
I’m proud of all of them, they all
come out of a life experience that
I’ve had or observed. My favourite is still How Long Has It Been
as when I wrote it I knew it meant
*something* but didn’t know what.
As time has gone on it’s stayed with
me longer than some girlfriends or
jobs and been a lot more faithful and
honest, so I am definitely in a relationship with it! The song is about
remembering to stop and think
about what you’re doing – that’s
advice I give myself a lot, all of the
time. Plus, it’s the one I always start
my set with. It’s very much an old
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friend.
I want to keep playing, travelling,
teaching, learning. There’s so much
7: When you sit down to write, music, so many people and so little
what comes first - the lyrics, the time – that’s whyt it’s important to
tune or an idea for a whole song? remember how lucky I am to be traIt can be anything. Sometimes I velling around the world and playing
am playing in my little studio and with such truly great people and
a song will fall out of my hands – I friends.
might be driving along and the song
will drift into the car and want to be 10: What do you like to do outside
sung or played. The music’s always of music?
there, the songs are always there, it’s Mostly reading, eating and cooking.
just a question of when you’re relaxed My partner and I like travelling
around the UK and we relax in
enough to receive them, it seems.
South America whenever we can.
8: Tell us about your favourite There’s always some music playing
instrument in your collection? Is in the background though…
there any other instrument that
you would like to own or want to BONUS QUESTIONS:
learn how to play?
There are stories to all of my guitars! A: How bad are the Bad Man
My acoustic is one given to me by Clan?! Who is the baddest of them
a very dear friend many years ago all?
when I had no instrument – I’ve got The Bad Man Clan are fabulous! I
some really quite expensive instru- wouldn’t like to say who the baddest
ments now but that battered acou- was – I’m sure that we all think that
stic is the first one that gets used for we all are!
shows or writing or recording. I am B: What is the most expensive hat
so lucky – there are Les Pauls that you have bought so far?
have been loaned to me and given Someone made me a gift of the one
as gifts which I adore, a Telecaster that I wear on stage all the time
that just sounds and feels pheno- when I was in America – does that
menal. I used to be a drummer so count? Was $120.
occasionally I will book a room and
spend time playing on a kit to get C: Sheffield United or Sheffield
it out of my system. I wish I could Wednesday?!
play keyboards and harmonica, but Sheffield No-day, I really don’t have
to be honest I know so many terrific any interest in football AT ALL.
keyboard and harp players that I’ve I’d rather watch Doctor Who, to be
never really had to learn! I’ve got my honest!
work cut out learning how to play
guitar properly, I think.
9: Where do you like to see your
career heading to in the future?
What are your main ambitions?
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Reviews
Positively recommended. I, for one,
already look forward to this guy‘s
next offering. (www.daveferra.
tripod.com/)
Iain Patience
even a refreshing take on the lesserknown Keith Richards/Mick Jagger
number, ‚No Expectations‘, a fine bit
of early Stones R&B.
This album is typical Theessink,
smooth, strong vocals coupled with
excellent, driving guitar and Harp.
I have yet to hear anything by this
guy that is less than good and worthwhile. This is another great album
from Europe‘s finest acoustic bluesman. Highly recommended.
Iain Patience
Dave Ferra – Ain‘t No Hand
Me Down
First things first; this is a wonderful acoustic album. Ferra‘s second
outing, following the critically acclaimed debut ‚Bad Luck Blues‘, ‚Ain‘t
No Hand Me Down‘ again features
slippery slide work, hairy Harp and
vibrant vocals in a 12-track CD
of about half and half self-written
material and great covers.
From the opening track, Son House‘s
old ‚Preaching Blues‘ through a dash
of Taj Mahal (‚The Loving In My
Baby‘s Eyes‘) to Eric Bibb‘s evergreen, ‚Where The Green Grass
Grows‘, this album flows effortlessly
with several of Ferra‘s own interspersed compositions oozing quality
and style with a strongly rhythmic
ragtimey feel throughout.
Ferra‘s own ‚Meet Me Down The
Alley‘ and ‚Tailor Made Woman‘
both stand out as well-honed, skillful songs classily and clearly capturing the essence of the ragtime era.
This is a trick few can pull-off with
clarity - Roy Book Binder, springs
to mind. Ferra‘s barely half his age
but already seems to have the knack.
Hans Theessink - 65 Birthday
Bash
This is the second ‚birthday‘ offering
from Hans Theessink, a Dutchman
now resident in Austria. Five years
ago, he released a simultaneous
DVD and double CD package celebrating his 60th birthday, recorded in his hometown of Vienna and
featuring many of his old buddies;
Cowboy Jack Clements, Donovan,
Allan Taylor etc.
For this recording, he has an only
marginally more pared-down host of
guest performers, again captured onstage with Theessink in Vienna, and
largely centered around his long-term
musical partnership with Denmark‘s
Knud Moller, a genuine slide-guitar
ace. Champagne Charlie and Ernst
Molden also feature.
The material includes some of
Theessink‘s back-catalogue such
as ‚Call Me‘, Memphis Jug Band
classic, ‚He‘s On The Road Again‘,
Jimmy Reed‘s ‚Honest I Do‘ and
Woody Guthrie‘s ‚Deportees‘. There‘s
Wasser-Prawda | Oktober 2014
Howard Glazer, Looking in the
Mirror
The great success of the 2013
released album „Stepchild of the
Blues“ animated detroit’s top guitarist Howard Glazer to present the
follow up album „Looking in the
Mirror“. Street day will be October
21, 2014.
Howard Glazer was admitted to
the Michigan Blues Hall of Fame
in 2013 and has received the Detroit
Music Award for his outstanding
guitar work.
I got to know him through his
work with the great blues musicians Harmonica Shah and Emanuel
Young. It resulted in highly recommendable albums.
Howard is a Blues Rocker. His focus
ENGLISH
is on the Blues. He is an experienced
great song writer who shows great
emphasis on clear melody lines. His
guitar playing is alive and straight.
He does not try to play faster than
his shadow. This is a welcome
difference to a great number of
mediocre Blues Rockers.
On „Looking in the Mirror“ Howard
is playing the electric, slide and resonator guitar. He is accompanied by
local musicians. As a singer he is well
assisted by Maggie McCabe and
Stephanie Johnson.
Stylistically, we find funky blues
grooves like „Midnight Postman“,
driving blues rock „Take me baby,
shuffle „Walking in Detroit“ and
Southern Swamp „Misunderstood
the Devil“. The title track ‚Looking
in the Mirror“ is based on the English
Beat of the 60s. Howard covers superiorly this wide range.
For me the highlights of the album
are the last two takes. With the
swampy „Misunderstood the Devil“
Howard leaves his usual paths as
well as with the psychedelic-tinged
„Emergency“.
Howard Glazer gives us more than
a follow-up album for „Stepchild of
the Blues“. You feel and hear that he
developed further his style. There are
great things to come.
„Looking in the Mirror“ will be a
very successful album, mainly made
for those fans that like to hear the
melodic diversified Blues Rock.
(City Hall Records)
Bernd Kreikmann
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– some very tasteful guitar work, versitile keyboards, terrific interaction
between the two, and overall the
band is a tight unit which seems to
be enjoying itself. But then there is
that voice – Jo Harman’s voice draws
you in at every turn, soulful, bluesy,
sensuous, gentle, or when it needs to
be, rockin’. All the tracks are great,
but for me you feel the full emotional power of Harman’s singing on
the slower numbers, Amnesty and
Sweet Man Moses.
Joe Harman & Company - Live This is real, honest music and what’s
more, hugely enjoyable. Huey
At The Royal Albert Hall
“Jo Harman is the finest female soul Morgan of the Fun Living Criminals
blues singer in the UK,” according to said on BBC Radio 2, “Sometimes
the UK’s Daily Mirror, and once you you hear a voice that leaves you
hear her, you’ll be hard pushed to dis- speechless…I am.” Go get yourself
agree. She was recently announced as a copy of one of her albums – you
‘Female Vocalist of the Year’ at the will be too.
Gary Burnett
2014 British Blues Awards.
Her impressive debut album, Dirt
on My Tongue, was widely acclaimed and was one of Down at the
Crossroads top blues albums for last
year. She’s recently released a live
album, recorded and produced by
the BBC, from her performance on
30 October 2013 at Blues Fest at the
Royal Albert Hall.
There are eight songs, including six
written by Jo Harman (and others),
all showcasing Jo’s excellent band
Mary Flower - When My
(Dave Ital, guitar; Steve Watts,
Bluebird Sings
keyboards; Andy Tolman, bass;
Mary Flower says of this latest
Martin Johnson, drums) and most
album, that it marks a departure
of all Harman’s wonderful, emofrom her usual style, normally a
tional vocal performance. As you
ragtime-blues acoustic driven mix
might expect in a live album, we get
of blues standards and self-penned
extended treatment of the four songs
tracks. And yet, that solid backwhich appear on Dirt on My Tongue
ground shines through here with
– so much more to enjoy.
wonderful, crisp and clear guitar
And there is indeed much to enjoy
work matched by a mellow voice
Wasser-Prawda | Oktober 2014
82
ENGLISH
that seems to improve steadily with
age, like a good wine or a fine malt.
All titles here were written by Flower
and she plays both standard acoustic and slide guitar with strength,
sensitivity and soul throughout the
mix. From the opener, ‚So Far Doin‘
Alright‘ she shimmies on to a more
typical ragtimey theme with ‚Ragtag
Rag‘. ‚Sashay My Way‘ is a cracking,
walking boogie piece and the closer,
‚Atchafalaya‘ is a beautiful, rhapsodic piece of playing, reflecting and
echoing the genesis of this release
which was recorded down in New
Orleans a few months ago. For me,
Mary Flower is probably the finest
female acoustic ragtime-blues picker
out there, so it goes without saying,
this CD is recommended.
Iain Patience
Ma Woosey – Wildest
Dreams
The latest release from young UK
acoustic singer/songwriter, Matt
Woosey, ‚Wildest Dreams,‘ is another
positive triumph. Woosey‘s previous two offerings, ‚On The Wagon‘
and the EP ‚Hook, Line & Sinker‘,
were both excellent. It was hard to
see how he could follow through
with his next release. But Woosey
has pulled it off again; indeed, he
has done it in spades. Another
simply stunning ten-track CD full
of his instantly recognisable guitar
work and fabulous songs, a seamless
fusion of Americana and raw downdirty blues.
This guy just gets better and better,
stronger and stronger, and is clearly
extraordinarily talented. This has to
be the main contender for ‚album
of the year‘.
The maturity of the song-writing
and playing skills on display belie
his age; this is one dude who is certainly going places fast.
If you buy only one album this year,
make it Woosey‘s „Wildest Dreams‘.
(Radar Music Records)
Iain Patience
Rb Stone - Loosen Up!
Roadhouse Music - you are allowed
to dream a little. Endless roads
through nowhere, the eight-cylinder chunters, in the distance lights
can be seen. A beer would not be
bad now. Stop, enter, endless long
bar, order your drink, sit back, listen
to live music. One can have this a
few thousand kilometers away from
Germany.
For us over here there is a good
Wasser-Prawda | Oktober 2014
alternative: Rb Stone. Rb grew up
in Ohio and spent a part of his life
as member of a Railroad Gang in
the Midwest. He came around a lot,
lived in railroad camps and settled
for several years in Ohio as manager
of a plumbing company.
It seems that the steady life was
too boring for him so he went back
on the road, met an old cowboy in
Colorado and worked on his ranch.
He became a sought horseman and
led horse treks for tourists. At this
time he formed his first band.
We‘ve come full circle. Who would
be appropriate, to credibly transport the Roadhouse feeling with his
music in our clubs and living rooms
if not Rb.
His current CD „Loosen Up!“ is
a real straight one. Rb Stone and
his Band (Rb Stone - Lead Voc,
Harmonica, Cigar Box Guitar / Tom
Hambridge - Drums / Robert Britt
- Guit / Tommy McDonald - Bass /
Jefferson Jarvis - Piano, Organ) play
their blend of rock and roots music
well versed and somehow totally
cool. Rb‘s voice fits perfectly with
music and lyrics.
The opener „High Horse“ is the
real thing - it fits better to wearing
cowboy boots than slippers. The title
song ‚Loosen Up!“ is a crisp blues
rocker. But Rb can also tackle quiet.
„God Heals You When You Cry“ is a
blues title coming close. The „Texas
Drunk Tank Blues“ forces to stomp
your feet. The last piece „Harley
Heart“ the title is the program - an
anthem for all who love this thing
on two wheels.
Rb Stone takes us through his music
in the Road houses of his world. His
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music is fun, maybe it is sometimes
a little sentimental. It is suitable for
solitary hours, but it does not take
offense when there is a talk going on.
It invites you to dance.
I hope that Rb will join us not so far
from now - a club night wh him and
his band is likely to be long remembered. Until then, his CDs are regularly turning on my turntable.
Great buying tip for anyone who
is looking for an alternative to the
wonderful Chicago Blues or wants
to escape the ubiquitous Blues Rock
for a moment.
Bernd Kreikmann
Wasser-Prawda | Oktober 2014
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Seele and Geist
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