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LITERATUR UND KUNST Sonntag, 28. Januar 1062

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NEUE ZÜRCHER ZEITUNG
LITERATUR UND KUNST
Ernährung als Zivilisationsproblem
Physiologische und soziologische Gesichtspunkte der Diätetik
Von Walther Gloor-Meyer
Zu den aktuellsten Fragen unserer Zeit gehören
ohne Zweifel die Ernährungsprobleme. Heute noch
sind zwei Drittel der Menschheit unterernährt. In
vielen Ländern hängt die Ernährung der Bewohner
noch ganz von der Eigenproduktion ab; schon
immer haben Naturkatastrophen in solchen Gebieten Hungersnöte ausgelöst: wenn die Ernte zerstört wurde, die Einfuhr aus den Nachbarländern
nicht oder ungenügend funktionierte. Die Naturkatastrophen haben sich nicht vermindert. Wenn
zudem noch Kriege, Vertreibungen, soziale Unruhen und Umschichtungen die Nutzung des bebaubaren Landes behindern, verschlechtern sich die
Aussichten. Häufig ist die Unterernährung quantitativer Art (Mangel an Kalorien), in vielen Gegenden aber auch qualitativ, indem wichtige Aufbaustoffe, wie Proteine, und Schutzstoffe, wie Vitamine,
fehlen, so daß Mangelkrankheiten, wie Skorbut und
Beriberi, auftreten.
Zu den Zielen der Entwicklungshilfe gehört es
darum in erster Linie, in den so gefährdeten Ländern eine genügende und zweckmäßige Ernährung
zu ermöglichen. Vor allem hat sich die FAO die
Aufgabe gestellt, durch Aufklärung und bessere
Verteilung der Konsumgüter den Hunger zu bekämpfen und die Ernährung aller Menschen zu
sichern. Die Organisation sieht sich dabei vor
wachsenden Schwierigkeiten; denn die Zunahme
der Bevölkerung ist so groß, daß neben der bessern
Verteilung auch eine Vermehrung der Nahrungsmittel unerläßlich ist.
Ein Drittel der Menschheit hat Nahrungsmittel
reichlich zur Verfügung. Aber hier beunruhigt die
Tatsache, daß Gcnußmittel, ferner gesundheitswidrige Lebensweisen und Eßgewohnheiten die
Ratschläge der sich ständig verbessernden Ernährungsphysiologie beeinträchtigen. Die Zahl der
durch Uebcr- und Fehlernährung verursachten
Nährschäden nimmt ständig zu. Trotz den Erfahrungen zweier Weltkriege ist die Tendenz, bei
Ueberfluß der Nahrungsmittel zu viel zu essen, so
stark, daß Aerzto und Wissenschafter immer
dringlicher auf die ungeheure Bedeutung einer
richtigen Ernährungsweise aufmerksam machen
müssen.
Populäre Mahnung
l
Vor uns liegen ein Buch und die ersten Faszike
einer Schriftenreihe. Auf verschiedenen Wegen
gehen sie an diese Themen heran und suchen sie im
;Sinne einer Aufklärung zu wirken. Eiire allgemeinverständliche Darstellung gibt .Alfred Fleisch.,
Frag
Schon die im Titel seiner Schrift formulierte e
«Ernähren wir uns richtig?» läßt die negative Antwort ahnen.* Der Autor, der sich um die Aufklärung weiter Bevölkerungskreise schon vordem verdient gemacht hat, vereinigt in dem Bändchen zwölf
ursprünglich für das Radio verfaßte und etwas
überarbeitete Kurzvorträge. In ihnen werden die
Ernährungsfragen dem Laien in leicht faßlicher
und eindrücklicher Weise nahegebracht. Daß dabei
viele Zusammenhänge verein facht erscheinen und
komplexere Beziehungen übergangen sind, wird
man sich aus dem Streben des Autors nach eindringlich-populärer Belehrung zu erklären haben.
Fleisch geht von der «Bedeutung der Nahrung für
die Erhaltung des Lebens», den «Kalorien und
Nährwerten der Nahrungsstoffc» aus, leitet zur
modernen Ernährung über, bespricht die Rohkost
und den «Vorteil des Kochens». Er widmet ein bel
«Unserem Brot und anderen rafsonderes Kapite
finierten Nahrungsmitteln» und bezieht sich hier
auf die Erfahrungen der Kriegsjahre.
Vereinigten Staaten 41 Prozent. Der schweizerische
Fettkonsum von ungefähr 110 Gramm pro Kopf
und Tag ist fast das Doppelte der physiologisch
richtigen Menge. Dabei ist zu beachten, daß ein
großer Teil der Nahrungsfette raffiniert oder chemisch gehärtet wird. Milchfett, das heißt Butter und
Rahm, und einige Oele sind fast die einzigen Fette,
die noch in natürlichem Zustand, ohne Raffination,
Genossen werden. «Das Uebermaß des Fettkonsums
hat verschiedene Nachteile: Wird alles Fett resorbiert, so kommt es zur Uebercrnährung . . . Wird
der Fettüberschuß nicht verdaut, so ist Zersetzung
im Darm durch Bakterien die Konsequenz, was Verdauungsstörungen mit Bildung giftiger Abbauprodukte zur Folge hat.»
In einem weiteren Kapitel wird dann die Beziehung zwischen dem Fettreichtum der Nahrung,
dem Fettgehalt des Blutes und der Häufigkeit der
Gefäßerkrankungen, vor allem des Herzinfarkts,
anschaulich dargestellt. In Japan stirbt von tausend
Einwohnern einer an Herzinfarkt, in Italien zwei,
in den Vereinigten Staaten sieben.
«Gesunde Ernährung»
mit dieser Empfehlung
soll aus Rohkost und gekochendet die Schrift
ter Kost, raffinierten und natürlichen Nahrungsmitteln gemischt sein. Sie soll nicht mehr Kalorien
enthalten, als für den Stoffwechsel notwendig ist.
Und vor allem soll der heute zu reichliche Fettkonsum eingeschränkt werden. Leider ist der Zucker
zwar der billigste Kaloricnlieferant, aber ernährungsphysiologisch ein schlechtes Nahrungsmittel.
Milch, Vollkornbrot, Gemüse und Obst sollten viel
mehr, namentlich auch als Zwischenmahlzeiten, verwendet werden. Dieser Appell faßt erneut zusammen, was Aerzte und Ernährungsphysiologen immer
wieder vorbringen.
Forschungsergebnisse
Die wissenschaftliche Darstellung aktueller Ernährungsprobleme wird in der Schriftenreihe des
Instituts für Ernährungsforschung, Rüschlikon/
Zürich, unternommen, das unter der Leitung von
C. Somogyi eine rege Tätigkeit entfaltet. In der
«Bibliotheca
et Dieta"» finden sich vorwiegend ernährungsphysiologische Teilstudien, die
sich mit dem ß
E i n f l u einzelner Nahrungsfaktoren
auf die Stoffwechselvorgänge befassen.* Die wissenschaftliche Erörterung der Grundfragen führt
teils in biochemische, nahrungsmittelohomischc Probleme, teils ' auch in solche der Nahrungsmittelindustrie. »
M*
Eine thematische Uebersicht ist dem Laien nicht
leicht zu vermitteln. Das aktuelle Fcttproblcm wird
eingehend behandelt, so in einem Vortrag von
K. Bernhard und einer gemeinsamen Arbeit von
P. György, H. Goldblatt und M. Ganzin. Da erfährt
man, daß trotz der intensiven Forschung der modernen Chemie noch viele Aufgaben, welche gewisse
Fettbestandteile, namentlich die ungesättigten Fett-
i
<;-
säuren, im Organismus zu übernehmen haben, ungeklärt sind. Immerhin ist der Beweis dafür erbracht, daß pflanzliche Oele wegen ihres hohen
Gehaltes an ungesättigten Fettsäuren der menschlichen Gesundheit zuträglicher sind als tierische
Fette.
Andere Arbeiten befassen sich mit biochemischen
Grundlagen und mit dem gesundheitlichen Wert
wichtiger Nahrungsmittel. Daß dabei Milch,
Früchte und Gemüse eine Vorzugsstellung einnehmen
. Fleisch, J. Yudkin und
vor allem A
H. Kraut heben sie hervor , ist verständlich. Fast
Nahrungsmittel
50
Prozent unserer
erfahren vor
Ein überaus wertvolles Ernährungsexperiment dem Konsum eine industrielle Bearbeitung. Die
konnte damals in der Schweiz durchgeführt wer- amtliche Lebensmittelkontrollc wird dadurch vor
Eigenproduktion
Landes
nur
des
deckte
den. Die
wichtige Aufgaben gestellt
Beiträge von
52 Prozent des bisherigen Nahrungsmittelbedarfs.
. G. Bergner,
K
Eichholtz und J. Kuprinnoff beAllein durch strenge Rationierung und eine wissen- handeln sie. In F.
liegen hier die VerhältSchweiz
der
schaftlich gelenkte Ernährung konnte und mußte nisse günstig; denn nach dem schweizerischen
nach Lebensmittelgesetz sind
der Anteil von Zucker und Fetten
Zusätze zu Nahrungsmit. Fleisch die raffinierten und physiologisch min- teln, die nicht ausdrücklich erlaubt sind, verboten,
A
derwertigen Nahrungsmittel
stark vermindert während andernorts die nicht ausdrücklich verwerden. Durch vollwertige Nahrungsmittel
wie botenen Zusätze erlaubt sind. Die BewilligungsKartoffeln, Gemüse, Obst, Ruchbrot mit einem Aus- pflicht, die unserer Industrie damit
auferlegt wird,
mahlungsgrad von über 80 Prozent
wurde der Vit- schafft nicht nur ihr beträchtliche Mehrarbeit, sonamin- und Mineralienmangel der Vorkriegszeit weit- dern auch dem Eidgenössischen Gesundheitsamt,
gehend behoben. Trotz mengenmäßig starken Einmit der umsichtigen' und verantwortungsvollen
schränkungen der Kalorienzufuhr und schwerer das
Prüfung der Gesuche eine volksgesundheitlich überArbeitsbelastung blieb der allgemeine Gesundheitswichtige
Kontrollfnnktion erfüllt.
aus
zustand auffallend gut, ja er verbesserte sich. Es
Mineralstoffe und Vitamine sind ebenfalls Gegenkonnte nachgewiesen werden, daß mit dem Uebereifrigen
biochemischen Forschens. Für den
gang zu dunklem Brot und mit der Erhöhung des stände
Organismus ist der Zusammenhang zwischen der
Gemüsekonsums der Gehalt an rotem Blutfarbstoff
Kalzifikation der Knochen und der Ernährung von
bei Kindern um 27,3 Prozent, bei Erwachsenen um größter
Bedeutung, aber noch keineswegs geklärt
19,3 Prozent anstieg.
dazu äußern sich F. Bronner und R. Tarjan.
. Fleisch macht dann auf «Fehler und Sün- Auf dem Gebiet der Vitamine sind nicht nur GeA
den der Ernährung» aufmerksam, an denen Ernäh- halt und Resorption der Nahrungsvitamine und der
rungsfanatiker nicht unbeteiligt sind. Da empfehlen tägliche Bedarf wichtig,
sondern nach neueren Erdie einen eiweißreiche Kost (bis 140 Gramm)
kenntnissen auch der interessante Komplex der
andere halten das Eiweiß für einen körperschäd- Antivitaraine, das heißt der Substanzen in der
lichen Stoff, der stark vermindert werden müsse Nahrung, die wertvolle Vitaminleistungen hemmen
(25 bis 30 Gramm). Die statistisch und biologisch
können. Ihnen gelten Arbeiten von A. von Muralt,
ermittelte Durchschnittszahl liegt bei 70 Gramm. J. C. Somogyi und H. D. Kremer. Wenn die AntiEine wichtige Ursache der Ernährungsfehler zivili- vitamine heute auch erst in kleinen Ausmaßen und
sierter Völker liegt im Uebermaß des Fettkonsums, nur für bestimmte Vitamine nachgewiesen sind, erfür das der Autor die erhöhte Geschmacksqualität, öffnen sie doch für die Erforschung des Wirkungswelche die Fettstoffe erzeugen, verantwortlich mechanismus der Vitamine neue Aspekte.
macht. Einige Zahlen sind hier aufschlußreich. Vor
hundert Jahren machten bei uns die Fette etwa
10 Prozent der verzehrten Kalorien aus. In Japan
Der soziologische Aspekt unseres Problems wird
sind es heute noch 8 Prozent, in Italien aber 20, uns im zweiten Faszikel der Schriftenreihe näherin Frankreich 30, in Deutschland 36 und in den
Aktuelle Probleme rd e Ernährung I/II (Fasz. 1
Verlag Georg Thieme, Stuttgart
und 3). Verlag S. Karger, Basel.
Sonntag, 28. Januar 1062 Blatt '6
Sonntag aus gäbe
Nr. 341 (9)
gebracht:
«Vollwertige
Ernährung und Gemeinschaftsverpflegung.»*
Das Heft enthält die
Texte von Vorträgen, die
an einer gemeinsamen Arbeitstagung der Schweizerischen Gesellschaft für
Ernährungsforschung,
der Schweizerischen Gesellschaft für Präventivmedizin und des Instituts
für Ernährungsforschung
im Mai 1930 in Baden
gehalten wurden. Hier
ging es im wesentlichen
darum, zu prüfen, wie
stark und in welcher
Weiso die Gemeinschaftsverpflegung in industrieund betriebseigenen Kantinen durch ernährungsphysiologische Forderungen beeinflußt wird: Die
Fünftagewoche mit achtbis neunstündiger durchgehender Arbeitszeit und
kurzen Mittagspausen
führt zwangsläufig zu
einer Veränderung der
Eßgewohnheiten. Das
Mittagessen in der Familie samt der physiologisch sehr wertvollen
kurzen Ruhepause nach
dem Essen fällt dahin.
Viele Großbetriebe haben
eine Verpflegungsorganisation geschaffen, in welcher die Belegschaft in
Schichten ihr Essen einnimmt und danach eine
kleine Ruhepause einschalten kann. Dabei müssen die Mahlzeiten sorgfältig ausgewählt werden,
sie dürfen nicht zu kalorienreich und verdauungshelastend sein, damit die
Leistungsfähigkeit danach
nicht absinkt. Auf den -e r
Titelblatt des Werkes «Do statira medieinn» des Santorio (1614): T>;pr Verfasser ist
nährungsphysiologischen
dargestellt, wio er mittels einer Waage die eigene Reaktion auf eine
Mahlzeit registriert.
Beitrag «Arbeitszeit und
Verpflegung»
E.
von
Grandjean, dem Direktor des Instituts für Hygiene Auswahl
hat sich bewährt. Ebenso muß während der
und Arbeitsphysiologie der Eidgenössischen Tech- Mahlzeiten die Hierarchie des Betriebes gewahrt
nischen Hochschule, sei besonders hingewiesen. Die werden und zwingt zu einer Aufteilung der EßAuswirkungen der Arbeitezeit und der Pausen
rlfame.
werden hier nicht mir" kritisch beurteilt, sie sind
Die Arbeiten, die diese Schriftenreihe enthält,
auch durch eine große Zahl von Untersuchungen
praktische Auswirkundes Instituts statistisch erforscht worden. Es ergibt dürften nur zum Teil direkte
sich, daß eine tägliche Arbeitszeit von acht Stun- gen haben, aber sie repräsentieren die wissenschafte i n z i beden nicht wesentlich übersehritten werden sollte, liche Kleinarbeit, auf der die Forschung g
weil sonst die I^eistungsfäliigkeit rasch abfällt. Die ruhen kann. Es ist das Verdienst des Instituts für
Ernährungsforschung,
Arbeitszeit sollte am Vor- und am Nachmittag
daß es solche Bausteine zieldurch zwei kurze Pausen von zehn bis fünfzehn bewußt sammelt und für die künftige Verwertung
Minuten mit einer kleinen Zwischenverpflegung bereithält. Es ist. zu hoffen, daß die Reihe in gleiunterbrochen werden. Die Mittagspause sollte min- cher Weise fortgeführt werde. Sie zeugt für das
destens fünfundvierzig Minuten dauern, das Mittag- lebhafte Interesse der Wissenschaft an Ernährungsessen leicht sein, das heißt höchstens 800 bis fragen, während sich Fleischs kleine
Schrift um die
1000 Kalorien enthalten.
aufklärende Vermittlung ihrer Erkenntnisse beTechnisch und organisatorisch werden in dem müht.
Heft sehr gute Vorschlüge unterbreitet. Ida Herron
Vom Instinkt zur Eßgewohnheit
gibt eine zusammenfassende
Darstellung aus der
Im Kampf um die Nahrung läßt sich der Mensch
Praxis des Schweizerischen Verbandes Volksdienst.
Sie betont nachdrücklich, daß sich in der Gemein- zunächst vom Instinkt leiten. Die Völker werden
schaftsverpflegung «eine sehr verschiedenartige seßhaft, weil sie neben Fleisch, das ihnen die Jagd
Gästeschar unter einem gewissen Zwang zusammen- liefert, Obst und Beeren, die sie sammeln können,
stärkehaltige Nahrungsmittel
brauchen. Aus
findet. Es ist nicht leicht, sie zufriedenzustellen, noch
d e n Ansprüche und Kritiklust sind groß. Der Ab- Grassamen entwickeln sie in jahrtausendelanger
n
sicht, neuzeitliche Erkenntnisse üher vollwertige Arbeit die Getreidesorten und andere KulturpflanErnährung in der Gemeinschaftsverpflegung
Reis, Mais und Hülsenfrüchte und später
zu ver- zen, wie
wirklichen, stellen viele Hindernisse entgegen. Da auch die Kartoffel. Daß die asiatischen Völker, die
Regel sehr fleischarm ernähren,
eigener
sicli
Ueberzeugung
in
der
die
der Gast nur aus
seine Eß- Sojabohne
gewohnheiten ändert, ist Aufklärung
züchten, weil sie doppelt so viel Eiweiß
auf breiter
übrigen Hülsenfrüchte, /.engt vom
notwendig.»
wie
enthält
die
Zusammenfassung,
Basis
Diese
die ein
genügend Nahrungsmittel
m der Gemeinschaftsverpflegung besonders erfah- selben Instinkt. Dort, wo
im Lauf der
rener Betrieb vorlegt, bringt auch psychologische vorhanden sind, wird dieser Instinkt
allmählich von Eßgewohnheiten abProbleme der Ernährung in unseren Gesichtskreis. Jahrhunderte
gelöst und verdrängt.
Diese Eßgewohnheiten wirZunächst wird man berücksichtigen müssen, daß der
ken sicli oft ungünstig aus, namentlich wenn die
Mensch (wie das Tier) von Natur aus nach Mög- Zubercitungsweise
der Nahrungsmittel eine Verlichkeit allein oder doch in einem von ihm gewähl- feinerung
der Speisen erstrebt. Solange zum BeiNahrungsbedürfnis
befriedigt.
ten Kreis sein
Im
spiel
in den asiatischen Ländern die Kulis fast auseigenen Heim beansprucht
der «pater familias» ott
Begünstigungen im Essen; und jede
schließlich von ihrem eigenen Reis lebten, blieben
Familie hat
gesund. Als sie ihn jedoch
durch den von den
ihre individuelle Küche. Wenn nun eine größere sie
Europäern polierten (geschälten) Reis ersetzten,
Gruppe von Individualisten
im einem Tisch vor
einer Mahlzeit versammelt wird, so ergeben sieh die erkrankten sie an Beriberi, der Vitamin-B-Mangelvon Ida Herren erwähnten Schwierigkeiten. R. Bilz krankheit, weil die wertvollen Reishül.scn durch die
Behandlung entfernt wurden.
schreibt über die «Gemeinschaftsverpflegung und industrielle
Nahrungswahl in psychologischer Sicht»
Rein empirisch gelangte man zur Zeit des
und hebt
hervor, daß es «nicht selbstverständlich ist, daß der Ancien Regime zu wichtigen ernährungsphysioloMensch mit seinesgleichen ißt. Die Nahrungsauf- gischen Erkenntnissen. Ein Diner als gesellschaftnahme ist bei Tieren und Menschen mit spezifischen licher Anlaß mit gepflegter Konversation, das
sich
Affekten verbunden.» Gerade in der Gemeinschafts- über Stunden ausdehnte, war nur möglich, wenn
verpflegung der Betriebe stellt sieh eine Reihe es dem Koch
oder eher Kochkünstler gelang, durch
sorgfältige
solcher effektiver Widerstände ein, welche der
Auswahl und Zubereitung die Gerichte
Organisation gewaltige Schwierigkeiten
bereiten. leicht verdaulich zu machen. Er wählte vor allem
Zum Teil lassen sie sich überwinden, indem man Fleisch als Eiweißträger; gute Lagerung
und
die Gäste unter verschiedenen Menüs wählen läßt, küchontechnische Behandlung (Kochen) machten
doch viele bleiben Individualisten und möchten es weich; pikante Saucen und gute
regten
Weine
nicht im s
K r e i der selben Personen essen, die sie die Verdauungstätigkeit an. Die kalorienreichen
in mehr oder weniger guter Stimmung schon bei Stärketräger und Fette wurden eher gemieden.
der Arbeit ständig sehen. Eine moderne Snackbar Höchstens wurden noch Süßspeisen,
Sorbets und
kommt den individuellen Bedürfnissen am ehesten Obst serviert. Dafür hatte diese Zeit ihre Kulturentgegen: die Gäste sitzen auf einem fixierten krankheit,
die Gicht, die von jeher an EiweißüberStuhl an einem Bartisch, brauchen auf die Nach- ernährung gebunden ist und schon während
des
barn links und rechts nicht zu achten und lassen Mittelalters die gefürchtet« Krankheit
der gutsich von dem Büffet nach ihren Wünschen bedienen. lebenden oberen Gesellschaftsschichten
.w a r Vom
Auch die Selbstbedienung mit der Möglichkeit freier Leibarzt Karls des Großen bis zu
den Klinikern
der Jahrhundertwende wußten die Aerzte stets um
Fasz. 2 der Bibliotheca Nutritio et Dieta.
den Zusammenhang zwischen Gicht und Ernäh-
Neue Zürcher Zeitung vom 28.01.1962
d e n Tag- und der "Traubenzucker; das Gehirn verbraucht in seiMan ißt reichlich, gut und "schnell, n
Nachtstunden müssen für Geschäfte, Essen und nem Stoffwechsel sogar ausschließlich Glukose.
Reisen möglichst voll ausgenützt werden. Die Fol- Sind dio Zellen des kleinen Boreichs im Hypogen sind unverkennbar: dio Herzinfarkte nehmen thalamus, welches das Sättigungsgefühl irgendwie
Dio heilsame Wirkung der knappen Ernährung
fähig, den Glukosegehalt im Blut zu
zu, die Maßnahmen gegen Uebergewichtigkeit wer- beeinflußt,
wurde immer wieder beobachtet. Als während der
gelangen aus dem VerdauungsBelagerung von Paris die Zuckerkrankheit rapid den kaum oder möglichst kurzfristig befolgt. Da- messen? Nährstoffe
jene
Nährpräpains
Blut
und werden im Körper verteilt.
kanal
kalorienarmen
abnahm, prägte der Pariser Arzt Bouchardat den her finden auch
besonderen Gehirnzellen könnton bei großem
so großen Anklang, welche eine Abmagerung Jene
heute noch wegleitenden Satz: «Mangez le moins ratewenigen
Tagen und Wochen versprechen, wenn Traubenzuckerangebot in der Lage sein, auf noch
possible.» Auch Abmagerungskuren wurden vor in
gar vorzieht, das Präparat unbekanntem Weg über die Großhirnrinde ein
dem Ersten Weltkrieg in Deutschland, dem damals es der Patient nicht
Sättigungsgefühl zu wecken. Das am Traubenprosperierendstcn Lande, von geschickten Ernäh- vor oder nach dem Essen zusätzlich einzunehmen . .
zucker angehängte Zcllgift Gold könnte auf diesem
rungsspezialisten ausgebaut. Die Hungerperiode
Jede wissenschaftlich vertiefte und jedo popu- Weg in die glukoscempfindlichen Gehirnzellen hindes Weltkriegs bestätigte dann die Erfahrungen läre Aufklärung ist auf die Dauer wirkungslos eingeschleppt werden und sie dabei zerstören.
von Bouchardat: dio Ernährungs- und Stoffwech- ohne Aufnahmebereitschaft des Publikums. Mag Wenn Glukose dem giftigen Gold Zutritt in die
selkrankheiten, vor allem Zuckerkrankheit und auch ein Appell an Vernunft und Einsicht bei Zellen verschafft, müßten andere GoldverbindunGicht, gingen rasch zurück. So stritten sich 1916 einzelnen Erfolg haben, so wird doch, kollektiv ge- gen wirkungslos sein. Man untersuchte in der
die Leiter der beiden Universitätskliniken in Mün- sehen, die genießerische Freude am guten und Folge eine große Zahl organischer und anorganichen um den einen Diabetiker, der eingewiesen reichlichen Essen die besten Ratschlüge illusorisch scher Goldverbindungen. Die Mäuse wurden nicht
wurde. Die Zuckerkrankheit bekam medizinisch machen. Der Kampf gegen die Ucbercrnährung fettleibig, und im Hypothalamus wurden keine
Schädigungen gefunden. Auch Natrinmthioglukose,
Seltenheitswert.
müßte deshalb mehr mit psychologischen Mitteln,
ungiftiges Natrium ersetzt
und mit der Technik in der das Gold durch Schädigungen
Während des Zweiten Weltkrieges war die Er- in stets wechselnder Form
ist,
geführt
verursachte weder
noch FettAppelle
nährungsphysiologie so weit entwickelt, daß sie neuzeitlicher Reklame
werden.
an leibigkeit.
gelangt
demnach wegen seiner
Fitness dürften dabei VerbindungDns Gold
für den zweckmäßigen Aufbau einer knappen Er- Eitelkeit und sportlicheAngst
dem
mit
Traubenzucker
die Zellen,
in
nährung die Grundlagen liefern konnte. Trotz wirksamer sein als die
vor Krankheit. Die
Drohung, daß üppiges Essen in Verbindung mit und der Hypothalamusbereich scheint wirklich auf
stark gedrosselter Kalorienzufuhr war in diesen
Glukosegchalt des Blutes empfindlich zu sein.
den
Jahren bei uns eine qualitativ hochwertige Ernäh- Nikotingenuß und wenig körperlicher Bewegung zu Ist es also ein erhöhter Blutzuckergehalt, der das
rung möglich, weil die Kartoffeln als wichtige Herzinfarkt führen kann, nützt sich rasch ab. Sättigungsgefühl
auslöst? Der Blutzuckergehalt
Stärke- und vor allem auch Vitamin-C-Lieferanten Wertvoller ist die Propaganda für eine mäßige als solcher kann nicht maßgebend sein, denn bei
sportliche Betätigung. Am meisten Erfolg hat der
nie rationiert werden mußten und das bis zu
zum Beispiel liegt der BlutZuckerkrankheit
der
übermäßiges ge- zuckerspiegel
84 Prozent ausgemahleno Brotgetreide einen hohen Kampf gegen Alkoholismus und
abnorm hoch und die Patienten versundheitsschädliches Rauchen bisher bei der sport- spüren oft sogar Heißhunger. Die BlutzuckerGehalt an B-Vitaminen aufwies.
lich trainierten Jugend erreicht. So könnten bestimmung wird üblicherweise mit Venenblut aussystematische Leibesübungen auch im mittleren und geführt,
das heißt mit Blut, das die Kapillaren
Gefahr im Ueberfluß
höheren Alter, verbunden mit einer zweckmäßigen durchflössen und Glukose für den Zellstoffwechsel
H e u $ leben wir nicht nur in Nahrungsmittel- Ernährung,
e
wirkungsvoll propagiert wer- abgegeben hat. Im arteriellen Blut können wir
ebenfalls
überfluß, sondern in einem bisher noch nie -e r
den. Das körperliche Training fördert die Ver- aber das tatsächliche Blutzuckerangebot an Gewebe
reichten allgemeinen Wohlstand. Die Eßgewohn- brennung
von Kalorien und schafft den notwendi- und auch an die sensible Gehirnzone feststellen.
heiten nehmen oft groteske Formen an. Früher gen Ausgleich
zur intensiven geistigen Beanspru- Die Blutzuckerdifferenz zwischen arteriellem und
hatte sich der kultivierte Mensch noch an be- chung
zum ständigen seelischen Druck unserer venösem Blut widerspiegelt also die Glukoseaufund
stimmte Formen zu halten; heute lockert sich die
Ucberlegungen führgesellschaftliche Ordnung, verwischen sich die Zeit. Der vor einem Jahr vom Schweizerischen nahme in die Gewebe. Solche
Obstverband gestarteten Aktion «Schlanksein be- ten dazu, die artcrio-venösen Blutzuckerdifferenzen
Grenzen. Der Erfolgreiche braucht keinen Bildungs- ginnt
gesättigten
hungrigen
Versuchspersonen
und
zu
mit einem Apfel» war ein alle Erwartungen bei
beweis mehr zu erbringen, die Konversation %vird
Erfolg beschieden, weil sie in ge- bestimmen. Die Differenz war im Hungerzustand
kaum mehr gepflegt, und man findet den äußern übertreffender
appellierte und klein, bei Sättigung groß.
gehobenen
hauptsächlich
an
schickter
Weise
die
Eitelkeit
Ausdruck einer
Position
gleichzeitig eine von Fachleuten bearbeitete McnuDiese schöne Theorie von J. Mayer in Boston
im reichlichen Genuß teurer Speisen und Getränke.
sammlung bot, in welcher der Apfel nicht als Wurde von neuem in Frage gestellt, als andere
Der Preis wird zum Maßstab der gesellschaftAllcinnahrung angepriesen wurde, sondern in cino Forscher bei mit Goldthioglukose behandelten
lichen Stellung. Die Kochkunst ist wohl noch da,
Hirnbezirken außerhalb des
aber man bemüht sich, sie durch Import von abwechslungsreiche Verpflegung eingebaut war. Mäusen auch inSchädigungen
entdeckten. Alle
Kochkünstlern aller Länder und Erdteile immer Aehnliche Kombinationen von wissenschaftlicher «Freßzcntrums»
glukoseempfindlich, und es
abwechslungsreicher
sind
gestalten.
Nervenzellen
noch
Wenn man Erkenntnis und moderner Werbomethode worden
zu
«glücklicher» Zufall sein, daß bei der
durchsieht, auch künftig der Präventivmedizin von , Nutzen könnte ein
die Liste dieser nationalen Gericht
e
Maus das Gebiet des Freßzentrums durch Goldenthalten sie meistens viel Fett, Eiweiß und Stärke. sein.
Ihioglukosc am stärksten geschädigt wird.
rung. "Weder ihre Vorschriften noch Molieres
Spott und Daumicrs Karikaturen vermochten jedoch etwas gegen diese Eßgowohnheiten.
Die Regulation von Hunger und Sättigung
Von Jakob Spengler
Seit einem Jahrhundert beschäftigt das Rätsel Grundfunktionen wie Atmung, Blutdruck, Wasder- -Regulation- von- -Hunger ~anfr- Sättigung "die ~hslerhuuslialt ; ihren Sitz. Durch*. Zerstören kleiner
r
-reizte sie --^ Portionen von Hirngewebe mittels hochfrequenten
Forscher» Wissenschaftliche Neugie
und heute drängen auch ernstere Gründe. In vielen Stroms (ElektrokoagulatiqnA wurden -be\ narkoliFet.tleibigkQ.it;
hochentwickelten Ländern wird
im- sierten Ratten' bestimmte Stellen im'llypbtliala^ms
mer häufiger, die Sterblichkeit an verschiedenen außer Funktion gesetzt. Nach dem Erwachen hus
degenerativen Krankheiten nimmt zu. Bequemere der Narkose zeigten die Tiere einen gewaltig geLebensführung als Folge höheren Lebensstandards steigerten Freßtrieb. Anstelle des normalen Tagbeginnt sich verhängnisvoll auszuwirken. Die Nacht-Rhythmus der Nahrungsaufnahme war
Lebenserwartung übergewichtiger Personen ist dauernde Freßtätigkeit getreten. Dio Freßmenge
(gemäß einer oft zitierten Statistik der amerika- nahm bei diesen Tieren auf das Doppelte zu. Ausnischen Versicherungsgesellschaft Metropolitan gewachsene, 300 bis 350 Gramm schwere männLife Insurance Comp.) um 20 bis 40 Prozent, das liche Ratten verdoppelten ihr Gewicht in wenigen
heißt etwa 10 bis 20 Jahre geringer als diejenige Monaten; einzelne Tiere erreichten Körpernormalgewichtiger Menschen. Die Zunahme der gewichte von 900 bis 1000 Gramm, das heißt das
Fettleibigkeit und ihre große soziale Bedeutung Dreifache des. Normalen. In der Unterbaut und in
ist vor allem in den Vereinigten Staaten erkannt der Bauchhöhle fanden sich ausgedehnte Fettworden. Wir verdanken denn auch unsere Kennt- ablagerungen. Wurden die Elektroden mehr seitnisse zu einem großen lT e i amerikanischen For- lich eingeführt, so verweigerten die Versuchstiere
nach der Elektrokoagulation die Nahrungsaufschern.
nahme. Wenn Schädigungen im Hypothalnmus die
Freßlnst steigerten oder unterdrückten, so mußte
Welche Mittel stehen dem Körper zur Ver- bei Reizung die Wirkung entgegengesetzt sein. Das
fügung, um bei Nährstoffmangel ein Hungergefühl bestätigte
sich. Reizung im seitlichen Bezirk verzu erwecken? Und wie stellt der Organismus fest,
anlaßt die Ratten zu fressen, Reizung im mittleren
wann genügend neue Nährstoffe aufgenommen Bezirk macht hungrige Tiere teilnahmslos gegenworden sind? Körperfunktionen wie Blutdruck, über der Nahrung. Nach diesen Befunden sprechen
Atmung, Harnausscheidung, Nahrungsaufnahme
wir dem mittleren Gebiet hemmende, dem seitlichen
werden durch verschiedenste Reize aus der Außen- Gebiet anregende Einflüsse auf den Appetit zu.
welt (zum Beispiel Kälte, Schmerz, Freude, Diese «Zentren» im Hypothalamus sind als wichAngst) und Reize aus dem Körperinnern (zum tige
Schaltstelle im gesamten Regulationsvorgang
Beispiel Muskelspannung, Nierenfunktion usw.)
anzusehen; sie steht mit anderen Gchirnteilen in
beeinflußt. Die einzelnen Reize wirken aber mei- Verbindung, die sie beeinflußt und von welchen sie
stens nicht direkt, sondern werden im Gehirn geselber wieder beeinflußt wird.
sammelt und verarbeitet; von dort gelangt ein
entsprechend gerichtetes und dosiertes Nervensignal zu den an der Regulation beteiligten Organen'
Solche mannigfachen Verknüpfungen kennen
oder Körperzcllen und löst den Regulationsvor- zu lernen steht als riesige Arbeit noch bevor.
gang aus; Kontrollzellen melden das Ergebnis über Einige Zusammenhänge sind indessen schon gefunspezielle Nervenfasern ins Gehirn zurück. Diese den. Eine interessante Entdeckung brachten bei
Rückmelde- oder «Feed back»-Systeme, wie sie Mäusen Experimente mit Goldthioglukose. Es hanauch genannt werden, sind bei Mensch und Tier delt sich bei dieser organischen Goldverbindung
zur Kontrolle der Regelvorgänge vielfach ange- um Traubenzucker, bei dem durch Vermittlung
wandt. Regulationsvorgänge werden aber auch auf eines Sehwefelatoms ein Goldatom fixiert, ist. Innichtnervösem Weg, durch Hormone gesteuert. In jektion einer einzigen, genügend hohen Dosis führt
vielen Fällen arbeiten nervöse und hormonclle im Verlaufe einiger Monate bei Mäusen zu außerSteuerung gleichzeitig, wobei sie sich gegenseitig ordentlicher Fettleibigkeit. Die auffallende Aehnfördern oder hemmen können.
lichkeit dieser fettleibigen Mäuse mit Ratten,
welche durch Koagulation fettsüchtig geworden
sind, veranlaßte die Forscher, Gehirne derartiger
Das Problem der Regulation von Hunger und Tiere zu untersuchen. Mikroskopische UnterSättigung wurde bald als sehr vielschichtig -e r suchungen ergaben vorerst nichts. Andere Forscher
kannt. W. R. Hess und Mitarbeiter haben eine vermuteten, Goldthioglukose verursache in jener
Technik der funktioneilen Abtastung des Gehirns Gehirnzone feine Schädigungen, die später verentwickelt. Zu diesem Zweck wird ein feiner, bis narben und kaum mehr festzustellen sind. Darauf
,
denen die Substanz zwei
zur blanken Spitze isolierter Draht, die Elektrode, wurden Mäuse untersucht
eingespritzt worden war. Man fand
an die zu prüfende Stelle ins Gehirn geschoben. Tage zuvor
Organisbei diesen Tieren Zerstörungen im selben mittleren
Mit einem schwachen Strom, wie er im
Hypothalamusgebict, wo Elektrokoagulation bei
mus bei der Signalübermittlung im Nerv entsteht,
wird ein künstliches Signal, eine Reizwirkung, Ratten Freßsucht ausgelöst hatte. Nun war der
ausgelöst. Das Versuchstier verhält sich dann, wie Zusammenhang hergestellt. Was bei den Ratten
Wege geschehen war, hatte eine
wenn von jener Stelle ein nervöser Impuls ausge- auf operativem
gangen wäre. Reizorte und Verhalten sind in chemische Substanz bei den Mäusen bewirkt. Im
übrigen
festgehalten,
Gehirn,
in der Leber und in anderen
wo sich schließlich
Gehirnskizzen
Organen waren keine Schädigungen zu finden.
Bezirke gleicher Funktion herauslesen lassen. Diese
gerade dieser winzige Gehirnteil zubeim Tier entwickelte Technik wird heute auch Weshalb war
angewandt. So gelingt es, im grunde gegangen? Diese Art Hirngewebe mußte
beim Menschen
Goldthioglukoso besonders empfindlich sein.
Gehirn Krankheitsherde genau zu lokalisieren und auf
Im Hypothalamus, einem Hirn- Wie könnte diese Substanz gewirkt haben? Zu den
zerstören.
zu
sie
Energielieferantcn im Körper gehört
wichtigsten
gewisse
teil an der Untcrflächo des Gehirns, haben
Nach einer anderen Hypothese arbeitet J. R.
Brobeck in Philadelphia. Dieser Forscher ging von
der Vorstellung aus, daß die mit der Nahrung
zugeführte Energie auch zur Erhaltung der Körpertemperatur verwendet wird und, da eine gleich-
bleibende Körpertemperatur für Warmblütler
lebensnotwendig is,t,«der Mechanismus der Temperal urn'tjiilnt ion auchVlic Nahrungsaufnahme beeinprägte den Satz: Tiere fressen,
'd'lussen^ kann. Er
\na sicll w^rni zu halten, und hören auf zu fressen,
um Ucberwärmung zu verhindern. Dieser Ausspruch ist selbstverständlich nicht ganz wörtlich zu
nehmen. Jedenfalls aber fressen selbst hungernde
Tiere nichts mehr, wenn die Körpertemperatur
einen bestimmten Grad erreicht hat. Auf der Suche
nach dem nervösen Zentrum der Temperatnrregulation konnte im Gehirn, ebenfalls im Hypothalamus, aber vor den Appetit- und Sättigungszentren,
ein temperaturempfindlicher Bezirk gefunden werden. Wird dieser Hirnteil zerstört, so fressen die
Versuchstiere trotz übermäßiger Körpertemperatur, ein Beweis, daß zwischen Temperatur- und
Freßzentrum Verbindungen bestehen. Schwedische
Forscher konnten die Resultate auf anderem Wege
bestätigen. Ziegen wurde eine haarnadelförmige
llohlsonde ins Temperaturzentrum eingebaut. Das
Zentrum konnte direkt gekühlt oder erwärmt werden, je nachdem die Sonde mit kaltem oder warmem Wasser durchströmt wurde. Kühlung bewirkte Nahrungsaufnahme und geringes Wassertrinken, Erwärmung Nahrungsverweigerung und
massenweises Trinken, ersteres auch bei Tieren,
die gesättigt waren oder deren Körpertemperatur
übermäßig hoch war, letzteres auch bei hungernden Tieren.
Den Vorgang der Sättigung könnte man sich
so vorstellen: Jede Nahrungsaufnahme führt entsprechend ihrer sogenannten spezifisch dynamischen Wirkung zu einer erhöhten Wärmeproduktion im Organismus und erhöht folglich die Körpertemperatur. Diese wird im Temperatnrzentrum
wahrgenommen, welches seinerseits das Sättigungszentrum erregt. Dieser interessante Mechanismus
stellt aber nur einen von mehreren an der Regulation von Hunger und Sättigung beteiligten Vorgängen dar. Erst im Extremfall (zum Beispiel der
übermäßig hohen Körpertemperatur) vermag er
allein herrschend zu werden. Um einen Vergleich
zu wagen: Ein Kraftwerk wird durch einen Fluß
mit weitverzweigtem Einzugsgebiet versorgt. In
normalen Zeiten steuert jeder Zweigfluß Wasser
bei. Bei Hochwasser in einem Zweig aber wird
der Zufluß dieses einzelnen so gewaltig, daß
er das Kraftwerk allein betreibt.
Die Erfahrung, daß wir Hunger in der Magengegend verspüren, veranlaßte Forscher, das Verhalten des Magens genauer zu studieren. Der
Magen pflegt sich bei Hunger rhythmisch zusammenzuziehen; er führt Hungerkontraktionen aus.
Lange Zeit wurden diese als Ursache des Hungergefühls betrachtet. Werden aber die Magennerven
durchschnitten, so verschwinden wohl die Kontraktionen, das Verlangen nach Nahrung bleibt.
E i n f l u der Magcnfüllung auf die
Ein möglicher ß
Nahrungsaufnahme wurde bei Ratten untersucht.
Dem Futter wurden unverdauliche Stoffe wie
Kaolin, Methylzellulose usw. in wechselnder
Menge als Ballast beigemischt. Der Nährwert
wurde dadurch verringert, und die Tiere erhöhten
die Futtcraufnahme bis zur Deckung des Kalorienbedarfs. Magcnfüllung, Magenspannung und Hun-
gerkontraktionen sind in der Entstehung von Hungergefühlen mitbeteiligt, aber nicht alleinige Ur-
Neue Zürcher Zeitung vom 28.01.1962
Auch unter Umgehung des Magens vermag
der Organismus die Kalorienaufnahme zu steuern.
Ratten- wurden trainiert, Nahrungsportionen durch
Betätigen eines Hebels an einem Automaten selbst
zu beschaffen. Nach einer gewissen Anlernzeit
wurde ihnen die Nahrung aber intravenös zugeleitet, wobei sie sich mit demselben Hebel die
Nährlösung in kleinen Portionen selbst einspritzen konnten. Hunger- und Sättigungsphasen
kamen in der Registrierung dieser Selbstfütterung
deutlich zum Ausdruck. Die Hungerkontraktionen
des Magens werden durch ein Hormon, Glukagon,
beeinflußt. Diese Entdeckung wies auf neue Zusammenhänge im Wechselspiel der Regulation. Glukagon wird wie das Insulin in den Insclzcllen der
Bauchspeicheldrüse gebildet. Insulin senkt den
Blutzuckerspiegel, während Glukagon ihn erhöht.
Die Beobachtung einer blutzuckersteigernden Wirkung durch Glukagon führte zu Untersuchungen
über den Einfluß des Hormons am hungernden
Tier. Dabei wurde gefunden, daß Hungerkontraktionen des Magens abflauten und die arteriovenöse Blutzuckerdifferenz Werte wie bei der Sättigung erreichte; Schädigungen im Hypothalamusgebict führen anscheinend zu einer abgeschwächten Wirkung von Glukagon auf die Hungerkontraktionen. Dio vergrößerte arterio-venöse Bluti
zuckerdifferenz unter Glukagoneinf luß läßt vermuten, daß die Ausnützung der Glukose in den
Geweben verbessert werde. Nach neuen Untersuchungen wird aber das Hormon in der Leber
rasch abgebaut. Die beobachtete Wirkung läßt sich
also nicht dem Glukagon als solchem zuschreiben.
Möglicherweise wird von der Leber unter der
Glukagonwirkung ein anderer Stoff in die Blutbahn abgegeben, welcher diese dem Glukagon zu-
sache.
geschriebene Wirkung zustande bringt.
Fassen wir zusammen: An der Unterseite des
Gehirns liegt im sogenannten Hypothalamus eine
für die Regulation der Nahrungsaufnahme wichtige zentralncrvöse Schaltstcllc. Ihre Tätigkeit
wird unter anderem vom nahegelegenen Temperaturzentrum her beeinflußt. Es liegen außerdem
Resultate vor, die eine Kontrolle des Traubenzuckerverbrauchs durch jene Gehirnzellen wahrscheinlich machen. Das blutzuckersteigernde Hormon Glukagon setzt Traubenzucker aus den Leberdepots frei und veranlaßt die Abgabe eines Stoffes
aus der Leber, welcher die Ausnützung des Traubenzuckers in den Geweben verbessert und vielleicht auch die Hungerkontraktionen des Magens
hemmt. Der vollständige Regulationsablauf von der
Nahrungsaufnahme bis zum Sättigungsgefühl und
der Anteil der einzelnen Tcilmechanisraen am
Regulationsgeschehen bedürfen noch weiterer Forschung.
Der Regulationsmechanismus schaltet sich zwischen Energieaufnahme (Nahrungsaufnahme) und
Energieausgabe ein und kontrolliert laufend die
Energiebilanz des Organismus, optimale Regulation erfolgt aber nur in einem bestimmten Bereich.
Wer hat zum Beispiel nicht schon beobachtet, wie
Menschen, die eine sportliche Laufbahn aufgaben,
die zu yorherrschend ^sitzender Tätigkeit tibergin«
gen oder die auch nur ein Auto kauften, in der
Folgezeit^ fettleibig wurden oder zumindest um die
«Linie» zu' kämpfen hatten? Die Energieeinnahme
übertrifft bei diesen Menschen die Ausgabe. Der
Regulator vermag die Nahrungsaufnahme zum
Ausgleich nicht genügend zu drosseln. Aeußerst
aufschlußreich ist eine Statistik, welche Körperi
gewicht, Kalorienaufnahme und Beruf zueinander
in Beziehung bringt. Eine solche Studie wurde in
einer Industriestadt Indiens ausgeführt, wo die
Ernährungsgewohnheiten bei der gesamten Bevölkerung gleichartig sind. Wir finden in dieser Bevölkerung Gruppen mit gleicher' oder ähnlicher
körperlicher Beanspruchung, einerseits Leute mit
ausgesprochen sitzender Beschäftigung, anderseits
eigentliche Schwerarbeiter. Das Körpergewicht
bleibt bei den Gruppen mit schwerer bis mittlerer
körperlicher Beanspruchung ungefähr gleich, steigt
aber verhältnismäßig schnell an in der Gruppe mit
geringer körperlicher Beanspruchung. Ein Ver-i
gleich der Nahrungsaufnahme bei den verschiedenen Gruppen führt nun zu der interessanten Feststellung, daß die Nahrungsaufnahme bei Berufen
mit mittlerer bis starker körperlicher Beanspruchung dem eigentlichen Bedarf entspricht, daß
aber in Berufsgruppen mit geringer körperlicher
Beanspruchung kalorienmäßig eine Nahrungsaufnahme wie bei den Schwerstarbeitern erfolgt. Die
eine Gruppe verschafft sich mit der Arbeit das
Essen, die andere mit ihrem Essen die «Arbeit».
Aus diesen Beispielen ergibt sich wohl einleuchtend die Notwendigkeit eines bestimmten minimalen Energieverbrauchs, damit die Regulatorfunktion richtig spielt; der Entwicklung der Fettleibigkeit liegt häufig eine zu geringe Kalorien-i
ausgäbe zugrunde.
Fettleibigkeit unterliegt aber auch Vererbungseinflüssen. Nach einer amerikanischen Aufstellung
beträgt die Wahrscheinlichkeit zu fettleibigen Kindern bei normalgewichtigen Eltern etwa 10 Prozent, bei einem fettleibigen Elternteil 40 bis 50
Prozent, bei einem fettleibigen Elternpaar aber 80
Prozent. Fettleibigkeit kann auch Ausdruck seelischer Eintnisse auf das körperliche Gefüge sein.
Es ist auffallend, wie Menschen, die, wie man sagt,
«im l.clicn zu kurz gekommen sind», sich dafür
auf dem Gebiet der Gastronomie schadlos zu hali
ten versuchen. Sie verwöhnen sich selbst als Gourmet oder Gourmand zum Ersatz für unerfüllte
Lebensansprüche und führen sich so mit der gewählten Nahrung mehr Kalorienwerte zu, als sie
eigentlich benötigen. Hier wird unter der Wirkung
seelischer Einflüsse der Regulationsmechanismus
sozusagen «zur Seite gedrängt», und es entwickelt
sich Fettleibigkeit als Folgeerscheinung.
Mit der Erforschung des Bauplanes von Regulationsvorgängen gehen Bemühungen
Hand in
Hand, durch äußere Mittel diese Vorgänge zu beeinflussen. Wie mancher Mensch wäre froh, wenn
vollständig
er dank einer
unschädlichen Pille
essen könnte, was er will und so viel er will, während das Körpergewicht beim rot markierten
Waagestrich anhält
und das wenige nötige Fett
sich dorthin verschiebt, wo das jeweilige Schönheitsideal es verlangt. Bis zur Erfüllung dieses
Wunschtraums wappnen wir uns mit Geduld.
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