close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

mein Hinweis - Waldorfblog

EinbettenHerunterladen
Ansgar Martins
5.3 Jüdische Rezipienten der Anthroposophie
1143
Bis in die Gegenwart halten einige Anthroposophen aufgrund evolutionär-christozentrischer Einstellungen die Ablehnung des Judentums
und Abwertung Jahwes gegenüber Christus für unvermeidlich, wobei
Klischees etwa zu Jahwe als „Gott der Rache“ durchaus salonfähig sind.1144
In der traditionalistisch-anthroposophischen Zeitschrift „Der Europäer“
münzte Boris Bernstein 2012 (in einer Apologie von Günter Grass’ antisemitischem Affront „Was gesagt werden muss“) Steiners Etikettierung
des Zionismus als „wüsteste Reaktion“ auf das gegenwärtige Israel.1145
Andere haben diese Vorbehalte weit hinter sich gelassen und arbeiten für einen Dialog von Anthroposophie und Judentum, Beachtung
haben vor allem die Beiträge von János Darvas und Udi Levy (Sohn von
Michael Martin Levy, einem Pionier der israelischen Anthroposophie)
gefunden.1146 Darvas verdanken wir beispielsweise einen bemerkens-
1143 Vgl. zur Einführung Ralf Sonnenberg: Zionismus, Dreigliederung und die Zukunft
des Judentums. Jüdische Rezipienten der Anthroposophie vor dem Holocaust, in:
Die Drei, 1/2001, S. 33-45.
1144 Vgl. etwa Lorenzo Ravagli: Pädagogik und Erkenntnistheorie. Auseinandersetzungen um die Grundlagen der Waldorfpädagogik, Stuttgart 1993, S. 249. Der Theologe Richard Geisen werde, so Ravagli, „wohl kaum Steiner zum Vorwurf machen
wollen, dass er die alttestamentliche Jahwereligion durch das Mysterium von Golgatha für überholt erklärt.“ Das orthodoxe Judentum sehe dies verständlicherweise
anders, aber „vom Standpunkt des Christentums aus muss der Gott des jüdischen
Volkes, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, eine andere Bewertung erhalten.“
(ebd., S. 250)
1145 „Vor 100 Jahren waren viele europäische Juden der Auffassung Steiners. Erst durch
das grässliche Geschehen des Holocaust, das den erwähnten Hass auf die Spitze getrieben hat, nahm die Geschichte in tragischer Weise eine bestimmte Wendung. Beabsichtigt war, dass Juden in Palästina unangefochten und in Ruhe leben können.
Das Resultat ist, dass seit mehr als 60 Jahren mehr oder weniger offen Krieg herrscht
... dass bei Israels Staatsgründung 750000 Palästinenser zum Teil brutal vertrieben
worden sind, mit Gräueltaten und Raub von palästinensischem Eigentum.“, Bernstein: Israel, der Iran und wie „wüsteste Reaktion“, S. 28. Bernstein bezeichnet hier
die Begründung eines jüdischen Staates angesichts des nationalsozialistischen Massenmordes als „tragisch“ und betreibt eine Täter-Opfer-Umkehr, indem er die arabischen, namentlich islamistischen Aggressionen und Angriffe gegen Israel außer
acht lässt.
1146 Vgl. etwa Udi Levy: Judentum und Anthroposophie; ders.: Vom Verhältnis des Judentums zur Mystik, in: Virginia Sease (Hg.): Esoterik der Weltreligionen, Dornach
2001.
380
Ohne Opfer geht es nicht
werten Bericht über seine Erfahrungen als jüdischer Lehrer an einer
Waldorfschule – und darüber hinaus einige tiefsinnige Überlegungen
zum Verhältnis von Anthroposophie und Judentum.1147 Dabei finden
vor allem die Kabbalah, aber etwa auch die Deutung des Judentums
als „Abbild der Menschheit im Kleinen“ bei dem Kabbalisten und
Freimaurer Franz Joseph Molitor (1779-1860) und schließlich Franz
Rosenzweigs Vorstellung von Gottes Sprache „von innen, vom Menschen
her“ Beachtung.1148
Interessanterweise werden hier systematische Fragen und kaum
solche der „übersinnlichen“ Erkenntnisproduktion verhandelt.1149
Die Kommentierung von Steiners assimilatorischen Positionen zum
„Aufgehen“ des Judentums in den Völkern der „modernen Zeit“ werden von Udi Levy mit distanzierter Ironie behandelt: „Da ich bis heute
1147 Vgl. Samuel Ichmann [i.e. János Darvas]: What God Is – or Isn’t. A Jewish Waldorf
Teachers View, in: Paddock/Spiegler: Judaism and Anthroposophy, S. 127-140 (ursprünglich erschienen in Info3, 6/2000).
1148 Vgl. János Darvas: Francois Joseph Molitor’s Philosophy of History. Judaism as the
Miniature Reflection of Humanity, in: Paddock/Spiegler: Judaism and Anthroposophy, S. 152-166; ders.: Spirituelle Praxis als Einigungsprozess. Zur Esoterik des Ich
in der Anthroposophie und der Kabbala, in: Sonnenberg: Anthroposophie und Judentum, S. 139-158; ders.: Gotteserfahrungen. Perspektiven der Einheit. Anthroposophie und der Dialog der Religionen, Frankfurt am Main 2009, S. 61-88. Auch
Darvas’ positive Auseinandersetzung mit dem Judentum besteht jedoch in weiten
Teilen darin, die Religion auf anthroposophisch kompatible Motive wie das „Ich“
und den „inneren Meschiach“ als „geistigen Christus“ zu durchsuchen.
1149 Rosenzweigs Vision Gottes als „Antlitz …, das auf mich blickt und aus dem ich blicke“ ist in seiner bildgewaltigen Deutung des Hexagramms als geschichtsmetaphysischem „Stern der Erlösung“, etwa als „Schau auf der Höhe der erlösten Überwelt“,
konzipiert, was zumindest heuristisch mit Steiners Vorstellung der „Imagination“
und „Intuition“ als initialer und finaler Stufe im hellseherischen Aufstieg in die „höheren Welten“ vergleichbar wäre, vgl. Franz Rosenzweig: Der Stern der Erlösung
(1921), Frankfurt am Main 1988, S. 471; Rudolf Steiner: Die Stufen der höheren Erkenntnis (1905-1908), GA 12, Dornach 1993, S. 15-36, 69-87. Von Rosenzweigs Seite
wären einer Synopse jedoch auch klare Grenzen gesetzt: Für ihn zeigt die Schau von
und aus Gottes Antlitz „nichts andres, als was mich schon das Wort der Offenbarung
mitten im Leben hieß“. Dies erläutert Rosenzweig als „einfältig wandeln mit deinem Gott“, „ein ganz gegenwärtiges Vertrauen“ „– das ist kein Ziel mehr, das ist so
unbedingt, so frei von jeder Bedingung, von jedem Erst noch und Übermorgen …“
(S. 471f.) Steiner beanspruchte dagegen gerade im hellseherisch-wissenschaftlichen
Mehrwehrt der Anthroposophie gegenüber der Offenbarung die Aktualität seiner
„höheren Erkenntnis“. Rosenzweig hat Steiner nur einmal und als „Mistbock“ erwähnt, vgl. Franz Rosenzweig an Rudolf Ehrenberg, in: ders.: Briefe, hg. v. Edith Rosenzweig, Berlin 1935, S. 345.
381
Ansgar Martins
nicht durch Vermischung aufgegangen bin, bedarf diese Aussage einer
gründlichen Klärung.“1150 Levy hat sich auch mit der Anthroposophie im
Nationalsozialismus beschäftigt.1151
Die wertschätzende Aneignung jüdischer Themen bildet kein
Sondergut der jüngeren Anthroposophie – ihre Wurzeln liegen (trotz
dessen frühem Antisemitismus) in Steiners Behandlung etwa der alttestamentarischen Propheten als „Eingeweihten“ oder von Moses’
„Kulturimpuls“, von dem die gegenwärtige Menschheit ihren Ausgang
genommen habe. Aber auch auf der persönlichen Ebene gab es
Überschneidungen und Interessen – man denke etwa an die Freundschaft
von Albert Steffen und Martin Buber, in der Steffen „zum ersten Mal
das Judentum in mir“ spürte, obwohl sie neben einigen Besuchen keine ideologischen Übereinstimmungen mit sich brachte.1152 Wie schon
für Theosophen seit Blavatskys „Geheimlehre“ gab es mindestens ein
Thema, das Anthroposophen interessierte: die Kabbalah. „But verily
the Secret Doctrine of the Jews is Theos-Sophia and nothing but TheosSophia, and hence it is a matter of perfect simplicity to reconcile the two
teachings which emanate from One Source”, fand, um nur ein Beispiel
zu nennen, der jüdische Theosoph Leonard Bosman.1153
Deutsche Kabbalah-Übersetzungen waren um 1900 kaum zu haben,
auch weil das ganze Thema im zentraleuropäischen Judentum nicht sonderlich beliebt gewesen sein soll. Erich Bischoff, ebenfalls Theosoph,
hatte jedoch 1903 eine systematische Auswahl im Grieben-Verlag herausgebracht, in dem auch ein Teil der Werke Steiners erschien.1154 Der hat
1150 Udi Levy: Judentum und Anthroposophie, S. 113.
1151 Vgl. ders.: Ein Mikrokosmos des 20. Jahrhunderts, in: Das Goetheanum, 50/2005,
S. 14.
1152 Vgl. Gerhard Wehr: „Was sollen uns, wenn es sie gibt, die oberen Welten?“ Martin
Bubers Missverstehen der Anthroposophie – aus der Sicht Hugo Bergmans und Albert Steffens, in: Sonnenberg: Anthroposophie und Judentum, S. 129-138.
1153 Bosman: The Music of the Spheres or Cosmic Harmony, London 1913, S. 5, zit. n.
Huss: „The Sufi Society from America“, S. 188. Vgl. Bosman: Mysteries of the Qabbalah, London 1916. Unter Berufung auf Bosman hat Gerschom Scholem: Die
jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen (1941), Frankfurt a.M. 1957, S. 430
gemeint, Blavatskys mysteriöses „Buch des Dzyan“, das ihrer „Secret Doctrine“ zugrundelag, insgesamt auf kabbalistische Quellen rückführen zu können.
1154 Erich Bischoff: Die Kabbalah. Einführung in die jüdische Mystik und Geheimwissenschaft, Leipzig 1903, vgl. ders.: Im Reiche der Gnosis. Die mystischen Lehren des
jüdischen und christlichen Gnostizismus, des Mandäismus und Manichäismus und
382
Erinnerungen 1933-1949
Hans Büchenbacher
Erinnerungen 1933-1949
Zugleich eine Studie zur Geschichte der
Anthroposophie im Nationalsozialismus
Mit Kommentaren und fünf Anhängen
herausgegeben von Ansgar Martins
3
Hans Büchenbacher
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten
sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 978-3-95779-007-1
© 2014 Info3-Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG,
Frankfurt am Main
Typographie und Satz: Kulturfarm, Rinteln
Umschlag: Frank Schubert, Frankfurt am Main
Druck und Bindung: Verlag Lindemann, Offenbach
4
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
2
Dateigröße
52 KB
Tags
1/--Seiten
melden