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aktuelle ausgabe sep/okt 2014 - MOE-Kultur-Newsletter

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MOE- KULTUR. DE
Kulturveranstaltungen aus Mittel- und Ost Europa
in Berlin-Brandenburg
www.moe-kultur.de
EIN PROJEKT VON JOE - PLATTFORM BERLIN E.V.
AUSGABE 95
SEP/OKT 2014
REDAKTIONSSCHLUSS 10-09-2014
• Termine
• Partner
• Impressum
• Veranstaltungsadressen
unter www.moe-kultur.de
InformationsZentrum
Sozialwissenschaften
Abt. Informationstransfer Osteuropa
DGO
Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde e.V.
SÜDOSTEUROPAGESELLSCHAFT e.V.
Zweigstelle Berlin
Unsere Partner: Wissenschaftlich relevante Veranstaltungshinweise finden Sie im
Berlin-Brandenburger Forum Osteuropa http://www.gesis.org/Kooperation/Information/Osteuropa/newslist.htm
1
MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
Ausstellung • Diskussionen • Film • Literatur • Performance • Musik • Tanz • Theater • Vortrag
INHALT
Kalendarium
>>Kulturkalender (S. 3 - 10)
Ausstellungen – Diskussionen – Film –
Literatur – Performance – Musik – Tanz - Theater
Notabene
>> Aufgepasst!!! (S. 11-12)
besondere Termine – Hintergrundinformationen
>> MOE-Gespräch (S 13-14)
Die Kraft des Chores
Iwona Uberman im Gespräch mit Marta Gornicka
>> Profile (S. 14-19)
Es gilt das gesprochene Wort • Navid Kermani
Das Schlüsseljahr 1989 in der polnischen Erinnerung
Reinhold Vetter
>> Lesetipp (S. 18-19 )
Helga Pollaks Tagbücher• Michael Kleineidam u.a.
>> Nachtrag (S 19-22 )
Sogar der Tod hat Angst vor Ausschwitz • Michael Kleineidam
Roboter-Installation bios (torah) • Angelika Buchelt
>> Besondere Orte – einzigartige Geschichten (S. 22-25)
Totgesagte leben länger...
Wroclaw. Gesichter einer Stadt: • Michael Kleineidam
Pilsen 2015: Kulturhauptstadt Europas • Angelika Buchelt
>> Kurz notiert (S. 25-26)
- wichtige Hinweise - Termine - Ausschreibungen und einiges mehr
>> Unsere Partner:
Newsletter des Deutschen Kulturforums östliches Europa (S. 26)
IMPRESSUM
MOE - Kultur- Newsletter
ein Projekt der
JOE-Plattform Berlin e.V.
www.joe-plattform.de
REDAKTION
Ewa Strózczynska-Wille
(Gesamtredaktion)
Angelika Buchelt
Michael Kleineidam
Agnieszka Mikolajewicz
Iwona Uberman
Natalie Wasserman
Mario Schneider (auch Layout)
Weitere Informationen:
www.moe-kultur.de
(auch Veranstaltungsadressen)
redaktion@moe-kultur.de
Tel: 030-8524897
MOE
SEP/OKT 2014
SEITE 2
SEP/OKT 2014
MOE- KULTUR. DE
Ausstellung • Diskussionen • Film • Literatur • Performance • Musik • Tanz • Theater
bis 26.09.
• PL A
Polnisches Institut
Berlin
onlineausstellung
Strajk
Künstlerische Fotografien und Amateuraufnahmen aus dem
Fotoarchiv des Europäischen Solidarnosc-Zentrums (ECS) in
Gdansk.
Die Ausstellung im Zeitungsformat ist in der Galerie des Polnischen Instituts
Berlin & online auf Google Cultural Institute einzusehen. Die Streiks rund
um die Gewerkschaft NSZZ Solidarnosc lösten eine der größten
Freiheitsbewegungen des 20. Jahrhunderts aus und führten zur politischen
Wende in Polen. Unzählige Profifotografen und Amateure lieferten ikonische
Bilder der Proteste und des Geschehens abseit. Viele der Bilder von 1970
bis 1988 werden erstmals öffentlich gezeigt.
Weitere Informationen: www.polnischekultur.de
Burgstraße 27
bis 30.09.
• PL A
PIGASUS polish
poster gallery
Ausstellung
OPostER polnische Opernplakate. Akt II
Danziger Str. 52
Einige Opernplakate aus unserer Sammlung wurden bereits in den
Ausstellungen der einzelnen Künstler, wie Jan Lenica oder Ryszard Kaja
präsentiert. Wir hatten jedoch nie die Oper zum Thema einer Ausstellung
gemacht und das fanden wir ungerecht. Wie Jan Lenica, einer der berühmtester Plakatkünstlern Polens sagte: „Das Plakat muss singen!“ und gerade
die Opernplakate sind es, die am schönsten „singen“.
bis 05.10.
• MOE A
Deutsches
Historisches Museum
TARGETS
Fotografien von Herlinde Koelbl im Deutschen Historischen Museum
Die Fotografin Herlinde Koelbl beschäftigt sich in ihrem neuen, international
angelegten Kunstprojekt TARGETS mit militärischer Ausbildung und den
kulturellen Unterschieden, die sich in den jeweils landestypischen
Schießzielen widerspiegeln. Die Fotografien, die in einem Zeitraum von
sechs Jahren in fast 30 Ländern entstanden, werden erstmals im
Erinnerungsjahr an den Ersten Weltkrieg 2014 im Deutschen Historischen
Museum zu sehen sein.
Weitere Presseinformationen, Bildmaterial sowie Akkreditierung unter:
http://www.artefakt-berlin.de/aktuelle-projekte/targets.html#pressematerial
Unter den Linden
bis 17.10.
• SK A
nhow gallery Berlin
Ausstellung
Luka Brase “Draw in lights”
Luka Brase gehört zu den aufstrebenden Künstlern der Slowakei. Seine
Ausstellungen in Irland, UK, den Niederlanden, Frankreich und Österreich
waren ein voller Erfolg. In der nhow Gallery stellt er einmalige Werke aus,
die er mit Hilfe von Martin Gabco (Licht), Bohus (Sound) und Peter
(Cinematografie) verwirklichte. Jeder, der Kunst auf einer neuen, innovativen und frischen Ebene erleben möchte, sollte unbedingt vorbeikommen.
Weitere Informationen:http://www.nhow-hotels.com/berlin/gallery
Stralauer Allee 3
MOE
SEP/OKT 2014
SEITE 3
MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
Ausstellung • Diskussionen • Film • Literatur • Performance • Musik • Tanz • Theater • Vortrag
bis 26.10.
•HA
Collegium
Hungaricum Berlin
Moholy-Nagy Galerie
Ausstellung
Die große Illusion. Mitteleuropa im Ersten Weltkrieg
Dorotheenstr. 12
Anlässlich des 100. Jahrestages des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges präsentiert die Moholy-Nagy Galerie im .CHB eine Ausstellung, die – in
Anlehnung an den Film DIE GROSSE ILLUSION von Jean Renoir aus dem
Jahr 1937 – die scheinbaren Wahrheiten, Wirklichkeiten und Wunschbilder
erkundet, die in Zusammenhang mit diesem historischen Ereignis von weltpolitischer Bedeutung existier(t)en.
Die multimediale Ausstellung beschäftigt sich weniger mit bereits bekannten historischen Tatsachen, sondern mit den daraus resultierenden gedankengeschichtlichen Phänomenen und Traumata auf dem Feld der Kunst.
Zeitgenössische Künstler aus Ungarn und Deutschland beschäftigen sich in
sieben Installationen mit der Aufarbeitung der allgemeinen Krise des
Individuums im zwanzigsten Jahrhundert. Kuratoren: Vera Baksa Soós,
David Szauder.
bis 26.10.
• PL A
Dokumentationszentrum Topographie
des Terrors
WARSCHAUER AUFSTAND 1944
Niederkirchnerstraße 8
In der vom Museum des Warschauer Aufstandes konzipierten und produzierten Ausstellung wird die Geschichte Warschaus nach 1918 präsentiert,
das Leben einer pulsierenden Metropole, deren Entwicklung vom Zweiten
Weltkrieg brutal unterbrochen wurde. Besonderer Wert wird auf das
Phänomen des 63 Tage dauernden Warschauer Aufstands sowie den Preis
gelegt, den Warschau und die Polen für ihre Freiheitsliebe zu entrichten
hatten. Die Erzählung endet mit Bildern der Wiedergeburt Warschaus nach
Jahren totalitärer Unterwerfung: gezeigt wird eine dynamische Stadt, die
das ihr aufgezwungene Schicksal überwand und zu einer führenden
Metropole in diesem Teil Europas wurde.
bis 16.11.
• SK A
Neue Synagoge Berlin
– Centrum Judaicum
Ausstellung
„Gisi Fleischmann – EIn jüdisches Schicksal aus Bratislava “
Zum 70. Jahrestag des Todes von Gisi Fleischmann (1892-1944).
Die Autorin der Ausstellung Anna Grusková (Theater- und Filmautorin aus
Bratislava) zeigt zum ersten Mal der deutschen Öffentlichkeit eine Frau, auf
die auch Rabbiner hörten, eine unkonventionelle Persönlichkeit des jüdischen Lebens und des antifaschistischen Widerstandes in der Slowakei.
Weitere Informationen: www.centrumjudaicum.de
Oranienburgerstr. 28-30
bis 23.11.
• CZ A/L
Literaturhaus Berlin
Ausstellung
»Wer ich bin. Bohumil Hrabal: Schriftsteller-Tscheche Mitteleuropäer«
Fasanenstrasse 23
Hrabals Texte führen von der k.u.k. Monarchie über die erste
Tschechoslowakische Republik, den II. Weltkrieg bis hin zur Nachkriegszeit,
die nach der Hoffnung auf Freiheit in ideologischer Herrschaft erstarrte.
Nach 1968 verweigerten die staatlichen Verlage der CSSR ihm acht Jahre
lang jede Publikation.
Reale Lokalitäten (und Lokale) inspirierten seine Prosa und Gedichte - und
so läßt sich in der Ausstellung und im Rahmenprogramm das literarische
Werk Bohumil Hrabals mitsamt den Regionen entdecken, in denen sich
»seine Geschichte/n« abspielten.
Ausstellungseröffnung: 25.09. 20.00 Uhr
Weitere Informationen:www.literaturhaus-berlin.de
MOE
SEP/OKT 2014
SEITE 4
MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
Ausstellung • Diskussionen • Film • Literatur • Performance • Musik • Tanz • Theater • Vortrag
15.09. 19.00 Uhr
• CZ F
Tschechisches
Zentrum
DokuMontag:
Absolventi. Sloboda nie je zadarmo / Graduates. Freedom Is Not
For Free
(SK 2012, 83 Min., OmeU, Regie: Tomás Krupa)
Wilhelmstraße 44
Der Film begleitet drei junge Männer, die gerade die Kunsthochschule
beendet haben und sich jetzt an die Bedürfnisse der Gesellschaft anpassen
und in der Realität des Arbeitslebens zurechtfinden müssen. Auf der Suche
nach einem Job müssen sie häufig unfaire Konditionen akzeptieren, die
ihren Vorstellungen und Interessen widersprechen. Ihre Ideale und Träume
treffen auf die weltweite Finanzkrise, sie kennen sich mit den Regeln des
Marktes nicht aus und haben das Gefühl, in einer ungerechten Welt zu
leben.
16.09. 19.00 Uhr
• BG A
Bulgarisches
Kulturinstitut
Ausstelungseröffnung „Träume“
Malerei von Dobromir Manev – Manu
Dobromir Manev-Manu absolviert seine Hochschulausbildung in der
Nationalen Akademie für Theater- und Filmkunst in Sofia. Er ist nicht nur
als Maler bekannt, sondern auch als berühmter Schauspieler. Er hat über
50 Film- und Theaterrollen hinter sich. Die Liebe für die Schauspielerei und
bildende Kunst haben seine einzigartige Bildsprache entwickelt, welche ihm
eine Neudefinition des abstrakten und figurbetonten Raumes in seinen
Bildern erlauben. Er wohnt und arbeitet in den USA sowie Europa.
Leipziger Str. 114-115
17.09. 18:00 Uhr
• CZ L
Tschechisches
Zentrum
Lesegruppe Literatura: Jáchym Topol „Die Teufelswerkstatt“
Die Lesegruppe Literatura des Tschechischen Zentrums trifft sich mehrmals
im Jahr, um über Bücher tschechischer Autoren oder mit einem thematischen Bezug zu Tschechien zu diskutieren. Um an den Treffen teilzunehmen, sollte man die Bücher vorher gelesen haben. Bei dem nächsten
Treffen, das diesmal an einem Mittwoch stattfindet, wollen wir uns mit
Jáchym Topols Roman „Die Teufelswerkstatt“ beschäftigen (Suhrkamp
Verlag, 2010, 201 Seiten).
Wilhelmstraße 44
17.09. 19.30 Uhr
• MOE/RUS L
Maxim Gorki Theater
Berlin
Buchpremiere/Lesung
Die juristische Unschärfe einer Ehe
Leyla und Altay sind seit fünf Jahren verheiratet, sie begehrt Frauen und er
Männer. Eigentlich ist diese Ehe glücklich. Dann verliebt Leyla sich in
Jounoun, was aber nicht erwidert wird. Nach dem Scheitern dieser Liebe
werden auch Leyla und Altay einander fremd. Nach ihrem Bestseller “Der
Russe ist einer, der Birken liebt”, präsentiert Olga Grjasnowa ihren zweiten
Roman in einer Lesung mit Ensemble-SchauspielerInnen.
Gelesen von: Thomas Wodianka, Mareike Beykirch und Anastasia
Gubareva. Anschließend Publikumsgespräch mit Olga Grjasnowa und der
Dramaturgin Irina Szodruch
MOE
SEP/OKT 2014
SEITE 5
MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
Ausstellung • Diskussionen • Film • Literatur • Performance • Musik • Tanz • Theater • Vortrag
18.09. 10-17 Uhr und
19.09. 10-13.30 Uhr
• MOE V
Vertretung des
Freistaats Thüringen
beim Bund
Konferenz “Umbrüche und Revolutionen in Ostmitteleuropa 1989”
Mohrenstr. 64
25 Jahre nach der Friedlichen Revolution widmet sich die Konferenz den
Gemeinsamkeiten aber auch den spezifischen nationalen Besonderheiten
der Umbrüche und Revolutionen in Ostmitteleuropa 1989. Neben der DDR
werden Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei in die Betrachtungen einbezogen.
Die Konferenz ist eine gemeinsame Veranstaltung der Deutschen
Gesellschaft e.V., derBundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
und des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des
Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.
Eintritt ist frei – um Anmeldung per Mail (pb@deutsche-gesellschaft-ev.de)
wird gebeten.
18.09. 19.00 Uhr
• H L/V
Collegium
Hungaricum
Panoramasaal
Lesung, Gespräch, Film mit Ádám Bodor
Die Vögel von Verhovina oder: Wie man sich Freunde macht.
Dorotheenstr. 12
Nach Verhovina kommen die Züge zu willkürlichen Zeiten, die Fahrpläne
sind aufgehoben. Auf dem verwahrlosten Bahnhof wartet Anatol Korkodus
auf den barfüßigen Daniel Vangyeluk. Warum wird Korkodus später verhaftet? Warum sind die Vögel aus der Gegend verschwunden? Und: was ist
das Geheimnis von Eronim Mox’ märchenhaftem Kochbuch? »Ádám Bodor
ist ein fabelhafter Erzähler, den es im deutschsprachigen Raum noch zu
entdecken gilt. Weder schwere östliche Kost noch kalorienreduzierte westliche Mode hat er anzubieten« (Die Zeit).
Moderation: Jörg Plath.
Eintritt: 8,- / ermäßigt 6,- / Schüler 4,- EUR
18.09. 19.30 Uhr
• RUS T
Maxim Gorki Theater
Berlin
Der Russe ist einer, der Birken liebt
von Olga Grjasnowa
in einer Bühnenfassung von Yael Ronen
Regie: Yael Ronen Bühne: Magda Willi
Mascha ist Deutsche, Jüdin, Aserbaidschanerin, wenn nötig auch Russin
oder Türkin und beherrscht fünf Sprachen fließend. Ihr Freund Elias akzeptiert nicht, dass sie nicht darüber sprechen will. Mascha aber hasst
Diskussionen über ihren »Migrationshintergrund« ... Als sie ihn verliert,
reist sie Hals über Kopf nach Israel und sucht in der Wüste nach einem
neuen Anfang...
Am Festungsgraben 2
18.09.-21.09.
• CZ A
STATION-Berlin,
Im Rahmen der Kunstmesse abc – art berlin contemporary
Luckenwalder Straße 4-6
Seit 2008 findet jedes Jahr Mitte September die Kunstmesse abc – art berlin contemporary statt, an der über hundert Galerien aus Deutschland und
dem Ausland teilnehmen. In diesem Jahr sind drei tschechische Galerien
vertreten: Zum ersten Mal präsentiert sich die Galerie Hunt Kastner mit
dem Künstler Jirí Thyn, zum zweiten Mal dabei sind die Galerien SVIT mit
dem Künstler Mark Meduna und die Polansky Gallery mit den Künstlern
Adam Holy und Vladimír Houdek. Den tschechischen Künstler Kristof
Kintera stellt die Berliner Galerie Schleicher/Lange vor.
MOE
SEP/OKT 2014
SEITE 6
MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
Ausstellung • Diskussionen • Film • Literatur • Performance • Musik • Tanz • Theater • Vortrag
19.09. 18-21 Uhr
• PL A
ZAK | BRANICKA
Vernissage
Dominik Lejman dis/connected
Lindenstr. 35
Die Ausstellung bei ZAK | BRANICKA reflektiert die Thematiken in Lejmans
jüngsten Arbeiten und betont mehr denn je die Position des Künstlers als
kritisch und politisch „un/verbunden.“ In seiner Arbeit kritisiert er die
Haltung von politischer Kunst und fragt nach der Rolle des Künstlers das
politische Zeitgeschehen kommentieren zu müssen. Lejman glaubt, er hat
nicht die Möglichkeit die Welt zu verändern, fühlt sich machtlos und abgekoppelt und dadurch berechtigt, die Bilder der Massenmedien anders zu
nutzen.
Ausstellungsdauer: bis 25.10.
19.09. 19.30 Uhr
• PL V/M
O.T. Sanitätshaus
Berlin
Lesung & Gespräch
„Moje Mama - Meine Mutter. Die zwei Mütter des Edward Adamek“
Westfälische Str. 64
Vor mehr als 10 Jahren erschien in der Wochenzeitung „Samo Zycie“ ein
Artikel unter dem Titel „Sohn zweier Mütter“. Der preisgekrönte Artikel
schildert das Leben von EdwardnAdamek, eines in Deutschland geborenen
Zwangsarbeiterkindes, das von einer polnischen Mutter geboren wurde und
später von einer deutschen Mutter aufgezogen wird und heute als Rentner
in Polen lebt.Der Zeitzeuge Edward Adamek (Jg. 1938) wird an diesem
Abend anwesend sein und über sein Leben berichten. Dazu liest der
Schauspieler Wolfgang Bödiger Passagen aus einem Sammelband von
Erinnerungen, in der neben dem bewegten Leben von Edward Adamek
auch andere Nachkriegsschicksale von Polen und Deutschen zu finden sind.
Für musikalische Umrahmung sorgt die polnische Sängerin Dorota
Szczewczyk mit Liedern aus der Okkupationszeit und bekannten Melodien
aus dem Nachkriegspolen.
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten!
Anmeldungen unter Tel. 030 713 89 213
19.09. 20.00 Uhr
• PL T
Kino Babylon
Theater
„Klimakterium“ („Wechseljahre“)
Polnisches Gastspiel mit bekannten Schauspielerinnen der polnischen
Theaterlandschaft
Regie: Krzysztof Jaslar und Elzbieta Jodlowska
Rosa-Luxemburg-Str. 30
19.09. 20.00 Uhr
• MOE F
KINO KROKODIL
NEISSE FILMFESTIVAL zu Gast:
One Fine Line, OF deutsch mit engl. UT
in Anwesenheit der Regisseurin Jo-Anne Velin
Die in Berlin lebende kanadische Regisseurin Jo-Anne Velin verbrachte drei
Jahre mit ihrer Kamera in der ostsächsischen Oberlausitz auf der Route von
Schwarzheide ins Tschechische, die ihr Vater 1945 als KZ-Häftling zu Fuß
gegangen ist. Daraus entstanden großartige Aufnahmen der Oberlausitzer
Landschaft und schließen Geschichten junger Frauen und Mädchen mit ein,
welche selbst tief verwurzelt sind in ihrer Heimat entlang jener Wege. Ein
wesentlicher Bestandteil des Films ist die Tongestaltung. Selten wird ein
Hintergrund zu einer gleichberechtigten, Emotionen berührenden
Filmsprache, wie in One Fine Line.
VORFILM: The Little Cousteau
Ein kleiner Junge spielt Unterwasserwelten in einer verschneiten Stadt.
Eine Hommage an Jacques Cousteau.
Greifenhagener Str. 32
MOE
SEP/OKT 2014
SEITE 7
MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
Ausstellung • Diskussionen • Film • Literatur • Performance • Musik • Tanz • Theater • Vortrag
19.09. 20.00 Uhr
• RUS M
Komische Oper
Sinfoniekonzert 1: Håkan Hardenberger und Henrik Nánási
Werke von Pjotr I. Tschaikowski, Tobias Broström und Sergej S.
Prokofjew
Pjotr I. Tschaikowski — Romeo und Julia, Fantasie-Ouvertüre nach
Shakespeare
Tobias Broström — Lucernaris, Konzert für Trompete, Live-Elektronik und
Orchester
Sergej S. Prokofjew — Romeo und Julia, aus den Ballett-Suiten Nr. 1 op.
64 a, Nr. 2 op. 64 b und Nr. 3 op. 101
Kostenlose Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Foyer
20.09. 13.00 Uhr
• BG L/A
Bulgarisches
Kulturinstitut
Workshop für Kinder von der Bulgarischen Schule in Berlin mit
Inna Pavlova (auf Bulgarisch)
Inna Pavlova ist am 15.02.1983 geboren.
Sie hat die Nationale Kunstakademie in Sofia absolviert Fachrichtung „Buch
und Graphik“, Magister, Teilnahme an diverse Ausstellungen im Ausland.
Anschließend Ausstellungseröffnung Samstag, 20.09.14 - 17.00 Uhr im Art
Club
Vorstellung des Kinderbuchs „Geschichte über des Menschen, der kein volles Gesicht hat“
Leipziger Str. 114-115
20.+21.09.
HA
Collegium
Hungaricum Galerie
Berlin Art Week im .CHB
Dorotheenstr. 12
Anlässlich der Berlin Art Week widmet sich das .CHB in Zusammenarbeit
mit der Galerie MOMENTUM Worldwide erneut der Videokunst. Das
Programm umfasst Paneldiskussion, Performance, Projektionen und
Streetscreenings sowie eine Videoausstellung, die ungarische und internationale Videoarbeiten präsentiert. Im Fokus des Panels wird die Aktualität
der Videokunst auf den internationalen Biennalen stehen. Das Programm
des Wochenendes soll die Kommunikation zwischen ungarischer und internationaler Videokunst verstärkt strukturieren.
23.09. 18.00 Uhr
• CZ A
Landesvertretung
Bremen
Man spricht vom Krieg – 100 Jahre 1914
2014 erinnern wir uns an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert
Jahren, ein Ereignis, das europaweit Beachtung findet. Eine Gruppe europäischer Künstlerinnen beschäftigt sich seit zwei Jahren mit diesem Krieg.
Auf der Grundlage intensiver künstlerischer Begegnungen von Künstlern
aus Tschechien und Deutschland ist eine Ausstellungsreihe entstanden, die
wichtige künstlerische und gesellschaftspolitische Positionen der tschechischen, bosnischen, österreichischen und deutschen Künstler und
Künstlerinnen repräsentiert.
Ausstellungsdauer: bis 17.10.
Hiroshimastraße 14
23.09. 19.00 Uhr
• RUS F
KiNO KROKODIL
Abschied von Gulsary
SU 1969, 35mm, 80 min, DF
Regie / Kamera: Sergej Urussewskij
Der Pferdehirt Tanabai erinnert sich an sein wechselvolles Leben in den
rauen Bergen Kirgisiens und an den stolzen Hengst Gulsary, der zusammen
mit ihm alt wurde.
Weitere Termine: 24.+29.09.+01.10.
Greifenhagener Str. 32
MOE
SEP/OKT 2014
SEITE 8
MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
Ausstellung • Diskussionen • Film • Literatur • Performance • Musik • Tanz • Theater • Vortrag
25.09. 20.30 Uhr
• RUS F/M
Maxim Gorki Theater
Berlin
Film & Live Rap:
Psoy: Erotic utopia of Russian modernity!
Am Festungsgraben 2
25.-26.09.
• RO SEM
Stadtteilbibliothek
Marienfelde
Europäischer Tag der Sprachen
Zum 13. Europäischen Tag der Sprachen finden zahlreiche „Sprachenbäder“
statt: Minisprachkurse für Kinder sollen bei Berliner Grundschulkindern das
Interesse für fremde Sprachen wecken.
Im Rahmen dieser Veranstaltung setzt sich das RKI Berlin, als EUNIC
Mitglied, zum Ziel, das Interesse für die rumänische Sprache und Kultur zu
wecken.
Weitere Informationen: http://www.icr.ro/berlin-1/
Marienfelder Allee 107/109
27.09. 19.00 Uhr
• CZ A
Tschechisches
Zentrum
Kunstpreis der Leinemann-Stiftung
Die Akademie der Bildenden Künste Prag (AVU) und die LeinemannStiftung für Bildung und Kunst haben einen Studierendenwettbewerb ausgeschrieben, der drei Preisträger auszeichnet. Aus den 53 Teilnehmern, die
ihre Beiträge zum Thema „Architektur in Tradition und Gegenwart“ eingereicht hatten, wählte ein Gremium der AVU 15 für die zweite Runde aus,
über die Sieger entscheidet eine internationale Jury. Die Ausstellung im
Tschechischen Zentrum Berlin wird kuratiert von Markus Huemer, dem
Leiter des Ateliers für neue Medien I an der AVU, und stellt alle 15
Wettbewerbsbeiträge der zweiten Runde vor. Zur Ausstellung erscheint ein
zweisprachiger Katalog.
Ausstellungsdauer: bis 09.10.
Wilhelmstraße 44
27.09.20.30 Uhr
• RUS/MOE M
Maxim Gorki Theater
Berlin
Kapelsky & Marina
Konzert - unternational
Crossover von Gypsy-Swing, Fado-Melancholie mit russischem Volksliedgut
kubanisch-karibischer Variante und Rückgriffen auf jiddische
Musiktraditionen mit Balkan-Polka. Diese Balkan-Gypsy-Klezmer-Musikern,
im Finale des bundesweiten Creole Wettbewerbs, füllen schon länger Hallen
von Begeisterten.
Am Festungsgraben 2
29.09. 19.00 Uhr
• PL F
Tschechisches
Zentrum
DokuMontag:
Coming out po polsku / Coming Out Polish Style
(PL, US 2011, 60 Min., OmeU, Regie: Slawomir Grunberg, Katka
Reszke)
Der Film bietet die seltene Gelegenheit zu Einblicken in das Leben von
Lesben und Schwulen im heutigen Polen, in einer konservativen
Gesellschaft, die gerade dynamische Veränderungen erlebt und zusehends
liberaler wird. Bei uns zu Gast: Bernd Buder, Programmdirektor des
Filmfestivals Cottbus, der die Sektion Fokus des 24. FilmFestivals Cottbus
vorstellt: queerEast - Homosexualität in Mittel- und Osteuropa.
Wilhelmstraße 44
MOE
SEP/OKT 2014
SEITE 9
MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
Ausstellung • Diskussionen • Film • Literatur • Performance • Musik • Tanz • Theater • Vortrag
30.09. 19.00 Uhr
• SK F
Botschaft der
Slowakischen
Republik
Deutschlandpremiere
KRISTINA FORBAT „RÜCKKEHR IN DIE WINDIGE STADT“
„Unsere Familie lebte in fünf Staaten: wir waren zunächst Ungarn, dann für
kurze Zeit
Tschechoslowaken, später waren wir wieder ungarisch. Irgendwann plötzlich waren wir nicht mehr erwünscht. Schließlich waren wir alle gleich und
jetzt sind wir alle frei.“ Um die Worte ihrer jüdischen Großmutter besser zu
verstehen, begibt sich die junge Filmautorin Kristina Forbat als
Stadtschreiberin auf Spurensuche in die ostslowakische Stadt
Ko?ice/Kaschau, aus der sie kurz vor der Sanften Revolution 1989 mit ihrer
Familie nach Deutschland emigriert war.
Das Gespräch mit der Autorin wird von Sigrid Hoff moderiert.
Anmeldung: bis zum 22.9.2014 unter deutsches@kulturforum.info,
Tel. 0331 20098-0
Hildebrandstr. 25
30.09. 20.00 Uhr
• RUS F
KiNO KROKODIL
Lecjat schorawli (Die Kraniche ziehen)
SU 1957, 35mm, 97 min, OmdU
Regie: Michail Kalatosow Kamera: Sergej Urussewskij
Preise: Goldene Palme der Internationalen Filmfestspiele Cannes, 1958
Kurz bevor der Zweite Weltkrieg über die UdSSR hereinbricht, verlieben
sich Veronika und Boris ineinander. Als der Krieg ruft, meldet sich Boris
freiwillig an die Front. In der langen Zeit des Wartens und der Ungewissheit
heiratet Veronika ohne rechte Motivation Boris’ Bruder, doch es gelingt ihr
nicht Boris hinter sich zu lassen. Als die Soldaten am Ende des Films heimkehren und eine Rede auf ihre Tapferkeit gehalten wird, wartet Veronika
vergeblich auf den Geliebten. Mit einem Blumenstrauß in den Händen steht
sie im weißen Kleid trauernd inmitten der feiernden Menge.
Greifenhagener Str. 32
07.10. 20.00 Uhr
• RO L
Rumänisches
Kulturinstitut
Ein Buch - Zwei Sprachen 4
Marta Petreu: Zuhause, auf dem Feld des Armageddon
Marta Petreu liest zusammen mit Ernest Wichner aus ihrem Buch.
22.10. 20.00 Uhr
• RO/H M
Konzerthaus Berlin
Gendarmenmarkt
Musikforum Gendarmenmarkt
Anna Korondi Sopran
Liana Vlad Klavier
Manuel Lange Klavier
Lieder von Franz Liszt, Robert Schumann, Zoltán Kodály, Béla Bartók und
György Kurtág
30.10. 20.00 Uhr
• H/BY M
Konzerthaus Berlin
Gendarmenmarkt
Konzerthausorchester Berlin
Osmo Vänskä Leitung
Gábor Boldoczki Trompete
Denys Proshayev Klavier
Alfred Schnittke Konzert für Klavier und Streichorchester
Dmitri Schostakowitsch Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester
Nr. 1 c-Moll op. 35
Sergej Prokofjew Sinfonie Nr. 5 B-Dur op. 100
MOE
SEP/OKT 2014
SEITE 10
SEP/OKT 2014
MOE- KULTUR. DE
NOTABENE
>> Kalenderblatt September/Oktober
01. 09.
Tag der Verfassung der SLOWAKISCHEN REPUBLIK (1993)
15. 09.
Sieben Schmerzen Maria, kirch. Feiertag/ SLOWAKEI
28. 09.
Gedenktag Des Heiligen Wenzels, Patron vom TSCHECHIEN
08. 10.
Unabhängigkeitstag (1991)/ KROATIEN
23. 10.
Beginn des ungarischen Volksaufstandes, 1956/ UNGARN und Ausrufung der Republik, 1989
28. 10.
Nationalfeiertag, Gründung der TSHECHOSLOWAKEI (1918)
>>Aufgepasst
18.- 21.9. Kunstmesse
BERLIN ART WEEK
Polnische Kunst am Stand der Galerie DNA (Nr.2.19)
Werke von Grzegorz Klimek (u.a.)
Ort: Kaufhaus Jandorf, Brunnenstrasse 19, 10119 Berlin
www.berlin-art-week.de
18. - 19.9. Konferenz
Umbrüche und Revolutionen in Ostmitteleuropa 1989
Gemeinsamkeiten, aber auch die spezifischen nationalen
Besonderheiten der Umbrüche und Revolutionen in
Ostmitteleuropa 1989 aus der Perspektive der DDR, Polen,
Ungarn und der Tschechoslowakei diskutieren:
Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué, Minister a. D., Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg; Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz,
Direktor des Willy-Brandt-Zentrums Breslau; Prof. Dr. André
Steiner, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam e.
V.; Dr. Krisztián Ungváry, Historiker am Institut für das Jahr
1956, Budapest und Prof. Dr. Dr. h. c. Werner Weidenfeld,
Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft, München.
Ort: Vertretung des Freistaats Thüringen beim Bund,
Mohrenstr. 64, 10117 Berlin
Informationen/Anmeldung: www.deutsche-gesellschaftev.de
19.09. 19.30 Zeitzeugen· Gespräche
Deutsche, Polen und der 2. Weltkrieg
Vor mehr als 10 Jahren erschien in der Wochenzeitung
„Samo Zycie“ ein Artikel unter dem Titel „Sohn zweier
Mütter“. Der preisgekrönte Artikel schildert das Leben von
Edward Adamek, eines in Deutschland geborenen
Zwangsarbeiterkindes, das von einer polnischen Mutter
geboren wurde und später von einer deutschen Mutter aufgezogen wird und heute als Rentner in Polen lebt.
Der Zeitzeuge Edward Adamek (Jg. 1938) berichtet über
sein Leben. Der Schauspieler Wolfgang Bödiger liest
Passagen aus einem Sammelband von Erinnerungen, in der
neben dem bewegten Leben von Edward Adamek, auch
andere Nachkriegsschicksale von Polen und Deutschen zu
finden sind.
Veranstalter: Deutsch-Polnische Gesellschaft Berlin
Anmeldungen unter Tel. 030 713 89 213
Ort: Gesundheitszentrum O.T. Sanitätshaus Berlin,
Westfälische Str. 64, 10709 Berlin
21.09., 15 Uhr
Einweihung des Mahnmals zur Erinnerung an 123 verstorbenen Kindern von Zwangsarbeitern in Bucher
Krankenhäusern und Lagern
Die zwischen 1940 und 1945 geborenen Kinder verbrachten
ihr kurzes Leben unter den lebensfeindlichen Bedingungen
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SEP/OKT 2014
der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Die Platten des Mahnmals stammen von dem Altar einer
Berliner Kirche. Die Gestaltung übernahmen die Bildhauer
Silvia Fohrer und Rudolf Kaltenbach. Die Namen der kleinen
Toten wurden von SchülerInnen der Schule Am Sandhaus,
der Körperbehindertenschule Marianne-Buggenhagen und
der Hufeland-Schule aufgezeichnet und in Marmorplatten
graviert.
Die Gedenkstunde wird von polnischen, russischen und
tschechischen Kinderliedern begleitet. Schüler werden die
Vornamen der fast ausschließlich vor dem 2. Lebensjahr
verstorbenen Kinder verlesen.
Eine Initiative des Projektes „Kinder für Kinder“.
Ort: Ende der Hobrechtsfelder Chaussee, an der Grenze
zwischen Berlin-Buch und Hobrechtsfelde/Panketal
22.9., 18 Uhr Literatur, Film
Nach 70 Jahren - Kriegskinder erheben ihre Stimme
Freya Klier zeichnet in ihrem Buch »Wir letzten Kinder
Ostpreußens. Zeugen einer vergessenen Generation« die
dramatischen Schicksale von sieben Kindern aus
Ostpreußen nach, von denen nur einem Jungen die Flucht
gelingt. Ein Mädchen wird kurz vor dem Hungertod von einer
Estin gerettet, die anderen bleiben für drei Jahre im sowjetisch besetzten Ostpreußen eingeschlossen. Ausgehend vom
Sommer 1944 bis hinein in unsere Gegenwart zeichnet das
Buch eindringlich die Verwobenheit von Geschichte und
Einzelschicksalen.
Anschließend: Gespräch mit der Autorin Freya Klier und der
Zeitzeugin Doris Festersen
??Anmeldung bis zum 17. September
Ort: Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums
Berlin
Informationen: www.sfvv.de
22.09., 19 Uhr Film
JUDGMENT IN HUNGARY (Urteil in Ungarn)?
Ungarn/Deutschland 2013, Regie: Eszter Hajdú
Im Rahmen – Dokumentarfilmpreis „Erinnerung und
Zukunft“ unterwegs
Der Fall fand weltweit Beachtung, der Prozess dauerte 167
Tage: 2008 und 2009 überfielen rechte Extremisten in
Ungarn mehrere Roma-Dörfer. Sechs Menschen starben,
darunter ein fünfjähriges Kind. Gegen vier Verdächtige
wurde Anklage erhoben. Der Film dokumentiert den
Prozess, der zweieinhalb Jahre dauerte. Nur selten verlässt
die Kamera den kleinen Gerichtssaal, in dem sich die
Angeklagten und die Angehörigen der Opfer auf engstem
Raum gegenüberstehen. Es entspinnt sich ein hochintensives Kammerspiel, das viel über die weitverbreiteten
Ressentiments gegenüber Roma und Juden in Ungarn
erzählt.
Anschl. ein Gespräch mit Eszter Hajdú (Regisseurin),
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SEP/OKT 2014
NOTABENE
Sándor Mester (Produzent), Dr. Andrés Nader (Leiter
Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und
Demokratie (RAA) e.V.), Erika Horváth (Konsulin, Botschaft
von Ungarn, Berlin; angefragt) - Grit Lemke: Moderation
Ort: Kino Arsenal, Potsdamer Straße 2, Berlin
www.filmfestival-goEast.de
11.10., 20 Uhr Musik
Der Einsame Engel – Lieder von Marlene Dietrich
Celina Muza: Gesang - Andrzej Janaszek: Flügel
„Celina Muza erliegt dabei nicht der Versuchung, die Dietrich
zu kopieren. Ihre Lieder in Deutsch, Englisch, Polnisch und
Französisch sind sorgfältig ausgewählt. Selbst Evergreens
wie „Die fesche Lola“ und „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe
eingestellt“ gewinnt sie neue Seiten ab... Zum Schluss sitzt
sie als gealterte Diva auf dem Stuhl, ihr Stock fällt zu
Boden,ein Leben und ein beeindruckender Abend sind zu
Ende...“ Die Welt
Informationen/Karten: Tel. Grüner Salon: 030 24 009 328
Email: salondame@gruener-salon.de
Ort: Grüner Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Plat
19.10., 19 Uhr Konzert
Russische Klassiker - Peter Tschaikowski · Konzert für
Violine und Orchester D-Dur op. 35
Sergej Rachmanonow · Symphonie Nr. 2 e-moll op.27
Berliner Symphoniker · Leitung Lior Shambadal · Ilya Kaler
Violine
Ort: Berliner Philharmonie
Informationen/ Karten: www.berliner-symphoniker.de u.a.
Abendkasse der Philharmonie
NEU im Angebot der Berliner Symphoniker e.V
JCT Junior Classic Ticket
Für 15-21-Jährigen
JCT- Programm (u.a.):
· Einblicke in die Werke
· Musikräume - Architektur · Backstage
· Klangkörper - Musikinstrumente
· Gespräche mit dem Dirigenten und Musikern
· aktuelles Konzert: 19.10.,16:00 Uhr
= JCT-Preis: 10,-€
JCT-Treffpunkt · 15:00 Uhr Foyer der Philharmonie
MOE>>>Vorschau
16.11., 16:00 Uhr
Bajka – Ein Wintermärchen
Musikthemen von Stanislaw Moniuszko
Zauberlehrling · Paul Dukas
Ballett · Musik und Gesang · Artistik
Berliner Symphoniker · Leitung Lior Shambadal
Gesang: Malgorzata Picz Sopran · Roksolana Chraniuk
Alt · Marek Picz Bass · Karol Bettley Tenor ·
Artistik: Daniel Kalex
Ballettensemble der Staatlichen Ballettschule Posen ·
Eurythm Kinder- und Jugendchor Staatliches
Gymnasium I Frankfurt/Oder
Erzähler Moderator Steffen Möller
Berliner Philharmonie, Grosser Saal
Informationen/Karten: www.berliner-symphoniker. de
MOE
SEP/OKT 2014
Bis 28.10., Ausstellung?
AMYGDALA
Rauminstallation von Lila Karbowska
Seit der Antike versuchen die Menschen, ihre Gefühle zu
verorten. Anfangs wurden sie als etwas Immaterielles verstanden und den Lüften und Winden, später auch den
höheren und niedrigen Bereichen der Seele zugeordnet.
Doch nach und nach hielt man den Körper für ihren Sitz.
Nach den Entdeckungen der letzten zweihundert Jahre –
denen des Nervenzentrums, der Hormone, des subkortikalen beziehungsweise „animalischen“ Teils des Gehirns
und neuerdings der Amygdala – kehren wir aber langsam
zu einer immateriellen Vorstellung der Gefühle zurück, die
weniger nach ihrem Sitz fragt als vielmehr die ihnen
zugrunde liegenden Prozesse untersucht.
Diese Prozesse stehen im Mittelpunkt von „Amygdala“. An
der Grenze zum Immateriellen fügen sich zarte Stapel von
weißem Seidenpapier in die Ecken und Öffnungen des organisch angelegten Baus. In einem stillen, für ihre Arbeit
typischen Arbeitsprozess, der auf die Wiederholung minimalistischer Handlungen setzt, knüllt Karbowska die einzelnen Blätter zusammen, glättet sie wieder und schichtet
sie auf. Langsam. Fragend.
Ort: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung,
Lentzeallee 94, 14195 Berlin
www.mpib-berlin.mpg.de
Untergang und Neubeginn
70 Jahre nach dem Beginn des Warschauer Aufstands am
1.7.1944 zeigt die Berliner Gedenkstätte „Topographie des
Terrors“
in
ihrem
Außenbereich
anhand
von
Textinformationen, Fotografien, Faksimiles von Dokumenten
und Tonquellen eine Ausstellung über die polnische
Hauptstadt während der Zwischenkriegszeit, den deutschen
Überfall und die Besetzung, die deutsche Terrorpolitik, das
einmalige Phänomen des polnischen Untergrundstaates,
den zweimonatigen Aufstand bis zum Waffenstillstand am 1.
Oktober 1944, die Massenmorde an der Bevölkerung, ihre
Evakuierung und Vertreibung sowie die völlige Zerstörung
der Stadt und schließlich den Neubeginn und Wiederaufbau.
Die Ausstellung wurde vom Museum des Warschauer
Aufstands
in
Warschau
für
das
Berliner
Dokumentationszentrum erarbeitet und zeigt eine polnische
Sicht der Ereignisse.
Ausstellung:
„Der Warschauer Aufstand 1944“ in der Berliner
Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ bis zum 26.10.
2014
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MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
NOTABENE
>> MOE-Gespräch
Gleich mit zwei Produktionen nahmen die polnische
Schauspielerin, Sängerin und Theaterregisseurin Marta
Gornicka und ihr Chor Kobiet (Frauenchor) aus Warschau
an der dritten Ausgabe des internationalen Festivals zeitgenössischer performativer Künste „Foreign Affairs“ der
Berliner Festspiele teil. Bereits vor drei Jahren hatten Marta
Gornicka und die mehr als zwei Dutzend Frauen erfolgreich
im Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU) gastiert.
In „Magnificat“ unternimmt es der Chor der Frauen zum
zweiten Mal, dem tradierten Frauenbild entgegenzutreten.
Die Jungfrau Maria, das Sinnbild der katholisch geprägten
Sicht auf Weiblichkeit ist Gegenstand des Stückes, Texte von
Elfriede Jelinek, Adam Mickiewicz und Euripides, rhythmisches Sprechen und sakrale Musik bilden den Soundtrack
des Chores.
In „Requiemaszyna (Requiemmaschine)“ stehen erstmals
Männer und Frauen gemeinsam auf der Bühne und sagen
dem herrschenden System den Kampf an. Ausgehend von
Texten des polnischen Dichters Wladyslaw Broniewski werden Themen wie Überflüssigwerden der Menschen durch
Maschinisierung, Terror der Arbeitslosigkeit und der
Arbeitsüberlastung aufs Korn genommen.
Iwona Uberman hat die Anwesenheit der Künstlerin bei
„Foreign Affairs“ für ein Gespräch mit ihr genutzt.
Die Kraft des Chores
Iwona Uberman: Der Auftritt Ihres Chortheaters bei dem
diesjährigen Festival „Foreign Affairs“ ist nicht der erste
Auftritt in Berlin. Im Herbst 2011 protestierte ein
Frauenchor auf der Bühne des HAU gegen Klischees der
Weiblichkeit wie nur eine aufopfernde Mutter und eine gute
Hausfrau zu sein, oder Schönheitspflege nur zu machen, um
den Männern zu gefallen, kurz gesagt, es protestierte gegen
Unterwürfigkeit und Mangel an Individualität. Diese altmodischen Sichtweisen der Weiblichkeit sind jedoch weiterhin
vielfach anzutreffen.
Marta Gornicka: (lachend) Leider ja.
I.U.: In „Magnifikat“ nehmen Sie eine ähnliche Problematik
auf. Warum entschieden Sie sich, zu diesem Thema zurükkzukehren?
M.G.: Ich beschäftige mich weiterhin mit den kulturellen
Stereotypen bezüglich von Frauen. Ich versuche sie zu brechen, mit ihnen zu diskutieren, über sie hinaus zu gehen.
Aber ich verstehe „Magnifikat“ anders. Für mich ist es ein
Essay über die Frau im System der Kirche. Diese
Inszenierung setzt sich nicht mit der Religion auseinander –
unser Fokus ist Religiosität und ihr Einfluss auf die heutigen
Frauen, auf die Frauen in Polen, und im Allgemeinen auf den
Menschen in der heutigen Welt. Ich habe dieses Essay in
Anlehnung auf zwei Figuren konstruiert, die zwei Seiten
einer Figur bilden. Auf der einen Seite ist es die
Muttergottes und ihr kulturelles Bild, das in Polen erschaffen
wurde: eine Mutter, die gleichzeitig Jungfrau ist, die weint,
betet und leise ist, auf der anderen Seite ist es Agaue aus
„Die Bakchhen“. Ich versuche, darüber nachzudenken, wie
diese Bilder heute die Frauen beeinflussen und ob man sich
ihnen widersetzen kann.
I.U.: „Magnifikat“ ist ein Lied, das in Ihrem Stück einen
roten Faden bildet. Was ist seine Rolle?
MOE
SEP/OKT 2014
M.G.: „Magnifikat“ ist ein Lied, das Maria lobt, oder eigentlich Gottesruhm verbreitet. Es ist eine der wichtigsten und
bekanntesten biblischen Aussagen, die man mit der
Muttergottes assoziiert. In dem Stück wird dieses Lied tatsächlich auf vielfältige Weise benutzt und verarbeitet, im
musikalischen Sinne benutzen wir das fünfstimmige
„Magnifikat“ von Bach. Der erhabenste und gleichzeitig fröhlichste Teil erklingt am Ende des Abends, aber dieser Akkord
bildet ein Leitmotiv von den ersten bis zu den letzten Noten,
obwohl er auf keine selbstverständliche, dafür aber eine
sehr konkrete Weise erscheint. Ich denke, dass das Finale
trotz allem nicht eindeutig ist – wir versuchen es in einer
Poetik der Freiheit zu singen und als Gesang, der kein starres Singen der klassischen oder kirchlichen Chöre ist. Wir
singen es fast als Pop-Musik und deshalb ist unser Schluss
in gewisser Weise auch ironisch.
I.U.: War das Lied „Magnifikat“ ein Ausgangspunkt beim
Kreieren des Abends? Wie arbeiten Sie an Ihren
Inszenierungen?
M.G.: Als Lied kam „Magnifikat“ erst später dazu. Am
Anfang war das Thema, die Frau im System der Kirche, im
System der Macht der Kirche. Die ersten Worte, die ich mir
notierte und die den Anfang für die Aufführung gaben,
waren – wie soll ich sie nennen? ein Wortspiel? – jedenfalls
war es „Gott vergelt’s“, von dort aus fing ich an zu schreiben. Ich stelle die Texte gewöhnlich als Collagen zusammen,
benutze dafür unterschiedlichste kulturelle und andersgeartete Texte, Kochrezepte, philosophische Abhandlungen,
antike Texte. Und üblicherweise spielen gerade diese antiken Texte eine wichtige Rolle, sie sind für mich ein wichtiger
Bezugspunkt. Aber ich verwende auch Texte aus dem Alltag,
Fragmente aus Zeitungen, und auch „Abfälle“, Sprachreste,
die irgendwie in uns funktionieren, von denen wir manchmal
nicht genau wissen, woher sie kommen. Sie sind einfach
irgendwo in uns, tief verborgen. Es sind nicht selten Texte
aus unserer nationalen romantischen Klassik. Es kann Adam
Mickiewicz sein, und auch wenn es uns nicht bewusst ist,
sind es Dinge, die für uns Polen wichtig sind. Die Sprache
bildet für mich immer den Ausgangspunkt. Mein Ziel bei der
Arbeit mit dem Chor war, eine neue Sprache zu erschaffen,
die ein Ausdruck für die Frauen wird, und darüber hinaus
auch eine neue Ausdrucksform für das Theater zu erschaffen. Ich verspürte ein starkes Bedürfnis, eine Sprache für
Frauen zu erfinden, die zu ihrer Sprache wird. Auf der anderen Seite spüre ich – und das ist auch ein großes Thema für
den Chor – die Schwierigkeiten bei der Suche, was es heißt,
mit eigener Sprache zu sprechen und gleichzeitig weiter
nach einer Sprache für sich selbst zu suchen. Es ist ein
ununterbrochenes Ringen. Also, um eine starke, moderne
und vollständige Aussage zu bekommen, entschied ich mich
dafür, die Sprachen miteinander zu vermischen, zu versuchen, über sie hinauszugehen. Dadurch, dass die
Textfragmente nebeneinandergestellt sich gegenseitig
beleuchten, bilden sie verschiedene Bezüge zueinander, führen miteinander Gespräche. Die Texte sprechen nicht immer
an sich, sondern erst im Kontext. Das ganze gesammelte
sprachliche Material spiele ich mir vor, mixe es miteinander,
im Prinzip spiele ich mit der Sprache.
I.U.: Daher kommt der viele Humor in Ihren Stücken. Sie
gaben Gastspiele mit „Magnifikat“ in der ganzen Welt. Sind
die Reaktionen auf die Aufführungen in Polen und im
Ausland unterschiedlich?
M.G.: Ich glaube ja. Während ich mein Stück schrieb, dachte ich an Frauen in Polen, im Allgemeinen an Polen, und
habe nicht vermutet, dass sie tatsächlich auf der ganzen
Welt gezeigt wird. Ich ging nicht davon aus, dass so etwas
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MOE- KULTUR. DE
NOTABENE
passiert. Als wir zum ersten Mal nach Frankreich fuhren, wo
die Aufführung im Nationaltheater in Straßburg fantastisch
angenommen wurde, mit stehenden Ovationen, fingen wir
an, uns mit den Zuschauern zu unterhalten, woher ihre
Begeisterung kommt. Die Franzosen sahen in diesem Stück
andere Aspekte, als man es in Polen tat, und sie machten
mir bewusst, dass es universell ist. Für sie beschrieb es eine
Situation, in der Bedrohung durch religiösen Fanatismus,
oder einfach durch falsch verstandene Religiosität, entsteht. In Frankreich schaute man auf die Inszenierung nicht
aus der katholischen Perspektive, sondern aus der islamischen. Noch andere Zuschauer waren der Meinung, dass es
einfach eine Inszenierung über den Menschen ist. In Polen
wird „Magnifikat“ ebenfalls gut aufgenommen, aber in der
Tat anders. Dazu kommt, dass es in Warschau anders aufgenommen wird als in kleineren Orten. Es ist übrigens
paradoxal, dass unser Chor, der in Warschau entstanden
ist, viel mehr durch die Welt tourt als durch Polen. Falls wir
doch in kleineren Orten auftreten, sind die Reaktionen des
Publikums sehr emotional. Die Zuschauer sind berührt,
bewegt, und unabhängig davon, ob sie Katholiken und
Katholikinnen sind oder nicht, sagen sie alle, dass die
Inszenierung eine große Wahrheit enthält. Für mich als
Regisseurin ist dies das größte Kompliment.
I.U.: Ihr Stück ist außerordentlich kritisch. Gab es keine
Proteste vonseiten konservativer Katholiken in Polen?
M.G.: Überraschenderweise gab es keine solchen Stimmen.
Ich denke, dass die Inszenierung nicht bis in die extrem
rechten Gruppierungen vorgedrungen ist und nicht zu den
Leuten, die solche Proteste organisieren. Nur einmal
erschien eine Kritik, in der ich als Hexe bezeichnet wurde,
und einmal wollte eine Zuschauerin mir gegenüber handgreiflich werden. Aber dies waren Einzelfälle. „Magnifikat“
ist ein radikaler Schritt für Frauen, ein für Frauen in Polen
sehr schwieriges Thema. Aber das ist gerade Ziel meiner
Arbeit, Themen anzufassen, die schmerzhaft und schwierig
für uns sind. Wir müssen es mit ihnen aufnehmen. Das ist
ja die Idee des ursprünglichen Chores im Theater. Wir wissen zwar nicht genau, was das Chor in der Antike bedeutete, es sind so wenige Spuren geblieben, aber wir ahnen,
dass er eine ungeheure Kraft hatte, dass er eine Macht war.
Ich wünsche mir, dass der moderne Chor ähnlich wirkt,
dass er bewegt, den Zuschauer anspricht, ihn verändert
und eine kathartische Wirkung entfaltet.
I.U.: „Requiemaszyna“, Ihre nächste Inszenierung nach
„Magnifikat“, wurde ebenfalls hier in Berlin bei „Foreign
Affairs“ gezeigt. Es ist eine Erweiterung Ihrer Arbeit um
nicht-nur-weibliche Stimmen und um Angelegenheiten, die
nicht nur Frauen angehen. Wie sehen Ihre weiteren
Zukunftspläne aus?
M.G.: Ich möchte diese Idee des Chortheaters sehr gern
weiterentwickeln. In der Tat ist „Requiemaszyna“ ein nächster Schritt. Ich hatte den Eindruck, dass die Idee, den Chor
für die Frauen wiederzugewinnen, gut gelungen ist und
dass ich jetzt noch weiter gehen kann. „Requiemaszyna“ ist
auf eine andere Weise entstanden. Es ist auch ein Schritt in
eine andere Richtung. In Zukunft möchte ich starke
Aussagen über die heutige Situation in Polen und in Europa
formulieren.
Meine nächsten Pläne hängen mit einem Theater zusammen, das ich als „Sozial- oder Partizipations-Theater“
bezeichnen würde. Das bedeutet die Öffnung des Chores
für soziale Gruppen, die auf eine gewisse Weise keine
Stimme haben oder Schwierigkeiten haben, das Wort zu
ergreifen. Ich bereite im Herbst ein Projekt in Israel vor, an
MOE
SEP/OKT 2014
dem - falls es unter den jetzigen Umständen verwirklicht
werden kann - 60 israelische Juden und Araber teilnehmen
werden. Ich freue mich darüber, dass es uns gelungen ist,
beide Gruppen zu einer gemeinsamen Arbeit einzuladen. Es
wird eine Inszenierung über die Leute und Konflikte sein,
und ich hoffe, dass dies nicht ohne Komik sein wird. Es ist
wohl ein Weg, über diese sehr ernste und schwere Situation
zu sprechen.
Übersetzung aus dem Polnischen: Iwona Uberman
<<
PROFILE
Menschen · Orte · Projekte
Als vor fünf Jahren das Grundgesetz sechzig Jahre alt wurde, war dies für MOE Anlass, durch eine Buchbesprechung
60 Jahre Demokratie in Deutschland zu würdigen („Kopernikanische Wende“, MOE 61, Mai 2009). Zum fünfundsechzigsten Jahrestag fand nun im Deutschen Bundestag eine
Feierstunde statt, in der der iranisch-deutsche Schriftsteller
Navid Kermani eine beeindruckende Rede hielt, die sicherlich zu den Glanzstunden des Parlaments zählt. Doch nicht
nur.
Im Zentrum des Textes steht einer der grundlegenden existentiellen Werte: die Würde des Menschen, ihre Achtung
und Schutz. In vielen aktuellen Konflikten wird dieser Wert
wieder mit den Füssen getreten.
Und wie viel gilt noch das gesprochene Wort, von dem
Kermani spricht? Was gilt schon das gesprochene Wort eines Herrn Putins,
das zum Instrument der jeweiligen Tagestaktik wird, skrupellos und so zur Lüge mutiert?
In diesem Zusammenhang lesen sich Kermanis Gedanken
wie ein eindringliches Appell, dabei nicht belehrend, sondern
von Hoffnung und Zuversicht geprägt, den Glauben an den
Fortschritt in einem tief humanistischen Sinne.
Es gilt das gesprochene Wort
Navid Kermani zur Feierstunde „65 Jahre Grundgesetz“
(leicht gekürzte Fassung)
Das Paradox gehört nicht zu den üblichen Ausdrucksmitteln
juristischer Texte, die schließlich größtmögliche Klarheit
anstreben. Einem Paradox ist notwendig der Rätselcharakter
zu eigen, ja, es hat dort seinen Platz, wo Eindeutigkeit zur
Lüge geriete. Deshalb ist es eines der gängigsten Mittel der
Poesie.
Und doch beginnt ausgerechnet das Grundgesetz der
Bundesrepublik Deutschland mit einem Paradox. Denn wäre
die Würde des Menschen unantastbar, wie es im ersten Satz
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MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
NOTABENE
heißt, müsste der Staat sie nicht achten und schon gar nicht
schützen, wie es der zweite bedarf dennoch des Schutzes ?
kehrt das Grundgesetz die Prämisse der vorherigen deutschen Verfassungen ins Gegenteil um und erklärt den Staat
statt zum Telos nunmehr zum Diener der Menschen, und
zwar grundsätzlich aller Menschen, der Menschlichkeit im
emphatischen Sinn. (...)
Überhaupt wird man die Wirkmächtigkeit, den schier
unfassbaren Erfolg des Grundgesetzes nicht erklären können, ohne auch seine literarische Qualität zu würdigen. (…)
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ hingegen ist ein
herrlicher deutscher Satz, so einfach, so schwierig, auf
Anhieb einleuchtend und doch von umso größerer
Abgründigkeit, je öfter man seinen Folgesatz bedenkt: Sie
muss dennoch geschützt werden. Beide Sätze können nicht
gleichzeitig wahr sein, aber sie können sich gemeinsam, nur
gemeinsam, bewahrheiten und haben sich in Deutschland in
einem Grade bewahrheitet, wie es am 23. Mai 1949 kaum
jemand für möglich gehalten hätte. Im deutschen
Sprachraum vielleicht nur mit der Luther-Bibel vergleichbar,
hat das Grundgesetz Wirklichkeit geschaffen durch die Kraft
des Wortes.
„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner
Persönlichkeit“: Wie abwegig muss den meisten Deutschen,
die sich in den Trümmern ihrer Städte und Weltbilder ums
nackte Überleben sorgten, wie abwegig muss ihnen die
Aussicht erschienen sein, so etwas Luftiges wie die eigene
Persönlichkeit zu entfalten. Aber was für ein verlockender
Gedanke es zugleich war!
„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“: Die Juden, die
Sinti und Roma, die Homosexuellen, die Behinderten, überhaupt alle Randseiter, Andersgesinnten und Fremden, sie
waren ja vor dem Gesetz gerade nicht gleich - also mussten
sie es werden.
„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“: Der Wochen und
Monate währende Widerstand just gegen diesen Artikel zeigt
am deutlichsten, dass Männer und Frauen 1949 noch keineswegs als gleichberechtigt galten; seine Wahrheit wurde
dem Satz erst in der Anwendung zuteil.
„Die Todesstrafe ist abgeschafft“: Das war gerade nicht der
Mehrheitswunsch der Deutschen, die in einer Umfrage zu
drei Vierteln für die Beibehaltung der Todesstrafe plädierten,
und wird heute weithin bejaht.
„Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen
Bundesgebiet“: Der Satz war den Mitgliedern des
Parlamentarischen Rates angesichts der Flüchtlingsnot und
des Wohnungsmangels fast peinlich und gilt 65 Jahre später
nicht nur im wiedervereinigten Deutschland, sondern in halb
Europa. Der Bund kann „in die Beschränkungen seiner
Hoheitsrechte einwilligen, die eine friedliche und dauerhafte
Ordnung in Europa“ herbeiführen. Das dachte ? 1949! ? ein
vereinigtes Europa, ja: die Vereinigten Staaten von Europa
voraus.
Und so weiter: das Diskriminierungsverbot, die Religionsfreiheit, die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit – das waren, als das
Grundgesetz vor 65 Jahren verkündet wurde, eher Bekenntnisse, als dass sie die Wirklichkeit in Deutschland
beschrieben hätten. Und es sah zunächst keineswegs
danach aus, als würde der Appell, der in diesen so schlichten wie eindringlichen Glaubenssätzen lag, von den
Deutschen gehört.
MOE
SEP/OKT 2014
Das Interesse der Öffentlichkeit am Grundgesetz war aus
heutiger Sicht beschämend gering, die Zustimmung innerhalb der Bevölkerung marginal. Befragt, wann es
Deutschland am besten gegangen sei, entschieden sich
noch 1951 in einer repräsentativen Umfrage 45 Prozent der
Deutschen für das Kaiserreich, 7 Prozent für die Weimarer
Republik, 42 Prozent für die Zeit des Nationalsozialismus
und nur 2 Prozent für die Bundesrepublik. 2 Prozent! Wie
froh müssen wir sein, dass am Anfang der Bundesrepublik
Politiker standen, die ihr Handeln nicht nach Umfragen, sondern nach ihren Überzeugungen ausrichteten.
Und heute? Ich habe keinen Zweifel, dass die Mitglieder des
Parlamentarischen Rates, sollten sie unsere Feststunde von
der himmlischen Ehrentribüne aus verfolgen, zufrieden und
sehr erstaunt wären, welche Wurzeln die Freiheit innerhalb
der letzten 65 Jahre in Deutschland geschlagen hat. Und
wahrscheinlich würden sie auch die Pointe bemerken und
zustimmend nicken, dass heute ein Kind von Einwanderern
an die Verkündung des Grundgesetzes erinnert, das noch
dazu einer anderen als der Mehrheitsreligion angehört. Es
gibt nicht viele Staaten auf der Welt, in denen das möglich
wäre. Selbst in Deutschland wäre es vor noch gar nicht langer Zeit, sagen wir am 50. Jahrestag des Grundgesetzes,
schwer vorstellbar gewesen, dass ein Deutscher die
Festrede im Bundestag hält, der nicht nur deutsch ist.
(...)
Denn wann und wodurch hat Deutschland, das für seinen
Militarismus schon im 19. Jahrhundert beargwöhnte und mit
der Ermordung von 6 Millionen Juden vollständig entehrt
scheinende Deutschland, wann und wodurch hat es seine
Würde wiedergefunden? Wenn ich einen einzelnen Tag, ein
einzelnes Ereignis, eine einzige Geste benennen wollte, für
die in der deutschen Nachkriegsgeschichte das Wort
„Würde“ angezeigt scheint, dann war es ? und ich bin sicher,
dass eine Mehrheit im Bundestag, eine Mehrheit der
Deutschen und erst recht eine Mehrheit dort auf der himmlischen Tribüne mir jetzt zustimmen wird – dann war es der
Kniefall von Warschau.
Das ist noch merkwürdiger als das Paradox, mit dem das
Grundgesetz beginnt, und wohl beispiellos in der Geschichte
der Völker: Dieser Staat hat Würde durch einen Akt der
Demut erlangt. Wird nicht das Heroische gewöhnlich mit
Stärke assoziiert, mit Männlichkeit und also auch physischer
Kraft und am allermeisten mit Stolz? Hier jedoch hatte einer
Größe gezeigt, indem er seinen Stolz unterdrückte und
Schuld auf sich nahm, noch dazu Schuld, für die er persönlich, als Gegner Hitlers und Exilant, am wenigsten verantwortlich war: Hier hatte einer seine Ehre bewiesen, indem er
sich öffentlich schämte. Hier hatte einer seinen Patriotismus
so verstanden, dass er vor den Opfern Deutschlands auf die
Knie ging.
Ich neige vor Bildschirmen nicht zu Sentimentalität, und
doch ging es mir wie so vielen, als zu seinem 100.
Geburtstag die Aufnahmen eines deutschen Kanzlers
wiederholt wurden, der vor dem Ehrenmal im ehemaligen
Warschauer Ghetto zurücktritt, einen Augenblick zögert und
dann völlig überraschend auf die Knie fällt - ich kann das bis
heute nicht sehen, ohne dass mir Tränen in die Augen schießen. Und das Seltsame ist: Es sind neben allem anderen,
neben der Rührung, der Erinnerung an die Verbrechen, dem
jedes Mal neuen Staunen, auch Tränen des Stolzes, des sehr
leisen und doch bestimmten Stolzes auf eine solche
Bundesrepublik Deutschland.
Sie ist das Deutschland, das ich liebe, nicht das großsprecherische, nicht das kraftmeiernde, nicht das Stolz-ein-
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MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
NOTABENE
Deutscher-zu-sein-und-Europa-spricht-endlich-deutschDeutschland, vielmehr eine Nation, die über ihre Geschichte
verzweifelt, die bis hin zur Selbstanklage mit sich ringt und
hadert, zugleich am eigenen Versagen gereift ist, die nie
mehr den Prunk benötigt, ihre Verfassung bescheiden
„Grundgesetz“ nennt und dem Fremden lieber eine Spur zu
freundlich, zu arglos begegnet, als jemals wieder der
Fremdenfeindlichkeit, der Überheblichkeit zu verfallen.
Es wird oft gesagt - und ich habe Redner das auch von diesem Pult aus sagen hören -, dass die Deutschen endlich wieder ein normales, ein unverkrampftes Verhältnis zu ihrer
Nation haben sollten, jetzt, da der Nationalsozialismus doch
nun lange genug bewältigt sei. Ich frage mich dann immer,
was die Redner meinen: Es gab dieses normale und unverkrampfte
Verhältnis
nie,
auch
nicht
vor
dem
Nationalsozialismus. Es gab einen übersteigerten, aggressiven Nationalismus, und es gab als gegenläufige Bewegung
eine deutsche Selbstkritik, ein Plädoyer für Europa, eine
Wendung ins Weltbürgertum und übrigens auch zur
Weltliteratur, die in ihrer Entschlossenheit jedenfalls im 19.
Jahrhundert einzigartig war.
“Ein guter Deutscher kann kein Nationalist sein.”
Das sagte Willy Brandt in seiner Nobelpreisrede voller
Selbstbewusstsein. Und weiter:
“Ein guter Deutscher weiß, daß er sich einer europäischen
Bestimmung nicht versagen kann. Durch Europa kehrt
Deutschland heim zu sich selbst und den aufbauenden
Kräften seiner Geschichte.”
(...)
Schließlich bedeutet das Engagement in der Welt, für das
Willy Brandt beispielhaft steht, im Umkehrschluss auch
mehr Offenheit für die Welt. Wir können das Grundgesetz
nicht feiern, ohne an die Verstümmelungen zu erinnern, die
ihm hier und dort zugefügt worden sind. Auch im Vergleich
mit den Verfassungen anderer Länder wurde der Wortlaut
ungewöhnlich häufig verändert, und es gibt nur wenige
Eingriffe, die dem Text gutgetan haben. Was der
Parlamentarische Rat bewusst im Allgemeinen und Übergeordneten beließ, haben der Bundestag und der Bundesrat
bisweilen mit detaillierten Regelungen befrachtet. Nicht nur
sprachlich am schwersten wiegt die Entstellung des Artikels
16.
Ausgerechnet das Grundgesetz, in dem Deutschland seine
Offenheit auf ewig festgeschrieben zu haben schien, sperrt
heute diejenigen aus, die auf unsere Offenheit am dringlichsten angewiesen sind: die politisch Verfolgten. Ein wundervoll bündiger Satz ? „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“
? geriet 1993 zu einer monströsen Verordnung aus 275
Wörtern, die wüst aufeinandergestapelt und fest ineinander
verschachtelt wurden, nur um eines zu verbergen: dass
Deutschland das Asyl als Grundrecht praktisch abgeschafft
hat.
Muss man tatsächlich daran erinnern, dass auch Willy
Brandt, bei dessen Nennung viele von Ihnen quer durch die
Reihen beifällig genickt haben, ein Flüchtling war, ein
Asylant?
Auch heute gibt es Menschen, viele Menschen, die auf die
Offenheit anderer, demokratischer Länder existentiell angewiesen sind. Und Edward Snowden, dem wir für die
Wahrung unserer Grundrechte viel verdanken, ist einer von
ihnen. Andere ertrinken im Mittelmeer ? jährlich mehrere
Tausend ?, also mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch
während unserer Feststunde. Deutschland muss nicht alle
Mühseligen und Beladenen der Welt aufnehmen; aber es hat
genügend Ressourcen, politisch Verfolgte zu schützen, statt
die Verantwortung auf die sogenannten Drittstaaten abzuwälzen.
MOE
SEP/OKT 2014
Und es sollte aus wohlverstandenem Eigeninteresse anderen Menschen eine faire Chance geben, sich um die
Einwanderung legal zu bewerben, damit sie nicht auf das
Asylrecht zurückgreifen müssen.
Denn
von
einem
einheitlichen
europäischen
Flüchtlingsrecht, mit dem 1993 die Reform begründet
wurde, kann auch zwei Jahrzehnte später keine Rede sein,
und schon sprachlich schmerzt der Missbrauch, der mit dem
Grundgesetz getrieben wird. Dem Recht auf Asyl wurde sein
Inhalt, dem Artikel 16 seine Würde genommen.
Dies ist ein gutes Deutschland, das beste, das wir kennen.
Statt sich zu verschließen, darf es stolz darauf sein, dass es
so anziehend geworden ist.
Meine Eltern sind nicht aus Iran geflohen. Aber nach dem
Putsch gegen die demokratische Regierung Mossadegh 1953
waren sie wie viele Iraner ihrer Generation froh, in einem
freieren, gerechteren Land studieren zu können. Nach dem
Studium haben sie Arbeit gefunden. Sie haben Kinder,
Kindeskinder und sogar Urenkel aufwachsen sehen. Sie sind
alt geworden in Deutschland. Diese ganze große Familie ?
26 Menschen inzwischen, wenn ich nur die direkten
Nachkommen und Angeheirateten zähle ? ist glücklich
geworden in diesem Land. Und nicht nur wir: Viele Millionen
Menschen sind seit dem Zweiten Weltkrieg in die
Bundesrepublik eingewandert, die Vertriebenen und
Aussiedler berücksichtigt mehr als die Hälfte der heutigen
Bevölkerung. Das ist auch im internationalen Vergleich eine
gewaltige demografische Veränderung, die das Land innerhalb einer einzigen Generation zu bewältigen hatte, und ich
meine, dass Deutschland sie insgesamt gut bewältigt hat.
Es gibt, gerade in den Ballungsräumen, kulturelle, religiöse
und vor allem soziale Konflikte. Es gibt Ressentiments bei
Deutschen, und es gibt Ressentiments bei denen, die nicht
nur deutsch sind. Leider gibt es auch Gewalt und sogar
Terror und Mord. Aber aufs Ganze betrachtet geht es in
Deutschland ausgesprochen friedlich, immer noch verhältnismäßig gerecht und sehr viel toleranter zu als noch in den
90er-Jahren. Ohne es eigentlich zu merken, hat die
Bundesrepublik ? und da spreche ich noch gar nicht von der
Wiedervereinigung ? eine grandiose Integrationsleistung
vollbracht.
Vielleicht hat es hier und dort an Anerkennung gefehlt, einer
deutlichen, öffentlichen Geste besonders der Generation
meiner Eltern, der Gastarbeitergeneration gegenüber, wie
viel sie für Deutschland geleistet hat.
Doch umgekehrt haben vielleicht auch die Einwanderer nicht
immer genügend deutlich gemacht, wie sehr sie die Freiheit
schätzen, an der sie in Deutschland teilhaben, den sozialen
Ausgleich, die beruflichen Chancen, kostenlose Schulen und
Universitäten,
übrigens
auch
ein
hervorragendes
Gesundheitssystem, Rechtsstaatlichkeit, eine bisweilen quälende und doch so wertvolle Meinungsfreiheit, die freie
Ausübung der Religion.
So möchte ich zum Schluss meiner Rede tatsächlich einmal
in Stellvertretung sprechen, und im Namen von - nein, nicht
im Namen von allen Einwanderern, nicht im Namen von
Djamaa Isu, der sich fast auf den Tag genau vor einem Jahr
im Erstaufnahmelager Eisenhüttenstadt mit einem Gürtel
erhängte aus Angst, ohne Prüfung seines Asylantrages in
ein sogenanntes Drittland abgeschoben zu werden, nicht im
Namen von Mehmet Kubasik und den anderen Opfern des
Nationalsozialistischen Untergrunds, die von den ermittelnden Behörden und den größten Zeitungen des Landes über
Jahre als Kriminelle verleumdet wurden, nicht im Namen
auch nur eines jüdischen Einwanderers oder Rückkehrers,
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MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
NOTABENE
Warschauer Freiheitserklärung
Die Warschauer Freiheitserklärung wurde am 4. Juni 2014
während der zentralen Gedenkfeier anlässlich des 25.
Jahrestages des Wahlsieges der Solidarnosc auf dem
Schlossplatz in Warschau verlesen.
Wir, die Bürger des freien und sich vereinigenden Europa,
solidarisch in der Liebe zur Freiheit und zu den anderen
gemeinsamen Werte, die die Vertreter der Nationen einen,
die in Warschau am 4. Juni 2014 versammelt sind, dem 25.
Jahrestag des Wahlsieges der polnischen Solidarnos?c?, der
die großen Systemveränderungen in den Staaten
Ostmitteleuropas einleitete, der historischen Tragweite dieses Umbruchs bewusst, bringen die Überzeugung zum
Ausdruck, dass Freiheit und Solidarität fundamentale Werte
darstellen,
auf
die
unsere
zwischenmenschlichen
Beziehungen gründen sollten.
Wir erklären eine tiefe Verbundenheit mit den Werten, die
das gemeinsame Erbe unserer freien Nationen sowie der
Ursprung der Menschenrechte und des Rechtsstaates sind,
welche die Grundlage der Demokratie darstellen.
Uns verbindet die Überzeugung, dass die Achtung der
Menschenrechte und der grundlegenden Freiheiten ein notwendiger Faktor ist, der dem Frieden, der Gerechtigkeit, der
Stabilität auf der ganzen Welt förderlich ist.
Wir drücken unseren Einspruch gegenüber jeglichen
Erscheinungen von Hass und jedweder Form von
Diskriminierung aus. Wir verurteilen alle damit verbundenen
Gewaltakte.
Wir erinnern an die tragische Geschichte unseres Kontinents
und bringen unsere Überzeugung zum Ausdruck, dass die
Annexion der Krim das Fundament der politisch-rechtlichen
Ordnung in Europa verletzt und das Funktionieren des
gesamten internationalen Systems erschüttert. Ein wirksames Mittel, Frieden und Sicherheit zu erlangen, sollten gutnachbarliche Beziehungen zwischen den Nationen und
Staaten sein, gestützt auf die Prinzipien des internationalen
Rechtes, insbesondere der Souveränität, der territorialen
Integrität und der politischen Unabhängigkeit der Staaten.
Uns verbindet die Hoffnung auf Erweiterung des Raumes der
Freiheit und Solidarität in den Beziehungen zwischen den
Menschen und den Nationen.
Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate
MOE
SEP/OKT 2014
Das Schlüsseljahr 1989 in der polnischen Erinnerung
Reinhold Vetter
(...)
Die Mehrheit der Polen vertritt die Auffassung, dass der
Lebensstandard der Gesellschaft in den letzten 25 Jahren
generell erheblich angestiegen ist. Registriert wird aber
auch, dass sich der Graben zwischen den Beziehern hoher
und niedriger Einkommen, generell zwischen arm und reich,
stetig vertieft hat. »Ich halte die offene und verdeckte
Arbeitslosigkeit, die Emigration und die Ungleichheit in der
Gesellschaft für unsere größte Niederlage«, betont der
Historiker, Bürgerrechtler und ehemalige Politiker der
Arbeitsunion (Unia Pracy), Karol Modzelewski.
fazit
Ohne Zweifel haben die Ereignisse von 1989 die polnische
Öffentlichkeit in diesem Jahr intensiv beschäftigt. Vor allem
Staatspräsident Bronis?aw Komorowski, aber auch
Ministerpräsident Donald Tusk und andere Politiker sowie
Protagonisten des damaligen Geschehens und auch die
Mehrheit der Medien des Landes taten alles, um eine
»königliche Feiertagsstimmung« zu erzeugen, wie sich der
Publizist Krzysztof Gottesman ausdrückte. 1989 ist eben ein
Schlüsseljahr der polnischen Zeitgeschichte und damit der
kollektiven Erinnerung.
Andererseits herrschte eine Kluft zwischen dem offiziellen
»Feiertagsgeschehen« und dem eher mäßigen Interesse
breiter Teile der Bevölkerung. Das kann auch gar nicht
anders sein, sind doch die aktuellen Probleme des Lebens
den Menschen in der Regel näher als historische
Reflexionen. Außerdem erinnert man sich hauptsächlich in
der eigenen Gruppe, mit der man sich identifiziert, in der
Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, mit alten
Mitkämpfern aus jenen Zeiten, nicht aber in der öffentlichen
bzw. offiziellen Arena.
Hat die Erinnerung zur Versöhnung zwischen den damaligen
Kontrahenten beigetragen, die ja zum Teil bis heute im politischen Kampf stehen? Eher weniger. Denn einmal mehr
zeigte sich, dass Geschichtsbetrachtung und Erinnern in
Polen bis heute stark politisch instrumentalisiert werden.
Eine Annäherung bei der Einschätzung der damaligen
Ereignisse fand kaum statt.
Positiv ist sicher, dass die Erinnerung an 1989 das Gedenken
an andere historische Ereignisse nicht ganz verdrängt hat.
Das gilt besonders für die dramatischen Ereignisse des
Ersten Weltkrieges, die zum ersten Mal etwas stärker ins allgemeine Bewusstsein gerückt sind. Bislang war fast ausschließlich das unmittelbare Nachkriegsgeschehen ab 1918
im Denken der interessierten Polen verankert: die staatliche
»Wiedergeburt«, der Kampf um die Landesgrenzen, der polnisch-sowjetische Krieg von 1920. Das ist verständlich,
reicht aber natürlich nicht aus.
Große Beachtung fand in Polen, dass des Warschauer
Aufstandes von 1944 in diesem Jahr erstmals auch in Berlin
mit einer Ausstellung und dem gemeinsamen Auftritt von
Staatspräsident
Bronis?aw
Komorowski
und
Bundespräsident Joachim Gauck gedacht wurde. Die Gazeta
Wyborcza nannte dies sogar »ein Wunder in Berlin«.
Tatsächlich war in Deutschland bislang fast ausschließlich
vom Aufstand im jüdischen Ghetto in War- schau im Jahr
1943 die Rede gewesen.
Schließlich zeigte sich ganz deutlich, wie aktuelle politische
Ereignisse Geschichtspolitik und kollektive Erinnerung
beeinflussen können. Das galt und gilt besonders für die
russisch-ukrainische Krise. In die Genugtuung über die
Errungenschaften der 15jährigen Mitgliedschaft in der NATO
und der zehnjährigen Zugehörigkeit zur EU mischten sich
Bedrohungsängste, die nicht nur aktuelle Ursachen haben,
sondern auch an leidvolle historische Erfahrungen Polens
mit Russland und der Sowjetunion anknüpfen. Interessant
war in diesem Zusammenhang die Diskussion, ob nicht die
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>>
der die Ermordung beinahe seines ganzen Volkes niemals
für bewältigt halten kann -, aber doch im Namen von vielen,
von Millionen Menschen, im Namen der Gastarbeiter, die
längst keine Gäste mehr sind, im Namen ihrer Kinder und
Kindeskinder, die wie selbstverständlich mit zwei Kulturen
und endlich auch zwei Pässen aufwachsen, im Namen meiner Schriftstellerkollegen, denen die deutsche Sprache
ebenfalls ein Geschenk ist, im Namen der Fußballer, die in
Brasilien alles für Deutschland geben werden, auch wenn sie
die Nationalhymne nicht singen, im Namen auch der weniger Erfolgreichen, der Hilfsbedürftigen und sogar der
Straffälligen, die gleichwohl - genauso wie die Özils und
Podolskis - zu Deutschland gehören, im Namen zumal der
Muslime, die in Deutschland Rechte genießen, die zu unserer Beschämung Christen in vielen islamischen Ländern
heute verwehrt sind, im Namen also auch meiner frommen
Eltern und einer inzwischen 26-köpfigen Einwandererfamilie
möchte ich sagen und mich dabei auch wenigstens symbolisch verbeugen: Danke, Deutschland.
MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
NOTABENE
Ukraine heute einen Runden Tisch brauche, wie er damals
als friedliche Methode des Wandels in Polen Geschichte
gemacht hat. (Vgl. Polen-Analyse Nr. 147).
Reinhold Vetter lebt als freier Publizist in Warschau und
Berlin. 2014 erschien polnischen Revolution« im Berliner
Wissenschafts-Verlag.
Die vollständige Fassung nachzulesen in:
Polen-Analysen Nr. 149
Das Jahr 1989 in der polnischen Erinnerung
www.leander-analysen.de/polen
MOE-aktuell
Polen-Analysen, Nr. 146
Der Ukraine-Konflikt als Herausforderung für Polen und
Deutschen
· Die ukrainische Krise, die polnische Aussenpolitik und die
deutsch-polnischen Beziehungen · Piotr Buras
Umfrage: Meinungen der Polen und ihrer Nachbarn sowie
der Deutschen zur Krise in der Ukraine
www.laender-analysen.de/polen
www.deutsches-polen-institut.de
Der Feind ist in meinem Bett
Sie ist Russin, er Ukrainer - sie sind verheiratet und leben in
Hamburg. Über Nachrichten aus ihrer Heimat reden sie nicht
mehr. Sie schaut ihr Fernsehprogramm, er seine
Sendungen.
Ein Beitrag von Barbara Schmickler für tagesschau.de
Info-Bulletins des Deutsch-Russischen Forums e.V.
·Bildung und Wissenschaft: »Vorurteile abbauen durch eine
gemeinsame Sprache
·Rückkehr zum Frieden: Frank Elbe, Botschafter a.D.
·Auswirkungen der Sanktionen auf die Wirtschaft in
Deutschland und Russland: Florian Willershausen
http://www.deutsch-russischesforum.de/epaper/IB_03_2014/
>> Lesetipp
Helga Pollaks Tagebücher
Eine Begegnung und ihre Folgen
Michael Kleineidam
Alles begann, als die Autorin Hannelore Brenner 1996 bei
ihren Recherchen für ein Hörfunk-Feature über die
Kinderoper „Brundibar“ von Hans Krasa und Adolf
Hoffmeister für den Sender Freies Berlin in den USA Ela
Stein-Weissberger
kennenlernte,
die
in
den
Theresienstädter Aufführungen von „Brundibar“ die Katze
gespielt hatte. Weissberger erzählte viel über ihre
Freundinnen vom Zimmer 28 des Mädchenheims L 410 im
Ghetto Theresienstadt. Sie lud Hannelore Brenner nach Prag
MOE
SEP/OKT 2014
ein, wo sie sich im gleichen Jahr mit einigen ihrer Freundinnen treffen wollte. So lernte Brenner die Mädchen vom Zimmer 28 und ihre Geschichte kennen.
Sie besuchte daraufhin die Frauen, zunächst Anna Hanusova
(Flaska) in Brno und dann Helga Pollak-Kinsky in Wien,
Flaska zeigte ihr ein Poesiealbum, Helga ihre Tagebücher
aus dieser Zeit. Zusammen beschlossen sie, etwas zu tun,
um die Erinnerung an die Mädchen, die nicht überlebten,
wachzuhalten und auch die Erwachsenen, die sich um sie
gekümmert hatten, zu würdigen. Ab 1998 trafen sie und
weitere Überlebende vom Zimmer 28 sich jeden September
regelmäßig in Spindleruv Mlyn (Spindlermühle) im
Riesengebirge. Es entstand das Projekt „Room 28“ und 2007
der „Room 28 e.V.“.
Auf Grundlage der Tagebücher von Helga Pollak-Kinsky
schrieb Hannelore Brenner das Buch „Die Mädchen von
Zimmer 28“, das im März 2004 erschien. Es wurde inzwischen ins Tschechische (2007), Englische (2009), Polnische
(2013) und Brasilianische (2014) übersetzt, auf Deutsch ist
es vergriffen. Gleichzeitig zum Buch wurde eine
Wanderausstellung erarbeitet, die vor dem historischen
Hintergrund die Geschichte der Mädchen, ihren Alltag,
besondere Ereignisse, ihre Ängste und Hoffnungen, zeigt.
Seitdem war Pollak-Kinsky viele Male bei Vorstellungen des
Buches und im Rahmen der Ausstellung als Zeitzeugin und
Tagebuchautorin zu Gast, las aus ihrem Tagebuch und
sprach mit Tausenden von jungen Menschen - bei
Ausstellungseröffnungen, in Schulen, Brundibar-Aufführungen und Gedenkveranstaltungen. 2013 erhielt sie für ihre
Verdienste das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik
Deutschland. Am 28. Januar 2014 war sie schließlich
Ehrengast und Rednerin bei der offiziellen HolocaustGedenkstunde bei den Vereinten Nationen in Genf, die
Ausstellung „Die Mädchen von Zimmer 28“ wurde mit großem Besucherzuspruch in Brasilien gezeigt.
Es dauerte dann noch bis zum Februar dieses Jahres bis die
Tagebücher von Helga Pollak-Kinsky unter dem Titel „Mein
Theresienstädter Tagebuch 1943-1944” in dem eigens hierfür von Hannelore Brenner gegründeten Verlag „Edition
Room 28“ erschienen sind und Mitte Juni bei Anwesenheit
des Botschafters der Republik Tschechien in der Berliner
Akademie der Künste dem deutschen Publikum präsentiert
wurden.
Das Buch enthält außer zwei Tagebuchheften Kalendereintragungen und Dokumente des Vaters Otto Pollak, Erinnerungen der Autorin an ihre Kindheit in Wien und im südmährischen Kyjov (Gaya), Briefe, Postkarten und Interviews
sowie Kinderzeichnungen der Autorin.
Helga Kinsky, geborene Pollak, wurde am 28. Mai 1930 als
einziges Kind des Ehepaares Frieda und Otto Pollak in Wien
geboren. Ihr Vater war Besitzer eines populären Konzertcafés in der Mariahilferstrasse. Als sich die Eltern 1937
scheiden ließen, kümmerte sich die Haushälterin Johanna
wie eine zweite Mutter um Helga. Im Sommer nach der
Annexion Österreichs im März 1938 wurde sie wie jedes Jahr
in den Ferien zu Verwandten in die Kleinstadt Kyjov geschikkt. Angesichts der Ereignisse in Wien entschlossen sich die
Eltern, ihre Tochter in Tschechien zu lassen, wo sie auch
eine tschechische Schule besuchte.
Am 15.März 1939 okkupierte die deutsche Wehrmacht
Tschechien und errichtete das Protektorat Böhmen und
Mähren. Helgas Mutter war inzwischen nach England emigriert, ihr Vater war noch immer in Wien, das Konzertcafé
inzwischen arisiert und sein Vermögen eingezogen worden.
Erst im September 1941 glückte es ihm, zu seiner Tochter
nach Kyjow zu gelangen. Im Januar 1943 wurden beide
nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 23. Januar 1943
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MOE- KULTUR. DE
NOTABENE
ankamen. „Nicht den Kopf hängen lassen, aber mit erhobenem Haupt von zu Hause weggehen!“, notierte sie. Der
Vater: „Gewicht vor Abfahrt: 72 kg. Helga: 50 kg (angezogen).“
Helga hatte inzwischen begonnen, Tagebuch zu schreiben
und diese Eintragungen während der Ghettozeit fortgesetzt.
Im Oktober 1944 wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo
sie nur wenige Tage bleiben musste. Bei einer Selektion
wurde sie einer Gruppe von Frauen zugeteilt, die für
Zwangsarbeit vorgesehen waren. Sie wurden nach Oederan
einem Außenlager des KZ Flossenbürg deportiert, wo sie in
einer Munitionsfabrik arbeiten mussten. Ende April 1945
wurde sie mit einem der Elendstransporte wieder zurück
nach Theresienstadt verbracht, wo sie ihren Vater wieder
traf. Gemeinsam erlebten sie in Theresienstadt die
Befreiung. Von Helga Pollak-Kinsky gibt es aus dieser Zeit
keine Aufzeichnungen. Ihr zweiter Tagebuchband endet im
April 1944, der dritte ging verloren.
Im letzten Eintrag vom 5. April 1944 erzählt sie ein
Märchen, das ihr in den Sinn kam, während sie einem Beethovenkonzert zuhörte. Dieses wunderbare Märchen wurde
auch in der Lesung vorgetragen. Dort, wo Helgas Tagebücher aufhören, erzählen die Aufzeichnungen des Vaters
die Geschichte des Lebens im Lager weiter.
Dass es trotz Drängens von vielen Seiten und langen
Zögerns nunmehr zu einer Veröffentlichung der erhalten
gebliebenen Tagebücher kam, ist letztlich Helgas Enkelin
Sara Kinsky zu verdanken, die ihre Großmutter überzeugte
und die Herausgabe schließlich in ihre Hände nahm. Wie viel
Überwindung eine Veröffentlichung die Autorin gekostet hat,
lässt eine Antwort von ihr bei der Vorstellung des Buches
erahnen. Nein, sagte sie, sie habe das Buch nicht ganz gelesen, manchmal aufgemacht, aber gleich wieder geschlossen.
Die sorgfältig und klug konzipierte Zusammenstellung der
von Helga Pollak-Kinsky, Hannelore Brenner und Andreas
Jocksch vorgetragenen Texte und die sie ergänzenden
Musikbeiträge auf hohem Niveau machten die Buchpräsentation zu einer eindrucksvoll informativen und künstlerisch
vielseitigen Veranstaltung. Susanne Gagerle (Violine) vom
Bayrischen Staatsorchester, ihre Tochter Sylvia Cempini
(Violoncello) sowie das Ensemble ZWoCKHAUS (Maria
Thomaschke und Andreas Jocksch, Gesang, Winfried
Radecke, Klavier) waren für die Musik verantwortlich.
Die Texte und die von Helga Pollak-Kinsky eingestreuten
zusätzlichen Erinnerungen erzählen von einer verschworenen Gemeinschaft junger Mädchen, die einen „Maagal“
(hebr. „Kreis“), eine Art Palament, gründete und auf die
Melodie des tschechisch-slowakischen Wiegenliedes „Ej,
pada, pada rosicka“ eine Hymne schrieb: „Wir wollen eine
Einheit sein/ Uns gerne haben und zueinander stehen/…Wie
nehmen uns an die Hand/ Und singen/ die Hymne unseres
Heimes.“ Winfried Radecke spielte diese Melodie bei der
Buchvorstellung auf dem Klavier.
Helga notierte damals: „Das Wichtigste, das ich hier gelernt
habe, ist Mitgefühl und Kameradschaft.“ Die Mädchen
beschrieben es so: „Du glaubst mir, ich glaube dir./ Du
weißt, was ich weiß./ Was immer auch kommen mag,/ du
verrätst mich nicht,/ ich verrate dich nicht.“
Helga Pollak-Kinsky sprach diese Worte wie eine
Beschwörungsformel.
In dem von ihr „Freund Bruder Spinne“ genannten Tagebuch
beschrieb Helga Pollak auch, welch große Rolle Musik und
Kunst beim täglichen Kampf ums Überleben im Lager spielten, erwähnt Klavierkonzerte mit Alice Herz-Sommer, Edith
Steiner-Kraus Renee, Gärtner-Geiringer und Gideon Klein,
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vor allem auch, wie Rafael Schächter im Keller des
Mädchenheimes Verdis Requiem probte. Kunst vermittelte
die Wiener Malerin und Kunstpädagogin Friedl DickerBrandeis, die die künstlerischen Talente der Kinder förderte
und sie lehrte, ihre Wahrnehmungen, Empfindungen und
Gedanken mit Pinsel und Farbe auszudrücken.
Zur anschließenden Diskussion gesellte sich der englische
Dramatiker Roy Kift hinzu, der sich für sein Theaterstück
„Camp Comedy“ über den Schauspieler Kurt Gerron viele
Jahre lang mit Theresienstadt als Musterlager für die
Nazipropaganda beschäftigt hat. Er unterstrich, wie wichtig
dort die Kunst als Akt der Selbstbehauptung und als Überlebensstrategie inmitten des Elends, des Sterbens und der
Furcht vor einer Deportation war.?
Es wird viel und oft darüber gestritten, was Geschichten und
Erinnerungen zu bewirken vermögen. Es sei weltfremd zu
hoffen, Literatur könne die Wirklichkeit verändern. Naiv ist
es aber sicherlich, zu glauben, dass Erzählungen und Bilder
über die Vergangenheit nicht positiv oder negativ unsere
Gegenwart beeinflussen würden. Wohl auch deshalb empfahl Roy Kift: Unbedingt lesen!
P.S.
Am 28. August dieses Jahres haben Helga Pollak und
Hannelore Brenner die Tagebücher in Warschau vorgestellt.
> Literaturhinweis:
Helga Pollak-Kinsky: “Mein Theresienstädter Tagebuch
1943-1944”.
Herausgegeben von Hannelore Brenner, Edition Room 28
<<
Nachtrag
Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz
Michael Kleineidam
Als im Januar vergangenen Jahres die Romni Ceija Stojka
starb, war es in Deutschland der interkulturellen Jugendselbstorganisation Amaro Drom vorbehalten, die Autorin
und Malerin als eine „einzigartige und wundervolle Persönlichkeit“ zu würdigen. Anders war es in Österreich, wo ihr
beispielsweise die „Wiener Zeitung“, der „Standard“ und der
„Kurier“ längere Nachrufe widmeten. Eineinhalb Jahre später wurde nun in Berlin und Ravensbrück ihr Bilderzyklus
„Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz“ in drei
Ausstellungen gezeigt. Sie zeigen Stojkas dunkle Bilder,
während ihre „Hellen Bilder“ bereits im Januar in der
Berliner Galerie Kai Dikhas gezeigt wurden. Kai Dikhas legt
das Augenmerk auf Kunst der Sinti und Roma und hatte der
Künstlerin bereits mehrfach Ausstellungen ausgerichtet.
Ceija Stojka war Angehörige der Lovara, einer zu den Roma
gehörigen, in Österreich ansässigen Volksgruppe. Im Alter
von zehn Jahren wurde sie mit einem großen Teil ihrer
Familie nach Auschwitz deportiert, während ihr Vater bereits
zuvor im Rahmen eines Euthanasie-Programms ermordet
worden war. Sie überlebte das Vernichtungslager, kam in die
Konzentrationslager Ravensbrück und Bergen-Belsen und
überlebte auch diese. Erst in den 1980er Jahren brach sie
ihr Schweigen über diese Zeit und trug mit ihren Büchern
und Bildern maßgeblich dazu bei, das Schicksal der Roma in
den NS-Vernichtungslagern an die Öffentlichkeit zu bringen.
Während die Shoah als weitgehend aufgearbeitet gelten
kann, existiert noch immer eine große Unkenntnis über den
Völkermord an den Sinti und Roma (Romanes: „Porajmos,
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MOE- KULTUR. DE
NOTABENE
Das Verschlingen“), auch wenn vor zwei Jahren in Berlin
eine Gedenkstätte für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas eingeweiht wurde.
Ceija Stojkas Schilderungen aus der Perspektive einer
Verfolgten erschienen erstmals 1988 in dem Buch „Wir leben
im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin“, eine
Fortsetzung folgte 1992 unter dem Titel „Reisende auf dieser Welt“.
„Ich habe zum Stift gegriffen, weil ich mich öffnen musste,
schreien“, erklärte sie 2004 anlässlich einer Ausstellung im
Wiener Jüdischen Museum.
Aber nicht nur in ihren Büchern, auch in ihren Bildern
beschrieb Stojka ihre Erfahrungen während des Nationalsozialismus. 1988 begann sie als Autodidaktin zu zeichnen.
In der für den Kunstverein Tiergarten von Lith Bahlmann
und Matthias Reichelt konzipierten Ausstellung wird der
Bilderzyklus “Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz”, der
von 1990 bis 2013 sukzessiv entstand, nahezu vollständig
gezeigt. Auch die Galerie Kai Dhikas hat dazu beigetragen.
„Ja mein Kind, wir müssen alle sterben.“
In den schwarz-weißen, ausdrucksstarken Tuschezeichnungen und Gouachen werden die allmähliche Faschisierung
Österreichs, die zunehmende Kontrolle und Degradierung,
die Inhaftierung nach dem Festsetzungsbeschluss für alle
Zigeuner im Oktober 1939, Deportation, Internierung in den
Konzentrationslagern Ravensbrück, Auschwitz-Birken und
schließlich die Befreiung aus Bergen-Belsen durch die britische Armee am 15. April 1945 dargestellt. Die gezeichneten
Kindheitserinnerungen erhalten eine zusätzliche Dimension
durch die Titel der Bilder und oftmals durch Kommentare auf
deren Rückseite. Das Wachpersonal: „Los, weitergehen!
Achtung, still gestanden!“ Die Fragen des Kindes an die
Mutter: „Mama, wo ist Ossi? Mama, wo bist Du? Sie schlagen uns. Mama, wach auf! Mama, warum bist Du tot?“ Die
Mutter: Und immer wieder: Leichen, Leichen, Leichen!
Gezeigt wird auch die Scham, als weibliches Opfer schutzlos
den Blicken der Bewacher nackt ausgeliefert zu sein. Auf
vielen der Bilder sind schwarze Raben und Krähen zu sehen.
Sie waren für Stojka keine Zeichen des Unglücks, sondern
symbolisierten Verstorbene, die sie zuversichtlich sein ließen, dass alle noch bei ihr sind. ?
In einer parallelen Ausstellung in der Galerie Schwartzsche
Villa in Berlin Steglitz-Zehlendorf war eine Auswahl von
Ceija Stojkas Acrylgemälden zu sehen, die einen weiteren
Teil ihres Werkes zeigen. Im Gegensatz zu den sich weitgehend auf Schwarz-Weiß beschränkenden Tuschearbeiten
werden hier die Themen Verfolgung und Alltag in einem
Konzentrationslager, Gewalt, Terror und Tod in kräftigen
Farben geschildert.
Und endlich die Befreiung: „Mama, Mammoo.Wir sind frei.
Noch haben wir keine Gesichter.“
Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück präsentierte in
Ergänzung zu den beiden Berliner Ausstellungen die in ihrer
Sammlung befindlichen Werke der Künstlerin in einer
Sonderausstellung.
In diesem Zusammenhang
Der 30-jährige rumänische Maler George Vasilescu gilt in
seinem Land als ein „großes Talent mit großer Zukunft“. Für
eine Ausstellung im staatlichen „Museum des rumänischen
Bauern“ hat er für manche allerdings verkehrte Motive
gewählt: gezeigt wurde eine Porträtserie von 15 zeitgenössischen Roma-Musikern. Als dies der nationalistische
Politiker Bogdan Diaconu, Mitglied der sozialdemokratischen
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Regierungspartei PSD, erfuhr, sah er darin eine „unverantwortliche Beleidigung“ der rumänischen Kultur.
Der Museumsdirektor Nitulescu habe seine Ausstellungshalle in eine „Müllhalde verwandelt“ und damit „den gesunden Menschenverstand beleidigt“. „Die Kultur“ müsse vor
solchen „Beschädigungen und Verschmutzungen geschützt
werden“. Mit der Zurschaustellung der Roma-Musiker „fördert das Museum Homosexualität“. Eine Flut von Hassmails
und -anrufen erreichte daraufhin das Museum und dessen
Direktor. Rechtsextreme drohten damit, die Kunstwerke zu
zerstören, Nitulescu erhielt eine Morddrohung. Er schrieb
daraufhin zu seiner Verteidigung einen offenen Brief und
schickte ihn an eine der größten rumänischen
Tageszeitungen, Adevãrul („Die Wahrheit“). Die Zeitung
lehnte den Abdruck ab.
Ende August hat Bogdan Diaconu seinen Rücktritt aus der
PSD und die Gründung einer neuen rechtsradikalen Partei
angekündigt.
Quelle: u.a. die tageszeitung, 18.7.2014
Roboter-Installation “bios (torah)”
Angelika Buchelt
“Robotlab”, so heißt die Künstlergruppe, die Matthias
Gommel, Martina Haitz und Jan Zappe 2000 gründete. Mit
dem Institut für Bildmedien im Zentrum für Kunst und
Medientechnologie Karlsruhe, Deutschland, ist die freie
Künstlergruppe verbunden. Die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine stehen seitdem bei ihnen im
Vordergrund. Auf spielerische Weise gehen sie neue Wege,
welche durchaus Blicke in die Zukunft weisen können.
Gegensätzlicher kann eine Ausführung nicht dargestellt werden.
Vom 10. Juli 2014 bis
Künstlergruppe robotlab im
Maschine, den Roboter, die
Mose, das heiligste Buch im
11. Januar 2015 wird die
Jüdischen Museum Berlin ihre
Tora, das sind die fünf Bücher
Judentum, schreiben lassen.
Der Rabbiner Reuven Yaacobov wird die traditionelle
Tätigkeit des Tora-Schreibers von sonntags bis donnerstags
in der Ausstellung demonstrieren. Das Roboter menschliche
Tätigkeiten übernehmen ist nichts Neues. In der Industrie
werden sie schon weltweit eingesetzt, arbeiten rund um die
Uhr. Die Drei fragten sich: “Wie ist der Stand der Dinge?
Was passiert, wenn man die Roboter aus der Industrie herausholt? Was könnte man damit machen?”
Ihre Antwort setzten sie in die Tat um: “Wir haben
Experimentierlabore durchgeführt und drei Monate in der
Öffentlichkeit gearbeitet. Somit lernten wir die Maschine
und gleichzeitig die Öffentlichkeit kennen. Nun wollten wir
die Maschine künftig als autonome Protagonisten, als
Akteure einsetzen. Zum Beispiel entwickelten wir Projekte,
wo Roboter Platten auflegten und somit in die Clubkultur
eintauchten. Ein weiterer Ansatz war dann die Installation
“bios (bible)”. Wir haben 2007 zum ersten Mal eine Bibel
schreiben lassen. Bisher schrieb “bios (bible)” die
Lutherbibel in den drei Sprachen Deutsch, Spanisch und
Portugiesisch, und kalligraphierte dabei in den Schriften
“Alte Schwabacher” (Deutsch) und “Rundgotisch” (Spanisch,
Portugiesisch). Diese Installation hat sich ursprünglich mit
Kommunikation beschäftigt. Mit der Frage, wie kann ein
Roboter sich ausdrücken?
In diesem Jahr gab es eine neue Produktion, die in Paris zu
sehen ist. Es ist eine große Zeichnung von zwei bis vier
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SEP/OKT 2014
NOTABENE
Meter, die der Roboter anfertigt. Eine Mondlandschaft, die er
auf eine besondere Art und Weise zeichnet. Er wandert über
zehn Monate wie eine Ameise mit Kugelschreiber über das
Papier. Am Ende hat man ein fotorealistisches Bild von dieser Mondlandschaft. Er bekommt somit ein Alleinstellungsmerkmal als Künstler. Er zeichnet Landschaften, die ein
Mensch so noch nicht gesehen hat, die von einem anderen
Roboter aufgezeichnet wurden. Das Entscheidende ist, dass
der Roboter nicht mehr in der Dienstleistungsfunktion ist.”
Diese und noch weitere Projekte öffneten den Weg zu der
jetzigen Ausstellung im Jüdischen Museum. Mit der Installation “bios (torah)” übernimmt der menschengroße Roboter
die Funktion eines Sofers, eines Tora-Schreibers. Die Tora,
das sind die fünf Bücher Mose und bedeutet Weisung und
Lehre.
Cilly Kugelmann, Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlins, sagt: “ Das Schreiben einer Tora ist ein
sakraler Akt, der von besonders ausgebildeten Schreibern
ausgeführt wird. Mit seiner Arbeit kreiert der Tora-Schreiber
sozusagen die Welt noch einmal.”
Zehn Stunden am Tag, mit Kalligrafiefeder und Tinte, arbeitet der Schreibarm im menschlichen Schreibtempo von
rechts nach links hebräische Buchstaben. Um seine Arbeit
zu erfüllen, braucht der Roboter drei Monate. Ein ausgebildeter Schreiber wird mindestens ein Jahr dafür benötigen.
Da stellt sich schon die Fragen, darf dieser sakrale Vorgang
einer Maschine übergeben werden?
Die Künstlergruppe beschreibt ihren Ansatz folgendermaßen: “ BIOS kommt aus der Computertechnik, das Basic
Input Output System (BIOS). Eine technische Komponente,
die zwischen Hard- und Software steht. Die praktisch die
heilige Schrift des Computers ist. Ohne BIOS würde nichts
funktionieren. Insofern hat der Roboter sich jetzt eine andere heilige Schrift angeeignet. Er nimmt sozusagen das jüdische oder christliche BIOS und steigt in den
Kommunikationsprozess Maschine-Mensch ein. Es suggeriert ein gewisses Konkurrenzdenken, dass der Roboter den
Sufer-Schreiber ersetzen kann. Absurder Gedanke, wir wollen niemanden ersetzen.”
Die vom Roboter geschriebene Tora darf nicht im Gottesdienst eingesetzt werden, da sie stereotypisch erstellt
wurde, ohne innere Teilhabe und fehlender Segenssprüche.
Die Installation ist auch als moderner Kontrapunkt zum
Tora-Schreiber zu sehen und verbunden mit der Ausstellung
“Erschaffung der Welt - Illustrierte Handschriften aus der
Braginsky Collection”.
Rabbiner Reuven Yaacobov, ihm können wir bei seiner traditionellen Tätigkeit des Tora-Schreibens seit dem 4. April
sonntags bis donnerstags zuschauen. Für diese Tätigkeit
gibt es strenge Regeln und Auflagen. Eine Frau darf diese
Aufgabe bis heute nicht erfüllen.
Der Roboter wird bis Januar 2015 zwei Tora-Rollen fertiggestellt haben. Seiner fließenden Schreibarmbewegung zuzuschauen hat etwas Meditatives. Mensch und Maschine, wie
auch immer sie es bewerten möchten, einer gewissen
Faszination ist diesem Vorgang gewiss.
Berichtigung
Vor drei Jahren wurde aus der von der Kunsthistorikerin und
Autorin Anna Rottenberg kuratierten Ausstellung „Tür an
Tür“ das Video „Fangspiel“ („Berek“) des polnischen
Künstlers Artur Zmijewski entfernt. Der Direktor des MartinGropius-Baus Gereon Sievernich begründete diese
Entscheidung so: „Aus Respekt vor den Opfern der Konzentrationslager und deren Nachfahren haben das Königsschloss Warschau, unser Partner, und der Martin-GropiusBau sich entschieden, das Werk nicht (mehr) zu zeigen.”
MOE
SEP/OKT 2014
MOE berichtete: „Anda Rottenberg spricht von Zensur. Nach
nicht dementierten Meldungen wurde das Videokunstwerk
aufgrund der Intervention eines ‘prominenten Mitglieds der
jüdischen Gemeinschaft‘ aus der Ausstellung entfernt.“
In ihrem neuesten Buch „Juz trudno (Sei’s drum)“ in Form
eines Gesprächs mit der Kunstkritikerin Dorota Jarecka liefert Anda Rottenberg eine Vorgeschichte zu der Entfernung
des Kunstwerkes. Auf eine Frage zu dem damaligen Vorfall
antwortet sie:
„In Berlin hätte ich darauf verzichten können, ‘Berek‘ zu zeigen, als mir klar wurde, welche Einstellung der Direktors
des Martin-Gropius-Baus zu dieser Art von Kunst hat. Noch
vor der Ausstellungseröffnung sagten meine jungen
Kollegen aus dem Team, dass die Entfernung von ‘Berek‘ nur
eine Frage der Zeit sei. Aber was für ein Beispiel hätte ich
ihnen geben sollen? Dass der Kurator jemand ist, dem man
in alles reinreden kann?“
mk
1914-1918
Ehrung der Opfer
Soldatenfriedhöfe des Architekten Dusan Jurkovic
Ausstellung: Museum für Sepulkralkultur in Kassel
bis 19.10. 2014
Die Ausstellung präsentiert künstlerisch interessante
Entwürfe für Soldatenfriedhöfe aus der Zeit des Ersten
Weltkriegs anhand von Projektdokumentation, Fotografien
und Modellen. Autor der Projekte ist der bedeutende slowakische Architekt Dusan Jurkovic, der in den Jahren 1916-17
in der Kriegsgräberabteilung beim k. u. k. Militärkommando
Krakau gewirkt hatte.
Der Architekt Dusan Jurkovic (1868 - 1947) wird als die
Gründerpersönlichkeit der slowakischen Architektur
betrachtet. Sein Schaffen ist charakteristisch durch eine
eigenartige Synthese von aktuellen europäischen und
authentischen einheimischen (regionalen bzw. folkloristischen) Impulsen. Das Ergebnis ist ein umfangreiches und
vielfältiges Werk, das stilistisch vom Historismus der
Jahrhundertwende über den folkloristisch gefärbten
Jugendstil bis zu einer originellen Spielart des Klassizismus
und Funktionalismus aus der Zeit zwischen den beiden
Weltkriegen reicht.
Die Aufgabe der Kriegsgräberabteilung war die würdevolle
Bestattung der gefallenen Soldaten aus den Kämpfen, die
sich in Westgalizien hauptsächlich in den Jahren 1914-15
abspielten. Kurz nach dem Beginn des Krieges nahm die
russische Armee große Gebiete Galiziens ein, die dann von
den österreichisch-ungarischen Heeren mit Unterstützung
deutscher Truppen im Frühjahr 1915 zurückerobert wurden.
Im Verlauf von drei Jahren entstanden auf einem etwa
10.000 km2 großen und in 11 Landkreise aufgeteilten
Gebiet fast 400 Friedhöfe, auf den mehr als 60.000 gefallene Soldaten der Österreichisch-Ungarischen, der Deutschen
und der Russischen Armeen beigesetzt wurden. Jurkovi?
entwarf mehr als 30 Soldatenfriedhöfe in den Berggebieten
Westgaliziens, im Landkreis Zmigród, das sich in dem
Gebiet nördlich der heutigen Grenze zwischen Polen und der
Slowakei befindet.
Informationen: www.sepulkralmuseum.de
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SEP/OKT 2014
MOE- KULTUR. DE
NOTABENE
Innovation und Tradition
Hinrich Brunsberg und die spätgotische Backsteinarchitektur in Pommern und der Mark Brandenburg
Eine Neuerscheinung in der Potsdamer Bibliothek östliches
Europa, Reihe Kunst
Hinrich Brunsberg (um 1350 bis nach 1428) ist neben den
Parlern einer der bedeutendsten und auf dem Gebiet der
Backsteinarchitektur einer der wenigen namentlich bekannten mittelalterlichen Baumeister im südlichen Ostseeraum.
Das Buch stellt die mit seinem Namen verbundenen Kirchen,
Rathäuser und Stadttore in Pommern und der Mark
Brandenburg vor. Sie zeichnen sich durch moderne
Technologie und vielgestaltige Schmuckelemente aus, wie
anhand der zahlreichen aktuellen sowie historischen
Fotografien deutlich wird. Am Chor der Marienkirche in
Stargard/Stargard Szczeci?ski findet sich erstmals
Brunsbergs charakteristisches Dekor aus aufwendigen
Formsteinprofilen, feingliedrigen Maßwerkfüllungen und
Ziergiebeln. Texte ausgewiesener Fachleute informieren
über die mit Brunsberg verbundenen Bauwerke, Strömungen in der Architektur an der Schwelle der Spätgotik zur
Frührenaissance sowie über die Geschichte Pommerns und
der Mark Brandenburg in dieser Zeit.
Innovation und Tradition: Hinrich Brunsberg und die
spätgotische Backsteinarchitektur in Pommern und der Mark
Brandenburg.
Mit Beiträgen von Ernst Badstübner, Jaros?aw Jarzewicz,
Barbara Ochendowska-Grzelak, Wolfgang Ribbe und Dirk
Schumann und aktuellen Fotografien von Thomas Voßbeck.
ISBN 978-3-936168-60-0
Eine zweisprachige Wanderausstellung
Greifswalder Dom St. Nicolai,
bis zum 26. September 2014
zum
Thema:
Informationen: www.kulturforum.info
>> Besondere Orte – einzigartige Geschichten
Das Dresdener Ignacy Kraszewski-Museum ist das einzige binationale, deutsch-polnische Museum in Deutschland.
Kraszewski
war
ein
polnischer
Schriftsteller,
Literaturkritiker, Publizist, Journalist und politischer Aktivist.
MOE-LeserInnen erinnern ihn vielleicht als Verfasser der
literarischen Vorlage für das Ballett „Pan Twardowski“ von
Ludomir Rozycki (MOE Nr. 93).
Warum Kraszewski in Dresden ein Museum eingerichtet
wurde, schildert der Beitrag von Michael Kleineidam.
Totgesagte leben länger
Das Ignacy Kraszewski-Museum in Dresden
Im Jahr 1960 wurde in einem im Schweizer Landhausstil
errichteten Gebäude in der Radeberger Vorstadt Dresdens
ein Museum eingerichtet, das an seinen früheren Bewohner,
den polnischen Literaten Jozef Ignacy Kraszewski, erinnert.
Etwas mehr als fünfzig Jahre später, Ende 2011, drohte diesem Museum das Aus. Aufgrund eines polnischen Gesetzes,
nach dem polnische Kulturgüter nur noch maximal fünf
Jahre im Ausland ausgestellt werden dürfen, wenn sie älter
MOE
SEP/OKT 2014
als 50 Jahre alt sind, musste das Museum rund 160
Exponate - Möbel, Gemälde, Bücher - an das AdamMickiewicz-Literaturmuseum in Warschau zurückgeben. Das
Ende schien eine beschlossene Sache zu sein, da mit den
kärglichen
Überresten
die
Gestaltung
einer
Dauerausstellung unmöglich war. Die Stadt kündigte für den
Juli 2012 die Schließung des Museums an.
Doch in der Öffentlichkeit kam es zu scharfen Protesten,
verschiedene Parteien und deutsch-polnische Vereine engagierten sich für einen Erhalt des Museums. Schließlich
unterbreiteten
die
polnischen
Partner
konkrete
Lösungsvorschläge. Kein Jahr später, am 18. Januar 2013
gingen die Lichter in dem Haus in der Gartenstraße 28 wieder an.
Der damalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann und der
polnische Kulturminister Bogdan Zdrojewski eröffneten eine
neue, vom Warschauer Adam Mickiewicz Literaturmuseum
konzipierte Dauerausstellung, die vom polnischen
Kulturministerium finanziert wurde. Das Land Sachsen und
die Stadt Dresden übernahmen die Kosten für Ausstattung.
Wer war nun dieser Jozef Ignacy Kraszewski, dem ein
solch großes Interesse galt?
1812 wurde er als ältester Sohn einer wenig begüterten polnischen Adelsfamilie in Warschau geboren, studierte in
Vilnius zunächst Medizin, später auch Philosophie. Er war
ein Anhänger der polnischen Unabhängigkeitsbewegung und
beteiligte sich als Student am Novemberaufstand 1830.
Nach dem Januaraufstand 1863 entging er nur durch Flucht
der Verbannung nach Sibirien. Eigentlich wollte er nach
Frankreich emigrieren. Am 3. Februar 1863 erreichte er
Dresden als die nächstgelegene Stadt auf dem Weg nach
Paris, traf dort viele Landsleute und blieb schließlich für
zwanzig Jahre. Von der Obrigkeit fürsorglich beobachtet,
wurde er 1883, zu einem Zeitpunkt als Dresden zum
Deutschen Reich gehörte, wegen angeblichen Landesverrats
verhaftet und eingesperrt. Er soll für den französischen
Geheimdienst gearbeitet haben. Zwei Jahre später wurde er
aus gesundheitlichen Gründen gegen Zahlung einer hohen
Kaution für einen Genesungsurlaub in Italien aus dem
Gefängnis entlassen.
Nach Dresden zurückgekehrt, verkaufte er sein Grundstück
und verließ die Stadt, um in San Remo ein neues Zuhause
zu suchen. Er hoffte dort, seine Gesundheit wiederherzustellen und auch einer neuerlichen Inhaftierung zu entgehen. Aus Angst vor einer eventuellen Auslieferung entschied
er sich dann jedoch zu einem Umzug nach Genf, wo er am
19. März 1887 vier Tage nach seiner Ankunft verstarb.
Jozef Ignacy Kraszewskis politische Aktivitäten waren nun
sicherlich nicht der Grund, dass ihm zu Ehren in Dresden ein
Museum eingerichtet wurde. Er war ein ungemein vielseitig
begabter Mensch, der sich nicht nur als Romanautor, sondern auch als Reiseschriftsteller, Kunsthistoriker, Musik- und
Literaturkritiker, Journalist, Dichter, Redakteur und
Dramatiker sowie auch als Maler betätigte.
In erster Linie war er aber ein außergewöhnlich produktiver
Schriftsteller, der etwa 240 Romane und Erzählungen hinterließ. Bereits als Student begann er seine schriftstellerische
Tätigkeit. Im Mittelpunkt seines Schaffens stand der historische Roman, der zu Beginn der dreißiger Jahre des 19.
Jahrhunderts in Frankreich, England, Deutschland und auch
in Polen populär wurde. Sein Ziel war es, den polnischen
Lesern ihre eigene Geschichte näher zu bringen, die zur Zeit
der Teilungen nicht in der Schule gelehrt werden durfte. Im
Alter von 63 Jahren beginnt er seine „Geschichte in
Romanform“, die insgesamt 29 Titel in 78 Bänden umfasst.
Mit seinen sechs zwischen 1873 und 1875 entstandenen
Sachsen-Romanen – »König August der Starke«, »Gräfin
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MOE- KULTUR. DE
NOTABENE
Cosel«, »Aus dem Siebenjährigen Krieg«, »Graf Brühl«,
»Feldmarschall Flemming« und »Der Gouverneur von
Warschau« – schuf er ein umfassendes und farbenprächtiges Zeitgemälde des Königreichs Sachsen und Polen, das
von 1697 bis 1763 bestand.
Neben der neu konzipierten Dauerausstellung stehen künftig vor allem Sonderausstellungen und Veranstaltungen im
Mittelpunkt des Museums. Es verfügt auch über eine kleine
Bibliothek mit einem Lesecafé, die über 500 Werke in polnischer Sprache enthält. Mehr als nur ein Literaturmuseum
soll das Haus wie zuvor ein Ort des deutsch-polnischen
Dialogs sein, an dem sich Künstler, Politiker und
Wissenschaftler treffen können. So haben auch die DeutschPolnische Gesellschaft Sachsen e. V. und die Vereinigung
Polonia-Dresden e. V. dort ihren Sitz. Auch soll das Museum
weiterhin die Polnischen Kulturtage in Dresden organisieren.
Nach der Neueröffnung erlebte das Museum im Jahr 20013
die höchste Besucherzahl seines Bestehens.
Pilsen 2015
Kulturhauptstadt Europas
Angelika Buchelt
Es gab einen guten Grund, um den PILSENER NACHMITTAG
am 16. Juni 2014 in der Tschechischen Botschaft in Berlin zu
besuchen. Die Stadt Pilsen erhielt 2010 den Titel zur
Europäischen Kulturhauptstadt Europas. Es ist ein Ort, der
außergewöhnlich viele Kulturstätten zu bieten hat. Pilsen
bezeichnet sich als eine Stadt, die sich in dynamischer
Bewegung befindet, eine offene Metropole in Westböhmen.
Sie ist die viertgrößte Stadt in der Tschechischen Republik.
1295 wurde sie als Königsstadt Pilsen von Wenzel II.
gegründet. Die gute Lage, verbunden mit dem Zusammenlauf von vier Flüssen: Uhlava, Uslava, Radbuza und Mze,
boten der aufstrebenden Stadt bald einen wirtschaftlichen
Aufschwung. Dies ermöglichte schon von Beginn an ein kulturelles und humanistisches aufeinander zugehen. Es spiegelte sich auch in der baulichen Entwicklung wider.
Zu nennen ist die gotische St-Bartholomäus-Kathedrale, deren Baubeginn mit der Gründung der Stadt verbunden war,
das Renaissance-Rathaus, das Franziskanerkloster und die
jüdische Synagoge. Die Synagoge wird als zweitgrößte
Europas und als drittgrößte der Welt bezeichnet.
Der Botschafter der Tschechischen Republik, Rudolf Jindrak,
wies darauf hin, dass Pilsen auch eine Universitätsstadt ist,
wo viele junge Leute studieren. Die Stadt bietet insgesamt
eine gute Qualität zu einem günstigen Preisniveau, was
sicher für viele Besucher nicht unerheblich sein wird.
Der Botschafter vergaß nicht, bevor der Oberbürgermeister
der Stadt Pilsen, Martin Baxa, sich an die Zuhörer wandte,
darauf hinzuweisen, welche wichtige Rolle die gute böhmische Küche spielt und machte allen Zuhörern den Mund
wässrig auf Knödel mit Kraut und....
Mit Berlin haben wir eine Gemeinsamkeit, obwohl Berlin um
ein Vielfaches größer ist. Wir müssen 40 Jahre Kommunismus bewältigen. Es ist ein Prozess, der noch nicht beendet
ist. Wirtschaftlich, würde ich sagen, haben wir bestanden.
Aber in unseren Köpfen wird es noch ein langer Werdegang
sein. Wir haben auch einen wichtigen Wettbewerb bestanden. Wir sind zur europäischen Kulturhauptstadt 2015 gewählt worden. Wir haben auch einen guten Partner an unserer Seite, dies ist unsere Partnerstadt Regensburg in
Bayern. Von ihr wissen wir, was dieser Titel für eine große
Rolle spielt und von ihr wissen wir, dass wir die Kandidatur
erhalten haben. Es ist ebenfalls eine Gelegenheit neue
Wirtschaftszweige zu fördern und zu entwickeln. Es ist auch
eine Gelegenheit, die Stadt, das städtische Gebiet weiterzuentwickeln. Und es ist auch eine Gelegenheit, dass wir uns
von einer postkommunistischen Stadt zu einer selbstbewussten Stadt weiterentwickeln können. Ich glaube fest daran,
dass es uns gelingen wird.”
Am 17. Januar 2015 wird es dann soweit sein. Das
Kulturhauptstadtjahr wird mit Events im gesamten
Stadtgebiet beginnen. Es werden mehr als 600 kulturelle
Veranstaltungen und 50 Topevents geboten. Die Museen
und Galerien bieten Sonderprogramme an. Es wird Wanderungen in der Natur, historische Wege und zu Wallfahrtsorten geben. Das Angebot ist umfassend, und jeder wird für
sich selbst herausfinden, auf welche Wege er sich begeben
möchte.
www.plzen2015.cz
Ausschreibung:
Stadtschreiberstelle in Pilsen 2015
Das Deutsche Kulturforum östliches Europa schreibt in
Zusammenarbeit mit »Pilsen 2015« die Stelle eines
Stadtschreibers/einer Stadtschreiberin in der Europäischen
Kulturhauptstadt Pilsen/Plzen (Tschechien) aus. Es ist nach
Riga, Kaschau/Ko?ice, Marburg a.d. Drau/Maribor,
Tallinn/Reval, Fünfkirchen/Pécs und Danzig/Gdansk die
siebte Residenz dieses Stipendiums. Deutschsprachige
Autorinnen und Autoren, die bereits schriftstellerische oder
journalistische Veröffentlichungen vorzuweisen haben, sind
eingeladen, sich um den Posten des Stadtschreibers/der
Stadtschreiberin in Pilsen zu bewerben und während des
dortigen Aufenthalts im Kulturhauptstadtjahr einem
Internetblog zu berichten. Insbesondere werden solche
Autorinnen und Autoren angesprochen, die sich auf die
Wechselseitigkeiten von Literatur und historischem
Kulturerbe der Stadt und der Region einlassen wollen.
Über die Vergabe der Stadtschreiberstelle, verbunden mit
einem monatlichen Stipendium von 1.300 Euro für fünf
Monate (März bis Juli 2015), einer kostenlosen
Wohnmöglichkeit in Pilsen und Reisemitteln, entscheidet bis
Ende Januar 2015 eine qualifizierte Jury.
Bewerbungsschluss ist der 31.10.2014.
Informationen/Bewerbungsmodalitäten:
http://www.stadtschreiber.kulturforum.info
von einer postkommunistischen zu einer selbstbewussten
europäischen Stadt
Der Oberbürgermeister der Stadt Pilsen zählte weitere
Argumente auf, warum die Stadt besucht werden sollte. “In
der europäischen Union gibt es viele große interessante
Städte, aber wir haben eine Besonderheit, wir brauen ein
Pils, ein Bier, welches dieser Stadt den Namen gegeben hat.
MOE
SEP/OKT 2014
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MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
NOTABENE
Wroclaw / Breslau
Gesichter einer Stadt (8)
Die polnische Stadt Wroclaw, das ehemalige Breslau, wird
2016 Kulturhauptstadt Europas sein. MOE hat sich deshalb
vorgenommen, in loser Folge Personen des kulturellen und
wissenschaftlichen Lebens dieser Stadt, in der während
ihrer tausendjährigen Geschichte unterschiedliche Kulturen
zusammenflossen und sich mischten, vorzustellen.
In dieser Ausgabe:
Michael Kleineidam über die Chemikerin Boguslawa
Jezowska-Trzebiatowska.
Die Mutter des Rheniums
Boguslawa Jezowska-Trzebiatowska kam am 19. November
1908 in Stanislawów rund 100 km von Lwow (Lemberg) entfernt zur Welt. Ihr Vater war Jurist und arbeitete als
Versicherungs-und Bankdirekor, die Mutter war polnische
Armenierin. 1913 zog die Familie nach Lwow um. Dort
besuchte sie u.a. das Königin-Hedwig-Gymnasium, wo sie
sich trotz ihrer großen humanistischen Interessen von
Chemie und Physik verführen ließ. Es war wohl auch das
Vorbild von Maria Sklodowska-Curie, der sie während eines
Vortrags im Rathaus zuhören durfte, dass sie gegen den
elterlichen Willen entschied, an der Technischen Hochschule
von Lwow Chemie zu studieren. „Die Schönheit und das
Romantische der exakten Wissenschaften errangen schließlich in meinem Kopf den Sieg und gaben von nun an den Ton
an“, erinnerte sie sich.
Im Jahr 1926/27 wurde sie als eines von zehn Mädchen
unter hundert Studenten an der Fakultät für Chemie immatrikuliert. Es war ihr Mentor Prof. Wiktor Jakob, der ihr, die
erst im dritten Jahr Chemie studierte, den Posten einer
Assistentin und dann einer Oberassistentin anbot. Jakob war
es auch, der sie mit dem 1925 entdeckten Element
Rhenium, der wissenschaftliche Liebe ihres Lebens, bekannt
machte. 1932 publizierten sie ihre erste Studie über dieses
Element unter dem Titel „Über das fünfwertige Rhenium“ es
folgten eine Reihe von in der Fachliteratur häufig zitierten
Arbeiten über die physikalisch-chemischen, komplexen
Verbindungen dieses Elements. Bei ihren Vorlesungen an
der Pariser Sorbonne wurde sie als „La mère du rhènium –
die Mutter des Rheniums“ vorgestellt. 1935 promovierte sie
als erste Frau an der Technischen Hochschule von Lwow. Im
selben Jahr heiratete sie den späteren Professor W?odzimierz Trzebiatowski.
Mit dem Einmarsch der Roten Armee in Lwow begann die
erste sowjetische Okkupation, die eine Unterbrechung ihrer
Forschungsarbeit bedeutete. Zwar nahm die Technische
Hochschule nach einer gewissen Zeit ihren Betrieb wieder
auf, aber Jezowska-Trzebiatowska kehrte nicht mehr auf
ihre Stelle als Oberassistentin zurück, sondern arbeitete in
dem Labor ihres Mannes. Ihren Platz an der Hochschule
übernahm Dr. Smia?owski, ein Freund und Flüchtling aus
Warschau, der auf diese Weise einer Deportation nach
Sibirien entging.
In der Zeit der deutschen Besetzung Lwows von 1941-1944
war Jezowska-Trzebiatowska zunächst in einer Konditorei
tätig, fand später jedoch eine Anstellung in dem deutschen
Unternehmen „Galikol“ und leitete dort die Produktion und
den Vertrieb von kleinen Rauch- und Explosionsbomben.
Gleichzeitig arbeitete sie ab 1942 unter dem Decknamen
„Ren“ für die polnische Untergrundarmee Armia Krajowa.
„Unsere Kleinbomben wurden in buntes Seidenpapier wie
Toilettenseife, die wir ebenfalls produzierten, gewickelt und
zumeist im Keller der Kirche der Bernhardinermönche abge-
MOE
SEP/OKT 2014
liefert und von da aus an die Truppen der Heimatarmee weiter verteilt“, schildert sie diese Tätigkeit.
Für ihren Widerstandskampf wurde sie vom Polnischen
Untergrundstaat mit dem Verdienstkreuz mit Schwertern
ausgezeichnet. Eine weitere Auszeichnung erhielt sie kurz
vor ihrem Tod im Jahre 1991. Die israelische Gedenkstätte
Yad Vashem verlieh ihr den Ehrentitel der Gerechten unter
den Völkern für die Rettung von Dr.Emil Taszner, dem späteren Chemieprofessor an der Danziger Technischen
Hochschule.
Nachdem die Rote Armee 1944 Lwow erneut erobert hatte
und die deutsche Fabrik in „Chemtrud“ umbenannt worden
war, arbeitete Jezowska-Trzebiatowska dort noch einige
Zeit, bis sie im Dezember 1945 mit ihrem Mann nach
Wroclaw übersiedelte. Zusammen mit anderen Professoren
aus Lwow schuf sie die Grundlagen für Forschung und Lehre
für Chemie an der Universität und der Technischen
Hochschule.
1951 übernahm sie den Auftrag, an der Fakultät für
Mathematik, Physik und Chemie der Universität Wroclaw die
Fachrichtung Chemie aus der Taufe zu heben. Dieser
Fakultät stand sie von 1958-1962 als Dekanin vor. Zu jener
Zeit gliederte sich die Fachrichtung Chemie in drei
Lehrstühle: für Anorganische Chemie unter ihrer Leitung,
für Organische Chemie und für Physische Chemie. 1969 verschmolz sie die drei Lehrstühle zum Institut für Chemie der
Universität Wroclaw und konnte 1970 dem Institut einen
Neubau in der ul. Joliot-Curie übergeben, für dessen Bau sie
15 Jahre lang gekämpft hatte. Es gelang ihr, „ihr Institut“
unter die Forschungseinrichtungen von Weltbedeutung zu
platzieren. Dazu trugen auch ihre Lehrtätigkeit und die zahllosen Vortragsreisen bei, die sie durch die gesamte Welt
führten, nach Berkeley und Moskau, nach Toronto und
Melbourne. Sie veranstaltete mehr als zwanzig internationale und nationale wissenschaftliche Konferenzen (1962 – die
erste internationale Tagung „Theory and Structure of Complex Compunds“ in Wroclaw), lud Wissenschaftler von den
angesehensten Forschungszentren zu sich ein, brachte die
weite Welt der Forschung dem Institut näher und band so
die Wroclawer und polnische Schule der Chemieforschung in
die Weltwissenschaft ein. Wegen ihres für Nichtpolen schwer
aussprechbaren Namens wurde sie international kurz BJT
genannt.
Eine ehrgeizige, erfolgreiche Frau...mit Stil
Jezowska-Trzebiatowska veröffentlichte nahezu 550 Arbeiten, 33 Monografien und Übersichtsstudien und wirkte an
acht patentierten Erfindungen mit. Bei ihr promovierten 71
Doktoren, von denen später 34 den Professorentitel erwarben. Sie arbeitete eng mit der Polnischen Akademie der
Wissenschaften (PAN) zusammen, war ab 1967 deren Mitglied und von 1978 bis zu ihrem Tod im Jahre 1991 Leiterin
der Niederlassung in Wroclaw. Ehrungen und Auszeichnungen, nationale und internationale, wurden ihr in Fülle zuteil.
So verliehen ihr die Ehrendoktorwürde die Technische Hochschule in Bratislava (1971), die Lomonosow-Universität
Moskau (1979), die Breslauer Technische Hochschule
(1980) und die Universität Wroclaw (1981). Unter ihren
Auszeichnungen gab es den Orden Polonia Restituta der
Klasse Komtur mit Stern, die Kopernikus-Medaille der Polnischen Akademie der Wissenschaften, die HeyrovskiMedaille der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften, die Goldmedaille der Bulgarischen Akademie der
Wissenschaften, die Medaille der Kommission für Volksaufklärung und die Maria-Curie-Sklodowska-Medaille.
Wo immer man über Jezowska-Trzebiatowska nachliest, sie
wird als eine selbstbewusste, integre, mutige, ehrgeizige
und, was andere und sie selbst betrifft, anspruchsvolle Frau
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MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
NOTABENE
beschrieben – und als eine stets elegante Erscheinung. Ihre
Promotionsurkunde nahm sie in einem langen schwarzen
Kleid, appliziert mit einer roten Rose entgegen. Boguslawa
Jezowska-Trzebiatowska war eine Frau mit Stil und dies hat
ja auch sehr viel mit Haltung zu tun.
>> Kurz notiert
Ausschreibung Wissenschaftlicher Förderpreis des Botschafters
der Republik Polen
für herausragende Dissertationen und Masterarbeiten aus
dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften zur polnischen Geschichte und Kultur sowie den deutsch-polnischen Beziehungen.
Eingereicht werden können Arbeiten, die in der Zeit vom 16.
September 2013 bis zum 16. September 2014 an den
Hochschulen in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen benotet
worden sind.
Über die Preisvergabe entscheidet ein Fachgremium. Für die
besten Beiträge werden je ein Preis in Höhe von 2.000 Euro
(Dissertationen) und ein Preis in Höhe von 1.000 Euro
(Abschlussarbeiten) sowie weitere Auszeichnungen verliehen.
Bewerbungsschluss: 16. September 2014
Informationen/ Bewerbungsmodalitäten: www.cbh.pan.de
Zivilgesellschaftliche Entwicklung im ländlichen Raum
Generationsübergreifende Projekte als mögliche Formen
eines gemeinsamen Weges - Konferenz
23.09., 10.30 – 16.30
Ort: Schloss Trebnitz
Informationen/ Programm/Anmeldungen: www.schlosstrebnitz.de
Wirtschaftskonferenz 25.09., 14:00 - 18:00 Uhr
Deutsche Unternehmerinnen in Polen und polnische
Unternehmerinnen in Deutschland: soziokulturelle
Phänomene der Europäisierung im Vergleich Abschlussveranstaltung des Forschungsprojekts der
Fachhochschule des Mittelstands (FHM Bielefeld) und der
Ermland-Masurischen Universität (UWM Allenstein/Olsztyn)
Ort: Europäisches Haus , Unter den Linden 78, 10117 Berlin
Anmeldungen Olga Zubikova: zubikova@fh-mittelstand.de
www.pol-in.eu
Bulgarien – 25 Jahre demokratische Wende
Und noch immer auf der Suche? - Konferenz
26. - 28.09.2014
Bulgarien heute – Politischen Akteure und Konstellationen –
Die Rolle der Zivilgesellschaft – Migration und Integration
(u.a.)
Ort: Schloss Aspenstein, 82431 Kochel am See
Informationen/ Anmeldungen: info@vollmar-akademie.de
www.vollmar-akademie.de
Ausschreibung Schritte-Stipendien 2015
Die S. Fischer Stiftung vergibt seit 2007 die Stipendien an
Übersetzer deutscher Literatur aus Ländern Südosteuropas:
Ungarn, Slowenien, Kroatien, Serbien, Montenegro,
Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Bulgarien,
MOE
SEP/OKT 2014
Rumänien, Moldawien sowie der Türkei und Albanien. Sie
ermöglichen einen einmonatigen Arbeitsaufenthalt im LCB.
Bewerbungen bis 30.09.2014
Informationen/ Bewerbungsmodalitäten: www.lcb.de
Ausschreibung „Grenzgänger”-Stipendien
Förderprogramm der Robert Bosch Stiftung, das gemeinsam mit dem Literarischen Colloquium Berlin durchführt
wird. - Wer Mittel-, Ost- und Südosteuropa oder Nordafrika
entdecken will, wer eine deutschsprachige Veröffentlichung
plant und dafür auf Recherchereise aufbrechen möchte,
kann sich um Förderung bewerben.
Die Veröffentlichungen sollen Kenntnisse über die Länder
Mittel-, Ost-, Südosteuropas und Nordafrikas vermitteln und
ein breites Publikum erreichen können. Formate: literarische
und essayistische Prosa, Fototextbände, Kinder- und
Jugendbuchliteratur, Drehbücher für Dokumentar- und
Spielfilme sowie Hörfunkbeiträge.
Bewerbungsschluss: 31.10.2014
Informationen/ Bewerbungsmodalitäten:
www.lcb.de/grenzgaenger.
Nowa Amerika-Kongress
14. - 16.11., Collegium Polonicum Slubice
Nowa Amerika ist ein Land im Dazwischen, ein neuer Raum
in der deutsch-polnischen Grenzregion, der von mittlerweile
ca. 140 Menschen gelebt wird - mit post-polnischem, postdeutschem und anderen Migrationshintergründen.
Nowa Amerika-Kongres ist ein Treffen, eine Art Parlamentssitzung, in die jeder Teilnehmer eigene Ideen, Themen und
Probleme einbringen kann.
Informationen/ genaues Programm:
http://www.nowa-amerika.net/index.php/de/
Neue wissenschaftliche Online-Plattform der Polenstudien an der Viadrina – Polenstudien. Interdisziplinär (www.pol-int.org) –
fördert den Fachaustausch und vernetzt die
Wissenschaftsgemeinschaft der Polenstudien.
Die erste Online-Plattform für wissenschaftliche Information
und internationalen Austausch zu Polenstudien, ermöglicht
Studierenden, Lehrenden, ForscherInnen und FachjournalistInnen, sich grenz- und disziplinübergreifend über Polen
zu informieren und auszutauschen.
MOE-Reisen
Adel in Schlesien und den Lausitzen
24.-26.10.2014 i
Erstmals vereinen Museen in Polen und Deutschland ihre
Bestände zu einer Gesamtschau über ein zentrales Thema
der gemeinsamen schlesischen Geschichte. Ausstellungen in
Breslau/Wroclaw, Liegnitz/Legnica und Görlitz zeigen
Kunstwerke aus 700 Jahren: Kleinodien und Kirchenschätze,
Bücher,
Manuskripte
und
anderen
Objekte.
Im
Reiseprogramm sind alle drei Standorte der Ausstellung,
Stadtführungen in Breslau und Liegnitz. Im Reise-Programm
auch (u.a.)
Schlesische Bäder- und Kurorte in Polen
27.09.-4.10.2014
Veranstalter: Deutsch-Polnische Gesellschaft Berlin
Informationen/ Reiseprogramm/Anmeldungen:
reisendpgb@gmail.com
SEITE 25
MOE- KULTUR. DE
SEP/OKT 2014
NOTABENE
Ausschreibung Georg Dehio-Kulturpreis 2015
Der Georg Dehio-Kulturpreis wird im Herbst 2015 zum siebenten Mal vergeben. Mit dieser Auszeichnung würdigt das
Deutsche Kulturforum östliches Europa besondere
Leistungen in der Erforschung, Bewahrung und Präsentation
von Zeugnissen des gemeinsamen kulturellen Erbes in
Regionen des östlichen Europa, in denen Deutsche gelebt
haben oder heute noch leben, sowie herausragendes
Engagement für gegenseitiges Verständnis und interkulturellen Dialog. Der Preis, der von der Beauftragten der
Bundesregierung für Kultur und Medien dotiert wird,
erinnert an den bedeutenden, aus Reval (estnisch Tallinn)
gebürtigen Kunsthistoriker Georg Dehio (1850–1932).
Der Hauptpreis wird Persönlichkeiten für ein Lebenswerk
oder Institutionen für besonders verdienstvolle langjährige
Arbeit verliehen. Mit dem Ehrenpreis werden kulturelle und
wissenschaftliche
Einrichtungen,
Initiativen
und
Persönlichkeiten für herausragende und richtungweisende
Einzelleistungen und Einzelinitiativen ausgezeichnet; dabei
wird ausdrücklich dazu aufgefordert, Nachwuchskräfte vorzuschlagen.
Kandidatenvorschläge/ Einsendung: bis zum
31. Oktober2014
Informationen/Bewerbungsmodalitäten:
www.kulturforum.info
Unser Partner:
Newsletter des Deutschen Kulturforums östliches Europa
Das Deutsche Kulturforum östliches Europa engagiert sich für eine kritische und zukunftsorientierte
Auseinandersetzung mit der Geschichte jener Gebiete im östlichen Europa, in denen früher Deutsche gelebt haben
bzw. heute noch leben. Im Dialog mit Partnern aus Mittel- und Osteuropa will das Kulturforum die Geschichte dieser
Regionen als verbindendes Erbe der Deutschen und ihrer östlichen Nachbarn entdecken und einem breiten Publikum
anschaulich vermitteln.
Der Newsletter informiert Sie über neue Beiträge auf der Website des Kulturforums, insbesondere zum Arbeitsgebiet
des Kulturforums
www.kulturforum.info:
• redaktionelle Beiträge
Berichte aus Wissenschaft und Forschung, Essays, Pressestimmen, Reportagen, Rezensionen, Veranstaltungsberichte,
Vortragsmanuskripte und anderes mehr
• Veranstaltungen
Informationen über Veranstaltungen zum Arbeitsgebiet des Kulturforums
• TV/Radio-Tipps
Informationen zu Fernseh- und Radiosendungen deutschsprachiger Sendeanstalten
• Neuerscheinungen
Neue Publikationen des Kulturforums/ Buchtipps zur Neuerscheinungen
Anmeldung zum Newsletter unter:
http://www.dkf-moe.de/x/FMPro?-db=dkf01.fp5&-format=formmailer.html&-view
MOE
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