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Forderungen-Landtag-2014.pdf - Autismus Karlsruhe eV

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Forderung an die Landesregierung um eine Verbesserung der
Lebensumstände von Menschen mit Autismus zu erreichen
Anlässlich der Anhörung zum Thema Autismus im Landtag Baden-Württemberg am 27.10.2014
1. Wir bitten, eine landesweit einheitliche Regelung herbeizuführen, die
transparente Kriterien in Bezug auf die Zuordnung der autistischen Störung in
den Kommunen schafft.
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2. Wir bitten die Landesregierung, die Partizipation von Menschen mit
Autismus und ihrer gesetzlichen Vertreter an allen Entscheidungen,
die sie betreffen, gemäß UN-BRK gesetzlich festzuschreiben.
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3. Wir bitten die Landesregierung, im Rahmen eines Landesmodells
mit Pilotcharakter autismussensible Instrumente und Fragestellungen
im Rahmen der U-Untersuchungen anzuwenden.
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4. Wir bitten die Landesregierung, Menschen mit Autismus empirisch
abgesicherte und anerkannte Verfahren und Einzelmethoden zur
evidenzbasierten Förderung im Versorgungssystem allgemein
zugänglich zu machen.
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5. Wir bitten die Landesregierung, eine transparente Klärung der
Zuständigkeiten der Eingliederungshilfe in Abgrenzung zu denen der
Schulen herbeizuführen.
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6. Wir bitten die Landesregierung, einen sonderpädagogischen
Förderschwerpunkt „Autismus“ im Schulwesen von BadenWürttemberg einzurichten.
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7. Wir bitten die Landesregierung, Rahmenbedingungen zu schaffen,
die die erfolgreiche Inklusion von Kindern mit Autismus möglich
macht.
Seite 9
8. Wir bitten die Landesregierung, die Situation von Menschen mit
Autismus im Erwerbsleben zu verbessern.
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9. Wir bitten die Landesregierung, gesetzliche Regelungen herzustellen, die
schwerstbetroffen erwachsenen Menschen mit Autismus und
herausforderndem Verhalten ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.
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Quellenverzeichnis
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Forderung an die Landesregierung um eine Verbesserung der
Lebensumstände von Menschen mit Autismus zu erreichen
Autismus ist eine tiefgreifende, neurobiologisch bedingte Entwicklungsstörung, die qualitative
Veränderungen der Kommunikation und Interaktion sowie eine Einschränkung der
Interessenwahrnehmung nach sich zieht. Der Begriff „Autismus-Spektrum-Störung“
verdeutlicht, dass ein Kontinuum von Symptomen und Schweregraden zu diesem
Behinderungsbild gehört. Die Schwere der Symptome sowie das Profil der Fähigkeiten
variieren von erheblicher allgemeiner Beeinträchtigung bis zu einem in einzelnen Bereichen
neurotypischen Verhalten. Wahrnehmungsstörungen, Kommunikationsauffälligkeiten,
Defizite im Sozialverhalten sowie Intelligenzniveau zeigen eine große Bandbreite von subtilen
Störungen bis zu dauerhafter Hilflosigkeit.1
Mit Ratifizierung der UN-Behindertenkonvention über die Rechte von Menschen mit
Behinderung 2009 durch Deutschland haben Menschen mit Autismus ein Recht auf einen
Platz in einer regulären Kindertagesstätte, auf eine Beschulung in einer allgemeinbildenden
Schule und auf einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Das Anliegen der UNBRK ist es, von einem medizinischen Modell von Behinderung, nachdem Behinderte vor allem
als medizinische Probleme, therapeutische Herausforderungen, leidende Wesen und
Rehabilitationsobjekte gelten, Abschied zu nehmen. Stattdessen soll das
Menschenrechtsmodell von Behinderung in den Köpfen der Menschen verankert werden.
Nach dem Menschenrechtsmodell sind Menschen mit Behinderung vor allem und zuerst
Menschen, die eine unantastbare Würde und unveräußerliche Menschenrechte haben. Wir
bitten die Landesregierung diesen Paradigmenwechsel hin zu einem menschenrechtlichen
Modell von Behinderung für Menschen mit Autismus erfahrbar zu machen.2 „Erst dieser
Perspektivenwechsel ermöglicht es, Menschenrechtsverletzungen, die behinderte Menschen
erleben, als solche wahrzunehmen, statt sie als unvermeidliches individuelles Schicksal zu
verharmlosen.3
Die deutschen und internationalen Fachgesellschaften sind sich einig, dass evidenzbasierte
Methoden geeignet sind, die Folgen einer autistischen Behinderung zu mindern, individuelle
Fähigkeiten zur entwickeln und die Eigenständigkeit und Qualität der Lebensführung zu
verbessern.4 Dabei ist die enge Zusammenarbeit und Abstimmung des Vorgehens mit Eltern
und Bildungssystem unverzichtbar.
Angesichts der neurobiologischen Grundlage von Autismus sind sämtliche
tiefenpsychologischen und analytischen Therapien nicht wirksam: wenn eine Erkrankung
nicht, wie im Störungsmodell der Psychoanalyse vorausgesetzt, durch (früh-)kindliche
Entbehrungen, widrige Lebenserfahrungen und elterliche Fehlverhaltensweisen ausgelöst ist,
geht auch ein auf diese Annahmen gestützter Interventionsversuch fehl.5
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Leider stehen nachweislich wirksame therapeutischen Methoden in Deutschland nicht
flächendeckend zur Verfügung.6 7 Sekundärfolge der fehlenden autismusspezifischen
pädagogisch-therapeutischen Förderung ist, dass viele Autisten nicht die Möglichkeit erhalten,
Kommunikationsprobleme und Auffälligkeiten im Sozialverhalten zu kompensieren und die
gegebenen kognitiven und interaktionellen Potentiale zu nutzen. Als tertiäre Folgen des
Autismus treten dann häufig komorbide Störungen wie Depressionen, Zwangsstörungen
sowie selbst- und fremdgefährdende Verhaltensweisen auf, die aber durch eine gute
Unterstützung über den Lebensweg hätten vermieden werden können. Diese komorbiden
Störungen schränken die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft häufig zusätzlich und in
erheblicher Weise ein und führen zu einem hohen Hilfebedarf der Betroffenen.
1. Wir bitten, eine landesweit einheitliche Regelung herbeizuführen, die
transparente Kriterien in Bezug auf die Zuordnung der autistischen Störung in
den Kommunen schafft.
Dem Konzept der Autismus-Spektrum-Störung folgend bitten wir um eine landesweit
einheitliche Regelung der Zuständigkeit für die autistische Behinderung in den Kommunen.
Die derzeitige Zuordnung zum § 53 SGB XII oder dem § 35 a SGB VIII ist nicht trennscharf im
Sinne der medizinischen Diagnostik und des aktuell führenden Konzepts der ASS. In der Praxis
der Verwaltung erweist Sie sich daher als nicht praktikabel. Wir bitten Sie Zuständigkeiten und
Verfahrensabläufe in den Kommunen transparent abzustimmen und regen an, den mit der
Eingliederungshilfe befassten Fachkräften eine praxisnahe Handreichung zur Verfügung zu
stellen, die das komplexe Verfahren der Prüfung und Hilfegewährung sowie die im Vergleich
zu den Hilfen zur Erziehung zu gewährenden Besonderheiten bei Menschen mit Autismus
auch für weniger erfahrene Fachkräfte abbildet.8 Ein derartiges Vorgehen hätte
Vorbildcharakter für andere Rehabilitationsträger.
2. Wir bitten die Landesregierung, die Partizipation von Menschen mit
Autismus und ihrer gesetzlichen Vertreter an allen Entscheidungen, die sie
betreffen, gemäß UN-BRK gesetzlich festzuschreiben.
Wir bitten darum, dass die Landesregierung Gelder für unabhängige Informations- bzw.
Aufklärungsmöglichkeiten für Menschen mit Autismus und deren Angehörige in BW zur
Verfügung stellt. Darüber hinaus wünschen wir uns, dass die Landesregierung die Partizipation
von Menschen mit Autismus und deren gesetzlichen Vertretern im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention gesetzlich sichert und festschreibt, z.B. indem Selbsthilfeorganisationen in
Kommunen und auf Landesebene an allen Entscheidungen, die sie betreffen, beteiligt werden.
Die alte Forderung der Selbsthilfe „Nicht ohne uns über uns“ ist keine gelebte Realität in
unserem Bundesland. Die in der UN-BRK festgeschriebene Partizipation geht weit über das
bisherige “Teilhabeverfahren” hinaus. Partizipation bedeutet das aktive Ausüben von
Einflussnahme auf alle Entscheidungen, die Menschen mit Behinderung betreffen. Das setzt
eine innere und äußere Transparenz aller Entscheidungsprozesse voraus.
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Laut Deutschem Institut für Menschenrechte unterscheiden sich Selbsthilfeorganisationen
von behindertenpolitischen Verbänden, in denen nichtbehinderte Menschen die Interessen
behinderter Menschen und ihrer Familien vertreten. Wesentlich für die Selbstvertretung ist,
dass behinderte Menschen und ihre gesetzlichen Vertreter die Organisation tragen und
lenken und damit Ausrichtung, Programm und Arbeitsweise bestimmen. Diese
Selbstvertretungsorganisationen sollten an allen Planungen und Maßnahmen, die ihre
Mitglieder betreffen oder beeinflussen, beteiligt werden. Eine partizipative Beteiligung
Betroffener bei allen Handlungen von Verwaltung und Staat sollte im Sinne der Demokratie
und transparenter Abläufe selbstverständlich sein.
3. Wir bitten die Landesregierung, im Rahmen eines Landesmodells mit
Pilotcharakter autismussensible Instrumente und Fragestellungen im Rahmen
der U-Untersuchungen anzuwenden.
Wir bitten die Landesregierung, die von Seiten der Kinderpsychiater seit langem erhobene
Forderung, autismussensible Instrumente und Fragestellungen im Rahmen der UUntersuchungen anzuwenden, aufzunehmen, und sich trotz der teils auf Bundesebene zu
treffenden Kostenübernahmeentscheidungen seitens der gesetzlichen Krankenkassen bzw.
des GBA zu einem Landesmodell mit Pilotcharakter zu entschließen. Hiermit würde die
Möglichkeit geschaffen, Kinder mit Autismus möglichst früh zu diagnostizieren und zu fördern.
Die Frage des Zeitpunktes der Intervention ist von entscheidender Bedeutung, weil ein
entwicklungspsychologisches „Fenster der Gelegenheit“ existiert, in denen bestimmte
Fähigkeiten besser aufgebaut werden können als in anderen. Generell ist ein früher
Interventionsbeginn sinnvoll, weil dann die Plastizität des sich entwickelnden Gehirnes
ausgenutzt werden kann.9 Gerade im Bereich der Sprachanbahnung ist eine frühe Intervention
mit einem Beginn vor dem 4. Lebensjahr erfolgversprechend.10 Wird diese Chance nicht
genutzt, ist für nicht sprechende Kinder der Zugang zum regulären Bildungssystem
verschlossen und sie bleiben dauerhaft auf die Einrichtungen der Behindertenhilfe
angewiesen. Dies ist nicht nur ein ethisches Problem, sondern auch gesundheitsökonomisch
fatal.11
4. Wir bitten die Landesregierung, Menschen mit Autismus empirisch
abgesicherte und anerkannte Verfahren und Einzelmethoden zur
evidenzbasierten Förderung im Versorgungssystem allgemein zugänglich zu
machen.
Wir bitten die Landesregierung, alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel zu ergreifen, um
Menschen mit Autismus empirisch abgesicherte und anerkannte Verfahren und
Einzelmethoden, wie diese von den Fachgesellschaften empfohlen werden, allgemein
zugänglich zu machen.12 „Evidenzbasierte Förderung ist trotz aller Unzulänglichkeiten die
bestmögliche Strategie der allgemeinen Absicherung und Rechtfertigung von Maßnahmen in
der Gesundheitsversorgung und sozialen Integration. Intervention wird hinterfragt und
prüfbar.
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Diese Einsicht setzt sich zunehmend durch und wird letztlich sowohl bessere Versorgung als
auch Kostenersparnis erbringen. Angesicht der hohen Anforderungen, die man an die
Evidenzbasierung von gesundheitsbezogenen Maßnahmen stellen muss ist die Absicherung
von Autismustherapie insgesamt noch immer unbefriedigend“.13
Den Eltern als Laien ist es häufig nicht möglich, Therapiemethoden auf ihre Wirksamkeit hin
zu beurteilen. In schmerzhaften Prozessen müssen wir Eltern feststellen, dass auch
Professionelle oder Selbsthilfeverbände vielfach nicht in der Lage oder willens sind, sich im
Sinne einer evidenzbasierten Praxis mit den Verfahren auseinanderzusetzen. Viel wertvolle
Zeit, gerade im Bereich der Frühförderung, wird so vertan. Wir bitten daher die
Landesregierung Kinder und Eltern zu schützen und sicherzustellen, dass im Rahmen der
Hilfeplanung aber auch in der schulischen Förderung sichergestellt wird, dass Kinder mit
Autismus nicht mit öffentlicher Finanzierung unwirksamen oder gar zweifelhaften Methoden
ausgesetzt werden. Vorbildlich formuliert sind die Grundprinzipien evidenzbasierter
Förderung in einer Leistungsvereinbarung der Team Autismus GbR. Diese Grundprinzipien
evidenzbasierter Förderung empfehlen wir als Positivbeispiel auf andere Anwendungen zu
übertragen14 15:
⇒ fundiertes Fachwissen: Die Beratung und Förderung durch die Fachkräfte beruht auf
aktuellen Erkenntnissen über Autismus. Um Menschen mit ASS gerecht zu werden ist es
erforderlich die kognitiven Besonderheiten und die sich daraus ergebenden typischen
Herausforderungen für das Lernen und Handeln zu kennen. Im Einklang mit dem aktuellen
Wissenstand behandeln wir ASS als Form der Entwicklungsstörung mit biologischen
Ursachen.
⇒ Individualisierung: Jeder Einzelfall wird individuell betrachtet und die Vorgehensweise
wird entsprechend entwickelt und angepasst. Fertige Übungsprogramme und
standardisierte Anwendungen bestimmter Methoden und Techniken widersprechen dem
Prinzip der Individualisierung. Auf der Basis des wissenschaftlich fundierten
lernpsychologischen Grundverständnisses werden individuelle angepasste Methoden und
Techniken im Rahmen der Förderung eingesetzt.
⇒ Perspektive der Entwicklung - Kompetenzorientierung: Der Schwerpunkt der Förderung –
aber auch in der Beratung – liegt beim Aufbau von vorhandenen Fähigkeiten und dem
Ausbau von Entwicklungsansätzen. Die Förderung basiert auf entwicklungspsychologischen
Sequenzen und geht damit über das bloße Antrainieren von Fertigkeiten hinaus. Ebenso
wichtig wie eine optimistische Grundhaltung, die sich aus der Überzeugung speist, dass
auch bei einer schweren Beeinträchtigung eine Entwicklungsfähigkeit gegeben ist, ist es
aber auch, die Grenzen des Kindes/Klienten zu erkennen und zu akzeptieren. Nur, wenn die
Person im Mittelpunkt der Bemühungen steht, auch mit ihren Schwächen und Grenzen
angenommen wird, kann Überforderung vermieden und ein gegenseitiges förderliches
Miteinander entstehen
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⇒ Generalisiertes Model – Ganzheitlichkeit: Therapeuten werden umfassend geschult, um
mit allen Problembereichen vertraut zu sein, die sich im Zusammenhang mit ASS ergeben
können. Das ganzheitliche Vorgehen im Blick auf die Gesamtpersönlichkeit des
Kindes/Klienten und seine Einbettung in die familiäre und weitere soziale Umgebung
erlaubt einen effektiven Einsatz von Spezialisten, die bei Bedarf hinzugezogen werden.
⇒ Kontinuität von Diagnostik und Behandlung: Diagnostik muss der Förderplanung voran
gehen; aber auch die Intervention muss dokumentiert und zum Ausgangspunkt neuer
Erkenntnisse über den Entwicklungsstand des Betreffenden genommen werden. Die
Förderung erfolgt auf Basis einer Diagnostik, die versucht das Verhalten des
Kindes/Klienten zu verstehen. Hierzu gehört ganz wesentlich das Wissen um die
Besonderheiten einer Person mit ASS und der Respekt vor der individuell ausgeprägten
Andersartigkeit im Denken und Handeln.
⇒ Zusammenarbeit mit den Eltern: Die Förderung stellt eine partnerschaftliches Bemühen
von Eltern und Fachleuten dar. Eltern sind Spezialisten für ihr Kind. Sie bringen Wissen und
eine Beziehung zu dem Kind und spezielle Fähigkeiten ein, die kein Außenstehender
erwerben kann. Diese Fähigkeiten der Eltern müssen mit den fachlichen Kompetenzen
professioneller Helfer kombiniert werden, um für das Kind/den Klienten mit ASS ein
optimales Ergebnis zu erzielen.
⇒ Strukturierung: Das pädagogische Konzept basiert auf individuell erforderlichen
Strukturierungen des Lern- und Lebensumfeldes, um ein möglichst leichtes Verstehen und
effektives, selbstständiges handeln zu unterstützen. Der Autonomie und Mitbestimmung
des Kindes/Klienten im Alltag kommt hierbei größte Bedeutung zu.
⇒ Lernpsychologie und Verhaltenstheorie: TEACCH basiert auf angewandter Lernpsychologie
und verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnissen. Den Ausgangspunkt für eine Intervention
bilden stets beobachtbare Verhaltensweisen, deren Sinn und Funktion erkannt werden
muss, um angemessene pädagogische Angebote und Strategien zu entwickeln. Für den
Umgang mit herausforderndem Verhalten bedeutet dies, dass wir zunächst verstehen
müssen, welche Funktion ein Verhalten hat um Alternativen anbieten zu können. Die Basis
jeder nachhaltig wirksamen Intervention ist eine differenzierte funktionale
Verhaltensanalyse.
Autismustherapie, die mit evidenzbasierten verhaltenstherapeutischen Verfahren erfolgt, ist
eine etablierte Richtlinienpsychotherapie, die sich grundsätzlich nicht von der Behandlung
anderer chronischer psychischer Erkrankungen unterscheidet. Wir sind der Auffassung, dass
diese über das SGB V finanziert werden sollte und bitten die Landesregierung zu überprüfen,
auf welcher Grundlage betroffenen Menschen die Kompetenzen und die Qualitätsstandards
des Gesundheitswesens verweigert werden und wie dieses geändert werden könnte.
Die Diagnosekompetenzen für Autismus sind im SGB-V-Bereich etabliert und werden von der
Krankenkasse finanziert. Die Diagnose löst dann aber keine störungsspezifische Therapie im
Gesundheitssystem aus, da diese bisher nicht in den Leistungskatalog der Krankenkassen
aufgenommen wurden.
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Dies hat zur Folge, dass Eltern die Kommunen als den nachrangigen Kostenträger angehen
müssen, um die Finanzierung einer evidenzbasierten Therapie für ihre Kinder zu erreichen.
Gerade in ländlichen Gebieten gibt es aber keine Angebote. Zudem ist der Begriff
„Autismustherapeut“ in Deutschland nicht geschützt und die Qualität der Angebote ist nicht
gesichert. Viele Eltern sind auch auf Grund der fordernden familiären Situation nicht in der
Lage, den Beantragungsprozess erfolgreich zu gestalten.
Auch erwachsene Menschen mit hochfunktionalem Autismus haben auf Basis der Diagnose
Autismus kein Anrecht auf unterstützende Hilfen oder Psychotherapie, um komorbide
Störungen, wie Depressionen oder Zwangsstörungen, vorzubeugen. Erst wenn komorbide
Störungen ihnen das Leben erschweren, besteht bei dieser Hochrisikogruppe ein Anspruch auf
Psychotherapie. Dann stehen aber kaum spezialisierte Therapeuten zu Verfügung, die eine
psychotherapeutische Behandlung von Menschen mit hochfunktionalem Autismus und
komorbiden Störungen überhaupt leisten könnten.
5. Wir bitten die Landesregierung, eine transparente Klärung der
Zuständigkeiten der Eingliederungshilfe in Abgrenzung zu denen der Schulen
herbeizuführen.
Unser Selbsthilfeverband kann nur mit Bedauern feststellen, dass die Änderung des Kinderund Jugendhilferechts 2005 dazu beigetragen hat, die Zuständigkeitsprobleme noch zu
verschärfen. Darin wurde für die Schule in §10 SGB VIII die Verpflichtung aufgenommen,
vorrangig die sonderpädagogischen Leistungen zu erbringen. Die Unklarheiten in der
Rechtslage bzw. administrativen Abgrenzungen zwischen dem behinderungsbedingten
Hilfebedarf des Einzelnen (SBG VIII und SGB XII) und dem pädagogischen Auftrag der Schule
führen zu erheblichen Auseinandersetzungen, die zur Folge haben, dass Menschen mit
Autismus notwendige Leistungen vorenthalten werden. Eine Klärung ist nicht nur
individualmedizinisch-ethisch geboten, sondern trüge auch langfristig einem
gesellschaftspolitischen Interesse an einer Entlastung der Sozialsysteme Rechnung.
6. Wir bitten die Landesregierung, einen sonderpädagogischen
Förderschwerpunkt „Autismus“ im Schulwesen von Baden-Württemberg
einzurichten.
Eine weitere Verbesserung der Versorgung und eine Entlastung der Sozialsysteme wäre
möglich, wenn in Schulen eine autismusspezifische pädagogisch-therapeutische Förderung
von Kindern mit Autismus erfolgen würde, wie dies beispielsweise in der Division TEACCH in
North Carolina erfolgt. Eine autismusspezifische pädagogisch-therapeutische Begleitung über
den Lebensweg kann die autistische Kernproblematik erheblich entschärfen.16 Dabei ist die
Zusammenarbeit mit den Eltern unverzichtbar, soll das Ziel der pädagogisch-therapeutischen
Bemühungen erreicht werden: dem Kind oder Erwachsenen diejenigen Fähigkeiten zu
vermitteln, die man für eine möglichst selbstständige Bewältigung des Alltags jetzt und später
benötigt.17
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Wir bitten die Landesregierung, der steigenden Anzahl von Kindern mit ASS im Schulsystem
Rechnung zu tragen und in Zukunft Lehrer auszubilden, die in der Lage sind. den Lehrplan aller
Schularten für Kinder mit Autismus autismusspezifisch auszudifferenzieren und ihnen damit
den Zugang zu Bildung zu ermöglichen.
Zur Verdeutlichung: Es sind bereits heute mehr Kinder mit Autismus als Kinder mit einer
Sehbehinderung oder Hörschädigung an Schulen in Baden-Württemberg.18 Es wird geschätzt,
das 1 -1,2% der Bevölkerung von einer autistischen Behinderung betroffen sind.19 Das
entspricht zwischen 11.400 und 14.200 Kinder und Jugendliche mit Autismus, denen derzeit
kein spezifisches Angebot im Bildungssystem gemacht werden kann.
Wir bitten die Landesregierung vor diesem Hintergrund und auf Basis des mittlerweile
etablierten Wissensstandes, einen sonderpädagogischen Förderschwerpunkt „Autismus“
einzurichten und damit die schulpolitische Schlussfolgerungen aus der UN-Konvention über
die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu ziehen und der erforderlichen Abschaffung
der Sonderschulpflicht Rechnung zu tragen.
Die formulierte Vorstellung des Kultusministeriums20, dass man die Pädagogik von der
Therapie abtrennen könne, ist fern der Realität. Wir bitten das Kultusministerium
anzuerkennen, dass Interventionen, die auf den Aufbau konkreter Fähigkeiten und die
Modifikation von Problemverhaltensweisen abzielen, weitest möglich in der Alltagsrealität der
Betroffenen angewendet werden sollten, da ein situationsübergreifender Transfer erlernter
Inhalte für Menschen mit Autismus besonders erschwert ist. Eine räumlich und zeitlich
isolierte Therapie ist daher für diese Kinder meist nicht effektiv. Tatsächlich müssen die Kinder
im Alltag (zu Hause, im Kindergarten, im Verein, in der Schule oder in der
Nachmittagsbetreuung) mit autismusspezifischer verhaltenstherapeutischer Methodik
gefördert werden, um der Kernproblematik angemessen zu begegnen. Das gesamte Umfeld
sollte im Umgang mit den Kindern geschult werden, um einen Übertrag erlernter Fähigkeiten,
aber auch den abgestimmten Umgang mit Fehlverhalten sicherzustellen. Der Schule als Lernund Lebensort kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. Diese Überlegung findet in
besonderer Weise Unterstützung in der UN-Behindertenrechts-konvention: Nicht der Mensch
folgt der Ressource, sondern die nötige individuelle Unterstützung wird zum Kind gebracht.21
Die Tatsache, dass kein sonderpädagogischer Schwerpunkt Autismus im Schulwesen von
Baden-Württemberg eingerichtet ist, hat weiterhin zur Folge, dass es keine Lehrstühle für
Sonderpädagogik mit Schwerpunkt im Bereich Autismus gibt. Es werden derzeit keine
Fachkräfte im Schulwesen ausgebildet, die so kompetent in Sachen Autismus-SpektrumStörungen sind, dass sie eine qualifizierte Beratung an allen Schularten leisten könnten.
Zusätzlich zu der Tatsache, dass die Qualität der Beratung der Schulen durch die
Autismusbeauftragten nicht durch einen akademischen Abschluss im Bereich der
pädagogisch-therapeutischen Förderung von Kindern mit Autismus gesichert ist, reichen die
derzeitigen Stundenkontingente der Autismusbeauftragten der Staatlichen Schulämter nicht
aus.
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7. Wir bitten die Landesregierung, Rahmenbedingungen zu schaffen, die die
erfolgreiche Inklusion von Kindern mit Autismus möglich macht.
Die Etablierung schulischer Inklusion verstärkt die Notwendigkeit einer Aus- und Fortbildung
der Lehrkräfte, einer Verbesserung der räumlichen und personellen Bedingungen an inklusiv
arbeitenden Schulen, sowie einer Änderung bzw. Flexibilisierung der Bildungspläne. Wir bitten
um gesetzliche Regelungen im Rahmen des Schulgesetzes, die die Einrichtung von
therapeutischen Angeboten an Regelschulen und die bedarfsgerechte Verkleinerung der
Klassengrößen ermöglichen. Wir bitten die Landesregierung, den Nachteilsausgleich für
zielgleich beschulte Kinder mit Autismus verbindlich zu regeln, so dass Rechtsicherheit für die
Eltern entsteht. Zusätzlich bitten wir, Hilfen für Schulen bei der Aufnahme von autistischen
Kindern sowie zur fachlich fundierten psychiatrisch-psychotherapeutisch qualifizierten
Beratung und Supervision des Lehrerteams bereitzustellen.
8. Wir bitten die Landesregierung, die Situation von Menschen mit Autismus
im Erwerbsleben zu verbessern.
Die Versorgungssituation von erwachsenen Menschen mit Autismus ist sowohl im beruflichen,
wie auch im diagnostischen und therapeutischen Bereich nach wie vor mangelhaft. Es fehlt an
therapeutischen Angeboten für diese Zielgruppe, deren Finanzierung, sowie an ausgebildeten
Fachkräften, die erwachsenen Menschen mit Autismus eine kompetente psychiatrische,
therapeutische und psychosoziale Versorgung anbieten können.22
Wir bitten die Landesregierung daher sicherzustellen, dass mit der Diagnose AutismusSpektrum-Störung auch Erwachsene einen rechtlichen Anspruch auf Therapie haben, um
Folgeerkrankungen (wie beispielsweise Depressionen) zu vermeiden. Das Einkommen soll
nicht, wie aktuell im Rahmen der Eingliederungshilfe geregelt, zur Finanzierung der Therapie
eingesetzt werden müssen. Darüber hinaus bitten wir die Landesregierung, eine
bedarfsdeckende psychosoziale Versorgungsstruktur zu schaffen, die qualitativen Standards
unterliegt.
Im Erwerbsleben zeigen Studien23, dass lediglich 5% der Menschen mit Autismus und Teilhabe
auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sind. Lediglich 20% der Menschen mit AspergerSyndrom bzw. hochfunktionalem Autismus sind auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt
beschäftigt, obwohl diese häufig sehr gut ausgebildet sind (Ausbildung mit zielgleichem
Abschluss, abgeschlossenes Studium). 50% sind ohne Arbeit. Um hier Veränderungen zu
schaffen und mehr Menschen mit Autismus in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu integrieren
bitten wir die Landesregierung sicherzustellen, dass flächendeckend die Möglichkeit eines
Jobcoaching oder einer Studienassistenz angeboten und finanziert wird. Ein Jobcoach kann
beispielsweise bei Bewerbungsgesprächen unterstützen, der Entstehung von Konflikten am
Arbeitsplatz vorbeugen bzw. bei Konflikten vermitteln, oder bei der Strukturierung von
Arbeitsaufgaben mitwirken. Ähnliche Aufgaben übernimmt die Studienassistenz.
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Im Rahmen des Nachteilsausgleichs wünschen wir uns Ausbildungsverhältnisse auch in
Teilzeit. Wir bitten, dass auch für Menschen auf dem 1. Arbeitsmarkt eine Rentenabsicherung
geschaffen wird, so wie es derzeit im geschützten Tätigkeitsbereich geregelt ist. Für den
geschützten Tätigkeitsbereich bitten wir um eine sozialversicherungsrechtliche
Gleichbehandlung in WfbM und FuB.
9. Wir bitten die Landesregierung, gesetzliche Regelungen herzustellen, die
schwerstbetroffen erwachsenen Menschen mit Autismus und
herausforderndem Verhalten ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.
Wir bitten die Landesregierung, sich für die schwerstbetroffen erwachsenen Menschen mit
Autismus und einer geistigen Behinderung einzusetzen, die in ihrem Leben keine
evidenzbasierte Förderung erhalten haben. Diese Menschen neigen aufgrund von
autismusspezifischen Einschränkungen zu herausfordernden Verhaltensweisen. Der MetzlerBogen erfasst ihren Betreuungsbedarf nicht ausreichend. Diese Probleme in der
Bedarfsermittlung in Baden-Württemberg führen zu einer unzureichenden Versorgung von
Menschen mit Autismus im stationären Bereich, aber auch in der Krankenhausversorgung. Wir
bitten die Landesregierung, eine Lösung herbeizuführen und ihre Zusage umzusetzen, ein
geeignetes Hilfebedarfsermittlungssystem einzuführen, das die bedarfszentrierte Hilfe für
Personen mit ASS und damit die spezifische Bedarfslage ausreichend berücksichtigt. Gerade
im LIBW Betreuungsangebot sollte der spezifische Bedarf von Menschen mit Autismus
Berücksichtigung finden. Wir bitten Sie, eine ausreichende Versorgung dieses schwer
benachteiligten Personenkreises sicherzustellen und autismusspezifisch ausgestaltete Plätze
in Wohngruppen mit Tagesstruktur für Menschen mit Autismus und herausforderndem
Verhalten zu schaffen. Es ist ethisch-moralisch geboten und eine Verpflichtung, die sich aus
der Ratifizierung der UN-BRK ergibt, sicher zu stellen, dass schwerstbetroffene Menschen mit
Autismus ihr Leben nicht in geschlossen Psychiatrien oder in der Forensik verbringen müssen,
da kein anderes Angebot gefunden werden kann.
Seite 10
Quellenverzeichnis
1
Vera Bernard-Opitz, Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Kohlhammer, 2007, S. 13 f
Theresia Degener, Rede anlässlich der Disability Mad and Prideparade, 2013: http://www.prideparade.de/redebeitraege.html
3
Theresia Degener, Welche legislativen Herausforderungen bestehen in Bezug auf die nationale Implementierung
der UN-Behindertenrechtskonvention in Bund und Ländern?; Behindertenrecht 2/2009, S. 34 ff
4
Sven Bölte, Autismus - Spektrum, Ursachen, Diagnostik, Intervention, Perspektiven. Huber, Bern, 2009, S. 221 ff
5
Eingliederungshilfe für Seelische behinderte Kinder und Jugendliche gemäß § 35a SGB VIII – Eine Arbeitshilfe für
Jugendämter; LWL, LVR, 2014: http://www.autismus-karlsruhe.de/resources/Arbeitshilfe_35a.pdf
6
Hanns Rüdiger Röttgers, Schide Nedjat.: Aktueller Wissensstand und Versorgungslandschaft bei AutismusSpektrum-Störungen in Deutschland. In: Keenan, Kerr, Dillenburger: Eltern als Therapeuten für Kinder mit
Autismus-Spektrum-Störungen. Kohlhammer 2013, in Druck
7
Sven Bölte, Autismus - Spektrum, Ursachen, Diagnostik, Intervention, Perspektiven. Huber, Bern, 2009, S. 224 ff
8
Eingliederungshilfe für Seelische behinderte Kinder und Jugendliche gemäß § 35a SGB VIII – Eine Arbeitshilfe für
Jugendämter; LWL, LVR, 2014: http://www.autismus-karlsruhe.de/resources/Arbeitshilfe_35a.pdf
9
Hanns Rüdiger Röttgers, Autismus-Spektrum-Störungen: Aktueller Wissensstand und rationale
Interventionsstrategien. In: Der Motopäde, Heft 1 2011, S. 6-10
10
Ivar Loovas, Teaching Developmentally Disabled Children. Pro-Ed, 1981
11
M. Ganz, The lifetime distribution of the incremental societal costs of autism. Archives of Pediatric and
Adolescent Medicine 2008; S. 343 ff
12
Vera Bernard-Opitz, Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Kohlhammer, 2007
13
Herbert, J.D., Seperatimg fact from fiction in the treatment of autism, The Scientific Review of Mental Health
Practice, 2002
14
Sven Bölte, Autismus - Spektrum, Ursachen, Diagnostik, Intervention, Perspektiven. Huber, Bern, 2009, S. 221 ff
15
http://www.bacb.com/Downloadfiles/ABA_Guidelines_for_ASD.pdf
16
Eingliederungshilfe für Seelische behinderte Kinder und Jugendliche gemäß § 35a SGB VIII – Eine Arbeitshilfe für
Jugendämter; LWL, LVR, 2014: http://www.autismus-karlsruhe.de/resources/Arbeitshilfe_35a.pdf
17
Anne Häußler, Der TEACCH Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus , Verlag modernes Leben, 2012
18
Rainer Trost, Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung. Kohlhammer, 2012, S. 121 ff
19
Autism Society of America: http://www.autism-society.org
20
Antwortschreiben Susanne Eichkorn: http://www.autismuskarlsruhe.de/resources/AntwortKuMiStellungnahmeInklusiveBeschulung20_05_2014.pdf
21
Manifest „Inklusive Bildung – jetzt!“: http://www.gew.de/Binaries/Binary48793/Manifest.pdf
22
Andreas Riedel et al., Überdurchschnittlich ausgebildete Arbeitslose – Bildung, Beschäftigungsverhältnisse und
Komorbiditäten bei Erwachsenen mit hochfunktionalem Autismus in Deutschland. In: Psychiatrische Praxis, in
press
23
Matthias Dalferth, 2014 im Vortrag „Berufliche Perspektiven für Menschen mit ASC“ auf dem Fachtag Autismus
und Arbeit in Karlsruhe
2
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