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Früher war der Reisende eine seltene - Lesart

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Roman
Freiheit, die ich meine
Lutz Seiler erzählt in »Kruso« von einer außergewöhnlichen Freundschaft
A
uf den ersten Roman von Lutz Seiler
haben Leser und Literaturkritik lange
gewartet. Wer sich mit Erzählungen
einen großen Namen gemacht hat — und
das hat Lutz Seiler zu Recht — für den muss
es einer Feuertaufe gleichkommen, seinen
ersten Roman vorzulegen. Zudem in einem
reifen Alter und in einem beträchtlichen Umfang von fast fünfhundert Seiten. Andererseits: Ein Autor wie Seiler beherrscht sein
Metier und wird souveränen Auges den
Reaktionen entgegenblicken. Ist der große
Wurf gelungen? Ja, er ist gelungen. Wir haben es hier mit einem Roman zu tun, in dem
beträchtlich viel Arbeit steckt. Eine Arbeit,
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Kruso.indd 2
der Recherche und Geduld, Mühe und Genauigkeit zugrunde liegen. Seiler hat nie zu
den Autoren gehört, die schnell, wie man
so unschön sagt, etwas rausschießen. Er ist,
was sein erster Roman »Kruso« unter Beweis stellt, ein Schriftsteller der alten Schule.
Es gibt nicht mehr viele davon. Das erkennt
man daran, dass zeitgenössische Literatur
sich viel zu oft in langweiligen, aufgeblähten, in die Länge gezogenen Schulaufsätzen ergeht, die keinerlei geistigen Nährwert haben.
Der Roman »Kruso« fällt in den Literaturbetrieb wie ein Meteorit aus der fernen
Galaxie der Könner- ja, wenn nicht gar
Meisterschaft. Einen Roman zu schreiben,
bedeutet nichts anderes, als sich selbst eine
Gleichung mit vielen Unbekannten zu stellen. Sie muss zum Schluss aufgehen. Man
muss sagen können: was zu beweisen war.
Seilers Gleichung geht auf.
Ed, die Hauptfigur in diesem Roman, verlässt seine Heimatstadt Halle. Er
schmeißt hin. Sein Studium, sein altes Leben, das Erlebnis mit seiner Freundin G.,
die von einer Straßenbahn überfahren wurde. Ed reist nach Hiddensee und wird einer von vielen Aussteigern, die auf der In-
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Roman
Das einfache Leben
Robert Seethaler schreibt eine einfache und tief bewegende Geschichte
R
obert Seethalers Roman »Ein ganzes
Leben« ist ein wunderbares Buch. Es
dürfte zu den schönsten Büchern zählen, die in diesem Jahr auf den Markt gekommen sind. Fast unauffällig kommt es daher; schmal und leicht, und man fragt sich,
wie man auf nur 150 Seiten ein ganzes Leben erzählen kann.
Es ist dies das Leben des Seilbahnarbeiters Andreas Egger, der mit vier Jahren zum
Bauern Kranzstocker ins Tal kommt und sein
Hilfsknecht wird. Kranzstockers Herz ist hart
wie die Bergwelt. Regelmäßig bezieht Egger ohne auch nur ein einziges Mal zu murren von ihm Prügel. Einmal so stark, dass er
sein Leben lang hinken wird. Doch eines Tages erkennt der zum jungen und kräftigen
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Seethaler.indd 2
Mann herangewachsene Egger, dass nicht
er vor Kranzstocker, sondern Kranzstocker
vor ihm Angst haben muss. 1933 hat Egger mitten in der verschneiten Bergwelt ein
sonderbares Erlebnis. Auf einem Schlitten
will er den todkranken Hörnerhannes ins
Tal holen. Auf dem Weg dorthin scheinen
plötzlich die Lebenskräfte in den Hörnerhannes zurückzukehren. Er bindet sich vom
Schlitten los und rennt einfach davon. Egger blickt ihm fassungslos wie einer Erscheinung hinterher; so lange, bis der Hörnerhannes in all dem Schneeweiß nicht mehr
zu sehen ist.
Was dort für immer verschwunden ist,
das ist nicht nur der Hörnerhannes. Es ist
auch Eggers bisheriges Leben. Grad so, als
ob es in Gestalt des Hörnerhannes aus ihm
hinausfährt und sich auf und davon macht.
Denn nur wenige Stunden später lernt er in
einem Gasthof Marie kennen und verliebt
sich in sie. Er baut sich eine kleine Berghütte, legt ein Gärtchen an, lebt alsbald
mit Marie zusammen und verdingt sich
als Seilbahnarbeiter. Das alles hört sich
sehr idyllisch an, und diese Idylle gibt es in
Seethalers Buch auch wirklich. Aber sie ist
eingebettet in das schwere, von Entbehrungen durchzogene Leben der Bergwelt. Es ist
ein hartes Leben und nichts für verwöhnte
Gemüter unserer Zeit. Seethaler beschreibt
einen Menschenschlag, der fast ausgestorben ist. Er beschreibt Menschen, die die
Dinge hinnehmen, sich fügen, nicht lange
grübeln, einfach weiterleben. Ob jemand
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21.09.2014 10:51:52
Roman
Jeder Mensch ist ein Abgrund
Per Petterson erzählt in »Nicht mit mir« sparsam von ziemlich normalen Familientragödien
V
on der katastrophalen Hilflosigkeit
der Kinder erzählt der Norweger
Per Petterson in seinem neuen Roman »Nicht mit mir«, aber auch von der katastrophalen Hilflosigkeit der Erwachsenen.
Erwachsene jedoch haben es beispielsweise leichter dabei, ihren Aufenthaltsort selbst
zu bestimmen. Etwas leichter.
Zum Beispiel erfahren wir schließlich,
wie es der Mutter von Tommy, Siri und den
Zwillingen gelungen ist, ihrem gewalttätigen Mann zu entkommen. Sie hat sich nach
nebenan geschlichen, ist dort aufgenommen und vom Nachbarn dann aus dem
Städtchen gebracht worden. In Sicherheit,
quasi. Dass sie ihr trauriges Leben gegen
ein anderes trauriges Leben tauscht, kann
man sich aus einigen Puzzlestücken zusammensetzen.
Ihre vier Kinder muss sie zurücklassen.
Warum muss sie das? Weil in diesem in-
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Petterson.indd 2
sofern dem Leben nicht unähnlichen Roman keiner den anderen retten kann und
meistens nicht einmal sich selbst. Der älteste Sohn, Tommy, wehrt sich schließlich gegen die grobschlächtige, aber auch hilflose
Gewalt des Vaters. Jetzt reagiert das Jugendamt — alle im Ort wussten Bescheid,
daran ist kein Zweifel —, was zur Folge hat,
dass die Geschwister auseinandergerissen
werden. Eine entsetzliche Szene, von Petterson, einem Meister des nüchternen Blicks
auf den Schrecken, spröde und umso wirkungsvoller erzählt.
Die Folgen des Schocks nach bereits so
vielen Schocks sind für die Kinder zudem
nicht unbedingt die, die der Leser sich vorstellen mögen. Überhaupt treibt Petterson ja
ein ruhiges, spannendes Spiel mit den Erwartungen jener, die von außen herantreten an sein kleines, aber nicht so kleines Erzählgeflecht entlang an psychischen und
sozialen Abgründen.
Ganz leicht scheint der verschwiegene Erzähler es zu knüpfen, der die Figuren
selbst lakonisch zu Wort kommen und aus
ihren Erinnerungen berichten lässt.
Die Kapitelüberschriften sagen, wer
spricht und wann: Tommy und sein Jugendfreund Jim vor allem, manchmal auch
Tommys Schwester Siri; einerseits 2006,
kurz nach einer unerwarteten Begegnung
Tommys und Jims nach vielen Jahren, andererseits immer wieder in der Zeit vor dreißig
Jahren, damals in Mørk, einem Kaff, das,
so heißt es im Roman, überall in Norwegen
sein könnte (eine Art Neustadt, auf deutsche Verhältnisse übertragen). Petterson hat
keine Bedenken, uns klassische Cliffhanger
zuzumuten. Und er klärt zwar einiges, aber
nicht alles auf.
Aus diesem Handwerkszeug lassen sich
Thriller knüpfen, aber der 62-Jährige nutzt
es dazu, die Frage, wie Menschen wurden,
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Reise
Italien in vollen Zügen
Tim Parks über das Zugfahren und sein Adoptivland
F
ür alle, die gerne im Zug lesen« — und
welcher Bücherwurm wäre nicht mit
dabei?! — hat der renommierte Universitätsprofessor Tim Parks ein unterhaltsames
Buch geschrieben, das aus allen Genres
herausfällt: »Italien in vollen Zügen» ist eine
durchaus kritische, humorvolle und unterhaltsame Hommage an sein Adoptivland,
wie der Brite Parks sein Italien nennt. Seit
30 Jahren lebt und arbeitet er hier. Es ist
nicht sein erstes Buch über Italien, es sind
auch nicht die ersten Zugszenen, von de-
nen es in seinen Büchern viele gibt, wie
er selbst erstaunt feststellt, während er den
Stiefel von West nach Ost und von Nord
nach Süd bereist. Doch es ist ein wunderbares Werk, mit einem ebenso liebevollen wie
kopfschüttelnden Blick auf Menschen, Institutionen und natürlich Züge, mit denen er es
täglich zu tun hat.
Parks entschied sich eines Tages, nach
einem fast etwas gruseligen Erlebnis mit der
italienischen Polizei während einer kurzen
Autofahrt zum Bahnhof, in Zukunft sowohl
zur Arbeit als auch in entferntere Gegenden nur noch mit dem Zug zu reisen und
argumentiert unter anderem für sich, dass
Autofahren auch den Geist verschmutze.
Das mag mancher Leser anders sehen. Sicher stimmt es, dass ein Autofahrer durchschnittlich mehr unter Adrenalin steht als ein
Zugreisender, allerdings ist das erstens von
Leser zu Leser verschieden und zweitens
durchaus im Einzelfall zu untersuchen, beispielsweise abhängig vom Zugmodell und
Land. Zwar hat der Zug den unschlagbaren Vorteil, dass man darin arbeiten und
lesen kann, aber nur, sofern Schaffner und
Mitreisende dies zulassen. Und mancher
Leser wird das besorgniserregende Adrenalin schon beim Lesen der einen oder anderen köstlichen Episode ansteigen fühlen,
wenn beispielsweise von sengender Hitze,
stundenlangem Warten, übelriechenden
Sitznachbarn oder merkwürdigen Zugbegleitern und sonstigen Angestellten der
Bahn die Rede ist. Wie hoch wäre der Pegel erst, säße man selbst in diesem Zug?
Kein Roman, kein Reisebericht, kein
Sachbuch — Parks‘ Zeilen stehen ganz für
sich, wenn er sich über die italienische Eisenbahn ärgert, sich am Ende aber doch
wieder mit ihr versöhnt; wenn er ihren Stellenwert im Leben des Einzelnen — die Italiener scheinen Weltmeister im Pendeln
zu sein — wie für die Gesellschaft (politisch, militärisch, wirtschaftlich, sozial) untersucht; wenn er menschliche Charaktere
und Verhaltensweisen aufzählt, die einfach
genau das sind: ein Abbild der Menschheit (schließlich finden sich in anderen Ländern, auch in Deutschland, ganz ähnliche
Leute, man muss, um das zu erkennen, gar
nicht unbedingt mehr Zug fahren); wenn er
versucht, das Puzzle der Gründe zusammenzusetzen, die Nord- und Süditalien
trennen, auf der anderen Seite aber doch
vereinen; wenn er ebenso den pragmatischen Umgang der Italiener mit ihrem gewaltigen historischen Erbe bewundert wie
ihre als völlig normal empfundene Schlitzohrigkeit, wenn es um Fahrkartenschalter, Vorschriften oder Streiks geht. Italien ist
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Italien.indd 2
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Reise
eben kein Land für Anfänger, wie Parks feststellt, jedenfalls nicht beim Zugfahren.
Es gibt seitliche Blicke auf alle möglichen Aspekte des italienischen Alltags, seien es kreative
Immigranten, unerbittliche Prüfungskommissionen
oder die unerklärliche Tatsache, dass Parks selbst
dann, wenn er noch kein Wort gesagt hat, nicht nur
als Ausländer, sondern sogar als Engländer eingeschätzt wird. Woran das wohl liegt, bleibt ein
letztes Geheimnis des menschlichen Instinkts. Nie
jedoch vergisst der Autor den Blick auf die Bahn-
95 Minuten in einem Zug
Jean-Philippe Blondel setzt zwei Ex-Liebende nebeneinander
A
uch diese Möglichkeit bringt die Allmacht eines Schriftstellers über seine
Figuren mit sich. Jean-Philippe Blondel sorgt dafür, dass Cécile und Philippe nicht nur beide ausnahmsweise den 6-Uhr-41-Pendelzug nach Paris nehmen, sondern sich auch versehentlich nebeneinandersetzen. Peinlich, peinlich. Vor 27 Jahren, er schätzt es bloß, sie weiß es genau, waren sie für kurze Zeit
ein Paar. Auf einer Londonreise nahm die Geschichte ein böses Ende. Er, der Attraktive, hat sie, die Unauffällige, böse abserviert. Jetzt tun sie sicherheitshalber
so, als würden sie einander nicht erkennen. Selbstverständlich wissen sie genau,
wer neben ihnen sitzt, es war aber nicht mehr zu verhindern.
Sie haben sich sehr verändert. Cécile sieht fabelhaft aus und führt erfolgreich
ihre eigene kleine Firma. Dass sie bald mehr verdienen wird als ihr netter Mann,
ist ihr klar. Vielleicht steigt er bei ihr ein. Philippe ist alt und rundlich geworden,
beruflich läuft es in einem Supermarkt anscheinend eher so lala, überhaupt läuft
es anscheinend eher so lala. Er ist begeistert davon, wie sie aussieht. Sie ist entsetzt davon, wie er aussieht.
hofsarchitektur und die italienische Landschaft, die
beide stets faszinieren, ob karg oder üppig. Und so
kommt der Leser zu Beschreibungen von Gegensätzen wie dem schönen Milano Centrale und dem
fast geisterhaften Bahnhof in Crotone im Südosten
des Landes. Wer in Italien öfter Zug fährt, hat viel
Zeit, beispielsweise bei einem scheinbar grundlosen Halt von mindestens 20 Minuten in einem gottverlassenen Örtchen — es kann auch durchaus länger dauern. Beim Blick aus dem Fenster auf immer
dasselbe Bahnsteigschild bleiben tiefsinnige philosophische Betrachtungen über Züge, Italien, das
Zugfahren hier und weltweit, die gesellschaftlichen
Konsequenzen und manches andere nicht aus. Ein
wunderbares Buch, um es nicht nur in Zügen zu lesen und natürlich unbedingt in vollen Zügen zu genießen!
Heike Krause-Leipoldt
Tim Parks: »Italien in vollen Zügen« (a. d. Englischen von Ulrike Becker), Verlag Antje Kunstmann, München 2014, 336
S., € 19,95.
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Italien.indd 3
Abwechselnd lässt Blondel Cécile und
Philippe von damals erzählen, 95 Minuten und
180 Seiten lang. Aber auch das heutige Dasein in der zweiten Hälfte der Vierziger entsteht
sehr lebhaft vor den Augen des Lesers, einschließlich anstrengend werdender alter Eltern
und einer intensivierten, fast schon verzweifelt
intensivierten Lebensplanung für die kommende, zumindest erhoffte zweite Hälfte des Lebens. Der Ton bleibt gleichwohl amüsant.
Der Autor des Romans »Zweiundzwanzig«
mag offenbar Zahlen im Titel. »6 Uhr 41« heißt
das neue, in Frankreich sehr erfolgreiche Buch,
ideal für eine Geschichte, die ja zwingend in einer Bahn spielt — kein anderer Ort, an dem eine solche Situation in dieser Form
entstehen könnte, nicht zu reden von den engen Sitzen. In einem Zug geht es
ständig um Uhrzeiten, und selbstverständlich bleibt auch diese Bahn zwischendurch aus unerfindlichen Gründen auf freier Strecke stehen. Ein Zug ist aber auch
ein Ort unerwünschter oder vielleicht auch doch erwünschter Intimität. Schon
schabt das Knie versehentlich am benachbarten Bein.
Cécile und Philippe steigern sich ziemlich hinein in die Situation, während der
Leser geduldig abwarten muss, ob Blondel ihnen jemals erlauben wird, einander anzusprechen. Blondel hat sich eine unterhaltsame Dramaturgie ausgedacht.
Dass er ein Romantiker ist, wer wird es ihm verübeln. Zumal »6 Uhr 41« damit
zur charmanten und humorvollen Alternative zu Tausenden verheulten Bahnhofsabschieden wird.
Judith von Sternburg
Jean-Philippe Blondel: »6 Uhr 41«, Roman (a. d. Französischen von Anne Braun), Deuticke, Wien
2014, 189 S., ¤ 16,90.
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Essay
Erwanderte Gedanken
Ludger Lütkehaus über »Friedrich Nietzsche in Sils Maria«
W
ie »arbeiten« eigentlich Philosophen? Setzen sie sich morgens
um acht an den Schreibtisch, legen die Stirn in Falten und denken nach?
Machen sie dann Punkt zwölf eine Stunde Mittagspause, um von dreizehn bis siebzehn Uhr pflichttreu weiterzugrübeln? Sicher, es mag Professoren geben, biedere
Geisteshistoriker, die beflissen Bücher wälzen und exzerpieren, um das Ergebnis ihrer Bemühungen dann als akademische
Trockennahrung an Studenten weiterzugeben. Dass der wirkliche Philosoph als solch
ein Denk-Angestellter vegetiert, ist aber
eine absurde Vorstellung. Zumindest in der
Moderne, wo dem zersplitterten Bewusstsein notwendig eine denkerische, sprachliche und eben auch eine Lebens-Form entspricht, in der alles Systematische durch die
Skizze, das Fragment ersetzt wird. Montaignes »Essais«, Pascals »Pensées« mögen frühe Vorläufer dieser Geisteshaltung sein,
ihre gültige, dezidierte Ausprägung erfährt
sie dann bei Nietzsche,
dem »Aphoristiker« —
und eigentlichen denkerischen Gründervater
der Moderne.
Dass dieser Philosoph seine Gedanken
sich buchstäblich erwanderte, scheint insofern symptomatisch.
Auch deshalb mag
Nietzsches Lieblingsort,
das Schweizerische Sils
Maria im Oberengadin,
zum Mythos geworden
sein. Schon während
seiner sieben Aufenthalte dort (1881 bis 1887)
und im Lauf der Jahre immer mehr, wurde es, was es bis heute ist: Ein Wallfahrtsort
nicht nur für seine eingefleischten Adepten, die
auf den Spazierwegen
20
Lütkehaus.indd 2
rund um das 1800 Meter hoch gelegene
Gebirgsdorf die Wanderungen des Philosophen nachvollziehen und seine bekannten Lieblingsplätze aufsuchen. Vor allem
natürlich den berühmten »Zarathustra-Felsen« am See-Ufer, wo dem Denker seine
— mehr oder weniger — zentrale Idee der
»ewigen Wiederkunft des Gleichen« gekommen sein soll.
Nietzsches Aufenthalten und Gedanken in der klaren Höhenluft Sils Marias, das
zum Symbol einer Philosophie jenseits von
Stubenhockerei und Bücherstaub geworden ist, widmet jetzt auch Ludger Lütkehaus
ein wohltuend schmales und daher Bücherstaub-unverdächtiges Bändchen: Unter dem Titel »‚Ruhe. Größe. Sonnenlicht.‘«
(Selbstverständlich ein Nietzsche-Diktum
über das Engadin) präsentiert der bekannte
Publizist und Freiburger Germanist da eine
hochkarätige Plauderei zwischen Anekdote
und luzider Interpretation. Womöglich gar
eine Annäherung an das, was Nietzsche
vorschwebte, wenn er eine »fröhliche Wissenschaft« propagierte. Ja, es gibt Stellen
in dem Bändchen, wo Lütkehaus sich vom
Geist seines Gegenstandes anstecken lässt
und ein ganz klein wenig zum »tanzenden
Gott« wird, zumindest sprachlich: Dass im
Engadin »die Zirren flirren« reimt er da (gemeint sind die Zirrus-Wolken), und andernorts fügt sich ihm Nietzsches Lehre von der
»ewigen Wiederkunft« ganz assoziativ-assonant mit der Niederkunft zusammen. Fast
fühlt man sich also an Goethes »Tasso« erinnert, wo es über den Titelhelden einmal
heißt, »ihn riss der hohe Dichterschwung
hinweg«. Und eigentlich hätte man ja gehofft, dass in Anspielung auf Karl May auch
noch vom »Schatz im Silsersee« die Rede
wäre, aber in solche Niederungen der Al-
Foto: A. T. Schaefer
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17.09.2014 10:58:40
Sagen
Nicht zaudern, zaubern!
Von Helden und Hexen: Tilman Spreckelsen erzählt das finnische Nationalepos »Kalevala« nach
A
usgerechnet Louhi, die grimmige
Herrscherin über Pohjola, hat die
schönste Tochter weit und breit, die
alle begehren. Einer nach dem anderen
begibt sich auf Werbefahrt in das finstere
Land im Norden: der alte, weise Zauberer
Väinämöinen, der Schmied Ilmarinen und
der Schürzenjäger Lemminkäinen. Zwar erfüllen sie die gefahrvollen Aufgaben, die
Louhi ihnen aufhalst, graben den Schlangenacker um, zähmen den wilden Hengst des
Höllenfürsten, und Ilmarinen schmiedet ihr
sogar das Sampo, eine Getreide-, Salz- und
Goldmühle, die Wohlstand über Pohjola
bringt. Doch Louhi hält sich nicht gern an
ihr Wort, und die drei müssen unverrichteter
Dinge nach Kalevala zurückkehren.
Die Streitereien zwischen Louhi, Väinämöinen und den anderen um das schöne
Mädchen und das segensreiche Sampo
ziehen sich durch das gesamte »Kalevala«,
jenes finnische Nationalepos, das auf jahr30
Spreckelsen.indd 2
hundertealten, mündlich
übertragenen Liedern basiert. Es war der Arzt und
Philologe Elias Lönnrot, der
Mitte des 19. Jahrhunderts
auf zahlreichen Wanderungen durch Lappland und
Karelien, das heute größtenteils zu Russland gehört,
diese Lieder aufschrieb
und zu einem zusammenhängenden Versepos verknüpfte. Das »Kalevala«,
das zu den wichtigsten literarischen Werken in finnischer Sprache zählt, erzählt von der Schöpfung
der Welt, von Belagerungen und Schlachten, von
Liebes- und Hochzeitsgeschichten und listenreichen
Abenteuerfahrten. Pünktlich zur Buchmesse, deren Ehrengast Finnland in
diesem Jahr ist, hat Tilman
Spreckelsen, Redakteur der
Frankfurter Allgemeinen
Zeitung, die 22.795 Verse
des »Kalevala« in einer schönen, von Kat
Menschik wunderbar illustrierten Ausgabe
nacherzählt.
wenn sie bei ihrem Hickhack sich selbst in
eine vorteilhafte, den anderen hingegen
in eine ausgesprochen ungemütliche Lage
zaubern können.
Nur eines gelingt Väinämöinen nicht:
das Glück zu seinen Gunsten zu wenden.
Zwar wird ihm die schöne Aino zur Frau versprochen, doch die wählt lieber den Tod,
als mit dem alten Mann zu leben. Und auch
Louhis Tochter heiratet schließlich den jüngeren, ansehnlicheren Ilmarinen. Allerdings
kommt sie kurz darauf auf grausame Weise
zu Tode, als sie dem jungen Hirten Kullervo
einen Stein ins Brot backt und der sie aus
Rache von wilden Tieren zerreißen lässt.
Und auch mit anderen geht das Schicksal
nicht eben zimperlich um, etwa wenn Lemminkäinens Mutter ihren zerhackten Sohn
aus dem Totenfluss zieht und seine Gliedmaßen zusammensetzen muss, um ihn wieder zum Leben zu erwecken, oder wenn
die neun schrecklichen Kinder der Tochter
des Totengottes Not und Leid über Kalevala bringen. An düsteren Bildern mangelt es
nicht im »Kalevala«; ein Eindruck, den die
ausdrucksstarken, wenn auch überwiegend
in dunklen Farben gehaltenen Illustrationen
von Kat Menschik noch verstärken.
Die Welt des »Kalevala« ist buchstäblich eine zauberhafte; es ist eine Welt, in
der sich Sonne und Mond bisweilen in
den Zweigen der Birken niederlassen,
um der lieblichen Musik zu lauschen, die
Väinämöinen auf seiner Kantele zupft.
Vor allem aber ist es eine Welt der Gesänge und des Zaubers. Macht hat, wer
die richtigen Sprüche kennt, um Gegenstände oder auch sich selbst zu verwandeln, sobald die Situation es erfordert.
Ist ein Boot zu bauen, werden die Planken aus dem Baum gesungen statt gesägt; ist eine Wunde zu schließen, wird
sie beschworen; ist ein Kampf zu führen,
werden dem Schwert magische Kräfte eingeschmiedet. Und für die ewigen
Widersacher Väinämöinen, Lemminkäinen und Louhi ist es natürlich praktisch,
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17.09.2014 20:27:28
Roman
Ein Jedermann der deutschen Nachwendezeit
Michael Kleebergs Gesellschaftsroman »Vaterjahre«
K
arlmann ist wieder da. 2007 schickte Michael Kleeberg seinen modernen Jedermann und deutschen Wiedergänger von John Updikes »Hasenherz«
Harry Angstrom zuerst hinaus in die literarische Welt, die ihn begeistert willkommen
hieß. Damals standen die Jahre zwischen
1985 bis 1989 im Zentrum, jetzt bildet
der 11. September 2001 die Klammer für
Rückblenden und Reflexionen, die hauptsächlich den Zeitraum ab 1993 umfassen,
aber auch bis in die Kindheit des Helden
zurückreichen.
Dieser Charly Renn, wie Karlmann im
Roman genannt wird, ist nun 42 Jahre alt
und nach einigen Krisen in der Mitte eines
repräsentativen Bürgerlebens angekommen. Er ist in zweiter Ehe verheiratet mit der
vernünftigen Ärztin Heike, hat zwei reizende Kinder, einen Hund, ein Haus am Stadtrand, einen prestigeträchtigen Arbeitsplatz
als Geschäftsführer in einem traditionsreichen Hamburger Handelshaus und ein
großzügiges Gehalt. Dazu kommen ausgewählte Freunde, Hobbys wie Golf und
Rennradfahren sowie eine Leidenschaft
für toskanischen Rotwein, Uhren von Nomos und andere schöne Dinge. Kulturelle Interessen gehören nicht zu Renns Lebensstil, der geprägt ist von Contenance
und Lässigkeit.
In seiner Konzentriertheit auf materielle Sicherheit und Äußerlichkeiten wirkt Charly Renn nicht unbedingt
sympathisch, doch er kompensiert diesen Eindruck durch seine bedingungslose Ehrlichkeit, die
auch peinliche
Momente und
Niederlagen
nicht ausspart.
In seiner Naivität
anrührend wirkt
sein Bemühen um
Perfektion:
Seinen
Kindern
möchte
er ein Aufwachsen im Paradies ermöglichen.
Dass sich dieser Wunsch
nicht erfüllen lässt, gehört zu
den wichtigsten Erfahrungen seiner Vaterjahre.
34
Kleeberg.indd 2
Auch der Autor scheint zu fürchten, dass
sein bildungsferner Protagonist allein nicht
hinreichend überzeugt. Denn er stellt ihm einen Erzähler mit brillanten Kenntnissen in
Philosophie, Kunst- und Literaturgeschichte
zur Seite. Der begleitet Charly, spricht ihn
als Du an, stellt ihn dem Leser vor, kommentiert sein Tun und Denken und überlässt ihm
manchmal für eine Weile großzügig die
Erzählführung. Durch diesen Trick gelingt
es, die Hauptfigur einerseits als Individuum, andererseits als Jedermann zu zeigen
und zudem den Erzählradius über das Figurenbewusstsein hinaus ins Allgemeine und
Gesellschaftliche zu erweitern.
Aus der Lebenssituation Charlys resultiert ein weiteres erzähltechnisches Problem: Wovon soll ein Roman handeln, wenn
sein Held all seine Ziele bereits erreicht
hat und sein beruflicher wie privater Alltag
ohne besondere Höhepunkte dahinplätschert? Das fragt sich sogar der Erzähler:
»Wie erzählt man von einem Leben, was erzählt man von einem Leben, dessen soziale Fontanellen sich geschlossen haben, das
kompartimentiert, temperiert und pragmatisiert ist, das sich um Gleichmaß statt um
Aufregung, um die Regel statt um die Ausnahme müht?«
Als eine Geschichte mit klassischer Dramaturgie, Spannungsbogen und vorwärtsdrängender Handlung lässt sich dieses ereignislose Leben jedenfalls nicht erzählen.
Statt dessen geht der Blick zurück. Von der
nur am Anfang und am Ende knapp umrissenen Gegenwart aus springt der Erzähler
kreuz und quer zwischen nicht immer genau
datierbaren Lebensphasen umher. Beleuchtet werden kleinere und größere Katastrophen und Glanzpunkte der vergangenen
Jahre: Psychokrise, berufliche Sackgasse,
unerwartetes Stellenangebot, Selbstmord
eines Freundes, Geburt der Tochter, Beerdigung eines Onkels, Motorradtour, Sieg
über den Freund beim Golfspiel, Sonntagsausflug mit der Tochter und anderes mehr.
Charly Renn steht genau auf dem Höhepunkt des Lebens — darin spiegeln sich
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Lyrik
Großstadttage und Nächte
Lili Grüns literarische Miniaturen
W
em Lili Grün bekannt ist, dem
ist sie es vor allem aufgrund ihrer Romane. Diese hatte Anke
Heimberg vor einigen Jahren bereits dem
Vergessen entrissen, indem sie sie neu herausgab. Nun ist es ihr in mühsamer Recherchearbeit gelungen einen weiteren Schatz
zu heben: die an zahlreichen Stellen verstreuten »Gedichte und Geschichten«, zusammengefasst in einem handlichen Band.
Sein Titel »Mädchenhimmel!« ist einem von
Grüns Gedichten entliehen. Außerdem hat
Heimberg das Buch mit einem informativen Nachwort zu Autorin und Werk, einem Glossar sowie einem Anmerkungsteil
versehen.
Verlag wie Herausgeberin rücken Lili
Grün in die Nähe neusachlicher Autoren
der Weimarer Republik wie Erich Kästner,
Kurt Tucholsky oder Irmgard Keun. Darin kann man ihnen nur zustimmen, obwohl
Grüns Gedichte und Geschichten eine
ganz eigene Stimme haben. Das Etikett
»neusachlich« lässt sich vielmehr als Verortung in einer literarischen Erscheinung ansehen, deren Werke der nüchterne Blick und
die unsentimentale Haltung vereinen. Lion
Feuchtwanger bezeichnete die Neue Sachlichkeit ferner als »anschaulich gemachtes
Leben der Zeit, dargeboten in einleuchtender Form.« Lässt man die literarische Einordnung und die bis heute anhaltenden Kontroversen um die Neue Sachlichkeit beiseite,
bleibt einfach ein wunderbares Buch, das
sowohl literarisch als auch historisch hochinteressant ist.
Selbstverständlich findet man viel zum
Lebensgefühl der Weimarer Republik, es
geht um die fast schon legendären Stenotypistinnen und Büroangestellten ebenso
wie um junge Frauen, die ihr Glück auf der
Bühne suchen. Um Männer und Frauen sowie ihr Verhältnis zueinander, das sich ja
seit dem Ende des Ersten Weltkrieges sehr
gewandelt hatte, ferner um das Verlassensein und um Armut. Dabei schlägt die Autorin häufig einen Plauderton an, der aber
nie ins Unerhebliche abgleitet oder oberflächlich wird, sondern stets ins Schwarze
Lesart 3/14
Grün.indd 3
trifft. Als Leser wird man dabei amüsiert,
nachdenklich oder zugleich beides empfindend zurückgelassen. Immer aber ist man
von Sprache und Komposition der Texte
beeindruckt, die flüchtig besehen recht einfach daherkommen, hinter denen aber große Kunstfertigkeit steckt. An manchen Stellen treffen sich Selbstironie gepaart mit der
Sehnsucht nach romantischeren Möglichkeiten, die dem lyrischen Ich aber nicht gegeben sind. So heißt es im Gedicht »Weißt
du, was mich schrecklich kränkt?«
»Daß ich um deinetwillen nichts verlassen kann.
Keinen Vater, keine Villa, nicht mal einen Ehemann.
[...]
Ach, wie gerne würde ich für dich fliehen
Über hohe Zäune mit zerriss‘nen Schuh‘n
Doch wozu
Soll ein Mädchen
Ohne Anhang
So was tun?«
In ihren Geschichten kommen Frauen vor, die anderen in ihrem Reichtum wie
eine »Fata Morgana« erscheinen, deren
Leben von einer alten Beziehung eingeholt wird oder die »engagementlos« um
ihr Dach über dem Kopf bangen. Ein junges Mädchen versucht »ganz vergeblich«
ihrem Leben ein Ende zu setzen, ein Hofrat
schmort in einem sehr originellen Fegefeuer und ein Mann setzt sich durch, wobei er
beweist, dass Unverbindlichkeit von Vorteil
sein kann. Und das ist nur ein Teil der Themen, die Grün literarisch umsetzt.
Themen, die auch ihr Leben betrafen,
das jedoch weniger fröhlich-melancholisch erscheint als vielmehr tragisch. Früh
erkrankte sie an Tuberkulose, weshalb sie
Berlin den Rücken kehren musste und in ihre
Heimatstadt Wien übersiedelte, um sich
behandeln zu lassen. Dort begann sie ihren ersten Roman, in dem sie ihre Erfahrungen mit dem Berliner Kabarett Die Brücke
verarbeitete. Das Buch wurde ein Erfolg,
ebenso wie ihr zweiter Roman. Doch wurde auch in Österreich die politische Situa-
tion Anfang der 1930er Jahre immer angespannter. Grün entwich nach Paris, wo
sie allerdings nicht bleiben konnte, da sie
zusehends verarmte und die Tuberkulose
ihr wieder verstärkt zusetzte. Sie entschied
sich, nach Österreich zurückzukehren. Dort
wurde sie nach der nationalsozialistischen
Okkupation als jüdische Schriftstellerin verfolgt, im Jahre 1942 in das Vernichtungslager Maly Trostinec (Weißrussland) deportiert und noch am Tag ihrer Ankunft am 1.
Juni 1942 ermordet.
Lili Grün und ihre Stimme wurden ausgelöscht. Die Erinnerung und ein wunderbar leichtfüßiges Werk, das das unbarmherzige Schicksal seiner Autorin nicht kennt,
bleiben. Ein Kleinod der deutschsprachigen
Literatur des 20. Jahrhunderts wurde dankenswerterweise wiederentdeckt und zugänglich gemacht.
Mareike Katchourovskaja
Lili Grün: »Mädchenhimmel!«, gesammelt, herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort
von Anke Heimberg, AvivA Verlag, Berlin 2014,
188 S., ¤ 18.
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Sachbuch
Die Kopie der Kopie der einzigartigen Kaisermacht
Peter Heathers Buch über drei Versuche, das römische Kaisertum in Westeuropa wiederzubeleben
N
iemand ist eine Insel.« John Donne hatte Recht. Historiker wissen das. Wenn sie versuchen, aus
dem Nach-, Neben- und Ineinander historischer Ereignisse einzelne Entwicklungsstränge und ihre Protagonisten sinnvoll herauszuschälen, wird ihnen stets aufs Neue
vor Augen geführt: Irgendwie hat immer alles mit allem zu tun. Das macht den Reiz
von Geschichte aus. Zugleich gerät jede
Geschichtserzählung in Gefahr, sich in einer Abfolge von »Und dann«, »Und zuvor«,
»Und außerdem« sowie »Nicht zu vergessen« zu verlieren. Da tut Auswahl not.
Migrationsforschung Wanderungsbewegungen im gesamten europäischen Raum
von den Hunnen über die Germanen und
Slawen bis zu den Wikingern.
Der britische Historiker Peter Heather interessiert sich für die großen Themen und
Zusammenhänge. In seinem bemerkenswerten Buch ‚Invasion der Barbaren. Die
Entstehung Europas im ersten Jahrtausend
nach Christus‘ (2009; dt. 2011) untersuchte
er auf der Basis von Erkenntnissen aktueller
»Die Wiedergeburt Roms. Päpste, Herrscher und die Welt des Frühen Mittelalters«
fährt dort fort, wo Heather seinen Bestseller-Erfolg »Der Untergang des römischen
Weltreichs« (2005; dt. 2007) enden ließ:
mit jener legendären Botschaft, die der weströmisch-germanische Heerführer Odoa-
Der Zeitraum, in dem sich Heather mit
seiner jüngsten Veröffentlichung bewegt, ist
erneut denkbar groß und unübersichtlich. Er
reicht schwerpunktmäßig von der zweiten
Hälfte des 5. Jahrhunderts bis zum Beginn
des 9. Jahrhunderts. Lassen wir Heathers
bis ins 12. Jahrhundert, im Epilog gar bis ins
15. Jahrhundert reichende Ausblicke beiseite, sind allein das über 350 Jahre.
ker 476 dem oströmischen Kaiser Zenon zukommen ließ. Odoaker hatte soeben den
weströmischen Kaiser Romulus Augustulus
abgesetzt und nannte sich selbst fortan König von Italien. Paraphrasiert ließ er Zenon
wissen: »Sie dürfen sich gerne weiter Kaiser
nennen, aber in Italien brauchen wir so etwas von nun an nicht mehr. Zur Entlastung
unserer Ablage übersenden wir anbei die
kaiserlichen Insignien, die hier noch herumlagen. MfG Odoaker, Rex Italiae«
Die folgenden Jahrhunderte gestalteten
Europa mehrfach um. Reiche wurden begründet und gingen unter. Alte Gruppenidentitäten gingen in neuen auf, die wiederum von anderen überschrieben wurden.
Die politischen Grenzen verschoben sich
mehrfach. Es wurde mehr zerstört als gebaut. Dennoch ging eines nie ganz verloren: die Idee eines Kaisertums im Westen
Europas.
Justinian und sein Hofstaat. Mosaik in der Basilika San Vitale in Ravenna
44
Heather-2.indd 2
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Sachbuch
Das phantastische Hummelleben
Eine heitere Naturgeschichte von Dave Goulson
K
ann man sich vorstellen, dass in deutschen Landen vielleicht die Zeitung,
hinter der immer ein kluger Kopf sitzt,
eines Tages mit der ganzen Titelseite erscheint, die dem Volk der Hummeln gewidmet ist? Undenkbar, aber in England erschien im Mai 2006 der »Independent«
nicht nur mit der Titelseite, sondern mit den
ersten drei Seiten über die Welt der Hummeln. Lucky Great Britain oder auch glückliche englische Hummeln! Und so ist es auch
kein Wunder, dass Dave Goulson ein außerordentlich heiteres, amüsantes und doch
auch ganz ernsthaftes Buch über sein Leben mit den Hummeln geschrieben hat.
Es ist wohl so, dass all die staatenbildenden oder sozialen Insekten die besondere Zuneigung heutiger Naturforscher erfahren, während die gewöhnlichen Leute
laut schreiend das Weite suchen, wenn nur eine Hummel,
Wespe oder Biene auftaucht.
Goulson ist der geborene Naturforscher: Obwohl sein Vater
Geschichtslehrer war und die
Frau Mama dem Sport huldigte, versteckte der kleine Dave
schon bald eine Strumpfbandnatter unter dem Bett, tötete versehentlich die gesamte
Mannschaft seines Aquariums
durch Stromschlag, sezierte alles tote Vieh, das er auffand, sammelte Vogeleier und
Schmetterlinge und kam eines
Tages zu den Hummeln, die
dann seinen Weg als Biologe und Naturschützer begleiten sollten.
Natürlich ist er auf seinem Hummelweg
auf Vorgänger gestoßen, Bernd Heinrichs
»Hummelstaat«, 1979 auf Deutsch erschienen, machte uns mit dem wunderbaren Leben der Hummeln erstmals vertraut, wenn
uns denn dieser Naturraum überhaupt interessierte. Für mich begann dieses Interesse
aus einer Notwendigkeit: Als ich kurz vor
dem Abitur stand, starb mein Großvater, er
war Imker, hatte sechs Bienenvölker, und
50
Hummeln.indd 2
die kamen nun in meine Obhut, denn mein Vater rannte
meilenweit, wenn er nur eine
Biene summen hörte. Aber
Schule im Nachbarort und
schwärmende Bienen, das
ging auf die Dauer nicht. Ich
blieb Imker nur für zwei Jahre, dann wanderten die Bienen in andere Hände. Doch
eines blieb: die Neugier,
mehr aus dem Leben dieser
Insekten zu erfahren.
Und solche Neugier
treibt auch Goulson, der der
Erdbauhummel nachstellte,
einem Insekt, das zu jenen Spezies gehört,
auf die wir nicht verzichten können. Und er
lebt und arbeitet mit dem Grundgefühl des
berühmten Biologen E. O. Wilson: »Gäbe
es keine Menschen mehr, würde sich die
Erde zu jenem wunderbaren Zustand der
Balance zurückentwickeln, der vor
10.000 Jahren herrschte. Verschwänden aber die Insekten, würde die Natur
ins Chaos stürzen«. Also sucht er die
Hummeln im fernen Tasmanien und in
England, bedenkt er ihre Wege und Flüge, entdeckt er für sich und uns die Geheimnisse dieser gefährdeten Existenzen, denen
unsere moderne Zivilisation
die Lebensräume vernichtet.
Aber Tomaten, Gurken, Johannisbeeren leben ohne
Hummeln nicht. Wer »Heinz’
Tomatenketchup« auf seine Pommes gibt, der ist am
Ende einer Kette, die mit spanischen Tomaten, bestäubt
durch türkische Hummeln,
die wiederum in einem Betrieb in der Slowakei gezüchtet wurden, angekommen.
Aber Dave Goulson
hofft, dass er diese Nahrungskette ins Natürliche verändern kann, er sucht überall und allenthalben nach Lebensräumen für die Hummel.
Herrlich seine Geschichten, wie er ein
Grundstück in Frankreich erwirbt, eben um Hummelwiesen
wachsen zu lassen. Der Mann
ist natürlich wie alle Leute seiner Coleur ein Verrückter, aber
nur diese Form von Verrücktheit verbessert unsere Welt,
möchte man sagen. Also gründet er »Bumblebee Conservation Trust«, eine Schutzorganisation nur für die Hummeln.
Man liest mit großem Vergnügen, wie er sich in die Abenteuer des Hummelschutzes stürzt.
Bald schon hat das Unternehmen 8000 Mitglieder, mehr als
2000 Hektar Wiesen werden
»hummelfreundlich« gestaltet:
Es gibt noch Wunder. Das muss
man lesen, diese wunderbare
Wegbeschreibung in die Hummelwelt, mit
der Dave Goulson die Menschenwelt bereichert hat!
Klaus Walther
Dave Goulson: »Und sie
fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel« (a. d.
Englischen von Sabine Hübner), C. Hanser Verlag,
München 2014, 320 S., ¤ 19,90.
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Sachbuch
Schutztruppen der Republik
Benjamin Ziemans Studie über »Kriegserinnerung und demokratische Politik 1918-1933«
W
ährend derzeit im Gedenken an
den Beginn des 1. Weltkriegs
vor 100 Jahren umfassend seine Ursachen, sein Verlauf und seine Folgen
betrachtet werden, befasst sich der britische
Historiker Benjamin Ziemann in seinem
Buch »Veteranen der Republik« mit einer
Detailfrage, wie es zunächst scheinen mag.
Der Professor an der University of Sheffield
rückt die Kriegssoldaten in den Fokus, die
von Beginn an hinter der Weimarer Republik standen und sie nicht -— wie rechtsextreme Verbände — bekämpften. Ziemann geht
auf die beiden Organisationen Reichsbanner und Reichsbund ein, Sammelbecken
einstiger Frontsoldaten, die vorwiegend
dem politischen Spektrum von Links bis Mitte zuzuordnen waren. Auf diese Weise beschreibt der Autor ein Deutschland, das
manchen Klischees gängiger Geschichtsschreibung nicht entsprechen will, die sich
vor allem am Aufstieg der Nazis orientiert.
Es handelte sich bei den demokratietreuen Veteranen keineswegs um Splittergruppen, sondern um durchaus wirkmächtige Verbände. Dem Reichsbund gehörten
beispielsweise in seiner Hochphase im Jahr
1923 rund 830.000 Männer an. Ein Großteil von ihnen war auch keineswegs überrascht über die Härten, die der Versailler
Friedensvertrag für ihr Heimatland mit sich
brachte angesichts der Gräueltaten von
deutschen Einheiten und des Hegemonialstrebens, das sie eng mit Kaiser Wilhelm II.
verbunden sahen. Diesen Veteranen war
an einer Aussöhnung mit Frankreich gelegen und sie wollten die Millionen gefallener Soldaten als Mahnung und nicht als
Mythos verstanden wissen. Sie wehrten
sich vehement gegen die Dolchstoßlegende, wonach die demokratischen Kräfte für
die Niederlage des Militärs verantwortlich
gemacht werden, und attackierten vor allem die Führungsriege des Heeres. Der einfache Soldat habe ihnen nichts gegolten,
sei für sie würdelos gewesen.
Doch so sehr Reichsbund und Reichsbanner klare Positionen bezogen, machten
sie sich auch angreifbar. Um von der Öf-
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Veteranen.indd 3
fentlichkeit in der damaligen Zeit ernst genommen zu werden, waren Versammlungen und Gedenkveranstaltungen meist in
ihrer gesamten Form militärisch geprägt,
was aber Kritiker aus dem ganz linken Lager auf den Plan rief. Zudem bot die gesamte Programmatik unter sozialistischen
oder sozialdemokratischen Vorzeichen auf
Dauer nicht ausreichend Schnittmengen für
christlich geprägte Bürger. Innere Spannungen und Mitgliederschwund schmälerten
daher immer stärker die Bedeutung der beiden Zusammenschlüsse.
Trotzdem dürfen, so hebt der
Verfasser hervor,
nicht die Verdienste der Verbände
übersehen werden.
Sie waren wichtige
Stützen der Republik und widersetzten sich der extremen Rechten. In
ihrer Form des Gedenkens boten sie
zudem den Hinterbliebenen Trost
angesichts der hohen Zahl an Opfern und der tiefen Wunden, die
der Krieg im realen und übertragenen Sinn hinterlassen hatte, eine nahezu staatstragende Rolle. Im
Reichsbanner, der in den späten Jahren
der Republik zahlenmäßig die »Konkurrenten aus dem nationalen Lager« übertroffen
habe, sieht Ziemann eine »der oft vergessenen Erfolgsgeschichten der Weimarer Republik«.
Als jedoch mit deren nahendem Ende
die Radikalisierung des politischen Alltags
begann, kamen die republiktreuen Verbände an ihre eigenen Grenzen, hätten sie
sonst Gewalt mit Gewalt beantworten müssen. Als eine Niederlage des demokratischen Lagers hatten die Veteranenorganisationen bereits das Verbot des Films »Im
Westen nichts Neues« von 1930 gesehen,
den die Nazis schon bei der Premiere sabotierten.
Der Niedergang der Republik entschied sich aber nach den Ausführungen
von Ziemann letztlich nicht an der Frage,
wie man mit dem Gedenken an die Millionen Opfer des Krieges und die erlittene
Niederlage umgeht. Vielmehr waren es für
den Autor die konservativen Kreise, die die
Macht den Nationalsozialisten und damit
Hitler übertrugen, der einen zentralen Begriff in der Kriegserinnerung für sich vereinnahmt
hatte. Er stilisierte sich als
den »unbekannten Soldaten«, der die Nation
erretten werde, und nutzte einen Ausdruck, der
in pazifistischen Kreisen
eher als Inbegriff für die
Anonymität des Krieges
verwandt wurde.
Mit seinem Buch bietet Ziemann eine eher ungewöhnliche Perspektive auf die Zeit zwischen
1918 und 1933 und
lässt vor allem die Akteure zur Geltung kommen,
die sich für den Fortbestand der Demokratie
eingesetzt haben. Dass diese Kräfte insbesondere bei der (Arbeiter-)Jugend eine gewisse Kriegsbegeisterung wahrnahmen,
die aus Filmen und vielen Büchern über den
Weltkrieg herrührte, führte insbesondere in
sozialdemokratischen Kreisen zu kontroversen Debatten, ob und wie man Mediennutzung reglementieren sollte — damals zu Beginn der 30er Jahre.
Theo Körner
Benjamin Ziemann: »Veteranen der Republik.
Kriegserinnerung und demokratische Politik 1918
— 1933« (a. d. Englischen von Christine Brocks),
Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2014, 384 S.,
¤ 24,90.
59
16.09.2014 15:22:58
Biographie
Auf den neuesten Stand gebracht
Wilhelm von Sternburg hat sich noch einmal sein Buch über Lion Feuchtwanger vorgenommen
I
n der DDR gehörte er zu den vielgelesenen, bewunderten Erzählern, neben Thomas Mann, Arnold Zweig oder Leonhard
Frank. Gleich zwei Editionshäuser, der
Greifenverlag in Rudolstadt und der Aufbau Verlag in Berlin, konkurrierten um seine Bücher. Sie erschienen in hohen
Auflagen und waren schnell vergriffen. Als Lion Feuchtwanger siebzig
wurde, im Juli 1954, brachte Aufbau
ein gelbleinenes Bändchen mit »Worten seiner Freunde« heraus. Eine namhafte Gratulantenschar, von Heinrich und Thomas Mann über Brecht,
Ernst Bloch und Anna Seghers bis zu
Hanns Eisler, rühmte den Jubilar als
einen der wesentlichen Schriftsteller
des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein
paar Jahre später startete der Verlag
die erste (und bisher einzige) Ausgabe seines Werks, an deren Planung
der Autor sich noch beteiligt hatte.
Was
Feuchtwanger
nach
1945 schrieb, erschien zeitgleich
auch bei Rowohlt, im Frankfurter Neuen Verlag und in der Frankfurter Verlagsanstalt, aber der Nationalpreis der DDR und die Sympathien, die Feuchtwanger im Osten
genoss, machten ihn im Westen zu
einem höchst umstrittenen, verdächtigen Autor. Erst der hundertste Geburtstag 1984 hat manches verändert. Vier Bücher, von der schmalen
Rowohlt-Monographie bis zur großen Bildbiographie Volker Skierkas,
rückten den schablonenhaften Ansichten zu
Leibe, die der Kalte Krieg mit sich gebracht
hatte. Einer dieser Autoren, die für ein differenziertes, auch historisch schärferes Bild
sorgten, war Wilhelm von Sternburg. Sein
Buch, 1994 noch einmal im Aufbau Verlag
ediert, ist jetzt, zum hundertdreißigsten Geburtstag, bereits zum dritten Mal gedruckt
worden, wieder bei Aufbau, wieder überarbeitet und auf den neuesten Stand gebracht.
Kein anderer Biograph hat sich über
die Jahre so ausdauernd und intensiv mit
60
Feuchtwanger.indd 2
Lion Feuchtwanger beschäftigt wie er. Für
die Neuausgabe seines Buches hat Sternburg erneut die Archive befragt, das nunmehr zugängliche Material gesichtet und
gelesen, was inzwischen über den Schriftsteller publiziert worden ist. Und so haben
Weltruhm genoss. Er hatte als Theaterkritiker und Dramatiker begonnen, 1910 einen
Roman mit dem Titel »Der tönerne Gott« veröffentlicht und bald darauf die Geschichte
von der hässlichen Herzogin Margarete
Maultasch. Der Roman »Erfolg — Drei Jahre Geschichte einer Provinz« (1930), der
ein Panorama der bayerischen Gesellschaft malte und dabei früh die nationalsozialistische Gefahr thematisierte, sowie
der Auftaktband der Josephus-Trilogie,
»Der jüdische Krieg« (1932), haben den
Ruf Feuchtwangers, einer der führenden
Schriftsteller Deutschlands zu sein, noch
vor 1933 gefestigt.
Sternburg erzählt eine Lebensgeschichte, die von Ruhm und Glanz genauso handelt wie vom harten Eingriff der Politik ins Private beim Ausbruch des Ersten
Weltkriegs, von Gefährdung und Verfolgung während der Nazizeit, von Tapferkeit, Solidarität, Exil, Fluchten, Irrtümern
(der fatalste: der Bericht »Moskau 1937«
mit der Verteidigung von Stalins Terrorprozessen), von Freundschaften, Bücherliebe, Ehe und sexueller Gier. Und natürlich geht Sternburg, im Gegensatz zu
Andreas Heusler, der gerade im Residenz-Verlag eine neue Feuchtwanger-Biographie vorgelegt hat, auch am Werk
nicht vorbei. Das alles wird souverän und
sympathisch erzählt und schließlich zu einem eindrucksvollen Epochenbild gefügt.
wir nun eine Biographie, die von Mal zu
Mal besser geworden ist, bereichert um
aufschlussreiche Details, ein Standardwerk,
ein Geschenk vor allem für begeisterte
Feuchtwanger-Leser und alle, die die Entdeckung dieses großartigen Romanciers noch
vor sich haben.
Seit seinem Roman »Jud Süß« (1925),
der fesselnden Erzählung vom Aufstieg und
Fall des württembergischen Hofjuden Josef
Süß Oppenheimer, war Lion Feuchtwanger,
1884 als Sohn eines jüdischen Unternehmers in München geboren, ein Autor, der
Populär ist Feuchtwanger noch immer,
ein »typischer Publikumsschriftsteller«, wie
Marcel Reich-Ranicki schrieb, ein hochgebildeter und fesselnder Erzähler, ein Autor,
von dem zu Recht gesagt wird, er mache
süchtig. Den Mann, der uns all die zeitkritischen und historischen Romane schenkte,
die Erzählungen und Stücke, kann man nirgendwo so gründlich kennenlernen wie in
dieser ausgereiften Biographie.
Klaus Bellin
Wilhelm von Sternburg: »Lion Feuchtwanger. Die
Biographie«, Aufbau Verlag, Berlin 2014, 352 S.,
€ 24,90.
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16.09.2014 15:44:41
Sachbuch
Die Tücken der Prominenz
Anatol Regnier erzählt von den Kindern berühmter Eltern
E
rika und Klaus Mann, Pamela Wedekind, Mopsa Sternheim — das waren die »Dichterkinder«, die damals,
in den 20er Jahren, die bürgerliche Gesellschaft provozieren und sich von ihren
berühmten Vätern abstoßen wollten. Anatol Regnier, eine Generation jünger, ist der
Sohn des Schauspielers Charles Regnier,
seine Mutter Pamela die Tochter von Frank
Wedekind. So steht er in der Mitte eines
großen, faszinierenden Kreises aus Verwandten, Bekannten, Kindheitsfreunden —
und erzählt deren Lebensgeschichten. Wer
nun lauter glückliche Kindheiten erwartet,
sieht sich getäuscht. Beneidenswert, eine
so berühmte Mutter wie die Schauspielerin Marianne Hoppe, einen so berühmten
Vater wie Hans Fallada, Peter Frankenfeld,
Hermann Prey zu haben? Mitnichten, wie
sich zeigt. Die Problematik von Kindern, deren Eltern im Rampenlicht der Öffentlichkeit
stehen, ihren Beruf über alles stellen (müssen), viel Geld haben und nur wenig Zeit
für ihre Kinder, wiederholt sich immer wieder. Das Syndrom der Prominentenkinder
ist allzu oft eine tiefe Ernüchterung.
Anatol Regnier, Jahrgang 1945, ist aufgewachsen am Starnberger See, zusammen mit zwei Schwestern und betreut von
der Großmutter Tilly Wedekind. Er war immer stolz auf die Berühmtheit des Vaters
und als Kind durchaus glücklich, nur hatte auch er meistens nicht viel von seinen
Eltern. Er hat Musik studiert in München
und London, ist Klassischer Gitarrist, Chansonsänger, ein Musiker mit Leib und Seele — und ein wunderbarer Erzähler. In den
letzten Jahren hat er das Wort als sein Ausdrucksmittel entdeckt und mehrere Bücher
geschrieben, u. a. über Tilly Wedekind
und ihre Töchter (»Du auf deinem höchsten
Dach«) und eine großartige Biografie seines Großvaters (»Frank Wedekind — eine
Männertragödie«).
Nun fragt er in seinem neuen Buch
danach, ob berühmte Eltern für die Entwicklung ihrer Kinder eher Türöffner oder
Hindernis darstellen und wie die Nachgeborenen mit ihrem Erbe umgehen. Dabei
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Regnier.indd 3
schaut er genau hin, befragt sie nach ihren Erfahrungen, zeichnet ihren Weg nach. Manche
von ihnen kennt er seit
der eigenen Kindheit,
mit anderen trifft er sich
für dieses Buch und ist
dankbar, dass sie bereit
sind, ganz offen Auskunft zu geben. Da sind
die Söhne des Ausnahmesängers Dietrich Fischer-Dieskau, Mathias
und Manuel; Diana
Kempff, die unglückliche Tochter des großen Pianisten Wilhelm
Kempff; Benedikt Hoppe, der sich später ganz in den Dienst seiner Mutter Marianne stellte. Frido Mann,
Lieblingsenkel Thomas Manns, Sohn von
Michael Mann, der zeitlebens unter dem
Übergewicht des Mythos ThM gelitten hat,
spricht unverblümt davon, wie sich durch
die Sonderstellung Belastung und Stolz mischen, durchaus »auch das Gefühl, Glück
gehabt zu haben, dabeigewesen zu sein
am Hof des Patriarchen«. Da sind Uli und
Achim Ditzen, die Söhne von Hans Fallada — eine besonders tragische Familiengeschichte. Sie haben lange gebraucht, um
sich zu ihrem Vater bekennen zu können,
bis ins eigene Alter. Nicht selten war einer
auch froh, einen anderen Namen zu tragen
als das Pseudonym des berühmten Vaters.
Fluch und Segen einer solchen Herkunft
bringt Anatol Regnier auf sensible, warmherzige Weise zur Sprache. Und natürlich
erzählt er seine eigene Geschichte, seine
Wege und Umwege, die jahrzehntelange
Suche nach seinem Platz im Leben. Mit seiner Frau, der israelischen Sängerin Nehama Hendel, hat er in Israel, in Deutschland
und in Australien gelebt. Ihre beiden Kinder, das stand von Anfang an fest, sollten in
seinem Leben auf jeden Fall mehr Raum einnehmen, als er es selber erfahren hat. Die
Stationen seiner Biografie ziehen sich als roter Faden durch das Buch, erscheinen zwi-
schen den Kapiteln über
andere Kinder der Prominenten. Gero Ehrhardt
etwa hat als Kind oft gelitten darunter, dass der berühmte Vater, der Schauspieler und Komiker Heinz
Erhardt, das gesamte Familienleben seinem Beruf
untergeordnet hat. Ferien
gab es, wenn überhaupt,
nur als Begleitung auf des
Vaters Tourneen. Strikt
vermeidet er deshalb jeden Schein von Protektion durch den Vater. Denn
einige von ihnen sind selber Künstler geworden,
Musiker, Schauspieler, Regisseure. Sie wollten sich unbedingt allein
durchsetzen, nicht immer sofort verglichen,
nicht über ihre Herkunft definiert werden.
Doch der Schatten der berühmten Eltern
schwebte zumeist weiter über ihnen.
Die Nachgeborenen, das meint nicht
nur die Generation danach: Sie sind Angehörige der Nachkriegsgeneration, geboren
nach dem Zweiten Weltkrieg, die als junge
Leute plötzlich wissen wollten, was die Eltern damals getan und gelassen haben. Deren berufliche Erfolge begannen oft in der
Zeit des Nationalsozialismus — wie viel Anpassung war nötig, wie viel Ignoranz und
Wegsehen gab es dabei? Alles nur für die
Kunst — geht das überhaupt? Allzu oft aber
hieß es in den Familien nur: Darüber spricht
man nicht … Anatol Regnier ist ein aufmerksamer Beobachter, sehr ehrlich, ohne Angst
vor eigenen Verletzungen. Unversehens erwächst so aus den Familiengeschichten ein
Stück deutscher Kulturgeschichte des 20.
Jahrhunderts. Das macht das Buch zu einem großen Erlebnis, spannend, herausfordernd, informativ und einfach gut erzählt.
Monika Melchert
Anatol Regnier: »Wir Nachgeborenen. Kinder berühmter Eltern«, Verlag C. H. Beck, München 2014,
336 S., zahlr. Abb., € 22,95.
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16.09.2014 15:58:56
Biographie
Dichter im Jahrzehnt der Extreme
Zwei neue Trakl-Biographien zum 100. Todestag des Dichters am 3. November 2014
A
m 15. Februar 1915 schrieb R.M.
Rilke an Ludwig von Ficker, Herausgeber der angesehenen Zeitschrift »Der Brenner«, der ihn mit der Dichtung Georg Trakls bekanntgemacht hatte:
»Trakls Erleben geht wie in Spiegelbildern
und füllt seinen ganzen Raum, der unbetretbar ist, wie der Raum im Spiegel. (Wer mag
er gewesen sein?)«
Unmittelbarer Anlaß zu dieser Frage:
Rilke hatte einige Tage zuvor Trakls postum
erschienenen Band Sebastian im Traum gekauft, dessen Verfasser sich am 3. November 1914 im Krakauer Garnisonsspital mit
einer Überdosis Kokain das Leben genommen hatte. »Wer mag er gewesen sein«?
Rilkes Frage beschäftigt die Trakl-Forschung
seit 100 Jahren, und der 100. Todestag
Trakls bietet Anlaß für zwei neue Biographien, die sich den bewährten älteren von
Otto Basil (1956) und Hans Weichselbaum
(1994) zugesellen.
Gunnar Deckers Darstellung legt das
Gewicht auf die Lebensumstände des nur
27 Jahre alt gewordenen Dichters und bietet damit das schon im wesentlichen Bekannte, ist aber als Einführung durchaus
nützlich und sehr gut bebildert. Bei Rüdiger
Görner steht die Interpretation des Werks
im Zentrum. Nun ist das kurze Leben Trakls
für jeden Biographen ein schwieriges Thema. Es gibt von dem Frühverstorbenen nur
wenige aussagekräftige Lebenszeugnisse,
er war nicht sehr mitteilsam und auch in seinen Briefen nicht sonderlich ergiebig. Hinzu kommt, daß die Familie, ihre bürgerliche
Reputation im Blick, bemüht war, die schriftliche Hinterlassenschaft durch Vernichtung
zu zensieren.
Dem Sohn eines angesehenen Eisenhändlers in Salzburg, wo Georg als viertes
von sechs Kindern am 3. Februar 1887 geboren wurde, erwies sich früh als Außenseiter, war schon mit 17 Jahren alkohol- und
drogenabhängig und machte auch seine
um fünf Jahre jüngere Schwester Margarete süchtig. Als sie, die 1912 in Berlin den
Geschäftsführer der Kurfürstenoper Arthur
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Trakl.indd 2
Langen heiratete, 1917 ihrem Leben selbst
ein Ende setzte, verschwand ihr gesamter
Nachlaß unter ungeklärten Umständen.
Das hat die in der Trakl-Literatur wuchernden Spekulationen befördert, den
jungen Dichter habe mit seiner Lieblingsschwester ein inzestuöses Verhältnis verbunden. Beweise gibt es dafür nicht. Gewiß,
das Thema der »Blutschuld« ist ein immer
wiederkehrendes Motiv in Trakls Dichtung, aber Rüdiger Görner macht in seinem Buch mit guten
Gründen plausibel,
daß ein im Gedicht
beherrschendes Thema zwar für die fast
obsessiv dominierende geistige Auseinandersetzung mit
der Inzest-Thematik
zeugt, doch nicht als
Beweis gelten kann
für die — auch von
Gunnar Decker unterstellte — reale Existenz solcher »Blutschuld«. Wohl aber
fügt sich dieses Motiv bruchlos in ein
Werk ein, dessen
Thema beherrscht wird von der Darstellung
von Verfall, Verwesung, Zerfall, Fäulnis, Untergang, eine Thematik, die sich auch sonst
in der Lyrik in den Jahren vor dem Ersten
Weltkrieg findet.
Die Abhängigkeit Trakls von Alkohol
und Nikotin, von Morphium und Kokain erschwerte jedoch nicht eine solide Ausbildung zum Apotheker. Trakl absolvierte erfolgreich die vorgeschriebenen Examina
und ein Pharmaziestudium an der Wiener
Universität, das er 1910 als Magister der
Pharmazie abschloß. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Trakl »Medikantenakzessist« und kam an die Front in Galizien, erlebte die verheerende Niederlage
der österreichischen Armee und die Qualen der medizinisch unterversorgten Soldaten. Nach einem Selbstmordversuch wur-
de er in die Psychiatrische Abteilung des
Krakauer Garnisonsspitals eingewiesen.
Ob der Tod durch eine Überdosis Kokain
(Herzlähmung) ein Unglücksfall gewesen
ist oder Suizid, konnte nie geklärt werden.
Görners sorgfältige Studie nimmt Trakls
schwer deutbare Lyrik nicht als Ersatz für fehlende biographische Zeugnisse; sie bleibt
aber auch in ihrer Bildersprache nicht losgelöst von der Biographie zu lesen: »Alles
erlebte er intensiv, den Überdruß und Ekel
(oft genug über sich
selbst), die Erfahrung
des Schönen im Häßlichen und des Widerwärtigen im Schönen.« In einem Brief
an die ältere Schwester Hermine vom Oktober 1908 heißt es:
»Ich glaube, es müßte
furchtbar sein, immer
so zu leben, im Vollgefühl all der animalischen Triebe, die das
Leben durch die Zeiten wälzen. Ich habe
die fürchterlichsten
Möglichkeiten in mir
gefühlt, gerochen, getastet und im Blute die Dämonen heulen hören, die tausend Teufel mit ihren Stacheln,
die Fleisch wahnsinnig machen. Welch entsetzlicher Alp!«
Der ständige Umgang mit Drogen und
Alkohol evoziert zwar Bilder, beeinflußt
aber nicht die Gestaltung des Kunstwerks.
Görner: »Das Schreiben des Gedichts setzt
sprachliche Klarheit voraus. Trakl lallt nicht
in seinen Gedichten. Das Toxische zersetzt
diese Sprache nicht. Sie scheint ohnehin
fern von der für die literarische Moderne
so wesentlichen Erfahrung einer Sprachkrise. Und wenn er in Dichtungen auf diese Erfahrung anspielt, bleibt die Sprache kontrolliert.« Wie sorgfältig Trakl an seinen Versen
arbeitete, dokumentieren die Handschriften mit ihren verschiedenen Fassungen und
zahlreichen Korrekturen.
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16.09.2014 22:26:57
Erinnerungen
Im Atelier des Malers Max von Esterle
griff Trakl eines Nachts im Dezember 1913
zu Pinsel und Farben und malte sein erschütterndes Selbstbildnis. Es »geriet ihm
zu einer Ontographie, der Darstellung seines Seinszustandes, halb grausiges Antlitz,
halb Maske; es ist das Porträt eines Heimgesuchten, der dem Tod entgegensieht, und
aus dem der Tod den Betrachter anstarrt.
Hier porträtiert sich ein lebender Toter oder
tot Lebender«, so Görner. Nur ein knap-
pes Jahr trennt Trakl noch vor seinem physischen Tod, ihn, der den psychischen schon
weitaus früher erfahren hatte und ersehnte. »Ich möchte mich gerne einhüllen und
anderswohin unsichtbar werden«, schreibt
er im Juli 1910 an seinen Freund Erhard
Buschbeck.
Seine letzte Lektüre im Krakauer Garnisonsspital, so erzählt Ludwig von Ficker,
der ihn dort kurz vor Trakls Tod besuchte,
sei ein Reclamheft mit Gedichten von Johann Christian Günther (1695-1723) gewesen. Trakl habe ihm daraus das Gedicht
»Buß-Gedanken« mit den 25 Strophen »in
einer stillen und ergreifenden Weise« vorgetragen. Der letzte Vers dieses Gedichts
lautet: »Oft ist ein guter Tod der beste Lebenslauf.«
Eckart Kleßmann
Rüdiger Görner: »Georg Trakl. Dichter im Jahrzehnt
der Extreme«, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2014, 352
S., ¤ 24,90.
Gunnar Decker: »Georg Trakl«, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2014, 96 S., 19,90
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Aus dem Inneren des Wals
Andrea Bajani schreibt über seinen sterbenden Freund Antonio Tabucchi
D
er italienische Schriftsteller Andrea
Bajani, 1975 geboren, ist auch in
Deutschland durch den bösen, effektvollen Roman »Mit herzlichen Grüßen«
bekannt geworden, der sich um einen Entlassungsschreiben-Profi dreht. Von Bajanis
langjähriger Freundschaft mit dem gut dreißig Jahre älteren großen Kollegen Antonio
Tabucchi (1943-2012) musste man bisher
nicht unbedingt etwas ahnen.
Jetzt aber ist im deutschen Verlag der
beiden ein Erinnerungsbuch Bajanis erschienen, »Erkennst du mich«. 21 Abschnitte
über einen Sterbenden
und seine Umgebung,
am Anfang die Beerdigung, dazwischen Gespräche,
Anekdoten,
zarte Auskünfte über Eigenarten des Autors von
»Erklärt Pereira«. Zu seltsamen Uhrzeiten anzurufen etwa und dann direkt mit dem Gespräch
zu beginnen. Der Titel
weist auf die Sorge Tabucchis hin, als schwerkranker, abgemagerter
Mann vom Freund nicht
mehr erkannt zu werden.
Bajani findet einen
guten Ton für die sehr persönlichen, zugleich diskreten Mosaiksteine der Erinnerung. Dass er Tabucchi anspricht, mögen
Skeptiker der direkten Anrede in der Literatur argwöhnisch beobachten. Tatsächlich
aber fügen sich die Abschnitte geschmeidig
und selbstverständlich zusammen.
Das Haar der Tochter entzündet sich an
einer Kerze am Totenbett. Die Trauernden
erschrecken sich, dann lachen sie gemeinsam. »Wir haben auch gelacht, weil lachen
laut ist, deshalb haben wir extra laut gelacht, fast tollpatschig … .« Oder: Die Trauernden hören gemeinsam Tabucchis Stimme im Radio und machen so zusammen
»die Erfahrung deines Lebens nach deinem
Tod«. Oder: Bajani denkt an einen Roman
von Simenon, in dem sich der Sohn im Haus
des gerade gestorbenen Vaters vollständig
bekleidet ins Bett legt. »Denn, sagt er, der
Tod im Haus erfordere Schamgefühl.«
Bajani erinnert sich an einen kleinen,
aber konsequent verfolgten Scherz, bei
dem sich Tabucchi am Telefon als sein eigener Bruder ausgibt. Er erinnert sich an
Tabucchis Anrufe zu später Stunde, »in
der die Zeit ganz weit wird und das Maul
aufreißt wie Pinocchios Wal … Dein Anruf
kam von dort, aus dem Inneren des Wals.«
Er erinnert sich an die
verzweifelt
nüchternen SMS-Nachrichten
des Todkranken, Bulletins nurmehr. An die Enkelin Tabucchis, die als
»kleine Krankenschwester der Stille« durch das
Haus schwebt. An die
Erschöpfung der Verwandten, die sich am
Bett abwechseln. Dem
Sohn diktiert Tabucchi noch eine Erzählung, der Sohn, nicht
gewohnt, mit Stift und
Papier rasch mitzuschreiben, ist völlig erledigt.
Dass Tabucchi auf
all das nicht mehr eingehen kann, antworten kann, markiert erneut die Katastrophe
und den Skandal des Todes. Erst recht mit
Blick auf einen lebhaften und gesprächigen
Menschen, aber auch darüber hinaus. Bajanis Wahl der direkten Anrede ist darum
perfekt. Die »Leerstelle«, die der Tod hinterlasse, schreibt er, sei ein Raum, den er nun
versucht habe, »mit meinen eigenen Dingen zu möblieren«. Denen, die noch leben,
bleibt nichts anderes übrig.
Judith von Sternburg
Andrea Bajani: »Erkennst du mich«, (a. d. Italienischen von Pieke Biermann), Deutscher Taschenbuch
Verlag, München 2014, 171 S., ¤ 9,90.
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Sachbuch
Die Sorge um unsere Kinder
Ein Blick durch die Jahrhunderte von 1500 bis heute
E
ine Kindheit ohne Sorge können wir uns
heutzutage kaum vorstellen: Erziehung
und Bildung durch Eltern, Kinderheime, Kindergärten, Vorschulen, Kinderhorte,
Vereine, Mittagsbetreuungen, Fahrdienste,
städtische und staatliche Unterstützungen
in Form von Gesetzen, Steuererleichterungen, Elterngeld, Mütterrente, Bildungsgutscheine und vieles mehr bestimmen unsere
Kinder- und Jugendzeit; in Bezug auf Kindergeld oder BaföG sogar über das 18. Lebensjahr hinaus. Kinder und Eltern profitieren enorm von diesen Angeboten.
Das war nicht immer so. Die Moderne
beginnt etwa ab 1500, so definieren sie die
Herausgeber des vorliegenden Überblicks
über die Kindheiten dieser Jahrhunderte bis
heute. Es ist eine ausgesprochen interessante Zusammenstellung von Abhandlungen
darüber, wie Kindheit jeweils gesehen wurde, wie Sorge, Erziehung und staatliches
Gemeinwohl sich mit dem Thema beschäftigt oder es eben auch vernachlässigt haben — und wie schwierig es angesichts der
heutigen Globalisierung ist, Kindheit grenzüberschreitend zu definieren.
Über Kinder wurde immer schon geschrieben, doch der Aspekt der Sorge ist
noch einmal ein anderer. Die Sorge greift
weiter als die Themen Bildung und Erziehung. Sie bezieht Eltern und Kinder gleichermaßen mit ein und erreicht einen zusammenfassenden Blick auf care-giving
und care-taking — auch im Hinblick darauf, dass Menschen als Care-Gebende oft
ebenfalls sorgebedürftig sind.
Kinderschutzgesetze kamen erst vor
wenig mehr als 100 Jahren auf, womit die staatliche Sorge als offizielle Schutzfunktion einsetzte.
Bis heute ist die Diskrepanz zwischen diesen, teils durchaus notwendigen Schritten sowie der
sich daraus ergebenden Gegensätzlichkeit zu berechtigten Elterninteressen nicht immer eindeutig
geklärt und optimiert. Dazu kommen unternehmerische Interessen,
beispielsweise in Sachen Ausbildung und Altersgrenzen.
Interessanterweise kommen
die Herausgeber trotz aller Versorgung, möglicherweise Überversorgung zu dem Schluss, dass der
heutige Wohlfahrtsstaat nicht mehr
den gesellschaftlichen Aufstieg
durch Bildung garantiert oder garantieren kann — diese Aussicht auf
einen Aufstieg aus eigener Anstrengung war jedoch immer schon ein
wichtiger Aspekt, um aus Schwierigkeiten herauszufinden und an
die eigene Zukunft zu glauben.
Das zentrale Thema des Buches: Die Sorge-Diskussion des
jeweils behandelten Zeitraumes
spiegelt stets die entsprechenden
Zeiten wider. Wo wir heute vielleicht den Kopf schütteln, waren
es damals gesellschaftliche, soziale und sonstige Aspekte, die zu
den jeweiligen Erkenntnissen und
Ergebnissen führten. Das ist übrigens heute nicht anders: Ein Bei-
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Neuedition
»Ein wahres Genie, ein Dichter«
Eine Neuedition sucht die Nähe zum Original: Wilhelm Hauffs Märchen-Almanache
E
r hatte genaue Vorstellungen von seinem Buch. Es sei »für Mädchen oder
Knaben von 12–14 Jahren« gedacht,
erklärte er, sollte »meiner Meinung nach
12–15 Drukbogen« umfassen und »eine
gewiße Eleganz im Aeußern« aufweisen.
Außerdem wünschte er einige Kupfer. Die
Texte, schrieb er im April 1825 an Heinrich Erhard vom Stuttgarter Metzler-Verlag,
habe er versucht, »so intereßant wie möglich« zu machen. Mit diesen Worten gab
Wilhelm Hauff sein Manuskript aus der
Hand, orientalische Märchen für einen Al-
manach, wobei er gleich noch hinzufügte,
»daß die Idee eines solchen Almanachs
neu und besonders in höhern Ständen vielleicht nicht unwillkommen ist, daß die Mährchen alle neu erfunden, keine ältern Geschichten wieder erzählen«. Er war sich
seines Erfolges sicher.
Wilhelm Hauff (1802–1827), klug und
selbstbewusst, glaubte an sich. Er war zweiundzwanzig Jahre alt, hatte bei Metzler
1824 anonym ein Bändchen »Kriegs- und
Volks-Lieder« veröffentlicht und lebte als
Hauslehrer in einer vermögenden Stuttgarter Familie, wo er die beiden Zöglinge häufig mit seinen Märchen unterhielt. Die Reaktion der jungen Zuhörer ermunterte ihn,
seine Geschichten auch einem größeren
Publikum, nicht bloß jüngeren Leuten ans
Herz zu legen, und Metzler griff zu. Im November 1825 erschien, herausgegeben
von Hauff, der »Mährchen-Almanach auf
das Jahr 1826 für Söhne und Töchter gebildeter Stände«. Ihm folgten noch Bände auf
das Jahr 1827 und 1828.
Diese drei Almanache hat es so, wie
sie damals gedruckt wurden, mit den
Hauff-Märchen, aber auch den Beiträgen
von Gustav Adolf Schöll, James Justinian
Morier und Wilhelm Grimm, später nie
wieder gegeben. Hauffs Texte, inzwischen
klassisches Erbe, sind immer wieder präsentiert worden, meist in Ausgaben für junge
Leser, aber nur in den Werkeditionen, zuletzt vorgelegt von Cotta, Insel und Winkler, ist die ursprüngliche Anordnung mit den
Rahmenerzählungen erhalten. Freilich fehlen auch dort die Beiträge der drei Mitstreiter. Erst jetzt, beinahe zweihundert Jahre danach, ist eine Neuausgabe auf dem
Markt, die in einem festen, braunen Pappband die Märchen-Almanache in der Gestalt, die Hauff ihnen gegeben hat, zusammenfasst, neu gesetzt, in der Orthographie
gestützt auf die 1871 erschienene (und
leichter lesbare) Sammlung der Hauff-Märchen im Verlag Eduard Hallberger, versehen zudem mit den schönen Illustrationen
des heute schwer erreichbaren Bandes.
Zu verdanken hat man das Buch Ralf
Gawlista, einem Enthusiasten, der wohl
ahnte, dass sich für sein ehrgeiziges Projekt heute kaum ein namhafter Verlag erwärmen würde, der deshalb die Sache in
die eigene Hand nahm und alles selber besorgte, den Satz, den Druck, den Einband
und am Ende auch den Absatz. Und weil
sich solche Unternehmen ohne Werbemittel, ohne Chance, irgendwo erwähnt zu
werden, nur schwer herumsprechen und somit allenfalls ein überschaubares Häuflein
Eingeweihter von dem Buch weiß, lande-
Der kleine Muck
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Porträt
Eine außergewöhnliche Künstlerin
Zum 100. Geburtstag von Tove Jansson, der Künstlerin, Schriftstellerin und Schöpferin der »Mumins«
Z
eitweise erhielt Tove Jansson (19142001) zweitausend Kinderbriefe im
Jahr. Jeder einzelne wurde persönlich und ausführlich beantwortet, weil sie
es nicht übers Herz brachte, sie unbeantwortet zu lassen. Die Finnlandschwedin ist
eine der bekanntesten Autorinnen der Welt,
ihre »Mumins« gehören zu den Klassikern
der Kinderliteratur. Am 9. August wäre sie
100 Jahre alt geworden. Doch Jansson ist
nicht nur die Schöpferin der kleinen, nilpferdähnlichen Trollwesen. Ausgestattet mit
vielerlei Talenten, war sie außerdem als Illustratorin und Kunstmalerin tätig, als Bühnenbildnerin und Dramaturgin, als Dichterin und Schriftstellerin für Erwachsene, wie
auch als Comic-Zeichnerin. Sie blieb bis ins
hohe Alter kreativ und konnte auf eine über
siebzig Jahre währende Künstlerkarriere
zurückblicken.
Eines ihrer Motti lautete »Arbeite und
liebe.« Demgemäß ist Tove Janssons Werk
so umfangreich, dass es für mehrere Künstlerleben gereicht hätte. Tove wuchs in eine
Künstlerfamilie hinein. Der Vater Viktor war
Bildhauer, die Mutter, Signe Hammarsten-Jansson, Grafikerin. »Ham«, wie sie
kurz genannt wurde, gilt als erste professionelle Briefmarkendesignerin Finnlands. Sie
war der Mittelpunkt und die größte Liebe
im Leben ihrer Tochter, eine fast symbiotische Beziehung. Auf dem Schoß der Mutter, angeblich noch bevor es laufen konnte, lernte das Kind zeichnen. Ham lehrte
ihre Tochter auch Fleiß und Selbstdisziplin, ohne die deren ungeheure Produktivität wohl nicht vorstellbar wäre. Und sie ist
das Vorbild der Mumin-Mutter, die mit ihrer
Weisheit und Wärme jede Traurigkeit vertreibt.
Mumin-Geschichten. Die heitere, gemütliche Atmosphäre des Mumintals war für die
junge Frau ein Gegenentwurf zur Trostlosigkeit der
Kriegsjahre. In der Fantasiewelt ließ es sich leichter atmen. Ebenso finden die Leser
bei den Mumins Schutz und
Trost, denn deren Welt ist von
Liebe, Freundschaft und Fürsorglichkeit erfüllt. Es geht
aber auch um die Lebensfreude inmitten von Abenteuern und Wundern: »Oh, ein
morgenmunterer Mumin zu
sein und in glasgrünen Wellen zu tanzen, während die
Sonne aufgeht.« Die Mumintrolle begegnen ihrer Umgebung und allen Geschöpfen
offen und mit freundlichem
Staunen. Viele Mumin-Bücher erzählen vom Sieg über
die Angst und davon, dass
man Veränderung und Unsicherheit akzeptieren muss —
Letzteres war ein Kerngedanke von Toves Lebensphilosophie.
Als Comic erschienen die Mumins zum
ersten Mal 1954 in der Londoner Zeitung
«The Evening News«. So beliebt wurde die
Comic-Serie, die sich an Erwachsene richtet, dass bald 120 Zeitungen in 40 Ländern
die Strips abdruckten. Nun sprachen zwanzig Millionen Leser über die Frau aus Finnland — Tove war berühmt.
Während des langen Erscheinungszeitraums der Mumin-Geschichten macht Janssons Zeichenstil Wandlungen durch. Am
klarsten ist die Linienführung in den Comics.
Mit reduziertem schwarzem Tuschestrich
erzeugt sie Emotionen, Bewegungen und
fängt den Augenblick ein. Der überwältigende Erfolg der Mumin-Comics und -Bücher stellte Toves Leben auf den Kopf; es
entstand eine regelrechte Mumin-Industrie.
Sechs Jahre lang blieb sie bei den Comics,
dann fühlte sie sich ausgelaugt und einge-
Tove hasste die Schule und
nahm bereits mit 16 Jahren ihr
Kunststudium auf. Die Mumins
wurden unter dem Eindruck des
Krieges geboren. Die Künstlerin hatte das Gefühl, der Krieg
habe ihr Leben »schwarz gefärbt«. Allein für sich begann sie
daher mit dem Schreiben der
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Kinder- und Jugendbuch
Das rätselhafte Loch
Ein unwiderstehliches Such- und Schauabenteuer für Kleine und Große
D
er Umzug ist geschafft. Ein Mann
lässt sich ein Spiegelei auf den noch
nicht ausgepackten Umzugskartons schmecken. Er scheint jung zu sein,
ein schlaksiger Typ, sympathisch. Eigentlich wird der Betrachter im Unklaren gelassen, ob es sich um Mensch oder Tier handelt; sein Kopf jedenfalls ähnelt dem einer
Maus. Bleiben wir der Einfachheit halber
bei der Bezeichnung »Mann«.
sind ratlos und schlagen vor, das Loch bei ihnen zu lassen, um weitere Tests durchführen
zu können. Der junge Mann geht nach Hause, schlüpft in seinen Pyjama und legt sich erschöpft schlafen. Noch hat er nicht entdeckt,
dass das Loch wieder frech neben der Tür
prangt …
Von der ersten Seite an staunt und kichert
man über das genial konstruierte Buch des
norwegischen Künstlers Øyvind Torseter. Das
Loch existiert übrigens tatsächlich, wurde mittig durch den kompletten Buchblock samt Einband gestanzt, so dass man es ertasten oder
hindurchgucken kann.
Beim Kauen fällt sein Blick auf die
Wand neben der Tür: Wie kommt das Loch
dorthin? Entgeistert springt der Mann auf,
um es zu untersuchen. Doch nun ist das
Loch zum Bullauge der Waschmaschine geworden. Kopfschüttelnd geht der Mann zurück in die Küche, wo
er prompt über das
Loch stolpert, das sich
dieses Mal im Boden
befindet. Ein Loch,
das sich bewegt?!
Unseren Helden gar
neckt? Seltsam! So etwas mag er sich nicht
gefallen lassen, also
fängt er das Loch ein
und packt es in einen Karton. Bringt es
in ein Labor, wo das
Loch-Phänomen untersucht werden soll.
Doch die Mitarbeiter
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Seine mathematische Position bleibt zwar
auf jeder Seite gleich, doch wegen der wechselnden Szenerie ist das Loch ständig woanders zu finden. Tarnt sich mal als Nasenloch,
dann wieder als Ampelgrün, Mond oder Autoreifen. Wie ein Irrlicht hüpft es hin und her und scheint allen eine lange Nase zu drehen
— ein Riesenspaß! Und ist es nicht unglaublich, dass ein Loch, sozusagen ein Nichts, für so
viel Trubel sorgen kann! Die teilweise kolorierten Zeichnungen konzentrieren sich auf Wesentliches. Einige wenige Sprechblasen gibt es, davon abgesehen kommt die Geschichte
ohne Text aus.
»Das Loch« ist ein
Suchbuch der besonderen Art, ein Denkspiel,
eine Graphic Novel und
vor allem ein hinreißendes Schau- und Lacherlebnis für Kinder wie Erwachsene. Chapeau!
Verena Hoenig
Øyvind Torseter: »Das Loch«,
(a. d. Norwegischen von Maike Dörries), Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2014, 64 S.,
¤ 19,95 (ab 4 Jahren und
für alle).
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Fundstück
»Chinesen, Chinesen, Chinesen!«
Johannes Wilda reiste »Von Hongkong nach Moskau«
F
rüher war der Reisende eine seltene,
geehrte Erscheinung; heute kommen
fast täglich Hinz und Kunz an, für die
es genügende Hotels gibt«, stellte Johannes
Wilda wenige Tage nach seinem Eintreffen
in Hongkong verwundert fest. Der Journalist zahlreicher Presseorgane und stolzer
Anhänger der kaiserlichen Marine, Johannes Wilda (1852 – 1934), war im Februar
1899 im Hafen der britischen Kronkolonie
an Land gegangen, um von dort eine längere Reise durch mehrere ostasiatische Länder anzutreten. Der Autor vieler Reiseberichte sowie Romane, die vorwiegend von
der Seefahrt handelten, blieb einen Monat in Hongkong, logierte ganz standesgemäß, bedauerte lediglich: »Die erste Zeit
meines Aufenthalts in Viktoria wohnte ich
im Hongkong-Hotel, einem für Ostasien typischen Hause, in dem sich besonders die
amerikanische Reklame breit macht. Man
lebt nach amerikanischem Plan, d. h. man
bezahlt eine Gesamtsumme für Zimmer,
früh Tee, substantielles erstes Frühstück …
Tee und Dinner; Getränke ausgeschlossen.
Die Summe wechselt nur nach der Güte des
Zimmers. Gewöhnlich beträgt sie in Ostasien fünf oder sechs Dollars ... Das Hongkong-Hotel war teurer«. Er konnte es sich
eben leisten.
Renntagen auf den Straßen, in den blumenund palmengeschmückten Anlagen beim
Gouverneursgebäude … zusammendrängt.
Unsere bäuerische oder niedere städtische
Bevölkerung würde sich in ihrer Festtagsgewandung außerordentlich plump, nüchtern
und ärmlich ausnehmen gegen die in bunte, oft in seidene ... Stoffe festlich gekleideten Chinesen«.
Nachzulesen in seinem 1902 veröffentlichten und dem Prinzen von Preußen
gewidmeten Reisebericht »Von Hongkong
nach Moskau«. Seine Reise verlief über
Hongkong, Kanton, Macao, Shanghai, Peking, Japan, durch die Mongolei, vorbei
am Baikalsee und zum Schluss mit der »Sibirischen Eisenbahn heimwärts«. Werfen
wir einen selektiven Blick auf seine in Hongkong und Kanton aufgeschriebenen Erlebnisse. Nur wenige Reisende konnten noch
Sensationelles aus den besuchten, exotisch
anmutenden Ländern vermelden. Auch bei
Wilda halten sich Desillusionierung und anerkanntes Staunen die Waage: »Man ist
überhaupt im Irrtum, wenn man glaubt, dass
Schmutz und unangenehmes Wesen stets
mit dem Chinesentum verbunden sei. Man
sehe sich einmal eine Volksmenge an, wie
sie am chinesischen Neujahr oder an den
Nüchtern, ja anteilnahmslos beschreibt
der Reisende, wie er von einem Träger im
Korbstuhl den Berg hinauf befördert wird:
»Man hört schon von weitem das taktmäßige Patschen der stramm und zugleich eilig
aufgesetzten nackten Füße der Träger. Der
Korbstuhl knirscht, knarrt und wiegt seine
Last auf und ab; oft schnaufen die erschöpften Kulis laut beim steilen Bergan. Die nackten Waden zeigen eine enorm ausgebildete Muskulatur; die tragende Schulter muss
riesenkräftig sein; aber die Gesichter sehen eingefallen aus, und wenn man im Stuhl
sitzt, wird das Geräusch der überarbeiteten
Lunge, das aus dem und des hinter uns gehenden Kulis uns unmittelbar trifft, zuweilen
unerträglich. Mit der Zeit freilich gewöhnt
man sich wohl an alles; der Kuli geht über
kurz oder lang an Schwindsucht ein, und ein
anderer tritt an seine Stelle. Im festen Dienst-
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Fundstück.indd 2
verhältnis beim Europäer soll er sich übrigens keineswegs überarbeiten.«
Gern gewähltes Thema in Reiseschilderungen sind Betrachtungen über das Hotelpersonal: »Amüsant war die stattliche Kellnerschar. Auf ihren Filzsohlen gleiten die
Kellner geräuschlos zwischen den Tischen
umher; sie sehen sehr sauber aus und sind
gleicherweise bei verschiedenen Gelegenheiten verschieden gekleidet. Gewöhnlich
überwiegen lange, schneeweiße Übergewänder. Die Leute haben ohnedies Weibisches in den Gesichtszügen; Tracht, Zopf
und Bartlosigkeit verstärken diesen Eindruck wesentlich; sie sind nicht hübsch, eher
das Gegenteil, und doch besitzen sie etwas
Angenehmes, ja Feines. Die kleinen „Stifte“
können manchmal ganz niedliche Kerlchen
sein ... während die meisten uns immer ruhig
und gleichmäßig oder gleichgültig aus ihren
dunklen, geschlitzten Augen ansehen.«
Wilda besucht auch die Stadt Kanton:
»Begleitet von einem alten Hauskuli, ließ ich
mich ... nach Kanton hineintragen … Es kribbelt und krabbelt überall nur so von Menschen; dabei herrscht eine erstaunliche Geräuschlosigkeit und Schweigsamkeit; bloß
meine vier Träger und die anderer Tragstühle und Sänften ... schreien fast ununterbrochen, damit man ihnen aus dem Wege
gehe. Schweigend drückt sich alles zur Seite; ich, auf meinem hohen, schwankenden
Sitze, werde mit großen Augen angesehen,
aber nirgends feindselig … Europäer sah
man nicht; nur Chinesen, Chinesen, Chinesen! ... Dann ging es auch durch menschenärmere, teilweise ganz elende Straßen;
überall erblickt man Anhäufungen von Unrat, zumal in den verfallenden Höfen der
geschmacklosen Tempel und Pagoden. Neben Betern wimmelte es hier von Kindern
und Bettlern. Diese grenzenlose Vernachlässigung seiner dem Kultus gewidmeten Stätten nimmt mit am stärksten gegen das Chinesentum ein. Es herrscht eine Pietätlosigkeit
gerade in dieser Hinsicht, die uns schlechterdings unfassbar ist.«
Karsten Schröder
Lesart 3/14
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