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1
Die vierte industrielle Revolution –
Wie verändert sie Deutschland
Rede von
Herrn Staatssekretär Dr. Schütte
anlässlich
des SAP Executive Summit 2014
Fellbach, 23.10.2014
Es gilt das gesprochene Wort!
2
Sehr geehrter Herr Leukert,
Sehr geehrter Herr Prof. Wucherer,
Sehr geehrter Herr Prof. Kagermann,
Sehr geehrter Herr Prof. Russwurm,
Sehr geehrter Herr Prof. Thomas Bauernhansl,
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Innovation kann in Deutschland ein hohes Tempo erreichen. Im April
2011 erschien in den VDI-Nachrichten ein Beitrag von Prof. Kagermann,
Prof. Wahlster und Prof. Lukas, dem zuständigen Abteilungsleiter im
Bundesministerium für Bildung und Forschung. Darin wurde der Begriff
„Industrie 4.0“ erstmals genannt und definiert. In November desselben
Jahres verabschiedete die Forschungsunion der Bundesregierung ein
gleichnamiges Zukunftsprojekt. Zur Hannover Messe 2013 nahm die von
BITKOM, VDMA und ZVEI getragene „Industrieplattform Industrie 4.0“
ihre Arbeit auf. In nur zwei Jahren entstanden also aus einer griffigen
und nachvollziehbaren Idee eine von der Bundesregierung mit
200 Mio. € finanzierte Forschungsagenda, Forschungsprojekte und eine
Organisation für Koordination und Transformation in die Praxis. Industrie
4.0 ist heute Allgemeinwissen und sogar schon ein Modebegriff für die
Tagespresse.
Um was es bei Industrie 4.0 geht, muss ich Ihnen gegenüber nicht im
Detail erklären. Lassen Sie mich der Klarheit wegen aber stichwortartig
festhalten,
woraus
die
Kernpunkte
bestehen,
und
dann
die
Herausforderungen für unser Land, die Schlussfolgerung für die
Bundesregierung
und
die
Chancen
Wirtschaft und Gesellschaft benennen.
2
und
Herausforderungen
für
3
1) Industrie 4.0 ist die Brücke zwischen realer und virtueller Welt für
die Produktion. Vernetzte eingebettete Systeme ermöglichen
deutlich höhere Effizienz und kundenindividuelle Produkte zu den
Kosten einer Fließbandproduktion.
2) Wie alles andere beim Internet der Dinge und Dienste bedeutet auch
Industrie 4.0 umfassende Vernetzung. Vernetzung bedeutet aber
eine viel höhere Prozesskomplexität als bisher, die beherrschbar
bleiben muss. In der Produktion muss nicht allein die Technik,
sondern vor allem die Organisation grundlegend umgestaltet werden.
3) Und
schließlich:
Heutige
Industrieproduktion
lebt
von
der
Qualifikation der Mitarbeiter. Industrie 4.0 lebt von noch deutlich
höherer
Fachkompetenz.
Industrie
4.0
verlangt
daher
nach
Weiterentwicklung der beruflichen Bildung und der akademischen
Qualifikation. Vergessen wir dabei nicht: Industrie 4.0 verlangt auch
vom Management neue Fähigkeiten zur Planung und Steuerung
solcher Prozesse.
Kurz gesagt, trägt die Brücke zwischen realer und virtueller Welt nur
dann, wenn wir die durch Vernetzung entstehende Komplexität
beherrschen lernen. Neue Technik ist nur kleiner Teil der Aufgabe,
wichtiger sind neue Formen der Prozess- und Arbeitsorganisation.
Umsetzbar ist das nur durch die Kooperation von Forschung und
Industrie, damit Ergebnisse aus der Forschung in die Praxis „passen“.
Die „Plattform Industrie 4.0“ von ZVEI, VDMA und BITKOM ist hierfür
eine wichtige Grundlage.
3
4
Das, meine Damen und Herren ist die Ausgangslage heute.
Wie Sie sehen, ist Industrie 4.0 eine anspruchsvolle Aufgabe. Zugleich
sehen wir, dass die Umsetzung in die Praxis noch viel anspruchsvoller
ist. Denn die Diskussion um Industrie 4.0 hat Reaktionen hervorgerufen,
die sich derzeit in vier verschiedenen Feldern verorten lassen:
1. Die Vorreiter. Die letzten zwei Jahre Werbung für Industrie 4.0 haben
einen positiven Effekt gehabt: Viele innovative Industriekunden sehen
große Potentiale in Industrie 4.0 und wollen dies bei sich realisieren.
Sie fragen selbst bei uns im Ministerium nach Checklisten und
Handlungshilfen. Sie fragen bei Maschinen- und Anlagenbauern nach
neuen Industrieanlagen, die Industrie 4.0-tauglich sind. Leider gibt es
aber die Maschinen und Anlagen noch nicht, die die Idee von
Industrie 4.0 auch systematisch umsetzen. Es gibt also eine Gruppe
interessierter Vorreiter in der Industrie, für deren Bedarfe es derzeit
keine passenden Angebote gibt. Hier besteht die konkrete Gefahr,
dass wir die engagiertesten Mitstreiter auf absehbare Zeit frustrieren
und demotivieren.
2. Die Desinteressierten. Es gibt auch einen Kontrapunkt. Ergebnis
einer im September 2014 veröffentlichten repräsentativen Umfrage
der DZ Bank bei mittelständischen Industrieunternehmen in den für
Industrie 4.0 einschlägigen Branchen war, dass digitale Technologien
in der Produktion dort heute bei etwa 50% der Unternehmen keine
oder nur eine geringe Rolle spielt.
Noch sehr viel wichtiger aber ist: Etwa 40% dieser Unternehmen
erwartet eine geringe Rolle digitaler Technologien in der Produktion
auch für die Zukunft.
4
5
Die Digitalisierung der Produktion ist nur für weniger als 50% der
Mittelständler Teil der Geschäftsstrategie. Und das alles, obwohl
68% aller Befragten mit der Digitalisierung der Produktion eine
Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit verbinden und 55% eine
kundenindividuelle Produktion. Eindeutig zeigt sich hier: Die Chancen
von Industrie 4.0 sind auch hier sehr wohl bekannt. Sie werden
dennoch nicht in eine Unternehmensstrategie umgesetzt. Hier gibt es
noch Überzeugungsarbeit zu konkreten Fragen zu leisten, die nicht
nur aus Werbebotschaften bestehen kann.
3. Sicherheit . Einen wesentlichen Grund für diese Zurückhaltung macht
diese Statistik auch klar ablesbar. Wir alle kennen diesen Grund aber
ebenso aus zahlreichen Gesprächen mit Industrievertretern: Nicht
weniger als 90% der Befragten geben hohe Anforderungen an die
Datensicherheit als das Problem an, das sie für das Dringlichste bei
der Digitalisierung der Produktion halten, 80% mögliche Probleme
mit der Stabilität der IT-Infrastruktur. Die Gespräche, die Sie und
die wir zu dem Thema führen, dürften genügend verschiedene
Argumente zutage gefördert haben. Klar ist: Sicherheit und
Zuverlässigkeit sind die entscheidenden Faktoren bei der Integration
von IT in industrielle Prozesse.
4. Normierung. Ein zweiter wesentlicher Grund für Skepsis ist die
fehlende Investitionssicherheit. Welche Technik wird sich durchsetzen
und sich als zukunftsfähig erweisen? Welche Technik wird eine
Insellösung bleiben, die überholt ist, bevor sich die Investition
amortisiert hat? Und viel wichtiger: Welcher Technikanbieter wird für
langlebige Industrieanlagen auch in 20 Jahren noch den Support
5
6
leisten? Niemand kann in die Zukunft blicken und diese Fragen
eindeutig beantworten. Umso wichtiger ist es, IT-Systeme zu
entwickeln, die so interoperabel und offen sind, dass Kunden in der
Industrie verschiedene Komponenten nach Bedarf zusammensetzen
und ihren Bedarfen gemäß auch zukunftsoffen anpassen können. Die
Alternative ist eindeutig: Entweder raufen sich die Anbieter auf der ITSeite in naher Zukunft zu offenen Standards für umfassende
Interoperabilität zusammen, oder ihre Kundschaft wird weiter warten,
ob ihr Investment sicher ist und sich vielleicht lohnen kann.
Das, meine Damen und Herren, fügt sich bei genauer Betrachtung zu
einer klassischen SWOT-Analyse zu Industrie 4.0:
• Unsere Stärken sind die Vorreiter
• Unsere Schwäche sind die Desinteressierten
• Unsere Chance liegt in der Sicherheit
• Unsere
Herausforderung
ist
die
Normierung,
um
die
Interoperabilität der IT-Systeme herzustellen.
Und das, meine Damen und Herren, sind nur die Punkte, die heute aus
technischer und ökonomischer Sicht mit der Idee von Industrie 4.0
verbunden werden und über die mit uns diskutiert wurde und wird.
Alle diese Reaktionen sind Indizien des Wandels, der vor uns liegt. Wir
haben diesen Wandel mit dem Begriff Industrie 4.0 lediglich auf eine
handliche Formel verdichtet. Was heute viele Unternehmen eindeutig
schon in Umrissen erkennen, aber in der Tiefe noch nicht durchdrungen
haben, ist, wie fundamental dieser Wandel ist. Lassen Sie mich diese
6
7
eben
kurz
zusammengefassten
Reaktionen
und
Positionen
in
grundlegende Felder des Wandels übersetzen.
1) Industrie 4.0 bedeutet die Verschmelzung von IT und Industrie,
nicht bloß eine intensivere Verbindung.
Die
gegenüber
Industrie
4.0
als
Vorreiter
einzuordnenden
Unternehmen sind nicht nur sehr handfest, wie es typische „Metaller“
nun
mal
sind,
sondern
haben
schon
konkrete
Ideen
von
Arbeitserleichterungen und Effizienzgewinnen durch den IT-Einsatz.
In einigen Köpfen steckt da die Idee von der Steuerung einer Fabrik
per Smartphone. Das ist die praktische und attraktive Seite.
Industrie 4.0 bedeutet aber weit mehr, nämlich die Vernetzung mit
Kunden und Zulieferern und die schnelle Koordination von Nachfrage
mit den Produktionskapazitäten. Hierfür sind die Produktionsprozesse
in den nächsten Jahren grundlegend neu zu organisieren. Und weil
sich die gesamte Produktionslandschaft nicht schlagartig verändert,
sondern schrittweise, bedeutet dies dauerhafte innerbetriebliche
Veränderungen auf technischer und organisatorischer Ebene
über einen langen Zeitraum.
Wir reden aktuell über Veränderungen auf technische Ebene. Schon
dabei klafft eine tiefe Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
Lassen Sie mich diese Runde nutzen, um unsere Erfahrungen dabei
etwas zu umreißen.
Das BMBF fördert die Entwicklung intelligenter, flexibler „plug–andplay“-fähiger Produktionssysteme nicht erst seit gestern. 2009 wurden
Fördervorhaben
zu
„wandlungsfähigen
Produktionssystemen“
ausgeschrieben, „Intelligente Vernetzung in der Produktion“ 2011.
7
8
Seither
wurden
zu
Industrie
4.0
mehrere
weitere
Förderbekanntmachungen herausgegeben. Die Erfahrungen aus all
diesen Fördermaßnahmen seit über fünf Jahren, die alle nach
intensiven Gesprächen mit Industrie und Forschung umgesetzt
werden, machen nachdenklich.
Softwaresysteme für Industrie 4.0 müssen ökonomisch tragfähig
produziert werden, dabei leistungsfähig und zuverlässig sein und trotz
wachsender Komplexität beherrschbar bleiben. Das erklären uns
Maschinen- und Anlagenbauer und sagen auch, welche Probleme sie
bei der Softwareentwicklung schon heute haben. Sie benötigen
modernste Software-Entwicklungsmethoden. Das BMBF würde dies
gern unterstützen.
Wenn es aber darum geht, die völlig zersplitterte Landschaft der
Systemsoftware
in
diesem
Sektor
zu
konsolidieren
und
die
Systementwicklung zu erleichtern, dann sinkt das Interesse an der
Mitwirkung auf Industrieseite ganz dramatisch. Das Festhalten an der
althergebrachten eigenen Nische überwiegt, wird sogar als Ziel einer
Förderung gefordert. Statt eigene Anstrengungen zu machen, wird
teilweise sogar begrüßt, wenn das „Betriebssystem für Industrie
4.0“ bald von Google oder Microsoft käme. Genau darin kann ich
wiederum keine echte Perspektive sehen.
Aber nicht nur die Software ist das Problem. Die Systeme müssen
miteinander kommunizieren. Hier arbeitet die Industrieplattform
Industrie 4.0 an Standards. Und auch hier lässt sich der Eindruck
nicht vermeiden, dass das Engagement umso mehr schwindet, je
konkreter die Lösung wird. Das Internet und sein System der offenen
Standards hat schon einmal gesiegt – und zwar gegen die größten
Unternehmen der IT-Branche. Dieses System der Normierung wird
8
9
sich auch gegen jeden durchsetzen, der im Maschinen –und
Anlagenbau an seiner Spezialentwicklung festhalten will. Auch hier
kann ich nur jedem dazu raten, an der Gestaltung der entstehenden
Interoperabilitätsstandards
mitzuwirken,
der
ein
Interesse
an
passfähigen Lösungen hat, bevor es zu spät ist.
Aber
es
ist
nicht
nur
die
Technik.
Veränderungen
auf
organisatorischer Ebene – vor allem, wenn sie länger andauern sind
besonders
ermüdend
und
risikoreich.
Es
gibt
keine
Patentrezepte. Wer mit den ersten Schritten sehr gut gestartet ist,
kann von anderen mit besseren Konzepten überholt werden und am
Ende nicht als Gewinner dastehen. Die in der Umfrage als eher
Desinteressierte zu bewertenden Anwenderunternehmen mögen
dieses Risiko sehen und es scheuen.
Die Perspektive kann aber nicht sein, Veränderungen von sich zu
weisen.
Für
diesen
Veränderungsprozess
kann
die
sinnvolle
Perspektive nur der Austausch über funktionierende Abläufe und
den effizienten Technikeinsatz sein. Hier hilft ein Konkurrenzdenken
nicht weiter.
Ich habe dies schon von Anfang an gesagt, dass Industrie 4.0
weniger neue Technik ist als die Gestaltung und Umsetzung neuer
Organisationsformen.
Ohne
Vernetzung
und
Austausch
von
Erfahrungen wird dieser Wandel nicht gemeistert werden können.
Hier sind alle Beteiligten aufgefordert, heute mitzuwirken, statt auf das
Morgen zu warten.
2) Daten
sind
ein
Produktionsfaktor.
Wir
leben
in
einer
Informationsgesellschaft. Das wissen wir seit Ende der 1960er, also
schon
über
40
Jahre.
Begriffe
wie
„digitale
Wirtschaft“,
„Netzökonomie“ und anders entlarven jedoch, dass viele bisher so
9
10
getan haben, als seien Daten als Produktionsfaktor nur etwas für eCommerce oder webbasierte Anwendungen, oder allenfalls wichtig für
die Logistik und die just in time-Produktion. Bisweilen wird der
Produktionsstandort
Deutschland
als
Gegenmodell
zur
Internetökonomie dargestellt, so als hätten Produktion und IT nur
wenig miteinander zu tun.
Richtig
ist
das
Gegenteil:
Deutschland
ist
heute
noch
Produktionsstandort wegen seiner Hochtechnologieprodukte und der
Kompetenz in darin eingebetteter IT. Industrie 4.0, Big Data und das
heutige - eigentlich aus den 1980er Jahren stammende - Modewort
der „Digitalisierung“ machen nun jedem absolut unmissverständlich
klar: Reale Daten aus der Produktion sind heute Produktionsmittel,
Big Data ist die Technik, die Schätze darin zu heben.
Wir
haben
vorhin
das
Umfrageergebnis
gesehen,
das
die
Befürchtungen vor dieser steigenden Bedeutung der Daten recht
deutlich gemacht hat. Der Zugriff auf die Betriebsdaten ist dabei aber
nur die Spitze des Eisberges. Insgesamt werden sich die Gewichte
zwischen
produzierenden
Industrie-
und
analysierenden
IT-
Unternehmen verschieben. Wer davon am meisten profiziert, wird von
der Fachkompetenz und der visionären Stärke einzelner Unternehmer
abhängen – aus der IT genauso wie aus dem Maschinen- und
Anlagenbau. Der Automobilsektor hat diesen Weg der Nutzung von
Daten aus den Fahrzeugen der Kunden schon eingeschlagen und
daraus einige Vorteile gezogen.
Entscheidend
ist:
Dieser
Wandlungsprozess
ist
kein
Nullsummenspiel, bei den es Verlierer geben muss. Hier entstehen
völlig neue Märkte mit ganz neuen Chancen. Verlieren wird hier allein
10
11
der, der sich nicht darauf einlässt und die Entwicklung zu ignorieren
versucht.
3) Sicherheit
trotz
Offenheit.
Ganz
unabhängig
von
aktuellen
Medienberichten werden wesentliche Bedenken gegen Industrie 4.0
und die vernetzte IT in Produktionsprozessen begründet mit Fragen
nach Sicherheit und Zuverlässigkeit. Das, meine Damen und
Herren sage ich hier ausdrücklich, ist völlig richtig. Viele IT-Systeme
in Produktionsanlagen sind auf eine umfassende Vernetzung nicht
vorbereitet. Es gibt viele etablierte Sicherheitsmechanismen, die aber
in der IT für Produktionssysteme oft noch fehlen. Der Grund ist nicht,
dass diese Mechanismen untauglich wären, sondern, dass ihre
Beachtung einfach keine Rolle spielt. Und das, obwohl die Kunden für
mehr Sicherheit auch mehr aufwenden würden. Auch hier scheint mir
das Denken in abgeschotteten Technikwelten noch sehr stark.
Wir haben in verschiedenen Forschungsvorhaben für die speziellen
Erfordernisse an die Sicherheitswerkzeuge und –techniken für
Industrie 4.0 robuste und praktikable Lösungen erarbeiten lassen. Wir
sind jetzt in der Diskussion um eine industriegeführte Referenzlösung
für IT-Sicherheit in Industrie 4.0.
Das Denken in abgeschotteten Technikwelten ist aber genau so
sichtbar bei der grundlegenden Vernetzung und der Offenheit der
Standards. Auch hier gibt es noch viel zu viele nicht interoperable
Lösungen, die für sich allein weder den Markt dominieren können
noch in der Nische zukunftsfähig sind.
Offenheit und Sicherheit sind untrennbar miteinander verbunden. Sie
sind beide die Voraussetzung für Industrie 4.0. Wir sollten die
Entwicklung dieser Kernbausteine nicht allein anderen überlassen.
11
12
4) Zukunftsfähige Qualifikation. Industrie 4.0 bedeutet massive
Änderungen
–
insbesondere
bei
Arbeitsprozessen
und
Arbeitsinhalten. Daher ist eine weitere Frage, die zunehmend gestellt
wird, die nach den Qualifikationsbedarfen der Facharbeiter in den
Betrieben, der praxiserfahrenen Ingenieure und vor allem in der
Ausbildung, die neue Mitarbeiter mitbringen sollten. Ansätze und erste
Projekte dazu existieren bei verschiedenen Unternehmen. Von einer
Systematisierung oder so etwas wie einer Fortbildungsordnung sind
wir aber noch weit entfernt. Dies gilt für alle Beteiligten. Auch hier
steht uns noch Arbeit bevor. Wir haben dieses Thema zum Ziel einer
Initiative mit den Sozialpartnern im Rahmen des IT-Gipfels gemacht.
Lernförderliche Arbeitsumgebungen und -prozesse sind ein Ziel von
Forschungsprojekten im Förderprogramm „Innovationen für die
Produktion, Dienstleistung und Arbeit von morgen“.
Meine sehr geehrte Damen und Herren,
jeder Neuerungsprozess bedeutet Anstrengungen für alle Beteiligten, um
die Chancen des Wandels auch wahrnehmen zu können. Industrie 4.0
ist so ein grundlegender Wandel, für den es keinen Masterplan gibt.
Dieser Prozess muss in der Breite der Unternehmen umgesetzt werden.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung will diesen Wandel
auf drei Ebenen unterstützten – auf Ebene der Technik, der Organisation
und der Qualifikation.
1) Zur Technikebene: Die Förderung von Verbundprojekten zur
Technikentwicklung ist das klassische Instrumentarium des BMBF.
Hier
gehen
wir
im
BMBF
mit
Technikfeldern voran.
12
einem
Aktionsplan
auf
vier
13
a) Eingebettete IT-Systeme sind die Grundlage für Industrie 4.0. Zur
Unterstützung wurde hier ein Schwerpunkt „Hochintegrierte 3DElektroniksysteme für die intelligente Produktion“ gesetzt. Die
Hardware für Industrie 4.0 wird zu einem Schwerpunkt der
Mikroelektronik-Strategie des BMBF.
b) Die Softwareentwicklung stößt in der Branche schon heute an
ihre Grenzen. Die Anforderung an die Software wird durch Industrie
4.0 noch immens zunehmen. Das BMBF will daher die Entwicklung
einer
Software-Referenzarchitektur
für
Industrie
4.0
unterstützen – das Stichwort hierzu lautet „Betriebssystem
Industrie 4.0“, wenn es denn hierzu das Interesse gibt. Ziel sollte
eine offene, modulare und praxistaugliche Entwicklung sein, die
vorrangig
der
deutschen
Industrie
und
ihren
spezifischen
Erfordernissen hilft, nicht der Datensammlung globaler IT-Größen.
c) IT-Sicherheit ist ein erfolgskritischer Faktor für ausfallsichere
Produktion,
den
Know-How-Schutz
Wirtschaftsspionage.
und
den
Schutz
vor
Bestehende Sicherheitslösungen in der
Industrie sind nicht mehr anwendbar; Produktionsbetriebe stellen
an die IT-Sicherheit wiederum ganz eigene Anforderungen. Das
BMBF wird daher für Industrie 4.0 in der IT-Sicherheitsforschung in
enger Abstimmung mit den Anwendern entwickelte, bezahlbare
und praxistaugliche Sicherheitslösungen entwickeln und eine
industriegeführte Referenzlösung fördern.
d) Industrie 4.0 muss auf dem Hallenboden ankommen. Das
überzeugendste
Argument
dafür
sind
ökonomische
Erfolgsstories. Mit einer Förderbekanntmachung sucht das BMBF
Best-practice-Projekte zu ökonomischen Vorteilen von Industrie
4.0 im Mittelstand, um Industrie 4.0 in die Breite zu bringen.
13
14
Aber von der Technik jetzt
2) Zur Organisationsebene: Um im Zeitalter von Industrie 4.0
maßgeschneiderte Produkte zu den Kosten einer Massenanfertigung
anzufertigen,
sind
neue
Arbeitsorganisation
Arbeitsprozesse
nötig.
Forschungsprogramm
Das
und
BMBF
"Innovationen
für
Formen
der
verfolgt
die
im
Produktion,
Dienstleistung und Arbeit von morgen" – als wichtiger Baustein der
neuen
Hightech-Strategie
technischen
und
Wirtschaftsstandort
–
die
sozialen
Suche
nach
Fortschritt
Deutschland
soll
im
Lösungen,
verknüpfen.
globalen
die
Der
Wettbewerb
nachhaltig gestärkt werden. Zugleich sollen zukunftsfähige und
sozialverträgliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Allein für dieses
Programm zu sind bis 2020 insgesamt Fördermittel des BMBF in
Höhe von etwa einer Milliarde Euro vorgesehen.
3) Zur Qualifikationsebene: Um die heutigen Mitarbeiter fit zu machen
für das Zeitalter von Industrie 4.0 und die Qualifikationsinhalte für den
Nachwuchs an die Anforderungen der Zukunft anzupassen, hat die
vom BMBF geleitete Arbeitsgruppe „Bildung und Forschung“ auf dem
IT-Gipfels Anfang dieser Woche beschlossen, eine Initiative zu
Systematisierung bestehender Angebote und Strukturierung von
Qualifikationsanforderungen zu starten. BMBF, Industrie, Verbände
und
Sozialpartner
Entwicklung
von
werden
zusammen
Kompetenzen
für
daran
Industrie
arbeiten,
4.0
an
die
die
Anforderungen der Zukunft anzupassen. Ziel ist es, Fort- und
Weiterbildungen ebenso zu modernisieren wie die Erstqualifikation.
14
15
Auf diesen drei Ebenen – Technik, Organisation und Qualifikation – wird
BMBF die Unternehmen darin unterstützen, den Weg hin zu Industrie 4.0
zu beschreiten und die sich bietenden Chancen auch zu nutzen. Wie Sie
an der Förderbekanntmachung zu best-practice-Projekten und dem
Förderprogramm „Innovationen für die Produktion, Dienstleistung und
Arbeit von morgen“ sehen, spielen dabei nichttechnische Aspekte heute
und in Zukunft eine große Rolle.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Die deutsche Industrie verfügt heute über eine gute Ausgangsposition
und Fähigkeiten, um Industrie 4.0 Realität werden zu lassen. Die
Bundesregierung kann hier Hilfestellungen geben. Die Umsetzung aber
liegt in den Händen der Wirtschaft. Nur in den Unternehmen, und zwar
dort, wo Investitionsentscheidungen getroffen werden, wird darüber
entschieden, ob sich die deutsche Industrie für die Zukunft rüstet und sie
die in diesem Wandel liegenden Chancen auch zu nutzen versteht.
Ich sehe, dass die gegenwärtige Phase der Entwicklung mit großen
Unsicherheiten belastet ist, die Investitionsentscheidungen schwierig
machen. Und doch gibt es eine Gewissheit: Die einzige Lösung, die
nicht funktionieren wird, ist, die Entwicklung zu Industrie 4.0 zu
ignorieren.
Die Ausgangslage in der Industrie – im Maschinen- und Anlagenbau,
aber auch der IT - ist sehr gut. Wir haben die Mittel und dir Fähigkeiten,
die Zukunft auszugestalten. Ich glaube trotz allen Bedenken, dass wir
allen Anlass haben, zuversichtlich zu sein, dass dies auch gelingt.
15
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