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Gemeinde_leben_4_15_web.pdf - Evangelisch

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BARRIEREFREIE ELEKTRONISCHE
LEHRMITTEL IM EPUB 3 - FORMAT
MACHBARKEITSSTUDIE
Allerdings bedarf es auch zukünftig weiterer Anstrengungen, um das
Bildungssystem auf allen Bildungsstufen durch den Abbau von
Hindernissen und falls erforderlich mit positiven Massnahmen für
Menschen mit Behinderungen gleichermassen zugänglich zu machen
wie für Nichtbehinderte.
Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen 2004 – 2009;
Entwicklungen und Herausforderungen. November 2009. Bericht des
Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Menschen mit
Behinderungen EBGB1
1
Die Aussage von 2009 ist auch heute noch zutreffend.
Seite 1 von 158
Die vorliegende Studie wurde im Rahmen des Projektes Barrierefreie
elektronische Lehrmittel im EPUB 3 – Format unter der Leitung von „Zugang
für alle“, Schweizerische Stiftung zur behindertengerechten
Technologienutzung (www.access-for-all.ch) zusammen mit verschiedenen
Projektpartnern (siehe Kapitel 05) zwischen Februar und September 2014
erarbeitet.
Redaktion: Bernhard Heinser [Stiftung „Zugang für alle“ / DAISY Consortium]
© Stiftung „Zugang für Alle“, Zürich, Oktober 2014. Alle Rechte vorbehalten.
Die Studie wird auf der Webseite (www.epub3.ch) publiziert und darf unter
Nennung der Quelle weiter verwendet werden.
Das Projekt und die Erarbeitung der Studie wurden vom Eidgenössischen Büro
für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB) mit einem
finanziellen Beitrag unterstützt.
Seite 2 von 158
INHALTSVERZEICHNIS
EXECUTIVE SUMMARY
Die These
Dank
Technische und politische Dimension
Der historische Zeitpunkt ist günstig
Aufbau der Studie
LESEN UND SCHREIBEN KÖNNEN – EIN VORWORT
Selbstbestimmtes Leben und Ausbildung
Zwei Bedeutungen
TEIL A
DAS PROJEKT IM ÜBERBLICK
01
Worum es geht – kurz und bündig
01.01
01.02
01.03
Die Sonderpädagogik – Öffentlicher Bildungsauftrag
Standardisierung für elektronische Publikationen
Eine Chance für Barrierefreiheit
02
Vision – Mission – Aufgaben – Risiken
02.01
02.02
02.02
02.04
Vision
Mission
Aufgaben
Risiken
03
Zeithorizont und Zeitpunkt
03.01
03.02
Zeithorizont
Je früher desto besser
04
Vorgehen
04.01
04.02
Vorprojekt – Studie
Folgeprojekt(e)
05
Die Projektpartner
05.01
05.02
05.03
Stiftung „Zugang für alle“ [Projekt-Lead]
DAISY Consortium
Schweizerische Fachstelle für Informationstechnologien im
Bildungswesen SFIB
LerNetz AG
cellCIPS – Cellule de Coordination Informatique Pédagogique
Spécialisée
Blindenschule Zollikofen
05.04
05.05
05.06
Seite 3 von 158
05.07
Schule der Stadt Zürich für Sehbehinderte (SfS)
TEIL B
ALLGEMEINE RAHMENBEDINGUNGEN
06
Technologie-Entwicklung und barrierefreie Literatur
06.01
06.01.01
06.01.02
06.01.03
06.02
06.03
Historischer Abriss
Blindenschrift
Audio
Vergrösserungen
Die nächste Stufe – das Enhanced eBook
Kernpunkte
07
Internationale und nationale Bestrebungen zu mehr
Inklusion im digitalen Zeitalter (2000 – 2014)
07.01
07.02
07.03
07.04
07.05
07.06
07.07
07.08
07.09
UN World Summit on the Information Society (WSIS)
Riga Ministerial Declaration on eInclusion
Europäische Union
Bundesrätliche Strategien zur Informationsgesellschaft
IKT-Strategie der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK)
Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG)
WIPO Marrakesh Treaty
Statistische Daten Schweiz
WHO World Report on Disability und UNICEF Children with
Disabilities Report
Die UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities
Die Schweiz hat das Abkommen ratifiziert
Die Konvention und barrierefreie IKT
Tabellarische Übersicht 1: UNO-Konvention und IKT
Tabellarische Übersicht 2: Internationale und nationale
Bestrebungen für mehr eInclusion
07.10
07.10.01
07.10.02
07.11
07.12
TEIL C
DER BEREICH SONDERPÄDAGOGIK IN DER SCHWEIZ
08
Rechtliche Rahmenbedingungen
08.01
08.02
08.03
08.04
08.05
08.05.01
08.05.02
Öffentlicher Bildungsauftrag - Behindertenbegriff
Sonderpädagogik-Konkordat
Tabellarische Übersicht 3: Die Neuordnung der Sonderpädagogik
Die grossen sozio-politischen Entwicklungslinien
Änderungen herbeiführen – Widerstände überwinden
Veränderung der Einstellung
Die Art der Behinderung im medizinischen Sinne und der
besondere Bildungsbedarf
Integration in die Regelklasse – wie soll das funktionieren?
08.05.03
Seite 4 von 158
09
Sonderschulung – ein durchlässiges System
09.01
09.02
09.03
09.04
09.05
09.06
Vorbemerkung
Sonderschulung
Sonderschule - Tagesstruktur - Stationäre Unterbringung
Regelschule – Integrative Schulung
Leistungsanbieter
Tabellarische Übersicht 4: Das durchlässige System der
Sonderschulung
TEIL D
ZUGÄNGLICHE LEHRMITTEL – DIE GEGENWÄRTIGE
SITUATION
10
Die Kantone und barrierefreie Lehrmittel
10.01
10.02
10.03
Ausgangslage
Fortführung des Hergebrachten
Zukunftsperspektiven
11
Die Herstellung barrierefreier Lehrmittel
11.01
11.02
11.03
Vorbemerkung
Kosten und Finanzierung
Von der Feststellung des Bedarfs zur Herstellung von
Barrierefreiheit
Generelles
Der übergeordnete Prozess – modellhaft
Die Umformatierungsprozesse im Überblick
Einscannen
Zwischenhinweis
Strukturanalyse
Speziell anforderungsreiche Elemente
Blindenschrift
Hörbuch im DAISY-Format
Vergrösserungen
11.03.01
11.03.02
11.04
11.04.01
11.04.02
11.04.03
11.04.04
11.04.05
11.04.06
11.04.07
12
Die Hauptproblematiken im gegenwärtigen System der
Bereitstellung barrierefreier Lehrmittel
12.01
12.02
12.03
12.04
12.05
12.06
12.06.01
12.06.02
12.06.03
12.06.04
Herstellung von Barrierefreiheit „ex post“
Späte Entscheidung für eingesetzte Lehrmittel
Lehrmittelvielfalt
Tröpfchen auf heisse Steine
Die Quadratur des Kreises – Fragmentierungen
Bilanz
Alltägliche Produktionserfahrung
Generell gesehen
Was lässt sich verbessern?
Die Lehrmittel im Zeitalter des Digitalen
Seite 5 von 158
TEIL E
DAS LERHMITTELVERLAGSWESEN AN DER SCHWELLE
DES DIGITALEN ZEITALTER
13
Viele Fragen und Unsicherheiten
14
Produktionsprozesse im Verlag
14.01
14.02
14.03
14.03.01
14.03.02
14.03.03
14.04
14.04.01
14.04.02
14.05
14.05.01
14.05.02
14.05.03
Einleitung
Druckorientierung – ein Ausgabeformat
Viele Ausgabeformate und Multimedia
Bildschirme: Small – Medium – Large
Vertriebsplattformen
Multimedia
Das Einfache eBook – das Enhanced eBook
Das Einfache eBook
Das Enhanced eBook
Wie Lehrmittelverlage die Vielfalt von Ausgabeformaten und die
Komplexität von Lehrmitteln integrieren könnten
Zwei Annahmen
Eine gute Strategie – Flexibilität sicherstellen
Eine gute Lösung – Ausgabeformat-neutrale Datenhaltung
15
Multimedia und Interaktivität - neue Produktformen
16
Interdependenz von Produkt und Wiedergabe
17
Wachsende Interdependenz zwischen Schulwesen und
Verlagswesen
18
Normen – wo sie helfen
19
Interoperabilitäten
20
Tabellarische Übersicht 5: Interoperabilität des
Gesamtsystems
TEIL F
GRUNDLEGENDES ZUR BARRIEREFREIHEIT VON
BÜCHERN IM DIGITALEN ZEITALTER
21
Einleitendes – das Was und das Wie
21.01
21.02
Das Was – der Stoff – der Wissensgehalt
Das Wie – die Vermittlung des Was
22
Navigierbarkeit
22.01
22.02
22.03
Navigieren im gedruckten Buch
Navigieren im elektronischen Buch
Wo liegen die Probleme?
23
Wiedergabe-Modi
Seite 6 von 158
24
Wahrnehmungskanäle
25
Wiedergabesysteme
TEIL G
DER STANDARD EPUB 3
26
Die eBook – Landschaft
27
Die EPUB 3 – Revisionsarbeit (2010 / 2011)
28
Fundamentale Eigenschaften des Standards EPUB 3 aus
Sicht des Lesers / der Leserin
29
Aktueller Status der EPUB 3 – Spezifikationsarbeiten
30
EDUPUB
30.01
30.02
30.03
30.04
EPUB 3 EDUPUB Profile
EDUPUB Structural Semantics
EPUB Distributable Objects
EDUPUB Work Shop Oslo
31
Metadaten
32
EPUB 3 – Wiedergabe
33
Setzt sich der EPUB 3 – Standard durch?
33.01
33.02
33.03
Interoperabilität und Austauschbarkeit
Ist EPUB 3 für Lehrmittel geeignet?
Wichtige Verlagshäuser sprechen sich für EPUB aus
TEIL H
EPUB 3 UND BARRIEREFREIHEIT
34
Die EPUB 3 – Revision und die DAISY Standards
35
Nicht jedes EPUB 3 – Dokument ist barrierefrei per se
36
Barrierefreiheit erreichen – technisch
37
Metadaten zur Barrierefreiheit – Suchen - das „Richtige“
finden
37.01
37.02
Generell
Metadaten zur Beschreibung von Barrierefreiheit
38
Barrierefreie Abspielsysteme
38.01
38.01.01
38.01.02
38.01.03
38.01.04
38.01.05
Systematisches Testen
Grundlegende Anforderungen
File Management Tests
Reading Tests
Visual Adjustment Tests
Navigation Tests
Seite 7 von 158
38.01.06
38.01.07
Annotation Tests
Media Tests
39
Levels von Barrierefreiheit
40
Barrierefreiheit – weitere Aspekte
40.01
40.02
IKT – Kompetenz der Nutzerinnen und Nutzer
Barrierefreiheit von A bis Z
41
EPUB 3 als Schnittstelle zwischen der Verlagsindustrie und
den Spezialisten der Barrierefreiheit
42
Barrierefreiheit und Entscheidungsträger in den Verlagen
43
Politik und barrierefreie Lehrmittel
TEIL I
DAS ÖKOSYSTEM BARRIEREFREIE ELEKTRONISCHE
LEHRMITTEL
44
Ausgangslage
44.01
44.02
Offenheit – Interoperabilität – Austauschbarkeit
EPUB
45
Das Gesamtsystem und seine Subsysteme
45.01
45.01.01
45.01.02
45.02
45.02.01
Subsystem Politik
Bund
Kantone
Subsystem Wichtige Schnittstellen
Schweizerische Fachstelle für Informationstechnologien im
Bildungswesen SFIB
Schweizerische Koordinationskonferenz ICT und Bildung SKIB
Interkantonale Lehrmittelzentrale ilz
Subsystem Verlage
Auftrag
Projektteam
Das Lehrmittel als Konzept auf Papier
Das Konzept für das „Lehrerbeiheft“
Herstellung
Autorenverträge, Rechte
Distribution
Subsystem Barrierefreiheit
Subsystem Ausbildungsstätten für Lehrkräfte
Pädagogische Hochschulen
Sonderpädagogische Hochschulen
Subsystem Nutzer und Nutzerinnen
Subsystem Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz
Subsystem Forschung
Subsystem Behindertenwesen
Subsystem Standardisierungen
45.02.02
45.02.03
45.03
45.03.01
45.03.02
45.03.03
45.03.04
45.03.05
45.03.06
45.03.07
45.04
45.05
45.05.01
45.05.02
45.06
45.07
45.08
45.09
45.10
Seite 8 von 158
45.10.01
45.10.02
45.10.03
Internationale technische Standards
Nationale und regionale technische Standards
Standards auf politischer Ebene
TEIL J
WEM NÜTZEN BARRIERFREIE ELEKRONISCHE
LEHRMITTEL UND DOKUMENTE IM EPUB 3 - FORMAT?
46
Vorspann
47
Wem nützen barrierefreie EPUB 3 – Lehrmittel?
47.01
47.02
47.03
47.04
Lernende mit einer Lesebehinderung
Verlage
Regelklassen-Lehrkräfte und sonderpädagogische Fachkräfte
Kantone
TEIL K
GLOSSAR
48
Abspielsystem
49
Access Enhanced EPUB 3 (eBook)
50
Assistive Technology
51
Audiodeskription
52
Ausbildung, Anspruch auf
53
Barrierefreie elektronische Dokumente
54
Behinderung
54.01
54.01.01
54.01.02
54.02
Das medizinische und das soziale Modell von Behinderung
Das medizinische Modell von Behinderung
Das soziale Modell von Behinderung
„Behinderung“ in Gesetzen oder gesetzähnlichen Erlassen
55
Benachteiligung
56
Besonderer Bildungsbedarf
57
Bildungschancen
58
Blindenschriftzeile
59
Braille-Zeile
60
Bundesverfassung Art. 8
61
Caption
62
Chancengleichheit
63
Digital Divide
Seite 9 von 158
64
Diskriminierungsverbot
65
eAccessibility
66
eInclusion
67
Enhanced eBook
68
Inclusive Publishing
69
Inklusion
70
Kommunikation und Sprache
71
Künstliche Sprachausgabe
72
Lesebehinderung
73
Lesesystem
74
Medien
75
Nachteilsausgleich
76
Navigierbarkeit
77
Ökosystem
78
Prüfungserleichterung
79
Reasonable Accommodation
80
Rechtsgleichheit
81
Screen Reader
82
Sonderpädagogische Massnahmen
83
Sprache
84
Sprachsynthese
85
Synchronisierung der Wiedergabe-Modi
86
Text-to-speech
87
Universal Design und Assistive Technology
87.01
87.02
Universal Design
Assistive Technology
88
Wahrnehmungskanäle
89
Wiedergabe-Modi
90
Wiedergabesystem
Seite 10 von 158
TEIL L
SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN
91
Schlussfolgerungen
92
Konvergenz der Interessen
93
Zehn Empfehlungen
93.01
93.02
93.02.01
Allgemeine Empfehlungen
Empfehlungen für ein Folgeprojekt
Produktion von barrierefreien elektronischen Lehrmitteln im
EPUB 3 – Format
Bewusstsein schaffen
93.02.02
Seite 11 von 158
EXECUTIVE SUMMARY
Die These und ihre Überprüfung
Die vorliegende Studie ist das Resultat der Überprüfung folgender These:
Die Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) haben das
Potenzial, dass Verlage und andere Produzenten von Unterrichtsmaterialien
ohne unzumutbaren Mehraufwand elektronische Lehrmittel herstellen und
barrierefrei auf den Markt bringen können, sodass sie auch für Menschen mit
einer Lesebehinderung (→ Glossar) zugänglich sind.2
Würde sich die These als realistisches Szenario herausstellen, so der
Gedankengang, könnten Schülerinnen und Schüler mit Behinderung (→
Glossar) oder mit besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar) zum gleichen
Zeitpunkt wie ihre Kolleginnen und Kollegen in der Regelklasse mit denselben
Lehrmitteln versorgt werden. Das käme gegenüber der aktuellen Situation bei
der Versorgung von Schülerinnen und Schülern mit besonderem
Bildungsbedarf mit ihnen zugänglichen Lehrmitteln einem Quantensprung
gleich.
Unter der Leitung von „Zugang für alle“, der schweizerischen Stiftung zur
behindertengerechten Technologienutzung wurde die These mit den
Projektpartnern und anderen Experten im Bereich barrierefreier IKT und des
elektronischen Publizierens in mehreren Workshops und bilateralen Interviews
zwischen Februar und September 2014 diskutiert und Material
zusammengetragen, das in der vorliegenden Studie berücksichtigt und
eingearbeitet wurde.
Ist die Umsetzung der These „machbar“?
Die Studie bejaht die Frage und enthält im letzten Teil L Empfehlungen für
weitere (erste) Schritte, welche die praktische Umsetzung anstossen und auf
den Weg bringen können.
Dank
Die Studie hätte ohne die tatkräftige Mitarbeit der Projektpartner und vieler
anderer, die im persönlichen Gespräch ihre Erfahrungen beisteuerten, nicht
geschrieben werden können. Es sei ihnen allen an dieser Stelle für ihren
Einsatz und Enthusiasmus gedankt.
Die Personen und Institutionen, die am Zustandekommen der Studie Anteil
haben, sind auf verschiedenen Gebieten bei verschiedenen Institutionen oder
Unternehmen tätig, deren Erfahrungen und Interessen sich nicht
notwendigerweise decken. Sie erhebt deshalb nicht den Anspruch, dass alle
2
Man spricht in diesem Fall von „barrierefrei geborenen“ Publikationen.
Seite 12 von 158
Beteiligten jedem Punkt und jeder Gewichtung der in der Studie enthaltenen
Aussagen zustimmen würden.
Die Studie verfolgte denn auch von Anfang an nicht das Ziel eines Austarierens
von möglicherweise verschiedenen Interessen im Zeichen eines kleinsten
gemeinsamen Nenners, sondern sie konzentriert sich darauf, eine
Auslegeordnung zu geben und mögliche Perspektiven aufzuzeigen.
Technische und politische Dimension
Wir sind es gewohnt, überall auf der Welt, auf dieselben oder ähnlich
ausgeführte Leitlinien oder auf akustische Signalsysteme für Blinde im
öffentlichen Raum zu stossen. Sie ermöglichen ihnen die gezielte verlässliche
Orientierung auf Bahnhöfen oder im Strassennetz. Inzwischen setzt sich im
Baugewerbe der Standard durch, dass Zugänge zu Gebäuden beispielsweise
mit Rampen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen versehen werden.
Hinter diesen „Erfolgsgeschichten“ stehen einerseits politische Normen
(Verfassungen, Gesetze und Verordnungen im Kontext der Gleichstellung von
Menschen mit Behinderungen), andererseits technische Standards, welche die
systematische Umsetzung der politischen Vorgaben erst ermöglichen.3
Die enge Beziehung zwischen politischen Entscheidungen einerseits und
technischen Standards andererseits spielt auch bei Fragen rund um
barrierefreie IKT eine wichtige Rolle. Deshalb gibt die Studie auch einen
Überblick über das politische und gesamtgesellschaftlich relevante Umfeld, in
dessen Kontext sich das Eintreten für mehr Inklusion (→ Glossar),
eAccessiblity (→ Glossar) oder eInclusion (→ Glossar) vollzieht.
Internationale und daran anschliessend nationale Bestrebungen zu einer
inklusiveren Gesellschaft kristallisieren sich in der UN Convention on the
Rights of Persons with Disabilities. Diese ist ein hervorragender Kompass für
das schrittweise Errichten einer Gesellschaft mit möglichst wenigen Barrieren.
Sie ist auf allen staatlichen Ebenen anwendbar, was für den Bereich des in der
Schweiz mehrheitlich in die Kompetenz der Kantone fallenden Schul- und
Bildungswesens erhebliche Relevanz hat.
Der historische Zeitpunkt ist günstig
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt treffen sich allgemeine Entwicklungen, welche
die praktische Realisierung der These stark erleichtern können.
3
Vgl. beispielsweise für die Schweiz die Norm 500 des SIA (Schweizerischer Ingenieur- und
Architektenverein): http://shop.sia.ch/normenwerk/architekt/sia%20500/d/D/Product; eine
anschauliche Powerpoint-Präsentation ist unter folgendem Link einzusehen:
www.unibas.ch/doc/doc_download.cfm?uuid=36D1C137A7A06CA78CB4B30757EE113F&&IRACE
R_AUTOLINK&&.
Seite 13 von 158






Die von der Schweiz im April 2014 ratifizierte UN Convention on the Rights
of Persons with Disabilities und die damit verbundenen Bemühungen um
ihre Umsetzung in der Schweiz.
Der zunehmende und zunehmend geforderte Einsatz von IKT im
Schulzimmer.
Die rasante technologische Entwicklung mit ihren Fähigkeiten zur
Integration von Multimedia.
Die Integration der entsprechenden IKT-Phänomene des digitalen Zeitalters
in die Produktions-, Distributions- und Geschäftsmodelle der Verlage.
Die Entwicklung des offenen Industriestandards EPUB 3 für elektronische
Publikationen, der auch komplexe Produktionen wie Lehrmittel oder
wissenschaftliche Literatur ermöglicht (→ Glossar Enhanced eBook).
Die bei der EPUB 3 – Standardisierung von Beginn weg „eingebaute“
Möglichkeit zur Produktion barrierefreier elektronischer Publikationen.
Nicht oft und nachdrücklich genug kann gesagt werden, dass Barrierefreiheit,
sei es beim Bauen oder bei den IKT, am besten und ohne spürbaren
Mehraufwand dann erreicht wird, wenn sie von Anfang an in Planungs- und
Umsetzungsprozesse einbezogen wird, anstatt, wie es noch mehrheitlich
geschieht, sie nachträglich hinzuzufügen.
Eine konsistent vorangetriebene Initiative für barrierefreie elektronische
Publikationen, insbesondere barrierefreie Lehrmittel, kommt deshalb zum
richtigen Zeitpunkt.
Aufbau der Studie
Die Studie ist in zwölf Teile (A bis L) eingeteilt. Die Kapitel sind über die ganze
Studie hinweg durchnummeriert.
Nach dem einführenden Teil A (Das Projekt im Überblick) folgen Allgemeine
Rahmenbedingungen im Teil B (Internationale und nationale Bestrebungen zu
mehr Inklusion im digitalen Zeitalter sowie ein kurzer historischer Abriss zur
Geschichte der Technologie und ihrem Einfluss auf die Herstellung
barrierefreier Literatur).
Teil C stellt das gegenwärtige System der Sonderpädagogik in der Schweiz
dar und leitet über zu Teil D, der die gegenwärtigen komplizierten, teuren und
ineffizienten Verfahren zur Versorgung von Schülerinnen und Schülern mit
besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar) vorstellt.
Teil E (Das Lehrmittelverlagswesen an der Schwelle zum digitalen Zeitalter)
und Teil F (Grundlegendes zur Barrierefreiheit von Büchern im digitalen
Zeitalter) bereiten die Ausführungen in den folgenden Teilen vor.
Teil G stellt den Standard EPUB 3 vor, Teil H vertieft die Problematik der
Barrierefreiheit, setzt sie mit dem Standard EPUB 3 in Beziehung und schlägt
ein neues Modell der Zusammenarbeit zwischen der Verlagsindustrie und den
Spezialisten der Barrierefreiheit vor.
Seite 14 von 158
Das Schul- und Lehrmittelwesen umfasst viele Akteure auf sehr verschiedenen
Ebenen, die von der Thematik Barrierefreiheit betroffen sind oder betroffen
sein müssten. Teil I (Das Ökosystem Barrierefreie Elektronische Lehrmittel)
ist der Versuch, die das Gesamtsystem bildenden wichtigsten Subsysteme
zusammenzustellen. Teil J antizipiert, welchen Nutzen die verschiedenen
Akteure im Gesamtsystem von einer Umsetzung des vorgeschlagenen
Konzeptes der „barrierefrei geborenen“ elektronischen Lehrmittel haben
würden.
Bei der Projektarbeit zeigte sich, dass Fachbegriffe aus dem Umfeld der
Barrierefreiheit elektronischer Dokumente nicht immer einfach verstanden
werden können respektive uneinheitlich verwendet werden. Auch
Begrifflichkeiten im Kontext von Gesetzen oder gesetzesähnlichen
Dokumenten können Verwirrung stiften. Teil K (Glossar) stellt deshalb eine
Reihe von relevanten Begriffen zusammen und definiert sie.
Teil L beendet die Studie. Er enthält Schlussfolgerungen aus der Arbeit und
der Studie und Empfehlungen zur Weiterverfolgung der vorgestellten
Initiative.
Seite 15 von 158
LESEN UND SCHREIBEN KÖNNEN – EIN
VORWORT
Selbstbestimmtes Leben und Ausbildung
Eine der besten Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben ist
Ausbildung und Bildung. Sie erlauben es dem Individuum, sich seinen
Fähigkeiten und Begabungen gemäss zu entfalten und sich in das alltägliche,
gesellschaftliche, politische, kulturelle und berufliche Umfeld zu integrieren
und mit ihm erfolgreich zu interagieren.
Ausbildung macht sich die Fähigkeit des Menschen zunutze, Information
aufzunehmen, sie zu verstehen, mit bereits Verstandenem zu verknüpfen, das
daraus entstandene Wissen anzuwenden und Neues zu schaffen.
Die entsprechenden Lernprozesse werden nicht ausschliesslich, aber zu einem
wesentlichen Teil durch gedruckte Lehrmaterialien unterstützt.
Zwei Bedeutungen
Lesen können ist demnach eine Grundanforderung, denen Schülerinnen und
Schüler gerecht werden sollen.
Können hat in unserem Zusammenhang zwei Bedeutungen: Eine lesekundige
Person kann lesen, weil sie gelernt hat, Wörter und Sätze zu entziffern; sie
setzt diese Fähigkeit bei jeder neuen Begegnung mit Gedrucktem ein und kann
damit ihren Wissens- und Bildungshorizont kontinuierlich erweitern.
Ein lesekundiger Blinder oder eine Querschnittgelähmte, um zwei Beispiele zu
nennen, können nicht lesen, weil eine blinde Person ein Buch oder Dokument
nicht sehen kann, eine querschnittgelähmte, weil ihr ihre motorische
Einschränkung verunmöglicht, ein Buch zu halten oder dessen Seiten
umzublättern.
Dieselbe Doppelbedeutung findet sich bei der Schwestertechnik des Lesens –
dem Schreiben. Ohne das Schreibvermögen ist eine gelungene Ausbildung und
Bildung nicht vorstellbar: Es werden im Schulalltag Diktate diktiert, Aufsätze
geschrieben, Lückentexte ausgefüllt, Rechenaufgaben gelöst, Bilder
beschrieben, Kreuzworträtsel gelöst, Prüfungen abgelegt…
Schreiben können meint sowohl es gelernt zu haben als auch, um die
Beispiele von oben weiter zu führen, motorisch und visuell in der Lage sein,
einen Bleistift zu führen oder die Wörter und Sätze auf dem Papier richtig zu
positionieren.
Lesen- und Schreiben-Können setzt einerseits Lernfähigkeit voraus, hängt
aber auch von äusserlichen Barrieren ab, die den Zugang zu Geschriebenem
Seite 16 von 158
erschweren oder verunmöglichen und mit der Lernfähigkeit oder der
Intelligenz des Lesenden oder Schreibenden per se nichts zu tun haben.
Seite 17 von 158
TEIL A
DAS PROJEKT IM ÜBERBLICK
01
Worum es geht – kurz und bündig
01.01
Die Sonderpädagogik – Öffentlicher Bildungsauftrag
In der Schweiz besteht ein Rechtsanspruch auf kostenlosen obligatorischen
Schulunterricht.4 Dieser beinhaltet auch die kostenlose Abgabe der im
Unterricht eingesetzten Lehrmittel.
Bis zum Inkrafttreten der Neugestaltung des Finanzausgleichs (NFA) im Jahr
2008 finanzierte die IV die Versorgung von behinderten Schülerinnen und
Schülern mit barrierefreien Lehrmitteln auf der Grundlage individueller
Verfügungen. Hauptsächlich blinde und stark sehbehinderte Schülerinnen und
Schüler konnten damit schlecht und recht mit barrierefreien Lehrmitteln
versorgt werden.
Seit dem Inkrafttreten des NFA gehört die Sonderpädagogik vollumfänglich
zum öffentlichen Bildungsauftrag der Kantone. Dazu gehört demnach auch die
(kostenlose) Abgabe von barrierefreien Lehrmitteln an Schülerinnen und
Schüler mit besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar). Ein Grossteil von ihnen
ist von einer Art von Lesebehinderung betroffen: „lesebehindert“5 ist eine
Person “who cannot effectively read print because of a visual, physical,
perceptual, developmental, cognitive, or learning disability”.6
Die Definition macht deutlich, dass der Begriff Lesebehinderung einen grossen
Kreis von sehr unterschiedlichen Einschränkungen umfasst. Die Anzahl der
Schülerinnen und Schüler, die von barrierefreien Lehrmitteln in ihrer
Ausbildung und Persönlichkeitsentwicklung profitieren würden, geht weit über
die bis 2008 von der IV abgedeckten Fälle hinaus.
Die Kantone stehen damit vor einer Problemstellung, die sich gegenüber der
Zeit vor 2008 verändert zeigt: Was die IV bis 2008 für eine eingeschränkte
Minderheit unter der Anwendung ihres auf Erwerbstätigkeit ausgerichteten
Versichertenprinzips und des medizinisch bestimmten Behinderungsbegriffs (→
Glossar Behinderung) abdeckte, ist nicht ausreichend.
4
5
6
9 Jahre.
Deutsche Übersetzung des englischen Adjektivs print-disabled zum Substantiv print disabled.
www.readingrights.org/definition-print-disabled.
Seite 18 von 158
01.02
Standardisierung für elektronische Publikationen
Im selben Zeitraum haben die digitale Revolution und das damit
einhergehende allgemeine Konsumverhalten den Markt für Veröffentlichungen
aller Art stark verändert. Mehr und mehr rücken digitale Versionen gedruckter
Publikationen ins Blickfeld.
Bis vor kurzem waren elektronische Ausgaben von Büchern hauptsächlich für
jene Verlage von Interesse, die belletristische Werke publizieren. Diese
zeichnen sich durch einen wenig komplexen Aufbau aus. Es handelt sich bei
ihnen im Wesentlichen um Fliesstexte.
Mit dem offenen, nicht-proprietären internationalen Industriestandard EPUB 3
für elektronische Publikationen wird das eBook in der Form des Enhanced
eBook (→ Glossar) nun auch für Verlage eine realistische Option, die komplex
aufgebaute Publikationen wie beispielsweise Lehrmittel oder wissenschaftliche
Literatur veröffentlichen.
Die Option ist attraktiv, weil digitale Bücher, ähnlich wie wir es vom
multimedialen Internet her kennen, neue Darstellungs- und
Vermittlungsformen erlauben, welche durch den Einbau dynamischer
Funktionalitäten gegenüber dem „statischen“ gedruckten Buch einen grossen
Mehrwert erzeugen können.
Die genannte Standardisierung schafft hinsichtlich der IT-Formate, der
Produktion, Distribution und Rezeption von elektronischen Publikationen einen
Grad an Sicherheit und Verlässlichkeit, die bis anhin nicht gegeben waren.
Damit ist die Grundvoraussetzung dafür gelegt,


dass (Lehrmittel-)Verlage sich auf das Gelände digitaler Publikationen
begeben können, ohne unabsehbare und unkalkulierbare Risiken
einzugehen, und
die schon lange vorausgesagte, aber bisher nicht wirklich erfolgreiche
Integration der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) ins
Schul- und Bildungswesen zielgerichtet vorangebracht werden kann.
01.03
Eine Chance für Barrierefreiheit
Elektronische Publikationen sind ihres Potenzials für Barrierefreiheit wegen
gedruckten Dokumenten per se weit überlegen. Die IKT erlauben es, dieselbe
Publikation gemäss dem Bedürfnis und Bedarf („Profil“) des lesenden
Individuums auf entsprechenden Abspielsystemen (→ Glossar) wiederzugeben.
Damit ist gesagt, dass Schülerinnen und Schüler mit besonderem
Bildungsbedarf (→ Glossar) am effektivsten mit barrierefreien elektronischen
Publikationen versorgt werden.
Der Mainstream-Standard EPUB 3 wurde von Anfang an explizit (auch) mit
dem Ziel entwickelt, Barrierefreiheit in den Standard einzubinden. Das ist
Seite 19 von 158
unter starker Mitarbeit des DAISY Consortium7 in einem hohen Mass gelungen.
Es ergeben sich daraus für die Versorgung von Schülerinnen und Schülern mit
barrierefreien Lehrmitteln neue, bisher ungeahnte Perspektiven:




Der Entscheid für EPUB 3 als Distributionsformat für elektronische
Publikationen setzt die Verlage in den Stand, elektronische Publikationen
auf den Markt zu bringen, die „barrierefrei geboren“ sind.
Behinderte und nicht behinderte Schülerinnen und Schüler können dasselbe
Produkt verwenden.
Schülerinnen und Schüler mit sehr unterschiedlichem besonderem
Bildungsbedarf können dasselbe Produkt verwenden.
Die Kantone können ihrem öffentlichen Bildungsauftrag qualitativ und
quantitativ viel besser nachkommen.
02
Vision – Mission – Aufgaben – Risiken
02.01
Vision
Hinter dem Projekt und der vorliegenden Studie steht die Vision, dass
Lernende mit Behinderungen, die ihnen das Lesen verunmöglichen oder
erschweren, barrierefreien Zugang zu (elektronischen) Lehrmitteln und
Unterrichtsmaterialien haben, damit sie ihren Fähigkeiten entsprechend und
chancengleich mit Lernenden ohne Einschränkungen eine Ausbildung
absolvieren und sich bilden können.
02.02
Mission
Bei den Verfahrensweisen zur Versorgung von Lernenden mit Lesebehinderung
mit barrierefreien elektronischen Lehrmitteln soll ein Paradigmenwechsel
vollzogen werden. Anstatt dass wie bis anhin spezialisierte Institutionen ein
vorbestehendes gedrucktes Buch „ex post“ in eine zugängliche Version
desselben umformatieren, bringen Verlage selber zugängliche elektronische
Lehrmittel auf den Markt, indem sie Barrierefreiheit „ex ante“ in ihre
Verlagsprodukte einbauen. Soweit notwendig, werden die Verlage dabei von
ausgewiesenen Spezialisten der Zugänglichkeit unterstützt.
02.04
Aufgaben
Erstens: Die Akteure im Ökosystem Lehrmittel8 müssen für das Thema
sensibilisiert, mit entsprechendem Grundlagenmaterial versorgt und überzeugt
7
8
www.daisy.org.
Siehe unten TEIL I DAS ÖKOSYSTEM (BARRIEREFREIE) ELEKTRONISCHE LEHRMITTEL.
Seite 20 von 158
werden, dass die Erfüllung der Mission machbar ist.9 - Zweitens: Im Rahmen
von Pilotproduktionen soll überprüft werden, ob sich barrierefreie elektronische
Lehrmittel im EPUB 3 – Format in der Praxis bewähren.
02.05
Risiken
Risiken sind unter einem technologischen, aber auch unter einem
bildungspolitischen Gesichtspunkt zu bedenken.
Das technologische Umfeld, in dem sich das Projekt bewegt, verändert sich
schnell. Was heute neu ist, ist morgen schon alt. Insbesondere für die Verlage
ist es schwierig, tendenziell lang wirksame und deshalb auch mit
ökonomischen Risiken verbundene Entscheidungen zu treffen, solange nicht
mit genügender Sicherheit vorausgesagt werden kann, ob diese nachhaltig
aufrecht erhalten werden können.
Das betrifft im vorliegenden Kontext hauptsächlich folgende Fragen:






Wird sich das eBook im Lehrmittelmarkt durchsetzen?
Welches eBook-Format wird sich durchsetzen?
Wie offen und Plattform-unabhängig ist das Format?
Welche Abspielsysteme (→ Glossar) unterstützen die Funktionalitäten des
Formats?
Wie kann das Geistige Eigentum im Zeitalter des Digitalen angemessen
geschützt werden?
Wie interoperabel erweisen sich die Elemente des Gesamtsystems?
Vom Gesichtspunkt der Barrierefreiheit aus besteht das Hauptrisiko darin, dass
wichtige Entscheidungen von Akteuren auf dem Lehrmittel-Markt „falsch“
ausfallen und nur unter grossem Ressourcen-Einsatz rückgängig gemacht oder
korrigiert werden könnten - wenn überhaupt.
Im Rahmen des föderal aufgebauten Schul- und Bildungswesens in der
Schweiz besteht politisch das Risiko, dass


9
bei der Einführung elektronischer Lehrmittel in der Schule das Thema
Barrierefreiheit auf übergeordneter Koordinations- und Steuerungsebene
vergessen wird und nicht in die Bemühungen um die Umsetzung der
kantonalen Strategien zur Einführung von IKT im Bildungswesen einfliesst
und
die Postulate der von der Schweiz ratifizierten UN Convention on the Rights
of Persons with Disabilities im Bereich Zugang zu Information, Wissen und
Informationstechnologien nicht angemessen behandelt werden.
Die vorliegende Studie will dazu einen ersten Beitrag leisten.
Seite 21 von 158
03
Zeithorizont und Zeitpunkt
03.01
Zeithorizont
Die Projektpartner sind sich einig, dass der Paradigmenwechsel bei der
Versorgung von Lernenden mit Behinderungen nicht schnell verwirklicht
werden kann, sondern dass es sich dabei um einen mehrere Jahre dauernden
Prozess handeln wird, in dem sich der Paradigmenwechsel Schritt für Schritt
vollziehen kann.
03.02
Je früher desto besser
Bei den Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und den von
ihnen vermittelten Inhalten, sei es die Barrierefreiheit von Webseiten oder von
elektronischen Dokumenten, verhält es sich wie bei der Zugänglichkeit von
Gebäuden: Planen Architekten für Rollstuhlfahrer die Rampe und die richtigen
Dimensionen des Liftes bei einem Bau von Beginn weg ein, wird die Qualität
des Gebäudes nicht nur besser - schöner und funktionstüchtiger -, es fallen
auch keine nachträglichen kostenintensiven Eingriffe und Korrekturen an.
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg des Projektes ist demnach, dass die
Barrierefreiheit und der Anspruch darauf von Anfang an in die
Entscheidungsprozesse einfliessen. Es ist deshalb jetzt der richtige Zeitpunkt,
das Projekt zu lancieren und es langfristig auszurichten.
04
Vorgehen
Mit den oben gegebenen Definitionen der Vision, der Mission und den
Aufgaben im Auge, ist das Projekt daraufhin ausgelegt, zur Erfüllung der
gestellten Aufgaben beizutragen. Insofern nimmt sich das Projekt vor, einen
Paradigmenwechsel bei der Versorgung von Schülerinnen und Schülern mit
besonderen pädagogischen Bedürfnissen mit ihnen zugänglichen
elektronischen Lehrmitteln anzustossen.
Der Prozess soll den Akteuren im Ökosystem Lehrmittel die Gelegenheit
geben, sich auf den beabsichtigten Paradigmenwechsel einzustellen und ihn in
koordinierter Anstrengung anzustreben.
04.01
Vorprojekt - Studie
Das Vorprojekt diente dazu, wichtige Akteure im Ökosystem Lehrmittel mit
Experten der Barrierefreiheit an einen Tisch zu bringen und mit ihnen
Seite 22 von 158
zusammen eine „Machbarkeitsstudie“ zu erarbeiten, welche für weitere
Stakeholder und „Marktteilnehmer“ als Grundlagendokument Ausgangspunkt
für eine weiter gehende Beschäftigung mit dem Thema sein kann. Die
interessierte Öffentlichkeit kann die Studie von der von der Stiftung „Zugang
für alle“ eingerichteten und betriebenen Webseite (www.epub3.ch)10
herunterladen.
Die Studie soll Antworten darauf geben, ob es möglich ist, bei der Produktion
und Distribution von elektronischen Lehrmitteln im EPUB 3 – Format
Barrierefreiheit von Anfang an einzubauen.
Technische Faktoren sind in diesem Zusammenhang zwar wichtig, nicht
weniger bedeutend aber sind Einflussgrössen wie beispielsweise









der Umbruch im Verlagswesen und die damit verbundenen
Herausforderungen im Zeichen des digitalen Zeitalters,
die Integration von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT)
im Bildungswesen,
die zukünftige Zusammenarbeit zwischen jenen Organisationen, die bisher
Lehrmittel in zugängliche Versionen umformatiert haben, und Verlagen,
welche Lehrmittel auf den Markt bringen,
die Veränderungen in der Vorstellung von „Behinderung“,
die veränderte Zuständigkeit im Bereich zugänglicher Lehrmittel im Zuge
des Neuen Finanzausgleichs (NFA),
die pädagogischen und sonderpädagogischen Ausbildungsgänge,
Finanzierungsfragen,
die Bildungs- und die Behindertenpolitik im Allgemeinen,
die Ratifikation der UNO-Konvention für die Rechte von Menschen mit
Behinderungen durch die Schweiz
Die vorliegende Studie ist denn auch nicht im engen Sinne technisch
ausgerichtet. Sie versucht in verständlicher, möglichst Jargon-freier Sprache
das Thema einzukreisen und die wichtigsten Aspekte im Überblick
darzustellen.
04.02
Folgeprojekt(e)
Auf der Grundlage der Resultate der vorliegenden Studie und den daraus
gezogenen Schlüssen sollen sodann nach Möglichkeit Folgeprojekte
ausgearbeitet werden, welche den angestrebten Paradigmenwechsel auf
breiter Front fördern können.
10
Im Aufbau.
Seite 23 von 158
05
Die Projektpartner
Am Vorprojekt haben sich die nachfolgend vorgestellten Partner beteiligt. Es
wurde bei der Zusammensetzung der Projektpartner Wert darauf gelegt, dass
wichtige Teilhaber am Ökosystem [barrierefreie] Lehrmittel am Projekt und
der Ausarbeitung der vorliegenden Studie mitarbeiten konnten und dass
wenigstens ein Partner aus dem nicht deutschsprachigen Teil der Schweiz
beteiligt ist.
In verschiedenen Zusammenhängen haben auch weitere Institutionen,
Organisationen oder Firmen zum Projekt beigetragen. Sie werden an den
entsprechenden Orten der Studie erwähnt.
05.01
Stiftung „Zugang für alle“ [Projekt-Lead]
„Zugang für alle“ (www.access-for-all.ch), die Schweizerische Stiftung zur
behindertengerechten Technologienutzung, wurde im November 2000
gegründet. Sie versteht sich als Kompetenzzentrum und Vermittlerin zwischen
dem Anwenderkreis von Menschen mit Behinderung, welche die
technologischen Schranken am meisten zu spüren bekommen, und den
Informations- und Geräteanbietern aus dem öffentlichen und privaten Sektor.
Zu ihren Kernkompetenzen gehört die Barrierefreiheit von Websites.
05.02
DAISY Consortium11
Das DAISY Consortium (www.daisy.org) verfolgt folgende Vision und Mission:
„Vision: People have equal access to information and knowledge, regardless
of disabilities. We envision a future where 'born accessible' publications are
digitally created with accessibility features built in rather than being converted
from an inaccessible format into a format that can be used by all people,
including those who have a print disability. - Mission: We work to create the
best way to read and publish, for everybody, in the 21st century. We advocate
that the accessibility features be implemented in all mainstream publications
and supported by mainstream reading applications and devices. The era of
'born accessible' publications means that the future of publishing and reading
will be inclusive for everyone, providing equal access to books and information
for people with print disabilities.”12
11
12
Digital Accessible Information SYstem.
www.daisy.org/mission.
Seite 24 von 158
05.03
Schweizerische Fachstelle für Informationstechnologien im
Bildungswesen SFIB
Hauptaufgabe der Schweizerischen Fachstelle für Informationstechnologien im
Bildungswesen SFIB (http://sfib.educa.ch/) ist die Umsetzung der vom
Bundesrat und der Schweizerischen Konferenz der kantonalen
Erziehungsdirektoren (EDK) definierten Strategien, sowie bestimmter
Aufgaben, die in den Statuten der Schweizerischen Koordinationskonferenz
IKT und Bildung (SKIB) festgelegt sind.
In diesem Rahmen übernimmt die SFIB folgende Aufgaben:





Koordination auf nationaler Ebene der Aktivitäten zur Integration von IKT
ins Bildungswesen und technische Unterstützung bei der Ausführung;
Leitung und Entwicklung von Projekten, Dienstleistungen und Werkzeugen
zur Integration von IKT ins Bildungswesen.
Information, Dokumentation und Beratung der Bildungsakteurinnen und
Bildungsakteure im Bereich der Integration von IKT und modernen Medien
in den Unterricht.
Informationsaustausch und Organisation von Veranstaltungen zum Thema
IKT im Bildungswesen.
Gründung und Unterhalt von Partnerschaften und nationalen sowie
internationalen Netzwerken im Bereich IKT und Bildung.
05.04
LerNetz AG
Die LerNetz AG (www.lernetz.ch) strebt danach, zu den besten und führenden
Unternehmungen in der Schweiz und im deutschsprachigen Raum für die
Konzeption und Entwicklung inhaltlich und didaktisch qualitativ hochstehender
und innovativer elektronischer Lernmedien für das öffentliche Bildungswesen
und die betriebliche Aus- und Weiterbildung zu zählen. Dieser Anspruch wird
vor allem definiert durch den Fokus der LerNetz AG auf:




Lerninhalte sollen auf eine für die Lernenden spannende und
herausfordernde Weise auch durch neu entwickelte und geeignete Formate
dargestellt werden (Konsequente Orientierung an den Zielgruppen),
die didaktisch umfassende und konzeptionelle Integration jedes
elektronischen Lernmediums in einen übergreifenden
Bildungszusammenhang (Curriculum und Bildungsziele als Basis),
die kompromisslose Orientierung der didaktisch passenden
Umsetzungsformen/-methoden am zu vermittelnden Lerninhalt und den
Lernzielen (Lerninhalt vor Form),
der innovative methodisch-didaktische Einsatz der Online-Medien soll
sowohl im Präsenz- als auch im Fernunterricht und sowohl als Gruppen- als
auch als Selbstlernangebot bestehen (Didaktik vor Technik).
Seite 25 von 158
05.05
cellCIPS – Cellule de Coordination Informatique Pédagogique
Spécialisée
La cellCIPS (www.cellcips.ch) veut promouvoir l’intégration et l’utilisation
cohérente de l’informatique dans le contexte pédagogique spécialisé, en
collaboration et en synergie avec les institutions, les établissements de la
scolarité obligatoire, les écoles de formation, les ressources externes, le
réseau romand et suisse.
QUI ? Un team, ancré dans le terreau de la pratique par ses activités sur le
terrain, à la fondation de Verdeil13 et au service d’autres écoles et institutions
d’enseignement spécialisé.
QUOI ? La cellCIPS fonctionne en lien étroit avec les inspecteurs de l’Office de
l’Enseignement Spécialisé (OES) du canton de Vaud14 et les ressources locales
des écoles, en premier lieu les PRessMITIC (Personnes Ressources MITIC15),
pour le pédagogique et les RI (Répondants Informatiques) pour le technique.
MISSIONS:





Susciter et maintenir la collaboration avec les diverses écoles et institutions
de l’enseignement spécialisé
Coordonner la communication des informations pédagogiques et
techniques, en tenant compte des missions pédagogiques.
Animer le réseau PRessMITIC ES16 et ordinaire: soutiens ponctuels, pas à
pas, modules techniques, appuis.
Collaborer et aider au maintien de plateformes d’échanges.
Contribuer à mettre en place des projets inter-institutions et interétablissements.
05.06
Blindenschule Zollikofen
Die 1837 gegründete Stiftung in Zollikofen (www.blindenschule.ch) ist eine
private Organisation mit überregionaler gemeinnütziger Zielsetzung. Ihre
Aufgabe ist die umfassende Förderung, Schulung und Beratung blinder und
sehbehinderter Menschen von der frühen Kindheit an bis ins junge
Erwachsenenalter. Eingeschlossen sind auch mehrfachbehindertsehgeschädigte Kinder und Jugendliche. Die Angebote unseres Zentrums
richten sich auch an Eltern, an Lehrkräfte der öffentlichen Schule oder an
13
www.verdeil.ch. Prestataire de pédagogie spécialisée.
www.vd.ch/autorites/departements/dfjc/sesaf/oes/.
15
www.pressmitic.ch/; Personne Ressource Médias, Images et Technologies.
16
www.edutic.ch. „Fondée en 2006, l’association edutic.ch est devenue une interlocutrice
privilégiée pour tous les sujets d’informatique pédagogique. Son forum de discussion, gratuit et
sans nécessité d’adhésion, a permis à de nombreux enseignants, responsables informatiques et
personnes ressources MITIC de trouver une aide technique et pédagogiques, ainsi que de
nombreuses ressources pour l’intégration des MITIC dans l’enseignement.“
14
Seite 26 von 158
Sonderschulen sowie an Fachleute, die mit sehgeschädigten jungen Menschen
arbeiten.
Die Geschichte des Bereichs Lehrmittel reicht ins Jahr 1952 zurück, als die
hauseigene Druckerei für Blindenschrift ihren Betrieb aufnahm. Reliefbau und
Grossdruck kamen 1977 hinzu. 1983 wurden die verschiedenen Bereiche zu
einer Organisationseinheit zusammengefasst. Seit 2011 ist auch die Ludothek
für Blinde und Sehbehinderte diesem Bereich angeschlossen. Hier werden
Bilderbücher und Gesellschaftsspiele für blinde und sehbehinderte Menschen
adaptiert und über einen Online-Katalog in der ganzen Schweiz ausgeliehen.
05.07
Schule der Stadt Zürich für Sehbehinderte (SfS)
Die Schule für Sehbehinderte (www.stadt-zuerich.ch/sfs) bietet eine
spezifische Förderung für Kinder und Jugendliche ab Schuleintritt bis 20 Jahre
mit einer Sehbeeinträchtigung. Das spezifisch ausgebildete Personal arbeitet in
der Integrierten Sonderschulung und in der Separierten Sonderschulung. Die
zwei Systeme sind durchlässig. Mischformen sind möglich.
Die Schule für Sehbehinderte ist eine von der Bildungsdirektion Zürich
anerkannte Sonderschule. Sie bietet vielfältige Unterstützung für betroffene
Kinder und Jugendliche sowie deren Umfeld:






Sehbehinderten- und blindenspezifische Fachberatung.
Low Vision (Abklärung des funktionellen Sehvermögens, Hilfsmitteltraining
etc.).
Lebenspraktische Fertigkeiten (LPF).
Orientierung und Mobilität (Schulwegtraining u.a.).
Umgang mit IKT.
Punktschrift.
Seite 27 von 158
TEIL B
ALLGEMEINE RAHMENBEDINGUNGEN
06
Technologie-Entwicklung und barrierefreie Literatur
Bis gegen das Ende des 20. Jahrhunderts standen Blindheit und
Sehbeeinträchtigung im Zentrum der Bemühungen um Barrierefreiheit. Das
hat zum einen mit der Erfindung der Blindenschrift durch Louis Braille zu tun
(Mitte 19. Jahrhundert). Diese widerlegte nicht nur die bis dahin
vorherrschende Meinung, Blinde seien nicht bildungsfähig, sondern schuf auch
die Voraussetzung für das frühe Entstehen eines organisierten Blindenwesens.
Zum andern stellte die Technologie im Laufe des 20. Jahrhunderts
Instrumente zur Verfügung, welche besonders für Menschen mit Blindheit und
Sehbeeinträchtigung von grossem Nutzen waren.
Mit dem einsetzenden 21. Jahrhundert erfolgte mit dem Internet und seiner
Multimedia-Fähigkeit ein weiterer Technologieschub. Dieser bringt bei weiten
nicht nur blinden und sehbehinderten Menschen Vorteile, sondern auch
Personen, die durch andere Arten der Lesebehinderung (→ Glossar)
eingeschränkt sind.
06.01
Historischer Abriss
06.01.01
Blindenschrift
Die von Louis Braille (1809 – 1852) entwickelte, universell verwendete
Blindenschrift setzte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts schnell durch und
erlaubte es den bis anhin als weitgehend nicht bildungsfähig erachteten
Blinden nicht nur, Texte taktil wahrzunehmen und zu verstehen, sondern auch
Texte unter Verwendung der entsprechenden Instrumente selber zu schreiben.
Zur Herstellung eines Buches in Blindenschrift musste der Text in einem
handwerklichen Prozess von einer blindenschriftkundigen Person in
Blindenschrift übersetzt („erfasst“) werden. Das Resultat war ein
Blindenschriftbuch als Unikat.
Bereits sehr früh allerdings wurde das Buchdruckverfahren auf die Erzeugung
von Blindenschrift übertragen: „In der französischen Schweiz wurde die
Braille-Schrift schon 1852 eingeführt und 1860 eine Druckerei gegründet, die
1866 sechs Werke in Französisch und fünf in deutscher Sprache, darunter eine
Seite 28 von 158
protestantische Bibelübersetzung in 32 Bänden mit 4.600 Seiten, gedruckt
hatte.“17
Die Entwicklung neuer Technologien führte im letzten Viertel des 20.
Jahrhunderts zu signifikanten Veränderungen und Verbesserungen in der
Produktion und Distribution von Blindenschrift. Zu den neuen Technologien
gehören insbesondere:



das Scannen: die automatische Texterkennung,18
die darauf aufbauende Möglichkeit, den gescannten Text mittels Software
in Blindenschrift zu übertragen,
die mit dem Computer, dem Tablet oder Smartphone verbundene BrailleZeile,19 die es ermöglicht, visuell auf dem Bildschirm dargestellten Text mit
den Fingern taktil zu lesen.
06.01.02
Audio
Der Zugang zu Literatur und Information mittels der Blindenschrift erfordert
natürlich, dass die Fähigkeit, Blindenschrift zu lesen (und zu schreiben),
erlernt wird, was mit einem erheblichen Schulungs- und Lernaufwand
verbunden ist. Insbesondere für erst später im Leben erblindete Personen ist
das Erlernen der Blindenschrift schwierig.
Das Aufkommen von Audio-Aufnahmen führte deshalb bei der Versorgung von
blinden und sehbehinderten Menschen zu einem revolutionären Fortschritt.
Bereits 1931 wurde in den USA von der American Foundation for the Blind und
der Library of Congress ein „Talking Books Program“ ins Leben gerufen.20 In
Europa wurden erste Blindenhörbüchereien Ende der 40er und anfangs der
50er Jahre gegründet.
Auch im Bereich der Hörbücher für Blinde veränderte der technologische
Fortschritt die Verfahren der Produktion und Distribution im Laufe der Zeit.

Im analogen Zeitalter zeigte sich der Wandel vorerst bei den Trägermedien.
Die Entwicklung des Hörbuchs für Blinde führte von der Schallplatte über
das Offenband zu speziellen Mehrspurkassetten mit den entsprechend
spezialisierten Abspielsystemen (→ Glossar) und schliesslich zu den
Kompaktkassetten.
Hervorzuheben ist, dass der zuletzt genannte Schritt auch den Übergang zu
einem Trägermedium manifestiert, der im allgemeinen Mainstream-Markt
während zweier Jahrzehnte äusserst erfolgreich war.
17
Vgl. Heinrich Scholler: Die Geschichte der Blindenschrift: Louis Braille, Valentin Haüy und
Charles Barbier (www.dvbs-online.de/horus/2009-1-4449.htm).
18
Optical Character Recognition (OCR).
19
www.google.ch/search?hl=de&site=imghp&tbm=isch&source=hp&biw=1858&bih=1068&q=brail
lezeile&oq=braillezeile&gs_l=img.3..0j0i24l7.1495.3651.0.3923.12.9.0.3.3.0.55.425.9.9.0....0..
.1ac.1.42.img..0.12.429.x6IaTMq9r2U.
20
http://en.wikipedia.org/wiki/Audiobook.
Seite 29 von 158
Mit der digitalen Revolution änderten sich die Verhältnisse abermals:



Seit dem Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde von
Blindenbibliotheken daran gearbeitet,21 die Möglichkeiten des Digitalen für
eine verbesserte, effektivere Hörbuchlektüre für Blinde und Sehbehinderte
zu nutzen.
Dies führte 1996 zur Gründung des DAISY22 Consortium, der Entwicklung
der DAISY-Standards und deren weltweiten Einführung durch
Blindenbibliotheken seit Beginn des 21. Jahrhunderts.
DAISY-Bücher werden heute vornehmlich als navigierbare Hörbücher
produziert; in seiner vollen Ausprägung aber ist ein DAISY-Buch ein
elektronisches Buch oder Dokument, das als „DAISY full-text, full-audio“
bezeichnet wird. Es ist navigierbar (→ Glossar Navigierbarkeit) und enthält
sowohl den Text des Buches als auch seine Audio-Entsprechung; die „TextSpur“ und die „Audio-Spur“ des elektronischen Buches sind miteinander
synchronisiert (→ Glossar Synchronisierung der Wiedergabe-Modi,
Wahrnehmungskanäle).
Während die oben zusammengefassten Veränderungen den Zugang zu
Literatur für Blinde von der Audio-Seite her verbesserten, zeigten sich parallel
dazu relevante technologische Entwicklungen von der Text-Seite her:


Die Text-to-Speech – Technologie (→ Glossar) baut auf maschinenlesbarem
Text auf und liest diesen mittels digital erzeugter Sprachausgabe vor; die
Qualität des Audio-Outputs via Text-to-Speech hat sich in den vergangenen
Jahren in einem zuvor kaum erwarteten Mass verbessert.23
Der Screen-Reader (→ Glossar) versieht den Blinden mit der Möglichkeit,
sich einen Text vorlesen zu lassen, sei es in Kombination mit einer
angeschlossenen Blindenschriftzeile (→ Glossar) oder nicht.
Der letzte Punkt markiert insofern einen wichtigen Entwicklungsschritt, als hier
die akustische mit der taktilen Wahrnehmung verbunden ist (→ Glossar
Wahrnehmungskanäle, Wiedergabe-Modi).
Schliesslich muss hervorgehoben werden, dass Text-to-Speech –
Anwendungen seit einigen Jahren im Mainstream immer mehr nachgefragt
werden.
Zusammen mit der von der Politik geforderten Barrierefreiheit führte das dazu,
dass die am weitesten verbreiteten IT-Plattformen (Google, Apple, Microsoft,
etc.) inzwischen standardmässig mit Text-to-Speech Software ausgerüstet
sind.
21
Pionier war hier die Schwedische Bibliothek für Blindenschrift und Hörbücher.
Bis etwa 1998 Akronym für Digital Audio-Based Information SYstem, danach für Digital
Accessible Information SYstem. Der bedeutsame Namens-Wechsel reflektiert die Einsicht, dass
das zugängliche elektronische Dokument nicht „audio-based“, sondern „text-based“ sein wird /
soll.
23
Dies trifft vor allem für einfache Fliesstexte zu; bei komplexeren Textsorten (populäre
Sachbücher, Lehrmittel, wissenschaftliche Literatur usw.) ist Text-to-Speech ohne
weitergehende und durchaus mögliche Optimierungen noch nicht gut genug.
22
Seite 30 von 158
06.01.03
Vergrösserungen
Für Sehbehinderte, die der Blindenschrift nicht kundig sind oder über einen
ausreichenden Sehrest verfügen, verbesserte sich die Situation mit Bezug auf
den Zugang zu Literatur und Information mit dem Aufkommen und der
Verbreitung von Fotokopier- und Vergrösserungsapparaten. Nun waren
Blindenbibliotheken in der Lage, Lehrmittel in vergrösserter Form zur
Verfügung zu stellen. Die gelieferten Dokumente waren in ihren Möglichkeiten
jedoch eingeschränkt; zum einen führt das Verfahren zu übergrossen
Formaten, andererseits kann gestalterisch kaum Einfluss genommen werden,
was beispielsweise Kontraste, Satzspiegel usw. betrifft. Der Fortschritt hin zum
Farbkopierer führte in dieser Beziehung lediglich minimale Verbesserungen
herbei.
Auch im Vergrösserungsbereich brachte der technische Fortschritt bedeutende
Verbesserungen hervor:


Für Sehbehinderte wurden spezielle Vergrösserungsapparate entwickelt24
(→ Glossar Assistive Technology), die allerdings eher umständlich zu
bedienen und sehr teuer sind.
Mit der im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts einsetzenden
weitflächigen Verbreitung des Personal Computers und den BürosoftwarePaketen wurden weitere Fortschritte möglich, insbesondere durch die
Entwicklung von Bildschirmvergrösserungs-Software (→ Glossar Assistive
Technology).
In den vergangenen etwa fünf Jahren begann sich die Situation erneut
grundlegend zu verändern, und zwar mit den internetfähigen Tablets und
Smartphones. Deren unterschiedlich grosse Bildschirme versetzen auch den
Durchschnitts- und Mainstream-Nutzer in die Lage von Sehbehinderten, die
nicht nur auf eine bestimmte Schriftgrösse angewiesen sind, sondern es als
äusserst Nutzer-unfreundlich wahrnehmen, wenn sie zur Lektüre einer
einzigen Zeile auf dem Smartphone mehrere Male nach rechts scrollen müssen
oder sich auf dem Mini-Screen in einer grossen Tabelle orientieren wollen.
Inzwischen beginnt sich im Mainstream als Routine durchzusetzen,
beispielsweise bei Online-Zeitungs-Ausgaben, dass sich der Zeilenumbruch der
Bildschirmgrösse des Ausgabegerätes automatisch anpasst und sich
Schriftgrössen und Schriftarten gemäss individueller Präferenzen einstellen
lassen.
24
www.google.ch/search?q=vergr%C3%B6sserungsger%C3%A4te&tbm=isch&tbo=u&source=uni
v&sa=X&ei=3QBdU5KfF4HbtAau4IG4BA&ved=0CG0Q7Ak&biw=1858&bih=1068#q=vergr%C3
%B6sserungsger%C3%A4te+f%C3%BCr+blinde&tbm=isch.
Seite 31 von 158
06.02
Die nächste Stufe – das Enhanced eBook
Mit dem im Oktober 2011 verabschiedeten offenen, nicht-proprietären
Industrie-Standard für elektronische Publikationen (EPUB 3) erfolgt nun ein
weiterer grosser Schritt.
An dieser Stelle ist mit Nachdruck hervorzuheben, dass den Lehrmittelverlagen
mit EPUB 3 ein standardisiertes Format zur Verfügung steht, das ihnen die
Entscheidung für den Einstieg in die Herstellung und den Vertrieb von
elektronischen Lehrmitteln entscheidend erleichtern wird, und zwar
vollkommen unabhängig von der Problematik der Zugänglichkeit.
Mit der Entscheidung für EPUB 3 eröffnet sich jedoch zusätzlich die
realistische Perspektive und Chance, dass die Privatwirtschaft, wo notwendig
in Kooperation mit Experten für eAccessibility (→ Glossar), selber Enhanced
eBooks (→ Glossar) auf den Markt bringt, die für Menschen mit
Lesebehinderung (→ Glossar) vom ersten Verkaufstag an zugänglich sind.
06.03
Kernpunkte
Aus dem kurzen historischen Abriss und dem angedeuteten Ausblick lassen
sich folgende wichtige Kernpunkte herauslesen:





Die Geschichte der Zugänglichkeit von Literatur und schriftlicher
Information hängt eng mit der Technologie-Geschichte zusammen.
Dass (elektronische) Inhalte akustisch, visuell oder taktil dargestellt
werden oder wiedergegeben werden können (→ Glossar Wiedergabe-Modi),
ist mit Bezug auf Barrierefreiheit von ausschlaggebender Wichtigkeit.
Je nach Ausprägung der Lesebehinderung (→ Glossar) bedienen sich
betroffene Menschen des visuellen, akustischen oder taktilen
Wahrnehmungskanals (→ Glossar Wahrnehmungskanäle) oder einer
Kombination von ihnen, um Inhalte zu erfassen (lesen).
Die Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) wenden die
verschiedenen Wiedergabe-Modi extensiv an (Multimedia).
Die Informations- und Kommunikationstechnologien sind in der Lage, jeden
der drei Wahrnehmungskanäle zu bedienen.
Hervorzuheben ist, dass die erwähnten Phänomene auch für den allgemeinen
Markt relevant und attraktiv sind:


Der Mainstream-Nutzer fragt die Präsentation von Inhalten in
verschiedenen Modi der Darstellung stark nach; er ist dem Multimedialen
(→ Glossar Medien) zugeneigt.
Der Mainstream-Nutzer will denselben Inhalt auf Geräten mit
unterschiedlichen Charakteristika (gross, klein, mobil, stationär, mit
Bildschirm oder ohne Bildschirm) überall (in der Schule, im Bett, im Tram
oder Zug, bei der Arbeit am Pult, auf der Dufourspitze oder tief unten in
der Grotte) verfügbar haben und bequem lesen können.
Seite 32 von 158


Mit dem offenen, nicht proprietären Industriestandard EPUB 3 haben die
Verlage für ihren Einstieg in die Produktion und den Vertrieb von
elektronischen Büchern und Lehrmitteln eine verlässliche Basis.
Diese erlaubt ihnen ohne nennenswerten Zusatzaufwand, Lehrmittel auf
den Markt zu bringen, die zugänglich sind.
07
Internationale und nationale Bestrebungen zu mehr
Inklusion im digitalen Zeitalter (2000 – 2014)
Mit dem Technologie-Fortschritt und insbesondere der digitalen Revolution
traten und treten auch die mit ihr einhergehenden Risiken ins Bewusstsein,
insbesondere dass gewisse Gruppen und Populationen von den Vorteilen der
Technologien nicht profitieren. Diese sind vielleicht mehr als je vom Risiko des
Ausschlusses und des Ausgeschlossen-Werdens bedroht.
Eine Folge der digitalen Revolution selber ist, dass relevante Themen den
politischen Diskurs auf globaler, regionaler und nationaler Ebene schneller in
Gang setzen und diese schneller miteinander verzahnt werden. Auch mit
Schweizer Beteiligung fand unter dem Stich- und Schlagwort Digital Divide (→
Glossar) die Diskussion rund um die mit den genannten Risiken verbundenen
Probleme im ausgehenden 20. Jahrhundert Eingang in politische Debatten auf
globaler (UNO), regionaler (Europa) und nationaler Ebene.
Im Zug dieser Bewegungen wurde der Digital Divide auch mit Bezug auf
Menschen mit Behinderungen thematisiert, denen der Zugang zu Information
und Wissen durch die für sie unzugängliche IKT versperrt wird.
Es kann im Folgenden nicht darum gehen, die relevanten Bewegungen im
Detail vorzustellen, doch soll wenigstens eine kurze Zusammenstellung
wichtiger Initiativen und Dokumente einen Überblick verschaffen.
Selbstverständlich wird dabei keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.
07.01
UN World Summit on the Information Society (WSIS)
Der UNO-Gipfel zur Informationsgesellschaft wurde unter wesentlicher
Mitbeteiligung der Schweiz organisiert und in Genf (2003) sowie in Tunis
(2005) in zwei Teilen durchgeführt. Der Grund dafür war die Erkenntnis, dass
die digitale Revolution das Potenzial hat, die Entwicklung der Menschheit zu
fördern, dass sie aber paradoxerweise einen tiefen und potentiell gefährlichen
Digital Divide herbeiführt zwischen jenen, die von den digitalen Möglichkeiten
profitieren können, und jenen, die von ihnen ausgeschlossen sind.25
25
www.itu.int/wsis/basic/why.html.
Seite 33 von 158
In Genf wurden eine Geneva Declaration of Principles und ein Geneva Action
Plan verbschiedet,26 in Tunis ein Tunis Commitment und eine Tunis Agenda for
the Information Society.27
Die Genfer Declaration of Principles hält unter Punkt 13 fest:
“In building the Information Society, we shall pay particular attention28 to
the special needs of marginalized and vulnerable groups of society, including
migrants, internally displaced persons and refugees, unemployed and
underprivileged people, minorities and nomadic people. We shall also
recognize the special needs of older persons and persons with disabilities.”29
Eine bedeutsame Neuerung im Rahmen der Organisation und Durchführung
von UNO-Gipfeln war beim WSIS, dessen Aktivitäten im Übrigen laufend weiter
geführt werden,30 die breite Beteiligung und aktive Partizipation des Privatsowie des Zivilsektors (NGOs).31
07.02
Riga Ministerial Declaration on eInclusion
Auf europäischer Ebene und damit weitgehend unabhängig von einer
Perspektive, die die „Dritte Welt“ ins Zentrum stellen würde, haben die EUund EFTA-Mitglieder, darunter die Schweiz, die Riga Ministerial Declaration on
eInclusion im Jahr 2006 verabschiedet.32 Diese enthält im Abschnitt Enhance
eAccessibility and Usability fünf Artikel (15-19) mit Bezug auf Barrierefreiheit
für Menschen mit Behinderungen, darunter:
“18. Fostering the application of common requirements and standards,
European or global, for accessible and usable ICT hardware, software and
services, to be supported by appropriate user involvement, and means of
demonstrating conformance, e.g. labeling. In so doing, innovation,
interoperability and open architectures of accessible convergent
communications shall be encouraged, while promoting European solutions on
the international scene including in standardization processes.
19. Facilitating accessibility and usability of ICT products and services for all,
with a special focus on people with disabilities, such that this will benefit
everyone. This should be achieved by accessible digital content on all
platforms, interoperable assistive technologies, and mainstreaming inclusive
26
www.itu.int/wsis/documents/doc_multi.asp?lang=en&id=1161|1160.
www.itu.int/wsis/documents/doc_multi.asp?lang=en&id=2266|2267.
28
Hervorhebung im Text.
29
www.itu.int/wsis/docs/geneva/official/dop.html; im Tunis Commitment (Punkt 20) bestätigt:
www.itu.int/wsis/documents/doc_multi.asp?lang=en&id=2266|2267
30
www.itu.int/wsis/index.html.
31
Das führte denn auch dazu, dass sowohl in Genf als auch in Tunis je ein Global Forum on
Disability in the Information Society durchgeführt werden konnte (siehe:
www.dinf.ne.jp/doc/english/prompt/031215_2wsis.html;
www.dinf.ne.jp/doc/english/prompt/031215_3wsis.html;
www.dinf.ne.jp/doc/english/prompt/051115_18wsis.html).
32
www.age-platform.eu/images/stories/EInclusion_Riga_20060611.pdf.
27
Seite 34 von 158
design and design for all in the development of ICT products and services.
Research, professional training, centers and networks of excellence, user
involvement, labeling, conformity assessment, and other means are
key. Links between mainstream ICT industry and the assistive technologies
sector should be facilitated, and a European curriculum on design for all should
be promoted.”
07.03
Europäische Union
Im engeren europäischen Rahmen der EU sei hier auf den Disability Action
Plan (2004-2010)33 sowie auf die European Disability Strategy 2010-2020 von
2010 verwiesen. Letztere “builds on the UNCRPD34 and takes into account the
experience of the Disability Action Plan (2004-2010). Its objectives are
pursued by actions in eight priority areas”.
Als erstes der acht prioritären Handlungsfelder erscheint die Accessibility mit
dem Ziel “[to] make goods and services accessible to people with disabilities
and promote the market of assistive devices”.35
Im Februar 2014 wurde der Entwurf für einen European Standard Accessibility
Requirements suitable for public Procurement of ICT Products and Services in
Europe36 publiziert. Er soll bis Ende 2014 überarbeitet werden.
Das Dokument “specifies the functional accessibility requirements applicable to
ICT products and services, together with a description of the test procedures
and evaluation methodology for each accessibility requirement in a form that
is suitable for use in public procurement within Europe. The present document
might be useful for other purposes such as procurement in the private
sector”.37
33
http://europa.eu/legislation_summaries/employment_and_social_policy/disability_and_old_age/
c11414_en.htm.
34
UNCRPD ist das Akronym für die UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities
(siehe dazu unten das Kapitel Die UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities
(07.10).
35
http://ec.europa.eu/justice/discrimination/disabilities/disability-strategy/index_en.htm.
36
Basierend auf einem Mandat der EU-Kommission, herausgegeben von (1) ETSI (European
Telecommunications Standards Institute); (2) CENELEC (Comité Européen de Normalisation);
(3) CENE (Comité Européen de Normalisation Electrotechnique).
37
www.etsi.org/deliver/etsi_en/301500_301599/301549/01.01.01_60/en_301549v010101p.pdf.
Seite 35 von 158
07.04
Bundesrätliche Strategien zur Informationsgesellschaft
Erstmals 1998 wurde eine Strategie des Bundesrates für eine
Informationsgesellschaft in der Schweiz veröffentlicht. 2006 und 2012
erschienen jeweils aktualisierte oder revidierte Versionen.38
1998 stand die Strategie unter folgender Prämisse: „Die
Informationsgesellschaft hat das Potenzial, die Beschäftigungslage, die
Lebensqualität und die Einbindung von Behinderten, Alten und Minoritäten zu
verbessern“.
In der revidierten Fassung von 2006 wird die Prämisse von 1998 wieder
aufgenommen:
„Das Ziel dieser aktualisierten Strategie bleibt dasselbe wie 1998: Die
Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sollen rasch, koordiniert
und zum Nutzen aller eingesetzt werden. Weiterhin sind alle Einwohnerinnen
und Einwohner der Schweiz […] Teil der Informationsgesellschaft und haben
einen chancengleichen und barrierefreien Zugang zu den IKT, um sie ihren
privaten und beruflichen Bedürfnissen entsprechend nutzen zu können. Den
Bedürfnissen von potenziell benachteiligten Bevölkerungsgruppen wird dabei
Rechnung getragen […].“
Unter dem Titel Befähigung aller hält die Strategie fest: „Der technische und
inhaltliche Umgang mit den IKT gehört zu den Grundkompetenzen des
täglichen Lebens. Die Mitglieder der Gesellschaft sind zu befähigen, die zur
Verfügung stehenden Medien zur Informationssuche und -sammlung, zur
Meinungsbildung und zum Einbringen der eigenen Meinung selbständig
einzusetzen (Medienkompetenz).“
Schliesslich wird explizit auf den UN World Summit on the Information
Society39 verwiesen:
„Das Engagement des Bundes erfolgt im Einklang mit der Deklaration und dem
Aktionsplan des UNO-Weltgipfels Informationsgesellschaft (WSIS) 2003 und
2005.“
Auch die neueste Ausgabe der Strategie (2012) führt die vorangegangenen im
Grundansatz fort. Sie nennt die „Handlungsfelder, in welchen das
Innovationspotenzial der IKT besonders grosse Wirkung erzielen kann und
definiert schwerpunktmässig den Handlungsbedarf für den Bund. Da die
Informationsgesellschaft ein Querschnitt-Thema ist, sind bei ihrer Umsetzung
bereichsübergreifende Handlungsgrundsätze zu beachten“.
Die beiden übergeordneten Strategieziele des Bundesrates werden sodann wie
folgt umschrieben:
38
www.bakom.admin.ch/themen/infosociety/00695/index.html?lang=de& (Seite mit Links zu
allen drei Dokumenten).
39
Siehe oben das gleichnamige Kapitel.
Seite 36 von 158


„(1) Der Wirtschaftsstandort Schweiz wird durch den Einsatz der IKT
innovativ und international wettbewerbsfähig gestaltet.
(2) Die IKT werden zum Nutzen aller40 Menschen eingesetzt und gestalten
den Lebensraum Schweiz attraktiv.“
07.05
IKT-Strategie der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK)
Aufgrund verschiedener Entwicklungen erschien im März 2007 die Strategie
der EDK im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und
Medien.41 Sie löst die aus dem Jahr 2000 stammende Erklärung zu den
Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) im Bildungswesen42 ab.
Eine der zwischenzeitlich eingetretenen Entwicklungen wird wie folgt
beschrieben:
„In unmittelbarer Zukunft stehen die Produktion und Validierung von
elektronischen Lern- und Lehrinhalten (eContent) und der Zugang zu ihnen im
Vordergrund.“
Die Redaktoren der EDK-Strategie aus dem Jahr 2007 dachten beim Zugang
zu elektronischen Lehr- und Lernressourcen wahrscheinlich nicht an
barrierefreie Lehrmittel. Ausserdem waren sie mit Bezug auf die „unmittelbare
Zukunft“ von eContent in der Schule wohl zu optimistisch.
Es stellt sich die Frage, warum diese Entwicklung bisher eher harzig
vorankommt. Es gibt dafür ohne Zweifel verschiedene, sich gegenseitig
verstärkende Aspekte zu bedenken wie beispielsweise die benötigten
technischen Infrastrukturen in den Schulen,43 die IKT-Kompetenzen der
Lehrkräfte und Schulleitungen oder die Finanzierung.
Neben den genannten Problemen ist einer der Hauptgründe jedoch mit
Sicherheit das Fehlen eines verlässlichen, nicht-proprietären Standards für
eContent (elektronische Publikationen).
Mit dem Standard EPUB 3 kann diese Lücke geschlossen und gleichzeitig die
Verpflichtung zur Barrierefreiheit erfüllt werden.
07.06
Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG)44
Das Bundesgesetz über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen
mit Behinderungen45 trat am 1. Januar 2004 in Kraft. Es bezweckt,
40
Hervorhebung durch die Autoren.
http://edudoc.ch/record/30020/files/ICT_d.pdf?version=1.
42
www.edudoc.ch/static/web/arbeiten/erkl_ikt_d.pdf.
43
Internet-Verbindungen mit genügend Bandbreite; Ausrüstung der Schülerinnen und Schüler
mit Hard- und Software usw.
44
Siehe für eine detaillierte, sich hauptsächlich an Juristen richtende Diskussion des
Gleichstellungsrechts für Behinderte in der Schweiz: Schefer, Markus und Hess-Klein, Carorline:
Behindertengleichstellungsrecht, 570 Seiten, Stämpfli, Bern: 2014
41
Seite 37 von 158
„Benachteiligungen zu verhindern, zu verringern oder zu beseitigen, denen
Menschen mit Behinderungen ausgesetzt sind“ und „setzt
Rahmenbedingungen, die es Menschen mit Behinderungen erleichtern, am
gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und insbesondere selbstständig soziale
Kontakte zu pflegen, sich aus- und fortzubilden und eine Erwerbstätigkeit
auszuüben.“46
Eine Benachteiligung „liegt vor, wenn Behinderte rechtlich oder tatsächlich
anders als nicht Behinderte behandelt und dabei ohne sachliche Rechtfertigung
schlechter gestellt werden als diese, oder wenn eine unterschiedliche
Behandlung fehlt, die zur tatsächlichen Gleichstellung Behinderter und nicht
Behinderter notwendig ist“.47 Eine Benachteiligung „bei der Inanspruchnahme
von Aus- und Weiterbildung liegt insbesondere vor, wenn: (a) die Verwendung
behindertenspezifischer Hilfsmittel oder der Beizug notwendiger persönlicher
Assistenz erschwert werden; (b) die Dauer und Ausgestaltung des
Bildungsangebots sowie Prüfungen den spezifischen Bedürfnissen Behinderter
nicht angepasst sind“.48
07.07
WIPO Marrakesh Treaty
Im Juni 2013 verabschiedeten die Mitglieder [Member States] der World
Intellectual Property Organization (WIPO) den Marrakesh Treaty to Facilitate
Access to Published Works for Persons Who Are Blind, Visually Impaired or
Otherwise Print Disabled.49 Die Schweiz hat den internationalen Vertrag am
28. Juni 2013 unterzeichnet.50 Dieser wird in Kraft treten, wenn ihn zwanzig
Member States der WIPO ratifiziert haben.
Im Wesentlichen verpflichten sich die dem Treaty beitretenden Staaten, in ihre
nationalen Urheberrechtsgesetze eine Schutzausnahmeklausel für
Lesebehinderte aufzunehmen51 und den grenzüberschreitenden Austausch von
Werken zu gewährleisten, die für Lesebehinderte in eine barrierefreie Kopie
umformatiert worden sind.
45
www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20002658/index.html.
Art. 1, Absätze 1 und 2; Hervorhebung der Autoren..
47
Art. 2, Abs. 2.
48
Art. 2, Abs. 5; daraus leitet sich auch der Rechts-Anspruch für Menschen mit Behinderungen
auf den so genannten Nachteilsausgleich (→ Glossar) ab, der früher missverständlich
„Prüfungserleichterung“ hiess.
49
www.wipo.int/treaties/en/ip/marrakesh
50
www.wipo.int/treaties/en/ShowResults.jsp?lang=en&treaty_id=843. Der Bundesrat hat das
Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) Anfang Juni 2014 „mit der Ausarbeitung
einer Vernehmlassungsvorlage für eine Teilrevision des Urheberrechts bis Ende 2015
beauftragt; die Ratifikation des Marrakesch-Abkommens wird ebenso wie die Ratifikation des
Beijing-Abkommens Teil dieser Vorlage sein“ (Auskunft des Eidgenössischen Instituts für
geistiges Eigentum, IGE).
51
Eine solche ist im Schweizer Urheberrechtsgesetz bereits enthalten (Art. 24c).
46
Seite 38 von 158
07.08
Statistische Daten Schweiz
Seit einigen Jahren ist das Bundesamt für Statistik damit befasst, innerhalb
des Bereiches 20, Wirtschaftliche und soziale Situation der Bevölkerung, einen
Unterbereich Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen aufzubauen.52
Eine laufend nachgeführte Liste mit Kennzahlen nach Indikatoren ist auf der
Website des Bundesamtes verfügbar.53 Ausserdem erscheinen Publikationen,
welche sich spezifischen Fragestellungen widmen. Bisher (Mai 2014) sind
erschienen:54




52
53
54
55
Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen: Entwicklung
2007–2012 / Menschen mit Behinderungen: besser ausgebildet,
aber stärker armutsgefährdet (Juni 2014).55
„Während sich der Bildungsstand von Menschen mit Behinderungen
verbessert hat, hat sich ihre finanzielle Situation verschlechtert. Bei der
Beschäftigung, der allgemeinen Lebenszufriedenheit und der
selbstständigen Benützung des öffentlichen Verkehrs sind keine
Veränderungen festzustellen. Zehn Jahre nach dem Inkrafttreten des
Behindertengleichstellungsgesetzes (BehiG) veröffentlicht das Bundesamt
für Statistik (BFS) die ersten Zeitreihen, anhand derer sich die Entwicklung
der Situation der Menschen mit Behinderungen zwischen 2007 und 2012
verfolgen lässt.“
Einschränkungen und Hilfsmassnahmen bei der Erwerbstätigkeit
von Menschen mit Behinderung (November 2012).
„Für die Schweiz liegen nun erstmals Daten darüber vor, mit welchen
Einschränkungen Menschen mit Behinderungen in der Berufswelt
konfrontiert sind und welche Hilfsmassnahmen ihnen die Erwerbstätigkeit
erleichtern oder erleichtern würden. Die Publikation stellt die wichtigsten
Ergebnisse vor, die aus einem im Jahr 2011 im Rahmen der
Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) erhobenen Modul
hervorgehen.“
Menschen mit Behinderung in sozialen Einrichtungen (November
2012).
„Welches sind die häufigsten Behinderungen der in Institutionen lebenden
Menschen? Wie lange bleiben Menschen mit Behinderung in solchen
Institutionen? Wie hoch ist die Zahl der Austritte? Aufgrund welcher
Gesundheitsprobleme werden Personen mit Behinderung hospitalisiert? Die
vorgestellten Daten basieren auf den Ergebnissen der Erhebung, die das
Bundesamt für Statistik jedes Jahr bei den sozialmedizinischen
Institutionen durchführt.“
Kinder und Behinderung (Dezember 2010)
„Diese Studie legt auf der Basis verschiedener Statistiken eine Schätzung
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/20/06.html.
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/20/06/blank/key/00.html.
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/20/06/blank/dos.html.
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/20/01/new/nip_detail.html?gnpID=2014-365.
Seite 39 von 158

der Anzahl Kinder mit Behinderungen vor. Sie beschreibt die Verteilung
nach Alter und Geschlecht sowie die zeitliche Entwicklung.“
Behinderung hat viele Gesichter (2009)
„Wie viele Menschen in der Schweiz sind blind oder können nicht gehen?
Wie viele sind aus gesundheitlichen Gründen in ihrer Erwerbstätigkeit
eingeschränkt oder bedürfen der Hilfe? Die vielen Gesichter der
Behinderung werden hier in einem breiten Panorama vorgestellt, das sich
auf die in Privathaushalten lebenden Personen ab 15 Jahren bezieht. Je
nach Definition kann ein beachtlicher Teil der Bevölkerung als behindert
betrachtet werden, doch nur ein kleiner Prozentsatz (1-6% je nach
Definition) lebt mit einer schweren Behinderung. Frauen sind stärker davon
betroffen als Männer, beziehen jedoch weniger häufig
Invaliditätsleistungen. - Mit zunehmendem Alter steigt auch das Risiko
einer Behinderung. Im letzten eher technischen Teil der Studie werden die
Überschneidungen zwischen verschiedenen Definitionen der Behinderung
analysiert, insbesondere von der Definition der Behinderung ausgehend,
die in der Statistik der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen
verwendet wird. Der Aufbau der Behindertenstatistik ist auch in den
Zusammenhang mit der Ratifikation der UNO-Konvention über die Rechte
von Menschen mit Behinderungen zu stellen.“56
Im Bericht, den die Schweiz als Vertragspartner zur Umsetzung der
Konvention wird ausarbeiten müssen, werden statistische Daten verlangt, und
zwar „on the realization of each Convention right, disaggregated by sex, age,
type of disability (physical, sensory, intellectual and mental), ethnic origin,
urban/rural population and other relevant categories, on an annual
comparative basis over the past four years“.57
07.09
WHO World Report on Disability und UNICEF Children with
Disabilities Report
Im Jahr 2011 erschien der von der World Health Organization (WHO) mit
Unterstützung der World Bank herausgegebene World Report on Disability,
gemäss dem weltweit rund 15% der Bevölkerungen von einer Behinderung
betroffen sind:58
“The first ever World report on disability, produced jointly by WHO and the
World Bank, suggests that more than a billion people in the world today
experience disability. - People with disabilities have generally poorer health,
lower education achievements, fewer economic opportunities and higher rates
of poverty than people without disabilities. This is largely due to the lack of
services available to them and the many obstacles they face in their everyday
lives. The report provides the best available evidence about what works to
56
Siehe Art. 31 der UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities (vgl. das
nachfolgende Kapitel).
57
www.ohchr.org/Documents/HRBodies/CRPD/CRPD-C-2-3.pdf (A.3.2 h).
58
www.who.int/disabilities/world_report/2011/report/en/.
Seite 40 von 158
overcome barriers to health care, rehabilitation, education, employment, and
support services, and to create the environments which will enable people with
disabilities to flourish. The report ends with a concrete set of recommended
actions for governments and their partners. - This pioneering World report on
disability will make a significant contribution to implementation of the
Convention on the Rights of Persons with Disabilities. At the intersection of
public health, human rights and development, the report is set to become a
"must have" resource for policy-makers, service providers, professionals, and
advocates for people with disabilities and their families.” 59
Ergänzend zum WHO-Bericht kann ausserdem die von der UNICEF 2013
publizierte Studie Children with Disabilities herangezogen werden.60
07.10
Die UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities
07.10.01
Die Schweiz hat das Abkommen ratifiziert
Das übergeordnete zentrale internationale Dokument für die Inklusion (→
Glossar) von Menschen mit Behinderungen ist die Die UN Convention on the
Rights of Persons with Disabilities.61 Sie ist für die Staaten und Organisationen
ein hervorragender richtungsgebender Kompass auf dem Weg zu einer
inklusiven Gesellschaft.
Die Konvention gehört zum Set der UNO-Menschenrechts-Konventionen. Sie
wurde in einer Rekordzeit von etwa sechs Jahren unter wesentlicher Mitarbeit
von internationale Behindertenverbänden („nothing about us without us“)
erarbeitet und Ende 2006 von der UNO verabschiedet. Sie trat im Mai 2008 in
Kraft. Bis anhin62 liegen 149 Ratifikationen (bei 158 Unterzeichnungen) vor.
Die Schweiz ratifizierte das Abkommen am 15. April 2014 (ohne das
Zusatzprotokoll).63
Im Zusammenhang mit dem Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) und
den nicht ganz trivialen Fragen rund um den Geltungsbereich des Gesetzes im
Bereich des Bildungswesens64 – dieses fällt teilweise in die Kompetenz der
Kantone, teilweise in die Kompetenz des Bundes - ist zu betonen, dass die
Konvention auf allen Ebenen des föderalen Staatswesens anwendbar ist.
59
www.who.int/disabilities/world_report/2011/en/.
www.unicef.org/sowc2013/files/SWCR2013_ENG_Lo_res_24_Apr_2013.pdf.
61
www.un.org/disabilities/default.asp?id=259.
62
9. September 2014. Die jeweils aktuellen Zahlen sind hier zu finden:
www.un.org/disabilities/.
63
Für das Optional Protocol liegen 84 Ratifikationen bei 92 Unterzeichnungen vor. Das Optional
Protocol lässt “communications from or on behalf of individuals or groups of individuals subject
to its jurisdiction who claim to be victims of a violation by that State Party of the provisions of
the Convention” beim der Konvention inhärenten Committee on the Rights of Persons with
Disabilities (Art. 34 der Konvention) zu.
64
Vgl. dazu Schefer, Markus und Hess-Klein, Caroline: Behindertengleichstellungsrecht,
Stämpfli, Bern: 2014, Fünftes Kapitel: Bildung, Seiten 323 – 408.
60
Seite 41 von 158
Mit der Ratifikation ist die Schweiz gemäss der Konvention verpflichtet
innerhalb von zwei Jahren65 dem Committee on the Rights of Persons with
Disabilities (Art. 34) einen ersten Bericht (Art. 35) hinsichtlich der
Implementierung der Konvention in der Schweiz zu unterbreiten, danach
wenigstens alle vier Jahre.66 Der Bericht wird sich nach den vom Committee
2009 publizierten Guidelines on treaty-specific document to be submitted by
states parties under article 35, paragraph 1, of the Convention on the Rights
of Persons with Disabilities ausrichten müssen.67
Zu beachten ist, dass bei der Umsetzung der Konvention und bei der
Erarbeitung der Berichte die Betroffenen respektive die sie vertretenden
Organisationen systematisch eingebunden werden müssen. In Artikel 4
(General Obligations) heisst es (Absatz 3):
“In the development and implementation of legislation and policies to
implement the present Convention, and in other decision-making processes
concerning issues relating to persons with disabilities, States Parties shall
closely consult with and actively involve persons with disabilities, including
children with disabilities, through their representative organizations.”68
Auf diese Verpflichtung wird sodann im Artikel 35, Abs. 4 zu den Reports by
State Parties verwiesen: “When preparing reports to the Committee, States
Parties are invited to consider doing so in an open and transparent process
and to give due consideration to the provision set out in article 4, paragraph 3,
of the present Convention.”69
07.10.02
Die Konvention und barrierefreie IKT
In Artikel 970 der Konvention wird Barrierefreiheit (Accessibility) zu einem
Recht erhoben, um Personen mit Behinderungen in den Stand zu setzen „to
live independently and participate fully in all aspects of life“. Dies erfasst die
physikalische Umgebung und die Transportsysteme, aber auch die
Zugänglichkeit von „information and communications, including information
and communications technologies and systems“.
Hier ist im Zusammenhang mit Barrierefreiheit sehr deutlich
herauszustreichen, dass die Konvention nicht nur das Recht auf den Zugang zu
Information und Kommunikation postuliert, sondern auch das Recht auf
65
Ca. Mitte 2016.
INTEGRATION HANDICAP (www.integrationhandicap.ch/de/) hat zu ihrer Rolle ein Konzept
zur „Förderung und Überwachung der Umsetzung der Uno-Konvention“ in der Schweiz erarbeitet
(siehe www.integrationhandicap.ch/images/2014_UNO-BRK_Monitoring_DOK_D.pdf).
67
[CRPD C/2/3]: www.ohchr.org/Documents/HRBodies/CRPD/CRPD-C-2-3.pdf; ein weiteres und
von den Guidelines (A.3.2. c) empfohlenes Dokument zur angemessenen Abfassung der Reports
ist USING INDICATORS TO PROMOTE AND MONITOR THE IMPLEMENTATION OF HUMAN
RIGHTS: REPORT ON THE WORK OF THE OFFICE OF THE UNITED NATIONS HIGH
COMMISSIONER FOR HUMAN RIGHTS ON INDICATORS FOR THE TREATY BODIES. [OHCHR
HRI/MC2008/3]: www2.ohchr.org/english/issues/indicators/docs/HRI.MC.2008.3_en.pdf.
68
www.un.org/disabilities/default.asp?id=264.
69
www.un.org/disabilities/default.asp?id=295.
70
www.un.org/disabilities/default.asp?id=269.
66
Seite 42 von 158
zugängliche Informations- und Kommunikationstechnologien. Letztere sind
allgegenwärtig und damit, wie das Behindertengleichstellungsrecht selber, ein
grosses Querschnitt-Thema, das sowohl die Zugänglichkeit zu Bauten oder
Anlagen (beispielsweise Informationssysteme zur Orientierung in Gebäuden
oder Anlagen), zum Öffentlichen Verkehr (zum Beispiel KundenInformationssysteme) und zu Dienstleistungen des Staatswesens oder Privater
(mehr und mehr auch über On-line-Dienste angeboten) durchdringt.
Der fundamentale Rechtsanspruch von Menschen mit Behinderung auf
barrierefreie IKT oder eAccessibility (→ Glossar) kann im Zusammenhang mit
zugänglichen elektronischen Lehrmitteln und im Kontext des unaufhaltsamen
Siegeszuges der digitalen Medien im Schul- und Bildungswesen nicht genug
stark hervorgehoben werden.
Die aktuelle Lage zeichnet sich im Gegensatz dazu jedoch gerade dadurch aus,
dass die Mehrheit der IKT bis dato weitgehend unzugänglich ist.71 Hier zeigt
sich ein besonders störendes Paradox: Zwar haben die modernen IKT die
Voraussetzungen geschaffen, dass Inhalte für lesebehinderte Menschen (→
Glossar Lesebehinderung) überhaupt erst zugänglich werden können, aber sie
werden zu 95% so gestaltet und eingesetzt, dass sie den Zugang
verbarrikadieren.
Was fehlt, ist in erster Linie das Wissen darum, die Aufmerksamkeit dafür und
das entsprechende Know-how bei der Entwicklung von IKT. Am materiellen
Aufwand (Kosten) kann es nicht liegen: Im Vergleich mit früheren — und noch
gegenwärtigen — Zeiten, da man mit einem grossen Ressourceneinsatz nur
wenige, sozusagen „ausgewählte“ lesebehinderte Menschen schlecht und recht
mit zugänglicher Information aller Art versorgen konnte oder kann, wird der
Ressourceneinsatz mit barrierefreien IKTs vernachlässigbar, um so mehr als
ein um ein Vielfaches erweiterter Anteil der Population davon profitieren
kann.72
Artikel 9 der UNO-Konvention fasst „Barrierefreiheit“ kondensiert zusammen.
Es wäre allerdings falsch anzunehmen, dass eAccessibility in der Konvention
nur im genannten Artikel relevant ist, ganz im Gegenteil. Sucht man die
Konvention auf die Begriffe communications, technology, information or
information services, accommodation, and access, accessible, accessibility und
reasonable accommodation ab, lässt sich sagen, dass “almost half of the nonprocedurals of CRPD articles contain dispositions, which imply some form of
ICT accessibility obligation”.73
71
Für den engeren Bereich der Zugänglichkeit von Webseiten und da insbesondere von privaten
Anbietern siehe die von der Stiftung „Zugang für alle“ publizierten „Accessbility-Studien“, 2004,
2007, 2011: www.access-for-all.ch/ch/publikationen.html; vgl. auch das Video (NZZ) vom Mai
2014: www.nzz.ch/aktuell/digital/barrierefreiheit-internet-apps-zugang-fuer-alle-1.18299159.
72
In diesem Zusammenhang muss man auch an die Menschen mit altersbedingten
Einschränkungen, beispielsweise des Sehvermögens, denken; diese Gruppe wird überdies mit
der demographischen Alterung der Gesellschaften in den nächsten Jahrzehnten stark wachsen.
73
Vgl. Global Initiative for inclusive ICTs (G3ict): CRPD 2010 ICT Accessibility Progress Report
(www.g3ict.org/resource_center/CRPD_Progress_Report_On_ICT_Accessibility_2010); es liegen
auch entsprechende Berichte für 2012 und 2013 vor.
(http://g3ict.com/resource_center/G3ict_Publications). Siehe auch: Putting e-Accessibility at
Seite 43 von 158
In den bereits zitierten Guidelines on treaty-specific document to be submitted
by states parties under article 35, paragraph 1, of the Convention on the
Rights of Persons with Disabilities erscheinen die Begriffe access, accessible,
accessibility an 52 Stellen.74
07.11
Tabellarische Übersicht 1: UNO-Konvention und IKT75
UNO-Konvention und IKT
CRPD-Bestimmungen mit Relevanz für
ICTs
CRPD
Artikel
Accessibility
Anforderungen
Reasonable
Accommodation76
Promoting
Assistive
Technologies
Non discrimination
E-Government
Media and Internet
Television
Private Sector Services
Liberty and security
5
9.2 a
9.1; 9.2 g
30.1 b
9.2 b
14
XXXXX
Living Independently
Education
Employment
19
24
27
XXXXX
XXXXX
Political Rights
21, 29
XXXXX
Emergency services
9.1 b; 11
XXXXX
Culture and Leisure
30.5 c
XXXXX
Personal mobility
20
Rehabilitation
26
Accessibility standards
9.2 a
XXXXX
XXXXX
XXXXX
ICT product development
9.2 h
XXXXX
XXXXX
XXXXX
International cooperation
32
XXXXX
XXXXX
XXXXX
Statistics and data
31
XXXXX
XXXXX
XXXXX
XXXXX
XXXXX
XXXXX
XXXXX
XXXXX
XXXXX
XXXXX
XXXXX
XXXXX
XXXXX
XXXXX
XXXXX
the Core of Information Systems. A G3ict Business Case White Paper Series. 2013
(www.braillenet.org/documents/G3ICT-White-Paper-eAccessibility-at-the-core-of-IS.pdf).
74
www.g3ict.org/resource_center/CRPD_Progress_Report_On_ICT_Accessibility_2010.
75
Dem Bericht CRPD 2010 ICT Accessibility Progress Report entnommen
(www.g3ict.org/resource_center/CRPD_Progress_Report_On_ICT_Accessibility_2010).
76
Art. 2 der UNO-Konvention: "’Reasonable accommodation’ means necessary and appropriate
modification and adjustments not imposing a disproportionate or undue burden, where needed
in a particular case, to ensure to persons with disabilities the enjoyment or exercise on an equal
basis with others of all human rights and fundamental freedoms.”
Seite 44 von 158
07.12
Tabellarische Übersicht 2: Internationale und nationale
Bestrebungen für mehr eInclusion
Internationale und nationale Bestrebungen zu mehr Inklusion im digitalen
Zeitalter (2000 – 2014)
Jahr
98
00
03
04
05
06
07
08
10
11
12
13
14
INTERNATIONAL
verabschiedet
UN
Convention
UN WSIS
EU / EFTA
Genf
tritt
in
Kraft
Tunis
CH ratifiziert
kontinuierliche Weiterführung
Riga
Disability
Action
Plan
2004 2010
Europäische
Union
European
Disability
Strategy
20102020
Standard
Accessibility
ICT
procurement
Treaty
verabschiedet
WIPO Treaty
World
Report
on
Disability
WHO /
UNICEF
Children
with
Disabilities
NATIONAL
CH ratifiziert
UN
Convention
CH
unterzeichnet
EU / EFTA
CH unterzeichnet
WIPO Treaty
tritt in
Kraft
BehiG
Bundesamt
für Statistik
Bundesrat:
Informationsgesellschaft
EDK IKT
Strategien
Aufbau einer Behindertenstatistik
1
2
1
3
2
Seite 45 von 158
15
TEIL C
DER BEREICH SONDERPÄDAGOGIK IN DER
SCHWEIZ
Parallel zu den oben im Überblick dargestellten übergeordneten Entwicklungen
erfuhr die Sonderpädagogik im Schulwesen im vergangenen Jahrzehnt und im
Zusammenhang mit der Neuordnung des Finanzausgleichs (NFA) eine
bedeutsame Reorganisation. Diese wird im Folgenden im Überblick dargestellt.
08
Rechtliche Rahmenbedingungen
08.01
Öffentlicher Bildungsauftrag - Behindertenbegriff
Mit der Volksabstimmung (2004) über die Neugestaltung des Finanzausgleichs
(NFA) stimmte das Volk auch dem Artikel 62, Abs. 3 Bundesverfassung zu:
„Die Kantone sorgen für eine ausreichende Sonderschulung aller behinderten
Kinder und Jugendlichen bis längstens zum vollendeten 20. Lebensjahr.“
Damit vollzogen sich zwei bedeutsame Verschiebungen, zum einen mit Bezug
auf die staatliche Zuständigkeitsebene, zum anderen hinsichtlich des
Behindertenbegriffs:


Die fachliche und finanzielle Verantwortung für die Schulung von Kindern
und Jugendlichen mit Behinderungen bis längstens zum 20. Altersjahr ging
von der IV zu den Kantonen über; im öffentlichen Bildungsauftrag sind nun
alle77 sonderpädagogischen Massnahmen zur Unterstützung von Kindern
und Jugendlichen mit Behinderungen oder besonderen Bedürfnissen
eingeschlossen.78
Mit dem genannten Wechsel ist auch eine Abwendung von dem der IV
inhärenten Versicherungsgedanken und dem medizinisch begründeten
Behinderungsbegriff hin zum sozialen Behindertenbegriff verbunden (→
Glossar Behinderung, Das medizinische und das soziale Modell von
Behinderung).
Die genannten Verschiebungen spiegeln sich ausserdem im Art. 20 des
Behindertengleichstellungsgesetzes BehiG , 5. Abschnitt (Besondere
Bestimmungen für die Kantone):
„1 Die Kantone sorgen dafür, dass behinderte Kinder und Jugendliche eine
Grundschulung erhalten, die ihren besonderen Bedürfnissen (→ Glossar
Besonderer Bildungsbedarf) angepasst ist.
77
Ein Teil davon wurde schon bis dahin von den Kantonen wahrgenommen; siehe das
nachfolgende Kapitel Sonderpädagogik-Konkordat (08.02).
78
Für die medizinisch-therapeutischen Massnahmen ist nach wie vor die IV zuständig.
Seite 46 von 158
2
Die Kantone fördern, soweit dies möglich ist und dem Wohl des behinderten
Kindes oder Jugendlichen dient, mit entsprechenden Schulungsformen die
Integration behinderter Kinder und Jugendlicher in die Regelschule.
3
Insbesondere sorgen sie dafür, dass wahrnehmungs- oder
artikulationsbehinderte Kinder und Jugendliche und ihnen besonders nahe
stehenden Personen eine auf die Behinderung abgestimmte
Kommunikationstechnik (→ Glossar Kommunikation und Sprache) erlernen
können.“
08.02
Sonderpädagogik-Konkordat
Die Kantonalisierung der Sonderpädagogik in der Folge der Neugestaltung des
Finanzausgleichs (NFA) führte zur Interkantonalen Vereinbarung über die
Zusammenarbeit im Bereich der Sonderpädagogik79 vom Oktober 2007, besser
bekannt als „Sonderpädagogik-Konkordat“.
Das Konkordat trat am 1. Januar 2011 nach dem Beitritt des 10. Kantons in
Kraft. Inzwischen80 gehören ihm 15 Kantone an.81 Der Artikel Kantonalisierung
der Sonderschulung. Zuständigkeiten und Instrumente im EDK-Newsletter
vom April 2013 gibt eine gute Übersicht über den Stand der Arbeiten und
Aktivitäten rund um das Sonderpädagogik-Konkordat.82
Das Konkordat bezweckt die Zusammenarbeit83 zwischen den Kantonen im
Bereich Sonderpädagogik mit dem Ziel, dass diese ihren Verpflichtungen
nachkommen (können). Letztere ergeben sich aus der Bundesverfassung, der
Interkantonalen Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen
Schule und aus dem Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG).84
Das Konkordat definiert in Art. 4 das sonderpädagogische Angebot, das die
dem Konkordat beigetretenen Kantone anbieten müssen. Es umfasst: „a.
Beratung und Unterstützung, heilpädagogische Früherziehung, Logopädie und
Psychomotorik / b. sonderpädagogische Massnahmen in einer Regelschule
oder in einer Sonderschule, sowie / c. Betreuung in Tagesstrukturen oder
stationäre Unterbringung in einer sonderpädagogischen Einrichtung“.85
79
www.edudoc.ch/static/web/arbeiten/sonderpaed/konkordat_d.pdf (Text des Konkordats).
www.edudoc.ch/static/web/arbeiten/sonderpaed/kommentar_d.pdf (Kommentar zum
Konkordat).
80
AR; BL; BS; FR; GE; GL; JU; LU; NE; OW; SH; TI; UR; VD; VS (22. September 2014).
81
www.edudoc.ch/static/web/arbeiten/sonderpaed/liste_rat_df.pdf.
82
www.edudoc.ch/static/web/arbeiten/sonderpaed/auszug_education_12013_d.pdf.
83
Die Zusammenarbeit definiert sich weitgehend über die folgenden drei gemeinsamen
Instrumente: Qualitätsstandards für Leistungsanbieter.
(www.edudoc.ch/static/web/arbeiten/sonderpaed/qualit_standards_d.pdf); gemeinsame
Terminologie (www.edudoc.ch/static/web/arbeiten/sonderpaed/terminologie_d.pdf);
gemeinsames [standardisiertes] Abklärungsverfahren (www.szh.ch/sav-pes).
84
Art. 1 des Konkordats.
85
Art. 4 des Konkordats.
Seite 47 von 158
Zum besseren Verständnis des vom Konkordat vorgesehenen Stufenmodells
unterscheidet man mit Vorteil zwischen „niederschwelligen“86 und den so
genannten „verstärkten Massnahmen“. Wenn sich die „vor der Einschulung
oder die in der Regelschule getroffenen Massnahmen als ungenügend
[erweisen], ist aufgrund der Ermittlung des individuellen Bedarfs87 über die
Anordnung verstärkter Massnahmen zu entscheiden“.88
Es lässt sich grob zusammenfassen, dass die bis 2011 von der IV finanzierten
Leistungen gemäss der Terminologie des Konkordates in den Bereich der
„verstärkten Massnahmen“ fallen.
Der Umkehrschluss ist allerdings nicht zulässig. Nicht alle Kinder und
Jugendliche mit von Kantonen schon früher angeordneten „verstärkten
Massnahmen“ fallen oder fielen unter das vom IV-Recht abgedeckte Spektrum
des besonderen Bildungsbedarfs (→ Glossar).
Die durch den NFA erfolgte Kantonalisierung betrifft demnach nur den Teil der
Sonderpädagogik, der bis zum Inkrafttreten des Neuen Finanzausgleichs (NFA)
von der IV mitfinanziert und mitgeregelt wurde.
86
Dieses Wort kommt im Text des Konkordates nicht vor.
Unter Verwendung des Standardisierten Abklärungsverfahrens (SAV); dieses ist eines der
Instrumente, welches sich aus der vom Konkordat bezweckten Zusammenarbeit zwischen den
Kantonen ableitet.
88
Art. 5 des Konkordats.
87
Seite 48 von 158
08.03
Tabellarische Übersicht 3: Die Neuordnung der
Sonderpädagogik89
NFA und Sonderpädagogik
Vor NFA
Jahr
IV ist
beteiligt
Kantone
sind
zuständig
IV ist zuständig
06
Nach NFA / Übergang
07
08
09
10
2011 und folgende
Kantonale Vorgaben neben IV-Vorgaben
Kantonale Vorgaben
Kinder mit Behinderungen respektive mit
besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar)
Kinder und Jugendliche mit
besonderem Bildungsbedarf (→
Glossar) von Geburt bis längstens
zum 20. Altersjahr
Mitfinanzierung und
Mitregelung schulischer
und pädagogischtherapeutischer
Massnahmen
Übergangsbestimmungen: Angebot
entsprechend
bisheriger IVRegelungen bis
mindestens 1.
Januar 2011
"Niederschwellige" Massnahmen
werden vor Ort an der Schule
angeboten oder erfolgen unter
Nutzung von Ressourcen, die vor Ort
vorhanden sind.
Verstärkte Massnahmen nach
Standardisiertem Abklärungsverfahren
(SAV); es wird geprüft, ob eine
integrative Schulung möglich ist. Falls
nicht, erfolgt die Schulung separativ
Medizinisch-therapeutische Massnahmen
08.04
Die grossen sozio-politischen Entwicklungslinien
Die Reorganisation der Sonderpädagogik ist im Zusammenhang und vor dem
Hintergrund breiter gesellschaftlicher und politischer Entwicklungsbewegungen
zu sehen.


Vom separativen zum integrativen Modell: Es folgt dem Grundsatz,
wonach Lernende mit einem besonderen Bildungsbedarf (→ Glossar) oder,
anders gesagt, mit einem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung
die Schule soweit als möglich im Rahmen des normalen Klassenverbandes
besuchen können sollen. Damit wird Inklusion (→ Glossar) gefördert,
insofern als Unterschiede und Abweichungen „von der Norm“ nicht mehr als
etwas Besonderes angesehen werden, sondern als Ausdruck der Vielfalt des
Menschseins.
Vom medizinischen zum sozialen Modell (→ Glossar Behinderung,
Das medizinische und das soziale Modell von Behinderung): Behinderung
89
Angepasste Version einer Übersicht, die sich im oben erwähnten Artikel des EDK-Newsletter
findet (www.edudoc.ch/static/web/arbeiten/sonderpaed/auszug_education_12013_d.pdf).
Seite 49 von 158

wird nicht mehr in erster Linie auf ein medizinisches Problem mit einer
ärztlichen Diagnose reduziert, sondern als ein Problem der Interaktion
zwischen dem Individuum und seiner Umgebung betrachtet. Unter
Anwendung des sozialen Modells erfährt der Begriff der Behinderung eine
erhebliche Erweiterung.90
Vom Prinzip der Versicherung (IV) zum Prinzip der sozialen
Inklusion: Die IV zieht sich, abgesehen von medizinisch-therapeutischen
Massnahmen, aus der Sonderpädagogik zurück. Die sonderpädagogische
Unterstützung für Kinder und Jugendliche gehört als Ganzes folgerichtig
zum öffentlichen Bildungsauftrag.
Die Entwicklungslinien erweisen sich als Verwirklichung einer in sich stimmigen
kohärenten Politik. Diese befindet sich, wie oben ausgeführt, in
Übereinstimmung mit internationalen Bestrebungen und findet die formale
Bestätigung in der Ratifizierung der UN Convention on the Rights of Persons
with Disabilities durch die Schweiz.
Die politisch gestützten Bewegungen kommen gesamtgesellschaftlich mit
Bezug auf die Vorstellung von Behinderung (→ Glossar) einem eigentlichen
Paradigmenwechsel gleich.
08.05
Änderungen herbeiführen – Widerstände überwinden
Paradigmenwechsel stossen normalerweise auf subjektive und objektive
Widerstände, die nicht leicht zu überwinden sind. Ohne den Anspruch, solche
systematisch und vollständig behandeln zu wollen, seien hier doch ein paar
Herausforderungen genannt, die im Zusammenhang mit den oben
herausgehobenen Entwicklungslinien bedeutend sind.
08.05.01
Veränderung der Einstellung
Das soziale Modell von Behinderung zwingt, die tief verankerte tradierte
Vorstellung von und die Einstellung zu Behinderung zu revidieren. In der
allgemeinen Vorstellung waren und sind Behinderte bisher noch eine kleine,
medizinisch klar abgrenzbare Minorität, nun zeigt sich, dass sich die Zahl von
Behinderten deutlich ausweitet, wenn man der Zählung das soziale Modell
zugrundelegt.91 Das ist irritierend, weil in der konventionellen Alltagssprache
und im Bereich der Invalidenversicherung der Begriff Behinderung viel enger
gefasst ist als im sozialen Modell.
Es ist denn auch bezeichnend, dass man bei der verwendeten Begrifflichkeit
nach Auswegen sucht, zum Beispiel indem man innerhalb des sozialen Modells
90
Behinderte in diesem Verständnis sind keine kleine Minderheit mehr. Jenseits der
Sonderpädagogik im vorliegenden Zusammenhang der Schule ist beispielsweise auch an die
Menschen zu denken, die aufgrund ihres Alters mit Einschränkungen leben, die erhebliche
negative Auswirkungen auf ihre Interaktion mit der Umwelt haben (können).
91
15% gemäss WHO-Bericht; in der Schweiz ähnliche Zahlen, siehe dazu oben das Kapitel
Statistische Daten Schweiz (07.08).
Seite 50 von 158
Kriterien für verschiedene Schweregrade von Behinderung definiert oder dass
man einen Begriff verwendet, der die überkommene Vorstellung von
Behinderung vermeidet. Deshalb spricht man in der Sonderpädagogik von
„Kindern und Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf“ (→ Glossar). Da
umfasst der Begriff alle Schweregrade von „leicht“ bis „schwer“ sowohl mit
Bezug auf die medizinische Diagnose als auch hinsichtlich der Interaktion
zwischen Individuum und Umwelt.
Die Veränderung der Einstellung im Zusammenhang mit dem Konzept der
Inklusion (→ Glossar) ist eine Forderung, die die gesamte Gesellschaft in allen
ihren Aspekten betrifft. Das Schulsystem bildet dabei nur einen, wenn auch
wichtigen Faktor.
08.05.02
Die Art der Behinderung im medizinischen Sinne und der besondere
Bildungsbedarf
Ob ein besonderer Bildungsbedarf besteht oder nicht, entscheidet keineswegs
allein die Art der Behinderung im medizinischen Sinne. Das im Zentrum
stehende Kriterium ist, ob die Lernenden „dem Lehrplan der Regelschule ohne
zusätzliche Unterstützung nachweislich nicht, nicht mehr oder nur teilweise
folgen können“.92 Daraus folgt im Prinzip, dass beispielsweise eine stark
sehschwache oder gar blinde Schülerin oder ein Schüler mit einer schweren
Einschränkung der Mobilität (zum Beispiel durch eine tetraplegische
Querschnittlähmung) per se nicht Empfänger von sonderpädagogischen
(verstärkten) Massnahmen sein müssen. In der aktuellen Praxis wird das
„Versprechen“ allerdings kaum je eingelöst sein. Dazu sind die dafür
notwendigen Rahmenbedingungen noch nicht ausreichend gegeben.
08.05.03
Integration in die Regelklasse – wie soll das funktionieren?
Vor besondere Herausforderungen sieht sich die Lehrerschaft gestellt. Gemäss
dem Grundsatz „Integration vor Separation“ ist tendenziell eine Zunahme der
Schülerinnen und Schüler mit besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar) in der
Regelklasse verbunden und erweitert die Aufgaben der Lehrerinnen und Lehrer
in Spezialbereiche hinein, mit denen sie bis anhin wenig befasst waren. Zwar
werden sie durch sonderpädagogische Fachkräfte unterstützt, doch fällt damit
zumindest ein zusätzlicher organisatorisch-planerischer Koordinationsaufwand
an, der nicht unterschätzt werden sollte.93
Zusammen mit den übrigen steigenden gesellschaftlichen Ansprüchen in
anderen Zusammenhängen besteht die Gefahr einer Überforderung der
Lehrerschaft, die schnell zu der nicht wirklich überprüften Aussage führt oder
führen kann, dass „das“ mit der Integration in die Regelklasse nicht
funktionieren könne.
92
Sonderpädagogik-Konkordat, Art. 3.
Siehe beispielsweise den Artikel von Walter Bernet in der NZZ, Nr. 202 vom 2. September
2014: Wenn vertraute Rollen neu verteilt werden (http://zeitungsarchiv.nzz.ch/neue-zuercherzeitung-vom-02-09-2014-seite-13.html).
93
Seite 51 von 158
Solche Bedenken spiegeln sich in der von den Lehrerdachverbänden in der
Schweiz, in Deutschland und in Österreich im Mai 2014 veröffentlichten
Berliner Erklärung zur Inklusion. Ja zur Inklusion – Politik muss
Gelingensbedingungen schaffen!94 Die Erklärung weist mit Nachdruck auf die
bestehende Ressourcenknappheit für eine erfolgreiche Umsetzung des
Inklusion-Konzeptes hin, das von der Politik als Auftrag vorgegeben ist, und
hält fest:
„Öffentliche Schulen können nur das leisten, was gesellschaftlich mitgetragen
wird.[…] Für die Entwicklung einer inklusiven Schule sind kontinuierlich
ausreichende Ressourcen ohne Finanzierungsvorbehalt bereit zu stellen.“
Zu den Bereichen, in denen die Lehrerdachverbände Investitionsbedarf sehen,
zählen unter anderem „mehr Fachpersonal zur Sonderpädagogik, Anpassung
der Lehrkräfteausbildung aller Schulformen und Schulstufen, systematische
Fort- und Weiterbildung, inklusionsgeeignete Lehr- und Lernmittel,
Herstellung von Barrierefreiheit95“.
09
Sonderschulung – ein durchlässiges System
09.01
Vorbemerkung
Bevor wir uns der Produktion und Rezeption von zugänglichen Lehrmitteln
zuwenden, ist es notwendig, die aus dem Sonderpädagogik-Konkordat
abgeleitete Organisation der Sonderschulung darzustellen. Es wird sich zeigen,
dass das System differenziert und durchlässig konzipiert ist.
Das Konzept ist dem Gedanken verpflichtet, die für jedes betroffene
Individuum beste Lösung zu finden: Die Sonderpädagogik ist „bestrebt, den
Menschen mit besonderem Bildungsbedarf jeglichen Alters, jeglicher Art und
jeglichen Grades mit adäquat ausgebildetem Fachpersonal eine
bedürfnisgerechte und individuumsorientierte Bildung und Erziehung
sicherzustellen. Ziele der Bildung und Erziehung sind eine optimale
Persönlichkeitsentwicklung, Autonomie sowie soziale Integration […]“96
Die von den Kantonen im Rahmen des Sonderpädagogik-Konkordats
entwickelte gemeinsame Terminologie ist ein wertvolles Instrument. Die
historisch gewachsenen fragmentierten und verwirrenden Begrifflichkeiten
werden damit überwunden, was für das ganze System der Sonderpädagogik
ordnungsstiftend ist.
94
www.lch.ch/dokument/dokument/ja_zur_inklusion_politik_muss_gelingensbedingungen_schaffe
n/.
95
Hervorhebung der Autoren.
96
Sonderpädagogik-Konkordat, Stichwort Sonderpädagogik in der vereinbarten Terminologie.
Seite 52 von 158
09.02
Sonderschulung
Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen, sei darauf hingewiesen, dass
der Begriff Sonderschulung im Unterschied zum allgemeinen Sprachgebrauch
nicht etwa den Unterricht in einer Sonderschule bedeutet, sondern ganz
allgemein den öffentlichen Bildungsauftrag im Bereich der Sonderpädagogik
meint: „Sonderschulung ist integrierender Bestandteil des öffentlichen
Bildungsauftrags. Unter Sonderschulung wird der Einsatz von
sonderpädagogischen Angeboten zur Erfüllung des besonderen
Bildungsbedarfs eines Kindes oder Jugendlichen verstanden […]“97
09.03
Sonderschule - Tagesstruktur - Stationäre Unterbringung
Eine Sonderschule ist „eine Schule der obligatorischen Bildungsstufe, die auf
bestimmte Behinderungsformen oder Lern- und Verhaltensschwierigkeiten
spezialisiert ist“.98
Sie nimmt „ausschliesslich“ Kinder und Jugendliche auf, „die Anspruch auf
verstärkte Massnahmen haben“. Sonderschulen können auch mit einem
„stationären Unterbringungsangebot“ (Internat) oder mit einem
„Betreuungsangebot in Tagesstrukturen“ kombiniert sein.
09.04
Regelschule – Integrative Schulung
In Abgrenzung zur Sonderschule ist die Regelschule eine „Schule der
obligatorischen Bildungsstufe, in welcher die Schülerinnen und Schüler in
Regelklassen eingeteilt sind […].“99
Der Begriff der Regelschule ist mit jenem der „integrativen Schulung“100 zu
ergänzen. Diese meint eine „voll- oder teilzeitliche Integration von Kindern
oder Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar) in einer Klasse
der Regelschule […]“, sei es mittels der von der Schule angebotenen
sonderpädagogischen niederschwelligen Massnahmen oder durch angeordnete
verstärkte Massnahmen.
09.05
Leistungsanbieter
Sonderschulung jeglicher Art und Intensität, in der Regelschule oder
Sonderschule, im Internat oder in Tagestrukturen werden von
97
Sonderpädagogik-Konkordat, Stichwort Sonderschulung in der vereinbarten Terminologie.
Sonderpädagogik-Konkordat, Stichwort Sonderschule in der vereinbarten Terminologie.
99
Sonderpädagogik-Konkordat, Stichwort Regelschule in der vereinbarten Terminologie.
100
Sonderpädagogik-Konkordat, Stichwort Integrative Schulung in der vereinbarten
Terminologie.
98
Seite 53 von 158
Leistungsanbietern erbracht. Sie sind gemäss den im SonderpädagogikKonkordat vorgesehenen Qualitätsstandards anerkannt.101
„Leistungsanbieter können Institutionen, Kompetenzzentren, Sonderschulen,
Therapeutinnen und Therapeuten, qualifizierte Fachpersonen sein (aus dem
öffentlichen Dienst oder freiberuflich mit kantonaler Zulassungsbewilligung),
die Angebote bzw. Leistungen anbieten und die sonderpädagogischen
Massnahmen aufgrund einer Anordnung durchführen.“102
Nicht jeder Kanton verfügt über Sonderschulen oder gar Sonderschulen für
alle Behinderungsformen. Daraus ergeben sich für Sonderschulen im
Normalfall „Einzugsgebiete“, die mehrere Kantone umfassen,103 was
Vereinbarungen zwischen den Kantonen über die Modalitäten und die
finanziellen Abgeltungen notwendig macht. Insgesamt entsteht daraus ein
komplexes Geflecht, das im Einzelnen nicht einfach zu über- oder zu
durchschauen ist.
Weitere Überschneidungen ergeben sich dadurch, dass von Sonderschulen
oder Sondereinrichtungen angestellte sonderpädagogisch ausgebildete
Fachleute, ebenfalls über Kantonsgrenzen hinaus, in der integrativen Schulung
in Regelklassen tätig sind.
Diese sind als B+U-Lehrkräfte (Beratung und Unterstützung) bekannt. Folgt
man der Terminologie des Sonderpädagogik-Konkordats, meint Beratung:
„Sporadische Intervention oder punktuelle Hilfestellung für Kinder und
Jugendliche mit besonderem Bildungsbedarf und für ihr Umfeld (Lehr- und
Fachpersonen, Klasse, Familie usw.) durch Fachkräfte mit entsprechender
Spezialisierung, insbesondere im Behinderungsbereich“. Man darf demnach
interpretieren, dass Beratung eher im niederschwelligen Bereich angesiedelt
ist, während „Unterstützung“104 eher den „verstärkten Massnahmen“
zugeordnet ist.
Zu beachten ist weiterhin, dass B+U-Lehrkräfte wie beispielsweise im Fall der
Schule für Sehbehinderte SfS (Zürich) auch an der Sonderschule selber
unterrichten können. In der Blindenschule Zollikofen dagegen bilden die B+ULehrer (die hier „ambulante Lehrer“ heissen) und die Sonderschullehrer
getrennte Lehrkörper.
Insgesamt zeigt sich das Bild eines vielfältig verflochtenen und in vielerlei
Hinsicht fragmentierten Gefüges, das, wie wir noch sehen werden, mit Bezug
auf eine gute Versorgung der Lernenden mit zugänglichen Lehrmitteln nicht
befriedigen kann.
101
„Die Vereinbarungskantone benutzen im kantonalen Recht, im kantonalen Konzept für den
Bereich der Sonderpädagogik sowie in den entsprechenden Richtlinien […] einheitliche
Qualitätsstandards für die Anerkennung der Leistungsanbieter […].“ (SonderpädagogikKonkordat, Art. 7 Abs. 1 b).
102
Sonderpädagogik-Konkordat, Stichwort Leistungsanbieter in der vereinbarten Terminologie.
103
Geographischen Regionen folgend.
104
Der Begriff Unterstützung ist in der vereinbarten Terminologie des SonderpädagogikKonkordats nicht enthalten.
Seite 54 von 158
Die generelle Durchlässigkeit des Systems ist dem Ziel, dem Individuum
mittels Bildung und Erziehung zu einer optimalen Persönlichkeitsentwicklung
zu verhelfen aber zweifelsohne förderlich.
09.06
Tabellarische Übersicht 4: Das durchlässige System der
Sonderschulung
Sonderschulung - Durchlässigkeit
Kinder und Jugendliche mit besonderem
Bildungsbedarf (→ Glossar) von Geburt bis längstens
zum 20. Altersjahr
Kinder und Jugendliche
Kinder und Jugendliche mit
mit "niederschwelligen" verstärkten Massnahmen.
Massnahmen.
Diese werden vor Ort an
Diese erfolgen nach
der Schule angeboten
Standardisiertem
oder erfolgen unter
Abklärungsverfahren (SAV); es
Nutzung von Ressourcen,
wird geprüft, ob eine integrative
die vor Ort vorhanden
Schulung möglich ist. Falls
sind.
nicht, erfolgt die Schulung
separativ.
Sonderschule
Sonderschule mit
Betreuungsangebot in
Tagesstrukturen
Nein
Ja
Ja
Ja
Sonderschule mit Internat
Regelschule
Integrative Schulung
Seite 55 von 158
TEIL D
ZUGÄNGLICHE LEHRMITTEL – DIE
GEGENWÄRTIGE SITUATION
Die gegenwärtige Situation bei der Versorgung von Schülerinnen und Schülern
mit besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar) mit barrierefreien Lehrmitteln ist
sehr unbefriedigend. Im Folgenden werden in diesem Zusammenhang wichtige
Aspekte der Problematik zusammengetragen.
10
Die Kantone und barrierefreie Lehrmittel
10.01
Ausgangslage
Die Sonderpädagogik ist Teil des öffentlichen Bildungsauftrags, der von den
Kantonen wahrgenommen wird. Sie ist, wie für alle Lernende, unentgeltlich105
und folgt in Übereinstimmung mit übergeordnetem Bundesrecht dem Prinzip
„Integration vor Separation“.106
Seit dem Inkrafttreten der Neugestaltung des Finanzausgleichs (NFA) im Jahr
2008 sind demnach die Kantone verpflichtet, die Versorgung von Schülerinnen
und Schülern mit besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar) ohne Kostenfolge
für die Schüler und Schülerinnen mit zugänglichen Lehrmitteln sicher zu
stellen.
Die Unentgeltlichkeit des Unterrichtes sowie der Anspruch, wenn immer
möglich die Integration der Separation vorzuziehen, sind im Kontext der
Versorgung von behinderten Kindern und Jugendlichen mit zugänglichen
Lehrmitteln von hoher Relevanz, da


ein integrierter Unterricht ohne barrierefreie Lehrmittel, die im
Klassenverband parallel mit den normalen (üblicherweise gedruckten)
Lehrmitteln problemlos nebeneinander verwendet werden können,
erschwert oder gar verunmöglicht wird und
die Herstellung von zugänglichen Lehrmitteln (bis anhin) aufwändig,
zeitintensiv und damit teuer ist.
105
„Für den Bereich der Sonderpädagogik gilt der Grundsatz der Unentgeltlichkeit; für
Verpflegung und Betreuung kann von den Erziehungsberechtigten eine finanzielle Beteiligung
verlangt werden“ (Art. 2, c des Sonderpädagogik-Konkordats).
106
Vgl. Art. 2 b. des Sonderpädagogik-Konkordats: „Integrative Lösungen sind separierenden
Lösungen vorzuziehen, unter Beachtung des Wohles und der Entwicklungsmöglichkeiten des
Kindes oder des Jugendlichen sowie unter Berücksichtigung des schulischen Umfeldes und der
Schulorganisation.“
Seite 56 von 158
10.02
Fortführung des Hergebrachten
Bis in die jüngere Vergangenheit waren sich viele Kantone gar nicht bewusst,
dass sie sich infolge der Neuordnung des Finanzausgleichs (NFA) mit dem
Thema barrierefreier Lehrmittel auseinandersetzen müssen. Danach
begegne(t)en sie dem für sie neuen Anspruch, barrierefreie Lehrmittel zur
Verfügung stellen zu müssen, indem sie sich an dem orientieren, was im
Bereich des Zugänglichmachens von Lehrmitteln bis anhin im Rahmen des IVRechts gemacht worden ist.107
Im Zusammenhang mit dem im sozialen Modell der Behinderung begründeten
Verständnis von Behinderung (→ Glossar Behinderung, Das medizinische und
das soziale Modell von Behinderung) ist das allerdings zu kurz gegriffen. Der
Kreis der betroffenen Schülerinnen und Schüler, die auf barrierefreie
Lehrmittel angewiesen sind respektive von ihnen profitieren würden, geht weit
über jenen hinaus, den die IV gemäss ihren Verfahren und Grundsätzen
bediente.108
Sich am Bestehenden orientieren und es fortführen heisst, barrierefreie
Lehrmittel (vor allem) für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler
von spezialisierten Einrichtungen als „Einzelauftrag“ herstellen zu lassen.
Aufgrund der Vorgeschichte ist das zwar verständlich, aber in einer
zukunftsgerichteten Perspektive gesehen wenig erfolgversprechend. Es
besteht das Risiko, dass der heutige Ansatz die Sicht auf das heute schon und
in Zukunft Mögliche versperrt und damit lediglich das ungenügende
Hergebrachte perpetuiert.
10.03
Zukunftsperspektiven
Die weitgehende Limitierung der Leistungen auf die die Sehkraft betreffende
Lesebehinderung (→ Glossar) und die Einschränkung auf „schwere“ Fälle im
Sinne des für die Sonderpädagogik nicht mehr relevanten IV-Rechtes ist im
Zeichen der digitalen Revolution nicht mehr zeitgemäss.
Mit dem im 21. Jahrhundert einsetzenden Technologieschub und insbesondere
der IKT-Fähigkeit zum integrierten Multimedialen und Interaktiven erfolgt eine
deutliche Ausweitung der Möglichkeiten bei der Versorgung von
Lesebehinderten mit barrierefreien Lehrmitteln. Diese Möglichkeiten gehen
107
Bis heute (2014) bestehen Unklarheiten im Zusammenhang mit dem Systemwechsel, zum
Beispiel im Bereich der Schnittstellen zwischen kantonalen IV-Stellen und den Kantonen oder
hinsichtlich der Abgrenzung zwischen obligatorischer und überobligatorischer Schulzeit und der
Gesetzeslage, wonach die Kantone sonderpädagogisch für Schülerinnen und Schüler bis
längstens zum 20. Altersjahr zuständig sind.
108
Als Beispiel sei hier die relativ grosse Gruppe von Schülerinnen und Schülern genannt, die
von einer Dyslexie oder Dyskalkulie betroffen sind, gemäss statistischen Untersuchungen und je
nach angewandter Methodologie zwischen 5% und 10% der Population.
Seite 57 von 158
über die bisher von der IV abgedeckten Fälle hinaus und schaffen für alle
Lesebehinderungen jeden Schweregrades einen signifikanten Mehrwert.
Wir verfallen hier nicht der Illusion, dass sich die beschriebene Vision in vollem
Umfang in kurzer Zeit wird realisieren lassen. Es sollen hinsichtlich des
Zeithorizontes auch keine unrealistischen Erwartungen geweckt werden. Es ist
aber wichtig, dass der generelle Ansatz und das im Licht der TechnologieEntwicklung realistische Fernziel erkannt werden.
Verliert man das Ziel nicht aus den Augen, kann man ihm, in Etappen gestuft,
näher kommen. Das Thema Barrierefreiheit sollte deshalb breit und schnell auf
die Traktandenlisten aller Akteure im Ökosystem Lehrmittel109 gesetzt werden.
Dieses umfasst auch die das System steuernden politischen Organe. Der
möglichst frühe, antizipierende Zeitpunkt der Berücksichtigung des Anliegens
ist ein entscheidender Erfolgsfaktor, nicht nur, aber auch in ökonomischer
Hinsicht.
Es sollte deutlich erkannt werden, dass wir uns gegenwärtig an einer
Wegkreuzung befinden, an der sich verschiedene in unserem Zusammenhang
bedeutsame Entwicklungslinien zusammen finden:



Die von der Eidgenossenschaft und den Kantonen geförderte / zu fördernde
Integration von IKT im Schul- und Bildungswesen.
Die Bewegung hin zur Inklusion, wie sie von der UN Convention on the
Rights of Persons with Disabilities postuliert wird und wie sie sich
beispielweise im Sonderpädagogik-Konkordat spiegelt.
Die Industrie-Standardisierung für elektronische Publikationen, welche die
Produktion, Distribution und Rezeption von Enhanced eBooks (→ Glossar)
erlaubt, die zugleich auch barrierefrei sind.
Von daher führt sozusagen ein direkter Weg zu den Anstrengungen der EDK,
die Integration der IKTs im Bildungswesen zu fördern. Es scheint deshalb
angemessen zu empfehlen, dass die EDK bei allen ihren diesbezüglichen
Anstrengungen Barrierefreiheit zum ständigen Traktandenpunkt macht.
11
Die Herstellung barrierefreier Lehrmittel
11.01
Vorbemerkung
Die folgenden Ausführungen stützen sich auf langjähriger Erfahrung bei der
Versorgung von blinden und sehbehinderten Lernenden mit ihnen
zugänglichen Lehrmitteln und auf Interviews, die im Rahmen des Projektes mit
109
Siehe dazu unten TEIL I DAS ÖKOSYSTEM (BARRIEREFREIE) ELEKTRONISCHE LEHRMITTEL.
Seite 58 von 158
zuständigen Mitarbeitenden von den Medienzentren110 spezialisierter
Einrichtungen geführt wurden.111
Es war im Rahmen des Vorprojektes aus Zeitgründen nicht möglich, Betroffene
oder Fachleute und Organisationen beizuziehen, die andere
Lesebehinderungen als Sehbeeinträchtigung oder Blindheit vertreten. Neben
dem Zeitfaktor sind dafür aber auch andere für den „Mangel“ relevante
Faktoren anzuführen.
Die Herstellung zugänglicher Bücher ist, wie oben ausgeführt,112 aus
historischen und technologischen Gründen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
auf blinde und sehbehinderte Menschen ausgerichtet und hat eine feste
Tradition herausgebildet, die zu einem guten Teil auch den Organisationsgrad
des Blindenwesens begründet, der gegenüber anderen Behinderungsarten
vergleichsweise hoch ist.
Das zukünftige barrierefreie (elektronische) Lehrmittel wird dem Grundsatz
des Universal Design (→ Glossar) folgen, sodass dasselbe Produkt von vielen
betroffenen Lernenden mit unterschiedlichem besonderem Bildungsbedarf (→
Glossar) gelesen und effektiv genutzt werden kann. Ein dringendes Postulat
besteht deshalb darin, die verschiedenen Arten von Lesebehinderungen (→
Glossar) und deren Anforderungen an Barrierefreiheit in die Entwicklung des
zukünftigen barrierefreien Lehrmittels einzubeziehen.
Dies wiederum macht einen technologisch ausgerichteten Dialog über die
Grenzen von Behinderungsformen hinweg notwendig, der allerdings bisher
unseres Wissen nicht oder kaum stattfindet.
Dies hat verschiedene Gründe, von denen wenigstens drei wichtige hier
erwähnt seien:


Bis vor kurzem waren weder ein Standard noch Technologien für
elektronische Lehrmittel in Sicht, die die verschiedenen Bedürfnisse hätte
integrieren können.
Das Behinderungsarten entlang strukturierte und finanzierte schweizerische
Behindertenwesen tendiert systemimmanent dazu, Leistungen oder
Lösungen für je einzelne Behinderungsarten anzubieten.
110
Der Begriff wird zunehmend verwendet und bezeichnet jene Stellen oder Abteilungen
spezialisierter Einrichtungen wie Blindenschulen oder Blindenbibliotheken, die traditionellerweise
mit der Aufgabe des Zugänglichmachens von Lehrmitteln befasst sind.
111
Centre pédagogique pour élèves handicapés de la vue, CPHV (Asile des Aveugles,
Lausanne) : www.asile-aveugles.ch/cphv-centre-p%C3%A9dagogique-pour%C3%A9l%C3%A8ves-handicap%C3%A9s-de-la-vue.aspx;
Schule für Sehbehinderte, SfS (Stadt Zürich): www.stadtzuerich.ch/ssd/de/index/volksschule/besondere_beduerfnisse/schule_fuer_sehbehinderte_sfs/zi
elgruppe_angebote.secure.html;
Blindenschule Zollikofen (Kanton Bern) www.blindenschule.ch/;
Sonnenberg, Heilpädagogisches Schul- und Beratungszentrum Sehen - Sprechen –
Begegnen (Baar, Kanton Zug): www.sonnenberg-baar.ch/;
SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte (Zürich):
www.sbs.ch.
112
Siehe oben das Kapitel Technologie-Entwicklung und barrierefreie Literatur (06).
Seite 59 von 158

Die Entwicklungen technologischer Lösungen für spezifische Bedürfnisse
spezifischer Behinderungsformen bleiben denn meist auch isoliert und sind
mit anderen, ebenso isolierten Entwicklungen nicht interoperabel.
11.02
Kosten und Finanzierung
Die von anerkannten Leistungsanbietern113 im Auftrag der Kantone erbrachten
Leistungen im Bereich der Sonderpädagogik und innerhalb des öffentlichen
Bildungsauftrags werden von den Kantonen und den Gemeinden (Schulen vor
Ort) getragen, je nach Kanton und sonderpädagogischer Massnahme ist die
Kostenverteilung zwischen Kantonen und Gemeinden verschieden hoch.
In jenen Fällen, wo Sonderschulen114 zugängliche Lehrmittel herstellen wie
beispielsweise die Schule für Sehbehinderte SfS in Zürich, die Blindenschule
Zollikofen oder der Sonnenberg, Heilpädagogisches Schul- und
Beratungszentrum Sehen – Sprechen – Begegnen in Baar, werden die bei der
Herstellung von zugänglichen Lehrmitteln entstehenden Kosten in den
vereinbarten Pauschalen pro Leistungseinheit (Anzahl betreuter Schülerinnen
oder Schüler, Tagessätze bei externen B+U-Leistungen oder ähnliche
Einheiten) eingerechnet. Die vereinbarten Leistungen und Abgeltungen
enthalten damit auch die Kosten für die Herstellung zugänglicher Lehrmittel.
Dieses Verfahren ist zwar einfach und erleichtert die Berechnungen der
Gemeinden und Kantone, allerdings wird es weder den bei der Herstellung
zugänglicher Lehrmittel effektiv anfallenden Kosten gerecht, noch trägt es
dem Umstand Rechnung, dass je nach B+U-Tätigkeiten in mehreren Kantonen
jeweils sehr verschiedene obligatorische oder auch nicht-obligatorische
Lehrmittel eingesetzt werden.
Das System auferlegt den Sonderschulen damit indirekt äusserste
Zurückhaltung bei der personellen Ausstattung ihrer Medienzentren. Im Notfall
sehen sich diese gezwungen, die Menge oder die Qualität ihrer Produkte „nach
unten“ anzupassen oder schlechtere Alternativen zu wählen. Zu diesen gehört
beispielsweise, dass integrativ beschulte Kinder in der Gemeinde X des
Kantons Y mit anderen, bereits in zugänglicher Form vorliegenden Lehrmitteln
arbeiten müssen als ihre nicht-behinderten Kameraden im selben
Klassenverband. Dies hat nicht nur eher eine separierende als integrierende
Wirkung, sondern fordert auch den Klassen- und den B+U-Lehrern viel mehr
ab.
Die Medienzentren haben nicht notwendigerweise die Ressourcen oder die
notwendige Infrastruktur, anforderungsreiche Produktionen selber
herzustellen. Das können besonders umfangreiche und/oder strukturell sehr
komplexe Lehrmittel sein; auch das geforderte Format, zum Beispiel
Blindenschrift auf Papier, ist in diesen Fällen ein entscheidendes Kriterium.
113
Siehe oben das Kapitel Leistungsanbieter (09.05).
Innerhalb der Institutionen werden die entsprechenden Einheiten Medienzentrum oder
ähnlich genannt.
114
Seite 60 von 158
Ausserdem finden sich nicht in allen Regionen Medienzentren (Ostschweiz,
Graubünden, Nordwestschweiz).
Für solche Fälle ist die SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und
Lesebehinderte die erste Adresse.115 Entweder wird sie im Auftrag der
Medienzentren von Leistungsanbietern auf deren Kosten tätig, oder sie ist für
gewisse Regionen und Kantone selber Leistungsanbieterin. Je nach Region
oder Kanton variieren die administrativen Vorgaben.
Die Kantonalisierung der Produktion von barrierefreien Lehrmitteln, wie sie
gegenwärtig umgesetzt ist, führt, abgesehen vom administrativen
Mehraufwand, das Risiko mit sich, dass Schülerinnen und Schüler mit
besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar) hinsichtlich Quantität und Qualität
barrierefreier Lehrmittel von Kanton zu Kanton unterschiedlich behandelt
werden.
Die SBS hat in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit der
Neuordnung der Sonderpädagogik ihr Angebot überarbeitet und standardisiert.
Es ist seit dem 1. Januar 2014 in Kraft.
Für Leser, die mit den Herausforderungen bei der Herstellung zugänglicher
Lehrmittel wenig vertraut sind, seien hier das Angebot der SBS und die dabei
relevanten Faktoren im Überblick dargestellt.



Die SBS bietet standardmässig vier verschiedene Ausgabeformate an:
„Elektronische Textformate“, „Blindenschrift (Textübertragung auf Papier)“,
„Audio (akustische Übertragung)“ und „Grossdruck (Vergrösserungen)“.
In Abhängigkeit der Komplexität der Vorlage, die „einfach“, „mittel“ oder
„hoch“ sein kann, sind Preise pro Seite festgelegt.116
Für die Bestimmung des Komplexitätsgrades wendet die SBS Kriterien an,
welche u.a. das Layout, die Textmenge pro Seite, die Differenzierung in der
Textdarstellung, inhaltsrelevante Elemente wie Tabellen, Diagramme,
Abbildungen, Icons usw. umfassen.
Das führt bei einer Neuproduktion, betriebswirtschaftlich sauber gerechnet, für
ein Lehrmittel im Umfang von 200 gedruckten Seiten und je nach
Komplexitätsgrad zu effektiven Kosten zwischen CHF 900 (Vergrösserung) und
CHF 25‘000 (Blindenschrift auf Papier).
115
Für die Deutschschweiz.
Unterschieden wird natürlich auch, ob es sich um eine Neuproduktion oder um die
Reproduktion eines bereits früher produzierten Lehrmittels handelt; die Reproduktion ist weitaus
günstiger. Da die Vielfalt der Lehrmittel, inklusive der jeweils veränderten Neuauflagen usw.
äusserst hoch ist, ist das Kosteneinsparungspotenzial in der Praxis allerdings gering.
116
Seite 61 von 158
11.03
Von der Feststellung des Bedarfs zur Herstellung von
Barrierefreiheit
11.03.01
Generelles
Mittels Prozessen der Umformatierung „übertragen“ die spezialisierten
Einrichtungen eine vorbestehende Vorlage in ein barrierefreies Ausgabeformat.
Die Vorlage ist in der Regel ein bereits erschienenes Buch oder eine vom
Verlag zur Verfügung gestellte elektronische Druckvorstufe. Die gängigen
Ausgabeformate sind Blindenschrift auf Papier, WORD-Dokumente,
photomechanische Vergrösserungen (Grossdruck) oder Hörbücher.
Welches Ausgabeformat produziert wird, richtet sich nach den Bedürfnissen
und Fähigkeiten oder nach dem Alter des End-Nutzers oder der EndEndnutzerin, nach der Zweckmässigkeit bestimmter Ausgabeformate bezogen
auf einen bestimmten Inhalt, nach der Dringlichkeit, mit der die Produktion zur
Verfügung stehen muss sowie wohl auch nach den zu erwartenden Kosten.
Ob eine vom Verlag gelieferte elektronische Vorlage im Produktionsprozess mit
verwendet werden kann, hängt von vielen Parametern ab, zum Beispiel von
der von den Verlagen verwendeten Produktionssoftware oder vom
Komplexitätsgrad des Buches.
Da es sich bei vielen Lehrmitteln a priori um komplex aufgebaute Inhalte
handelt, sind die von Verlagen erhältlichen elektronischen Druckvorstufen
kaum je hilfreich.
11.03.02
Der übergeordnete Prozess - modellhaft
Der generelle Prozessablauf besteht aus verschiedenen, hier modellhaft
vorgestellten Phasen.
Erste Phase: Von der Herstellung eines gedruckten Lehrmittels über die
Feststellung des Bedarfs zur Auftragserteilung für die Herstellung einer
barrierefreien Version.



Ein Lehrmittelverlag stellt ein Lehrmittel her; es kommt als gedrucktes
Buch auf den Markt. Eine Lehrperson wählt dieses Lehrmittel für den
Klassenunterricht aus.
Die Klasse wird zum Beispiel von einem blinden und einem motorisch stark
eingeschränkten Kind besucht. Beide benötigen eine für sie barrierefreie
Version des Lehrmittels.
Der Bedarf für barrierefreien Zugang zum Lehrmittel für die beiden Kinder
wird festgestellt.
Zweite Phase: Von der Formatwahl zur Auftragserteilung.

Es wird abgeklärt, welche Ausgabeformate benötigt werden; es erweist
sich, dass das blinde Kind eine Blindenschriftversion auf Papier benötigt,
Seite 62 von 158


während das motorisch stark eingeschränkte Kind am besten mit einer
elektronischen Version bedient wird.
Administrative Prozesse, die von Kanton zu Kanton, von Region zu Region
oder von Sonderschule zu Sonderschule verschieden sind, werden in Gang
gesetzt.
Am Ende des Prozesses steht die Kostengutsprache der zuständigen Stelle.
Dritte Phase: Von der Produktion der barrierefreien Ausgabeformate zu deren
Auslieferung.



Abklärung, ob der Lehrmittelverlag eine elektronische Version zur
Verfügung stellen kann und, wenn ja, ob sie zur Weiterverarbeitung zum
Zweck der Herstellung von Barrierefreiheit geeignet ist.
Umformatierungs- und Korrekturprozesse; Generierung der
Ausgabeformate.
Auslieferung.
11.04
Die Umformatierungsprozesse im Überblick
11.04.01
Einscannen
Der Prozess der Umformatierung von Lehrmitteln beginnt in der Regel mit der
(nochmaligen) Erfassung des vom Lehrmittelverlag produzierten Buches. Im
besseren Fall kann eine vom Verlag gelieferte elektronische Vorlage genutzt
und effizient weiter verarbeitet werden, was bei komplexeren Lehrmitteln
allerdings kaum je der Fall ist. Das gedruckte Buch wird deshalb eingescannt.
Fehler bei der Texterkennung durch die Software müssen korrigiert werden.
11.04.02
Zwischenhinweis
An dieser Stelle ist ein Zwischenhinweis einzufügen: Zu Recht mag man sich
fragen, weshalb elektronische Druckvorstufen der Verlage117 für die
Herstellung von Barrierefreiheit meistens ungeeignet sind. Mit dieser Frage
trifft man einen wesentlichen Kern der Problematik.
Das Verlagswesen ist traditionellerweise und noch immer auf das Endprodukt,
das gedruckte Buch als physisches Objekt, ausgerichtet. Der Leser ist als eine
Instanz gedacht, die sich im gedruckten Buch visuell orientiert.118
Strukturmerkmale des Produktes lassen sich in der Druckversion infolge
typographischer Differenzierungen119 zwar visuell erkennen, sind aber in den
elektronischen Files nicht oder nicht hinreichend mit entsprechenden MetaInformationen hinterlegt.
117
Vornehmlich PDF.
Siehe dazu TEIL F GRUNDLEGENDES ZUR BARRIEREFREIHEIT VON BÜCHERN IM DIGITALEN
ZEITALTER das Unterkapitel Navigierbarkeit (22).
119
Schrift, Schriftgrösse, eingeschobene Kästchen, Icons, Tabellen, Illustrationen, Darstellung in
mehreren Kolonnen, fette, kursive Schrift usw.
118
Seite 63 von 158
Beispiel einer Seite eines Lehrmittels mit Komplexitätsstufe „einfach“.120
120
Freundlicherweise von der SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und
Lesebehinderte zur Verfügung gestellt. Die Seite ist folgendem Werk entnommen: Stefan Graf,
Markus Gsteiger: Erlebnis Sprache 1 (zweite, überarbeitete Auflage). Klett und Balmer. Zug.
2012.
Seite 64 von 158
Die beschriebene Sachlage ist nicht nur mit Blick auf Barrierefreiheit ein
fundamentales Grundübel, sondern jenseits aller Überlegungen zur
Barrierefreiheit auch im Hinblick auf die Produktion von Enhanced eBooks (→
Glossar) nicht zielführend.
Als Leser von Enhanced eBooks mittels eines auf dem Tablet, dem PC oder
dem Smartphone installierten eBook-Wiedergabesystems (→ Glossar
Abspielsystem) ist man darauf angewiesen, sich im Buchganzen zweifelsfrei
orientieren zu können. Dies kann nur gelingen, wenn die vorkommenden
Strukturmerkmale im Hintergrund gekennzeichnet sind und als solche von den
Abspielsystemen zweifelsfrei erkannt („gelesen“) und auf berechenbare Weise
wiedergegeben werden können.121
11.04.03
Strukturanalyse
Einmal gescannt, müssen die mit der Erstellung von Barrierefreiheit betrauten
Lektoren oder Lektorinnen den Inhalt des Buches analysieren,
Strukturmerkmale identifizieren und entsprechend auszeichnen, damit der
Leser sich später im Dokument orientieren kann.
11.04.04
Speziell anforderungsreiche Elemente122
Neben der fundamentalen Struktur eines Buches, wie sie sich beispielsweise in
der Titelhierarchie zeigt, bieten andere Bauteile, die in einem Buch
vorkommen können, für die Herstellung von Barrierefreiheit besondere
Schwierigkeiten: Tabellen, mathematische Formeln, Musiknoten,
Illustrationen, Diagramme, andere graphische Darstellungen, Bilder.123
Abbildungen und Illustrationen werden daraufhin geprüft, ob sie für das
Verstehen des Stoffes relevant sind. Wenn ja, müssen sie mit alternativen, je
nach Fall extensiven Texten versehen werden, damit sie auch für jene
Personen zugänglich werden, die nicht (genug) sehen können.
Mathematische Formeln sind im gedruckten Buch oft als BILD eingefügt. Sie
sind damit nicht maschinenlesbar, was die Anwendung eines Screen Readers
(→ Glossar) zur Wiedergabe auf der Blindenschriftzeile (→ Glossar) in
Blindenschrift oder als Audio (→ Glossar Text-to-Speech) verunmöglicht.
121
Zur Wichtigkeit der Interaktion zwischen Produkt und Abspielsystem (→ Glossar) siehe unten
das Kapitel Wiedergabesysteme (25).
122
Die beste Informationsquelle in diesem Zusammenhang ist die Webseite
www.diagramcenter.org.
123
In absehbarer Zeit werden zusätzlich in Enhanced eBooks eingebettete Videos neue
Herausforderungen stellen.
Seite 65 von 158
Beispiel einer Seite eines Lehrmittels mit Komplexitätsstufe „mittel“.124
124
Freundlicherweise von der SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und
Lesebehinderte zur Verfügung gestellt. Die Seite ist folgendem Werk entnommen: Gabi
Lötscher, Stephan Nänny, Elisabeth Sutter, Claudia Schmellentin, Afra Sturm: Die
Sprachstarken 5. Arbeitsheft (erste Auflage). Klett und Balmer. Zug. 2008.
Seite 66 von 158
Zu den anforderungsreichen Elementen gehören Diagramme und andere
graphische Darstellungen, welche eine Menge von Informationen und
Relationen gedrängt in einer nicht-linearen Weise repräsentieren, wie
beispielsweise in der folgenden Graphik.
Lehrmittel können auch Musiknoten enthalten. Sie können in Blindenschrift
dargestellt und taktil mit den Fingern gelesen werden.
Viele Lehrmittel oder sie begleitende Arbeits- oder Übungsbegleithefte
enthalten Elemente, welche vom Lernenden eine aktive Interaktion verlangen.
Dazu gehören beispielsweise auszufüllende Lückentexte, die Lösung
mathematischer Aufgaben und dergleichen. Auch sie benötigen besondere
Aufmerksamkeit bei der Herstellung von Barrierefreiheit, sodass der Schüler
oder die Schülerin mit besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar) damit effizient
umgehen kann.
Seite 67 von 158
11.04.05
Blindenschrift
Ist das zu produzierende barrierefreie Ausgabeformat Blindenschrift auf
Papier, sind ergänzende Prozesse durchzuführen. Sie betreffen die
Übersetzung der Vorlage in Blindenschrift sowie die Generierung des Layouts
der Blindenschrift-Version. Letzteres muss sich den eingeschränkten
Darstellungsmöglichkeiten der Blindenschrift anpassen und dafür besorgt sein,
dass sich der Leser oder die Leserin der Blindenschrift später im Buch und auf
einer Seite einfach und zweckmässig orientieren kann.
Korrekturdurchläufe, die in vielen Fällen von einer blinden und einer nicht
sehbehinderten Person zu zweit durchgeführt werden müssen, merzen Fehler
der eigentlichen Textübertragung sowie Unverständlichkeiten, die sich aus
dem angepassten Layout ergeben, aus. Unter Umständen und soweit es das
Verständnis des Buches erleichtert, werden für graphische Elemente taktil
lesbare Reliefdarstellungen erstellt, die auch entsprechend beschriftet werden
müssen. Sind alle diese Arbeitsschritte durchgeführt, erfolgt der Druck und die
Auslieferung des Buches in Blindenschrift.
Die Produktion von Blindenschrift-Ausgaben von Lehrmitteln ist äusserst
zeitaufwändig und infolgedessen kostenintensiv. Es ist denn auch zu
beobachten, dass im Allgemeinen die Aufträge für die Herstellung von
Barrierefreiheit via Blindenschrift-Ausgaben auf Papier zurückgehen. An ihre
Stelle treten vermehrt elektronische Versionen (in der Regel WORDDokumente), die mit einem Screen-Reader (→ Glossar) akustisch oder mittels
einer Blindenschriftzeile (→ Glossar) taktil gelesen werden können.
11.04.06
Hörbuch im DAISY-Format
Die gegenwärtig von Produzenten barrierefreier Literatur hauptsächlich
hergestellte Form des Hörbuchs folgt dem DAISY-Standard, der vom DAISY
Consortium seit 1996 entwickelt worden ist, in der Ausprägung des
navigierbaren Hörbuchs.125 Sein Inhalt wird von einem Menschen im
Hörbuchstudio aufgenommen. Im navigierbaren Hörbuch beschränkt sich der
enthaltene Textanteil auf „Navigationspunkte“ wie beispielsweise
Kapitelüberschriften. Diese sind zusätzlich mit der Meta-Information zur
Kapitelhierarchie126 hinterlegt. Das setzt den lesenden End-Nutzer in den
Stand, sich mittels DAISY-fähiger Abspielsysteme (→ Glossar) im Buch gezielt
und schnell zu bewegen.127
Bei der Herstellung barrierefreier Lehrmittel spielt das navigierbare Hörbuch
eine untergeordnete Rolle, da die Komplexität von Lehrmitteln sich für eine
rein akustische Vermittlung selten gut eignet.
125
Bekannt als DAISY audio-only – Anwendung des Standards.
Kapitel erster, zweiter, dritter usw. bis sechster Ordnung.
127
Im Unterschied zur vorangehenden Periode des Hörbuchs auf Kassetten, das das schnelle
gezielte Auffinden eines bestimmten Textabschnittes in einem Buch sozusagen verunmöglichte.
126
Seite 68 von 158
Beispiel einer Seite eines Lehrmittels mit Komplexitätsstufe „hoch“.128
128
Freundlicherweise von der SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und
Lesebehinderte als Beispiel zur Verfügung gestellt. Die Seite ist folgendem Buch entnommen:
Ben Wetz, James Styring, Nicholas Tims: English Plus 2. Student's Book. University Press.
Oxford. 2010.
Seite 69 von 158
Der DAISY-Standard beschränkt sich allerdings nicht auf die genannte
Ausprägung des Standards als navigierbares Hörbuch. Er ermöglicht auch die
Produktion von elektronischen Büchern, in denen der gesamte Text, inklusive
der strukturellen Meta-Informationen, zusammen mit der mit ihm
synchronisierten Audiospur im selben Produkt enthalten ist.129 Auch möglich
und im Hinblick auf das elektronische Lehrmittel im EPUB 3 – Format wichtig,
ist die DAISY text only – Anwendung des DEAISY-Standards.
Auf der Seite der Abspielsysteme ermöglicht das gleichzeitig die Darstellung
des Textes auf einem Bildschirm und die Wiedergabe des dazugehörigen
Audio-Outputs. Die Navigierbarkeit in der Audio-Spur und im Textfluss ist
garantiert. Ein solches DAISY-Buch integriert demnach das elektronische Buch
(TEXT) und das Hörbuch (AUDIO) in einem Produkt.
Neben dem offensichtlichen Pluspunkt, dass dasselbe Produkt auf der Seite der
Rezeption zwei Wahrnehmungskanäle (→ Glossar) bedient, kommt
produktionsseitig ein weiterer grosser Vorteil hinzu: Der im Produkt
vorhandene Text ermöglicht seiner Maschinenlesbarkeit wegen die
automatische Generierung des Audio-Outputs mittels Text-to-SpeechTechnologien (→ Glossar), was die Aufnahme im Hörstudio tendenziell
überflüssig macht.
Das beschriebene, dem bewährten DAISY-Standard inhärente Konzept ist,
neben zusätzlichen wichtigen Funktionalitäten, voll und ganz in den
Industriestandard EPUB 3 für elektronische Publikationen überführt worden.130
11.04.07
Vergrösserungen
Hierbei handelt es sich um ein einfaches Verfahren der Vergrösserung mittels
Fotokopierapparat, das im Allgemeinen seines hinsichtlich Barrierefreiheit
eingeschränkten Nutzens an Bedeutung verliert, aber in spezifischen
Einzelfällen nach wie vor eine Option ist. Wie die Blindenschrift verliert die
Vergrösserungstechnik an Relevanz. Sie wird meistens durch elektronische
WORD-Dokumente ersetzt. Die sehschwache Leserin oder der sehschwache
Leser nutzt Vergrösserungssoftware als assistierende Technologie (→ Glossar
Assistive Technology).
12
Die Hauptproblematiken im gegenwärtigen System der
Bereitstellung barrierefreier Lehrmittel
Die nachfolgend aufgeführten Hauptproblematiken messen sich
129
130
Bekannt als DAISY full-text, full-audio – Anwendung des Standards.
Siehe dazu unten das Kapitel Die EPUB 3 – Revision und die DAISY Standards (34).
Seite 70 von 158


einerseits an dem, was politisch gewollt ist, nämlich eine inklusive
Gesellschaft für alle, sei jemand jung oder alt, sei er oder sie von grösseren
oder minderen Einschränkungen betroffen,131
andererseits an dem, was im digitalen Zeitalter bezüglich eInclusion (→
Glossar) möglich ist und zunehmend möglich sein wird.
Insofern ist die vorliegende Studie keineswegs als Kritik an den gegenwärtigen
Akteuren oder Verfahren zu verstehen, sondern als Wegweiser für ein
zukünftig signifikant verbessertes Gesamtsystem zum Nutzen aller.
12.01
Herstellung von Barrierefreiheit „ex post“
Die Herstellung von Barrierefreiheit geschieht in einem Ex post-Verfahren.
Dem gedruckten Buch wird nachträglich Barrierefreiheit hinzugefügt. Das
bedeutet in erster Linie, dass der Prozess der Umformatierung zur
barrierefreien Version in der Regel erst dann beginnt, wenn das Lehrmittel
vorliegt und der administrative Prozess der Kostengutsprache abgeschlossen
ist. Dadurch geht wertvolle Zeit verloren und es entstehen zusätzliche Kosten.
12.02
Späte Entscheidung für eingesetzte Lehrmittel
Eines der Erfordernisse ist, dass die Lernenden mit besonderem Bedürfnis ihre
barrierefreien Lehrmittel zur selben Zeit erhalten, wie ihre nicht
eingeschränkten Mitschüler oder Mitschülerinnen. Das gegenwärtige System
krankt allerdings daran, dass Lehrpersonen sich oft erst spät für bestimmte
Lehrmittel entscheiden, die sie einsetzen wollen. Das hat zur Folge, dass
Schülerinnen und Schüler mit besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar) die
Lehrmittel erst lange nach Beginn des Semesters und oft in Teillieferungen
erhalten. Das schafft im Vergleich zu den nicht behinderten Klassenkameraden
Benachteiligungen, erschwert die Integration der Schülerinnen und Schüler im
Klassenverband und kompliziert auf der Seite der Produzenten barrierefreier
Lehrmittel sowohl die Produktionsprozesse als auch die Administration.
12.03
Lehrmittelvielfalt
Infolge des föderalen Aufbaus des Schul- und Bildungswesens in der Schweiz
besteht eine ausgeprägte Vielfalt verschiedener Lehrmittel für alle Fächer und
Stufen der Volksschule. Ausserdem ist zu beobachten, dass die Lebenszyklen
der Lehrmittel immer kürzer werden. Die beschränkt vorhandenen Ressourcen
reichen deshalb bei weitem nicht aus, auch nur einen kleinen Bruchteil
131
Siehe dazu oben u.a. die Ausführungen im Kapitel Internationale und nationale
Bestrebungen zu mehr Inklusion im digitalen Zeitalter (2000 – 2014) (07).
Seite 71 von 158
marktgängiger Lehrmittel in ein barrierefreies Format umzuformen. Um
ausgewiesenem Bedarf gerecht zu werden, behilft man sich deshalb oft des
Mittels, ein annähernd vergleichbares Lehrmittel eines anderen Kantons, das
barrierefrei vorliegt, aufzubereiten. Das ist natürlich besser als nichts, aber die
Inklusion der betroffenen Schülerinnen oder Schüler wird damit nicht
erleichtert.
12.04
Tröpfchen auf heisse Steine
Aus historischen Gründen132 standen Blindheit und Sehschwäche im Zentrum
des Nachdenkens über zugängliche Information und Literatur. Auch das
Aufkommen des Internets änderte daran zunächst nichts. Die Entwicklung der
Internet-Technologien selber allerdings, insbesondere die multimediale
Integration der Darstellungsmodi (→ Glossar Wiedergabemodi) machte schnell
deutlich, dass Barrierefreiheit auch für andere Lesebehinderungen (→ Glossar)
als Blindheit oder Sehschwäche in den Bereich des Machbaren rückt.133
Der Hinweis auf die Internet-Technologien ist im vorliegenden Zusammenhang
elektronischer Publikationen bedeutsam, weil der EPUB 3 – Standard
wesentlich auf den Internet-Technologien und deren hinterlegten Standards
basiert, was im Hinblick auf barrierefreie elektronische Publikationen enorme
Synergien freilegt – auch hinsichtlich der Versorgung von Schülerinnen und
Schülern mit besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar) und des Grundsatzes
„Integration vor Separation“.
Nur harzig und zögerlich, wenn überhaupt, fliesst in die Bemühungen um
Barrierefreiheit das Wissen ein, dass die gegenwärtigen IKT Zugänglichkeit für
alle Formen der Lesebehinderung, auch im Bereich der Lehrmittel, schaffen
können. Es ist wichtig fest zu halten, dass Barrierefreiheit für Blinde und
Sehbehinderte auf Grundanforderungen beruht, die, wie weiter unten noch
ausgeführt werden wird, für alle Lesebehinderungen fundamental sind.134
Für das eher schleppende Vorankommen dieser Erkenntnis gibt es viele
Gründe, unter denen als wichtige folgende anzuführen sind:


Der Mainstream-Standard für elektronische Publikationen EPUB 3 steht erst
seit relativ kurzer Zeit zur Verfügung.
Infolge der Kantonalisierung der Bereitstellung barrierefreier Lehrmittel und
der sich daran anschliessenden Fortführung135 des vom IV-System „von
alters her“ Etablierten hat sich an der sozusagen ausschliesslichen
132
Sie hängen vor allem mit der Geschichte der Technologie-Entwicklung zusammen. Siehe
dazu oben das Kapitel Technologie-Entwicklung und barrierefreie Literatur (06).
133
Die Web Accessibility Initiative, WAI (www.w3.org/WAI/) hat die Barrierefreiheit des
Internets und seiner Inhalte für alle Menschen – auch jene mit behinderungsbedingten oder
altersbedingten Einschränkungen – zum Ziel. Unter weltweiter Mitarbeit der Betroffenen oder
ihrer Organisationen veröffentlicht sie entsprechende Standards. Der bekannteste unter ihnen
ist der WCAG 2.0 - Standard: Web Content Accessibility Guidelines (www.w3.org/TR/WCAG20/).
134
Siehe TEIL F GRUNDLEGENDES ZUR BARRIEREFREIHEIT VON BÜCHERN IM DIGITALEN
ZEITLATER.
135
Siehe dazu oben das Kapitel Die Kantone und barrierefreie Lehrmittel (10).
Seite 72 von 158


Fokussierung auf Blindheit und Sehbeeinträchtigung bisher nichts oder
wenig geändert.
Im allgemeinen Bewusstsein der Bevölkerung und bei manchen Behörden
wird Barrierefreiheit noch immer überwiegend mit dem Sehvermögen
assoziiert.
Behindertenorganisationen behandeln Fragen der Barrierefreiheit der IKT in
der Perspektive der von ihnen vertretenen Behinderungsarten.
IKT sind durch weltweit adoptierte und verbreitete Standards geregelt. Wie sie
selber ist ihre Barrierefreiheit ein Querschnitt-Thema, das alle Lebensbereiche
und Lebensalter, alle Berufsgattungen, Behördenstrukturen und
Regierungsdepartemente, alle Ebenen des Schul- und Bildungswesens, alle
wirtschaftlich tätigen Unternehmen und alle Behinderungsformen durchzieht.
Der Status Quo im Bereich der barrierefreien IKT ist gekennzeichnet durch
eine Kultur historisch gewachsener Abgrenzungen und Strukturen. Diese
stehen der Grenzen überschreitenden und zum Nutzen aller einsetzbaren
Integrationskraft von IKT diametral entgegen.
Es scheint daher wichtig einen Prozess in Gang zu bringen, der dazu geeignet
ist, den genannten Missstand zu überwinden.
12.05
Die Quadratur des Kreises - Fragmentierungen
Medienzentren der Sonderschulen produzieren einerseits für die separativ
beschulten Schülerinnen und Schüler, andererseits auch für Schülerinnen und
Schüler in Regelklassen von Schulen, die in verschiedenen Kantonen liegen. Je
nach Schule, Region, Anzahl betroffener Schülerinnen und Schüler und deren
Bedarf entsteht schnell die Situation, dass die Nachfrage nach zugänglichen
Lehrmitteln die vorhandenen Mittel zu ihrer Deckung weit überschreitet.
Ausserdem kann sich die Situation von Semester zu Semester stark ändern.
Vieles bleibt unvorhersehbar und unberechenbar.
Die geschilderten Verhältnisse zwingen die produzierenden Betriebe zu
improvisieren und bei ihrer Planung unter verschiedenen schlechten jeweils die
am wenigsten schlechte Lösung zu wählen.
Unter den Bedingungen des Improvisierens können die Organisationen nichts
anderes tun, als das jeweils Nötigste vorzukehren, zum Beispiel nur Teile eines
Lehrmittels bereit zu stellen oder im Kanton X nicht das dort übliche Lehrmittel
zu berücksichtigen, sondern „etwas Vergleichbares“ aus einem anderen
Kanton, weil es gerade zur Verfügung steht und „besser ist als nichts“.
Zu der geschilderten Situation kommen zusätzlich komplizierende
Auffächerungen und Differenzierungen hinzu:

Die Bedürfnisse und der (berechtigte) Anspruch integrativ beschulter
Schülerinnen und Schüler hinsichtlich barrierefreier Lehrmittel decken sich
nicht a priori mit den Bedürfnissen von Schülerinnen und Schülern, die in
Sonderschulen separativ unterrichtet werden (müssen).
Seite 73 von 158

Auch ist anzufügen, dass Einrichtungen wie beispielsweise in Baar oder
Zollikofen die Zielgruppen ihrer Leistungen im vergangenen Jahrzehnt auf
mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche136 ausgedehnt haben, was die
Bedarfslage hinsichtlich barrierefreier Lehrmaterialien erweitert.
Neben den Medienzentren der Sonderschulen ist die SBS Schweizerische
Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte ein wichtiger Akteur auf dem
Gebiet der Produktion barrierefreier Lehrmittel.137 Sie arbeitet entweder im
Auftrag der Medienzentren von Sonderschulen oder im Auftrag von Kantonen,
in denen keine Sonderschule / Medienzentrum vorhanden ist. Je nach Kanton
und entsprechender Vereinbarung sind dabei unterschiedliche administrative
Vorgehensweisen zu befolgen.138
Insgesamt ergibt sich das Bild einer mehrdimensionalen hochgradigen
Fragmentierung der Landschaft Barrierefreie Lehrmittel. Insofern Technologie
betroffen ist, gibt es kaum etwas Hinderlicheres als Fragmentierung. Sie
verhindert das Befolgen technischer Standards und verunmöglicht die
Interoperabilität der Systeme.
12.06
Bilanz
12.06.01
Alltägliche Produktionserfahrung
Die unter den Bedingungen des gegenwärtigen Systems direkt mit der
Produktion barrierefreier Lehrmittel Beschäftigten nennen als alltäglich
erfahrene Hauptschwierigkeiten vor allem die folgenden Punkte:




Ex post – Prozesse.139
Späte Entscheidung der Lehrkräfte für die von ihnen eingesetzten
Lehrmittel.
Vielfalt der Lehrmittel im föderalen Schulwesen.
Deren immer kürzer werdenden Lebenszyklen.
Zwei der genannten Hauptproblematiken betreffen den Zeitfaktor: Die
Lehrmittel gelangen oft erst verspätet zu den Endkunden, das Agieren unter
136
Sonnenberg. Heilpädagogisches Schul- und Beratungszentrum Sehen – Sprechen –
Begegnen (www.sonnenberg-baar.ch/), Hervorhebung durch die Autoren. - Die Blindenschule
Zollikofen führt eine Schule für Mehrfachbehinderte (MFB): diese „führt Klassen auf allen
Stufen. Der Unterricht umfasst heilpädagogische Sonderschulung ausgerichtet auf die
Mehrfachbehindertenpädagogik unter Einbezug der Sehbehindertenpädagogik sowie
blindenspezifischem Fachunterricht (LPF, O+M, LV), pädagogischen und medizinischen
Therapien“ (www.blindenschule.ch/grundangebot/schule-mfb/).
137
Die SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte stellt im Auftrag der
IV auch barrierefreie Dokumente für Personen her, welche die obligatorische Schulzeit bereits
abgeschlossen haben. – „SBS“ ist nicht zu verwechseln mit dem Kürzel SBS für den
Schweizerischen Bildungsserver.
138
Die Verfahren, Zuständigkeiten, Ablaufprozesse usw. sind zurzeit noch „in Stein gemeisselt“.
Eine wirkliche Routine scheint sich noch nicht abschliessend eingespielt zu haben. Bisher (19.
September 2014) hat die SBS noch keine direkten Aufträge von Kantonen erhalten.
139
Siehe oben das Kapitel Herstellung von Barrierefreiheit „ex post“ (12.01).
Seite 74 von 158
hohem Zeitdruck ist der Qualität der Produkte im Allgemeinen abträglich. Die
beiden nächsten Punkte betreffen die Menge unterschiedlicher Lehrmittel und
Unterrichtsmaterialien, die in den Schulen eingesetzt werden.
12.06.02
Generell gesehen
Die von den Praktikern festgestellten Schwierigkeiten sollten auch in einem
grösseren Kontext generell beschrieben und auf den Punkt gebracht werden:








Die festgestellten Fragmentierungen erschweren die Errichtung einer
zielgerichteten effizienten Strategie mit Bezug auf die Versorgung von
Schülerinnen und Schülern mit besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar) mit
barrierefreien Lehrmitteln.
Die Quantität vorliegender barrierefreier Lehrmittel ist sehr gering.
Wie barrierefreie Lehrmittel gestaltet werden, ist produzentenabhängig,
was zu unterschiedlichen Qualitäten führt.
Die Austauschbarkeit der Produkte140 ist beschränkt.
Es mangelt an einer Datenbank, welche das Finden verfügbarer
barrierefreier Lehrmittel und ihrer zugänglichkeitsspezifischen Merkmale
ermöglicht.
Die kantonal und regional unterschiedlichen Verhältnisse führen zu
Ungleichbehandlungen.
Die meisten der wenigen vorliegenden, barrierefrei aufbereiteten Lehrmittel
haben Blindheit oder Sehbeeinträchtigung im Fokus.
Ein fachlich fundierter Austausch von Experten des Zugangs zu Wissen und
Information im digitalen Zeitalter für verschiedene Arten von
Lesebehinderung (→ Glossar) scheint inexistent.
12.06.03
Was lässt sich verbessern?
Es stellt sich die Frage, wie die unbefriedigende Situation verbessert werden
könnte.
Ausgehend von den Alltagserfahrungen der Praktiker, könnte man sich
folgende Strategien ausdenken:


Die im Land tätigen Lehrkräfte werden hinsichtlich des Zeitpunktes der
Wahl der von ihnen im Unterricht verwendeten Lehrmittel „umerzogen“.
Die Vielfalt der Lehrmittel wird eingeschränkt.
Es braucht allerdings kein grosses Vorstellungsvermögen vorauszusagen, dass
solche Strategien von Anfang an zum Scheitern verurteilt wären.
A priori weniger aussichtslos ist eine Strategie, welche bei der Problematik des
Ex Post – Verfahrens ansetzt. Tatsächlich stehen ja hinter jedem gedruckten
Buch oder Dokument elektronische Files. In dieser Perspektive gedacht, lässt
sich vorstellen, dass von Verlagen gelieferte elektronische Druckvorlagen zur
Lösung des Problems beitragen könnten.
140
Ein am Ort Y produziertes barrierefreies Lehrmittel ist nicht a priori am Ort X einsetzbar.
Seite 75 von 158
Die Praxis zeigt jedoch, dass die von den Verlagen zur Verfügung gestellten
elektronischen Druckvorlagen im besten Falle bei sehr schwach strukturierten
Büchern, also vornehmlich Fliesstexten wie Romane usw. für die Hersteller von
barrierefreier Literatur zu einer wirklichen Produktivitätssteigerung führen.
Abgesehen vom Grad der Struktur-Komplexität des Inhaltes, ergeben sich die
Schwierigkeiten bei der Übernahme von Verlagsdaten auch aus den Spezifika
der von den Verlagen eingesetzten Produktionstools und den von diesen
geschaffenen Files.
Lehrmittel und entsprechende Begleitmaterialien etc.141 sind in den meisten
Fällen hochkomplex strukturierte Produkte mit anforderungsreichen Layouts.
In diesen Fällen führt die von Verlagen gelieferte Druckvorlage nie oder selten
zu einem signifikanten Zeitgewinn.
12.06.04
Die Lehrmittel im Zeitalter des Digitalen
Die Skizzierung einer erfolgreichen Strategie zur Überwindung der genannten
Schwierigkeiten sollte die Entwicklung des Lehrmittelmarktes im digitalen
Zeitalter antizipieren.
Als Behauptung soll hier folgendes gesetzt sein: Der Weg führt über den
Einsatz neuer Technologien, insbesondere des Enhanced eBooks (→ Glossar),
und über die enge Zusammenarbeit zwischen den Spezialisten für
Barrierefreiheit und den Lehrmittelverlagen. Diese geht weit über die wenigen
bisher etablierten Beziehungen hinaus.
Die bisher getrennten Work Flows der Verlage auf der einen Seite und der
Spezialeinrichtungen für die Herstellung von Barrierefreiheit auf der anderen
Seite sollten sich zu einem integrierten weiter entwickeln.
Viele traditionelle, historisch gewachsene Lehrmittelverlage in der Schweiz
haben seit einiger Zeit begonnen, über die Zukunft ihres Marktes im Zeitalter
des Digitalen nachzudenken und Szenarien zu entwickeln, wie sie die
Herausforderungen angehen wollen. In gewisser Weise stehen sie dabei noch
am Anfang. Neben der Beantwortung technischer Fragen müssen sie auch
Lösungen für ihre zukünftigen Distributions- und Geschäftsmodelle finden.142
Der Zeitpunkt für eine engere Zusammenarbeit zwischen Verlagen und
Spezialisten der Barrierefreiheit scheint deshalb günstig.
Je früher das Thema Barrierefreiheit in den Prozess des Nachdenkens und
Entscheidens einfliesst, desto erfolgreicher wird man den Weg des
Paradigmenwechsel – vom Ex post- zum Ex ante-Verfahren bei der
Versorgung von Schülerinnen und Schülern mit besonderem Bildungsbedarf
mit zugänglichen elektronischen Lehrmitteln – beschreiten können.
141
Neben (natur)wissenschaftlicher Literatur aller Art gehören auch allgemeine (populäre)
Sachliteratur, Zeitungen oder Zeitschriften zu den strukturell gesehen komplexen „Testsorten“.
142
Siehe dazu auch den nachfolgenden TEIL E DAS LERHMITTELVERLAGSWESEN AN DER
SCHWELLE DES DIGITALEN ZEITALTERS.
Seite 76 von 158
TEIL E
DAS LERHMITTELVERLAGSWESEN AN DER
SCHWELLE ZUM DIGITALEN ZEITALTER
13
Viele Fragen und Unsicherheiten
Lehrmittelverlage stehen wie andere Verlagstypen auch143 in oder noch vor
tiefgreifenden und herausfordernden Veränderungs- und
Umwälzungsprozessen im Zeichen der von den Internet-basierten IKT
geschaffenen neuen dynamischen Möglichkeiten der Inhalts- und
Wissensvermittlung.
Die folgenden unsystematisch zusammengestellten Stichwörter können etwas
von der Komplexität der sich stellenden Fragen wenigstens andeuten:












Veränderte Erwartungen der Kunden144 auf der Grundlage ihrer alltäglichen
Erfahrungen im Umgang mit dem Internet.
Das Enhanced eBook (→ Glossar) als Endprodukt mit interaktiven
Funktionalitäten, mit eingebetteten Videos etc.
Traditionelle Print first – Orientierung im Verlagswesen (entsprechende
Verfahren, entsprechende Fachleute, entsprechende Verlagskulturen).
Notwendigkeit für veränderte Arbeitsprozesse und Arbeitsabläufe in den
Verlagen.
Unsicherheit mit Bezug auf die Wahl von Technologien, Formaten,
Standards („Wohin entwickelt sich das alles?“ – „Wer hat den Überblick“?)
Schnelllebigkeit – Verkürzter Lebenszyklus von Lehrmitteln.
Langfristige koordinierte / zu koordinierende Lehrmittelplanung.
Schnelle, flexible, kostengünstige Aktualisierung von Inhalten.
Cloud-basierte und lokal gespeicherte Inhalte.
Output-Format-unabhängige Datenhaltung („XML first“ – Orientierung).
Schnelle, flexible, kostengünstige Generierung von verschiedenen OutputFormaten.145
Was können externe Dienstleister beitragen?146
143
Zeitungsverlage, Zeitschriftenverlage, Publikumsverlage, Wissenschaftsverlage usw.
“Kunden“ meint hier in erster Linie die Schülerinnen oder Schüler und die Lehrkräfte.
145
Inklusive Druck.
146
Die Frage ist relevant, weil Verlage die technische Herstellung oft an Dritte auslagern und bis
zu einem gewissen Grad von deren Wissens- und Erfahrungsstand abhängen. Der Einstieg in die
Publikation von eBooks respektive Enhanced eBooks erfordert entsprechende Spezialkenntnisse.
Vgl. beispielsweise www.bisg.org/events/ebook-ninjas%E2%84%A2-imagesworkshop?utm_medium=email&utm_campaign=Registration+Reminder+4+Ebook+Ninjas+QA&
utm_content=Registration+Reminder+4+Ebook+Ninjas+QA+CID_47fab609e28cc75da0349275
6970126a&utm_source=Email%20marketing%20software&utm_term=Image: “Training in the
development, design, and business of ebooks is imperative. These areas change on a constant
basis, and having a solid foundation of knowledge and skills allows professionals to adapt
quickly to the changes that come along and see past the clutter to the processes and techniques
144
Seite 77 von 158

















Geschlossene proprietäre und offene Systeme.
Veränderungen im Bereich der Lizenzen (neben den bekannten Bild-,
Video- und Tonrechten ist hier auch an möglicherweise fällige Lizenzen für
Schriften, Text-to-Speech [→ Glossar] Software etc. zu denken).147
Automatisierte Auswertung von Prüfungen und Übungen.
Vom Inhalt (Buch) separat gespeicherte Prüfungs- und Übungsresultate.
Persönlichkeitsrecht – Datenschutz.
Schutz des Geistigen Eigentums (Verhinderung von Missbrauch).
„Portionierte“ Lehrmittel „on demand“ (beispielsweise Bezug einzelner
Kapitel eines Lehrmittels).
Zentrale Sammlung von Metadaten (und Suchmaske) zu den Publikationen
(suchen, finden).
Hinführung zu Bezugsquellen (beispielsweise Portale der Verlage).
Produkte für welche und wie viele Rezeptionsgeräte (→ Glossar
Abspielsystem)?
Wer baut das alles auf? - Wie viel kostet es?
Interoperabilität und Plattformunabhängigkeit.
Zentral – dezentral.
Lizenzierungs-Modelle – besitzen – mieten.
Kundenverwaltung.
Rechteverwaltung.
Abrechnungen (Autoren, Lizenzen etc.).
14
Produktionsprozesse im Verlag
14.01
Einleitung
Das Verlegen von Büchern hat sich über einige Jahrhunderte hinweg
entwickelt und zu einer hoch differenzierten Buchgestaltung geführt. Verlage
folgen im Wesentlichen noch mehrheitlich einer fest verankerten Tradition der
Produktion, fein verästelte, gut funktionierende Vertriebsverfahren sind
etabliert worden. Die Buchkunst, die mit ihr einhergehende schöpferische
Tätigkeit – diese betrifft nicht nur den Akt des Verfassens von Inhalten,
sondern auch dessen typographische Konkretisierung – und alle mit dem
Verlagswesen zusammenhängenden Prozesse hat eine Kultur geschaffen, die
für das Verlagswesen insgesamt identitätsstiftend ist.
Mit dem Aufkommen der Informations- und Kommunikationstechnologien
(IKT) und deren lawinenartig einbrechenden Siegeszug bei den Konsumenten
that will make ebooks successful.” Im deutschsprachigen Raum bietet die Akademie des
deutschen Buchhandels entsprechende Bildungs- und Weiterbildungsangebote an
(www.buchakademie.de/).
147
Siehe dazu unten auch TEIL F GRUNDLEGENDES ZUR BARRIEREFREIHEIT VON BÜCHERN IM
DIGITALEN ZEITALTER.
Seite 78 von 158
ist das Umfeld, in dem Verlage ihre Traditionen herausgebildet haben,
vollkommen verändert und verlangt nach Anpassungen.
14.02
Druckorientierung – ein Ausgabeformat
Die Produktionsprozesse in Verlagen sind auf das gedruckte Endprodukt BUCH
ausgerichtet.148 Das Ziel ist die perfekte Druckvorstufe, welche dem Drucker
übergeben werden kann. Die perfekte Druckvorstufe, in der überwiegenden
Mehrheit im PDF – Format, sieht im Layout so aus, wie es im gedruckten
Erzeugnis aussehen soll und wird. Vereinfacht gesagt, die Verlage sind noch
auf ein Ausgabeformat, das gedruckte Buch, ausgerichtet.
Autoren, Herausgeber, Lektorinnen und Lektoren, die mit Korrekturprozessen
befassten Personen arbeiten auf dieses Ziel hin. Auch die komplexen
Produktionswerkzeuge, die in den letzten Jahrzehnten entwickelt wurden, sind
vom Ende her, dem gedruckten Erzeugnis, konzipiert.
14.03
Viele Ausgabeformate und Multimedia
14.03.01
Bildschirme: Small – Medium - Large
Information wird, wie wir wissen, heutzutage auf den verschiedensten Geräten
verschiedenster Grösse mit verschieden grossen Bildschirmen (oder auch
ohne) und verschiedenen Seitenverhältnissen konsumiert.
Das Layout des gedruckten Buches kann nicht ohne weiteres auf
unterschiedlich grosse Displays übertragen werden. – Schriftgrössen, Zeilenund Seitenumbrüche, die im Druck perfekt „sitzen“, erweisen sich unter diesen
Bedingungen als „Störfaktoren“.
14.03.02
Vertriebsplattformen
Verlage sind für die Distribution auf gut funktionierende Vertriebskanäle
angewiesen. Neben dem traditionellen Buchhandel mit Auslieferungsstellen für
die physischen Bücher haben sich inzwischen elektronische Plattformen
etabliert, welche elektronische Inhalte zum Download und/oder physische
Objekte (Bücher, Staubsauger. Lebensmittel, Kleider usw.) anbieten.
148
Natürlich gibt es auf dem gegenwärtigen Markt auch gedruckte Bücher mit „Beilagen“ wie
Audio-CDs oder DVDs. Die sich durch die IKT eröffnende Option für elektronische Lehrmittel,
welche die multimedialen Inhalte integrieren, würde solche „Beilagen“ überflüssig machen.
Seite 79 von 158
Die Verlage stehen vor der Frage, ob sie eigene Plattformen einrichten und ob
sie, gegebenenfalls, neben dem eigenen auch „fremde“ Kanäle bedienen
wollen. Die Antworten werden ja nach Verlag verschieden ausfallen und
berücksichtigen, welche Märkte erreicht werden sollen oder können und
welche Investitionen je nach Konfiguration damit verbunden sind.
Dabei spielt unter Umständen auch die Frage eine wichtige Rolle, inwiefern
„fremde“ Kanäle die „Anlieferung“ von bestimmten IT-Formaten verlangen.
Grosse global etablierte Vertriebsplattformen beispielsweise fordern von den
Verlagen Spezialformate. Möchte ein Verlag auf diesen Plattformen mit seinen
elektronischen Produkten vertreten sein, muss er diese für die verschiedenen
Kanäle unter Umständen aufbereiten.
14.03.03
Multimedia
Die modernen IKT sind geeignet, verschiedene Medien (→ Glossar) im
elektronischen Produkt nahtlos einzubetten. Das gedruckte Buch verfügt nicht
über diese Fähigkeit.
14.04
Das Einfache eBook – das Enhanced eBook
14.04.01
Das Einfache eBook
Der aktuelle eBook – Markt bietet grossmehrheitlich Belletristik, also
hinsichtlich ihrer Struktur wenig komplexe Textsorten. Bezüglich der Formate
trifft man meistens entweder auf ins Netz gestellte PDF - Dokumente oder, in
besseren Fällen, auf Produkte im EPUB 2 – Format mit seinen von der
Vertriebsplattform abhängigen proprietären Abwandlungen.
Insofern Verlage sich nicht einfach damit begnüg(t)en, die Druckvorstufe (das
PDF) ins Netz zu stellen, herrscht(e) bei der Produktion von eBooks noch ein
Verfahren vor, bei dem das für das gedruckte Erzeugnis entstandene File
nachträglich bearbeitet und für die verschiedenen Vertriebsplattformen
konvertiert und aufbereitet werden.
Dieses Verfahren ist umständlich und teuer, aber mehr oder minder
praktikabel, solange es um einfache Textsorten geht. Für komplexe Produkte
wie das populäre Sachbuch, Zeitschriften oder Lehrmittel war und ist dieses
Verfahren keine gangbare Option. Weder hätten bis anhin die verfügbaren
Technologien zu einer zumutbaren Qualität eines Enhancecd eBooks (→
Glossar) elektronischen Buches führen können, noch war ein Standard
verfügbar, der mit den inhärenten Komplexitäten von Lehrmitteln hätte
umgehen können.
Seite 80 von 158
14.04.02
Das Enhanced eBook
Inzwischen liegt ein offener, nicht proprietäre Industriestandard für
elektronische Publikationen vor, der für die Produktion und Distribution von
einfachen und Enhanced eBooks (→ Glossar) geeignet ist: die Version 3 des
Standards EPUB.149
Mit dem Standard ist eine wichtige Grundlage und Voraussetzung dafür
gegeben, dass


die Produktion und Distribution von Enhanced eBooks in einem
verlässlichen, weltweit anerkannten Standard vorangetrieben werden kann
und
die Lehrmittelverlage ihre Strategien entsprechend darauf ausrichten
könn(t)en.
14.05
Wie Lehrmittelverlage die Vielfalt von Ausgabeformaten und die
Komplexität von Lehrmitteln integrieren könnten
14.05.01
Zwei Annahmen
Es ist davon auszugehen, dass für eine längere Zeitspanne viele verschiedene
Ausgabeformate von Produkten auf dem Markt nachgefragt und deshalb
nebeneinander existieren werden.
Überlegungen ökonomischer Art lassen die Prognose zu, dass Strategien, bei
der für alle verschiedenen Ausgabeformen und -formate spezielle
unterschiedliche Produktionsprozesse aufgesetzt würden, nicht zielführend
sein können.
14.05.02
Eine gute Strategie – Flexibilität sicherstellen
Es scheint aus technologischer Sicht ratsam, Strategien zu entwickeln, die
gleichzeitig



die geforderte Flexibilität für die Bedienung der verschiedenen KundenBedürfnisse sicherstellt,
die Vorteile des Enhanced eBooks ausspielen und
ökonomisch sinnvoll sind.
14.05.03
Eine gute Lösung – Ausgabeformat-neutrale Datenhaltung
Das Datenmanagement muss so gestaltet sein, dass es auf „einfache“ Weise
viele verschiedene „Kanäle“ bedienen kann.
149
Siehe unten TEIL G DER STANDARD EPUB 3.
Seite 81 von 158
Das Zauberwort in diesem Zusammenhang lautet: Ausgabeformat-neutrale
Daten. Aus ihnen können je nach Bedarf und Absicht verschiedene
Endprodukte für verschiedene Absatzmärkte und Kundensegmente weitgehend
automatisiert generiert werden.
Das zugrundeliegende Konzept ist einfach zu verstehen. Es folgt dem Prinzip
der Trennung zwischen der subkutan vorhandenen Struktur eines Inhaltes und
seinem erst im Ausgabeformat erscheinenden Abbild. Unabhängig davon, ob
ich einen Inhalt im gedruckten Buch, auf Geräten mit verschiedenen grossen
Bildschirmen oder als Teil einer Webseite lese, die einem Inhalt unterlegte
Struktur ist überall dieselbe: Ein Titel bleibt ein Titel, ein Kapitel ein Kapitel,
eine Fussnote eine Fussnote, ein Glossar ein Glossar, ein Bild ein Bild und so
weiter.150
Das Konzept der Ausgabe-neutralen Datenhaltung lässt sich modellhaft mit
folgender einfachen Grafik darstellen.
Druckerzeugnis
Plattform des
Verlages X
Lehrmittel X / Ausgabeformatneutrale Daten
Gemeinsame
Plattform
verschiedener
Verlage
Plattform Y
Plattform Z
150
Ohne Zweifel werden Entwickler von Lehrmitteln auch vor der Frage stehen, ob das
Ausgabeformat nach Anpassungen der Struktur und Funktionalitäten verlangt. Das ist
wahrscheinlich, jedoch vom Konzept der Ausgabeformat-neutralen Datenhaltung eine
nachgelagerte Problematik.
Seite 82 von 158
15
Multimedia und Interaktivität – neue Produktformen
Das Enhanced eBook (→ Glossar) zeichnet sich im Unterschied zum statischen
gedruckten Buch dadurch aus, dass es mit ihm möglich wird,




dynamische Elemente einzubauen (zum Beispiel Animationen),
interaktive Elemente151 zu verwenden (Übungen, Prüfungen und
dergleichen),
verschiedene Medien (→ Glossar) zu integrieren,
verschiedene Wiedergabe-Modi (→ Glossar) zu synchronisieren (→ Glossar
Synchronisierung der Wiedergabe-Modi).
Die Entwickler von Lehrmitteln, Pädagogen, Didaktiker, Verlage, Lektoren,
Lektorinnen, Redaktionen werden sich die Möglichkeiten des Enhanced eBooks
zunutze machen (wollen). Man sollte sich deshalb das zukünftige elektronische
Lehrmittel nicht als die 1:1–Entsprechung einer gedruckten Vorlage vorstellen,
sondern sich auf neuartige Produktformen einstellen.
Insgesamt ergeben sich auf der Ebene des Lektorates in den Verlagen
neuartige Verhältnisse. Die stimmige Verzahnung von TEXT, AUDIO, BILD und
VIDEO sowie die Integration interaktiver Elemente dürfte eine im Vergleich zu
heute engere Zusammenarbeit zwischen Autoren und Lektoren auf der einen
und „Technikern“ auf der anderen Seite notwendig machen.
Das setzte voraus, dass die Verlage „ihre bisherigen Workflows umstellen
müssten. Jetzt steht nicht mehr der Text allein im Vordergrund, der Autor ist
nicht mehr der einzige Urheber. Erst im Team kann ein gutes Produkt gelingen
und die Produktion wird erst durch iterative Prozesse gehen müssen […]“152
16
Interdependenz zwischen Produkt und Wiedergabe
An anderer Stelle in der vorliegenden Studie wird auf das enge
Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem elektronischen Produkt und dem
Wiedergabesystem (→ Glossar) hingewiesen.153 Sehr gute elektronische
Produkte können ihre Qualitäten nicht ausspielen, wenn das gewählte
Abspielsystem die entsprechenden Funktionalitäten nicht unterstützt.
Verlage gehen demnach das Risiko ein, dass sie Arten von Produkten
herstellen, die auf den marktgängigen Abspielsystemen nicht oder nicht richtig
wiedergeben werden.
151
Elemente, die den Leser oder Leserin zu einer Aktivität auffordern (Fragen beantworten,
Lückentexte ausfüllen, Rechnungen lösen usw.).
152
Harlad Henzler, Fabian Kern: Mobile Publishing. Enhanced e-Books, Apps & Co.
Herausgegeben von der Akademie des Deutschen Buchhandels (Praxiswissen Verlag). De
Gruyter. Berlin/Boston. 2014, Seite 3.
153
Siehe unten TEIL G DER STANDARD EPUB 3 (Unterkapitel EPUB 3 – Wiedergabe [32]) und
TEIL F GRUNDLEGENDES ZUR BARRIEREFREIHEIT VON BÜCHERN IM DIGITALEN ZEITALTER
(Unterkapitel Wiedergabesysteme [25]).
Seite 83 von 158
Das schafft erhebliche Unsicherheiten und insbesondere eine unerwünschte
Abhängigkeit von externen Anbietern, was umso riskanter ist, als sich der
Markt für Abspielsysteme äusserst unberechenbar verhält.
Fast wöchentlich erscheinen neue Systeme und neue Versionen für
verschiedene Plattformen, Geräte und Betriebssysteme. Mächtige
Unternehmen betreiben geschlossene Systeme, mit denen sie Kunden an sich
binden. Deren Geschäftsmodelle zeichnen sich dadurch aus, dass sie darauf
ausgerichtet sind, Interoperabilität zu unterbinden. Diese scheint für das
Schulsystem jedoch eine wichtige Voraussetzung zu sein.
Verlage müssen sich überlegen, für welches oder welche Wiedergabesysteme
(→ Glossar Abspielsystem) sie sich entscheiden. Auch die Eigenentwicklung
oder Teil-Eigenentwicklung eines Systems kann unter Umständen eine Option
sein. Es ist davon auszugehen, dass die schweizerischen Lehrmittelverlage ihre
Produkte annähernd ausschliesslich in der Schweiz absetzen. Insofern lässt
sich das Schulwesen in der Deutschschweiz als eine in sich „geschlossene“
Einheit auffassen.154
Unter diesem Vorzeichen könnte es sich lohnen zu prüfen, ob eine
koordinierte gemeinsame Entwicklung eines Schweizer Wiedergabesystems,
gegebenenfalls nur den Kern der Software betreffend, für die Rezeption von
Enhanced eBooks (→ Glossar) auf dem Schweizer Lehrmittel-Markt nicht
Vorteile hätte. Das nahtlose Zusammenspiel zwischen dem Produkt und seiner
Rezeption könnte damit gewährleistet werden und die Abhängigkeit von
externen Faktoren, auf die man keinen Einfluss hat, würde eliminiert.155
17
Wachsende Interdependenz zwischen Schulwesen und
Verlagswesen
Die Herausforderungen, denen sich Verlage als Produzenten von Inhalten von
digitalen Erzeugnissen gegenübersehen, betreffen nicht nur die Verlage selber,
sondern auch das Schulwesen und seine Organisation als Ganzes.
Im aktuellen Modell sind die Rollen zwischen dem Schulwesen und den
Verlagen (Inhaltsproduzenten) einigermassen gut voneinander abgrenzbar.
Der politische Steuerungsprozess führt zu Lehrmitteln in physisch fassbarer
Form, meistens als gedrucktes Erzeugnis. Die Schulen beziehen die Produkte
beim Verlag „ab Lager“, diese werden an die Schülerinnen und Schüler
abgegeben und in vielen Fällen über einige Jahrgänge hinweg „vererbt“. Das
physisch fassbare Objekt als Datenträger schafft übersichtliche Verhältnisse.
154
Aus technologischer Sicht steht der Idee, auch die Romandie und den Tessin in ein
zukünftiges System ELEKTRONISCHE LEHRMITTEL IN DER SCHWEIZ einzuschliessen, nichts entgegen,
ganz im Gegenteil.
155
Zu bedenken ist in diesem Kontext jene Situation, bei der Lehrmittel von ausländischen
(Mutter-)Verlagen zum Einsatz kommen (beispielsweise jenseits der obligatorischen Schulzeit
auf der Sekundarstufe II oder eventuell auch im Berufsbildungsbereich).
Seite 84 von 158
Unter den Bedingungen des elektronischen Zeitalters, in dem vieles an der
Oberfläche nicht mehr sichtbar ist, sondern verborgen „im Hintergrund läuft“,
sind die Rollen nicht länger ohne weiteres trennbar.156
Es entstehen enge Interdependenzen zwischen



dem Verlagsprodukt selber,
dem politisch gesteuerten Schulwesen und
der von diesem zur Verfügung gestellten Infrastruktur.157
Das erzeugt einen erhöhten Koordinationsbedarf zwischen verschiedenen
Akteuren auf verschiedenen Ebenen.
Alle Kantone werden sich mit Bezug auf das Schulwesen und die von ihnen zur
Verfügung gestellte Infrastruktur unter anderem mit folgenden Fragen
auseinandersetzen müssen:












Werden die Schülerinnen und Schüler von den Schulen mit Hard- und
Software versorgt?
Dürfen die Schülerinnen und Schüler die Geräte nach Hause mitnehmen?
Was dürfen sie mit ihnen machen, was nicht?
Wie verhält sich das Schulwesen hinsichtlich der Vielfalt von
Betriebssystemen und Geräten?
Bringen die Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Gerät mit in die Schule?
Falls ja, was muss vorgekehrt werden, dass die Lehrmittel auf diesen
Geräten „abspielbar“ sind?
Müssen die Lehrkräfte die Nutzung verschiedener Betriebssysteme,
verschiedener Geräte und verschiedener Abspielsysteme „beherrschen“?
Erlässt das Schulwesen Vorgaben hinsichtlich der Internet-Anbindung und
verfügbaren Bandbreiten in den Schulen?
Erlässt das Schulwesen Vorgaben (Spezifikationen) für die
Verlagsprodukte, denen die Hersteller folgen müssen?
Obligatorische Lehrmittel – empfohlene Lehrmittel – freie Lehrmittelwahl?
Inländische und ausländische Anbieter von Lehrmitteln?
Wie werden anstehende Investitionen finanziert?
Es könnte der Fall eintreten, dass jeder Kanton eigene Antworten und
Lösungen findet, die er implementieren wird. Allerdings sind Einzellösungen,
die sich ergeben würden, Gift für die Interoperabilität der verschiedenen
kantonalen Systeme.
156
Siehe dazu unten TEIL G DER STANDARD EPUB 3 (Unterkapitel EPUB 3 – Wiedergabe [32])
und TEIL F GRUNDLEGENDES ZUR BARRIEREFREIHEIT VON BÜCHERN IM DIGITALEN
ZEITALTER (Unterkapitel Wiedergabesysteme [25]).
157
Siehe auch oben das Kapitel IKT-Strategie der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK)
(07.05).
Seite 85 von 158
18
Normen – wo sie helfen
Die IKT haben im Lehr- und Lernbereich ein grosses Potenzial. Sie können
ohne Zweifel viel ermöglichen: „Das Enhanced eBook (→ Glossar) eignet sich
ideal für alle Lehrwerke. Überall dort, wo Wissen vermittelt werden soll,
können multimediale Elemente mehr als nur unterstützen […].“158
In der allgemeinen Vorstellung gelangt man jedoch vom Wissen, dass „es“
möglich ist, allzu schnell zur Meinung, dass „es“ auf Knopfdruck verwirklicht
werden könne. Das ist ein Irrtum. Sehr viele Rädchen verschiedener Systeme
müssen ineinandergreifen, damit die Vorteile des Produkts „Enhanced eBook“
breitflächig im schweizerischen Schulwesen fruchtbar gemacht werden
können.
Ohne Standardisierungen werden die vielen Einzelsysteme im Gesamtsystem
nicht im gewünschten und notwendigen Ausmass miteinander so verknüpft
werden können, dass der Einsatz der IKT in den Schulen einen Mehrwert für
das Bildungssystem als Ganzes schafft.
Es stellt sich die Frage, was auf welcher Ebene vernünftigerweise normiert
werden soll – und was nicht. Dies sollte für die Einzelsysteme, welche das
intendierte Gesamtsystem ausmachen, sorgfältig evaluiert werden.
Oberste Leitlinien könnten beispielsweise sein, dass Normen dort vereinbart
werden,



wo sie das Leben aller erheblich erleichtern,
wo sie die Qualität des Gesamtsystems „Schulwesen“ verbessern und
wo sie die Gestaltungsmöglichkeiten der Lehrmittelentwickler und
Lehrmittelhersteller, das freie Unternehmertum und die Geschäftsmodelle
der einzelnen Verlage nicht einschränken.
Zwischen den Akteuren auf dem Lehrmittelmarkt vereinbarte Normen würden
in jenen Bereichen Sinn machen, wo es beispielsweise um serverseitig
bearbeitbare Vorgänge geht. Da würde nicht nur kein Schaden angerichtet, es
würde im Gegenteil die Qualität und die Leistungskraft des Gesamtsystems
erhöhen.
Ein ausgewiesener Bedarf dürfte ein Online-Katalog sein, der die verfügbaren
Lehrmittel anzeigt und zu den Bezugsquellen hinführt. Dadurch ergäbe sich die
Notwendigkeit für eine vereinbarte Norm bezüglich der Metadaten und ihrer
Struktur. In einem solchen Falle wäre auch die Integration von Metadaten zur
Beschreibung der Barrierefreiheit in das System einzubauen.159
Mit Vorteil wird auch Entwicklung des Lehrplans 21 in solche Überlegungen mit
einbezogen. Dieser wird für die Volksschule in der Deutschschweiz160
158
Harald Henzler, Fabian Kern: Mobile Publishing. Enhanced e-Books, Apps & Co. Akademie
des Deutschen Buchhandels (Praxiswissen Verlag). De Gruyter. Berlin/Boston. 2014, Seite 3.
159
Siehe auch das Kapitel Metadaten zur Barrierefreiheit – Suchen - das „Richtige“ finden (37).
160
21 deutsch- und mehrsprachige Kantone; siehe www.lehrplan.ch/.
Seite 86 von 158
geschaffen. Er definiert Kompetenzen, welche die Schüler und Schülerinnen
erworben haben sollen, wenn sie jeweils einen der drei „Zyklen“161
abgeschlossen haben.
Die Lehrmittelentwicklung orientiert sich bereits und wird sich am Lehrplan 21
und den in ihm definierten Kompetenzen orientieren. Es werden Produkte
geschaffen, die in allen dem Lehrplan 21 unterliegenden Kantonen einsetzund absetzbar sind.162
Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass es nicht im Interesse der
Verlage liegt, dass der Verkauf ihrer Produkte infolge systemimmanenter
Inkompatibilitäten auf einen reduzierten Absatzmarkt eingeschränkt bleibt.163
19
Interoperabilitäten
Damit das Gesamtsystem nachhaltig ist, müsste es so gebaut sein, dass es als
Ganzes Interoperabilität gewährleisten kann. Um eine Übersicht zu gewinnen,
lohnt es sich, wenigstens fünf Ebenen von Interoperabilität zu unterscheiden.





Interoperabilität 1: Der Verlag X produziert ein elektronisches
Lehrmittel. Es muss in seinem Funktionsumfang vom Abspielsystem (→
Glossar) in vorhersehbarer Art wiedergegeben werden können.
Interoperabilität 2: Die elektronischen Lehrmittel der Verlage 1 bis n
sollten von den Schulen überall164 eingesetzt werden können. Das setzte
voraus, dass alle Verlage denselben Standard für elektronische
Publikationen anwenden würden.
Interoperabilität 3: Die Produkte und die Wiedergabesysteme sollten auf
„allen“ Geräten unabhängig von den Betriebssystemen „laufen“.
Interoperabilität 4: Es sollte gewährleistet sein, dass die von den
Verlagen angebotenen elektronischen Lehrmittel in den Schulen tatsächlich
verwendet werden können. Die dazu notwendige Internetanbindung sowie
die benötigten Bandbreiten müssten deshalb zur Verfügung stehen.165
Interoperabilität der Metadaten: Eine ganze Anzahl verschiedener
Arten oder Klassen von Metadaten müssten interoperabel sein, damit das
161
Kindergarten und 1/2 Klasse; 3. Bis 6. Klasse; 7. – 9. Klasse.
Siehe zum Beispiel: Das Schulbuch wird (fast) neu geschrieben
(http://news.jobs.nzz.ch/2013/09/09/arbeitswelt-lehrmittel/).
163
Denkbar, wenn auch von Kundenseite kaum erwünscht, sind Szenarien, bei denen Verlage
Inkompatibilität aus ökonomischen Gründen anstreben.
164
Wenigstens in den 21 Kantonen, welche den Lehrplan 21 einführen werden.
165
Die Frage, inwiefern Internetanbindungen notwendig sind und vor allem, wie sich die
angebotenen Produkte zur benötigten Bandbreite verhalten, wird hier nicht behandelt.
162
Seite 87 von 158
zielgerichtete und -sichere Suchen respektive Finden166 sowie die sich
daran anschliessenden Prozesse167 gewährleistet sind.
Es lässt sich selbstverständlich nicht davon ausgehen, dass alle Akteure im
Ökosystem168 an diesen vier grundlegenden Interoperabilitäten dasselbe
Interesse haben. Unabhängig davon scheint es empfehlenswert, dass ein
Prozess in Gang kommt, der auf der Grundlage einer gesamtheitlichen
Sichtweise und einer entsprechenden Auslegeordnung bei allen
Ausdifferenzierungen und Interessenabwägungen zu praktikablen Lösungen
führt.
20
Tabellarische Übersicht 5: Interoperabilität des
Gesamtsystems
INTEROPERABILITÄT DES GESAMTSYSTEMS
Interoperabilität 3
Interoperabilität 1
Interoperabilität 2
Interoperabilität 4
Verlage (2…n)
Verlag (1)
Wiedergabe /
Software
Geräte /
Hardware
Internet-Anbindung /
Bandbreite
Interoperabilität der Metadaten
166
Bibliographische Angaben, Angaben zur Barrierefreiheit (siehe dazu unten TEIL H EPUB 3
UND BARRIEREFREIHEIT und dort das Kapitel Metadaten zur Barrierefreiheit – Suchen - das
„Richtige“ finden [37]), Angaben zur Schulstufe, eventuell Angaben zum Lehrplan 21 – Bezug
und vieles mehr, was man suchen und finden möchte. Das Ziel der Interoperabilität kann nur
über gemeinsam festgelegte Normen erreicht werden.
167
Einloggen, Verwaltung der Zugriffsrechte, Download, Lizenzierungen usw.
168
Siehe TEIL I DAS ÖKOSYSTEM BARRIEREFREIE ELEKTRONSICHE LEHRMITTEL.
Seite 88 von 158
TEIL F
GRUNDLEGENDES ZUR BARRIEREFREIHEIT VON
BÜCHERN IM DIGITALEN ZEITALTER
21
Einleitendes – das Was und das Wie
Im Folgenden wird Grundlegendes zur Barrierefreiheit digitaler Inhalte und
ihrer Vermittlung zusammengefasst.
Unabhängig von der Frage der Barrierefreiheit, soll vorerst aber auf einer
allgemeineren Ebene die oben eingeführte Unterscheidung zwischen „Inhalt“
und „Vermittlung“ erläutert werden. Sie ist für das generelle Verständnis
wichtig, aber wahrscheinlich nicht auf Anhieb zu verstehen, um so mehr als
immer wieder festzustellen ist, dass die beiden Aspekte insbesondere im
Kontext von IKT miteinander vermengt und oft nicht unterschieden werden.
21.01
Das Was – der Stoff – der Wissensgehalt
Wenn wir als Beispiel ein (fiktives) Lehrmittel mit dem Titel Einführung in die
mathematischen Grundoperationen nehmen, so ist sein Inhalt in unserem
Verständnis der Wissensgehalt (das Was, der Stoff), der im Buch steckt und
von ihm transportiert wird. Dieser soll den Lernenden im und durch den
Unterricht vermittelt werden.
21.02
Das Wie – die Vermittlung des Was
Der Stoff kommt nicht ohne Form aus. Im guten Fall ergibt sich diese nicht
zufällig. In unserem fiktiven Beispielbuch haben sich die Verfasserinnen des
Lehrmittels für einen bestimmten Aufbau und eine bestimmte Ordnung im
Buch entschieden. Das Buch enthält vier Hauptkapitel, eine Beschreibung, wie
der Lernende das Buch verwenden soll, theoretische und praktische Teile,
Übungen, Anleitungen zu lustigen Zahlen-Spielen, Zusammenfassungen und
ähnliche Elemente.
Man darf annehmen, dass die Ordnung, die gewählten Anordnungen und der
Aufbau des Buches auf bewusste, einem pädagogisch-didaktischen Konzept
folgende Entscheidungen der Verfasserinnen zurückgehen. Diese haben für
das Buch einen Aufbau gewählt, von dem sie glauben, dass er den Stoff gut
vermittelt oder, anders gesagt, leicht erlernbar macht.
Das Gesagte ist nichts Neues und gilt für die vor-digitale Zeit ebenso wie für
das digitale Zeitalter.
Seite 89 von 158
Mit den Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) verändern sich
nicht die Wissensgehalte,169 die vermittelt werden sollen, aber die Formen, in
welche die Wissensgehalte gegossen werden (können), erweitern sich. Das
digitale Zeitelter fügt Komplexitäten und neue Möglichkeiten der Vermittlung
von Wissensgehalten hinzu.
Zu den neuen Möglichkeiten gehört auch, aber keineswegs ausschliesslich,
dass Wissensgehalte für Lesebehinderte (→ Glossar Lesebehinderung)
zugänglich werden, falls die digitalen Instrumente der Stoff-Vermittlung
„richtig“ gestaltet werden.
Probleme der Barrierefreiheit im digitalen Zeitalter (und das Sprechen
darüber) können sehr schnell sehr kompliziert und unverständlich werden, sei
es weil das Problem wirklich schwierig zu lösen ist oder weil sich das Sprechen
darüber in einer für den Laien schwer zu verstehenden Fachsprache vollzieht.
Im Folgenden wird deshalb versucht, die vier Kernaspekte in einer auch Laien
verständlichen Sprache darzulegen: Navigierbarkeit – Wiedergabe-Modi –
Wahrnehmungskanäle - Wiedergabesysteme (→ Glossar).
22
Navigierbarkeit
22.01
Navigieren im gedruckten Buch
Die Möglichkeit, in einem Buch navigieren zu können, ist für blinde,
sehschwache oder anders Lesebehinderte ein Erfordernis erster Güte.170 Der
DAISY-Standard171 beinhaltet denn auch ein Navigationsmodell, das unter
anderem das Navigieren durch die Kapitelstruktur bequem ermöglicht.
Es ist jedoch mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen, dass die
Navigierbarkeit eines Dokumentes das A und O bei jeder Lektüre ist,
vollkommen unabhängig davon, ob man lesebehindert ist oder nicht. Je
komplexer ein Buch aufgebaut ist, desto dringender die Notwendigkeit für den
Leser, sich in ihm zurechtzufinden.172
Als Leser will ich mich im Dokument orientieren können, wissen, wo ich im
Verhältnis zum Ganzen gerade „stehe“. Ich will zweifelsfrei eine bestimmte
Stelle im Buch finden oder wieder finden.
169
Das ist vereinfacht gesagt. Um die Ausführungen einfach zu halten, gehen wir hier nicht der
Frage nach, inwiefern IKT die Wissensgehalte selber verändern.
170
Assistierende Technologien (→ Glossar Universal Design und Assistive Technology) wie
beispielsweise Screen Reader (→ Glossar) für blinde Menschen oder alternative
Steuerungstechnologien für Mobilitätsbehinderte greifen auf Inhalte, Betriebssysteme und
Bedienungsoberflächen zu.
171
www.daisy.org.
172
Im Folgenden haben wir vor allem komplex aufgebaute Bücher wie beispielsweise Lehrmittel
im Auge, da sich die Problematik der Navigierbarkeit da am deutlichsten zeigt.
Seite 90 von 158
Das BUCH stellt für dieses Bedürfnis vielfältige Instrumente zur Verfügung:
Paginierung, Inhaltsverzeichnis mit Seitenreferenzen, Glossare aller Art,
Abbildungsverzeichnisse, Schriften und Schriftgrössen, Marginalien, Tabellen,
eingeschobene Kästchen, Anhänge, Fussnoten, „fette“ oder „kursive“
Hervorhebungen, Kapitel- und Unterkapitelüberschriften, Icons und so weiter
und so fort.
Als Leser des vor mir liegenden physischen Objektes BUCH habe ich immer das
Ganze beisammen, und ich bediene mich der Funktion NAVIGIERBARKEIT
gewohnheitsmässig, in den meisten Fällen, ohne mir darüber weitere
Gedanken zu machen, weil die Sache so selbstverständlich ist.
Neben der Grundkonstellation, dass der Inhalt des Buches auf einzelne Seiten
aufgeteilt ist, werde ich in meiner Orientierung im Informationssystem BUCH
vornehmlich über seine typographischen Merkmale visuell geführt. Was das
Buch in dieser Hinsicht als Ganzes bietet, ist auch für einzelne Seiten oder für
Tabellen oder für Musiknoten oder für mathematische Formeln richtig.
Gedruckte Zeichen in einer bestimmten Anordnung erlauben die Orientierung
im grösseren Ganzen über den Wahrnehmungskanal (→ Glossar
Wahrnehmungskanäle) SEHEN.
22.02
Navigieren im elektronischen Buch
Lese ich ein elektronisches Buch, ist mir das Ganze nie gegenwärtig. Ich sehe
auf einen Blick lediglich, was auf dem Bildschirm meines Gerätes Platz findet.
Der Bildschirm kann klein (Smartphone), mittel (Tablet) oder gross (PC) sein.
Der Zeilenumbruch verändert sich im besseren Falle nach Massgabe der
Grösse des Bildschirmes. Seitenzahlen werden unter Umständen zu einer
weitgehend nutzlosen Orientierungshilfe. Komplexe, schön gestaltete Layouts
zerfallen in Einzelteile, die ich nicht einer Seite oder einem Seitenteil zuordnen
kann. Typographische Merkmale wie Schrift, Schriftgrösse, Satzspiegel,
Durchschuss, Flatter- oder Blocksatz und dergleichen werden zu sekundären
Merkmalen, die ich gemäss meinen Vorlieben und Bedürfnissen auf meinem
Gerät einstelle und gegebenenfalls als „mein Profil“ speichere. Ein Blättern im
Buch auf der Suche nach der 14 Pt. grossen, halbfett gedruckten
Kapitelüberschrift dritter Ordnung wird obsolet. Die „logische“ Leseabfolge auf
einer gedruckten Seite, auf der viele verschiedene strukturelle Elemente
vereint sind, bleibt mir im elektronischen Buch unter Umständen ein
unlösbares Rätsel.
Kurz, die Sicherstellung der Orientierungsfunktionen im elektronischen Buch
ist bei der Produktion einer digitalen Publikation, die über reine Fliesstexte
hinausgehen, ein absolutes Erfordernis.
Seite 91 von 158
22.03
Wo liegen die Probleme?
Die Herstellungsprozesse bei Lehrmittelverlagen sind grossmehrheitlich druckund Layout-orientiert. Alle Prozesse, angefangen bei der Erstellung des
Manuskriptes über die Lektorats- bis hin zu den Korrekturprozessen, sind
darauf ausgerichtet, am Ende zu einer bereinigten elektronischen Vorlage
(PDF) zu kommen, die dem Drucker weitergegeben wird und von der
optischen Erscheinung her (Layout) genau so aussieht wie das später
vorliegende gedruckte Buch. Die Bedeutungen173 struktureller Merkmale
verstecken sich implizit in der Typographie und der Anordnung der Elemente
auf den Seiten.
Es ist daher, von der Druckkunst aus gesehen, nicht wichtig, dass die implizite
Strukturinformation explizit „im Hintergrund“ (unsichtbar) markiert oder
erfasst ist. Dies zeigt sich denn auch bei elektronischen Files, die von Verlagen
den spezialisierten Herstellern barrierefreier Publikationen zur Verfügung
gestellt werden: Den Files sind oft keine oder nur unzureichende
Strukturinformationen mitgegeben und müssen nach unter Umständen
zeitaufwändiger Analyse des Buchaufbaues von den Spezialisten nachträglich
hinzugefügt werden.
Im Zeitalter des Enhanced Books (→ Glossar) werden sich Verlage jedoch
gezwungen sehen, die Strukturelemente ihrer Bücher mit der
entsprechenden Information zu hinterlegen. Nur so werden die Abspielsysteme
(→ Glossar) die Elemente erkennen („lesen“) und dem Leser in einer
sinnvollen Art und Weise präsentieren können.
Es lässt sich daraus unschwer ableiten, dass die Interessen der Buchindustrie
und jene der Lesebehinderten hinsichtlich der absolut fundamentalen
NAVIGIERBARKEIT auf sozusagen natürlich Weise vereinen – als Folge der
Technologie-Entwicklung.
Die von der Druck- und Verlagsindustrie mehrheitlich eingesetzten
Produktionstools sind bisher nicht oder sehr wenig daraufhin ausgelegt, die
notwendige Erfassung von Strukturmerkmalen im Hinblick auf die
automatisierte Generierung eines eBooks als Default zu integrieren. Verlage,
die eBooks auf den Markt bringen174, produzieren diese oft mittels Prozessen
von Re-Formatierungen auf der Grundlage des für den Druck erzeugten PDFs.
Mag dieses Verfahren für Romane, Erzählungen usw. gegenwärtig noch eine
Option sein, so wird es sich bei komplex aufgebauten Büchern nicht bewähren
können. Es ist unnötig kompliziert und teuer. Ausserdem steht es der
voraussehbaren Marktentwicklung entgegen. Diese scheint darauf
hinauszulaufen, dass verschiedene Kundensegmente (oder auch nur eines)
einen Inhalt in verschiedenen Darreichungsformen verfügbar haben möchten.
173
Salopp ausgedrückt: „Das ist ein KAPITEL ZWEITER ORDNUNG“; „das ist ein ABSATZ“; „das ist ein
ICON mit der Bedeutung ÜBUNGEN“; „das ist ein ICON mit der Bedeutung WICHTIG – KERNWISSEN“;
das trägt die Bedeutung ÜBERSPRINGBAR (MUSS NICHT UNBEDINGT GELESEN WERDEN).
174
Vorerst noch überwiegend Publikumsverlage (Belletristik).
Seite 92 von 158
Es lässt sich prognostizieren, dass die Verlags- und Druckindustrie ihre
Herstellungsprozesse überdenken und nach und nach auf ein System
umstellen werden, bei dem aus einem alle notwendigen Informationen
enthaltenden Quellfile verschiedene Ausgabeformate, auch
Druckerzeugnisse, automatisch generiert und den verschiedenen
Vertriebskanälen zugeführt werden können.175
23
Wiedergabe-Modi
Durch den Umgang mit dem Internet sind wir sehr vertraut damit, dass
INHALTE in verschiedenen Medien (→ Glossar) dargestellt176 werden können: als
TEXT, als AUDIO, als BILD, als VIDEO. Die Fähigkeit der Technologien zum
integrierten Multimedia-Produkt ist, wie die Erfahrung und die
Nutzungsstatistiken zeigen, für den allgemeinen Mainstream attraktiv.
Dieselben Technologien werden auch das EPUB 3 – Produkt attraktiv und
verlässlich machen. Was wir vom Internet her kennen, findet sich in einer
EPUB 3 – Publikation wieder.177 Es können daher kaum Zweifel bestehen, dass
sich die Produzenten von elektronischen anspruchsvollen Lehrmitteln sich
diese Technologien mit einem grossen Potenzial an Funktionalitäten zu Nutze
machen werden.
24
Wahrnehmungskanäle
Je nach Ausprägung der Einschränkung kann178 eine lesebehinderte Person
einen Inhalt überhaupt nur lesen respektive besser lesen und verstehen, wenn
er über einen bestimmten Wahrnehmungskanal (→ Glossar) oder eine
Kombination von Wahrnehmungskanälen zugänglich ist.
Konzeptionell gedacht, lässt sich sagen: Barrierefreiheit ist gegeben, wenn ein
Inhalt mit den Augen und/oder den Ohren und/oder den Fingern gelesen
werden kann.
Da die Mainstream-Technologien über die Fähigkeit verfügen, Inhalte mittels
verschiedener Medien (→ Glossar) darzustellen, erschliesst sich bei
elektronischen Publikationen technologisch die Möglichkeit, einen in einem
bestimmten Modus wiedergegebenen Inhalt ergänzend in einem anderen,
alternativen Modus darzustellen.
Folgende Beispiele mögen das Abstrakte konkreter fassbar machen:
175
Siehe dazu das Kapitel Eine gute Lösung – Ausgabeformat-neutrale Datenhaltung
(14.05.03).
176
Neudeutsch: gerendert.
177
Dieser basiert hauptsächlich auf offenen Standards, die vom World Wide Web Consortium
(www.w3.org) entwickelt werden.
178
Siehe oben Lesen und schreiben können – ein Vorwort.
Seite 93 von 158




TEXT kann in AUDIO „übersetzt“ dargestellt werden.
VIDEO kann mit AUDIO-Deskription (→ Glossar) oder mit TEXT (Untertitel
oder Captioning [→ Glossar]) ergänzt werden.
BILD kann alternativ als TEXT, dieser wiederum in AUDIO ausgegeben
werden.
TEXT kann in Zeichensprache als VIDEO dargestellt werden.
Zu ergänzen ist, dass das Potenzial von Multimedia nur voll ausgeschöpft
werden kann, wenn die Navigierbarkeit eines Dokumentes nicht geopfert wird.
Dazu müssen die (alternativen) Wiedergabe-Modi, wie man sagt, miteinander
synchronisiert (→ Glossar Synchronisierung der Wiedergabe-Modi) werden.
Das genannte Potenzial ist nicht nur für Lesebehinderte interessant, sondern
durchaus auch für den Mainstream-Markt. Die Synchronisation von TEXT und
AUDIO179 beispielsweise eröffnet für das Lehren und Lernen von Fremdsprachen
neue Perspektiven.180
Auch hier, im Viereck von Multimedia, Navigierbarkeit, Wiedergabe-Modi und
Wahrnehmungskanälen lässt sich feststellen, dass die Interessen des
Mainstream und der Menschen mit Behinderungen konvergieren - als Folge der
Technologie-Entwicklung.
25
Wiedergabesysteme
Elektronische Bücher werden mittels Wiedergabesystemen (→ Glossar
Abspielsystem) gelesen. Die entsprechende Software ist auf einer bestimmten
Hardware (Smartphone, Tablet, PCs, Mac, dedizierte eBook Reader und
ähnliches) installiert.
Damit die Lektüre eines barrierefrei produzierten Inhaltes erfolgreich geleistet
werden kann, ist es unumgänglich, dass die Nutzeroberflächen der
Lesesoftware und des Betriebssystems, auf dem sie läuft, barrierefrei sind.
Als Nutzer mit einer Lesebehinderung will ich das Gesamtsystem selbständig
kontrollieren und steuern können.
Auch im Hinblick auf die Barrierefreiheit von Wiedergabesystemen sind die
multimedialen Fähigkeiten der Technologien ausschlaggebend. Die
barrierefreie Kontrolle und Steuerung der Systeme kann „empfangend“ und
„sendend“ über die Kanäle SEHEN, HÖREN, SPRECHEN, GESTEN MACHEN, GREIFEN
usw. sichergestellt werden.
179
Ich sehe den Text auf meinem Abspielsystem (→ Glossar) und erhalte ihn gleichzeitig
vorgelesen; mit dem Fortgang des Audio-Outputs wird der Text hervorgehoben. TEXT- und
AUDIO-Output sind synchronisiert.
180
Zum Ausprobieren: www.ilnarratore.com/category/idx/62/Audio-eBook-EPUB-3.html.
Seite 94 von 158
TEIL G
DER STANDARD EPUB 3
26
Die eBook – Landschaft
Die grosse Revision des EPUB 2 – Standards von 2007, die 2010 begann und
im Oktober 2011 mit der Veröffentlichung der Version EPUB 3 ein erstes
grosses Etappenziel erreichte, ist im Kontext der sich rasant entwickelnden
Internet-Technologien oder -Anwendungen des damals (und weitgehend heute
noch) bestehenden eBook Mainstream-Marktes besser zu verstehen.
Es ergibt sich eine irritierende Diskrepanz zwischen dem, was der Markt bietet,
und unserer Erfahrung im Umgang mit dem Internet. Diese zeigt uns die
Möglichkeiten der Integration von Medien (→ Glossar) oder lässt uns den Wert
interaktiver Funktionalitäten täglich, wenn nicht stündlich erkennen.
Im Vergleich mit diesen Erfahrungen erweist sich der Mainstream eBook-Markt
als ziemlich limitiert. Er charakterisiert sich unter anderem dadurch, dass






grossmehrheitlich Belletristik (strukturell kaum hierarchisierte Textsorte)
als eBook veröffentlicht wird,
Sachbücher auf dem Markt kaum vorhanden sind,
Lehrmittel oder wissenschaftliche Texte auf dem eBook-Markt sozusagen
inexistent sind,
viele als eBook verkaufte Bücher im PDF-Format nicht geeignet sind, auf
Geräten mit verschiedenen Bildschirmgrössen gelesen zu werden,
marktmächtige Unternehmen darauf zielen, Kunden in geschlossenen
proprietären Systemen zu binden und
die Interoperabilität zwischen Betriebssystemen, Plattformen und eBookProdukten nicht gewährleistet ist.
Die genannten Charakteristika des (gegenwärtigen) eBook-Marktes stehen im
Gegensatz zur Einsicht, dass das eBook als dynamisches Enhanced eBook (→
Glossar) einen gegenüber dem „statischen“ gedruckten Buch bedeutenden
Mehrwert für Leser im Allgemeinen und Lernende im Speziellen schaffen
könnte.
Die ärmliche Verfassung des eBook-Marktes hatte vor allem einen Grund: den
fehlenden Standard. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass die Mitglieder des
International Digital Publishing Forum181 den für komplex strukturierte und
dynamisch gestaltete Inhalte ungenügenden Standard EPUB 2 einer Revision
unterziehen wollten, welcher
181
Organisation, welche den Standard EPUB entwickelt und unterhält (www.idpf.org).
Seite 95 von 158






auch für die Produktion komplex strukturierter elektronischer Dokumente
geeignet ist,182
die interaktiven Funktionalitäten, wie wir sie von den Internet-Technologien
kennen, mit berücksichtigt,
Multimedia-fähig ist,
von diesen Möglichkeiten zur Schaffung des Enhanced eBooks Gebrauch
macht,
die Darstellung des Inhaltes auf Geräten mit verschiedenen
Bildschirmgrössen ermöglicht,
die Interoperabilität der Produkte mit verschiedenen Plattformen und
Abspielsystemen (→ Glossar) ermöglicht.
Die sehr kurze Beschreibung des EPUB 3 – Standard lautet wie folgt:
„EPUB is the distribution and interchange format standard for digital
publications and documents based on Web Standards. EPUB defines a
means of representing, packaging and encoding structured and semantically
enhanced Web content […] for distribution in a single-file format.”183
Die Hervorhebungen im Zitat bezeichnen übergeordnete wichtige Aspekte des
Standards:



Er basiert auf vom World Wide Web Consortium184 entwickelten offenen
Standards.185
Er misst den Bedeutungen von Struktur-Elementen in einer Publikation
grossen Wert bei.
Er ermöglicht, eine in sich geschlossene elektronische Publikation, wie
interaktiv und dynamisch sie auch gestaltet sein mag,186 herzustellen und
zu verteilen.
Die drei Aspekte vereinigen den Kern dessen, was eine EPUB 3 – Publikation
auszeichnet / auszeichnen wird: Sie vereinigt unter einem Dach die Vorteile
der dynamischen Internet-Technologien mit Eigenheiten des Buches, wie die
Buchkunst sie über die vergangenen Jahrhunderte entwickelt hat. Diese
Gemengelage wird zu neuartigen Produkten führen.
„Enhanced eBooks sind […] eine neue Form multimedialer Produkte, die im
Namen noch die Herkunft verraten, aber eigentlich schon eine ganz andere
Produktform darstellen.“187
182
Alle Arten von „Textsorten“ jeder Länge können eine EPUB 3 – Publikation sein.
http://idpf.org/epub; Hervorhebung durch die Autoren.
184
www.w3.org.
185
Für eine Liste der wichtigsten Web-Standards, auf den die EPUB 3 – Spezifikation baut,
findet sich in Matt Garrish, Markus Gylling: EPUB 3. Best Practices. O’Reilly, 2013, S. XXI
(http://shop.oreilly.com/product/0636920024897.do?green=69572D11-3EC1-5689-B6C66396206D8473&intcmp=af-mybuy-0636920024897.IP).
186
Innerhalb der Publikation oder in ihrer Verknüpfung mit Inhalten im Internet.
187
Harlad Henzler, Fabian Kern: Mobile Publishing. Enhanced e-Books, Apps & Co.
Herausgegeben von der Akademie des Deutschen Buchhandels (Praxiswissen Verlag). De
Gruyter. Berloin/Boston. 2014, Seite 4.
183
Seite 96 von 158
27
Die EPUB 3 – Revisionsarbeit (2010 / 2011)
Der offene, nicht proprietäre Industrie-Standard für elektronische
Publikationen EPUB wird von der amerikanischen Non-profit – Organisation
International Digital Publishing Forum (IDPF)188 entwickelt. Die Mitgliedschaft
des IDPF ist international und quer durch die am Ökosystem eBook beteiligten
wichtigen Akteure breit abgestützt.189 Sinn, Zweck und Auftrag an die
Revisions-Arbeitsgruppe wurde im entsprechenden Charter190 festgehalten.
Der Hauptzweck der Revision wird in der „Mission“ des Charters festgelegt:
“[…] EPUB [2.0.1] has been rapidly adopted as the standard interoperable
distribution format for trade eBooks in North American and Europe, and it is
desired by the IDPF membership that EPUB should also be adopted, on a
global basis, for textbooks, academic, STEM, digital magazines, and news
delivery, and facilitate increased interoperability across Reading Systems.”
Unter dem Titel “Current Industry Problems” werden sodann vierzehn
Probleme identifiziert, welche die Arbeitsgruppe zu lösen beauftragt wird. Es
lohnt sich, die vierzehn Punkte in extenso zu lesen, hier soll es aber genügen,
die entsprechenden Stichpunkte aufzulisten:








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




(01) “Need for rich media and interactivity support.”
(02) “Need for enhanced global language support.”
(03) “Need for enhanced article support. The fundamental atomic unit of
magazines and newspapers is the article […]
(04) “Need for enhanced metadata support.”
(05) “Need for a means to convey page-level layouts and target multiple
display surface sizes in a single publication.”
(06) “Need for enhanced navigation support.”
(07) “Incomplete alignment with broadly-adopted Web standards.”
(08) “Lack of annotation support.”
(09) “No native support for mathematics.”
(10) “No native support for book-specific semantics.”
(11) “Insufficient accessibility support.”
(12) “Insufficient mechanism for adding industry specific extensions.”
(13) “No clear relationship to approved national and international
standards.”
(14) “No mechanism for including advertising.”
Ohne ins Detail gehen zu wollen, kann gesagt werden, dass die seit 2010
vorangetriebene EPUB 3.xx - Standardisierungen für die oben aufgelisteten
Hauptprobleme Lösungen bereithalten respektive bereithalten werden.
188
189
190
www.idpf.org.
Liste der Mitglieder: http://idpf.org/membership/members.
http://idpf.org/epub/30/wg-charter.
Seite 97 von 158
28
Fundamentale Eigenschaften des Standards EPUB 3 aus
Sicht des Lesers / der Leserin
Ohne ins Technische abzugleiten, seien hier zur Information fundamentale
Eigenschaften des Standards zusammengetragen, die aus der Sicht des Lesers
/ der Leserin einer idealen191 EPUB 3 – Publikation wichtig sind.












Er / sie kann sie „off-line“ oder „on-line“ lesen.192
Er / sie kann sie auf verschiedenen Geräten mit verschiedenen
Bildschirmgrössen bequem auf Abspielsystemen (→ Glossar) seiner Wahl
lesen.193
Er / sie kann die Schrift, Schriftgrade und andere Parameter der
Darstellung selber festlegen.
Er / sie kann elektronische Bücher in seiner Muttersprache, in
Fremdsprachen oder gemischtsprachlichen Büchern bequem lesen, da diese
Sprachen mit ihrer Schriftausrichtung (links-recht, rechts-links, vertikal)
und allen ihren Zeichen korrekt dargestellt werden.194
Er / sie kann in der Publikation bis in feine Granulierungsgrade hinein
navigieren.195
Er / sie kann mit mathematischen Formeln gespickte Bücher bequem auf
allen Geräten und Bildschirmgrössen lesen.196
Er / sie kann Bilder und Graphiken bequem auf allen Geräten und
Bildschirmgrössen lesen.197
Er / sie kann eingebettete Videos bequem auf allen Geräten und
Bildschirmgrössen lesen.
Alternativ zum Lesen mit den Augen, kann er / sie die Publikation in allen
ihren Details auch mit den Ohren hören (Text-to-speech [→ Glossar]198
oder Aufnahme einer menschlichen Stimme), ohne sich im Ganzen zu
verlieren.199
Er / sie kann die Publikation aber auch gleichzeitig hören und auf dem
Bildschirm lesen.200
Er / sie kann das Buch mit eigenen Kommentaren versehen.
Er / sie kann in einem Lehrbuch aktiv Aufgaben lösen.201
191
Einige der nachfolgend aufgelisteten Funktionalitäten können in einer EPUB 3 – Publikation
alle vorkommen, müssen es aber nicht; zum Teil werden in der Liste noch nicht abgeschlossene
Entwicklungen antizipiert.
192
Falls das elektronische Buch mit Orten ausserhalb der Publikation verlinkt ist, kann er davon
natürlich nur unter der Voraussetzung Gebrauch machen, dass sein Gerät mit dem Internet
verbunden ist.
193
Wahl zwischen einer „fixed layout“- oder einer „reflowable“-Darstellung des Inhaltes.
194
Stichwort: Global Language Support.
195
Stichwort: HTML 5 (W3C).
196
Stichwort: Mathematical Markup Language, MathML (W3C).
197
Stichwort: Scalable Vector Graphics, SVG (W3C).
198
Stichwort: Pronunciation Lexicon Specification (PLS), Speech Synthesis Markup Language
(SSML) sowie CSS Speech Module (W3C).
199
Synchronisierung der Wiedergabe-Modi (→ Glossar); Stichwort: Media Overlays,
Synchronized Multimedia Integration Language, SMIL (W3C).
200
Synchronisierung der Wiedergabe-Modi (→ Glossar); Stichwort: Media Overlays,
Synchronized Multimedia Integration Language, SMIL (W3C).
Seite 98 von 158
Bei allen diesen wunderbaren Funktionalitäten, die der Standard in einer
konsistenten schlüssigen Art ermöglicht, ist anzumerken, dass ein Standard
ein Dokument ist, keine Anwendung oder, mit anderen Worten: ein Standard
garantiert noch nicht, dass er überhaupt oder in allen seinen Teilen in der
Praxis Umsetzer und Umsetzungen findet.
29
Aktueller Status der EPUB 3 – Spezifikationsarbeiten202
Die aktuell gültige Version des EPUB 3 - Standards („approved final
recommended specification“) ist EPUB 3.0.1 (2014)203, welche die Version 3
vom Oktober 2011204 ablöst.
Eine Übersicht über die (wenig spektakulären) Änderungen gegenüber der
vorangehenden Version sowie die Änderungen oder Korrekturen im Detail sind
publiziert.205
Überhaupt ist hervorzuheben, dass


alle Entwicklungen in höchst transparenten, gut dokumentierten und
öffentlich zugänglichen Verfahren voranschreiten und
sich jede Institution oder jede Privatperson weltweit an den
Entwicklungsprozessen beteiligen kann.
Die beste Gesamtübersicht über die abgeschlossenen und laufenden
Spezifikationsarbeiten sowie die jeweils geplanten nächsten Meilensteine der
Entwicklungen findet sich auf der Webseite des IDPF.206
Die zurzeit wichtigsten und am weitesten fortgeschrittenen Spezifikationen,
welche den Grundstandard erweitern, sind die Standardisierung für





Dictionaries and Glossaries,207
Indexes,208
EDUPUB,209
Open Annotation in EPUB,210 und
Widgets.211
201
Siehe das nachfolgende Kapitel.
August 2014. – Eine gute Quelle für die Gewinnung von Übersicht über neueste
Entwicklungen ist auch der Blog von Matt Garrish: http://matt.garrish.ca/.
203
http://idpf.org/news/epub-301-approved-as-final-recommended-specification.
204
www.idpf.org/epub/30/spec/epub30-overview.html. In die Version 3.0.1 wurde auch der
Standard „Fixed Layout Metadata“, der zwischenzeitlich entwickelt worden war, eingearbeitet.
205
Übersicht: www.idpf.org/epub/301/spec/epub-changes.html ; Details:
https://code.google.com/p/epub-revision/issues/list?can=1&q=revision%3A301
206
Current IDPF Activities: http://idpf.org/ongoing.
207
“Define a content model for the representation of dictionaries and glossaries in EPUB
documents.”
208
“Define a content model for the representation of indexes in EPUB documents.”
209
“Profile of EPUB 3 to standardize educational publishing”; siehe nachfolgendes Kapitel.
210
Defines how to apply Open Annotations [W3C: www.w3.org/community/openannotation/] in
the context of EPUB, thereby enabling users and service providers to utilize a non-proprietary
representation of annotation data.
202
Seite 99 von 158
Man darf davon ausgehen, dass diese Spezifikationen oder wenigstens ein Teil
von ihnen in die gegen Ende 2014 beginnende nächste Etappe der Revision
(EPUB 3.1) einfliessen werden.
Die Website “EPUBZone - The Community and News Site for all things
EPUB”212 bietet neben den Informationen zu den Spezifikationsarbeiten
überdies ein gutes Informationsportal rund um EPUB 3 zu Veranstaltungen,
Konferenzen, Kongressen, Pressemitteilungen von Verlagen usw.
30
EDUPUB
Verlage, die komplex strukturierte Bücher wie zum Beispiel Lehrmittel,
Sachbücher oder wissenschaftliche Publikationen veröffentlichen, haben
bezüglich eBooks besonders herausfordernde Probleme zu lösen.
Beispielsweise sind sie mit dem Problem der interaktiven Funktionalitäten
(Übungen, Prüfungen, Auswertungen) konfrontiert; sie verwenden eine grosse
Menge unterschiedlicher „Struktur-Elemente“; sie sind auf verlässliche
Mechanismen für den Austausch und die Distribution ihrer Inhalte oder
Teilinhalte angewiesen.
Ausgehend von einer Initiative und auf der Basis eines ersten Inputs des
Verlags Pearson (Dezember 2013) hat IDPF begonnen, die Spezifikationsarbeit
bezüglich EDUPUB, dem EPUB 3 – Profil für Lehrmittel, zu intensivieren.213
Bisher214 liegen drei Spezifikationen für Teilaspekte von EDUPUB vor. Da sie im
Zusammenhang mit der vorliegenden Studie und der Hauptstossrichtung des
Projektes Barrierefreie elektronische Lehrmittel im EPUB 3 – Format sehr
bedeutsam sind, werden sie im Folgenden zur Information knapp
vorgestellt.215
30.01
EPUB 3 EDUPUB Profile216
Sinn und Zweck dieser Spezifikation217 wird wie folgt definiert:
„Digital content in education has the potential to significantly improve learning
outcomes, as it can better support accessibility, adapt to individual learning
211
“Packaging and integration of widgets in EPUB, and an API for communication between
dynamic scripted components”; Widget: “A software widget is a relatively simple and easy-touse software application or component made for one or more different software platforms.”
(Wikipedia).
212
http://epubzone.org/.
213
Zusammenfassung des aktuellen Standes anlässlich des EDUPUB Workshops in Oslo (Juni
2014): http://epubzone.org/news/edupub-europe-2014-report. Siehe auch Matt Garrish: What
is EDUPUB? (http://matt.garrish.ca/2014/06/what-is-edupub/).
214
August 2014.
215
Es ist zu beachten, dass die Spezifikationen im Stadium des Entwurfs sind.
216
Draft Specification 28 May 2014.
217
www.idpf.org/epub/profiles/edu/spec/#h.9prbt8jrilqv.
Seite 100 von 158
modes, increase engagement and experiential learning through interactivity,
provide immediate assessments and analytics, and increase social
connectivity. - To this end, the EDUPUB profile defined in this document
represents the effort to adapt the functionality of the EPUB 3 format to the
unique structural, semantic and behavioral requirements of educational
publishing.”
30.02
EDUPUB Structural Semantics218
“The semantics detailed in this document219, and their representative content
models, provide markup consistency for production and processing of EDUPUB
content.”
Im Wesentlichen definiert die Spezifikation verbindlich (Struktur-)Elemente
eines Buches, damit sie in einer konsistenten Weise verwendet werden
(können), und sie gibt überdies für die Verwendung Beispielcode.
Die einzelnen Elemente werden unter folgenden Oberbegriffen subsumiert:














Sectioning (weiter unterteilt in: Front Matter, Body Matter, Back Matter),
Bibliographies,
Glossaries,
Indexes,
Asides,
Learning Objectives,
Testing,
Notes,
Linking,
Titles and Headings,
Pagination,
Keywords,
Credits und
Navigation.
30.03
EPUB Distributable Objects220
Als „Distributable Objects“ werden Teile eines EPUB-Produkts bezeichnet, die
selber wieder ein EPUB 3 – Produkt sein können und für Austausch- oder
Distributionszwecke weiter verwendbar sind. Die Spezifikation221 beschreibt,
wie solche Objekte mittels des „Package Documents“222 identifiziert und
zusammengestellt und mit Tags versehen werden können:
218
219
220
221
222
Draft Specification 28 May 2014.
www.idpf.org/epub/profiles/edu/structure/#h.bjuajwpu7kaz.
Draft Specification 28 May 2014.
www.idpf.org/epub/do/#h.9prbt8jrilqv.
Siehe www.idpf.org/epub/301/spec/epub-overview.html#refPublications3.
Seite 101 von 158
“This specification, EPUB Distributable Objects, defines how individual discrete
entities in a source EPUB Publication that comprise a Distributable Object are
identified and tagged through the use of the Package Document
‘collection’223 element.”
“Distributable Objects” können drei verschiedene Status haben:



“An origin state - when embedded in a source EPUB Publication;
A transport state - when packaged as a standalone EPUB Publication inbetween uses; and
A repurposed state - when embedded in a destination EPUB Publication.”
Die bisher vorliegende Spezifikation beschreibt den ersten und dritten Status;
der zweite wird später behandelt.
30.04
EDUPUB Work Shop Oslo
In einem im Juni 2014 durchgeführten EDUPUB Europe Workshop in Oslo
wurde der Stand der EDUPUB-Entwicklung dargelegt. Die sechs
hauptsächlichen gegenwärtigen Aktivitätsfelder werden benannt. Sie seien hier
zitiert, weil sie das oben Zusammengefasste weiter ausführen:






223
“The production of a structured profile to enable smartness within the
education environment for proactive use. Extended structural semantics
will allow a richer and more accessible vocabulary that is specific to the
education sector.
Package level metadata - EDUPUB content should be uniquely identifiable
as well as contain accessibility features.
Widgets - specific skills are required to produce a successful widget i.e. one
that provides the interactive elements within a book but is also fully
accessible. The key challenges here are connectivity and maintaining the
ability for offline work also.
Discrete entities (or re-purposable and distributable objects). EPUB
distributable objects define how to identify an autonomous entity, how to
associate intellectual rights with entities for reuse and how to transport
entities between learning resources.
Annotations - most reading devices support annotations but there is no
format for interchange as they are not based on standards. In collaboration
with the W3C working group on web open annotations, EDUPUB is working
to create an open annotation spec for EPUB.
Accessibility - is non-negotiable and EDUPUB recognises two levels of
accessibility - firstly, omnipresent accessibility which should be apparent in
well tempered, semantically rich mark up and, secondly, optional
accessibility including media overlays, Text To Speech enhancements and
www.idpf.org/epub/301/spec/epub-publications.html#sec-collection-elem.
Seite 102 von 158
multiple renditions - a new feature in EPUB which allows various versions of
content to be bundled together.”224
31
Metadaten
Metadaten sind Information über und zu einer Publikation. Es kann hier nicht
darum gehen, die Art und Weise, wie die EPUB 3 – Spezifikation Metadaten
behandelt, auf technischer Ebene auszuführen.225
Es sei hier lediglich festgehalten, dass mittels des vorgegebenen flexiblen und
machtvollen Systems das Management von vielen verschiedenen Arten von
Metadaten möglich ist.
Metadaten sind nicht nur Informationen über die Publikation wie beispielsweise
bibliographische Angaben, Buchhandelspreise, Ausstattung, Informationen
über die mit der Publikation verbundenen Rechte usw., sondern auch Daten,
die innerhalb der Publikation Eigenheiten der Publikation selber beschreiben.
Damit Abspielsysteme (→ Glossar) sich in den Files einer EPUB 3 – Publikation
zurechtfinden, sind sie darauf angewiesen, für die Darstellung der Publikation
wichtige Angaben an einem „vereinbarten“ Ort in der File-Konstruktion der
Publikation aufzufinden. Dieser Ort ist in der EPUB 3 – Spezifikation
verbindlich definiert. Die Metadaten sind im sogenannten „Package Document“
gut organisiert versammelt, sodass die Wiedergabesysteme die von ihnen
benötigten Informationen schnell auffinden können.226
32
EPUB 3 – Wiedergabe
Die perfekt gebaute EPUB 3 – Publikation bleibt notgedrungen ungelesen,
wenn ihre Funktionalitäten von Wiedergabesystemen (→ Glossar
Abspielsystem) nicht unterstützt, also nicht erkannt („gelesen“) und
dargestellt werden können.
224
http://epubzone.org/news/edupub-europe-2014-report. Die Lektüre dieses Berichts vom 18.
Juli ist sehr zu empfehlen, insbesondere auch weil in ihm die Zusammenarbeit zwischen IDPF,
dem W3C und IMS Global [www.imsglobal.org/index.html] beschrieben wird: „The real strength
behind the IMS approach for EDUPUB is that exchange of information is now possible across
numerous different systems, from the student information system (SIS) to the learning
Management system (LMS), to the Content via an EPUB reader and the ebook and to an
Analytics System. Suggested practice for implementing QTI®, LTI® and Caliper Analytics™ in
EDUPUB is captured in this IMS EDUPUB Best Practice draft available here:
www.imsglobal.org/edupub/index.html.
225
Eine gute und gut verständliche Einführung dazu findet sich in Matt Garrish, Markus Gylling:
EPUB 3. Best Practices. O’Reilly, 2013, S. XXI
(http://shop.oreilly.com/product/0636920024897.do?green=69572D11-3EC1-5689-B6C66396206D8473&intcmp=af-mybuy-0636920024897.IP), Seiten 1-24.
226
Siehe auch das nachfolgende Kapitel sowie unten das Kapitel Metadaten zur Barrierefreiheit
– Suchen - das „Richtige“ finden (37).
Seite 103 von 158
Die Entwicklung von Abspielsystemen, welche den EPUB 3 – Standard in Teilen
oder als Ganzes unterstützen, war nach der Veröffentlichung des Standards im
Jahr 2011 eine Schwierigkeit, die nicht von einem Tag auf den anderen
überwunden werden konnte und die weltweite Adoption des Standards
bremste. Entwickler von Abspielsystemen warteten auf Inhalte (EPUB 3 –
Publikationen), die Entwickler von EPUB 3 – Produkten auf Abspielsysteme, die
den Standard unterstützen. Eine klassische Huhn-Ei-Situation.
Inzwischen hat sich die Situation verbessert. IDPF entwickelte eine so
genannte Test Conformance Suite, welche es Entwicklern von Abspielsystemen
erlaubt zu überprüfen, ob ihre Entwicklungen EPUB 3 korrekt unterstützen.
Diese kann von Dritten natürlich auch dazu verwendet werden zu testen, ob
und inwiefern auf dem Markt angebotene Abspielsysteme EPUB 3
unterstützen.
Was genau wie getestet wird, ist publiziert,227 die Resultate der Tests werden
in einer Datenbank erfasst und sind detailgenau über das Internet abrufbar.228
Der Förderung der Entwicklung von EPUB 3 - Abspielsystemen widmet sich die
Readium Foundation229, deren Mitgliedschaft breit und prominent abgestützt
ist.230 Die Foundation ist zurzeit mit der Entwicklung von drei Open Source
Projekten befasst:
ReadiumJS – Projekt: “[it] is developing a JavaScript library and viewer for
EPUB 3 rendering optimized for use to render EPUB files directly from websites
and in browser-based "cloud" readers. Using ReadiumJS does not require any
server-side infrastructure or browser plug-ins. ReadiumJS shares common JS
modules with the Readium SDK project which targets native apps.”231
Readium SDK: “[it] is developing a compact, performant EPUB 3 rendering
engine optimized for use in native apps for tablets and other devices. The
Readium SDK Core C++ library is cross-platform and implemented largely in
native code with some JavaScript/Java/C# implementations where
appropriate.”232
Readium LCP: “Several members of Readium Foundation are pursuing, as a
sub-project of Readium SDK, an implementation of a lightweight DRM
technology. Readium LCP (for ‘Lightweight Content Protection’) is expected to
provide a plug-in module to Readium SDK as well as server-side
components.”233
227
228
229
230
231
232
233
www.epubtest.org/compare/.
www.epubtest.org.
http://readium.org/.
http://readium.org/membership.
http://readium.org/projects/readiumjs.
http://readium.org/projects/readium-sdk.
http://readium.org/projects/readium-lcp.
Seite 104 von 158
33
Setzt sich der EPUB 3 – Standard durch?
Zwar wurden nach der Publikation des EPUB 3 – Standards (Ende 2011)
Stimmen laut, die daran zweifelten, ob EPUB 3 eine Zukunft habe. Nun
deuten aber viele Zeichen darauf hin, dass sich EPUB 3 als das gängige
Standard-Format für elektronische Publikationen weltweit durchsetzen wird.
Die Annahme des Standards beginnt sich zu beschleunigen. Das wird gefördert
durch die Arbeit der Readium Foundation234 und das Mitziehen mächtiger
Player wie Adobe, Google, Apple oder grosser (Lehrmittel)-Verlage wie
Pearson, Hachette, O’Reilly und anderen.
33.01
Interoperabilität und Austauschbarkeit
Wenn Inhalte bestimmter Anbieter nur mit Lesesystemen desselben Anbieters
gelesen werden können und wenn die Anbieter den Herstellern der Inhalte die
Konditionen diktieren, haben wir es mit geschlossenen kundenbindenden
Systemen zu tun. Sie verhindern die Interoperabilität der Systeme und die
Austauschbarkeit der Inhalte, was für die Konsumenten äusserst ärgerlich ist.
Auch für die Verlage sind geschlossene Systeme unvorteilhaft; sie müssen
nicht nur die Konditionen der grossen Anbieter akzeptieren, sie sehen sich
auch gezwungen, je nach Anbieter, über den sie ihre Produkte absetzen
wollen, spezifische Formate herzustellen und zu „liefern“, was zu mehr
Aufwand führt.
Schliesslich hat auch der Buchhandel Probleme damit. Neben seinen
traditionellen Aufgaben muss er seine Kunden und Kundinnen seit einiger Zeit
auch „technisch“ beraten und sie über Kompatibilitäten respektive
Inkompatibilitäten zwischen Produkten und Readern informieren.
Der offene, nicht proprietäre EPUB - Standard ist ohne Zweifel der geeignete
und bislang einzige Kandidat für ein universelles interoperables Format für
elektronische Publikationen. Zu diesem Schluss kommt auch die von der
European and International Booksellers Federation 2013 publizierte Studie On
the Interoperability of eBook Formats.235
“With the use of EPUB 3, ebook format interoperability is possible between
different ebook ecosystems. EPUB 3 is not only the format with the highest
expressive power, but it includes the superset of all features of KF8, Fixed
Layout EPUB, and .ibooks. This result is not surprising as KF8, Apple’s Fixed
Layout EPUB, and .ibooks are descendants of earlier EPUB standards using the
same or similar data structures. […] In summary, we find that there are no
234
Siehe oben.
http://eibf-booksellers.org/sites/default/files/press_release/2013-0516/interoperability_ebooks_formats_pdf_13599.pdf. Verfasser: Christoph Bläsi und Franz
Rothlauf, Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
235
Seite 105 von 158
technical or functional reasons not to use EPUB 3 as the interoperable ebook
standard.”236
Auch wenn schwierig abzuschätzen ist, wie sich die grossen kundenbindenden
Unternehmen in Zukunft verhalten werden und wie sich die Politik gegenüber
der Verhinderung von Interoperabilität verhält, so ist doch festzuhalten, dass
die von den Unternehmen eingesetzten proprietären Formate aus einem
offenen EPUB-File relativ leicht generiert werden können, vorausgesetzt die
Verlage verfügen über ein Quellfile, aus dem verschiedene Ausgabeformate
automatisiert generiert werden können.
33.02
Ist EPUB 3 für Lehrmittel geeignet?
Eine noch vor dem Beginn der EDUPUB-Initiative von der Technischen
Universität Graz durchgeführte Studie zur Frage, ob EPUB 3 geeignet sei,
komplex strukturierte Lehrmittel mit interaktiven Elementen im elektronischen
Produkt „abzubilden“, kommt zu einem positiven Befund, nämlich „dass das
EPUB 3.0 Format sehr mächtig ist und durch die Einbindung von Java - Script
basierenden Programmteilen auch die Umsetzung von Interaktionen ohne
weiteres möglich ist.237
33.03
Wichtige Verlagshäuser sprechen sich für EPUB aus
In den vergangenen Monaten haben grosse internationale Verlagshäuser,
neben anderen, die sich bereits früher in diesem Sinne geäussert hatten,
öffentlich bekannt gemacht, dass sie für ihre elektronischen Publikationen
EPUB wählen (werden). Es ist anzunehmen, dass dadurch eine allgemeine
Dynamik entsteht, welche die bereits bestehende Adoption von EPUB weiter
fördert.
IBM “[will] support EPUB as the company’s primary packaged portable
document format. Increased client demand for mobile solutions, accessibility
through the cloud, and the transformational opportunities both pose for
enterprise content are the key drivers for IBM’s move to the next-generation
portable document format. By standardizing on EPUB, IBM is also extending its
leadership in accessibility and delivering a richer user experience and
engagement.”238
Elsevier: “Elsevier, a world-leading provider of scientific, technical and
medical information products and services, will move its new eBooks to
EPUB3, becoming the first major STM publisher to commit to the latest, most
advanced eBook format available. […] By moving to EPUB3, Elsevier’s eBooks
will be able to take advantage of the format’s ability to provide multi-media
and interactive experiences within eBooks. Elsevier currently publishes more
236
237
238
A.a.O., Seiten 48 und 49.
https://ebook.tugraz.at/digikomp/reports/bericht.pdf.
http://idpf.org/news/ibm_adopts_epub (Februar 2014).
Seite 106 von 158
than 25,000 eBooks in a variety of formats. […] The EPUB3 upgrade will
provide: (1) Support for audio, video and built-in interactive elements, like
quizzes, self-assessments, etc; (2) Improved table of contents: more granular
for better navigation, adding lists and elements (for instance, a list with all
tables or graphics in the book); (3) Improved viewing of footnotes, citation,
and references – click on or over a reference and the reference pops up
instead of taking you away from the page to the location of the reference; (4)
Support for MathML – mathematical formulas are no longer pictures, but are
text; (4) Improved accessibility features. - Elsevier’s EPUB3 files render well
on EPUB2 devices, which will “see” Elsevier’s EPUB3 eBooks as EPUB2 files. “We’re recognizing a clear trend to make content more media-rich as well as
accessible,” Roosen said.”239
De Gruyter: “We now offer the ePUB format for all titles published in 2014.
This format enables you to easily read our eBooks on your mobile devices.
When you purchase an eBook from us, you will get access to both the ePUB
and PDF format. You can download the whole book as ePub and single
chapters as PDFs. Within short notice, individuals will have the possibility to
buy an electronic version of a textbook at the same price as the print version
of it. De Gruyter is proud of being one of the first academic publishers to offer
its clients the choice between ePUB and PDF.”240
Wiley: “We’re pleased to announce that EPUB 3 is Wiley’s standard for ebooks in reflowable format as of February 1, 2014. Wiley delivers e-books in
the EPUB 3 format to all of its distribution partners and retail accounts,
including Amazon and Apple iBooks, and is among the first publishers to
distribute all of its professional and STEM241 books in EPUB 3. - So what does
this mean for you, the reader? The EPUB 3 standard is highly adaptable and
combines digital publishing with HTML5 and other features of Open Web
Platform which will allow you a richer reading experience. Wiley’s specification
is also completely compatible with existing EPUB 2 reading systems. - Wiley
has been a leading advocate of EPUB 3 and an active voice in its development
and adoption by publishers and booksellers through its engagement with
industry groups such as the Book Industry Study Group (BISG), International
Digital Publishing Forum (IDPF), AAP EPUB 3 Implementation Project, and the
World Wide Web Consortium’s (W3C) Digital Publishing Interest Group. Wiley’s
participation in the EDUPUB Alliance recognizes the benefits of EPUB 3 for
Education content. Through active involvement with EPUBTEST, Wiley
advocates for wider support of EPUB 3 by manufacturers of e-reader platforms
and devices.”242
239
www.elsevier.com/about/press-releases/corporate/elsevier-embraces-epub3-format,ensuring-more-enriched-and-interactive-ebook-experience-for-readers (April 2014).
240
www.degruyter.com/page/853
241
STEM ist ein Akronym für Science, Technology; Engineering, and Mathematics.
242
http://exchanges.wiley.com/blog/2014/05/16/improving-the-reader-experience-with-epub3/.
Seite 107 von 158
TEIL H
EPUB 3 UND BARRIEREFREIHEIT
When you’re developing content that is
accessible you’re also developing content that is
formatted properly.243
34
Die EPUB 3 – Revision und die DAISY Standards
Der oben vorgestellte Charter von 2010, welcher der EPUB 3 – Revision
zugrundeliegt, enthält expressis verbis den Auftrag [11] an die
Revisionsarbeitsgruppe, die ungenügende Barrierefreiheit der VorgängerVersion EPUB 2.0.1 in der neuen Version zu verbessern.
Der Charter sagt: “Insufficient accessibility support. EPUB is well-aligned with
the DAISY standard but does not presently incorporate all DAISY features; in
particular, there is not explicit support for full synchronization of multiple
media types, such as audio and text. The proposed EPUB 3 revision will
coincide in time with the revision of DAISY (ANSI/NISO Z39.86); the option to
further the harmonization of the two standards should be considered.”244
Dass Barrierefreiheit von Beginn weg in eine Standardisierungs-Initiative der
Industrie, im vorliegenden Falle der Buch- und Informationsindustrie,
einfliesst, ist eine historische Novität, für die wohl zwei Hauptfaktoren
verantwortlich sind:


Das zunehmende Bewusstsein der Politik für Inklusion von Menschen mit
Behinderungen und der daraus folgende Druck auf die Produzenten von
Information, Wissen und IKT, Produkte auf den Markt zu bringen, die
barrierefrei sind.245
Die vom DAISY Consortium246 im Bereich barrierefreier elektronischer
Dokumente bereits früher geleistete Vorarbeit, von der die MainstreamStandardisierung profitieren konnte.
Neben der in der Aufgabe [11] formulierten allgemeinen Stossrichtung und der
dort explizit erwähnten Synchronisierung von TEXT und AUDIO,247 finden sich
unter den Aufträgen an die Revisions-Arbeitsgruppe weitere Elemente, die im
Rahmen der DAISY-Standardisierung bereits bedacht wurden oder in ihm
enthalten waren.
243
Len Vlahos, Executive Director der Book Industry Study Group, BISG (www.bisg.org/),
www.digitalbookworld.com/2014/mix-of-new-and-familiar-players-challenges-at-bisg-annualmeeting/).
244
http://idpf.org/epub/30/wg-charter.
245
Siehe dazu auch oben das Kapitel Internationale und nationale Bestrebungen zu mehr
Inklusion im digitalen Zeitalter (2000 – 2014) (07).
246
www.daisy.org
247
Siehe dazu auch oben das Kapitel Wahrnehmungskanäle (24).
Seite 108 von 158
Es geht dabei vornehmlich um folgende Elemente:





(1) “Need for rich media and interactivity support.” Neben der hier
hineinspielenden Synchronisation von Wiedergabe-Modi, stand die Lösung
des Problems barrierefreier interaktiver Elemente in Lehrmitteln248 schon
immer ganz oben auf der Wunschliste des DAISY Consortium.
(06) “Need for enhanced navigation support.” Lösungen für die
Sicherstellung der Navigierbarkeit in einem elektronischen Modell waren
bereits im DAISY-Standard enthalten und dienten der EPUB-Revision als
Basis.
(07) “Incomplete alignment with broadly-adopted Web standards.” Der
DAISY-Standard beruht bereits auf Internet-Technologien wie
beispielsweise XML.
(09) “No native support for mathematics.” Vom DAISY-Standard via
MathML bereits unterstützt.
(10) “No native support for book-specific semantics.” Von DAISY bereits
vorbereitendend bedacht und als grosses Problem erkannt.
Alles in allem lässt sich sagen, dass die Funktionalitäten, die Konzepte,
Methoden und Lösungsansätze, welche vom DAISY Consortium in seinen
Spezial-Standards zur Produktion und Distribution von barrierefreien
elektronischen Büchern entwickelt wurden, bei der Entwicklung des EPUB 3 –
Standards aufgenommen und integriert wurden.
Der Charter für die EPUB 3 - Revision nannte Barrierefreiheit als eines der
Ziele für die mit der Revision beauftragte Arbeitsgruppe.249 Seither hat sich in
dieser Beziehung bei der Fortführung der Spezifikationsarbeiten nichts
geändert, auch (und gerade) nicht im Rahmen der Arbeiten rund um EDUPUB:
„EDUPUB delivers a comprehensive model for the interchange and deployment
of educational content where ‘accessibility and internationalization250 are non
negotiable’ - a quote that was re-iterated on twitter many times
(#edupubeur2014).”251
248
Aufgaben im Buch (a) lesen können und (b) Lösungen schreibend einfüllen können
(Rechenaufgaben, Lückentexte und dergleichen).
249
Siehe oben das Kapitel Die EPUB 3 – Revisionsarbeit (2010 / 2011) (27).
250
Global Language Support.
251
EDUPUB, Oslo Work Shop (http://epubzone.org/news/edupub-europe-2014-report),
Hervorhebung durch die Autoren; siehe auch oben das Kapitel EDUPUB Work Shop Oslo
(30.04): “Accessibility - is non-negotiable and EDUPUB recognizes two levels of accessibility firstly, omnipresent accessibility which should be apparent in well tempered, semantically rich
mark up and, secondly, optional accessibility including media overlays, Text To Speech
enhancements and multiple renditions - a new feature in EPUB which allows various versions of
content to be bundled together.” – “Package level metadata - EDUPUB content should be
uniquely identifiable as well as contain accessibility features.” (Hervorhebung durch die
Autoren.)
Seite 109 von 158
35
Nicht jedes EPUB 3 – Dokument ist barrierefrei per se
EPUB 3 – Dokumente, die erfolgreich auf Standardkonformität überprüft
wurden,252 können barrierefrei sein. Nicht richtig wäre die Aussage, dass sie
notwendigerweise barrierefrei sind.
Standards definieren zwar einen präzisen fixen Regelrahmen, innerhalb des
Rahmens sind jedoch viele Entscheidungen, Verfahren und konkrete Lösungen
für bestimmte Fragestellungen den Anwendungen (Software) und/oder den
Anwendern der Anwendungen der Standards überlassen. Es ist deshalb leicht
möglich, dass Anwender Entscheidungen treffen, die zu nicht barrierefreien
Produkten führen, obschon am Ende des Produktionsprozesses ein valides
EPUB 3 – Produkt steht.253
36
Barrierefreiheit erreichen - technisch
Aus Sicht der Barrierefreiheit ergibt sich aus dem Vorangehenden die
Notwendigkeit, der Buch-, Informations- und IKT-Industrie zu vermitteln,
worauf es bei der Produktion von barrierefreien EPUB 3-Produkten ankommt.
Entsprechende Anstrengungen wurden und werden international
unternommen.
Auf der technischen Ebene ist deshalb zu empfehlen, die nachfolgend
genannten Publikationen zu konsultieren:




Top Tips for Creating Accessible EPUB 3 Files.254
EPUB 3 Accessibility Guidelines [on-line].255
Matt Garrish, Markus Gylling: EPUB 3. Best Practices; O'Reilly Media / Tools
of Change; February 2013.256
Matt Garrish: Accessible EPUB 3 - Best Practices for Creating Universally
Usable Content. O'Reilly Media / Tools of Change; 2012.257
Besonders hervorgehoben sei hier das erste Dokument (das mit dem zweiten
verlinkt ist). Das Dokument ist als Einstieg in die Materie sehr geeignet. Es
252
Validator EPUBCheck: https://github.com/IDPF/epubcheck; vgl. auch beispielsweise den
(kostenlosen) Pagina-EPUB-Checker (www.paginaonline.de/fileadmin/user_upload/downloads/Datenblatt_01.pdf),.
253
Zum Beispiel ein Mathematik-Buch, bei dem die mathematischen Formeln technisch gesehen
ein BILD sind.
254
http://diagramcenter.org/54-9-tips-for-creating-accessible-epub-3-files.html; die Tipps sind
mit den nachfolgend erwähnten Guidelines verlinkt.
255
www.idpf.org/accessibility/guidelines/; die Guidelines können auch als EPUB 3 – Publikation
in der jeweils aktuellsten Version heruntergeladen werden; sie sind mit vielen Code-Beispielen
versehen.
256
http://shop.oreilly.com/product/0636920024897.do?green=69572D11-3EC1-5689-B6C66396206D8473&intcmp=af-mybuy-0636920024897.IP.
257
http://shop.oreilly.com/product/0636920025283.do.
Seite 110 von 158
benennt die Problemzonen bei der Produktion barrierefreier elektronischer
Dokumente.
Die Tipps seien hier in Kurzform aufgelistet; jeweils weiterführende
Bemerkungen im Dokument selber geben zusätzliche Einblicke:













“All text must be available in a logical reading order.”
“Separate presentation and content.”
“Provide complete navigation.”
“Create meaningful structure wherever possible.”
“Define the content of each tag.”
“Use images only for pictures, not for tables or text.”
“Use image descriptions and alt text.”
“Include page numbers.”
“Define the language(s).”
“Use MathML.”
“Provide alternative access to media content.”
“Make interactive content accessible.”
“Use accessibility metadata”
Diese wohl begründeten und auf langer Erfahrung im Umgang mit der
Herstellung barrierefreier Bücher und Dokumente beruhenden Ratschläge, die
in der Substanz auch für Laien verständlich sind, bleiben in der Alltagspraxis
der Produktion von Dokumenten grossmehrheitlich unbeachtet, was meistens
nicht auf „Bösartigkeit“, sondern auf Uninformiertheit, Nicht-Wissen oder
manchmal Interesselosigkeit zurückzuführen ist.
37
Metadaten zur Barrierefreiheit – Suchen - das
„Richtige“ finden
37.01
Generell
Je nach Art der Lesebehinderung (→ Glossar) benötigt eine Person
elektronische Publikationen, die über bestimmte Eigenschaften der
Barrierefreiheit verfügen.258 Das erfolgreiche Suchen und Auffinden von
Büchern oder Dokumenten, die dem spezifischen Bedarf einer Schülerin oder
eines Schülers entsprechen, ist darauf angewiesen, dass die spezifischen
Charakteristika der Barrierefreiheit einer Publikation erfasst sind.
Denkt man an die Produktion von „barrierefrei geborenen“ elektronischen
Publikationen, die von Verlagen hergestellt und vertrieben werden, ist leicht zu
258
Beispiele: Eine blinde Person will wissen, ob die Bilder in der Publikation X mit alternativen
Bildbeschreibungen (Kurzbeschreibung und/oder ausführliche Beschreibung) versehen sind; eine
gehörlose Person möchte wissen, ob die in der Publikation X eingebetteten Videos mit Captions
(→ Glossar) versehen sind; eine Person mit Legasthenie möchte wissen, ob der Text der
Publikation X mit einem / dem Audio-Output synchronisiert ist.
Seite 111 von 158
verstehen, dass die Erfassung von Metadaten zur Barrierefreiheit sowohl im
Interesse der Verlage liegt (Vermarktung) als auch im Interesse der
Leserinnen und Leser, der Schüler und Schülerinnen, der Lehrerschaft oder der
sonderpädagogischen Fachkräfte.
Im Kontext von zentralen Plattformen und Metadatensammlungen zum Suchen
und Auffinden von Lehr- und Lernressourcen wie beispielsweise in der Schweiz
die Digitale Schulbibliothek (dsb) von educa259 kann die Integration von
Metadaten zur Barrierefreiheit einen wichtigen Beitrag zur Inklusion (→
Glossar) von Schülerinnen und Schülern mit besonderem Bildungsbedarf (→
Glossar) leisten.
Zu bedenken ist weiterhin folgendes: Sind solche Metadaten erfasst, lässt sich
für bestimmte Publikationen auch feststellen, welche Eigenschaften der
Barrierefreiheit bei einem konkreten Anwendungsfall fehlen.
Im Zeitalter des Digitalen und mit dem vorliegenden Standard, der solche
Operationen auf vorhersehbare berechenbare Weise ermöglicht, können
fehlende Eigenschaften einer Produktion hinzugefügt und in die Publikation
integriert werden.260 Angereichert mit der inhaltlichen Ergänzung (und den
entsprechenden Metadaten zu Barrierefreiheit) steht die elektronische
Publikation sodann für künftige Nutzer in einer optimierten Version zur
Verfügung.
37.02
Metadaten zur Beschreibung von Barrierefreiheit
Ein erstes seriöses Set von Metadaten zur Barrierefreiheit ist im ONIX
Standard enthalten,261 der von der Buchindustrie auf der ganzen Welt
verwendet wird.262
259
The Swiss Education Server (http://biblio.educa.ch/de/abc-dsb). Die “Gesamtarchitektur”
der dsb wird wie folgt beschrieben: “Die Digitale Schulbibliothek setzt sich aus mehreren
Komponenten zusammen. Im Zentrum steht der nationale Katalog (das «Repository»). Im
nationalen Katalog werden Metadaten (Beschreibungen) zu elektronischen Lehr- und
Lernressourcen (eLLR) gesammelt. Partner der dsb können sich einerseits im nationalen Katalog
bedienen und Beschreibungen von eLLR auf einer eigenen Website anzeigen und verwalten. Auf
der anderen Seite speisen die Partner der dsb den nationalen Katalog mit Beschreibungen von
E-Content” (http://biblio.educa.ch/de/abc-dsb).
260
Dies alles setzt zuerst und in erster Linie ein standardisiertes Format für elektronische
Publikationen voraus. Dieses liegt mit EPUB 3 vor.
261
Das EPUB 3 – Metadaten – Konzept erlaubt die Verlinkung / Integration mit jedem geläufigen
(oder auch weniger geläufigen) Metadaten-Standard, also beispielsweise mit ONIX (The
vocaublary used for book supply chain metadata) oder Marc (The vocabulary commonly used by
libraries for bibliographic mnetadata“).
262
“List 196: E-publication Accessibility Details”
(www.editeur.org/files/ONIX%20for%20books%20%20code%20lists/ONIX_BookProduct_Codelists_Current.html#codelist196). Andere
Entwicklungen, zum Beispiel im Rahmen von www.schema.org (Optimierung von Metadaten für
Suchmaschinen wie Google), sind in Arbeit (siehe:
www.idpf.org/accessibility/guidelines/content/meta/schema.org.php).
Seite 112 von 158
“The ONIX for Books Product Information Message is the international
standard for representing and communicating book industry product
information in electronic form. - ONIX is an XML-based standard for rich book
metadata, providing a consistent way for publishers, retailers and their supply
chain partners to communicate rich information about their products. It is
expressly designed to be used globally, and is not limited to any one language
or the characteristics of a specific national book trade. It’s widely used
throughout the book and e-book supply chain in North America, Europe and
Australasia, and is increasingly being adopted in the Asia Pacific region.”263
Um dem Leser oder der Leserin der vorliegenden Studie eine Idee davon zu
geben, was man sich unter Metadaten zur Beschreibung von Barrierefreiheit
vorzustellen hat, seien hier die im ONIX-Standard verwendeten Kriterien
nachfolgend in Kurzform aufgelistet. Erklärungen zum Verständnis der
einzelnen Kriterien sowie zu ihrer Anwendung im Kontext von EPUB finden sich
in den on-line verfügbaren EPUB 3 Accessibility Guidelines.264













“(01)
“(02)
“(03)
“(04)
“(05)
“(06)
“(07)
“(08)
“(09)
“(10)
“(11)
“(12)
“(13)
No reading system accessibility options disabled (except)”,265
Table of contents navigation”,
Index navigation”,
Reading order”,
Short alternative description”,
Full alternative descriptions”,
Visualized data also available as non-graphical data”,
Accessible math content”,
Accessible chem content”,
Print-equivalent page numbering”,
Synchronized pre-recorded audio”,
Text-to-speech hinting provided”,
Language tagging provided.”
38
Barrierefreie Abspielsysteme
Wie oben ausgeführt, ist das Hand-in-Hand-Zusammenspiel zwischen einem
elektronischen Dokument und dem es wiedergebenden Abspielsystem (→
Glossar) wichtig.266 Eine noch so gute EPUB 3 – Publikation kann nicht
gelesen werden, wenn seine Funktionalitäten von Wiedergabesystemen nicht
erkannt und dargestellt werden können.
263
www.editeur.org/83/Overview/.
www.editeur.org/83/Overview/.
264
www.idpf.org/accessibility/guidelines/content/meta/onix.php: “ONIX Code List 196 enables
the inclusion accessibility compliance metadata in an ONIX message. This information can then
travel with the publication through distribution channels so that customers can be made aware
of the accessible features the EPUB offers. Each success criteria will be handled in turn in this
section.”
265
Dieses Kriterium hat nichts mit dem Produkt selber zu tun, sondern mit der Distributionsund Verkaufsstrategie des Verlags (beispielsweise der Verwendung von DRM – Systemen).
266
Siehe oben das Kapitel EPUB 3 – Wiedergabe (32).
263
Seite 113 von 158
Beim Nachdenken über Barrierefreiheit muss das Gesagte erweitert werden.267
Eine von einem perfekt EPUB 3 – kompatiblen Wiedergabesystem dargestellte
EPUB 3 – Publikation bleibt dem Menschen mit einer Lesebehinderung
unzugänglich, wenn das Abspielsystem selber nicht barrierefrei ist.
38.01
Systematisches Testen
Um die vielfältigen Schwierigkeiten rund um das Problem der Barrierefreiheit
von Abspielsystemen hat das DAISY Consortium in Zusammenarbeit mit Tech
for All268 eine „Accessibility Screening Methodology for E-Reading Systems
(Guidelines and Checklist)“ entwickelt.269
Diese bildet die Grundlage für das systematische Testen der Barrierefreiheit
von EPUB 3 – Wiedergabesystemen. Die Test-Resultate werden270 den TestResultaten bezüglich des allgemeinen EPUB 3 – Supports von
Abspielsystemen271 hinzugefügt. Publizierte Testresultate272 werden demnach
den allgemeinen Support eines Abspielsystems für EPUB 3 als auch dessen
Barrierefreiheit umfassen können.
38.01.01
Grundlegende Anforderungen
Die grundlegenden Anforderungen an die Zugänglichkeit von Lesesystemen
können wie folgt zusammengefasst werden.
Damit ein Lesesystem zugänglich ist, müssen folgende zwei Hauptkriterien
erfüllt sein:


Bei Software, Hardware und Firmware müssen alle Funktionen und Befehle
zugänglich sein.
Wird ein Lesesystem mit einem zugänglichen, sauber produzierten
zugänglichen Inhalt gemäss einem standardisierten Format wie EPUB 3
„gefüttert“, muss es dem Nutzer den Inhalt in einer Art präsentieren, dass
er für Menschen mit einer bestimmten Behinderung zugänglich ist.
Damit ein Abspielsystem für Personen mit einer bestimmten Behinderung
zugänglich ist, muss es so konzipiert sein, dass es die spezifischen
Anforderungen einer solchen Person erfüllt, zum Beispiel:

Die Steuerung des Systems muss via das Keyboard, die Maus oder die
Touch Screen / Gesten – Interface ausgelöst werden können.
267
Siehe auch oben TEIL F GRUNDLEGENDES ZUR BARRIEREFREIHEIT VON BÜCHERN IM
DIGITALEN ZEITALTER.
268
www.tfaconsulting.com/.
269
www.daisy.org/accessibility-screening-methodology-guidelines-and-checklist.html.
270
Viertes Quartal 2014.
271
Siehe oben das Kapitel EPUB 3 – Wiedergabe (32).
272
www.epubtest.org.
Seite 114 von 158

Das Abspielsystem muss mit den assistierenden Technologien (→ Glossar
Assistive Technology), die von den Lesenden benutzt werden, interoperabel
sein.
Die Systeme sollen


entweder über eine „self-voicing“ – Funktion verfügen oder mit dem
Screen-Reader (→ Glossar) des Nutzers interoperabel sein (auch mit den
vom Betriebssystem zur Verfügung gestellten [assistierenden]
Technologien),
gewährleisten, dass der Nutzer Kontraste oder VergrösserungsAnpassungen nach seinen Bedürfnissen einstellen kann oder mit der von
ihm verwendeten Vergrösserungssoftware interoperabel ist.
Für Nutzer mit motorischen Einschränkungen sind die Integration mit
Spracherkennungs-Software, die Zugänglichkeit der Bedienelemente sowie die
Verwendung optionaler Bedienelemente zu bedenken.
Gehörlose und Gehörschwache sind auf Captioning (→ Glossar Caption) und
weitere Funktionalitäten angewiesen.
Die Unterstützung für MathML und die zugängliche Präsentation von Bildern
werden bald als essentielle Zugänglichkeits-Kriterien für Wiedergabesysteme
zu gelten haben.
Im Folgenden werden zur Information die von der erwähnten „Accessibility
Screening Methodology“ erfassten Hauptkategorien mit ihren wichtigsten
Parametern dargestellt.273
38.01.02
File Management Tests








Zugänglichkeit des Betriebs-Systems (fundamental274).
Das Wiedergabesystem kann separat geöffnet werden (fundamental).
Ein Buch erwerben oder erhalten und es ins Buchregal stellen können
(fundamental).
Ein Dokument öffnen können (fundamental).
Liste von im Buchregal vorhandenen Werken ist zugänglich (fundamental).
Suche nach Dokumenten im Bücherregal ist möglich (fortgeschritten).
Zugang zu Daten zum Dokument (Seitenzahlen, Verlag, Datum der
Publikation etc.) ist gewährleistet (fortgeschritten).
Gruppen von Dokumenten können gebildet werden (fortgeschritten).
273
Für detailgenauere Informationen siehe www.daisy.org/accessibility-screening-methodologyguidelines-and-checklist.html.
274
Es wird zwischen „fundamentalen“ und „fortgeschrittenen“ Funktionalitäten in einem
Lesesystem unterschieden.
Seite 115 von 158
28.01.03
Reading Tests













Die Lektüre an einer bestimmten Stelle der Publikation beginnen können
(fundamental).
Lektüre kann unterbrochen und später an derselben Stelle fortgesetzt
werden (fundamental).
Die Wiedergabe eines Dokumentes erfolgt in der richtigen Leseabfolge
(fundamental).
Alternativer Text (für ein Bild) kann gelesen werden (fundamental).
Lesegeschwindigkeit (schneller, langsamer) kann eingestellt werden
(fundamental).
Lautstärke (lauter, leiser) kann in der Applikation selber oder im BetriebsSystem eingestellt werden (fundamental).
Text-to-Speech Software ist „pausenfähig“, um akustisch die Struktur
(Zwischentitel, Titel, Paragrafen, Aufzählungspunkte usw.) lesbar zu
machen (fundamental).
Möglichkeit, das Lesen überspringbarer Strukturelemente (Marginalien,
Fussnoten, Herstellerhinweise usw.) ein- respektive auszuschalten
(fortgeschritten).
Alternative Bildbeschreibungen gemäss der Auswahl des Lesers
wiedergeben (fortgeschritten).
Scroll-Funktion für die Bildschirmseite (fortgeschritten).
Unterstützung von Aussprache-Lexika (fortgeschritten).
Nachschlagen und Definitionen lesen (fortgeschritten).
Darstellung von MathML (fortgeschritten).
38.01.04
Visual Adjustment Tests
















Schriftgrösse ändern (fundamental).
Farbe der Schrift ändern (fundamental).
Hintergrundfarbe ändern (fundamental).
Farbe der Hervorhebungsfunktion ändern (fundamental).
Hintergrundfarbe bei der Hervorhebungsfunktion ändern (fundamental).
Helligkeit ändern (fundamental).
Wahl für ein vorbestimmtes Farbenprofil ermöglichen oder eine
systemimmanente Hochkontrast-Konfiguration respektieren (fundamental).
Vergrösserung der User-Interface unterstützen (fundamental).
Text-, Wort- und Zeilenabstände ändern (fortgeschritten).
Ausrichtung des Textes (links, zentriert, rechts) ändern (fortgeschritten).
Satzspiegel ändern (fortgeschritten).
Nutzereinstellungen respektive Nutzerprofile speichern können
(fortgeschritten).
Visuelle Gestaltungselemente entfernen können (fortgeschritten).
Von der Seitenansicht zur Scroll-Ansicht wechseln können (fortgeschritten).
Von einseitiger zur doppelseitigen Ansicht wechseln können
(fortgeschritten).
Von Thumbnail-Ansicht zur Text-Ansicht wechseln können (fortgeschritten).
Seite 116 von 158
38.01.05
Navigation Tests















Navigation über das Inhaltsverzeichnis (fundamental).
Navigation über die Titel / Untertitel, deren Hierarchie usw. (fundamental).
Navigation über die Seitenzahlen (fundamental).
Navigation von Tabelle zu Tabelle (fundamental).
Navigation innerhalb einer Tabelle, „nächste Zelle“, „nächste Spalte“
(fundamental).
Navigation auf der Seite (Zeilen, Paragrafen, Aufzählungen, Abbildungen,
Marginalien u.ä. etc.), (fundamental).
Navigation gemäss Seitenzahlen bei nicht umbrochener Darstellung
(„reflowable“) (fundamental).
Hyperlink-Navigation innerhalb des Dokumentes (fundamental).
Möglichkeit, Wort für Wort, Zeile für Zeile, Satz für Satz, Paragraf für
Paragraf wieder zu geben (fundamental, falls Text-to-Speech Software für
die gewählte Sprache vorhanden ist).
Navigations-Information wird angesagt (Seitenzahl, aktuelle HierarchieStufe und/oder Titelebene) (fundamental).
Während des Abspielens zum vorangehenden oder nächst folgenden
Navigationspunkt springen können (fundamental).
Suche nach einer Buchstabenfolge und von Such-Resultat zu Such-Resultat
springen können (fundamental).
Definition lesen können und zum Ausgangsort in der Lektüre zurückgehen
können (fortgeschritten).
Navigation via Spracheingabe (in der Applikation „eingebaut“, durch
Drittanbieter oder das Betriebs-System abgedeckt) (fortgeschritten).
Angabe der aktuellen Position bei der Lektüre („Wo bin Ich? – Funktion)
(fortgeschritten).
38.01.06
Annotation Tests







Ein Lesezeichen setzen können (fundamental).
Ansicht aller Lesezeichen und Notizen ist vorhanden; Rückkehr zur Lektüre
an der unterbrochenen Stelle ist möglich (fundamental).
Ansicht eines einzelnen Lesezeichens oder einer einzelnen Notiz ist
möglich; Rückkehr zur Lektüre an der unterbrochenen Stelle ist möglich
(fundamental).
Eine Notiz hinzufügen können (fundamental).
Den Text hervorheben können (fortgeschritten).
Notizen kopieren / exportieren können (fortgeschritten).
Notizen importieren können (fortgeschritten).
38.01.07
Media Tests275

275
Video-Captions sind zugänglich.
Vorerst noch ohne Qualifizierung (fundamental vs. fortgeschritten).
Seite 117 von 158





Video-Audiodeskriptionen sind zugänglich.
Transkriptionen von Audio sind zugänglich.
Media Overlays wird unterstützt.
Hörbücher („audio only“) können gelesen werden.
Support für Interaktivität (JavaScript) ist vorhanden.
39
Barrierefreiheit - Levels
Während das übergeordnete Idealziel der maximalen Barrierefreiheit von der
Konzeption des EPUB 3 – Standards her gesehen als erreichbar gelten kann,
sollte man die Erwartungshaltungen doch an die zu einem bestimmten
Zeitpunkt herrschenden Realitäten anpassen.
Bei der Umsetzung des intendierten Paradigmenwechsels bei der Versorgung
von Schülerinnen und Schülern mit besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar)
empfiehlt sich deshalb ein schrittweises Vorgehen. Bereits die Befolgung von
grundlegenden Regeln bei der Erstellung und Wiedergabe barrierefreier EPUB
3 – Publikationen führt zu grossen Verbesserungen im Bereich zugänglicher
Lehrmittel und anderer Veröffentlichungen.
Das Definieren von Normen, welche Levels von Barrierefreiheit elektronischer
Publikationen spezifizieren,276 scheint eine empfehlenswerte Strategie zu sein.
Die Umsetzung des Ansatzes muss auf die Zusammenarbeit verschiedenster
Akteure im Ökosystem sowie auf den politischen Willen kantonaler Gremien im
Schul- und Bildungswesen aufbauen können.
40
Barrierefreiheit – weitere Aspekte
40.01
IKT – Kompetenz der Nutzerinnen und Nutzer
Die IKT und die von ihr in einem sich beschleunigenden Rhythmus neu auf den
Markt kommenden Anwendungen oder Updates bestehender Anwendungen,
die verschiedenen gängigen Betriebssysteme und deren Updates, die InternetBrowser, das Verschmelzen von noch vor kurzer Zeit getrennter Systeme wie
beispielsweise Fernsehen, Radio und Internet verlangen den heutigen
Medienkonsumenten unablässig Anpassungsleistungen ab, die oft von
Frustrationen begleitet werden.
Was gestern noch ging, geht heute nicht mehr; was mit der Anwendung W auf
Betriebssystem X möglich ist, scheitert bei der Anwendung Y mit
Betriebssystem Z. Dokumente können nicht problemlos ausgetauscht werden
und so weiter und so fort.
276
Ein analoges System kennt man von der Web-Zugänglichkeit her.
Seite 118 von 158
Für Menschen mit einer Lesebehinderung (→ Glossar), aber auch
beispielsweise für ältere Nutzerinnen und Nutzer sind solche
Anpassungsleistungen oft noch viel schwieriger zu erbringen als vom
Durchschnittsnutzer. Kaum haben sie schlecht und recht gelernt, bestimmte
Systeme und Verfahren zu beherrschen, werden sie mit Neuem anders
konfrontiert; es entstehen unvermittelt neue Barrieren, die zu überwinden
unmöglich ist oder in vielen Fällen unmöglich scheint.
Die Kompetenz der Nutzerinnen und Nutzer mit einer Lesebehinderung im
Umgang mit IKT ist, wie für andere Leute auch, eine Notwendigkeit für die
erfolgreiche Gestaltung des eigenen Lebens. Man stellt in diesem Bereich
einen hohen Schulungs- und Ausbildungsbedarf fest, der bisher nicht oder nur
in einem sehr dürftigen Ausmass ernst genommen wird.
Eine angemessene Schulung in IKT-Kompetenz für Menschen mit einer
Lesebehinderung muss auf kompetentes Lehrpersonal zurückgreifen können.
Daraus ergeben sich hinsichtlich entsprechender Ausbildungsgänge Ansprüche
an Lehrer- und Lehrerinnen-Bildungsstätten, aber auch an Organisationen des
Behindertenwesens, denen bisher noch nicht genug Aufmerksamkeit
geschenkt wird.
40.02
Barrierefreiheit von A bis Z
Bereits ausgeführt wurde oben, dass sowohl das elektronische EPUB 3 –
Produkt als auch Wiedergabesysteme barrierefrei sein müssen, wenn der
Leseprozess für Menschen mit einer Lesebehinderung (→ Glossar) gelingen
soll.
Dieser Aspekt muss darüber hinaus jedoch erweitert werden: Heutzutage
erfolgt die Distribution elektronischer Publikationen via Download meistens
über Internet-Portale. Sind die entsprechenden Webseiten nicht barrierefrei
gestaltet, helfen das beste barrierefreie elektronische Dokument und das beste
barrierefreie Abspielsystem nicht weiter.
Kurz gesagt: Die für das Suchen und Finden, das Bestellen und Bezahlen auf
der Webseite eingebauten Funktionalitäten müssen auch Menschen mit
Behinderungen zugänglich sein.
Leider ist das in sehr vielen Fällen nicht der Fall, was umso störender ist, als


via Internet immer mehr Güter und Dienstleistungen des Staates und
Privater angeboten werden, von denen Menschen mit Behinderungen stark
profitieren könnten, und
bestehende gesetzliche Vorgaben277 sich nicht durchsetzen respektive nicht
durchgesetzt werden.
Viel zu oft wird so statt Einschluss Ausschluss geschaffen.
277
Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG).
Seite 119 von 158
41
EPUB 3 als Schnittstelle zwischen der Verlagsindustrie
und den Spezialisten der Barrierefreiheit
EPUB 3 bildet die Brücke, auf der die Welt der Verlagsindustrie278 und jene der
Spezialisten des Zugänglichmachens von Literatur zum Nutzen der Leser mit
besonderen Bedürfnissen zusammen kommen könnten und sollten.
Unter den oben aufgelisteten Anforderungen sind grundlegende, die von
Verlagen unter Einsatz ihrer eigenen Ressourcen relativ einfach umgesetzt
werden können.
Die Erfüllung anderer Anforderungen werden auf externes Fachwissen und
Know-How zurückgreifen müssen, zum Beispiel




bei alternativen Bild-, Graphik- und Diagrammbeschreibungen,
beim Zugänglichmachen von Videos mittels Audiodeskription (→ Glossar),
beim Captioning (→ Glossar) oder möglicherweise auch
bei der TEXT-AUDIO-Synchronisation.
Im Zeichen von EPUB 3 und der IKT im Allgemeinen könnte oder besser: sollte
sich demnach eine im Gegensatz zu heute neue Arbeitsteilung zwischen den
Verlagen und den Spezialisten der Barrierefreiheit herausbilden, die grob so
aussehen könnte:



Schritt 1: Verlage produzieren ein Buch, das die grundlegenden
Anforderungen279 an Barrierefreiheit erfüllt.
Schritt 2: Spezialisten der Barrierefreiheit erhöhen den Grad an
Zugänglichkeit des Buches im Auftrag der Verlage,280 indem sie die
ergänzenden Verbesserungen hinzufügen.
Schritt 3: Verlage stellen das optimierte barrierefreie Produkt fertig und
führen es den gewählten Vertriebskanälen zu.
Mit diesem Modell würde das heute übliche Ex-post-Verfahren obsolet, und die
getrennten, weitgehend nacheinander stattfindenden Arbeits-Flüsse würden in
einem einzigen Prozess integriert.
42
Barrierefreiheit und Entscheidungsträger in den
Verlagen
Damit Barrierefreiheit in Verlagen nicht „vergessen“ wird, genügt es
wahrscheinlich nicht, dass „Techniker“ wissen, wie „es“ zu machen wäre. Sie
278
Der Begriff Verlagsindustrie umfasst viele Akteure: die Verlage, die ihnen „zudienenden“
Dienstleister (technische Herstellung), die Entwickler von Wiedergabesystemen, Autoren,
Herausgeber usw.
279
Empfehlenswert wäre eine verbindliche Vereinbarung darüber, was „grundlegende
Anforderungen“ umfasst.
280
Die entstehenden Zusatzkosten müssten vom Staat finanziert werden.
Seite 120 von 158
brauchen die unternehmens- und geschäftspolitische Rückendeckung „von
oben“.
Neben der Vermittlung des sich an Techniker wendenden technischen Wissens
sollte deshalb darauf hingearbeitet werden, Unternehmensleitungen für die
Sache zu sensibilisieren, mit dem Ziel, dass sie Barrierefreiheit in ihre
Unternehmensstrategie aufnehmen und dafür besorgt sind, sie auch
umzusetzen. Das geht über ein blosses Bekenntnis hinaus.
Die oben bereits vorgestellten Top Tips for Creating Accessible EPUB 3 Files
enthalten, jenseits der im engeren Sinne technischen Ratschläge,
entsprechend weitergehende Tipps für Verlagsunternehmen:







“Initiate a sustained company-wide effort to make accessibility a core value
in the production and dissemination of content, including development of a
company policy statement to express the accessibility commitment.
Develop and implement accessibility guidelines and training for authors.
Develop and implement accessibility guidelines and training for editorial
and production staff.
Discuss accessibility requirements and standards with vendors.
Include an accessibility review in the quality-assurance process.
Include accessibility information on your website and appropriate
marketing materials.
Add accessibility awareness training for customer service staff.”281
43
Politik und barrierefreie Lehrmittel
Der Staat hat die Pflicht, die Lernenden auf der Stufe Volksschule, auch die
Schülerinnen und Schüler mit besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar),
kostenlos mit den Lehrmitteln zu versorgen, die im Unterricht verwendet
werden.
Wie wir oben gesehen haben,282 ist die gegenwärtige Situation hinsichtlich der
Versorgung betroffener Schülerinnen und Schüler mit barrierefreien
Lehrmitteln unbefriedigend und verlangt dringend nach einer Verbesserung.
Der Moment, aktiv zu werden, ist günstig, weil





die IKT im Schulalltag zunehmend wichtiger werden, Barrierefreiheit dabei
aber kaum zur Kenntnis genommen wird,
Barrierefreiheit am besten mittels multimedialer elektronischer Dokumente
erreicht werden kann,
Mit EPUB 3 ein offener, nicht-proprietärer Industrie-Standard für
elektronische Lehrmittel vorliegt,
dieser die „geordnete“ Einführung von IKT im Schulalltag erleichtern und
gleichzeitig Anforderungen an Barrierefreiheit erfüllen kann.
281
http://diagramcenter.org/54-9-tips-for-creating-accessible-epub-3-files.html.
Sie oben das Kapitel Die Hauptproblematiken im gegenwärtigen System der Bereitstellung
barrierefreier Lehrmittel (12).
282
Seite 121 von 158
TEIL I
DAS ÖKOSYSTEM BARRIEREFREIE
ELEKTRONISCHE LEHRMITTEL
44
Ausgangslage
Es ist davon auszugehen, dass elektronische Publikationen als Enhanced
eBooks (→ Glossar) von den Schulen in Zukunft zunehmend nachgefragt
werden.
44.01.
Offenheit – Interoperabilität – Austauschbarkeit
Der erfolgreiche Einsatz von Enhanced eBooks in der Schule sollte auf das
nahtlose Zusammenspiel verschiedener Aspekte im System bauen, nämlich
der Interoperabilität zwischen den folgenden wesentlichen „Grössen“:






dem elektronischen Buch,
dem Abspielsystem (→ Glossar),
den Nutzerinnen und Nutzern (Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler),
der Infrastruktur in den Schulhäusern (Hardware, Software,
Internetanbindung, Bandbreiten),
dem Online-Katalog oder den Online-Katalogen (Metadaten),
den Distributionssystemen (Zugriffsrechte, Download),
Das Zusammenspiel der genannten Dimensionen im System muss, vom
Gesichtspunkt der IKT aus gesehen, auf koordinierten Vereinbarungen, User
Requirement Specifications und IKT-Spezifikationen beruhen, damit sich die
offensichtlichen Vorteile der IKT-gestützten Produkte unter Nutzung von
Synergien wirkungsvoll entfalten können.
Die Austauschbarkeit von Produkten und die Interoperabilität der oben
genannten Teilaspekte des Systems sind essentielle Kriterien für und bei der
Einführung von Enhanced eBooks in der Schule.
Die Austauschbarkeit und Interoperabilität hängt wesentlich von der
Offenheit (Open Source) der eingesetzten Formate ab.283 Diese fördert per se
Interoperabilität und Austauschbarkeit. Sie ist ein weiteres wichtiges
Kriterium, da es kaum im Interesse der Öffentlichen liegt, sich in die
Abhängigkeit proprietärer Systemen und der sie bewirtschaftenden Akteure zu
begeben.
Die intendierte Nachhaltigkeit des Enhanced eBooks in der Schule macht eine
systematische Koordination auf politischer und technischer Ebene notwendig.
283
Dies schliesst angemessene DRM (Digital Rights Management) – Massnahmen nicht aus.
Seite 122 von 158
Ein Ansatz, bei dem es in die ausschliessliche Kompetenz der Kantone fiele ,
wie sie die Einführung des elektronischen Lehrmittels voranbringen wollen,
würde die Austauschbarkeit und Interoperabilität über Kantonsgrenzen hinweg
ausserordentlich stark einschränken.
Es scheint daher empfehlenswert, dass auf politischer und technischer Ebene
Rahmenbedingungen gesetzt, entsprechende Vereinbarungen getroffenen und
angemessene Spezifikationen festgelegt werden.
44.02
EPUB
Mit EPUB 3 liegt ein verlässlicher Standard vor, der die genannten essentiellen
Kriterien erfüllt:





Er ist offen, also nicht proprietär, womit auch gesagt ist, dass man ihn
unter Wahrung der übergeordneten Regelungen auf seine Bedürfnisse hin
„zuschneiden“ kann.
Er erlaubt die Produktion, Distribution und Rezeption von Enhanced
eBooks.
Er erlaubt die Einrichtung eines interoperablen Gesamtsystems.
Er ermöglicht die Austauschbarkeit der Lehrmittel innerhalb des gesamten
Schulsystems.
Er erlaubt, dass die für die Schule entwickelten, hergestellten und
ausgelieferten elektronischen Lehrmittel barrierefrei auf den Markt kommen
können.
Insgesamt wird damit die von der Politik angestrebte Inklusion (→ Glossar)
aller, auch von Schülerinnen und Schülern mit besonderem Bildungsbedarf (→
Glossar), gefördert.
45
Das Gesamtsystem und seine Subsysteme
Das Ökosystem (→ Glossar) barrierefreie elektronische Lehrmittel hat es mit
vielen Akteuren zu tun und bildet ein komplexes Gesamtsystem. Das war bis
anhin schon so. Im Zeichen des digitalen Zeitalters und den von ihm
geschaffenen Möglichkeiten nimmt die Komplexität infolge der spezifischen
Funktionsweisen der IKT allerdings stark zu.
Ausserdem kommen im Zuge der Barrierefreiheit Akteure hinzu, deren
Aktivitäten sich bisher weitgehend ausserhalb des Lehrmittelwesens vollzogen,
nämlich die Spezialisten für die Zugänglichkeit elektronischer Informationsund Wissensvermittlung, sei es im Sektor von Enhanced eBooks oder im
Sektor der Zugänglichkeit von Web-Seiten oder Web-Portalen, die im
Ökosystem ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.
Um ein komplexes Gesamtsysteme zu durchschauen, Perspektiven für
Handlungsmöglichkeiten zu öffnen und Ansatzpunkte für die Entwicklung
Seite 123 von 158
zielführender Strategien zu finden, lohnt sich der Versuch, das Ökosystem in
Subsysteme zu zerlegen.
Dieser Versuch soll nachfolgend unternommen werden, ohne den Anspruch auf
Vollständigkeit zu erheben.
45.01
Subsystem Politik
Wir stellen die Politik an den Anfang der Liste mit Subsystemen, weil sie die
Rahmenbedingungen schafft, unter denen die Akteure im Gesamtsystem ihre
Aktivitäten entfalten.
Obschon die vorliegende Studie hauptsächlich die obligatorische Schulzeit im
Auge hat und damit in erster Linie die Kantone anspricht, erachten wir auch
den Bund als Teil des Gesamtsystems, umso mehr als seine Kompetenz im
Bereich „Berufsbildung“ von der Einführung elektronischer Lehrmitteln auf
dieselbe Art betroffen ist wie das in der Kompetenz der Kantone liegende
Bildungs- und Schulsystems.
45.01.01
Bund


Der Bund ist oberster Garant für die Wahrung der Verfassung, der in ihr
verbrieften Rechte sowie für die Durchsetzung Eidgenössischer Gesetze. Im
Kontext der vorliegenden Studie ist hier vornehmlich an das
Diskriminierungsverbot (→ Glossar) in der Verfassung, an das
Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG), an die Konkretisierung der
Bundesrätliche Strategie für eine Informationsgesellschaft in der Schweiz284
sowie auch an die von der Schweiz ratifizierte UNO Konvention zu den
Rechten von Menschen mit Behinderungen285 zu denken.
Der Bund verantwortet die Berufsbildung. Gestützt auf Art. 63 der
Bundesverfassung, wurde das Berufsbildungsgesetz BBG geschaffen: „Das
Berufsbildungsgesetz ist am 1. Januar 2004 in Kraft getreten und hat die in
anderen Bundeserlassen geregelten Berufe der Land- und Forstwirtschaft
sowie die vorher kantonal bzw. interkantonal geregelten Berufsbereiche
Gesundheit, Soziales und Kunst unter Bundeskompetenz aufgenommen.
Dadurch wird Einheitlichkeit bezüglich der Rahmenbedingungen wie
gesetzliche Grundlagen, Abschlüsse, Anerkennungsverfahren,
Rahmenlehrpläne etc. garantiert.“286
45.01.02
Kantone

284
285
286
Hier ist an erster Stelle die Schweizerische Konferenz der kantonalen
Erziehungsdirektoren (EDK) zu erwähnen: „In der Schweiz tragen die
Siehe oben das Kapitel Bundesrätliche Strategien zur Informationsgesellschaft (07.04).
Siehe oben das Kapitel Die UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities (07.10).
http://bildungssystem.educa.ch/de/berufsbildung-schweiz-0.
Seite 124 von 158


Kantone die Hauptverantwortung für Bildung und Kultur. Sie koordinieren
die Arbeit auf nationaler Ebene. Dafür bilden die 26 kantonalen
Erziehungsdirektorinnen und -direktoren eine politische Behörde: die
Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). Die Zusammenarbeit der EDK basiert auf rechtsverbindlichen,
interkantonalen Vereinbarungen (Konkordaten). Die EDK handelt subsidiär
und erfüllt Aufgaben, die nicht von den Regionen oder Kantonen
wahrgenommen werden können.“287
Die Sprachregionen in der Schweiz unterliegen jeweiligen
Sonderbedingungen, was insbesondere die Entwicklung von Lehrplänen
betrifft, die von der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (DEDK) einerseits und von der Conférence Intercantonale de l’Instruction
Publique de la Suisse Romande et du Tessin (CIIP) andererseits aus
nachvollziehbaren Gründen separat behandelt wird.
Im Licht der in der vorliegenden Studie verhandelten Thematik
elektronischer Lehrmittel, der IKT und ihrer Barrierefreiheit ist jedenfalls
prüfenswert zu evaluieren, inwiefern sich eine gesamtschweizerische
Koordination aufdrängt.
45.02
Subsystem Wichtige Schnittstellen
45.02.01
Schweizerische Fachstelle für Informationstechnologien im
Bildungswesen SFIB


Das Schweizerische Medieninstitut für Bildung und Kultur (educa.ch)
betreibt im Auftrag der Schweizerischen Konferenz der kantonalen
Erziehungsdirektoren (EDK) und des Staatssekretariat für Bildung,
Forschung und Innovation (SBFI) den Schweizerischen Bildungsserver
SBS288 und führt ausserdem die Schweizerische Fachstelle für
Informationstechnologien im Bildungswesen (SFIB).289
Die SFIB ist als nationale Anlaufstelle für Fragen rund um Informationsund Kommunikationstechnologien IKT in der Bildung eine wichtige
Schnittstelle im Dreieck Bund, Kantone und IKT. Ihre Hauptaufgabe ist die
Umsetzung der vom Bundesrat und der Schweizerischen Konferenz der
kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) definierten Strategien. Deren
Tätigkeit bezieht sich auf folgende Bildungsstufen: „Kindergarten;
Primarstufe; Sekundarstufe I; Sekundarstufe II: berufliche Grundbildung
und allgemeinbildende Schulen (gymnasiale Maturitätsschulen,
Fachmittelschulen, Maturitätsschulen für Erwachsene, Berufliche
Zweitausbildung); Tertiärstufe: höhere Berufsbildung ausserhalb der
287
www.edk.ch/dyn/11910.php.
Nicht zu verwechseln mit der SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und
Lesebehinderte.
289
Siehe www.educa.ch/de/ueber-uns-1.
288
Seite 125 von 158
Hochschulen (eidgenössische Berufsprüfungen und höhere Fachprüfungen,
höhere Fachschulen).290
45.02.02
Schweizerische Koordinationskonferenz ICT und Bildung SKIB

Die SFIB betreut auch die Geschäftsstelle der Schweizerischen
Koordinationskonferenz ICT und Bildung (SKIB). Diese ist aus Vertretern
der EDK, des Staatssekretariates für Bildung, Forschung und Innovation
(SBFI)291, des Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM)292 und des
Bundesamtes für Statistik (BFS)293 sowie jeweils einer Vertretung der
Schweizerischen Konferenz der Rektorinnen und Rektoren der
Pädagogischen Hochschulen (COHEP) 294, der Schweizerischen
Universitätsrektorenkonferenz (CRUS) 295, des Dachverbands Schweizer
Lehrerinnen und Lehrer (LCH) 296, des Syndicat des enseignants romands
(SER)297 und des Dachverbandes ICTswitzerland298 zusammengesetzt. Der
Zweck der Konferenz ist wie folgt definiert: „Die Konferenz erarbeitet
kontinuierlich die Voraussetzungen für eine kohärente
gesamtschweizerische Politik zur Integration der Informations- und
Kommunikationstechnologie (ICT) im schweizerischen Bildungswesen“.299
45.02.03
Interkantonale Lehrmittelzentrale ilz

Eine weitere wichtige Schnittstelle im Bereich Lehrmittel bildet für die
deutschsprachigen Kantone die Interkantonale Lehrmittelzentrale ilz mit 21
Kantonen und dem Fürstentum Liechtenstein als Mitgliedern.300 Sie fungiert
als Koordinatorin301 in folgenden Bereichen: „Lehrmittelkoordination“,
„Vernetzung der Akteure“, „Kompetenzzentrum der Kantone“,
„Implementierung Lehrplan 21“.
45.03
Subsystem Verlag(e)
In gewisser Weise stehen die Verlage im Zentrum des Ökosystems. Hier
werden in Zusammenarbeit zwischen externen und internen Fachleuten
Lehrmittel entwickelt, hergestellt und auf den Markt gebracht. Den folgenden
290
Eine sehr gute Darstellung des Bildungssystems Schweiz findet sich hier:
www.edk.ch/dyn/14861.php.
291
www.sbfi.admin.ch/org/index.html?lang=de.
292
www.bakom.admin.ch/.
293
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index.html.
294
www.cohep.ch/.
295
www.crus.ch/homenavigation/home.html?L=2.
296
www.lch.ch/.
297
www.le-ser.ch/.
298
www.ictswitzerland.ch/.
299
http://sfib.educa.ch/de/skib-0.
300
www.ilz.ch/cms/.
301
Weder produziert sie, noch vertreibt sie Lehrmittel.
Seite 126 von 158
Ausführungen ist ein idealtypischer Prozess unterlegt, wie er bezogen auf
einen relativ einfachen (fiktiven) Fall ablaufen könnte.302 Er reicht von der
Auftragserteilung über die Entwicklung des Lehrmittels bis hin zur Distribution.
Zum Zweck des besseren Verständnisses wird dazu ein fiktives Beispiel
konstruiert. Dabei werden zukünftige Entwicklungen, wie sie von der
vorliegenden Studie angenommen werden, teilweise antizipiert. Die folgenden
Ausführungen erheben ausserdem keinen Anspruch auf detailgenaue
Vollständigkeit.
45.03.01
Auftrag
Als Startschuss für den Prozess wird hier der Auftrag für die Entwicklung und
Produktion eines Lehrmittels angenommen.
Der Auftrag kann auf verschiedenen Wegen zustande kommen, zum Beispiel
auf Eigeninitiative eines Verlags, als Kooperationsprojekt verschiedener
Verlage, als Folge der „Bestellung“ eines Kantons oder als Eingabe eines
Verlags oder einer Verlagskooperation auf eine öffentliche Ausschreibung hin.
Der Auftrag in unserem fiktiven Beispiel lautet wie folgt:








Für die Sekundarstufe I soll ein Lehrmittel für das Fach Deutsch im
„Kompetenzbereich Literatur im Fokus“ für den „Handlungs-/Themenaspekt
Literarische Texte: Wissen und Reflexion über Texte“ entwickelt werden.303
Das Lehrmittel soll ein Lesebuch sein, welches die Erreichung der im
genannten Bereich zu entwickelnden Kompetenzen der Schülerinnen und
Schüler unterstützt.
Es wird vorgegeben, dass sowohl erzählende Texte als auch Gedichte in
dem Lesebuch vertreten sind.
Das Lehrmittel soll in einem gewissen Ausmass auch das Bewusstsein für
den Wandel der Literatur und Sprache im Lauf der Zeit vermitteln, weshalb
die abzudeckende Zeitspanne bis ins Jahr 1914 zurückreichen soll.
Das Lehrmittel soll ausserdem auch dazu geeignet sein, Brücken zu
anderen künstlerischen Ausdrucksformen, insbesondere zur bildenden
Kunst und zum Film zu schlagen.
Das Lehrmittel soll in der Form des Enhanced eBooks (→ Glossar)
entwickelt, hergestellt und vertrieben werden.
Ein den Lehrer oder die Lehrerin unterstützendes „Begleitheft“ soll ebenfalls
als Enhanced eBook entwickelt und hergestellt werden.
Die Bedürfnisse der Schülerinnen oder Schüler mit besonderem
Bildungsbedarf (→ Glossar) sollen angemessen berücksichtigt werden.
302
Die Realitätsnähe oder Realitätsferne des nachfolgenden fiktiven Drehbuchs ist im
vorliegenden Zusammenhang, der lediglich modellhaft zu verstehen ist, nicht wichtig.
303
Der fiktive Auftrag mit der hier verwendeten Terminologie folgt der vom Entwurf des
Lehrplans 21 vorgegebenen Struktur und Konzeption. Siehe
http://konsultation.lehrplan.ch/index.php?nav=5&code=t|101.
Seite 127 von 158




Ob vom Lehrbuch auch eine gedruckte Version erscheinen soll, wird im
Auftrag als Option offen gelassen und von der potentiellen späteren
Nachfrage abhängig gemacht.
Hinsichtlich der vom Auftragnehmer zu verwendenden Formate, der zu
berücksichtigenden Metadaten usw. verweist der Auftrag auf
entsprechende Dokumente (Vereinbarungen, Normen, Richtlinien usw.), die
eingehalten werden müssen.
Unter den einzuhaltenden Richtlinien findet sich auch eine zur
Barrierefreiheit, welche entsprechende Mindestanforderungen enthält.
Ein weiteres Dokument beschreibt Regelungen mit Bezug auf die Abgeltung
von Sonderaufwendungen des Verlags für die Erstellung von
Barrierefreiheit, welche über die Mindestanforderungen hinausgeht.
45.03.02
Projektteam
Der Auftragnehmer stellt ein Entwicklungs- und Projektteam zusammen. Es
besteht aus externen Fachleuten und verlagsinternen Mitarbeitenden.
Dem Team könnten beispielsweise angehören:










Fachdidaktiker,
Lehrpersonen,
Autorinnen oder Autoren,
Sonderpädagogin,
Literaturhistorikerin,
Kunsthistoriker,
Filmexpertin,
Lektorat / Redaktion des Auftragsnehmers [Projektleitung],
Vertreter des Unternehmens, das für die technische Umsetzung
verantwortlich zeichnen wird (es kennt sich mit dem Enhanced eBooks und
seinen Funktionalitäten, den Standards, der Codierung und Validierung
usw. aus),304
eine Spezialistin oder ein Spezialist für die Produktion barrierefreier
elektronischer Dokumente.
45.03.03
Das Lehrmittel als Konzept auf Papier
Das Projektteam entwickelt das Lehrmittel-Konzept in enger Zusammenarbeit
unter Berücksichtigung des von den Mitgliedern des Projektteams
eingebrachten Wissens in den verschiedenen relevanten Bereichen. Man einigt
sich auf das nachfolgend zusammengefasste Konzept.

Das Lehrmittel umfasst 30 erzählende Texte, 24 davon sind in sich
geschlossene Werke, 6 Auszüge aus umfangreicheren
Erzählzusammenhängen (Romane) sowie 55 Gedichte.
304
Unter den Bedingungen des Enhanced eBook steht den Verlage und externen Dienstleistern
wahrscheinlich die Aufgabe bevor, ihre Geschäftsbeziehungen den neuen Gegebenheiten
anzupassen.
Seite 128 von 158










Man hat als eine obere Leitlinie festgesetzt, dass das Lehrmittel insofern
schlank sein soll, als es die Inhalte selber ins Zentrum des Interesses stellt
und kein „störenden Schnickschnack“ von der Aufmerksamkeit der
Schülerinnen und Schüler (und der Lehrkräfte) ablenken darf.
Die Texte werden in chronologischer Reihenfolge präsentiert.
Zu jedem Autor oder Autorin wird eine auf Wesentliches beschränkte
Kurzbiographie jeweils am Anfang der Texte eingefügt.
Illustrationen zu den Texten werden historischen illustrierten Ausgaben der
entsprechenden Texte entnommen; sie werden jeweils an der richtigen
Stelle „eingebaut“.
Auf Fotografien wird bewusst verzichtet.
Was die multimedialen Möglichkeiten des Enhanced eBooks betrifft, folgt
das Konzept der genannten oberen Leitlinie.
Drei kürzere Erzählungen und ein Romanauszug werden mit OriginaltonAufnahmen der entsprechenden Autorinnen und Autoren synchronisiert (→
Glossar Synchronisierung der Wiedergabe-Modi).
Bei drei Romanauszügen werden Szenen von Verfilmungen der Romane in
das Buch integriert; damit sie den Lesevorgang des entsprechenden
Romans nicht stören (unterbrechen), werden sie jeweils „abgesetzt“ am
Ende der Texte eingebettet.
Für von den Schülerinnen und Schülern wahrscheinlich nicht oder nicht
mehr verstandene Wörter, Ausdrücke und Wendungen sind Erklärungen im
elektronischen Dokument hinterlegt; diese können von den Schülerinnen
oder Schülern über die entsprechenden Links auf- respektive abgerufen
werden.
Fragen zum Text, Fragen zum Textverständnis, Fragen zu formalen
Eigenheiten und ähnliches werden nicht in das Lehrmittel für die
Schülerinnen und Schüler, sondern nur in der Version für die Lehrkräfte
erscheinen.
45.03.04
Das Konzept für das „Lehrerbeiheft“
Mit Bezug auf das „Beiheft“ für die Lehrkräfte einigt sich das Projektteam auf
folgendes Konzept:




Das „Lehrerbeiheft“ ist das um das Zusatzmaterial ergänzte Enhanced
eBook (→ Glossar), das den Schülerinnen und Schülern abgegeben wird.
Das Zusatzmaterial umfasst im Wesentlichen zwei verschiedene InhaltsKategorien.
In beiden Kategorien sind entsprechende sonderpädagogische Teile
enthalten.
Eine Kategorie ist ausschliesslich für die Lehrkräfte gedacht. Sie enthält
weiterführende Angaben zu den Autorinnen und Autoren, zu deren Texten
und ihren formalen Eigenheiten, zur Literaturgeschichte, zu den
Illustrationen und den Illustratorinnen, zu den Filmszenen und ihrer
Einbettung in die Filmgeschichte und ähnliches), Tipps, wie der „Stoff“
vermittelt werden kann usw.
Seite 129 von 158



Die andere Kategorie enthält die von den Autoren des Lehrmittels
vorgeschlagenen Fragen und Aufgaben (Fragen zum Text, Fragen zum
Textverständnis, Fragen zu formalen Eigenheiten, Aufforderung zur
Interpretation gewisser Stellen und ähnliches), welche die Lehrkraft den
Schülern in Prüfungen vorlegen oder als Hausaufgabe mitgeben kann.
Die Lehrkraft kann die zweite Kategorie als Gesamtes oder in seinen Teilen
isolieren und den Teil oder die Teile den Schülerinnen oder Schülern isoliert
abgeben.305
Die Schülerinnen oder Schüler können Ihre Antworten auf ihrem Gerät
eingeben, abspeichern, gegebenenfalls ausdrucken und dem Lehrerin oder
dem Lehrer gedruckt abgeben oder elektronisch übermitteln.
45.03.05
Herstellung
Für die technische Herstellung wird folgendes Vorgehen gewählt:306






Das „Lehrerbeiheft“, welches gleichzeitig die Schüler-Ausgabe und das dem
Lehrer abgegebene Zusatzmaterial mit den zwei Kategorien umfasst, wird
intern als Basis-Ausgabe betrachtet.
Die Schülerausgabe wird nachträglich in einem automatisierten Prozess aus
dem Ganzen extrahiert.
Alle Daten sind Ausgabeformat-neutral serverseitig abgelegt. Verschiedene
Ausgabeformate werden aus diesen Grundlage-Daten automatisiert in das
gewünschte Distributionsformat konvertiert.307
Korrekturen, Anpassungen oder spätere Revisionen des Lehrmittels können
in den Ausgabeformat-neutralen Grunddaten ohne grossen Aufwand
vorgenommen werden.
Für eine ins Auge gefasste Druckversion werden spezifische, das Layout
definierende Daten hinzugefügt.
Ausserdem wird entschieden werden müssen, wie man mit den OriginaltonAufnahmen und den eingebauten Filmszenen im Falle einer Druckausgabe
verfahren will; sie könnten beispielsweise auf eine mit der Druckversion
auszuliefernde DVD überspielt werden.
45.03.06
Autorenverträge, Rechte

Mit den Autoren oder Autorinnen des Lehrmittels werden Verträge
abgeschlossen, welche die Honorare und andere relevante Daten enthalten.
305
Der isolierte oder die isolierten Teile bilden wieder ein in sich geschlossenes Enhanced eBook
(→ Glossar); siehe auch oben das Kapitel EPUB Distributable Objects (30.03).
306
Der Prozess des Zusammentragens der Texte, des Zusatzmaterials, der Filmszenen und der
Originalton-Aufnahmen wird hier nicht speziell beschrieben. Auch die Frage, wie die Autoren die
von ihnen verfassten Texte erfassen und in welcher Form oder welchem Format sie diese dem
Verlag übergeben, ist nicht Bestandteil der vorliegenden Betrachtung.
307
Je nachdem, welche Distribution-Plattformen mit elektronischen Ausgaben bedient werden
sollen, können die Ausgabeformat-neutralen Daten in spezifische, von der Plattform benötigte
Formate konvertiert werden.
Seite 130 von 158


Die verschiedenen Rechte zu den ausgewählten Texten, den Filmszenen,
den Tonaufnahmen und den Illustrationen werden eingeholt, und die
notwendigen Vereinbarungen mit den Rechte-Inhabern werden getroffen.
Die entsprechenden Metadaten werden erfasst und den Ausgabeformatneutralen Daten hinzugefügt.
45.03.07
Distribution



Die Plattform, über die der Verlag das Produkt vertreiben will, wird mit dem
Produkt oder den Produkten sowie mit den notwendigen Angaben zu ihnen
(Metadaten) bedient.
Je nach Integrationsgrad des Systems werden die Zugriffsrechte verwaltet
und entsprechende Lizenzabrechnungen erstellt.
Kataloge (Metadatensammlungen) erhalten die von ihnen geforderten
Metadaten,308 damit die Endnutzer in ihnen (1) gezielt suchen, (2) das für
sie Richtige finden und (3) es [am angegebenen Ort] erwerben können.
45.04
Subsystem Barrierefreiheit
Wie oben beschrieben,309 ist eine Institution oder Organisation, die im Bereich
der Barrierefreiheit von elektronischen Dokumenten spezialisiert ist, im
Projektteam von Anfang an vertreten.





Der Vertreter oder die Vertreterin begleitet die Entwicklung des Lehrmittels
und steht dem Team bei Fragen, welche die Barrierefreiheit tangieren, zur
Verfügung.
Sie / er ist frühzeitig darüber informiert, wie das Lehrmittel konzipiert und
geplant ist.
Sie / er wird sicher stellen können, dass der Verlag die im Auftrag
festgelegten Mindestanforderungen an die Barrierefreiheit erfüllt.
Sie / er kann abschätzen, welche Elemente im geplanten Lehrmittel eine
spezielle Bearbeitung erfordern, die Spezialkenntnisse und -erfahrungen
erfordern, über welche der Verlag nicht verfügt.
In unserem fiktiven Beispiel könnten das zum Beispiel folgende Elemente
sein: Die Beschreibungen der Illustrationen, welche nicht nur das
Abgebildete beschreiben sollen, sondern auch den Stil der Illustrationen.
Einfügen von Captions (→ Glossar) in die Filmszenen. Die Hinzufügung von
Audiodeskription (→ Glossar) bei den eingebauten Filmszenen. Die
Synchronisation der Tonaufnahmen mit dem Text.310
308
Inklusive der Metadaten für die Beschreibung von Barrierefreiheit.
Siehe oben das Kapitel Projektteam (45.03.02).
310
Die Spezialisten werden ihrer Arbeit internationale Standards unterlegen, beispielsweise
Media Accessibility User Requirements / W3C Working Draft, 14 August 2014
(www.w3.org/TR/media-accessibility-reqs/) und die Media Accessibility Checklist
www.w3.org/WAI/PF/HTML/wiki/Media_Accessibility_Checklisthttp://www.w3.org/WAI/PF/HTML
/wiki/Media_Accessibility_Checklist.
309
Seite 131 von 158







Es ergibt sich daraus, was der Verlag mit Bezug auf die Herstellung von
Barrierefreiheit vom externen Dienstleister „einkaufen“ muss.
Der externe Dienstleister wird mit den Autoren und Entwicklern
zusammensitzen, um den Inhalt der Bildbeschreibungen respektive der
Audiodeskriptionen festzulegen.
Der externe Dienstleister produziert die vereinbarten Elemente.
Diese werden den Ausgabeformat-neutralen Daten hinzugefügt.
Der Verlag liefert das Produkt mit der eingebauten Barrierefreiheit aus.
Der externe Dienstleister stellt für seine Arbeit dem Verlag Rechnung.
Der Verlag zahlt die Rechnung, kann aber den Rechnungsbetrag insoweit
zurückfordern, als er Leistungen betrifft, die über die vom Verlag selber zu
erfüllenden Mindestanforderungen an Barrierefreiheit hinausgehen.
45.05
Subsystem Ausbildungsstätten für Lehrkräfte
45.05.01
Pädagogische Hochschulen
Infolge



der gesellschaftlich gewünschten Fortschritte bei der Inklusion (→ Glossar)
der damit eng verbundenen Forderung nach barrierefreien elektronischen
Lehrmitteln und
des allgemein zunehmenden Einsatzes von IKT in den Schulen
spielen die Ausbildungsstätten für Lehrkräfte eine wichtige Rolle im Ökosystem
Lehrmittel, insofern die Lehrkräfte über die benötigten IKT-Kompetenzen
sollten, um von ihnen im Unterreicht effizient Gebrauch machen zu können.
Hinsichtlich der Hauptthematik der vorliegenden Studie wäre zu wünschen,
dass Pädagogische Hochschulen den barrierefreien Zugangs zu Information
und Wissen in all seinen Aspekten und auf allen Stufen der Ausbildungsgänge
zum Thema machen.
Lehrkräfte sollten



die Grundprinzipien der Barrierefreiheit verstehen,311
über die IKT-Anwenderkenntnisse verfügen, welche für das Handling
elektronischer barrierefreier Lehrmittel notwendig sind und
darin unterrichtet werden, wie sie die von ihnen selber redigierten Texte
(Arbeitsblätter, Prüfungen usw.) barrierefrei erstellen können.
45.05.02
Sonderpädagogische Hochschulen
Infolge

der gesellschaftlich gewünschten Fortschritte bei der Inklusion (→ Glossar)
311
Siehe oben TEIL F GRUNDLEGENDES ZUR BARRIERFREIHEIT VON BÜCHERN IM DIGITALEN
ZEITALTER.
Seite 132 von 158



der damit eng verbundenen Forderung nach barrierefreien elektronischen
Lehrmitteln,
des hier vorgestellten Konzeptes des „barrierefrei geborenen „
elektronischen Lehrmittels und
des allgemein zunehmenden Einsatzes von IKT in den Schulen
sind auch die Sonderpädagogischen Hochschulen Akteure im „normalen“
Ökosystem und es ergibt sich der Bedarf für eine engere Zusammenarbeit
hinsichtlich der sonderpädagogischen und pädagogischen Belange.
Es ist daher erstrebenswert, dass an den Sonderpädagogischen Hochschulen
dem Thema der eAccessibility (→ Glossar) vermehrte Aufmerksamkeit
zugebilligt wird, insbesondere wäre wünschenswert, dass




vertiefte Kenntnisse über Barrierefreiheit und ihre Prinzipien vermittelt
werden.
Wissen im Umgang mit den Betriebssystemen und Anwendungen der IKT
mit Fokus Barrierefreiheit vertieft vermittelt werden,
Wissen im Umgang mit den Betriebssystemen und Anwendungen der IKT
mit Fokus auf die verschiedenen Behinderungsformen vertieft vermittelt
werden und
Sonderpädagogische Hochschulen respektive entsprechend kompetente
Sonderpädagoginnen oder Sonderpädagogen bei der Entwicklung von
barrierefreien elektronischen Lehrmitteln von Anfang beigezogen
werden.312
45.06
Subsystem Nutzer und Nutzerinnen
Mit Nutzerinnen oder Nutzern sind hier die Schülerinnen und Schüler mit
besonderem Bildungsbedarf (→ Glossar) respektive die Lehrkräfte im
Klassenzimmer gemeint.



Die Schülerinnen und Schüler sollten fähig sein respektive befähigt werden,
die Mittel der IKT so anzuwenden, dass sie Information und Wissen effizient
aufnehmen können.
Die Regelklassen-Lehrkräfte sollten, gegebenenfalls unterstützt von den
mit ihnen im integrativen Unterricht zusammenarbeitenden
sonderpädagogischen Fachkräften, in der Lage sein, die betroffenen
Schülerinnen und Schüler hinsichtlich der Verwendung barrierefreier
elektronischer Lehrmittel anzuweisen.
Die Regelklassen-Lehrkräfte sollten in der Lage sein, selber barrierefreie
elektronische Dokumente zu erstellen.313
312
Siehe oben das Kapitel Projektteam (45.03.02).
Es geht hier nicht um einen zusätzlichen von den Lehrkräften zu bewältigenden Arbeitsgang.
Lehrkräfte, die für ihre Klasse Arbeitsblätter und ähnliches elektronisch sowieso erfassen, sollen
es so tun (können), dass die Dokumente „barrierefrei geboren“ werden.
313
Seite 133 von 158
45.07
Subsystem Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz
Lehrpersonen sind von der Umsetzung der Sonderpädagogik im Licht des
Grundsatzes „Integration vor Separation“ von der Problematik zugänglicher
respektive unzugänglicher Lehrmittel unmittelbar betroffen. Unter den
gegenwärtigen Verhältnissen314 der Versorgung von Schülerinnen und
Schülern mit Lesebehinderung (→ Glossar) können sie diese nur unter
erheblich erschwerten Bedingungen integriert interrichten.
Die Lehrerinnen und Lehrer sind demnach neben den Schülerinnen und
Schülern die am meisten direkt betroffenen Akteure im Ökosystem.315
Das Thema barrierefreie IKT sollte deshalb auch auf der Ebene des
Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH)316 einen wichtigen Platz
in seinen Bemühungen einnehmen, wobei mit Vorteil auch die diversen
Sektionen, und Stufen- und Fachverbänden in die Behandlung des Themas
einbezogen werden, zum Beispiel via die Präsidentenkonferenz.
Die Präsidentenkonferenz ist das „strategische Führungsorgan des LCH“ und
ist aus Vertretern der Kantonalsektionen, der Stufen- und Fachverbände
respektive der entsprechenden Kommissionen, der Präsidenten oder
Präsidentinnen der assoziierten Organisationen sowie aus Mitgliedern der
Geschäftsleitung leitenden Mitarbeitenden des LCH zusammengesetzt.317
45.08
Subsystem Forschung
Bislang verfügen wir über sozusagen keine praktischen Erfahrungen mit
elektronischen Lehrmitteln, die barrierefrei von Verlagen auf den Markt
gebracht werden.
Der Nutzen solcher Lehrmittel muss sich erst noch erweisen. Ihre potentiellen
Mängel und die möglichen Verbesserungen sind zu evaluieren. Aus diesem
Grund wäre es wünschenswert, dass Barrierefreiheit im Allgemeinen, aber
insbesondere barrierefreie IKT an Universitäten, Pädagogischen,
Sonderpädagogischen und anderen Hochschulen, die sich mit Inklusion und
Integration beschäftigen, zum Thema der Forschung würde.
Dass das Thema in der Forschung relevant ist respektive werden könnte, legt
die beispielhaft angeführte nachfolgende Beschreibung des Lehrstuhls am
Institut für Erziehungswissenschaften318 im Bereich „Sonderpädagogik: Bildung
und Integration“ an der Universität Zürich nahe:
314
Siehe oben auch TEIL D ZUGÄNGLICHE LEHRMITTEL – DIE GEGENWÄRTIGE SITUATION.
Siehe dazu auch das Kapitel Integration in die Regelklasse – wie soll das funktionieren?
(08.05.03)
316
www.lch.ch/der-lch/der-lch-stellt-sich-vor/.
317
www.lch.ch/der-lch/praesidentenkonferenz/.
318
www.ife.uzh.ch/index.html.
315
Seite 134 von 158
„Lehre und Forschung am Lehrstuhl ‚Sonderpädagogik: Bildung und
Integration‘ beschäftigen sich schwerpunktmässig mit Erziehungs- und
Bildungsprozessen im Kontext von Behinderung und Heterogenität. Dazu
gehören einerseits die Analyse und empirische Erforschung von Lehr- und
Lernprozessen unter erschwerten Bedingungen sowie die Entwicklung von
Modellen und Konzepten, die es erlauben, die Lernprozesse von Kindern und
Jugendlichen, aber auch von Erwachsenen, mit unterschiedlichsten (Lern)Voraussetzungen und Interessen optimal zu fördern und zu unterstützen.
Andererseits liegt der Fokus auf der Analyse von Ein- und Ausschlussprozessen
im Bildungssystem. Hier geht es u.a. um Fragen von Integration bzw.
Inklusion und Separation, um die Erforschung von Gelingensbedingungen für
schulische Integration und um Fragen zum Umgang mit heterogenen
Lerngruppen.“319
Die Forschung könnte zu einem besseren Verständnis in verschiedenen
Bereichen der Entwicklung, der Verwendung und funktionalen Verbesserung
von Enhanced eBooks (→ Glossar) für Lesebehinderte (→ Glossar
Lesebehinderung) beitragen, zum Beispiel bezüglich




des parallelen / gleichzeitigen Einsatzes solcher Lehrmittel für Schüler und
Schülerinnen mit respektive ohne besonderen Bildungsbedarf im
Klassenverband,
des Einsatzes solcher Lehrmittel in Interventions-Modellen und –Projekten,
des Nutzens solcher Lehrmittel bei verschiedenen Formen der
Lesebehinderung (→ Glossar),
des Nutzens solcher Lehrmittel mit synchronisiertem Text und Audio (→
Glossar Synchronisierung der Wiedergabe-Modi) im Kontext von Deutsch
als Zweitsprache (DaZ).
45.09
Subsystem Behindertenwesen
Infolge






319
320
der gesellschaftlich gewünschten Fortschritte bei der Inklusion (→ Glossar)
der damit eng verbundenen Forderung nach barrierefreien elektronischen
Lehrmitteln,
der von den IKT geschaffenen Möglichkeiten der Integration von TEXT, TON,
BILD und VIDEO (→ Glossar Widergabe-Modi, Wahrnehmungskanäle,
Synchronisierung der Wiedergabe-Modi),
der dadurch obsolet werdenden Fokussierung auf „einzelne
Barrierefreiheiten“ für spezifische Behinderungsarten,
der von der Schweiz ratifizierten UNO-Konvention zu den Rechten von
Menschen mit Behinderungen,320
der Integration aller Arten von Behinderungen in internationalen
Standards für Barrierefreiheit,
www.ife.uzh.ch/research/sbi.html.
Siehe oben das Kapitel Die UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities (07.10).
Seite 135 von 158


des hier vorgestellten Konzeptes „barrierefrei geborener“ elektronischer
Lehrmittel und
des allgemein vorangetriebenen Einsatzes von IKT in den Schulen
ist einsichtig, dass sich das Behindertenwesen in der Schweiz als ein wichtiger
Akteur im Ökosystem barrierefrei geborener elektronischer Lehrmittel
auffassen sollte.
Es ist daher wünschenswert, dass sich das Behindertenwesen als Ganzes im
Blick auf die Umsetzung der UNO-Konvention der eAccessibility (→ Glossar)
oder eInclusion (→ Glossar) entschieden zuwendet.
Idealerweise sollte dieses Desiderat


auf gesamtschweizerischer übergeordneter Verbund-Ebene,321 aber
insbesondere auch
auf der Ebene der betroffenen Menschen und der sie vertretenden
Organisationen
als Thema aufgenommen werden.
Der zweite erwähnte Punkt betrifft ein vordringliches Postulat, nämlich dass
die Ansprüche der verschiedenen Arten von Lesebehinderung (→ Glossar) an
barrierefreie IKT an einem „Ort“ zusammengetragen und gebündelt werden.
Darauf aufbauend, liessen sich konsistente schlüssige nationale Konzepte und
Strategien entwickeln, die einen Nutzen für alle stiften.
Das Querschnitt-Thema Barrierefreie IKT322 lässt sich unter dem Ansatz
eines Managements by Fragmentierung kaum erfolgreich behandeln. Ein
holistischer Ansatz verspricht bei geringerem Aufwand einen um ein Vielfaches
gesteigerten Nutzen. Das bezieht sich einerseits auf TECHNOLOGIE (technische
Dimension des Themas), andererseits aber auch auf POLITIK (politische
Dimension des Themas).323
45.10
Subsystem Standardisierungen
Der erfolgreiche Einsatz von IKT beruht auf Standardisierungen. Es ist
offensichtlich, dass die Standard-Entwicklung im Ökosystem barrierefreie
elektronische Lehrmittel eine wichtige Akteurin ist.
321
INTEGRATION HANDICAP (www.integrationhandicap.ch/de/) hat zu ihrer Rolle ein Konzept
zur „Förderung und Überwachung der Umsetzung der Uno-Konvention“ in der Schweiz erarbeitet
(siehe www.integrationhandicap.ch/images/2014_UNO-BRK_Monitoring_DOK_D.pdf).
322
Siehe beispielsweise die bereits oben erwähnte Studie Putting e-Accessibility at the Core of
Information Systems. A G3ict Business Case White Paper Series. 2013.
(www.braillenet.org/documents/G3ICT-White-Paper-eAccessibility-at-the-core-of-IS.pdf).
323
Siehe dazu unten das Kapitel Standards auf politischer Ebene (45.09.03).
Seite 136 von 158
45.10.01
Internationale technische Standards
Im Kontext der Frage nach dem Zugang zu Information, Bildung und Wissen
stehen die globalen Standards des W3C für das Internet sowie die Standards
des International Digital Publishing Forum (IDPF)324 für elektronische
Publikationen im Vordergrund.325
Ihre Verbreitung und Wirkungskraft hängt wesentlich davon ab, dass sie
weltweit anwendbar sind, wozu gehört, um ein Einzelbeispiel zu geben, dass
sie alle Sprachen und Schriftsysteme unterstützen. Auch ihre Offenheit ist ein
Erfolgskriterium. „Offenheit“ bezieht sich sowohl auf das von jedermann
beanspruchbare Recht auf kostenlose Nutzung als auch auf die Einladung an
jeden oder jede, sich an der Entwicklung der Standards zu beteiligen.
Die internationalen Entwicklungen geben Richtungen vor und erlauben bei
entsprechender Erfahrung auch eine Einschätzung ihrer globalen
Erfolgsaussichten.
Es empfiehlt sich daher,



sie pro-aktiv zu verfolgen,
sich in sie einzubringen und
sie im lokalen oder nationalen Umfeld auf ihren potentiellen Nutzen hin zu
evaluieren.326
45.10.02
Nationale und regionale technische Standards
Im Fall der grundlegenden Vermittlungstechnologien von Information, Wissen
und Bildung – per se überall auf der Welt in gleicher oder ähnlicher Weise
relevant – kann eine Strategie, bei der auf regionaler oder nationaler Ebene
das Rad neu erfunden wird, kaum als erfolgsversprechend angesehen werden.
Es ist daher zu empfehlen, dass nationale oder regionale Standards sich
internationalen anschliessen und, wenn notwendig und erwünscht, nationalen
und regionalen Besonderheiten subsidiär Rechnung tragen. Entsprechende
technische Standards werden von den dafür vorgesehenen oder geschaffenen
Standardisierungsgremien der Öffentlichen Hand, soweit diese dafür zuständig
ist, erarbeitet. Diese Gremien stützen sich dabei im Allgemeinen auf politisch
vorgegebene Normen.
324
Das W3C ist sehr aktiv im Bereich der Standardisierungen für Barrierefreiheit. IDPF setzte
Barrierefreiheit von Anfang als eines der Hauptziele der EPUB 3 – Standardisierung fest.
325
Die vom IDPF entwickelten Standards (EPUB) bauen wesentlich auf W3C-Standards auf,
woraus sich, technologisch gesehen, eine enge Verwandtschaft zwischen ihnen ergibt. Siehe
dazu auch oben das Kapitel Die eBook – Landschaft (26).
326
Tuomas Kilpi vom finnischen Verlagshaus Finn Lectura antwortete auf die Frage: “Why did
Finn Lectura decide to join IDPF? Has this been helpful for your business?” wie folgt: „As the
standard-setting authority IDPF is the forum where formats like EPUB and EDUPUB are crafted.
Being part of this process is vital to us. We have been able to hone our expertise in e-publishing
and we have a much clearer vision of where the whole industry is going—and where we want to
be in a few years’ time.” (http://publishingperspectives.com/2014/09/publishing-in-finlandtuomas-kilpi-finn-lectura/, 23. September 2014).
Seite 137 von 158
45.10.03
Standards auf politischer Ebene
Die Politik setzt Standards auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene.
Dies schlägt sich im Wesentlichen in Verfassungen, Gesetzen, Verordnungen
und nieder.
Mit Bezug auf die Weiterentwicklung des Behindertengleichstellungsrechts
respektive seiner tatsächlichen Durchsetzung sowie mit Bezug auf die
beginnende Umsetzung der UNO-Konvention zu den Rechten von Menschen
mit Behinderungen empfiehlt es sich, insbesondere für das Behindertenwesen,
sich dafür einzusetzen, dass das Querschnitt-Thema Barrierefreie IKT unter
einem gesamtheitlichen Ansatz schlüssig und systematisch in die
Vernehmlassungsprozesse auf der Ebene des Bundes, der Kantone und der
Kommunen eingebracht werden,327 um so mehr als die UNO-Konvention auf
allen staatlichen Ebenen anwendbar ist.
327
Siehe dazu oben das Kapitel Subsystem Behindertenwesen (45.09).
Seite 138 von 158
TEIL J
WEM NÜTZEN BARRIEREFREIE ELEKTRONISCHE
LEHRMITTEL ODER DOKUMENTE IM EPUB 3 –
FORMAT?
46
Vorspann
Obschon die vorliegende Studie die Lehrmittel und deren Barrierefreiheit in
das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit rückt, ist doch mit Nachdruck
hervorzuheben, dass alle Arten von Dokumenten – ob kurz oder lang,
komplex oder einfach – gemäss dem Industriestandard für elektronische
Publikationen EPUB 3 erstellt werden können, also auch „barrierefrei geboren“
werden können.
Eine unabsehbare Menge nicht barrierefreier elektronischer Dokumente
werden auf Webseiten Privater, aber auch der Öffentlichen Hand publiziert.
So mag die Frage erlaubt sein: Ist eine zugängliche Webseite, auf der
unzugängliche elektronische Dokumente abgelegt sind, barrierefrei?
Wenn im Folgenden der Fokus wiederum auf den Lehrmitteln liegt, ist dennoch
immer mit zu bedenken, dass elektronische Lehrmittel in der Form des
Enhanced eBooks (→ Glossar) lediglich eine besonders komplexe Variante
einer elektronischen Publikation sind.
47
Wem nützen barrierefreie EPUB 3 – Lehrmittel?
47.01
Lernende mit einer Lesebehinderung
Die Lernenden mit einer Lesebehinderung (→ Glossar) profitieren vom
barrierefreien elektronischen Lehrmittel, weil




sie Lehrmittel (oder andere elektronische Bücher und Dokumente) zum
gleichen Zeitpunkt wie ihre nicht-behinderten Kolleginnen und Kollegen
lesen können,
sie die Lehrmittel nutzen, lesen und verstehen können wie ihre nichtbehinderten Kollegen und Kolleginnen,
sie ihre Geräte / Lesesysteme so einstellen können, dass ihnen diese den
Inhalt in der auf sie zugeschnittenen Form wiedergeben,
sie damit gegenüber ihren Mitschülern oder Mitschülerinnen nicht mehr
benachteiligt werden,
Seite 139 von 158



die Quantität und Qualität zugänglicher Lehrmaterialien steigt,
sie eine bessere Ausbildung geniessen können,
sie dadurch auf dem Arbeitsmarkt erhöhte Chancen haben.
47.03
Verlage
Den Verlagen nützt das barrierefreie elektronische Lehrmittel im EPUB 3 Format, weil






sie mit dem Standard einen zukunftsträchtigen und nachhaltigen
Referenzpunkt haben, der sie vor dem Risiko der Formatwahl weitgehend
befreit,
sie verschiedene ausdifferenzierte Verwertungskanäle bedienen können,
sie mehr Leser und Leserinnen haben werden,
die integrierten multimedialen und funktionalen Möglichkeiten des digitalen
Lehrmittels einen grossen pädagogischen und didaktischen Mehrwert
schaffen (können),
die Synchronisation von TEXT und AUDIO insbesondere für den
Fremdsprachenunterricht neue Perspektiven eröffnet,328
ihre Produkte für alle, Lesebehinderte und nicht-behinderte Lernende
attraktiv sind.
47.03
Regelklassen-Lehrkräfte und sonderpädagogische Fachkräfte
Die Lehrerinnen und Lehrer von Regelklassen sowie die sonderpädagogischen
Fachkräfte, die jene beim integrativen Unterricht unterstützen, profitieren, weil



sie sich viel weniger mit Spezialformaten, überflüssigen assistierenden
Technologien und lästigen zeitraubenden Inkompatibilitäten herumschlagen
müssen,
der integrative Unterricht dadurch erheblich gefördert wird und
sie mehr Zeit für den Stoff und seine didaktischen Vermittlung zur
Verfügung haben.
47.04
Kantone
Die Kantone profitieren, weil

sie ihrem öffentlichen Bildungsauftrag unter Einschluss der
Sonderpädagogik besser nachkommen können,
328
Dabei ist beispielsweise auch an das „Fach“ Deutsch als Zweitsprache (DaZ) für Schülerinnen
und Schülern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist (Kinder mit Migrationshintergrund) zu
denken. Darüber hinaus kann der reine Audio-Output auch im Kontext der Lektüre und
Informationsvermittlung für Lese-Unkundige (siehe dazu für eine Übersicht das Stichwort
Analphabetismus: http://de.wikipedia.org/wiki/Analphabetismus) äusserst wertvoll sein.
Seite 140 von 158




sie das politische Ziel der Inklusion (→ Glossar) mittels der eInclusion (→
Glossar) nachhaltig fördern,
die verbesserte Ausbildung der betroffenen Schülerinnen und Schüler deren
Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt fördert,
die von ihnen zu finanzierende Herstellung barrierefreier Lehrmittel
kostengünstiger werden,
die barrierefreien Lehrmittel einem im Vergleich zur aktuellen Situation viel
grösseren Kreis von Schülerinnen und Schülern mit einem besonderen
Bildungsbedarf (→ Glossar) zugutekommen.
Seite 141 von 158
TEIL K
GLOSSAR
Das folgende Glossar enthält in alphabetischer Reihenfolge


Begriffe, die in den Diskussionen rund um Barrierefreiheit geläufig sind und
deshalb in der vorliegenden Studie immer wieder verwendet werden, und
Begriffe, die in den Zusammenhang mit den rechtmässigen Ansprüchen
von Menschen mit Behinderungen gehören.
In den ausführenden Texten unterstrichene Begriffe verweisen auf die
entsprechenden Einträge im Glossar.
48
Abspielsystem
Die Begriffe „Abspielsystem“, „Lesesystem“, „Wiedergabesystem“ werden
synonym verwendet. Sie bezeichnen Software, die den Inhalt eines eBooks
vermittelt, zum Beispiel auf einem dedizierten eBook-Reader, auf einem PC,
einem Smartphone oder einem Tablet. Die Abgrenzung zwischen Software und
Hardware wird im allgemeinen Sprachgebrauch nicht immer eingehalten.
49
Access Enhanced EPUB 3
Wir sprechen von einem Access Enhanced eBook, wenn Verlage hinsichtlich
Barrierefreiheit besonders komplexe Elemente in ihren Büchern von auf die
Produktion von Zugänglichkeit spezialisierte Organisationen optimieren lassen,
bevor das Produkt fertigstellt und danach auf den Markt gebracht wird.
50
Assistive Technology
Siehe Universal Design und Assistive Technology.
51
Audiodeskription
Filme (Kino, Fernsehen, Video) können mit einer Audiodeskription
(vornehmlich für blinde und sehbehinderte Menschen) versehen werden. Diese
beschreibt wichtige, für das Verständnis des Filmes relevante Ereignisse oder
Bilder, die nur visuell wahrgenommen werden können.
Seite 142 von 158
52
Ausbildung, Anspruch auf
In der Bundesverfassung ist der Anspruch auf Grundschulunterricht für
Menschen mit und ohne Behinderung abgedeckt: „Der Anspruch auf
ausreichenden und unentgeltlichen Grundschulunterricht ist gewährleistet (Art.
19). - Die Kantone sorgen für eine ausreichende Sonderschulung aller
behinderten Kinder und Jugendlichen bis längstens zum vollendeten 20.
Altersjahr“ (Art 62, Abs. 3).
53
Barrierefreie elektronische Dokumente
Als barrierefrei bezeichnen wir ein elektronisches Dokument, wenn es in allen
seinen Funktionalitäten sowohl mit den Augen und/oder den Ohren und/oder
den Fingern gelesen werden kann (Wahrnehmungskanäle). Dasselbe
elektronische Dokument kann von Lernenden mit oder ohne Einschränkungen
im selben Mass und ohne Einbussen effektiv gelesen werden (Universal
Design). Dasselbe Produkt bedient alle Schülerinnen und Schüler, auch jene
mit einer Lesebehinderung. Wenn notwendig, setzen letztere zusätzlich eine
Assistive Technology ein.
54
Behinderung
54.01
Das medizinische und das soziale Modell von Behinderung
In den vergangenen etwa zwanzig Jahren hat sich zur medizinischen Definition
von Behinderung die systemische hinzugesellt. In gesamtgesellschaftlichen
Zusammenhängen steht das systemische Modell der Behinderung mehr und
mehr im Vordergrund.
Im Folgenden werden für die beiden Modelle die Definitionen des Bundesamtes
für Statistik zitiert:329
54.01.01
Das medizinische Modell von Behinderung
„Die Behinderung ist ein individuelles medizinisches Problem einer Person,
deren Körper dauerhaft geschädigt ist. Die Antwort auf dieses Problem findet
sich vor allem in der Pflege und/oder in spezifisch an diese Person
angepassten Hilfsmitteln.“
329
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/news/publikationen.html?publicationID=3788.
Seite 143 von 158
54.01.02
Das soziale Modell von Behinderung
„Die Behinderung ist ein kollektives Problem der Gesellschaft, das mit der
Tatsache zusammenhängt, dass das gesellschaftliche Umfeld (kulturell,
institutionell, baulich usw.), in dem sich eine Person mit einem dauerhaften
Gesundheitsproblem bewegt, ihr nicht erlaubt, ein voll integriertes soziales
Leben zu fuhren. Die Antwort auf dieses Problem ist in erster Linie kollektiv,
indem das Umfeld angepasst werden muss, um die Barrieren zu entfernen, die
der vollen Beteiligung dieser Person an allen Aspekten des gesellschaftlichen
Lebens im Wege stehen.“
54.02
„Behinderung“ in Gesetzen oder gesetzähnlichen Erlassen
Behindertengleichstellungsgesetz, Art. 2.1: „In diesem Gesetz bedeutet
Mensch mit Behinderungen (Behinderte, Behinderter) eine Person, der es eine
voraussichtlich dauernde körperliche, geistige oder psychische
Beeinträchtigung erschwert oder verunmöglicht, alltägliche Verrichtungen
vorzunehmen, soziale Kontakte zu pflegen, sich fortzubewegen, sich aus- und
fortzubilden oder eine Erwerbstätigkeit auszuüben.“
Interkantonale Vereinbarung über die Zusammenarbeit im Bereich der
Sonderpädagogik („Sonderpädagogik-Konkordat“), Terminologie:
„Schädigung von (physiologischen oder psychischen) Körperfunktionen
und/oder Beeinträchtigung einer Aktivität und/oder Beeinträchtigung der
Partizipation als Ergebnis der Interaktion zwischen Gesundheitsmerkmalen und
Kontextfaktoren (personenbezogene Faktoren und Umweltfaktoren). Sie ist im
Bereich der Sonderpädagogik relevant, wenn sich daraus ein besonderer
Bildungsbedarf ableitet.“
Bundesamt für Sozialversicherung, BSV, Kreisschreiben über die
Beiträge an Organisationen der privaten Behindertenhilfe [Art 74
IVG], 2014, Randziffer 1003]: „Als Behinderte im Sinne von Art. 74 IVG
gelten Personen, die in den letzten 10 Jahren eine individuelle IV-Leistung
(medizinische Massnahmen, Abgabe von Hilfsmitteln, Früherfassung und
Frühintervention, Integrationsmassnahmen, Massnahmen beruflicher Art,
Taggelder als akzessorische Leistung, Invalidenrenten, HilflosenEntschädigungen) oder eine von einer zuständigen kantonalen Behörde
angeordnete sonderpädagogische Massnahme im Sinne der Art. 4 - 6 der
Interkantonalen Vereinbarung über die Zusammenarbeit im Bereich der
Sonderpädagogik vom 25. Oktober 2007 bezogen haben.“
55
Benachteiligung
Die Bundesverfassung Art. 8, Absatz 4 schreibt vor: „Das Gesetz sieht
Massnahmen zur Beseitigung von Benachteiligungen der Behinderten vor.“
Seite 144 von 158
Gemäss dem Behindertengleichstellungsgesetz, Art. 2.2 liegt eine
Benachteiligung vor, „wenn Behinderte rechtlich oder tatsächlich anders als
nicht Behinderte behandelt und dabei ohne sachliche Rechtfertigung schlechter
gestellt werden als diese, oder wenn eine unterschiedliche Behandlung fehlt,
die zur tatsächlichen Gleichstellung Behinderter und nicht Behinderter
notwendig ist.“
56
Besonderer Bildungsbedarf
Ein solcher liegt gemäss der Interkantonalen Vereinbarung über die
Zusammenarbeit im Bereich der Sonderpädagogik („SonderpädagogikKonkordat“), Art. 3, vor, „(1) bei Kindern vor der Einschulung, bei denen
festgestellt wird, dass ihre Entwicklung eingeschränkt oder gefährdet ist oder
dass sie dem Unterricht in der Regelschule ohne spezifische Unterstützung
aller Wahrscheinlichkeit nach nicht werden folgen können; (2) bei Kindern und
Jugendlichen, die dem Lehrplan der Regelschule ohne zusätzliche
Unterstützung nachweislich nicht, nicht mehr oder nur teilweise folgen
können; (3) in weiteren Situationen, in denen die zuständige Schulbehörde bei
Kindern und Jugendlichen nachweislich grosse Schwierigkeiten in der
Sozialkompetenz sowie im Lern- oder Leistungsvermögen feststellt. - Bei der
Evaluation zur Feststellung eines besonderen Bildungsbedarfs wird der Kontext
mitberücksichtigt.“
57
Bildungschancen
Das Berufsbildungsgesetz, Art. 3. lit. c sagt: „Dieses Gesetz fördert und
entwickelt: c. den Ausgleich der Bildungschancen in sozialer und regionaler
Hinsicht, die tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann sowie die
Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen.“
58
Blindenschriftzeile
Computer-Ausgabegerät, das Zeichen in Blinden- oder Brailleschrift anzeigt.
Üblicherweise werden sie durch Screen Reader angesteuert.
59
Braille-Zeile
Siehe Blindenschriftzeile.
Seite 145 von 158
60
Bundesverfassung Art. 8
Die Bundesverfassung äussert sich in Artikel 8 in vier grundlegenden
Absätzen zur Rechtsgleichheit: „1 Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. 2
Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der
Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der
Lebensform, der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung
oder wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung. 3
Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und
tatsächliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann
und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. 4 Das
Gesetz sieht Massnahmen zur Beseitigung von Benachteiligungen der
Behinderten vor.“
61
Caption
“Caption” bezeichnet die Technologie, mittels der AUDIO (Filme, Video,
Vorträge) in TEXT übertragen und dargestellt wird, so dass der Inhalt auch
gehörlosen oder gehörschwachen Personen zugänglich wird. Man spricht von
„closed caption“, wenn das Sichtbarmachen des Textes vom Nutzer „aktiviert“
werden muss; dagegen steht „open caption“. Die terminologischen
Abgrenzungen zu „Untertitel“ (Übersetzung des Dialogs im Film in eine andere
Sprache) wird nicht immer und überall gemacht.
62
Chancengleichheit
“Chancengleichheit” bezeichnet ein Ideal, bei dem jedes Mitglied einer
Gesellschaft die gleiche Chancen hat, sich gemäss seinen Begabungen und
Fähigkeiten voll zu entfalten.
Bundesverfassung, Art. 2, Abs. 3: „Sie [die schweizerische
Eidgenossenschaft] sorgt für eine möglichst grosse Chancengleichheit unter
den Bürgerinnen und Bürgern.“
Im Zusammenhang mit den Herausforderungen, welche die Informations- und
Kommunikationstechnologien (IKT) an die Gesellschaft stellen, stehen die
folgenden Verweise.
Strategie des Bundesrates für eine Informationsgesellschaft in der
Schweiz, 1998: „Die Informationsgesellschaft hat das Potenzial, die
Beschäftigungslage, die Lebensqualität und die Einbindung von Behinderten,
Alten und Minoritäten zu verbessern. - A. Zugang für alle: Alle Einwohnerinnen
und Einwohner der Schweiz sollen chancengleichen Zugang zu den IKT
erhalten, um sie ihren Bedürfnissen entsprechend nutzen zu können.
Chancengleich ist der Zugang dann, wenn er unabhängig von Ort und Zeit, auf
Seite 146 von 158
allen Ebenen und zu erschwinglichen Preisen gewährleistet ist. B. Befähigung
aller: Der technische und inhaltliche Umgang mit den IKT soll zu einer
Grundkompetenz des täglichen Lebens werden. Die ständige Aus- und
Weiterbildung auf allen Bildungsstufen ist ein Grundpfeiler der
Informationsgesellschaft.“
Strategie des Bundesrates für eine Informationsgesellschaft in der
Schweiz, 2012, Handlungsgrundsätze]: „Im Zentrum der
Informationsgesellschaft steht der Mensch. Alle Menschen sollen die IKT im
privaten wie beruflichen Leben zu ihrem Nutzen und ihrer Weiterentwicklung
einsetzen können. Voraussetzung dafür sind ein chancengleicher, barriereund diskriminierungsfreier Zugang aller zu den IKT und ein kompetenter
Umgang der Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz mit den IKT. Dies
bedingt die Berücksichtigung der Bedürfnisse auch von potenziell
benachteiligten Bevölkerungsgruppen beim Einsatz der IKT sowie ein
lebenslanges Lernen aller.“
63
Digital Divide
Der gegen das Ende des 20. Jahrhunderts in der öffentlichen Diskussion
auftauchende Begriff bezeichnet die Kluft zwischen jenen, die Zugang zum
Internet und den IKT haben, und jenen, die diesen Zugang nicht haben. Dieser
Zugang, so die These, wird wesentlich von sozio-ökonomischen Faktoren
(mit)bestimmt, was sich auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung auswirkt.
Durch den Zugang zu IKT verbessern sich die sozialen und wirtschaftlichen
Chancen des Individuums. – Der Begriff wird im Allgemeinen nicht mit dem
Zugänglichkeitsproblem der IKT für Menschen mit Behinderungen assoziiert,
sondern wird auf andere Trennlinien wie „arm/reich“, „alt/jung“, „gut/schlecht
ausgebildet“, „Norden/Süden“ usw. angewandt. – Von der Sache her ist der
Begriff allerdings auf die Gruppe der Menschen mit Behinderungen durchaus
auch anwendbar.
64
Diskriminierungsverbot
Die Bundesverfassung Art. 8, Absatz 2, schreibt vor: „Niemand darf
diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des
Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform,
der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung oder wegen
einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.“
Seite 147 von 158
65
eAccessibility
Der Begriff „eAccessibility“ bezeichnet die Notwendigkeit, die beim Einsatz von
Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) entstehenden Barrieren
für Menschen mit Behinderungen abzubauen, welche die Zugänglichkeit von
IKT-Anwendungen, Produkten und Dienstleistungen verunmöglichen oder
erheblich erschweren.
66
eInclusion
Benennt das Postulat, dass Informations- und Kommunikationstechnologien
für alle, auch für Menschen mit einer Lesebehinderung barrierefrei zugänglich
sind (vgl. auch eAccessibility).
67
Enhanced eBook
Während das eBook, wie man es heute noch hauptsächlich kennt, im
Wesentlichen die digitale Kopie des gedruckten Buches ist, bezeichnet der
Begriff Enhanced eBook zwar weiterhin buchbasierte Produkte, „die aber
zusätzlich um Medien und Funktionen angereichert sind, die über die üblichen
Möglichkeiten von Buch/eBook hinausgehen.“330
68
Inclusive Publishing
Unter Inclusive Publishing wird hier ein System des Publizierens verstanden,
bei dem Barrierefreiheit entlang der ganzen Verwertungskette von der
Produktion über die Distribution zur Bezahlung und zur Rezeption des Produkts
von Anfang an mit „eingebaut“ ist.
69
Inklusion
„Inklusion“ bezeichnet ein sozialethisch begründetes Postulat, gemäss dem
jeder Mensch unabhängig von seinen „Stärken“ oder „Schwächen“ von der
Gesellschaft akzeptiert ist und an ihr teilhaben und aktiv teilnehmen kann. In
allen Lebensbereichen sollen Unterschiede und Abweichungen „von der Norm“
nicht als etwas Besonderes angesehen werden, sondern als Ausdruck der
Vielfalt des Menschseins.
330
Harald Henzler, Fabian Kern: Mobile Publishing. Enhanced eBooks, Apps & Co. Walter de
Gruyter. Berlin/Boston, 2014.
Seite 148 von 158
70
Kommunikation und Sprache
Im Kontext der Barrierefreiheit sind die Begriffe „Kommunikation“ und
„Sprache“ zu definieren, da je nach Behinderung verschiedene „Sprachen“
und/oder Kommunikationstechniken verwendet werden. Die UN Convention on
the Rights of Persons with Disabilities (Art. 2) gibt folgende Definitionen:
“Communication includes languages, display of text, Braille, tactile
communication, large print, accessible multimedia as well as written, audio,
plain-language, human-reader and augmentative and alternative modes,
means and formats of communication, including accessible information and
communication technology; Language includes spoken and signed
languages331 and other forms of non spoken languages.”
71
Künstliche Sprachausgabe
Siehe Text-to-Speech.
72
Lesebehinderung
Behinderung, die das Lesen erschwert oder verunmöglicht. Der Begriff
„Lesebehinderter“ ist die Übersetzung eines ursprünglich englischen (USA)
Begriffs: “Print disabled, noun; print-disabled, adjective: a person who cannot
effectively read print because of a visual, physical, perceptual, developmental,
cognitive, or learning disability.”332
Es gibt sehr verschiedene Arten von Lesebehinderungen. Sie lassen sich grob
wie folgt klassieren:333









Sehbeeinträchtigung und Blindheit,
Hörbehinderung,
Hörsehbehinderung und Taublindheit,
Dyslexie (Legasthenie) und Dyskalkulie,
Dyspraxie,
Querschnittlähmung,
Psychische Behinderung,
Autismus-Spektrum-Störung,
Geistige Behinderung / Kognitive Beeinträchtigung,
331
Siehe dazu beispielsweise http://selbstbestimmung.ch/kultur-sport/video-gebaerdensprachevon-sprechenden-haenden-und-tauben-rappern/: „Die Gebärdensprache wurde lange Zeit als
Sprache der ‚Taubstummen‘ wahrgenommen. Dass ein Gehörloser nicht stumm ist, auch nicht,
wenn er die uns vertraute Lautsprache nicht spricht, ist nicht allgemein anerkannt.“
332
www.readingrights.org/definition-print-disabled
333
Die Aufzählung folgt dem Bericht zur Erarbeitung und Überprüfung von Anträgen zum
Nachteilsausgleich: Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderung in der Berufsbildung,
SDBB. Bern, 2013.
Seite 149 von 158

Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts-)Störung [ADHS]
73
Lesesystem
Siehe Abspielsystem.
74
Medien
Im vorliegenden Zusammenhang ist die Definition des Begriffs im Wort MultiMedia gut fassbar: TEXT, AUDIO, BILD und VIDEO sind „Medien“. Alle oder ein
Teil von ihnen können in einem Produkt, zum Beispiel auf einer Webseite oder
in einem elektronischen Dokument, eingebettet sein.
75
Nachteilsausgleich
Lexikon der Berufsfbildung:334 „Lernenden mit Behinderung dürfen in der
beruflichen Grundbildung und in der höheren Berufsbildung beim Lernen und
bei Qualifikationsverfahren auf Grund der Behinderung keine Nachteile
entstehen. Leistungsanforderungen werden dem individuellen,
behinderungsbedingten Förderbedarf entsprechend differenziert gestaltet. Mit
dem Nachteilsausgleich, der die Prüfungserleichterungen ablöst, wird die
rechtliche Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in der Berufsbildung
umgesetzt.“335
76
Navigierbarkeit
Ein elektronisches Dokument muss navigierbar sein, damit sich ein
Lesebehinderter im Dokument als Informationssystem orientieren und
zielgerecht „bewegen“ kann. Dies gilt sowohl für das Dokument in seiner
Grobstruktur, zum Beispiel seine Kapitelabfolge und die Hierarchie der Kapitel,
als auch für einzelne Elemente seiner Feinstruktur, beispielsweise Tabellen,
mathematische Formeln usw. – Die Navigierbarkeit als grundlegendes
Kriterium der Barrierefreiheit muss auch von den Abspielsystemen
334
www.berufsbildung.ch/dyn/11014.aspx?lang=DE&action=detail&value=484&lex=0Navigierbarke
it
335
Siehe dazu auch die Empfehlung Nr. 7 der Schweizerischen Berufsbildungsämter-Konferenz
(SBBK) vom 17. September 2014 zum Nachteilsausgleich (www.sbbk.ch/dyn/bin/20100-223071-empfehlung_layout_d-1.pdf).
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gewährleistet sein. Es muss so gebaut sein, dass es der Nutzer oder die
Nutzerin selbständig steuern kann.
77
Ökosystem
Der Begriff verdeutlicht, dass der Erfolg eines Gesamtsystems von den
Zusammenhängen und Interdependenzen zwischen den Elementen abhängt,
die das Ökosystem bilden. Erst das nahtlose und hindernisfreie
Zusammenspiel der Elemente führt zum Erfolg.
Ein Beispiel: ein nach allen Regeln der Kunst hergestelltes barrierefreies
elektronisches Dokument kann von einem Lesebehinderten nicht effektiv
gelesen werden, wenn die Bediener-Oberfläche des Abspielsystems selber
unzugänglich ist.
78
Prüfungserleichterung
Siehe Nachteilsausgleich.
79
Reasonable Accommodation
Ein Begriff, der in der UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities
(Definitions, Art. 2) wie folgt definiert ist: "’Reasonable accommodation’
means necessary and appropriate modification and adjustments not imposing
a disproportionate or undue burden, where needed in a particular case, to
ensure to persons with disabilities the enjoyment or exercise on an equal basis
with others of all human rights and fundamental freedoms.”
80
Rechtsgleichheit
Die Bundesverfassung Art. 8, Absatz 1, hält fest: „Alle Menschen sind vor dem
Gesetz gleich.“
81
Screen Reader
Vorlese-Anwendung, welche den Inhalt eines elektronischen Dokumentes
akustisch ausgibt oder ihn taktil darstellt. Siehe auch Text-to-Speech und
Blindenschriftzeile. Ein Screen Reader ist eine Assistive Technology.
Seite 151 von 158
82
Sonderpädagogische Massnahmen
Die Interkantonale Vereinbarung über die Zusammenarbeit im Bereich der
Sonderpädagogik („Sonderpädagogik-Konkordat“) unterscheidet zwei Grade
von sonderpädagogischen Massnahmen, das Grundangebot (Art. 4) und
Verstärkte Massnahmen (Art. 5). Letztere kommen zur Anwendung, wenn das
Grundangebot nicht ausreicht. – Siehe auch Ausbildung.
83
Sprache
Siehe Kommunikation und Sprache.
84
Sprachsynthese
Siehe Text-to-Speech.
85
Synchronisierung der Wiedergabe-Modi
Den Wahrnehmungskanälen auf der Seite der Rezeption entsprechen die
Wiedergabe-Modi auf der Seite des elektronischen Dokumentes. Damit eine
effektive Lektüre für alle mit den von jedem Einzelnen bevorzugten respektive
benötigten Wahrnehmungskanälen möglich ist, müssen die Wiedergabe-Modi
bei der Produktion des elektronischen Dokumentes synchronisiert werden. Um
es am Beispiel der Medien TEXT und AUDIO zu verdeutlichen: Die „Text-Spur“
eines Romans wird mit der „Audio-Spur“ auf deren Zeitachse synchronisiert;
springt ein Leser, der sich des akustischen Wahrnehmungskanals bedient, im
Buch von der Stelle A im Text zu Stelle B, wird er die Lektüre an der auf die
Millisekunde genauen Text-Stelle seine Lektüre akustisch fortsetzen können.
86
Text-to-speech
Künstliche Erzeugung der menschlichen Sprechstimme. Sie basiert auf einem
maschinenlesbaren TEXT; ist TEXT als BILD erfasst [Fotografie] und
wiedergegeben, kann Text-to-Speech – Software darauf nicht zugreifen –
Zugänglichkeit scheitert.
Seite 152 von 158
87
Universal Design und Assistive Technology
87.01
Universal Design
Eine prägnante Definition von Universal Design findet sich in der UN
Convention on the Rights of Persons with Disabilities (Artikel 2):336 "’Universal
design’ means the design of products, environments, programs and services to
be usable by all people, to the greatest extent possible, without the need for
adaptation or specialized design.”
87.02
Assistive Technology
Das Prinzip des Universal Design wird, falls notwendig, ergänzt durch
assistierende Technologien. Der oben zitierte Absatz aus Art. 2 der UNOKonvention geht wie folgt weiter: "’Universal design’ shall not exclude assistive
devices for particular groups of persons with disabilities where this is needed.”
88
Wahrnehmungskanäle
Je nach Lesebehinderung kann ein Leser mit einer entsprechenden
Einschränkung am effektivsten lesen, wenn er den Inhalt alternativ visuell,
akustisch oder taktil aufnehmen kann. Es gibt einen visuellen, einen
akustischen und einen taktilen Wahrnehmungskanal.
89
Wiedergabe-Modi
Das für ein barrierefreies elektronisches Dokument wichtige Kriterium, dass es
mit den Augen und/oder den Ohren und/oder den Fingern effektiv gelesen
werden kann, macht sich das Vermögen des Menschen zunutze, Information
visuell und/oder akustisch und/oder taktil über die drei Wahrnehmungskanäle
aufnehmen zu können. Das gelingt nur, wenn das elektronische Dokument im
Zusammenspiel mit dem Lesesystem in der Lage ist, seine Inhalte und
Funktionalitäten in den Modi „visuell“, „akustisch“ und „taktil“ wiederzugeben.
Den Wahrnehmungskanälen auf der Seite der Rezeption entsprechen die
Wiedergabe-Modi auf der Seite des elektronischen Dokumentes.
336
www.un.org/disabilities/default.asp?id=262.
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90
Wiedergabesystem
Siehe Abspielsystem.
Seite 154 von 158
TEIL L
SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN
91
Schlussfolgerungen
Der Anlass für die vorliegende Studie ist folgende Absicht:
Bei den Verfahrensweisen zur Versorgung von Lernenden mit Lesebehinderung
mit barrierefreien elektronischen Lehrmitteln soll ein Paradigmenwechsel
vollzogen werden. Anstatt dass wie bis anhin spezialisierte Institutionen ein
vorbestehendes gedrucktes Buch „ex post“ in eine zugängliche Version
desselben umformatieren, bringen Verlage selber zugängliche elektronische
Lehrmittel auf den Markt, indem sie Barrierefreiheit „ex ante“ in ihre
Verlagsprodukte einbauen. Soweit notwendig, werden die Verlage dabei von
ausgewiesenen Spezialisten der Zugänglichkeit unterstützt.
Hinter der Absicht steht die These:
Die Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) haben das
Potenzial, dass Verlage und andere Produzenten von Unterrichtsmaterialien
ohne unzumutbaren Mehraufwand elektronische Lehrmittel herstellen und
barrierefrei auf den Markt bringen können, sodass sie auch für Menschen mit
einer Lesebehinderung (→ Glossar) zugänglich sind.337
Während der Arbeit an der Studie kristallisierte sich bezüglich der IKT als
Haupterkenntnis heraus,
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dass sie in Verbindung mit dem offenen Industriestandard EPUB 3 das
Potenzial haben, den angestrebten Paradigmenwechsel herbeizuführen und
dass die Ausnützung des Potenzials nicht auf realitätsfremden Annahmen
beruht, sondern praktisch „machbar“ ist.
Allerdings zeigt sich auch, dass sich die Umsetzung als komplexe und
längerfristige Aufgabe darstellen wird, unter anderem weil


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
337
das traditionelle Ökosystem Lehrmittel und Bemühungen um
Barrierefreiheit bisher weitgehend (noch) getrennten Welten angehören,
das Verlagswesen im Allgemeinen auf seinem Weg der Integration des
digitalen Zeitalters noch vor vielen offenen Fragen steht,
das Verlagswesen im Allgemeinen, im Unterschied etwa zur Welt des
Internets und der Webseiten, kaum je vertieft mit der Nachfrage nach
Barrierefreiheit ihrer Produkte konfrontiert war,
eine wirksame, möglichst breitflächige Umsetzung des Paradigmenwechsels
einen interkantonalen Koordinationsprozess voraussetzt.
Man spricht in diesem Fall von „barrierefrei geborenen“ Publikationen.
Seite 155 von 158
Zur rein technischen Seite der Problematik ist zu bemerken,



dass die Entwicklung des Standards EPUB 3 gut vorankommt,
dass die globale Adoption des Standards voranschreitet und der Zweifel, ob
sich der Standard durchsetzt, verstummt, aber
dass die konkreten Implementierungen, angefangen bei den
Produktionswerkzeugen bis hin zu den Wiedergabesystemen (→ Glossar
Abspielsystem) noch nicht die Reife für einen industrialisierten Einsatz
erlangt haben und der Standard-Entwicklung etwas hinterher hinken.
Schliesslich ist auch hervorzuheben, dass die Anforderungen der
lesebehinderten Nutzerinnen und Nutzer an barrierefreie elektronische
Publikationen unseres Wissens jeweils nur, wenn überhaupt, im
organisatorischen Rahmen einzelner Behinderungsarten ein Thema ist. Das ist
ein Mangel, der ausgemerzt werden sollte.
92
Konvergenz der Interessen
Es scheint, als ob die Interessen der verschiedenen Akteure im Ökosystem
Barrierefreie Lehrmittel zusammenfliessen oder zusammenfliessen könnten:
Die IKT
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
erlauben die nahtlose Integration von Multimedia,
Barrierefreiheit für Menschen mit Lesebehinderungen ist auf alternative
Wiedergabe-Modi, wie sie die IKT offerieren, angewiesen,
die Lehrmittelproduzenten werden die Multimedia-Möglichkeiten der IKT in
ihre Enhanced eBooks (→ Glossar) einbauen (wollen),
die Erstellung barrierefreier elektronischer Lehrmittel erweitert den Markt
für die Verlage,
der öffentliche Bildungsauftrag kann von den Kantonen besser
wahrgenommen werden,
die Versorgung von Schülerinnen und Schülern mit besonderem
Bildungsbedarf (→ Glossar) wird um ein Vielfaches besser und billiger,
die allgemeine Inklusion (→ Glossar) wird durch eInclusion (→ Glossar)
nachhaltig unterstützt.
93
Zehn Empfehlungen
Auf der Grundlage der vorliegenden Studie und ihrer Schlussfolgerungen
werden im Folgenden Empfehlungen zur Weiterverfolgung des Projektes
Barrierefreie elektronische Lehrmittel im EPUB 3 - Format338 abgegeben.
338
Es ist in diesem Zusammenhang im Prinzip sekundär, ob der EPUB 3 – Standard in, sagen
wir, zehn Jahren gegebenenfalls durch einen anderen offenen, nicht proprietären
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Wir unterscheiden dabei allgemeine übergeordnete Empfehlungen und
konkrete Empfehlungen für ein Folgeprojekt, das sich an die Erarbeitung der
vorliegenden Studie anschliessen könnte.
93.01
Allgemeine Empfehlungen
Empfehlung 01
Wir empfehlen, dass das Thema Barrierefreie IKT unter Einschluss der
Zugänglichkeit des Internets, der barrierefreien elektronischen Lehrmittel,
anderer elektronischer Dokumente und behindertengerechter
Technologienutzung im Allgemeinen339 als ein Kernthema in den Prozess der
Umsetzung der UNO-Konvention zu den Rechten von Menschen mit
Behinderungen in der Schweiz einfliesst.
Empfehlung 02
Wir empfehlen, dass das Thema Barrierefreie IKT bei relevanten politischen
Gremien im schweizerischen Schul- und Bildungswesen sobald als möglich
einen stehenden Traktandenpunkt bildet und die Thematik überall einfliesst,
wo die Vermittlung von Information und Wissen auf IKT-Anwendungen beruht.
Empfehlung 03
Wir empfehlen, dass das Thema Barrierefreie IKT von den kantonalen oder
übergeordneten koordinierenden Stellen, die mit der Einführung von IKT im
Schul- und Bildungswesen befasst sind, berücksichtigt wird.
Empfehlung 04
Wir empfehlen, dass die Anforderungen der Nutzerinnen und Nutzer mit
Lesebehinderungen an barrierefreie elektronische Lehrmittel und Dokumente
gesamtschweizerisch erfasst und dokumentiert werden.
Industriestandard abgelöst wird. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist er das einzige valable Format
für elektronische Publikationen und insbesondere das barrierefreie Enhanced eBook (→ Glossar).
339
Zu denken ist zum Beispiel an Informationssysteme des Transportwesens oder in Gebäuden,
an Bancomaten oder Ticketautomaten, an die Entwicklung von assistierenden Technologien (→
Glossar Assistive Technology) usw.
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93.02
Empfehlungen für ein Folgeprojekt
93.02.01
Produktion von barrierefreien elektronischen Lehrmitteln im EPUB 3 –
Format
Empfehlung 05
Wir empfehlen die Produktion einer Serie von elektronischen barrierefreien
Lehrmitteln im EPUB 3 – Format zu Test- und Demozwecken.
Empfehlung 06
Wir empfehlen, den Nutzen der Produktionen unter den Bedingungen des
integrativen Unterrichtes in Regelklassen sowie an Sonderschulen unter
wissenschaftlicher Begleitung zu evaluieren.
93.02.02
Bewusstsein schaffen
Empfehlung 07
Wir empfehlen, dass die vorliegende umfangreiche Studie in einer Kurzfassung
von etwa 15 bis 20 Seiten auf Deutsch sowie in französischer und englischer
Übersetzung publiziert wird.
Empfehlung 08
Wir empfehlen, dass die Kurzfassung gezielt dafür eingesetzt wird, die Akteure
im Ökosystem barrierefreie elektronische Lehrmittel (a) auf die Problematik
selber und (b) die Lösungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen.
Empfehlung 09
Wir empfehlen, dass die Resultate der Studie bei relevanten Anlässen der
Akteure im Ökosystem barrierefreie elektronische Lehrmittel vorgestellt
werden.
Empfehlung 10
Wir empfehlen, die Produktionen (siehe oben) für Demonstrationszwecke bei
relevanten Anlässen einzusetzen.
Zürich, den 30. September 2014
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