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Aller Anfang ist schwer!
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Azubi Ali Sönmez an der Säulen­
bohrmaschine beim Bohren
einer Gewindekernbohrung
Buch 1.indb 104
26.02.15 16:46
BERUF & KARRIERE
Auf Umwegen zum Traumberuf
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„Wir verschmelzen Tradition und Zukunft“ – dies war der Leitspruch der Friedrich
­Wilhelms-Hütte in Mülheim an der Ruhr anlässlich ihres 200-jährigen Bestehens im Jahr
2011. Dieser Devise bleibt die Eisen- und Stahlgießerei nicht nur bei der Entwicklung
und Produktion von technisch anspruchsvollen Eisen- und Stahlgussteilen treu, sondern
auch, wenn es um den eigenen Fachkräftenachwuchs geht. Traditionelle Grundwerte
vermitteln und jungen Menschen eine berufliche Perspektive bieten, darum geht es
dem Unternehmen. Und das kommt offenbar an, denn von Fachkräftemangel ist an den
Maschinen und Gießöfen in Mülheim nichts zu spüren.
VON KARIN HARDTKE, RATINGEN
S
„Egal ob einer von uns Probleme in der
Berufsschule oder Schwierigkeiten zu Hause hat – ich habe die Erfahrung gemacht,
dass ich mit meinen Vorgesetzten offen
darüber sprechen kann“, sagt auch Ali Sönmez. Und noch etwas hat der junge Mann
in den ersten Monaten gelernt: Dass Ehrlichkeit geschätzt wird und dass es wichtig
ist, Fehler offen einzugestehen und aus
ihnen zu lernen. „Pünktlichkeit ist wichtig.
Als ich vor kurzem einmal zu spät zur Arbeit kam, habe ich das sofort meinem Ausbildungsleiter gesagt. Lügen geht gar
nicht“, so Sönmez. Dieses Vorleben und
Einfordern von Grundwerten des menschlichen Miteinanders wie Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit scheint bei den
jungen Menschen auf fruchtbaren Boden
zu fallen. Es gilt das Prinzip „Fordern und
Fördern“. So werden die Azubis beispielsweise im Rahmen des wöchentlichen
Werksunterrichts unterstützt oder aber sie
erhalten etwa vor Berufsschulklausuren
die Möglichkeit, noch einmal gemeinsam
den Unterrichtsstoff durchzuarbeiten.
Denn auch bei den Mülheimern ist es nicht
anders als in anderen Ausbildungsbetrieben: Die Mathematikkenntnisse lassen bei
vielen Auszubildenden bisweilen zu wünschen übrig. „Wir geben unseren Azubis
Bild 1: Auch Ordnung will gelernt sein: Ali
Sönmez vor seinem Werkzeugschrank in der
betriebseigenen Ausbildungswerkstatt.
Bild 2: Ausbildungsleiter Hans-Rainer Ham­
melsbrock wird von seinen Auszubildenden
sehr geschätzt.
Offenheit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit – Werte aktiv (vor)leben
FOTO: ANDREAS BEDNARECK
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ägen, Feilen und Bohren – die ersten
100 Tage sind geschafft! Und Ali
Cemre Sönmez ist sichtlich zufrieden. Der 22-jährige Mülheimer hat vor gut
drei Monaten seine Ausbildung zum Gießereimechaniker bei der Friedrich Wilhelms-Hütte in Mülheim im westlichen
Ruhrgebiet begonnen. Die Kernkompetenzen der Gießerei, die seit 2001 zur Unternehmensgruppe Georgsmarienhütte gehört, sind die Produktion von Rotornaben,
Maschinenträgern und Rotorwellen für
Windkraftanlagen ebenso wie Kompressorgehäuse für Dampf- und Gasturbinen
oder Komponenten für Schienen- und Onund Offroad-Fahrzeugtechnik. Rund
20 000 Tonnen Eisenguss und 7000 Tonnen Stahlguss verlassen die Gießerei jedes
Jahr.
Ali Sönmez ist erst nach einigen Umwegen in seinem Werdegang hierhin gekommen. Die erste Station seiner dreieinhalbjährigen Ausbildung ist die betriebseigene Ausbildungswerkstatt (Bild 1). Auf
über 650 m2 sind dort Ausbildungsformerei, Mechanische Werkstatt und Ausbildungsschreinerei untergebracht. „Bereits
seit 1998 bilden wir hier im Rahmen der
Grundausbildung fachkundig und praxisnah aus“, erklärt Hans-Rainer Hammelsbrock. Der Leiter der technischen Ausbildung hat die Ausbildungswerkstatt seinerzeit fast vollständig in Eigenregie auf die
Beine gestellt. „Wir bilden hier inzwischen
nicht nur unseren eigenen gewerblichen
Nachwuchs aus, auch andere Unternehmen schicken ihre Auszubildenden zu
uns“, schildert Hammelsbrock stolz. Der
hochgewachsene Mann mit dem ernsten
Blick ist ein wichtiger Ansprechpartner für
die jungen Auszubildenden (Bild 2). Und
dies nicht nur, wenn es um fachliche Fragen geht. Auch für die persönlichen
Schwierigkeiten und Nöte der Jugendlichen hat Hammelsbrock stets ein offenes
Ohr. Nicht zuletzt deswegen haben sie
Vertrauen zu ihm.
Buch 1.indb 105
GIESSEREI 102 03/2015
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BERUF & KARRIERE
Der Aufwand lohnt sich: Kaum ein Auszubildender bricht seine Ausbildung vorzeitig ab. „Und auch von unserer Seite ist
es äußerst selten, dass wir uns von einem
jungen Menschen wieder trennen müssen“, so Rüsing weiter. Jedes Jahr landen
auf seinem Schreibtisch weit mehr Bewerbungen, als es Ausbildungsplätze gibt.
Ein Grund dafür: Die Mülheimer bieten
ihren Auszubildenden eine langfristige
Berufsperspektive. Seit 1998 konnte das
Unternehmen jedem Auszubildenden einen unbefristeten Arbeitsvertrag anbieten. Das spricht sich in der Region herum.
Auch Weiterbildung wird großgeschrieben. Techniker oder Meister – wer diesen
Weg einschlagen möchte, der bekommt
auch die nötige Unterstützung der Firma.
Jeder zweite Praktikant wird Azubi
Eine Kooperation mit der ortsansässigen
Arbeitsagentur, Präsenz auf den regionalen
Ausbildungsmessen, ein guter Internetauftritt und Werksbesichtigungen – diese Wege zur Nachwuchsgewinnung gehen die
Mülheimer natürlich auch. Aber vieles läuft
eben auch über Mund-zu-Mund-Propaganda. „Man kann die Gießerei hier mitten in
Mülheim nicht übersehen“, bringt Azubi
Sönmez es auf den Punkt. Fast jeder habe
einen Verwandten, Freund oder Bekannten, der auf der Friedrich Wilhelms-Hütte
arbeitet, so Sönmez. So ist es auch bei
ihm. „Daher wusste ich, dass Gießereimechaniker ein interessanter und vielseitiger
Beruf ist und ich hier eine richtig gute Ausbildung bekomme. Und auch, dass die Arbeit in einer Gießerei auf keinen Fall nur
schmutzig und laut ist und ich mit Fünfzig
krank sein werde“, lacht er über das verbreitete Klischee eines Gießers, das immer
noch in den Köpfen vieler seiner Altersgenossen herumspukt (Bild 4).
Ali Sönmez ist einer von insgesamt 26
jungen Menschen, die die Friedrich Wilhelms-Hütte zurzeit im gewerblichen Bereich ausbildet, darunter sind 14 Gieße­
reimechaniker und drei technische Modellbauer. Die langfristige Strategie sei es
allerdings, das Unternehmen in der Ausbildung noch breiter aufzustellen, so Personalleiter Horst Rüsing. Daher werden
seit einigen Jahren auch Industriemechaniker, Zerspanungsmechaniker, Konstruktionsmechaniker und Mechatroniker – in
Kooperation mit Siemens – ausgebildet.
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reich war, versuchte er es jetzt noch einmal
– und wurde genommen.
Denn im Gegensatz zu vielen anderen
Ausbildungsbetrieben gibt man hier jungen Menschen mit Hauptschulabschluss
eine Chance – insbesondere in den Ausbildungsberufen zum Gießereimechaniker
und Technischen Modellbauer. Und das
Unternehmen fährt seit Jahren sehr gut
mit dieser Entscheidung. „Wir erwarten
von den Jugendlichen nicht, dass sie allabendlich mit einem Mathebuch unter
dem Kopfkissen einschlafen“, so Personaler Rüsing. Viel wichtiger sei es, dass
bei den jungen Menschen der Wille zu
lernen und eine gewisse Zuverlässigkeit
erkennbar seien, ergänzt Ausbildungsleiter Hans-Rainer Hammelsbrock. Um diese Qualitäten bei den Bewerbern aufzuspüren, dafür nimmt man sich bei der
Vorauswahl ausreichend Zeit.
Bild 3: Erfolg für Personalleiter Horst
Rüsing: Seit 1998 konnte jeder Azubi in ein
unbefristetes Arbeitsverhältnis übernom­
men werden.
die Gelegenheit, gemeinsam zu lernen.
Dann erwarte ich allerdings auch, dass gelernt und nicht nur gequatscht wird. Darauf
haben wir dann schon ein Auge“, so Horst
Rüsing, Personalleiter der Friedrich Wilhelms-Hütte (Bild 3).
Hauptschülern eine Perspektive
bieten
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Seit einigen Jahren wird es für Hauptschulabsolventen immer schwieriger, direkt im
Anschluss an die Schule eine Ausbildung
zu beginnen. Nach einer Untersuchung des
Deutschen Jugendinstitutes DJI aus dem
Jahr 2013 gelingt dieser nahtlose Übergang
nur knapp einem Viertel der Hauptschüler.
Und fast jeder Fünfte findet auch langfristig keinen Ausbildungsplatz. „Als ich im Jahr
2009 meinen Hauptschulabschluss gemacht habe, hatten nur ganz wenige Mitschüler eine Lehrstelle“, bestätigt auch Ali
Sönmez. Er gehörte damals nicht dazu. „Mit
sechzehn war meine Freundin halt wichtiger
als Lernen und gute Noten“, schätzt er die
damalige Situation nüchtern ein. Also besuchte er nach seinem Abschluss an der
Gemeinschafts-Hauptschule Mülheim
Dümpten erst einmal das Berufskolleg,
Fachrichtung Elektrotechnik. Die Bilanz
nach einem Jahr: Fachabitur angefangen
und abgebrochen. Nach einem Intermezzo
am Mülheimer Berufsbildungswerk begann
er schließlich eine Ausbildung in einem Sanitär- und Heizungsfachbetrieb. Der Betrieb
musste Insolvenz anmelden und nach einem halben Jahr stand der junge Mann wieder vor dem beruflichen Nichts. Nachdem
seine erste Bewerbung bei der Friedrich
Wilhelms-Hütte im Jahr 2011 nicht erfolg-
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Viele zukünftige Azubis lernt Hammelsbrock schon früh im Rahmen eines Schülerpraktikums kennen. Denn die Friedrich
Wilhelms-Hütte pflegt eine intensive Beziehung zu den Hauptschulen in der Umgebung – zur Hauptschule am Hexbachtal
in Mülheim gibt es ein besonders enges
Vertrauensverhältnis. „Ich habe es nur
sehr selten erlebt, dass sich Lehrer so für
ihre Schüler engagieren und versuchen,
ihnen einen guten Start ins Berufsleben
zu ermöglichen“, so Rüsing. Wenn ein
Schüler von einem Lehrer für ein Praktikum empfohlen werde, könne er sich darauf verlassen, dass der Schüler auch gut
sei, so Rüsing weiter. An das einwöchige
Erstpraktikum in der 8. Klasse schließt sich
dann ein dreiwöchiges Projektpraktikum
in der 9. Klasse an. Nach einem einjährigen Langzeitpraktikum haben schließlich
sowohl Schüler als auch Ausbildungsbetrieb ein recht genaues Bild voneinander.
So findet denn auch jeder Zweite, der bei
den Mülheimern ein Praktikum absolviert
hat, später den Weg als Auszubildender
zurück in den Betrieb. Im Rahmen des klassischen Einstellungsverfahrens wird nach
dem obligatorischen Einstellungstest mit
den Bewerbern, die in die engere Auswahl
kommen, ein ausführliches persönliches
Gespräch geführt. Die Besonderheit hier:
Mindestens ein Elternteil kommt mit zum
Einstellungsgespräch. Denn Personaler
Rüsing und Ausbilder Hammelsbrock legen
Wert darauf, auch das familiäre Umfeld
des Bewerbers kennzulernen. „In der Regel
ist unser Auswahlverfahren somit bereits
Ende Januar für das kommende Ausbildungsjahr abgeschlossen“, so Personalleiter Horst Rüsing.
Mund-zu-Mund-Propaganda
schlägt Web 2.0
Rotornaben, Kurbelgehäuse,
Knoten & Co.
Rund 90 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete die Friedrich Wilhelms-Hütte in
GIESSEREI 102 03/2015
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ihren beiden Gießereibereichen Eisenguss
und Stahlguss im Jahr 2013. Insgesamt
620 Mitarbeiter trugen zum Unternehmenserfolg bei. Kontinuität und gut ausgebildetes Personal sind wesentliche Erfolgsfaktoren. Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit liegt bei 25 Jahren.
Fluktuation gibt es kaum. „Gießer sind
halt bodenständig“, berichtet Rüsing und
schmunzelt.
Die ersten 100 Tage hat Ali Sönmez
nun hinter sich – und keinen davon bereut. Nach einigen Umwegen hat er seinen Traumberuf Gießereimechaniker gefunden. Und privat auch seine Traumfrau:
Denn inzwischen ist der junge Mann
glücklich verheiratet. Seine Ausbildung zu
beenden und im Unternehmen zu bleiben,
das sind seine langfristigen Ziele. Als
Nächstes geht es allerdings erst einmal
ans Zerspanen und Schweißen in der unternehmenseigenen Ausbildungswerkstatt. Erst im kommenden Jahr wird er
sukzessive in den laufenden Gießereibetrieb eingebunden werden. Auf Rotornaben, Kurbelgehäuse, Knoten und Co. freut
er sich jedenfalls schon von klein auf. „Ich
bin in Mülheim groß geworden und wohne in der Nähe der Gießerei. Außerdem
habe ich Freunde und Bekannte, die hier
arbeiten.“
Bild 4: Flachstahl Halbzeug sägen – die Arbeit an der Maschinenbügelsäge gehört zur
Grundausbildung von Ali Sönmez.
Nachgefragt: Der Auszubildende Ali
Sönmez wollte etwas Besonderes lernen
„Das Arbeitsklima gefällt mir besonders gut!“
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Wie sind Sie auf die Friedrich Wilhelms-Hütte aufmerksam geworden?
Ich kenne die Friedrich Wilhelms-Hütte
von klein auf. Ich bin in Mülheim groß
geworden und wohne in der Nähe der Gießerei. Außerdem habe ich Freunde und
Bekannte, die hier arbeiten.
Warum haben Sie sich schließlich für
eine Ausbildung zum Gießereimechaniker entschieden?
Ich wollte auf jeden Fall etwas Besonderes machen. Und etwas Technisches. Von
Freunden und Bekannten wusste ich ja,
was ein Gießereimechaniker genau macht
und dass die Arbeit sehr vielseitig und
interessant ist. Da war ich mir sicher, dass
ich den Beruf ergreifen möchte.
Was gefällt Ihnen hier besonders gut?
Das Arbeitsklima gefällt mir sehr gut. Die
Zusammenarbeit mit den Kollegen klappt
super und unsere Vorgesetzten haben immer ein offenes Ohr für unsere Probleme
und Sorgen. Außerdem unterstützt das
Unternehmen die Auszubildenden während der gesamten Ausbildung. Auch später, wenn sie sich weiterbilden wollen.
Dass dies aber nicht in allen Ausbildungsbetrieben so ist, weiß ich von meinen Mitschülern aus der Berufsschule.
Was raten Sie anderen Jugendlichen
in Ihrem Alter?
Ich finde es ganz wichtig, auf jeden Fall
eine Ausbildung zu machen. Das ist eine
optimale Grundlage für den weiteren Lebensweg. Und wer dann immer noch
studieren möchte, der kann das ja tun.
Aber dann sollte es etwas „Vernünftiges“
sein, mit dem man später auch einen
Job findet.
Buch 1.indb 107
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