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auch nur berühren, dann wäre alles
ruiniert, wirklich alles.
Die Vorstadt dämmert, während die
eigentliche Stadt von damals träumt. Es ist
eine stolze und alte Stadt mit hohen
Kirchen und lichten Passagen und einem
imposanten Bahnhof, da kann man besser
ankommen als wegfahren. Die Stadt hat
große Söhne und Töchter hervorgebracht
und bedeutsame Menschen beherbergt, es
wird ihm immer wieder gesagt, von den
Lehrern, den Übungsleitern, den
Verkäufern, den Aufpassern im Museum
und im Zoo. Auch die Kunst, ein Buch zu
drucken, wird hier gepf legt wie
nirgendwo, nicht zu vergessen die Musik
und die Malerei. Und Sportstadt will die
Stadt auch genannt werden. Im
Heimatkundeunterricht hat der Junge
gelernt, dass sie am Schnittpunkt zweier
alter Handelsrouten liegt. Seit jeher
werden hier Geschäfte gemacht, zu Ostern
und zu Michaelis. Mit eigenen Augen sieht
er zur Messezeit die bunten
Werbebanner – Keramik und
Miederwaren – und die fremden Autos.
Alles Halb- und alles Ganzferne ist dann
zum Greifen nah. Von weit her kommen
sie, um Folienstreckanlagen auszustellen,
und Nippon schickt drei Automatikautos.
Stolz präsentiert das
Außenhandelsunternehmen des
Bruderlandes sozialistische Waren, die
neuesten Erzeugnisse finden sich in Halle
3, auch die eckigsten Worte:
Technoforestexport. Stolz sind auch die
Einheimischen, mit offenen Armen
empfangen sie die Handelsleute aus aller
Welt. Sie reden so überdeutlich, in den
Geschäften, in der Straßenbahn (die jetzt
nicht mehr Bimmel heißt), dass man sie
noch schlechter versteht. Aus Männern und
Frauen werden für die Dauer einiger Tage
Damen und Herren. Der Lehrer für
Biologie und Englisch – eben ist er an
seinem Haus vorbeigegangen – trägt ein
Einstecktuch und ein schweres Eau de
Toilette, und die Brunnen auf den Plätzen
führen wieder Wasser. Am schönsten ist
der Pusteblumen-Brunnen.
Der Junge hat die einzige Telefonzelle
weit und breit erreicht. Deren Scheiben
sind gesprungen, und das Fernsprechbuch
mit der Wählscheibe und dem großen
schwarzen Hörer darauf ist zerf leddert.
Drinnen und draußen stinkt die Zelle nach
Pisse. Das liegt daran, dass sich gegenüber
die einzige Kneipe weit und breit befindet.
Der Junge denkt darüber nach, ob es
jemanden gibt, den er anrufen sollte. Er
fragt sich, ob er irgendetwas vergessen,
nicht bedacht oder eingepackt hat, und
dann ist es auch schon passiert: Er ist
gestolpert und auf die Grenze getreten. Für
einen kurzen Moment ist er unachtsam,
und schon latscht er mitten auf die Fuge
zwischen zwei Steinplatten. Lang bleibt er
stehen, und nichts fällt ihm ein. Erst nach
einer Ewigkeit kommt er darauf, dass es
einen Trick gibt: Wenn man gestolpert ist,
kann man umkehren und noch einmal über
die Stelle laufen. Wenn man es richtig
macht, ist der Bann gebrochen. Geh noch
mal zurück, dann fällt’s dir wieder ein,
sagt der Vater zur Großmutter, wenn die
mitten in der Bewegung erstarrt und sagt:
Was wollt ich jetzt gleich noch mal? Also
kehrt er um und geht noch einmal an der
Telefonzelle vorbei. Diesmal tritt er über
die Grenze und kann weitergehen. Von
nun an wird er aufmerksamer gehen.
Der Konsum ist ein Bungalow mit
einem langen Schaufenster. Darin stehen
zwei hohe Pyramiden: Dosen mit weißen
Bohnen, Dosen mit gelben Bohnen, wie
auf der Kleinmesse beim Büchsenwurf.
Gleich dahinter liegt der Blumenschuppen.
Ein Holzverschlag, dessen Türen zur
Verkaufszeit aufgeklappt sind. Im Frühjahr
gibt es Primeln und Stiefmütterchen, und
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