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Genesis Der Revolution in Oesterreich Im Jahre 1848. (German Edi

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3/2014
Zukunft gestalten?
Städte und Gemeinden haben es in der Hand.
Vor der eigenen Tür.
Mit Maß und Ziel
Kurze Wege gesucht.
Machen Sie mit!
Zeitschrift für Erwachsenenbildung und Kulturarbeit
EUR 6,00 ISSN 0039-1042 3/2014
© Gugganij _ Wikimedia
4
3 Zum Geleit
Norbert Frei
vor der
eigenen tür.
4Das Leitbild der kurzen Wege
Helmut Strobl
6 Zukunft gestalten?
Städte und Gemeinden
haben es in der Hand
Josef Riegler
8 Kompakte Siedlungen
sind klimafreundlicher
Gundula Prokop
10 Mit Maß und Ziel
Wohnen und Mobilität
in der Stadt der kurzen Wege
Sandra Hochstöger und
Christian Gratzer
13 Eine Idealvorstellung im
Widerspruch zur Realität?
Die Stadt der kurzen Wege –
nachhaltig betrachtet
Gudrun Walter und Gerhard Vötsch
14 Das Amt im Wandel
der Zeit
Die E-Government-Initiative
des Landes Steiermark
Franz Grandits
16 „Tut leid, LG!“
Plädoyer wider verschluckte
Silben und verballhornte
Wörter
Christian Teissl
17 Pionier des Schritt-Zählens Mirella Kuchling im Gespräch
mit Karl Albrecht Kubinzky
Mirella Kuchling
2
steirische berichte 3/14
© Giessauf A _ Wikimedia Commons
13
© Steirisches Heimatwerk/Heizmann
18 Graz von unten
Auf unbekannten Pfaden
durch die Stadt
Mirella Kuchling
40 Ländliche Klein-Gedenk­stätten
Zeichen lebendiger
Volksfrömmigkeit
Ernst Lasnik
20 Reisen bildet – Vor allem CO2
Mobil, regional, global,
effizient
Hans Putzer
42 80 Jahre …
und noch immer jung!
Das Steirische Heimatwerk
feiert ein Jubiläum
Monika Primas
22 Die Welt ein Dorf
Essay über den weiten Weg
Georg Petz
24 Über Ziele und Wege –
Ein ethischer Versuch
Walter Schaupp
26 In Worte gefasst
Gedanken zum Thema Weg
27 Anmeldeformular „Zukunfts­ gemeinde Steiermark 2014“
wissenschaft.
kunst.
kultur.
31 Jungwirth 85
Karlpeter Elis
34 Tanz der Elektronenwolken Grundlagenforschung
auf hohem Niveau
Gertraud Hopferwieser
36 Johann Puch Ein steirischer Pionier
der Fahrzeugtechnik
Gerald Schöpfer
44
42
Viktor von Geramb
Von der Liebe zur Volkskunde
und gelebten Kulturarbeit
Wilhelm Heiner Herzog
46 Das Joanneum
und sein Kuratorium
Kurt Jungwirth
48 Peter Rosegger. Eine Serie.
Teil 5: Rosegger und Graz
Reinhard Farkas
51 DER ERSTE WELTKRIEG IM SPIEGEL
STEIRISCHER LITERATUR
Eine Serie von Christian Teissl, Folge 3:
Ausgemustert ...
Zwei Geschichten von Bruno Ertler (1889–1927)
gelesen.
gehört.
gesehen.
55 Rezensionen/Gewinnspiel
38 In memoriam dem Meister
der letzten Stunde:
Franz Weiß (1921–2014) Heimo Kaindl
Titelfoto Josef R iegler
Zukunftsorientiert
zum geleit.
Ein großer steirischer Politiker hat einmal gesagt: „Wir müssen eine enkeltaugliche Politik machen.“
Die ersten Schritte eines offenbar langen Weges dazu sind getan. Bald wird sich auch der letzte kleine Rest
von anscheinend uneinsichtigen Kleinstdorfpopulisten auf ein „Nur gemeinsam sind wir stark“ besinnen,
wollen auch sie im Sinne des erfolgreichen Reformprozesses der Gemeindestrukturreform im großen
steirischen, österreichweiten und schließlich auch europaweiten Wettbewerb wirtschaftlich bestehen
können.
In Zukunft wird es wieder an der Politik liegen, wie lange der Weg noch ist, der über die Stärkung unserer
Gemeindestrukturen hinaus zu einer hoffnungsvollen Stärkung der Regionen führt. Die überregionale
Raumordnung wird es festlegen, wie dem Zersiedelungsboom der letzten Jahre entgegengehalten wird,
wann endlich Schluss ist mit spekulativem Landverbrauch, wie der Verlust von wertvollen landwirtschaftlichen Flächen vermieden wird, wie natürliche Ressourcen eingesetzt werden, wie kulturelle Vielfalt
erhalten bleibt und vor allem, wie man Arbeitsplätze in allen unseren Kernregionen schaffen kann, damit
Abwanderung in Großräume verhindert wird. Dann erst werden sich die Wege zu verkürzen beginnen.
„Unterstützung“ – wenn man so will – wird die Politik von einer zunehmenden Globalisierung am
Arbeitsmarkt erhalten, wo in Verbindung mit nahezu uneingeschränkten Netzwerkmöglichkeiten Arbeitsplätze in Zukunft an vielen Orten eingerichtet und geschaffen werden können, was manchmal bestimmt
auch zu einem immer häufigeren Wechsel des Wohnumfeldes führt. Ein Argument für den sorgsamen
Umgang mit Grund und Boden, eines gegen jegliche Arten von Zersiedelungen und ein großes für die
Verdichtung in unseren Ortskernen, verbunden mit einem qualitätvollen Weiterbauen an gewachsenen
Strukturen. Ein nächster Ansatz eines kurzen Weges.
Das Netzwerk ist es heute schon, das den langen, teuren Fahrweg eines „Shoppens“ in den Einkaufszentren immer mehr verdrängt. Der stark zunehmende „Internet-Einkauf“ wird bald leerstehende Hallen vor
den Toren unserer Orte produzieren, der Bäcker, der Frisör, der Fleischer, das Uhrengeschäft und viele
andere Kleinbetriebe und so mancher Lebensmittler werden wieder in die Ortszentren finden, die in der
Zwischenzeit verdichtet und an denen sorgsam hinzugefügt wurde. Genau dort werden wieder Menschen
aller Generationen in einem sozialen Miteinander leben und dort alles das erhalten, was sie für den
täglichen Bedarf benötigen und für die die Wege plötzlich kurz geworden sind. So wird ein scheinbar
langer Weg recht schnell zu einem enkeltauglichen und somit zukunftsorientierten Leitbild der kurzen
Wege führen.
Norbert Frei
PEFC-zertifiziert
Dieses Produkt stammt aus
nachhaltig bewirtschafteten
Wäldern und kontrollierten Quellen.
Architekt Dipl.-Ing
Norbert Frei war
nach dem Studium
zunächst Universitätsassistent,
von 1990 bis 1997
Stadtbaudirektor von
Judenburg und ist
seither als selbstständiger Architekt
(gemeinsam mit
Dipl.-Ing. Erich
Wurzrainer) Ortsbildsachverständiger.
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Impressum:
Die „steirischen berichte“ sind
ein Organ des Volksbildungswerkes.
Schauen Sie ins Internet,
dort finden Sie Näheres über uns.
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Redaktionsteam:
Mag. Gerald Gölles (Chefredakteur),
Dr. Gertraud Schaller-Pressler
(Stellvertretende Chefredakteurin),
Mag. Eva Heizmann,
Dr. Gertraud Hopferwieser,
Dr. Mirella Kuchling,
Mag. Eva Lassnig,
Dr. Monika Primas,
DI Johann Kolb,
Dr. Gernot Peter Obersteiner,
Mag. Hans Putzer,
Mag. Christian Teissl
Gekennzeichnete Artikel stellen die Meinung
des Autors/der Autorin, nicht unbedingt die
der Redaktion dar. Bei Inseraten liegt die
inhaltliche Verantwortung zur Gänze beim
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Steirisches Volksbildungswerk
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Kto.-Nr.: 7 27 28, Bankleitzahl: 38000
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Herausgeber keine Haftung übernommen.
Fotos ohne Credit: kk
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Erfüllungsort und Gerichtsstand ist Graz.
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3/14 steirische berichte
3
vor der
eigenen tür.
Das Leitbild
der kurzen Wege
Erich Edegger – ein Pionier
Das aktuelle Stichwort „Städte der kurzen Wege“
erinnert an Erich Edegger, den unvergessenen
Grazer Vizebürgermeister. Er hat seiner Stadt neue,
ungewohnte, zukunftsweisende Ziele vorgegeben,
etwa das Ideal der „sanften Mobilität“ und der
„Stadt der kurzen Wege“.
Besonders hervorragende Maßnahmen – und
österreichweit Alleinstellungsmerkmale – in seiner
Ära als Stadtsenatsreferent für die Stadtplanung
und den Verkehr von 1983 bis zu seinem frühen
Tod 1992 waren:
– die Einführung von Tempo 30 in Nebenstraßen
– Etablierung und Ausbau eines Fuß- und Rad­
wegenetzes
– Ausbau und Verlängerung von Straßenbahn­
linien
– Verdichtung des ÖPNV (Öffentlicher Personennahverkehr)
– Reduzierung des motorisierten Individual­
verkehrs
– Verdichtung der (Wohn-)Baugebiete
– Wohnhäuser, jedoch „nicht höher als die Bäume“
– Kampf gegen Einkaufszentren am Stadtrand
Erich Edegger und seine Mitstreiter waren der
festen Überzeugung, dass (Stadt-)Politik die
Entwicklung der Ballungsräume kaum steuern, im
besten Fall und mit großer Anstrengung jedoch die
negativen Auswirkungen übergeordneter Faktoren
wie Luftverschmutzung, Lärmbelastung, Verkehrsstau, Zersiedelung und Versiegelung von Grünflächen, Entleerung der gewachsenen Zentren
abmildern kann. Verursacht wurden diese negativen Faktoren vor allem global durch Klimawandel,
Autoindustrie, aber auch lokal durch die zunehErich Edegger. mende Trennung von Wohnen und Arbeiten, die
Foto: Thomas
Dezentralisierung der Bevölkerung und in der
Schauer
Folge unser tagtägliches, stark erhöhtes Mobilitätsverhalten, und nicht zuletzt auch durch Finanzund Grundstücksspekulation.
Plan oder Markt?
Edegger erkannte, dass der „finanzielle Muskel“
einer Gemeinde meist zu schwach ist, um hier
wirksam eingreifen zu können. Also musste der
„instrumentelle Muskel“ stärker und gezielt zum
Einsatz kommen: Stadtentwicklungs-, Flächenwidmungs- und Bebauungspläne, Lenkungsmaßnah-
4
steirische berichte 2/14
men in der Verkehrsplanung durch Ge- und auch
Verbote usw., sowie übergeordnet (von Seiten des
Landes Steiermark): durch ein novelliertes und
griffiges Raumordnungs- und Bau-, sowie ein
neues Altstadterhaltungsgesetz. All dies wurde von
ihm initiiert, angeregt, mitgestaltet, geplant,
beschlossen, verordnet, zum Großteil auch realisiert und angewandt.
Die Effektivität dieser ordnungspolitischen Maßnahmen kann und muss aber auch durch das
Engagement der betroffenen Bewohnerinnen und
Bewohner, der aktiven Bürgerinnen und Bürger
einer Gemeinde deutlich gestärkt werden. Das war
die Erfahrung von Graz, der „Stadt der Bürgerini­
tiativen“ der siebziger und achtziger Jahre des
20. Jahrhunderts. Die initiativen Bürgerinnen
und Bürger wurden von Kritikern, ja Gegnern zu
kritisch-konstruktiven PartnerInnen dieser neuen
Art nachhaltiger Stadtpolitik.
Die „BürgerInnenbeteiligung bei Vorhaben und
Planungen“ ist die von allen PolitikerInnen und
AktivbürgerInnen gewünschte und beschlossene
Richtlinie.
Neue Probleme
– Die Ballungsräume wachsen um einiges stärker
als in der Vergangenheit, inklusive ihrer
jeweiligen Umgebungsgemeinden.
– Die damit verbundene Landflucht mindert, ja
gefährdet die Produktivität der Landwirtschaft
und damit die Landschaftspflege.
– Zugleich kommt es zu einer Zunahme der
Zweitwohnsitze im Grünen (Bodenversiegelung)
mit Verdichtung des Pendlerverkehrs.
– In den Ballungsräumen nimmt die Überalterung
der Bevölkerung zu, mit Folgen für die persön­
liche Mobilität.
– Verschiedene Entwicklungen, wie Migration,
Änderung der Familienstrukturen u. a. m.
führen zur Segregation der Generationen, von
Bevölkerungsschichten und Ethnien.
Mögliche Antworten
Siedlungsentwicklung darf nicht allein dem freien
Markt überlassen werden, soziale und ökologische
Rahmenbedingungen müssen vom Staat, von der
Allgemeinheit vorgegeben werden:
– Multifunktionelle und verdichtete Siedlungsstrukturen durch kompakte Flächennutzung und
kleinräumige Durchmischung der Funktionen
Wohnen, Arbeit, Bildung, Freizeit.
– „Sanfte Mobilität“ durch Forcierung des ÖPNV,
des Rad- und des Fußgängerverkehrs, zugleich
Minderung der Verkehrsflächen.
– Verdichtung und „sanfte Mobilität“ in Kombination miteinander – nicht unabhängig voneinander!
– Maßnahmen der Raumordnung plus Neuordnung
des Verkehrs verbunden mit einer Reduzierung
des Energieverbrauchs und der CO2 -Emissionen.
– Nicht nur Österreich ist ein Zuwanderungsland.
Eine multikulturelle Gesellschaft ist nicht das
Ziel von „Gutmenschen“, sie ist Realität, und das
seit jeher! Es geht darum, wie wir damit umgehen. Dort und da in der EU (nicht überall!), aber
auch in Österreich, in der Steiermark und seit
längerem in Graz gibt es dazu positive Ansätze.
– Vor Jahren zeichnete sich die Steiermark durch
qualitätvolles Bauen aus, im Wohnbau und in
einer ganzen Reihe von öffentlichen Bundesund Landesbauten, letzthin auch bei Neubauten
anlässlich der Kulturhauptstadt „graz03“. Die
„Grazer Schule der Architektur“ war über die
regionalen Grenzen hinaus als Garant hoher
Baukultur bekannt.
Im Wohnbau wurde dies aus durchsichtigen
Gründen gestoppt, für öffentliche (Groß-)
Projekte geht das Geld aus …
Im geförderten Wohnbau ließe sich die Baukultur ohne weiteres wieder anheben – durch
geeignete Lenkungsmaßnahmen. Auch die
Baukultur diverser Investoren könnte verbessert
werden – mit Hilfe einer gezielten Anwendung
der Bauordnung.
– Landflucht lässt sich auch durch Verdichtung
und Beschleunigung der elektronischen Kommunikationsmittel mindern. IT ersetzt zunehmend physische Ortsveränderungen.
Wettbewerb der aktiven
Bürgerinnen und Bürger
Der Wettbewerb „ZUKUNFTSGEMEINDE STEIERMARK – Dörfer, Märkte und Städte der kurzen
Wege gesucht!“ ist ein ambitionierter, ausgezeichneter Beitrag zur Aktivierung kreativer Steirerinnen und Steirer für die genannten Ziele – die Liste
ist unvollständig und wird via Wettbewerb sicherlich sinnvoll ergänzt.
Helmut Strobl
vor der
eigenen tür.
Dipl.-Ing. Helmut
Strobl, Jhg. 1943,
hat das Studium
der Architektur
mit Schwerpunkt
Raumordnung in
Graz abgelegt. Tätig
war er am Institut
für Städtebau
der TU Graz, am
Umweltforschungsinstitut und im
Stadtplanungsamt
der Stadt Graz.
Nach fünf Jahren
im Gemeinderat
war er von 1985
bis 2001 Grazer
Stadtrat für Kultur,
vorübergehend für
Wohnungswesen,
Stadtplanung, Baurecht und Altstadterhaltung, sowie
Hochbau.
Wir danken der Familie Edegger für die Zur­
verfügungstellung des Bildes von Erich Edegger.
Machen Sie mit!
Sie können nur gewinnen, die Teilnahme am
Wettbewerb „ZUKUNFTSGEMEINDE STEIERMARK – Dörfer, Märkte und Städte der kurzen
Wege gesucht!“ ist gebührenfrei. Das Anmeldeformular zum Mitmachen entnehmen Sie bitte
diesem Heft in der Blattmitte. Sollte es bereits
entnommen worden sein, können Sie die
Wettbewerbsunterlagen kostenlos im Steirischen Volksbildungswerk anfordern:
Steirisches Volksbildungswerk
Regionale Besonderheiten
– In der Steiermark wurde in letzter Zeit sehr
erfolgreich das Schnell-Bahn-System im
Schienenverkehr eingeführt bzw. forciert. Dies
gilt es fortzusetzen, mit weiteren Anschlüssen,
Verdichtungen, Taktfahrplänen.
Herdergasse 3
8010 Graz
Phone: +43-316-321020
Fax: +43-316-321020-4
goelles@volksbildung.at
www.volksbildung.at
3/14 steirische berichte
5
vor der
eigenen tür.
Aktive Boden­
politik reduziert
die Nachfrage nach
Neuwidmungen in
Ottensheim.
Foto: M arktgemeinde
Ottensheim
Zukunft gestalten?
Städte und Gemeinden haben es in der Hand
Zukunft ist kein Schicksal. Zukunft liegt zu einem
großen Teil in unserer Hand. Es sind fast immer
Einzelne, die den Unterschied ausmachen und
etwas bewegen. Vor allem im kommunalen Bereich
gibt es viele Gestaltungsmöglichkeiten. Die Städte
und Gemeinden haben das Ruder in der Hand und
entscheiden, wohin die Reise geht. Das Spektrum
ist groß, aber Eines ist klar: Durch Kleines entsteht
oft ganz Großes.
Faktum ist, dass auf die Städte und Gemeinden
viele Herausforderungen zukommen werden, die
auch den Verkehrsbereich betreffen. Hier einige
Beispiele:
• Die Statistik Austria prognostiziert für 2075
eine Zunahme der über 65-Jährigen von derzeit
18 auf 30 Prozent der Bevölkerung. Das heißt,
drei Millionen Menschen werden dann älter als
65 Jahre sein.
• Aus strukturschwachen ländlichen Gebieten
wandern junge und gut ausgebildete ArbeitnehmerInnen ab, diese brauchen einen Wohnraum
in der Stadt.
• Die uneingeschränkte Nutzung von natürlichen
Ressourcen führt in manchen Regionen zu
einem Verlust der kulturlandschaftlichen
Vielfalt.
• Wohnen, Verkehr, Ver- und Entsorgung, Erholung und Freizeit benötigen immer mehr Platz.
Das führt zu einer Verknappung von verfügba-
6
steirische berichte 3/14
ren Flächen sowie zum Verlust von landwirtschaftlich wertvollen Böden.
• Der steigende Energieverbrauch und das wachsende Verkehrsaufkommen gefährden die
Umwelt und das Klima, die Abhängigkeit von
Energieimporten steigt.
• Der Klimawandel zwingt uns zu Anpassungen.
Das betrifft Naturgefahren ebenso wie die
Wasserversorgung, die touristische Nutzung
oder die land- und forstwirtschaftliche Produktion.
Die Herausforderungen sind komplex und scheinen
oft ungreifbar; aber jeder Einzelne kann hier
Zeichen setzen. Es gibt kein Universalrezept, um
die Lebensqualität der BewohnerInnen zu verbessern. Doch es gibt genügend Instrumente, um den
Stein ins Rollen zu bringen.
Kompakte Siedlungsstrukturen
helfen beim Sparen
Das Schlüsselprinzip der Ökosozialen Marktwirtschaft ist langfristiges Planen und „enkeltaugliches“ Handeln. Jede Stadt und jede Gemeinde
braucht ein ordentliches und gut durchdachtes
Stadt- bzw. Ortsentwicklungskonzept. Hier hat der
Bürgermeister bzw. die Bürgermeisterin viel
Gestaltungsraum, um Verkehrsaufkommen und
Mobilitätsverhalten der BürgerInnen voraus­
schauend zu beeinflussen. Gerade im Bereich der
Mobilität sind die Möglichkeiten beinahe unbegrenzt. Die kalkulierten Kosten für eine bestimmte
Maßnahme scheinen auf den ersten Blick oft hoch,
aber wenn man in Jahren und Jahrzehnten denkt,
relativiert sich das meist sofort. Die Gemeinde
kommt es oft billiger neue BewohnerInnen im
Zentrum anzusiedeln und Revitalisierungsmaßnahmen durchzuführen, als weit außerhalb in noch
nicht erschlossenem Gebiet neue Wohneinheiten zu
planen. Das heißt: Bei der Planung von Siedlungsgebieten oder einzelnen Wohnstandorten müssen
Folgewirkungen mitberechnet werden. Diese
reichen von Kosten zur Erschließung bis hin zu
laufenden Betriebskosten wie Abfall- oder Räumungsdiensten. Eine Folgewirkung kann auch die
fehlende Kaufkraft für die örtliche Wirtschaft sein.
Anstatt ums Eck im Zentrum einzukaufen, werden
die Einkäufe mit dem Auto im nächsten Einkaufszentrum getätigt – man sitzt ja sowieso schon im
Auto. Die öffentliche Anbindung von zersiedelten
Gebieten etwa ist zusätzlich eine große Herausforderung. Kompakte Siedlungsstrukturen hingegen
helfen der Gemeinde beim Sparen. Mit Raumplanung und Siedlungspolitik legt man die Grundsteine für nachhaltiges Mobilitätsverhalten. Hier
werden Wege vorausschauend kurz gehalten.
Das örtliche Angebot an Wirtschafts- und öffentlichen Dienstleistungen, sei es ein Bäcker oder eine
Schule, aufrecht zu halten und attraktiv zu
gestalten, bildet das nächste Puzzlestück für hohe
Lebensqualität in der Region.
Die öffentliche Nahversorgung sollte so ausgerichtet sein, dass die BewohnerInnen auch ohne Auto
auskommen und der Umstieg vom eigenen PKW
auf „Öffis“ attraktiv wird: flexibel und bedarfsorientiert. In ländlichen Regionen auf’s Auto zu
verzichten, scheint schier unmöglich. Ziel muss es
aber sein, das Zweitauto durch öffentliche Angebote und Anreize für nachhaltige Mobilität zu
ersetzen. Es braucht einen guten Mix aus einer
Grundausstattung mit dem Linienverkehr, ergänzt
durch auf die Stadt und Gemeinde zugeschnittene
individuelle Lösungen. Vor allem flexible Angebote
wie Rufbus, Anruf-Sammeltaxi, semiprofessionelle
und ehrenamtliche Mobilitätsdienste können den
eigenen PKW verzichtbar machen. Für ältere
Menschen und Jugendliche sind solche Dienste
besonders wichtig.
Gesichtsloses Wachstum durch
aktive Bodenpolitik vermeiden
Mobilität ist eng mit dem Thema Bodenverbrauch
verbunden. Flächensparende Ressourcenpolitik ist
ein wichtiger ökosozialer Grundsatz. Aktive
Bodenpolitik reduziert die Nachfrage nach Neuwid- vor der
mungen und stärkt eine nachhaltige Siedlungsent- eigenen tür.
wicklung. Der Bestand an brachliegenden Handels-, Industrie- und Gewerbeflächen könnte rund
ein Drittel des jährlichen Bodenbedarfs abdecken.
Effizient genutzte Flächen oder eine Neunutzung
von bereits versiegelten Flächen dämmen Baulandzuwachs ein. Flächensparende Siedlungspolitik
kann den Bedarf an neuen Verkehrsflächen wie
Zufahrtsstraßen reduzieren. Auch andere Infrastrukturinvestitionen wie Kanal und Leitungen
werden minimiert.
Ein gutes Beispiel ist die Gemeinde Ottensheim in
Oberösterreich. Mit dem Motto „Gegen gesichts­
loses Wachstum“ setzt die Gemeinde seit vielen
Jahren gegen Zersiedelung und Ortskernverödung.
Bereits in den 1960er Jahren stellte sich heraus,
dass die Umwidmung landwirtschaftlicher Grundstücke am Ortsrand sehr kostspielig war.
Die Gemeinde betreibt aus diesen Gründen aktives
Siedlungsmanagement. Das aktuelle örtliche
Entwicklungskonzept begrenzt die Ausdehnung der
Siedlungsbereiche, dadurch wird Zersiedelung
vermieden. Innerhalb der Siedlungsgrenzen gibt es
Siedlungsschwerpunkte, die großteils gut an den
öffentlichen Verkehr angebunden sind. Die meisten
Alltagswege sind zu Fuß oder mit dem Rad möglich. Das spart Erschließungskosten, erhält die
Gemeindeinfrastruktur und wirkt umweltschonend, z. B. durch weniger Verkehr am Siedlungsrand. Der Wohnbedarf für die nächsten 20 Jahre ist
laut Baubilanz gedeckt. Im Zuge der Überarbeitung
des Flächenwidmungsplans wurden erst vor
wenigen Jahren rund 23 Hektar gewidmetes
Bauland in der Gemeinde rückgewidmet. Ebenfalls
in Angriff genommen wurde die Aktivierung
leerstehender und ungenutzter Standorte im
Ortskern.
Ich glaube, von solchen Beispielen kann man sehr
viel lernen. Man muss das Rad nicht immer neu
erfinden, man kann sich auch von bereits umgesetzten Projekten viel abschauen.
Enkeltauglich heißt, für seine Nachkommen einen
gesunden Lebensraum zu hinterlassen. Enkeltauglich heißt auch zu überlegen, was die Menschen in
zwanzig, dreißig, vierzig Jahren oder mehr
brauchen und schon jetzt den richtigen Weg
einzuschlagen. Setzen wir also schon heute die
richtigen Schritte und machen wir Österreich zu
einem Land mit einer gesünderen Wirtschaft, einer
gesünderen Umwelt und gesünderen sozialen
Beziehungen und Netzwerken.
Josef Riegler
Dr. h. c. DI Josef
Riegler studierte
an der Universität
für Bodenkultur
in Wien. Er war
Minister, Vizekanzler und Bundesparteiobmann der
Österreichischen
Volkspartei. Er
prägte um 1985
den Begriff der
Ökosozialen Marktwirtschaft, die den
Umweltschutz als
politische Kategorie
in die Soziale
Marktwirtschaft
miteinbezieht.
Weitere Infos:
http://www.oekosozial.at
3/14 steirische berichte
7
vor der
eigenen tür.
Kompakte Siedlungen
sind klimafreundlicher
Sechs Gemeinden zeigen, wie eine kompakte Siedlungsentwicklung zum Klimaschutz beiträgt und die
Attraktivität der Ortskerne steigert.
Zur Reduktion von Zersiedelung und weiterem
Bodenverbrauch zählt die konsequente Innenentwicklung als wichtigste Maßnahme. Das heißt
innerörtliche Strukturen attraktiver gestalten,
brachliegende oder untergenutzte Flächen und
Gebäude wieder beleben, neue Nutzungen in den
Ortszentren schaffen und einen „Alltag der kurzen
Wege“ ermöglichen. Potenziale für die Innenentwicklung sind vom Dorf bis zur Großstadt vorhanden. Eine Publikation von Lebensministerium und
Umweltbundesamt porträtiert sechs erfolgreiche
Beispiele aus ganz Österreich.
Innovative Nutzungen für leerstehende Gebäude
im Ortskern von
Ottensheim. (Unten
links:) Ärzte­praxis
im ehemaligen
Kino. (Unten
Mitte:) Für Wohnungen im Ortskern
bietet Ottensheim
Schrebergärten, die
zu Fuß erreichbar sind. (Unten
rechts:) Die kreative Mittelschule
wurde vorerst in
einem alten Gebäude am Marktplatz
untergebracht.
Quelle: Bauamt
Ottensheim
8
Silz in Tirol
Beweis, dass Wohnen im Ortskern für alle
Beteiligten günstiger ist als eine Erweiterung am
Siedlungsrand.
In einem siebenjährigen Programm der Tiroler
Dorferneuerung wurden insgesamt 53 neue
Wohneinheiten im Gebäudebestand untergebracht
und somit über zwei Hektar Boden vor weiterer
Verbauung verschont. Die zusätzlichen Kosten
einer Siedlungserweiterung blieben der Gemeinde
erspart und der Ortskern wurde vor einer kompletten Verödung gerettet. Der Schlüssel zum Erfolg
lag in der Überzeugung der DorfbewohnerInnen
und in der kostenlosen Bauberatung.
steirische berichte 3/14
Eisenerz in der Steiermark
Rückbau als Wiederbelebungsmaßnahme für eine
schrumpfende Stadt.
Durch die Automatisierung im Bergbau verlor die
einst boomende Bergbaustadt rund 4.000 Arbeitsplätze und innerhalb von 20 Jahren die Hälfte der
Bevölkerung. Daraus resultierten eine Zunahme bei
den Wohnungsleerständen, eine fortschreitende
Überalterung der verbleibenden Wohnbevölkerung
und mangelnde Finanzen zur Renovierung des
Bestandes. Seit dem Jahr 2006 verhilft das Stadtumbauprogramm re-design Eisenerz der Stadt
erfolgreich zu einem Neustart. Zu den wichtigsten
Maßnahmen zählen die Stärkung der Kernstadt,
Umsiedlung von EinwohnerInnen in Randlagen in
das Zentrum und der teilweise Rückbau leerstehender Wohnsiedlungen.
Ottensheim in Oberösterreich
Kunst und Kultur gegen gesichtsloses Wachsen.
Die kleine Marktgemeinde im Mühlviertel setzt
sich vehement gegen Zersiedlung und Verödung
des Ortskernes ein und fördert mit viel Kreativität
und Kunstverstand die Innenentwicklung des
Ortes. Dazu zählen vor allem neue innovative
vor der
eigenen tür.
Brachflächenrevitalisierung
im Ortskern von
Mistelbach.
Quelle: Bauamt
M istelbach
Nutzungen im Ortskern für alle Altersgruppen, wie
zum Beispiel ein Wochenmarkt, eine neue Mittelschule am Hauptplatz und zahlreiche Zwischennutzungen in leerstehenden Gebäuden.
Bevölkerung weitere Zersiedelung zu vermeiden
und keine Baulanderweiterungen zuzulassen. Dabei
soll sowohl die Erreichbarkeit der Stadt verbessert
als auch die Innenstadt belebt werden.
Mistelbach in Niederösterreich
Salzburg-Lehen in Salzburg
Entstehung eines neuen Ortsteils durch Brach­
flächenrevitalisierung.
Stadtumbau als Belebung für einen vernach­
lässigten Stadtteil.
Durch den Ausbau der Wirtschaftsachse Wien–
Prag ist Mistelbach in die Mitte Europas gerückt,
und die Bezirkshauptstadt im Herzen des Weinviertels wächst kontinuierlich. In den letzten Jahren
wurde durch die Revitalisierung zahlreicher
Brachflächen ein neuer Stadtteil geschaffen, dazu
gehören unter anderem das Museumszentrum
Mistelbach, eine HTL für Gesundheitstechnik und
eine Direktvermarktung regionaler Produkte.
Trotz zentraler Lage zum Stadtkern und guter
Verkehrserschließung hatte Lehen in den letzten
Jahrzehnten als Wohnstandort an Attraktivität
verloren. Um dem entgegenzuwirken, wurden
umfassende Umbaumaßnahmen gestartet. Die
Grünräume wurden gestärkt und leichter zugänglich gemacht, umweltfreundliche Verkehrserschließungen errichtet und neues Generationenwohnen
auf ehemaligen Gewerbebrachen entwickelt – dabei
wurde besonders auf die Nutzung erneuerbarer
Energien geachtet. Lehen erwartet sich durch diese
Maßnahmen eine stabile Bevölkerungsentwicklung
und einen guten Generationenmix.
Feldkirch in Vorarlberg
Österreichs energieeffizienteste Stadt wächst
weiterhin bei gleichzeitigem Stopp der flächenhaften Ausdehnung.
Feldkirch zeigt, dass mit konsequenter Innenentwicklung ein hoher Grad an Energieeffizienz
erreicht werden kann und wurde 2010 im Rahmen
des e5-Programms als energieeffizienteste Stadt
Österreichs prämiert. Die Stadt ist für die Region
Rheintal ein wichtiges Zentrum für Bildung, Kultur
und medizinische Versorgung. Die Stadtplanung
hat sich zum Ziel gesetzt, trotz wachsender
Gundula Prokop
Dipl.-Ing. Gundula
Prokop ist Expertin
am Umweltbundesamt für
Bodenschutz und
nachhaltige Stadtentwicklung.
Weitere Infos:
www.bmfluw.at, www.umweltbundesamt.at
Publikation des Lebensministeriums „Kompakte
Siedlungen: Klimaschutz für Generationen“,
http://www.lebensministerium.at/
publikationen/umwelt/klimaschutz_luft/
kompakte_siedlungen.html
Vorbildwirkung der
Gemeinde. Statt
eines Gebäudes am
Ortsrand wurde für
das neue Amtshaus
ein altes Gebäude im Ortskern
angekauft und mit
einem modernen
Anbau versehen.
Dieser ist von außen einsehbar und
wird für Gemeinderatssitzungen und
Veranstaltungen
verwendet.
Fotos: SUE A rchi­
tekten, H ertha
Hurnaus
3/14 steirische berichte
9
vor der
eigenen tür.
Mit Maß und Ziel
Wohnen und Mobilität in der Stadt der kurzen Wege
In den Hauptstädten von Österreichs
Bundesländern
wird fast überall
mehr als drei Mal
so viel Fläche für
Verkehr als für Bebauung benötigt.
Mobilität ist ein entscheidender Faktor für die
Lebensqualität in Städten. Wie die Bevölkerung
ihre täglichen Wege zurücklegt, hängt wesentlich
von umfassender Planung und Stadtentwicklung
ab.
Der PKW-Motorisierungsgrad nimmt in vielen
Städten Europas ab. Auch in Wien, Innsbruck und
Graz gibt es heute pro 1.000 Einwohner weniger
PKW als noch vor einigen Jahren, wie die VCÖPublikation „Lebensraum Stadt und Mobilität“
zeigt. Trotz des sich abzeichnenden Mobilitätswandels in den Städten beansprucht der KFZ-Verkehr
nach wie vor sehr viel Platz für sich – und deutlich
mehr als allen anderen Mobilitätsformen zur
Verfügung steht. Dabei werden in sechs der neun
Landeshauptstädte Österreichs mehr als die Hälfte
der Alltagswege autofrei zu Fuß, mit dem Rad oder
mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt.
Infolge der Massenmotorisierung wurden im
vergangenen Jahrhundert große Teile des öffentlichen Raumes zu reinen Verkehrsflächen degradiert.
Heute steht den Autos in den Städten zum Parken
mehr Platz zur Verfügung als den Menschen zum
Zu-Fuß-Gehen. Die Verkehrsflächen in Österreichs
Landeshauptstädten machen heute mindestens das
Doppelte der Baufläche aus, in einigen Städten
sogar das Vierfache.
Stadt der kurzen Wege stärkt
die Nahversorgung
Die Massenmotorisierung hat nicht unbedingt
mehr Mobilität gebracht, sondern gerade in den
Ballungsräumen eher den Verkehrsaufwand steigen
lassen. Eine autoorientierte Verkehrs- und Stadtplanung führt dazu, dass die Menschen längere
Strecken zurücklegen müssen. Anstatt zu Fuß zum
Lebensmittelgeschäft im Ortszentrum gehen zu
können, braucht man heute ein Auto, um den
Supermarkt am Ortsrand erreichen zu können. Die
10
steirische berichte 3/14
Folge dieser Entwicklung: Ortszentren verwandelten sich von einem lebendigen Ort der Begegnung
zu einer Ansammlung leerstehender Geschäfte. Die
Lebensqualität sinkt, die Menschen fühlen sich in
so einer Umgebung immer weniger wohl. Deshalb
hat auch ein Umdenken eingesetzt. Es wird wieder
die Nahversorgung gestärkt, Städte und Gemeinden
bemühen sich, die Bedingungen zum Zu-Fuß-Gehen und Radfahren zu verbessern. Aus gutem
Grund, denn es wird ein positiver Kreislauf in
Gang gesetzt: Wer im Ort wichtige Einrichtungen
zu Fuß erreichen kann, geht auch im Ort einkaufen. Damit wird die Nahversorgung gestärkt,
Arbeitsplätze entstehen, es ist auch für die Jungen
wieder attraktiv im Ort zu bleiben, der Ort wird
wieder belebt.
höhere Kosten für Mobilität entstehen. Während es
in der Stadt aufgrund guter öffentlicher Verkehrsverbindungen viele autofreie Haushalte gibt,
brauchen Haushalte am Land oft zwei oder mehr
Autos.
Auch die Entfernung, die täglich zurückgelegt
wird, ist deutlich höher. In Wien beträgt die
durchschnittliche Tagesweglänge pro Person mit
allen Verkehrsmitteln 18 Kilometer. In Niederösterreich sind es durchschnittlich 35 Kilometer. Rund
80 Prozent der täglichen Wege beginnen oder
enden zu Hause. Es zeigt sich, dass die täglichen
vor der
eigenen tür.
Bei der Wahl eines
Wohnortes werden
die bei größerer
Entfernung zum
Zentrum steigenden
Mobilitätskosten
meist nicht beachtet, obwohl diese
den Preisvorteil
des zentrumsfernen Wohnplatzes
aufwiegen.
Platzsparende Mobilität
Insgesamt wachsen in Österreich die Städte und
Ballungsräume stärker als der Rest des Landes.
Gerade in den Städten ist der Platz beschränkt.
Damit nimmt der Bedarf an effizienter und platzsparender Mobilität deutlich zu. Umso wichtiger ist
es, dass flächeneffiziente Verkehrsmittel Vorrang
bekommen. Ein Radweg kann beispielsweise
fünfmal so viele Menschen transportieren wie eine
Autospur der gleichen Breite. Auf den zwölf
Quadratmetern eines Autoparkplatzes können zehn
Fahrräder abgestellt werden. Ist die gleiche Menge
an Personen unterwegs, brauchen jene, die mit dem
Auto fahren, etwa 60 Mal so viel Platz wie die
Fußgängerinnen und Fußgänger. Auch der Öffentliche Verkehr beansprucht wenig Fläche. Eine
Straßenbahn transportiert auf 85 Quadratmetern
zur Hauptverkehrszeit im Schnitt 145 Personen.
Das ist so viel wie 124 Autos, die eine Fläche von
950 Quadratmetern brauchen.
Lange und teure Wege ins Grüne
Die Bevölkerung erlebt zu viel Autoverkehr als sehr
negativ: Staus, Abgase und Lärm schränken die
Lebensqualität ein. Selbst Autofreaks wohnen
lieber an einer verkehrsberuhigten Straße als an
einer stark befahrenen Stadteinfahrt. Viel Autoverkehr schränkt die Mobilität der Menschen ein.
Während in einer Wohnstraße oder Begegnungs­
zone sich Kinder frei bewegen können, Erwachsene
zum Reden mit Nachbarn verweilen, halten sich
jene, die an einer stark befahrenen Straße wohnen,
nicht lange vor dem eigenen Haus auf.
Mobilitätskosten mit zunehmender Entfernung zum
Zentrum so stark ansteigen, dass die Vorteile der
günstigeren Immobilienpreise meist ausgeglichen
werden.
Umweltfreundlich mobil in der Stadt
Doch gerade Städte haben sehr gute Voraussetzungen dafür, Mobilität umweltfreundlich und
platzsparend zu gestalten. Hohe Siedlungsdichten
ermöglichen eine kostengünstigere und bessere
Erschließung mit Öffentlichem Verkehr und legen
In den meisten
Landeshauptstädten
Österreichs wird
mehr als die Hälfte
der Wege zu Fuß,
mit dem Rad oder
mit öffentlichen
Verkehrsmitteln
zurückgelegt.
In den 80er und 90er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts begannen viele Menschen die Stadt
zu verlassen und sich im grünen Umland anzusiedeln. Die günstigeren Bodenpreise im Grünen
lenkten von der Tatsache ab, dass langfristig
3/14 steirische berichte
11
vor der
eigenen tür.
In Zukunft sollte
eine nachhaltige
Mobilitätspolitik
auch die Luft­
qualität in den
Orten verbessern.
Foto: PIXABAY
es nahe, zu gehen oder das Rad zu benutzen. Dies
sind die wesentlichen Säulen einer Stadt der kurzen
Wege, wie auch die VCÖ-Publikation „Lebensraum
Stadt und Mobilität“ sehr gut zeigt. In dicht
verbauten Gebieten benutzen 44 Prozent der
Menschen täglich oder mehrmals pro Woche
öffentliche Verkehrsmittel, bei Einfamilienhaussiedlungen sind es nur 16 Prozent. In Streusiedlungen nutzen 81 Prozent das Auto mehrmals pro
Woche, im dicht verbauten Gebiet sind es nur 56
Prozent. Es zeigt sich also, dass nicht zuletzt die
Strukturen und die Qualität des öffentlichen
Raumes beeinflussen, warum und wie Menschen
mobil sind, ob kurze Strecken im Alltag zu Fuß
gegangen oder mit dem Auto zurückgelegt werden.
Vor allem bei Neubauten und Großprojekten der
Stadterweiterung gibt es zahlreiche Möglichkeiten
zur Sicherstellung von Mobilität ohne Zwang zum
eigenen Auto. Ein gutes Angebot an Öffentlichem
Verkehr sollte deshalb Voraussetzung für die
Errichtung neuer Wohnbauten sein. Auch mit
Mobilitätsdienstleistungen wie beispielsweise
Verleihsystemen für Elektro-Fahrzeuge oder
Carsharing kann bereits in der Planungsphase
indirekt auf die Verkehrsmittelwahl Einfluss
Sandra Hochstöger
studiert Publizistik genommen werden.
und Kommunikationswissenschaft
sowie Romanistik
in Wien und macht
derzeit ein Praktikum beim VCÖ.
Christian Gratzer
ist Sprecher des
VCÖ. Die erwähnte
VCÖ-Publikation
„Lebensraum Stadt
und Mobilität“ ist
unter www.vcoe.
at oder beim VCÖ
unter (01) 8932697
erhältlich.
12
Mobilitätssanierung ist nötig
In den kommenden Jahren wird ein Begriff
zunehmend häufiger verwendet werden: Mobilitätssanierung. Dabei geht es darum, die Verkehrsflächen fair und im Sinne einer nachhaltigen Mobilität neu zu verteilen. Orientiert sich die
Neugestaltung von öffentlichen Räumen nicht
mehr am KFZ-Verkehr, so erhöht sich die Lebensqualität in den Städten. Expertinnen und Experten
empfehlen, dass Konzepte wie die Begegnungszone
zur städtebaulichen Norm werden, also vermehrt
steirische berichte 3/14
Straßen zur Verwendung kommen, die die gleichberechtigte Nutzung durch die Verkehrsteilnehmenden ermöglichen. Einen zentralen Beitrag
leisten Tempolimits, denn eine Stadt der kurzen
Wege existiert nur als Stadt der niedrigen Geschwindigkeiten. Mit geringerem Tempo reduzieren
sich die durchschnittlichen Weglängen. Wo Tempo
30 gilt, wird mehr zu Fuß gegangen und mehr Rad
gefahren. Die Planung von Straßenfreiräumen
kann sich verstärkt an den Bedürfnissen von
Gehenden orientieren, Straßen und Geschäftszonen
werden belebter und die Menschen haben mehr
soziale Kontakte.
Straßen mit Tempo 50 für den KFZ-Verkehr sind
zum Gehen unattraktiv. Dies ist auch ein Mitverursacher der Abwertung des betroffenen Stadtteils,
mit dem daraus folgenden innerörtlichen Geschäftssterben und der Ansiedelung von Einkaufszentren an den Stadträndern. Das Land Tirol hat
aus diesem Grund im Jahr 2006 eingeführt, dass
Handelsbetriebe mit über 300 Quadratmetern
Kundenfläche nicht mehr außerhalb der Kernzone
von Orten errichtet werden dürfen, außer auf
Sonderflächen, die sehr restriktiv vergeben werden.
Auch dort hat sich gezeigt: Nachhaltige Mobilität
in Städten stärkt Qualitäten wie Ressourceneffizienz, die Möglichkeit selbstständig mobil zu sein,
erhöht die Verkehrssicherheit und die Energieeffizienz und verbessert das Miteinander zwischen den
Menschen. In der Vergangenheit wurde der Verkehr
von der Bevölkerung als Belastung, als Luftverpester und Lärmquelle erlebt. In Zukunft sollte eine
nachhaltige Mobilitätspolitik nicht nur die Mobilität der Menschen verbessern, sondern auch die
Lebensqualität in den Orten erhöhen. Eine Stadt der
kurzen Wege ist eine Stadt, in der Menschen sehr
gerne leben.
Sandra Hochstöger und Christian Gratzer
Eine Idealvorstellung im
Widerspruch zur Realität?
vor der
eigenen tür.
Die Stadt der kurzen Wege – nachhaltig betrachtet
Die „Stadt der kurzen Wege“ bezeichnet ein
Planungskonzept, das danach strebt, Bedingungen
zu schaffen, bei der die Entfernungen zwischen
Wohnen – Arbeiten – Versorgung – Freizeit – Bildungseinrichtungen und Erholung möglichst
gering sind.
Mobilität ist für unser Leben wichtig und dient der
Befriedigung unserer verschiedenen Grundbedürfnisse. Sie wird aber vielfach gleichgesetzt mit Spaß
und Freiheit. Mit der Verbesserung der Verkehrstechnik und dem Straßenausbau wurde eine
Siedlungsentwicklung möglich, die von der
individuellen Autonutzung dominiert wird – für
viele gibt es überhaupt nur mehr das Fortbewegungsmittel Auto. Zu Fuß gehen oder mit dem Rad
fahren bzw. die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel besonders für alltägliche Wege wurden in
den Hintergrund gedrängt, obwohl sich laut
Statistik über die Hälfte der Wege unter fünf
Kilometer bewegt. Der Verkehr ist bereits zu 30
Prozent am Ausstoß von Treibhausgasen verantwortlich, und dieser Sektor weist auch die höchsten Zuwachsraten auf. In Österreich kommen auf
1.000 Einwohner bereits ca. 500 Autos, in China
sind es unter 60 und in Indien unter 20 Fahrzeuge/1.000 Einwohner.
Der zunehmende Lebensstandard und die steigende
Nachfrage nach Wohnraum unterstützen das
Bauen auf der grünen Wiese. In Österreich gehen
pro Tag rund 20 Hektar landwirtschaftliche Fläche
durch Versiegelung und Bebauung verloren. Es
werden damit nicht nur wertvolle Flächen der
landwirtschaftlichen Nutzung entzogen, sondern
es trägt auch zur „Auto-Mobilität“ bei, deren
Auswirkungen nur schwer zu reparieren sind. Im
Gleichschritt mit den peripheren Bauland- und
Siedlungsentwicklungen entleeren sich die Orts-
kerne zunehmend. Die Einkaufszentren haben sich
im Grünen angesiedelt, verfügen über ausreichende
Parkplätze und können daher mühelos mit dem
Auto erreicht werden. Vielfach wandert damit auch
die Gastronomie in die Peripherie ab, und schrittweise kommt es zu einer Aushöhlung der Zentren.
Die Zeichen der Zeit erkannt
Wir können aber nicht so weiter tun wie bisher.
Wir wissen, dass wir in der Steiermark mit unserem Lebensstil einen ökologischen Fußabdruck von
ca. 5,3 Hektar erreicht haben und damit deutlich
über unsere Verhältnisse leben. Wenn alle Menschen so leben würden wie wir in der Steiermark,
bräuchten wir „drei Erden“.
Das Konzept der kurzen Wege stellt eine Idealvorstellung dar, die im Widerspruch zur Realität zu
sein scheint – aber es ist wohl ein Konzept der
Vernunft, der Notwendigkeit, aber auch ein
Konzept von Unabhängigkeit und Individualität.
Es bedarf bewusstseinsbildender Maßnahmen, die
sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen ansetzen, um das „Statussymbol Auto“ zugunsten
alternativer Fortbewegungsmittel zurückzudrängen und unseren praktizierten nicht nachhaltigen
Lebensstil durch neue Lebensmodelle zu ergänzen,
in denen z. B. Bewegung im Alltag als gesund und
wohltuend empfunden wird.
Die Konzepte können aber nicht einfach „verordnet“ werden, sondern erfordern Bürgerbeteiligungsprozesse, die allen betroffenen Zielgruppen
die Möglichkeit zur Mitsprache und Mitgestaltung
zugesteht und langfristiges Denken vor kurzfristig
opportune Entscheidungen stellt.
Autoren:
Dipl.-Ing.in Gudrun
Walter ist Mitarbeiterin im Amt der
Steiermärkischen
Landesregierung,
Referat „Abfallwirtschaft und
Nachhaltigkeit“.
Weiter Infos: www.
nachhaltigkeit.
steiermark.at
Mag. Gerhard
Vötsch ist Prozessbegleiter der
Landentwicklung
Steiermark.
Bürgerbeteiligung
zahlt sich aus.
Foto von den
Autoren
3/14 steirische berichte
13
vor der Mehrere Gemeinden in der Steiermark haben die
eigenen tür. Zeichen der Zeit bereits erkannt und haben neue
Murau in der
Steiermark hat die
Zeichen der Zeit
bereits erkannt.
Foto: Herbert
Ortner _ Wikimedia
Commons
Wege eingeschlagen. So hat etwa die Stadtgemeinde Kapfenberg mit ihrer kommunalen Klimaschutzstrategie sowie Zielsetzungen im Stadtentwicklungskonzept reagiert. Im Rahmen eines
Kooperationsprojektes der Stadtgemeinde Kapfenberg mit der Abteilung 16 des Amtes der Steiermärkischen Landesregierung, den Verkehrsplanungsexperten von Verkehr plus und der
steirischen Beteiligungsagentur Landentwicklung
Steiermark wird der Themenkomplex Alltagsrad-
verkehr im Raum Kapfenberg behandelt. Die
Grundlage dazu stellt die Radverkehrsstrategie der
Steiermark mit den drei Schwerpunkten Infrastruktur, Kommunikation und Bewusstseinsbildung
sowie Organisation und Rahmenbedingung dar. In
einem Beteiligungsprozess im Sinne der Lokalen
Agenda 21 werden Verantwortliche aus Politik und
Verwaltung, Vertreterinnen aus Wirtschaft und
Organisationen sowie alle interessierten Bürgerinnen in den Planungsprozess eingebunden. Übergeordnete Zielsetzung ist dabei, die Qualität und
Quantität des Alltagsradverkehrs (Wege zu Arbeit,
Einkauf, Sport/Freizeit) in den jeweiligen Strategiefeldern zu steigern. Bewusste Verhaltensänderungen können nur durch eine gemeinsame
Vorgehensweise und das Verständnis erzielt und
können nicht einfach verordnet werden.
Ähnliche Prozesse und Kooperationen gibt es auch
in der Stadt Murau und in Leibnitz. Gezielt werden
dabei auch Leitbetriebe und Unternehmen mit
hohem Ziel- und Quellverkehr in diese Planungsprozesse miteinbezogen, um ein nachhaltiges
Mobilitätsverhalten zu entwickeln, zu fördern oder
auszubauen bzw. bestehende Aktivitäten dauerhaft
zu sichern.
Gudrun Walter und Gerhard Vötsch
Weitere Infos:
www.landentwicklung-steiermark.at
Das Amt im Wandel
der Zeit
Die E-Government-Initiative des Landes Steiermark
In den letzten Jahren haben moderne Technologien und Kommunikationsinstrumente immer mehr
Einzug ins tägliche Leben gehalten. Bereits rund 80 Prozent aller österreichischen Haushalte verfügen
über einen Internetzugang. Smartphones und Tablet-PCs sind für viele zum ständigen Begleiter
geworden. Der Zugang zum Internet ist mittlerweile fast an jedem Ort möglich.
Für eine moderne Verwaltung ist es daher eine
logische Konsequenz, entsprechende Services im
Internet anzubieten. Diese Form der Verfahrensabwicklung wird Electronic Government genannt:
Einfacher Zugang zu Verfahrensinformationen und
Formularen sowie raschere und unbürokratischere
Verfahrensabwicklung sind die Vorteile. Statt von
Amtstür zu Amtstür zu pilgern, können Verfahren
im One-Stop-Prinzip (bei einer einzigen Stelle)
angeboten werden.
14
steirische berichte 3/14
Chancen des E-Government
Früher wurden die elektronischen Systeme auf den
Sachbearbeiter hin ausgerichtet, während heute die
Bürger im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen.
Damit diese Systeme von den Bürgern akzeptiert
und kostengünstig umgesetzt werden können, sind
einheitliche Bedienung, standardisierte Schnittstellen und zentrale Register eine wesentliche
Voraussetzung.
Das Land Steiermark hat daher in der Landeshauptleutekonferenz die Erarbeitung eines nationalen
Masterplans initiiert, welcher in der Folge 2003 als
Kooperationsprojekt zwischen Bund, Ländern und
Gemeinden abgeschlossen wurde. Auf Basis dieses
einheitlichen Vorgehens entwickelt das Land
Steiermark die E-Government-Services laufend
weiter. Grundlage dieser Services ist ein intelligenter Verfahrensführer, welcher eine Übersicht über
die angebotenen Verfahren und Dienste sowie die
Zuständigkeiten bietet (http://egov.stmk.gv.at/)
Funktionen des E-Government
In den einzelnen Verfahren werden primär folgende E-Government-Funktionen unterstützt:
• Elektronische Antragstellung: Für häufig genutzte Verfahren werden sogenannte Online-Formulare angeboten. Diese unterstützen den Antragsteller schon während der Eingabe, weisen
selbstständig auf mögliche Fehler hin und
stellen Hilfen zu Eingaben und zu den notwendigen Beilagen bereit. Für weniger häufige
Verfahren werden Download-Formulare angeboten. Diese ermöglichen das Ausfüllen am PC und
die Versendung per gesichertem Upload, per
Mail oder per Post.
• Elektronische Zustellung: Falls im Antrag eine
E-Mail-Adresse bekanntgegeben wird, wird die
Erledigung per E-Mail zugestellt. Weil nachweisliche Zustellungen nur über das elektronische Zustellsystem (http://zustellung.gv.at)
übermittelt werden dürfen, wird auch diese
Form unterstützt.
• Verzicht auf Beilagen: Wenn die Daten in zentra- vor der
len Registern gespeichert sind, wie beispielswei- eigenen tür.
se die Meldenachweise im Zentralen Melderegister, kann die Beilage dieser Nachweise im
Verfahren entfallen. 2015 ist die Inbetriebnahme
des zentralen Personenstandsregisters geplant,
wodurch auch die Beilage von Geburtsurkunde
und Staatsbürgerschaftsnachweis nicht mehr
notwendig ist.
One-Stop über Partner
Bei einigen Verfahren liegt die Hürde nicht in der
Bedienung der Systeme, sondern in der Komplexität des Verfahrens selbst und den bereitzustellenden Beilagen. In diesen Fällen kooperiert das Land
Steiermark mit Partnern, welche die Bürger bei der
Antragstellung unterstützen (z. B.: Gewerbeantrag
über das Gründerservice der Wirtschaftskammer).
Neben den Kammern, Verbänden, Fahrschulen,
Banken und Wohnbaugenossenschaften bieten sich
vor allem die Gemeinden als One-Stop-Partner an.
Beispiele im Gemeindebereich sind der Reisepassantrag, der bei etwa der Hälfte der Gemeinden
gestellt werden kann, und der Heizkostenzuschuss.
In diesen Fällen verkürzten sich die Amtswege für
den Antragsteller deutlich.
Beim Führerscheinantrag entfällt der Amtsweg
gänzlich, weil er über die Fahrschule, die man
ohnedies aufsuchen muss, eingebracht wird.
Die schon mehrjährige Praxis zeigt eine gute
Akzeptanz und eine hohe Zufriedenheit mit den
Services. So wurden die Online Formulare im Jahr
2013 mit einer Durchschnittsnote von 1,4 auf einer
fünfteiligen Notenskala bewertet.
Franz Grandits
Dipl.-Ing. Franz
Grandits war bis
31. 7. 2014 für die
E-GovernmentUmsetzung beim
Land Steiermark
zuständig.
Weitere Infos:
http://www.verwaltung.steiermark.at
Foto: PIXABAY
3/14 steirische berichte
15
vor der
eigenen tür.
„Tut leid, LG!“
Plädoyer wider verschluckte Silben und verballhornte Wörter
Der Südsteirer
Mag. Christian
Teissl lebt als
Schriftsteller in
Graz.
Als Schüler vor die Frage gestellt, was denn ein
„Lg“ sei, hätte ich nicht weitergewusst und nur
darauf hoffen können, dass jemand mir einsagt.
Doch selbst die gewitztesten Einflüsterer in der
Klasse wären da ratlos gewesen, hätten hinter dem
Kürzel „Lg“ möglicherweise ein wenig bekanntes
chemisches Element oder eine antiquierte physikalische Maßeinheit vermutet. Dass es schlicht und
einfach „Liebe Grüße“ bedeutet, wäre wohl keinem
von uns eingefallen, schließlich lernten wir die
Fertigteilsprache der digitalen Revolution erst als
Erwachsene kennen. Unsere Kindheit und Jugend
war davon noch unberührt, ging analog zu Ende,
zwischen Faxgeräten, Videorekordern und Münzapparaten.
Mittlerweile hat niemand von uns mehr ein
schlechtes Gewissen, wenn er eine persönliche
Mitteilung an Freunde oder Kollegen nicht mit
hergebrachten Höflichkeitsformeln wie „herzlichst“
oder „stets der Deine“ schließt, sondern ganz
schlicht und schlampig mit einem „Lg“ und den
eigenen Initialen. Was immer wir dadurch an Zeit
gewinnen mögen, verlieren wir an Verbindlichkeit:
Denn „Lg“ lässt sich zu jedem sagen, zum eigenen
Bruder ebenso wie zu wildfremden Menschen am
anderen Ende der Welt, mit denen man nur
elektronisch verkehrt.
Manche, die in der ständigen Einbildung leben,
keine Zeit zu haben, verschlucken nicht nur
einzelne Silben, sondern oft ganze Wörter, kürzen
in ihren e-Mails nicht nur die abschließenden
Grußformeln ab, sondern auch die Anrede: Einmal
– es liegt bereits Jahre zurück – erhielt ich ein
Ein Wort, das im
immerzu abgekürzt
wird, verliert an
Gewicht und
Bedeutung.
Foto: PIXABAY
16
steirische berichte 3/14
Mail, in dem ich als „lieber ct“ adressiert wurde.
Dabei handelte es sich nicht etwa um das Lebenszeichen eines alten, verschollen geglaubten
Du-Freundes, für den ich seit eh und je „der ct“
bin, sondern um geschäftliche Korrespondenz: Ein
Zeitungsredakteur, der seine eigenen Artikel und
Kommentare stets mit vollem Namen zu zeichnen
pflegt, bestellte bei mir kurz und bündig einen
Gastbeitrag.
Zugegeben: Das Selbstverständliche und Offenkundige muss nicht fortwährend gesagt und bei jeder
Gelegenheit wiederholt werden. Da ich meinen
eigenen Namen kenne, muss ich ihn nicht in jeder
kleinsten an mich gerichteten Nachricht zu lesen
bekommen; da ich weiß, dass hinter dieser oder
jener kurzen Mitteilung ein Mensch steht, der mir
in Gedanken freundlich zuwinkt und mich grüßt,
brauche ich diesen Gruß nicht expressis verbis vor
mir am Bildschirm zu sehen. Und doch: Ein Wort,
das immerzu abgekürzt wird, verliert an Gewicht
und Bedeutung; ein Name, der nur noch als Kürzel
kursiert, verschwindet allmählich in der Versenkung.
Wenn beispielsweise das altehrwürdige „Es tut mir
leid“ immer öfter zu einem kaltschnäuzigen „Tut
leid“ verballhornt wird – eine der zahlreichen
Verballhornungen, die das Internetzeitalter mit
sich gebracht hat –, so wird es bald kein glaubwürdiger Ausdruck des Bedauerns mehr sein, sondern
lediglich eine Ausflucht, jederzeit billig zu haben
in der Ramschabteilung der Sprache.
Christian Teissl
Pionier des Schritt-Zählens
vor der
eigenen tür.
Mirella Kuchling im Gespräch mit Karl Albrecht Kubinzky
Die Geschichte der Grazer Straßennamen ist untrennbar mit Prof. Mag. Dr. Karl Albrecht Kubinzky
verbunden. Aber auch in Sachen Wege ist der Soziologe ein Vorreiter, wie er vor vielen Jahren mit
seinem hierzulande noch kaum bekannten Schrittzähler bewies.
konnte, dass ich 18 Kilometer gelaufen war, konnte
ich mir auf die Schulter klopfen und beruhigt
schlafen gehen.
Wie sahen Schrittzähler damals aus?
Relativ klein, man befestigte sie am Gürtel.
Heutzutage trägt man sie als modisch farbiges
Armband, man kann alle Daten vergleichen und
auf den Computer übertragen.
Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert?
Ich wurde belächelt, und viele wollten wissen, ob
das ein medizinisches Gerät ist. Andere wiederum
fanden es kleinkariert, wenn man die Anzahl
seiner Schritte misst.
Gab es auch Nachahmer?
Mirella Kuchling: Was bedeutet „Der Weg ist das
Ziel“ für Sie?
Karl Albrecht Kubinzky: Die Qualifikation von
Wegen ist eine der Möglichkeiten zu versuchen,
nicht effektivierbare Aufgaben zu qualifizieren
und damit einorden- und vergleichbar zu machen.
Und der Schrittzähler hilft dabei?
Ja, so kann man den Weg als Leistung betrachten,
mit Hilfe eines Schrittzählers qualifizieren. Dass
Weg nicht gleich Weg ist, hat der amerikanische
Literaturtheoretiker Kevin Lynch untersucht: Für
interessante Wege hat er eine Qualifizierung
ausgesprochen, die jenseits der normalen ökonomischen Einordnung liegt.
Karl Albrecht
Kubinzky mit
einem seiner
Schrittzähler.
Foto: M irella
Kuchling
Ich habe viele Schrittzähler verschenkt, aber erst
nachdem ich sie getestet hatte, denn nicht alle
gingen gleich exakt, so musste man bei manchen
Zählern fest auftreten. Die gut funktionierenden
habe ich dann verschenkt, ich war ein treuer
Kunde der Firma!
Wird es mit der Zeit obsolet, auf den Zähler
zu schauen?
Man entwickelt Streckenroutine, man weiß
erfahrungsgemäß, wie viel das war. Strecken
werden vergleichbar, und man weiß, wie man
innerhalb der kürzesten Zeit zum Zielpunkt
gelangt.
Wie viele Schrittzähler hatten Sie insgesamt?
Was bedeutet das genau?
Attraktive Positionen in der Architektur lassen
eine Straße kürzer erscheinen, machen sie beliebter. Somit bringen auch die „guten alten Fassaden“
etwas oder Zielpunkte. Orientierung ist etwas
Schönes und hat ästhetisch befriedigenden Charakter.
Sie trugen Ihren ersten Schrittzähler vor rund
20 Jahren und gute zehn Jahre lang, begannen
damit also zu einer Zeit, als dieses Messinstrument in Graz noch wenig bekannt war?
Ja, denn wenn ich schon müde war wollte ich
wenigstens das Erfolgserlebnis einer realen
Erklärung dafür haben. Wenn ich abends ablesen
Viele, sie sind oft zerfallen weil sie aus billigem
Plastik waren. Einige habe ich aber auch verloren
und gehörig betrauert.
Wie erhalten Sie sich heute Ihre Fitness?
Durch Höhenmeter, Stufen steigen. Wenn man
nicht mit dem Lift fährt, hat man durchaus etwas
geleistet und die Strecke ebenfalls erworben. Ich
bin schon zu meiner Zeit an der Universität zu Fuß
in den vierten Stock gegangen. Meine Studenten
mit ihren Sportschuhen standen beim Lift. „Ihre
Kollegen stecken noch im Lift“, habe ich dann
gerne gesagt, wenn ich den Hörsaal betrat.
Danke für das Gespräch.
Die gebürtige
Grazerin Mirella
Kuchling, Mitarbeiterin der Kleinen
Zeitung, veröffentlichte 2004 bei der
Steirischen Verlagsgesellschaft das
auf ihrer Dissertation basierende,
bereits vergriffene
Buch „Literarische
Spaziergänge durch
Graz“.
3/14 steirische berichte
17
vor der
eigenen tür.
Ein Blick auf die
Stadt unter der
Stadt, deutlich
sichtbar ist das
alte, gemauerte
Gewölbe.
Foto: Holding Graz
Services
Graz von unten
Auf unbekannten Pfaden durch die Stadt
Die kleinen Nager
sind viel zu scheu,
man begegnet ihnen
nur in Ausnahme­
situationen.
Foto: H ans-Jörg
Hellwig /Wikimedia
Commons
18
Ein maskierter Mann zerrt einen Kanaldeckel zur
Seite, klettert ins Loch, schiebt den Deckel unter
großer Kraftanstrengung wieder an seinen Platz,
hastet die Eisenstreben hinab und verschwindet im
weit verzweigten Kanalnetz der Stadt. Eine Szene,
wie man sie in vielen Filmen sieht – und reine
Fiktion. Dipl.-Ing. Dr. Kajetan Beutle, Spartenbereichsleiter der Holding Graz Services Wasserwirtschaft, kennt wie seine Mitarbeiter Ing. Karl
Schröttner und Dipl.-Ing. Werner Sprung das
Grazer Kanalnetz wie seine Westentasche.
Kanaldeckel sind nicht nur viel zu schwer, v. a.
wenn man sie wieder an ihren ursprünglichen
Platz schieben möchte, weiß Beutle. Aufgrund von
Abrieb und kleinen Steinchen lassen sie sich auch
gar nicht erst einfach anheben. Wenn das so leicht
ginge, würde nämlich der Sog eines Autos genügen, um den Fußgängern wortwörtlich Kanaldeckel
um die Ohren fliegen zu lassen.
In der Nähe des Dietrichsteinplatzes steigen wir zu
viert zum Grazbach hinab. Lampen sind in regelmäßigen Abständen an der Decke angebracht, aber
das ist nicht überall so. In vielen Teilen des
Kanalnetzes ist es stockfinster, und man verliert
leicht die Orientierung. Das Gefühl für zurückgelegte Entfernungen ändert sich, und auch jenes für
die verstrichene Zeit. Zwischen dem beidseitigen,
Der Leiter der Wasserwirtschaft räumt auch gleich
mit einem weiteren Mythos auf: Der Horde von
Ratten, die angeblich nur darauf lauert, Menschen
anzufallen, die sich in ihr Revier wagen. Die
kleinen Nager sind viel zu scheu, man begegnet
ihnen nur in Ausnahmesituationen, etwa wenn ein
Muttertier seine Jungen verteidigt.
einen Meter breiten Bankett fließt der Grazbach
glasklar in einem Bett aus Granitwürfeln. Hier
werden immer wieder Krebse gesichtet. Kajetan
Beutle erinnert sich an ein acht Zentimeter langes
Exemplar, das wie auch alle anderen umgesiedelt
wurde. Das Abwasser treibt links und rechts des
Baches, zunächst in einer offenen gemauerten
steirische berichte 3/14
Rinne, in Richtung Kläranlage Gössendorf. Der
befürchtete Gestank bleibt aus. Der so ruhig
anmutende Grazbach hat eine Fließgeschwindigkeit
von 1,5 Metern pro Sekunde, und wenn heftige
Regenfälle einsetzen, wird er innerhalb von
wenigen Minuten zum reißenden Fluss. So geschehen im Jahre 1896, als große Teile der damaligen
Kanalanlagen durch die Wucht des Wassers
einbrachen. Auch heute besteht Gefahr, wenn
bei Regen über die Stadt verteilt plötzlich rund
100 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in die Kanäle
abfließen. In diesem Fall muss die Regenwasserflut
über Schwellen abgeworfen werden, um das
Kanalnetz zu entlasten. Entlang der Mur erfüllen
35 sogenannte Mischwasserentlastungen diese
Aufgabe. Der Grundgedanke dabei ist, dass das
Abwasser durch das Regenwasser so hoch verdünnt
ist und somit dem ökologischen Gleichgewicht der
Bäche und der Mur nicht zu sehr schadet. Es
entspricht jedoch nicht dem „Stand der Technik“,
betont Dr. Beutle.
Noch gefährlicher als die Kraft des Wassers aber
sind Gase, die hier unten durch Fäulnisprozesse
entstehen können. Methangas und Schwefelwasserstoff ziehen wie Wolken im Kanal hin und her.
Deshalb piepst das Gaswarngerät von Diplomingenieur Sprung, Abteilungsleiter Strategie und
Entwicklung der Wasserwirtschaft, auch ständig
im Hintergrund: Es zeigt an, dass die Luft atembar
ist. Wäre nämlich das gefürchtete Gas im Tunnel,
würde ein kleiner Funke genügen und wir würden
aus der Unterwelt von Graz direkt in den Himmel
befördert werden.
Das Abwasserproblem
von anno dazumal
Früher hatte noch so gut wie jedes Haus einen
direkten Zugang zum Grazbach, denn die Anrainerinnen wuschen dort ihre Wäsche. Die Gewässer
selbst wurden als Abwasserkanäle genutzt, und
dementsprechend waren die hygienischen Bedingungen. 1870 unternahm man erste Schritte, um
das Problem der Stadt in den Griff zu bekommen.
Es dauerte aber an die 20 Jahre, bis der Grazbach
in Teilschritten eingewölbt war. Das Gewölbe
bestand damals aus gebrannten Ziegeln. Großangelegte Kanal- und Anschlussarbeiten erfolgten in
der Stadt in den Jahren zwischen den beiden
Weltkriegen. Die 1927 erstellten Vorplanungen und
Berechnungen sind laut Karl Schröttner so präzise,
dass sie bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts verwendet und umgesetzt werden konnten. In
der Zwischenkriegszeit wurden ca. 1.200 WC-Anlagen installiert und das Abwasser an das Kanalnetz
angeschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg
mussten dann die Bombenschäden behoben
werden. Anno dazumal konnte übrigens, so Ing.
Schröttner, Leiter des Betriebes Abwasser der
Wasserwirtschaft, nur Kanalarbeiter werden, wer
klein und schlank war.
Das Grazer Kanalsystem ist zu 70 Prozent ein
Mischsystem, das bedeutet, dass häusliches
Abwasser und Regenwasser von den Straßen und
Dächern durch dieselben Rohre fließen und zur
Kläranlage gelangen. Bei starkem Regen gelangen
jedoch Teile des Schmutzwassers verdünnt durch
Regenwasser über Mischwasserentlastungen in
Bäche und Mur. Da diese Entlastungen nicht mehr
dem Stand der Technik entsprechen bzw. um den
Gewässerzustand unserer Bäche und der Mur
nachhaltig zu verbessern, wird die Errichtung
eines Zentralen Speicherkanals mit Hochdruck
vorangetrieben. Er gilt als derzeit größtes Umweltprojekt der Stadt Graz und als Meilenstein der
Abwasserinfrastruktur.
vor der
eigenen tür.
v. l. n. r.:
Ing. Karl
Schröttner, DI
Dr. Kajetan Beutle,
DI Werner Sprung.
Foto: M irella
Kuchling
Die restlichen 30 Prozent des Kanalsystems werden
über ein Trennsystem bewirtschaftet, wobei
Schmutz- und Regenwasser getrennt abgeleitet
werden. Dabei kann es auch vorkommen, dass nur
ein Schmutzwasserkanal vorhanden ist und das
Regenwasser örtlich versickert werden muss.
Aber zurück zum Anfang dieser Geschichte: Sind
die Straßen unter der Stadt Schauplatz krimineller
Machenschaften? Meine drei Begleiter verneinen
unisono. Aber man kann hier schon allerlei finden,
erzählt Karl Schröttner, vom Fahrrad oder Moped
bis hin zum Bett, außerdem Klappstühle, Handys,
Gebisse oder Besteck. Und den einen oder anderen
Ehering, der offenbar nicht mehr benötigt wird.
Mirella Kuchling
Die gebürtige
Grazerin Mirella
Kuchling, Mitarbeiterin der Kleinen
Zeitung, veröffentlichte 2004 bei der
Steirischen Verlagsgesellschaft das
auf ihrer Dissertation basierende,
bereits vergriffene
Buch „Literarische
Spaziergänge durch
Graz“.
Das Grazer Kanalnetz
Länge: 856 km
Alter: ca. 100 Jahre
Kanalisierungsgrad: 99,7 Prozent
Angeschlossene Liegenschaften: 31.606
Kanaldeckel: 24.681
3/14 steirische berichte
19
vor der
eigenen tür.
Reisen bildet – Vor allem CO2
Mobil, regional, global, effizient
Ökologische und
ökonomische
Bilanzen sind
schwer in eine
simple EinnahmenAusgaben-Rechnung zu bringen.
Foto: PIXABAY
Mitte August 2014 in Österreich: Die bewundernswert erfolgreichen agrarischen Interessenvertreter
proben ihren allsommerlichen Aufstand. Diesmal
ist es aber nicht der – von der globalen Lebensmittelproduktion übrigens massiv mitverursachte –
Klimawandel, der – wahlweise – zu viel Sturm, zu
viel Hitze, zu viel Trockenheit oder zu viel Regen
gebracht hat, diesmal stehen die Einbußen infolge
des Wirtschaftsboykotts gegenüber Russland im
Zuge der Ukraine-Krise im Fokus des bäuerlichen
Begehrens nach zusätzlichen Geldern.
Wobei hier schon der Gerechtigkeit wegen unbedingt hinzuzufügen ist, dass es hierzulande in der
Tat keine zweite Wirtschaftssparte gibt, die unter
einem vergleichbar hohen und selbst kaum steuerbaren Risiko produziert wie die heimische Landwirtschaft. Und natürlich besteht ein mehr als
berechtigtes Interesse der Gesamtbevölkerung, dass
gerade dieser Bereich auch ökonomisch ausreichend gesichert werden muss. Die so beliebten
Förderungsschelten sind ja meist ohnehin nur eine
besonders ausgeprägte Variante unserer allgegenwärtigen Neidgesellschaft.
Nur nicht zynisch werden!
Doch angesichts des verständlichen Wunsches
nach mehr Geld als Ausgleich für nicht zustande
kommende Russlandexporte erinnern sich nicht
nur hartgesottene Zyniker daran, wie sehr uns die
20
steirische berichte 3/14
heimischen Agrarier – gestützt auf hochpreisige
Studien – seit Jahr und Tag nicht zuletzt auch mit
dem Argument der ökologischen Folgen davon
überzeugen wollen, möglichst nur mehr regional zu
kaufen. Schon sonderbar: Exporte sind gut für die
Ökonomie und Importe schlecht für die Ökologie;
und zwar jeweils ausschließlich!
Oder wie es ein deutscher Kabarettist vor gar nicht
langer Zeit über seine Heimat gesagt hat: „Wenn
Deutschland Exportweltmeister ist, möchte ich
auch wissen, wer dann der größte Importtrottel auf
unserem Globus ist!“ Weniger zugespitzt sei hier
nur daran erinnert, dass ein Teil des griechischen
Wirtschaftsdesasters der letzten Jahre auch seine
Ursache in einer nur wenig verschleierten, aggressiven Binnenmarktstrategie des EU-Nordens gegen
den Süden hatte.
Doch der konkrete Anlass taugt nur beschränkt zur
Polemik. Es ist vielmehr ein beredtes Beispiel für
die vielfältigen Implikationen des Spannungsfeldes
zwischen Regionalität und Globalisierung. Zum
einen sind ökologische und ökonomische Bilanzen
schwer in eine simple Einnahmen-Ausgaben-Rechnung zu bringen. Ökonomische Gewinne sind
tendenziell auf Verbrauch und Kurzlebigkeit hin
ausgerichtet, ökologische „Erträge“ zielen dagegen
nicht selten auf Verzicht und Langzeitentwicklungen. Plakativer gesagt: Was ich mir im Geldbörsel
erspare, davon profitiere ich unmittelbar, wobei
jedes der letzten drei Wörter wichtig ist: Profit, ich
und unmittelbar. Setze ich aber eine ökologisch
relevante Handlung, so stellt sich der „Profit“
bestenfalls mittelfristig ein, und die Nutznießer
sind oft eine nur sehr abstrakt zu denkende
künftige Gruppe von Menschen.
Zudem sind – gerade in diesem Zusammenhang
– Mobilität und Effizienz meist völlig unhinterfragte Ideale einer unter ökonomischen Leitprämissen stehenden Gesellschaftsordnung. Globalisierung, wie wir sie heute verstehen, wäre ohne diese
beiden Faktoren gar nicht möglich. Mathias
Binswanger, der renommierte Schweizer Ökonom,
hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Effizienz
als eine ganz der Logik der Ökonomie unterworfene
Strategie kaum dazu taugt, ökologische Erfolge zu
erzielen. Und dennoch steht in faktisch allen
europäischen Energieplänen – gerade auch mit dem
Hinweis auf verbesserte Ökobilanzen – „Effizienz“
als Leitziel; der größte Etikettenschwindel vielleicht überhaupt.
Kaum weniger verlogen ist unser Umgang mit der
Mobilität. Fragen Sie ruhig ein Volksschulkind
Ihres Vertrauens, was die gefährlichste Umweltbelastung sei. Jede Wette, neun von zehn werden hier
den Autoverkehr nennen. (Was übrigens sachlich
so gar nicht stimmt!) Da spielt es auch kaum eine
Rolle, dass ungefähr die gleiche Quote – zumindest
im urbanen Bereich – ihre oft durchaus fußläufige
Wegstrecke in die Schule bevorzugt im PKW ihrer
Eltern zurücklegen. Man sitzt ja ohnehin schon im
Auto, da man sich beim Supermarkt um die Ecke
noch ausreichend mit Bioprodukten versorgen
muss. Es geht halt nichts über eine natürliche
Lebensweise!
Mobilität schafft Freiheit, Billig-Airlines noch
mehr Freiheit, Lebensmittel aus der ganzen Welt
schier unendliche Wahlfreiheit. Wer mag hier
schon zum Spielverderber werden?
vor der
eigenen tür.
Effizienz x Mobilität =
Globalisierung
Das ist die einfachste Multiplikation unserer
Ökonomie. Und wie alle einfachen Rechnungen
lässt sich auch diese als Bild darstellen: als
Container. Dieses wahrscheinlich am meisten
unterschätzte Artefakt der modernen Dienstleistungs- und Warenaustauschgesellschaft hat es
nicht nur möglich gemacht, dass wir jedes Frühjahr
frische Äpfel aus Südafrika im Vergleich zur
heimischen Kühlhausware preislich günstiger und,
nebenbei gesagt, auch mit einer besseren Öko­bilanz
nach Europa bringen können, es macht bei zweimaligem Nachdenken auch plausibel, warum die
EU einstens ihre vielgescholtene Gurkenkrümmungsverordnung erlassen hat: Gerade gewachsene Gurken brauchen weniger Platz, und damit
kann in einem Container wiederum ungleich mehr
von diesem wirtschaftlich ohnehin nur in der
Masse interessanten Gemüse transportiert werden.
Das alles kann auch viel, viel kürzer gesagt
werden: Die Maximierung der individuellen
ökonomischen Bedürfnisse und die Vergesellschaftung der ökologischen Belastungen ist ein zutiefst
mehrheitsfähiges Verhalten; und nicht erst in
unseren Tagen.
Wir sollten die Bauern für ihre Russland-Verluste
ruhig großzügig entschädigen. Wir sind ja auch bei
unserem Lebensstil und Naturverbrauch nicht
kleinlich!
Hans Putzer
Mag. Hans Putzer
ist Direktor des
Bildungshauses
Mariatrost.
Containerweise
Lebensmittel und
andere Produkte
aus der ganzen
Welt. Wer mag hier
schon zum Spielverderber werden?
Foto: PIXABAY
3/14 steirische berichte
21
vor der
eigenen tür.
Die Welt ein Dorf
Essay über den weiten Weg
Zu unserer Hochzeitsreise im Sommer 2013 war
ich mit meiner Frau insgesamt 7.500 Kilometer
mit dem Auto durch Frankreich und Westeuropa
unterwegs. Eine der bleibendsten Erfahrungen
dabei war zugleich die quälendste; die von
der schier unendlichen Weite der Straße und der
eigenen Grenze, an die sie uns führte: an die
Müdigkeit, oder die Dunkelheit, oder das rien ne
va plus in der Hölle, die die anderen sind – im
Stau der Stadteinfahrten und der Mautstationen.
Wo das Große und das Kleine in Ursache und
Wirkung aneinander geraten, hat bereits Adalbert
Stifter in seinem „Sanften Gesetz“ den Triumph des
Kleinen argumentiert und viel Häme für seine
„provinzielle“ Anschauung geerntet. Zu groß war
die Welt des 19. Jahrhunderts geworden, aus der
man nun auch die letzen weißen Flecken auf der
Landkarte löschte.
Und dennoch: Gerade die Globalisierung, die
damals mit zahlreichen ersten Spielern am Parkett
eröffnet wurde (der Royal Navy oder der Royal
Mail), hat die weite Welt im Nachhinein betrachtet
erstaunlicherweise enger gemacht, ihre Teile
einander bekannter gemacht und eben dadurch die
Strukturen des „Global Village“ geschaffen, in dem
wir uns heute wiederfinden.
„Die schier
unendlichen Weite
der Straße und
eigene Grenze, an
die sie uns führt“,
so der Autor.
Foto: PIXABAY
22
steirische berichte 3/14
Tatsächlich, so scheint es, gibt es im Zeitalter des
Internets und des Flugverkehrs den „weiten Weg“
nicht mehr: Kein Ort der Welt liegt weiter als eine
Tagesreise entfernt − eine Zeitgrenze, die im 19.
Jahrhundert noch die Entfernung der Gerichtsstandorte und unserer Bezirke markierte, die uns
inzwischen so sehr zur „Heimat“ geworden sind,
dass ihre gegenwärtige Umstrukturierung zu
schmerzen scheint.
Der Weg zum PC, der Mausklick, die nicht selbst
vollzogene Anlieferung aus hunderten Kilometern
Entfernung sind kürzer, sind weniger aufwändig
als der Weg ins Einkaufszentrum (das an und für
sich bereits, nun eine verjährte Idee, als Verkürzung der ohnehin schon kurzen Wege im Dorf bzw.
in der Innenstadt konzipiert war).
Keine Ferne mehr, auch kein Zeitunterschied und
keine kulturellen Differenzen mehr, die in den
sozialen Netzwerken die Distanz zwischen Freundschaften und Beziehungen noch über Kontinente
hinweg spürbar machten.
Das Dorf, so scheint es, das sich womöglich als die
erste unserer herdenmenschlichen Gesellschaftsformen herausgebildet hat, stülpt sich in seiner
modernen, international-globalisierten Ausbildung
über eine Welt, die wir z. T. lediglich nur noch,
weil wir als solche von ihr gelernt haben, als
flächenmäßige Ausdehnung wahrnehmen, als eine
von räumlichen und zeitlichen Grenzen unterteilte.
vor der
eigenen tür.
Grenzen, an Grenzen, an eigene Grenzen zu
gelangen, und non plus ultra.
Womöglich entwächst gerade dieser alles über­
deckenden virtuellen Provinz, dieser ausweglosen
globalen Dörflichkeit mit ihren spezifischen
Gesetzen die zunehmende Angst vieler Zeit­
genossen (u. a. Städter, Jetter, „Trendsetter“ usw.)
vor der „Provinzialität“; aus der Ahnung heraus,
dass „das globale Dorf“ bereits all das vom Globus
gelöscht hat, was einst auf dessen tatsächliche
Größe hingewiesen hat: Gradnetze, Zeitzonen,
Kontinente ...
Paris erfahren.
Foto: PIXABAY
Alles Illusion: die Größe wie die Enge.
Sie zu durchbrechen ist dabei dennoch möglich:
Ich rate, sich einfach auf den langen Weg zu
machen, im Wandern, im Auto, im Kopf mit einem
der unwegsamsten Bücher aus der Buchhandlung
im Dorf/Stadtzentrum, bis man an seine Grenzen
stößt; bis man endlich an die Grenzen des virtuellen, globalen Dorfes stößt.
Die übersehene Nähe
Wir „Dorfköpfe“, wir global villagers wählen
zunehmend den kürzeren Weg. Und wir bevorzugen das, was uns (z. B. kulturell) gleicher ist, was
uns auch im Denken als der kürzere, besser
aufgeschlossene Weg erscheint. Und wir vertrauen
denen, die wir kennen: Nicht zuletzt deshalb
investieren die großen internationalen Konzerne
(IKEA, McDonald’s, Apple usw.) Milliarden in ihr
Image und weniger in ihre Produkte.
Was dabei auf der Strecke bleibt, ist das, was wir
abkürzen: das Unzugängliche, z. B. in Kunst,
Musik, Kultur und Literatur.
Das Unbekannte.
Das Ungleiche.
Das, was in mittlerer Distanz liegt oder was
paradoxerweise nun mit einem Mal weiter entfernt
scheint als die hotspots des Internets, als London
oder Amazon, New York oder Youtube: das andere
Ende der eigenen (Groß-)Stadt. Die Musik der
eigenen Nachbarn. Oder auch das Denken, das
Schreiben, die Arbeitsleistung der unmittelbaren
Umgebung, die unter der Fiktion abgekürzter Wege
zu verschwinden scheint, die uns auch den Transportweg unserer Amazon-Päckchen, nur als
Beispiel, nicht sehen und damit nicht nachvollziehen lässt; aus dem Nichts heraus in den Armen des
Paketzustellers vor uns aufgetaucht wie ein
Produkt des virtuellen Raumes, der zunehmend die
Dinge aus unserem Leben herauskürzt und abkürzt,
die einst elementare Erfahrungen waren: Zeit,
Raum, Temperatur und Witterung und manchmal
auch die unangenehme Erkenntnis, an deren
Das war auch nach unserer Hochzeitsreise eine der
schönsten Erinnerungen: den gemeinsam zurückgelegten Weg auf einer stummen Karte einzuzeichnen und zu staunen, wie weit die Welt doch ist,
immer noch ist, die nun so klein unter den Fingerspitzen liegt.
Georg Petz
Dr. Georg Petz,
Jahrgang 1977, aufgewachsen im oststeirischen Pöllau,
lebt in Graz, ist
Schriftsteller und
Lehrer am BG/BRG
Hartberg. Diesen
Herbst erscheint
mit dem Erzählband „Millefleurs“
sein bereits achtes
Buch.
Eine der schönsten
Erinnerungen:
Der gemeinsam
zurückgelegte Weg.
Foto: PIXABAY
3/14 steirische berichte
23
vor der
eigenen tür.
Univ.-Prof. DDr.
Walter Schaupp ist
nach dem Studium
der Medizin und
der Theologie und
der Habilitation in
Freiburg im Breisgau seit 2003 Inhaber des Lehrstuhls
für Moraltheologie
an der KatholischTheologischen
Fakultät in Graz.
Über Ziele und Wege –
Ein ethischer Versuch
Wege gehören zu unserem Leben. Wir legen in
unserem Leben unendlich viele Wege zurück und
es gibt sie in einer großen Vielfalt: als äußere
Wege, die von Ort zu Ort gegangen werden; Wege
im Sinn der Verfolgung von gesteckten Zielen im
Leben; schließlich als innere Wege, die wir gehen
und die mit der grundlegenden Orientierung
unseres Lebens, mit der Suche nach Lebenssinn zu
tun haben. Oft hat man das Gefühl, dass man Wege
im Leben allein gehen muss, aber das darf nicht
darüber hinwegtäuschen, dass bestimmte Ziele
auch kollektiv verfolgt werden und wir uns in
unseren individuellen Zielsetzungen insgeheim,
mehr oder weniger, von anderen bestimmen lassen.
Unternehmen und Konzerne versuchen ihre
Mitarbeiter zu motivieren, sich miteinander auf
einen Weg zu machen und politische Parteien
rufen in Zeiten der Stagnation zu einem kollektiven „Aufbruch“ auf. Das Zweite Vatikanische
Konzil hat von der Kirche als einem „pilgernden
Gottesvolk“ gesprochen, das durch die Zeit hindurch zu seinem eschatologischen Ziel unterwegs
ist.
Offensichtlich gehört es zum Wesen des Menschen,
dass er „unterwegs“ ist, allein und gemeinsam mit
anderen, und sich immer wieder Ziele setzt, die er
zu erreichen versucht. Lässt sich in Kürze etwas
zur Logik dieser Wege und zu ihrem Gelingen oder
Misslingen sagen? Etwas, das für alle, oder doch
die meisten Formen unseres Unterwegsseins
zutrifft?
Wahrhaft glücklich?
Angesichts der Vielfalt der Wege, die unser Leben
kennzeichnen, spezialisiert unsere Zeit sich derzeit
in einer atemberaubenden Weise auf klar und
eindeutig definierbare Ziele zumeist materieller
Natur und deren Optimierung sowie auf die
Steigerung der Effizienz in der Zielverfolgung.
Sowohl die Ziele (der erwünschte „Erfolg“) wie
auch die Effizienz von Strategien sollen möglichst
sichtbar und möglichst quantitativ ausdrückbar
sein. Man gewinnt immer mehr den Eindruck, dass
das, was sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt,
nicht real ist. Dies gilt für die Leistungen der
Medizin und der Wissenschaft, für die Steigerung
von Wohlstand allgemein, ja auch für die „Lebenszufriedenheit“ der Menschen. Zieloptimierung und
Effizienzsteigerung sind in vielfältigsten Bereichen
des Lebens nicht hinterfragbare Leitprinzipien
24
steirische berichte 3/14
strategischer Planung und menschlichen Handelns.
Der Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas
spricht in diesem Zusammenhang von einer
strategischen Rationalität, der es darauf ankommt,
gesetzte Ziele möglichst effizient und sicher zu
erreichen.
So richtig eine solche Rationalität für viele Bereiche des Lebens ist, so gefährlich ist es, wenn sie zu
einer umfassenden Lebenshaltung wird. Dann wird
zum Einen vergessen, dass es jenseits der Sorge um
Effizienzsteigerung auch eine Sorge um die Ziele
selbst braucht. Wiederum nach Jürgen Habermas
liegt die genuin ethische Frage unseres Lebens
darin, ob wir überhaupt die richtigen Ziele verfolgen, bzw. ob die Bedeutung, die sie faktisch für
uns haben, einer aufrichtigen und kritischen
Nachfrage standhält. Die antike Philosophie stellte
in diesem Zusammenhang immer wieder die Frage,
was den Menschen denn wahrhaft glücklich macht.
Obwohl heute viel vom Glück die Rede ist und
glückliche Gesichter in Medien und Werbung
allgegenwärtig sind, ist diese Frage nach wie vor
aktuell: macht das, was wir mit viel Energie und
Effizienz anstreben, auch wahrhaft glücklich? Die
Frage wird gern, mit dem Verweis auf die Freiheit
und Autonomie des Individuums, ins Private
abgeschoben. Aber dadurch gerät aus dem Blick,
dass die Ziele, die unsere Gesellschaft in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik kollektiv verfolgt
und dass die Art und Weise wie sie verfolgt
werden, mit dafür entscheidend sind, ob unser
Leben gelingt und glückt. Deshalb muss immer
wieder die Frage gestellt werden, welche Form von
Entwicklung und Fortschritt wir überhaupt wollen.
Achte auf den Weg!
Zum Anderen besteht eine umgekehrte Gefahr
darin, dass man sich in einer Zeit der Effizienzsteigerung zu wenig mit dem Weg selbst beschäftigt.
Der alleinige Blick auf die Ziele birgt die Gefahr,
dass man für ihre Erreichung jeden Preis zu zahlen
bereit ist und so immer wieder auf dem Weg viel
zerstört wird. Effizienz und Beschleunigung dürfen
nicht die einzigen Werte sein, die den Weg bestimmen, sondern es braucht Sorgsamkeit, Achtsamkeit
und Rücksichtnahme auf die Interessen involvierter Menschen.
Die gegenwärtige Beschleunigung, die alle Lebensbereiche erfasst, lässt darüber hinaus den Blick
dafür verloren gehen, dass in vielen Bereichen
vor der
eigenen tür.
Foto: PIXABAY
unseres Lebens der Weg selbst das Ziel ist. Wer in
Allem nur strategisch denkt, dem entgleitet zuletzt
sein Leben, da er in der reinen Ausrichtung auf die
Ziele die Gegenwart vergisst. Es ist das Unterwegssein selbst, in dem man Befriedigung und Erfüllung finden muss. Diese selbstverständliche
Tatsache gilt nicht nur für unsere Beziehungen zu
Menschen (wenn diese allein ein „Projekt“ für uns
werden, stirbt jede Beziehung) oder für künstlerische Tätigkeiten, sondern für jeden Beruf. Die
Fixierung auf das Erreichen von Karrierezielen und
äußeren Gratifikationen oder eine entsprechende
Steuerung von außen verhindern, dass Menschen
in ihrem Beruf wirklich Erfüllung finden und die
Weichen ihres Lebens entsprechend stellen.
Gute Wege in unserem Leben sind Wege, wo wir
uns immer wieder die Zeit nehmen, uns der Ziele,
die wir anstreben, zu vergewissern: ob sie nachhal-
tig verantwortbar sind, ob sie existentiell erfüllend
sind und ob sie etwas zum Glück der Menschen
beitragen. Es sind Wege, wo die Dominanz des
Ziels nicht ethische Achtsamkeit und Sorgsamkeit
bei der Zielverfolgung zunichte macht. Und sie sind
Wege, wo der Weg selbst durch das Ziel nicht
entwertet wird, wo wir Freude am Unterwegssein
finden und so auch mit nicht erreichten oder nicht
erreichbaren Zielen umgehen lernen. Denn auch
dies gehört zu unserem Menschsein, so wie das
Unterwegssein als solches. Es sollte dazu führen,
dass wir auch andere Menschen nicht nur daran
messen, welche Ziele sie im Leben erreicht haben,
sondern auch daran, wie aufrichtig und authentisch, wie verantwortungsvoll und rücksichtsvoll
auf sich und andere sie unterwegs sind.
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3/14 steirische berichte
25
vor der
eigenen tür.
In Worte gefasst
Gedanken zum Thema Weg
Der Weg ist das Ziel.
Der Weg des Geistes ist der Umweg.
Konfuzius (551 v. Chr. bis 479 v. Chr.)
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831)
Die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken;
sie beleuchtet stets nur das Stück Weg,
das wir bereits hinter uns haben.
Man reist ja nicht um anzukommen,
sondern um zu reisen.
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)
Konfuzius (551 v. Chr. bis 479 v. Chr.)
Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln:
durch Nachdenken ist der edelste,
durch Nachahmen der einfachste,
durch Erfahrung der bitterste.
Die Liebe ist der einzige Weg,
auf dem selbst die Dummen
zu einer gewissen Größe gelangen.
Honoré de Balzac (1799–1850)
Konfuzius (551 v. Chr. bis 479 v. Chr.)
Wer ein Ziel will, darf den Weg nicht scheuen,
er sei glatt oder rau.
Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg;
aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.
Theodor Fontane (1819–1898)
Bibel, Sprüche Salomo 16,9
Alle Wege führen nach Rom.
Der Weg, den du einschlägst,
hängt in erster Linie davon ab,
wohin du gehen willst.
Deutsches Sprichwort
Lewis Carroll (1832–1898)
Kein Weg ist lang mit einem Freund an der Seite.
Dem Menschen ist das Ziel seines Lebens
unerforschlich.
Der Mensch kann nur die Richtung kennen,
welche zum Lebensziel führt.
Japanische Weisheit
Das Schicksal ereilt uns oft auf den Wegen,
die man eingeschlagen hat, um ihm zu entgehen.
Leo (Lew) Nikolajewitsch Graf Tolstoi (1828–1910)
Jean de La Fontaine (1621–1695)
Wenn man einen falschen Weg einschlägt,
verirrt man sich umso mehr,
je schneller man geht.
Gegen Zielsetzungen ist nichts einzuwenden,
sofern man sich dadurch nicht von interessanten
Umwegen abhalten lässt.
Mark Twain (1835–1910)
Denis Diderot (1713–1784)
Foto: M irella
Kuchling
Der gerade Weg ist der kürzeste,
aber es dauert meist am längsten,
bis man auf ihm zum Ziele gelangt.
Wer das Ziel nicht weiß,
kann den Weg nicht haben.
Christian Morgenstern (1871–1914)
Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799)
Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls
eines vermissen: dein Wandern zum Ziel.
Wer von Anfang an schon sicher weiß,
wohin sein Weg führen wird,
wird es nicht sehr weit bringen.
Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)
Napoleon I. Bonaparte (1769–1821)
Unsere größte Schwäche liegt im Aufgeben.
Der sicherste Weg zum Erfolg ist immer,
es doch noch einmal zu versuchen.
Thomas Alva Edison (1847–1931)
Das Ziel muss man früher kennen, als die Bahn.
Jean Paul (1763–1825)
Gehe nicht, wohin der Weg führen mag,
sondern dorthin, wo kein Weg ist,
und hinterlasse eine Spur.
Jean Paul (1763–1825)
26
steirische berichte 3/14
Die Schwierigkeiten, auf die wir stoßen,
wenn wir ein Ziel zu erlangen trachten,
sind der kürzeste Weg zu ihm.
Khalil Gibran (1883–1931)
ZU KU N F TS G E M E I N D E
G E M E I N D E W E T TB EW E R B
STEI ERMAR K 2014
Dörfer, Märkte und Städte der kurzen Wege gesucht!
Ein Projekt des Steirischen Volksbildungswerkes und des Landes Steiermark
ANMELDEFORMULAR ZUR TEILNAHME AM WETTBEWERB
„DÖRFER, MÄRKTE UND STÄDTE DER KURZEN WEGE GESUCHT!“
Sicher fällt Ihnen eine Persönlichkeit, ein Dorf, ein Markt, eine Stadt oder eine Initiative ein, die es verdient, geehrt zu werden.
Auszeichnungswürdig sind zukunftsweisende Modelle, die versuchen, uns eine enkeltaugliche Mobilität zu ermöglichen, die
Belastungen durch den entstehenden Individualverkehr zu verringern, das Radfahren und Zu-Fuß-Gehen in den Gemeinden zu ermöglichen und somit ganz im Sinne des Leitbildes der kurzen Wege eine nachhaltige Siedlungs-, Wirtschafts- und Sozialstruktur
fördern.
Für jede Person bzw. Gemeinde, Institution etc., die Sie mit Ihrer Einreichung zur Auszeichnung vorschlagen, ist ein eigenes Anmeldeformular
auszufüllen. Das Anmeldeformular kann für weitere Einreichungen kopiert und weitergegeben oder auf der Website www.volksbildung.at heruntergeladen werden. Gerne schicken wir Ihnen bei Bedarf auch mit der Post die gewünschten Anmeldeformulare.
Füllen Sie das Anmeldeformular vollständig aus. Beschreiben Sie die Leistungen der von Ihnen zur Auszeichnung vorgeschlagenen Person bzw.
Gemeinde, Institution etc. in den dafür vorgesehenen Antwortfeldern, entsprechend den Fragestellungen im Anmeldeformular. Detaillierte
Beschreibungen zu den einzelnen Fragen und weiterführende Informationen, Broschüren, Berichte etc. legen Sie dem Anmeldeformular als nummeriertes Zusatzblatt bei. Vermerken Sie diese Nummerierungen in den dafür vorgesehenen Feldern im Anmeldeformular.
Der Wettbewerb ist für alle offen und nicht an Mitgliedschaften etc. gebunden. Die Einreichung muss mit Hilfe des Anmeldeformulars geschehen und
sich auf bereits erbrachte Leistungen beziehen. Es können nur Personen bzw. Gemeinden, Institutionen etc. zur Auszeichnung vorgeschlagen werden.
Weitere Informationen stehen im Wettbewerbsfolder oder können auf der Website www.volksbildung.at nachgelesen werden.
Mag. Gerald Gölles und das Team des Steirischen Volksbildungswerkes beraten Sie gerne bei Fragen zum Wettbewerb:
Tel.: 0316 / 32 10 20, Fax: 0316 / 32 10 20 4, E-Mail: office@volksbildung.at
4 KATEGORIEN STEHEN ZUR AUSWAHL:
Die Auszeichnung kann für eine oder mehrere Kategorien vorgeschlagen werden. Bitte markieren Sie dazu für Ihre zur Auszeichnung vorgeschlagene
Person bzw. Gemeinde, Institution etc. die entsprechende/n Kategorie/n mit einem X.
A) DORF DER KURZEN WEGE
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D) LEBENSWERK GEMÄß KATEGORIEN A, B, C
Name der einreichenden Person, Gemeinde, Institution:
A) PERSÖNLICHE DATEN DER ZUR AUSZEICHNUNG VORGESCHLAGENEN PERSON:
Vor- und Zuname, Titel, Funktion:
Geburtsort:
Alter:
Bezirk, Gemeinde, Adresse, Hauptwohnsitz:
Telefon:
E-Mail:
Internetadresse:
B) DATEN DER ZUR AUSZEICHNUNG VORGESCHLAGENEN GEMEINDE, INSTITUTION ETC.:
Vollständiger Name:
Rechtsform:
Bezirk, Adresse:
Vorstand, Amtsleitung, Geschäftsführung etc. (detaillierte Beschreibung auf dem Zusatzblatt Nr.:
):
EinwohnerInnen, Ehrenamtliche, MitarbeiterInnen etc. (detaillierte Beschreibung auf dem Zusatzblatt Nr.:
Telefon:
E-Mail:
Internetadresse:
WURDE DIE PERSON BZW. GEMEINDE, INSTITUTION ETC. FÜR BESONDERE VERDIENSTE BEREITS
AUSGEZEICHNET? WENN JA, WANN UND IN WELCHEM ZUSAMMENHANG?
Detaillierte Beschreibung auf dem Zusatzblatt Nr.:
Antwort:
):
WAS SPRICHT FÜR DIE AUSZEICHNUNG DIESER GEMEINDE/PERSON
MIT WELCHER MOTIVATION GEHT DIE PERSON BZW. GEMEINDE, INSTITUTION ETC.
IHREM ENGAGEMENT IN DER/DEN VON IHNEN GEWÄHLTEN KATEGORIE/N NACH?
Detaillierte Beschreibung auf dem Zusatzblatt Nr.:
Antwort:
WARUM SOLL GENAU DIESE PERSON BZW. GEMEINDE, INSTITUTION ETC.
IN DER/DEN VON IHNEN GEWÄHLTEN KATEGORIE/N AUSGEZEICHNET WERDEN?
Detaillierte Beschreibung auf dem Zusatzblatt Nr.:
Antwort:
WANN, WIE UND WODURCH ZEIGT SICH DIE NACHHALTIGE ENTWICKLUNG DES
ZUVOR BESCHRIEBENEN IM SINNE DES LEITBILDES DER KURZEN WEGE?
Detaillierte Beschreibung auf dem Zusatzblatt Nr.:
Antwort:
ANMELDEFORMULAR EINGEREICHT VON
Vor- und Zuname, Titel, Funktion:
Alter:
Firma/Verein/Körperschaft/Organisation etc.:
Adresse:
Bezirk:
Telefon:
E-Mail:
Internetadresse:
JA, WIR WOLLEN EIN ANERKANNTES ZERTIFIKAT FÜR DIE MITARBEIT UND TEILNAHME
AN DER INITIATIVE „DÖRFER, MÄRKTE UND STÄDTE DER KURZEN WEGE GESUCHT!“
Adressen, Vor- und Zunamen der TeilnehmerInnen für die Ausstellung der Zertifikate auf dem Zusatzblatt Nr.:
Anzahl der Teilnehmer/innen:
Die Initiative ZUKUNFTSGEMEINDE STEIERMARK ist auch von der Weiterbildungsakademie Österreich (wba.or.at) als Bildungsveranstaltung
anerkannt. Die auf dem Zusatzblatt bekanntgegebenen persönlichen Daten werden nicht an Dritte weitergegeben!
ACHTUNG: Da es beim Speichern des digitalen PDF-Anmeldeformulars
mit dem Programm Acrobat Reader zum Datenverlust kommen kann,
empfehlen wir Ihnen, das ausgefüllte Formular vor dem Speichern auszudrucken.
Ort, Datum
Bitte schicken Sie das ausgefüllte Anmeldeformular
mit allen Beilagen bis spätestens 30. November 2014 an
Steirisches Volksbildungswerk
ZUKUNFTSGEMEINDE STEIERMARK
Herdergasse 3, 8010 Graz
Name, Unterschrift (Stempel)
TEILNAHMEBEDINGUNGEN
Die Teilnahme am Wettbewerb ZUKUNFTSGEMEINDE STEIERMARK ist kostenlos, freiwillig und mit keiner Kaufverpflichtung verbunden. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Alle bis zum Einsendeschluss richtig sowie vollständig ausgefüllten und abgesandten Anmeldeformulare werden berücksichtigt. Die Jury ist berechtigt, Einzelne von der Teilnahme auszuschließen, sofern
berechtigte Gründe, wie z. B. Verstoß gegen die Teilnahmebedingungen, unzulässige Beeinflussung des Wettbewerbs, Manipulation etc., vorliegen. Mit der Teilnahme am Wettbewerb wird der Ermittlung,
Speicherung, Verarbeitung und Weitergabe der in den Anmeldeformularen bekanntgegebenen Daten zu Zwecken der Gewinnermittlung ausdrücklich zugestimmt. Die TeilnehmerInnen, zur Prämierung
vorgeschlagenen Personen wie auch die Gewinnerinnen und Gewinner sind darüber hinaus auch mit der zeitlich und örtlich unlimitierten Veröffentlichung und Verwendung ihrer in den Anmeldeformularen
bekanntgegebenen Daten im Zusammenhang mit der Bekanntgabe des offiziellen Endergebnisses und der damit verbundenen Medienberichterstattung ausdrücklich einverstanden. Das offizielle
Endergebnis wie auch die Gewinnerinnen und Gewinner werden erst bei der Siegerehrung bekanntgegeben. Die Entscheidung der Jury ist endgültig. Es besteht kein Rechtsanspruch auf einen Gewinn. Der
Gewinn kann nicht in bar abgelöst werden. Die Gewinnerinnen und Gewinner haben allfällige mit den Preisen anfallende Steuern, Abgaben und Gebühren selbst zu tragen bzw. abzuführen.
Der Wettbewerb ZUKUNFTSGEMEINDE STEIERMARK wird 2014 bereits zum neunten Mal durchgeführt. Es handelt sich dabei um ein Projekt des Steirischen
Volksbildungswerkes und des Landes Steiermark, Ressort Landeshauptmann Mag. Franz Voves und Ressort 1. Landeshauptmann-Stv. Hermann Schützenhöfer.
Jungwirth 85
Dass die Frage „Wie geht’s?“ öfter als früher an Ihn
gerichtet wird, ist das einzige Indiz seines vorgerückten Alters. Sonst hat sich die Person Kurt
Jungwirth nicht verändert. Deshalb kann ein
resümierender Glückwunsch zu seinem 85. Geburtstag eigentlich nur die komprimierte Zusammenfassung all dessen darstellen, was über ihn
bereits in vielfacher Form verschriftlicht wurde:
Jungwirth und seine Familie
Der Versuch, einen Blick in sein Privatleben zu
werfen, gestaltet sich schwierig, zumal sich hier
bereits ein erster Charakterzug seines Wesens
äußert, nämlich Privates privat zu halten und von
Beruflichem streng zu trennen.
Geboren am 3. September 1929 in Graz, verlebte er
eine karge und leidvolle Jugendzeit. Schon im Jahr
seiner Geburt starb sein Vater an den Folgen eines
Kriegsleidens, und so war seine Mutter als Witwe
gezwungen, ihre beiden Söhne alleine durchzubringen. Gegen Ende des 2. Weltkrieges verlor er
auch noch seinen älteren Bruder Heinz, der in der
deutschen Luftwaffe diente. Nach der Matura
finanzierte sich Kurt Jungwirth sein Studium der
Romanistik an der Karl-Franzens-Universität als
Werkstudent an der Pestalozzi-Oberschule. 1953
wurde er Professor für Latein und Französisch an
wissenschaft.
kunst.
kultur.
der Bundeserziehungsanstalt Liebenau. Bei der
Betreuung eines Ferienlagers französischer
Jugendlicher in Trautenfels lernte er Marie-Louise
Klein aus Verdun kennen, die er 1956 heiratete und
die ihm die zwei Söhne Michael und Christian
schenkte. Mit seinen beiden Schwiegertöchtern und
den sieben Enkelkindern ist seine Familie inzwischen auf die – entgegen dem heutigen Familientrend – beeindruckende Größe von 13 Mitgliedern
angewachsen, die Kurt Jungwirth als stiller, aber
nichtsdestotrotz stolzer Patron liebevoll behütet.
Prof. Kurt Jungwirth mit Marie
Louise Jungwirth.
Foto: www.BIG­
SHOT.at / Christian
Jungwirth
Jungwirth und Frankreich
Schon früh fühlte sich Jungwirth zum Sprachlichen – insbesondere zu allem Französischen – hingezogen. Seine Frankophilie drückte sich nicht nur
durch sein Studium und seine Ehe mit einer
Französin aus, sondern wurde im Rahmen seines
Lehrberufes durch vielerlei Kontakte, wie der
Organisation von österreichisch-französischen
Jugendlagern oder den Besuch der Partnerschule
Saint Louis de Gonzague in Paris mit Austauschklassen, intensiviert. Er selbst meinte einmal: „In
Frankreich habe ich viel über den Sinn von
Streitkultur und Liberalität im Sinne von Aufklärung gelernt. Dort sagt jeder selbstverständlich
seine Meinung und ist nicht beleidigt, wenn ihm
jemand widerspricht.“ Sein Lehrauftrag für
3/14 steirische berichte
31
wissenschaft. Französisch am Dolmetschinstitut, die Installation
kunst. von Sprachkursen am Französischen Kulturinstitut
oder des Wettbewerbes „Jugend übersetzt“ brach­
kultur.
ten ihm schließlich die Ehre der Ernennung zum
„Offizier der Ehrenlegion der Republik Frankreich“
ein. Heute noch studiert Jungwirth mit großem
Interesse die Leitartikel großer internationaler, vor
allem französischer Zeitungen.
Jungwirth und die Sprache
Als multilingualer Österreicher war er schon
immer überzeugter Europäer, mit dem Wissen um
die Bedeutung der Sprache als Brücke zu neuen
Landschaften, zu fremden Menschen – „Wir reden
alle vor uns hin und hören einander nicht zu. Wir
reden nicht mehr quer, dabei ist es wichtig, über
Kompetenzen hinweg zu reden“, „Sprachgewinn ist
Kulturgewinn, Sprachverlust ist Kulturverlust“. Als
Meister der geschliffenen Sprache und mit Worten
spielend riss man sich um seine selbst komponier­
ten, kritischen Reden, die – jenseits aller selbstdar­
stellender Repräsentationssucht mit leeren Wort­
hülsen – in prägnanter Weise unseren Zeitgeist in
Frage stellen. Das beharrliche Bemühen, die
gesellschaftspolitische Situation zu kommentieren,
dokumentiert sich auch in den vielen unkonventio­
nellen und kritischen Beiträgen in den Medien, in
der über lange Zeit geführten Redaktionsleitung
dieser „Steirischen Berichte“ oder in seinen, in
Buchform erschienenen „Gedankengängen“.
Zusammen mit der Durchführung von Sprach­
olympiaden erhielt er dafür auch den „Österreichi­
schen Staatspreis für journalistische Leistungen im
Interesse der Jugend“.
Mit der „Steirischen Akademie“ war die Möglich­
keit geschaffen, mit der intellektuellen Elite aus der
ganzen Welt zu diskutieren. Durch die Idee des
Hinaustragens der Landesausstellungen wurden
Synergien zwischen Kultur, Tourismus und
Wirtschaft geweckt, und vernachlässigte Regionen
erblühten in neuem Selbstbewusstsein. Rund um
Nikolaus Harnoncourt wurde Österreichs renom­
miertestes Musikfestival „Styriarte“ aus der Taufe
gehoben, das Landesmuseum Joanneum general­
saniert und nach vielen Jahren der Verhinderung
das „Neue Kunsthaus Graz“ geschaffen. Im Rahmen
des Naturschutzes wurden die ersten drei Natur­
parks angelegt sowie im Gesundheitswesen neben
der Erneuerung von Krankenhäusern vor allem die
Versorgung der Patienten durch Hauskrankenpflege
forciert. Jungwirths politische Karriere wurde
gekrönt, als er nach dem Ausscheiden von Franz
Wegart am 11. Jänner 1985 auch Landeshaupt­
mann-Stellvertreter wurde.
Jungwirth und die Politik
Jungwirth und das Schachspiel
Ein kritischer Artikel Jungwirths in der Kleinen
Zeitung war es auch, der Landeshauptmann
Krainer senior zur Überraschung aller veranlasste,
ihn als absoluten Quereinsteiger am 14. Mai 1970
zum Nachfolger von Hanns Koren als Kulturlandes­
rat auszuwählen. Von vielen bezweifelt, hat er sich
schnell in sein Amt eingefunden und, indem er die
Brücke zwischen Tradition und Avantgarde seines
Vorgängers weiterbaute, nicht nur für Kontinuität
gesorgt, sondern diesem seinen eigenen Stempel
aufgedrückt.
Fasziniert von klaren Regeln des Spiels mit den
64 Feldern und 32 Figuren und den darin schier
unendlich liegenden Möglichkeiten hat Jungwirth
offensichtlich viele seiner Wesenszüge von diesem
„königlichen Spiel“ übernommen. Seit dem zwölf­
ten Lebensjahr selbst Turnierschach spielend, ist er
ein großer Förderer des Schachsports in der
Steiermark.
Unter dem Aspekt, die Kultur in allen Regionen der
Steiermark zu stärken, wurden von Jungwirth im
Laufe seiner Amtszeit unglaublich viele, unter­
schiedlichste und breitest gestreute Initiativen
gesetzt: Das Musikschulwesen wurde durch den
Ausbau der Musikschulen von 32 auf 46 gesteigert,
150 neue Bibliotheken wurden eröffnet, mit dem
Beschluss des Kindergartengesetzes entstanden
32
105 neue Kindergärten, Einrichtungen der Volksund Erwachsenenbildung wie das Europahaus in
Neumarkt oder die Initiative „Deutsch in Graz“ als
Geburtshilfe zur Errichtung des Europäischen
Fremdsprachenzentrums wurden gefördert. Gegen
erbitterte Widerstände wurde das Altstadterhal­
tungsgesetz durchgesetzt und so die Weichen für
Graz als „Kulturhauptstadt Europas“ gestellt. Zur
Stärkung der regionalen Bausubstanz sorgte das
Ortsbildgesetz mit der Aktion „Ortsidee“ sowie der
„Steirische Architekturpreis“, der Trigon-Gedanke
wurde durch die Gründung der „Arbeitsgemein­
schaft Alpe-Adria“ zu einem polygonen Raum
erweitert.
steirische berichte 3/14
Seine Präsidentschaft im steirischen Landesver­
band und im österreichischen Schachbund hatte
zur Folge, dass viele große Turniere wie die
Junioren-Staatsmeisterschaften, Interliga, Mitropa­
cup, Blindenstaatsmeisterschaft und Senioren­
staatsmeisterschaften geboren oder Schachwelt­
meisterschaften 2003 in Graz durchgeführt
wurden. Damit fanden nicht nur Schachgrößen wie
die Weltmeister Kasparov und Karpov nach Graz,
sondern wurden viele Jugendliche für diesen
Denksport inspiriert. Als Mitglied der Europäi­
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Prof. Kurt
Jungwirth.
Foto: www.BIG­
SHOT.at / Christian
Jungwirth
schen Schachunion und im Präsidium des Weltschachbundes (FIDE) mit seinen 159 Mitgliedstaaten ist Jungwirth nach wie vor als Sprachrohr
unseres Landes zwischen den Kulturen pendelnd
unterwegs.
Jungwirth und seine
Präsidentschaften
Neben seiner rund 20jährigen Regierungstätigkeit
war und ist Jungwirth noch in vielerlei kulturellen
Funktionen tätig und übt diese ausschließlich
ehrenamtlich aus. Ebenfalls in der Nachfolge von
Koren übernahm er die Präsidentschaft des
„Steirischen Herbstes“ und war diesem, wenn die
Wogen hochgingen, kontinuierlich über 30 Jahre
Fels in der Brandung, bewahrte diesen um für das
Land ein Klima der Vielfalt zu bewahren und so
dem Schöpferischen Raum zur Weiterentwicklung
zu bieten.
Des weiteren finden wir ihn in den leitenden
Gremien des Theaterausschusses der Vereinigten
Bühnen, des Kuratoriums von „Jugend musiziert“,
des Internationalen Städteforums, der Europäischen Föderalistischen Bewegung, der Steirischen
Kulturinitiative, des Kuratoriums des Joanneums,
der Stiftung des Österreichischen Freilichtmuseums Stübing, des Steirischen Volksbildungswerkes,
des Steirischen und Österreichischen Akademikerbundes, der Urania, des Dr. Karl Kummer-Instituts
für Sozialpolitik und Sozialreform sowie der
Österreichisch-Russischen Gesellschaft in der
Steiermark.
Jungwirth und seine Person
Aus dem Potpourri von Meinungen seiner unzähligen Freunde und Mitarbeiter kristallisiert sich
folgende Charakterisierung seiner Person heraus:
feinsinnig-sensibler Politiker mit kritischem, auch
selbstkritischem Blick, der die Kultur der Steiermark stark prägt, indem er zuhört, zulässt und
wenn notwenig die Initiative ergreift / stets
bescheiden, nie im Vordergrund, bewirkt er viel
durch behutsames Handeln im Hintergrund / seine
unermüdliche Anwesenheit bei Ereignissen gilt nie
der Gier nach Öffentlichkeit, sondern ist Zeichen
seiner persönlichen Wertschätzung / stets elegant
gekleidet, fernab jeder steirischen Derbheit /
erlebnisorientierte jugendliche Neugier und
rationale Offenheit / immer suchend nach dem
Gespräch mit Menschen / interessierter Zuhörer mit
einem Gesichtsausdruck der Verwunderung /
gründlicher und aufnahmebereiter Nachdenker /
bereit, sich auf Fremdes einzulassen / klarer Blick
mit Suche nach konstruktiven Lösungen / Vorausdenker und präziser Analytiker von Gesellschaft
und Politik / versteht sich als Eisbrecher im kalten
Meer der Intoleranz / immer Kosmopolit / ein
wenig knorrig, sicher nie angepasst, aber immer
hilfsbereit / mit stillem Humor.
Karlpeter Elis
Dr. Karlpeter Elis
erlernte den Beruf
des Journalisten
und Grafikers,
ist Absolvent der
Studien aus Kunstgeschichte und Pädagogik und lehrt an
der Karl-FranzensUniversität in Graz.
3/14 steirische berichte
33
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Tanz der Elektronenwolken
Grundlagenforschung auf hohem Niveau
Das olympische Motto „citius, altius, fortius –
schneller, höher, stärker“ gilt auch für viele
Bereiche der technisch-naturwissenschaftlichen
Forschung. Die Forderung nach immer kleineren
Computern für immer schnellere
Datenübertragung bedingt einen
Wettlauf internationaler Forschergruppen. Dazu muss man
in das Gebiet von Nanostrukturen vordringen, Strukturen, die im Ausmaß von
Nanometern liegen, wobei
ein Nanometer der milliardste Teil eines Meters ist
(oder der millionste Teil
eines Millimeters). Im
Spezialgebiet der Nanooptik
ist Forschern der beiden
Grazer Universitäten, der
Karl-Franzens-Universität
(KFU) und der Technischen
Universität (TU), ein
international beachteter
Hochauflösendes Erfolg gelungen.
Dr. Gertraud Hopferwieser schreibt
als Physikerin über
herausragende
naturwissenschaftliche Forschungen
und Ereignisse.
Transmissionselektronenmikroskop (ASTEM)
des Zentrums für
Elektronenmikro­
skopie Graz, das
mit einem Mono­
chromator und
einem Energiefilter
für die Unter­
suchung plasmonischer Strukturen
eingesetzt wird.
Foto: M argit
Wallner, TU
Tanzende
Elektronenwolken
Lässt man Licht in bestimmter Weise auf eine Metalloberfläche auftreffen, im Konkreten auf eine Silberscheibe von
200 Nanometer Durchmesser,
dann werden die Elektronen im
Metall zu gemeinsamen Schwingungen angeregt. Diese Schwingungsmuster, die von der Geometrie
der Nanostruktur abhängen, wurden in Graz am
Institut für Elektronenmikroskopie und Nanoanalytik an der TU beobachtet und vermessen, mit
einem speziellen Elektronenmikroskop, dessen
Messgenauigkeit in Österreich einzigartig ist.
Verantwortlich zeichnet dafür Univ.-Prof. Dipl.Ing. Dr. Ferdinand Hofer. Aber keiner forscht für
sich allein.
Plasmonen
Die kollektiv schwingenden Elektronen an metallischen Oberflächen nennt man Plasmonen. Auf sie
konzentriert sich das Interesse vieler Physiker und
Physikerinnen, weil Plasmonen die Vorteile von
34
Licht und Elektronen in sich vereinen. Damit
verfügen sie über das olympische Potenzial, große
Datenmengen auf engstem Raum mit der größtmöglichen Geschwindigkeit, der Lichtgeschwindigkeit, zu übertragen. Die Nanoplasmonik, die
Nanooptik, sind das Hauptforschungsgebiet
von Univ.-Prof. Dr. Joachim Krenn vom
Institut für Physik der KFU. Eine
andere Abteilung, unter dem
theoretischen Physiker
Univ.-Prof. Dr. Ulrich Hohenester, befasst sich ebenfalls
mit diesen plasmonischen
Nanoteilchen. Durch Simulationsverfahren am Computer hat
er eine allgemein gültige
Formel gefunden, mit der sich
sämtliche Schwingungsmuster
der Elektronenwolken berechnen lassen. Die faszinierende
Übereinstimmung von experimentell nachgewiesenen und
theoretisch errechneten
Schwingungsmustern zeigen
die Abbildungen.
steirische berichte 3/14
NaWi Graz
Dieser Erfolg, der die
Grazer Forscher im internationalen Spitzenfeld der
Nanooptik verankert, ist
durch die Bündelung ihrer
Kompetenzen zustande
gekommen. Seit mindestens
zehn Jahren gibt es im Bereich
der Naturwissenschaften (NaWi)
eine Zusammenarbeit zwischen den beiden
Universitäten KFU und TU, sowohl in der Lehre als
auch in der Forschung. In der angesprochenen
Kooperation „teilen“ sich die beiden Institute einen
Dissertanten, Dipl.-Ing. Franz Schmidt, der für
seine Doktorarbeit einen wesentlichen Teil der
Experimente durchgeführt hat.
Gold und Silber
Die Metalle Gold und Silber, auch Kupfer, weisen
eine hohe elektrische Leitfähigkeit auf, die auf den
vorhandenen freien Elektronen beruht. Aus diesem
Grund hat man für die Versuche Silberscheiben in
Nanostruktur gewählt. Zunächst werden mit einem
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Gemeinsam
erfolgreich: Franz
Schmidt, Ferdinand
Hofer, Joachim
Krenn und Ulrich
Hohenester.
Foto: Uni Graz
Elektronenstrahl Masken aus einem Polymer­
material gefertigt, welche dann für die Herstellung
der Silberscheiben verwendet werden. Ein Verfah­
ren, das man – wie im Kunstdruck – Lithographie
nennt. Erfolg zieht Erfolg nach sich. Der wissen­
schaftliche Erfolg erbrachte die Zusage des Wissen­
schaftsministeriums für eine neue LithographieAnlage im Wert von 1,2 Millionen Euro.
Gold, Silber und Kupfer besitzen auch noch eine
andere, frappierende Eigenschaft. Sie haben als
Nanopartikel, je nach Lichteinfall, verschiedene
Farben. Das wusste man schon im Mittelalter, als
man – vermutlich durch Zufall – diesen Effekt bei
der Einfärbung von Glasfenstern entdeckte. Ein
Beispiel: Eines der schönsten gotischen Bauwerke
ist die Saint-Chapelle in Paris, deren Wände zu
einem großen Teil aufgelöst sind durch Glasfenster
aus dem 13. Jahrhundert. Das Rubinrot einzelner
Glasscheiben wird durch eingesprengte Goldteil­
chen in Nanostruktur mitverursacht, aber nur im
durchgehenden Licht. Wird das Licht gestreut,
betrachtet man dieses Fensterstück von der Seite,
erscheint es grünlich. Das Wissen um diese
handwerkliche Kunst ist verloren gegangen, man
kann nur mehr die Wirkung wissenschaftlich
erklären.
bei einer neuen Entdeckung postwendend nach
Anwendungen befragt werden, „wozu das denn
gut“ sei. Doch sie wissen auch, dass ohne mögliche
Anwendungen wahrscheinlich keine Fördermittel
für ihre Forschungen fließen werden. So sei ein
Anwendungsbeispiel aus der Medizin angeführt,
das in den USA bereits in Erprobung ist. In der
Krebstherapie werden durch Überhitzung, durch
Hyperthermie, Tumorzellen zerstört. Zu diesem
Zweck bringt man metallische Nanostrukturen in
das erkrankte Gewebe ein und kann durch Infra­
rotstrahlen an diesen Stellen gezielt Hitze erzeu­
gen.
Die hohe Kompetenz der Grazer Forscher wird im
internationalen Kontext zu der einen oder anderen
neuen Erkenntnis führen und vielleicht zu der
einen oder anderen – nicht voraussagbaren – An­
wendung.
Gertraud Hopferwieser
Schwingungsmuster
von Plasmonen auf
einer Silberscheibe
mit 200 Nanometer
Durchmesser.
Die experimentell
gemessenen Daten
(oben) entsprechen
den Simulationen (unten). Gelb
verweist auf die
höchste, blau auf
die geringste
Anregung.
Foto: Franz
Schmidt, KFU
Anwendungen
Die Nanooptik versteht sich als Grundlagenfor­
schung und ist um neue Erkenntnisse bemüht.
Daher nervt es alle Grundlagenforscher, wenn sie
3/14 steirische berichte
35
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Johann Puch
erkannte, dass
Hochräder keine
Zukunft hatten. Er
brachte Sicherheitsniederräder auf den
Markt, die auch auf
der Rennstrecke
erfolgreich waren.
Johann Puch
Ein steirischer Pionier der Fahrzeugtechnik
Die Steiermark ist seit jeher ein traditionsreiches Eisenland, das durch den Erzberg geprägt wurde.
Schon früh etablierten sich verschiedene Formen der Eisenverarbeitung, und es ist kein Zufall, dass
sich hier auch die Automobilindustrie gut entwickeln konnte. Im steirischen Automobilcluster, der
280 Mitgliedsbetriebe umfasst, sind heute rund 40.000 Mitarbeiter beschäftigt. Dass die Steiermark
zu einem pulsierenden und innovativen Zentrum der Automobilfabrikation wurde, hat eine lange und
spannende Vorgeschichte, in welcher der Technikpionier Johann Puch eine bedeutende Rolle spielt.
Der prachtvolle
Alpenwagen Type
VIII erregte
besondere
Aufmerk­samkeit.
Foto: Bildarchiv
Austria/Österrei­
chische National­
bibliothek
Johann Puch kam am 27. Juni 1862 in der damaligen Untersteiermark, in Sakusak (St. Lorenzen) bei
Pettau/Ptuj, zur Welt. Sein Erfolg war ihm keineswegs in die Wiege gelegt, sondern musste von ihm
hart erarbeitet werden, denn sein bäuerliches
Elternhaus war von Armut gezeichnet und er
wurde bereits mit zwölf Jahren in die Schlosserlehre geschickt.
Wie üblich absolvierte er einige Wanderjahre, in
denen er zahlreiche Erfahrungen sammeln konnte,
und seit 1878 arbeitete er als Schlossergeselle in
Radkersburg.
Damals kam der Fahrradproduktion eine zunehmende Bedeutung zu, immerhin war das Fahrrad
das zunächst erfolgreichste Individualverkehrsmittel, welches das Reiten ablöste. Puch war selbst ein
aktiver und durchaus erfolgreicher Radsportler.
Nach der Absolvierung des Militärdienstes fand er
ab 1885 eine Beschäftigung als Fahrradmechaniker
in der „Albelschen Mähmaschinen-, Walzmaschinen- und Fahrradfabrik“ in der Landeshauptstadt
Graz. Er erwies sich als überaus geschickt und
36
steirische berichte 3/14
tüchtig, und so rückte er innerhalb weniger Jahre
zum Werkmeister auf.
Mit Innovationen zum Erfolg
Puch hatte einen starken Hang zur Selbständigkeit,
und so gründete er 1889 eine eigene Werkstatt in
der Grazer Strauchergasse auf dem Gärtnereigelände seiner Schwiegereltern und versuchte zunächst,
mit der Vertretung von englischen Fahrrädern sein
Geschäft zu machen.
Johann Puch erkannte aber, dass die herkömmlichen Hochräder keine echte Zukunft hatten, denn
sie waren bei Bodenunebenheiten überaus sturzanfällig.
Mit Hilfe von Geldgebern gelang es ihm, die
„Johann Puch Fahrrad-Fabrik“ zu gründen, und
unter dem Markennamen „Styria“ wurde das erste
Puch-Rad – ein Sicherheitsniederrad – auf den
Markt gebracht, das sich bald großer Beliebtheit
erfreute, so dass sich 1890 die Werkstatt bereits als
zu klein erwies. 1891 wurde die Handelsgesell-
bereits rund 15.000 Fahrräder pro Jahr fertigten.
Johann Puch widmete sich später vor allem seinen
Rennpferden. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten
Weltkrieges verstarb er am 19. Juli 1914 in Zagreb/
Agram.
Keimzelle für den steirischen Automobilcluster
schaft „Johann Puch & Comp.“, die bereits
34 Mitarbeiter beschäftigte, in das Handelsregister
eingetragen.
Johann Puch hatte ein gutes Gefühl für Marketing
und erkannte, dass es von großem Wert war, dass
seine Fahrräder auf internationalen Rennen
vertreten waren und dort beachtliche Preise
erzielten: dies führte zur Beachtung seiner Produkte und brachte ihm internationale Exporterfolge.
Ab 1893 war Johann Puch durch eine Herzerkrankung dazu angehalten, sein Arbeitstempo zu
verlangsamen. Da aber die Nachfrage nach seinen
Fahrrädern weiter steil anstieg, akzeptierte er eine
Beteiligung der Bielefelder Maschinenfabrik an seinem Unternehmen. 1885 wurden bereits etwa 6.000
Fahrräder pro Jahr verkauft, der Mitarbeiterstand
war auf 330 Arbeiter angewachsen.
1897 schied Johann Puch aus der „Johann Puch
– Erste steiermärkische Fahrrad-Fabriks-ActienGesellschaft in Graz“ aus, nachdem es zu Auseinandersetzungen mit den Teilhabern des Unternehmens gekommen war. Im Abfertigungsvertrag
musste er sich für zwei Jahre verpflichten, keinen
Konkurrenzbetrieb zu eröffnen. Doch Puch begann
gleich wieder mit der Fahrradfabrikation, zunächst
unter dem Deckmantel eines Mitarbeiters, und
1899 wurde das neue Unternehmen unter Puchs
Namen eröffnet. Nunmehr wurden hier nicht nur
Fahrräder produziert, sondern man begann auch
mit der Herstellung von Motorrädern, mit denen
man überaus erfolgreich war. Aber bald startete
auch die Fertigung von Automobilen. Unter den
verschiedenen Modellen erregte der prachtvolle
Alpenwagen Type VIII besondere Aufmerksamkeit.
Wie sehr sich Puch der neuesten Technologie
verpflichtet fühlte, geht daraus hervor, dass er sich
auch mit der Konstruktion von Flugzeugmotoren
beschäftigte.
Johann Puchs gesundheitliche Probleme wurden
jedoch wieder akut, und er musste sich aus der
Leitung seiner Werke zurückziehen, die damals
Das von Johann Puch begründete Werk erlebte
eine stürmische Aufwärtsentwicklung, so dass es
bereits im Ersten Weltkrieg zu Lieferungen an die
k. u. k. Armee herangezogen wurde.
1928 fusionierte das Unternehmen mit der
Austro-Daimler-AG, 1934 entstand dann durch
die Zusammenlegung mit den Steyr-Werken die
Steyr-Daimler-Puch AG, die im Zweiten Weltkrieg
eine wichtige Rolle in der Rüstungsfabrikation
spielte.
In der Zweiten Republik kam es wieder zu einem
Aufblühen der Fahrzeugfabrikation – der legendäre
Puch-Wagen trug viel zur Massenmobilisierung
der Österreicher bei –, wobei sich Graz vor allem
in der Allradtechnik international profilieren
konnte. Ein Wermutstropfen war die Einstellung
der Fahrradproduktion und der Verkauf der
Puch-Markenrechte an das italienische Unternehmen Piaggio.
Allmählich wurden die verschiedenen Firmenbereiche verkauft und der verbleibende Konzern von
der „Magna-Holding AG“ übernommen.
Es ist unbestritten, dass das vom Fahrzeug-Pionier
Puch begründete Werk eine Keimzelle für den
heutigen steirischen Automobilcluster war.
Gerald Schöpfer
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Der von Pierre
Michaux produzierte „Boneshaker“
verhalf dem Fahrrad zum Durchbruch als Sportgerät. Er litt aber vor
allem unter mangelnder Federung
und unerwünschter
Auslenkung des
Vorderrads durch
das Treten der
Pedale.
Die Magna Steyr
Fahrzeugtechnik in
Graz.
Foto: Thilo Parg /
Wikimedia Commons
Univ.-Prof. DDr.
Gerald Schöpfer
ist Präsident des
Österreichischen
Roten Kreuzes und
emeritierter Vorstand des Instituts
für Wirtschafts-,
Sozial- und Unternehmensgeschichte
an der Karl-Franzens-Universität
Graz.
Literatur:
Friedrich F. Ehn, Das große Puch-Buch.
Die Puch-Zweiradproduktion von 1890–1987,
2. Aufl. Graz 1989.
100 Jahre Steyr-Daimler-Puch, Graz 1999.
Egon Rudolf, Puch – Eine Entwicklungsgeschichte,
Gnas 2007.
3/14 steirische berichte
37
wissenschaft.
kunst.
kultur.
In memoriam dem Meister
der letzten Stunde:
Franz Weiß (1921–2014)
Wie kein anderer hat Franz Weiß in den letzten sechzig Jahren die künstlerische Glaubenslandschaft
der Steiermark mit seinen Bildern geprägt. Als Leuchtspuren seines Schaffens sind Bildstöcke, Kapellen, Kriegergedächtnisstätten, Hausfassaden und sogar eine Kircheneingangswand entstanden. In
unglaublicher Anzahl finden sich seine Aquarelle, Holzschnitte und Hinterglasbilder – Lichtpunkten
gleich – in den Wohnungen, Häusern und Amtsstuben des Landes. Dies alles, zahlreiche Ausstellungen
und neun Bücher verdeutlichen, dass Franz Weiß die Auszeichnung als bekanntester Volkskünstler des
20. Jahrhunderts in der Steiermark verdient.
Wohl niemand mag sich am 18. Jänner 1921 einen
solchen Lebensweg für den an diesem Tag geboreFranz Weiß.
A rchiv/Foto: nen Sohn des Ehepaares Vinzenz und Anna Weiß
erträumt haben. Er ist das fünfte von
Berta Prassl
sieben Kindern eines Kleinbauern
und Tischlers.
1924 übersiedelt die Familie
in den Tregistgraben bei
Voitsberg. Dieser Heimat
bleibt Franz zeit seines
Lebens verbunden.
Nach der Volksschule
im Tregistgraben arbeitet
er als Hüterbub und
Milch­­träger – und er
erschafft die ersten
Figuren aus
Lehm und Holz. Der Vater zeigt diese den schon
bekannten Künstlern Toni Hafner aus Maria
Lankowitz und Friedrich Aduatz aus Voitsberg.
Ihrem Rat folgend, besucht Franz von 1938 bis
1940 die Abteilung für Bildhauerei der Kunst­
gewerbeschule in Graz als Schüler von Werner
Seidl und Wilhelm Gösser. Dann muss auch Franz
in den Krieg – mit den Gebirgsjägern wird er in
Kreta, Russland und Italien eingesetzt. Im Mai
1945 nehmen ihn die Amerikaner bei Turin
gefangen. Öfters erzählt er später von seiner
Vereinbarung mit der Muttergottes Maria während
dieser Zeit: „Himmelmutter hilf Du jetzt mir – nach
dem Krieg helfe ich Dir!“
Schon im Herbst 1945 kann Franz Weiß wieder die
Kunstgewerbeschule in Graz besuchen. 1946
kommt er in die Meisterklasse für Malerei zu
Rudolf Szyszkowitz, der ihn als Lehrer nachhaltig
prägt. 1948 bis 1951 und 1960 bis 1962 studiert er
an der Akademie der Bildenden Künste in Wien bei
Herbert Boeckl und Albert Paris Gütersloh. 1963
erwirbt er an der Akademie Wien den Abschluss
als akademischer Maler.
Zugang zu den Herzen
der Menschen gefunden
Bereits 1951 wird er als freischaffender Künstler
– bescheiden, geradlinig und einfach in seinem
Umgang mit den Menschen – mit seiner ersten
öffentlichen künstlerischen Aufgabe betraut.
Von da an folgen zahlreiche Aufträge zur Gestaltung von Bildstöcken, Kapellen, Kirchen und
Hausfassaden. An 246 Orten in Österreich und
dem benachbarten Ausland sind Arbeiten zu
finden. Vielseitig an Themen und Techniken ist
sein künstlerisches Werk. Es umfasst Wand­
malereien in Fresco und Secco, Email-, Tafel-,
Hinterglas- und Tuchmalereien, Kupfertreib­
arbeiten, Mosaike, Farbglasfenstergestaltungen,
38
steirische berichte 3/14
bildhauerische Werke, Zeichnungen, Radierungen,
Holzschnitte und Aquarelle.
Die ihm eigene Stilsprache ist bereits in den 1950er
Jahren sichtbar und unverwechselbar: expressiv in
den Farben, kraftvoll streng in der Formgebung
und stets gegenständlich mit markantem Realismus. Ernst Fuchs, den Franz Weiß schon in Wien
kennen gelernt hatte, soll auf das bescheidenschüchterne Auftreten des Tregisters hin gesagt
haben: „Was heißt schon internationaler Künstler?
– Du hast mit deinen Arbeiten Zugang zu den
Herzen der Menschen gefunden!“
Die vielen Arbeiten brachten ihm auch den Beinamen „Meister der letzten Stunde“ ein, da er
verschiedene Auftraggeber zeitlich arg in Bedrängnis brachte, jedoch scheint nie jemand ob des
abgelieferten Werkes enttäuscht gewesen zu sein.
Im Gegenteil: Seine Art mit den Dingen umzugehen brachte ihm viele Freunde, Gönner und
Förderer ein – von einfachen Menschen bis zu
Industriellen, Politikern und Kirchenmännern.
Sein künstlerisches Schaffen wurde mit zahlreichen öffentlichen Ehrungen gewürdigt, wie
verschiedenen Ehrenringen, Kreuzen und dem Titel
Professor. 2009 wurde ihm zu Ehren das „Prof.
Franz Weiß Museum“ in der ehemaligen Volksschule Tregist eröffnet. Schon ab 1988 verwirklichte sich für ihn ein anderer Traum, die Erneuerung
der Dorfkapelle unweit seines Vaterhauses. Mit der
Maria als Knotenlöserin schuf er dabei einen neuen
ikonografischen Bildtypus für die Kunstgeschichte.
Die letzten Lebensjahre verbrachte Franz Weiß in
einer Seniorenresidenz in Stallhofen. Er starb am
4. Juni 2014 ebendort und ruht in einem Ehrengrab
am Friedhof von Voitsberg.
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Mariazeller
Gnadenstatue (aus
einem Triptychon),
1960, Aquarell
auf Papier. Graz,
Sammlung Priesterseminar.
A rchiv: Diözesan­
museum Graz,
Foto: Heimo K aindl
Worauf die Beliebtheit und der „Erfolg“ des
Künstlers Franz Weiß beruhen? Die farbige
Expressivität seiner Arbeiten, gepaart mit einem Ja
zum Leben, mit Hingabe zum Christentum und mit
einem Schuss Einfachheit, machen seine Werke für
viele Menschen glaubhaft und nachvollziehbar.
Man mag zu Franz Weiß künstlerisch stehen wie
man will: Nicht wegzuleugnen sind seine Bekanntheit und Beliebtheit unter den Menschen, seine
unermüdliche Schaffenskraft, seine schlichte
Lebensform und sein tiefer Glaube, aus dem heraus
die farbenfrohen, expressiven Bilder entstanden
sind. Wahrscheinlich ist es die „Ehrlichkeit“ seiner
Bilder, die berührt, ebenso wie die schlichte
Ehrlichkeit manch seiner Aussagen: „Ich habe
gerne Natureinfachheiten belauscht, denn in jeder
steckt ein Stück Paradies!“ (Franz Weiß) Dass er
dieses nun gefunden haben möge, wünschen wir
ihm!
Heimo Kaindl
Direktor des Diözesanmuseums Graz
Bis 12. Oktober 2014 im Diözesanmuseum
Graz, Bürgergasse 2 zu sehen:
KunstBlick „In memoriam Franz Weiß.
Frühwerke aus den Sammlungen der Diözese
Graz-Seckau“
www.dioezesanmuseum.at
Stillleben mit
Tulpen, Narzissen,
Iris, Amaryllis,
1986, Hinterglasmalerei
Graz, Bischofhof
A rchiv: Diözesan­
museum Graz, Foto:
Christian Jungwirth
3/14 steirische berichte
39
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Ländliche
Klein-Gedenk­stätten
Zeichen lebendiger Volksfrömmigkeit
Marterl, Kreuz und Bildstock – in der steirischen
Landschaft stehen zahlreiche kleine Gedenkstätten
unterschiedlicher Bauart und Bezeichnung. Der
Ausdruck „Marterl“, um mit einem der geläufigsten
zu beginnen, umfasst keineswegs nur solche
Bauwerke, die eine Darstellung der Passion oder
wenigstens der Arma Christi (Leidenswerkzeuge)
tragen, sondern ist vielerorts zu einem Sammelbegriff geworden. Noch weiter verbreitet ist der Name
„Kreuz“; er bezeichnet nicht nur das in reiner
Kreuzform (aus Holz oder einem anderen Material)
hergestellte christliche Symbol, sondern ebenfalls
in großer Variationsbreite alles Ähnliche – vom
Holzkreuz bis zur kleinen Kapelle und zum
Breitpfeiler. Oft erscheint das Wort „Kreuz“ in
Wortverbindungen, die eine nähere Bestimmung
ergeben, entweder durch den Ort (Wegkreuz,
Feldkreuz), die Gestalt (Weißes Kreuz), den Anlass
der Aufstellung (Pestkreuz, Franzosenkreuz), die
Verehrung eines besonderen Heiligen (z. B.
Nikolokreuz, Hubertuskreuz) oder den Besitzer des
Grundstückes sowie den Vulgonamen des Hofes.
Daraus ergibt sich die begründete Frage, warum
und von wem solche Wegkreuze oder Bildstöcke
errichtet wurden.
4) Errichtung durch Bauernfamilien oder Dorfgemeinschaften im Bereich eines Hofes, als
Sicherung der Hofzufahrt, in einer Siedlung
oder einem Dorf zur Absicherung der Zu- und
Ausfahrten oder an Weggabelungen im Ort, an
Wegen, Straßen, Brücken, auch als Gemarkung
(Grenze) zwischen Orten oder an Stellen, wo sie
zur Abwehr übler Einflüsse dienten oder den
schützenden Dorfbereich markierten. An einen
„Grenzzwischenfall“ erinnert uns ja der Bocklochgraben-Bildstock. Ebenso kann uns ein
Bildstock an eine ehemalige Richtstätte erinnern (z. B. das sogenannte Abschiedskreuz in
Voitsberg).
Wer waren die „Bauherren“?
Kapellenbildstock,
Zeichnung von
Prof. Franz Weiß,
Juli 1984.
40
1) Errichtung durch die Bevölkerung oder den
Staat, zur Erinnerung an Türkeneinfälle oder
andere kriegerische Ereignisse, an die Pest oder
sonstige Epidemien. Auch Viehseuchen großen
Umfangs und großräumige Naturkatastrophen
dienten als Anlass.
2) Errichtung durch religiöse Gemeinschaften,
z. B. in der Reformationszeit, zur Zeit der
Gegenreformation, an Wallfahrtswegen
(z. B. der Via Sacra nach Mariazell, aber auch
am Weg nach Maria Lankowitz, nach Maria
Buch oder auf den Heiligen Berg). An den Wegen
der Fernwallfahrten errichteten oft Bruderschaften solche Wegkreuze. (Die bekannteste und
„heilbringendste“ dieser großen Wallfahrten im
Mittelalter führte nach Santiago de Compostela
in Spanien zum Grabe des hl. Jacobus.)
3) Errichtung durch ständische Gemeinschaften
oder auch von einzelnen Mitgliedern solcher
Vereinigungen, z. B. Bäckerkreuz, Schmiedkreuz.
steirische berichte 3/14
Wozu hat man diese
Zeichen gesetzt?
Damit sind wir bereits bei der nächsten zu behandelnden Frage angelangt: Wozu hat man diese
Zeichen gesetzt?
Grundsätzlich gibt es zwei große Hauptgruppen,
nämlich die Herleitung von positiv zu bewertenden
(also gut ausgegangenen) und negativ zu bewertenden (also schlecht ausgegangenen) Ursachen
bzw. Ereignissen. Ein wesentliches Kriterium für
eine diesbezügliche Unterscheidung ist außer
sonstigen Merkmalen besonders die Richtung der
Nische mit dem in ihr geborgenen Heiligtum (Bild,
Statue, Kreuz, Reliquie). Kann dieses etwa seine
Strahlen (im wörtlichen und auch übertragenen
Sinne zu verstehen) nur vom Dorf, dem Hof, dem
Standort weg aussenden, dann ist eher eine
abwehrende Wirkung anzunehmen. Nischen mit
nach mehreren Seiten offenen Wänden wirken oft
auf Wege in die entsprechenden Richtungen.
Was wollte man mit den
Gedenkstätten erreichen?
Womit wir zur nächsten Frage kommen: Was wollte
man damit erreichen?
1) Abwehr: vor dem befürchteten Ereignis (sozusagen vorbeugend), nach einem Ereignis (oft als
Dank für bewiesenen Schutz) oder zur Abwehr
einer Wiederholung.
2) Förderung: Feldkreuze verstehen sich oft als
eine Aufforderung zum Gebet für ein bestimmtes Anliegen.
Diese Sakralzeichen unserer Landschaft sind aber
auch vor dem Hintergrund des Eingebundenseins
in die Diesseitsgegebenheiten von Zeit und Raum
zu betrachten, z. B. im Lebenskreis. Sie stehen
daher oft in Beziehung zum Brauchtum des
Lebenslaufes und des Jahrlaufes, können also in
Beziehung zu einer großen Reise (der glücklichen
Rückkehr davon) oder in Beziehung zur Arbeit
(z. B. auf dem Felde, im Wald, wo es nicht ungefährlich war und ist) stehen. Zu beachten ist auch
der „Lebensraum“, in dem das Zeichen steht: Meist
sind es besonders wichtige oder gefährliche Stellen
(Straßen, Wege, Wegbiegungen, Berge und Übergänge, Brücken und Furten oder im Wald, wo es
„umgeht“). Als Beispiel sei hier die VeitbauernKapelle in Graden genannt.
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Heilige Stätten
Zusammenfassend ergibt sich also folgende
Begriffserklärung dieser heiligen Stätten: Es
handelt sich dabei um ein kleines, in sich geschlossenes Heiltum oder Heiligtum, das oft außerhalb
der direkten menschlichen Umwelt steht; durch das
ganz wesentliche Aufbauelement der Hegung
fungiert es als kultisches Zentrum inmitten einer
Peripherie, auf welche es einwirkend gedacht ist.
Dieses kleine Zentrum kann noch speziell hervorgehoben werden – durch seine besondere Form, die
besondere Lage (auf einem Stein, Fels oder einer
Erhöhung), in der Landschaft oft nur durch drei
Stufen angedeutet, oder auch durch die Verbindung
mit Wasser, einer im Volksmund als heilend
bezeichneten Quelle, einem Brunnen mit außergewöhnlich klarem oder gutem Wasser. Eine zusätzliche Heiligung erfahren diese Zeichen durch den
kirchlichen Segen und die Abhaltung religiöser
Veranstaltungen (z. B. einer Fleischweihe, einer
Andacht, dem „Kreuzbeten“ oder gar einer Feldmesse).
Abschließend noch einige Zeilen über das Alter
dieser Sakralzeichen. Es gibt einige schöne, noch
aus der Gotik (in unserem Bereich der Zeitraum
von etwa 1200 bis 1500) stammende Totenleuchten
(z. B. bei der St. Michaels-Kirche in Voitsberg) und
Abschiedskreuze (vor der Heiligen-Blut-Kirche in
Voitsberg). Die Bildstöcke und Wegkreuze unserer
Landschaft entstanden jedoch zum Großteil seit
dem Zeitalter des Barock (in den letzten 300
Jahren) und sind eng mit der katholischen Kirche
und ihrem Kult in dieser Zeit verbunden, daher
drücken sie die besonders lebendige Volksreligiosität aus, sind Zeichen der drohenden Türkengefahr
oder einer besonderen Verehrung der Gottesmutter
und Ähnliches. Es gibt also eine bunte Vielfalt von
Daten, Fakten und Aussagen zu und über die
wichtigen Zeugen alter Volksfrömmigkeit, die oft
gepflegt und gehegt, aber auch genauso oft bereits
unansehnlich und kaum mehr beachtet, dem
Verfall preisgegeben, in der Landschaft stehen. Sie
sind ein prägender Bestandteil unserer Heimat, und
man sollte ihnen auf alle Fälle mehr Aufmerksamkeit schenken.
Ernst Lasnik
Tabernakelbildstock, Zeichnung
von Prof. Franz
Weiß (gest. 2014),
Juli 1984.
Prof. Dr. Ernst
Lasnik ist Volkskundler, Historiker
und Buchautor und
wirkt seit Jahrzehnten in der Geschichtsforschung,
Denkmalpflege und
Kulturvermittlung
im Bezirk
Voitsberg.
Anmerkung
Als Grundlage für diese kurze Abhandlung diente
die 1981 erschienene Arbeit „Bildstöcke in Niederösterreich“ von Emil Schneeweiß.
3/14 steirische berichte
41
wissenschaft.
kunst.
kultur.
80 Jahre …
und noch immer jung!
Das Steirische Heimatwerk feiert ein Jubiläum
Bild rechts:
Die Gründungs­
urkunde aus dem
Jahr 1934.
Bild unten:
Die Panther­
kollektion 2014.
Foto: Steirisches
Heimatwerk
„… am 7. Juli 1934 konnte bei strahlendem Morgensonnenschein unter Fanfarenklängen und
flatternden Fahnen die Eröffnung des neuen
Turmstöckls und damit des Eckstückes dieses
Werkes vorgenommen werden“, berichtet Viktor
von Geramb (1884–1958) über die Gründungsfeier
des Steirischen Heimatwerks. Als „jüngstes Kind
des altehrwürdigen Joanneums“ wurde das
„Heimatwerk des Steirischen Volkskundemuseums“
in einer Zeit aus der Taufe gehoben, die, wie
Geramb weiter schreibt, „gelinde ausgedrückt, als
ungünstig bezeichnet werden muss.“ Der Gründer
spricht zwar von einem „kulturellen Erfolg“ und
merkt gleichzeitig an, keine „marktschreierische
Reklame oder siegesbewusste Lobeshymne auf
das Werk in die Welt hinauszuposaunen“, denn
„… ich weiß, besser als irgendwer,
welches Heer von Schwierigkeiten noch
überwunden werden muss, damit das
Steirische Heimatwerk wirklich das
werde, was wir wollen.“
der bodenständige Landmensch an Stoffen,
Kleidern, Geräten und bescheidenem Schmuck für
seinen Lebenslauf bedarf.“ Mit diesen Menschen
wollte er Kontakt aufnehmen, um sie zur Mitarbeit
Die Gründungsintentionen
Um die Gründungsidee zu erläutern,
muss vorerst noch ein kleiner Schritt
zurück in die Geschichte getan werden,
nämlich zur Initialisierung einer „Volkskund­
lichen Verkaufsstelle“ im Jahre 1916/17, ein
Vorläufer des später umgesetzten Heimatwerks.
Diese Einrichtung sollte laut Jahresbericht
1916/17 des Steiermärkischen Landesmuseums
Joanneum „gute Nachahmungen verschiedener
im Volkskundemuseum vorhandener Originale
steirischer Volkskunst“ bereitstellen und zwei
Zwecken dienlich sein: Zum einen sollte den
Invaliden aus dem Weltkrieg „reiche Beschäftigung mit bodenständiger Volkskunst und ein
hübscher Nebenverdienst“ sowie „den Käufern eine
Auswahl guter, geschmackvoller und vor allem
e c h t e r heimischer Andenken gewährt werden“.
Mit der Eröffnung des Heimatwerks im Jahre 1934
wurde nun eine Stelle für den Verkauf von Erzeugnissen des Haus- und Kleingewerbes der Steiermark eingerichtet. Dazu berichtet Geramb: „Wir
haben bis heute im Lande ungefähr siebenhundert
Haus- und Kleingewerbler, meist bäuerliche
Menschen, aufgespürt, die in stiller Einschicht und
in oft uralter Überlieferung das erzeugen, wessen
42
steirische berichte 3/14
im Heimatwerk heranzuziehen. Ebenso bemühte er
sich, die Kaufmannschaft dazu zu bewegen, diese
Erzeugnisse zum Weiterverkauf zu übernehmen,
was in damaliger wirtschaftlich äußerst ungünstiger Zeit kein leichtes Unterfangen darstellte. Dass
damit auch ein gewisser volksbildnerischer Aspekt
verbunden war, versteht sich von selbst: „Von
diesem Stöckl breiten sich aber auch belebende
Kraftwellen aus, die unsere Kaufmannschaft
ebenso wie ihre Kunden, unser Kunstgewerbe und
auch schon einzelne große österreichische Stoffindustrien mit dem gesunden Geist heimatlicher
Trachten- und Volkskunstpflege überströmen und
damit beste bodenständige Volksbildungsarbeit
leisten.“
Um vor unerwünschter Nutzung zu schützen und
um eine eindeutige Bezeichnung der „echten“
Erzeugnisse zu gewährleisten, ließ Geramb sogar
eine eigene Marke entwerfen.
Von Beginn an gute Erfolge
Geramb konnte von Anfang an gute Erfolge im
Heimatwerk verzeichnen, was zum einen in
finanzieller Form den Haus- und Kleingewerblern
zu Gute kam, zum anderen natürlich auch für das
Volkskundemuseum selbst als gewinnbringende
Einnahmequelle von Vorteil war.
Das Interesse an den Produkten des Heimatwerks
stieg stetig, dies führte unter anderem auch dazu,
dass in anderen Bundesländern Heimatwerke
gegründet wurden, die – wie das Steirische
Heimatwerk – bis heute Bestand haben.
Entwicklung und
zeitgemäßer Wandel
Naturgemäß haben sich die einstigen Intentionen
über die letzten Jahrzehnte – der Zeit angepasst –
stark weiterentwickelt und gewandelt. Nach wie
vor sind es jedoch die Handwerkskunst sowie
mit traditionellen Trachten und Brauchtumselementen Bewusstsein für die steirische Kultur und
Geschichte geschaffen werden.
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Überlieferte Werte und
zeitgemäße Lebensformen
In der Vermittlung dieser Inhalte sieht sich das
Heimatwerk heute immer wieder neuen Herausforderungen gegenübergestellt, die sich in einer engen
Verbindung aus überlieferten Werten und modernen Lebensformen widerspiegeln. Eine nicht immer
einfache Gratwanderung zwischen Gewährenlassen und gleichzeitig Rahmensetzen, um eine von
vielen Menschen erwünschte Orientierung in
unserer reizüberfluteten Welt zu schaffen.
Zahlreiche diesbezügliche Initiativen der letzten
Jahre erwiesen sich als bestens angenommen und
erfolgreich, wie jüngst die Einkleidung der Grid
Girls mit Heimatwerk-Dirndln beim Grand Prix
von Österreich. Diese Verquickung aus Tradition
und High-Tech stellt einmal mehr unter Beweis,
80 Jahre Steirisches
Heimatwerk:
Ehrengäste
v. l. n. r.: LH-Stv.
Hermann
Schützenhöfer,
Geschäftsführerin
des Heimatwerks
Dr. Monika
Primas, Leiterin des
Heimatwerks Mag.
Evelyn Kometter,
Kulturstadträtin
Lisa Rücker und
DI Wilhelm Heiner
Herzog (Enkel
des HeimatwerkGründers Viktor
Geramb.
Foto: Steirisches
Heimatwerk/
Scheriau
überlieferte Formen und Fertigkeiten, die im
Zentrum des Steirischen Heimatwerks als Kernbereich der Volkskultur Steiermark GmbH stehen.
Sei es in der Dokumentation und Herstellung steirischer Trachten, in Kooperationen mit heimischen
Handwerksbetrieben oder in der Bewusstseinsbildung für regionale Wertschöpfung, dem Steirischen Heimatwerk ist es ein Anliegen, auf die
Qualität und Leistungen steirischer Handwerkskunst aufmerksam zu machen und die Weitergabe
von spezifischen handwerklichen Techniken zu
fördern. Zugleich soll in der Auseinandersetzung
dass sich – wie im ersten Moment wohl zwar
vermutet – auch zwei so unterschiedliche Welten
nicht ausschließen sondern sehr wohl gegenseitig
bereichern können.
Wertschätzung und Kreativität
Bei allem Handeln steht ein wertschätzender
Umgang mit unseren Traditionen im Mittelpunkt,
erst dann kann auch ein sehr kreativer Prozess mit
diesen überlieferten Formen eingeleitet werden.
Wenn das Steirische Heimatwerk heute in diesem
3/14 steirische berichte
43
wissenschaft. Sinne wirken kann, dann ist das zum einen auf
kunst. die Unterstützung des Landes Steiermark sowie
zahlreicher ideeller Wegbegleiter zurückzuführen,
kultur.
Dr. Monika Primas
ist die Geschäftsführerin der Volkskultur Steiermark
GmbH.
zum anderen aber auch auf ein sehr dynamisches
Team innerhalb unserer Einrichtung.
Diesen Weg möchten wir auch in den nächsten
Jahren weiter beschreiten, damit auch nach diesem
Jubiläum gilt: Steirisches Heimatwerk – … und
noch immer jung!
Monika Primas
Verwendete Literatur:
Viktor von Geramb: Das Steirische Heimatwerk,
Graz 1934.
Michael J. Greger und Johann Verhovsek:
Viktor Geramb (1884–1958). Leben und Werk.
Selbstverlag des Vereins für Volkskunde,
Wien 2007.
Bernhard Schweighofer: „Heimatschutz“ und
„Volksbildung“.
Zur Geschichte des Steirischen Volkskundemuseums 1911–1949; Diplomarbeit am Institut für
Volkskunde und Kulturanthropologie an der
Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz, 2000.
105. und 106. Jahresbericht des Steiermärkischen
Landesmuseums Joanneum über die Jahre 1916
und 1917.
Viktor von Geramb
Von der Liebe zur Volkskunde und gelebten Kulturarbeit
Volksliedaufnahme
in einem
Bauernhaus in der
Karchau, Juli 1914,
v. l.: Viktor Zack,
P. Romuald Pramberger, Frau Zack,
Dr. Karl Polheim,
Dr. Viktor Geramb,
Bäurin mit Kind.
Foto: Österr.
L ichtbild – und
Filmdienst/Wien.
44
Universitätsprofessor Dr. Viktor von Geramb,
geboren am 24. März 1884 in Deutschlandsberg,
Gründer des Steirischen Volkskundemuseums,
des Steirischen Heimatwerks, ao. Professor für
„Deutsche Volkskunde“ an der Universität in Graz;
Verfasser des „Steirischen Trachtenbuches“,
Herausgeber der „Kinder- und Hausmärchen der
Steiermark“ …
Wer war dieser Viktor von Geramb, dessen vielseitiges kulturelles Wirken bis in unsere Zeit hineinreicht?
steirische berichte 3/14
Prägende Wurzeln seines Wirkens waren die tiefe
Verbundenheit mit der bäuerlichen Welt, sein
Bekenntnis zur katholischen Kirche sowie sein
großdeutsches Kulturbewusstsein. Familiäre
Wurzeln finden sich mütterlicherseits auf dem
Bauernhof Knapp vulgo Brugger in Schönberg bei
Oberwölz. Seine väterlichen Vorfahren stammen
aus Ried im Innkreis.
Von 1902 bis 1907 studierte er an der Universität
in Graz Germanistik, Geschichte und Geographie
und promovierte 1907 zum Doktor der Philosophie.
Während des Studiums entdeckte er die Liebe zur
Volkskunde, die zum Inhalt seines Forschens und
Arbeitens wurde.
Mit 1. Juni 1907 begann seine berufliche Laufbahn
als wissenschaftliche Hilfskraft der Historischen
Landeskommission im Steiermärkischen Landesarchiv. Mit Anfang Mai 1909 wurde er Sekretär für
das Kuratorium des Joanneums.
Mit dieser beruflichen Sicherstellung heiratete er
im Juni jenes Jahres Frieda Suppan. Sie war ihm
eine ermutigende und unterstützende Begleiterin
im beruflichen Leben und beim wissenschaftlichen
Arbeiten.
Ohne ihre Zielstrebigkeit, Konsequenz und
unermüdliche Bereitschaft, ihren Mann zu unterstützen, wären manche erfolgreiche Projekte wie
z. B. das Steirische Heimatwerk nicht realisiert
worden.
1913 beschloss die Landesregierung, Geramb mit
der Leitung der volkskundlichen Sammlung des
Joanneums zu betrauen. 1916 wurde das Volkskundemuseum eröffnet, welches er bis 1949 leitete.
Sein berufliches Leben war geprägt von Erfolgen,
aber auch von Anfeindungen, speziell wegen seines
Glaubens, seiner großdeutschen Gesinnung mit
gleichzeitiger Ablehnung des nationalsozialistischen Systems, aber auch wegen seiner oft hartnäckigen Zielstrebigkeit, Ideen und Anliegen umzusetzen.
In Erinnerung blieben uns Enkelkindern Bilder
eines fürsorglichen und geselligen Großvaters. Er
nahm sich Zeit für lange Spaziergänge und konnte
pfeifenrauchend spannend Märchen erzählen. Wir
erlebten ihn aber auch als einen fordernden
Großvater, der das familiäre Geschehen in wichtigen Lebensfragen bestimmte. Wenn Zeitzeugen
seines Lebens von ihm erzählten, wurde er immer
wieder als eine starke und prägende Persönlichkeit
mit einer oft eigenwilligen, aber positiven Lebenshaltung geschildert.
Viktor von Geramb starb am 8. Jänner 1958 nach
einem erfüllten persönlichen und beruflichen
Leben.
Gründungsmitglied des „Steirischen Volksliedwerkes“ (1905) und Ausschussmitglied des „Historischen Vereins für Steiermark“. 1912 übernahm er
das ehrenamtliche Sekretariat dieses Vereins sowie
die Schriftleitung der Zeitschrift.
Viele Jahre engagierte er sich federführend im
Verein „Heimatschutz in der Steiermark“, der u. a.
die „Steirische Landbaufibel“ herausgab.
In Erinnerung an diese Pionierleistung wurde
erstmals im Erzherzog-Johann-Jahr 1959 das
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Aufbau eines Netzwerkes
für steirische Volksbildung
Geramb war nicht nur ein wissenschaftlicher
Volkskundler, sondern auch einer, der sein Wissen
und Handeln aus dem Reichtum der gelebten
Volkskultur schöpfte und um die Bedeutung oft
fast in Vergessenheit geratener Traditionen wusste.
Ein direkter Kontakt zu den Menschen war ihm
für die Umsetzung seiner Anliegen besonders
wichtig.
Gerne suchte er diesen auch bei Exkursionen mit
seinen Studentinnen und Studenten, aber auch bei
Wanderungen mit Freunden oder mit Familienangehörigen. So sammelte er gemeinsam mit seinem
väterlichen Freund Viktor Zack ab 1909 – 25 Jahre
lang – steirische Volkslieder, um beispielsweise
viele der traditionellen Hirten- und Krippenlieder
zu dokumentieren.
Auf Grund dieser Initiative werden in vorweihnachtlicher Zeit seit 1916 – mit einer seither
nur einjährigen Unterbrechung – in der Antoniuskirche beim Volkskundemuseum für die Grazer
Bevölkerung die „Hirten- und Krippenlieder“
aufgeführt.
Für Geramb war es ein besonderes Anliegen, seine
wissenschaftlichen Erkenntnisse in angewandte
Bildungsarbeit umzusetzen. Bereits vor dem Ersten
Weltkrieg wirkte er beim Aufbau eines Netzwerkes
für steirische Volksbildung mit. So hielt er etwa im
Schloss St. Martin bei den Fortbildungskursen für
die bäuerliche Bevölkerung, für Lehrkräfte und für
Priester Vorträge über „Volkskunde und steirische
Volkskultur“.
Er engagierte sich aber auch in führenden Positionen in volksbildnerischen Organisationen. Er war
Viktor von Geramb
mit seinem Enkel
Wilhelm Heiner
Herzog.
Foto: Vom Autor zur
Verfügung gestellt.
„Dankzeichen für gutes Bauen“, die „Geramb-Rose“, für Bauten mit besonders qualitätvoller
Ausführung verliehen.
Persönlich habe ich Viktor Geramb als einen
Wissenschaftler erlebt, der Volkskultur als einen
dem Wandel unterworfenen gesellschaftspolitischen Prozess sah.
Im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Forschung und praktischer Kulturarbeit, zwischen
dem Bewahren der Traditionen bei gleichzeitiger
Berücksichtigung der gesellschaftlichen Veränderungen, war es sein persönliches Anliegen, stets
verantwortungsvoll im Sinne eines kulturpolitischen Auftrages zu handeln. Ein auch heute noch
gültiger Auftrag!
Wilhelm Heiner Herzog
Dipl.-Ing. Wilhelm
Heiner Herzog, ein
Enkel von Prof.
Viktor Geramb,
studierte Forstwirtschaft und war
beruflich stets für
Bildungsfragen
in der steirischen
Kammer für Landund Forstwirtschaft
in unterschiedlichen Aufgaben­
feldern verantwortlich.
3/14 steirische berichte
45
wissenschaft.
kunst.
kultur.
v. l. n. r.:
JoanneumsDirektor Wolfgang
Muchitsch, Kulturlandesrat Christian
Buchmann, Kurt
Jungwirth, Franz
HarnoncourtUnverzagt, Joanneums-Intendant
Peter Pakesch;
Das Präsidium des
Gremiums wurde
Ende Juni in seiner
bewährten Zusammensetzung wiedergewählt: Prof. Kurt
Jungwirth bleibt
Präsident, Altbürgermeister Alfred
Stingl und Konsul
Franz HarnoncourtUnverzagt sind
seine Stellvertreter.
Beim Fototermin
war Herr Stingl
leider verhindert.
Foto: ©UMJ/N.
L ackner.
Das Joanneum
und sein Kuratorium
Lange Jahre war das Joanneum als Landesmuseum
der Steiermark bekannt. Seit 2009 nennt es sich
Universalmuseum Joanneum. Der Hauptgrund für
diese Umtaufe waren steigende internationale
Vernetzungen. In Übersetzungen – zumindest in
europäische Hauptsprachen – musste das Wort
„Land“ durch die Entsprechung von „Provinz“
wiedergegeben werden. Dem Wort „provinziell“
haftet in der deutschen Sprache ein Gefühl der
Enge an. Enge ist aber gerade das, was so gar nicht
zum Joanneum passt. Im Gegenteil, Themen und
Aktivitäten seiner Abteilungen verzweigen sich
Verantwortlichen des Landes, den Landständen,
zur Verfügung mit der Idee und dem Auftrag, im
Sinne der Aufklärer seiner Zeit Bildung, Wissenschaft und ihre praktischen Umsetzungen zum
Wohl der Bevölkerung des Landes zu entwickeln.
Unter seiner Oberaufsicht leiteten drei Kuratoren
das Geschehen des Hauses. 1887 bekam das
Joanneum ein „Organisches Statut“, in dem zum
ersten Mal sieben Kuratoren eingesetzt wurden.
Heute ist das Kuratorium eine Versammlung von
34 Persönlichkeiten. Sie haben verschiedene
Bezüge zum Joanneum, dessen Organigramm
spartenübergreifend nach vielen Richtungen.
Joanneum ist Weite, nicht Enge.
So hat sein Kuratorium nach Diskussion dem
Begriff „Universalmuseum“ zugestimmt und seine
Annahme empfohlen. Womit wir auch bei seinem
Kuratorium gelandet sind.
Bei den Alten Römern war ein curator ein Verwalter. Im Deutschen übernimmt ein Kurator, eine
Kuratorin, bestimmte Aufgaben von Obsorge. In
der jetzt gängigen Museumssprache ist das Wort
allerdings zweideutig geworden. Im Englischen ist
ein curator auch eine Person, die Ausstellungen
konzipiert und realisiert, „kuratiert“. Dieser
englische Neologismus ist nicht gemeint, wenn hier
über das Kuratorium des Joanneums gesprochen
wird.
derzeit 16 Abteilungen und einige Dependancen
umfasst. Ihre Tätigkeit ist ehrenamtlich. Sie sind
auf der Homepage des Universalmuseums zu
finden.
Erzherzog Johann
Immer, wenn vom Joanneum die Rede ist, wird
Erzherzog Johann bemüht. Zu Recht, denn dieser
große Visionär und Pionier für eine neue Steiermark stellte seine privaten Sammlungen 1811 den
46
steirische berichte 3/14
Entwicklungsschübe
Im Laufe der Zeit hat sich das Museum vielfältig
bewegt. Abteilungen haben sich zu großen neuen
Instituten verselbständigt, zur Technischen
Universität Graz, zu Landesbibliothek und Landesarchiv. Etliche Abteilungen von heute sind ihm
erst nach Erzherzog Johann zugewachsen, wie
Schloss und Park Eggenberg, das Landeszeughaus,
das Volkskundemuseum und andere. Vor rund
15 Jahren setzte ein neuer Entwicklungsschub ein.
Unter starker finanzieller Unterstützung durch das
Land startete eine Aktion „Joanneum Neu“. Das
Kuratorium begleitete sie. Wichtigste organisatorische Veränderung war die Bildung einer GmbH. Ein
Museum von heute ist ein kultureller Dienstleistungsbetrieb, der unter hohen Ansprüchen der
Öffentlichkeit steht. Die Vorschriften und Regeln
einer Landesdienststelle, die das Joanneum lange
Zeit war, genügten auf die Dauer nicht. Durch die
Errichtung der Gesellschaft erhielt das Museum
mehr Autonomie in Personalfragen und Finanzen
und damit auch in seinen Programmen. Sammeln,
Pflegen, Forschen, Ausstellen und Vermitteln sind
und bleiben die wesentlichen Inhalte seiner
Aktivitäten.
Als GmbH erhielt das Joanneum einen Aufsichts­
rat, der die Gestion des Hauses zu überwachen hat.
Intendant Peter Pakesch und Verwaltungsdirektor
Wolfgang Muchitsch firmieren als Geschäftsführer.
Parallel dazu ernennt die Landesregierung das
Kuratorium. Seine Aufgabe ist es, für das Joanne­
um unterstützend und in wichtigen Fragen bera­
tend tätig zu sein. Es lädt zu seinen Sitzungen die
Geschäftsführer ein und berichtet der Landesregie­
rung jeweils über den Inhalt der Beratung.
Joanneum Neu
Im Rahmen von „Joanneum Neu“ fanden viele
Beratungen statt. Es ging dabei um Neuorganisati­
on, Fragen der Museumsstrategie und der Vermitt­
lung, ganz besonders um Standortprobleme,
Sanierung von Altbauten und um neue Anlagen,
Neuaufstellung von Sammlungen, Beschaffung von
Depots und ihre Besiedlung. Ein heikles Problem
waren und sind die Veränderung von Standorten.
So ging es um die Verlegung der Jagdkundlichen
Sammlung von Eggenberg nach Stainz, um die
Wanderung der Alten Galerie von der Neutorgasse
nach Eggenberg, um den Standorttausch zwischen
Neuer Galerie und Kulturgeschichtlicher Sammlung
(dem Haus im Palais), um das Weltkulturerbe
Schloss und Park Eggenberg und die neue Archäo­
logie, um die Erhaltung des Standortes Flavia
Solva. Eine besonders schwierige Aufgabe war das
Bauvorhaben im Komplex Neutorgasse/Kalchberg­
gasse/Raubergasse. Für ihn hat das Kuratorium sich
für den Namen „Joanneumsviertel“ stark gemacht.
Damit wird ausgesprochen, dass diese Neuinvesti­
tion im hochsensiblen Kern der Grazer Altstadt eine
Attraktion von hoher Qualität sein soll.
Projekt Kunsthaus
Ein besonderer Aufreger war das Kunsthaus.
Ursprünglich wurde das Projekt vom Land Steier­
mark im sogenannten Pfauengarten vorangetrie­
ben. Als „Trigonmuseum“ war es bereits baureif,
fiel aber parteipolitischen Auseinandersetzungen
zum Opfer. Dasselbe Schicksal erlitt das Ausweich­
projekt, die Neue Galerie in der Sackstraße in den
Schlossberg zu erweitern. Das Land strich die
Segel, aber die Stadt Graz stieg tapfer in die Arena.
Sie boxte tatsächlich das utopistische Bauwerk am
Lendkai durch. Von der Stadtgemeinde mitgetra­
gen, wurde es in den Verbund des Joanneums
aufgenommen. Öffentliche Polemiken um dieses
Vorhaben zeigten – genauso wie die Medienkämpfe
um das Joanneumsviertel – wie wichtig es ist,
Kulturpolitik so weit wie nur irgend möglich aus
der Tagespolitik herauszuhalten. Dort geht es bei
Wortmeldungen weniger um Kunst und Kultur als
vielmehr um Profilierungsversuche von sessel­
hungrigen Adabeis.
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Finanzierungen
Dass die Finanzierungen von „Joanneum Neu“
gelungen sind, trotz der in den USA vom Zaun
gebrochenen großen Krise, war ein Glücksfall. Die
Anstrengungen des Landes Steiermark waren
höchst beachtlich. Jetzt heißt es, neue Hüllen mit
interessanten Programmen zu füllen. Die miserable
Gesamtsituation der Budgets der öffentlichen
Hände in Österreich, angeblich einem der reichsten
Länder Europas, bedrohen rundum Kulturbudgets.
Das Joanneum kämpft darum intensiv um Unter­
stützungen durch Sponsoren. Denen geht es
zumeist auch nicht gut und sie werden ihrerseits
von Ansuchen aller Art überschwemmt. Das
Kuratorium bemüht sich punktuell um Unterstüt­
zungen. Es gibt acht Fördervereine, die für einzel­
ne Abteilungen tätig sind. Alle haben ihre Vertreter
im Kuratorium, sodass sich dort Kreise schließen
können.
Nicht stillstehen
Es bleiben genug Fragen, die dafür sorgen, dass es
den Kuratorinnen und Kuratoren nicht langweilig
wird. Die Diskussionen können im Plenum oder in
Arbeitskreisen einzelne Häuser oder das ganze
Unternehmen betreffen.
Über das Volkskundemuseum hat letzthin eine
solche Debatte über mehrere Sitzungen gedauert.
Über das Kunsthaus gibt es öffentlichen Diskurs.
Über die Medialen Sammlungen, die ursprünglich
auf das Bild- und Tonarchiv zurückgehen und
wertvolles Potential horten, ist sicherlich auch
Gespräch zu führen.
Die Diskussion über Museen und Kunsthäuser
heute und morgen ist notwendig, spannend und
belebend. Sie wird vom Joanneum in Partnerschaft
mit der Museumsakademie laufend geführt. Sie
wird auch weiterhin Anstöße aus dem Kuratorium
des Universalmuseums erhalten, ganz im Sinne des
Wortes von Erzherzog Johann: „Stillstehen und
Zurückbleiben ist im engen Leben des Weltschau­
spiels einerlei.“
Kurt Jungwirth
Im Rahmen von
„Joanneum Neu“
wanderte die Alte
Galerie von der
Neutorgasse ins
Schloss Eggenberg.
Foto: ©UMJ/N.
L ackner.
Weitere Infos:
http://www.museum-joanneum.at
3/14 steirische berichte
47
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Peter Rosegger. Eine Serie.
Teil 5: Rosegger und Graz
Graz um 1900
Zwischen 1870 und 1910 wuchs die Grazer Bevölkerung auf das Doppelte an und zählte nunmehr,
Vororte eingeschlossen, an die 190.000 Bewohner.
Graz war damit die zweitgrößte Agglomeration in
den Grenzen des heutigen Österreich. Der hier
traditionell bestimmende Nationalliberalismus
erhielt seit den 1880er Jahren eine stärker deutschnationale Note, wie in den untersteirischen
Städten. Im Gegensatz dazu standen katholische
und christlich-soziale Sympathien der Landbevölkerung, nicht zuletzt unter den steirischen Slowenen.
Grazer Bürgermeister waren Wilhelm Kienzl, von
1873 bis 1885, sodann Ferdinand Portugall, von
1885 bis 1897. Zwischen 1897 und 1912 amtierte
der Jurist und Industrielle Franz Graf (1837–1921),
Ausprägung katholischer Spiritualität. 1887 legte
man den Grundstein für eine Erneuerung des
Grazer Rathauses, und 1899 wurde das neue
Stadttheater mit Friedrich Schillers Wilhelm Tell
und Wagners Lohengrin eröffnet.
Weniger bekannt ist es, dass die Deutschnationalen
damals 79 Straßen umbenannten. Neu „eingefärbt“
werden eine Erzherzog-Johann-Allee oder die nach
dem liberalen und kirchenkritischen Dichter
benannte Anzengrubergasse. Politisch prägnanter
ist die Benennung einer Hohenstaufengasse (wie in
Wien), die an die schwäbische Dynastie der Staufer
erinnert, ebenso einer Richard-Wagner-Gasse. Die
Verlängerung der Herrengasse, heute Am Eisernen
Tor, nannte man Bismarck-Platz. Ein Denkmal für
Goethe und Schiller nach Weimarer Beispiel wurde
zwar angedacht, jedoch nicht ausgeführt.
Roseggers politische „Richtung“
In seinem Aufsatz Mein social-politisches Glaubensbekenntnis (1891) lässt Peter Rosegger die
Resultate moderner Parteienbildung Revue passieren, und es zeigt sich, dass er allen Tendenzen
Positives abgewinnt, jedoch überall auch Fehlhaltungen entdeckt. Seine eigene Haltung lassen
vielleicht die folgenden Zeilen anklingen:
Meine Ideale sind: Förderung des christlichen
Lebens, der sittlich freiheitlichen Entwicklung des Menschen, Treue zum eigenen Volk,
Versöhnlichkeit gegen fremde Völker,
deutsches Gemüt auf unserem geistigen,
deutsche Rechtlichkeit auf unserem wirtschaftlichen Gebiete, Befreiung der Armen
aus geistiger und materieller Unmündigkeit,
und für die schwerarbeitende Klasse ein
menschenwürdiges Dasein.
Der Grazer Bürgermeister Franz Graf.
Bildausschnitt,
L eopold Bude, 1906,
Fotografie. Graz­
Museum
ein großer Modernisierer. Unterbrochen wurde
seine Ägide zwischen Mai und Oktober 1898, als
der Regierungskommissär, ein gewisser Heinrich
Freiherr von Hammer-Purgstall, Graz verwaltete.
Architektonisch ist das Graz jener Zeit erfahrbar
durch Neu- und Zubauten repräsentativer Gebäude.
In den 1880er Jahren entstand im heutigen Bezirk
St. Leonhard im neugotischen Backsteinstil die
Herz-Jesu-Kirche: sie dokumentiert das Wachstum
der Gründerzeitviertel ebenso wie eine besondere
48
steirische berichte 3/14
Der neue Zeitgeist, wie er sich in Graz deutlich
manifestierte, ist an Rosegger gewiss nicht spurlos
vorübergegangen. So hat er das 6. Deutsche
Sängerbundfest (1902), einen auch nach damaligen
Maßstäben gigantischen Kulturevent, fast überschwänglich kommentiert. Und doch bleibt er
seinem Grundsatz treu, sich keiner politischen
Bewegung anzuschließen, eine ebenso weitherzige
wie großzügige Haltung. Und noch im 33. Jahrgang
des Heimgarten (1908/09) findet man den Hinweis,
dass der Dichter „keiner unserer Parteien angehören“ will, und dass er sich zur „Partei der Partei­
losen“ zählt.
Kreise um Peter Rosegger
Im „Krug zum Grünen Kranze“
Die Grazer Kreise, in denen Rosegger verkehrt,
gehören in erster Linie dem Bildungsbürgertum an.
Es sind Unternehmer und Professoren, Schriftstel­
ler und Journalisten, Maler, Bildhauer, Komponis­
ten.
Die Krug-Runde traf sich bis 1910 regelmäßig, bis
in den Ersten Weltkrieg hinein gelegentlich in der
(später dislozierten) Gaststätte. Es war ein loser
Stammtisch, an dem man teilnahm oder auch nicht
(der Briefnachlass Friedrich Hofmanns bezeugt
dies), mit überwiegend geselligem Charakter, und
alles andere als ein „kulturpolitisches Netzwerk“.
Unter den vielen und wechselnden Teilnehmern der
Krug-Runde seien an akademischen Wissenschaft­
lern genannt: der Archäologe und Sprachforscher
Wilhelm Gurlitt (1844−1905) oder der Jurist und
Musiktheoretiker Friedrich von Hausegger
(1837−1899). Maler und Bildhauer: Der mit Roseg­
ger eng befreundete Hans Brandstetter
(1854−1925), ferner der Maler und Kunsterzieher
Alfred von Schrötter-Kristelli (1856−1935) und der
nur wenige Jahre in Graz weilende Impressionist
Paul Schad-Rossa (1862−1916). Tonkünstler: Aus
Roseggers engem Umfeld Wilhelm Kienzl
(1857−1941), ferner der Komponist und Musiklehrer
Joseph Gauby (1851−1932).
Schriftsteller und Journalisten: etwa Johann Krainz
(1847−1907), der als „Hans von der Sann“ steirische
Landschaften aus kulturhistorischer und touristi­
scher Sicht darstellte. Oder Ernst Decsey (1870–
1941), Wagnerianer, Journalist, Verfasser einer
schmalen Rosegger-Biographie. Und der Schrift­
steller Emil Ertl (1860−1935), ab 1903 Vizepräsi­
dent des Grazer Kunstvereins.
Eine Fotografie, um 1905 aufgenommen, zeigt uns
neben den zentralen Erscheinungen Brandstetter,
Ertl, Kienzl sowie Rosegger drei weitere Persön­
lichkeiten des öffentlichen Lebens. Es sind dies
Wilhelm Rullmann, Chefredakteur der liberalen
Tagespost, der frühere Landesschulinspektor und
damalige Theaterkritiker der Tagespost, Ernst von
Gnad, sowie der schon genannte Alfred Schrötter
von Kristelli.
Dem Grazer Richard-Wagner-Verein tritt der
Dichter 1885 bei, und er entwickelt eine herzliche,
wenn auch nicht konfliktfreie Beziehung zu
Vereinsobmann Friedrich von Hausegger (dabei
lehnt er sämtliche Opern Wagners ab, mit Ausnah­
me der Meistersinger); unterkühlter sind die
Kontakte zu Nachfolger Friedrich Hofmann, einem
Verehrer Ritter von Schönerers. Vieles läuft
nebenbei: so ist der Leibarzt Roseggers, der Grazer
Naturheilmediziner und Homöopath Julius Bogens­
berger, seit 1897 im Vorstand des Wagner-Vereins.
Seit 1889 ist Rosegger Mitglied des Geselligkeits­
vereins Schlaraffia Graz, ebenso wie der Sozial­
politiker Karl Morré, der junge Industrielle Hans
von Reininghaus (1867−1959) oder der Bildhauer
Hans Brandstetter.
Mit Intellektuellen und Künstlern trifft er sich im
Krebsenkeller, und er scheint ein beliebter Teilneh­
mer jenes Stammtisches zu sein, der sich Ende der
1880er Jahre in Kleinoschegs Altdeutscher Wein­
stube zusammenfand, dem gemütlich eingerichte­
ten Krug zum Grünen Kranze, zugänglich über den
Innenhof des Hauses Herrengasse 13.
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Relief (Hans
Brandstetter)
am Grabe
Friedrich von
Hauseggers,
St. Peter Friedhof.
Universalmuseum
Joanneum BTA,
RF 47.977
Roseggerrunde im
„Krug“. Von links:
Wilhelm Rullmann,
Emil Ertl, Ernst
von Gnad, Hans
Brandstetter, Peter
Rosegger, Alfred
von Schrötter,
Wilhelm Kienzl
(um 1905).
Universalmuseum
Joanneum BTA,
RFA 98.501
3/14 steirische berichte
49
wissenschaft. Karl Morré
kunst.
Auf einen Besucher der Krug-Runde wollen wir ein
kultur.
Modell des Denkmals für Karl
Morré im Grazer
Volksgarten (1907).
Sammlung R. Farkas
Auge werfen, weil seine sozialpolitische Perspektive mit der Roseggers verwandt ist. Es ist der in
Klagenfurt geborene Schriftsteller Karl Morré
(1832–1897). Sein Volksstück ’s Nullerl (1885) führt
unter die Ärmsten der Armen, deren „bisschen
Seele verkümmert und verdorrt ist“ (Rosegger), die
„Einleger“: Menschen, die in Ermangelung staat­
licher Wohlfahrt von einem Hof zum andern
geschoben wurden, wo man sie
notdürftig ernährte und ihnen
Unterkunft gewährte. Der sentimen­
tale Plot: Ein „Neamd auf der Welt“
rettet ein junges Mädchen vor dem
Selbstmord; dieser Einleger steht
antithetisch einem Großbauern
namens Quarzhirn gegenüber.
Morré gehört als deutschnationaler Abgeordneter seit 1886 dem
Landtag und seit 1891 dem
Reichsrat an. Seine von
Rosegger eingeleitete
Schrift Die Arbeiterpartei und der Bauernstand (1890) tritt für
eine Alters­
versorgung
ländlicher
Dienstboten und
Kleinbauern ein.
Wie Rosegger
nimmt er dabei
eine philanthropische Perspektive ein, und wie
dieser warnt er
vor der Sozial­
demokratie.
Schildbürger-Geschichte. Der neobarocke Bau
erscheint als „zopfiges Monstrum“, „ein undeutscher Bau mit überladener, kostspieliger Außenseite“. Und es folgt die legendäre Suada gegen die
(Grazer) Politik:
Ich glaube nicht, dass unsere Stadtväter
persönliche Feinde des Grünen und der
Bäume sind, aber ich vermute, dass sie für
materiellen Gewinn der Stadt im Stande sein
würden, den letzten Baum zu opfern. Und
diese Spekulation ist schief, denn was heute
noch als Gewinn erscheinen mag, ist morgen
Verlust. War es bisher eine blühende Stadt,
so wird es dann eine blühende Stadt sein,
aber gewiss nur für ein kurzes Weilchen.
Immer wieder betont Rosegger, die Reize von Graz
lägen in seinen Grünflächen, die unbedingt zu
erhalten seien, und er lobt den einzigartigen
Schlossberg mit seinen verschlungenen, baumüberschatteten Wegen, Parken und Gärten und die
unverbauten grünen Hügel, die Graz damals
umgaben. „Was an Graz schön ist“, so vermerkt er
(1911), „was die Gäste zu uns lockt, das ist nicht die
Stadt, sondern die Landschaft“.
Ungeachtet dieser eigenständigen Linie versucht
der Gemeinderat, Rosegger politisch einzugemeinden. 1910 nennt man den herrlichen Waldpfad, der
vom Hilmteich zur Wallfahrtskirche Mariatrost
führt, „Roseggerweg“. 1913 spricht man in der
Frage des Literaturnobelpreises „seine Entrüstung
Die Grazer Politik
Graz,
Opernhaus (1913).
Postkarte 1913.
GrazMuseum
Dr. Reinhard Farkas ist am Institut
für Geschichte der
Karl-FranzensUniversität Graz
mit Schwerpunkt
österreichische
Geschichte und
steirische Landesgeschichte tätig.
50
Seit den 1880ern wird der Autor von der Grazer
Politik akzeptiert, wenn er auch mit der deutschnationalen Nomenklatura der Universität manchen
Strauß ausficht (und deswegen erst 1917 den
Ehrendoktor erhält). 1885 wird die WaldlilienStatue im Stadtpark errichtet, und zum Fünfziger
am 31. Juli 1893 stellt sich der Gemeinderat unter
Bürgermeister Portugall mit einer Grußadresse ein.
Der Modernisierung der Stadt in der Ära Graf steht
der Schriftsteller teils skeptisch gegenüber. Das
neue Grazer Stadttheater, welches den Deutschnationalismus bildungspolitisch untermauern und
inszenieren sollte, verhöhnt er bitter. Als 1898 der
südliche Teil des Stadtparks der Axt zum Opfer
fällt, erscheint im Heimgarten der Beitrag Eine
steirische berichte 3/14
aus über die heimtückischen charakterlosen
Winkelzüge der Tschechen und Südslawen, die
eines Kulturvolkes, was sie doch sein wollen,
unwürdig sind“. Und 1914 wird ein Prunkstück der
Annenstraße Roseggerhaus genannt. Dem Dichter,
nunmehr verwöhnt durch Anerkennung und
Ehrungen, scheint dies behagt zu haben. Doch
hierüber mehr in der nächsten und letzten Folge
unserer Serie.
Reinhard Farkas
DER ERSTE WELTKRIEG IM SPIEGEL STEIRISCHER LITERATUR
Eine Serie von Christian Teissl, Folge 3:
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Ausgemustert ...
Zwei Geschichten von Bruno Ertler (1889–1927)
Am 16. September 1914 gab das Grazer Stadttheater eine Novität: „Alt-Österreichs Erwachen“, ein
„vaterländisches Festspiel“ aus der Feder des
deutschnationalen Tendenzdichters Ernst von
Dombrowski. Der Prolog des Stücks mündet in den
feierlichen Appell: „Auf! Auf! Ein göttlich Recht
steht uns zur Seite, / Wir glauben, daß ein Gott im
Himmel wacht, / Und lebt er, dann gibt er uns das
Geleite / Und unsren Waffen seine ew’ge Macht!“
Derlei Pathos wird man bei dem damals 25-jährigen Bruno Ertler nicht finden. Zwar ließ auch er
sich, wie seine Tagebücher zeigen, vorübergehend
von der patriotischen Begeisterung anstecken,
wurde auch er von dem allgemeinen Optimismus
bei Ausbruch des Krieges erfasst, sein dichterisches
Talent aber stellte er nicht in den Dienst der
geistigen Generalmobilmachung.
Seine Sprache verkrümmte sich nicht zur martialischen Formel, nicht zur nationalistischen Phrase,
sondern blieb den ganzen Krieg hindurch die
Sprache eines Beobachters, Träumers und Räsonneurs. Anstatt die Trommel zu rühren und alte
Feindbilder zu Zwecken der Kriegspropaganda neu
aufzupolieren, bewahrte er sich seinen Sinn für das
Komische und Groteske des alltäglichen Geschehens. Der Alltag zwischen den Siegesmeldungen ist
Musterung
Als „Forensen“ einer Umgebungsgemeinde
forderte mich eine allgemein ersichtliche
Kundmachung unter Androhung strengster
„Ahndung“ amtlich und nüchtern auf, an einem
bestimmten Tage zu früher Morgenstunde ein
Landwirtshaus zu besuchen, wo man über das
nächste Schicksal meines und vieler anderer
Leiber zu entscheiden entschlossen war. Wie
jeder einsieht, war dagegen nichts zu machen.
Da jenes poetische Wirthaus, das mir durch eine
sommerliche Gartenkneiperei noch in lebhaftangenehmer Erinnerung stand, jenseits der
drüberen Stadtgrenze lag, hatte ich einen
längeren Weg zu machen.
Ein grauer, kalter Morgen voll Reif und ungewissen Aussichten auf Licht und Schatten des
es, der ihn vor allem interessiert, in seinen Tagebüchern ebenso wie in der vorliegenden kleinen
Skizze, die am 17. Dezember 1914 entstand und,
gezeichnet mit dem Kürzel „B.E.“, bereits wenige
Tage später, in einer der Weihnachtsausgaben der
Grazer „Tagespost“ abgedruckt wurde. Sie zeugt
nicht allein von Ertlers
ausgeprägter Fähigkeit,
Geschautes und Gehörtes
auf einen knappen Begriff
zu bringen, sondern auch
von seiner erfrischend
unverkrampften Freude
am steirischen Kolorit, an
der steirischen Atmosphäre, in die er sich, als
Fünfzehnjähriger hierher
verpflanzt, erst allmählich eingelebt hatte. Mit
dem Bekenntnis, kein
Hiesiger, sondern ein
Zugereister, kein
Steiermärker, sondern
ein „Ausmärker“ zu
sein, beginnt denn auch
sein launiger Bericht:
kommenden Tages lag über Land und Dorf. Mir
fielen die polnischen Schützengräben ein und die
Leute, die drinnen frieren und warten – und
warten.
Weit von der Stadtgrenze herüber rief ein
langgezogenes Hornsignal durch den fröstelnden,
dünnen Nebel.
„Ich komm’ schon“, dachte ich.
Vor dem Dorfe holte mich jemand ein und schob
seinen dicken Arm gemütlich unter den meinen.
„Serwaß!“ sagte eine speckige Stimme. Es war
der Schlumpf Martin, der eine „Vermischte
Warenhandlung“ betrieb, wie seine Firmatafel
besagte. Jeder kannte ihn.
„Serwaß, Landsturmmann!“ rasselte also der
Martin, „muaßt eh a übri – – was?“
Wir waren früher nie so intim gewesen. – „Sakra!“ rief er und streckte sich. „Mi, wann ana
Der Südsteirer
Mag. Christian
Teissl lebt als
Schriftsteller in
Graz.
Erste Seite aus
dem Manuskript
„Musterung“, 1914,
Nachlass Ertler,
Stmk. L andes­
bibliothek.
3/14 steirische berichte
51
wissenschaft.
kunst.
kultur.
siacht, der sagt a nix mehr!“ Es war nicht recht
klar: meinte er den Regimentsarzt oder den
Feind.
Im Gespräche über das Völkerringen und unser
momentan noch unklares Verhältnis dazu gingen
wir weiter.
Ein liebliches Häuschen lag da am Wegesrand;
friedlich heiter ringelte sich blauer Frühstücksrauch aus dem Schornstein. Als wir vorbeikamen, verließ gerade einer hastig die Pforte, d. h.
er flog eben heraus und hinten nach kreischte
eine unfrisierte Frauenstimme:
„Freili’! Hoam kimmst, sag i!! Grad allewei’
saufen mögst, Pölli vafluachter!“
Der Schlumpf Martin gröhlte froh und nahm den
neuen Landsturmbruder in Empfang. „Mach dir
nix d’raus“, tröstete er ihn, „wannst amal drob’n
bei dö Russn bist, aft wird’s dir scho’ besser
geh’n!“ Der „vafluachte Pölli“, den ich nicht
persönlich kannte, schämte sich ein wenig ob
des Einblickes in sein Eheleben, den wir eben
getan hatten, und ging still mit uns.
Eine Mehrheit wirkt auf viele Gemüter stets
erhebend; der Schlumpf Martin war so ein
Gemüt und alsobald fing er zu singen an:
„Wer schean is und grad,
Der wird a Soldat,
Nur dö Krumpen und Loahm’
Bleib’n für d’ Menscher dahoam!“
Darauf jodelte er eine Koloratur von größter
Kompliziertheit, aber mit ungeheurer Stimmkraft.
„Sing a wos!“ schrie er mich an, indem er mich
auffordernd in die Rippen stieß.
Oho! Meinte der vielleicht, ich konnte das nicht?
Mir fiel just eins ein, das sie bei uns daheim
immer gesungen hatten, als ich ein Schulbub
war; ich richtete es rasch auf hiesige Verhältnisse ein:
„Im Eggenberger Haus
Ziag’n si d’ Buam nackert aus
Und wer koan Fahler hat,
Der wird Soldat.“
Nun jodelten wir beide, aber ich muß sagen, der
Martin konnte das besser; er hatte auch einen
Bauch wie ein Heldentenor.
Der „Pölli“ sang nicht. Es schien, als sehnte er
sich wirklich aus dem häuslichen Krieg in den
Frieden der Schützenlinie. – – – –
Im Stellungslokal trafen wir noch einen engeren
Kompatrioten. Er stand bereits dort, bekleidet
mit Unterhose und Brille, die
Schultern hereingehängt und vor Kälte zitternd.
Das war der Herr Amtsschreiber Franz Xaver
Kügerl. Er sah uns nicht, damit wir ihn nicht
sehen sollten, aber der Schlumpf Martin, fett
und unzart, schlug ihm mit der Hand auf die
eckigen Schulterblätter und rasselte dröhnend:
„Serwaß, kurzaugerte Schreiberkrax’n!“ Alle
lachten indiskret und auf einen Augenblick
befreit.
Der magere Xaver aber schaute suchend in einen
Winkel, als wollte er sich dort verkriechen.
„Di, waun a Kosak siacht, der kehrt glei’ wieder
um“, lachte der Martin und alles gröhlte mit.
„Ruhe!“, kommandierte der Soldat an der Türe
zum Kommissionslokal. Alles verstummte
plötzlich; militärische Ahnungen legten sich
beklemmend auf sämtliche Herzen. Nur der
Martin sagte, während er sich auszog:
„Tua d’r nix an nöt.“
Heute war er mit allen per Du.
Der „vafluachte Pölli“ verblieb ohne Gebrechen.
Befreit stürzte er von der Kommission in’s
Schanklokal „grad allewei’ saufen“, wie sein
Hauskreuz richtig geahnt hatte.
Der Xaver Kügerl brachte etliche Papiere zum
Vorschein, die er nervös ordnete. „Was hast denn
da?“ fragte ihn der Martin.
„Zeugnisser.“
Die beiden kamen nacheinander dran. Der
Regimentsarzt sah die „Schreiberkrax’n“ an,
warf einen höchst nebensächlichen Blick auf die
„Zeugnisser“ und sagte: „Tauglich!“
Hierauf musterte er die Formen des Schlumpf
Martin, der breit grinsend vor ihm stand, so daß
seine roten, fettglänzenden Wangen zu beiden
Seiten des Mundes herniederhingen. Auch sonst
hing alles an dem Martin. Er hatte die Linien
apollinischer Schönheit verdammt weit überschritten. „Zu viel Speck! Marsch!“ sagte der
Regimentsarzt.
Dem Martin blieb der Mund offen stehen, seine
Äuglein wurden kugelrund.
„Abfahren!“
Staunend verließ der Schlumpf Martin das
Lokal.
„Jetzt, dös wann mir aner g’sagt hätt’ ….“
Zum zerknirschten Schreiber-Xaver aber, der
sich eben traurig anzog, sagte er voll Mitleid:
„Arme Kletz’n! I war gern für di g’gangen. Aber
sixt es: Der Speck is halt allemal schwarer wia
dö Papierln.“
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Vielleicht der
Schauplatz dieser
Geschichte ...,
Sammlung
Kubinzky.
Über den Befund, den der Regimentsarzt ihm
stellte, schweigt Ertler geflissentlich. Wegen seiner
schwachen Konstitution, seiner angeschlagenen
Gesundheit – im Frühling 1913 hatte er sich in
Wien einer riskanten Nierenoperation unterzogen
– musste er nicht an die Front, verbrachte die
gesamte Kriegszeit im Hinterland. Er nutzte die
Zeit, so gut es ging: Im zweiten Kriegsjahr gelang
es ihm, sein Studium der Germanistik abzuschließen, mit einer Dissertation über die Gestalt des
Riesen in Volksmärchen, Sage und mittelalterlichem Epos. Zusammen mit Ernst Décsey, damals in
Graz eine Zelebrität, schrieb er eine Komödie und
Hundemusterung
In das Hundeleben dieser Tage kam eine ungeheure Bewegung. Der Waldmann vom Herrn
Oberförster wußte es natürlich wieder am besten.
„Es geht in den Krieg“, erklärte er und hob die
Schnauze.
„Uj je!“ winselte ein Hundegreis, dem vor
einigen Jahren ein Wilderer das rechte Hinterbein abgeschossen hatte, „wenn sie so was
vorhaben, das ist nicht gut.“
Der Tyras vom Schimmelwirt schlich wortlos
davon. Wenn „sie“ was vorhatten, so war es am
besten, auf ein paar Tage in die Wälder zu
gehen. Das war so eine Lebensweisheit, die er
veröffentlichte daneben allerhand Prosa, in
Roseggers „Heimgarten“ und anderen Blättern.
Vermutlich noch während des Krieges dürfte auch
die kleine Geschichte „Hundemusterung“ entstanden sein, die im Folgenden auszugsweise wiedergegeben wird. Sie ist lediglich durch ein undatiertes
Typoskript in Ertlers Nachlass überliefert; eine
Veröffentlichung lässt sich nicht nachweisen,
weder damals noch später. Mag der Titel der
Geschichte auf den ersten Blick auch absurd
anmuten, so hat sie doch einen realen Hintergrund
in den Hundestaffeln, die während des Ersten
Weltkrieges eingesetzt wurden.
Tyras mit vielen Erfahrungen erkauft hatte. Er
war also unauffindbar.
Am Morgen war der allgemeine Aufbruch. Viele
gingen gedankenlos mit, einige erst gegen
Versprechungen und Lockungen, andere mußten
gestoßen und geprügelt werden – nur der Sultl
vom Lindenhof ging nicht. Er knurrte die
Bäuerin grimmig an, als sie nach ihm griff, auch
die Dirn, ja selbst die Schwiegermutter; er
bleckte die Zähne und biß um sich und als ihn
schließlich ein fester Griff am Halsband erwischte, da stemmte der Sultl alle Viere ein und
ließ sich so über den ganzen Hof schleifen,
indem er vor Wut und Schmerz in ein gottsjämmerliches Geheul ausbrach. Da ließen sie von
ihm ab.
3/14 steirische berichte
53
wissenschaft.
kunst.
kultur.
Der Grazer Südbahnhof zur Zeit
des Ersten Weltkriegs,
Bild- und Tonarchiv
des Joanneum.
„Feiges Luder!“ schimpfte noch die Dirn.
Das sagte sie ihm, dem treuen Sultl, der sich
geschworen hatte, den Hof mit Leib und Leben
zu bewachen und zu verteidigen, bis sein Herrl
aus dem Krieg heimkäme. Was wußte so ein
Weibsbild von mannhafter Hundepflicht!
Der Sultl blieb. Mit blutenden Pfoten, halb
erwürgt, verachtet und beschimpft, aber ehrlich
und treu. Wollten sie ihn da wegbringen, so
mußte der Bauer ihn selbst holen. Den anderen
glaubte er nichts.
Die übrige Hundeschaft aber befand sich indes
schon früh auf Reise. Meist in Begleitung einer
Haustochter oder Dirn strömten von allen Seiten
die Schicksalsgenossen herbei und es wurde da
manche alte Bekanntschaft erneuert. Lustige
Brüder waren da, die, unbekümmert um den
Ernst der Lage, darauf aus waren, dem Leben
noch schnell ein Schäferstündchen abzujagen
und zu diesem Zweck nach schmucken Hündin­
nen ausschauten. Auch der Cäsar vom Weg­
bauer befand sich im Zuge. Er hatte einen
Wolfsschädel und einen „Lampelschweif“ und
in seiner Seele gingen Wolf und Lamm einträch­
tig nebeneinander. Er war dick, dachte an keine
Feindschaft, sondern nur ans Fressen. Aber der
russische Kriegsgefangene Piotr Pawlowitsch
Schtschegin, der auf dem Hof arbeitete, hatte
dem Cäsar seine graugrüne Tellermütze keck
aufs rechte Ohr gebunden, damit er doch ein
bißchen kühner aussehe. So zottelte der fried­
liche Cäsar mit kriegerischem Namen und
feldmäßiger Kopf bedeckung seinem Geschick
entgegen.
Der Wotan vom Fleischhauer bemerkte
plötzlich seinen Erzfeind, den Mylord vom
Kreuzwirtshaus. Aufgeblasen kam er daher
mit einem Strauß roter Rosen im Halsband.
Die Feindschaft der beiden schrieb sich von
54
steirische berichte 3/14
einem in Friedenszeiten gemeinsam geraubten
Kuttelfleck her, bei dessen Teilung der Mylord
sich hundsgemein benommen hatte. Es war
schon des öfteren zu Tätlichkeiten zwischen den
beiden gekommen. So auch heute. Sehen,
Knurren und Raufen, im dichten Knäuel über
die Straße rollen – das war eins. Schreiend, mit
geschwungenem Regenschirm suchten die
Weiber den Zwist beizulegen. Auch der Wald­
mann mit noch ein paar besonnenen Elementen
griff in die Kampfhandlung ein, wodurch diese
zwar nicht aufhörte, aber immer größeren
Umfang annahm und alle Neutralen zu scharfen
Maßregeln und entschiedenem Eingreifen
veranlaßte.
Schon kollerten mehrere verbissene Paare
balgend auf der Straße und in kürzester Zeit
war die ganze zu einender Kulturtätigkeit
bestimmte Hundeschaft nur noch eine wogende,
jaulende Masse wütender Beißer. Selbst der
friedliche, dicke Cäsar wurde gegen alles
Hunderecht plötzlich von hinten in den
Lamplschweif gezwickt und solcherart rücklings
in den Kampf gerissen. Wer weiß, was gesche­
hen wäre, hätte nicht ein von Gott des Weges
gesandter Fuhrmann mit Stiefeltritten und
Peitschenhieben das Gleichgewicht wieder­
hergestellt.
„Ös Sakra!“ schimpfte er, „ös damischen! Jetzt
hat si’s ausgraft! Wann Kriag is’, da gibt’s ka
Feindschaft im Landl!“
Wie? Was? Keine Feindschaft? Keine Parteien
mehr? So was konnten Menschen glauben; kein
Hund kümmerte sich darum.
Der Dank des Autors und der Redaktion gilt
der Steiermärkischen Landesbibliothek für
die Abdruckerlaubnis der Texte.
Lyrische Grenzgänge
Der Poet Ruud van Weerdenburg entführt mit seinen feinsinnigen, in einer bildhaft ziselierten Sprache
gekleideten Betrachtungen zu Grenzgängen – er erweist sich dabei als aufmerksamer Beobachter an den
Demarkationslinien zwischen innerem Empfinden und gemeinhin im Außen wahrgenommener
Wirklichkeit, zwischen Kleinem und Großem, zwischen Mensch und Natur. Die hierbei erwanderten Grenzgebiete sind jedoch keineswegs von trennenden Klüften zwischen Gegensätzlichem
oder Unvereinbarem geprägt, sondern kraftstrotzende Orte der Begegnung und der Beziehung.
Jedes scheinbar nebensächliche Ereignis, das wir gewahren, vermag uns so neue Sichtweisen zu
eröffnen, wie beispielhaft am Gedicht „Höchstgrenze“ veranschaulicht: „Richtig gezielt – ich
habe die Spinne nicht entlang der Decke/gehen sehen, trotz ihrer acht Beine/Aber sie landete
vorzüglich auf dem Polster/im frisch gemachten Bett/so wie Du manchmal in deinem eigenen
Leben.“
Joachim Gruber
gelesen.
gehört.
gesehen.
Ruud van Weerdenburg
Entlang dem Nacken gleitet der Mond
Gedichte
Wien: Löcker, 2012, ISBN: 978-3-85409-641-2
Preis: B 19,80
Salzburger Trachten
Dem steirischen Vorbild „Froschgoscherl und Kittlblech“ (Graz 2010) folgend, hat nun auch das Salzburger Heimatwerk mit dem gebundenen Werk „Salzburger Trachten“ seiner regionalen Trachtenlandschaft
und dessen Besonderheiten Rechnung getragen. Die darin – grafisch sehr im Detail – herausgearbeiteten, ebenfalls gebietsmäßig zugeordneten Frauen- und Herrentrachten sind das
Ergebnis einer jüngst angelegten, landesweiten Recherche mit entsprechender Auslese an
gegenwärtig Verankertem. Interessant sind die unterschiedlichen, landesspezifischen
Ausprägungen. Während die Steiermark – neben der Vielzahl an Frauentrachten – auch eine
durchaus nennenswerte Anzahl an Herrentrachten aufzählen kann, liegt der Schwerpunkt
im Salzburgerland bei den Dirndlvarianten und Festtrachten. Spannend ist auch die begriffliche und damit inhaltliche Differenzierung zwischen „Dirndl“ und „Festtracht“. Knapp 100
Dirndl- bzw. Festtrachtvarianten werden im Salzburger Trachtenbuch aufgelistet und mit
historischen Hintergrundbildern aus der Region illustriert.
Evelyn Kometter
Hans Köhl (Hg.)
Salzburger Trachten
Verlag Salzburger Heimatwerk eG, Salzburg 2014, 112 Seiten, ISBN: 978-3-200-03527-0
Preis: B 29,90
Gewinnspiel
Zu gewinnen sind diesmal drei Bücher
„Rosegger Reloaded“ (ISBN 978-3-902901-30-9).
Auf welcher Seite dieses Heftes ist das Bild der Roseggerrunde im „Krug“ zu finden?
Bitte schicken Sie uns Ihre Antwort bis Ende November 2014 per Post, Fax oder E-Mail an:
Steirisches Volksbildungswerk, 8010 Graz, Herdergasse 3, Fax 0 31 6 / 32 10 20-4, office@volksbildung.at
Verlost werden drei Bücher „Unsere Zeit“ von Erhard Busek und Anton Pelinka. Preise können nicht übertragen oder in bar abgelöst werden. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Ihre eingereichten Angaben werden ver­traulich behandelt und ohne Ihre ausdrück­liche Zustimmung nicht an Dritte weiter­
gegeben. Mit der Teilnahme am Wettbewerb stimmen Sie zu, dass Ihr Name im Rahmen des Gewinnspiels der steirischen berichte ver­öffentlicht wird.
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P.b.b. GZ 02Z031500 M
steirische berichte 3/2014
Steirisches Volksbildungswerk
8010 Graz, Herdergasse 3
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80 Jahre …
… und noch immer jung!
Steirisches Heimatwerk / Volkskultur Steiermark GmbH, Sporgasse 23, 8010 Graz
Tel. 0 316 / 82 71 06, Fax DW 6, service@heimatwerk.steiermark.at, www.heimatwerk.steiermark.at
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Seele and Geist
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