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Je größer der musikalische Anspruch eines Chores, desto höher der

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Je größer der musikalische Anspruch eines Chores, desto höher
der organisatorische Aufwand. Aber was genau macht eigentlich
ein Chormanager? Kann man das lernen? Und wenn ja – wo?
Alleskönner
gesucht
13 Chor zei t~ M ÄRZ 201 5
Nicht den Überblick verlieren:
Maria Lehmann und Annemarie Stadler
grübeln über Chor@Berlin-Ablaufplänen
Foto: Louise Borinski
Von Daniel Schalz
­W
äre es nicht traumhaft, wenn man sich als Chorleiterin
oder Chorleiter ganz und gar auf die musikalische Arbeit konzentrieren könnte? Die Realität sieht anders
aus: «Konzertprogramme müssen geplant, Noten bestellt, Räume gemietet und eingerichtet werden, Gelder
beschafft, Plakate gedruckt, Tickets verkauft werden, und auch die Sänger
selbst bringen einen gewissen Verwaltungsaufwand mit sich», heißt es in
der «Schott Master Class Chorleitung – vom Konzept zum Konzert» (Schott
2011). Und der Autor konstatiert: «Auch ich verbringe die Hälfte meiner
Zeit mit Organisation und Planung, viele Stunden jeden Tag (…).»
Wohlgemerkt ist der Verfasser des Buches nicht der Chorleiter eines
Laienensembles, sondern Simon Halsey, Chefdirigent des Rundfunkchores
Berlin – eines professionellen Spitzenensembles. Selbst für diesen gehören
organisatorische Aufgaben selbstverständlich dazu, auch wenn er Fachkräfte für Tourneeplanung, Öffentlichkeitsarbeit oder Veranstaltungsorganisation an seiner Seite hat.
Je ambitionierter ein Ensemble ist, desto umfangreicher sind die organisatorischen Aufgaben, weshalb als ChormanagerIn offenbar die viel zitierte eierlegende Wollmilchsau gefragt ist. Diesen Eindruck unterstreicht
etwa Cornelia Bend, Chormanagerin des SWR Vokalensembles, wenn sie
nur einige ihrer wichtigsten Aufgaben auflistet: «Personal-, Etat- und
Programmverantwortung, Vergabe von Kompositions- Ähnlich erfolgreich habe er aber auch schon eine Stiftung,
aufträgen, Akquise, Veranstalterkontakte, Vertragsgestal- ein Festival, einen internationalen Wettbewerb und ein
tung, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Koordination von Barockorchester geleitet. «Und es spricht ja auch überHörfunk-, CD - und Fernsehproduktionen, Stärkung des haupt nichts gegen Quereinsteiger», so Heß, «wenn sich
Stellenwertes der Vokalmusik durch Vernetzung mit Ver- durch ihre Arbeit Erfolg einstellt».
Tatsächlich haben sich viele der professionell (und
bänden, Patenchorprojekte, Musikvermittlung für alle Altersgruppen …» Eine solches Pensum lässt sich nicht ohne erfolgreich) arbeitenden Chormanagerinnen und ChorAbstriche bewältigen: «Man muss damit umgehen lernen, manager in Deutschland ihre Kenntnisse weniger im Studie eigenen Ziele nie ganz zu erreichen», sagt Bend, «und dium als vielmehr in der Praxis erarbeitet. So hat Oliver
die Wünsche des Ensembles nie ganz erfüllen zu können.» Geisler, Manager des Dresdner Kreuzchors, einen Doktortitel in Literatur, Susanne Eckel vom Deutschen JugendDIE PROFIS HABEN SICH DAS MEISTE
kammerchor hat Schulmusik studiert. Christof Hartmann
IN DER PR AXIS ANGEEIGNET
von den Regensburger Domspatzen ist WirtschaftswisDies gilt erst recht für Laienensembles, ruht bei diesen senschaftler – hat aber bereits während des Studiums eine
doch die gesamte organisatorische Last in der Regel auf Konzertagentur aufgebaut und zusammen mit seinem
wenigen Schultern – im Extremfall auf denen des Chor- Bruder Ludwig Hartmann und Stephan Schmid in Releiters. Doch der ist häufig mit seiner schier endlosen gensburg die «Tage Alter Musik» gegründet. Nach seinem
To-do-Liste überfordert – zeitlich sowieso, aber auch fach- Examen zum Diplom-Kaufmann arbeitete er zunächst als
lich, fehlen doch gerade im Laienbereich entsprechende Geschäftsführer an der Fachakademie (heute HochschuFortbildungsmöglichkeiten (siehe das Interview ab S. 16 ). le) für katholische Kirchenmusik und Musikerziehung
Auch an der Spitze sieht es in puncto Ausbildung nicht Regensburg, bevor er 1998 Manager der Domspatzen
besser aus: Zwar gibt es mittlerweile eine ganze Reihe wurde, bei denen er selbst als Kind gesungen hatte. «Sehr
grundständiger Studiengänge «Kulturmanagement». Nur viele Impulse für meine Arbeit erhielt ich durch ‹Learning
in seltensten Fällen allerdings spielt dabei das Thema Chor by Doing› seit meiner Schülerzeit», erzählt Hartmann.
eine Rolle. Das liegt zum einen daran, dass es in Deutsch- «Schon damals habe ich für Konzertdirektionen bei Verland nur rund zwei Dutzend Chöre und Vokalensembles anstaltungen mitgeholfen – vom Kartenverkauf und dem
gibt, die ihr Management mit festen Mitarbeitern beset- Plakataushang über die Organisation der Garderobe bis
zen können, und auch diese haben oft keine Vollzeit-Stel- zur Einlasskontrolle.»
len. Es gäbe also kaum Jobs für Absolventen.
Viele der Chormanager haben zudem ein künstleriZudem ist jede Chormanagerin und jeder Chormana- sches Studium hinter sich. Jürgen Wagner zum Beispiel,
ger – egal ob Profi oder engagierter Laie – zunächst einmal seit 2008 für die Betreuung des Chorwerk Ruhr verantKulturmanager im viel weiteren Sinn. «Chormanagement wortlich, hat Gesang studiert. Cornelia Bend vom SWR
ist lediglich eine kleine Facette eines Berufsbildes, das Vokalensembles studierte Oboe, parallel dazu Musikwisviel komplexer ist», sagt Bernhard Heß, Chormanager des senschaften, Geschichte und Philosophie. Schließlich
RIAS Kammerchores in Berlin. «Es ist eigentlich unerheb- belegte sie außerdem Kurse in Kulturmanagement an der
lich, ob man ein OrchesPH Ludwigsburg. «Meiter, einen Chor oder eine
ner Erfahrung nach ist
Kunst und Technik müssen gerade die OrganisatorInnen
im Hintergrund immer wieder zusammenbringen
Volkstanzgruppe betreut,
aber ein Kulturmanageda die Anforderungen
mentstudium ohne weidie gleichen sind: Martere Vertiefungsfächer
keting, PR , Fundraising
und eigene Ensemble­
erfahrung meist nicht
und so weiter.» Er selbst
umfangreich genug für
sehe sich nicht als Chordie vielfältigen Managemanager, sagt Heß, sonmentaufgaben», sagt sie.
dern als Kulturmanager,
Ähnlich sieht es
der mit einem gewissen
Hans-Hermann RehExpertenwissen, reichberg, seit 1990 Direktor
lich Berufserfahrung
und einem guten Netzdes Rundfunkchors Berwerk momentan eben
lin: «Management kann
für einen Chor arbeite.
man, glaube ich, nicht
lernen.» Nachdem er an der Hochschule
tung den sieben Module umfassenden
für Musik in Leipzig Gesang studiert
Lehrgang «Vereinsmanagement in der
hatte, sang er dort fünf Jahre an
Chorpraxis» an. Wer aber etwa bei
der Musikalischen Komödie
der Bundesakademie für Kultuund dann neun Jahre im
relle Bildung in WolfenbütRundfunkchor Berlin – und
tel nach dem Thema fragt,
bildete sich im Managemwird auf allgemeine Kurse
entbereich durch Hospizum Kulturmanagement
tationen an den Musikverwiesen – spezielle Anhochschulen in Berlin
gebote für Chormanageund Hamburg weiter.
ment gibt es nicht.
So wie Rehberg hat
Ein paar Spitzenendie überwiegende Zahl
sembles ergreifen angeder Chormanagerinnen
sichts der spärlichen Angeund Chormanager früher
bote selbst die Initiative: So
selbst gesungen oder tut dies
bietet etwa der WDR Rundaktuell noch. «Das ist eine gefunkchor regelmäßige Praktika
radezu notwendige Voraussetim eigenen Management an. Und
zung für den Job», sagt Buchautorin
im Internat des Windsbacher KnabenAlexandra Jachim («Erfolgreiches Chorchores absolvieren bereits die Schüler
Voller Einsatz: Wer für Chöre
management»). «Man muss wissen, wie
der gymnasialen Oberstufe sogenannarbeitet, darf sich für nichts
ein Chor tickt.» Im semiprofessionellen
te
«P-Seminare» im Chormanagement.
zu schade sein
und Laienbereich, und dieser macht ja anAuch die Chorjugend im Deutschen
nähernd 99 Prozent der Chorlandschaft aus, ergibt sich Chorverband versucht seit vergangenem Jahr, mit der
diese Grundvoraussetzung fast immer von selbst. Zum Weiterbildung Chormanagement Abhilfe zu schaffen
Beispiel beim Jazzchor Freiburg: Dort kümmert sich Altis- (siehe dazu den Artikel ab S. 19 ).
tin Nina Ruckhaber seit 2012 um alles Organisatorische.
Den meisten Chor-OrganisatorInnen im Lande aber
Auch sie singt nicht nur von Kindesbeinen an in Chören, bleibt nichts anderes, als durch die und in der Praxis
sondern hat sich bereits früh für das Drumherum interes- zu lernen – und etwaige Wissenslücken mit maximaler
siert: «Schon im Schulchor habe ich die Anwesenheitsliste Leidenschaft auszugleichen. Denn schließlich kann die
für die Proben geführt», erinnert sie sich. «In der Oberstu- Arbeit auch sehr erfüllend sein, wenn sie Früchte trägt.
fe war ich in die Konzertorganisation eingebunden. Und «Mein ehrenamtlicher Einsatz für den SonntagsChor
an der Uni war ich zwei Jahre als Assistentin des Universi- Rheinland-Pfalz macht viel Spaß», erzählt Werner Mattätsmusikdirektors auch für den Unichor organisatorisch tern, der als Ingenieur mehrere Jahrzehnte lang weltweit
Chemieanlagen geplant hat. Jetzt organisiert er bis zu
mit zuständig.»
zwölf Konzerte des Chores im Jahr: «Dabei arbeite ich
FÜR DEN LAIENBEREICH GIBT ES NUR
mit interessanten Partnern zusammen wie dem ZDF , dem
WENIGE FORTBILDUNGSANGEBOTE
SWR , Lotto oder den Chorverbänden – das macht mein
Weiteres Knowhow hat sich Ruckhaber, die Musikpä­ Leben bunt!»
Der Preis dafür ist ein hoher persönlicher Aufwand an
dagogik in Koblenz studiert hat, unter anderem in einer
Weiterbildung zur Chormanagerin bei der Konrad-Ade- Energie und Zeit: «Beim Jazzchor Freiburg werde ich für
nauer-Stiftung in Bonn erarbeitet und durch Kurse in eine halbe Stelle bezahlt», sagt Nina Ruckhaber, «aber in
Musikmanagement und Musikrecht an der Musikhoch- der Realität investiere ich zusätzlich viel ehrenamtliche
schule Freiburg sowie weiterführende Seminare bei di- Zeit.» Das gilt genauso für die Profis: «Häufig hat meiversen Musikverbänden. Damit hat sie allerdings schon ne Arbeitswoche 50 bis 60 Stunden», berichtet Cornelia
einen großen Teil der Weiterbildungsmöglichkeiten aus- Bend vom SWR Vokalensemble. «Ich kann nicht zählen,
geschöpft, die überhaupt angeboten werden. Zwar gibt es wie viele Stunden ich in der Woche arbeite», sagt auch
einige wenige Seminare der größeren regionalen Chorver- Hans Rehberg vom Rundfunkchor Berlin – und schiebt im
bände, die meist einen Schwerpunkt auf vereinsrechtliche selben Atemzug seine persönliche Begründung hinterher:
Aspekte legen. So bietet zum Beispiel der Chorverband «It’s a way of life!»
NRW in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-StifDer Autor ist Redakteur der Chorzeit.
15 Chor zei t~ M Ä RZ 2 015
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Fotos: Louise Borinski
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C h or ze i t~ M Ä R Z 2015 Titel
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